Mittwoch, 21. Februar 2007
T1.77
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 12. September 1997

Als an diesem düsteren, grauen Vormittag mit tiefhängenden Wolken und einem unangenehm kühlen Wind, der bereits die ersten Vorboten des Herbstes ankündigte, an die Wohnungstür geklopft wurde, sprang CSM 108-1 förmlich zum Aufmachen hin. Zu seinem Erstaunen standen alle drei seiner Kommilitonen vor der Tür.
„Hallo, Danny“, rief Francesco und gab ihm erfreut die Hand, während die anderen beiden Personen etwas belämmert hinter ihm standen.
„Hi. Lange her, was?“, war der einzige Kommentar, den sich Natasha entlocken ließ. CSM 108-1
fiel auf, dass sie sich ihre Haare rötlich gefärbt, ein gutes Stück hinten und auch die Fransen in der Stirn geschnitten hatte. Ausserdem zierte eine kleine Narbe ihre Stirn über der linken Augenbraue.
„Allerdings. Wie ich sehe, hast du einen neuen Look?“
Sie verdrehte die Augen. „Ja, frag mich aber nicht, warum ich das mit den Haaren gemacht habe. Vor einer Woche hat es mich überkommen, aber ich bereue es schon jetzt. Und das hier war eine verdammt knappe Sache; ich hätte fast mein Auge verloren.“
„Scheint ja noch mal gut gegangen zu sein,“ ließ er sich vernehmen und schüttelte ihr die Hand, worauf sie sich hinter Francesco an ihm vorbei ins Innere quetschte.
Thorsten nickte nur stumm und gab ihm ebenfalls die Hand. Auch er schien ihn nicht so schmerzlich vermisst zu haben.
„Hallo. Vielen Dank, dass ihr so schnell kommen konntet; ich wusste einfach nicht, an wen ich mich wenden sollte ... ihr seid alle gleichzeitig da?“, stellte er verwundert fest.
„Ja, komischer Zufall, nicht war?“, tat Francesco dieses Vorkommnis ab. „Wieso hast du dich nicht mehr gemeldet, Mann?“
„Ich hatte so viel um die Ohren in den letzten Wochen. Und schließlich musste ich ja meine Rückkehr hierher vorbereiten und meiner Familie beibringen, dass es mich wieder hierher zieht. Im Grunde hatte ich es ja immer vorgehabt, pünktlich zum Semesteranfang wieder hier zu sein. Und jetzt das!“ Er wies weit ausschweifend in die Wohnung.
„Was meinst du? Wo sind eigentlich die anderen?“, fragte Thorsten, sich unwillkürlich im Flur umsehend.
„Deshalb habe ich euch ja angerufen. Ich habe seit über einer Woche vor meinem Rückflug versucht, einen von ihnen zu erreichen. Der Anrufbeantworter war immer ausgeschaltet, keine meiner e-mails wurde beantwortet. Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen. Vor allem seit der Sache mit meinem Auto.“ Er kratzte sich ratlos am Kopf.
„Was meinst du damit? Und wann bist du denn überhaupt angekommen?“, fragte Francesco völlig arglos.
„Gestern Abend. Und damit hängt auch meine Bemerkung mit dem Auto zusammen. Ich bin nämlich in Frankfurt angekommen und hatte noch eine Weile Zeit, bis mein Anschlusszug vom Flughafen abfahren würde. Deshalb bin ich auf dem Flughafengelände herumgelaufen und auf dem Dach eines der Parkhäuser ...“, erzählte er ausschweifend.
„Was suchst du auf dem Dach eines Parkhauses am Flughafen?“, wollte Natasha wissen.
Leicht verärgert wirkend meinte er: „Nach einem Flug von sieben Stunden auf einem Sitz in der Economy-Klasse würdest du wohl auch den Drang nach etwas Bewegung verspüren, oder? Außerdem dachte ich, ich kann ein paar der startenden Flugzeuge vom Dach aus beobachten. Na egal, auf jeden Fall spaziere ich so über das Parkfeld zwischen den abgestellten Fahrzeugen umher und auf einmal denke ich, mich trifft der Schlag. Da steht doch tatsächlich mein eigenes Auto vor mir!“
„Waaas? Wie kommt das denn dorthin?“ Francesco quollen fast die Augen aus dem Kopf hervor, so ungläubig starrte er ihn an.
„Das ist die große Preisfrage“, räumte CSM 108-1 ein.
