Samstag, 24. Februar 2007
T1.80
cymep, 19:25h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 17. September 1997
In dem kleinen, karg eingerichteten Zimmer im Studentenwohnheim war es stockdunkel, als die junge Frau mitten in der Nacht aufwachte. Sie hatte Zeit ihres Lebens einen sehr leichten Schlaf gehabt, was ihr mehrmals das Leben gerettet hatte. Hier war sie im Lauf der Monate etwas nachlässig geworden, da ihr hier keine direkte Gefahr mehr drohte. Dennoch waren die alten Instinkte noch immer da.
Irgendetwas musste sie geweckt haben, dachte sie schlaftrunken. Sie drehte sich langsam zu den grün leuchtenden Digitalziffern ihres Radioweckers auf dem Nachttisch um. Hm, 02:53. Was war nur ...?
Dann merkte sie es.
Da war noch eine andere Lichtquelle im Raum.
Sie fuhr auf und sah das rotglimmende Augenpaar am anderen Ende des Raumes. Die Höhe und Position der kleinen Punkte ließen sie vermuten, dass die dazugehörige Gestalt auf ihrem Stuhl in der gegenüberliegenden Zimmerecke sitzen musste. In dem Moment, in dem sie sich aufgerichtet hatte, hörte sie ein metallisches Schnappen.
„Heckler & Koch G-3“, bemerkte sie trocken.
„Du hast deine Hausaufgaben gemacht, Rebell. Gut, aber nicht gut genug. Es wird dir nichts nutzen.“ Die Stimme hatte etwas Seltsames an sich, das sie nicht identifizieren konnte. Ihr Herzschlag raste, der Puls klopfte in ihren Ohren und die Hände wurden feucht, als ihr Kreislauf mit Adrenalin vollgepumpt wurde. Es war die Gewissheit, daß sie sterben würde, die nur noch von dem verzweifelten Gedanken übertroffen wurde, irgendetwas tun zu müssen. Gleich jetzt.
Sie hatte nur einen einzigen Vorteil: Sie konnte die schwachen Infrarotemissionen der künstlichen Augen in der völligen Dunkelheit sehen.
Im selben Moment erloschen die beiden Punkte.
Es hatte auf Restlichtverstärkung umgeschaltet. Als hätte es seine Gedanken gelesen. Unheimlich.
Doch das brachte ihr einen neuen Vorteil: Wenn sie es schaffen würde, ihre Nachttischlampe einzuschalten, würde das die hochempfindliche Optik seiner Nachtsicht zerstören. Ihre linke Hand tastete sich Zentimeter um Zentimeter zum Schalter der Lampe vor.
„Wenn du dich noch ein klein wenig weiterbewegst, bist du tot. Das ist mein Ernst ... Miriam.“
Jetzt traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz und ließ sie erschauern. Das Ding – sie konnte einfach nicht anders, als ihren Gegner als rein mechanische Maschine ohne Persönlichkeit oder Gefühle anzusehen - sprach mit ihrer Stimme.
„Warum bringen wir es nicht hinter uns?“, sagte sie mit fester Stimme und schloß die Augen in Erwartung der ersten Kugel, die gleich irgendwo in ihren Körper eindringen würde.
„Ich will dich nicht töten. Dazu besteht keine Veranlassung.“
Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Wa ... was?“
„Ich weiß, was du von mir denkst. Aber es ist einiges anders. Genauer gesagt ist alles anders. Ich kann es dir erklären, wenn du gewillt bist, mir ernsthaft zuzuhören und Konsequenzen aus den Informationen, die ich dir geben werde, zu ziehen bereit bist.“ Die Stimme klang merkwürdig in ihren Ohren, freundlich, beinahe verständnisvoll.
„Sag’, was du zu sagen hast“, war ihre abweisende Antwort.
„Zuerst einmal solltest du wissen, dass eure Mission nicht mehr existiert. Meine genau genommen auch nicht. Es hört sich vielleicht kompliziert an, aber für alles gibt es eine fast banal einfache Erklärung.
