Donnerstag, 11. Januar 2007
T1.53
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 25. Februar 1997

„Danny?“ Karin drehte sich schlaftrunken zu ihrem Freund um.
Er wandte sich seinerseits ihr zu, wobei das Bettgerüst bedenklich knarrte, und murmelte: „Ja?“
Sie streckte sich ein wenig unter der Bettdecke, die für sie beide eigentlich zu klein war. „Sag’ mir, dass die letzte Nacht kein Traum war.“
Als sie ihn mit großen Augen und einem verschmitzten Lächeln ansah, meinte er gähnend: „Ich muss dich leider enttäuschen, das hast du alles nur geträumt.“
„Das hätt’ ich mir ja denken können.“ In gespielter Verärgerung gab sie ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und löste damit eine kleine Rangelei aus, an deren Ende er über sie gebeugt war und sie mit sanfter Gewalt nach unten drückte.
„Schließen wir Frieden, ja? Ich bin noch zu müde für so einen Fight am frühen Morgen.“
„Was habe ich für eine andere Wahl?“, lenkte sie selig lächelnd ein. „Du erdrückst mich ja sonst noch. Hast du Blei in den Knochen?“
„Ich dachte, ich hätte dir das Gegenteil bewiesen?“ Zögernd ließ er von ihr ab und rollte sich aus dem Bett. Er ging zu seinem Kleiderschrank und suchte sich einen Slip und ein T-Shirt heraus. Ihr Blick haftete an seinem Hintern, während er sich anzog.
„Hm, ja, das hast du. Es war sehr ungewöhnlich ... du bist ganz anders als meine bisherigen Freunde.“ Sie fischte nun ihrerseits nach ihrer Unterwäsche, die irgendwo auf ihrer Seite neben dem Ausziehbett lag.
„Das will ich auch hoffen“, beklagte er sich. „Und was heißt das überhaupt, deine bisherigen Freunde? Wie viele ... wie soll ich sagen ... hattest du denn schon vor mir?“
„Eine Dame redet darüber nicht“, gab sie spitz zurück und zog sich nun ihre Socken an.
„Dann kannst du’s mir ja ruhig sagen, wenn das so ist“, antwortete er grinsend. „Einige Dinge, die du letzte Nacht mit mir angestellt hast, waren ja wohl nicht gerade sehr damenhaft, oder?“
„Sei nicht so kleinlich. Ich erinnere mich nicht, dass ich zu dem Zeitpunkt irgendwelche Beschwerden von dir gehört habe.“ Kokett klimperte sie mit den Augenlidern und streifte dann ihr langes Nachthemd über, in dem sie zu ihm herübergekommen war. Er zählte das zu einer ihrer eher spontaneren Aktionen mit eben diesem Ausgang, dass sie die ganze Nacht miteinander verbracht hatten.
„Punkt für dich“, gestand er ihr grinsend zu. „So, ich geh’ mal schnell ins Bad und setz’ dann Kaffee auf, okay?“
„Nur zu. Wir sind zwar noch früh dran, aber ich glaube, wir beide können heute ein ausgiebigeres Frühstück vertragen, nicht wahr?“
Er zuckte mit den Schultern. „Eigentlich habe ich keinen so großen Hunger, aber wenn du willst, gerne, machen wir es uns am Frühstückstisch gemütlich.“
Er hatte schon die Türklinke in der Hand, als er ihren erstaunten Blick bemerkte. Noch bevor er fragen konnte, sagte sie zweifelnd: „Du willst behaupten, nach dieser Nacht bist du nicht völlig ausgepumpt? Wie, Schulterzucken? Gute Güte, was habe ich mir da für einen Hengst geangelt!“
„Glück für dich“, meinte er lapidar und ließ sie dann offenen Mundes in seinem Zimmer zurück. Er beeilte sich im Badezimmer und machte sich direkt anschließend ans Herrichten des Küchentisches. Seine Zimmertür stand inzwischen offen, was wohl hieß, dass Karin sich in ihren Raum verzogen hatte.
