Mittwoch, 3. Januar 2007
T1.45
cymep, 03:38h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Januar 1997
Nach der Praxisstunde in Mineralogie am späten Nachmittag wollte CSM 108-1 eben heimgehen, als er bemerkte, wie Simon und Abbey noch an der Steinsäge arbeiteten. Karin packte noch ihre Unterlagen in ihre Tasche, doch sein Interesse war geweckt worden.
„Was macht ihr denn da?“
Simon erklärte, ohne sich umzudrehen: „Ich mache noch ein paar Scheibenschnitte von diversen Steinen, in denen ich Edelsteine vermute. Bitte bleib’ zurück, wenn ich die Säge anwerfe.“
„Darfst du das so einfach?“ Neugierig war nun auch Karin hinzugekommen und sah ihm über die Schulter.
„Ich habe natürlich vorher um Erlaubnis gefragt. Nach uns ist kein Unterricht mehr, also ist es für den Tutor kein Problem, hat er gemeint. Ich darf nur nicht alleine arbeiten, falls etwas passiert.“
„Und deshalb ist Abbey dabei, wie bei allem, was du in letzter Zeit tust“, bemerkte Karin spitz.
„Nur kein Neid“, witzelte diese zurück. „Du hattest deine Chance. Jetzt musst du eben mit dem Trostpreis vorlieb nehmen.“
„He, was soll das?“, ereiferte Karin sich sofort empört. „Daniel ist kein Trostpreis. Er ...“
Das hochfrequente Kreischen des Sägeblattes, über das zur ständigen Kühlung Wasser laufen musste, damit es sich beim Schneiden nicht überhitzte, übertönte ihre Proteste. Langsam und gleichmäßig zog Simon den annähernd kugelförmigen, von außen unscheinbar grauen Stein über die Schneidefläche, bis er durch war und die beiden Hälften auseinander rollten. Geschickt fing Abbey die rechte Hälfte auf, bevor sie von der Arbeitsfläche herabfallen konnte.
Daniel drehte sich zu Karin um und meinte mit bedauernder Miene: „Es tut mir leid, aber du irrst dich. Ich bin in der Tat nur der Trostpreis; dieser Kerl dort ist der Hauptgewinn. Siehst du, er kann sogar Steine in Stücke schneiden. Dir sind selbst meine Wurstscheiben zu dick geschnitten. Folglich bin ich nur der Trostpreis.“
„Was wird das jetzt? Ein Komplott gegen mich? Eine Verschwörung? Ich sehe schon, worauf das hinausläuft: Ihr wollt mich aus der Wohnung ekeln, damit Abbey in mein Zimmer ziehen kann und ihr alle glücklich und zufrieden bis an euer Studienende zusammenleben könnt. Aber nicht mit mir.“ Theatralisch rauschte sie davon.
Abbey sah ihr nach, dann sagte sie zu CSM 108-1: „Sie sollte wirklich weniger Zeit mit Natasha verbringen. Ist nicht gut für sie.“
„Ich versuche mein Bestes.“ Er grinste und beeilte sich dann, um Karin noch einzuholen, bevor sie aus dem Lehrsaal verschwinden konnte. „He, warte doch ‚mal. Jetzt sei doch nicht gleich so übel drauf wegen einem kleinen Scherzchen ...“
Während er im Hintergrund seine Freundin an der Tür abfing und aufhielt, worauf sich eine hitzige Diskussion entfachte, besah sich Simon den Querschnitt des Steines. „Tja, das war wohl eine Niete. Dabei war ich mir so sicher ... also den nächsten. Der hier sieht um einiges besser aus, findest du nicht?“
Abbey besah sich die äußere Zeichnung des ebenfalls grauen Steines. „Ich weiß nicht ... wo hast du die her? Aus dem Flussbett des Altrheins?“
„Sehr witzig“, lamentierte er und begann mit dem nächsten Schnitt.
