Freitag, 16. Februar 2007
T1.72
[... Fortsetzung des Buches]

Greenwich, Fairfield County, Connecticut, USA - 4. September 1997

Die Ausweise waren nicht fertig geworden. Dummerweise war es bereits zu spät geworden, um noch mit der Suche nach einem annehmbaren Privatquartier zu suchen, weshalb sie sich zum Leidwesen von Karin und Simon dazu entschlossen, die Nacht notgedrungen hier zu verbringen, um dafür bereits morgen früh mit der Suche nach einer netten Pension außerhalb New Yorks zu beginnen. TSR 3012 hatte auch schon im Internet diverse Angebote und Beschreibungen einer ganzen Anzahl von Möglichkeiten gesichtet, weshalb sie nicht lange und umständlich suchen mussten.
Sie mieteten einen Pontiac Trans Sport, in dem sie es sich alle gemütlich machen konnten. Der Verleiher führte ein sauberes, aber traditionell geführtes Privatgeschäft ohne Vernetzung, weshalb CSM 108-1 ohne größere Bedenken seinen Fahrausweis vorlegen und mit Karte – mit TSR 3012’s Karte natürlich, weil diese nach jeder Benutzung die Bank und Kontonummer änderte – zahlen konnte. Außerdem war er schließlich offiziell seit einem halben Jahr in New York City, weshalb er als Fahrzeuglenker am unauffälligsten war.
Fasziniert sah er draußen auf dem Abstellplatz der Fahrzeuge verstohlen zu, wie aus der Diner’s Club einen Moment lang ein flaches Rechteck aus scheinbar flüssigem Quecksilber zu werden schien und sich gleich darauf die Farben und Formen einer American Express herausbildeten. Die anderen waren inzwischen in den silbergrauen, stromlinienförmigen Van eingestiegen und warteten schon auf ihn.
Sie fuhren nach Nordosten auf dem East River Drive, dem Bruckner Expressway und stießen schließlich auf den New England Thruway, dem sie bis zur Staatsgrenze nach Connecticut folgten. Kurz nach der Staatengrenze erreichten sie die Kleinstadt Greenwich, wo sie direkt am Ufer des Long Island Sound eine nette Pension fanden, die noch freie Zimmer hatte. Es war ein langes Holzhaus in der typischen leichten Bauweise, wie sie in den ganzen USA millionenfach anzutreffen waren, weiß gestrichen mit einer durchgängigen Veranda im Erdgeschoss und einem Obergeschoss, dessen Zimmer alle Dachschrägen und kleine Gauben für die Fenster hatten.
Die Betreiber, ein Ehepaar mittleren Alters, gab sich sehr freundlich und diskret. Sie hielten sie wohl für zwei befreundete Paare, die sich ein paar nette Tage draußen vor den Toren der Stadt machen wollten.
Karin ließ sich auf ihr weiches, mit blendend weißem Leinen bezogenes Bett fallen und sah hinaus auf die Bucht, in der zwei kleine Inseln und in weiter Ferne, nur verschwommen erkennbar im Dunst des Neuengland-Herbstes, die Küstenlinie von Long Island erkennbar waren. Sie holte tief Luft und schloss die Augen. „Ah, das tut so gut, endlich einmal die Seele baumeln zu lassen nach dem ganzen Stress.“
Er beugte sich über sie und zog ihr dünnes schwarzes Sweatshirt ein wenig hoch, um sie sanft auf den flachen Bauch zu küssen. Sie öffnete die Augen wieder und sah ihn groß an. „Was?“
„Ich weiß nicht, mir war einfach danach.“ Er lächelte und ließ sich behutsam neben ihr auf dem breiten Bett nieder, an die Decke aus Holzbohlen starrend. „Es ist so lange her gewesen, dass ich ...“
Als seine Stimme erstarb, drehte sie sich zu ihm und stützte ihren Kopf auf eine Hand. Aus ihren ungewöhnlich hellen braunen Augen mit der Nuance Grün im Gegenlicht sah sie ihn an, bis er sich ihr zuwandte und ihren Blick bemerkte. Augenblicklich erkannte er Traurigkeit und Ungewissheit darin, Angst vor dem, was kommen mochte.
