Sonntag, 31. Dezember 2006
T1.42
cymep, 05:58h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland -16. Dezember 1996
„Und es ist gar nichts passiert?“
Natasha saß Karin gegenüber auf einer der Sitzgruppen im Eingangsbereich der Unibibliothek und starrte sie mit großen Augen an. Karin war es nun fast schon wieder unangenehm und sie bereute es beinahe, von diesem Thema angefangen und ihr die Ereignisse des letzten Abends geschildert zu haben. Aber mit irgendjemandem hatte sie sich einfach austauschen müssen.
„Nein, wir sind nur noch beieinander gesessen und haben die Gelegenheit verstreichen lassen. Ich glaube jedenfalls, dass es für ihn in dieser Situation sehr wichtig war, dass ich ihn nicht gedrängt habe.“
„Dass du ihn nicht gedrängt hast? Also hör ‘mal!“, brauste ihre Freundin empört auf. „Wo sind wir denn hier? So weit kommt es noch, dass du ihm hinterher laufen musst. Ich bin ja schon für Emanzipation, aber in diesem Fall sollte Daniel sich lieber für dich krumm machen, nicht umgekehrt. Er kann froh sein, dass du dich überhaupt mit ihm abgibst. Du bist hübsch, hast eine tolle Figur und einen guten Geschmack.“
Nachdenklich starrte sie über die Schulter ihres Gegenübers in unbekannte Fernen. Intelligenz oder Humor hatte Natasha an ihr offenbar noch nicht bemerkt. „Tja, bisher sind mir die Männer immer hinterher gelaufen. Wenn ich an einem Interesse hatte und er solo war, musste ich mich nie groß anstrengen, um zu bekommen, was ich wollte. Aber bei ihm ist es völlig anders ... er ist völlig anders.“
„Ein Freak ist er, nichts weiter“, erwiderte Natasha. „Und ich kann dir auch haarklein sagen, wieso. Warte nur ab, gleich müsste er vorbei kommen; wenn seine Vorlesung zu Ende ist, kommt er immer schnurstracks in die Bibliothek, um das neue Material, das benötigt wird, durchzusehen. Interessanterweise leiht er sich aber nie etwas aus und macht auch keine Notizen.“
Nun nahm Karins Gesicht einen misstrauischen Ausdruck an. „Wieso weißt du das alles über ihn? Spionierst du ihm etwa nach?“
Sie zuckte nur nichtssagend mit den Schultern. „Manchmal ... du weißt doch, was ich dir von Anfang an gesagt habe. Mit diesem Typ stimmt etwas nicht und ich werde herausfinden, was. Was ich ihm zugestehen muss, ist seine Pfiffigkeit. Er scheint oft zu merken, wenn ich ihn ... nun, sagen wir, observiere. Es ist fast, als ob er einen Instinkt für so etwas hat.“
„Ich habe dir doch erzählt, dass er zu einem Viertel indianischer Abstammung ist. Das erklärt doch einiges von deiner Verschwörungstheorie. Ich habe noch nie einen einzigen Bartstoppel an ihm gesehen; Indianer haben keinen Bartwuchs, die meisten jedenfalls. Außerdem rührt er nie auch nur einen Tropfen Alkohol an, auch das leuchtet in diesem Zusammenhang ein, weil den Indianern das Enzym zum Alkoholabbau im Körper fehlt und sie deshalb keinen vertragen. Und da Indianer nie wirklich eine richtige Schrift entwickelt haben und die meisten ihrer Sprachen hauptsächlich lange Abfolgen von Konsonanten enthalten, besitzen viele von ihnen ein sehr gutes Erinnerungsvermögen. Ich habe mal gelesen, dass ein eidetisches Gedächtnis gar kein so seltenes Phänomen unter Indianern ist, diese Tatsache aber bis vor kurzem unentdeckt blieb.“
Schmollend bemerkte Natasha: „Klingt ganz so, als würdest du ein Wissenschaftsjournal auswendig gelernt haben. Hast dich wohl ebenfalls informiert.“
„Und ganz im Gegensatz zu dir nur in besten Absichten“, gab Karin schnippisch zurück. Dann bemerkte sie ihn. Er ging hinüber zur Jacken- und Taschenabgabe und entledigte sich seiner Thermojacke sowie seines Rucksackes, bevor er die Drehsperre zur Bibliothek passierte und im Inneren verschwand. Ihr Herzschlag hatte sich unwillkürlich beschleunigt. ‚Mach dich nicht unglücklich und verknall’ dich in diesen Kerl’, dachte sie dabei. Aber was konnte man schon gegen seine Gefühle ausrichten?
