Sonntag, 18. Februar 2007
T1.74
cymep, 12:59h
[... Fortsetzung des Buches]
Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 10. September 1997
Simon und Karin teilten sich die Rückbank ihres Mietwagens und dösten beide vor sich hin, als sie sich dem Ziel ihrer Fahrt, die mehr schon einer Odyssee glich, näherten.
Am Morgen des vorletzten Tages hatten sie CSM 108-1’s neuen Ausweis erhalten, worauf sie gleich Tickets für den British Airways Direktflug 1502 am Abend des Achten nach Manchester buchten. Die Rückflüge, die sie nie antreten würden, hatten sie drei Wochen später angesetzt. Sie hatten absichtlich keinen Flug direkt nach London genommen, weil diese Route eher überwacht werden würde. Als sie am nächsten Morgen in England ankamen, kauften sie Zugfahrkarten nach Paris und bezahlten diese in bar.
Mit der Eisenbahn ging es also weiter nach London, wo sie in den Schnellzug durch den Eurotunnel wechselten. Am Abend des Neunten kamen sie am Gare du Nord in Frankreichs Hauptstadt an, wo sie sich zwei Doppelzimmer für die Nacht nahmen. Gleichzeitig kümmerte sich TSR 3012 um einen Mietwagen für den nächsten Tag. Für sie kam nur eines in Frage, was sie auch mit Nachdruck am Avis-Schalter verlangte. Der Bedienstete versicherte ihr mit bewundernder Miene, er werde persönlich dafür sorgen, dass das Gewünschte rechtzeitig bereitstünde. Sehr schwer konnte es auch wirklich nicht sein, da sie zum einen in einer Metropole mit riesigem Autodepot von Mietwagen waren und zum anderen in Frankreich allgemein Autos mit diesem Motorkonzept außerordentlich beliebt waren.
Beim Einladen ihres Gepäcks bemerkte CSM 108-1 leicht pikiert: „Und was soll an diesem Wagen so viel besser sein als an meinem?“
„Oh, das ist schnell erklärt“, begann TSR 3012 ihre Aufzählung. „Er hat einen größeren und besser zugänglichen Kofferraum, einen Reihensechszylinder-Diesel, was ihn kräftig, aber auch sparsamer macht und unsere Reichweite erhöht.Die Automarke selbst ist bekannt für ihre Zuverlässigkeit und die hohe Qualität ihrer Produkte.
Dieses Modell im Allgemeinen ist relativ weit verbreitet, es wurde im letzten Jahr fast 300.000-mal gebaut und verkauft, mit einem relativ hohen Kombi-Anteil. Das macht ihn für uns im Straßenbild unauffälliger, auch ein taktischer potenzieller Vorteil. Die Farbe Dunkelgrün erhöht diese Unauffälligkeit zusätzlich, sie ist heutzutage häufig anzutreffen. Und bei Bedarf schafft er es auf über 200 km/h.“
CSM 108-1 lenkte ein: „Schon gut, ich gebe mich geschlagen. Schade nur, daß er keinen Allradantrieb hat wie mein letzter Wagen, das kann auch von Vorteil sein, wenn es schnell gehen muss.“
„Wem sagst du das, wir durften das live miterleben“, trumpfte Simon auf. „Wo wir blendend um die Kurve kamen, knallten unsere Verfolger gegen ein Verkehrsschild. Das hat ihrem Schützen den Arm beim Zielen verrissen und einem von uns vielleicht das Leben gerettet.“
Sie bestiegen ihr Gefährt und überließen es zunächst CSM 108-1, sie durch das Verkehrsgewühl der französischen Metropole zu dirigieren. Sie folgten der meisten Zeit über der Europastraße 43 bis Belfort, was eine langwierige und zeitraubende Angelegenheit war, da diese Straße nur stellenweise als Schnellstraße oder Autobahn ausgebaut war. Von Belfort aus ging es besser voran, da das Elsass infrastrukturell besser ausgestattet war als weite Teile des französischen Hinterlandes. Die A 36 führte sie bis nach Mulhouse, wo sie auf die A 35 nach Norden abbogen und kurz vor Colmar dann die Verkehrsachse durch die Provinz Haute-Rhine verließen und die Region in nordöstlicher Richtung durchquerten.