Karin diskutierte einstweilen heftig mit CSM 108-1: „Ich finde es gar nicht amüsant, wenn du auf meine Kosten zusammen mit den beiden über mich Witze machst. Vor allem, wenn ich mir diese Anspielungen in Bezug auf Simons frühere Annäherungsversuche anhören muss. Mir wäre es am liebsten, wenn wir diese Sache endgültig vergessen könnten, okay? Ich dachte nämlich, so wie es jetzt läuft, sind alle zufrieden.“
„Ich bin es auf jeden Fall.“ Obwohl sie sich ein wenig wehrte, zog er sie in seinen Arm und legte die Hand um ihre Hüfte. „Und ohne an dir Kritik üben zu wollen, du warst die erste, die eine Bemerkung in dieser Beziehung gemacht hat. Du musst auch Abbey verstehen, denn für sie ist es schwerer als für dich; sie weiß schließlich, dass Simon lange genug für dich geschwärmt hat. Für sie könntest du immer noch eine potenzielle Konkurrentin darstellen.“
Sie machte ein betroffenes Gesicht und meinte dann einlenkend: „Naja, kann schon sein ... ach Unsinn, du hast wieder mal völlig recht. Vielleicht wollte ich unbewusst nur ein bisschen ihren Revierinstinkt anstacheln, was dann aber nach hinten losgegangen ist. Ich werde versuchen, in Zukunft besser darauf zu achten, was ich in ihrer Gegenwart so rauslasse.“
„So gefällst du mir besser“, lobte er und drückte sie an sich. Er legte sein Gesicht an ihren langen schlanken Hals und sagte leise mit seinen Lippen an ihrer Haut: „Du solltest Abbey nicht unterschätzen. Sie nimmt die Sache mit Simon bereits sehr ernst und wird ihn kampflos nicht ohne weiteres aufgeben. In ihr steckt mehr, als du vermuten würdest.“
„Von mir braucht sie keine Angst mehr zu haben. Ich werde ihr am besten gleich einen Waffenstillstand anbieten, damit ...“
Ein Schrei unterbrach sie, worauf beide erschrocken herumfuhren. Karin dachte schon, dass etwas bei der Handhabung der Wassersäge passiert sei, doch dann sah sie die freudestrahlenden Gesichter von Abbey und Simon, die mit je einer aufgeschnittenen Gesteinshälfte eines fast fußballgroßen Exemplars auf sie zugeeilt kamen.
„Seht euch das an, ein Volltreffer! Habe ich es nicht gleich gesagt?“, triumphierte Simon.
„Wohl eher ein Zufall. Außerdem würde ich einen Rauchquarz nicht gerade als Fund des Jahrhunderts bezeichnen“, meinte Abbey gespielt abwertend.
„Bist du sicher?“, fragte CSM 108-1 nach einem flüchtigen Blick auf das kristalline Innere des Steines. „Ich hätte das eher für einen Rosenquarz gehalten.“
„Tut mir leid, aber da irrst du dich“, beharrte Abbey. „Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als sei das ein Rosenquarz, aber bei genauerer Betrachtung der Kristallform ...“
„Die kann bei Rosenquarzen variieren. Dem Farbton nach ist es ziemlich eindeutig ein Rosenquarz“, gab er darauf zu bedenken.
„Himmel, was studierst du eigentlich? Theologie?“, versetzte Abbey unwillig. „Das ist doch wirklich nicht schwer zu erkennen ...“
„Was? Dass du lieber Jura studieren solltest? Sieh dir diesen Stein doch mal von innen an. Es ist eindeutig...“
„Jetzt hört aber auf, ihr beiden Super-Experten, da kann man ja direkt Angst bekommen.“ Simon trat schlichtend zwischen die beiden. „Ich dachte eigentlich auch, dass es ein Rosenquarz ist.“
„Du fällst mir in den Rücken? Na toll!“ Mit in die Hüfte gestemmten Fäusten fixierte Abbey ihren Freund, während Karin einen Blick auf Simons Hälfte des aufgesägten Steinbrockens warf und nachdenklich vor sich hinmurmelte.
„Ich hätte eher auf Rauchquarz getippt, jedenfalls bei dieser Hälfte“, stellte sie dann zu aller Überraschung fest.
„Ach, bitte, Karin, sieh ihn dir doch mal genauer an. Abbey muss sich irren. Du kannst unmöglich glauben, dass das wirklich ein Rauchquarz ist.“ Ungnädig musterte CSM 108-1 sie.
„Tut mir leid, ich glaube immer noch, dass sie recht hat. Es ist zwar manchmal nicht leicht, eine frische Probe genau zu katalogisieren, aber in diesem Fall ...“ Sie hob bedauernd die Schultern.
„Ich besitze ein fundiertes Wissen über Halbedelsteine und Kristalle“, betonte Abbey mit wichtigtuerischer Miene.
