Donnerstag, 22. Februar 2007
T1.78
[... Fortsetzung des Buches]

Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 13. September 1997

Sie waren nach dem Frühstücksbuffet im „Aux 2 Roses“ im Zickzack-Muster fast das gesamte schachbrettförmige Achteck des Ortes abgegangen, wobei sie etwa sechs Kilometer zurückgelegt hatten. Simon sagte in dem, was er für „Geheimagenten-Slang“ hielt, es sei für sie sehr wichtig, wenn nicht sogar lebenswichtig, das Terrain in- und auswendig zu kennen und sich so einen entscheidenden taktischen Vorteil zu sichern.
Darauf bekam er wieder einmal einen Boxhieb von ihr auf den Bizeps.
Und lachte sie danach an wie der kleine Junge, der sie damals vor Ewigkeiten schon geärgert hatte.
„Zum Brunnen?“, fragte er und sah sie nicken.
Wieder einmal gingen sie zum Place D’Armes General De Gaulle, der genau in der Mitte des Ortes, mit zwei Blocks Länge und demnach einer Fläche von vier Blocks, das Stadtbild entscheidend mitprägte. Sie überquerten die Straße rings um den Platz, um den sozusagen Kreisverkehr herrschte, auch wenn es ein riesiges Quadrat war. Danach zwängten sie sich zwischen zwei geparkten Wagen durch; das war der nächste ‚Gürtel’, den man überwinden musste, wenn man zur Mitte der Stadt hin vorstoßen wollte: eine Phalanx von quer geparkten Autos rings um den Platz. Nun schritten sie unter den zwei Reihen von – wie sollte es auch anders sein hier – exakt geometrisch ausgerichteten Bäumen durch zum Platz hin, der mit Sand bedeckt war und mehrmals in der Woche als Standfläche für Marktgeschäfte diente.
In der Mitte angekommen, besahen sie aufs Neue den großen Brunnen aus rotem Sandstein, wie er auch überall im südlichen Schwarzwald zu finden war, unter anderem am Freiburger Münster. Ein weitläufiges Becken umgab die etwa vier Meter hohe, kunstvoll mit Figuren und Mustern verzierte Säule, aus der auf halber Höhe in alle vier Richtungen Wasserrohre herausragten.
Von hier aus konnte man in alle vier Richtungen die Haupt- und Ausfallstraßen bis zu den Ausgängen der Stadt sehen, von denen zwei noch immer als alte Stadttore erhalten waren. Durch ihre einzigartige Bauweise lag einem Neuf-Brisach von diesem Punkt aus praktisch zu Füßen.
„Diese Stadt hat etwas Faszinierendes, das sich nicht beschreiben lässt“, meinte Simon versonnen.
Karin stimmte zu: „Ja, obwohl die einzelnen Häuser so schlicht, aber liebevoll gebaut sind. Es ist die Gesamtheit des ganzen Ortes, das Kunstwerk, das sich aus den Einzelteilen ergibt, aus jedem Block und jedem einzelnen Gebäude.“
„Man kann sich von hier aus gar nicht vorstellen, dass sie von derart rohen, trutzigen Bollwerken und Mauern umgeben ist, wenn man es nicht wüsste. Eine Harmonie der Gegensätze, die einmalig ist. Das einzige Vergleichbare, was mir dazu einfällt, ist eine Perle in ihrer schützenden Muschel.“
Sie sah erstaunt auf. „Ich habe eben genau das gleiche gedacht! Ist das nicht seltsam?“
„Vieles ist seltsam in diesen Tagen, in denen die Realität scheinbar verrutscht ist und uns hierher verschlagen hat. An diesen romantischen Ort.“ Er grinste wieder einmal auf seine ironische Art.
„An diesen romantischen, romantischen Ort“, fügte sie hinzu und erwiderte sein Grinsen.
