Montag, 26. Februar 2007
T1.82 - KAPITEL 16
[... Fortsetzung des Buches]

- 16 -

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. November 2001

Francesco und Arturo warteten ungeduldig auf dem Gehsteig vor dem Siegesdenkmal, wo sie sich zur vollen Stunde verabredet hatten. Sie schauten nach oben in den bewölkten Nachthimmel und traten von einem Fuß auf den anderen, während sich vor ihren Mündern kleine Dunstwölkchen bildeten, wo die Luftfeuchtigkeit aus ihrem Atem in der kalten Luft dieser Freitagnacht kondensierte.
„Hätten wir nicht oben warten können?“, wollte der Jüngere der beiden Brüder wissen.
„Ach, komm schon, sie werden jede Minute hier sein. Du weißt doch, dass man nach ihnen die Uhr stellen kann“, gab der Ältere schroff zurück.
CSM 108-1 erschien prompt an der Durchfahrt zur Weberstraße und näherte sich ihnen gutgelaunt. Ihm schien die Kälte nicht das Geringste auszumachen, obschon er nur eine dünne ungefütterte Lederjacke gegen den leichten Nachtfrost trug. „Na, ihr beiden, bereit für die Party?“
„Party? Welche Party?“, fragte Arturo verständnislos.
Francesco zischte ihm zu: „Shh! Du weißt doch, dass er und Abbey jeden verbrachten Abend dort noch immer wie ein Gottesgeschenk betrachten.“
„Und das zurecht. Bis vor fast einem Jahr war Techno in den Discos hier in Freiburg und Umgebung so gut wie tot, bis zu jenem denkwürdigen Wochenende im Dezember 2000, als die ‚Fun’-Discokette ihre Filiale im Industriegebiet eröffnete. Seitdem ist nichts mehr so wie früher“, erzählte CSM 108-1 mit todernster Miene.
Dann sah er fragend ums Eck. „Wo sind eigentlich Karin und Simon? Waren sie nicht mit euch zusammen?“
„Sie haben noch Karten für die Spätvorstellung in der Harmonie erwischt und kommen gegen Mitternacht nach. Sie haben gesagt, sie nehmen dein Auto“, klärte Arturo ihn auf.
„Haben sich wieder mal abgesetzt, die Beiden? Soso ...“
Grinsend setzte Francesco zu einer spitzen Bemerkung diesbezüglich an, wurde aber von leise quietschenden Reifen und einem sonoren Brummen hinter ihm abgelenkt. Als er den Wagen um die Biegung des Friedrichrings kommen sah, murmelte er: „Das ist Abbeys neuer Wagen? Wow!“
„Glaubst du etwa, sie hätte ihren alten 325 tds touring gegen ein anderes Auto als dieses eingetauscht? Ihre Mutter war wohl ziemlich großzügig in dieser Angelegenheit“, sagte CSM 108-1 genüsslich. Dabei fiel sein Blick auf das Nummernschild. Darüber würde er noch ein Wörtchen zu verlieren haben, wenn sie beide ungestört sein würden, beschloss er.

FR :- T 880



Arturo murmelte nachdenklich: „Ob ihre Mutter mich wohl adoptieren würde? Ich wäre ein guter Junge ...“
„Du Kapitalist!“, schalt CSM 108-1 ihn daraufhin. Mittlerweile war der dynamisch aussehende silberne Kombi langsamer geworden und kam auf dem Seitenstreifen neben ihnen zum Stehen. Rasch stiegen sie alle ein, wobei Francesco einen Blick auf den Heckschriftzug des Autos warf.
Kaum waren sie eingestiegen und hatten sich begrüßt, mutmaßte er: „Das Schild auf dem Heck ist doch wohl ein Witz, oder? Das ist doch nie im Leben ein 318i, oder?“
Abbey sah über die Schulter und zog einen Mundwinkel hoch. „Du hast recht. Es ist die zur Zeit beste Verschmelzung an verschiedenen Konzepten und Technologien auf dem Automarkt. Meine Herren, ihr sitzt in einem waschechten 330 xd.“
„Mann, ich kann’s nicht glauben! Schon wieder ein Diesel?“, maulte Arturo.