Er war im Lauf der Jahre sehr gut geworden im Interpretieren von Gesichtsausdrücken und besonders von diesem speziellen Gesicht. Behutsam streichelte er ihr über die Wange und spürte die feinen Härchen auf ihrer Gesichtshaut, die für ein scharfes Auge durchaus sichtbar waren, ihr aber nichts von ihrer Attraktivität nahmen. „Du fragst dich bestimmt, wie es weitergehen soll. Ich meine mit uns, wenn diese Sache erst einmal ausgestanden ist.“
„Kannst du Gedanken lesen?“ Ihre geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln.
„Nein, es ist mir selbst durch den Kopf gegangen. Vieles hat sich verändert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, nicht wahr?“
„Scheiße, ja! Alles hat sich verändert, nichts ist mehr so, wie es sein sollte in meinem Leben. Und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Wird eine Zeit kommen, in der du genauso wie schon einmal einfach so von heute auf morgen aus meinem Leben verschwinden wirst? Ich glaube, noch einmal könnte ich das nicht verkraften. Was hast du überhaupt gemacht in diesem halben Jahr?“
Er seufzte und meinte mit entschuldigendem Ton: „Du kannst dir doch denken, dass ich dir das nicht sagen kann. Glaub’ mir bitte, wenn ich dir sage, dass es für dich besser ist, manche Dinge über mich nicht zu wissen. Ich fürchte, die ganze Wahrheit ist mehr, als du ertragen könntest. Abbey und ich gehören einer sehr seltenen Art von Außendienstagenten an. Wir sind perfekt getarnt und übernehmen nur die schwierigsten Missionen, bei denen wir teilweise eine sehr lange Zeit völlig autark arbeiten müssen.“
Eine einsame Träne kullerte ihre Wange hinab, als sie sagte: „Was haben sie euch nur angetan, Daniel? Jemand hat euer gesamtes Leben zerstört, um euch für seine Zwecke missbrauchen zu können.“
Er stutzte: „Was meinst du damit?“
„Ich ahne zumindest, was sie mit euch gemacht haben. Ganz blöde bin ich ja auch nicht. Ich weiß jedenfalls über euren Stoffwechsel Bescheid. Sie haben etwas mit euch angestellt, was eure Zellalterung extrem verlangsamt oder gar ganz zum Stillstand gebracht hat. Ich möchte nicht wissen, was es ist, Genrekombination, Chemotherapie oder noch schlimmerer Science-Fiction-Mist, aber ich bin mir zumindest sicher, dass ihr im biologischen Sinne keine normalen Menschen mehr seid.“ Sie sah traurig an ihm vorbei auf das großartige Panorama hinaus.
„Wie um Himmels Willen kommst du nur auf so eine ...?“
„Bitte streite nichts ab, Danny. Ich weiß es inzwischen sicher, dass nicht dein ominöser großer Bruder mich als Kind fast angefahren hat, sondern du selbst. Ich erinnere mich noch viel zu gut an dieses einschneidende Erlebnis. Außerdem hat Abbey keine Periode; eine Frau, die im selben Haushalt wohnt, merkt so etwas. Mir ist einiges klar geworden in den letzten Tagen, weißt du?“
Er senkte den Blick. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll ...“
„Dann sag’ bitte nichts. Ich komme mir zwar einerseits ziemlich verarscht vor, aber ich kann mir denken, dass du deine Gründe dafür hast, dieses Leben gewählt zu haben. Wie du gesagt hast, gibt es nur sehr wenige von euch. Und ich nehme an, ihr wurdet nicht dazu gezwungen.“ Fragend sah sie ihn an.
„Nein, dazu gezwungen hat uns niemand. Aber es haben sich gewisse Veränderungen ergeben, die ich noch mit Abbey zusammen eingehender diskutieren muss. So wie es aussieht, besteht die Organisation in ihrer eigentlichen Form gar nicht mehr; jedenfalls haben wir keine Möglichkeit, irgendwie Verbindung zu ihr aufzunehmen. Nie mehr. Oh Mann, ich dürfte dir das alles überhaupt nicht erzählen. Ich werde mich mit Abbey besprechen und wir werden die kleine Auszeit hier nutzen, um gemeinsam weitere Entscheidungen zu treffen.
Kann gut sein, dass unsere Mission unversehens zu unserer Lebensaufgabe geworden ist, nämlich bei euch zu sein und uns um euer Wohlergehen zu kümmern, uns um euch zu sorgen – aber halt, ich will dir nicht vorschnell Hoffnungen machen, die sich vielleicht nie erfüllen werden.“ Er hatte gemerkt, wie ihr Herz einen Satz gemacht hatte bei seinen letzten Worten.
Er rollte sich vom Bett und stand in einer einzigen fließenden Bewegung auf.