„Bist du auch sicher, dass es dein Auto war?“, fragte wiederum Natasha.
Er konterte mit einer Gegenfrage: „Was schätzt du, wie viele Calibra Turbos in meiner Farbe und mit meiner Autonummer in Deutschland wohl angemeldet sind?“
„Hm, Punkt für dich“, gestand sie kleinlaut ein.
„Mann, hat mir das gestunken. Da ich keine Autoschlüssel mithatte, musste ich das gute Stück stehen lassen und doch mit dem Zug herkommen. Ich habe natürlich gleich in der Tiefgarage nachgesehen, um sicherzugehen, dass ich nicht nur einen schlechten Tagtraum gehabt hatte. Mein Stellplatz war leer.“ Er seufzte.
„Dann ist jemand mit deinem Auto zum Frankfurter Flughafen gefahren? Die anderen, nehme ich an.“ Wenigstens Thorsten versuchte, sachlich an die Problematik heranzugehen. „Hast du ihnen denn erlaubt, damit ‘rumzufahren?“
„Ich habe Abbey den Auftrag gegeben, ab und zu einmal um den Block oder eine Stadtrunde zu fahren, damit es nicht einrostet, aber von halben Deutschlandreisen war nicht die Rede, nein. Sie müssen es aber gewesen sein, denn einer der Autoschlüssel fehlt, und zwar der, den ich Abbey telefonisch angewiesen hatte zu übernehmen.
Meint ihr wirklich, sie sind einfach so zum Flughafen gefahren und weggeflogen? Oder ist das einfach nur ‘ne Riesenverarsche von ihnen? So eine Art Wiedersehensgag?“ Er schien ratlos.
„Hast du dich schon mal genauer in der Wohnung umgesehen, Daniel?“, schlug Natasha vor.
„Nein, ich wollte ja erst einmal hören, ob ihr etwas davon wisst“, verneinte er mit hilfloser Miene.
„Am besten machen wir das alle gemeinsam“, entschied sie darauf, „denn acht Augen sehen mehr als zwei.“
„Ich weiß nicht“, zweifelte Francesco.
„Wir durchwühlen ja nicht ihre Unterwäsche. Aber irgendeinen Hinweis muss es doch geben.“
„Also gut, wenn du meinst.“ CSM 108-1 machte einen leicht überrumpelten Eindruck, stimmte der Wohnungsdurchsuchung aber dennoch zu.
Thorsten und Francesco fingen in CSM 108-1’s altem Zimmer und dem Flur an, während er mit Natasha die große Wohnküche untersuchte. Dabei überlegte er laut: „Wieso sind sie bis nach Frankfurt gefahren? Es gibt doch mehrere Flughafen, die viel näher liegen: Stuttgart, Basel oder Zürich ...“
Schnippisch antwortete sie so laut sprechend, dass auch die anderen mitbekommen konnten, was sie von sich gab: „Das ist nicht schwer zu erklären. Von Stuttgart und Basel aus gehen nur Kurz- und Mittelstreckenflüge ab und um nach Zürich zu kommen, hätten sie über den Zoll fahren müssen.“
„Du meinst, sie sind weiter weg geflogen, wollten aber nicht über die Grenze fahren? Wieso sollten sie das nicht wollen? Sie haben doch alle gültige Pässe.“ CSM 108-1 markierte den Unwissenden. Dabei achtete er jedoch genau auf ihre nächste Reaktion.
„Das darfst du mich nicht fragen“, entgegnete sie und öffnete den Kühlschrank, um dessen Inhalt kurz zu untersuchen. Indem sie einen Joghurt herausnahm und den Schrank wieder verschloss, erklärte sie weiterhin lautstark: „Sie sind ziemlich spontan aufgebrochen, vielleicht mit Last-Minute geflogen oder so. Auf jeden Fall sind hier noch einige verderbliche Waren, die bald ablaufen, im Kühlschrank. Darf ich?“
„Bedien’ dich ruhig“, stimmte er nachdenklich mit einer vagen Handbewegung zu und rief in den Flur hinein: „Habt ihr schon was gefunden?“
„Ich gehe gerade das schwarze Brett durch“, gab Francesco zurück und schlug vor: „Sieh doch mal in euren Briefkasten, wie viel Post sich schon angesammelt hat. Das könnte ein Hinweis darauf sein, wie lange er nicht mehr geleert wurde.“
„Wow, ich habe mir ja eine ganze Kompanie Sherlock Holmes’ angeheuert“, meinte CSM 108-1 anerkennend und ging gleich dem Vorschlag seines Freundes nach.
