Mittwoch, 7. Februar 2007
T1.63 - KAPITEL 12
[... Fortsetzung des Buches]
- 12 -
Freiburg-Tiengen, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, Deutschland - Zeit unbekannt

TSR 3012 erlangte das Bewusstsein sehr langsam zurück. Irgendetwas war anders verlaufen als beim erstenmal. Er bemühte sich, seine Sensoren und den Bewegungsapparat auf normale Betriebsparameter hochzufahren, aber er erhielt noch immer elektrische Schläge von oben her.
Endlich gewann er die Kontrolle über sich zurück und begann die nähere Umgebung wahrzunehmen. Er befand sich an einer steilen Böschung, die in einem 45°-Winkel anstieg und mit Laub und Unterholz übersät war. Die Energiekugel, in der sein Zeitsprung stattgefunden hatte, hatte eine kleine halbmetergroße Kuhle in der Böschung hinterlassen, die noch schmorte und in der er kniete. Es war stockdunkel um ihn herum und ziemlich kühl. Eine weitere statische Entladung kam von oben herab und traf ihn zwischen den Schulterblättern.
Erst jetzt sah er unter sich in der Kuhle ein rechteckiges Stück eines Betonfundamentes, etwa acht mal drei Dezimeter groß, aus dem mehrere Stahlstangen herausstanden. Sie waren ebenso wie der übrige Untergrund sauber aus dem Raum-Zeit-Gefüge herausgeschnitten worden. Ein periodisches Rauschen schwoll im Hintergrund an und ab. Seltsam.
Als er sich aufrichtete, stieß er sich den Kopf an einem scharfkantigen Gegenstand direkt über sich. Reflexhart griff er sich an den Kopf und sah auf. Über ihm befand sich ein Stahlrohrgerüst, das ein riesiges rechteckiges Schild trug. Es war mindestens drei mal zwei Meter groß, blau gestrichen und weiß umrandet sowie beschriftet.



Freiburg-Süd

1000 m



Schlagartig wurde TSR 3012 klar, wo er sich befand. Er war an der Autobahn Fünf von Karlsruhe nach Basel.
Wieso hatte er sich so weit außerhalb der Stadt materialisiert?
Für weitere Überlegungen blieb ihm keine Zeit, da das Schild, seiner linken Stütze durch den Schnitt der Energiekugel beraubt, nachgab und mit kreischenden Stahlrohren, die sich langsam durchbogen, auf ihn hinabsenkte. Nur mit einem beherzten Sprung konnte er sich davor bewahren, unter dem umkippenden Verkehrszeichen begraben zu werden.
So etwas! Mit staunendem Gesicht betrachtete er das Straßenschild neben sich, worauf sich eine weitere Entladung bildete und auf ihn übersprang. Mist, das Ding hatte sich beim Kontakt mit der Energiekugel ganz schön aufgeladen.
Aber dank des Schildes wusste er jetzt wenigstens in etwa, wo er sich aufhielt. Da es nur zwei dieser Schilder geben konnte, gab es nur zwei Punkte, an denen er jetzt sein konnte. Als er sich gewahr wurde, dass die Sterne schienen, erkannte er sofort, dass er westlich der Autobahn war, auf der von Freiburg abgewandten Seite.
Nun, den Ort hatte er also herausgefunden. Jetzt musste er nur noch zum nächsten seiner im Voraus deponierten Kleiderpakete gelangen. Wie es der Zufall wollte, musste er nur die Autobahn überqueren und etwa einen Kilometer nach Süden durch das Unterholz des Waldes marschieren. In der Nähe des Randes des Tiengener Waldes war eines der Kleiderpäckchen versteckt.
Er stieg die Böschung hoch und zwängte sich durch eine Lücke im Buschwerk, als gerade kein Auto kam. Mit wenigen Schritten war er über die zweispurige Fahrbahn gelaufen und tauchte im dichten Bewuchs des Mittelstreifens unter. Auf der Gegenfahrbahn hatte TSR 3012 weniger Glück: Es herrschte für längere Zeit dichter Verkehr mit LKW-Kolonnen. Er musste eine Lücke abwarten und spurtete über die Fahrbahn, als der nächste Lastwagen nur noch wenige hundert Meter entfernt war. Prompt blendete dieser auf und hupte mehrfach.
