Freitag, 23. Februar 2007
T1.79
[... Fortsetzung des Buches]

Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 15. September 1997

Es war gerade einmal sechs Uhr morgens an diesem kühlen, aber klaren Montagmorgen, als CSM 108-1’s Calibra in die Seitenstraße, die Rue Gal. Dermoncourt, einbog und vor dem ‚Aux 2 Roses’ parkte. TSR 3012 stieg aus und läutete ohne die geringste Spur von Mitleid den Frühportier, einen runzligen alten Mann mit fahlem grauen Haar und kleinen, weit auseinander stehenden dunklen Augen, aus seinem Schläfchen im Ohrensessel hinter der Rezeption. Bei ihrem wie immer umwerfenden Anblick vergaß er sogleich seinen Unmut und ließ sie ein. Als sie zur Treppe ging, verfolgten seine gierigen Blicke ihren leicht wiegenden Gang und zogen ihr die schwarzen Röhrenjeans und das etwas eng geratene grünviolett gemusterte T-Shirt aus.
‚Schwein’, dachte sie nur gelinde amüsiert und steuerte ihr Zimmer an. Leise drückte sie den vom Portier ausgehändigten Zimmerschlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Sie beschloss, die beiden in Ruhe packen und nochmals die Vorzüge des französischen Frühstücksbuffets genießen zu lassen, bevor sie mit ihnen abreisen würde. Es wurde auch höchste Zeit für einen Ortswechsel.
Dann erstarrte TSR 3012.
Das Zimmer war leer.
Rasch schweifte ihr Blick im Raum umher. Etwas erleichtert registrierte sie viele Spuren einer erst kürzlichen Benutzung, was bedeutete, dass sie durchaus noch hier waren, auch wenn Simon zu dieser frühen Stunde nicht in seinem Bett lag und schlief. Vielleicht war er früh aufgewacht und machte einen Morgenspaziergang; das hätte sie den Portier fragen können, wenn sie geahnt hätte, dass er nicht da sein würde. Er pflegte für gewöhnlich ein Frühaufsteher zu sein, wenn er sich nicht daheim aufhielt.
Sie ging zum Nebenzimmer, holte ihre Kreditkarte vor und lauschte gleichzeitig. Totenstille auf dem Flur, nichts regte sich. Auf ihr Zeichen hin bildete sich der vertraute flache, halbflüssige Stift nach vorne hin aus und ließ sich leicht ins Türschloss von CSM 108-1 und Karins Zimmer hineindrücken, wo er seine Arbeit mit gewohnter Zuverlässigkeit verrichtete und das Schloss entriegelte. Lautlos drehte sie die Karte und fasste dann den Türknauf.
Drinnen fand sie Karin fest schlafend vor.
Gut.
Und gleich neben ihr lag Simon im Bett.
War das auch gut?
In diesem unerwarteten Moment wusste TSR 3012 nicht so recht, was sie mit dieser Information anfangen sollte, wie sie diese Szene interpretieren sollte. Normal war das Bild, das sich ihr hier bot, jedenfalls nicht.
In dem Moment, als sie die Tür schloss, wurde Karin mit der manchen Menschen eigenen instinktgleichen Wahrnehmung gewahr, dass jemand im Raum war. Sie öffnete die Augen und setzte sich ruckartig im Bett auf. Erschrocken, erleichtert und entsetzt zugleich erkannte sie TSR 3012. „Abbey!“
„Guten Morgen, Karin. Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Alles in Ordnung mit euch?“ Sie steuerte einen Stuhl an, in den sie sich setzte und mit vor dem Mund gefalteten Händen ihre Freundin quer durchs Zimmer mit undurchdringlicher Miene musterte.
