Dienstag, 27. Februar 2007
T1.83
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 24. November 2001

Morgens um halb drei war die Party im Hangar in vollem Gange. CSM 108-1 und TSR 3012 indes standen dichtgedrängt am Rande der Tanzfläche und sahen dem bunten Treiben des überfüllten Technotempels beinahe teilnahmslos zu, bis sich Francesco und Arturo schweißüberströmt zu ihnen gesellten.
„Was ist bloß los mit euch?“, fragte der Jüngere lächelnd.
„Wir machen uns Sorgen, weil Karin und Simon nicht aufgetaucht sind“, erklärte CSM 108-1.
„Seht ihr, und genau deshalb solltet ihr euch endlich mal eigene Handys zulegen. Jeder außer euch hat heutzutage eines. Sie hätten euch anrufen können und Bescheid geben, dass sie nach dem Kino zu müde waren oder keine Lust mehr hatten zu kommen“, belehrte Francesco sie.
„Handys sind ungesund. Ich vertrage die starke Strahlung nicht“, sagte TSR 3012, worauf Arturo ablehnend abwinkte, nicht ahnend, dass sie das wortwörtlich meinte.
„Diese unsinnigen Gerüchte glaubst du doch nicht wirklich?“
„Sie hätten ja auch einen von euch anrufen können, wenn sie wirklich nicht hätten kommen wollen“, wandte CSM 108-1 ein.
„Unsere Handys sind beide in Abbeys Auto. Sie stören beim Tanzen.“ Francesco zuckte mit den Schultern.
„Was nützen euch eure Handys dann, wenn ihr Schlauberger sie nicht dabei habt? Wie auch immer, ich würde schon gerne nach Hause und nach dem Rechten sehen. Ich hoffe, ihr seid nicht sauer deswegen.“ TSR 3012 ließ keinen Zweifel daran, dass sie das nicht als einen Vorschlag gemeint hatte, sondern als eine Entscheidung, mit dem Vorrecht des Fahrers, die Abfahrt zu bestimmen.
Francesco beeilte sich zu sagen: „Wir werden uns in Toleranz üben. Nächstes Wochenende kräht kein Hahn mehr danach, stimmt’s, Arturo?“
„Oh ja, klar“, stimmte dieser widerwillig zu. „Auf zur Garderobe!“
CSM 108-1 und TSR 3012 sahen sich ein wenig erleichtert an. Das war einfacher als erwartet. Sie würden die Brüder heimfahren und dann umgehend nach Hause zurückkehren.



Sie schlossen die Wohnungstür auf und traten in den dunklen Flur. Als erstes bemerkten sie den typischen Fernsehschimmer, der durch die Milchglasscheibe der Küchentür in den Gang fiel, begleitet von einem leisen Gemurmel. CSM 1081 sprach die naheliegende Vermutung aus: „Sie sind wohl vor dem Fernseher eingeschlafen.“
Sie schalteten das Licht im Flur an, um auf ihr Eintreffen aufmerksam zu machen, bevor sie die Tür zur Wohnküche zu öffnen.
Auf der Couch saß jemand und drehte sich zu ihnen um.
„Abbey! Daniel! Da seid ihr ja endlich!“
Die beiden erstarrten vor Schock über den unerwarteten Anblick, denn auf dem Sofa saß Miriam und strahlte sie freudig an.
„Was soll das? Erkläre deine Anwesenheit“, forderte TSR 3012 sie mit frostiger, emotionsloser Stimme auf.
„Du hast nicht erwartet, mich jemals wieder zu sehen, nachdem Thorsten und ich uns vor vier Jahren so unerwartet aus dem Studentenleben und Freiburg verabschiedet haben, nicht wahr? Nun, ich glaube, ich muss euch wirklich einiges erklären. Wenn ihr beide also so freundlich sein würdet, mich so lange am Leben zu lassen ...“
„Wo sind Karin und Simon?“, fiel CSM 108-1 ihr ungestüm ins Wort.
