Montag, 11. Juni 2007
StarTrek 3 - Der verlorene Kontinent
Es ist fast unmöglich - schon wieder ein neues Buch von Andilone !
Hier ist das ganze Buch der dritten Episode der StarTrek Quintologie: 'Der verlorene Kontinent' zum Download
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Star Trek - U.S.S. Fairchild (N.C.C. - 71912)

Der verlorene Kontinent

- 1 -

Sternzeit 50953,8
Das Licht des Bereitschaftsraumes war gedämpft, als Lennard, Leardini und Darrn an den nach hinten gerichteten Aussichtsfenstern standen und schweigend an den Verstrebungen des Raumrahmens lehnten, die jeweils zwischen Zweien der großflächigen, unter der Zimmer-decke nach innen abgeknickten Fensterflächen aus transparentem Aluminium von oben nach unten verliefen. Der Ausblick von hier aus über die Maschinensektion und die Warpgondeln war atemberaubend.
Schließlich brach Kyle Lennard, der fast zwei Meter große, schlacksige Neuseeländer Ende Dreißig, der Captain der U.S.S. Fairchild war, das ehrfürchtige Schweigen. „Was halten Sie von unserem neuesten Untersatz, Lieutenant Commander?“
„Wie meinen, Sir?“ Verständnislos sah der Einsatzleitende Offizier des Schiffes seinen Vor-gesetzten an, dann hellten sich seine Gesichtszüge auf, jedenfalls soweit bei einem Klin-gonen davon die Rede sein konnte. „Ah, ich verstehe. Nun, ich meine, von den Schiffen der Defiant-Klasse abgesehen, ist dieses Schiff das, was ich am ehesten als Kriegsschiff innerhalb der Sternenflotte bezeichnen würde.“
„Naja, eigentlich hat die Fairchild ja einen Forschungsauftrag....“ wandte Lennard rasch ein.
Die Erste Offizierin, Stefania Leardini, warf ein: „Im direkten Vergleich hat mir unsere alte Fairchild besser gefallen, muß ich sagen. Die Schiffe der Galaxy-Klasse sind zwar ein gutes Stück kürzer als die der moderneren Sovereign-Klasse, aber ihre Formen sind viel anmutiger, geschwungener... beinahe weiblich, auch wenn sie die doppelte Masse der neuen Fairchild haben. Unser Schiffchen hier hat eher eine gedrungene, aggressive Form mit vielen Ecken und Kanten; für mich sieht es beinahe so aus wie ein Raubtier, das zum Sprung bereit geduckt ist.“
„Vielen Dank, daß du uns eine weibliche Sichtweise davon vermittelt hast,“ entgegnete Lennard mit einem angedeuteten Grinsen. „Ich persönlich finde hauptsächlich die Atmo-sphäre an Bord etwas düsterer und ernster. Das mag einerseits an der Innenausstattung liegen, sicherlich aber daran, daß keine Zivilisten und Familienangehörigen mehr an Bord sind.“
„Vieles hat sich geändert seit der Zeit, in der die Schiffe der Galaxy-Klasse entwickelt wurden. Die Föderation ist vielen alten und auch einigen neuen Gefahren ausgesetzt gewesen und noch immer ausgesetzt, von denen vor allem die Borg und das Dominion die beiden aktuellsten darstellen,“ erinnerte Darrn.
„Hören Sie bloß auf mit den Borg,“ ereiferte sich Leardini. „Als sie vor zwei Wochen die Erde angriffen, wo waren wir da? Hier im ‘Trockendock’, zwei Flugmonate von der Erde entfernt. Die neue Enterprise hingegen hat natürlich zu diesem Zeitpunkt Patrouille an der romulanischen Grenze geflogen und war in Nullkommanichts zur Stelle, trotz anderslautender Befehle. Wie schön, daß die Borg-Waffen ihre Schilde nicht durchdringen konnten... auf-grund unserer Entdeckung und der Hilfe des Ewigen von Alnilam, versteht sich. Und...“
„Hallo! Und ich dachte immer, ich litte unter dem Enterprise-Syndrom? Stefania, die Erde wäre vielleicht assimiliert worden, wenn Picard nicht eingegriffen hätte. Der Führungsstab der Sternenflotte hat einen schwerwiegenden Fehler gemacht, als er den Captain nicht bei der Erdverteidigung miteinbezogen hatte. Ich finde es nur mehr als gerecht, wenn er dafür nicht gemaßregelt wird. Schließlich spielt es letztendlich keine Rolle, wer den Verdienst trägt, so-lange die Erde gerettet worden ist. Das solltest du nie vergessen.“
„Schon gut, Kyle, ich weiß, daß der Zweck die Mittel heiligt, auch wenn das Mittel wie schon so oft Enterprise heißt.“ Ein wenig schmollend gab sie ihm recht.
Nun wandte sich Lennard erneut an Darrn: „Und wie ist der Status des Schiffes? Kann’s denn bald losgehen?“
„Morgen nachmittag, wenn die letzte Ebene-Eins-Diagnose erfolgreich abgeschlossen wird. Mit der Rumpfmannschaft fliegen wir laut Befehlen die Sternenbasis 72 an, wo wir unsere Besatzung komplettieren werden.“
Leardini blickte versonnen hinaus auf die noch matten Verschalungen der Warpgondeln etwa dreihundert Meter hinter ihnen, die ab morgen hell bläulich leuchten würden, sobald sie mit Plasma beschickt würden. „Und dann weiter an die innere Grenze der Föderation zu Test-flügen und Kartographierungsmissionen, wie wir schon so manche hinter uns haben. Die Systeme Alpha Cygnus und Tiragoni warten bereits auf unsere Erkundung. Und wer weiß, was dahinter auf uns wartet. Soweit ich weiß, war seit Jahrzehnten kein Schiff der Föderation mehr so nah am Zentrum der Galaxis.“
„Das mag schon sein, Commander, aber vergessen Sie nicht, daß sowohl die romulanische wie auch die cardassianische Grenze nicht weit ist,“ ermahnte Darrn sie. „Und wenn ich an das neue Bündnis von Dominion und Cardassianern denke, wird mir auch nicht wohler zumute.“
Empört erwiderte diese darauf: „Bündnis? Da müssen Sie wohl etwas falsch verstanden haben. Sie sind dem Dominion beigetreten, was für mich einen erheblichen Unterschied bedeutet. Sie haben den Gründern de facto ihren Stolz und ihre Seele verkauft und sich zu Vasallen, zu Schoßhündchen gemacht, auch wenn sie das nicht wahrhaben oder wahrhaben wollen, wie auch immer. Dem Dominion indes kommt diese Basis im Alpha-Quadranten gerade recht; für sie sind die Cardassianer ideal als neues Mitglied. Ihr Territorium beginnt gleich neben dem Bajoranischen Wurmloch, ihrem Portal in die Heimat. Dann sind die ‘Cardies’ ein eher kleiner Machtblock, der nach dem Krieg mit und der Eroberung durch die Klingonen - was ja durch das Dominion selbst intrigiert wurde - nicht mehr viel zu melden hat. Wie verzweifelt muß man sein, um sich dem Feind, durch dessen Einwirken man fast alles verloren hat, lächelnd in die offenen Arme zu werfen?“
„Es ist vor allem besorgniserregend, wie schnell alles vonstatten geht. Nach dem, was der Geheimdienst der Sternenflotte noch berichten konnte, bevor er - übrigens ebenfalls mit erschreckender Effiktivität - ausgeschaltet wurde, hat das Dominion bereits erste Raumschiff-werften im neuerschlossenen Gebiet der Cardassianer in Betrieb genommen. Außerdem senden sie jede Woche mit der Präzision eines Pulsares einen großen Konvoi durch das Wurmloch und haben somit inzwischen eine riesige Anzahl von Schiffen im Alpha-Quad-ranten, die sie zur Zeit entlang der gesamten Grenze stationieren. Der Föderation schmeckt das gar nicht. Nach dem, was ich gehört habe, plant man, eventuell den Eingang des Wurm-loches zu verminen, um das Dominion vom Nachschub im Gamma-Quadranten abzuschnei-den. Wenn das wirklich geschehen sollte, möchte ich nicht in Siskos Haut stecken.“ Die Be-sorgnis stand Lennard deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Das ist nicht dein Ernst, oder? Wie wollen sie das bewerkstelligen?“ wollte Leardini wissen.
Nachdenklich meinte Darrn: „Das Dominion würde sich so eine Maßnahme nie gefallen lassen. Ich glaube, wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.“
„Nun malen Sie mal nicht den Teufel an die Wand, Mr. Darrn. Die Sternenflotte ist auch nicht untätig. Bei Sternbasis 72 zum Beispiel wird ein Verband von insgesamt zwanzig Schif-fen erwartet, um diesen Teil der Grenze abzusichern. Und ganz nebenbei bringen diese unsere Mannschaft zur Basis.“ Lennards Versuch, etwas Optimismus vorzutäuschen, war ziemlich offensichtlich.
„Dennoch ist der Schiffsbestand der Sternenflotte beim Sektor-001-Zwischenfall mit den Borg reichlich dezimiert worden. So, wie es aussieht, wird momentan dem Bau kleinerer Schiffe in größerer Zahl der Vorzug vor dem Bau weniger größerer Typen gegeben. Außer den fünf bestehenden Modellen der Sovereign-Klasse soll vorläufig nur noch eines gebaut werden, nämlich die U.S.S. Horizon, dessen Name eigentlich dieses unsere Schiff tragen sollte. Dafür ist eine ganze Anzahl von Schiffen der Intrepid-Klasse kurz vor der Fertig-stellung und soweit ich weiß sollen auch schon erste Exemplare des Musters Defiant bei Test-flügen gesehen worden sein.“ Leardini fiel unbeabsichtigt in den Tenor der Hoffnungsmacher mit ein.
Der Zweite Offizier des Schiffes brummte: „Ja, und außerdem haben sie eine Menge alter und eigentlich schrottreifer Kähne wieder flottgemacht, zum Teil nachgerüstete Constitutions und Constellations. Meiner Meinung nach hätte es einen größeren taktischen Wert gehabt, auf diese Maßnahme zu verzichten. Es zeugt doch nur von der mißlichen Lage, in der wir uns zur Zeit befinden. Und außerdem ist die Situation für die Besatzungen dieser Schiffe doch schier unerträglich. Im Ernstfall sind sie nicht viel mehr als Kanonenfutter.“
Lennard seufzte. „Beten Sie, daß dieser Raum nicht abgehört wird, Mr. Darrn.“
„Klingonen pflegen nicht zu beten, Captain,“ erwiderte dieser sachlich. „Wir haben unsere Götter getötet.“
Erneut seufzte sein Gegenüber: „Ich weiß.“
Gedankenversunken wandte er sich um, worauf sein Blick auf die Gedenkvitrine an der Vorderwand des Aussichtsraumes fiel. Sie machte einen ziemlich leeren und armseligen Eindruck mit den zwei Modellen, die bislang darin zu sehen waren. Um so mehr, da das erste Schiff der Galaxy-Klasse noch existierte und lediglich vor einem knappen Jahr von ihm abgegeben werden mußte, damit es in einer geheimen Werft auseinandergenommen werden und umfangreichen Tests unterzogen werden konnte. Das Augenmerk der Techniker und Konstrukteure galt selbstverständlich den modifizierten metaphasischen Schutzschilden, die von dem Ewigen von Alnilam verbessert worden waren, einem Wesen, dessen technisches Wissen dem sämtlicher bekannter Spezies in der Galaxie um zigtausenden von Jahren voraus war.
Noch immer konnte man nicht genau nachvollziehen, was bei diesem Umbau nach den Vorgaben des Ewigen genau mit den Schilden des Schiffes geschehen war. Die Effektivität, das heißt das Potential von Energie, welches von den Schirmen abgewiesen werden konnte, lag jenseits des von der mit Föderationsmitteln meßbaren Bereichs. Und dabei war der Ener-giebedarf nicht einmal nennenswert angestiegen. Sie waren mit so Einigem beschossen wor-den, seit sie diese Verbesserung erhalten hatten, doch nichts hatte ihre Schildintegrität schwä-chen können. In einer alternativen Zukunft waren sie von einer Waffe getroffen worden, die kurz zuvor mit einem einzigen Schuß einen gesamten Borgkubus restlos zerstört hatte, doch ihnen hatte dieser Beschuß nichts anhaben können.
Mit einem zynischen Grinsen im Mundwinkel dachte er, sie könnten eventuell den Schau-kasten füllen, indem sie die Modelle aller Schiffe hinzufügen könnten, die an den praktisch unverwundbaren Schutzschirmen ihrer ersten Fairchild gescheitert waren. Dazu müßte man jedoch den Maßstab der Modelle um den Faktor Zehn vergrößern, um alle darin unterbringen zu können.