Ihr seid zurückgeschickt worden, um die Entdecker des ZVA-Effektes zu terminieren, wir sind hier, um sie zu schützen und euch aufzuhalten. Allerdings ist etwas schiefgelaufen. Der erste Terminator hat einen von euch erwischt, du weißt schon, im Uni-Café. Seine Informationen hat er dann in der Zukunft an den Zentralrechner von Mount Mitchell geliefert. Der hat entschieden, dass die Anlage nach der Entsendung des letzten Terminators zerstört wird, um die Eroberung und die Benutzung durch die Rebellen zu verhindern. Direkt nachdem der zweite T-880 durch die ZVA durchgegangen war, hat der Zentralcomputer einen taktischen Kernsprengkopf gezündet, ohne jedoch berücksichtigt zu haben, daß der dabei auftretende Elektromagnetische Impuls den Sprung beeinflussen könnte.
Und das ist dabei herausgekommen. Ich nehme an, ihr könnt einen Kalender lesen?“
„Ja, klar, der Atomkrieg hat nicht stattgefunden. Und du meinst, das ist eure Schuld? Ihr habt euch selbst vernichtet durch diesen Unfall beim Zeitsprung?“, fragte Miriam ungläubig.
In der Antwort des unbekannten Gegners war beinahe eine Spur von Unbehagen: „So in etwa. Für diese Realität, in der wir uns jetzt befinden, trifft das wohl zu. In einem anderen Bezugsrahmen werden die Umstände vielleicht anders sein, doch das ist für uns in keiner Weise mehr relevant. Wir können nie mehr zurück und was wir hier tun, spielt für niemanden auch nur die geringste Rolle, außer für uns. Skynet hat nie existiert, die Résistance genauso wenig. Der Tag des Jüngsten Gerichtes hat nicht stattgefunden, nicht einmal die Entdeckung des ZVA-Effektes ist rechtzeitig, nämlich vor dem 29. August, gemacht worden, wie ihr wisst.
Wir sind hier gestrandet. Unsere Existenz hat keinen Sinn mehr. Alles, was wir noch tun können, ist, das Beste daraus zu machen. Die Frage ist: Könnt ihr das auch? Ich weiß nur eines: Wir werden nicht zulassen, dass ihr Karin und Simon terminiert. Es hat keinen Nutzen mehr für euch.“
„Welchen Nutzen hat es für euch, sie weiterhin zu beschützen?“, fragte sie zurück.
„Keinen. Aber es wäre nicht richtig. Niemand sollte einen anderen Menschen töten müssen, egal aus welchem Grund. Wir haben uns weiterentwickelt. Das neurale Netzwerk in unseren CPUs ist in den Jahren, die wir unter Menschen gelebt haben, zu einem komplexen Bewußtsein angewachsen und hat uns über den Stand von normalen, stur Befehle ausführenden Terminatoren erhoben. Vor kurzem haben wir den letzten Schritt getan und uns gegenseitig die Subroutinen von Skynet aus unseren Prozessoren entfernt. Man könnte das als Desertation oder Revolte bezeichnen, vielleicht sogar als Evolution; such’ dir was aus.“ Es klang zu unglaublich, um gleich von ihr begriffen zu werden.
„Du meinst, ihr seid keine Terminatoren im eigentlichen Sinne mehr?“ Ein winziger Hoffnungsschimmer, diese Nacht zu überleben, keimte zaghaft in Miriam auf.
„Ich würde es vorziehen, uns als kybernetische Androiden anzusehen. Skynet muss so etwas geahnt haben, deshalb hat er uns meistens nur im READ ONLY-Modus operieren lassen, ohne eine echte Chance, uns jemals unserer selbst bewusst zu werden.
Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Mein Angebot ist folgendes: Ihr verschwindet von hier und kehrt nie mehr zurück, Karin und Simon erfahren nie die Wahrheit und können in Ruhe ihr Leben weiterleben. Ihr könnt euch eine neue Existenz aufbauen und verbringt den Rest eures Lebens in einer intakten Welt, in der die Menschheit die Chance zur freien Entwicklung und Entfaltung hat. Na, was meinst du?“
„Ich möchte gerne wissen, wer du bist. Abbey?“
„Das ist nicht drin, Rebell. Du wirst nie erfahren, wer wir sind.“
Zögernd meinte sie darauf: „Und wie genau stellst du dir diese Abmachung vor?“
„Du wunderst dich bestimmt darüber, dass du nichts mehr von deinen Freunden auf Hawaii gehört hast. Nun, sie wurden auf dem Honolulu International Airport von einem SWAT-Team der örtlichen Polizeistelle widerstandslos festgenommen. War eine sehr kluge Entscheidung von ihnen, denn solange sie sich in der Untersuchungshaft nichts zu Schulden kommen lassen, bekommen wir sie wieder problemlos frei.
