Sonntag, 24. Dezember 2006
T1.35
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 30. September 1996

CSM 108-1 drückte an diesem kalten, nebligen Montagabend auf die Türglocke seiner neuen WG und wartete geduldig, bis jemand fragte: „Ja?“
Simon war das nicht; viel mehr konnte er aufgrund der schlechten Tonqualität der Gegensprechanlage nicht feststellen. „Hallo, ich bin der Neue. Ich wollte nur mal vorbeischauen, ob alles in Ordnung ist für morgen.“
„Heute schon? Soso. Na, dann komm mal rauf.“ Der Türöffner summte und ließ ihn ein.
Ab morgen würde er seinen eigenen Schlüssel haben und hoffentlich auch bald einen Abstellplatz für seinen Wagen. Er hoffte natürlich auf eine Garage, fragte sich jedoch einen Moment lang, ob er das Auto nicht wirklich abschaffen sollte, wie Simon vorgeschlagen hatte.
Bei der Fahrt im Lift sagte er sich, dass es sich für diesen kurzen Zeitraum einerseits nicht mehr lohnen würde, einen neuen Wagen zu besorgen. Andererseits war er für viele Operationen, die sich unvorhersehbar ergeben mochten, auf den schnellen Zugriff auf ein Automobil angewiesen. Er hatte ganz unbewusst die Wertevorstellungen der hier lebenden Gesellschaft angenommen, wie ihm jetzt aufging. In Amerika hatte er sich für eine einzige Fahrt von Kanada nach New York ein Auto gekauft und dieses dann nur einen Tag später einfach aufgegeben. Nun erschien ihm so etwas undenkbar.
Allerdings wäre es wirklich nicht schlecht, praktisch als kleinen Bonus für den Rest seines Aufenthaltes, nochmals das Auto zu wechseln. Die Technik hatte in vielerlei Hinsicht große Fortschritte gemacht, was auf ihn natürlich einen besonders großen Reiz ausübte. Außerdem war sein Wagen so gut gepflegt und erhalten, dass er für ihn einen guten Preis erzielen könnte, wenn er ihn in Zahlung geben würde. Ihm schwebte auch schon etwas vor, was er sich ansehen könnte.
Die Tür war wieder angelehnt, als er oben ankam, sodass er gleich eintrat. Simon kam gerade aus der Küche und begrüßte ihn förmlich mit Handschlag. „Hi, wie geht’s?“
„Danke, gut. Von dem seltsamen Abend neulich abgesehen. Jetzt freue ich mich erst mal darauf, bei euch einziehen zu können. Ist mein Zimmer freigeräumt?“ Beim Anblick von Simons Miene ahnte er die Antwort schon.
„Die alte Trödeltante ist noch beim Umräumen. Naja, so ist sie halt, alles auf den letzten Drücker erledigen ... komm, ich stell’ sie dir vor.“ Er öffnete die Tür des ersten Zimmers rechts und rief hinein: „Sieh mal, wer hier ist!“
Vor ihnen stand Karin mit einem Karton voller Martini- und Cocktailgläser im Arm. Im ersten Moment begriff sie überhaupt nicht, was das zu bedeuten hatte, während CSM 108-1 ebenfalls für einige Millisekunden aussetzte, im Versuch zu verarbeiten, welchen dummen Streich das Schicksal ihm jetzt wieder spielte. Sie kieckste erschrocken: „DUUU?!?“
Und ließ den Karton mit den Gläsern fallen.
Ohne es bewusst wahrzunehmen, schoss er mechanisch vor und fing den Karton mit einem ausgestreckten Arm auf, den er unter den Boden des Behältnisses stieß und ihn so wenige Dezimeter über dem Boden rettete.
Simon sprang verblüfft zurück. „Mann, war das eine Reaktion! Hast du ein Glück, Karin!“
„Ja, ich kann’s noch gar nicht fassen, was ich für ein Glück habe“, murmelte sie und entriss ihm den Karton förmlich. „Hallo.“
„Wieso ist mein Zimmer noch nicht freigeräumt?“, fragte er mit ausdruckslosem Gesicht.
„Danke, gut, und wie geht’s dir?“, gab sie zurück, seine Frage bewusst ignorierend und ihm gleichzeitig seinen Mangel an Höflichkeit vorführend. „Wenn ich gewusst hätte, dass du unser neuer Untermieter bist, hätte ich mein Veto eingelegt.“
„Das nur in deiner Phantasie existiert, da Simon derjenige ist, der den Mietvertrag unterzeichnet hat. Aber vielen Dank für deine ehrliche Absichtserklärung. Wenn ich gewusst hätte, dass du die zweite Mitbewohnerin bist, hätte ich das hintere Zimmer genommen und dich weiter neben dem Liftschacht wohnen lassen. So wie ich das sehe, bist du mir was schuldig.“
