Dienstag, 20. Februar 2007
T1.76
[... Fortsetzung des Buches]

Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 11. September 1997

Gleich nachdem sie ihr Frühstück im Restaurant des ‚Aux 2 Roses’ eingenommen hatten, waren Abbey und Daniel losgefahren und hatten sie ihrem Schicksal überlassen. Karin schlug vor, sich die Festungsanlagen eingehender zu betrachten, womit Simon durchaus einverstanden war. So gingen sie auf dem von Gras und Gestrüpp bewachsenen Wall, der nur von den vier Stadttoren in allen vier Himmelsrichtungen unterbrochen wurde, einmal um den Ort herum. Die achteckige Form trat von hier oben besonders auffällig zutage und der Blick über die Hausdächer war besonders schön. Es gab nur ein paar Häuser, die mehr als drei Stockwerke hatten.
Nach ihrer ersten Umrundung schlug Karin vor, nun im Graben selbst zwischen den inneren und äußeren Verteidigungsmauern von Neuf-Brisach weiterzugehen, was Simon wiederum annahm. Als sie langsam dem unbefestigten Fuß- und Radweg in der ansonsten mit Rasen bewachsenen Grabenanlage folgten, musste Simon ungewollt zur Seite sehen und musterte sie heimlich. Sie trug einmal mehr Bluejeans und eine passende Jacke über einem eng anliegenden weißen T-Shirt, hatte diesmal aber die gewohnten hochhackigen Treter gegen leichte Turnschuhe als passendes Schuhwerk getauscht. Wie immer hatte sie ihr glattes, rabenschwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und bot ihm ungewollt ihr gebräuntes Profil mit dem nur leicht vorspringenden Kinn und ihrer Stupsnase über den auffällig geschwungenen Lippen dar. Ihre klaren, hellbraunen Augen richteten sich zur Seite und registrierten seine Blicke.
Er sah schnell weg und strich sich unangenehm berührt über den hohen Ansatz seiner dunkelblonden, glatten und zu seinem Leidwesen auch schon leicht schütter werdenden Haare mit den Geheimratsecken, die ihm ein sympathisches, aber auch distinguiertes Aussehen verliehen. Seine blauen Augen zuckten kurz zu ihr hinüber und er stellte fest, dass sie ihn unverwandt musterte, so als sehe sie sein markantes Gesicht mit den kräftigen, leicht kantigen Kieferpartien und den schmalen, jetzt ernst verkniffenen Lippen zum ersten Mal richtig.
„Wie lange warst du eigentlich in mich verknallt?“
Die Frage traf ihn unerwartet und mit voller Härte, denn sie hatte ihn noch nie so offen darauf angesprochen, geschweige denn überhaupt so unmissverständlich durchblicken lassen, dass sie es gewusst hatte. Nun, natürlich hatte sie es gewusst, gestand er sich ein, sie war schließlich nicht blöd.
In Defensivstellung gehend, konterte er: „Du meinst, bevor ich Abbey kennen gelernt habe?“
„Natürlich, das habe ich nicht in Frage stellen wollen. Tut mir leid, wenn es sich so angehört hat. Ich war nur ... neugierig.“
Er sah starr nach vorne und ließ seinen Blick über die hohen, alten Mauerwerke schweifen, ohne sie wirklich zu sehen. „Naja, ich glaube nicht, dass ich dir einen genauen Zeitraum dafür nennen kann. Die Anfänge meiner ...“ Er sah sie doch noch an und fuhr mit fester Stimme fort: „...Schwärmerei verlieren sich irgendwo im Dunkel der Vergangenheit.“
„Das klingt geheimnisvoll“, bemerkte sie und sah nun ihrerseits lächelnd nach vorne.
„Ja, so ungefähr am Anfang der Pubertät. Zusammen mit den ersten Barthaaren ...“, versuchte er dem Gespräch die Brisanz zu nehmen, „ ...und den ersten Haaren an anderen Stellen.“
„Du bist eklig!“ Sie schlug ihn lachend mit der flachen Hand gegen den Oberarm.