Simon und Karin betrachteten von der Rückbank aus müde aus halbgeschlossenen Lidern die endlos erscheinende Ebene, angefüllt mit Mais-, Weizen-, Spargel- und Tabakfeldern, ab und zu durchbrochen von weiten, dichten Waldstücken. Ein Stück weit ging es etliche Kilometer schnurgerade durch Wälder und Felder immer an einem parallel zur Landstraße verlaufenden Kanal entlang, dem Canal Vauban, benannt nach dem größten Baumeister Frankreichs zu dessen Lebzeiten. Im Osten am Horizont waren ganz schwach die bläulichen Gipfel des Südschwarzwaldes im Dunst erkennbar, vor allem der charakteristische und ihnen seit ihrer frühesten Kindheit vertraute Bergrücken des Belchen.
„Sieh nur, Karin, wir sind wieder daheim“, wisperte er und stupste sie leicht an. Sie erwiderte seinen erleichterten und hoffnungsvollen Blick, nachdem sie hinausgesehen und gleich begriffen hatte, was er meinte.
„Ja, bald.“ Ungewollt lächelte sie, als er ihre Schulter drückte.
TSR 3012 entgegnete vom Beifahrersitz aus: „Freut euch nicht zu früh, noch ist es nicht so weit.“
„Solange wir den Belchen sehen können, sind wir zu Hause, Abbey. Wir sind praktisch an seinem Fuß aufgewachsen“, erklärte Simon.
„Mag schon sein, aber viel näher werdet ihr ihm vorerst nicht mehr kommen.“ Als CSM 108-1 das sagte, wurde Karin und Simon gewahr, dass sie auf einer Zufahrt zu einer Stadt waren.
Nach der nächsten Kurve stockte beiden der Atem.
„Was ist das? Machen wir eine Besichtigungstour?“, wollte Karin gleich darauf wissen.
„Nicht ganz. Wir sind da.“ Sie fuhren über eine Brücke mit schmiedeeisernen Geländern zu beiden Seiten, die eine trockene Grabenanlage überspannte und dann durch ein Tor zwischen zwei robusten Bollwerken hindurchführte.
„Irgendwie kommt mir das hier bekannt vor“, sagte Karin staunend, „aber ich hatte es anders in Erinnerung. Naja, ist auch eine Ewigkeit her, dass ich hier war.“
„Und wieso habt ihr ausgerechnet Neuf-Brisach ausgewählt?“, wollte Simon wissen, während er sich beim Hinabfahren der Rue de Bâle den Hals beim Umsehen verdrehte.
„Aus mehreren Gründen. Zunächst vor allem wegen der Lage. Wir sind hier nur 24 Kilometer Luftlinie von der Freiburger Innenstadt entfernt. Da auf halbem Weg der Tuniberg als natürliche Barriere dazwischensteht, werden daraus auf kürzester Strecke über 35 daraus. Und wir sind drei Kilometer hinter dem Rhein, der französischen Grenze. Auch wenn man bei Breisach ohne jegliche Kontrolle den Fluss und die Grenze zwischen den beiden Ländern überqueren kann und die Elsässer hier zumeist auch Deutsch sprechen, gibt es doch noch immer eine Grenze in den Köpfen der meisten Leute im Breisgau, die diese Stadt für uns relativ sicher macht. Davon abgesehen liegt die Stadt abseits der Hauptstraßen und hat keinen Bahnanschluss mehr.
Dann natürlich der Aufbau von Neuf-Brisach. Es wurde zur Jahrhundertwende des 17. und 18. Jahrhunderts von Vauban, dem wohl berühmtesten französischen Festungsbauer aller Zeiten, für König Ludwig XIV., den Sonnenkönig persönlich, erbaut. Vauban hatte über dreißig Festungen erbaut und über 300 Städte befestigt, doch Neuf-Brisach ist fraglos sein Meisterwerk.“
Sie erreichten die Stadtmitte, die ein großer quadratischer Platz, umstanden von zwei Reihen von Bäumen, einnahm, in dessen Mitte ein großer Brunnen stand. Sie umfuhren den Place d’Armes General De-Gaulle zu einem Viertel und bogen dann auf die Rue de Strasbourg ein, wo sie die alles dominierende prächtige Kirche „Eglise Royale de Saint-Louis“ im neoklassischen Stil passierten. Zwei Blocks weiter, fast schon wieder am Nordostrand der Stadt, bogen sie rechts ab und hielten am Straßenrand. Erst jetzt bemerkten die beiden Fondinsassen den langgezogenen Bau neben sich, die Fassade im Erdgeschoss hellblau getüncht, das erste und einzige Obergeschoss weiß gestrichen mit Fachwerkeinlagen. Über jedem Fenster war eine kleine Markise als Sonnenschutz angebracht, auf jedem Fensterbrett stand ein Blumenkasten mit prachtvoll blühenden Geranien. Auf dem Trottoir vor dem Haus waren ein paar wenige Tischgruppen aufgestellt. Ein sehr schönes Haus, dachte Karin noch. Gleichzeitig fiel ihr Blick auf den Schriftzug auf zwei der Markisen.