„Hast du gesehen, wie er sich bewegt, wenn er sich unbeobachtet fühlt? Völlig symmetrisch und fließend, kein überflüssiges Muskelzucken. Läuft so ein hundsnormaler Student herum? Für mich wirkt er wie ein Raubtier in einem Ökosystem ohne natürliche Feinde oder wie ein ausgebildeter Einzelkämpfer, der weiß, dass er es jederzeit mit wirklich jedem aufnehmen kann.“ Natasha war nicht bewusst, wie nah sie mit beiden dieser Umschreibungen der Wahrheit gekommen war.
„Ich möchte dich daran erinnern, meine Guteste, dass er auf einem amerikanischen Militärstützpunkt aufgewachsen ist. Ganz abgesehen von dem Blut in seinen Adern, das ihm diese katzenhafte Gangart verleihen mag, was glaubst du wohl, mit welcher Art von Menschen er seine Zeit dort verbracht haben mag? Du solltest vielleicht mal ein bisschen Mathematik für Anfänger studieren, damit du zwei und zwei zusammenzuzählen lernst.“ Karin verschränkte ihre Arme vor der Brust und musterte ihre Freundin ungnädig.
„Kein Grund, gleich so ‘rumzuzicken“, gab diese zurück. „Für dich passt das ja alles wunderbar zusammen, was? Nein, das klingt alles zu perfekt, zu konstruiert.“
„Das ist ja wie eine Besessenheit bei dir! Warum kannst du ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Er ist schließlich nicht zuletzt auch mein Mitbewohner, und zwar ein sehr angenehmer. Ich möchte mir das nicht von dir versauen lassen, klar?“
„Ja, schon gut, hab’ verstanden“, lenkte Natasha zum Schein ein.
‚Ich denk’ ja gar nicht dran’, war ihr gleichzeitiger Gedanke. Sie musste auch gar nicht lange warten, denn nach weniger als einer Viertelstunde kam er bereits zurück, um seine Sachen an der Garderobe zu holen und zielstrebig zum Ausgang zu gehen. Er war kaum durch die Drehtür verschwunden, als Natasha aufsprang und Karin mit sich zog. „Los, komm!“
Völlig perplex, aber mit nur wenig Widerstand ließ sie sich von ihrer Freundin zur Garderobe zerren, wo glücklicherweise momentan niemand sonst anstand und sie so ihre Mäntel und Taschen ohne Verzug erhielten.
„Du hast doch nicht etwa vor...? Nein, Nati, das möchte ich nicht,“ machte Karin den schwachen Versuch eines Einspruches.
„Hab dich nicht so! Das ist doch nichts Verbotenes, oder? Wir sehen ihm nur ein bisschen über die Schulter, okay? Schauen, was er so macht.“ Gegen Natashas Enthusiasmus kam sie nicht an, deshalb gab Karin den Widerstand bald auf. Mit einem ergebenen Seufzer ließ sie sich zur Drehtür ziehen, durch selbige hinaus in die trockene Dezemberkälte bugsieren und hetzte ihr über die Fußgängerbrücke zum Unigelände nach.
Daniel passierte gerade die Bushaltestelle und das Fahrrad-Abstellfeld gegenüber des Theaters. Beim Passieren eines Parkverbotsschildes schlug er lässig mit den ausgestreckten Fingern einer Hand gegen dessen Rohr, worauf es einen hellen, klaren Ton gab: ‚Ping.’
Er bog am Europaplatz nach rechts auf die Bertoldstraße ein und kam an einem Ampelmast vorbei, den er ebenfalls im Vorbeigehen mit den Fingerspitzen anschlug. ‚PING!’ Dieser Laut war ebenso klar und hell, aber um einiges lauter und weithin hörbar. Dennoch drehte sich kaum jemand nach ihm um.