„Wirklich seltsam“, meinte Thorsten nachdenklich. „Ich hatte nicht mal gewusst, dass sie weg sind. Haben sie sich bei euch abgemeldet?“
„Nope“, entgegnete Francesco und fügte hinzu: „Ich glaube, mir ist Karin vor anderthalb Wochen oder so zum letzten Mal in der Stadt über den Weg gelaufen. Wahrscheinlich hat Natasha recht und sie haben wirklich ein irre billiges Last-Minute-Angebot angenommen, um noch was von den Semesterferien zu haben. Karin und Simon hatten schließlich bis zum Ersten des Monats Ferienjobs und konnten nirgends hin, ganz zu schweigen davon, dass sie vor den Jobs gar keine Kohle dafür gehabt hätten. Und der Mega-Griff-ins-Klo-Trip von Karin war ja wohl auch nicht gerade Erholung pur. Als Daniel nicht aufgetaucht ist, war sie ziemlich bedient und geknickt.“
„He, wir sind eigentlich ganz gut im Kombinieren von Tatsachen. Machen wir eine Detektei auf?“, scherzte Thorsten.
„Lös’ erst mal deinen ersten Fall, bevor du abhebst, Thomas Magnum“, schalt Natasha ungnädig.
„Sir, yes, Sir!“, bellte Thorsten mit kehliger Militärstimme, worauf Francesco einen Lachanfall bekam.
CSM 108-1 kam zurück und verkündete mit einem Stapel Post, Prospekten und den üblichen Anzeigeblättchen in der Hand: „Das ist eine beachtliche Menge Papier, die sich da angesammelt hat. Seit gestern sind sie jedenfalls nicht erst weg.“
Während er auf dem langen Küchentisch die Post ausbreitete und nach Daten absuchte, ließ sich Francesco vernehmen: „Ich glaube, ich habe da etwas. Könnte so eine Art Checkliste für ihren Abflug sein.“
Er nahm den quadratischen Zettel von der Wand ab und brachte ihn in die Küche, wo CSM 108-1 triumphierend einen Gemeindebrief hochhielt. „Das ist es. Ein Blättke vom 2. September. Zumindest seit diesem Tag ist der Briefkasten nicht mehr geleert worden. Ziemlich lange her, wenn ihr mich fragt.“
Thorsten sah zu Boden: „An diesem Tag haben wir auch von Rudolf erfahren.“
Betretenes Schweigen setzte ein.
„Was habt ihr erfahren?“, fragte CSM 108-1 völlig unbefangen.
Natashas Stimme stockte. „Du weißt es ja noch gar nicht ... tut mir leid, wir hätten es dir schon längst erzählen sollen.“
Bevor er nachhaken konnte, sagte Francesco mit tonloser Stimme: „Rudolf hatte einen Unfall in der Uni-Bibliothek. Ein Regal ist umgestürzt und auf ihn gefallen. Er ist erschlagen worden.“
CSM 108-1’s Gesichtszüge entgleisten. „Kein Scheiß?“
„In der Zeitung stand, dass er wohl ausgerutscht ist und sich reflexartig an dem Regal festgehalten hat. Dabei hat er es umgerissen und ist unter fünf Zentnern Büchern begraben worden. Ein dicker Wälzer ist ihm so unglücklich auf den Hals gefallen, dass es ihm das Genick gebrochen hat. Er war sofort tot, hat die Polizei gesagt.“ Thorsten sah ehrlich betroffen aus. „Letzten Montag war seine Beerdigung.“
Jetzt erst fiel CSM 108-1 auf, dass seine drei Kommilitonen allesamt dunkle Kleidung trugen. „Aber, das ist ... das klingt so unglaublich. So ein Riesenkerl wie Rudolf ...“
„Eben das war offenbar sein Verhängnis. Er stand vor einem der wenigen kleinen Regale im Freihandmagazin, direkt neben einer der tragenden Säulen des Gebäudes. Eins der größeren Regale hätte sich wahrscheinlich nicht einmal bewegt, so stabil und vollgestopft mit Büchern wie die sind, aber ausgerechnet für dieses kleine hat sein hohes Gewicht ausgereicht, um es umzureißen. Eine Ironie des Schicksals, könnte man sagen.“
„Tut mir leid. Ich konnte ihn gut leiden.“ CSM 108-1 hielt einen Moment inne und griff nach dem Zettel, den Francesco gefunden hatte. Geistesabwesend murmelte er: „Was hast du da?“
„Wie gesagt, eine Art Checkliste. Reisepass, Ticket bestellt, die üblichen Punkte, alle mit Häkchen abgezeichnet.“
„Das ist Karins Handschrift“, sagte CSM 108-1 und sah von dem Papier auf, während auch Natasha einen Blick darauf warf.