„Es ist nicht so, wie es aussieht ... oh Scheiße, das hört sich so abgedroschen an! Es ist nichts passiert zwischen uns, bitte glaube mir. Ich würde dich oder Daniel niemals so hintergehen ...“ Ihre Stimme überschlug sich förmlich, worauf auch Simon allmählich wach wurde.
„Weißt du was?“ Sie stand auf und näherte sich langsam dem Bett, um sich behutsam auf Karins Seite auf dessen Kante niederzulassen. „Ich würde das keinem Menschen glauben. Aber dir glaube ich es. Ihr beide kennt euch so lange und seid euch so vertraut. Wahrscheinlich hat die extreme Situation und die große Unsicherheit, verbunden mit der alten Vertrautheit zwischen euch, dazu geführt. Ihr habt ausgesehen wie Bruder und Schwester, als ihr da nebeneinander gelegen und geschlafen habt.“
„Ich bin froh, dass du nicht denkst ...“ Sie verstummte, als auch er vollends wach wurde und steif wie ein Brett nach oben schnellte.
„Bitte, Schatz, du musst nichts sagen, es ist alles in Ordnung. Ich sehe, dass nichts zwischen euch passiert ist. Ihr seid beide mit Schlafkleidung bedeckt und Karin sagt offenbar die Wahrheit über das, was hier geschehen ist. Ihr wart beide alleine und habt nur die Nähe von jemandem Vertrauten gesucht.“ Sie streichelte ihm sanft lächelnd über die Wange, worauf sich seine Augen mit Tränen füllten.
„Ich habe dich gar nicht verdient, Abbey. Jede andere wäre bestimmt total ausgerastet. Aber du kommst einfach hier herein und sagst, es ist okay. Wieso bist du so gut zu mir?“ Er konnte kaum an sich halten vor Rührung.
„Eben weil du es verdienst, Dummerchen. Außerdem habe ich gute Neuigkeiten für euch ... für uns alle.“ Sie stand wieder auf und ging zurück zu ihrem Stuhl, auf den sie sich setzte. Dabei sah sie, dass ihre Kleider fein säuberlich auf den Stühlen neben ihren Bettseiten abgelegt waren; ein weiteres Zeichen dafür, dass sie keineswegs eine wilde Liebesnacht gefeiert hatten, in der sie sich ihre Sachen gegenseitig vom Leibe gerissen und überall im Raum verstreut hatten.
Außerdem hatte TSR 3012 im düsteren Licht des morgendlichen Zimmers problemlos mit ihrer Infrarotsicht die Blutmenge in den Gefäßen von Karins Gesicht erkennen können, als sie behauptet hatte, es sei nichts geschehen. Ihren Erfahrungswerten nach hatte es keine Veränderung der Gesichtstemperatur gegeben, die einer menschlichen Reaktion bei einer Lüge entsprochen hatte.
Alles innerhalb operativer Parameter, was das betraf.
„Und was gibt es Neues?“, wollte Simon wissen, mit frischer Kleidung im Arm bereits auf dem Weg ins kleine Bad.
„Wir können nach Freiburg zurück.“
„Ehrlich? Mann, das wäre ja spitze!“, freute sich Karin. „Nicht, dass wir es hier nicht noch länger ausgehalten hätten. Aber wie habt ihr das hingekriegt?“
„Das erzähle ich euch beim Frühstück. Ich suche noch Daniels Kram zusammen, ihr packt auch, und nachdem wir das Buffet geplündert haben, machen wir uns auf den Rückweg.“
„Klingt phantastisch. Jetzt bin ich aber gespannt.“ Simon war bereits beim Ankleiden und beteiligte sich durch die spaltweit geöffnete Tür an der Unterhaltung.



