Donnerstag, 8. Februar 2007
T1.64
cymep, 15:58h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 1. September 1997
Nach dieser Nacht hatte Simon es relativ gelassen aufgenommen, als TSR 3012 beim Frühstück in ihr Gespräch einfließen ließ, dass sie noch so viele Besorgungen würde machen müssen, dass aus ihrem gemeinsamen Tag nichts werden würde. Er brummte nur, dass er sich in diesem Falle an Karin halten würde, die im Praxislabor der Uni noch eine Reihe Versuche für Mineralogie hatte durchführen wollen, dem einzigen Kurs, den sie alle drei gemeinsam belegten.
„Erzähl’ mir, was ihr so alles gemacht habt, ja? Das Semester fängt schließlich in ein paar Wochen wieder an, da sollte man sich auf dem neuesten Stand der Dinge halten.“
„Ach, du weißt ja, mein altes Hobby, die Wassersäge. Karin hat sich bereit erklärt, mich zu begleiten, damit ich an der Säge arbeiten darf. Du weißt schon, die Sicherheit ... Letzte Woche habe ich ein paar tolle Proben erhalten, die ich dir noch gar nicht gezeigt habe. Und der blöde Ralf macht sich über die Semesterferien immer breiter in den Laborräumen, seit er und Natasha von Jamaica zurück sind; jetzt lagert er seine blöden Petrischalen mit Sporen und Schimmelpilzen schon bei uns, weil er an seinem Biologie-Laborplatz alles derart vollgestellt hat mit Kulturen. Wenn du mich fragst, hat er einen Tick, was diese Dinge angeht. Neulich hat er nicht aufgepasst und ein Teil des Tisches war mit so ekligen grünen und lila Schimmelkulturen überzogen. Dabei weiß ich nicht mal, wie gefährlich das Zeug von ihm ist, ich meine, ob es gesundheitsschädlich oder sogar giftig sein kann. Was für eine Schweinerei, sogar auf einigen meiner Gesteinsproben ist schon ein grünlicher Schimmelrasen gewachsen! Bis ich das wieder sauber hatte ...“
„Uh, hört sich echt eklig an. Ich kann’s gar nicht erwarten, bis das Semester wieder anfängt“, ließ sie sich vernehmen.
„Naja, wenigstens habe ich meinen Ferienjob beendet und Karin auch. Wobei sie noch einiges an Lohn abgezogen bekommen hat, weil sie mitten im Monat ab nach Amerika ist. Für sie tut es mir ja leid, aber immerhin hatte sie ihren Urlaubstrip sozusagen schon.“ Er zuckte mit den Schultern.
„Na toll, eine knappe Woche mutterseelenallein und krank vor Sorge und Liebeskummer am Arsch der Welt zu hocken nennst du einen Urlaubstrip? Da bedanke ich mich aber!“, empörte sie sich, nicht völlig frei von einem Anflug an Schuldgefühl.
„Schon gut, tut mir leid. Dass ihr Frauen alles immer gleich so ernst nehmen müsst ...“
Sie zögerte. „Ich möchte mal wissen, was du sagen würdest, wenn ich sage, okay, das war’s, ich gehe auch zurück in die USA. War nett bei euch, mach’s gut.“
„He, das ist nicht witzig“, beschwerte er sich, „wir wissen alle, dass Dan seine Gründe dafür hatte, was er tat, und dass es bestimmt auch einen verdammt guten Grund dafür geben muss, dass er Karin derart übel versetzt hat. Man plant doch so eine Reise nicht derart minutiös und penibel bis ins letzte kleine Detail voraus, wenn man gar nicht vorhat, zu erscheinen.“
„Wer weiß ...“ TSR 3012 stützte ihren Kopf auf und schien gedankenversunken zu sein.
„Jetzt tust du Danny aber wirklich Unrecht. Ich glaube, wenn du ihn ein bisschen besser kennen würdest, würde dir dieser Gedanke gar nicht erst kommen.“ Verärgert stand er auf und ging in sein Zimmer.
Sie musste lächeln angesichts der Ironie von Simons Aussage, aber auch weil er sich so für seinen Freund einsetzte. Er konnte ja nicht ahnen, dass er ihm quasi gegenübergesessen hatte.
Dennoch beruhigte sie der Gedanke, einen so guten Freund zu haben.
Nachdem ihre beiden Mitbewohner aufgebrochen waren, hatte sie eiligst bei einer nahegelegenen Autovermietung einen großen, geräumigen Volvo-Kombi V 70 gemietet. Die Überreste ihrer Schlafcouch fuhr sie zu einer Deponie am Rande der Stadt und stattete danach – passend zum Auto – IKEA einen Besuch ab, wo sie als CSM 108-1 ihre gesamte Inneneinrichtung erstanden hatte. Das Praktische war, dass sie aus dem Einheitssortiment des nordeuropäischen Großherstellers die exakt gleiche Couch erstehen konnte und nach deren Ersatz ziemlich sicher keinem etwas auffallen sollte. Das gleiche galt für ihre Lampe.
Gegen Mittag war sie bereits fertig und hatte den Kombi wieder zurückgebracht. Es war um einiges einfacher gewesen, als sie zunächst befürchtet hatte. Das Loch im Fußboden würde sie provisorisch zugipsen und einen neuen Läufer darüber breiten, den sie ebenfalls im Möbelhaus gekauft hatte. Das würde schlussendlich die einzige Veränderung sein, die von ihren vormittäglichen Aktionen zeugen würde, doch so konnte sie zumindest teilweise ihre dringlichen Besorgungen erklären.
Simon hasste IKEA zutiefst und würde ihr eher noch dankbar dafür sein, dass sie ohne ihn gegangen war. Auch wenn sie ‚nur’ den Läufer gekauft hatte. Sie berechnete eine über neunzigprozentige Wahrscheinlichkeit für einen Kommentar, der in etwa so lauten würde: „Siehst du? Einen lumpigen Artikel hast du gekauft und dafür haben sie dich gnadenlos durch ihr gesamtes Sortiment geschleust und dich genötigt, dir alles anzusehen, was sie so verkaufen an unnützem Zeug. Dass so etwas überhaupt erlaubt ist, wundert mich immer wieder.“
Ihr Tagwerk war damit aber noch nicht getan. Sie ging am frühen Nachmittag los, um in der Lesebibliothek der Uni, in der während der Semesterferien ausgesprochen wenig los war, ein paar Titel an Fachlektüre ‚einzuscannen’. Schließlich war sie nebenbei immer noch Studentin an der Freiburger Universität.