„Stimmt, ich erkenne sie auch.“ Dass CSM 108-1 selbst den Zettel in perfekter kalligraphischer Imitation von Karins geschwungener Schrift verfasst und am schwarzen Brett deponiert hatte, konnte sie nicht wissen.
„Viel weiter bringt uns das nicht. Der einzige Hinweis ist, dass sie eventuell außerhalb der Europäischen Union sein könnten, da sie ausdrücklich Reisepass geschrieben hat. Den braucht man innerhalb der EU nicht.“ Thorsten rieb sich mit einer Hand nachdenklich das Kinn.
„Stimmt. Hat sie vielleicht noch mehr am schwarzen Brett gelassen, was du noch nicht gefunden hast?“ CSM 108-1 ging gemeinsam mit den anderen in den Flur zum Brett hin, das über der kleinen Kommode mit dem Telefon und dem Anrufbeantworter hing.
„Ich glaube nicht, dass ich was übersehen hab’“, meinte Francesco und besah sich den Anrufbeantworter. „Warum blinkt der denn? He, Daniel, ich denke, er war ausgeschaltet.“
„Ist er auch immer noch“, gab CSM 108-1 zurück und konzentrierte sich auch weiterhin auf das Korkbrett, das von festgepinnten Zetteln nur so übersät war. „Ich kenn’ mich mit dem Ding nicht so aus, ist irgend so ein koreanisches Billigteil. Für gewöhnlich hab’ ich immer die Finger davon gelassen. He, sieh mal, was da steht ...“
Während er unter mehrlagig übereinander gesteckten Zetteln etwas Neues suchte, drückte Francesco auf einen Knopf am AB. „Sie haben keine neuen Nachrichten“, verkündete eine blecherne näselnde Frauenstimme.
Das kleine rote Blinklicht blieb jedoch bestehen, worauf der junge Italo weiter auf den Knöpfen des Gerätes herumdrückte. CSM 108-1 sah es aus dem Augenwinkel und meinte warnend: „Verstell’ mir bloß nichts an dem blöden Ding, ja? Bis ich das wieder auf der Reihe hab’ ...“
Plötzlich erklang wieder die mechanische Stimme: „Ansage nicht aktiviert. Bitte löschen Sie die Ansage oder hören Sie sie ab.“
„Da, jetzt hast du’s geschafft“, beschwerte er sich.
Francesco sah nicht auf. „Warte doch mal, die Ansage ist nicht aktiviert worden. Hier ...“
Auf einmal hörten sie, durch das Gerät leicht verfremdet, Karins Stimme in ironisch-bedauerlichem Tonfall: „Hallo, hier ist der AB von Simon, Abbey und Karin. Wir sind leider, leider für unbestimmte Zeit auf Hawaii am Sonnen, Schwimmen und Surfen ...“
„Was glaubst du eigentlich, was du da tust?“, herrschte Simon sie an.
„Ich wollte nur ...“, begann sie eine Rechtfertigung, die von Abbey aus dem Off unterbrochen wurde.
„Wir dürfen niemanden von unserem Ziel informieren. Willst du uns alle umbringen? Lösch’ das sofort wieder!“
„Zeihung, ich wollte nur ...“
Ein Piepton beendete die kurze Meinungsverschiedenheit. Schweigend standen die vier um das Telefon herum und starrten auf den Anrufbeantworter, der noch immer blinkte.
„Was zum Henker soll das bedeuten?“, fragte CSM 108-1 schließlich.
„Ich habe keine Ahnung“, gestand Francesco schulterzuckend ein.
„Los spiel’s noch mal“, forderte Natasha ihn auf.
