Dienstag, 13. Februar 2007
T1.68
[... Fortsetzung des Buches]

John F. Kennedy Int’l Airport, New York, USA - 2. September 1997

Sie waren unbehelligt durch die Zoll- und Gepäckkontrollen gekommen und hatten den Expresszug A nach Manhattan genommen. Durch die Zeitverschiebung war es in New York noch früher Morgen. Die Strecke führte bis fast nach Queens hoch und dann über Brooklyn nach South Manhattan. Sie sahen auch die Manhattan und die Brooklyn Bridge, bevor die Bahn in den Tunnel unter den East River einfuhr. Sie verließen die Metro an der Penn Station in der 34th West, nur sieben Blocks von ihrem Ziel entfernt. Von dort nahmen sie eines der berühmten gelben New Yorker Taxis, dessen schiere Ausmaße allein die beiden Europäer zum Staunen brachten.
Sie hielten schließlich nach einer zehnminütigen Stop-and-go-Fahrt in der 28th West zwischen der Ninth und der Tenth Avenue mitten in Chelsea an der West Side. Südlich der Straße lag der beschauliche, pittoreske Chelsea Park, von dem Daniel Karin schon oft erzählt hatte. TSR 3012 war heilfroh, dass CSM 108-1 Karin die Adresse damals mitgeteilt hatte, in dem sicheren Wissen, dass sie selbst ohnehin nie hierher gekommen wäre.
Sie standen vor einem hübschen, weiß gestrichenen Häuschen im viktorianischen Stil oder dem, was die Amerikaner an der Ostküste dafür hielten, denn es war wie auch die anderen ähnlich gebauten Häuser in dieser Straßenzeile den New Yorker Bedürfnissen gemäß fünf Stockwerke hoch, mit Ziersimsen über jedem Fenster und an der Dachkante. Aber davon abgesehen war es wirklich sehr ansehnlich und gemütlich, mit einem Erker in der Mitte des Gebäudes, einem gepflegten Vorgarten und einem ebenfalls weiß gestrichenen, hüfthohen Lattenzaun. Letzterer war natürlich für diverse Sprayer ein unwiderstehliches Ziel gewesen, aber in dieser Stadt war das wohl irgendwie unumgänglich, dachte Karin, als sie ihre Koffer herein brachten.
Dummerweise war Daniels Apartment nur mit einem großen Zimmer, einer engen Küche und einem kleinen Bad ohne Dusche, aber mit einer alten schmiedeeisernen Wanne, ausgerüstet. Noch während Karin überlegte, wie sie hier drinnen zu dritt klarkommen sollten, erklärte TSR 3012: „Ihr werdet euch dieses Zimmer für die paar Tage, die ich weg bin, teilen müssen. Wir könnten euch natürlich auch in einem der feinen Hotels unterbringen, aber ich möchte ehrlich gesagt vermeiden, dass eure Personalien irgendwo elektronisch registriert werden. Dafür habe ich mir zu viel Mühe beim Verwischen eurer Spuren gemacht.“
„Was meinst du denn damit?“, wollte Simon neugierig wissen.
„Naja, ich habe von hier aus Anschlussflüge für uns nach Los Angeles und weiter nach Hawaii gebucht, um eventuelle ‚Bluthunde’, die per Computer unsere Spur aufnehmen wollen, zu verwirren. Natürlich werden wir diese Flüge nicht antreten, aber das lässt sich nicht ganz so einfach herausfinden wie die Reservierung der Flüge an sich. Mit ein wenig Glück wähnen unsere Verfolger uns auf Honolulu, während ihr hier in New York seid und ich Daniel hole. Wir müssen aber zuerst noch kurz in die Stadt, um Passfotos anzufertigen, danach werde ich mich auf den Weg machen und einen Inlandsflug nach Süden buchen. Daniels Aufenthaltsort ist sehr abgelegen, deshalb kann es drei bis vier Tage dauern, bis wir beide zurück sind. Aber diese Zeit brauchen wir ohnehin. Alles klar?“
