Freitag, 22. Dezember 2006
T1.1.31
cymep, 07:17h
[... Fortsetzung des Buches]
Lörrach-Stetten, Deutschland - 23. September 1996
Gleich nach der letzten Vorlesung hatte sich CSM 108-1 in seinen Wagen gesetzt und war in Richtung schweizerische Grenze gefahren. Er plante einen illegalen Grenzübertritt, um die Zollkontrollen zu umgehen und jeden Hinweis auf diesen Aufenthalt von ihm in Basel zu vermeiden. Wenn man wusste, wie man es anstellen musste, war das kein größeres Problem.
Von Basel aus führen mehrere Bahnlinien nach Deutschland. Dazu ist zu sagen, dass es in dieser Grenzstadt eine einmalige Konstellation gibt, nämlich einen schweizerischen Bundesbahnhof, an den direkt der französische Bahnhof SNCF gekoppelt ist, das heißt, man kann von einem Bahnhof in den anderen hinüberlaufen und befindet sich auf französischem Staatsgebiet. Fünf Kilometer nördlich dieser bilateralen Doppelstation auf der anderen Rheinseite gibt es zudem noch den Badischen Bahnhof, der wiederum zu deutschem Hoheitsgebiet zählt und der von der Stadt aus nur durch eine Zollkontrolle zu betreten ist. Von Deutschland kommend, kann man hier allerdings innerhalb des Bahnhofs umsteigen auf andere Linien, die ihrerseits wieder nach Deutschland zurückführen, und ist so streng genommen durch ein Stückchen der Schweiz gefahren, ohne jemals schweizerischen Boden betreten zu haben.
Eine der Linien verlief in Richtung Nordosten, zuerst durch die direkt an Basel angrenzende Kreisstadt Lörrach, dann weiter nach Schopfheim, und endete in Zell im Wiesental, das bereits zum Südschwarzwald zu zählen war. Und an dieser Linie existierte auch eines der Schlupflöcher, das CSM 108-1 nun zu benutzen gedachte. Zwischen Lörrach und Basel gab es noch zwei weitere Haltestellen, Lörrach-Stetten auf deutschem Boden und, kurz hinter der Grenze, die einzige schweizerische Stadt ohne SBB-Anschluss, nämlich Riehen. Vorgenannter Fakt deshalb, weil Riehen, zu Basel-Stadt gehörend, eben sowohl einen Bahnhof der Deutschen Bahn als auch eine etwa parallel verlaufende Straßenbahnlinie besaß, die durch die gesamte Stadt bis direkt zur Grenze nach Lörrach-Stetten verlief.
Mochte der Badische Bahnhof in Basel auch eine Zollabfertigung besitzen, für Riehen traf das keineswegs zu. Früher hielten nicht alle Züge dort und in den Fahrplänen der Linie war vermerkt worden, dass man in Richtung Lörrach nicht einsteigen sowie in Richtung Basel nicht aussteigen durfte, aber mit den Jahren und der allgemeinen Lockerung der Grenzen war hier der Schlendrian eingekehrt. Das Kontrollhäuschen auf dem Bahnsteig war seit Jahren immer unbesetzt und nur ganz selten fuhren zwei Bundesgrenzschutzbeamte auf der Linie bis Lörrach im Zug mit, um Ausweiskontrollen durchzuführen. Da aus der Schweiz ohnehin niemand hier einstieg und nur Berufspendler aus Deutschland den Haltepunkt überhaupt benutzten, drückte man auf beiden Seiten der Grenze kräftig ein Auge zu.
An dieser Stelle stand die Grenze zur ach so selbstschutzbewussten ‚Confoederatio Helvetica’ sperrangelweit offen.
Und CSM 108-1 war der Letzte, der sich darüber beschweren würde.
Er hörte gemütlich Technomusik von einem Sampler namens ‚Dream Dance Vol. 4’ aus dem CD-Wechsler, den er installiert hatte, kaum dass das erste Gerät auf dem Markt gewesen war, während er die A 5 bis Weil am Rhein hinabfuhr, die A 98 nach Lörrach nahm und dann auf der Bundesstraße 317 Lörrach-Stetten den beschaulichen Vorort an der Grenze erreichte. Am Bahnhof stellte er sein Automobil ab, löste einen Fahrausweis am Automaten, der bis Basel und wieder zurück galt, und wartete dann auf den nächsten Nahverkehrszug, der kurz nach der vollen Stunde eintraf.