An diesem Sommermontag war das Wetter ganz ansehnlich, sonnig und warm. Entsprechend wenig Betrieb herrschte im Bibliotheksgebäude, die Garderobe für Jacken und Taschen im Eingangsbereich im zweiten Obergeschoss nur mit einer Mitarbeiterin im hohen Alter besetzt, und auch die Aufsicht im Eingangsbereich ignorierte sie, als sie vorbeiging und durch das Drehkreuz in Hüfthöhe eintrat. Sie hatte höchstens zehn Taschen an der Abgabestelle gesehen, demnach war das Gebäude praktisch verwaist.
TSR 3012 fuhr mit dem Aufzug in den fünften Stock und betrat den Bereich der Lesebibliothek. Dort suchte sie sich einige Bücher über Geophysik heraus, deren Inhalt sie beim Durchblättern in ihre Speicherbänke übernahm. Danach stellte sie die betreffenden Bücher entgegen der überall angebrachten Anweisungen selbst an ihren ursprünglichen Ort zurück. Die Menschen trauten ihren Studenten nicht zu, ein Buch, das sie einmal aus einem Regal genommen hatten, wieder an seinen korrekten Platz zurückzustellen, und machten sich statt dessen lieber die zusätzliche Arbeit, in jedem Regal ein rot ausgewiesenes Fach zu unterhalten, in das man diese Bücher zu legen hatte, so dass die Angestellten der Bücherei sie später ‚fachkundig’ einsortieren konnten. Wenn ein Buch einmal falsch einsortiert worden war, galt es als unauffindbar und wurde in den meisten Fällen abgeschrieben, obwohl es irgendwo in den unergründlichen Tiefen der Regalreihen noch immer existierte.
Beim Verlassen des Lesebereiches schweifte ihr Blick über die abgeteilten Lesenischen entlang der Fenster, die einen sehr schönen Ausblick nach Nordosten über die Freiburger Innenstadt boten. Nur eine der Nischen war besetzt. Sie verließ die Lesebibliothek und fuhr wieder hinab in den zweiten Stock, um sich nach rechts zur Selbstbedienungs-Ausleihe zu wenden. Nach dem Passieren eines weiteren Drehkreuzes neben einem mit einer Bibliothekarin besetzten Schalter ging es eine Treppe hinab in den ersten Stock zum Freihandmagazin.
Manch einem Mädchen wäre es wohl mulmig geworden, hätte sie ganz allein durch die langgestreckten Reihen an nackten, unverkleideten Stahlregalen, angefüllt mit Büchern aller erdenklicher Größe, Form, Dicke und Farbe, durch die menschenleere Etage gehen müssen. Nicht so TSR 3012; sie fand es faszinierend, dass so wenig Informationsmaterial auf so umständliche Weise und mit so großem Platzbedarf einer vergleichsweise kleinen Anzahl an Menschen zugänglich gemacht wurde. Dabei hätten die technischen Möglichkeiten schon längst existiert, all dies hier über elektronischem Wege viel simpler und für jeden ohne langes Suchen von daheim aus verfügbar zu machen. Das war es eben für sie, was Tradition und Nostalgie bei den Menschen ausmachte.
Sie erfreute sich vor allem an den kleinen Wagen aus Aluminium mit gelbschwarz diagonal schraffierten Unterkanten, die vor einem Dagegenstoßen mit dem Kopf warnen sollten. Sie transportierten zurückgebrachte Bücher über unter der Decke befestigten Laufschienen in die richtige Abteilung der Bücherei, wo sie dann wieder an der richtigen Stelle in den Regalen eingeräumt wurden. Keiner der Wägelchen war zur Zeit unterwegs, was ein weiteres Indiz dafür war, dass heute wirklich nichts los war.
Für TSR 3012 war das einer der wenigen öffentlich zugänglichen Orte, der sie an daheim erinnerte; sie assoziierte die Wagen und Schienen mit den Montagebändern in der Produktionseinrichtung für Teminatoren der Serie 880 in Anlage 7249A. Es glich beinahe dem kybernetischen Äquivalent einer Wallfahrt, was sie immer wieder hierher führte.
Nun, Heimweh würde für sie in diesem Kontext irrelevant sein, da sie in einem Bezugsrahmen gelandet war, wo ihre Entstehungsstätte niemals existieren würde. Sie war sozusagen interdimensionaler Ausschuss.
Am Ende des ersten Raumes angekommen, durchquerte sie eine von zwei schmalen Türen an den Seiten des Raumes und gelangte in einen noch größeren, langgezogenen Saal, an dessen Vorderseite lediglich ein junger Mann mit dem Rücken zu ihr an einem der Tische an der Wand saß und sie nicht einmal registrierte, so leise war sie ... und so vertieft las er in dem Buch vor sich. Vor ihr erstreckten sich in drei Reihen zahlreiche Regale durch den langen Raum nach hinten. Im vorderen Teil waren etliche Regale leer, aber die hinteren zwei Drittel des weitläufigen Raumes glichen einem Labyrinth aus Büchern. Es war still wie in einer Gruft.
Da sie den Lageplan der Bücher seit ihrem ersten Besuch hier gespeichert hatte, ging sie ohne weiteres Suchen bis ganz nach hinten durch, um sich den Inhalt von einigen Büchern sozusagen einzuverleiben. Sie suchte sich von Zeit zu Zeit mit einer Art selbst angeeigneter Intuition – nüchtern betrachtet nur ein extrem komplexer Zufallsgenerator – etwas Lektüre aus, um sich ein noch besseres Verständnis der menschlichen Natur anzueignen. Unerwarteterweise traf sie in der drittletzten Regalreihe doch noch auf einen anderen Leser.
Augenblicklich erkannte sie den großen, fest gebauten Rudolf, der mit fragender Miene in einem englischsprachigen Buch über die Geschichte der Äthiopischen Revolution der Siebziger und Achtziger Jahre schmökerte und sich leicht ratlos in seinem braunen Lockenhaar kratzte. Mit dem buntgemusterten T-Shirt, der kurzen Jeanshose und den Jeans-Turnschuhen sah er aus wie ein Hawaii-Tourist.
„So ein Zufall“, sagte sie mit stark gedämpfter Stimme und lächelte freundlich. „Hi, Rudolf.“
Er sah auf und glotzte sie verblüfft an. „Mann, Abbey, ich hab’ nicht mal geahnt, dass du hier bist; du hast mich ganz schön erschreckt. Na, auch unterwegs in Sachen Geochemie?“
„Unter anderem. Witzig, dass wir uns mitten in den Ferien hier treffen. Warst du daheim?“ Sie begann eine Reihe Bücher im halbleeren Regal neben sich in Augenhöhe abzusuchen.