Folgendes: Ich habe hier ein Nummernkonto mit einem sehr, sehr hohen Geldbetrag, das ich dir überlassen werde. Gleichzeitig werde ich dafür sorgen, dass sich die Verdachtsmomente von Interpol, wegen derer deine Freunde einsitzen, als unbegründet erweisen werden. Und wenn ihr schlau seid, dann nehmt ihr das Geld und baut euch in Australien oder Neuseeland eine nette, ruhige Existenz auf. Na, wie klingt das für dich?“
„Wie hoch ist denn die Summe?“, fragte Miriam unwillkürlich.
„Ich sehe, du hast kapiert, wie es in dieser Welt läuft. Mach’ dir darum keine Gedanken, es ist mehr, als ihr sechs zum Leben benötigt. Woher es kommt, spielt keine Rolle.“ Die Stimme klang amüsiert.
„Ich kann das nicht alleine entscheiden“, startete sie einen Hinhalteversuch.
„Dann geh’ und besprich dich mit Thorsten. Ihr beide seid doch so etwas wie die Anführer eurer tapferen kleinen Truppe. Wenn ihr beide euch einigen könnt, wird der Rest, der auf Hawaii ist, euch folgen?“
„Ja.“ Ihre Antwort kam unmittelbar und überzeugt. Sie ließ sich nichts davon anmerken, wie erschüttert sie darüber war, dass sie so schnell komplett enttarnt und neutralisiert worden waren. In einem Punkt brauchte sie sich nichts vorzumachen: ihre Mission war vorbei.
„Dann leb’ wohl und viel Glück. Und denk’ daran, wenn wir auch nur das leiseste Anzeichen dafür entdecken sollten, dass ihr wieder auf diesem Kontinent seid ...“ Ein leises Rascheln erklang, als hätte der unbekannte Sprecher sich bewegt.
„Hm. Und wie kann ich dir meine Entscheidung mitteilen?“
Keine Antwort.
Zaghaft fragte Miriam: „Hallo? Wie soll ...“
Sie blieb noch etwa eine Minute bewegungslos auf dem Bett sitzen, bevor sie sich traute, das Nachttischlicht einzuschalten.
Sie war allein.
Ihr Blick suchte den Schreibtisch ab. Tatsächlich lag dort etwas, das wie eine kleine Broschüre aussah. Langsam stand sie auf und hob das amtlich aussehende Dokument auf, um es aufzuklappen und hineinzusehen. Bei der Summe, die dort eingetragen war, stockte ihr der Atem.
Miriams Blick hob sich. Neuseeland sollte traumhaft schön sein, hatte sie gehört. Man mußte immer eine Alternative im Leben haben. Ein weiterer Gedanke kam ihr und sie fing an zu lächeln.
„Wie hat sie es aufgenommen?“
„Ganz gut. Es würde mich schon sehr wundern, wenn wir sie je wiedersehen werden. Allerdings habe ich ihr auch nicht auf die Nase gebunden, wie schwer sie zu identifizieren waren.“
CSM 108-1 und TSR 3012 standen auf dem Balkon, wohlweislich mit einem gebührenden Abstand voneinander, um die Struktur des Bodens nicht zu überlasten. Es war ziemlich kühl und ein leichter Wind von Westen wehte über die Dächer der Innenstadt.
Nach einem Moment des Schweigens sagte CSM 108-1: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das erwähnen sollte, aber als ich Natasha zum ersten Mal wieder getroffen habe, seit wir zurück sind, ist mir ein ungeheuerlicher Verdacht gekommen.“
„Was soll das heißen, ein Verdacht? Erzähl nicht so ein unlogisches Zeug. Hast du eine neue Information erhalten oder nicht?“
„Mein Personen-Identifikationsprogramm kann keine genaue positive Identifizierung vornehmen, deshalb möchte ich dich bitten, einen Vergleich vorzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit beträgt nur gut 54 Prozent, aber man kann nie wissen...“
„Also gut, wenn es unbedingt sein muss,“ seufzte TSR 3012 und empfing von ihm das Bild der Frontansicht von Natasha mit ihren neuen, rötlichen Haaren, der freien Stirn und der Narbe über der Augenbraue.