Sie gab patzig zurück: „Halt bloß die Luft an, Ferraristi! Das hier ist ein hochmoderner Common-Rail-Direkteinspritzer, ein Reihensechszylinder mit drei Litern Hubraum. Außerdem hat er Allradantrieb und wie ihr wisst, hat mir der Kombi schon immer von der Form her gefallen. Zeig’ mir ein Auto, dessen Gesamtkonzept besser ist.“
Sie spürten die Beschleunigung durch die Kurve auf den Schlossbergring. Francesco fragte verhalten: „Wohin fährst du eigentlich?“
„Eine kleine Runde über die Autobahn wird euch FIAT-Fans schon überzeugen“, verkündete sie und grinste nun wieder verwegen. Den beiden Brüdern gefiel das sichtlich nicht, während CSM 108-1 keine Miene verzog.
„Worüber hatten wir gerade geredet, als wir auf Abbey gewartet haben?“, versuchte CSM 108-1 ein wenig abzulenken.
„Darüber, wie es kommt, dass Karin und Simon miteinander ins Kino gehen und ihr zusammen in die Disco, obwohl ihr eigentlich mit den jeweils anderen zusammen seid?“, war Francescos Antwort.
„Klingt toll“, ließ sich Abbey vernehmen.
„Darüber müssen wir doch nicht mehr reden“, frotzelte Arturo munter drauflos, „schließlich wissen wir als gute Freunde inzwischen, dass eure WG eigentlich ein großes glückliches Konkubinat ist, in dem jeder mit jedem verkehrt.“
„He, das stimmt nicht!“, entrüstete sich CSM 108-1 grinsend. „Simon und ich würden nicht einmal im Traum daran denken ...“
Die beiden Italiener stöhnten laut auf, weil das so gar nicht in ihr anerzogenes mediterran-patriarchalisches Weltbild passte.
CSM 108-1 fuhr ungerührt fort: „Obwohl Karin und Abbey schon mal hin und wieder in schwachen Momenten ...“
Jetzt bekam er eine Kopfnuss von TSR 3012, während die Gebrüder im Fond johlten und pfiffen. Grinsend skandierten sie: „Details! Details!“
„Ihr Schweine, seht euch im Kabelfernsehen ‚Zärtliche Cousinen’ an, um eure perversen Gelüste zu befriedigen. In dieser Richtung läuft rein gar nichts, damit das ein für alle Mal klar ist. Hör’ auf, solchen Schwachsinn in die Welt zu setzen, Dan.“
„Just kiddin’“, murmelte dieser und rieb sich seinen Hinterkopf.
Inzwischen waren sie an der Schreiberstraße angelangt, wo sie auf die letzte Ampel zurollten, die die zweispurige Straße vom Status einer kreuzungsfreien Schnellstraße mit Auf- und Abfahrten wie bei einer Autobahn trennte. Reflexhaft sagte CSM 108-1: „Sieh mal, wer da vorne ist.“
„Aber hallo.“ TSR 3012 lächelte maliziös beim Anblick von Ralfs feuerrotem Porsche Boxster, der auf der linken Spur stand, obwohl er der einzige Wagen dort war. Mit einem Blick hatte sie sein Fahrzeug identifiziert. Es war ein Modell aus dem ersten Baujahr mit einem Sechszylinder-Boxermotor in Fahrzeugmitte, der 150 kW Leistung und ein Drehmoment von 245 Nm erzeugte.
Sie fuhr neben ihn und ließ ihr Fenster herab, worauf Natasha neben ihm auf sie aufmerksam wurde und unwillkürlich das Gesicht verzog. Sie bedeutete ihr mit einer kreisenden Handbewegung, auch ihre Scheibe zu senken, was sie in eine peinliche Lage versetzt hätte, wäre sie der Aufforderung nicht nachgekommen.
„Wenn das nicht die gute Abbey ist“, sagte Natasha seufzend.
„Wie klein doch die Welt ist ... oder die Rückbank von so manchem Auto“, konterte sie und warf einen Blick nach hinten. „Oh, ich vergaß .... ihr habt ja gar keine.“
„Ja, zu dumm, dass ich den Affentransport dir überlassen muss“, meinte Ralf daraufhin. „Hast du eigentlich eine Lizenz für solche Fuhrunternehmen?“
„Ich habe einen US-Führerschein und brauche keine Lizenz für das Discoshuttle.“ In diesem Moment wurde die Ampel gelb, worauf sie in einer huschenden Bewegung den ersten Gang einlegte und die Kupplung kommen ließ.
