Donnerstag, 15. Februar 2007
T1.71
cymep, 11:20h
[... Fortsetzung des Buches]
Chelsea, Manhattan Island, New York City, USA - 3. September 1997
Karin und Simon saßen zusammengezwängt auf dem kleinen Sofa im Apartment und sahen fern. Sie waren sich dabei keineswegs einig über das Programm.
Er nölte: „Och, bitte, Karin, das kannst du mir nicht antun. Das hier ist eine brandneue Episode von Deep Space Nine, die kommt bei uns erst nächstes Jahr im Fernsehen. Und wann hat man schon mal die Chance, so was im Originalton anzusehen? Unsere blöden Privatsender sind ja alle zu geizig, um irgendwas im Zweikanalton auszustrahlen. Die machen einfach Fernsehen am Zuschauer vorbei und sind nur am Profit aus Werbeeinnahmen interessiert.“
Sie strich sich über die Wangen ihres schmalen Gesichtes zum leicht spitz auslaufenden Kinn hinab und stimmte widerwillig zu: „Ja gut, das stimmt schon. Vor allem dein heißgeliebter selbsternannter Star Trek-Sender wird noch von einem Konkurrenten aufgekauft, wenn er so weitermacht.“
Er nickte nur und konzentrierte sich wieder auf die Dialoge, die dummerweise mit einem Haufen Technik-Gebabbel gespickt waren, was es nicht gerade leichter machte, einen Sinn herauszuextrahieren.
Ein wenig missmutig sah sie auf die Uhr. „Dabei ist es Abend in New York, der Stadt, die niemals schläft. Wir sollten unterwegs auf der Piste sein, statt hier herumzuhocken.“
„Du weißt doch, was Abbey gesagt hat. ‚We’re supposed to keep a low profile.’ Das sollten wir beachten, oder bist du es schon leid, überlebt zu haben?“ Ein wenig missmutig sah er zu ihr herüber.
„Tut mir leid.“ Sie lehnte sich ein wenig an ihn und schloss die Augen. „Mir kommt das alles so unreal vor. Wir wissen noch nicht einmal, wie es mit uns weitergehen soll. Werden wir unser altes Leben überhaupt wieder aufnehmen können oder von jetzt an ständig auf der Flucht sein?“
„Du darfst das nicht so schwarz sehen. Mir tun vor allem unsere Familien leid. Meine Mutter hättest du hören sollen, als ich ihr am Telefon sagte, wir wären ‚spontan’ nach Amerika zu einem Kurzurlaub aufgebrochen.“ Er sah sie an, worauf sie sorgenvoll nickte.
„Bei mir war’s auch nicht viel besser. Aber du weißt ja, Eltern machen sich immer viele Sorgen. Wir sollten nur auf uns selbst Acht geben, dann wird schon alles gut ausgehen.“
In diesem Moment hörten sie, wie jemand sich an der Wohnungstür zu schaffen machte.
Sofort war Karin auf den Beinen und stürmte zur Tür hin, gerade als diese aufging.
„Danny!“ Überglücklich fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn lange. Dabei liefen ihr Tränen der Freude über die Wangen, die er sanft abwischte, als sie endlich von ihm abließ.
„Hallo, mein Schatz. Hast du mich vermisst?“
„Immer noch derselbe alte Mistkerl! Wonach sah das eben denn aus?“ Sie lachte und weinte gleichzeitig.