Mit einem Hechtsprung ins Unbekannte rettete er sich von der Fahrbahn und ärgerte sich über dieses Missgeschick. Hoffentlich würde der Fahrer des Trucks das nicht melden. Das musste ein Anblick gewesen sein: ein nackter Flitzer nachts auf der Autobahn! Grinsend kam TSR 3012 nach dem Hinabrollen der Böschung wieder auf die Füße und klopfte das Laub und den Schmutz von sich ab. ‚Er’ musste früher oder später anfangen umzudenken, schließlich war er jetzt nicht länger CSM 108-1.
Der Gang durch den finsteren Wald gestaltete sich als problemlos und auch das Päckchen fand er auf Anhieb dort, wo er es vergraben hatte, nämlich neben einem großen Holzstapel an einer Abzweigung zweier Waldwege.
‚So, mal sehen.’ Das Oberteil des Jogginganzugs war reichlich eng und die Beine der Hose eine Idee zu kurz, aber ansonsten war es ganz passabel. Glücklicherweise waren die größeren der zwei Paar Schuhe nur eine Nummer zu groß. Ohne weitere Umschweife zog er sich an und machte sich auf in Richtung Rastplatz Breisgau, wozu er nur die B3 von Breisach nach Freiburg mitten im Waldgebiet neben der Ausfahrt überquerte und dann über mehrere geteerte Seitenstraßen und Feldwege die Autobahn entlang gehen musste. Nach nur einer weiteren Viertelstunde betrat er das Gelände der Rastanlage.
Die Raststätte Breisgau stellte sich als moderner eingeschossiger Bau mit vollverglasten Fensterfronten und einer Glaspyramide in der Mitte des Daches, wohl zum Zwecke der zusätzlichen Beleuchtung mittels Oberlicht, dar. Er betrat das Gebäude und steuerte sofort die sanitären Anlagen im Untergeschoss an, den hellen und einladenden Bistro- und Sitzgruppenbereich in der Mitte der Raststätte ignorierend.
Beim Betreten der Toiletten hätte ‚er’ beinahe den ersten großen Fehler gemacht. Sofort löschte er rigoros den entsprechenden Grundparameter aus seinem Programm und ersetzte ihn durch den aktuellen, um eine Wiederholung zu vermeiden. So, jetzt würde das Umdenken leichter fallen.
Mit einem neuen Anflug von Neugierde näherte er sich den Spiegeln über den Waschbecken, denn er hatte bereits eine Vermutung, doch als er zum ersten Mal sein neues Gesicht erblickte und augenblicklich erkannte, hielt ‚er’ doch inne. Mein Gott, nie im Leben hätte TSR 3012 das vermutet. Die Tarnung war wirklich mehr als perfekt gewesen.
Gut, ‚er’ war jetzt also weiblich, das musste nicht unbedingt ein Nachteil sein. Je mehr TSR 3012 darüber sinnierte, desto mehr Vorteile dieser neuen Erscheinungsform fielen ihr ein. Jetzt galt es nur ernsthaft umzudenken, um sich keinen faux-pas zu leisten, bis sie sich an den neuen Körper gewöhnt hatte.
Zunächst einmal holte sie das kleine silberne ‚Zäpfchen’ wieder hervor und säuberte es unter dem Waschbecken. Und wieder wurde wie von Zauberhand daraus eine der landläufigen Kreditkarten, als sie dem Stück polymimetischen Flüssigmetalles aus Resten der T-1000-Produktion den entsprechenden Befehl per Funkcode direkt in seine molekular aufgebaute Speichereinheiten eingab. Hübsches Design hatte sich die Karte ausgewählt, dachte sie amüsiert.
Als Nächstes war der Bankautomat an der Reihe, der hinten im Gang linkerhand des Raststättenbereichs in die Wand eingelassen war. Bereitwillig spuckte er eine nette Summe Bargeld auf ihre Eingabe hin aus. Damit würde sie fürs erste klarkommen, bis sie eruiert hatte, wie sie weiter verfahren würde.