„Warum macht er das?“ fragte Natasha und schlug probeweise an das gleiche Verkehrsschild wie er zuvor. Das zolldicke Stahlrohr erzeugte denselben hellen, wenn auch viel leiseren Ton als bei ihm. Sie starrte ihm argwöhnisch nach, wie er an mehreren obdachlosen Bettlern vorbeiging, ohne sie oder ihre unvermeidlichen Hunde auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Vielleicht nur so eine Macke. Bei ihm klingt es allerdings schöner,“ wandte Karin ein.
„Ja, ich wette, er hat `ne ganze Ecke mehr Übung darin als ich,“ gab Natasha grummelnd zurück und setzte sich wieder in Bewegung. Daniel war inzwischen fast am Ecke des Kollegien Gebäudes II angekommen und drohte, außer Sicht zu geraten. Sie sahen gerade noch, wie er an einer Straßenlaterne vorbeikam und nochmals spielerisch dagegenklopfte. ‚KLANG!’ Bei dem dicken Stahlmast war es nur einleuchtend, daß dieser Ton um einiges dunkler sein musste.
„Was für ein Spinner! Macht ihm das Spaß, oder was?“ Nachdenklich näherte Natasha sich der Ampel an dem Fussgängerüberweg beim Europaplatz und holte zum Streich aus. Wieder war sie mit dem mageren Ton nicht zufrieden, den ihr Versuch erzeugte.
„Ist für dich denn alles, was er tut, verdächtig?“ beschwerte sich Karin.
„Und nimmst du ihn für alles in Schutz?“ gab Natasha zurück. Sie beeilte sich angesichts einer größeren Menschentraube ihr gegenüber, die mit hochgeschlagenen Mantelkragen und fest umgewickelten Schals mit eingezogenen Köpfen unter dem bleiernen Himmel gegen den schneidend kalten Wind auf den Europaplatz strebte, um die nächste Grünphase der Ampel nicht zu versäumen. Dabei verlor sie Daniel kurz aus den Augen.
„Das muß ich nicht, er hat schließlich nichts Verbotenes getan.“ Allmählich war sie diese Rechtfertigungen ihr gegenüber leid. Natasha hingegen trat nun zur Laterne, die er gerade passiert hate, um auch an diese kräftig zu klopfen.
„AUUUU!“ Mit schmerzverzerrter Miene hielt sie sich die malträtierten Fingerspitzen der linken Hand, während einige Passanten sie befremdet ansahen.
„Was war denn das?“ wollte Karin wissen und besah sich die leicht geröteten Innenseiten ihrer Finger.
Natasha starrte den dicken Laternenpfahl ungläubig an und nahm die andere Hand zur Hilfe, wobei sie jedoch um einiges umsichtiger vorging. Wieder verzog sie gepeinigt das Gesicht; der stabile Metallpfosten indes gab kaum ein Geräusch von sich. Erstaunt fragte sie sich: „Wie hat er das gemacht? Ich habe deutlich einen dunklen Klang vernommen, als er mit seiner Hand dagegen geschlagen hat.“
Karin zuckte nur mit den Achseln und schlug vor: „Vielleicht liegt es an deiner Technik?“
Probeweise klopfte auch sie gegen den Mast, ohne auch nur das geringste Geräusch zu erzielen. Dann schnippte sie dagegen, mit dem gleichen negativen Ergebnis. Ihre Stirn legte sich in Falten und die Augenbrauen hoben sich leicht. „Gottlob hat er uns nicht dabei beobachtet, wie wir ihn nachäffen. Mann, ist das peinlich!“
Natasha hatte sich mit hektischem Blick umgesehen und hob nun einen abgebrochenen Fahrradständer aus Eisen auf. Zaghaft klopfte sie mehrmals gegen den Laternenmast und registrierte den dunklen, metallischen Klang. Dann schlug sie erheblich fester dagegen.
‚KLANG!’