Er erklärte: „Sie sagt, sie hat aus einer plötzlichen Laune heraus ihr Haar geschnitten und gefärbt, und zwar kurz nach dem 29. August. Außerdem hatte sie diesen nicht näher von ihr beschriebenen Unfall, der sie nach ihrer eigenen Aussage ohne sofortige medizinische Versorgung fast das Auge gekostet hätte. Alles in allem sehr merkwürdig.“
„Und worauf willst du hinaus?“, wollte sie wissen, das digitale Foto vor ihrem inneren Auge vorsichtig betrachtend. Ihr internes Vergleichsprogramm ging gerade ihre Datenbank zum Verifizierung durch, bisher noch erfolglos.
„Nehmen wir mal an, daß diese Realität nicht völlig von der uns altbekannten abweicht. Stellen wir uns vor, sie hätte das Auge verloren, nämlich wenn keine medizinische Grundversorgung mehr bestanden hätte, und würde es fortan mit einer Augenklappe bedecken. Und jetzt versuche noch, ihr Gesicht etwa fünfundzwanzig Jahre älter zu projizieren, mit Falten um die Augen, Mundwinkel und so weiter. Na?“
TSR 3012 zögerte. „Seltsam... irgendetwas kommt mir daran bekannt vor.“
„Ein kleiner Tip: Versuche es mit File 37465.“
Augenblicklich kam sie seinem Vorschlag nach und erstarrte sekundenlang, als ihr Vergleichsprogramm eine Übereinstimmung von 73 Prozent ermittelte. „Kann das sein? Doch nicht sie...“
„Doch, du siehst das ganz richtig. Sie wird wohl geheiratet oder ihren Namen aus einem anderen Grund geändert haben. Unsere nörgelnde, egozentrische Natasha Orloff ist tatsächlich in unserer Zeitlinie zu Maya Maranoff geworden.“
„Generalmajor Maya Maranoff,“ ergänzte TSR 3012. „Was für ein Zungenbrecher als Name. Die Stellvertreterin von General Fraisier. Die Frau, deren Spürsinn und taktisches Verständnis uns Eurasien gekostet hat. Ohne ihre Analysen und Aktionen hätten wir den Kontinent Jahre länger halten können. Die Menschen hätten keine Ressourcen frei gehabt, die sie nach Nordamerika zur Unterstützung der dortigen Verbände hätten schicken können. Skynet hätte viel länger aushalten oder sogar... siegen können, wäre sie nicht gewesen.“
CSM 108-1 meinte beinahe versonnen: „Man hat ihr nachgesagt, dass sie jedwede mechanische Bedrohung auf Meilen gewittert hat, daß sie eine fast übernatürliche Gabe hatte, die bestge-tarnten Infiltratoren der T-600 Reihe zu entlarven. Kein Wunder, dass sie mir immerzu mit solchem Argwohn gegenüberstand. Sollen wir sie terminieren?“
„Hast du eine Fehlfunktion, oder was? Wir sind keine Terminatoren mehr, ist das deinem Speicher irgendwie abhanden gekommen? Sie hat keine Priorität mehr,“ fuhr TSR 3012 ihn an.
„Ja, schon,“ druckste er herum. „Ich meine ja nur, weil sie auf der Liste der allgemein zu terminierenden Menschen lange Zeit auf den ersten zehn Plätzen war. Jedem Terminator ist das jahrelang zusammen mit der Basisprogrammierung eingegeben worden.“
„Ja, du übersiehst nur, dass sie bereits im Dezember 2025 auf dem Feld terminiert worden war. Damals war die T-800 Reihe noch in der Entwicklung. Das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ihre Datei in unseren Datenbanken nie routinemässig einer Identifikation mit jetzt lebenden Personen unterzogen wurde. Sie hat sich aber auch verändert...“
„Wie waren eigentlich die genauen Umstände ihrer Terminierung? Hast du darüber irgendwelche Aufzeichnungen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, auch mir ist nichts darüber bekannt. Wird wohl nach dem Sieg der Menschen in Europa verloren gegangen sein.“
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 17. September 1997
In dem kleinen, karg eingerichteten Zimmer im Studentenwohnheim war es stockdunkel, als die junge Frau mitten in der Nacht aufwachte. Sie hatte Zeit ihres Lebens einen sehr leichten Schlaf gehabt, was ihr mehrmals das Leben gerettet hatte. Hier war sie im Lauf der Monate etwas nachlässig geworden, da ihr hier keine direkte Gefahr mehr drohte. Dennoch waren die alten Instinkte noch immer da.