„Das ist reichlich unreif“, merkte CSM 108-1 schmunzelnd an.
In dem Moment, in welchem das grüne Licht aufleuchtete, schoss ihr Wagen von allen vier Rädern angetrieben nach vorne, als sei es auf ein Gummiband gespannt gewesen und nun losgelassen worden. Die Drehzahl kletterte rasch bis 3500, sackte dann kurz ab, als sie unmenschlich schnell hochschaltete. In weniger als zehn Sekunden waren sie mit hohem Tempo im fünften Gang unterwegs, während der leichtere Sportwagen nur allmählich aufholte. Dann gewann er durch das höhere Drehzahlniveau des Benzinmotors und die Mehrleistung von 20 PS die Oberhand und zog ihnen davon.
Als Ralf sie passierte, winkte Natasha gespielt fröhlich herüber, was alle vier mit einem schadenfrohen Grinsen quittierten. Arturo meinte gönnerhaft: „Hey, sooo schlecht ist deine Karre gar nicht.“
„Schlauberger“, sagte Abbey nur und bog auf die Padua-Allee, die Stadtumfahrung, ab, indem sie stark bremste und alle Insassen einen Moment lang in den Gurten hingen. „Die Autobahn können wir uns jetzt sparen, denke ich. Mir ist ein guter Parkplatz bei der Disco lieber.“



Der Funpark war eine Großdisco, die weitab der Innenstadt in einem Industriegebiet im Kellergeschoss eines Baumarktes untergebracht war. Sie bestand aus einem großzügig angelegten Eingangsbereich, welcher durch sein verspieltes und detailüberfrachtetes Design den einladenden Eindruck eines italienischen Dorfplatzes machte. Hier war nur leisere Hintergrundmusik zu hören, neben den beiden Bars luden etliche Tischgrüppchen zum Verweilen ein. Und von hier aus ging es auch zu den drei separaten Discos, die mit unterschiedlichen Dekorationen und Musikstilen möglichst jeden Musikgeschmack anzusprechen versuchten. Ein Indiz für den Erfolg dieses innovativen Konzeptes war die Menge an Besuchern und die Höhe des Umsatzes, den diese in Deutschland ständig wachsende Kette an Tanzlokalen vorweisen konnte. Und auch wenn so mancher intellektuelle Student keinen Geschmack daran finden konnte, so verkehrten die Vier doch regelmäßig hier.
Hier gab es Techno-Musik.
Und sie waren Terminatoren. Aus unerfindlichen Gründen bevorzugten sie diese Art von synthetisch erzeugter Musik. Womit sie nicht allein waren.
Nachdem sie das Auto auf dem zum Baumarkt gehörenden Großparkplatz abgestellt hatten, gingen sie geradewegs bis zum Eingang durch, ohne anstehen zu müssen. So viel Glück würden Karin und Simon nicht haben, wenn sie in etwa einer Stunde nachkommen würden.
Einstweilen gaben sie ihre Jacken an der Garderobe ab. Francesco und Arturo konnten ihre Augen nicht von Abbey abwenden, die in einer schwarzen Lederhose und einem glänzenden grünen Lacktop ohne Ärmel umwerfend aussah. Allerdings hatte sie wie immer flache schwarzglänzende Schuhe an, da die Absätze von hochhackigen Schuhen ihrem Gewicht nicht standgehalten hätten. CSM 108-1 und die beiden italienischen Brüder indes bemerkten, dass sie mit Bluejeans und weißen T-Shirts ungewollt uniform gekleidet waren. Dummerweise waren sie auch noch alle drei dunkelhaarig und von recht stämmigem Körperbau. Postwendend kam von Abbey der Kommentar: „Darf ich den dreieiigen Drillingen einen ausgeben, sobald wir drinnen sind? Ihr seid ja sooo süß!“
„Jaja, wer den Schaden hat ...“ Murrend folgten sie ihr durch die Eingangspassage, wo ihnen von einer Angestellten je eine Magnetkarte mit Chip gegeben wurde. Auf dieser wurden der Eintrittspreis und später alle konsumierten Getränke von den Bedienungen gespeichert, sodass man nur einmal beim Verlassen des Lokals bezahlen musste. Dadurch, dass man beim Bestellen nicht jedes Mal bar bezahlte, sollte man wohl unbewusst zu einem höheren Getränkekonsum animiert werden, was für die Betreiber unter dem Strich sicher auch aufgehen würde. Zudem waren die Drinks auch noch billiger als in den meisten Läden der Innenstadt, was denen die Existenz erschweren und dem eigenen Betrieb zusätzlich einen höheren Umsatz bescheren sollte.