Aus einem Impuls heraus betrat sie den Verkaufsbereich, der vom Begleitwarensortiment her mehr einem kleinen Supermarkt ähnelte. Sie näherte sich dem Zeitungsstand und nahm eine der Tageszeitungen in die Hand. Unwillkürlich nahm sie am Rande ihres künstlichen Bewusstseins etwas wahr, als sich ihre Photorezeptoren oben links auf das Datum hefteten und die Information verarbeiteten.
Heisenberg würde sich jetzt wahrscheinlich in diesem Moment vornüberbeugen und sich die Eingeweide ‘rauskotzen an ihrer Stelle.
Sie stand mehrere Sekunden lang wie angewurzelt da und fuhr dann ihren Bewegungsapparat wieder hoch, nachdem sie die Kopfzeile des Blattes verarbeitet hatte. Wie beiläufig schlenderte sie zur Kasse hinüber und sah sich einem bärtigen Mann Mitte Fünfzig mit vielen kleinen Lachfältchen um die dunklen Augen herum und einer großen, knolligen Nase gegenüber, der bei ihrem Anblick sofort sein strahlendstes ‚Was-kann-ich-für-Sie-tun?’-Lächeln aufsetzte.
„Verzeihen Sie bitte, haben Sie auch eine aktuelle Tageszeitung da?“
Der Kassierer machte sofort ein bekümmertes Gesicht. „Das tut mir leid, aber die neuen kommen erst gegen fünf Uhr. Solange werden Sie mit dieser Ausgabe von heute vorlieb nehmen müssen.“
Sie zuckte belanglos mit den Schultern. „Ach, halb so schlimm. Ich hätte mir nur eine andere Schlagzeile gewünscht.“
Damit drehte sie sich um und stapfte davon. Die Zeitung steckte sie mechanisch genau an die Stelle in der riesigen Display-Wand zurück, an der sie sie herausgezogen hatte.
Das Datum ...

31. August 1997

Etwas war schief gelaufen. Es musste an Skynets Zündung der Atombombe direkt nach ihrem Zeitsprung liegen, dass sie zwei Tage nach der Apokalypse in eine intakte Welt gereist war. Ihr wurde eines klar: Sie musste sich unbedingt Gewissheit verschaffen, wo sie da hineingeraten war. Im Moment konnte sie getrost alles andere vergessen, was ihre Basisprogrammierung oder ihre Missionsparameter betraf.
Sie hörte im Radio, das dezent im Hintergrund die Rastanlage beschallte, das Zeitzeichen und die Uhrzeit, bevor der Nachrichtensprecher begann, die neuesten Meldungen des Tages zu verlesen. Hm, nichts von einem überraschenden strategischen Großangriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen gegen die ehemaligen Sowjetrepubliken. Kein Wort von einem Vergeltungsschlag der GUS und einem atomaren Krieg, der weltweit drei Milliarden Menschenleben gefordert hatte. Selbstverständlich nicht.
Wer wäre in einem solchen Fall noch da, um diese Meldung zu verlesen, geschweige denn einen Radiosender zu betreiben?
Nur Meldungen über Banalitäten wie ein Gerichtsurteil des Berliner Landesgerichtes wegen einem Rechtsstreit über die Privatisierung des Telefonwesens, dem Angriff einzelner Untergrundkämpfer auf SFOR-Friedenstruppen in Bosnien-Herzegowina, dem illegalen Schmuggel von BSE-verseuchtem Rindfleisch von England nach Osteuropa, der Attacke von Randalierern auf eine Polizeistation in Nordirland, einem dramatischen Kurssturz an ostasiatischen Wertpapierbörsen und diversen Sammelklagen von Privatpersonen gegen die Tabakindustrie in den USA.
Wenigstens hatte sie nun nach dem Stundensignal im Radio die genaue Zeit. Umgehend stellte sie ihren internen Chronometer entsprechend ein; sie hatte auch in Zukunft nicht vor, mit einer lästigen, hinderlichen Armbanduhr am Handgelenk herumzulaufen. Ihr kam in den Sinn, dass sie als CSM 108-1 auf dieses Indiz hätte achten sollen, wenn sie den zweiten Terminator hätte entlarven wollen: Sie brauchten natürlich nie ein Hilfsmittel zur Zeitbestimmung, nur ein einziges Mal in ihrem künstlichen Leben: nach einem Zeitsprung.
