Samstag, 6. Januar 2007
T1.48
[... Fortsetzung des Buches]


Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. Januar 1997

Heute Nachmittag war es ziemlich ruhig in der Wohnung. Karin besuchte eine Arbeitsgruppe in Biochemie und Simon war noch im Praxislabor der Kristallographie, wo er wieder einmal mit der Wassersäge Scheibenschnitte von diversen gesammelten und auf einer Börse erstandenen Steinen vornahm. Ihr Tutor lobte ihn inzwischen schon für seine äußerst präzise Schnitttechnik und ließ ihn sogar vor höheren Semestern vorführen, wie man es richtig machte.
Nun, für ihn bedeutete das, dass er wieder einmal ungestört auf den Dachboden konnte. Etwa einmal im Monat ging er hoch, um so schnell wie möglich die alt und wertlos aussehende Stahlkiste zu öffnen, in der er sein erbeutetes Waffenarsenal aufbewahrte. In Windeseile, um die Chance einer zufälligen Entdeckung zu vermindern, zerlegte, reinigte und prüfte er eine Waffe nach der anderen auf Funktionstüchtigkeit.
Er dachte über seine Beziehung zu Karin nach, während er mechanisch in unmenschlichem Tempo die vorletzte Waffe, ein Heckler & Koch G 3, wieder zusammensetzte, den Verschluss einsetzte, spannte und abdrückte. Danach legte er kurz ein Magazin ein, hörte das korrekte Einrasten und warf es wieder aus, ohne eine Patrone in die Kammer geladen zu haben. Er wickelte das halbautomatische Gewehr wieder in eine dunkle Decke ein, nachdem er es mit Waffenöl und einem alten Lumpen eingerieben hatte, um der Korrosion des Metalles vorzubeugen. Vorsichtig legte er es in die Kiste zurück und holte die letzte der Schusswaffen, eine Walther P-1, heraus.
Gerade hatte er den Schlitten der Pistole zurückgezogen, um einen prüfenden Blick in die Kammer zu werfen, als er hinter sich eine amüsierte Stimme vernahm: „Je größer die Jungs, desto größer ihr Spielzeug, stimmt’s? Du bist aber ein großer, böser Junge.“
Er erstarrte und erwog für eine Millisekunde, ein Magazin einzulegen und den Störenfried zu erschießen, aber die Chancen, die Leiche und alle Blutspuren zu beseitigen, ohne von Anwohnern, welche den Schuss hören konnten, entdeckt zu werden, waren zu klein. Er würde sich herausreden müssen. Ohne sich umzudrehen, sagte er tonlos: „Hallo, Abbey.“
„Was machst du denn hier oben? Das sieht ja gefährlich aus“, bemerkte sie und kam genauso lautlos auf den Boden gestiegen, wie sie die Treppe hochgekommen war.
„Ich kann das erklären“, begann er lahm, aber zu seiner Verblüffung winkte sie gelangweilt ab.
„Wozu? Du bist Amerikaner. Glaubst du, ich hätte nicht vermutet, dass du irgendwo eine Kanone herumliegen hast?“
„Die ist noch von früher, okay? Ich habe sie auf den Dachboden gepackt, weil ich das Gefühl habe, sie nicht mehr zu brauchen. Aber irgendwie kann ich mich auch nicht von ihr trennen, verstehst du das?“ Er war ziemlich erleichtert, dass sie es gewesen war, die ihn auf ‚frischer Tat’ ertappt hatte. Schnell legte er die Waffe in die Kiste zurück und verschloss diese, bevor sie auf die Idee kam, einen Blick hineinzuwerfen. Zu seinem großen Glück hatte sie nur die Pistole gesehen und nicht eines der Sturmgewehre, geschweige denn das gesamte Arsenal. Denn dann wäre er in erheblich größeren Erklärungsnöten gewesen.
„Du meinst, es ist leichter, sie aufzubewahren, als loszuwerden, nicht wahr? Ich weiß, was du meinst. Ich habe in den Staaten auch eine gehabt. Meine Mutter hat zwar ein Riesentheater gemacht, als sie sie bei mir gefunden hat, aber weggenommen hat sie sie mir auch nicht. Sie besitzt schließlich selbst auch einen Revolver.“ Abbey war wirklich unglaublich verständnisvoll in dieser Beziehung.
Oder amerikanisch gleichgültig, je nachdem, wie man es sehen wollte.
„Ja, man lässt so schwer von lieben Gewohnheiten. Bitte erzähle es keinem, okay? Ich möchte niemanden beunruhigen und hier oben ist sie ja auch gut genug weggeschlossen.“ Er hob die Arme und zuckte ergeben mit den Schultern, ein möglichst hilfloses Gesicht machend.
Sie lächelte zuckersüß, gestikulierte, wie sie ihren Mund mit einem Schlüsselchen abschloss und dieses wegwarf. Dann fuhr sie mit ihrer rechten Hand diagonal über ihren Brustkorb. „Cross my heart, pal.“
„Danke, Abbey. Du weißt gar nicht, wie erleichtert ich bin.” Er umarmte sie flüchtig und scheuchte sie dann hastig die Treppe hinab. „Es ist sonst keiner zu Hause. Willst du einen Tee trinken oder so?“
„Nein, ich komme später noch mal vorbei, wenn Simon daheim ist. Danke für das Angebot.“ Sie winkte zum Abschied und ging dann die Treppen hinab zum Ausgang.
CSM 108-1 lehnte sich gegen die Wohnungstür, atmete in Imitation einer menschlichen Geste tief ein und wischte sich dann über die Stirn. Er hatte sogar geschwitzt. Wow.
Das war Glück gewesen.

[Fortsetzung folgt ...]

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