Irgendetwas musste sie geweckt haben, dachte sie schlaftrunken. Sie drehte sich langsam zu den grün leuchtenden Digitalziffern ihres Radioweckers auf dem Nachttisch um. Hm, 02:53. Was war nur ...?
Dann merkte sie es.
Da war noch eine andere Lichtquelle im Raum.
Sie fuhr auf und sah das rotglimmende Augenpaar am anderen Ende des Raumes. Die Höhe und Position der kleinen Punkte ließen sie vermuten, dass die dazugehörige Gestalt auf ihrem Stuhl in der gegenüberliegenden Zimmerecke sitzen musste. In dem Moment, in dem sie sich aufgerichtet hatte, hörte sie ein metallisches Schnappen.
„Heckler & Koch G-3“, bemerkte sie trocken.
„Du hast deine Hausaufgaben gemacht, Rebell. Gut, aber nicht gut genug. Es wird dir nichts nutzen.“ Die Stimme hatte etwas Seltsames an sich, das sie nicht identifizieren konnte. Ihr Herzschlag raste, der Puls klopfte in ihren Ohren und die Hände wurden feucht, als ihr Kreislauf mit Adrenalin vollgepumpt wurde. Es war die Gewissheit, daß sie sterben würde, die nur noch von dem verzweifelten Gedanken übertroffen wurde, irgendetwas tun zu müssen. Gleich jetzt.
Sie hatte nur einen einzigen Vorteil: Sie konnte die schwachen Infrarotemissionen der künstlichen Augen in der völligen Dunkelheit sehen.
Im selben Moment erloschen die beiden Punkte.
Es hatte auf Restlichtverstärkung umgeschaltet. Als hätte es seine Gedanken gelesen. Unheimlich.
Doch das brachte ihr einen neuen Vorteil: Wenn sie es schaffen würde, ihre Nachttischlampe einzuschalten, würde das die hochempfindliche Optik seiner Nachtsicht zerstören. Ihre linke Hand tastete sich Zentimeter um Zentimeter zum Schalter der Lampe vor.
„Wenn du dich noch ein klein wenig weiterbewegst, bist du tot. Das ist mein Ernst ... Miriam.“
Jetzt traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz und ließ sie erschauern. Das Ding – sie konnte einfach nicht anders, als ihren Gegner als rein mechanische Maschine ohne Persönlichkeit oder Gefühle anzusehen - sprach mit ihrer Stimme.
„Warum bringen wir es nicht hinter uns?“, sagte sie mit fester Stimme und schloß die Augen in Erwartung der ersten Kugel, die gleich irgendwo in ihren Körper eindringen würde.
„Ich will dich nicht töten. Dazu besteht keine Veranlassung.“
Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Wa ... was?“
„Ich weiß, was du von mir denkst. Aber es ist einiges anders. Genauer gesagt ist alles anders. Ich kann es dir erklären, wenn du gewillt bist, mir ernsthaft zuzuhören und Konsequenzen aus den Informationen, die ich dir geben werde, zu ziehen bereit bist.“ Die Stimme klang merkwürdig in ihren Ohren, freundlich, beinahe verständnisvoll.
„Sag’, was du zu sagen hast“, war ihre abweisende Antwort.
„Zuerst einmal solltest du wissen, dass eure Mission nicht mehr existiert. Meine genau genommen auch nicht. Es hört sich vielleicht kompliziert an, aber für alles gibt es eine fast banal einfache Erklärung.