Beim Verlassen des Ladens sprang von einem Metallgestell, das die Warendisplays hielt, ein kleiner Lichtbogen zu ihr über. Sie zuckte tatsächlich kurz und wunderte sich darüber, dass sie immer noch so viel an statischer Elektrizität lieferte. Eigentlich hätte gleich nach der Rematerialisierung damit Schluss sein müssen. Aber was war an diesem Sprung schon normal gewesen?
Ihr war mittlerweile vollends klar geworden, dass sie in eine falsche Zeitlinie hineinversetzt worden war, wahrscheinlich durch den elektromagnetischen Impuls der Kernwaffe, mit der der Zentralrechner der Anlage 7249A die Festung, sich selbst und vor allem die ZVA nach ihrer Abreise zerstört hatte. Nun galt es zunächst einmal herauszufinden, wie falsch – oder genauer, wie verschieden – diese Zeitlinie von der war, die sie als CSM 108-1 durchlebt hatte. Es konnte sein, dass sich dieses Zeitgefüge nur in kaum erfassbaren Nuancen von dem ihr bekannten unterschied oder auch, dass hier gravierende fundamentale Unterschiede zu der ihr bekannten Realität bestanden.
Von der Kleinigkeit des Dritten Weltkrieges einmal abgesehen.
Erst einmal sollte sie ihre alte Operationsbasis, ihre WG in der Weberstraße, aufsuchen. Von ihren Mitbewohnern würde sie mehr erfahren, auch wenn sie äußerst vorsichtig vorgehen musste.
Bei dem Gedanken an die beiden überkamen sie neue Erinnerungen: der Anflug empfundener Trauer beim Abschied und der langen Trennung von Karin und die starke Sympathie, die sie in ihrer ‚alten’ Form für sie entwickelt hatte. Sehr interessant, dass sie sich dieser Lage nun in einem neuen Körper würde stellen müssen, ohne dass ihre ehemaligen Mitbewohner auch nur die leiseste Ahnung hatten, ‚wer’ ihnen da gewissermaßen gegenüberstehen würde.
Oder genauer gesagt, wer ihnen da noch gegenüberstehen würde.
Allmählich wurde es kompliziert. Je schneller sie herausfand, welcher Art ihre Mission hier unter diesen unerwarteten Bedingungen noch war, noch sein konnte, oder ob es überhaupt noch eine Mission zu erfüllen gab, desto besser. Je nachdem, in welchen Raum-Zeit-Rahmen sie bei dem kleinen dummen Betriebsunfall übergegangen war, konnte es gut sein, dass das einzige, was von ihrer Welt noch existierte, sie selbst war.
Das würde heißen: lebenslang Urlaub.
Bis ... ja, bis was geschah? Auch dafür hatte sie noch keine Antwort parat.
Sie rief ein Taxi an und ließ sich am Hauptbahnhof in Freiburg absetzen. Was nun folgte, würde den Rest ihrer Existenz vielleicht für immer wesentlich beeinflussen.



Die Wohnungstür mit Hilfe des T-1000-Dietrichs zu öffnen, war ein Kinderspiel. Vom leisen Knirschen der alten Dielen begleitet, schlich sie gleich zur ersten Tür. CSM 108-1’s altes Zimmer. Abbeys Zimmer. Auch in dieser Realität? Um das herauszufinden, würde sie hineinsehen müssen. Und wieder ein Von Heisenberg-Experiment, von dem niemand wusste, wie es ausgehen mochte.
Dutzende von Möglichkeiten taten sich für sie auf.
Diese jedoch hatte sie nicht berücksichtigt.
Simons Zimmertür öffnete sich und er steckte den Kopf zur Tür heraus. Verschlafen blinzelte er sie an. „Was machst du denn da?“
„Ich hatte nur den verrückten Einfall, mitten in der Nacht joggen zu gehen, um einen klaren Kopf zu bekommen“, antwortete sie halbwegs wahrheitsgetreu.
„Hm, solange das nicht zur Gewohnheit wird ...“ Sein Kopf verschwand wieder.