Hotel**-Restaurant ‚Aux 2 Roses’.
„Und ihr sollt euch nach den Strapazen unserer langen Reisen auch ein bisschen erholen können“, fügte TSR 3012 schmunzelnd hinzu. „Nach dem Gewalttrip von Kontinent zu Kontinent ein bisschen Urlaub gefällig?“
„Wow, das ist fantastisch“, begeisterte sich Simon. „So idyllisch und romantisch! Ich komme mir wirklich vor wie im Urlaub.“
Sie stiegen aus und besahen sich das große Eckhaus. Simon musste grinsen, als er feststellte, dass die Fachwerkbalken nur auf die Häuserfront aufgemalt waren, aber auf den ersten Blick durchaus täuschend echt wirkten. Die Markisen über jedem Fenster waren nicht aus Stoff, sondern aus einem festen Material und wohl ganzjährig angebracht, auch im zweiten Stock, wo aus dem Dachstuhl die Fenstergauben von weiteren Hotelzimmern herausschauten.
Sie drehten erst einmal auf Wunsch ihrer Schützlinge eine kleine Stadtrunde. In der Tat kam auch Karin alles sehr mediterran vor: die ganzen kleinen, aber feinen Unterschiede in der Architektur, die gepflegten und gut restaurierten Häuser im Stil des 18. Jahrhunderts, jedes in einer anderen Farbe getüncht, was einen abwechslungsreichen, aber doch harmonischen Kontrast ergab. Praktisch alle Fenster waren noch mit Fensterläden versehen, was das Bild eines südfranzösischen Städtchens auch dank der vielen kleinen Geschäfte, Bars und Restaurants sowie nicht zuletzt auch der Bauweise und dem Zustand der Straßen und Gehwege, die sie gemächlich abschritten, beinahe perfektionierte.
Die gesamte Stadt sah aus wie ein gut erhaltenes Baudenkmal aus der Epoche des Königs Louis XIV. Ihnen fiel schon bald auf, dass sie perfekt geometrisch gebaut war, alle Straßenblöcke in rechtem Winkel zueinander, genau quadratisch und auf die vier Stadttore sowie den Platz in der Ortsmitte hin ausgerichtet. Als sie den Stadtrand erreichten, bemerkten sie wieder den sanft ansteigenden, wild bewachsenen Ringwall, der etwa fünf Meter hoch um die Stadt herum aufragte.
„Kommt, das sehen wir uns an“, rief Simon und ging einen der offenbar zahlreichen Trampelpfade hinauf auf die Krone des Walls. Hier waren einige Leute unterwegs, die auf einem weiteren schlecht begehbaren Trampelpfad zwischen tückischem Dornengestrüpp und langhalmigem Gras in beiden Richtungen auf der Sode gingen. In einiger Entfernung spie gerade ein großer doppelstöckiger Reisebus auf einem Parkplatz Dutzende von japanischen Touristen aus, die sich sogleich großzügig über das Gelände verteilten.
Von hier oben aus konnte man erahnen, dass der Grundriss der Innenstadt achteckig sein musste, mit sehr langen, einheitlichen Gebäuden an den äußeren 45-Grad-Winkeln. Das waren früher Kasernen für die Soldaten gewesen, erklärte CSM 108-1, zwei für Kavallerie und zwei für Infanterie. Sie wagten sich an den Rand des Bewuchses heran, der jäh und ohne jegliche Absperrung beinahe senkrecht neun bis zehn Meter tief in den Graben der Befestigung abfiel. An den Ecken der Anlage sprang das Mauerwerk jeweils mehrere Meter vor und ging dann in die gedrungenen Bollwerke über, von denen aus die Verteidigung der Stadt – auch mit schwerer Artillerie – geführt worden war.
Auf der Außenseite des Grabens zog sich das Mauerwerk entsprechend der inneren Festungswälle fort, mit acht weiteren Kontergarden als Spitzen der Verteidigungslinie in dem gleichmäßig angeordneten Sternmuster, das die Stadt umgab. Die einzigen Zugangspunkte waren die vier Stadttore, von denen zwei noch in ihrem ursprünglichen Zustand belassen waren und ihrerseits beim Durchschreiten ihrer romanisch gewölbten Tunnelgänge wie eine postmittelalterliche Festung wirkten.