„Like heck you do“, fluchte CSM 108-1 und packte Simon am Arm. “Komm, die Weiber machen Front gegen uns. Am besten schneiden wir deine Hälfte in dünne Scheiben und werfen damit nach ihnen.“
„Dann werdet ihr aber nur noch die heiße Luft treffen, die ihr hier massenweise produziert. Wir gehen jetzt in die Unibibliothek und treten den Beweis an, dass wir recht haben.“ Karins Eifer war nun ebenfalls geweckt, weshalb sie Abbey unterhakte und mit sanfter Gewalt mit sich hinauszog.
„Und wir schneiden so viele Scheiben wie möglich, damit wir mehr empirisches Beweismaterial haben, anhand dessen wir besser zeigen können, dass wir uns nicht irren“, rief CSM 108-1 ihnen nach.
„Uns genügt unser Querschnitt, denn wir kennen uns aus“, tönte es aus dem Gang noch nach.
Simon und CSM 108-1 sahen sich an.
„Da hast du uns schön in die Scheiße geritten“, sagte Simon mit säuerlicher Miene.
„IIICH?!?“ CSM 108-1 machte ein empörtes Gesicht. „Wer hat mich denn unterstützt? Wohl du, oder?“
Simon ging langsam zur Säge zurück. Über die Schulter fragte er zaghaft: „Wie sicher bist du denn?“
„Ich? Sehr sicher ...“ Er hielt kurz inne. „Zu über neunzig Prozent aufgrund dieses Schnittes.“
Simon hielt inne. „Neunzig Prozent? ...dann lass’ uns mal schnell die Säge anwerfen. Ich hoffe schwer für dich, dass du dich nicht täuschst. Schließlich hast du das hier zu einer Frage der Ehre gemacht.“
Auf der Arbeitsfläche und dem gegenüber stehenden Labortisch verteilt lagen eine knappe Stunde später fast zwanzig hauchdünne saubere Schnitte ihrer Steinhälfte. Fieberhaft zog CSM 108-1 den inzwischen mickrigen Rest ein weiteres Mal durch, doch er war bereits beim Ende des eingeschlossenen Kristallmaterials angelangt und hatte nur noch Basisgestein bei seinem letzten Schnitt vorgefunden. Neben ihm stand Simon ratlos über die Serie von Scheiben gebeugt und seufzte.
„Tja, sieht ganz so aus ...“
„Das sehe ich selbst. Wie kann das nur sein? Sonst irre ich mich doch nie ...“ CSM 108-1 machte einen frustrierten Eindruck. „Zum Glück haben wir um nichts gewettet.“
„Wollten nicht die Verlierer die Gewinner schick zum Abendessen einladen?“, ertönte es vom Eingang des Saales her. Mit äußerstem Widerwillen sah er, wie sich Abbey und Karin dort in Siegerpose aufgebaut hatten.
„Das steht nicht in meinem Vertrag“, machte CSM 108-1 den schwachen Versuch eines Witzes.
„Lies zwischen den Zeilen, Mr. Rosenquarz. Na?“ Voller Genugtuung kam Abbey zu ihnen herüber und besah sich ihr Werk.
„Ja, schon gut, ihr hattet Recht“, lenkte er ein und beobachtete frustriert, wie auch Karin sich scheinbar sehr interessiert ansah, was sie seit ihrem Verschwinden gemacht hatten.
„Wisst ihr, das ist eine sehr hübsche Arbeit. Das solltet ihr unbedingt aufheben und auf dem nächsten Weihnachtsmarkt verhökern“, sagte sie süffisant.
Nun musste sogar Simon losprusten. CSM 108-1 verneigte sich voller Ehrfurcht vor Abbey. „Ich bin unwürdig. Gegen deine Mineralogieinstinkte ist mein angesammeltes Wissen offenbar nichts. Ich werde künftig im Zweifelsfall stets deine kundige Meinung einholen und diese auch ohne Widerspruch oder Bedenken akzeptieren.“
„Jaja, genug im Staub gewälzt und Speichel geleckt. Du kannst aufhören mit deinen Demutsbezeugungen, bevor es mir noch peinlich wird. Ort und Zeit des Essens bestimmen wir Frauen. Ihr werdet euch hübsch feinmachen und ordentlich blechen müssen für eure anmaßende Haltung gegenüber unserem geballten Fachwissen.“ Abbey machte eine Handbewegung, die ihn zum Verschwinden aufforderte.