Sie machten zunächst kurz die Runde durch zwei der drei Discos, bevor sie sich in die dritte und größte begeben und dort auch den größten Teil des Abends verbringen würden.
Das erste der Etablissements hieß ‚Hazienda’ und sah von innen auch genau so aus, mit grob verputzten Wänden und lateinamerikanisch anmutenden Ziegeldächern über den beiden Barbereichen und rund um die Tanzfläche. Kurzum, hier fand sich alles, was einen sich im Innenhof eines neoklassizistischen spanischen oder mexikanischen Herrenhauses wähnen ließ. Der einzige verheerende Stilbruch dieses Dekors war die Decke über der Tanzfläche, unter der Tausende von wahrscheinlich selbstfabrizierten transparenten Silikontropfen aus der Abdichttube für Badkacheln hingen, von oben dezent bläulich ausgeleuchtet.
Hier in der ‚Hazienda’ befand sich auch ein etwas hochgesetzter und somit abgetrennter Bereich mit Polstergruppen, wo sich ‚Cliquen’ niederlassen konnten. Allerdings musste man dazu gewillt sein, sich praktisch den ganzen Abend lang nur R&B- und ‚Black’-Music anzuhören, was bei keinem von ihnen der Fall war. Besonders CSM 108-1 und TSR 3012 prallten meist bereits wenige Meter nach Betreten wie an einer unsichtbaren Mauer ab, machten auf dem Absatz kehrt und verließen diesen Bereich wieder.
Weshalb sie auch meistens weiter zogen und in den ‚Purzelbaum’ hineinschauten. Wie auch die ‚Hazienda’ verfügte dieser über einen Dancefloor in etwa der Mitte der Disco und zwei darum angeordneten Bars nebst einiger Sitzgruppen, jedoch hätte das Ambiente nicht unterschiedlicher sein können. War die ‚Hazienda’ für die feinen Leutchen oder all jene, die sich dafür hielten, gedacht, so bediente der ‚Purzelbaum’ vielmehr die schlichte Klientel mit dem etwas derberen Geschmack. Der Boden war mit Backsteinen gefliest, sämtliche Trenn- und Außenwände waren mit groben Holzbalken und urigen Bauernhofutensilien ausgestattet. Alles war mit altmodischen, nach oben offenen Glasschirmlampen sowie massenhaft Girlanden verziert und die Gänge rund um das Holzparkett, das um diese frühe Stunde mit bunten Luftballons übersät war, von denen die wenigsten die Mitternacht erleben würden, waren mit Ziegeldächern hiesiger Bauart überspannt. Es sah schlicht und einfach so aus wie in einem Party-Holzschopf, einer der berüchtigten Après-Ski-Discos der Alpenländer.
Es gab auch noch einen Außenbereich, der von hier aus zugänglich war und genau das gleiche Ambiente aufwies, doch der war im Winter geschlossen.
Verblüffend hingegen der Musik-Mix, der nicht hätte vielfältiger sein können: Von Oldies und Schlagern über Neue Deutsche Welle, 70ies-, 80ies- und 90ies-Pop bis hin zu Rock- und übelster Skihüttenmusik à la DJ Ötzi nebst vereinzelten aktuellen Hitparaden-Popsongs war so ziemlich alles Vorstellbare geboten, allerdings in einer Art und Weise ineinander gemixt, die die Erträglichkeitsschwelle des Ganzen erheblich senkte.
Wenn also der Discjockey einen guten Tag hatte – was unerfreulich selten vorzukommen schien –, konnte man es als Normalsterblicher durchaus eine halbe oder gar ganze Stunde am Stück aushalten, ohne sich hemmungslos besaufen zu müssen, um es hier auszuhalten, aber in den meisten Fällen verstand der DJ es nicht nur mit seinen Stilmischungen, die Tanzfläche in Rekordzeit zu leeren, sondern trieb in diesen Fällen auch die Freunde auf dem direktesten Weg aus dem ‚Purzelbaum’ hinaus.