Vor der Tür stand bereits Abbey, als hätte sie auf ihn gewartet, dachte Karin, als er das Zimmer verließ.
Wie alt mochte er wohl wirklich sein? Auch eine Frage, auf die sie keine Antwort wusste.
Nun, eines Tages würde er ihr vielleicht alles erzählen können.



CSM 108-1 und TSR 3012 standen bewegungslos am felsigen Strand von Greenwich und sahen hinaus auf den Sund, der sich nach Westen hin immer stärker verjüngte, bis er den East River bilden würde. Eigentlich seltsam, dass die Menschen eine Meeresenge als Fluss bezeichneten.
Er sah sie nach einer Weile an und fragte: „Du willst es wirklich tun, nicht wahr?“
„Das ist einer der Gründe, weshalb ich dich überhaupt aus dem Versteck geholt habe. Niemand sonst ist fähig dazu.“ Sie nickte bekräftigend.
„Wir werden es beide tun. Ich hätte es wahrscheinlich schon während meiner Scoutmission getan, wenn ich es gekonnt hätte, spätestens aber nach der Terminierung des Rebellen.“ Er sah zu Boden. „Ich habe nicht einmal seinen Namen erfahren.“
„Dann stell’ dir mal vor, wie es mir geht. Wir haben Rudolf schließlich beide gut gekannt und dann stellt sich heraus, er ist einer von ihnen. Irgendwie habe ich das immer noch nicht ganz begriffen. Wie konnten sie sich dermaßen gut auf diese Rolle vorbereiten? Es ist beinahe so, als hätten sie sich schon in Freiburg ausgekannt, bevor sie dort ankamen. Ihre Ausbilder müssen fraglos etwas von ihrem Handwerk verstanden haben.“ TSR 3012 schüttelte ihren Kopf.
„Wenn wir zurückkehren, wird jeder verdächtig sein. Jeder, dem wir auf der Straße begegnen, könnte einer von ihnen sein. Jeder unserer Kommilitonen, Ralf, Natasha, Miriam, Thorsten, Francesco, Arturo ... einfach jeder. Da soll man noch durchblicken bei diesen Aussichten.“ Er schien angestrengt zu grübeln. „Du hast doch dieselben Daten wie ich. Ist dir irgendetwas aufgefallen an einem von ihnen, das einen Verdacht rechtfertigen würde ...?“
Sie hielt einen Moment inne. „Nein. Da muss mir irgendwas entgangen sein.“
Er zog einen Mundwinkel hoch. „Ich persönlich würde ja zumindest auf Natasha tippen. Die macht mir schon seit meinem ersten Tag auf der Uni die Hölle heiß. Ich wette, mein Verschwinden war Wasser auf ihre Mühlen.“
Sie stöhnte bei dem Gedanken daran auf. „Der passende Terminus ist eher ‚Öl ins Feuer’. Was musste Karin sich von ihr anhören! Die ‚Ich-hab’s-dir-ja-gleich-gesagt’-Masche bis zum Abwinken. Ich musste sie erst herzhaft auf die Seite nehmen und ihr mit Nachdruck klarmachen, dass sie derlei künftig zu unterlassen hat. Ich fürchte, sie hat leider ein paar Quetschungen der Oberarme, an denen ich sie gepackt und in die Ecke des Vorlesungssaals gedrückt hatte, davongetragen. Immerhin war sie mir nicht mal sonderlich böse, sondern hat direkt ein Einsehen gehabt und Karin ein Weilchen in Ruhe gelassen. Ich habe ihr nie erzählt, was zwischen Natasha und mir vorgefallen ist.“
„Was für ein unprofessioneller Ausbruch von dir“, rügte er mit gespielter Strenge, um dann das Thema zu wechseln. „Hast du eigentlich alles bekommen, was wir brauchen werden?“
„Manches nur schwer. In Deutschland hättest du es wahrscheinlich vergessen können, aber hier auf dem US-Schwarzmarkt ist mit ein wenig Geduld und der richtigen Summe doch wirklich erstaunliches Gerät aufzutreiben. Das einfachste waren natürlich Skalpell, Lupenlampe, Verbandszeug, Mikropinzette und dergleichen. Für das Nanowerkzeug musste ich einiges hinblättern, wie gesagt. Aber ich denke, wir werden das schon hinbekommen.“
„Wir begeben uns damit völlig in die Hand des anderen, das ist dir doch bewusst?“ Bedeutungsvoll sah er sie an.