Er machte sich gar nicht erst die Mühe, einen Sitzplatz im Abteil zu suchen, da die reine Fahrzeit nicht einmal drei Minuten betrug. In Riehen stieg er aus und spazierte seelenruhig durch die Unterführung und durch die dörflich wirkende Altstadt des Ortes bis zur Straßenbahn, die hier in der Schweiz Tram heißt. Kaum hatte er – mit deutschen Münzen, ein Service der Basler Verkehrs-Betriebe – einen Fahrausweis gezogen, da kam schon die für Basel typische eckige und laubfroschgrüne Bahn mit der Liniennummer 6 angefahren. Fünfzehn Minuten später stieg er am Claraplatz aus und befand sich inmitten der Stadt.
Ein Kinderspiel.
Er schlenderte in die dortige Filiale der in der Schweiz allgegenwärtigen Genossenschaftseinkaufskette Migros, an diesem Platz in Form eines vierstöckigen Einkaufszentrums vertreten, wo er gleich neben der alten, unter seinem Gewicht unheilverkündend knarzenden Rolltreppe im ersten Obergeschoss fündig wurde.
Er setzte sich in die Kabine des Passbildautomaten, drehte den Hocker darin auf die richtige Höhe und holte einen braunen Kajal hervor. Kurz über der linken Augenbraue malte er sich kunstvoll eine kleine, aber deutlich sichtbare Narbe diagonal auf die Stirn, etwa vier Zentimeter lang von der Braue zur Schläfe verlaufend. Dann malte er seine Augenbrauen etwas dicker aus, sodass er einen leicht grimmigen Ausdruck bekam, und klebte eine transparente rötliche Folie über das Blitzlicht, das ansonsten ungefiltert seine optischen Sensoren überlastet und irreparabel beschädigt hätte. Danach warf er schlussendlich die Münzen ein.
Er bemühte sich zu lächeln und vor allem nicht direkt in das Blitzlicht zu sehen. Als die Tortur vorüber war, nahm er seinen Rotfilter schnell wieder ab und wischte sich die dezenten kosmetischen Korrekturen mit einem befeuchteten Erfrischungstuch wieder aus dem Gesicht, bevor er die Kabine verließ. Seine vier Bilder, jeweils zwei mit dem gleichen Motiv, waren derweil von der Maschine ausgespuckt worden und wurden im Trocknungsfach gerade warm abgefönt.
Und nun sah er zufrieden das Ergebnis seiner akribischen Bemühungen. Genau das machte den großen Unterschied aus: Die schweizerischen Passbildautomaten fertigten beinahe alle noch Schwarzweißfotos an, während diese Dienstleistung in Deutschland seit kurzem nicht mehr zu finden war.
Selbstverständlich hätte er irgendwo in Freiburg oder in einem anderen Ort zum Fotografen gehen können, der ihm Schwarzweißaufnahmen hätte machen können. Doch andererseits verspürte er nicht das Verlangen, einem solchen die kleine Veränderungskosmetik erklären zu müssen, und außerdem wurzelte tief in seiner Basisprogrammierung noch immer das Bedürfnis, solche Schritte absolut spurlos durchzuführen. Das war hiermit geschehen.
Er besah sich die Aufnahme: sein großer Bruder. Jetzt würde er das Bild noch mit Sand und ein wenig mechanischer Bearbeitung auf alt trimmen sowie bis zu seinem Treffen mit Karin auf dem Balkon der Witterung aussetzen. Das müsste eigentlich genügen.
Somit war seine Aufgabe hier erfüllt. Gerade kam eine Tram der Linie 6 an, die er bestieg. Vier Stationen weiter passierte die Straßenbahn den Badischen Bahnhof. CSM 108-1 sah hinaus über die breite Straße auf das langgezogene Gebäude mit dem Turm in der Mitte. Mittlerweile war es dunkel geworden, die Zeiger der großen Turmuhr unterhalb des angedeuteten Zwiebeldaches waren mit gelben Neonlichtern beleuchtet.