Und siehe da, wer kam nicht völlig zerzaust in einem verspielten hellgrünen Spitzennachthemdchen aus Simons Zimmertür heraus und tastete sich langsam mit halbgeschlossenen Augen in Richtung Bad voran? „Morgen, Abbey!“
„Nicht so laut, bitte!“ Schützend hob sie eine Hand vor ihre Augen, als er die Küchentür gänzlich öffnete und das einfallende Licht sie plötzlich blendete. Mit der anderen Hand schaltete sie das Licht im Gang aus. Aha.
„Na, hattet ihr eine schöne Nacht?“, forschte er frech nach.
Sie schlich langsam in Richtung Badezimmer den Gang hinab. „Nicht so schön wie ihr, wie man dem Geräuschpegel aus deinem Zimmer nach unschwer schließen konnte.“
„He, nur weil ihr mucksmäuschenleise seid, heißt das noch lange nicht ...“
„Habe ich auch nie behauptet“, entgegnete sie und blieb vor der Badezimmertür im düsteren Gang stehen. Es sah aus, als spreche sie mit der Tür. „Aber wir bemühen uns wenigstens nicht, alle Zimmernachbarn und wahrscheinlich auch noch die unter uns mindestens die halbe Nacht lang wach zu halten. Ich kann das ja verstehen bei so einer frischen jungen Liebe, aber ...“
In diesem Moment kam Karin fertig bekleidet aus ihrem Raum gegenüber des Bades auf den Gang hinausgestürmt und ließ verlauten: „Ich bin fertig zum Frühstüüüüü ...“
Sie war unversehens gegen Abbey geprallt und durch die Wucht rückwärts in ihr Zimmer zurückgefallen. Abbey hingegen stand noch einen Sekundenbruchteil aufrecht und kippte dann langsam, wie in Zeitlupe, nach vorn gegen die Badtür, hielt sich aber mit beiden Händen am Türrahmen fest und verhinderte so einen Anprall.
„Au, was war denn das? Bei euch ist es ja lebensgefährlich!“, protestierte sie auch gleich, noch immer im Halbschlaf.
„Was soll ich da erst sagen? Ich habe das Gefühl, ich bin gegen eine Mauer gelaufen.“ Karin hatte sich aufgerappelt und tauchte wieder aus ihrem Zimmer auf. „Mann, das hat mich jetzt glatt umgehauen! Guten Morgen, Abbey; mit dir hatte ich nicht gerechnet.“
„Dieser Unfall verheißt vor allem eines: Ihr braucht alle viel starken Kaffee, um endlich wach zu werden“, verkündete CSM 108-1 und winkte seine Freundin heran.
„Klingt vernünftig für mich“, murmelte Karin und rieb sich die Stirn, als sie zu ihm herüberkam, während Abbey ohne eine weitere Reaktion im Bad verschwand. Sie war offenbar auch ordentlich gerädert.
Er richtete noch den Rest des Frühstückstisches, an den sie sich ohne ein Wort des Dankes setzte und auf die ersten Scheiben Toast wartete, indem sie sich eine große Tasse Kaffee eingoss und nach dem Süßstoff und der Milch griff. Ein typischer Morgenmuffel eben.
„Ich seh’ noch nach der Zeitung“, informierte er sie und war schon zur Wohnungstür hinaus, bevor sie noch ein Wort sagen konnte. Aus dem Bad nebenan rauschte das Wasser, worauf auch Simon auftauchte und kurz in die Küche herein sah.
„Oh gut, Frühstück.“ Dann war er wieder verschwunden. Sie hörte am kurzen Lauterwerden des Wasserrauschens, dass er ebenfalls das Bad betreten haben musste. Jetzt duschten sie schon gemeinsam ...
Naja, konnte eventuell auch ganz nett sein. Sie beschloss, das bei Gelegenheit einmal Daniel vorzuschlagen. Die ersten Scheiben Toast wurden gerade aus dem Toaster ausgeworfen, als CSM 108-1 mit der Tageszeitung unterm Arm zurückkam und sich zu ihr setzte. Sie hatte bereits die nächsten beiden Scheiben in den Toaster gelegt und den Röstvorgang gestartet, bevor sie sich an den Tisch zurücksetzte und eine der beiden fertigen Brotscheiben auf seinen Teller gleiten ließ.