Mit aufgerissenen Augen und erstarrter Miene sah Natasha ihre Freundin an. Dann bemerkte ein alter, dicker Mann mit grauen Haaren und weißem Vollbart: „Da mußt du dir aber schon ein wenig mehr einfallen lassen, wenn du dafür Geld haben willst. Mach lieber nichts kaputt, Kleine!“
„Ja, sehr witzig, Sie alter Spaßvogel!“, rief Natasha ihm wütend hinterher.
„Ich fand’s ganz nett; innovativ auf jeden Fall,“ kommentierte eine Dame in mittleren Jahren, eine aparte Erscheinung in einem teuren Pelzmantel, und ließ im Gehen ein paar Groschen vor Natashas Füße klimpern. Karin bekam daraufhin ob der sprachlosen und belämmerten Miene ihres Gegenübers einen Lachanfall.
„Ja, das sind die Neunziger Jahre, wo das Geld auf der Straße liegt,“ ließ sich Karin nicht nehmen zu sagen, als sie wieder fähig war, Luft zu holen und normal zu sprechen.
„Und deinen Supermann haben wir obendrein auch noch verloren. Na toll! Ich hab’ genug für heute. Wollen wir was trinken gehen?“ Sie hakte Karin unter, bevor diese ein weiteres Wort sagen konnte.
CSM 108-1 beobachtete aus sicherer Entfernung, wie sich die beiden entfernten. Er würde künftig noch vorsichtiger sein müssen, um jeglichen Argwohn seitens Natasha künftig zu vermeiden. Was hatte sie bloß an ihm auszusetzen? Wenn er nur wüsste, wie er sie einzuordnen hatte ... Allerdings kam sie ihm auch entfernt bekannt vor, sofern das bei seiner Personaldatei mit genau definierten Personenbeschreibungen überhaupt möglich sein konnte. Vielleicht würde er noch eruieren können, ob sie mit einem ihm bekannten Individuum verifiziert werden konnte, wenn er mehr Daten über sie sammelte und diese durch diverse Annäherungsprogramme spielte.
Jetzt aber stand erst einmal das christliche Weihnachtsfest an, was für ihn eine willkommene Verschnaufpause bedeutete.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland -16. Dezember 1996
„Und es ist gar nichts passiert?“
Natasha saß Karin gegenüber auf einer der Sitzgruppen im Eingangsbereich der Unibibliothek und starrte sie mit großen Augen an. Karin war es nun fast schon wieder unangenehm und sie bereute es beinahe, von diesem Thema angefangen und ihr die Ereignisse des letzten Abends geschildert zu haben. Aber mit irgendjemandem hatte sie sich einfach austauschen müssen.
„Nein, wir sind nur noch beieinander gesessen und haben die Gelegenheit verstreichen lassen. Ich glaube jedenfalls, dass es für ihn in dieser Situation sehr wichtig war, dass ich ihn nicht gedrängt habe.“
„Dass du ihn nicht gedrängt hast? Also hör ‘mal!“, brauste ihre Freundin empört auf. „Wo sind wir denn hier? So weit kommt es noch, dass du ihm hinterher laufen musst. Ich bin ja schon für Emanzipation, aber in diesem Fall sollte Daniel sich lieber für dich krumm machen, nicht umgekehrt. Er kann froh sein, dass du dich überhaupt mit ihm abgibst. Du bist hübsch, hast eine tolle Figur und einen guten Geschmack.“
Nachdenklich starrte sie über die Schulter ihres Gegenübers in unbekannte Fernen. Intelligenz oder Humor hatte Natasha an ihr offenbar noch nicht bemerkt. „Tja, bisher sind mir die Männer immer hinterher gelaufen. Wenn ich an einem Interesse hatte und er solo war, musste ich mich nie groß anstrengen, um zu bekommen, was ich wollte. Aber bei ihm ist es völlig anders ... er ist völlig anders.“
„Ein Freak ist er, nichts weiter“, erwiderte Natasha. „Und ich kann dir auch haarklein sagen, wieso. Warte nur ab, gleich müsste er vorbei kommen; wenn seine Vorlesung zu Ende ist, kommt er immer schnurstracks in die Bibliothek, um das neue Material, das benötigt wird, durchzusehen. Interessanterweise leiht er sich aber nie etwas aus und macht auch keine Notizen.“