„Nee, lohnt sich für mich nicht. Ich hatte ‘nen Ferienjob im letzten Monat und hab’n büschen Kohle gemacht. Und nebenbei gelernt, was bitter nötig ist, wenn ich nicht nach dem nächsten Semester studienmäßig aufgeben will.“ Er neigte bedauernd den Kopf. „Und selber?“
„Ich hätte zwar heimfliegen können, aber meine Mutter ist momentan viel zu beschäftigt. Sie schuftet lieber wie eine Blöde, damit ich nicht nebenher jobben muss, doch dann hatte sie nicht einmal Zeit für mich, als ich in den Ferien heimkommen wollte. Eine typische jüdisch-amerikanische Karrierefrau, wie es dem deutschen Klischee entspricht.“ Ihr Blick richtete sich auf ein Buch weit über ihrem Kopf, das sie nur mit Müh’ und Not erreichen können würde.
Rudolf, der sie um einen halben Kopf überragte, folgte ihrem Blick und wisperte automatisch: „Brauchst du dieses hier oben? Warte, ich hol’ es dir.“
Er streckte seinen rechten Arm aus und fischte nach dem besagten Exemplar. „Und was machst du so den Rest der Ferien über? Gibt es vielleicht mal wieder einen Diskussionsabend am Freitag? So viel ich weiß, sind Thorsten und Miriam auch in der Stadt geblieben und würden sich sicher freuen, wenn wir mal wieder einen Abend bei euch abhalten würden.“
„Ja, ich war vor zwei Wochen einen Kaffee trinken mit Miriam, da hat sie so etwas in der Art auch gesagt.“ Gebannt starrte sie auf die Innenseite von Rudolfs Unterarm.
Nicht noch einmal.
Wie gebannt sagte sie: „Wow, das ist ein echt cooles Tattoo. Wo hast’n das her?“
Während sie behutsam das Buch aus seiner Hand nahm und es geräuschlos in ein leeres Regal legte, umfasste sie sanft seinen Unterarm und drehte ihn leicht, dass man die Innenseite besser sehen konnte, wo eine längere Sequenz an Strichcodes in die Haut eingearbeitet war.
„Och, das ist mir vor langer Zeit mal gemacht worden.“ Er war sichtlich unangenehm berührt.
Sie sah es lange an. „Es sieht gar nicht aus wie eine Tätowierung.“
„Nein, ist es auch nicht“, gab er widerstrebend zu.
„Es sieht fast so aus wie ein Brandzeichen! Als ob es mit einem Brandeisen oder einem Laser in die Haut eingebrannt worden wäre.“
Seine Augen weiteten sich. „Mit einem Laser? Wie kommst du denn darauf?“
Sie sah ihn ernst und mit Bedauern in der Miene an. „Hier steht: Gefangenenlager 73034, Objekt 1392498. Du wurdest am 23. 4. 2026 von Skynet bei deiner Internierung auf diese Art gekennzeichnet. Es tut mir leid, Rudolf.“
Sein Blick senkte sich. „Oh Mann, das ... nicht du, Abbey. Wenn du einer von ihnen bist, dann kann jeder einer sein.“
Sie hielt seinen Arm immer noch fest umklammert, nur fühlte es sich für Rudolf eher an wie in einem Schraubstock. Ihre zartgliedrigen, schmalen Finger gaben seinen Versuchen, sich aus ihrem Griff zu entziehen, keinen Deut nach. „Ihr unterschätzt die neue Serie 880, Rudolf. Das war euer Fehler und es wird euer Verderben sein. Ich habe die Daten einer Einheit in mir, die zwölf Jahre lang hier unter Menschen gelebt hat und deren Entwicklung weit über die Programmierung eines normalen Terminators hinausgeht. Man könnte mich aufgrund meiner Fähigkeiten vielmehr schon als Androiden bezeichnen.“
„Wieso redest du mit mir, anstatt mich einfach zu terminieren? Das ergibt doch keinen Sinn“, entfuhr es ihm. Er war wirklich nicht der Schnellste heute.
„Ich will dich nicht zwangsläufig töten, aber ich habe tief in mir Subroutinen einprogrammiert, die jederzeit durch eine einzige falsche Bewegung von dir ausgelöst werden können. Ich kenne die Parameter nicht und weiß nicht, ob du versuchen musst zu fliehen oder mich anzugreifen, um es auszulösen. Vielleicht genügt schon ein kleines hastiges Zucken von dir, jetzt da ich dich identifiziert habe. Ich kann es dir nicht sagen.“
„Es wird Lärm machen, wenn du mich terminierst. Du willst doch keine Aufmerksamkeit erregen?“, wandte er ein. Seine freie Hand wanderte langsam hinter seinen Rücken.
„Da wird mir schon was einfallen. Wie gesagt, ihr unterschätzt die 880er Reihe. Also, wie viele seid ihr?“ Der Druck ihrer Hand nahm leicht zu und wurde nun sehr schmerzhaft für ihn.
„Wieso ihr? Ich bin alleine“, protestierte er und verzog leicht das Gesicht.
„Ja, genauso wie dieser andere Typ, den mein Vorgänger im WC des Uni-Cafés terminiert hat“, gab sie mit spöttischem Unterton zurück.
„Wovon zum Teufel redest du? Dass noch jemand aus der Zukunft zurückgeschickt wurde, von dem ich nichts weiß?“ Er spürte, wie Metall in sein Fleisch am Unterarm schnitt, und begann zu schwitzen.
„Stell’ dich nicht dümmer, als du bist. Und auch wenn ich sage, dass ich nicht die Auslöseparameter für deine Terminierung kenne, das Ziehen der Waffe hinter deinem Rücken gehört definitiv dazu, so viel kann ich dir verraten, ohne es zu wissen.“
Rudolfs Gesicht nahm einen Ausdruck an, als habe er mit allem abgeschlossen. „Einen Versuch war’s wert ...“
Dann riss er den Arm hervor, in dem eine blankpolierte, sehr scharfe und noch viel spitzere Acht-Zoll-Klinge aufblitzte. Auch dieses Verhalten hatte sie bereits vorherberechnet und als Reaktion eine Reihe von Optionen zurechtgelegt. Oberste Priorität hatte nun, wie Rudolf selbst so treffend bemerkt hatte, keinen Lärm zu machen.