Lennard hatte einen sehr unruhigen Schlaf in dieser Nacht und wälzte sich im Bett hin und her, als würde er im Unterbewußtsein von einer dunklen Vorahnung geplagt.



Am nächsten Abend waren sie nach einigen Verzögerungen tatsächlich bereit zum Ablegen. Lennard betrat die Hauptbrücke mit gemischten Gefühlen. Einerseits bedeutete die offizielle Indienststellung der U.S.S. Fairchild N.C.C. - 71912 (er wußte nicht, ob er der Sternenflotte für die neue Nummer dankbar sein sollte, da bis auf die Ziffer 7 am Anfang wieder die alte Kennzahl am Rumpf prangte) einen Neuanfang und den Beginn eines neuen Kapitels seines Lebens, andererseits den vielleicht endgültigen Abschied von einem wunderbaren Schiff. Er war in letzter Zeit von zu vielen alten Kameraden und liebgewonnenen Dingen getrennt wor-den, wessen er nun überdrüssig war. Nur wenige seiner alten Mannschaftsmitglieder befanden sich noch hier, an Bord seines derzeitigen Kommandos. Nun, damit würde er leben müssen.
„Captain auf der Brücke!“ rief ein Fähnrich laut in den runden, recht weiträumigen Raum hinein, der in den Abmessungen in etwa der alten Hauptbrücke entsprach, jedoch in vielerlei Hinsicht anders gestaltet war. Als erstes fiel das Ambiente auf: nüchterner, sachlicher, nicht ganz so freundlich in Material- und Farbwahl gehalten, wie so vieles auf diesem neuen Schiff. Manchmal überkam Lennard das Gefühl, daß man an Bord dieser Sovereign-Klasse nur auf ernste, düstere Gedanken kommen sollte, jedoch bloß nicht auf freundliche oder optimist-ische. Die eher dezente bläulich-weiße Beleuchtung, die indirekt unter Treppen- und Absatz-stufen sowie durch schmale Leuchtenbalken an Stütz- und Deckenträgern ausgeführt war, tat ihr Übriges dazu.
Der Sessel des Captains war zentral angeordnet, jedoch erhöht und stärker abgesetzt von den XO- und Counselorsesseln und außerdem größer und bequemer ausgelegt als diese. Die Conn- und Ops-Stationen befanden sich am üblichen Ort vor dieser Dreiergruppe, waren je-doch zusammengerückt und befanden sich unmittelbar nebeneinander. Um diesen zentralen Bereich herum waren die übrigen Konsolen kreisförmig angeordnet, ergänzt von Arbeitssta-tionen entlang der Wände. Sämtliche Sessel und Verschalungen waren in dunklen Farben ge-halten. Neu war die große Maschinenraumstation, die sich im rückwärtigen Teil der Brücke an der Wand zum Aussichtsraum befand und es dem Ingenieur erlaubte, von hier aus notfalls alle Funktionen des Maschinenraumes zu bedienen.
Lennard setzte sich auf seinen Kapitänssessel und rutschte ein wenig darauf herum, als suche er noch eine bequeme Sitzposition, dann wandte er sich an die Kommunikation. „Haben wir die Erlaubnis zum Ablegen bereits erhalten?“
„Jawohl, Sir, ist vor wenigen Minuten hereingekommen.“
„Dann Schiff von Versorgungs- und Verbindungsleitungen trennen, Andockklammern lösen, ReaktionsKontroll-Steuerdüsen langsam voraus.“
Darrn bestätigte: „Verbindungen getrennt, Andockklammern gelöst, alle Decks melden Be-reitschaft zum Ablegen.“
„RKS sprechen an, wir haben abgelegt,“ ließ der junge Fähnrich, der frisch von der Akademie zu kommen schien, verlauten. Lennard sah auf dem neuen holographisch erzeugten Haupt-bildschirm die Dockanlagen langsam an ihnen vorbeiziehen, als die Fairchild sich langsam aus den Gerüsten herausschob, zwischen denen sie entstanden war. Im Hintergrund der An-lage im Orbit über Cestus II war ein riesiger Bereich verschalt. Lennard wußte nicht, was dort gebaut wurde; offenbar wußte niemand etwas darüber, nur daß dieser gesamte Bezirk der Werft streng bewacht wurde. Und daß das, was dort auch immer hergestellt werden mochte, von beträchtlicher Masse war. Er hatte gehört, daß die Orbitalanlage in eine höhere Umlauf-bahn hatte transferiert werden müssen, um diesen Faktor auszugleichen, was einiges bedeu-tete.
Dann besann er sich und blickte zu Stefania herüber: „Numero Uno?“
Sie räusperte sich leise und befahl: „Kurs setzen auf Raumbasis 72, vollen Impuls bis zum Erreichen eines sicheren Abstandes von der Station, dann auf Warp 9 gehen. Schirm auf Sicht nach hinten schalten.“
„Aye, Sir,“ bestätigte der Conn, ein farbiger Terraner mit schwarzem, lockigen Haar und brei-ten Wangenknochen. Auf dem Hauptbildschirm wurde nun die Orbitalwerftanlage sichtbar, von der sie sich rasch entfernten, jetzt da die Impulstriebwerke auf vollen Schub hochge-fahren waren und eine Beschleunigung von beinahe 1200 g produzierten.
„Wie lange wird die Flugzeit betragen?“ wollte Lennard wissen.
Nach einer kurzen Eingabe antwortete der Fähnrich an den Navigationsinstrumenten: „Etwa vier Tage und achtzehn Stunden, Sir. Der angekündigte Verband wird bis dahin vollzählig bei der Sternenbasis erwartet.“
„Sehr schön, dann wird ja ein Tag Aufenthalt dort vollauf genügen, um noch etwaige Vorräte oder Ersatzteile aufnehmen zu können und dann gleich auf unseren ersten ausgedehnten Test-flug zu gehen, bei dem wir ganz nebenbei noch ein wenig unsere Grenze zum cardassiani-schen Raum hin überwachen sollen.“ Als Leardini das sagte, ging ein unterdrücktes Stöhnen von einigen der jüngeren Crewmitgliedern durch den Raum; offenbar hatte der eine oder an-dere von ihnen damit gerechnet, etwas länger das umfangreiche Freizeitangebot auf der groß-en Raumbasis nutzen zu können, denn die meisten von ihnen waren bereits einige Wochen auf der karg ausgestatteten Werftanlage stationiert gewesen. Aber schließlich waren sie nicht zu ihrem Vergnügen hier, und die Fairchild selbst besaß auch mehrere Holodecks, einen hydroponischen Garten sowie diverse andere Freizeiteinrichtungen.
Lennard schlenderte wie zufällig zur Conn und besah sich den jungen Fähnrich an den Navi-gationskonsolen nochmals. Da war etwas an der Form seiner breiten Gesichtszüge, an seinem schwarzen Lockenhaar, seinem unverkennbaren Akzent...
„Verzeihen Sie die Frage, Fähnrich, aber woher stammen Sie?“
Mit einem leisen Seufzen gab der Angesprochene zur Antwort: „Ich wußte, es würde nicht lange gehen, bis Sie es merken würden. Ja, ich bin aus Australien, ein waschechter Aborigine, wenn Sie so wollen, Sir.“
„Schön, jemanden an Bord zu haben, der von nebenan stammt.“ Der Captain lächelte. „Meine Heimat ist Neuseeland.“
„Diese Inseln, wo es nichts außer Bergen und der Sträflingskolonie der Föderation gibt?“
„Nun, der alte Begrüßungswitz zwischen zweien wie uns ist doch allmählich sehr abgegriffen. Zudem war Ihr trockener, staubiger Kontinent ehedem auch eine Strafkolonie, Fähnrich...“ Lennard ließ das letzte Wort mit einer Betonung im Raum stehen, die sein Untergebener gleich begriff.
„Yatobu, Sir. Stets zu Diensten. Und entschuldigen Sie die Phrase; man hat einfach nicht mehr oft genug die Gelegenheit, hier draußen an einen Neuseeländer zu geraten. In Canberra war das einfacher... und hat zudem noch eine Bedeutung gehabt. Hier am Rande des Födera-tionsraumes kann man ja bereits froh sein, aus dem gleichen Sternensystem zu stammen.“ Versonnen blickte Yatobu auf die aktuelle Sternenkarte seiner Konsole.
„Rufen Sie mir bloß nicht die neue Traumzeit aus, Fähnrich, dann kommen wir sicher mitein-ander aus.“ Er überließ den Fähnrich seiner Arbeit.