„Was sollen wir denn solange hier anfangen?“, fragte Karin unsicher.
TSR 3012 sah sie an und protestierte: „Also, hör mal, du bist in NY! Ihr beide seid ganz normale Touristen, klar? Vor allem du, Karin, als berüchtigte Shopping-Tussi, wirst hier wohl für ein paar Tage etwas zu tun finden, oder etwa nicht? Seht euch vielleicht erst mal das World Trade Center an, das ist nicht so weit von hier und die untersten fünf Stockwerke bestehen aus einem einzigen gigantischen Einkaufszentrum. Das ganze Gebäude ist wie eine kleine Stadt für sich. Ihr müsst unbedingt ins Restaurant in der Turmspitze zum Essen. Es ist zwar schweineteuer, aber den Ausblick aus dem 107. Stock werdet ihr nicht so schnell vergessen. Allein in und um die Twin Towers herum kann man locker einen ganzen Tag vertrödeln.
Seht euch Liberty Island mit der Freiheitsstatue an, das Empire State Building, die Brücken, den Central Park ... ich weiß gar nicht, warum ich euch das alles erzähle, ihr seid schließlich keine Hinterwäldler. Naja, streng genommen von eurem Heimatort her schon, aber ihr wisst schon, was ich meine ... aber bleibt auf jeden Fall immer zusammen und verliert euch nicht aus den Augen. Nicht durch irgendwelche Seitenstraßen laufen, auch wenn es nach einer Abkürzung aussieht. Bleibt nach Möglichkeit in Lower Manhattan und kommt bloß nicht auf die geniale Idee, eine Besichtigungstour durch Harlem, Queens oder die Bronx zu machen. Wir brauchen euch an einem Stück, nicht filettiert. Ist diese Warnung deutlich genug?“
„Wir bleiben einfach hier und lassen uns Pizza kommen, bis du wieder da bist“, entgegnete Simon und grinste.
„Schon gut, so sehr wollte ich euch die Stadt nicht vermiesen. Aber ihr habt mich schon verstanden, denke ich: einfach keine unnötigen Risiken eingehen, wenn es sich vermeiden lässt. Die Gegend hier zum Beispiel ist relativ ungefährlich, hier könnt ihr zumindest tagsüber in und rund um den Park gefahrlos spazieren gehen. Es gibt an der Ninth und Tenth Avenue, den beiden großen Querstraßen an den nächsten Ecken, viele nette Coffeeshops und Restaurants aller Couleur, wo ihr euch nahrungsmitteltechnisch über Wasser halten könnt, okay?“
„Warum kaufen wir nicht einfach in einem Supermarkt etwas ein und kochen uns selbst etwas?“, schlug Karin vor.
„Bis ihr als Europäer mit einem gewissen Anspruch an Ernährung herausgefunden habt, was in Amerika ess- und vor allem genießbar ist, sind wir längst wieder daheim. Ich wollte es euch nur leichter machen, aber wenn ihr unbedingt wollt, könnt ihr euch natürlich gerne auch selbst versorgen.“
„Schon gut, mir ist bereits die Lust vergangen“, winkte Simon ab.