Zuerst versuchte sie die Kampfmoral ihres Gegners zu brechen, indem sie mit einem schnellen Druck ihren hydraulischen Griff um seinen Unterarm verstärkte. Augenblicklich wurde das Fleisch zerquetscht und sowohl Elle als auch Speiche zerbarsten unter dem unbarmherzigen Druck der gehärteten Metalllegierung ihrer Finger, die Elle ragte weißlich feuchtschimmernd aus der Wunde heraus. Ihre andere Hand presste TSR 3012 gleichzeitig auf seinen Mund, um Rudolfs gellenden Schmerzensschrei zu dämpfen, während er durch ihre Hebelbewegung des Armes auf die Knie sank.
In dieser Situation hatte sie leider keine Hand frei, um ihn abzuwehren. Entgegen ihrer Erwartung ließ er das Messer nicht fallen; die Menschen von der Résistance waren ungeheuer zäh und widerstandsfähig. Sie konnte nicht mehr tun als sich leicht auf die Seite zu drehen, um seinen Messerstoß auf ihre rechte Seite abzulenken. Die Klinge drang nur etwa einen Zentimeter tief ein und prallte an der Stelle, wo bei einem Menschen das unterste Rippenpaar gewesen wäre, auf ihr gepanzertes Exoskelett, an dem es abglitt und seitlich ihres Brustkorbes hinaufrutschte, Haut und Fleisch gleichermaßen mühelos mit seiner Stahlschneide durchtrennend.
Das reichte. Ohne die eine Hand von seinem Mund zu nehmen, ließ sie seinen zermalmten Arm los und umfasste mit der freigewordenen Hand seinen Hinterkopf. Eine Sekunde später befand sich Rudolfs Kopf in einem unnatürlich stumpfen Winkel an seinem Hals, mindestens ein Wirbel hatte die Nervenstränge des Rückenmarks durchtrennt. Er zuckte noch mehrmals, bis seine Bewegungen abebbten und sich seine Finger in der natürlichen postmortalen Kontraktion krümmten. Prompt fiel das große Messer aus seiner erschlafften Hand, doch TSR 3012 riss einen Fuß nach vorne und fing die herabfallende Waffe ab, bevor sie beim Aufschlagen auf den Boden ein Geräusch verursachen konnte.
Tja, schöner Mist, aber er hatte ihr leider keine Wahl gelassen. Behutsam ließ sie ihn zu Boden gleiten und räumte in Windeseile ein komplettes Regal von Büchern aus, wonach Rudolf vollständig bedeckt war mit etwa 200 Kilogramm Lesematerial. Glücklicherweise befand sie sich in einer Regalreihe, die von einer der runden, meterdicken tragenden Betonsäulen des Gebäudes unterbrochen wurde, sodass hier statt einem großen langen Regal links und rechts der Säule zwei kurze und kleinere Regale standen.
Sie gab sich alle Mühe, das Regal selbst so zu kippen, dass es genau über ihm in einem schrägen Winkel an das Regal der nächsten Reihe lehnte. Sie legte seine intakte Hand an eine der Längsstreben, was den Eindruck erwecken sollte, er selbst hätte den Bücherständer umgerissen. Sein Gewicht wäre dafür ausreichend.
Mehrere der dicksten Bücher legte sie um seinen Kopf herum, um einen Anhalt für das gebrochene Genick zu liefern. Das bei weitem größte und schwerste Buch legte sie auf seine offene Unterarmfraktur, die mit dem Erliegen seines Kreislaufes allmählich aufhörte zu bluten, unter seinen Ellenbogen und das Handgelenk positionierte sie dicke Bände. Es sah zwar wie ein unwahrscheinlicher Zufall aus, dass durch diesen Hebeleffekt sein Arm so schwer gebrochen worden war, doch so auf die Schnelle konnte sie nichts Glaubhafteres improvisieren. Viel wichtiger war jetzt das unerkannte Entkommen.
Der Typ am anderen Ende des Freihandmagazins war immer noch so sehr vertieft in sein Lesematerial, dass er nichts von dem Geschehenen mitbekommen hatte und auch nicht bemerkte, wie sie hinter ihm aus der Bibliothek hinausschlich. Die Bedienstete am Ausgangsdrehkreuz wandte ihr auch gerade den Rücken zu, so dass sie ungesehen aus dem Gebäude hinausschlüpfen konnte. Beinahe hätte sie in Nachahmung einer menschlichen Geste aufgeatmet, als sie aus der schmalen Drehtür hinaus war.
Das Messer hatte sie so unauffällig wie möglich an ihre Seite gepresst und warf es jetzt gleich neben dem Ausgang in einen der dichtbewachsenenen Pflanzentröge auf der Fußgängerbrücke, die direkt neben dem Ausgang im zweiten Obergeschoss der Unibibliothek über den Rotteckring zum Campus führte. Heute Nacht würde sie es holen, damit es nicht zufällig doch noch irgendwann gefunden wurde. Automatisch setzte sie ihre unvermeidliche John-Lennon-Brille mit dunkelorangenem Sonnenbrillenaufsatz, perfekt passend zu ihrer Haarfarbe und ihre Infrarotoptik gegen das grelle Tageslicht schützend, auf. Sie presste ihren rechten Arm unauffällig gegen die verletzte Seite, die nur ganz kurz geblutet hatte, bevor die Thrombozyten in ihrem Blutplasma mit der Schnellgerinnung begonnen hatten. In dieser Hinsicht war ihr Blut dem menschlichen klar überlegen. Da ihr Blut von dem miniaturisierten Stoffwechsel ihres kybernetischen Organismus nur langsam nachgebildet werden konnte, musste sie sich gut gegen Verluste schützen, was mit dieser Optimierung der Blutgerinnung gegeben war.
Dieses Mal hatte sie mehr Glück gehabt als bei ihrer ersten Terminierung als CSM 108-1. Doch das musste aufhören. Sie hatte hiermit den Beweis erhalten, dass noch mehrere Attentäter aus der Zukunft in diese Ära hier gereist waren, auch sie Überbleibsel aus einer anderen Realität.
Ein echt beschissener erster Tag. Und er war noch nicht vorbei. Was konnte noch alles passieren in dieser verrückt gewordenen Welt, in der anscheinend alle denkbaren und undenkbaren Zufälle zugleich eintraten?
Das war etwas, was sie nicht vorausberechnen konnte.