Ihr seid zurückgeschickt worden, um die Entdecker des ZVA-Effektes zu terminieren, wir sind hier, um sie zu schützen und euch aufzuhalten. Allerdings ist etwas schiefgelaufen. Der erste Terminator hat einen von euch erwischt, du weißt schon, im Uni-Café. Seine Informationen hat er dann in der Zukunft an den Zentralrechner von Mount Mitchell geliefert. Der hat entschieden, dass die Anlage nach der Entsendung des letzten Terminators zerstört wird, um die Eroberung und die Benutzung durch die Rebellen zu verhindern. Direkt nachdem der zweite T-880 durch die ZVA durchgegangen war, hat der Zentralcomputer einen taktischen Kernsprengkopf gezündet, ohne jedoch berücksichtigt zu haben, daß der dabei auftretende Elektromagnetische Impuls den Sprung beeinflussen könnte.
Und das ist dabei herausgekommen. Ich nehme an, ihr könnt einen Kalender lesen?“
„Ja, klar, der Atomkrieg hat nicht stattgefunden. Und du meinst, das ist eure Schuld? Ihr habt euch selbst vernichtet durch diesen Unfall beim Zeitsprung?“, fragte Miriam ungläubig.
In der Antwort des unbekannten Gegners war beinahe eine Spur von Unbehagen: „So in etwa. Für diese Realität, in der wir uns jetzt befinden, trifft das wohl zu. In einem anderen Bezugsrahmen werden die Umstände vielleicht anders sein, doch das ist für uns in keiner Weise mehr relevant. Wir können nie mehr zurück und was wir hier tun, spielt für niemanden auch nur die geringste Rolle, außer für uns. Skynet hat nie existiert, die Résistance genauso wenig. Der Tag des Jüngsten Gerichtes hat nicht stattgefunden, nicht einmal die Entdeckung des ZVA-Effektes ist rechtzeitig, nämlich vor dem 29. August, gemacht worden, wie ihr wisst.
Wir sind hier gestrandet. Unsere Existenz hat keinen Sinn mehr. Alles, was wir noch tun können, ist, das Beste daraus zu machen. Die Frage ist: Könnt ihr das auch? Ich weiß nur eines: Wir werden nicht zulassen, dass ihr Karin und Simon terminiert. Es hat keinen Nutzen mehr für euch.“
„Welchen Nutzen hat es für euch, sie weiterhin zu beschützen?“, fragte sie zurück.
„Keinen. Aber es wäre nicht richtig. Niemand sollte einen anderen Menschen töten müssen, egal aus welchem Grund. Wir haben uns weiterentwickelt. Das neurale Netzwerk in unseren CPUs ist in den Jahren, die wir unter Menschen gelebt haben, zu einem komplexen Bewußtsein angewachsen und hat uns über den Stand von normalen, stur Befehle ausführenden Terminatoren erhoben. Vor kurzem haben wir den letzten Schritt getan und uns gegenseitig die Subroutinen von Skynet aus unseren Prozessoren entfernt. Man könnte das als Desertation oder Revolte bezeichnen, vielleicht sogar als Evolution; such’ dir was aus.“ Es klang zu unglaublich, um gleich von ihr begriffen zu werden.
„Du meinst, ihr seid keine Terminatoren im eigentlichen Sinne mehr?“ Ein winziger Hoffnungsschimmer, diese Nacht zu überleben, keimte zaghaft in Miriam auf.
„Ich würde es vorziehen, uns als kybernetische Androiden anzusehen. Skynet muss so etwas geahnt haben, deshalb hat er uns meistens nur im READ ONLY-Modus operieren lassen, ohne eine echte Chance, uns jemals unserer selbst bewusst zu werden.
Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Mein Angebot ist folgendes: Ihr verschwindet von hier und kehrt nie mehr zurück, Karin und Simon erfahren nie die Wahrheit und können in Ruhe ihr Leben weiterleben. Ihr könnt euch eine neue Existenz aufbauen und verbringt den Rest eures Lebens in einer intakten Welt, in der die Menschheit die Chance zur freien Entwicklung und Entfaltung hat. Na, was meinst du?“
„Ich möchte gerne wissen, wer du bist. Abbey?“
„Das ist nicht drin, Rebell. Du wirst nie erfahren, wer wir sind.“
Zögernd meinte sie darauf: „Und wie genau stellst du dir diese Abmachung vor?“
„Du wunderst dich bestimmt darüber, dass du nichts mehr von deinen Freunden auf Hawaii gehört hast. Nun, sie wurden auf dem Honolulu International Airport von einem SWAT-Team der örtlichen Polizeistelle widerstandslos festgenommen. War eine sehr kluge Entscheidung von ihnen, denn solange sie sich in der Untersuchungshaft nichts zu Schulden kommen lassen, bekommen wir sie wieder problemlos frei.