Nun nahm Karins Gesicht einen misstrauischen Ausdruck an. „Wieso weißt du das alles über ihn? Spionierst du ihm etwa nach?“
Sie zuckte nur nichtssagend mit den Schultern. „Manchmal ... du weißt doch, was ich dir von Anfang an gesagt habe. Mit diesem Typ stimmt etwas nicht und ich werde herausfinden, was. Was ich ihm zugestehen muss, ist seine Pfiffigkeit. Er scheint oft zu merken, wenn ich ihn ... nun, sagen wir, observiere. Es ist fast, als ob er einen Instinkt für so etwas hat.“
„Ich habe dir doch erzählt, dass er zu einem Viertel indianischer Abstammung ist. Das erklärt doch einiges von deiner Verschwörungstheorie. Ich habe noch nie einen einzigen Bartstoppel an ihm gesehen; Indianer haben keinen Bartwuchs, die meisten jedenfalls. Außerdem rührt er nie auch nur einen Tropfen Alkohol an, auch das leuchtet in diesem Zusammenhang ein, weil den Indianern das Enzym zum Alkoholabbau im Körper fehlt und sie deshalb keinen vertragen. Und da Indianer nie wirklich eine richtige Schrift entwickelt haben und die meisten ihrer Sprachen hauptsächlich lange Abfolgen von Konsonanten enthalten, besitzen viele von ihnen ein sehr gutes Erinnerungsvermögen. Ich habe mal gelesen, dass ein eidetisches Gedächtnis gar kein so seltenes Phänomen unter Indianern ist, diese Tatsache aber bis vor kurzem unentdeckt blieb.“
Schmollend bemerkte Natasha: „Klingt ganz so, als würdest du ein Wissenschaftsjournal auswendig gelernt haben. Hast dich wohl ebenfalls informiert.“
„Und ganz im Gegensatz zu dir nur in besten Absichten“, gab Karin schnippisch zurück. Dann bemerkte sie ihn. Er ging hinüber zur Jacken- und Taschenabgabe und entledigte sich seiner Thermojacke sowie seines Rucksackes, bevor er die Drehsperre zur Bibliothek passierte und im Inneren verschwand. Ihr Herzschlag hatte sich unwillkürlich beschleunigt. ‚Mach dich nicht unglücklich und verknall’ dich in diesen Kerl’, dachte sie dabei. Aber was konnte man schon gegen seine Gefühle ausrichten?
„Hast du gesehen, wie er sich bewegt, wenn er sich unbeobachtet fühlt? Völlig symmetrisch und fließend, kein überflüssiges Muskelzucken. Läuft so ein hundsnormaler Student herum? Für mich wirkt er wie ein Raubtier in einem Ökosystem ohne natürliche Feinde oder wie ein ausgebildeter Einzelkämpfer, der weiß, dass er es jederzeit mit wirklich jedem aufnehmen kann.“ Natasha war nicht bewusst, wie nah sie mit beiden dieser Umschreibungen der Wahrheit gekommen war.
„Ich möchte dich daran erinnern, meine Guteste, dass er auf einem amerikanischen Militärstützpunkt aufgewachsen ist. Ganz abgesehen von dem Blut in seinen Adern, das ihm diese katzenhafte Gangart verleihen mag, was glaubst du wohl, mit welcher Art von Menschen er seine Zeit dort verbracht haben mag? Du solltest vielleicht mal ein bisschen Mathematik für Anfänger studieren, damit du zwei und zwei zusammenzuzählen lernst.“ Karin verschränkte ihre Arme vor der Brust und musterte ihre Freundin ungnädig.
„Kein Grund, gleich so ‘rumzuzicken“, gab diese zurück. „Für dich passt das ja alles wunderbar zusammen, was? Nein, das klingt alles zu perfekt, zu konstruiert.“
„Das ist ja wie eine Besessenheit bei dir! Warum kannst du ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Er ist schließlich nicht zuletzt auch mein Mitbewohner, und zwar ein sehr angenehmer. Ich möchte mir das nicht von dir versauen lassen, klar?“
„Ja, schon gut, hab’ verstanden“, lenkte Natasha zum Schein ein.