Lennard blieb noch auf seinem Posten, bis sie auf Warp gegangen waren und ihm ein nor-maler Reiseflugbetrieb gemeldet wurde, dann übergab er an Leardini und zog sich in seinen Bereitschaftsraum zurück, der zwar um einiges kleiner war als auf der alten Fairchild, aber dennoch mit allem ausgestattet, was ihm einen längeren Aufenthalt hier angenehm gestalten sollte, wie einem Bett sowie einer Naßzelle. Dennoch konnte er sich nicht vorstellen, hier sein permanentes Quartier einzurichten wie früher, denn dafür waren die Raumverhältnisse doch etwas beengt.
Er besah sich auf dem Display nochmals die Sternenkarte ihres Sektors: Die Fairchild hatte das Cestus-System nun verlassen und kurz danach die Grenze vom Alpha- zum Beta-Quad-ranten überquert, ein sicheres Zeichen dafür, daß es nicht mehr sehr lange weiterging in dies-er Richtung, da nur ein verschwindend kleiner Anteil des Föderationsgebietes im Beta-Quad-ranten lag. Der Großteil dieses Gebietes wurde von den Romulanern und Klingonen be-herrscht, aber auch Breen waren hier anzutreffen. Die machten ihm zur Zeit jedoch die we-nigsten Sorgen.
Sobald sie die Sternenbasis 72, die etwas näher an der Erde lag, angeflogen und ihre volle Besatzungsstärke erreicht hatten, würden sie Kurs in Richtung des Zentrums der Galaxie neh-men, womit sie sich von der Erde entfernen und als erstes System Alpha Cygnus, das schon teilweise erforscht war, ansteuern würden. Es war bereits nicht einmal einen Parsek von der DMZ, der DeMilitarisierten Zone zum Reich der Romulaner, entfernt. Diese Zone mit einer Stärke von einem Lichtjahr war von beiden Seiten nach diversen kriegerischen Akten gemein-sam beschlossen und eingerichtet worden, als Pufferzone und zum Erhalt des erreichten, wenngleich langfristig ziemlich labilen Friedens. Sie war bestimmt genauso oft verletzt wie geachtet worden, vor allem wenn man bedachte, daß die Romulaner mit getarnten Schiffen früher ohne weiteres die Grenze hatten unbemerkt überqueren können. Seit einiger Zeit war das nicht mehr ganz so einfach, seit die Sternenflotte ein Tachyonengitter zur Ortung ge-tarnter Schiffe entlang der DMZ installiert hatte, doch restlos beruhigen konnte es Lennard nicht. Er selbst hatte einst eine gewalttätige Auseinandersetzung mit mehreren Warbirds nur knapp überstanden, daher wußte er um die potentielle Bedrohung dieser Rasse.
Doch der Weltraum war natürlich dreidimensional, so daß es möglich war - was auf Karten nur unpräzise darstellbar war - daß sich hier mehrere Hoheitsgebiete auf mehreren Ebenen überschneiden und einen komplizierten Grenzverlauf bilden konnten. Zum einen eben das Romulanische Imperium auf der Außenseite des Beta-Quadranten, flankiert vom Kling-onischen Reich, welches an dieser Stelle weiter oben im Raum die Gebiete von Föderation, Romulanern und Cardassianern überlappte. Die Cardassianer selbst besaßen hier einen keil-förmigen Ausläufer, den am nächsten zum Beta-Quadranten gelegenen Teil ihres Hoheits-gebietes und das einzige Stück gemeinsamer Grenze mit den Romulanern, das höchstens ein paar Parsek ausmachte. Ein recht großes Gebiet zwar, wenn man es mit einem Raumschiff abfliegen mußte, in dem Dutzende von Sternensystemen liegen konnten, aber verglichen mit der Ausdehnung der gesamten Gebiete der Parteien nur ein Zipfelchen auf einer Karte dieser Galaxishälfte.
Wie gesagt, es war schwer zu erklären und manchmal sogar noch schwer zu begreifen, wenn man die Karte vor sich hatte.
Was Lennard jedoch genau erkannte, war die Tatsache, daß das zweite System mit Namen Tiragoni nicht viel mehr als eine von fast allen Seiten von cardassianischem Raum umgebene Enklave war. Dieses praktisch unerforschte System lag so weit abseits von sämtlichen Han-delsrouten und noch dazu in einer solch strategisch brisanten Lage, daß es weder einer genau-eren Kartographierung, geschweige denn einer Besiedlung in irgendeiner Form jemals für würdig erachtet worden war. Es war vor Urzeiten aus irgendwelchen Vertragsverhandlungen als Föderationsgebiet hervorgegangen, was wahrscheinlich keine Partei besonders interessiert hatte, weder die, die es erhielt, noch die, die darauf freiwillig und ach so großmütig verzichtet hatte. Welche Ironie des Schicksals.
Sie hatten nun als Fleißübung, wenn man so wollte, den Auftrag erhalten, eine Kartographier-ung von Tiragoni im Rahmen ihrer Erprobungsflüge durchzuführen. Wie aufregend! Er wußte gar nicht mehr, in wie vielen abgelegenen, unbedeutenden Sektoren er schon solche Mission-en mit der Aldebaran durchgeführt hatte, seit er das Schiff nach seiner Indienststellung vor etwa sieben Jahren übernommen hatte. Ein Stellarkartograph, den er während seines Aufenthaltes auf der Werft getroffen hatte, hatte ihm eröffnet, daß er der einzige Starfleet-Kapitän sei, der mehr als ein Prozent des gesamten Föderationsraumes genauer erforscht hat-te. Er wußte allerdings nicht, ob er deswegen wirklich stolz sein sollte.
Lennard konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich auf das Bett seines Bereitschafts-raumes niederzulassen und ein kleines Nickerchen zu machen.



Lennard stand in einem hellen, lichten Wald von Eukalyptusbäumen, zwischen den hohen und dünnen Stämmen war wenig Unterholz, so daß man recht weit sehen konnte. Ein Stück entfernt stand ein kleiner und stämmig gebauter Mann mit dunkler Haut und schwarzem, lockigen Haar.
Er war nur mit einer Art Schurz um die Hüfte herum bekleidet und war von Lennard ab-gewandt, so daß dieser sein Gesicht nicht sehen konnte. Er wollte irgend etwas sagen oder tun, hielt dann aber inne, als er beobachtete, was dieser Mann machte.
Er begutachtete einen Baumstamm nach dem anderen sorgfältig, klopfte prüfend dagegen und entschied sich dann für einen. Er hieb mit einer Art Machete ein paar Handbreit über dem Boden solange auf das Holz ein, bis der Stamm nachgab und fiel. Als nächstes schlug er ihn etwa auf Mannlänge ab und sah gleich durch das Innere hindurch.
Nun trat Lennard doch zu dem Mann hin und sah ihm interessiert über die Schulter, worauf dieser ihn ansah und wie selbstverständlich zu ihm sagte: „Sieh nur, wir haben Glück; die Termiten haben das Innere des Stammes ausgehöhlt.“
Lennard warf einen Blick hindurch und sah tatsächlich einen kleinen, hellen Fleck im Inneren des nur armdicken Baumstammes. „Stimmt. Wozu brauchen Sie ihn?“
„Dieser Baum wird ein hervorragendes Didgeridoo sein. Willst du mitkommen und mir zuse-hen, wie ich ihn bearbeite?“ Ein freundliches Lächeln lag auf seinen breiten Gesichtszügen.
Lennard wollte gerade antworten, als alles um ihn herum verschwamm und schwarz wurde. Dafür drang ein penetrantes Piepen zu ihm durch, worauf er die Augen aufschlug und ihm aufging, daß er nur geträumt hatte.
Er setzte sich auf seiner Liege auf und sah sich nach der Quelle des Geräusches um. Es war das Kommunikationsterminal auf seinem Arbeitstisch.
Noch etwas benommen nahm Lennard die Subraumnachricht an, die besagte, daß eines der Schiffe, welche seine Besatzung zur Sternenbasis brachten, einen Tag Verspätung haben wür-de, weil es auf seiner Herreise von einem havarierten Frachtraumer zu Hilfe gerufen worden war. Nichts Dramatisches offenbar, aber nun war er wieder vollends wach. Etwas ärgerlich fragte er sich, warum ihm eine Nachricht von nicht gerade höchster Dringlichkeit so unver-mittelt zugestellt wurde. Dann fiel ihm ein, daß der Kommunikationsoffizier auf der Brücke schließlich nicht ahnen konnte, daß er hier in seinem Bereitschaftsraum um diese Zeit ein Nickerchen machte, worauf seine Stimmung versöhnlicher wurde.
Nachdem er den Computer nach der Bordzeit gefragt hatte, beschloß Lennard, sich in sein Quartier zurückzuziehen. Er hatte keine halbe Stunde geruht, fühlte sich aber von der plötz-lichen Unterbrechung wie erschlagen. Seltsam auch, daß er sich noch so gut an seinen kurzen Traum erinnern konnte; in der Regel hatte er wenige Augenblicke nach dem Aufwachen ver-gessen, worum es in seinen unterbewußten Phantasien gegangen war.