Tja, dieses Nadelöhr des deutsch-schweizerischen Grenzübertrittes hatte er somit umgangen; niemand würde je nachweisen können, dass er heute hier gewesen war. Und der Donnerstag würde bald kommen. Er würde sich darauf vorbereiten, indem er noch Dutzende von einschlägigen Romanen aus dem Fach ‚rührselig, schicksalhaft und entfernt wahrscheinlich, aber latent glaubhaft’ aus dem Internet laden und nach brauchbarem Material für seine fiktive Lebensgeschichte sichten würde. Das Grundgerüst hatte Simon bereits erfahren, jetzt würde die Feinabstimmung vorgenommen.
Aus einem Impuls heraus nahm er die Herausforderung an, die sich ihm gerade gestellt hatte, als er in Gedanken noch einen anderen Weg über die Grenze gesucht hatte. Man sollte immer einen Ausweichplan haben, sagte er sich. Also blieb er in der Tram sitzen, bis diese an der letzten Station vor der Wendeschleife an der Grenze nach Lörrach hielt. Dort verließ er sie und ging nach links auf einem kleinen Spazierweg entlang eines ruhigen Rasenstückes, bis er ans Ufer eines kleinen Flüsschens kam, nicht größer als die Dreisam in Freiburg: die Wiese. Sie entsprang am Fuße des höchsten Berges des Schwarzwaldes, des Feldberges, und mündete nur wenige Kilometer westlich von hier bei Basel in den Rhein.
An seinem Ufer entlang folgte er dem Lauf des Flusses auf einem Radweg, sah ein paar wenige Jogger, Spaziergänger und Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner Gassi führten – keiner schlug bei CSM 108-1’s Anwesenheit an – und auch ein paar Radfahrer. Ein uraltes hölzernes und winzig-kleines Zollhäuschen am Wegesrand, das aus längst vergangener Zeit stammte und seit Ewigkeiten nicht mehr besetzt war, passierte er, ohne es eines zweiten Blickes zu würdigen. Einen Block weiter stieß er, nun auf deutschem Boden, auf die B 317, die hier einen Knick vom Fluss weg in Richtung Grenze Riehen machte.
Gut fünf Minuten später steckte er seinen Zündschlüssel ins Türschloss seines Wagens und dachte daran, dass er unbewusst und vielleicht gar ungewollte eine der Maximen Skynets erfüllt hatte: Man durfte jegliches menschliches Gesetz brechen, solange man nicht dabei erwischt wurde.
[Fortsetzung folgt ...]
Lörrach-Stetten, Deutschland - 23. September 1996
Gleich nach der letzten Vorlesung hatte sich CSM 108-1 in seinen Wagen gesetzt und war in Richtung schweizerische Grenze gefahren. Er plante einen illegalen Grenzübertritt, um die Zollkontrollen zu umgehen und jeden Hinweis auf diesen Aufenthalt von ihm in Basel zu vermeiden. Wenn man wusste, wie man es anstellen musste, war das kein größeres Problem.
Von Basel aus führen mehrere Bahnlinien nach Deutschland. Dazu ist zu sagen, dass es in dieser Grenzstadt eine einmalige Konstellation gibt, nämlich einen schweizerischen Bundesbahnhof, an den direkt der französische Bahnhof SNCF gekoppelt ist, das heißt, man kann von einem Bahnhof in den anderen hinüberlaufen und befindet sich auf französischem Staatsgebiet. Fünf Kilometer nördlich dieser bilateralen Doppelstation auf der anderen Rheinseite gibt es zudem noch den Badischen Bahnhof, der wiederum zu deutschem Hoheitsgebiet zählt und der von der Stadt aus nur durch eine Zollkontrolle zu betreten ist. Von Deutschland kommend, kann man hier allerdings innerhalb des Bahnhofs umsteigen auf andere Linien, die ihrerseits wieder nach Deutschland zurückführen, und ist so streng genommen durch ein Stückchen der Schweiz gefahren, ohne jemals schweizerischen Boden betreten zu haben.
Eine der Linien verlief in Richtung Nordosten, zuerst durch die direkt an Basel angrenzende Kreisstadt Lörrach, dann weiter nach Schopfheim, und endete in Zell im Wiesental, das bereits zum Südschwarzwald zu zählen war. Und an dieser Linie existierte auch eines der Schlupflöcher, das CSM 108-1 nun zu benutzen gedachte. Zwischen Lörrach und Basel gab es noch zwei weitere Haltestellen, Lörrach-Stetten auf deutschem Boden und, kurz hinter der Grenze, die einzige schweizerische Stadt ohne SBB-Anschluss, nämlich Riehen. Vorgenannter Fakt deshalb, weil Riehen, zu Basel-Stadt gehörend, eben sowohl einen Bahnhof der Deutschen Bahn als auch eine etwa parallel verlaufende Straßenbahnlinie besaß, die durch die gesamte Stadt bis direkt zur Grenze nach Lörrach-Stetten verlief.