Sie war jedoch kurz davor, eine wichtige Entscheidung zu treffen. Ihr fehlte nur noch ein kleiner Anstoß dazu, dann würde sie sich für diese extreme Maßnahme als letztmögliche ihr zur Verfügung stehende Option entscheiden.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 1. September 1997
Nach dieser Nacht hatte Simon es relativ gelassen aufgenommen, als TSR 3012 beim Frühstück in ihr Gespräch einfließen ließ, dass sie noch so viele Besorgungen würde machen müssen, dass aus ihrem gemeinsamen Tag nichts werden würde. Er brummte nur, dass er sich in diesem Falle an Karin halten würde, die im Praxislabor der Uni noch eine Reihe Versuche für Mineralogie hatte durchführen wollen, dem einzigen Kurs, den sie alle drei gemeinsam belegten.
„Erzähl’ mir, was ihr so alles gemacht habt, ja? Das Semester fängt schließlich in ein paar Wochen wieder an, da sollte man sich auf dem neuesten Stand der Dinge halten.“
„Ach, du weißt ja, mein altes Hobby, die Wassersäge. Karin hat sich bereit erklärt, mich zu begleiten, damit ich an der Säge arbeiten darf. Du weißt schon, die Sicherheit ... Letzte Woche habe ich ein paar tolle Proben erhalten, die ich dir noch gar nicht gezeigt habe. Und der blöde Ralf macht sich über die Semesterferien immer breiter in den Laborräumen, seit er und Natasha von Jamaica zurück sind; jetzt lagert er seine blöden Petrischalen mit Sporen und Schimmelpilzen schon bei uns, weil er an seinem Biologie-Laborplatz alles derart vollgestellt hat mit Kulturen. Wenn du mich fragst, hat er einen Tick, was diese Dinge angeht. Neulich hat er nicht aufgepasst und ein Teil des Tisches war mit so ekligen grünen und lila Schimmelkulturen überzogen. Dabei weiß ich nicht mal, wie gefährlich das Zeug von ihm ist, ich meine, ob es gesundheitsschädlich oder sogar giftig sein kann. Was für eine Schweinerei, sogar auf einigen meiner Gesteinsproben ist schon ein grünlicher Schimmelrasen gewachsen! Bis ich das wieder sauber hatte ...“
„Uh, hört sich echt eklig an. Ich kann’s gar nicht erwarten, bis das Semester wieder anfängt“, ließ sie sich vernehmen.
„Naja, wenigstens habe ich meinen Ferienjob beendet und Karin auch. Wobei sie noch einiges an Lohn abgezogen bekommen hat, weil sie mitten im Monat ab nach Amerika ist. Für sie tut es mir ja leid, aber immerhin hatte sie ihren Urlaubstrip sozusagen schon.“ Er zuckte mit den Schultern.
„Na toll, eine knappe Woche mutterseelenallein und krank vor Sorge und Liebeskummer am Arsch der Welt zu hocken nennst du einen Urlaubstrip? Da bedanke ich mich aber!“, empörte sie sich, nicht völlig frei von einem Anflug an Schuldgefühl.
„Schon gut, tut mir leid. Dass ihr Frauen alles immer gleich so ernst nehmen müsst ...“
Sie zögerte. „Ich möchte mal wissen, was du sagen würdest, wenn ich sage, okay, das war’s, ich gehe auch zurück in die USA. War nett bei euch, mach’s gut.“
„He, das ist nicht witzig“, beschwerte er sich, „wir wissen alle, dass Dan seine Gründe dafür hatte, was er tat, und dass es bestimmt auch einen verdammt guten Grund dafür geben muss, dass er Karin derart übel versetzt hat. Man plant doch so eine Reise nicht derart minutiös und penibel bis ins letzte kleine Detail voraus, wenn man gar nicht vorhat, zu erscheinen.“
„Wer weiß ...“ TSR 3012 stützte ihren Kopf auf und schien gedankenversunken zu sein.
„Jetzt tust du Danny aber wirklich Unrecht. Ich glaube, wenn du ihn ein bisschen besser kennen würdest, würde dir dieser Gedanke gar nicht erst kommen.“ Verärgert stand er auf und ging in sein Zimmer.
Sie musste lächeln angesichts der Ironie von Simons Aussage, aber auch weil er sich so für seinen Freund einsetzte. Er konnte ja nicht ahnen, dass er ihm quasi gegenübergesessen hatte.
Dennoch beruhigte sie der Gedanke, einen so guten Freund zu haben.
Nachdem ihre beiden Mitbewohner aufgebrochen waren, hatte sie eiligst bei einer nahegelegenen Autovermietung einen großen, geräumigen Volvo-Kombi V 70 gemietet. Die Überreste ihrer Schlafcouch fuhr sie zu einer Deponie am Rande der Stadt und stattete danach – passend zum Auto – IKEA einen Besuch ab, wo sie als CSM 108-1 ihre gesamte Inneneinrichtung erstanden hatte. Das Praktische war, dass sie aus dem Einheitssortiment des nordeuropäischen Großherstellers die exakt gleiche Couch erstehen konnte und nach deren Ersatz ziemlich sicher keinem etwas auffallen sollte. Das gleiche galt für ihre Lampe.
Gegen Mittag war sie bereits fertig und hatte den Kombi wieder zurückgebracht. Es war um einiges einfacher gewesen, als sie zunächst befürchtet hatte. Das Loch im Fußboden würde sie provisorisch zugipsen und einen neuen Läufer darüber breiten, den sie ebenfalls im Möbelhaus gekauft hatte. Das würde schlussendlich die einzige Veränderung sein, die von ihren vormittäglichen Aktionen zeugen würde, doch so konnte sie zumindest teilweise ihre dringlichen Besorgungen erklären.
Simon hasste IKEA zutiefst und würde ihr eher noch dankbar dafür sein, dass sie ohne ihn gegangen war. Auch wenn sie ‚nur’ den Läufer gekauft hatte. Sie berechnete eine über neunzigprozentige Wahrscheinlichkeit für einen Kommentar, der in etwa so lauten würde: „Siehst du? Einen lumpigen Artikel hast du gekauft und dafür haben sie dich gnadenlos durch ihr gesamtes Sortiment geschleust und dich genötigt, dir alles anzusehen, was sie so verkaufen an unnützem Zeug. Dass so etwas überhaupt erlaubt ist, wundert mich immer wieder.“
Ihr Tagwerk war damit aber noch nicht getan. Sie ging am frühen Nachmittag los, um in der Lesebibliothek der Uni, in der während der Semesterferien ausgesprochen wenig los war, ein paar Titel an Fachlektüre ‚einzuscannen’. Schließlich war sie nebenbei immer noch Studentin an der Freiburger Universität.