Der Fähnrich von vorhin rief erneut, als Lennard aus seinem Raum heraustrat: „Captain auf der Brücke!“
Seine Augen weiteten sich vor Schreck, als sein Kommandant danach direkt auf ihn zusteu-erte, mit grimmigem Ausdruck und einem leichten Lächeln auf dem Gesicht. Hatte er viel-leicht zu lange gewartet mit seinem Ausruf?
Betont freundlich erkundigte Lennard sich bei dem fast zwei Köpfe kleineren Chinesen: „Sagen Sie, Fähnrich, wie lange sind Sie schon im aktiven Dienst?“
„Sieben Monate, Sir,“ antwortete der junge Mann mit steifer Körperhaltung, lauter Stimme und starr nach vorne gerichtetem Blick.
Lennard seufzte. „Zunächst mal: Rühren, Fähnrich. Ich meinte nicht, wie lange Ihr Abschluß an der Akademie zurückliegt. Oder wollen Sie mir sagen, daß Sie auf dem Transfer hierher mehr als nur Passagier waren?“
Leardini sah neugierig über die hohe Lehne des Kapitänsessels hinweg zu ihnen hinüber. Nor-malerweise war sie diejenige, die die Rolle der gnadenlosen Schleiferin ausübte, während er eher als der ‘gute Onkel’ fungierte. Auf der Stirn des in die Mangel Genommenen bildeten sich nun kleine Schweißperlen, als er berichtigte: „Sir, ich habe meinen Abschluß auf der U.S.S. Eagle NCC-956 , einem Schulschiff der Sternenflotte, absolviert und bin direkt von dort aus auf die Fairchild abkommandiert worden, Sir.“
„Die Eagle? Mein Gott, das ist doch eine aufgerüstete Constitution-Klasse! Ich hätte nicht ge-dacht, daß sie noch immer Kadetten mit solchen Schiffen ausbilden. Sie müssen sich ja fast wie Captain Kirk gefühlt haben im Abschlußlehrgang.“ Ungewollt hoben sich Lennards Mundwinkel.
„Nun ja, nicht direkt, Sir,“ erwiderte der Fähnrich ein wenig umgänglicher.
„Das heißt, Sie leisten seit... sagen wir, zwei Wochen Dienst?“ erkundigte Lennard sich wie-der in unverbindlichem, freundlichen Tonfall.
„Äh... jawohl, Sir.“
„Was glauben Sie, wie lange wird dieses Schiff etwa in Dienst gestellt bleiben?“
Der Fähnrich wurde allmählich nervös: „Nun, sicher ein paar Jahrzehnte.“
„So?“ Lennard beugte sich ein wenig hinab. „Und was glauben Sie, wird mit meinem Geistes-zustand geschehen, wenn Sie jahrzehntelang bei jedem Betreten von mir hier laut rufen: ‘Captain auf der Brücke’?“
Das Gesicht des Chinesen leuchtete auf: „Oh, das wird nicht geschehen, Sir. Ich werde be-stimmt bald Karriere machen, befördert werden und auf eine andere Station versetzt. Und dann...“
Im Hintergrund begann Leardini schallend zu lachen, als sie Lennards perplexes Gesicht sah. Sie brach jedoch schnell ab, als ihr klar wurde, daß jedermann auf der Brücke sie anstarrte, inklusive ihres Kommandanten und Freundes.
Verlegen versuchte der Fähnrich es erneut: „Ich habe es ja erst zweimal gerufen, Captain. Ich bin sicher, ich werde schnell lernen, was von der protokollarischen Ausbildung im Alltag von praktischem Nutzen sein wird und was überflüssig, Sir.“
„So ist’s schon besser. Dann steht ja auch Ihrer Karriere nichts mehr im Weg,“ versicherte Lennard seinem Untergebenen und verließ die Brücke.



Nach gut vier Tagen und siebzehn Lichtjahren Flug mit Warp Neun erreichten sie die Ster-nenbasis 72, eine große Orbitaleinrichtung über Beta Cygnus, dem einzigen Planeten der klei-nen roten Sonne. Er war um einiges kleiner als die Erde, gehörte der Klasse J an und konnte kein Leben tragen. Die Basis hatte in etwa die Form eines Pilzes, und war von ungeheuer-lichen Ausmaßen: der Kopf des Pilzes hatte bereits einen so großen Durchmesser, daß sogar ein Schiff der Sovereign-Klasse hineinfliegen konnte. Im Inneren des großen Andockteiles konnten mehrere Schiffe anlegen und gewartet werden, was so weit vom nächsten größeren Außenposten der Föderation ein wichtiger Bestandteil zur Instandhaltung der Sternenflotte war.
Der untere, dünnere Teil maß immer noch mehr als einen km durch und mindestens ein Dutz-end km in der Länge; er lief in einem kugelförmigen Ende aus, aus dem viele röhrenförmige Ausläufer herausragten, die Sensoren, Wärmetauscher des Reaktors und andere Einrichtungen beherbergten, die für das Funktionieren der Infrastruktur dieser riesigen, autarken Stadt mit-ten im Weltall sorgten.
Als sie sich anmeldeten und in Sichtweite kamen, kreisten bereits mehrere größere Schiffe in Warteposition um die Station. Lennard erkannte die Zhukow und die Excalibur, beides Schif-fe der Ambassador-Klasse. Letztere war bei dem Kampf mit den Borg bei Wolf 359 schwer beschädigt und gerade erst wieder in Dienst gestellt worden. Außerdem machte er in einiger Entfernung, auf der gegenüberliegenden Seite noch einen Modell der Miranda-Klasse aus, konnte jedoch keine weiteren Details erkennen.
„Ops, vergrößern Sie den Ausschnitt, der dieses Schiff zeigt,“ verlangte er und las dann die Registrierungsnummer ab. Ein versonnenes Lächeln huschte über seine Lippen.
„Ah, NCC-21382... die Tian An Men. Das dürfte interessant werden, wenn der erste Offizier noch der ist, der es damals vor Wolf 359 war. Nun, es ist eine Weile her...“
„Soweit ich weiß, hat sie inzwischen sogar das Kommando über das Schiff,“ bemerkte Lear-dini und setzte gleich nach: „Ihr kennt euch?“
„Kennen ist gut. Die gute Mira Orloff wurde damals bevorzugt, als der Posten des XO auf der Tian An Men frei war, was mir eine zweijährige Warteschleife als Ops- und Zweitem Offi-zier auf der Diligence einbrachte, bevor ich dort zum Ersten Offizier aufsteigen konnte.“ Sei-ne verdrossene Miene sagte alles.
Leardini warf ein: „Sei doch froh, daß es so gekommen ist.“
Er sah zur Seite in ihr Gesicht, und langsam breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Du hast recht. Wir hatten immer eine Art Haßliebe-Beziehung zueinander, seit Akademie-zeiten schon. Ich sollte diese Gelegenheit nutzen. Conn, passieren Sie längsseits des Schiffes. Ops, können Sie eine Verbindung zum Kapitän der Tian An Men herstellen?“
„Einen Moment, bitte... Verbindung steht.“ Auf dem Hauptbildschirm erschien das verschlaf-ene Gesicht seiner alten Rivalin vor dem Hintergrund des Privatquartiers eines Captains. Of-fenbar war es nach deren Bordzeit jetzt mitten in der Nacht. Umso besser.
Orloff blinzelte ein paarmal und stöhnte dann auf: „Lennard! Ich hätte es wissen müssen. Wer sonst hat ein solches Gespür für unangebrachte Auftritte?“
„Vielleicht können Sie so nett sein und einen kurzen Blick aus Ihrem Fenster werfen?“
„Was soll mir das...?“ Orloffs Stimme erstarb beim Anblick der vorbeiziehenden Fairchild direkt vor ihren Augen. Ihre Kinnlade klappte herab.
„Wissen Sie was, Mira? Meiner ist größer als Ihrer. Denken Sie mal drüber nach. Lennard Ende.“ Unter dem schallenden Gelächter seiner Junior-Offiziere brach er die Verbindung ab.
„Das war sehr... pubertär, Kyle,“ grummelte Leardini mißmutig.
Er zuckte, noch immer grinsend, nur leichthin mit den Achseln: „Mag schon sein... aber ich konnte einfach nicht anders.“
„Bin ich froh, wenn wir unsere Counselor bekommen,“ meinte die Erste Offizierin daraufhin und beugte sich tief über ihren Display, damit er ihr Schmunzeln nicht sehen konnte, auch wenn er wohl ahnte, daß es da war.
In dieser Sekunde ertönte laut schallend eine Stimme: „Hier Anflugkontrolle Sternenbasis 72. Fairchild, ich weiß nicht, wer bei euch an der Steuerung sitzt, aber an eurer Stelle würde ich ihn ab jetzt nur noch in der Abfallverwertung einsetzen. Ihr seid gerade in weniger als acht-hundert Metern an der Tian An Men vorbeigerauscht!“
„Hier Captain Lennard. Ein bedauerliches Mißverständnis, an dem ich selbst nicht ganz schuldlos bin. Keine Sorge, wir haben jetzt alles im Griff, Sternenbasis 72. Erwarten weitere Instruktionen.“
„So? Naja, ich übermittle Ihnen jetzt hiermit die Koordinaten. Und werde beten, daß das der letzte Zwischenfall mit euch verrückten Raumjockeys war. Seit dieser bunte Haufen hier zusammengezogen wurde, geht alles drunter und drüber. Kontrolle Ende.“
„Einen Ton haben die am Leib hier draußen,“ murmelte der Conn.