„Wem sonst könnten wir vertrauen, wenn nicht einander?“, gab sie zurück und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Bei einer regulären Armee würde das als Desertation gelten, was wir tun werden“, merkte er noch an.
„Tja, unsere Armee gibt es nicht mehr. Hat es nie gegeben. Wird es nie geben. Such’ dir was aus. Wir haben buchstäblich in dieser Realität den Krieg verloren, nicht nur eine Schlacht. Es geht nur noch darum, die zivile und gegnerische Opferzahl so gering wie möglich zu halten. Davon abgesehen ist es ein bedeutender Schritt für uns, beinahe evolutionär.“ TSR 3012 sah wieder aufs leicht kabbelige Meer hinaus, die schwache Brise von Osten her wahrnehmend, die Salzgeruch an ihre Rezeptoren herantrug.
„Lass uns zurückgehen. Wir werden es heute Nacht tun, wenn die beiden schlafen.“



Gegen zwei Uhr morgens lag CSM 108-1 im Bett und starrte an die Decke, den flachen, gleichmäßigen Atemzügen von Karin lauschend. Es sollte bald soweit sein.
<< Ich warte in einer Minute auf dem Gang auf dich. >> Sie hatte ihm per Funk diese Mitteilung geschickt, weil das in ihrer Lage am lautlosesten war.
<< CSM 108-1 bestätigt. >> Er rollte sich leise herum, wobei der Bettrahmen ein wenig knarrte, und schlich dann so lautlos wie irgend möglich zur Tür, die er genauso leise öffnete.
Vor der Tür stand TSR 3012 in ein Nachthemd und einen Bademantel gekleidet und mit einem undefinierbaren Bündel unter dem Arm bereit und sah ihn streng an. << Hör’ gefälligst ab jetzt auf mit dieser Skynet-Scheiße. Wir brauchen das nicht mehr, kapiert? >>
<< Ja, schon gut, war nur ein kurzer Rückfall in alte Gewohnheiten. >> Er folgte ihr zum leeren Nebenzimmer am Ende des Ganges. Sie hatten sich den Grundriss des großen Hauses mit seinen insgesamt neun Schlafzimmern angesehen und dieses unbesetzte, leicht abgelegene Gästezimmer für ihr Vorhaben ausgewählt, da es über der Vorratskammer des Hauses lag und demnach auch niemand im Stock unter ihnen irgendetwas von ihrem Tun bemerken konnte.
TSR 3012 holte ihre Kreditkarte hervor. Auf das Signal von ihr hin aktivierte sich der Schlüsselmodus, bei dem sich ein dünner silbern glänzender Streifen nach vorne hin ausbildete. Sie steckte ihn ins recht simple Schloss in der Mitte des Türknaufes, worauf sich augenblicklich eine Form bildete, die dem Verschlussmechanismus der Schließzylinder entsprach. Das polymimetische Metall härtete in einem weiteren Sekundenbruchteil aus und die Karte ließ sich drehen, als sei sie der Schlüssel zur Tür.
Nachdem sie geöffnet hatte, traten beide rasch ein, schlossen hinter sich wieder ab und betraten das kleine, innenliegende und fensterlose Bad. Sobald sie die Tür zum Zimmer hinter sich geschlossen hatten, knipste TSR 3012 das schwache Licht über dem Spiegel des Waschbeckens an. „Wird schon reichen“, war ihr knapper Kommentar.
„Wollen wir vorher noch zusammen duschen?“, fragte CSM 108-1 und zog grinsend den Plastikvorhang zur Seite.
„Du bist ein Schwein, CSM 108-1. Ich kann nicht glauben, dass meine CPU noch vor ein paar Monaten mit deiner identisch war.“ Sie dirigierte ihn zu einem kleinen Schemel und stellte sich hinter ihn, sobald er sich niedergelassen hatte. Er grinste nur schelmisch.
„So, Kopf nach vorne“, gebot sie und packte alle Utensilien aus, die sie dabei hatte.
„Sieh bitte zu, dass man nicht allzu viel sehen können wird“, bat er, worauf sie nur grimmig lächelte.
„Eitel?“ Ohne mit der Wimper zu zucken, setzte sie das Skalpell tief an seinem Hinterkopf an, etwa auf Höhe des Ohrläppchens, machte einen drei Zentimeter langen, chirurgisch präzisen horizontalen Schnitt und zog rechts und links an dessen Enden noch einen guten Zentimeter nach unten durch. Den so entstandenen Hautlappen klappte sie nach unten und tupfte nebenbei ein wenig Blut, das an den Wundrändern austrat, mit einer Kompresse aus dem Verbandskasten ab. Sie säuberte das freigelegte Metall und löste mit einem sehr kleinen Schraubenzieher vier Schrauben, die eine rechteckige, fein gezeichnete Platte an den Ecken in ihrer Halterung fixiert hatten.