„Und nachts, wenn man im Bett lag und träumte ...“, führte er weiter aus, worauf er sich noch einen Schlag einhandelte.
„Du bist so was von eklig. Hör’ sofort damit auf!“, forderte sie, konnte sich das Lachen aber dennoch kaum verkneifen.
„Tja, ich weiß auch nicht, warum ich nie richtiges Interesse an der ältesten oder jüngsten der Bochner-Schwestern hatte. Ich habe mir wohl die goldene Mitte ausgesucht.“ Als er das sagte, wurde ihre Miene nachdenklich und kryptisch, er konnte nichts mehr daraus lesen.
„Es ist schon seltsam: Man wohnt in derselben Straße in demselben kleinen Ort und wächst praktisch miteinander auf. Wie kann man da gleichzeitig derart aneinander vorbeileben?“
Bei diesem Kommentar von ihr legte sich etwas in ihren Blick, ein Schimmer, den zu sehen er die Hoffnung vor langer Zeit schon aufgegeben hatte. Aber warum jetzt? Warum ausgerechnet jetzt? Wegen der extremen Situation, den besonderen Umständen?
Vielleicht interpretierte er zu viel hinein, sagte er sich und richtete sein Augenmerk wieder auf den Weg vor ihnen. „Schon komisch, wie alles gekommen ist, nicht wahr? Wir haben sogar die Wohnung miteinander geteilt und sind uns nur in den Haaren gelegen. Tja, und jetzt hat jeder von uns eine feste Beziehung, wobei der eine davon noch rein zufällig als Mitbewohner bei uns eingezogen ist.“
„He, das war ja wohl zweifelsfrei ein Zufall, okay? Das wollen wir doch mal festhalten! Und diese blöden Auflagen von meinen, oder sollte ich fairerweise sagen, unseren Eltern, mit dir zusammen eine WG zu bilden, können wir ja wohl auch als sehr plumpen und offensichtlichen Verkupplungsversuch zu den Akten legen“, hielt sie dagegen.
„Ja, fast schon peinlich“, stimmte er zu, „Eltern wollen immer nur das Beste für dich. Das geht so lange gut, bis sie glauben, sie müssen sich auch in dein Liebesleben einmischen.“
„Oder das, was sie dafür halten“, hieb sie nach, worauf er sie mit säuerlicher Miene ansah.
„Das hätte nicht sein müssen.“
„Sorry.“ Sie hakte sich unvermittelt bei ihm ein, worauf sich sein Puls ungewollt beschleunigte. Das war nicht richtig, oder? War es Abbey gegenüber fair? Seine Gedanken überschlugen sich, als er ihren Arm an seinem spürte.
„Wir sind in einer echten Zwickmühle, weißt du das eigentlich?“, sagte sie prompt, als habe sie seine Gedanken gelesen. „Ich meine, wir beide haben auf einmal eine Beziehung zu unseren Leibwächtern oder so, zu den Personen, von denen wahrscheinlich unser Leben in naher Zukunft abhängen wird. Das ist furchtbar kompliziert und es kann noch viel komplizierter werden, wenn wir uns nicht vorsehen. Ich meine, was würde passieren, wenn eine unserer Partnerschaften in die Brüche gehen würde? Wie würden sich die emotionellen Spannungen auf unser aller Verhältnis auswirken?“
Er entgegnete: „Oh, wenn du gerne des Teufels Advokat spielst, dann habe ich was für dich. Wie sicher kannst du dir über ihre Gefühle zu uns denn sein? Gehört das zu ihrer Aufgabe dazu oder ist das wirklich alles rein als Nebeneffekt entstanden, aus purem Zufall? Und wie soll das weitergehen, wie du so treffend gefragt hast?“
„Sie haben zumindest behauptet, dass sie vorher nicht wussten, dass wir es sein würden, die diese obskure Entdeckung mit dem Kristall machen würden. Wie aber sollten sie im Voraus wissen, dass irgendjemand diese Entdeckung machen würde? Sind sie Hellseher oder was?“
Er blieb abrupt stehen. „Scheiße, du hast recht! Wieso ist mir das nie aufgefallen? Das ist doch irgendwie sehr fragwürdig!“
„Ich finde, dass immer mehr Ungereimtheiten auftauchen, je länger wir mit unseren beiden ‚Superagenten’ zusammen sind. Sie wissen immer genau, was als Nächstes zu tun ist, und lassen nie eine Spur von Zweifel oder Unsicherheit erkennen. Mir ist das im Lauf der letzten Tage fast schon unheimlich geworden“, gab sie zu bedenken.