Das war knapp gewesen! Sie wusste nicht, wie vorsichtig sie überhaupt sein musste, um in dieser verrückt gewordenen Welt bestehen zu können, doch der nächste Schritt würde zweifellos ein Meilenstein auf dem Weg sein, das herauszufinden.
Sie griff nach dem Türknauf, bekam jedoch unvermittelt einen kleinen elektrischen Schlag, der als winziger, aber heller blauweißer Funke aus ihrer Hand auf das Metall der Klinke sprang. Das war äußerst beunruhigend, da ihre inneren Systeme keinerlei Restspannung an oder in ihr feststellen konnten. Es musste mit dem verunglückten Zeitsprung zu tun haben. Sie öffnete die Tür und schlüpfte hinein.
Die Klappcouch war ausgezogen, unter der Bettdecke waren die Umrisse eines Körpers erkennbar. Licht brauchte TSR 3012 keines, ihre Restlichtverstärker arbeiteten innerhalb der operativen Parameter. Sie empfing ein gestochen scharfes, wenn auch monochromatisches Bild des Zimmers. Daher sah sie auch sofort, dass sich die Gestalt im Bett ruckartig aufsetzte, wobei das Laken von ihr herabrutschte.
Sie sah Abbey vor sich im Bett sitzen.
„Wer bist du?“, fragte diese mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck. Ihre Augen erglühten schwach, als sie den Infrarot-Sichtmodus aktivierte.
„Cyberdynes Systems Model 127 der Serie T-880, Einheit TSR 3012.“ Ausdruckslos musterte sie die junge Frau vor sich.
„Wenn das wirklich stimmt, haben wir ein Problem“, war Abbeys Antwort.
„Ein klitzekleines vielleicht. Du solltest nicht hier sein. Oder ich. Ich stamme aus einem anderen Bezugsrahmen als du. Bei meinem Transfer hierher ist etwas schiefgelaufen. Der Zentralrechner hat Anlage 7249A direkt nach meinem Sprung mittels einer taktischen Kernwaffe gesprengt, da der Stützpunkt kurz vor der Infiltration durch Menschen stand. Die Gefahr war gegeben, dass sie die ZVA ebenfalls benutzen würden.“ TSR 3012 war etwas unbehaglich, da sie sich vorkam, als würde sie in einen Spiegel sehen, der vor ihr auf dem Bett stehen würde. Zutiefst unlogisch, sich selbst da zu sehen ...
„Das erklärt nicht, wieso du hier bist und ich auch. Eine von uns hätte nicht weiterexistieren dürfen bei deiner Ankunft.“ Abbey sah ihr Pendant aus einer anderen Raum-Zeit unverwandt an.
„Dafür habe ich eine mögliche Erklärung. Es kann sein, dass ich durch den EMP der atomaren Explosion ein wenig aus der Phase geraten bin, sozusagen noch nicht ganz hier angekommen. Ich bekomme dauernd elektrostatische Entladungen ab.“
Abbey entrüstete sich: „Was soll das heißen: ‚aus der Phase geraten’? Was für ein Schwachsinn! Dies hier ist nicht Star Trek, dies ist die Realität.“
„Für mich eben nicht! Ich kann es dir zeigen ...“ TSR 3012 streckte einen Finger aus, der an der Spitze hörbar zu knistern begann und in einem matten charakteristischen Blauweiß leuchtete.
„Nein, warte, wir wissen nicht, was geschieht, wenn die gleich definierte Materie aus zwei verschiedenen Bezugsrahmen zur räumlichen Deckung gebracht wird.“ Abbey sprang auf und versuchte noch auszuweichen, doch TSR 3012 stieß ihren Finger bereits vor.
„Jetzt gibst du irgendwelchen Science-Fiction-Schwachsinn von dir“, gab sie zurück, „denn wenn ich wirklich ...“
Doch nun geschah etwas Unerwartetes.
Von ihrem Finger sprang ein Funke knisternd auf Abbeys Schulter über, bevor sie zurückweichen konnte. In einer Planck’schen Zeiteinheit verstärkte er sich zu einem ungeheuer starken Lichtbogen, der für die Dauer eines Lidschlages gierig zwischen den beiden identischen Körpern hin- und herzuckte, sich vervielfältigte und beide mit hochenergetischen Blitzen, den mutmaßlichen Überresten des letzten Zeitsprunges, überzog. Als Nächstes erschien die typische grellweiße Lichtkugel und hüllte sie ein, begleitet von einem schrillen, scharfen Sirren, das einem bis in die Zahnwurzeln wehtat.