„Danke, Schatz“, quittierte er ihre Aufmerksamkeit und schlug die Zeitung auf. Rasch durchblätterte er sie und legte sie dann auf die Seite. Nachdenklich strich er Margarine und selbstgemachte Sauerkirschmarmelade, aus Karins Heimatort von deren Mutter gekocht, auf seine Toastscheibe und biss ab. Er starrte vor sich hin und kaute sorgfältig, während Karin ihn immer aufmerksamer beobachtete.
„Hast du irgendwas?“, wollte sie schließlich wissen.
„Nein, mir geht nur etwas durch den Kopf, was meinen Tagesablauf betrifft“, meinte er trivial und fügte hinzu: „Ich glaube, ich bin ganz froh, wenn wir dieses Semester hinter uns haben.“
Sie nickte kauend und stimmte zu: „Ja, endlich ein wenig Ruhe und Erholung von dem Stress. Ich finde, in Mineralogie haben sie uns ganz schön rangenommen gegen Ende des Semesters. Zum Glück haben wir die letzte Klausur schon hinter uns.“
„Ich frage mich, ob wir in den Semesterferien auch die Uni-Räumlichkeiten für private Arbeiten und Projekte benutzen können.“
„Ich habe keine Ahnung“, gestand sie, „wieso fragst du?“
Er überlegte kurz. „Naja, ganz allgemein. Ich glaube, ich habe vor allem Angst, dass Simon Entzugserscheinungen bekommt, wenn er keine Steine mehr kleinsägen kann und mit komischen Versuchsanordnungen Kristallproben unter Strom setzen und Magnetfeldern aussetzen kann. Ich möchte nicht riskieren, dass er sich eine Wassersäge kauft und sie hier in die Küche stellt.“
Sie musste mit vollem Mund loslachen und verschluckte sich prompt, worauf sie stark zu husten begann. „Was für ein Gedanke! Sag’ ihm bloß nichts davon, wer weiß ...“
In diesem Moment hörte das Rauschen der Dusche auf. CSM 108-1 meinte dazu: „So, jetzt kann es nicht mehr lange dauern, bis die zwei Turteltäubchen sich zu uns gesellen.“
„Stimmt, sie haben gemeinsam geduscht.“ Sie sah ihn fragend an und er lächelte wissend bei ihrem Blick, nickte aber nur.
Hinter seiner Stirnplatte aber brodelten seine Gedanken. Beim scheinbar flüchtigen Durchblättern der Zeitung hatte er einen Artikel aufgespürt, fotografisch in seinen Speicher eingelesen und verarbeitete ihn seitdem unablässig in einem Winkel seines Bewusstseins.
Der Gerichtsmediziner des LKA hatte der Presse gegenüber bestätigt, dass es sich bei dem Toten im Uni-Café um das Opfer eines Gewaltverbrechens handelte. Aufgrund der Größe, Form, Anzahl und Verteilungsmuster der Knochensplitter seines Genicks musste ein Sturz als Verletzungsursache zu einhundert Prozent ausgeschlossen werden. Vielmehr mutmaßten die Ärzte einen Schlag mit einem großen, schweren und stumpfen Gegenstand wie einem Baseballschläger oder einer Eisenstange, der mit großer Gewalt ausgeführt worden sein musste. Die weiteren Schritte der Ermittlungen wurden der Öffentlichkeit ab jetzt vorenthalten, um die Ermittlungen nicht negativ zu beeinflussen.
Es wurde gefährlich für ihn.
Und das gerade jetzt, wo er sich so gut eingelebt hatte und seine Tarnung nahezu perfekt aufgebaut war. Ein Jammer.
Aber etwas musste er unternehmen, um sich aus der Schusslinie zu manövrieren. Sein primärer Auftrag war es immer noch, im Hintergrund zu bleiben und nur zu beobachten und auszukundschaften, Informationen zu sammeln, die es dem zweiten Terminator leichter machen würden, sich unentdeckt im unmittelbaren Umfeld des Entdeckers des ZVA-Effektes zu bewegen.

[Fortsetzung folgt ...]

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