Leise zischte Simon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Recht herzlichen Dank auch, Mr. Rosenquarz.“
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Januar 1997
Nach der Praxisstunde in Mineralogie am späten Nachmittag wollte CSM 108-1 eben heimgehen, als er bemerkte, wie Simon und Abbey noch an der Steinsäge arbeiteten. Karin packte noch ihre Unterlagen in ihre Tasche, doch sein Interesse war geweckt worden.
„Was macht ihr denn da?“
Simon erklärte, ohne sich umzudrehen: „Ich mache noch ein paar Scheibenschnitte von diversen Steinen, in denen ich Edelsteine vermute. Bitte bleib’ zurück, wenn ich die Säge anwerfe.“
„Darfst du das so einfach?“ Neugierig war nun auch Karin hinzugekommen und sah ihm über die Schulter.
„Ich habe natürlich vorher um Erlaubnis gefragt. Nach uns ist kein Unterricht mehr, also ist es für den Tutor kein Problem, hat er gemeint. Ich darf nur nicht alleine arbeiten, falls etwas passiert.“
„Und deshalb ist Abbey dabei, wie bei allem, was du in letzter Zeit tust“, bemerkte Karin spitz.
„Nur kein Neid“, witzelte diese zurück. „Du hattest deine Chance. Jetzt musst du eben mit dem Trostpreis vorlieb nehmen.“
„He, was soll das?“, ereiferte Karin sich sofort empört. „Daniel ist kein Trostpreis. Er ...“
Das hochfrequente Kreischen des Sägeblattes, über das zur ständigen Kühlung Wasser laufen musste, damit es sich beim Schneiden nicht überhitzte, übertönte ihre Proteste. Langsam und gleichmäßig zog Simon den annähernd kugelförmigen, von außen unscheinbar grauen Stein über die Schneidefläche, bis er durch war und die beiden Hälften auseinander rollten. Geschickt fing Abbey die rechte Hälfte auf, bevor sie von der Arbeitsfläche herabfallen konnte.
Daniel drehte sich zu Karin um und meinte mit bedauernder Miene: „Es tut mir leid, aber du irrst dich. Ich bin in der Tat nur der Trostpreis; dieser Kerl dort ist der Hauptgewinn. Siehst du, er kann sogar Steine in Stücke schneiden. Dir sind selbst meine Wurstscheiben zu dick geschnitten. Folglich bin ich nur der Trostpreis.“
„Was wird das jetzt? Ein Komplott gegen mich? Eine Verschwörung? Ich sehe schon, worauf das hinausläuft: Ihr wollt mich aus der Wohnung ekeln, damit Abbey in mein Zimmer ziehen kann und ihr alle glücklich und zufrieden bis an euer Studienende zusammenleben könnt. Aber nicht mit mir.“ Theatralisch rauschte sie davon.
Abbey sah ihr nach, dann sagte sie zu CSM 108-1: „Sie sollte wirklich weniger Zeit mit Natasha verbringen. Ist nicht gut für sie.“
„Ich versuche mein Bestes.“ Er grinste und beeilte sich dann, um Karin noch einzuholen, bevor sie aus dem Lehrsaal verschwinden konnte. „He, warte doch ‚mal. Jetzt sei doch nicht gleich so übel drauf wegen einem kleinen Scherzchen ...“
Während er im Hintergrund seine Freundin an der Tür abfing und aufhielt, worauf sich eine hitzige Diskussion entfachte, besah sich Simon den Querschnitt des Steines. „Tja, das war wohl eine Niete. Dabei war ich mir so sicher ... also den nächsten. Der hier sieht um einiges besser aus, findest du nicht?“
Abbey besah sich die äußere Zeichnung des ebenfalls grauen Steines. „Ich weiß nicht ... wo hast du die her? Aus dem Flussbett des Altrheins?“
„Sehr witzig“, lamentierte er und begann mit dem nächsten Schnitt.