Er umarmte sie nochmals lange. „Schön, dass ihr da seid. Bitte verzeih’ mir die Story, die ich dir zur Deckung auftischen musste. Und natürlich auch, dass ich nicht zu unserem Treffen in Oregon kommen konnte. Ich war sozusagen ausgeschaltet zu dieser Zeit. Ist es eigentlich gefährlich geworden für euch?“
Sie lächelte nur noch schwach. „Ein wenig. Einmal ist auf uns geschossen worden. Wer hätte auch so etwas ahnen können?“
Er wurde ernst. „Offenbar nicht einmal Abbey oder ich. Es tut mir leid, dass ich euch über meine Identität im Unklaren lassen musste. Manchmal spielt einem das Leben seltsame Streiche, das kannst du mir glauben. Ich bin jedenfalls aus allen Wolken gefallen, als sich Abbey mir zu erkennen gegeben hat.“
Nun lächelte sie wieder. „Kann ich mir gut vorstellen, wir waren selbst alle total baff. Aber wie geht es denn jetzt weiter mit uns, jetzt wo du da bist?“
TSR 3012 antwortete für ihn: „Ganz einfach: Wir besorgen noch einen falschen Ausweis für Daniel und schleichen uns dann auf Zehenspitzen zurück nach Europa. Und zwar ganz langsam und vorsichtig. Je näher wir Freiburg kommen, desto gefährlicher wird es für uns. Unser einziger Trumpf ist momentan Daniel, da er nicht direkt mit uns in Verbindung gebracht werden kann.“
„So sicher können wir uns da auch nicht sein. Schließlich habe ich auch mit euch zusammen gewohnt. Und nur weil ich für ein halbes Jahr verschwunden war, heißt das nicht, dass es nicht verdächtig ist, wenn ich ausgerechnet jetzt wieder auftauche und sondiere.“
TSR 3012 schien einen Moment lang zu überlegen. Dann fragte sie: „Hat einer von euch eine EC-Karte?“
Beide bejahten, worauf sie fortfuhr: „Um welchen Betrag könnt ihr eure Konten überziehen?“
Sie nannten ihr die möglichen Summen, worauf TSR 3012 meinte: „Wir werden auf elektronischem Weg eine falsche Fährte legen, die den Verdacht eventueller Verfolger erhärten wird, dass wir uns auf Hawaii befinden. Ich werde mit euren Namen und Kartennummern auf einer Bank in Honolulu Bargeldabhebungen arrangieren, die es aussehen lassen, als würdet ihr eure Kreditrahmen bis zum äußersten Limit belasten, als ob ihr aus eurem bisherigen Leben aussteigen wolltet und nicht damit rechnen würdet, jemals nach Deutschland zurückzukehren.
Kann ich noch von einem von euch einen Führerschein haben?“
Simon zuckte nur bedauernd mit den Schultern, aber Karin zog ihre Brieftasche hervor. „Hier, ich habe einen Führerschein.“
TSR 3012 besah ihn sich kurz und steckte ihn dann ein. „Danke, du bekommst ihn zurück, sobald ich aus dem nächsten Internet-Café zurück bin. Ich werde dir ein Strafmandat für zu schnelles Fahren auf deine Führerscheinnummer und deinen Namen ins Register der Polizei von Honolulu eintragen, Bußgeld bar bezahlt und ad acta gelegt. Für jemand, der nach deinen Personalien sucht, wird es den Anschein haben, als seist du mit einem gemieteten Wagen beim unabsichtlichen Rasen auf Hawaii erwischt worden.“
„Das könnt ihr alles machen?“, staunte Simon.
„Nein, nur ich“, entgegnete TSR 3012, worauf CSM 108-1 empört aufkeuchte.
„He, erzähl’ ihnen doch keine Märchen! Ich könnte das genauso gut, nur damit das klar ist! Für wen hältst du dich? Mata Hari?“
Sie lachte. „War nur Spaß. Ich werde jetzt losgehen und nach unseren Ausweisen sehen. Hofft mit mir, dass sie schon da sind, denn dann können wir uns zwei nette Doppelzimmer im Hyatt nehmen. Unter unseren richtigen Namen möchte ich keinesfalls irgendwo absteigen, wo ein Computer an der Rezeption steht.“
„Was ist mit irgendwelchen kleinen netten Gästehäusern, die von der pensionierten Tante Emma auf privater Basis und die gute altmodische Weise geführt werden? So was wird es doch wohl irgendwo noch geben in oder rund um New York“, schlug Karin vor.
CSM 108-1 sah sie überrascht an. „Ich finde, sie hat recht. Wenn unsere Papiere noch nicht soweit sind, wäre das doch eine Option. Wir müssten jedenfalls nicht zu viert wie die Ölsardinen zusammengequetscht hier hausen. Was meinst du, Abbey?“
„Klingt vernünftig. Wenn unsere Ausweise noch nicht fertig sind, machen wir es von mir aus so.“
[Fortsetzung folgt ...]