Mit einem letzten abrupt endeten Zischen verschwand das Phänomen wieder. Der sphärische Riss im Gefüge der Realitäten hatte eine Ausdehnung von gut zwei Metern gehabt und war mitten durch das Klappbett gegangen. Das winzige Reststück, welches am Fußende des Möbels von den Auswirkungen der Lichtkugel verschont geblieben war, fiel rauchend nach hinten. Das kopfseitige Ende bot einen überaus interessanten Einblick in das Innenleben einer Federkernmatratze der unteren Preisklasse; sogar einige Stahlfedern waren der Länge nach von oben nach unten durchtrennt, wo die Hälften der Spiralen, die in die Kugel hineingeragt hatten, in den unergründlichen Abgründen zwischen den Dimensionen entschwunden waren. Die Kontaktstellen glühten noch matt nach und erkalteten dann. Ein scharfer Geruch von verbranntem Schaumstoff aus der Matratze und versengten Daunen von der Bettwäsche hing in der Luft, vermischt mit dem typischen schwachen Ozongestank. Und ein winziger, geometrisch perfekt geformter Krater von höchstens zehn Zentimetern Durchmesser hatte das Parkett und das Fundament des Fußbodens darunter kupiert.
Und darin ...



Simon sprang beinahe aus dem Bett, als ihn etwas aus dem Schlaf hochschrecken ließ. Es war nicht dieses seltsame leise Summen, sondern eher etwas wie ein undeutlich fühlbarer Hauch, der über ihn hinwegstrich. Er knipste seine Nachttischlampe an und sah sich leicht verstört im Zimmer um. Alles war wie immer, und doch haftete der Vertrautheit eine nicht bestimmbare Spur der Veränderung an.
Wie ein hypnotisiertes Kaninchen stieg er aus dem Bett und schlurfte auf den Flur hinaus. Zu seiner Überraschung ging die Tür rechts von ihm ebenfalls auf und Karin trat wie in Trance auf den Gang hinaus, barfuß und in einem leichten, verspielten Rüschennachthemd in rosa. Sie tastete nach dem Lichtschalter und kiekste leise auf, als sie merkte, dass er neben ihr stand.
„Was soll denn das? Willst du mich zu Tode erschrecken?“, fuhr sie ihn unbeherrscht an.
„Die Frage ist wohl eher, was wir beide hier draußen auf dem Flur machen, mitten in der Nacht. Hast du auch ...?“
„Ja, ein ganz seltsames Gefühl hat mich aus dem Schlaf geschreckt. Da war so ein leises Geräusch ...“ Sie sah ihn mit verständnisloser Miene an.
„Ja, ich habe es auch gehört. Nettes Nachthemdchen, nebenbei bemerkt.“
„He, was fällt dir ...“ Weiter kam Karin in ihrer Entrüstung nicht, da sich auch noch die dritte Zimmertür öffnete und Abbey benommen auf den Gang hinaustrat.
„Mann, was war denn das eben? Mir kam es vor wie ...“ Sie hielt inne. „Was schaut ihr so?“
Simon schien peinlich berührt, während Karin einen Mundwinkel und beide Augenbrauen steil nach oben zog. „Aber hallo! Abbey scheint auch aus dem Schlaf gerissen worden zu sein.“
„Was ist denn ...?“ Dann erst sah sie an sich herab, als ihre Orientierung wieder vollends einsetzte. Sie war splitterfasernackt.
„Oh shit!“ Sie sprang schnell in ihr Zimmer zurück, dann schaute sie vorsichtig um den Türpfosten herum: „Tut mir echt leid, ihr beide. Ich wollte dich nicht verlegen machen, Karin. Es hat mich wohl ... na ja, aus dem ... Schlaf gerissen.“
„Keine Ursache. Ich wusste ja nicht, dass du so gut aussiehst; da könnte man ja fast neidisch werden.“ Sie grinste unverschämt.