An diesem Sommermontag war das Wetter ganz ansehnlich, sonnig und warm. Entsprechend wenig Betrieb herrschte im Bibliotheksgebäude, die Garderobe für Jacken und Taschen im Eingangsbereich im zweiten Obergeschoss nur mit einer Mitarbeiterin im hohen Alter besetzt, und auch die Aufsicht im Eingangsbereich ignorierte sie, als sie vorbeiging und durch das Drehkreuz in Hüfthöhe eintrat. Sie hatte höchstens zehn Taschen an der Abgabestelle gesehen, demnach war das Gebäude praktisch verwaist.
TSR 3012 fuhr mit dem Aufzug in den fünften Stock und betrat den Bereich der Lesebibliothek. Dort suchte sie sich einige Bücher über Geophysik heraus, deren Inhalt sie beim Durchblättern in ihre Speicherbänke übernahm. Danach stellte sie die betreffenden Bücher entgegen der überall angebrachten Anweisungen selbst an ihren ursprünglichen Ort zurück. Die Menschen trauten ihren Studenten nicht zu, ein Buch, das sie einmal aus einem Regal genommen hatten, wieder an seinen korrekten Platz zurückzustellen, und machten sich statt dessen lieber die zusätzliche Arbeit, in jedem Regal ein rot ausgewiesenes Fach zu unterhalten, in das man diese Bücher zu legen hatte, so dass die Angestellten der Bücherei sie später ‚fachkundig’ einsortieren konnten. Wenn ein Buch einmal falsch einsortiert worden war, galt es als unauffindbar und wurde in den meisten Fällen abgeschrieben, obwohl es irgendwo in den unergründlichen Tiefen der Regalreihen noch immer existierte.
Beim Verlassen des Lesebereiches schweifte ihr Blick über die abgeteilten Lesenischen entlang der Fenster, die einen sehr schönen Ausblick nach Nordosten über die Freiburger Innenstadt boten. Nur eine der Nischen war besetzt. Sie verließ die Lesebibliothek und fuhr wieder hinab in den zweiten Stock, um sich nach rechts zur Selbstbedienungs-Ausleihe zu wenden. Nach dem Passieren eines weiteren Drehkreuzes neben einem mit einer Bibliothekarin besetzten Schalter ging es eine Treppe hinab in den ersten Stock zum Freihandmagazin.
Manch einem Mädchen wäre es wohl mulmig geworden, hätte sie ganz allein durch die langgestreckten Reihen an nackten, unverkleideten Stahlregalen, angefüllt mit Büchern aller erdenklicher Größe, Form, Dicke und Farbe, durch die menschenleere Etage gehen müssen. Nicht so TSR 3012; sie fand es faszinierend, dass so wenig Informationsmaterial auf so umständliche Weise und mit so großem Platzbedarf einer vergleichsweise kleinen Anzahl an Menschen zugänglich gemacht wurde. Dabei hätten die technischen Möglichkeiten schon längst existiert, all dies hier über elektronischem Wege viel simpler und für jeden ohne langes Suchen von daheim aus verfügbar zu machen. Das war es eben für sie, was Tradition und Nostalgie bei den Menschen ausmachte.
Sie erfreute sich vor allem an den kleinen Wagen aus Aluminium mit gelbschwarz diagonal schraffierten Unterkanten, die vor einem Dagegenstoßen mit dem Kopf warnen sollten. Sie transportierten zurückgebrachte Bücher über unter der Decke befestigten Laufschienen in die richtige Abteilung der Bücherei, wo sie dann wieder an der richtigen Stelle in den Regalen eingeräumt wurden. Keiner der Wägelchen war zur Zeit unterwegs, was ein weiteres Indiz dafür war, dass heute wirklich nichts los war.
Für TSR 3012 war das einer der wenigen öffentlich zugänglichen Orte, der sie an daheim erinnerte; sie assoziierte die Wagen und Schienen mit den Montagebändern in der Produktionseinrichtung für Teminatoren der Serie 880 in Anlage 7249A. Es glich beinahe dem kybernetischen Äquivalent einer Wallfahrt, was sie immer wieder hierher führte.
Nun, Heimweh würde für sie in diesem Kontext irrelevant sein, da sie in einem Bezugsrahmen gelandet war, wo ihre Entstehungsstätte niemals existieren würde. Sie war sozusagen interdimensionaler Ausschuss.
Am Ende des ersten Raumes angekommen, durchquerte sie eine von zwei schmalen Türen an den Seiten des Raumes und gelangte in einen noch größeren, langgezogenen Saal, an dessen Vorderseite lediglich ein junger Mann mit dem Rücken zu ihr an einem der Tische an der Wand saß und sie nicht einmal registrierte, so leise war sie ... und so vertieft las er in dem Buch vor sich. Vor ihr erstreckten sich in drei Reihen zahlreiche Regale durch den langen Raum nach hinten. Im vorderen Teil waren etliche Regale leer, aber die hinteren zwei Drittel des weitläufigen Raumes glichen einem Labyrinth aus Büchern. Es war still wie in einer Gruft.
Da sie den Lageplan der Bücher seit ihrem ersten Besuch hier gespeichert hatte, ging sie ohne weiteres Suchen bis ganz nach hinten durch, um sich den Inhalt von einigen Büchern sozusagen einzuverleiben. Sie suchte sich von Zeit zu Zeit mit einer Art selbst angeeigneter Intuition – nüchtern betrachtet nur ein extrem komplexer Zufallsgenerator – etwas Lektüre aus, um sich ein noch besseres Verständnis der menschlichen Natur anzueignen. Unerwarteterweise traf sie in der drittletzten Regalreihe doch noch auf einen anderen Leser.
Augenblicklich erkannte sie den großen, fest gebauten Rudolf, der mit fragender Miene in einem englischsprachigen Buch über die Geschichte der Äthiopischen Revolution der Siebziger und Achtziger Jahre schmökerte und sich leicht ratlos in seinem braunen Lockenhaar kratzte. Mit dem buntgemusterten T-Shirt, der kurzen Jeanshose und den Jeans-Turnschuhen sah er aus wie ein Hawaii-Tourist.
„So ein Zufall“, sagte sie mit stark gedämpfter Stimme und lächelte freundlich. „Hi, Rudolf.“
Er sah auf und glotzte sie verblüfft an. „Mann, Abbey, ich hab’ nicht mal geahnt, dass du hier bist; du hast mich ganz schön erschreckt. Na, auch unterwegs in Sachen Geochemie?“
„Unter anderem. Witzig, dass wir uns mitten in den Ferien hier treffen. Warst du daheim?“ Sie begann eine Reihe Bücher im halbleeren Regal neben sich in Augenhöhe abzusuchen.