Karin diskutierte einstweilen heftig mit CSM 108-1: „Ich finde es gar nicht amüsant, wenn du auf meine Kosten zusammen mit den beiden über mich Witze machst. Vor allem, wenn ich mir diese Anspielungen in Bezug auf Simons frühere Annäherungsversuche anhören muss. Mir wäre es am liebsten, wenn wir diese Sache endgültig vergessen könnten, okay? Ich dachte nämlich, so wie es jetzt läuft, sind alle zufrieden.“
„Ich bin es auf jeden Fall.“ Obwohl sie sich ein wenig wehrte, zog er sie in seinen Arm und legte die Hand um ihre Hüfte. „Und ohne an dir Kritik üben zu wollen, du warst die erste, die eine Bemerkung in dieser Beziehung gemacht hat. Du musst auch Abbey verstehen, denn für sie ist es schwerer als für dich; sie weiß schließlich, dass Simon lange genug für dich geschwärmt hat. Für sie könntest du immer noch eine potenzielle Konkurrentin darstellen.“
Sie machte ein betroffenes Gesicht und meinte dann einlenkend: „Naja, kann schon sein ... ach Unsinn, du hast wieder mal völlig recht. Vielleicht wollte ich unbewusst nur ein bisschen ihren Revierinstinkt anstacheln, was dann aber nach hinten losgegangen ist. Ich werde versuchen, in Zukunft besser darauf zu achten, was ich in ihrer Gegenwart so rauslasse.“
„So gefällst du mir besser“, lobte er und drückte sie an sich. Er legte sein Gesicht an ihren langen schlanken Hals und sagte leise mit seinen Lippen an ihrer Haut: „Du solltest Abbey nicht unterschätzen. Sie nimmt die Sache mit Simon bereits sehr ernst und wird ihn kampflos nicht ohne weiteres aufgeben. In ihr steckt mehr, als du vermuten würdest.“
„Von mir braucht sie keine Angst mehr zu haben. Ich werde ihr am besten gleich einen Waffenstillstand anbieten, damit ...“
Ein Schrei unterbrach sie, worauf beide erschrocken herumfuhren. Karin dachte schon, dass etwas bei der Handhabung der Wassersäge passiert sei, doch dann sah sie die freudestrahlenden Gesichter von Abbey und Simon, die mit je einer aufgeschnittenen Gesteinshälfte eines fast fußballgroßen Exemplars auf sie zugeeilt kamen.
„Seht euch das an, ein Volltreffer! Habe ich es nicht gleich gesagt?“, triumphierte Simon.
„Wohl eher ein Zufall. Außerdem würde ich einen Rauchquarz nicht gerade als Fund des Jahrhunderts bezeichnen“, meinte Abbey gespielt abwertend.
„Bist du sicher?“, fragte CSM 108-1 nach einem flüchtigen Blick auf das kristalline Innere des Steines. „Ich hätte das eher für einen Rosenquarz gehalten.“
„Tut mir leid, aber da irrst du dich“, beharrte Abbey. „Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als sei das ein Rosenquarz, aber bei genauerer Betrachtung der Kristallform ...“
„Die kann bei Rosenquarzen variieren. Dem Farbton nach ist es ziemlich eindeutig ein Rosenquarz“, gab er darauf zu bedenken.
„Himmel, was studierst du eigentlich? Theologie?“, versetzte Abbey unwillig. „Das ist doch wirklich nicht schwer zu erkennen ...“
„Was? Dass du lieber Jura studieren solltest? Sieh dir diesen Stein doch mal von innen an. Es ist eindeutig...“
„Jetzt hört aber auf, ihr beiden Super-Experten, da kann man ja direkt Angst bekommen.“ Simon trat schlichtend zwischen die beiden. „Ich dachte eigentlich auch, dass es ein Rosenquarz ist.“
„Du fällst mir in den Rücken? Na toll!“ Mit in die Hüfte gestemmten Fäusten fixierte Abbey ihren Freund, während Karin einen Blick auf Simons Hälfte des aufgesägten Steinbrockens warf und nachdenklich vor sich hinmurmelte.
„Ich hätte eher auf Rauchquarz getippt, jedenfalls bei dieser Hälfte“, stellte sie dann zu aller Überraschung fest.
„Ach, bitte, Karin, sieh ihn dir doch mal genauer an. Abbey muss sich irren. Du kannst unmöglich glauben, dass das wirklich ein Rauchquarz ist.“ Ungnädig musterte CSM 108-1 sie.
„Tut mir leid, ich glaube immer noch, dass sie recht hat. Es ist zwar manchmal nicht leicht, eine frische Probe genau zu katalogisieren, aber in diesem Fall ...“ Sie hob bedauernd die Schultern.
„Ich besitze ein fundiertes Wissen über Halbedelsteine und Kristalle“, betonte Abbey mit wichtigtuerischer Miene.
