Samstag, 17. Februar 2007
T1.73
cymep, 10:29h
[... Fortsetzung des Buches]
Greenwich, Fairfield County, Connecticut, USA - 5. September 1997
Am nächsten Tag bummelten die beiden Paare ein wenig durch das beschauliche Städtchen, aßen zusammen zu Mittag und gingen dann getrennt am Strand an der Promenade entlang spazieren. Es war nicht sehr viel los um diese Jahreszeit, da diese Küstenabschnitte von Neuengland noch indirekt im Einflussbereich des kalten, von Grönland herabkommenden Labrador-Stromes lagen und das Klima zu gewissen Jahreszeiten von dieser Strömung entscheidend mit beeinflusst wurde.
Sowohl Karin als auch Simon hatten den Eindruck, dass sich etwas bei ihren Freunden geändert hatte. Sie konnten es nicht genau definieren, als sie später am Tag in einer ruhigen Minute allein darüber sprachen, doch ihnen kam es beiden so vor, als sei ein großer Teil der Anspannung von ihnen abgefallen. Karin war das kleine Pflaster in CSM 108-1’s Genick aufgefallen, da er recht kurze Haare hatte, doch sie hielt es nicht für erwähnenswert. Sie konnte natürlich keinen Zusammenhang zwischen diesen beiden Fakten herstellen.
Sie besprachen am Abend alle zusammen, dass sie am Tag darauf nach New York zurückkehren und dann über einige Umwege nach Europa zurück und allmählich in Richtung Freiburg zurückfahren würden.
So verließen sie den malerischen Küstenort am Morgen des nächsten Tages und holten direkt die ersten drei Ausweise ab – der von CSM 108-1 würde noch ein paar Tage länger auf sich warten lassen, weil sie diesen erst bei seiner Rückkehr in Auftrag hatten geben können. Dafür hatten die anderen jetzt nagelneue, waschecht aussehende und jeder Kontrolle standhaltende IDs, denn dank TSR 3012 befanden sich in der zuständigen US-Behörde jetzt genau die Daten inklusive Ausweisnummern, die auch auf den Dokumenten vermerkt waren. Ihre Papiere waren somit prinzipiell echt; mit ihnen ließ sich demnach auch problemlos verreisen.
Sie schrieben sich in einem Mittelklasse-Hotel für gewöhnliche Touristen an der Upper East Side ein und drehten es so, dass CSM 108-1 seinen – noch nicht vorhandenen – Ausweis nicht vorlegen musste. Den Rest des sonnigen Tages genossen sie im Central Park. Lange würde das Wetter nicht mehr so bleiben, denn der direkte Nachfolger des Gewittertiefs im Süden, das TSR 3012 bei der ‚Bergung’ von CSM 108-1 so zu schaffen gemacht hatte, war dabei, sich vor der Küste von Georgia zu einem Sturmtief, wenn nicht gar zu einem Wirbelsturm zu entwickeln, der eventuell die Ostküste hinauf bis zu ihnen kommen konnte, wenn man der Wetterprognose Glauben schenkte. Von Florida bis North Carolina war inzwischen schon die unterste Alarmstufe einer Hurricane-Warnung ausgegeben worden.
Sowohl CSM 108-1 als auch TSR 3012 waren reichlich beunruhigt, weil sie seit dem 29. August keine weiteren Kenntnisse mehr über bevorstehende Ereignisse hatten. Für sie war alles bis zu diesem Datum Geschichte gewesen, doch inzwischen hätte die normale Welt aufhören müssen zu existieren und hätte einer postnuklearen Winterwüste weichen müssen. Da das nicht geschehen war, wussten sie natürlich über nichts mehr im Voraus Bescheid, was ihnen das latente Gefühl der Sicherheit nahm, das sie bisher gehabt hatten. Sie hatten keine Information, keine Kontrolle mehr über die Geschehnisse in der Gegenwart und dieser möglichen Zukunft, der sie sich stellen mussten.