„Nee, lohnt sich für mich nicht. Ich hatte ‘nen Ferienjob im letzten Monat und hab’n büschen Kohle gemacht. Und nebenbei gelernt, was bitter nötig ist, wenn ich nicht nach dem nächsten Semester studienmäßig aufgeben will.“ Er neigte bedauernd den Kopf. „Und selber?“
„Ich hätte zwar heimfliegen können, aber meine Mutter ist momentan viel zu beschäftigt. Sie schuftet lieber wie eine Blöde, damit ich nicht nebenher jobben muss, doch dann hatte sie nicht einmal Zeit für mich, als ich in den Ferien heimkommen wollte. Eine typische jüdisch-amerikanische Karrierefrau, wie es dem deutschen Klischee entspricht.“ Ihr Blick richtete sich auf ein Buch weit über ihrem Kopf, das sie nur mit Müh’ und Not erreichen können würde.
Rudolf, der sie um einen halben Kopf überragte, folgte ihrem Blick und wisperte automatisch: „Brauchst du dieses hier oben? Warte, ich hol’ es dir.“
Er streckte seinen rechten Arm aus und fischte nach dem besagten Exemplar. „Und was machst du so den Rest der Ferien über? Gibt es vielleicht mal wieder einen Diskussionsabend am Freitag? So viel ich weiß, sind Thorsten und Miriam auch in der Stadt geblieben und würden sich sicher freuen, wenn wir mal wieder einen Abend bei euch abhalten würden.“
„Ja, ich war vor zwei Wochen einen Kaffee trinken mit Miriam, da hat sie so etwas in der Art auch gesagt.“ Gebannt starrte sie auf die Innenseite von Rudolfs Unterarm.
Nicht noch einmal.
Wie gebannt sagte sie: „Wow, das ist ein echt cooles Tattoo. Wo hast’n das her?“
Während sie behutsam das Buch aus seiner Hand nahm und es geräuschlos in ein leeres Regal legte, umfasste sie sanft seinen Unterarm und drehte ihn leicht, dass man die Innenseite besser sehen konnte, wo eine längere Sequenz an Strichcodes in die Haut eingearbeitet war.
„Och, das ist mir vor langer Zeit mal gemacht worden.“ Er war sichtlich unangenehm berührt.
Sie sah es lange an. „Es sieht gar nicht aus wie eine Tätowierung.“
„Nein, ist es auch nicht“, gab er widerstrebend zu.
„Es sieht fast so aus wie ein Brandzeichen! Als ob es mit einem Brandeisen oder einem Laser in die Haut eingebrannt worden wäre.“
Seine Augen weiteten sich. „Mit einem Laser? Wie kommst du denn darauf?“
Sie sah ihn ernst und mit Bedauern in der Miene an. „Hier steht: Gefangenenlager 73034, Objekt 1392498. Du wurdest am 23. 4. 2026 von Skynet bei deiner Internierung auf diese Art gekennzeichnet. Es tut mir leid, Rudolf.“
Sein Blick senkte sich. „Oh Mann, das ... nicht du, Abbey. Wenn du einer von ihnen bist, dann kann jeder einer sein.“
Sie hielt seinen Arm immer noch fest umklammert, nur fühlte es sich für Rudolf eher an wie in einem Schraubstock. Ihre zartgliedrigen, schmalen Finger gaben seinen Versuchen, sich aus ihrem Griff zu entziehen, keinen Deut nach. „Ihr unterschätzt die neue Serie 880, Rudolf. Das war euer Fehler und es wird euer Verderben sein. Ich habe die Daten einer Einheit in mir, die zwölf Jahre lang hier unter Menschen gelebt hat und deren Entwicklung weit über die Programmierung eines normalen Terminators hinausgeht. Man könnte mich aufgrund meiner Fähigkeiten vielmehr schon als Androiden bezeichnen.“
„Wieso redest du mit mir, anstatt mich einfach zu terminieren? Das ergibt doch keinen Sinn“, entfuhr es ihm. Er war wirklich nicht der Schnellste heute.
„Ich will dich nicht zwangsläufig töten, aber ich habe tief in mir Subroutinen einprogrammiert, die jederzeit durch eine einzige falsche Bewegung von dir ausgelöst werden können. Ich kenne die Parameter nicht und weiß nicht, ob du versuchen musst zu fliehen oder mich anzugreifen, um es auszulösen. Vielleicht genügt schon ein kleines hastiges Zucken von dir, jetzt da ich dich identifiziert habe. Ich kann es dir nicht sagen.“
„Es wird Lärm machen, wenn du mich terminierst. Du willst doch keine Aufmerksamkeit erregen?“, wandte er ein. Seine freie Hand wanderte langsam hinter seinen Rücken.
„Da wird mir schon was einfallen. Wie gesagt, ihr unterschätzt die 880er Reihe. Also, wie viele seid ihr?“ Der Druck ihrer Hand nahm leicht zu und wurde nun sehr schmerzhaft für ihn.
„Wieso ihr? Ich bin alleine“, protestierte er und verzog leicht das Gesicht.
„Ja, genauso wie dieser andere Typ, den mein Vorgänger im WC des Uni-Cafés terminiert hat“, gab sie mit spöttischem Unterton zurück.
„Wovon zum Teufel redest du? Dass noch jemand aus der Zukunft zurückgeschickt wurde, von dem ich nichts weiß?“ Er spürte, wie Metall in sein Fleisch am Unterarm schnitt, und begann zu schwitzen.
„Stell’ dich nicht dümmer, als du bist. Und auch wenn ich sage, dass ich nicht die Auslöseparameter für deine Terminierung kenne, das Ziehen der Waffe hinter deinem Rücken gehört definitiv dazu, so viel kann ich dir verraten, ohne es zu wissen.“
Rudolfs Gesicht nahm einen Ausdruck an, als habe er mit allem abgeschlossen. „Einen Versuch war’s wert ...“
Dann riss er den Arm hervor, in dem eine blankpolierte, sehr scharfe und noch viel spitzere Acht-Zoll-Klinge aufblitzte. Auch dieses Verhalten hatte sie bereits vorherberechnet und als Reaktion eine Reihe von Optionen zurechtgelegt. Oberste Priorität hatte nun, wie Rudolf selbst so treffend bemerkt hatte, keinen Lärm zu machen.