„Ob die beiden wohl wissen, was sie damit angerichtet haben, uns hier zurückzulassen, nur auf uns gestellt und praktisch dazu genötigt, die ganze Zeit miteinander zu verbringen?“, meinte er nachdenklich und setzte sich auf den Rand des Brunnenbeckens.
„Entweder haben sie diesen Platz mit voller Absicht ausgewählt oder sie sind so kaltschnäuzig, dass sie keinen Gedanken darauf verschwendet haben. Was meinst du?“ Sie setzte sich neben ihn.
„Nach den Erlebnissen der letzten Zeit eher die zweite Möglichkeit. Mir kommt es so vor, als habe sich etwas in Abbey total verändert, vielleicht als Resultat der ganzen Ereignisse. So, wie jemand, den du im Urlaub kennen lernst und nachher daheim wieder triffst, dir vollkommen verändert vorkommt.“
„Wow, schon der zweite Fall von Telepathie heute“, bemerkte sie. „Seit Daniel so lange weg war, ist er nicht mehr derselbe. Mir kommt es heute so vor, als habe er damals bei unserem Abschied gar nicht damit gerechnet, jemals wieder zu kommen, obwohl er immer das Gegenteil behauptet hat. Du weißt schon, so wie jemand, der mit etwas abgeschlossen hat und sich im Geiste völlig davon losgesagt hat. Und jetzt, wo er wieder da ist, läuft er irgendwie ein wenig entrückt herum, als könne er es noch immer nicht glauben, dass er wieder da ist, und als müsse er jetzt versuchen, das Beste daraus zu machen. Irgendwie schmeichelt mir das nicht gerade.“
Er sah sie mit großen Augen an. „Ich hätte nicht gedacht, dass du ihn so gut kennst. Dass du so viel über ihn ableiten kannst aus seinem Gebaren und seinem Gesichtsausdruck und so.“
Sie ließ die Füße baumeln und betrachtete sie dabei intensiv. „Naja, es kommt mir manchmal selbst komisch vor. Als ich ihn kennen lernte, war er wie ein ungeschliffener Rohdiamant. Ein idiotischer, unsensibler Rohdiamant.“ Sie lächelte wehmütig und fuhr im gleichen Atemzug fort.
„Ich konnte mitansehen, wie er im Laufe der Wochen und Monate zu der Person heranreifte, die Bindungen zu mir aufbaute, die dazu geführt haben, dass ich mich schlussendlich in ihn verliebt hatte. Aber er hat sich weiter entwickelt, als es mir lieb ist, wenn ich ehrlich sein soll. Versteh’ mich nicht falsch, ich empfinde noch immer sehr viel für ihn, ich schätze ihn sehr und fühle mich wohl in seiner Gegenwart. Es ist nur etwas, das dabei ist, abhanden zu kommen ... die reine körperliche Anziehung, fürchte ich. Ich kann dir aber nicht erklären, wieso das die Folge des Verlustes an Vertrauen sein kann. Und wie lange unsere Beziehung dieses Manko übersteht, weiß ich auch nicht.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das tut mir leid. Ihr seid so ein hübsches Paar. Wenn ich an Abbey denke ... ich weiß noch immer nicht, was so eine Traumfrau an mir gefunden hat. Und dann versuche ich immer, mein Glück zu fassen, aber es gelingt mir nicht, verstehst du? Es ist einfach zu schön, um wahr sein zu können! In der Uni, auf der Straße, in Cafés oder Restaurants, überall, wo wir zusammen auftauchen, drehen sich die Leute um und ich glaube dann fast, sie denken zu hören: ‚Wie kommt der nur an so eine Frau’?“
Nun sah sie auf und fixierte ihn mit ihrem Blick. „Du bist nicht fair dir gegenüber, Simon. Warum sollst du nicht das gleiche Recht haben wie jeder andere auch, eine tolle Frau zu finden? Ich muss zugeben, als ich davon gehört habe, war mir etwas komisch zumute ...“
„Aha, du bist eifersüchtig geworden. Weil du in einem kleinen Winkel deines Unterbewusstseins sicher warst, dass dir meine ewige Bewunderung gewiss sein konnte. Und plötzlich war ich weg vom freien Markt. Muss ein ganz schöner Schreck für dich gewesen sein“, ereiferte er sich.