„Und ihre geheimnisvolle Organisation, die sie so sehr gedrillt und auf diese Mission vorbereitet hat, von der wir nichts erfahren dürfen. Die sie mit nahezu unbegrenzten Mitteln ausstattet, aber zu der sie nicht einmal mehr Kontakt aufnehmen können. Das passt doch irgendwie nicht zusammen“, fügte Simon hinzu und nahm die Schönheit des Belforter Stadttores, das sie gerade passierten, gar nicht wahr. „Ich glaube, uns fehlt ein wichtiges Glied in der Kette, damit wir auch nur ansatzweise begreifen können, was hier vor sich geht und was mit uns passieren soll oder wird.“
„Ich finde, wir sollten die beiden zur Rede stellen. Wir haben ein Recht darauf.“ Karin war es anscheinend ernst mit diesem Entschluss.
„Das wird ihnen nicht gefallen“, meinte er nachdenklich.
Kurz entschlossen sagte sie daraufhin: „Dann lassen wir die Bombe heute Abend beim Essen platzen. Sie werden uns wohl nicht vor mehreren Dutzend Leuten umbringen, oder?“
„Sie werden uns gar nicht umbringen“, widersprach er entschlossen. „So viel weiß ich sicher. Sie können es gar nicht, dafür sind sie viel zu professionell, zu gut geschult und geschliffen worden. Wir sind die Personen, die sie schützen müssen. Die Frage ist nur, werden sie mit der Sprache herausrücken und uns etwas über ihre wahren Absichten verraten? Können sie das überhaupt, oder ist ihre Konditionierung auch dafür zu stark?“
„Du hörst dich an wie in einem schlechten Agentenfilm. Mir wird ganz anders, wenn du so redest. Ich meine, für uns ist dieser Mist auf einmal Realität geworden, ohne dass wir eine Wahl hatten.“ Ganz unbefangen drückte sie sich im Gehen ein wenig an seinen Arm; er war schon jenseits des Punktes, an dem er sie von sich gewiesen hätte.
Statt dessen sagte er: „Ich muss dir etwas gestehen, Karin. Ich bin froh, dass ausgerechnet du es bist, die mit mir zusammen auf diese Achterbahnreise gehen musste. Es tut gut, jemand Altbekannten und Vertrauten in so einer Lage bei sich zu haben.“
Nach einem langen Moment des Schweigens sagte sie: „Ich weiß nicht, ob ich dir das sagen sollte, aber mir geht es ähnlich. War das jetzt ein Fehler von mir?“
Er hielt an und sah sich ihr gegenüber, als er sich ihr zuwandte. „Nein, ich glaube nicht. Auch wenn wir nicht mehr wissen, wem wir noch vertrauen können in dieser verrückten Welt, uns können wir vertrauen.“
Und dann umarmten sie sich und drückten sich fest aneinander, die Sorgen und Zweifel, Ängste und Ungewissheit bedingungslos miteinander teilend. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter; in dieser Haltung verharrten sie eine ganze Weile.