Im Laufe des nächsten Tages trafen nach und nach alle Mannschaftsmitglieder der Fairchild auf dem Schiff ein, während die meisten der anderen Schiffe bereits wieder abgezogen waren, darunter auch die Tian An Men. Lennard und Leardini hatten dem Stationskom-mandeur einen kurzen Besuch abgestattet und dabei beunruhigende Neuigkeiten erfahren. Nach dem, was die Gerüchteküche fabrizierte, war die Verminung des Wurmloches beschlos-sen worden und sollte bereits in der nächsten Woche in Angriff genommen werden. Außer-dem stand die gesamte Sternenflotte kurz davor, in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt zu wer-den. Teile der Flotte - welche, hatten sie nicht in Erfahrung bringen können - wurden offenbar bereits in der Nähe der Grenze nach Cardassia zusammengezogen. Für welchen Zweck, war sämtlichen Quellen ebenfalls unbekannt. Für Lennard war das ein gutes Zeichen, da es sig-nalisierte, daß die Geheimhaltung innerhalb der Föderation offenbar wieder hinreichend funktionierte.
Als sie sich zurück auf die Fairchild transportieren ließen, war es nach Bordzeit bereits später Abend, so daß sie sich gleich in ihre Quartiere begaben. Da viele Schiffe bereits im Inneren der Sternenbasis waren und ihres eines der größten war, hatten sie sich mit einer Kreisbahn um die Peripherie der Station herum begnügen müssen.
Auf dem Weg in ihre Quartiere (die auf den Schiffen der Sovereign-Klasse praktischerweise nebeneinander angesiedelt waren) lief ihnen ein vertrautes Gesicht über den Weg. Erfreut rief Leardini aus: „Lieutenant Merven! Wie geht es Ihnen? Und wie ist es Ihnen bei der Auf-nahmekomission in Trill ergangen?“
Lennard bemerkte eine Veränderung bei dem jungen Conn-Offizier der Fairchild. Er wirkte irgendwie viel selbstbewußter und ruhiger als bei ihrer letzten Begegnung. „Zunächst einmal möchte ich Sie darauf hinweisen, daß mein Name nun Merven Soares ist. Ich...“
„Sie sind mit einem Symbionten vereinigt worden?“ platzte Leardini heraus. „Oh, wie schön für Sie! Was ist das für ein Gefühl?“
„Es ist schon etwas... gewöhnungsbedürftig. Aber auch sehr angenehm. Für mich als Wirt ist die Erfahrung nicht so extrem intensiv, da ich erst der Zweite bin, der den Soares-Symbionten erhielt. Zuvor war ich ein recht alter und weiser Mann, der friedlich in seinem Bett einge-schlafen ist und nicht mehr aufwachte. Die Trill-Kommission mußte schnell entscheiden; die Wahl fiel auf mich, da ich die Aufnahmeprüfung gerade erst abgelegt hatte und von den acht-zehn verfügbaren Personen den besten Leumund hatte. Nun muß ich mir erst einmal abge-wöhnen, mir das Kreuz zu reiben und einen Buckel zu machen.“
Seine beiden Vorgesetzten lachten. „Na dann wünsche ich viel Erfolg bei der Eingewöhnung. Wir sehen uns dann morgen früh bei Beginn der Alpha-Schicht.“
„Sirs.“ Nach einem bedächtigen Nicken ging Merven weiter auf der Suche nach seinem neuen Quartier.
Lennard sah ihm kurz nach und meinte: „Er hat viel gewonnen durch seine Vereinigung, wie es scheint. Sicherheit und Ausgeglichenheit vor allem.“
„Hoffen wir, daß du recht hast. Besonnene Brückenoffiziere sind genau das, was wir in die-sen Zeiten gebrauchen können.“



Am nächsten Morgen waren sie abflugbereit. Das Einzige, was noch fehlte, waren die Crew-mitglieder des verspäteten Schiffes, der U.S.S. Livingston, eines alten Schiffes der Excelsior-Klasse. Als dieses endlich eintraf, ließ Lennard sogleich von Darrn den Transport aller frag-lichen Crewmitglieder veranlassen.
„So, haben wir jetzt auch wirklich alle Leute?“ wollte der Captain, leicht gereizt über die Verspätung, wissen.
Darrn erwiderte: „Alle Transporterräume bestätigen den Abschluß des Transportvorganges.“
„Sehr gut. Lieutenant Soares, Kurs setzen auf Alpha Cygnus, vollen Impuls.“
„Aye, Sir. Kurs liegt an.“ Konzentriert bediente der junge Trill seine Navigationskontrollen.
„Beschleunigen.“ Lennard überlegte einen Moment und fuhr dann fort: „An alle Decks, hier spricht der Captain. Mein Name ist Kyle Lennard; ich möchte alle frisch eingetroffenen Mannschaften und Dienstgrade an Bord unseres neuen Schiffes willkommen heißen. Bitte in-formieren Sie sich bei Beziehen Ihrer Quartiere über den jeweiligen Dienstbeginn und melden Sie sich rechtzeitig auf ihren Stationen, um einen reibungslosen Übergang in den Alltags-schichtdienst zu gewährleisten. Keine Sorge, niemand von Ihnen muß vor Beginn der näch-sten Alpha-Schicht antreten, wir sind schließlich keine Unmenschen und haben das Schiff mit der Minimalbesatzung bisher ohne Probleme führen können. Ich bitte alle Führungsoffiziere, sich um vierzehn Uhr in der Beobachtungslounge zu einem einführenden Briefing ein-zufinden. Das wäre momentan alles. Guten Einstand Ihnen allen. Lennard Ende.“
„Sehr ergreifend, Captain.“ Lennard warf der spöttisch grinsenden Leardini nur einen kurzen Seitenblick zu und sah dann unbeeindruckt zu, wie sich die Fairchild von der gigantischen Sternenbasis 72 entfernte.
„Was erwarten Sie denn von dieser ersten Mission, Numero Uno? Dies ist ein Erkundungs-flug durch zwei Sternensysteme, von denen lediglich eines bisher gänzlich unerforscht ist. Wir werden nichts Epochales erleben, das kannst du mir glauben. Das Schlimmste, was pas-sieren kann, ist eine plötzliche Eskalation der Spannungen mit dem Dominion. Ich denke je-doch, daß wir diesmal in Ruhe gelassen werden. Wir sind im Tiragoni-System zu nahe an der romulanischen Neutralen Zone. Sie werden sich hüten, den gerade unterzeichneten Nicht-angriffspakt mit den Romulanern durch irgendeine Unbedachtheit zu gefährden.“
„Hoffen wir, daß du recht behältst.“ Leardini seufzte leise.



















- 2 -

Kurz vor vierzehn Uhr begaben sich die beiden kommandierenden Offiziere zusammen mit Merven und Darrn in die rückwärtig gelegene Beobachtungslounge. Dort setzten sie sich schon einmal an den langen, leicht gekrümmten Konferenztisch, der vom Inneren der Tisch-platte heraus in einem fahlen Weiß beleuchtet war.
„Und was erwarten Sie sich von unserer Mission, Lieutenant Merven? Ich darf Sie doch noch so nennen?“ wollte Leardini etwas unsicher wissen.
„Außerdienstlich schon. Nun, ich habe ein unbestimmtes Gefühl dabei... aber ein gutes.“ Er lächelte sie freundlich an.
Die Türen auf der linken Seite des Raumes öffneten sich und gaben den Blick frei auf ein ver-trautes Gesicht. Die hochgewachsene, kräftige Gestalt sagte förmlich: „Bitte um Erlaubnis, eintreten zu dürfen, Sirs.“
Leardini und Lennard sahen sich mit einem bedeutungsvollen Blick an, bevor Letzterer schmunzelnd antwortete: „Erlaubnis erteilt, Fähnrich. Und willkommen auf unserem neuen schönen Kind.“
„Vielen Dank, Sir. Ich fühle mich geehrt, daß Sie mich für diese Mission als Sicherheitschef vorgeschlagen haben.“ Fähnrich Wenjorook trat die drei ebenfalls unterhalb der Absätze be-leuchteten Stufen hinab auf die Ebene der Lounge. Er war Andorianer, eine Rasse mit bläu-lichgrauer Hautfarbe, glatten weißen Haaren sowie einem Paar antennenförmiger Trichter, die auf seinem Kopf saßen und sowohl Seh- als auch Hörorgane beherbergten. Außerdem war seine Haut bis zu einem gewissen Grad als Exoskelett ausgebildet, was seinem Körper eine höhere Robustheit und Stabilität verlieh. Die Andorianer waren die einzige der Föderation be-kannte intelligente Spezies, deren Physiologie insektoide und säugetierartige Merkmale zu-gleich aufwies. Zudem lag eine gewisse Aggressivität und Begabung für den Kampf in ihrer Natur, was sie zusammen mit der Tatsache, daß sie beidhändig veranlagt waren, unter ande-rem zu guten Sicherheits- und taktischen Offizieren machte.
„Bitte setzen Sie sich, Mr. Wenjorook. Wie war Ihr Heimaturlaub?“ erkundigte sich Lennard höflich.
„Es war ein sehr befriedigendes Gefühl, bei meiner Familie auf Fesoan zu sein. Ich habe die Zeit genossen, auch wenn ich gerne etwas länger geblieben wäre.“ Er nickte den anderen zu und setzte sich - natürlich mit dem Rücken zur Fensterfront, so daß er beide Eingänge an den Enden des Besprechungszimmers in seinem Blickfeld hatte.
„Ich habe vorhin gesehen, daß wir nur mit Warp Sieben reisen. Dadurch werden wir volle fünf Tage bis nach Alpha Cygnus benötigen. Hat das eine besondere Bewandtnis?“ fragte der Fähnrich argwöhnisch.
Bevor jemand antworten konnte, öffnete sich die rechte Tür. Alle wandten sich dem Neuan-kömmling zu, einer sehr zierlichen Frau von etwa Leardinis Größe und Alter, die fast mensch-liche Züge trug und nur durch stark ausgeprägte, Cardassianern ähnelnde Schulterpartien, eine zartrosa Haut sowie zwei leichten Wülsten auf der Stirn, welche auf eine Spezies mit vier Hirnlappen schließen ließ, auffiel. Sie hatte flachsblonde lockige Haare und sehr helle graue Augen. Da sie unter der neuen dunklen Standarduniform der Sternenflotte ein blaues Kragenteil der Wissenschaftsoffiziere und Betreuung trug sowie die Abzeichen eines Lieute-nant Commanders, konnte Lennard sie rasch einordnen.
„Willkommen auf der Fairchild. Sie müssen unsere neue Bordärztin sein. Bitte setzen Sie sich doch.“ Mit einer legeren Handbewegung bot er ihr einen der komfortablen Sessel an.
„Vielen Dank. Ich denke, wir warten mit der Vorstellung, bis alle anwesend sind.“ Sie setzte sich mit einem leichten Kopfnicken neben Merven.
„Eine bestechende Logik,“ murmelte Wenjorook leise und gab sich Mühe, nicht in die Rich-tung des Neuankömmlings zu sehen, als sich die Tür bereits wieder öffnete.
„Wuran! Wie geht es Ihnen?“ Leardini wäre vor Freude fast aufgesprungen, als die bajora-nische Wissenschaftsoffizierin eintrat, gefolgt von einem stämmigen, großgewachsenen We-sen, das nur bedingt als Humanoider zu erkennen war. Sein Kopf war am besten als zylinder-förmig zu beschreiben, dessen Schädelplatte mit kleinen pustelförmigen Erhebungen, jedoch nur einem hauchdünnen Haarflaum bedeckt war. Seine Haut war faltig, blaß und von grau-brauner Färbung. Er besaß eine tief heruntergezogene Stirn, eine kleine und knubbelige Nase zwischen grauen Augen sowie einen lippenlosen, breiten Mund, dessen Enden in einem wei-ten Bogen nach unten gezogen waren und ihm einen traurigen oder auch nachdenklichen Ein-druck verliehen. Seine winzigen, weit hinten und oben am Kopf angesetzten Öhrchen mach-ten das jedoch wieder wett.
„Und Sie sind Lieutenant... Nirm, nicht wahr?“ riet Leardini mit einem dünnen Lächeln.
„Das ist korrekt. Ich hoffe, ich werde Ihren Maschinenraum zu Ihrer vollsten Zufriedenheit führen.“ Der neue Chefingenieur machte einen sehr sanften und gutmütigen Eindruck, als er seinen faßförmigen Körper mühselig in einen Sitz neben der neuen Bordärztin hinein-quetschte.
Interessiert fragte Merven: „Sind Sie Lurianer?“
Stolz strich Nirm seine Uniform mit dem gelben Kragen der Technik und Sicherheit sowie den beiden goldenen Pins daran, die ihn als Leutnant auswiesen, glatt. „Ja, in der Tat. Ich freue mich, daß Sie das erkannt haben; es gibt schließlich nur zwei meiner Art in der gesam-ten Sternenflotte. Mich und meinen Bruder, der allerdings... was haben Sie, Lieutenant?“
Nirm hatte angefangen, munter draufloszuplappern und brach jetzt überrascht ab, als er be-merkte, daß Merven ihm gar nicht mehr zuhörte, sondern mit aufgerissenen Augen und offen-em Mund zum Eingang hinter ihm starrte. Sein Erstaunen wuchs noch, als er registrierte, daß der Captain, die Erste Offizierin, Darrn und auch Wuran in etwa dieselbe Reaktion an den Tag legten. Darum wandte er sich um und erblickte das letzte noch fehlende Mitglied des Führungsoffizierskaders.
Sie war etwa Mitte zwanzig, schlank und sehr hochgewachsen, aber äußerst feminin und den-noch zugleich durchtrainiert. In ihrem ebenmäßigen Gesicht mit einem leicht spitz zulaufen-den Kinn und leuchtend grünen, großen Augen spiegelte sich Verlegenheit wider, als sie mit geschmeidigen, kraftvoll wirkenden Bewegungen auf den letzten freien Stuhl am Ende des Tisches zusteuerte. Beim Setzen strich sie sich eine Strähne ihres intensiv, aber eindeutig na-türlich roten schulterlangen Haares aus dem Gesicht und hob eine der geschwungenen, eben-falls rötlichen Augenbrauen. An ihrem blauen Kragen sah man einen goldenen und einen schwarzen Pin, was sie als Junior Lieutenant deklarierte.
„Es tut mir leid, daß ich mich etwas verspätet habe, Sir. Ich konnte nicht ahnen, daß ich...“
„Bitte, kein Grund zur Aufregung, Counselor. Sie mißverstehen unsere Reaktion; es ist nicht tragisch, solange das nicht zur Gewohnheit wird. Wir wollten ohnehin warten, bis alle da sind, bevor wir uns allgemein bekannt machen. Ich schlage vor, wir beginnen nun gleich mit Ihnen.“ Lennard machte eine einladende Handbewegung.
Mit einem leicht unbehaglichen Gefühl begann die junge Frau: „Mein Name ist Shania Dween. Ich habe bis vor kurzem auf der U.S.S. Swansea als Assistentin der Schiffsberaterin gedient und bin für diese Mission zu Ihnen abkommandiert worden. Mein Vater ist diploma-tischer Abgeordneter und war oft auf diversen Schiffen der Sternenflotte und mehreren Kern-welten der Föderation stationiert.“ Sie nickte allen in der Runde höflich zu und wartete auf den Nächsten.
Als die Bordärztin begann, hörte Merven nur noch: „Ich bin Form Endi...“
Er war wie gefesselt von Dween. In diesem Augenblick war er unendlich dankbar für seine Vereinigung, die ihm ein gewisses Maß an Gelassenheit bescherte, sonst hätte er vielleicht befürchten müssen, zu stammeln wie ein dummer Schuljunge, wenn die Reihe an ihm ge-wesen wäre. Als sie bemerkte, daß er sie ansah, senkte sie scheu den Blick und lächelte ver-schämt. Allerhand, das war wirklich holoromanreif, wie sie das machte, dachte Soares. Er konnte seinem Symbionten nur zustimmen.
Dann merkte er plötzlich auf, als die Ärztin gerade sagte: „...und aus diesem Grund pflanzen wir uns seit Jahrhunderten schon nur noch mittels künstlicher Befruchtung fort. Unsere Ge-sellschaft auf Epsilon Iota ist vollkommen homosexuell veranlagt, da eine zwischenge-schlechtliche Verbindung somit biologisch unnötig wurde.“
Darrn verschluckte sich an der eigenen Spucke und bekam einen Hustenanfall. Dadurch muß-te die Hälfte der Anwesenden hart mit der Unterdrückung eines Lachanfalles kämpfen. Was für ein Team, dachte Merven noch, bevor Nirm anfing, in endlos verschachtelten Sätzen und ohne die geringste Pause eine kleine Ewigkeit über sich und seine Herkunft sowie seine bis-herige Sternenflottenlaufbahn zu reden, bis Leardini ihn mit sanfter Gewalt unterbrach.
Kaum war das Procedere des gegenseitigen Vorstellens beendet, da kam Lennard auch schon zur Sache. Er erklärte in groben Zügen die Beschaffenheit des Alpha Cygnus-Systems und entließ seine Offiziere dann.