Mochte der Badische Bahnhof in Basel auch eine Zollabfertigung besitzen, für Riehen traf das keineswegs zu. Früher hielten nicht alle Züge dort und in den Fahrplänen der Linie war vermerkt worden, dass man in Richtung Lörrach nicht einsteigen sowie in Richtung Basel nicht aussteigen durfte, aber mit den Jahren und der allgemeinen Lockerung der Grenzen war hier der Schlendrian eingekehrt. Das Kontrollhäuschen auf dem Bahnsteig war seit Jahren immer unbesetzt und nur ganz selten fuhren zwei Bundesgrenzschutzbeamte auf der Linie bis Lörrach im Zug mit, um Ausweiskontrollen durchzuführen. Da aus der Schweiz ohnehin niemand hier einstieg und nur Berufspendler aus Deutschland den Haltepunkt überhaupt benutzten, drückte man auf beiden Seiten der Grenze kräftig ein Auge zu.
An dieser Stelle stand die Grenze zur ach so selbstschutzbewussten ‚Confoederatio Helvetica’ sperrangelweit offen.
Und CSM 108-1 war der Letzte, der sich darüber beschweren würde.
Er hörte gemütlich Technomusik von einem Sampler namens ‚Dream Dance Vol. 4’ aus dem CD-Wechsler, den er installiert hatte, kaum dass das erste Gerät auf dem Markt gewesen war, während er die A 5 bis Weil am Rhein hinabfuhr, die A 98 nach Lörrach nahm und dann auf der Bundesstraße 317 Lörrach-Stetten den beschaulichen Vorort an der Grenze erreichte. Am Bahnhof stellte er sein Automobil ab, löste einen Fahrausweis am Automaten, der bis Basel und wieder zurück galt, und wartete dann auf den nächsten Nahverkehrszug, der kurz nach der vollen Stunde eintraf.
Er machte sich gar nicht erst die Mühe, einen Sitzplatz im Abteil zu suchen, da die reine Fahrzeit nicht einmal drei Minuten betrug. In Riehen stieg er aus und spazierte seelenruhig durch die Unterführung und durch die dörflich wirkende Altstadt des Ortes bis zur Straßenbahn, die hier in der Schweiz Tram heißt. Kaum hatte er – mit deutschen Münzen, ein Service der Basler Verkehrs-Betriebe – einen Fahrausweis gezogen, da kam schon die für Basel typische eckige und laubfroschgrüne Bahn mit der Liniennummer 6 angefahren. Fünfzehn Minuten später stieg er am Claraplatz aus und befand sich inmitten der Stadt.
Ein Kinderspiel.
Er schlenderte in die dortige Filiale der in der Schweiz allgegenwärtigen Genossenschaftseinkaufskette Migros, an diesem Platz in Form eines vierstöckigen Einkaufszentrums vertreten, wo er gleich neben der alten, unter seinem Gewicht unheilverkündend knarzenden Rolltreppe im ersten Obergeschoss fündig wurde.
Er setzte sich in die Kabine des Passbildautomaten, drehte den Hocker darin auf die richtige Höhe und holte einen braunen Kajal hervor. Kurz über der linken Augenbraue malte er sich kunstvoll eine kleine, aber deutlich sichtbare Narbe diagonal auf die Stirn, etwa vier Zentimeter lang von der Braue zur Schläfe verlaufend. Dann malte er seine Augenbrauen etwas dicker aus, sodass er einen leicht grimmigen Ausdruck bekam, und klebte eine transparente rötliche Folie über das Blitzlicht, das ansonsten ungefiltert seine optischen Sensoren überlastet und irreparabel beschädigt hätte. Danach warf er schlussendlich die Münzen ein.
Er bemühte sich zu lächeln und vor allem nicht direkt in das Blitzlicht zu sehen. Als die Tortur vorüber war, nahm er seinen Rotfilter schnell wieder ab und wischte sich die dezenten kosmetischen Korrekturen mit einem befeuchteten Erfrischungstuch wieder aus dem Gesicht, bevor er die Kabine verließ. Seine vier Bilder, jeweils zwei mit dem gleichen Motiv, waren derweil von der Maschine ausgespuckt worden und wurden im Trocknungsfach gerade warm abgefönt.
