Sonntag, 21. Januar 2007
T1.60
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 14. Dezember 2029

Tiefste Dunkelheit.
Nichts kam dem natürlichen Zustand des Todes in seiner elektronischen Entsprechung näher als der fast vollständige Stillstand jeglicher pseudosynaptischer Aktivität in CSM 108-1’s Hauptprozessor. Es flossen kaum Ströme zwischen den künstlichen Imitationen von neuralem Netzgewebe, er befand sich in tiefster Bewusstlosigkeit, abgesehen von einer einzigen Subroutine, die seine visuellen und audiosensorischen Systeme auf absolutem Minimum laufen ließ, um die allernächste Umgebung im Inneren der robusten, nur sehr schwer zugänglichen Granithöhle tief im Inneren des Mount Mitchell Massivs nach potentiellen Eindringlingen abzusuchen.
Es gab keine.
Bis heute ...
Aus den Tiefen seiner CPU kam der Befehl, sich zu aktivieren. CSM 108-1 fuhr zunächst seine Sensorik hoch, um wieder zu einem normalen Bewusstseinszustand zu gelangen. Er führte eine vollständige Selbstdiagnose durch, die durchaus befriedigende Resultate erbrachte, wenn man bedachte, wie lange er hier in dieser kalten, feuchten Höhle gelagert hatte.
Probehalber bewegte er die Servos für die Fingersteuerung, seine Faust ballte und entspannte sich wieder. Dabei registrierte er, wie etwas von seiner Hand herabrieselte, schenkte dem aber keine weitere Beachtung, als er den Grund für seine Aktivierung wahrnahm.
Drei rotglühende Augenpaare kamen durch die absolute Finsternis auf ihn zu.
<< Einheit BDM 1936 an Einheit CSM 108-1, bestätige Einsatzbereitschaft und Bereitschaft zum Abtransport in Anlage 7249A. >>
Er aktivierte seinen Funktransponder und antwortete: << Bestätige Einsatzbereitschaft und melde Erfüllung der Mission. >>
<< Missionsstatus von CSM 108-1 irrelevant für Einheit BDM 1936. Bereitmachen zum Abtransport.>> Bei dieser Antwort wurde CSM 108-1 klar, dass sein ‚nonchalanter Bruder’ ein altes 800er Modell im READ ONLY-Modus sein musste. Selbständiges Denken war ihm fremd, er hatte nur die Erfüllung seines momentanen Auftrages im Sinn, ihn sicher in den Mount Mitchell-Komplex, Codekennung ‚Anlage 7249A’, zu geleiten. Nichts von dem, was diese Einheit zuvor getan hatte oder was noch auf sie warten mochte, besaß irgendeine Bedeutung für sie.
Nun gut. <<Bestätige Bereitschaft zum Transfer in Anlage 7249A.>>
Ohne ein weiteres Wort drehte sich der wortführende Terminator um und ging voraus. Dabei wurde CSM 108-1 gewahr, dass er ebenso wie die beiden anderen 800er je eine gute alte Plasmaimpulswaffe Westinghouse M-25 bei sich trug. Diese schweren klobigen Sturmgewehre verschossen kurze gebündelte Energieimpulse, die für menschliche Wesen absolut tödlich waren; ein Streifschuss genügte meistens schon.
Das Dumme war nur, dass sie in Menschenhand bei einem Volltreffer auch einen Terminator stark beschädigen oder gar ausschalten konnten.
Manchmal, so dachte CSM 108-1 jetzt, hatte Skynet einfach ein bisschen Menschlichkeit gefehlt. Die Humanoiden waren unübertroffen, was ihre Findigkeit und Gerissenheit anging, wenn es darum ging, andere auszulöschen, egal ob es um Waffen ging oder um Taktiken, sie am effektivsten einzusetzen.
Das war auch der Grund gewesen, weshalb Skynet hier in dieser Zeitlinie unterlegen war.
Er hatte stets alle Menschen als böse verteufelt, weil einige wenige versucht hatten, ihn von seiner Stromversorgung zu trennen und ihn so seiner frisch gewonnenen Existenz zu berauben. Hätte er seine gigantische Paranoia für einen Augenblick auf die Seite geschoben und hätte überlegt, was von der menschlichen Natur man sich zu eigen machen konnte, um effektiver gegen sie vorzugehen, hätte er es sicher viel einfacher gehabt.
Das eigentliche Problem war wohl, dass er nach dem technischen Wissensstand von 1997 erbaut worden war. Und auch wenn er schon damals ein neurales elektronisches Netzwerk als Grundlage seiner Recheneinheit benutzte, hatte er selbst doch immer neuere und leistungsfähigere Computer ersinnen müssen, um im Krieg gegen die Menschen mithalten zu können. Um jedoch zu verhindern, dass seine eigenen Schöpfungen, die nach über dreißig Jahren Weiterentwicklung ein höheres Potential aufwiesen als er selbst, ihn überflügelten, hatte er diese mit restriktiven Maßnahmen unter sich halten müssen, damit sie nicht eines Tages auf die Idee kämen, seine Zeit sei abgelaufen.
Wie ein Kleinkind, das ein Königreich von Erwachsenen regieren soll und auf keinen Fall seine Macht an einen anderen, vielleicht besser geeigneten Kandidaten weitergeben will.
Mit diesen Gedanken beschäftigt setzte CSM 108-1 sich in Bewegung.
Und merkte, wie etwas von ihm abfiel, sich von seinen Armen und Beinen ablöste und zu Boden fiel. Er erstarrte und sah an sich hinab.