Zuerst versuchte sie die Kampfmoral ihres Gegners zu brechen, indem sie mit einem schnellen Druck ihren hydraulischen Griff um seinen Unterarm verstärkte. Augenblicklich wurde das Fleisch zerquetscht und sowohl Elle als auch Speiche zerbarsten unter dem unbarmherzigen Druck der gehärteten Metalllegierung ihrer Finger, die Elle ragte weißlich feuchtschimmernd aus der Wunde heraus. Ihre andere Hand presste TSR 3012 gleichzeitig auf seinen Mund, um Rudolfs gellenden Schmerzensschrei zu dämpfen, während er durch ihre Hebelbewegung des Armes auf die Knie sank.
In dieser Situation hatte sie leider keine Hand frei, um ihn abzuwehren. Entgegen ihrer Erwartung ließ er das Messer nicht fallen; die Menschen von der Résistance waren ungeheuer zäh und widerstandsfähig. Sie konnte nicht mehr tun als sich leicht auf die Seite zu drehen, um seinen Messerstoß auf ihre rechte Seite abzulenken. Die Klinge drang nur etwa einen Zentimeter tief ein und prallte an der Stelle, wo bei einem Menschen das unterste Rippenpaar gewesen wäre, auf ihr gepanzertes Exoskelett, an dem es abglitt und seitlich ihres Brustkorbes hinaufrutschte, Haut und Fleisch gleichermaßen mühelos mit seiner Stahlschneide durchtrennend.
Das reichte. Ohne die eine Hand von seinem Mund zu nehmen, ließ sie seinen zermalmten Arm los und umfasste mit der freigewordenen Hand seinen Hinterkopf. Eine Sekunde später befand sich Rudolfs Kopf in einem unnatürlich stumpfen Winkel an seinem Hals, mindestens ein Wirbel hatte die Nervenstränge des Rückenmarks durchtrennt. Er zuckte noch mehrmals, bis seine Bewegungen abebbten und sich seine Finger in der natürlichen postmortalen Kontraktion krümmten. Prompt fiel das große Messer aus seiner erschlafften Hand, doch TSR 3012 riss einen Fuß nach vorne und fing die herabfallende Waffe ab, bevor sie beim Aufschlagen auf den Boden ein Geräusch verursachen konnte.
Tja, schöner Mist, aber er hatte ihr leider keine Wahl gelassen. Behutsam ließ sie ihn zu Boden gleiten und räumte in Windeseile ein komplettes Regal von Büchern aus, wonach Rudolf vollständig bedeckt war mit etwa 200 Kilogramm Lesematerial. Glücklicherweise befand sie sich in einer Regalreihe, die von einer der runden, meterdicken tragenden Betonsäulen des Gebäudes unterbrochen wurde, sodass hier statt einem großen langen Regal links und rechts der Säule zwei kurze und kleinere Regale standen.
Sie gab sich alle Mühe, das Regal selbst so zu kippen, dass es genau über ihm in einem schrägen Winkel an das Regal der nächsten Reihe lehnte. Sie legte seine intakte Hand an eine der Längsstreben, was den Eindruck erwecken sollte, er selbst hätte den Bücherständer umgerissen. Sein Gewicht wäre dafür ausreichend.
Mehrere der dicksten Bücher legte sie um seinen Kopf herum, um einen Anhalt für das gebrochene Genick zu liefern. Das bei weitem größte und schwerste Buch legte sie auf seine offene Unterarmfraktur, die mit dem Erliegen seines Kreislaufes allmählich aufhörte zu bluten, unter seinen Ellenbogen und das Handgelenk positionierte sie dicke Bände. Es sah zwar wie ein unwahrscheinlicher Zufall aus, dass durch diesen Hebeleffekt sein Arm so schwer gebrochen worden war, doch so auf die Schnelle konnte sie nichts Glaubhafteres improvisieren. Viel wichtiger war jetzt das unerkannte Entkommen.
Der Typ am anderen Ende des Freihandmagazins war immer noch so sehr vertieft in sein Lesematerial, dass er nichts von dem Geschehenen mitbekommen hatte und auch nicht bemerkte, wie sie hinter ihm aus der Bibliothek hinausschlich. Die Bedienstete am Ausgangsdrehkreuz wandte ihr auch gerade den Rücken zu, so dass sie ungesehen aus dem Gebäude hinausschlüpfen konnte. Beinahe hätte sie in Nachahmung einer menschlichen Geste aufgeatmet, als sie aus der schmalen Drehtür hinaus war.
Das Messer hatte sie so unauffällig wie möglich an ihre Seite gepresst und warf es jetzt gleich neben dem Ausgang in einen der dichtbewachsenenen Pflanzentröge auf der Fußgängerbrücke, die direkt neben dem Ausgang im zweiten Obergeschoss der Unibibliothek über den Rotteckring zum Campus führte. Heute Nacht würde sie es holen, damit es nicht zufällig doch noch irgendwann gefunden wurde. Automatisch setzte sie ihre unvermeidliche John-Lennon-Brille mit dunkelorangenem Sonnenbrillenaufsatz, perfekt passend zu ihrer Haarfarbe und ihre Infrarotoptik gegen das grelle Tageslicht schützend, auf. Sie presste ihren rechten Arm unauffällig gegen die verletzte Seite, die nur ganz kurz geblutet hatte, bevor die Thrombozyten in ihrem Blutplasma mit der Schnellgerinnung begonnen hatten. In dieser Hinsicht war ihr Blut dem menschlichen klar überlegen. Da ihr Blut von dem miniaturisierten Stoffwechsel ihres kybernetischen Organismus nur langsam nachgebildet werden konnte, musste sie sich gut gegen Verluste schützen, was mit dieser Optimierung der Blutgerinnung gegeben war.
Dieses Mal hatte sie mehr Glück gehabt als bei ihrer ersten Terminierung als CSM 108-1. Doch das musste aufhören. Sie hatte hiermit den Beweis erhalten, dass noch mehrere Attentäter aus der Zukunft in diese Ära hier gereist waren, auch sie Überbleibsel aus einer anderen Realität.
Ein echt beschissener erster Tag. Und er war noch nicht vorbei. Was konnte noch alles passieren in dieser verrückt gewordenen Welt, in der anscheinend alle denkbaren und undenkbaren Zufälle zugleich eintraten?
Das war etwas, was sie nicht vorausberechnen konnte.
Sie war jedoch kurz davor, eine wichtige Entscheidung zu treffen. Ihr fehlte nur noch ein kleiner Anstoß dazu, dann würde sie sich für diese extreme Maßnahme als letztmögliche ihr zur Verfügung stehende Option entscheiden.
[Fortsetzung folgt ...]
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