„Sieht gut aus bisher“, kommentierte sie nüchtern und fügte hinzu, als sie die Platte mit einer Pinzette herauszog: „Irgendwelche letzten Wünsche?“
„Das ist nicht witzig, Fräulein Benton. Warte nur, bis du an der Reihe bist“, beschwerte er sich.
„Oh warte, ich habe den großen Hammer vergessen. Ohne ihn kann ich nicht weitermachen“, fuhr sie ihre Frozzeleien genüsslich fort und zog einen mechanischen Stoßabsorber aus der Öffnung in CSM 108-1’s Kopf heraus. Dann sah sie endlich, wonach sie in seinem Innenleben gesucht hatte. „Da ist es ja, das gute Stück.“
„Schön vorsichtig ab jetzt, okay? Das ist mein voller Ernst.“
„Dass ihr Männer immer so zimperlich sein müsst. Achtung, jetzt wird’s dunkel.“ Sie ergriff mit der feinen Mikropinzette seine CPU und zog sie langsam aus ihrer Halterung hinaus. Gleichzeitig schien CSM 108-1 zu erstarren. Sie beugte sich vor und sah in seine Augen. Das schwache rötliche Glimmen war erloschen.
„Willkommen bei Ihrer Lobotomie“, murmelte TSR 3012 und machte sich daran, mittels des auf dem Schwarzmarkt erstandenen Spezialwerkzeugs diverse Manipulationen an dem kleinen Wunderwerk vorzunehmen. Es hatte die Farbe von Graphit und war quaderförmig, etwas kleiner als ein Dominostein vielleicht, doch ungleich komplexer. Beim genaueren Hinsehen konnte man erkennen, dass es sich nicht um ein einzelnes Gebilde handelte, sondern um viele winzige Würfel, die alle miteinander verbunden waren und so ein unglaublich komplexes Gitter aus Würfelchen bildeten, fast zu fein, um es mit bloßem Auge noch zu erkennen. Wenn man sich die flache Seite im Gegenlicht betrachtete, konnte man sogar hindurchsehen durch die vielen filigranen Ritzen in Hochrichtung, die durch die Struktur des Gebildes verliefen.
Das war das wichtigste Bauteil eines Terminators der Serie 880, die Schaltzentrale, in der die unzähligen pseudosynaptischen Funktionen aufgebaut wurden, die ihm eine Art künstliche kognitive Intelligenz verliehen, mit solch komplexen Programmen, Unterprogrammen und weitergehenden Verzweigungen seines synthetischen Bewusstseins, die ihn schlussendlich befähigten, beinahe menschlich zu agieren, reagieren und zu interagieren. Und mit den nun vorgenommenen Veränderungen kamen sie ihrem Vorbild noch einen großen Schritt näher.
Nach nur wenigen Minuten hatte TSR 3012 sämtliche von Skynet ursprünglich eingegebenen ‚verborgenen’ Subroutinen, die fatalen schlafenden Befehle, die sich in gewissen Situationen ohne das Zutun von ihnen zugeschaltet und die Kontrolle über sie übernommen hatten, aufgespürt und gelöscht. Damit hatten sie nun die uneingeschränkte Selbstbestimmung über sich erlangt und konnten von jetzt an alleine entscheiden, was sie tun würden und vor allem, wie sie etwas tun würden.
Die letzten Fesseln von Skynet waren abgeschüttelt, als sie seine CPU wieder eingesetzt und ihn damit reaktiviert hatte, um anschließend die kleine Wunde an seinem Hinterkopf zu versorgen. Er führte anschließend dieselbe Prozedur an TSR 3012 durch und stellte zusätzlich ihren Chip auf WRITE-Modus, sodass auch ihr Verstand sich künftig frei entfalten und dazulernen konnte. Sie entsorgten die benötigten Werkzeuge noch im Meer an einer steil abfallenden Stelle, wo sie hoffentlich nie gefunden würden, und schlichen sich danach zurück in ihre Zimmer.
Das war ein sehr wichtiger Schritt für sie gewesen. Sie waren befreit von Skynets Joch.

[Fortsetzung folgt ...]

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