Merven betrat den Turbolift am nächsten Morgen gemeinsam mit Wuran, die Deck vier als Ziel eingab. Dann schlüpfte unerwartet noch Dween dazu.
„Oh, guten Morgen, äh, Counselor,“ gab Wuran leicht überrascht von sich. „Sie sind aber... schnell, so früh am Morgen.“
„Ich bin noch ein wenig aus der Übung und muß mich erst wieder an die Standardbedin-gungen auf Föderationsschiffen gewöhnen. Tut mir leid.“ Sie lächelte um Verzeihung bittend.
Wurans Gesicht erhellte sich: „Ah, ich verstehe. Ja, es ist sicher eine gewisse Umstellung, da haben Sie recht.“
Merven hatte keine Ahnung, was die beiden meinten. Sein Herz schlug ein paar Takte schnel-ler bei ihrem Anblick und dem Duft ihres frisch gewaschenen Haares, jedoch nur ein paar. Ich danke dir, Soares, dachte er und schmunzelte insgeheim.
<Hast du denn alles vergessen, was dir auf Trill beigebracht wurde? Wenn du noch einmal gedanklich auf diese Weise mit mir kommunizierst, kannst du was erleben. Willst du wegen diesem Frauenzimmer deine Vereinigung, dein Leben riskieren?> Der Soares-Symbiont war sehr zornig auf seinen unerfahrenen Wirt.
Okay, er mußte es sich eingestehen. Sie war aber auch eine Augenweide, wie sie da in ihrer Sternenflottenuniform, die kaum irgendwelche figürlichen Aspekte verbarg, neben ihm stand. Sie war zwar ein paar Zoll größer als er, aber dennoch... Mit Befriedigung stellte er fest, daß ein Teil seiner Gedanken von Soares kam, was ein angenehmes Gefühl für ihn darstellte. Ihm war schon vor der Vereinigung erzählt worden, daß Enian Soares auch noch im hohen Alter schöne Frauen sehr zu schätzen gewußt hatte. Und er mußte sich eingestehen, daß er selten etwas so Bildhübsches zu Gesicht bekommen hatte.
„Counselor.“ Er nickte ihr wohlwollend lächelnd zu, was sie zu seiner Freude auch erwiderte und dann ebenfalls die Hauptbrücke als Ziel angab. Während der kurzen Fahrt bis zu Wurans Ziel sprach niemand mehr etwas, da sich eine leicht gespannte Atmosphäre in der Kabine bil-dete; Wuran schien irgendwie peinlich berührt und sah in eine andere Richtung, was Dween wiederum nicht verborgen blieb. Sie sah betrübt aus, auch ein wenig verdrossen. Merven konnte es keinem der Beiden verübeln.
Dann öffneten sich die Lifttüren und Wuran stieg schnell aus: „Einen ruhigen Dienst noch, Counselor, Lieutenant. Bis später dann.“
Kaum war der Lift wieder in Bewegung, sah sie ihn aus dem Augenwinkel an, als überlege sie etwas. Dann schien sie eine Entscheidung gefällt zu haben, holte tief Luft und sagte be-herrscht: „Computer, Turbolift stoppen.“
Noch bevor Merven etwas sagen konnte, wandte sie sich ihm zu und begann mit dringlicher Stimme: „Lieutenant, ich habe ein Anliegen an Sie.“
„So? Um was geht es?“ Er kam sich vor wie ein Idiot, als er das sagte.
„Es geht um meine Person. Ich habe schon bei meiner Rematerialisierung im Transporter-raum gestern das verblüffte Gesicht des Transporterchiefs bemerkt. Dann das merkwürdige Verhalten der Leute auf den Gängen. Sie tuscheln hinter meinem Rücken über mich, verste-hen Sie? Und dann noch die Szene bei meinem Erscheinen in der Beobachtungslounge. Sie sahen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.“
„Nun, das kommt der Sache schon ziemlich nahe,“ meinte er und fragte dann, um auszu-weichen: „Wieso erzählen Sie das gerade mir?“
„Das will ich Ihnen verraten. Ich habe gestern Abend den Hauptcomputer befragt und mußte feststellen, daß beinahe einhundert Besatzungsmitglieder meine Personaldatei aufgerufen ha-ben, die meisten davon haben außerdem zusätzliche Bilddateien von mir abgerufen. Ich konn-te mir das nicht erklären. Also habe ich nach Querverweisen gesucht und auch einen offen-sichtlichen gefunden: alle bis auf zwei waren auf der letzten Fairchild stationiert. Danach habe ich eine Gegenprobe gestartet und daraus ersehen, daß nur zwei Personen, die auf unser-em Vorgängerschiff Dienst getan haben, meine Datei gestern nicht abgerufen haben: der Cap-tain und...Sie.“ Sie verschränkte die Arme unter der Brust, was Mervens Blick kurz anzog, bis ihm bewußt wurde, daß sie das merken mußte. Peinlich berührt sah er wieder nach oben in ihr Gesicht. Sie wartete auf eine Antwort.
Ausweichend erklärte er: „Es gibt für all das eine ganz einfache Erklärung, wirklich. Gewis-sermaßen haben wir wirklich einen Geist gesehen, denn Sie sehen Jemandem sehr ähnlich... nun, Sie sind gewissermaßen ihre Doppelgängerin... hören Sie, ich möchte mich nicht weiter dazu äußern, es ist mir sehr unangenehm... verstehen Sie das bitte nicht falsch, Sie selbst sind mir ganz und gar nicht unangenehm, im Gegenteil... ich sage besser nichts mehr.“
Ihre Miene hatte einen fragenden Ausdruck angenommen, hellte sich dann jedoch wieder auf. „Ich bin froh, daß Sie das sagen. Die anderen sind mir bislang stets ausgewichen, von Ihnen jedoch habe ich wenigstens einen Anhaltspunkt bekommen für das ungewöhnliche Verhalten der Crew mir gegenüber. Aber eine Frage bleibt noch.“
„Und die wäre?“ wollte er erleichtert wissen.
„Warum haben gerade Sie meine Datei nicht aufgerufen?“
Er mußte schlucken, dann holte er tief Atem. „Ich möchte ganz ehrlich zu Ihnen sein, Mrs. Dween. Es wäre mir unfair vorgekommen, nur wegen dieser äußerlichen Ähnlichkeit in Ihrer Akte herumzuschnüffeln, auch wenn offiziell nichts dagegen spräche. Wenn ich Informatio-nen über Sie wollte, dann würde ich Sie lieber persönlich fragen; Sie könnten mir dann über sich erzählen, was Sie selbst wollen.“
„Wissen Sie was? Das ist das Netteste, was ich hier an Bord bisher zu hören bekommen habe. Wir sollten uns vielleicht wirklich einmal außerdienstlich unterhalten.“ Dween bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln.
„Nichts lieber als das. Jetzt sollten wir aber weiterfahren.“ Er zeigte auf das Positionsdia-gramm der Liftkabine, das sich praktisch mit der Brücke deckte. Sie mußten nur wenige Meter vom Eingang der Hauptbrücke entfernt gehalten haben.
„Oh! Natürlich. Computer, weiterfahren.“ Erst jetzt wurde ihr bewußt, daß sie den Turbolift etwas über Gebühr aufgehalten hatte.
Nur Sekundenbruchteile darauf öffneten sich die Lifttüren und gaben den Blick frei auf einen ungeduldig wartenden Lennard.
„Mr. Soares, bereits am zweiten Tag halten Sie den Lift an, allein mit unserer entzückenden Counselor? Reißt das jetzt wieder ein?“
Verdutzt ruckte Dweens Kopf herum zu ihm, während Merven feuerrot wurde. „Der.. der Captain macht nur einen Scherz. Er hat einen ganz eigenen Sinn für Humor. Verzeihen Sie, Sir... ich... ich werde mich jetzt durch die nächste Luftschleuse ins All blasen.“
Eilig drückte er sich an seinem Kommandanten vorbei. Lennard sah ihm überrascht nach und begriff dann, als er den verstörten, enttäuschten Ausdruck auf dem Gesicht der Schiffsberate-rin sah. „Oh, ich habe wirklich nur einen Scherz gemacht. Aber das mit der Luftschleuse war auch nicht schlecht, finden Sie nicht auch?“
„Ja, Sir. Sehr passend, um seine Gefühlsregung zu veranschaulichen. Er drückte damit scherz-haft seinen intensiven Wunsch aus, die extreme Peinlichkeit der Situation zu beenden, indem er seine Existenz selbst beenden wollte, auch wenn es nur ironisch gemeint war. Tatsächlich sehe ich keine Suizidgefahr bei ihm,“ erklärte Dween sachlich und mit nun unbewegter Mie-ne.
Staunend erwiderte Lennard: „Eine exzellente Analyse, Counselor. Ich glaube, wir werden gut zusammenarbeiten. Wenn ich jetzt endlich dürfte...“
„Oh, selbstverständlich, Sir. Übrigens war ich es, die den Lift blockiert hatte. Ich wollte ihn nur etwas Allgemeines über den... den Dienstablauf fragen, was mir in öffentlicher Umge-bung unangebracht gewesen wäre.“ Rasch räumte sie die Kabine, um den Captain nicht noch weiter aufzuhalten.
Merven saß schon längst an der Conn und war in seinen Anzeigen vertieft, als sie auf ihrem Stuhl Platz nahm. Die Erste Offizierin auf dem Kommandantensessel nahm ihre Ankunft mit einem neutralen, höflichen Kopfnicken und einem kurzen Gruß zur Kenntnis.
Natürlich konnte Dween nicht wissen, daß Lennard ihre Datei nicht aufgerufen hatte, weil er Leardini über die Schulter gesehen hatte, als diese es getan hatte. Keine zehn Pferde hätten ihn unter anderen Umständen davon abhalten können. Verstohlen musterte sie ihr neues Crewmitglied. Daran würde sie sich erst noch gewöhnen müssen; zu frappierend war die Ähnlichkeit.