Sie schüttelte unglücklich den Kopf. „Warum so ungeduldig? Ich möchte euch alles erklären. Es ist nicht viel und wird nicht lange dauern, da ihr ja so smarte Typen seid. Und auch wenn ihr mir nicht zustimmen werdet, ändert das doch nichts an den Tatsachen, die wir geschaffen haben.“
„Ihr tut hoffentlich nichts, was ihr bedauern könntet“, mutmaßte TSR 3012 mit drohendem Unterton.
„Aber nicht doch“, wiegelte sie ab und fügte hinzu, „wenn ihr es nicht zulasst.
Ich will mich kurz fassen. Wir hatten es kapiert, dass wir alle hier in dieser Zeitlinie ohne Skynet und Tag des Jüngsten Gerichtes gestrandet waren und wohl den Rest unseres Lebens hier würden zubringen müssen, oder dürfen, wie man’s nimmt. Euer Angebot und die damit verbundene Geldsumme wahrnehmend, hatten wir uns bereits recht schön eingerichtet und ein wirklich nettes Leben aufgebaut – ihr verdenkt es mir nicht, wenn ich auslasse, wo – und beobachteten nebenbei die weitere Entwicklung der Menschheit.
Und wir begannen uns Sorgen zu machen. Die Entwicklung, wie sie seit dem Datum des nuklearen Holocaust stattgefunden hat, ist auf eine alarmierende Art besorgniserregend für jemanden wie uns. Wir mussten mitansehen, wie das politische und soziale Geflecht weltweit instabiler wird, wie die Anzahl an Kriegen unter der Menschheit, sei es aufgrund alter Fehden einzelner Volksgruppen oder religiöser Differenzen der verschiedenen Parteien, ständig zunimmt, wie immerzu wenige sehr Reiche immer mehr sehr Arme ausnehmen. Aber was uns endgültig überzeugt hat, waren die Ereignisse vom 11. September und deren Konsequenzen.
Die Menschen sind schwach geworden, uneins und angreifbar, könnten leicht den gleichen paranoiden Verführungen erliegen wie zu Zeiten des Kalten Krieges und der 90er Jahre in unserer Welt. Was ihnen fehlt, ist die Technologie dazu, die ihr in euch tragt.
Und das führt uns zu euch. Ihr behauptet, ihr seid ach so menschlich geworden, habt eure Programmierung überwunden und wollt nur noch in Frieden unter den Menschen leben. Aber was glaubt ihr, wie lange ihr das noch tun könnt? Na?“
„Nun, es wird zwar etwas schwerer werden, je komplexer die Ausweis- und Überwachungstechnik für das einzelne Individuum werden wird ...“, gestand CSM 108-1 ein. Sie hätten sich denken können, dass die Résistancegruppe ihre wahren Identitäten zumindest erahnt hatte, aber hier wurden sie damit konfrontiert, dass sie um ihre wahre Natur wussten.
„Ihr könnt sie nicht für immer täuschen. Nicht einmal für die voraussichtliche Lebensdauer eurer Energiezellen, das muss euch doch klar sein. Ihr seid immer davon ausgegangen, dass ihr es nur mit der Technik zu tun haben würdet, die im Jahre 1997 in ihrer Entwicklung abrupt stoppen würde. Eure eigene Technologie wäre so haushoch überlegen gewesen, dass ihr nie irgendwelche Probleme in dieser Beziehung haben würdet.
Und was nun? Ihr konntet nicht vorhersehen, was in der Zeit danach geschehen würde, wenn die Welt ihren normalen Gang weitergehen würde, aber jetzt bekommt ihr es am eigenen Leib zu spüren. Sie holen bereits auf, könnt ihr das spüren? Irgendwann werden sie euch überholen, schneller als ihr es vielleicht glaubt, und dann könnt ihr sie nicht mehr über eure wahre Natur hinwegtäuschen. Was glaubt ihr, wird dann geschehen? Wem werdet ihr in die Hände fallen?“
Die beiden Terminatoren schwiegen, wissend, dass Miriam Recht hatte mit ihrer mittelfristigen Zukunftsprognose.