Was sie dann zum ‚Hangar’ brachte, der nicht etwa eine Draufgabe, sondern den eigentlichen Grund ihres Hierseins darstellte. Diese Disco wies in etwa die gleiche Grundfläche wie die restlichen Räumlichkeiten des ‚Funparks’ zusammen auf, besaß eine etwa zehn mal zehn Meter große, stufenweise abgesenkte Tanzfläche in der Saalmitte und war von insgesamt vier Bars umgeben. Der Name war indes Programm, denn neben der Tanzfläche stand ein echtes zweimotoriges Sportflugzeug in voller Größe, lediglich das Seitenleitwerk war aufgrund zu großer Höhe abgesägt worden. Die Konturen der Vorderkanten der Tragflächen sowie der beiden dreiblättrigen Propeller der Maschine wurden in der Anfangsphase des Abends von violetten und pinkfarbenen Neonröhren beleuchtet, was dem Ambiente etwas sehr Außergewöhnliches verlieh. In zwei emporenhaften Käfigen tanzten zeitweise Go-Go-Girls und -Boys, um die Stimmung anzuheizen. Die Wände ringsum waren schwarz gestrichen und mit diversen kunstvollen Science-Fiction-Motiven in verschiedenen Leuchtfarben verziert. All das wurde untermalt von der unvermeidlichen Lightshow, gelegentlichem vielfarbigen Laserlicht, Stroboskopen und bassbetontem Techno-Sound.
Sie nisteten sich rechts vom Eingang ein, wo zwischen Tanzfläche und Bar ein Geländer verlief, an dem eine Reihe von Barhockern vor dem Geländer einen halben Meter erhöht zum Dancefloor montiert war. Es war relativ wenig los, nur ein halbes Dutzend Gäste waren rund um den großen Stützpfeiler genau in der Mitte der Tanzfläche, einem Zugeständnis an die strukturelle Integrität des Gebäudes über ihnen, am Tanzen; ein Go-Go-Tänzer, der in seinem Käfig mit einem roten Cowboyhut, einem gleichfarbigen Stringslip und Cowboystiefeln bekleidet eine ungewollt komische Figur machte, mühte sich erfolglos ab, die Party in Schwung zu bringen. Rund um die Tanzfläche, deren Ränder ebenso wie die Mittelsäule großzügig mit blankem Riffelblech verkleidet waren, hatten sich nicht viel mehr als zweihundert Leute versammelt, die meisten etwa in ihrem Alter, auffällig figurbetont gekleidet und zurecht gestylt. Hier war man nicht nur zum Spaß haben und tanzen, es wurde auch reichlich Kontakt zum anderen Geschlecht gesucht.
Der DJ machte den üblichen Fehler, die gerade aktuellsten und besten Techno-Lieder in der Hoffnung zu spielen, die Tanzfläche würde sich entgegen aller Erfahrung dadurch jetzt schon füllen. Es war noch ein wenig zu früh dafür, man war noch in der Belauerungsphase und wartete darauf, dass der jeweils andere den ersten Schritt auf die Tanzfläche zu machte. Dieses mühsame Ritual wiederholte sich jedes Wochenende aufs Neue. Meist war es irgendeine ganze Clique, die geschlossen den Anfang machte, weil es dazu weniger Überwindung brauchte, als sich alleine auf eine leere oder fast leere Tanzfläche unter Hunderten von beobachtenden Augenpaaren zu stellen. Das schafften nur die wenigsten, obwohl es meist ein paar davon gab.
„Und, bereit für die Show?“, fragte TSR 3012 und lächelte ihre drei Begleiter an, während gerade Samb-Adagio von Safri-Duo lief.
Bedauernd schüttelte CSM 108-1 den Kopf und machte eine vage, unwillige Bewegung mit dem Kinn zum Dancefloor hin: „Erst, wenn er weg ist.“
Ihr Blick folgte dem Wink und sah einen von den wenigen Leuten, die am Tanzen waren, einen jungen Mann, vielleicht Mitte Zwanzig und von stämmiger, vollschlanker Figur. Sein dunkles Haar war kurzgeschoren, er trug eine schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt mit einem obskuren, nicht näher erkennbaren Motiv. Wie alle anderen, die sich jetzt schon der Musik hingaben, schien er völlig eingenommen von dem Rhythmus des Basses und nahm von seiner unmittelbaren Umgebung nicht mehr viel wahr, während er die zum Sound üblichen Tanzbewegungen machte.