Er kam dem nach und sie lauschten nochmals den Stimmen auf dem Band. Danach meinte Thorsten nachdenklich: „Es hört sich für mich so an: Karin wollte eine neue Ansage aufnehmen, wurde aber während der Aufnahme von Simon und Abbey daran gehindert. Sie wollte die Ansage löschen, hat aber irgendwie einen falschen Knopf gedrückt, weshalb wir das Band jetzt abhören konnten. Der AB war nicht eingeschaltet, also brauchten sie keine Angst zu haben, dass jemand die Aufnahme hören würde, wenn er anrufen würde. Und wir haben sie jetzt gefunden.“
„Klingt vernünftig. Aber was soll der Unsinn, den sie da verzapfen? Das hört sich ja an wie in einem schlechten Agentenfilm.“ Natasha war sichtlich erregt über ihren Fund.
„Ich mache mir jetzt fast noch mehr Sorgen als vorher, als ich nicht Bescheid wusste. Was soll das alles? Das hört sich sehr überstürzt an ... fast wie eine Flucht. Aber vor was und wem? Sie haben doch nichts Unrechtes getan“, wandte CSM 108-1 ein.
„Das wissen wir nicht mit Sicherheit“, gab Natasha zu bedenken.
„Komm schon, wir reden hier von unseren Freunden. Auf welcher Seite bist du eigentlich?“, zischte CSM 108-1.
„Schließt sie aus! Werft sie raus!“, skandierte Francesco auch gleich, handelte sich aber nur einen bösen Seitenblick von ihr ein.
„Thorsten wollte wissen: „Wussten sie denn, wann du zurückkommen würdest?“
„Naja, vor meinem missglückten Urlaubsversuch mit Karin – bitte fragt nicht, das war eine unglückliche Verkettung von Umständen – hatte ich ihr am Telefon gesagt, wann ich geplant hatte, herzufliegen. Aber auf den Tag genau wusste ich es selbst bis letzte Woche noch nicht.“
„Da haben wir’s!“, rief Francesco triumphierend. „Sie haben einen längeren Trip gemacht und dir das als Riesenverarsche hinterlassen, um dir den versauten USA-Trip von Karin heimzuzahlen. Das ist alles. Und eines kannst du mir glauben: Auf dich war in diesem Haushalt nach Karins Rückkehr niemand gut zu sprechen, vor allem angesichts ihres Gemütszustandes.“
„Hm, das glaube ich ja gerne, aber ist das nicht ein wenig viel Aufwand, nur um ...“, meinte er ein wenig peinlich berührt.
„Sie haben wahrscheinlich gesagt, warum verbinden wir nicht einfach das Angenehme mit dem Nützlichen und drücken ihm auf diese Weise ordentlich einen ‘rein, während wir uns gleichzeitig unter der Sonne Hawaiis bräunen.“ Auch Natasha schien mit dieser Lösung warm zu werden.
„Du musst nicht immer von dir ausgehen“, versetzte Thorsten.
„Ha, wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte Daniel hier eine aufgespannte Bärenfalle hinter der Wohnungstür erwartet ... und die Glühbirne der Flurlampe hätte ich rausgedreht, damit er die Falle auch ja nicht sieht, bis er hineingetappt ist.“ Sie sah ihn erbost an.
„Herzlichen Dank auch“, meinte CSM 108-1 lapidar. Thorsten stand vor dem AB und drückte nochmals die Wiedergabetaste, worauf alles ein drittes Mal abgespielt wurde. Niemand seiner Freunde hatte auch nur die leiseste Ahnung davon, dass CSM 108-1 selbst die gesamte Ansage unter Verwendung seines Sprachprozessors, mittels dem er jedes einmal von ihm erfasste Stimmmuster in für Menschen nicht vom Original zu unterscheidender Imitation wieder geben konnte, aufgezeichnet hatte.
Ironischerweise bemerkte Thorsten anerkennend: „Aber eines muss man ihnen lassen: Es hört sich sehr echt an. Ich für meinen Teil nominiere sie für diese Leistung mit dem deutschen Hörspielpreis ‘97.“
„Da kannst du mal sehen, Thorsten wäre ihnen auch auf den Leim gegangen“, tönte Natasha überlegen.
„Naja, für eine Minute vielleicht“, gab dieser zu und zuckte mit den Achseln.
„Mir fällt etwas ein, hier steht doch die Telefonnummer von Karins Eltern. Warum rufst du die nicht einfach an und versuchst dort etwas herauszufinden?“, gab Francesco zu bedenken.
„Das ist die Idee, Mann!“ Ohne eine Sekunde zu zögern, nahm CSM 108-1 den Hörer auf und begann die Nummer von dem kleinen Merkzettel zu wählen. Nach mehreren Freizeichen nahm jemand ab. Natasha hatte die Geistesgegenwart, das Außenmikrofon anzuschalten.