„Like heck you do“, fluchte CSM 108-1 und packte Simon am Arm. “Komm, die Weiber machen Front gegen uns. Am besten schneiden wir deine Hälfte in dünne Scheiben und werfen damit nach ihnen.“
„Dann werdet ihr aber nur noch die heiße Luft treffen, die ihr hier massenweise produziert. Wir gehen jetzt in die Unibibliothek und treten den Beweis an, dass wir recht haben.“ Karins Eifer war nun ebenfalls geweckt, weshalb sie Abbey unterhakte und mit sanfter Gewalt mit sich hinauszog.
„Und wir schneiden so viele Scheiben wie möglich, damit wir mehr empirisches Beweismaterial haben, anhand dessen wir besser zeigen können, dass wir uns nicht irren“, rief CSM 108-1 ihnen nach.
„Uns genügt unser Querschnitt, denn wir kennen uns aus“, tönte es aus dem Gang noch nach.
Simon und CSM 108-1 sahen sich an.
„Da hast du uns schön in die Scheiße geritten“, sagte Simon mit säuerlicher Miene.
„IIICH?!?“ CSM 108-1 machte ein empörtes Gesicht. „Wer hat mich denn unterstützt? Wohl du, oder?“
Simon ging langsam zur Säge zurück. Über die Schulter fragte er zaghaft: „Wie sicher bist du denn?“
„Ich? Sehr sicher ...“ Er hielt kurz inne. „Zu über neunzig Prozent aufgrund dieses Schnittes.“
Simon hielt inne. „Neunzig Prozent? ...dann lass’ uns mal schnell die Säge anwerfen. Ich hoffe schwer für dich, dass du dich nicht täuschst. Schließlich hast du das hier zu einer Frage der Ehre gemacht.“
Auf der Arbeitsfläche und dem gegenüber stehenden Labortisch verteilt lagen eine knappe Stunde später fast zwanzig hauchdünne saubere Schnitte ihrer Steinhälfte. Fieberhaft zog CSM 108-1 den inzwischen mickrigen Rest ein weiteres Mal durch, doch er war bereits beim Ende des eingeschlossenen Kristallmaterials angelangt und hatte nur noch Basisgestein bei seinem letzten Schnitt vorgefunden. Neben ihm stand Simon ratlos über die Serie von Scheiben gebeugt und seufzte.
„Tja, sieht ganz so aus ...“
„Das sehe ich selbst. Wie kann das nur sein? Sonst irre ich mich doch nie ...“ CSM 108-1 machte einen frustrierten Eindruck. „Zum Glück haben wir um nichts gewettet.“
„Wollten nicht die Verlierer die Gewinner schick zum Abendessen einladen?“, ertönte es vom Eingang des Saales her. Mit äußerstem Widerwillen sah er, wie sich Abbey und Karin dort in Siegerpose aufgebaut hatten.
„Das steht nicht in meinem Vertrag“, machte CSM 108-1 den schwachen Versuch eines Witzes.
„Lies zwischen den Zeilen, Mr. Rosenquarz. Na?“ Voller Genugtuung kam Abbey zu ihnen herüber und besah sich ihr Werk.
„Ja, schon gut, ihr hattet Recht“, lenkte er ein und beobachtete frustriert, wie auch Karin sich scheinbar sehr interessiert ansah, was sie seit ihrem Verschwinden gemacht hatten.
„Wisst ihr, das ist eine sehr hübsche Arbeit. Das solltet ihr unbedingt aufheben und auf dem nächsten Weihnachtsmarkt verhökern“, sagte sie süffisant.
Nun musste sogar Simon losprusten. CSM 108-1 verneigte sich voller Ehrfurcht vor Abbey. „Ich bin unwürdig. Gegen deine Mineralogieinstinkte ist mein angesammeltes Wissen offenbar nichts. Ich werde künftig im Zweifelsfall stets deine kundige Meinung einholen und diese auch ohne Widerspruch oder Bedenken akzeptieren.“
„Jaja, genug im Staub gewälzt und Speichel geleckt. Du kannst aufhören mit deinen Demutsbezeugungen, bevor es mir noch peinlich wird. Ort und Zeit des Essens bestimmen wir Frauen. Ihr werdet euch hübsch feinmachen und ordentlich blechen müssen für eure anmaßende Haltung gegenüber unserem geballten Fachwissen.“ Abbey machte eine Handbewegung, die ihn zum Verschwinden aufforderte.
Leise zischte Simon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Recht herzlichen Dank auch, Mr. Rosenquarz.“
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