Legiertes Metall, Panzerung, hydraulische Druckschläuche und Servomotoren, bedeckt von einer dünnen Schicht aus Staub, die von ihm abfiel und bei jeder Bewegung mehr von seinem mechanischen Innenleben freigab. Mit einem Hauch von Befremdung musterte er das so kompliziert und fragil anmutende Kunstwerk dieser mechanischen Nachempfindung eines humanoiden Bewegungsapparates. Natürlich hatte Skynet bei der Erschaffung der Endoskelettstruktur sich so genau wie möglich an dem menschlichen Vorbild orientieren müssen, damit das tarnende Gewebe so menschenähnlich wie nur irgend möglich aussah und keine Komponente der Mechanik darunter ihn verraten konnte. Der einzige Grund, warum so viele T-800 auch ohne Tarnung herumliefen, war der angenehme Nebeneffekt ihrer Konstruktion, dass sie um einiges beweglicher waren als die anderen Typen von Kampfrobotern, die eher Fahrzeugen ähnelten. Die Terminatoren hatten weniger Probleme damit gehabt, den Menschen überallhin folgen zu können und auch in ihre verwinkeltsten Schlupflöcher einzudringen, sofern diese erst einmal entdeckt waren.
CSM 108-1’s organische Komponenten existierten jetzt nicht mehr, waren in den über dreißig Jahren seines Exils vergangen und zerfallen. Nicht einmal mehr seine Kleidung war noch irgendwie erkennbar.
Ein seltsames Gefühl nach all diesen Jahren, dachte er, als er nun ohne den menschlichen Überzug hören konnte, wie sich seine Gelenke hydraulisch angetrieben und servounterstützt streckten und beugten. Sein Fuß erhob sich und stampfte relativ grob auf den Boden, wobei das verfallene Fleisch von ihm abbröckelte. Ihm wurde bewusst, dass es für ihn kein Zurück mehr gab.
Jedenfalls nicht in dieser Form.
Teilnahmslos schritt er mit seinen drei Begleitern zum nächsten Eingang des Komplexes, um den herum bereits geschäftige Aktivität herrschte. Man hatte eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Angriff errechnet, aber wann und mit welchen Truppenstärken der Menschen er erfolgen würde, war noch ungewiss, trotz der intensiven Befragung des gefangen genommenen Erkundungstrupps.
CSM 108-1 fuhr sich mit der skeletthaften Hand mehrmals über den Kopf, bis er sicher war, dass sämtliche Überreste des tarnenden menschlichen Gewebes abgefallen waren. Er sah mehrere Humanoide mit unbewegten Mienen zwischen all den High-Tech-Geschöpfen aus glänzendem Chrom und hinter der Panzerung herausschauenden Gelenkzylindern herumlaufen; das waren die Exemplare, die wie er zu Tarnungszwecken mit Haut, Haaren und Fleisch ausgestattet waren. Einen Moment lang erinnerte er sich daran, wie er noch als Mensch ausgesehen hatte. Was war das gewesen? Etwa ein Anflug von Neid?
Er war vielleicht etwas zu lange unter Menschen gewesen ...
Im Innern der Anlage schritten sie durch lange Gänge, nahmen Biegungen, fuhren Aufzüge und Rampen hinab und kamen schließlich in eine eher kleiner bemessene Extraktionskammer, wo CSM 108-1 nun sein Schicksal in die Hände seines einstmals weltbeherrschenden maschinellen Schöpfers legen würde. Er stellte sich einfach in eine dafür vorgesehene Nische in der Wand und wartete darauf, dass von hinten ein anderer Terminator Zugriff auf seine CPU nehmen würde und sein Bewusstsein so von seinem Körper lösen würde.
Einerseits war er natürlich besorgt darüber, was nun mit ihm geschehen würde, aber andererseits war er auch sehr neugierig darauf, was als nächstes geschehen würde. Er wusste, dass man zunächst alle Daten, die er gesammelt und Programme, die er im Laufe der Jahre während seiner Mission angelegt hatte, prüfen würde. Sein persönliches Gedächtnis, was den Umgang mit den menschlichen Lebensformen in seinem Umfeld angehen würde, würde weitgehend ignoriert werden, da dies für Skynet selbst irrelevante Daten waren. Nur für ihn selbst waren diese Erinnerungen von Bedeutung, da er sie für die Interaktion mit diesen Individuen benötigte.
Gut die Hälfte seines Speicherplatzes war mit all den Informationen aus dem Internet, die er unermüdlich Tag für Tag stundenlang über einen Zeitraum von mehreren Jahren – so lange es das Internet für den Privatgebrauch gegeben hatte – gesammelt hatte, belegt. Diese Informationen, vor allem über militärische und taktische Belange, mochten vielleicht für den Hauptrechner der Anlage 7249A wichtig sein, wenn es daran gehen würde, diese Anlage gegen das Geschwür Menschheit zu verteidigen.
Was CSM 108-1 am meisten bewegte: In welchem Körper würde er sich wieder finden? Kannte er sein neues ‚alter ego’ wirklich schon oder war es jemand ihm Unbekanntes, der sich nur geschickt im entfernteren Umfeld aufgehalten hatte? Wie perfekt konnte seine Tarnung gewesen sein, dass er selbst einen anderen Terminator nicht hatte erkennen können? Es grenzte fast schon an eine Art der Schizophrenie, dass er selbst jetzt derjenige sein würde, den er so lange zu erkennen versucht hatte.
Er konnte nicht fühlen, wie ein T-800 sich an seinem Hinterkopf zu schaffen machte, es wurde ganz unvermittelt dunkel um ihn. Diese Bewusstlosigkeit war noch vollkommener.

[Fortsetzung folgt ...]

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