Sie fuhren mit der U-Bahn zum nächsten großen Mall in der Innenstadt, wo TSR 3012 sie beide in einen Passbildautomaten verfrachtete und die Ergebnisse prüfenden Auges betrachtete, bevor sie von sich selbst noch Bilder machte, was eine Spur länger dauerte, da sie noch – unbemerkt von ihren Schützlingen – die vorbereitete rote Klebefolie zum Schutz ihrer Optik über den Blitz kleben musste. Dann ging es weiter zum nächsten Bankautomaten.
„Wozu brauchst du denn Passbilder von uns?“, wollte Karin wissen. „Damit du uns nicht so vermisst?“
„Für die gefälschten Ausweise, mit denen wir zurückreisen werden, was denn sonst?“, war TSR 3012’s Antwort, begleitet von einem Achselzucken.
„Du meinst das ernst, oder?“ Simon beobachtete seine Freundin, wie sie ihre seltsam schillernde Kreditkarte in das Eingabefach des Geldautomaten hineinschob.
„Klar. Wir sind hier in den Staaten, Süßer. Hier gehen schon die Sechzehnjährigen mit gefälschten Ausweisen in die Disco oder die Kneipe zum Saufen, was sie eigentlich erst mit einundzwanzig dürften. Einen wirklich gut gemachten Ausweis mit Angaben deiner Wahl erhältst du in New York innerhalb von ein paar Tagen, wenn du weißt, wo du hin musst. In der Zeit, in der die IDs gemacht werden, hole ich Daniel ab. Wir alle werden unter falschem Namen zurück nach Europa fliegen. Dabei fällt mir ein: Hat einer von euch ein Bild von Daniel dabei? Karin? Das würde die Wartezeit verkürzen, bis wir zurückfliegen können.“
„Leider kein Passfoto“, verneinte Karin.
Abbey tippte eine Zahlenfolge in den Nummernblock des Automaten. „Nun gut, was soll’s ... vielleicht ist es sogar besser, wenn ein paar Tage mehr verstreichen, bis wir wieder zurückkehren. Es könnte haarig werden, wenn wir erst mal wieder in Freiburg sind.“
Karin musste schlucken.
Dann wurden ihre Augen groß, als der Bankautomat sein Ausgabefach öffnete und einen dickeren Stapel Banknoten ausspuckte. Ohne große Umschweife gab TSR 3012 ihren beiden Begleitern einen Teil des Geldstapels, der zumeist aus Zwanzigern und Fünfzigern bestand. „Hier, aber überlegt euch gut, wo ihr die Fünfziger einwechselt. Das sollte euch für die Dauer eures Aufenthaltes reichen.“
„Ich dachte, du kennst Karins Einkaufsgewohnheiten allmählich“, gab Simon zu bedenken. Worauf sie ihn auf die Schulter boxte.
„Für diese Frechheit wirst du mir von deinem Geld was leihen, falls meines nicht ausreicht!“
„Träum’ ruhig weiter, Prinzessin.“
TSR 3012 lachte. „Hier sind noch zwei Fünfziger mehr, Karin, aber das ist nun wirklich genug. Ihr solltet auch nicht durch übertriebenes Geldausgeben oder extrem kostspielige Kleidung auffallen.“
Karin knirschte mit den Zähnen. „Schon gut, hab’ verstanden. Kein Kaufrausch.“
„Dann ist ja gut. Simon, du passt mir auf sie auf, damit sie angesichts der Möglichkeiten, die sich ihr hier in der Wiege des Kapitalismus eröffnen, nicht in Versuchung gerät.“
„Ich bin nicht kaufsüchtig, Abbey, okay? Wir sehen uns nur ein bisschen die Stadt an.“ Karin hob trotzig ihr Kinn und fixierte sie aus ihren hellbraunen Augen.
„Also gut. Meint ihr, ihr findet von hier aus zurück zur Wohnung? Ihr habt euch die U-Bahn-Station gemerkt, wo ihr aussteigen müsst? Reserveschlüssel?“
Simon hob seine linke Hand, in der der kleine Schlüssel aufblitzte. „Wir kommen schon zurecht, Abbey. Geh’ du nur und hol uns unseren Daniel zurück, dann sind wir vollauf zufrieden.“
„Bin schon unterwegs.“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand dann im Gewühl der Leute, die durch die helle, zweistöckige Passage strömten.
Karin sah Simon mit einem leicht flauen Gefühl im Magen an. „Und was wollen wir jetzt machen?“
„Ich habe Hunger. Lass uns zu dieser Food Corner gehen, an der wir vorhin vorbei gelaufen sind.“ Simon hakte sie demonstrativ unter und dirigierte sie in die entsprechende Richtung. Sie ließ ihn gewähren, denn für sie war diese kleine Geste von ihm ein Zeichen dafür, dass sie beide durch die höchst ungewöhnlichen Umstände und die Dinge, die ihnen zur Zeit widerfuhren, verbunden waren.

[Fortsetzung folgt ...]

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