Montag, 15. Januar 2007
T1.55
[... Fortsetzung des Buches]

Chelsea, Manhattan Island, New York City, USA - 29. März 1997

Mit einer großen Papiertüte beladen kam CSM 108-1 zu seiner Wohnungstür herein. Er hatte ein kleines Ein-Zimmer-Apartment in der gleichen Straße, der 28th West in Chelsea mit Blick auf den Park, gefunden, nur wenige Häuser von seiner alten Wohnung entfernt. Immer wieder erstaunlich, was man mit der richtigen Summe Geld alles erreichen konnte, vor allem in den extrem kapitalistisch ausgerichteten USA.
Nach fast zwölf Jahren erinnerte sich selbstverständlich niemand aus dem Umfeld hier, dem er auch nur zufällig begegnen mochte, an ihn. Dieses Sicherheitsrisiko konnte er getrost ausschließen. In Freiburg allerdings wäre es für ihn eventuell ungemütlich geworden, wenn er noch länger geblieben wäre, wie er den dortigen regionalen Publikationen nach im Internet schloss. Die Ermittlungen im Mordfall Uni-Café kamen offenbar voran, aber wie immer in solchen Fällen war die Öffentlichkeit vom aktuellen Stand der Ermittlungen ausgeschlossen.
Er hatte sich von hier aus in die Computer der LKA Baden-Württemberg eingeschaltet, was weitaus risikoloser war, als in ein Netzwerk der US-Behörden einzuhacken, auch wenn er selbst diese Herausforderung mit Leichtigkeit würde bewältigen können. Dabei war er auf noch insgesamt fünf Phantomzeichnungen gestoßen, die sämtlich in mehreren Variationen im Aussehen der fraglichen Personen ausgeführt waren. Ganz wie er erwartet hatte.
Eines von ihnen zeigte ihn mit buschigem Schnauzer, eines mit langen Haaren und stoppeligem Vollbart und eines leider auch glattrasiert und mit kurzen Haaren.
Es sah ihm ziemlich ähnlich, wenn auch nur vage.
In diesem Fall war seine Entscheidung richtig gewesen, wenn es ihm auch sehr schwer gefallen war. Seine Mission war weitgehend vollendet, er musste nur noch die Zeit bis zum Aufsuchen seines Unterschlupfes aussitzen, dann würde er sie als vollen Erfolg verbuchen können.
Er dachte kurz nach. In Deutschland war es jetzt später Nachmittag. Zeit für seinen wöchentlichen Anruf. Er wählte die Nummer seiner WG und hörte, wie nach nur einem Läuten abgenommen wurde.
„Bochner.“
„Hallo, Karin. Wie geht es dir?“, sagte er mit möglichst fröhlichem Ton in der Stimme.
„Oh, Danny. Mir geht es gut, aber ich vermisse dich so sehr. Wie geht es bei dir?“ Sofort begann sie zu schluchzen. Als er sie damals kennen gelernt hatte, hätte er es nie für möglich gehalten, dass sie ein so emotionaler Mensch sein könnte.
„Mir geht es bestens, aber mein Vater ...“ Er ließ den Satz im Raum stehen und färbte den Klang seiner Stimme traurig.
„Geht es ihm nicht besser?“ Sie war ehrlich besorgt, obwohl sie ihn nicht einmal kannte. Was für ein toller Mensch.
Er seufzte schwer. „Ehrlich gesagt, nein. Er erträgt die Krankheit mit indianischer Tapferkeit und macht Späßchen, wenn ich ihn besuche. Du weißt ja, anfangs war er sehr wütend darüber, dass ich wegen ihm hergekommen bin, denn er wäre der Letzte gewesen, der das gewollte hätte. Aber ich glaube, jetzt ist er doch sehr froh, dass ich hier bin. Vielleicht ahnt er, wie ernst sein Zustand ist, auch wenn er momentan stabil ist. Das wirklich Schlimme ist meine Mutter. Für sie ist es fast noch wichtiger, dass ich in dieser Lage hergekommen bin, um die Familie zu unterstützen. Wir brauchen uns alle, um uns gegenseitig Mut und Kraft zu geben, verstehst du?“
„Und dein Bruder?“ Sie schien ehrliche Anteilnahme an seiner fiktiven Situation zu haben. Er hatte einmal sogar vorgegeben, dass sein Bruder bei ihm wäre und sich mit leicht veränderter Stimmmodulation als David ausgegeben. Mit stockender Stimme hatte sie darauf ihr Englisch zusammengesucht und ihm ihre Anteilnahme versichert, was er als sehr rührend einstufte. Lachend hatte er ihr erklärt, dass sie sich nicht zu bemühen brauchte, da er doch fließend Deutsch spräche, und sich erkundigt, ob sie an den Knien Narben von ihrem Fahrradsturz zurückbehalten habe. Sie hatte gleichzeitig gelacht und geweint vor Rührung.
„Nun, er ist natürlich sehr beschäftigt in seinem Job, aber er ist auch sehr froh, dass ich da bin. Wir verbringen viel Freizeit miteinander, wann immer wir können. Nächste Woche wollen die Ärzte entscheiden, ob sie meinen Dad aus dem Krankenhaus entlassen und ihn zu uns nach Hause zur Pflege geben wollen. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist; meine Mutter hat geweint, als sie ihr das gesagt haben.“
„Du Ärmster. Und was machst du sonst so?“, fragte sie neugierig.
Er zögerte. „Bitte sei mir nicht böse, Karin, aber ich habe mich für dieses Semester in der Fordham University eingeschrieben. Zwar nicht die renommierteste und auch ein Stückchen zu fahren jeden Tag, aber so kurzfristig bin ich sonst nirgends untergekommen. Und sie liegt nur zwei Blocks vom Südende des Central Parks entfernt, man hat einen tollen Ausblick von den obersten Stockwerken der höheren Gebäude.“
Ihre Stimme kam nur stockend: „Das freut mich für dich. Du weißt sicher, was du tust. Ich ...“
„Bitte mach’ es mir nicht so schwer, Karin. Ich vermisse dich auch, das weißt du doch. Es ist nur für ein paar Monate; bevor du es merkst, bin ich zum Wintersemester wieder bei euch. Ich wollte dir die Entscheidung, so lange zu bleiben, eigentlich auf sanftere Art beibringen, aber ich wusste auch nicht, wie.“ Er sprach langsam und bedächtig, da dies eine sehr komplizierte Situation für ihn war und er keine Erfahrungen hatte, wie damit umzugehen war.

[Fortsetzung folgt ...]

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