„Ach, das ist doch albern. Nur weil er dir entfernt ähnlich sieht und du ihm nicht direkt auffallen willst ...“ wandte TSR 3012 ein, doch er war nicht umzustimmen.
„Entfernt ... dass ich nicht lache! Das ist ein ganz übler Scherz der Natur. Ich meine, wie groß ist die Chance, dass zum Beispiel du eine Art Double hast ...“
Schließlich ließ sich der DJ dazu hinreißen, in Richtung House umzuschwenken, worauf auch noch alle Tanzenden wie an der Schnur gezogen vom Parkett entschwanden. CSM 108-1 verfolgte, wie seine Nemesis, sein menschlicher Quasi-Doppelgänger, den Hangar verließ, wohl um eine Runde durch die anderen Räume zu drehen, was eine Weile dauern konnte. Da der Mann am Plattenteller seinen Fehler jedoch gleich einsah und mit dem nächsten Lied wieder korrigierte, fanden sich erneut knapp zehn Tänzer in der Saalmitte ein.
„Jetzt oder nie“, sagte TSR 3012 und zog CSM 108-1 mit sich. Die Gebrüder schlossen sich an und waren wie immer gespannt auf das, was da ihrer harrte. Sie postierten sich im hinteren Viertel der Fläche, zwischen den beiden Go-Go-Käfigen und neben den Lautsprechern. Zunächst tanzten sie eine Weile normal auf ‚DJs@work’s Hit Someday, einer verenglischten und technoisierten Version eines alten Nena-Liedes der Neuen Deutschen Welle aus den 80er Jahren.
Dann ging die Musik zur ultimativen Voice-Trance-Hymne 2001, Turn the Tide von ‚Sylver’, über, dem Lied, das quasi im Alleingang, aber mit einer großen Anzahl von Nachahmer-Formationen in seinem Kielwasser, Techno im Allgemeinen und Trance im Besonderen in den Discos und Hitparaden von Mitteleuropa wieder gesellschaftsfähig gemacht hatte, ganz so wie seinerzeit vor fast zehn Jahren Alex Christensens Das Boot seines Alias ‚U96’ es mit Techno getan hatte.
TSR 3012 sah hinauf zum Go-Go-Tänzer, während sie sich zur Musik bewegte. Dieser war unfähig, sich ihrer Erscheinung zu entziehen, doch als sie ihn bei den ersten Takten des besagten Liedes angrinste und ihm zuzwinkerte, erlosch sein Lächeln und er zog sich aus seinem Käfig in den breiten DJ-Bereich hinter einer mannshohen Brüstung zurück. Er wusste aus Erfahrung, was jetzt kam, und machte solange eine kurze Pause.
Nach der ersten kurzen Strophe des Liedes kam der erste Crescendo, bei dem CSM 108-1 und TSR 3012 plötzlich begannen, synchron zur Musik zu tanzen. Völlig übereinstimmend und fehlerfrei legten sie eine Performance auf das Parkett, die choreographisch höchst anspruchsvoll und derart aktuell war, dass man es problemlos in jedem derzeit auf den einschlägigen Musiksendern laufenden Technovideo hätte unterbringen können. Unwillkürlich bildete sich eine größere Lücke um sie herum von staunenden Tänzern, die das ungleiche, aber offenbar perfekt abgestimmte Paar bewunderten. Im weiteren Umkreis um den Dancefloor machte sich einmal mehr der Neid bei den Stammgästen breit, gepaart mit der Überzeugung, diese beiden müssten ihre gesamten Samstagnachmittage mit gemeinsamen Übungen daheim vor der Spiegelwand opfern.
Am Ende des Liedes lösten die beiden ihre Funkkoppelung wieder und tanzten normal weiter, als sei nichts geschehen. Francesco und Arturo grinsten sie an und applaudierten, bei dem Lärmniveau hier natürlich unhörbar. Während ihres ‚Auftrittes’ hatte sich die Tanzfläche merklich gefüllt, sodass die Stimmung jetzt um einiges besser war. Eine weibliche Go-Go-Tänzerin nahm die Stelle ihres Kollegen ein und heizte dem Publikum weiter ein.
Die Party hatte begonnen.