„Das kann einem schon ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, auch wenn die Stadt heute für jedermann frei zugänglich ist“, dachte Simon laut.
„Tja, im Jahre 1701 nach ihrer Fertigstellung war dies die am besten befestigte Stadt Europas“, referierte TSR 3012, „doch heute hat sie nur noch einen beschränkten touristischen Wert, obwohl sie so unglaublich gut erhalten ist und wie seit jeher ganz normal von Menschen bewohnt wird, mit einer funktionierenden Infrastruktur. Und da sie gut besucht ist von kulturell interessierten Reisegruppen sowie vielen Schulklassen, fallen wir nicht einmal großartig auf. Wir haben über die Stadt und das Hotel hier umfangreiche Erkundigungen eingezogen und es als gute vorgeschobene Operationsbasis befunden. Nicht zuletzt solltet ihr euch auch wohl fühlen hier, nicht wahr?“
„Das dürfte uns wohl nicht allzu schwer fallen, oder?“ Karin musterte Simon, der zustimmend nickte.
„Ich kann das noch immer nicht glauben, dass wir sozusagen unser ganzes Leben lang keine dreißig Kilometer Luftlinie von diesem Prachtstück an Stadt entfernt gelebt haben, ohne es jemals weiter zu beachten. Dabei ist das fast schon Heimaturlaub hier.“ Er musste lachen.
„Ihr werdet viel Zeit haben in den nächsten Tagen, um euch alles hier ausgiebig anzusehen. Wir wollen euch natürlich nicht auf Neuf-Brisach allein beschränken; ihr könnt jederzeit ein bisschen in der Umgebung spazieren gehen. Seid aber so gut und bleibt in der Nähe der Stadt, okay?“, bat CSM 108-1.
„Damit werde ich sicher kein Problem haben“, meinte Karin und grinste ihn an.
„Gut, dann werden wir jetzt erst einmal unsere Zimmer beziehen. Es ist schon spät geworden, aber da ich unsere Ankunft schon heute morgen von Paris aus angekündigt habe, sollten sie noch etwas zu essen für uns haben. An das Hotel angehängt ist auch ein Restaurant, das nicht nur die Hausgäste bedient, müsst ihr wissen.“
„Dann los, Abbey, worauf warten wir noch?“ Voller Tatendrang hakte Karin sie unter und steuerte automatisch auf die richtige Straße zu. Ein weiterer Vorteil: Wer sich hier in diesem beschaulichen, schachbrettförmigen Ort verlief, in dem keine Straße mehr als sechs Kreuzungen hatte, dem war nicht mehr zu helfen, es sei denn mit Sonderschulunterricht in Geometrie.
Sie kehrten unter den letzten warmen Sonnenstrahlen, die in die schmalen Straßen fielen, zum Hotel zurück, meldeten sich an der Rezeption im rustikalen Foyer, ausgestattet mit weißen Wänden und sichtbarem Holzgebälk, an und bezogen gleich ihre beiden nebeneinander liegenden Zimmer im zweiten Stock. Es waren keine großen Räume, aber hell und gemütlich mit altmodischen Holzmöbeln eingerichtet, wobei die leichte Dachschräge gar nicht störte. Ihre Fenster wiesen auf die Seitenstraße, die Rue Gal. Dermoncourt, nach Südosten hinaus.
Hinter der Baumkrone einer Fichte auf dem Nachbargrundstück konnte Karin in weiter Ferne wieder den Belchen, ihren ‚Hausberg’, erkennen. Ja, dachte sie, hier würde sie es notfalls ein Weilchen aushalten können. So nah der Heimat und doch so unerreichbar fern, solange da draußen die Gefahr für ihr Leben lauerte.
Sie wurde ein wenig wehmütig und wischte schnell eine einzelne Träne von ihrer Wange. Nein, sie würde stark sein, nahm sie sich vor. Sie war hier mit ihren besten Freunden und dem Mann, den sie liebte. Gemeinsam würden sie diese schweren Zeiten durchstehen, sagte sie sich. Was danach kommen würde, wagte sie sich noch nicht auszumalen. Konnten sie jemals wieder in ein Leben der Normalität zurückfinden? Und wie würde es mit ihnen weitergehen, mit Daniel und ihr? Mit Abbey und Simon?
Es war alles mit einem Mal so kompliziert geworden ...