Chelsea, Manhattan Island, New York City, USA - 3. September 1997
Karin und Simon saßen zusammengezwängt auf dem kleinen Sofa im Apartment und sahen fern. Sie waren sich dabei keineswegs einig über das Programm.
Er nölte: „Och, bitte, Karin, das kannst du mir nicht antun. Das hier ist eine brandneue Episode von Deep Space Nine, die kommt bei uns erst nächstes Jahr im Fernsehen. Und wann hat man schon mal die Chance, so was im Originalton anzusehen? Unsere blöden Privatsender sind ja alle zu geizig, um irgendwas im Zweikanalton auszustrahlen. Die machen einfach Fernsehen am Zuschauer vorbei und sind nur am Profit aus Werbeeinnahmen interessiert.“
Sie strich sich über die Wangen ihres schmalen Gesichtes zum leicht spitz auslaufenden Kinn hinab und stimmte widerwillig zu: „Ja gut, das stimmt schon. Vor allem dein heißgeliebter selbsternannter Star Trek-Sender wird noch von einem Konkurrenten aufgekauft, wenn er so weitermacht.“
Er nickte nur und konzentrierte sich wieder auf die Dialoge, die dummerweise mit einem Haufen Technik-Gebabbel gespickt waren, was es nicht gerade leichter machte, einen Sinn herauszuextrahieren.
Ein wenig missmutig sah sie auf die Uhr. „Dabei ist es Abend in New York, der Stadt, die niemals schläft. Wir sollten unterwegs auf der Piste sein, statt hier herumzuhocken.“
„Du weißt doch, was Abbey gesagt hat. ‚We’re supposed to keep a low profile.’ Das sollten wir beachten, oder bist du es schon leid, überlebt zu haben?“ Ein wenig missmutig sah er zu ihr herüber.
„Tut mir leid.“ Sie lehnte sich ein wenig an ihn und schloss die Augen. „Mir kommt das alles so unreal vor. Wir wissen noch nicht einmal, wie es mit uns weitergehen soll. Werden wir unser altes Leben überhaupt wieder aufnehmen können oder von jetzt an ständig auf der Flucht sein?“
„Du darfst das nicht so schwarz sehen. Mir tun vor allem unsere Familien leid. Meine Mutter hättest du hören sollen, als ich ihr am Telefon sagte, wir wären ‚spontan’ nach Amerika zu einem Kurzurlaub aufgebrochen.“ Er sah sie an, worauf sie sorgenvoll nickte.
„Bei mir war’s auch nicht viel besser. Aber du weißt ja, Eltern machen sich immer viele Sorgen. Wir sollten nur auf uns selbst Acht geben, dann wird schon alles gut ausgehen.“
In diesem Moment hörten sie, wie jemand sich an der Wohnungstür zu schaffen machte.
Sofort war Karin auf den Beinen und stürmte zur Tür hin, gerade als diese aufging.
„Danny!“ Überglücklich fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn lange. Dabei liefen ihr Tränen der Freude über die Wangen, die er sanft abwischte, als sie endlich von ihm abließ.
„Hallo, mein Schatz. Hast du mich vermisst?“
„Immer noch derselbe alte Mistkerl! Wonach sah das eben denn aus?“ Sie lachte und weinte gleichzeitig.