„Und das aus deinem Munde“, bemerkte Simon trocken.
„Wenn du eines Tages die Nase von Männern im Allgemeinen und diesem Depp da im Besonderen voll hast ...“, fügte Karin noch spitz hinzu.
Jetzt war es an Simon, zu kontern: „Du willst die Fronten wechseln? Dann kann Daniel nicht so überzeugend gewesen sein ...“
„He, er ist um einiges besser, als du je sein ...“
Abbey schritt ein: „Einen Moment! Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals die Gelegenheit gehabt hast, die beiden in dieser Hinsicht zu vergleichen. Wenn doch, dann sag’ es lieber gleich, dann bekommen wir hier und jetzt Ärger. Außerdem hört ihr beide euch schon an wie Daniel und Karin früher.“
Karin stockte plötzlich. „Mann, du hast recht, Abbey. Tut mir leid; er fehlt mir einfach so. Seit ich von unserem vergeblichen Versuch, uns am Arsch der Welt zu treffen, zurück bin, habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich weiß nicht, wo er ist und wie es ihm geht. Außerdem kämpfe ich immer noch mit dem blöden Jet-Lack. Wie würdest du dich an meiner Stelle fühlen?“
Abbey sah sie ein wenig fragend an und sagte dann bedächtig: „Ja, du hast recht. Mir tut es auch leid; du musst dich schrecklich fühlen. Kann ich etwas für dich tun?“
„Ich bin so schrecklich einsam. Kannst du heute Nacht bei mir pennen?“ Jetzt grinste Karin wieder, während Simons Kopf herumfuhr.
„Verzeihung, Simon, das hab’ ich jetzt einfach gebraucht. Dein Gesichtsausdruck genügt mir schon fürs erste. Gute Nacht.“ Sie zog sich in ihr Zimmer zurück.
„Lass’ gefälligst die Finger von Abbey“, rief er ihr lachend hinterher, worauf auch diese schmunzeln musste. Er bemerkte es und trieb den Schabernack noch weiter, indem er traurig sagte: „Sie darf dich mir nicht wegnehmen. Versprich mir das!“
„Mal sehen“, gab sie lachend zurück.
„Sie war einfach zu lange mit diesem verrückten Amerikaner zusammen.“
„Wir alle.“ Sie schüttelte in gespielter Resignation den Kopf und schloss ebenfalls die Tür hinter sich.
Ihr Lächeln erstarb augenblicklich.
Was für ein Trip!
Das Bett, der Fußboden, ein Stück von der Deckenleuchte fehlte ... eines hatte sie gelernt.
Keine Zeitsprünge innerhalb von möblierten Zimmern.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, was eigentlich geschehen war: Bei ihrer Berührung hatte es eine Entladung von höherem Energieniveau gegeben, die im Zusammenhang mit den besonderen Umständen ihres Sprunges einen völlig unwahrscheinlichen, nein, unmöglichen, wenn nicht gar lächerlichen Effekt ausgelöst hatte.
Sie hatte zuerst gedacht, dass ein Zeitsprung ausgelöst worden war, da die Erscheinungsform eigentlich identisch gewesen war. Doch dann hatte sie feststellen müssen, dass sie danach alleine in dem Wirkungsbereich des Energiefokus gestanden hatte.
Und doch nicht ganz alleine ...
Irgendwie waren ihre beiden Zeitrahmen ineinander übergegangen, waren gekreuzt, vermischt, überlagert worden. Für den Beobachter von außen war das nicht offensichtlich geworden, wie sie gerade an Simon und Karin gemerkt hatte, auch wenn sie irgendetwas gemerkt hatten, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
Aber sie selbst trug jetzt die Informationen ihres Gegenstückes in sich, konnte sich auf eine unerklärliche Weise genau daran erinnern, wie sie als TSR 3012 zurückgeschickt worden war und hier als Abbey Benton monatelang unter den Menschen gelebt hatte. Sie besaß alle Daten aus dieser Periode ihrer Existenz, alle neuralen Verbindungen, die ihr Netzwerk in der CPU geknüpft hatte. Sie erinnerte sich daran, wie viel Freude und Vergnügen es ihr bereitet hatte zu sehen, wie ihr eigenes Alter Ego CSM 108-1 sie nicht hatte identifizieren können, obwohl er gewusst hatte, dass sie irgendwo unter seinen Mitmenschen hatte sein müssen.