[Fortsetzung folgt ...]
Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 10. September 1997
Simon und Karin teilten sich die Rückbank ihres Mietwagens und dösten beide vor sich hin, als sie sich dem Ziel ihrer Fahrt, die mehr schon einer Odyssee glich, näherten.
Am Morgen des vorletzten Tages hatten sie CSM 108-1’s neuen Ausweis erhalten, worauf sie gleich Tickets für den British Airways Direktflug 1502 am Abend des Achten nach Manchester buchten. Die Rückflüge, die sie nie antreten würden, hatten sie drei Wochen später angesetzt. Sie hatten absichtlich keinen Flug direkt nach London genommen, weil diese Route eher überwacht werden würde. Als sie am nächsten Morgen in England ankamen, kauften sie Zugfahrkarten nach Paris und bezahlten diese in bar.
Mit der Eisenbahn ging es also weiter nach London, wo sie in den Schnellzug durch den Eurotunnel wechselten. Am Abend des Neunten kamen sie am Gare du Nord in Frankreichs Hauptstadt an, wo sie sich zwei Doppelzimmer für die Nacht nahmen. Gleichzeitig kümmerte sich TSR 3012 um einen Mietwagen für den nächsten Tag. Für sie kam nur eines in Frage, was sie auch mit Nachdruck am Avis-Schalter verlangte. Der Bedienstete versicherte ihr mit bewundernder Miene, er werde persönlich dafür sorgen, dass das Gewünschte rechtzeitig bereitstünde. Sehr schwer konnte es auch wirklich nicht sein, da sie zum einen in einer Metropole mit riesigem Autodepot von Mietwagen waren und zum anderen in Frankreich allgemein Autos mit diesem Motorkonzept außerordentlich beliebt waren.
Beim Einladen ihres Gepäcks bemerkte CSM 108-1 leicht pikiert: „Und was soll an diesem Wagen so viel besser sein als an meinem?“
„Oh, das ist schnell erklärt“, begann TSR 3012 ihre Aufzählung. „Er hat einen größeren und besser zugänglichen Kofferraum, einen Reihensechszylinder-Diesel, was ihn kräftig, aber auch sparsamer macht und unsere Reichweite erhöht.Die Automarke selbst ist bekannt für ihre Zuverlässigkeit und die hohe Qualität ihrer Produkte.
Dieses Modell im Allgemeinen ist relativ weit verbreitet, es wurde im letzten Jahr fast 300.000-mal gebaut und verkauft, mit einem relativ hohen Kombi-Anteil. Das macht ihn für uns im Straßenbild unauffälliger, auch ein taktischer potenzieller Vorteil. Die Farbe Dunkelgrün erhöht diese Unauffälligkeit zusätzlich, sie ist heutzutage häufig anzutreffen. Und bei Bedarf schafft er es auf über 200 km/h.“
CSM 108-1 lenkte ein: „Schon gut, ich gebe mich geschlagen. Schade nur, daß er keinen Allradantrieb hat wie mein letzter Wagen, das kann auch von Vorteil sein, wenn es schnell gehen muss.“
„Wem sagst du das, wir durften das live miterleben“, trumpfte Simon auf. „Wo wir blendend um die Kurve kamen, knallten unsere Verfolger gegen ein Verkehrsschild. Das hat ihrem Schützen den Arm beim Zielen verrissen und einem von uns vielleicht das Leben gerettet.“
Sie bestiegen ihr Gefährt und überließen es zunächst CSM 108-1, sie durch das Verkehrsgewühl der französischen Metropole zu dirigieren. Sie folgten der meisten Zeit über der Europastraße 43 bis Belfort, was eine langwierige und zeitraubende Angelegenheit war, da diese Straße nur stellenweise als Schnellstraße oder Autobahn ausgebaut war. Von Belfort aus ging es besser voran, da das Elsass infrastrukturell besser ausgestattet war als weite Teile des französischen Hinterlandes. Die A 36 führte sie bis nach Mulhouse, wo sie auf die A 35 nach Norden abbogen und kurz vor Colmar dann die Verkehrsachse durch die Provinz Haute-Rhine verließen und die Region in nordöstlicher Richtung durchquerten.