Und nun sah er zufrieden das Ergebnis seiner akribischen Bemühungen. Genau das machte den großen Unterschied aus: Die schweizerischen Passbildautomaten fertigten beinahe alle noch Schwarzweißfotos an, während diese Dienstleistung in Deutschland seit kurzem nicht mehr zu finden war.
Selbstverständlich hätte er irgendwo in Freiburg oder in einem anderen Ort zum Fotografen gehen können, der ihm Schwarzweißaufnahmen hätte machen können. Doch andererseits verspürte er nicht das Verlangen, einem solchen die kleine Veränderungskosmetik erklären zu müssen, und außerdem wurzelte tief in seiner Basisprogrammierung noch immer das Bedürfnis, solche Schritte absolut spurlos durchzuführen. Das war hiermit geschehen.
Er besah sich die Aufnahme: sein großer Bruder. Jetzt würde er das Bild noch mit Sand und ein wenig mechanischer Bearbeitung auf alt trimmen sowie bis zu seinem Treffen mit Karin auf dem Balkon der Witterung aussetzen. Das müsste eigentlich genügen.
Somit war seine Aufgabe hier erfüllt. Gerade kam eine Tram der Linie 6 an, die er bestieg. Vier Stationen weiter passierte die Straßenbahn den Badischen Bahnhof. CSM 108-1 sah hinaus über die breite Straße auf das langgezogene Gebäude mit dem Turm in der Mitte. Mittlerweile war es dunkel geworden, die Zeiger der großen Turmuhr unterhalb des angedeuteten Zwiebeldaches waren mit gelben Neonlichtern beleuchtet.
Tja, dieses Nadelöhr des deutsch-schweizerischen Grenzübertrittes hatte er somit umgangen; niemand würde je nachweisen können, dass er heute hier gewesen war. Und der Donnerstag würde bald kommen. Er würde sich darauf vorbereiten, indem er noch Dutzende von einschlägigen Romanen aus dem Fach ‚rührselig, schicksalhaft und entfernt wahrscheinlich, aber latent glaubhaft’ aus dem Internet laden und nach brauchbarem Material für seine fiktive Lebensgeschichte sichten würde. Das Grundgerüst hatte Simon bereits erfahren, jetzt würde die Feinabstimmung vorgenommen.
Aus einem Impuls heraus nahm er die Herausforderung an, die sich ihm gerade gestellt hatte, als er in Gedanken noch einen anderen Weg über die Grenze gesucht hatte. Man sollte immer einen Ausweichplan haben, sagte er sich. Also blieb er in der Tram sitzen, bis diese an der letzten Station vor der Wendeschleife an der Grenze nach Lörrach hielt. Dort verließ er sie und ging nach links auf einem kleinen Spazierweg entlang eines ruhigen Rasenstückes, bis er ans Ufer eines kleinen Flüsschens kam, nicht größer als die Dreisam in Freiburg: die Wiese. Sie entsprang am Fuße des höchsten Berges des Schwarzwaldes, des Feldberges, und mündete nur wenige Kilometer westlich von hier bei Basel in den Rhein.
An seinem Ufer entlang folgte er dem Lauf des Flusses auf einem Radweg, sah ein paar wenige Jogger, Spaziergänger und Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner Gassi führten – keiner schlug bei CSM 108-1’s Anwesenheit an – und auch ein paar Radfahrer. Ein uraltes hölzernes und winzig-kleines Zollhäuschen am Wegesrand, das aus längst vergangener Zeit stammte und seit Ewigkeiten nicht mehr besetzt war, passierte er, ohne es eines zweiten Blickes zu würdigen. Einen Block weiter stieß er, nun auf deutschem Boden, auf die B 317, die hier einen Knick vom Fluss weg in Richtung Grenze Riehen machte.
Gut fünf Minuten später steckte er seinen Zündschlüssel ins Türschloss seines Wagens und dachte daran, dass er unbewusst und vielleicht gar ungewollte eine der Maximen Skynets erfüllt hatte: Man durfte jegliches menschliches Gesetz brechen, solange man nicht dabei erwischt wurde.
[Fortsetzung folgt ...]
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