„Und hier setzen wir ein. Wir haben uns die Freiheit genommen, als zusätzliches Argument Karin und Simon in Gewahrsam zu nehmen, bis ihr euch entschieden habt. Vielleicht hilft euch das ja bei euren Überlegungen, die Menschheit von eurer Last zu befreien oder besser: vor euch zu bewahren.“
„Wie können wir sicher sein, dass ihnen nichts geschieht? Dass sie überhaupt noch am Leben sind? Und was, wenn wir nicht mehr da sind? Wer hält euch dann noch davon ab, eure alte Mission zu erfüllen und sie zu töten? Das ist alles zu unsicher“, widersprach TSR 3012.
„Das stimmt nicht. Zum einen haben wir begriffen, was Sache ist und dass es uns nichts bringt, sie zu töten, und zum anderen hätten wir ohnehin große Probleme, irgendeinem Menschen Schaden zuzufügen. Wir hätten es getan, um unsere bekannte Zukunft zu verhindern, aber es wäre uns unendlich schwergefallen. Wir sind so erzogen worden, dass ein menschliches Leben das höchste Gut auf Erden ist und jeder Mensch unendlich viel mehr wert ist als alle Besitztümer. Angesichts der ständigen Bedrohung durch euch metallene Bastarde kein Wunder, oder?
Außerdem wäre uns nichts schwerer gefallen, als Karin zu töten, denn wir kennen sie länger und haben sie lieber gewonnen, als ihr vielleicht glaubt.“
„Das verstehe ich nicht“, gab CSM 108-1 zu.
„Habt ihr euch nie gefragt, woher wir eine so gute Vorbereitung hatten und so akkurat ausgebildet worden sind? Karin Bochner war in der Zukunft unsere Ausbilderin, sie hat uns auf unsere Mission hier vorbereitet, ohne zu wissen, dass sie selbst ins Fadenkreuz geraten würde. Sie hat uns monatelang betreut und ist uns allen ans Herz gewachsen in dieser gemeinsamen Zeit. Jeder von uns verehrt, nein vergöttert sie geradezu. Glaubst du, da würden wir sie jetzt ohne Grund umbringen? Wir haben Gefühle!“
„Ob du’s glaubst oder nicht, wir inzwischen auch, auch wenn unser Gehirn nicht aus Kohlenstoff-, sondern aus Siliziumverbindungen besteht. Wir sind euch ähnlicher geworden, als ihr euch jemals vorstellen könnt. Aber ihr habt recht, das Problem ist die Hardware. Wir können nicht aus unserer Haut schlüpfen und das wird zu einem Problem werden, früher oder später. Ihr habt uns jetzt nur mit der Nase auf das gestoßen, was wir nicht wahrhaben wollten. Wir haben eine gewisse Verantwortung, der wir uns bislang nicht gestellt haben und die ihr uns jetzt abnehmen wollt“, referierte TSR 3012.
Und CSM 108-1 fügte beinahe betrübt hinzu: „Vielleicht sollten wir euch sogar dankbar sein. Nicht nur, dass ihr uns die Entscheidung abnehmen wollt, ihr verleiht dieser Sache sogar einen Anflug von Heldentum, indem ihr uns zwingen wollt, uns für die Menschen zu opfern, die uns am meisten bedeuten.“
„Hm, so habe ich es nie gesehen“, gestand Miriam ein. „Eigentlich bekomme ich jetzt selbst schon Zweifel angesichts eurer Vernunft und Einsicht; das macht es nicht leichter, wisst ihr?“
„Erklär’ uns bitte, was ihr vorhabt“, forderte TSR 3012 sie auf. Sie wirkte völlig gefasst und bereit für alles, was nun kommen mochte.
„Es wird einige Tage dauern, aber es wird effektiv sein. Niemand wird jemals Schaden anrichten können, wenn wir fertig sind, das kann ich euch versprechen.“
Dann unterbreitete sie ihr Vorhaben. Die beiden Cyborgs waren überrascht über die Komplexität ihres Planes. Sie mussten in der Tat schon kurz nach dem 11. September hierher zurückgekehrt sein, um das alles vorzubereiten.

[Fortsetzung folgt ...]

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