Simon und Karin betrachteten von der Rückbank aus müde aus halbgeschlossenen Lidern die endlos erscheinende Ebene, angefüllt mit Mais-, Weizen-, Spargel- und Tabakfeldern, ab und zu durchbrochen von weiten, dichten Waldstücken. Ein Stück weit ging es etliche Kilometer schnurgerade durch Wälder und Felder immer an einem parallel zur Landstraße verlaufenden Kanal entlang, dem Canal Vauban, benannt nach dem größten Baumeister Frankreichs zu dessen Lebzeiten. Im Osten am Horizont waren ganz schwach die bläulichen Gipfel des Südschwarzwaldes im Dunst erkennbar, vor allem der charakteristische und ihnen seit ihrer frühesten Kindheit vertraute Bergrücken des Belchen.
„Sieh nur, Karin, wir sind wieder daheim“, wisperte er und stupste sie leicht an. Sie erwiderte seinen erleichterten und hoffnungsvollen Blick, nachdem sie hinausgesehen und gleich begriffen hatte, was er meinte.
„Ja, bald.“ Ungewollt lächelte sie, als er ihre Schulter drückte.
TSR 3012 entgegnete vom Beifahrersitz aus: „Freut euch nicht zu früh, noch ist es nicht so weit.“
„Solange wir den Belchen sehen können, sind wir zu Hause, Abbey. Wir sind praktisch an seinem Fuß aufgewachsen“, erklärte Simon.
„Mag schon sein, aber viel näher werdet ihr ihm vorerst nicht mehr kommen.“ Als CSM 108-1 das sagte, wurde Karin und Simon gewahr, dass sie auf einer Zufahrt zu einer Stadt waren.
Nach der nächsten Kurve stockte beiden der Atem.
„Was ist das? Machen wir eine Besichtigungstour?“, wollte Karin gleich darauf wissen.
„Nicht ganz. Wir sind da.“ Sie fuhren über eine Brücke mit schmiedeeisernen Geländern zu beiden Seiten, die eine trockene Grabenanlage überspannte und dann durch ein Tor zwischen zwei robusten Bollwerken hindurchführte.
„Irgendwie kommt mir das hier bekannt vor“, sagte Karin staunend, „aber ich hatte es anders in Erinnerung. Naja, ist auch eine Ewigkeit her, dass ich hier war.“
„Und wieso habt ihr ausgerechnet Neuf-Brisach ausgewählt?“, wollte Simon wissen, während er sich beim Hinabfahren der Rue de Bâle den Hals beim Umsehen verdrehte.
„Aus mehreren Gründen. Zunächst vor allem wegen der Lage. Wir sind hier nur 24 Kilometer Luftlinie von der Freiburger Innenstadt entfernt. Da auf halbem Weg der Tuniberg als natürliche Barriere dazwischensteht, werden daraus auf kürzester Strecke über 35 daraus. Und wir sind drei Kilometer hinter dem Rhein, der französischen Grenze. Auch wenn man bei Breisach ohne jegliche Kontrolle den Fluss und die Grenze zwischen den beiden Ländern überqueren kann und die Elsässer hier zumeist auch Deutsch sprechen, gibt es doch noch immer eine Grenze in den Köpfen der meisten Leute im Breisgau, die diese Stadt für uns relativ sicher macht. Davon abgesehen liegt die Stadt abseits der Hauptstraßen und hat keinen Bahnanschluss mehr.
Dann natürlich der Aufbau von Neuf-Brisach. Es wurde zur Jahrhundertwende des 17. und 18. Jahrhunderts von Vauban, dem wohl berühmtesten französischen Festungsbauer aller Zeiten, für König Ludwig XIV., den Sonnenkönig persönlich, erbaut. Vauban hatte über dreißig Festungen erbaut und über 300 Städte befestigt, doch Neuf-Brisach ist fraglos sein Meisterwerk.“
Sie erreichten die Stadtmitte, die ein großer quadratischer Platz, umstanden von zwei Reihen von Bäumen, einnahm, in dessen Mitte ein großer Brunnen stand. Sie umfuhren den Place d’Armes General De-Gaulle zu einem Viertel und bogen dann auf die Rue de Strasbourg ein, wo sie die alles dominierende prächtige Kirche „Eglise Royale de Saint-Louis“ im neoklassischen Stil passierten. Zwei Blocks weiter, fast schon wieder am Nordostrand der Stadt, bogen sie rechts ab und hielten am Straßenrand. Erst jetzt bemerkten die beiden Fondinsassen den langgezogenen Bau neben sich, die Fassade im Erdgeschoss hellblau getüncht, das erste und einzige Obergeschoss weiß gestrichen mit Fachwerkeinlagen. Über jedem Fenster war eine kleine Markise als Sonnenschutz angebracht, auf jedem Fensterbrett stand ein Blumenkasten mit prachtvoll blühenden Geranien. Auf dem Trottoir vor dem Haus waren ein paar wenige Tischgruppen aufgestellt. Ein sehr schönes Haus, dachte Karin noch. Gleichzeitig fiel ihr Blick auf den Schriftzug auf zwei der Markisen.