‚Ich denk’ ja gar nicht dran’, war ihr gleichzeitiger Gedanke. Sie musste auch gar nicht lange warten, denn nach weniger als einer Viertelstunde kam er bereits zurück, um seine Sachen an der Garderobe zu holen und zielstrebig zum Ausgang zu gehen. Er war kaum durch die Drehtür verschwunden, als Natasha aufsprang und Karin mit sich zog. „Los, komm!“
Völlig perplex, aber mit nur wenig Widerstand ließ sie sich von ihrer Freundin zur Garderobe zerren, wo glücklicherweise momentan niemand sonst anstand und sie so ihre Mäntel und Taschen ohne Verzug erhielten.
„Du hast doch nicht etwa vor...? Nein, Nati, das möchte ich nicht,“ machte Karin den schwachen Versuch eines Einspruches.
„Hab dich nicht so! Das ist doch nichts Verbotenes, oder? Wir sehen ihm nur ein bisschen über die Schulter, okay? Schauen, was er so macht.“ Gegen Natashas Enthusiasmus kam sie nicht an, deshalb gab Karin den Widerstand bald auf. Mit einem ergebenen Seufzer ließ sie sich zur Drehtür ziehen, durch selbige hinaus in die trockene Dezemberkälte bugsieren und hetzte ihr über die Fußgängerbrücke zum Unigelände nach.
Daniel passierte gerade die Bushaltestelle und das Fahrrad-Abstellfeld gegenüber des Theaters. Beim Passieren eines Parkverbotsschildes schlug er lässig mit den ausgestreckten Fingern einer Hand gegen dessen Rohr, worauf es einen hellen, klaren Ton gab: ‚Ping.’
Er bog am Europaplatz nach rechts auf die Bertoldstraße ein und kam an einem Ampelmast vorbei, den er ebenfalls im Vorbeigehen mit den Fingerspitzen anschlug. ‚PING!’ Dieser Laut war ebenso klar und hell, aber um einiges lauter und weithin hörbar. Dennoch drehte sich kaum jemand nach ihm um.
„Warum macht er das?“ fragte Natasha und schlug probeweise an das gleiche Verkehrsschild wie er zuvor. Das zolldicke Stahlrohr erzeugte denselben hellen, wenn auch viel leiseren Ton als bei ihm. Sie starrte ihm argwöhnisch nach, wie er an mehreren obdachlosen Bettlern vorbeiging, ohne sie oder ihre unvermeidlichen Hunde auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Vielleicht nur so eine Macke. Bei ihm klingt es allerdings schöner,“ wandte Karin ein.
„Ja, ich wette, er hat `ne ganze Ecke mehr Übung darin als ich,“ gab Natasha grummelnd zurück und setzte sich wieder in Bewegung. Daniel war inzwischen fast am Ecke des Kollegien Gebäudes II angekommen und drohte, außer Sicht zu geraten. Sie sahen gerade noch, wie er an einer Straßenlaterne vorbeikam und nochmals spielerisch dagegenklopfte. ‚KLANG!’ Bei dem dicken Stahlmast war es nur einleuchtend, daß dieser Ton um einiges dunkler sein musste.
„Was für ein Spinner! Macht ihm das Spaß, oder was?“ Nachdenklich näherte Natasha sich der Ampel an dem Fussgängerüberweg beim Europaplatz und holte zum Streich aus. Wieder war sie mit dem mageren Ton nicht zufrieden, den ihr Versuch erzeugte.
„Ist für dich denn alles, was er tut, verdächtig?“ beschwerte sich Karin.
„Und nimmst du ihn für alles in Schutz?“ gab Natasha zurück. Sie beeilte sich angesichts einer größeren Menschentraube ihr gegenüber, die mit hochgeschlagenen Mantelkragen und fest umgewickelten Schals mit eingezogenen Köpfen unter dem bleiernen Himmel gegen den schneidend kalten Wind auf den Europaplatz strebte, um die nächste Grünphase der Ampel nicht zu versäumen. Dabei verlor sie Daniel kurz aus den Augen.