„Wir müssen unsere vorgeschobene Basis mit großer Sorgfalt wählen“, sagte CSM 108-1 beim Kaffeetrinken in der Hotelbar. „Unser Unterschlupf sollte nahe genug an Freiburg liegen, sodass die Stadt relativ leicht erreichbar für uns ist. Andererseits müssen wir natürlich aus der direkten Schusslinie herausbleiben, das heißt der betreffende Ort sollte leicht abgelegen sein und im Bedarfsfall gute Rückzugsmöglichkeiten bieten.“
TSR 3012 wandte ein: „Das nähere Freiburger Umland scheidet damit aus. Wir wissen noch immer nicht genau, wie zahlreich unsere Gegner sind und über welches Gebiet sie verteilt sind. Das südliche und mittlere Breisgau sowie die Westseite des Süd- und Mittelschwarzwaldes sind zu gefährlich; ich würde sogar den Kaiserstuhl ausschließen.“
CSM 108-1 seufzte. „Schade, das wäre mein nächster Vorschlag gewesen. Aber nach dem, was ihr bei eurer ... ich sage mal, überstürzten Abreise erlebt habt, hast du wahrscheinlich recht. Wie steht es mit dem Kraichgau?“
Sie schüttelte den Kopf. „Das ist schon wieder zu weit weg. Wir müssen einen vernünftigen Kompromiss finden.“
CSM 108-1 sah auf. „Du vergisst etwas. Es gibt noch eine andere Grenze, eine kulturelle, die trotz aller anderen Freiheiten noch immer besteht. Für uns wäre das doch ideal. Schließlich ist die Gegenseite explizit für eine Mission in Freiburg geschult. Und da es ihnen im Vergleich zu uns an Flexibilität fehlt, wäre es doch ideal ...“
Karin warf ein: „Ist es nicht ein wenig unbescheiden, so was zu behaupten? Ich meine ...“
Als sie den Blick zwischen CSM 108-1 und TSR 3012 bemerkte, verstummte sie. Sie sahen sich an und begannen gleichzeitig zu lächeln. Er meinte: „Ich denke, unter diesen Aspekten sind wir fündig geworden. Wir müssen nur noch unsere Anreise so unauffällig wie möglich planen. Auf der Bank hier holen wir uns größere Summen an Bargeld in den beiden benötigten Landeswährungen. Dann müssen wir nur noch auf meinen Ausweis warten, bis wir die Flugtickets reservieren können. Inzwischen können wir weitere Hinweise auf unsere Anwesenheit auf Hawaii elekronisch hinterlassen. Wie wäre es mit einer Motelreservierung unter Angabe der Führerscheinnummer von Karin? In den USA ist das üblich, irgendeine Dokumentennummer anzugeben, wenn man den Personalausweis nicht zur Hand hat. Und da ihr Führerschein schon durch den Strafzettel aktenkundig ist, sollten etwaige Verfolger eurer Spuren spätestens jetzt darauf aufmerksam werden, sogar wenn sie nicht so gut in elektronischer Überwachung sind.“
„Hört sich alles gut an.“ TSR 3012 nickte zustimmend.
„Und wohin geht es denn schlussendlich?“, wollte Simon wissen.
Sie nannten ihm das Ziel, worauf sie nur zwei Paar hochgezogene Augenbrauen zu sehen bekamen. Als sie ihnen erklärten, wo genau der betreffende Ort lag, wurde daraus ein gemeinsames Aha-Erlebnis von Karin und Simon.
„Seht ihr, und ihr lebt schon euer ganzes Leben lang in dieser Gegend. Trotzdem wusstet ihr nicht auf Anhieb, wo es liegt.“
Ja, jetzt wo ihr es sagt, ist es klar“, wiegelte Karin ab. „Ich glaube, ich war sogar schon dort, mit der Schulklasse bei einem Ausflug oder so, jedenfalls vor einer Ewigkeit.“
„Ich kenne es auch vom Hörensagen“, fügte Simon hinzu. „Und ihr seid euch sicher, dass das für uns das Richtige ist?“
„Ihr beide seid die Bestätigung dafür.“ Zufrieden lehnte sich CSM 108-1 zurück und besah sich die verduzten Mienen ihrer Schützlinge.