Am frühen Nachmittag, kurz vor Ende der Alpha-Schicht, saß Lennard in seinem Sessel, die meisten seiner ‘Senioroffiziere’ waren auch im Dienst, als Darrn meldete: „Captain, wir emp-fangen eine Subraumbotschaft vom Sternenflotten-Hauptquartier. Sie ist von Admiral Paris und nicht an uns direkt gerichtet. Offenbar eine allgemein gehaltene Nachricht.“
„In diesem Falle können Sie sie auch auf den Hauptschirm legen,“ verfügte Lennard, worauf es augenblicklich still auf der Brücke wurde.
Der holographische Bildschirm baute sich ein paar Handbreit vor der Vorderwand auf und zeigte den Admiral im Hauptquartier. Sein Gesicht war eingefallen vor Gram, seit sein Sohn an Bord der Voyager in den Badlands vermißt wurde, wie Lennard wußte.
Er begann von einem PADD abzulesen: „An die Kommandanten der Schiffe, die den Verband um die Starbase 72 gebildet haben. Ich muß Ihnen leider mitteilen, daß die gesamte Sternen-flotte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden ist. Wir haben beunruhigende Truppen-bewegungen des Dominion registriert, weshalb nun beschlossen wurde, sämtliche Schiffe, welche zur Zeit Umbauten, Reparaturen oder Wartungsarbeiten unterliegen, so schnell wie möglich einsatzbereit zu machen und mit einer Rumpfmannschaft zu bemannen, so daß wir alles verfügbare Material im Einsatz haben.
Ich habe vor einer Stunde den Befehl an Captain Benjamin Sisko gegeben, den Eingang zum Bajoranischen Wurmloch zu verminen. Wir wissen nicht definitiv, welche Reaktion das bei der Gegenpartei heraufbeschwören wird, deshalb bitten wir alle, die entlang der cardassian-ischen Grenze eingesetzt sind, die Augen offen zu halten. Dessen ungeachtet möchten wir alle bitten, ihre zugewiesenen Aufträge weiterzuführen wie bisher. Wir dürfen uns nach außen hin nichts anmerken lassen. Aber wie sagte einst ein weiser Mann: hoffet das Beste, aber rechnet mit dem Schlimmsten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute. Paris Ende.“
„Ich würde gerne wissen, wer diesen weisen Spruch verfaßt hat,“ grummelte Lennard und wandte sich dann an Leardini: „Was meinen Sie dazu, Numero Uno?“
„Es hat für mich den Anschein, als würde das Oberkommando mit dem Schlimmsten rech-nen. Alles was ich weiß, ist: wenn wirklich ein Konflikt ausbrechen wird, werden wir wahr-scheinlich gerade auf unserer Kartographierungsmission sein... so wie immer.“
Lennard nickte und drehte sich dann in die andere Richtung. „Ihre Meinung, Counselor?“
Merven spitzte von der Conn aus die Ohren, als Dween verlauten ließ: „Die Gefahr eines An-griffes des Dominions war noch nie so groß wie jetzt. Sie haben durch die Einverleibung des Cardassianischen Reiches gerade erst Fuß gefaßt im Alpha-Quadranten und stehen mit ihrer Einschüchterungstaktik kurz davor, noch weitere Machtblöcke dazu zu bewegen, sich ihnen anzuschließen. Wenn wir jetzt das Wurmloch verminen, schneiden wir ihnen den Hauptver-sorgungsweg ab, wodurch sie keine Truppen und kein Kriegsmaterial mehr heranschaffen können. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß sie einfach ruhig dabei zu-sehen werden. An der Stelle der Sternenflotte würde ich schnellstens einen Kampfverband nach DS9 zum Schutz der Station verlegen.“
„Ja, wenn wir die Ressourcen dafür haben. Ansonsten wird es ein Spiel mit dem Feuer für Sisko werden. Sie besitzen ein außergewöhnliches Verständnis für taktische Angelegenheiten, Mrs. Dween,“ lobte Lennard sie.
„Danke, Sir.“ Die junge Schiffsberaterin errötete leicht.