Dann sagte er unvermittelt: „Wir sollten weitergehen, ein mobiles Ziel ist schwerer zu treffen.“
Sie ließ von ihm ab und sah ihn an. „Für diesen Spruch sollte ich dir jetzt gleich eine kleben. Ich will von diesem Geheimagenten-Scheiß nichts hören, verstehst du?“
Er grinste. „Tut mir leid, die Versuchung war einfach zu groß.“
„Was soll ich mir dir nur anfangen, Simon?“ Sie hakte ihn wieder unter und zog ihre Jacke mit der anderen Hand am Aufschlag zu, da ein steifer Nordwestwind aufkam und durch den Graben pfiff.
„Da hätte ich ein paar Vorschläge ...“
„Idiot. Komm, lass uns erst mal zurück in die Stadt gehen; es wird frisch. Ich glaube, das Wetter schlägt um.“
„Wenn du damit diese gigantische Schlechtwetterfront meinst, die von den Vogesen hierherzieht, hast du wahrscheinlich recht.“ Er beschleunigte mühelos seine Schritte, um mit ihr mitzuhalten.
„Alter Klugscheißer.“ Sie konnte nur den Kopf schütteln.
Etwas hatte sich verändert zwischen ihnen, das wussten sie beide. Und es würde nie mehr das Gleiche für sie sein, wenn sie zusammen in einem Raum waren.



Der Abend kam und mit ihm der Zeitpunkt der Konfrontation. CSM 108-1 und TSR 3012 waren erst kurz vor dem Abendessen zurückgekehrt, so dass sie gleich hinab ins zugehörige Restaurant gegangen waren, ohne vorher viel miteinander geredet zu haben. Sie erhielten gleich nach dem Platznehmen die Vorspeise, eine dampfende Kartoffelsuppe, die fein mit hiesigen Kräutern abgeschmeckt war und vorzüglich schmeckte. Die Spannung zwischen ihnen war fast schon greifbar, so dass niemand von dem heftigen Regen Notiz nahm, der geräuschvoll gegen die Fenster prasselte und einen unbewusst frösteln ließ.
„Was habt ihr so alles herausgefunden heute?“, wollte Karin geradeheraus wissen.
Wahrheitsgemäß antwortete TSR 3012: „Daniel war in unserer Wohnung, nachdem er sichergestellt hat, dass sie nicht dauerhaft überwacht wird. Ich habe inzwischen versucht, einige von uns verdächtigte Personen zu überwachen, was nicht sehr einfach war. Wahrscheinlich werde ich mich mehrere Tage am Stück unsichtbar machen müssen, um greifbare Resultate zu erzielen. Aber am Wichtigsten ist es, sicherzugehen, dass die Gegenseite unseren Hawaii-Köder auch wirklich aufgenommen hat oder dies noch tut, falls noch nicht geschehen. Gleich danach steht die Enttarnung der Personen, die der Feind in unsere unmittelbare Umgebung eingeschleust hatte, auf der Prioritätenliste.“
„Ist das so eine Art Standardprozedur nach Lehrbuch, nach der ihr vorgeht?“, wollte Simon zwischen zwei Löffeln Suppe wissen.
„Eigentlich nicht“, gab CSM 108-1 zu, „denn unsere Lage ist weitaus komplizierter, als es jemals in einem Lehrbuch, welcher Art auch immer, behandelt werden könnte. Ich habe beispielsweise unsere Wohnung gefilzt und dabei bemerkt, dass sie abgehört wird. Um daraus einen Vorteil zu ziehen, habe ich eine besondere List angewandt, für die ich morgen in die Rolle des ahnungslosen Rückkehrers aus den USA schlüpfen werde.