[Fortsetzung folgt ...]
Greenwich, Fairfield County, Connecticut, USA - 5. September 1997
Am nächsten Tag bummelten die beiden Paare ein wenig durch das beschauliche Städtchen, aßen zusammen zu Mittag und gingen dann getrennt am Strand an der Promenade entlang spazieren. Es war nicht sehr viel los um diese Jahreszeit, da diese Küstenabschnitte von Neuengland noch indirekt im Einflussbereich des kalten, von Grönland herabkommenden Labrador-Stromes lagen und das Klima zu gewissen Jahreszeiten von dieser Strömung entscheidend mit beeinflusst wurde.
Sowohl Karin als auch Simon hatten den Eindruck, dass sich etwas bei ihren Freunden geändert hatte. Sie konnten es nicht genau definieren, als sie später am Tag in einer ruhigen Minute allein darüber sprachen, doch ihnen kam es beiden so vor, als sei ein großer Teil der Anspannung von ihnen abgefallen. Karin war das kleine Pflaster in CSM 108-1’s Genick aufgefallen, da er recht kurze Haare hatte, doch sie hielt es nicht für erwähnenswert. Sie konnte natürlich keinen Zusammenhang zwischen diesen beiden Fakten herstellen.
Sie besprachen am Abend alle zusammen, dass sie am Tag darauf nach New York zurückkehren und dann über einige Umwege nach Europa zurück und allmählich in Richtung Freiburg zurückfahren würden.
So verließen sie den malerischen Küstenort am Morgen des nächsten Tages und holten direkt die ersten drei Ausweise ab – der von CSM 108-1 würde noch ein paar Tage länger auf sich warten lassen, weil sie diesen erst bei seiner Rückkehr in Auftrag hatten geben können. Dafür hatten die anderen jetzt nagelneue, waschecht aussehende und jeder Kontrolle standhaltende IDs, denn dank TSR 3012 befanden sich in der zuständigen US-Behörde jetzt genau die Daten inklusive Ausweisnummern, die auch auf den Dokumenten vermerkt waren. Ihre Papiere waren somit prinzipiell echt; mit ihnen ließ sich demnach auch problemlos verreisen.
Sie schrieben sich in einem Mittelklasse-Hotel für gewöhnliche Touristen an der Upper East Side ein und drehten es so, dass CSM 108-1 seinen – noch nicht vorhandenen – Ausweis nicht vorlegen musste. Den Rest des sonnigen Tages genossen sie im Central Park. Lange würde das Wetter nicht mehr so bleiben, denn der direkte Nachfolger des Gewittertiefs im Süden, das TSR 3012 bei der ‚Bergung’ von CSM 108-1 so zu schaffen gemacht hatte, war dabei, sich vor der Küste von Georgia zu einem Sturmtief, wenn nicht gar zu einem Wirbelsturm zu entwickeln, der eventuell die Ostküste hinauf bis zu ihnen kommen konnte, wenn man der Wetterprognose Glauben schenkte. Von Florida bis North Carolina war inzwischen schon die unterste Alarmstufe einer Hurricane-Warnung ausgegeben worden.
Sowohl CSM 108-1 als auch TSR 3012 waren reichlich beunruhigt, weil sie seit dem 29. August keine weiteren Kenntnisse mehr über bevorstehende Ereignisse hatten. Für sie war alles bis zu diesem Datum Geschichte gewesen, doch inzwischen hätte die normale Welt aufhören müssen zu existieren und hätte einer postnuklearen Winterwüste weichen müssen. Da das nicht geschehen war, wussten sie natürlich über nichts mehr im Voraus Bescheid, was ihnen das latente Gefühl der Sicherheit nahm, das sie bisher gehabt hatten. Sie hatten keine Information, keine Kontrolle mehr über die Geschehnisse in der Gegenwart und dieser möglichen Zukunft, der sie sich stellen mussten.