Er umarmte sie nochmals lange. „Schön, dass ihr da seid. Bitte verzeih’ mir die Story, die ich dir zur Deckung auftischen musste. Und natürlich auch, dass ich nicht zu unserem Treffen in Oregon kommen konnte. Ich war sozusagen ausgeschaltet zu dieser Zeit. Ist es eigentlich gefährlich geworden für euch?“
Sie lächelte nur noch schwach. „Ein wenig. Einmal ist auf uns geschossen worden. Wer hätte auch so etwas ahnen können?“
Er wurde ernst. „Offenbar nicht einmal Abbey oder ich. Es tut mir leid, dass ich euch über meine Identität im Unklaren lassen musste. Manchmal spielt einem das Leben seltsame Streiche, das kannst du mir glauben. Ich bin jedenfalls aus allen Wolken gefallen, als sich Abbey mir zu erkennen gegeben hat.“
Nun lächelte sie wieder. „Kann ich mir gut vorstellen, wir waren selbst alle total baff. Aber wie geht es denn jetzt weiter mit uns, jetzt wo du da bist?“
TSR 3012 antwortete für ihn: „Ganz einfach: Wir besorgen noch einen falschen Ausweis für Daniel und schleichen uns dann auf Zehenspitzen zurück nach Europa. Und zwar ganz langsam und vorsichtig. Je näher wir Freiburg kommen, desto gefährlicher wird es für uns. Unser einziger Trumpf ist momentan Daniel, da er nicht direkt mit uns in Verbindung gebracht werden kann.“
„So sicher können wir uns da auch nicht sein. Schließlich habe ich auch mit euch zusammen gewohnt. Und nur weil ich für ein halbes Jahr verschwunden war, heißt das nicht, dass es nicht verdächtig ist, wenn ich ausgerechnet jetzt wieder auftauche und sondiere.“
TSR 3012 schien einen Moment lang zu überlegen. Dann fragte sie: „Hat einer von euch eine EC-Karte?“
Beide bejahten, worauf sie fortfuhr: „Um welchen Betrag könnt ihr eure Konten überziehen?“
Sie nannten ihr die möglichen Summen, worauf TSR 3012 meinte: „Wir werden auf elektronischem Weg eine falsche Fährte legen, die den Verdacht eventueller Verfolger erhärten wird, dass wir uns auf Hawaii befinden. Ich werde mit euren Namen und Kartennummern auf einer Bank in Honolulu Bargeldabhebungen arrangieren, die es aussehen lassen, als würdet ihr eure Kreditrahmen bis zum äußersten Limit belasten, als ob ihr aus eurem bisherigen Leben aussteigen wolltet und nicht damit rechnen würdet, jemals nach Deutschland zurückzukehren.
Kann ich noch von einem von euch einen Führerschein haben?“
Simon zuckte nur bedauernd mit den Schultern, aber Karin zog ihre Brieftasche hervor. „Hier, ich habe einen Führerschein.“
TSR 3012 besah ihn sich kurz und steckte ihn dann ein. „Danke, du bekommst ihn zurück, sobald ich aus dem nächsten Internet-Café zurück bin. Ich werde dir ein Strafmandat für zu schnelles Fahren auf deine Führerscheinnummer und deinen Namen ins Register der Polizei von Honolulu eintragen, Bußgeld bar bezahlt und ad acta gelegt. Für jemand, der nach deinen Personalien sucht, wird es den Anschein haben, als seist du mit einem gemieteten Wagen beim unabsichtlichen Rasen auf Hawaii erwischt worden.“
„Das könnt ihr alles machen?“, staunte Simon.
„Nein, nur ich“, entgegnete TSR 3012, worauf CSM 108-1 empört aufkeuchte.
„He, erzähl’ ihnen doch keine Märchen! Ich könnte das genauso gut, nur damit das klar ist! Für wen hältst du dich? Mata Hari?“
Sie lachte. „War nur Spaß. Ich werde jetzt losgehen und nach unseren Ausweisen sehen. Hofft mit mir, dass sie schon da sind, denn dann können wir uns zwei nette Doppelzimmer im Hyatt nehmen. Unter unseren richtigen Namen möchte ich keinesfalls irgendwo absteigen, wo ein Computer an der Rezeption steht.“
„Was ist mit irgendwelchen kleinen netten Gästehäusern, die von der pensionierten Tante Emma auf privater Basis und die gute altmodische Weise geführt werden? So was wird es doch wohl irgendwo noch geben in oder rund um New York“, schlug Karin vor.
CSM 108-1 sah sie überrascht an. „Ich finde, sie hat recht. Wenn unsere Papiere noch nicht soweit sind, wäre das doch eine Option. Wir müssten jedenfalls nicht zu viert wie die Ölsardinen zusammengequetscht hier hausen. Was meinst du, Abbey?“
„Klingt vernünftig. Wenn unsere Ausweise noch nicht fertig sind, machen wir es von mir aus so.“
[Fortsetzung folgt ...]
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