Da die Anderen nicht oder noch nicht wissen oder ahnen können, dass ich eingeweiht bin, komme ich offiziell nach Beendigung meines Auslandssemesters zurück und spiele den Befremdeten, da ich eine unbewohnte Wohnung vorfinde. Und in diesem Zusammenhang wird der Köder ausgelegt, der hoffentlich die Gegenseite restlos überzeugen wird, dass es für sie nötig ist, Kräfte nach Hawaii zu verlegen, um euch dort aufzuspüren.
Wir wissen nicht, wie viele sie sind oder wie sehr wir sie wirklich von unserem fingierten Aufenthaltsort überzeugen können. Auch können wir nicht damit rechnen, dass sie alle ihre Leute ans andere Ende der Welt schicken, um euch auf einer Insel von der Größe des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald mit etwa anderthalb Millionen Einwohnern und Touristen zu suchen. Mit etwas Glück können wir uns einen Teil von ihnen vom Hals schaffen und müssen dann unbedingt versuchen, den Rest von ihnen zu enttarnen, um sie so unter Kontrolle halten zu können.“
„Ach, ihr wollt sie nicht gleich umbringen oder so?“, warf Karin lapidar ein.
CSM 108-1 schüttelte den Kopf. „Nicht notwendigerweise. Es ist vielleicht sogar besser, zu wissen, wer sie sind, ohne sie wissen zu lassen, dass sie enttarnt wurden. Das kann ein entscheidender taktischer Vorteil sein ... wenn wir es schaffen, sie zu enttarnen. Was wirklich schwer werden dürfte.“
„Habt ihr denn schon konkrete Verdächtige?“, ging Simon auf die Thematik ein.
„Sechs Personen, um genau zu sein. Und Daniel wird morgen ein nicht unerhebliches Risiko eingehen, denn es kann durchaus sein, dass er einen oder sogar mehrere der Gegner direkt ansprechen und vielleicht sogar bei sich in der Wohnung haben wird.“ TSR 3012 machte eine sehr ernste Miene bei diesen Worten.
„Bist du verrückt? Das kannst du doch nicht machen!“, brauste Karin entsetzt auf.
„Ich kann und ich werde. Keine Sorge, ich werde mehrere Personen auf einmal bei mir haben. Außer in dem äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass alle der Angesprochenen zur Gegenseite gehören, bin ich in relativer Sicherheit, denn einerseits werden sie nichts vor Unbeteiligten unternehmen und andererseits haben sie noch immer die Gewissheit, ihre Wanze bei uns versteckt zu haben und so vielleicht zufällig an die entscheidende Information, eine definitive Bestätigung eures Aufenthaltsortes nämlich, heranzukommen.“
„Eine unbestechliche Logik“, brummelte Karin darauf unwillig vor sich hin.
Die Suppenteller wurden abgeräumt von einer jungen Einheimischen, die scheu zu Boden blickte und ziemlich unsicher wirkte. Wohl neu im Geschäft, dachte Simon abwesend.
Sobald sie sich wieder ungestört unterhalten konnten, wollte Simon in gedämpftem Tonfall wissen: „Was habt ihr denn vor?“
„Das kann ich euch nicht genau sagen, aber wenn es funktioniert, wird das Resultat sein, dass wir wieder relativ sicher in Freiburg werden leben können.“ TSR 3012 sah ihn an und zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Nein. So funktioniert das nicht.“
Alle sahen nun Karin an, die mit trotzig vorgerecktem Kinn und vor der Brust verschränkten Armen auf ihrem Platz saß.
„Was meinst du damit?“, wollte CSM 108-1 wissen.
„Ich meine damit, dass wir das nicht länger mitmachen. Wir sollen, ja müssen euch sogar unser nacktes Leben anvertrauen und wissen praktisch nichts über euch. Wer ihr in Wirklichkeit seid, wo ihr herkommt, was eure wahren Absichten sind, wer euer Auftraggeber ist, was mit euch los ist ... nichts. Würde es euch nicht auch schwer fallen unter diesen Umständen, noch einen Rest Zutrauen zu euch zu fassen?“ In ihrer Stimme lag ein bittender Ton, fast wie ein Hilferuf.