Sie konnte die emotionellen Bindungen zu vertrauten Personen nachvollziehen, im speziellen die zu Simon.
Doch das hatte Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Apokalypse hatte nicht stattgefunden, was bedeutete, dass es Abweichungen zu der ihr ursprünglich bekannten Version der Ereignisse gegeben hatte, die dazu geführt hatten, dass keine Terminator-Technologie in die Vergangenheit gelangt war. Die offensichtlichste Ursache dafür war die, dass die Entdeckung des ZVA-Effektes nicht oder noch nicht stattgefunden hatte. Jedenfalls war das der logische Schluss, den sie daraus zog.
Sie setzte sich an den PC und fuhr ihn hoch. Im Internet sah sie sich in den entsprechenden Sparten um: Cyberdyne Systems war als Firma nicht existent. Wie vermutet. Wie hatte das nur passieren können?
Weiterhin startete sie die Suchroutine nach Veröffentlichungen, die auf Stichworte und Begriffe im Zusammenhang mit der Entdeckung des ZVA-Effektes zugeschnitten worden war und von CSM 108-1 schon früher oft benutzt worden war. Während die Suche auf dem PC voranschritt, wurde ihr plötzlich die Tatsache bewusst, dass sie bei diesem Dimensionstransfer nicht nur einen Jogginganzug und ein Nachthemd verloren hatte – Mist, das war ihr absolutes Lieblingsstück gewesen! – sondern auch die ungeschützt in ihrem Jogginganzug steckende Kreditkarte aus der Zukunft.
Das brachte sie auf einen weiteren Gedanken. Sie ließ die Suchroutine laufen und ging zu einem Stuhl neben ihrem Bett, wo sie stets ihre Kleidung sorgfältig zusammengefaltet über Nacht aufbewahrte. In einer ihrer Hosentaschen fand sie glücklicherweise das Pendant zur T-1000-Geldkarte aus dieser Realität wieder. Sie war außerhalb des direkten Wirkungsbereichs des Ereignisses gewesen und somit nicht vom Dimensionswechsel oder besser ihrer „Verschmelzung“ betroffen gewesen.
Ihr musste als nächstes etwas einfallen, wie sie die unübersehbaren Spuren der interdimensionalen Energiekugel beseitigen konnte, ohne dass jemand etwas davon bemerken würde. Glücklicherweise waren noch Semesterferien. Ohne langes Zögern entschied sie sich dafür, auf Basis der Erinnerungen der Abbey aus dieser Realität so weiter zu agieren, als gehöre sie hierher. Letztendlich waren ihre beiden Missionen doch identisch gewesen: den Entdecker identifizieren und beschützen.
Aber jetzt ... wozu noch?
Sie würde einen Großteil ihrer Rechnerkapazitäten für die Lösung dieser Problematik aufwenden müssen.
Die Suche hatte kein Ergebnis gebracht, weshalb sie den PC wieder ausschaltete und ihre Optionen durchging, was das heillose Durcheinander in dem Zimmer betraf. Sie hatte Simon versprochen gehabt, den morgigen Tag mit ihm gemeinsam zu verbringen, was angesichts ihrer neuen Prioritäten nicht mehr in Betracht kam. Er würde sicher enttäuscht, ein wenig frustriert und vielleicht auch neugierig sein, weshalb sie ihm so kurzfristig absagte.
TSR 3012 verließ das Zimmer und klopfte nebenan bei Simon an. Nach einer gemurmelten Zustimmung schlüpfte sie zur Tür herein und bevor er wusste, wie ihm geschah, unter seine Bettdecke. „Ich kann nicht mehr einschlafen. Dieses komische Gefühl, das uns geweckt hat, es lässt mich nicht mehr zur Ruhe kommen.“
Freudig überrascht zog er sie ein wenig näher an sich. „Deshalb kommst du zu mir? Das ist schön ...“
Sie legte ihren Kopf behutsam auf das Kissen und flüsterte: „Aber jetzt geht es mir schon wieder besser ...“

[Fortsetzung folgt ...]

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