„Wir müssen unsere vorgeschobene Basis mit großer Sorgfalt wählen“, sagte CSM 108-1 beim Kaffeetrinken in der Hotelbar. „Unser Unterschlupf sollte nahe genug an Freiburg liegen, sodass die Stadt relativ leicht erreichbar für uns ist. Andererseits müssen wir natürlich aus der direkten Schusslinie herausbleiben, das heißt der betreffende Ort sollte leicht abgelegen sein und im Bedarfsfall gute Rückzugsmöglichkeiten bieten.“
TSR 3012 wandte ein: „Das nähere Freiburger Umland scheidet damit aus. Wir wissen noch immer nicht genau, wie zahlreich unsere Gegner sind und über welches Gebiet sie verteilt sind. Das südliche und mittlere Breisgau sowie die Westseite des Süd- und Mittelschwarzwaldes sind zu gefährlich; ich würde sogar den Kaiserstuhl ausschließen.“
CSM 108-1 seufzte. „Schade, das wäre mein nächster Vorschlag gewesen. Aber nach dem, was ihr bei eurer ... ich sage mal, überstürzten Abreise erlebt habt, hast du wahrscheinlich recht. Wie steht es mit dem Kraichgau?“
Sie schüttelte den Kopf. „Das ist schon wieder zu weit weg. Wir müssen einen vernünftigen Kompromiss finden.“
CSM 108-1 sah auf. „Du vergisst etwas. Es gibt noch eine andere Grenze, eine kulturelle, die trotz aller anderen Freiheiten noch immer besteht. Für uns wäre das doch ideal. Schließlich ist die Gegenseite explizit für eine Mission in Freiburg geschult. Und da es ihnen im Vergleich zu uns an Flexibilität fehlt, wäre es doch ideal ...“
Karin warf ein: „Ist es nicht ein wenig unbescheiden, so was zu behaupten? Ich meine ...“
Als sie den Blick zwischen CSM 108-1 und TSR 3012 bemerkte, verstummte sie. Sie sahen sich an und begannen gleichzeitig zu lächeln. Er meinte: „Ich denke, unter diesen Aspekten sind wir fündig geworden. Wir müssen nur noch unsere Anreise so unauffällig wie möglich planen. Auf der Bank hier holen wir uns größere Summen an Bargeld in den beiden benötigten Landeswährungen. Dann müssen wir nur noch auf meinen Ausweis warten, bis wir die Flugtickets reservieren können. Inzwischen können wir weitere Hinweise auf unsere Anwesenheit auf Hawaii elekronisch hinterlassen. Wie wäre es mit einer Motelreservierung unter Angabe der Führerscheinnummer von Karin? In den USA ist das üblich, irgendeine Dokumentennummer anzugeben, wenn man den Personalausweis nicht zur Hand hat. Und da ihr Führerschein schon durch den Strafzettel aktenkundig ist, sollten etwaige Verfolger eurer Spuren spätestens jetzt darauf aufmerksam werden, sogar wenn sie nicht so gut in elektronischer Überwachung sind.“
„Hört sich alles gut an.“ TSR 3012 nickte zustimmend.
„Und wohin geht es denn schlussendlich?“, wollte Simon wissen.
Sie nannten ihm das Ziel, worauf sie nur zwei Paar hochgezogene Augenbrauen zu sehen bekamen. Als sie ihnen erklärten, wo genau der betreffende Ort lag, wurde daraus ein gemeinsames Aha-Erlebnis von Karin und Simon.
„Seht ihr, und ihr lebt schon euer ganzes Leben lang in dieser Gegend. Trotzdem wusstet ihr nicht auf Anhieb, wo es liegt.“
Ja, jetzt wo ihr es sagt, ist es klar“, wiegelte Karin ab. „Ich glaube, ich war sogar schon dort, mit der Schulklasse bei einem Ausflug oder so, jedenfalls vor einer Ewigkeit.“
„Ich kenne es auch vom Hörensagen“, fügte Simon hinzu. „Und ihr seid euch sicher, dass das für uns das Richtige ist?“
„Ihr beide seid die Bestätigung dafür.“ Zufrieden lehnte sich CSM 108-1 zurück und besah sich die verduzten Mienen ihrer Schützlinge.
[Fortsetzung folgt ...]
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