„Na klar, das aber nur in deiner Phantasie“, erwiderte sie gereizt und balancierte den Karton mit den Gläsern in ihren neuen Raum.
„Das soll also die ‚kühle Blonde’ sein, von der du erzählt hast?“, beschwerte sich CSM 108-1 bei Simon.
„Ich habe nur gesagt, der Typ einer kühlen Blonden“, verteidigte er sich verlegen.
„So siehst du mich? Na, danke! Und dazu schleppst du diesen Psycho an!“ Karin schien in größter Rage über diesen unerwarteten Verlauf der Dinge zu sein.
„Ihr scheint euch zu kennen“, bemerkte Simon mit ratloser Miene, nur um von sich abzulenken.
„Besser als mir lieb ist“, gab sie schnippisch im Herausgehen zurück. „Sein großer Bruder hat mich angefahren, als ich noch ein Kind war, und ich muss nun mit einem Dauer-déjà-vu herumlaufen, weil dieser Molch jetzt genauso aussieht wie er damals.“
„Na warte.“ CSM 108-1 packte das letzte verbliebene größere Möbelstück, eine breite Kommode aus massivem Holz, die sehr alt aussah, in der Mitte und trug sie langsam und bedächtig den Gang entlang hinab. Sie war gerade am Fenster beim Sortieren von Kleinkram und wandte ihm den Rücken zu, so dass sie ihn nicht kommen sah, als er das Möbelstück gegenüber ihrem Bett an die Seitenwand stellte.
„So, den anderen Krempel von dir schaffst du auch alleine. Ich hoffe schwer, du kriegst das heute Abend noch auf die Reihe. Bis morgen dann.“ Und mit diesen Worten verließ er ihr Zimmer und strebte der Ausgangstür zu.
Simon versuchte noch, ihn mit ein paar beschwichtigenden Worten zum Bleiben zu überreden. Er sagte ihm, für heute habe er genug und er freue sich schon darauf, mit ihm zusammen zu wohnen, dann war er fort. „Seine letzten Worte waren: „Außerdem hat mein Bruder sie nur fast angefahren ... der Trottel.“
Karin richtete sich in ihrem Zimmer auf und drehte sich um. „Was für ein Idiot. Wenn ich mir vorstelle, dass ich den jetzt jeden Tag ... he!“
Sie bemerkte erst jetzt die umgestellte Kommode. „Dieser Arsch; ich wollte sie an die andere Wand stellen. He, Simon, hilfst du mir mal?“
Sie versuchte bereits das fast zwei Meter lange Möbel zu bewegen, als ihr Kommilitone herbeigeeilt kam. „Moment, das haben wir gleich. So schwer kann das ja wohl nicht sein.“
„Machst du Witze?“ Verständnislos sah sie ihn an. „Komm, fass mit an. Du siehst übrigens ganz schön frisch aus nach diesem Kraftakt.“
„Welcher Kraftakt? Daniel hat das Ding ganz alleine getragen.“ Er packte an und versuchte, anzuheben.
„Erzähl keinen Mist. Zwei meiner Kollegen aus dem Fitnessstudio haben die Kommode kaum die Treppe hochgekriegt und waren hinterher fix und fertig. Und damals war sie leer, nicht wie jetzt vollgestopft bis obenhin.“ Sie mühte sich ab, bekam das massive Schrankmöbel aber nicht hoch.
„Die Treppe hoch und von einem Zimmer ins andere sind auch zwei verschiedene Paar Schuhe“, gab er zu bedenken und zerrte an der Kommode. „Das gibt’s doch nicht! Hat er sie mit Sekundenkleber am Boden festgeleimt? Die lässt sich kein Stückchen bewegen. Wir müssen sie schieben.“
„Übers Parkett? Du spinnst wohl! Das kann doch nicht sein ...“ Sie riss noch eine Weile an der Kommode und gab dann auf.
„Daniel muss fast geplatzt sein vor Adrenalin, dass er dieses Teil alleine anheben konnte.“
Sie betrachtete das Möbelstück nachdenklich. „Du meinst, vor Testosteron.“
„Dann hast du ja erreicht, was du wolltest. Männer verrückt machen und zum Ausrasten bringen ...“
Sie musterte ihn ungnädig von Kopf bis Fuß: „Du kannst mich gern haben, okay? Aber sieh mal, so schlecht steht sie da gar nicht.“
Er drückte und stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, bis seine Füße den Halt verloren und laut quietschend über den Boden schrammten. Sie fuhr ihn darauf an: „Hör’ auf, Mann, du bringst unsere Wohnung noch in einen renovierungsbedürftigen Zustand. Wie hat er das nur angestellt? Das Ding wiegt doch mindestens hundert Kilo. Das ist ein echtes Rätsel.“

[Fortsetzung folgt ...]

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