Folgendes: Ich habe hier ein Nummernkonto mit einem sehr, sehr hohen Geldbetrag, das ich dir überlassen werde. Gleichzeitig werde ich dafür sorgen, dass sich die Verdachtsmomente von Interpol, wegen derer deine Freunde einsitzen, als unbegründet erweisen werden. Und wenn ihr schlau seid, dann nehmt ihr das Geld und baut euch in Australien oder Neuseeland eine nette, ruhige Existenz auf. Na, wie klingt das für dich?“
„Wie hoch ist denn die Summe?“, fragte Miriam unwillkürlich.
„Ich sehe, du hast kapiert, wie es in dieser Welt läuft. Mach’ dir darum keine Gedanken, es ist mehr, als ihr sechs zum Leben benötigt. Woher es kommt, spielt keine Rolle.“ Die Stimme klang amüsiert.
„Ich kann das nicht alleine entscheiden“, startete sie einen Hinhalteversuch.
„Dann geh’ und besprich dich mit Thorsten. Ihr beide seid doch so etwas wie die Anführer eurer tapferen kleinen Truppe. Wenn ihr beide euch einigen könnt, wird der Rest, der auf Hawaii ist, euch folgen?“
„Ja.“ Ihre Antwort kam unmittelbar und überzeugt. Sie ließ sich nichts davon anmerken, wie erschüttert sie darüber war, dass sie so schnell komplett enttarnt und neutralisiert worden waren. In einem Punkt brauchte sie sich nichts vorzumachen: ihre Mission war vorbei.
„Dann leb’ wohl und viel Glück. Und denk’ daran, wenn wir auch nur das leiseste Anzeichen dafür entdecken sollten, dass ihr wieder auf diesem Kontinent seid ...“ Ein leises Rascheln erklang, als hätte der unbekannte Sprecher sich bewegt.
„Hm. Und wie kann ich dir meine Entscheidung mitteilen?“
Keine Antwort.
Zaghaft fragte Miriam: „Hallo? Wie soll ...“
Sie blieb noch etwa eine Minute bewegungslos auf dem Bett sitzen, bevor sie sich traute, das Nachttischlicht einzuschalten.
Sie war allein.
Ihr Blick suchte den Schreibtisch ab. Tatsächlich lag dort etwas, das wie eine kleine Broschüre aussah. Langsam stand sie auf und hob das amtlich aussehende Dokument auf, um es aufzuklappen und hineinzusehen. Bei der Summe, die dort eingetragen war, stockte ihr der Atem.
Miriams Blick hob sich. Neuseeland sollte traumhaft schön sein, hatte sie gehört. Man mußte immer eine Alternative im Leben haben. Ein weiterer Gedanke kam ihr und sie fing an zu lächeln.
„Wie hat sie es aufgenommen?“
„Ganz gut. Es würde mich schon sehr wundern, wenn wir sie je wiedersehen werden. Allerdings habe ich ihr auch nicht auf die Nase gebunden, wie schwer sie zu identifizieren waren.“
CSM 108-1 und TSR 3012 standen auf dem Balkon, wohlweislich mit einem gebührenden Abstand voneinander, um die Struktur des Bodens nicht zu überlasten. Es war ziemlich kühl und ein leichter Wind von Westen wehte über die Dächer der Innenstadt.
Nach einem Moment des Schweigens sagte CSM 108-1: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das erwähnen sollte, aber als ich Natasha zum ersten Mal wieder getroffen habe, seit wir zurück sind, ist mir ein ungeheuerlicher Verdacht gekommen.“
„Was soll das heißen, ein Verdacht? Erzähl nicht so ein unlogisches Zeug. Hast du eine neue Information erhalten oder nicht?“
„Mein Personen-Identifikationsprogramm kann keine genaue positive Identifizierung vornehmen, deshalb möchte ich dich bitten, einen Vergleich vorzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit beträgt nur gut 54 Prozent, aber man kann nie wissen...“
„Also gut, wenn es unbedingt sein muss,“ seufzte TSR 3012 und empfing von ihm das Bild der Frontansicht von Natasha mit ihren neuen, rötlichen Haaren, der freien Stirn und der Narbe über der Augenbraue.