Sie saßen zu dritt am Frühstückstisch und warteten auf TSR 3012’s Bericht, während sie Croissants mit Butter und Konfitüre beschmierten und sich Milch in den Kaffee gossen. Sie begann sachlich: „Wir haben am Samstagmorgen unseren Köder ausgelegt und insgesamt drei der sechs verdächtigen Personen in die Wohnung geladen. Sie haben den armen Daniel, der nichtsahnend aus den Staaten zurückgekommen ist und eine leere Wohnung vorfand, moralisch unterstützt und ihm dabei geholfen, herauszufinden, wo wir abgeblieben sind. Nach und nach haben die drei, findig wie sie sind, mehr oder weniger zufällig alle konkreteren Hinweise darauf gefunden, dass wir wirklich auf Hawaii sind, auf einem Kurzurlaub, wie wir allen weismachen wollten. Die Leute, die unschuldig sind, glauben das jetzt, aber der Attentäter, der uns ans Leder will, wird hingegen glauben, dass wir in Wahrheit dort untergetaucht sind. Daniel und ich haben jeweils einen der zwei Verdächtigen das gesamte Wochenende über beschattet, wobei ich auch tatsächlich fündig geworden bin. Ich wurde Zeuge einer Art konspirativer Zusammenkunft, an der auch eine zweite uns bekannte Person zu meinem Verdächtigen stieß, gemeinsam mit insgesamt vier anderen. Die anderen, von denen Daniel dann einen verfolgte und ich einen, haben ihre Sachen gepackt und die Stadt verlassen. Und jetzt ratet mal, wie viele Leute gestern Morgen von Frankfurt aus einen Direktflug nach San Francisco mit Weiterflug nach Honolulu gebucht haben, die ihren Ausweisdaten nach in der Gegend von Freiburg wohnhaft sind? Genau vier.“
„Du meinst, vier von ihnen sind nach Hawaii geflogen, während die anderen beiden sozusagen als Reserve, Aufpasser oder wie auch immer hiergeblieben sind?“ Simon hielt mit Kauen inne, als ihm bewusst wurde, was das bedeuten mochte.
„Ganz genau. Für uns heißt das, wir haben nur noch zwei Leute hier in Freiburg, und die kennen wir bereits. Wir müssen nicht einmal etwas über sie herausfinden, wir wissen, wo sie wohnen und was sie studieren. Mit denen werden wir fertig; sie werden keine Bedrohung für euch mehr darstellen“, erklärte TSR 3012 zuversichtlich.
„Und sobald einer von ihnen uns sieht oder sonst wie merkt, dass wir wieder hier sind, pfeifen sie doch ihre vier Kollegen aus Hawaii wieder zurück! Dann haben wir wieder die volle Mannschaft am Hals“, warf Karin ein.
„Ein gutes Argument, aber daran haben wir auch gedacht. Zum einen sind wir sicher, dass wir einen Vorteil haben, über den die Gegenseite nicht verfügt, nämlich ausreichend Geldmittel. Nach unserer Einschätzung sind ihre finanziellen Ressourcen durch die vier Langstreckenflüge dramatisch geschrumpft oder sogar völlig erschöpft worden. Sie sitzen demnach mit höchster Wahrscheinlichkeit auf der schönen Insel Oahu mitten im Pazifik fest, können nicht irgendwohin reisen oder sich versorgen, ohne irgendwie straffällig zu werden. Sie werden stehlen oder jemanden überfallen müssen, um über Wasser zu bleiben. So schnell finden sich keine vier gutbezahlten Jobs dort, glaubt mir.
Und um ganz sicher zu gehen, haben wir uns die Freiheit genommen, im Hauptcomputer von Interpol einige internationale Haftbefehle mit recht detaillierten Personenbeschreibungen für sie zu hinterlegen, die den Eindruck erwecken, dass sie schon seit längerem in mehreren Staaten, auch in den USA selbst, wegen des Verdachts auf diverse schwere Delikte wie Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zusammenhang mit Raubüberfall, schwerer Körperverletzung, Diebstahl, schwerem Betrug und ähnlich netten Dingen gesucht werden. Passend dazu eine Warnung an die Behörden von Hawaii, dass die vier bei ihnen auftauchen könnten.
Sie werden ziemlich gut ausgebildet sein; vielleicht kann ein Teil von ihnen oder auch alle vier sich der Verhaftung am Flughafen entziehen, aber dann werden sie auf jeden Fall allein schon wegen des Tatbestandes des Widerstands gegen die Staatsgewalt gesucht und haben keine Möglichkeit, die Inseln so einfach zu verlassen. In den USA, wo sämtliche Polizeibediensteten als hochgradige Respektpersonen anzusehen sind, wird jeder, der Widerstand leistet oder sich der Festnahme entzieht, noch viel drakonischer bestraft als bei uns. Entweder werden sie gleich im Gefängnis landen oder im Großraum Honolulu untertauchen müssen und mit großem Aufwand gesucht werden. Sie werden es nicht leicht haben, das könnt ihr mir glauben.“
„So wie du das schilderst, können sie einem fast schon wieder leid tun“, bemerkte Simon.
„Denk’ daran, dass sie dich ohne zu zögern getötet hätten, wenn sie dich in die Finger bekommen hätten. Warum, ist noch offen, aber wir werden uns die verbliebenen zwei Attentäter zu gegebener Zeit vornehmen. Besser früher als später.“ Ihr Blick wurde hart.
„Ich frage lieber nicht, was du damit meinst, oder? Und du meinst, dass wir diesen Albtraum dann ausgestanden haben und normal weiterleben und unserer Ausbildung nachgehen können?“
„Da bin ich recht zuversichtlich.“

[Fortsetzung folgt ...]

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