Ihre Augen füllten sich kurz mit Tränen, nur für eine Sekunde, dann hatte sie sich wieder gefasst. „Du ... ja, gut, du hast Recht. Was willst du von mir hören? Dass es mir jetzt leid tut? Ich weiß doch auch nicht ... ich glaube, ich konnte mit dieser Situation nicht umgehen. Auf der einen Seite hat es mich natürlich gefreut, dass du endlich jemanden gefunden hast, denn trotz aller Neckereien sind wir doch alte Bekannte und Freunde. Aber du weißt ja, dass ein altes gängiges Klischee verheißt, dass Männer oft erst attraktiv für eine Frau werden, wenn sie eine Freundin haben oder man zumindest sieht, dass er bei anderen Frauen ankommt. Denn dann muss an ihm ja irgendwas dran sein, oder?“
„Tolle Logik!“ Er gab ihr einen kleinen Stubs, sodass sie von der Mauer rutschte und auf die Füße springen musste.
„He!“ Sie packte ihn am Arm und riss ihn ebenfalls von der Mauer herunter.
Er sah auf sie hinunter. „Noch vor fünfzehn Jahren hätte das eine saftige Rangelei gegeben. Wie die Zeit doch vergeht.“
Sie musste lachen. Er registrierte glücklich, dass etwas Befreites, Vertrautes darin lag. Sie waren mittlerweile mehr als nur Freunde. Zu viel verband sie, hatte sie zusammengeschweißt.
Er fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart, ein Gefühl, das sie nun endlich mit ihm teilen konnte. Ausgelassen hakte er sie unter und steuerte mit ihr ungefähr Richtung Süden.
„Wohin soll’s gehen?“
„Es ist allmählich Zeit zum Mittagessen. Hast du großen Hunger?“ Fragend sah er sie an.
„Eigentlich nicht. Aber einen kleinen Happen könnte ich trotzdem vertragen.“
Er überlegte nicht lange. „Maison du Thé?“
„Einverstanden.“ Sie überquerten den Platz nun in östlicher Richtung und überquerten die Straße, worauf sie auch schon vor ihrem Ziel standen, einer gemütlichen Bäckerei mit integriertem Café. Als Spezialität wurden auch frische Crêpes, wahlweise süß oder herzhaft garniert, gereicht. Sie setzten sich an eine der Tischgruppen rechterhand entlang der grob verputzten, rustikalen Wand, in der – diesmal echtes – Fachwerk verbaut war. Sie bestellten beide Crêpes mit Schinken und Käse als Mittagsimbiss und sahen dann dem gemächlichen Treiben im Verkaufsraum der Boulangerie zu, welcher ohne jegliche Abtrennung neben dem Cafébereich lag.
Simon fragte unschuldig: „Was glaubst du, wie lange wird es bei unserem Tempo noch dauern, bis wir alle Straßennamen auswendig kennen?“
Verschmitzt lachend erwiderte sie seinen Blick. „Höchstens noch ein, zwei Tage. So groß ist die Anlage auch nicht, dass uns diese Aufgabe überfordern würde.“
„Sehen wir es als Herausforderung.“ Er konnte seinen Blick nicht mehr von ihren Augen abwenden und dachte nur: < Oh Gott, irgendetwas geschieht mit uns. Ist das richtig? >
Die Antwort darauf würden sie selbst herausfinden müssen.
Vielleicht schon in den nächsten Tagen, bei dem Tempo, in dem sich die Ereignisse in ihrem Leben in letzter Zeit überschlagen hatten.

[Fortsetzung folgt ...]

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