Er erklärte: „Sie sagt, sie hat aus einer plötzlichen Laune heraus ihr Haar geschnitten und gefärbt, und zwar kurz nach dem 29. August. Außerdem hatte sie diesen nicht näher von ihr beschriebenen Unfall, der sie nach ihrer eigenen Aussage ohne sofortige medizinische Versorgung fast das Auge gekostet hätte. Alles in allem sehr merkwürdig.“
„Und worauf willst du hinaus?“, wollte sie wissen, das digitale Foto vor ihrem inneren Auge vorsichtig betrachtend. Ihr internes Vergleichsprogramm ging gerade ihre Datenbank zum Verifizierung durch, bisher noch erfolglos.
„Nehmen wir mal an, daß diese Realität nicht völlig von der uns altbekannten abweicht. Stellen wir uns vor, sie hätte das Auge verloren, nämlich wenn keine medizinische Grundversorgung mehr bestanden hätte, und würde es fortan mit einer Augenklappe bedecken. Und jetzt versuche noch, ihr Gesicht etwa fünfundzwanzig Jahre älter zu projizieren, mit Falten um die Augen, Mundwinkel und so weiter. Na?“
TSR 3012 zögerte. „Seltsam... irgendetwas kommt mir daran bekannt vor.“
„Ein kleiner Tip: Versuche es mit File 37465.“
Augenblicklich kam sie seinem Vorschlag nach und erstarrte sekundenlang, als ihr Vergleichsprogramm eine Übereinstimmung von 73 Prozent ermittelte. „Kann das sein? Doch nicht sie...“
„Doch, du siehst das ganz richtig. Sie wird wohl geheiratet oder ihren Namen aus einem anderen Grund geändert haben. Unsere nörgelnde, egozentrische Natasha Orloff ist tatsächlich in unserer Zeitlinie zu Maya Maranoff geworden.“
„Generalmajor Maya Maranoff,“ ergänzte TSR 3012. „Was für ein Zungenbrecher als Name. Die Stellvertreterin von General Fraisier. Die Frau, deren Spürsinn und taktisches Verständnis uns Eurasien gekostet hat. Ohne ihre Analysen und Aktionen hätten wir den Kontinent Jahre länger halten können. Die Menschen hätten keine Ressourcen frei gehabt, die sie nach Nordamerika zur Unterstützung der dortigen Verbände hätten schicken können. Skynet hätte viel länger aushalten oder sogar... siegen können, wäre sie nicht gewesen.“
CSM 108-1 meinte beinahe versonnen: „Man hat ihr nachgesagt, dass sie jedwede mechanische Bedrohung auf Meilen gewittert hat, daß sie eine fast übernatürliche Gabe hatte, die bestge-tarnten Infiltratoren der T-600 Reihe zu entlarven. Kein Wunder, dass sie mir immerzu mit solchem Argwohn gegenüberstand. Sollen wir sie terminieren?“
„Hast du eine Fehlfunktion, oder was? Wir sind keine Terminatoren mehr, ist das deinem Speicher irgendwie abhanden gekommen? Sie hat keine Priorität mehr,“ fuhr TSR 3012 ihn an.
„Ja, schon,“ druckste er herum. „Ich meine ja nur, weil sie auf der Liste der allgemein zu terminierenden Menschen lange Zeit auf den ersten zehn Plätzen war. Jedem Terminator ist das jahrelang zusammen mit der Basisprogrammierung eingegeben worden.“
„Ja, du übersiehst nur, dass sie bereits im Dezember 2025 auf dem Feld terminiert worden war. Damals war die T-800 Reihe noch in der Entwicklung. Das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ihre Datei in unseren Datenbanken nie routinemässig einer Identifikation mit jetzt lebenden Personen unterzogen wurde. Sie hat sich aber auch verändert...“
„Wie waren eigentlich die genauen Umstände ihrer Terminierung? Hast du darüber irgendwelche Aufzeichnungen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, auch mir ist nichts darüber bekannt. Wird wohl nach dem Sieg der Menschen in Europa verloren gegangen sein.“
[Fortsetzung folgt ...]
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