„Das muß ich nicht, er hat schließlich nichts Verbotenes getan.“ Allmählich war sie diese Rechtfertigungen ihr gegenüber leid. Natasha hingegen trat nun zur Laterne, die er gerade passiert hate, um auch an diese kräftig zu klopfen.
„AUUUU!“ Mit schmerzverzerrter Miene hielt sie sich die malträtierten Fingerspitzen der linken Hand, während einige Passanten sie befremdet ansahen.
„Was war denn das?“ wollte Karin wissen und besah sich die leicht geröteten Innenseiten ihrer Finger.
Natasha starrte den dicken Laternenpfahl ungläubig an und nahm die andere Hand zur Hilfe, wobei sie jedoch um einiges umsichtiger vorging. Wieder verzog sie gepeinigt das Gesicht; der stabile Metallpfosten indes gab kaum ein Geräusch von sich. Erstaunt fragte sie sich: „Wie hat er das gemacht? Ich habe deutlich einen dunklen Klang vernommen, als er mit seiner Hand dagegen geschlagen hat.“
Karin zuckte nur mit den Achseln und schlug vor: „Vielleicht liegt es an deiner Technik?“
Probeweise klopfte auch sie gegen den Mast, ohne auch nur das geringste Geräusch zu erzielen. Dann schnippte sie dagegen, mit dem gleichen negativen Ergebnis. Ihre Stirn legte sich in Falten und die Augenbrauen hoben sich leicht. „Gottlob hat er uns nicht dabei beobachtet, wie wir ihn nachäffen. Mann, ist das peinlich!“
Natasha hatte sich mit hektischem Blick umgesehen und hob nun einen abgebrochenen Fahrradständer aus Eisen auf. Zaghaft klopfte sie mehrmals gegen den Laternenmast und registrierte den dunklen, metallischen Klang. Dann schlug sie erheblich fester dagegen.
‚KLANG!’
Mit aufgerissenen Augen und erstarrter Miene sah Natasha ihre Freundin an. Dann bemerkte ein alter, dicker Mann mit grauen Haaren und weißem Vollbart: „Da mußt du dir aber schon ein wenig mehr einfallen lassen, wenn du dafür Geld haben willst. Mach lieber nichts kaputt, Kleine!“
„Ja, sehr witzig, Sie alter Spaßvogel!“, rief Natasha ihm wütend hinterher.
„Ich fand’s ganz nett; innovativ auf jeden Fall,“ kommentierte eine Dame in mittleren Jahren, eine aparte Erscheinung in einem teuren Pelzmantel, und ließ im Gehen ein paar Groschen vor Natashas Füße klimpern. Karin bekam daraufhin ob der sprachlosen und belämmerten Miene ihres Gegenübers einen Lachanfall.
„Ja, das sind die Neunziger Jahre, wo das Geld auf der Straße liegt,“ ließ sich Karin nicht nehmen zu sagen, als sie wieder fähig war, Luft zu holen und normal zu sprechen.
„Und deinen Supermann haben wir obendrein auch noch verloren. Na toll! Ich hab’ genug für heute. Wollen wir was trinken gehen?“ Sie hakte Karin unter, bevor diese ein weiteres Wort sagen konnte.
CSM 108-1 beobachtete aus sicherer Entfernung, wie sich die beiden entfernten. Er würde künftig noch vorsichtiger sein müssen, um jeglichen Argwohn seitens Natasha künftig zu vermeiden. Was hatte sie bloß an ihm auszusetzen? Wenn er nur wüsste, wie er sie einzuordnen hatte ... Allerdings kam sie ihm auch entfernt bekannt vor, sofern das bei seiner Personaldatei mit genau definierten Personenbeschreibungen überhaupt möglich sein konnte. Vielleicht würde er noch eruieren können, ob sie mit einem ihm bekannten Individuum verifiziert werden konnte, wenn er mehr Daten über sie sammelte und diese durch diverse Annäherungsprogramme spielte.
Jetzt aber stand erst einmal das christliche Weihnachtsfest an, was für ihn eine willkommene Verschnaufpause bedeutete.
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