Er verhallte ungehört, als CSM 108-1 seine Hand auf ihren Arm legte und sagte: „Bitte glaube mir, Liebes, wir können es euch nicht sagen, selbst wenn wir wollten. Etwas in uns hindert uns daran, euch mehr zu erzählen, als ihr ohnehin schon wisst.“
„Nein!“ Entschlossen entzog sie ihm ihren Arm. „Schluss mit ‚Liebes’. Ich will endlich ein paar Antworten von euch. Was haben sie mit euch gemacht, dass ihr uns nichts sagen könnt?“
„Ist es so eine Art posthypnotische Suggestion, die sie euch eingesetzt haben?“, schlug Simon vor.
TSR 3012 verneinte: „Es ist viel schlimmer als das. Du merkst vielleicht, wir versuchen durchaus, euch etwas davon zu erzählen, aber ‚es’ hindert uns daran, eine genauere Beschreibung davon zu liefern.“
„Und je mehr wir herausfinden, desto mehr könnt ihr uns erzählen, was in direktem Zusammenhang damit steht?“, hakte sie nach.
CSM 108-1 und TSR 3012 sahen sich einen Moment lang an. Er sagte: „So könnte man es ausdrücken.“
„Ich habe herausgefunden, dass ihr nicht wie normale Menschen altert“, triumphierte sie auf. „Sagt mir, wieso!“
„Was soll das heißen?“, fragte Simon verständnislos. Niemand sonst beachtete ihn.
„Ganz so einfach ist es nicht zu umgehen, Karin, tut mir leid“, erklärte CSM 108-1. „Aber du hast recht damit. Wir haben keinen normalen Stoffwechsel wie andere Menschen, was auch die Zellalterung mit einschließt.“
„Seid ihr genetisch manipuliert worden?“, riet sie unbeirrt los.
„Ja, zum Teil jedenfalls“, gab TSR 3012 unumwunden zu, ohne zu lügen. Ihre organische Komponente war wirklich von Skynet genetisch rekombiniert worden, um den besonderen Bedürfnissen eines Terminators besser zu genügen.
„Ich habe es geahnt“, murmelte sie düster. „Wer war es? Eine US-Institution, eine der Geheimdienste?“
„Nein. In diesem Punkt kannst du lange fragen, ohne darauf zu kommen“, meinte TSR 3012 und lehnte sich ein wenig zurück, als der Teller mit der Hauptspeise, einem lecker aussehenden Gemüseauflauf, vor sie gestellt wurde.
„Wartet nur ab, früher oder später verratet ihr euch schon“, meinte sie missmutig.
CSM 108-1 sah zu Boden. „Ich hoffe nicht. Wahrscheinlich wäre die Wahrheit mehr, als ihr ertragen könntet.“
„Und wieder haben unsere Dialoge B-Movie-Niveau erreicht. Ich schlage vor, wir verschieben das auf später.“ Simon sah noch einmal kurz misstrauisch in die Runde und begann dann zu essen.
Die Atmosphäre war an diesem Abend und auch in der folgenden Nacht sehr angespannt und unterkühlt. Sie redeten nicht viel miteinander und es kamen auch keine romantischen Gefühle mehr auf. Die beiden Cyborgs konnten es ihren Gefährten nicht verdenken, denn sie waren dabei, sich ihnen zu weit zu öffnen, was alles ruinieren konnte.
Und als sie ihnen eröffneten, dass sie ab morgen früh für volle drei Tage weg sein würden, ernteten sie nur noch ein Schulterzucken und zustimmendes Gemurmel.
Es würde nie mehr so wie vorher sein, dass wussten alle instinktiv. Obwohl es keinen großen Streit oder etwas Derartiges gegeben hatte, war doch etwas zwischen ihnen zerstört worden.

[Fortsetzung folgt ...]

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