Hotel**-Restaurant ‚Aux 2 Roses’.
„Und ihr sollt euch nach den Strapazen unserer langen Reisen auch ein bisschen erholen können“, fügte TSR 3012 schmunzelnd hinzu. „Nach dem Gewalttrip von Kontinent zu Kontinent ein bisschen Urlaub gefällig?“
„Wow, das ist fantastisch“, begeisterte sich Simon. „So idyllisch und romantisch! Ich komme mir wirklich vor wie im Urlaub.“
Sie stiegen aus und besahen sich das große Eckhaus. Simon musste grinsen, als er feststellte, dass die Fachwerkbalken nur auf die Häuserfront aufgemalt waren, aber auf den ersten Blick durchaus täuschend echt wirkten. Die Markisen über jedem Fenster waren nicht aus Stoff, sondern aus einem festen Material und wohl ganzjährig angebracht, auch im zweiten Stock, wo aus dem Dachstuhl die Fenstergauben von weiteren Hotelzimmern herausschauten.
Sie drehten erst einmal auf Wunsch ihrer Schützlinge eine kleine Stadtrunde. In der Tat kam auch Karin alles sehr mediterran vor: die ganzen kleinen, aber feinen Unterschiede in der Architektur, die gepflegten und gut restaurierten Häuser im Stil des 18. Jahrhunderts, jedes in einer anderen Farbe getüncht, was einen abwechslungsreichen, aber doch harmonischen Kontrast ergab. Praktisch alle Fenster waren noch mit Fensterläden versehen, was das Bild eines südfranzösischen Städtchens auch dank der vielen kleinen Geschäfte, Bars und Restaurants sowie nicht zuletzt auch der Bauweise und dem Zustand der Straßen und Gehwege, die sie gemächlich abschritten, beinahe perfektionierte.
Die gesamte Stadt sah aus wie ein gut erhaltenes Baudenkmal aus der Epoche des Königs Louis XIV. Ihnen fiel schon bald auf, dass sie perfekt geometrisch gebaut war, alle Straßenblöcke in rechtem Winkel zueinander, genau quadratisch und auf die vier Stadttore sowie den Platz in der Ortsmitte hin ausgerichtet. Als sie den Stadtrand erreichten, bemerkten sie wieder den sanft ansteigenden, wild bewachsenen Ringwall, der etwa fünf Meter hoch um die Stadt herum aufragte.
„Kommt, das sehen wir uns an“, rief Simon und ging einen der offenbar zahlreichen Trampelpfade hinauf auf die Krone des Walls. Hier waren einige Leute unterwegs, die auf einem weiteren schlecht begehbaren Trampelpfad zwischen tückischem Dornengestrüpp und langhalmigem Gras in beiden Richtungen auf der Sode gingen. In einiger Entfernung spie gerade ein großer doppelstöckiger Reisebus auf einem Parkplatz Dutzende von japanischen Touristen aus, die sich sogleich großzügig über das Gelände verteilten.
Von hier oben aus konnte man erahnen, dass der Grundriss der Innenstadt achteckig sein musste, mit sehr langen, einheitlichen Gebäuden an den äußeren 45-Grad-Winkeln. Das waren früher Kasernen für die Soldaten gewesen, erklärte CSM 108-1, zwei für Kavallerie und zwei für Infanterie. Sie wagten sich an den Rand des Bewuchses heran, der jäh und ohne jegliche Absperrung beinahe senkrecht neun bis zehn Meter tief in den Graben der Befestigung abfiel. An den Ecken der Anlage sprang das Mauerwerk jeweils mehrere Meter vor und ging dann in die gedrungenen Bollwerke über, von denen aus die Verteidigung der Stadt – auch mit schwerer Artillerie – geführt worden war.
Auf der Außenseite des Grabens zog sich das Mauerwerk entsprechend der inneren Festungswälle fort, mit acht weiteren Kontergarden als Spitzen der Verteidigungslinie in dem gleichmäßig angeordneten Sternmuster, das die Stadt umgab. Die einzigen Zugangspunkte waren die vier Stadttore, von denen zwei noch in ihrem ursprünglichen Zustand belassen waren und ihrerseits beim Durchschreiten ihrer romanisch gewölbten Tunnelgänge wie eine postmittelalterliche Festung wirkten.