Und im Hintergrund stand ein junger, hünenhafter Mann in unauffälliger Kleidung neben dem Eingang und schrieb gerade eine SMS auf seinem Mobiltelefon: SIE SIND BESCHAEFTIGT. ALLES OKAY HIER.
Eine Minute später kam die Bestätigung.



Karin und Simon gingen die Kaiser-Joseph-Straße hinauf in Richtung Wohnung. Sie waren gerade aus dem Film gekommen und diskutierten noch darüber, als sie in die Weberstraße einbogen, die wie der Rest der Stadt im Herbstnebel lag, der sich in der Innenstadt jedoch nicht so richtig etablieren konnte.
Karin hatte sich bei ihm eingehakt und meinte dann: „Es war ein schöner Abend, nicht wahr?“
„Ja, und er wird noch lustig werden, das hab’ ich so im Gefühl“, gab er zurück.
„Ja, unsere beiden Techno-Freaks in Aktion, das ist schon etwas Sehenswertes. Machst du mir einen Gefallen und holst den Wagen aus der Tiefgarage, während ich noch schnell hochgehe?“ Sie streckte ihm den Zündschlüssel von CSM 108-1’s Calibra hin, den er auch gleich annahm.
„Du willst dich doch garantiert noch umziehen, oder? Oh, ihr Frauen!“
„Nur weil ich nicht im gleichen Outfit im Café und Kino sitzen will wie in der Disco? Das ist ja wohl nicht zuviel verlangt“, protestierte sie neckisch, worauf er ihr übermütig einen Klaps auf den Hintern gab.
„Dann mal los. Mach dich zurecht für deinen Geliebten, während ich die niedrigen Arbeiten erledige.“ Simon ging zur nächsten Ecke und bog in die Gasse gegenüber ein, welche zur nächsten Parallelstraße führte, wo der leicht übersehbare Zugang zur Tiefgarage lag, in der CSM 108-1 einen Stellplatz hatte. Er ging hinüber zur Gittertür, die tief ins Gebäude hineinverlegt in Schatten gehüllt war und den Zugang zum Untergeschoss darstellte.
Er trat gerade ins Halbdunkel, als er merkte, dass da jemand war. Bevor er reagieren konnte, sagte eine sanfte Frauenstimme: „Hallo, Simon. Lange nicht gesehen.“
Er erkannte die Stimme in dem Moment, als ein intensiver rubinroter Strahl von der Dicke einer Bleistiftmine aufflammte und, in der feuchten Novembernachtluft gut sichtbar, über seinen Oberkörper hinaufwanderte, bis er auf seiner Stirn verharrte. Beinahe amüsiert wies ihn die Stimme an: „Nicht bewegen, gell?“
Im Hintergrund war ein kurzer, gedämpfter Schrei zu hören. Karin.
Er zuckte, worauf sich der Laserstrahl unwillkürlich mitbewegte. „Na, was hab’ ich gerade gesagt? Los, umdrehen!“
Bevor er ihrer Aufforderung nachkam, hatten sich seine Augen soweit ans Dunkel gewöhnt gehabt, dass er die Waffe mit dem vorne aufgeschraubten, klobigen Schalldämpfer und dem aufgesetzten Laservisier, gehalten von einer mittelgroßen schlanken Gestalt, schemenhaft hatte erkennen können.
Dann kam ein Minivan, ein dunkelgrüner Opel Zafira, angefahren und hielt direkt vor der Auffahrt der Tiefgarage. Die hintere Tür wurde von innen geöffnet, von einer verängstigt aussehenden Karin, wie er erkannte. Gleichzeitig bohrte sich ein rundes Stück kalten Metalles in seinen Rücken. „Vorwärts, rein da.“
Sie wurden entführt, schoss es ihm durch den Kopf. Als er den Fahrer des Wagens erkannte, wuchs seine Verstörtheit noch weiter. Warum?
Der Häscher von Karin saß hinten in der dritten Sitzreihe und behielt sie von dort aus in Schach, während diejenige, die Simon überwältigt hatte, neben ihnen Platz nahm, als sie losfuhren. Ihr Wagen war ein weitverbreitetes Gefährt und sehr unauffällig, schoss es Simon automatisch durch den Kopf, während er gleichzeitig versuchte, einen Sinn dessen zu erfassen, was hier geschah.
Langsam dämmerte es ihm.
Seine Augen weiteten sich voller Entsetzen.

[Fortsetzung folgt ...]

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