„ ...ochner.“ Die Stimme einer Frau in mittleren Jahren.
„Guten Tag, Frau Bochner. Hier spricht Daniel. Ich bin gerade aus New York zurückgekommen und habe die Wohnung verwaist vorgefunden. Können Sie mir vielleicht sagen, wo Karin, Simon und Abbey sind?“
„Du machst mir ja Spaß, hier noch anzurufen! Weißt du eigentlich, was meine arme Kleine wegen dir durchgemacht hat? Man bestellt doch seine Freundin nicht einfach ans Ende der Welt und versetzt sie dann nach Belieben! Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben ...“
Alle vier sahen sich betreten an, Francesco biss sich krampfhaft auf die Oberlippe, um ein Lachen zu unterdrücken. Natasha hatte weniger Hemmungen; sie stürzte in die Küche, um dort loszuwiehern, so dass Karins Mutter sie nicht hören konnte während ihrer Schimpftirade.
„Ich verstehe Sie ja, Frau Bochner, und es tut mir so leid wie sonst nichts auf der Welt. Ich hatte sie noch in Frankfurt versucht auszurufen, doch da war sie schon losgeflogen. Und ich war danach auch verhindert ... bitte glauben Sie mir. Aber sagen Sie mir doch bitte, wo ist sie jetzt?“
„Das haben sie dir nicht gesagt? Sie sind doch vor einer guten Woche in die USA geflogen. Die verrückten Kinder ... haben alles stehen und liegen gelassen und mich erst vom Flughafen aus angerufen. Wie hieß das doch noch gleich, wo sie hinwollten? Irgendwas mit Sonne und Meer und ... ich interessiere mich ja leider nicht so für fremde Länder. War es Florida oder Hawaii? Ganz weit weg auf jeden Fall.“ Es passte perfekt, was Karins Mutter in ihrer Arglosigkeit von sich gab.
„Naja, macht nichts. Ich habe es wohl so verdient. Vielen Dank für Ihre Auskunft und nichts für ungut. Wiederhören.“
„Dann brauchst du uns wohl nicht mehr“, bemerkte Francesco süffisant, als er aufgelegt hatte.
Betreten sah er zu Boden. „Da kann ich mich wohl auf was gefasst machen, wenn die drei zurückkommen. Ich kann schon mal anfangen zu überlegen, wie ich diesen Patzer mit Karins Versetzung in Oregon wieder gutmachen kann.“
Thorsten klopfte ihm auf die Schulter und meinte gut gelaunt: „Lass den Kopf nicht hängen, davon geht die Welt nicht unter.“
CSM 108-1 sah auf und direkt in seine blauen Augen: „Nein, bestimmt nicht. Ich werde erst einmal nach Frankfurt fahren müssen und dort meinen Wagen abholen. Oh Mann, wisst ihr, wie viel es kostet, ein Auto für zehn Tage am Flughafen abzustellen?“
„Nein, aber du wirst es uns bestimmt brühwarm erzählen, wenn du zurück bist, nicht wahr? Bye-bye, honey.“ Hämisch lachend ging Natasha.
„Francesco, tu mir einen Gefallen und schubs’ sie die Treppe runter, okay? Sei doch so nett.“
Der Italiener lachte. „Führ’ mich bitte nicht in Versuchung. Ciao!“
„Wir werden es wie einen Unfall aussehen lassen“, fügte Thorsten trocken hinzu, als er ging.
Die anderen verabschiedeten sich damit und gingen ohne weitere Umschweife, im Treppenhaus noch hörbar schwatzend und lachend.
Er stand reglos im Flur. << Abbey, sie kommen jetzt ’runter. Hast du alles mitbekommen? >>
<< Positiv ... Entschuldigung, ich meine, ja, der Empfang war laut und deutlich. Was schlägst du vor? >>
Er brauchte nicht lange zu überlegen. << Du übernimmst Subjekt B, ich hänge mich an A. Subjekt C können wir nach dieser Sache hier getrost vergessen. >>
Sie bestätigte: << Eine hervorragende Einschätzung; ich bin zu exakt denselben Schlüssen gekommen. Dann los. >>
<< Gut, bis später. >> Er beendete die Übertragung und machte sich daran, eilends die Wohnung zu verlassen, um sich wie vereinbart an die Verfolgung desjenigen Subjektes zu machen, das sie mit A bezeichnet hatten.

[Fortsetzung folgt ...]

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