„Das kann einem schon ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, auch wenn die Stadt heute für jedermann frei zugänglich ist“, dachte Simon laut.
„Tja, im Jahre 1701 nach ihrer Fertigstellung war dies die am besten befestigte Stadt Europas“, referierte TSR 3012, „doch heute hat sie nur noch einen beschränkten touristischen Wert, obwohl sie so unglaublich gut erhalten ist und wie seit jeher ganz normal von Menschen bewohnt wird, mit einer funktionierenden Infrastruktur. Und da sie gut besucht ist von kulturell interessierten Reisegruppen sowie vielen Schulklassen, fallen wir nicht einmal großartig auf. Wir haben über die Stadt und das Hotel hier umfangreiche Erkundigungen eingezogen und es als gute vorgeschobene Operationsbasis befunden. Nicht zuletzt solltet ihr euch auch wohl fühlen hier, nicht wahr?“
„Das dürfte uns wohl nicht allzu schwer fallen, oder?“ Karin musterte Simon, der zustimmend nickte.
„Ich kann das noch immer nicht glauben, dass wir sozusagen unser ganzes Leben lang keine dreißig Kilometer Luftlinie von diesem Prachtstück an Stadt entfernt gelebt haben, ohne es jemals weiter zu beachten. Dabei ist das fast schon Heimaturlaub hier.“ Er musste lachen.
„Ihr werdet viel Zeit haben in den nächsten Tagen, um euch alles hier ausgiebig anzusehen. Wir wollen euch natürlich nicht auf Neuf-Brisach allein beschränken; ihr könnt jederzeit ein bisschen in der Umgebung spazieren gehen. Seid aber so gut und bleibt in der Nähe der Stadt, okay?“, bat CSM 108-1.
„Damit werde ich sicher kein Problem haben“, meinte Karin und grinste ihn an.
„Gut, dann werden wir jetzt erst einmal unsere Zimmer beziehen. Es ist schon spät geworden, aber da ich unsere Ankunft schon heute morgen von Paris aus angekündigt habe, sollten sie noch etwas zu essen für uns haben. An das Hotel angehängt ist auch ein Restaurant, das nicht nur die Hausgäste bedient, müsst ihr wissen.“
„Dann los, Abbey, worauf warten wir noch?“ Voller Tatendrang hakte Karin sie unter und steuerte automatisch auf die richtige Straße zu. Ein weiterer Vorteil: Wer sich hier in diesem beschaulichen, schachbrettförmigen Ort verlief, in dem keine Straße mehr als sechs Kreuzungen hatte, dem war nicht mehr zu helfen, es sei denn mit Sonderschulunterricht in Geometrie.
Sie kehrten unter den letzten warmen Sonnenstrahlen, die in die schmalen Straßen fielen, zum Hotel zurück, meldeten sich an der Rezeption im rustikalen Foyer, ausgestattet mit weißen Wänden und sichtbarem Holzgebälk, an und bezogen gleich ihre beiden nebeneinander liegenden Zimmer im zweiten Stock. Es waren keine großen Räume, aber hell und gemütlich mit altmodischen Holzmöbeln eingerichtet, wobei die leichte Dachschräge gar nicht störte. Ihre Fenster wiesen auf die Seitenstraße, die Rue Gal. Dermoncourt, nach Südosten hinaus.
Hinter der Baumkrone einer Fichte auf dem Nachbargrundstück konnte Karin in weiter Ferne wieder den Belchen, ihren ‚Hausberg’, erkennen. Ja, dachte sie, hier würde sie es notfalls ein Weilchen aushalten können. So nah der Heimat und doch so unerreichbar fern, solange da draußen die Gefahr für ihr Leben lauerte.
Sie wurde ein wenig wehmütig und wischte schnell eine einzelne Träne von ihrer Wange. Nein, sie würde stark sein, nahm sie sich vor. Sie war hier mit ihren besten Freunden und dem Mann, den sie liebte. Gemeinsam würden sie diese schweren Zeiten durchstehen, sagte sie sich. Was danach kommen würde, wagte sie sich noch nicht auszumalen. Konnten sie jemals wieder in ein Leben der Normalität zurückfinden? Und wie würde es mit ihnen weitergehen, mit Daniel und ihr? Mit Abbey und Simon?
Es war alles mit einem Mal so kompliziert geworden ...
[Fortsetzung folgt ...]
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