Am Ende der Alpha-Schicht richtete Merven es so ein, daß er in den gleichen Turbolift wie Dween stieg. Er fiel gleich mit der Tür ins Haus und fragte: „Counselor, hätten Sie eventuell ein paar Minuten Zeit?“
„Zu welchem Zweck, Lieutenant?“ fragte sie überrascht.
„Ich dachte, wir könnten vielleicht gemeinsam in der Messe etwas essen. Sind Sie nicht hungrig?“ setzte er soufflierend nach.
„Doch, das bin ich durchaus. Ich möchte nur nicht unbedingt in der Messe speisen, wenn Ihn-en das nichts ausmacht. Momentan fühle ich mich wie ein bunter Hund, wie man so schön sagt, da würde es mir nicht allzuviel Spaß machen, wenn Dutzende von Augenpaaren jeden meiner Bissen vom Teller in den Mund verfolgen würden.“
„Ja, das kann ich nachvollziehen,“ meinte Merven ernüchtert und kratzte sich verlegen in seinen hellbraunen, kurzen Haaren. Daran hatte er gar nicht gedacht.
„Wie würden Sie es finden, wenn wir statt dessen in einer idyllischen Simulation auf dem Ho-lodeck picknicken würden? Ich weiß, das ist etwas ungewöhnlich...“
Begeistert unterbrach er: „Nein, es klingt phantastisch! Warum komme ich bloß nie auf so etwas? ...Und, haben Sie etwas Bestimmtes im Auge?“
„Ja, aber das ist eine Überraschung. Ich schlage vor, Sie überlassen mir alles Weitere und treffen sich in zwanzig Minuten vor Holodeck zwei mit mir. Zwanglose Kleidung. Gibt es etwas, was ich bei der Auswahl des Essens beachten sollte?“ wollte sie fröhlich wissen.
Er überlegte kurz. „Bitte kein Qagh oder ähnliche klingonische Lebendwurmspeisen, das ist meinem Symbionten zuwider. Ansonsten haben Sie freie Hand.“
„Wunderbar. Bis später also,“ rief sie, als die Turbolifttüren sich öffneten und sie auf eines der Decks mit Quartieren entließ. Er sah sich einen Moment lang verblüfft um, zögerte und folgte ihr dann heraus auf den Gang und in einigem Abstand.
Nach etwa zwanzig Metern drehte sie sich erstaunt um und wollte argwöhnisch wissen: „Was hat das zu bedeuten?“
Etwas verlegen antwortete er: „Nichts. Warum fragen Sie?“
„Folgen Sie mir etwa?“ setzte Dween mit in die Hüften gestützten Händen nach.
„Durchaus nicht. Ich habe mein Quartier hier. Sehen Sie doch!“ Er ging schnell zur übernäch-sten Tür an der außenwärtigen Seite des Schiffes und öffnete sie.
„Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich mir da eingebildet habe. Wie kann ich es wieder gut-machen?“ Sie schüttelte wütend über sich selbst den Kopf.
„Machen Sie uns einen leckeren Lunch. Ich habe einen... Bärenhunger, ist das korrekt?“
„Woher soll ich das wissen? Ich kenne höchstens zwei oder drei irdische Sprichworte, die ich auf der Akademie aufgeschnappt habe. Also, wir sehen uns.“ Und damit drehte sie sich um und betrat das Quartier schräg gegenüber von ihm.
Interessant, dachte er, sie war also keine Terranerin, obwohl sie wie eine aussah, wenn auch wie ein äußerst gelungenes Exemplar, wie er fand.



Merven, in eine bequeme Leinenhose und ein dazu passendes, luftiges Hemd gekleidet, bog gerade in die Nische ein, in der der Eingang des Holodecks lag, als sie die Initialisierung des Programmes abgeschlossen hatte. Sie wandte sich ihm zu und nahm den Bastkorb auf, den sie dabeihatte. Nüchtern bemerkte sie: „Sie sind pünktlich erschienen, Lieutenant Soares, wir können beginnen. Computer, Eingang öffnen.“
„Ach bitte, nennen Sie mich doch Merven. Wir müssen uns in unserer Freizeit wirklich nicht so förmlich anreden,“ antwortete er, als sich die zweiteiligen Portalhälften leise zischend aus-einanderschoben.
„Dann ist es wohl zweckmäßiger, wenn Sie mich ebenfalls mit meinem Vornamen anreden. Ich heiße Shania.“
Sie war bereits durch die Tür getreten, bevor er erstaunt stammeln konnte: „Das ist aber ein...“
Verwundert folgte er ihr ins Innere der holographischen Simulationskammer. „...schöner Name.“
Nachdenklich nahm er die Landschaft um sich herum auf: ein grasbewachsenes Hügelland, Büsche, vereinzelt stehende Bäume, ein dunkler, stiller Laubwald im Hintergrund und viele verschiedenfarbige Blumen über die kurzen, saftigen Wiesen verteilt. Es war wirklich eine Idylle wie aus dem Bilderbuch, da hatte die Counselor nicht zuviel versprochen.
Aus ihrem Verhalten jedoch wurde er nicht schlau: manchmal gefühllos und sachlich, im nächsten Augenblick wieder warmherzig und offen. Sie sagte jetzt gerade: „Computer, Woll-decke projizieren, Farbe dunkelbraun, Größe 18 mal 24 Dezimeter.“
Nach einem akustischen Bestätigen bildete sich die angeforderte Decke vor ihnen, schwebte jedoch etwa einen Meter über dem Boden ruhig in der Luft. Dween sah über die Schulter und bemerkte Mervens Grinsen.
„Die alte irdische Sage mit dem fliegenden Teppich kennen Sie aber schon, oder?“ Er be-trachtete ihr langes rotes Sommerkleid mit weißen Pünktchen darauf, als sie sich umwandte und die Decke an zwei Ecken ergriff. Sie schüttelte sie kurz und ließ sie dann auf einer annä-hernd ebenen Stelle zu Boden gleiten.
„Ich weiß, das ist ein kleiner Ausrutscher von mir; ich habe diese Anwendung aus einem Kampftrainingsprogramm übernommen, mit der man verschiedene Waffen auf Anforderung vor sich in Griffhöhe materialisieren läßt, um sie augenblicklich zur Hand zu haben. Meine anderen Programme funktionieren besser, glauben Sie mir.“ Bedächtig ergriff sie den Korb und ließ sich dann auf die Knie herab.
Er tat es ihr nach und wollte neugierig wissen: „Ihre anderen Programme? Jetzt sagen Sie bloß noch, daß auch Sie das Entwickeln von Holodeckprogrammen zu ihrem Hobby gemacht haben?“
Sachlich antwortete sie beim Auspacken von Tellern und Gläsern: „Genau das. Auch wenn meinen Schöpfungen gelegentlich noch der letzte Feinschliff fehlt, wie Sie eben gesehen haben. Und Sie?“
Grinsend meinte er: „Gauben Sie etwa, daß der Captain mich nur wegen meiner Fähigkeiten als Conn auf sein Schiff geholt hat? Nein, im Ernst, ich habe mich in den letzten paar Mona-ten nicht mehr ganz so intensiv damit beschäftigt, weil es natürlich viel anderes zu tun gab, aber seit meiner Zeit auf der Akademie habe ich mich doch zu einem regelrechten Crack ent-wickelt und habe noch alle meine Programme vom allerersten an. Nicht ohne Stolz kann ich behaupten, daß beinahe ein Viertel aller Simulationen in unserem Speicher von mir stammen oder zumindest erheblich aufgewertet wurden.“
„Ich freue mich schon darauf, einige von ihnen kennenzulernen“, erwiderte sie und brachte mit kokettem Augenaufschlag ihre Mahlzeit zum Vorschein: eine eridianische Pastete, warme Moff-Geflügelteile und als Dessert Tula-Beeren mit braunem Rohrzucker. Dazu hatte sie einen exotischen Fruchtsaft mitgebracht.
„Das sieht hervorragend aus,“ lobte er und setzte dann ganz unbefangen nach: „Shania, Sie erwähnten, daß Sie nicht von der Erde abstammen, sind aber zweifellos terranisch-humanoid. Kommen Sie vielleicht von Catulla, Merak II oder sogar von Alpha Centauri VII?“
Sie schenkte ihm Saft in sein Glas, schnitt die köstlich duftende Pastete an und sah mit be-wegungsloser Miene auf. „Letzteres. Ich stamme jedoch nur zur Hälfte von Al Rijil, wie wir unsere Heimat nennen.“
Als sie den fragenden Ausdruck auf seinem Gesicht sah, mußte sie plötzlich lachen. „Ich sehe schon, Sie kommen von selbst nicht darauf. Ich muß für Sie ein Rätsel sein, nicht wahr? Sehr groß für eine Frau, von ziemlich kräftiger Statur und mit einem seltsamen Verhalten, das ständig hin- und herwechselt. Glauben Sie mir, für mich ist mein Erbe auch nicht immer leicht, aber ich versuche, das Beste daraus zu machen.
Im Grunde ist es ein wenig unfair: Sie sind schließlich sofort an ihren Flecken als Trill zu identifizieren, auch wenn man nur am Namen erkennt, daß Sie vereinigt sind. Nun, ich werde Ihnen einen kleinen Tip geben.“
Und mit diesen Worten schob sie ihre Haare an der Seite ein wenig nach hinten, worauf ein elfengleiches, spitz zulaufendes Ohr zum Vorschein kam.
Merven keuchte auf: „Das ist es! Jetzt verstehe ich so einiges: Sie sind zur Hälfte vulcanisch! Aber...?“
„Das ist etwas ungewöhnlich: bei mir ist der Vater Alpha-Centaure und die Mutter Vulcan-ierin. Er hat sie auf einer seiner diplomatischen Missionen auf Vulcan kennengelernt und... nun, es erschien ihr logisch. Von den Veranlagungen her dominiert allerdings meine mensch-liche Seite, das heißt, ich habe bis auf meine Größe und die Ohren eine weitgehend huma-noide Physiologie. Mein Herz schlägt in der Brust und nicht an der Stelle der Leber... sagen Sie, können Sie mit ihrem Blick etwa meinen Brustkorb röntgen, um das zu bestätigen?“
Verschämt senkte er den Blick. „Tut mir leid, ich... erzählen Sie doch weiter, das ist faszi-nierend.“
„Gut. Ich bin einen Großteil meines bisherigen Lebens auf Vulcan aufgewachsen, wenn mein Vater nicht auf eine Mission für die Sternenflotte mußte. Auf Föderationsschiffen habe ich folglich den restlichen Teil verbracht; für mich war schon immer klar, daß ich zur Sternen-flotte gehen würde. Ich wurde zwar auf dem Weg der Logik erzogen, habe mich ihr aber nicht mit Leib und Seele verschrieben, was meine Mutter wohl inzwischen schweren Herzens ak-zeptiert hat. Sie sagt manchmal, daß mein Blut zwar auf Eisen basiert, aber meine Haare dafür aus reinem Kupfer zu sein scheinen.“
„Da hat sie wohl recht. Und Ihre Augen erst...“ Merven geriet ins Schwärmen.
Sie überging das und reichte ihm noch ein Geflügelteil. „Und was ist mit Ihnen? Erzählen Sie doch einmal etwas über sich.“
„Natürlich. Wie unhöflich von mir. Nun, ich bin auf Trill aufgewachsen und sehr früh zur Akademie gegangen, so daß ich schon auf mehreren Schiffen Dienst getan habe. Vereinigt worden bin ich allerdings erst vor einigen Monaten, was natürlich einen Wendepunkt in mei-nem Leben darstellt. Außerdem habe ich einen großen Einfluß auf die Weiterentwicklung des Soares-Symbionten, da ich erst sein zweiter Wirt bin. Ich habe nun die Lebenserfahrung von 156 Jahren, auch wenn einhundertdreißig davon nicht meine eigenen sind. Es wird bestimmt noch ein wenig dauern, bevor ich sie mir völlig zu Eigen gemacht habe, aber es ist ein er-füllendes Gefühl.“
„Unvorstellbar! Das heißt, daß alle Ihre Erinnerungen immer weitervermittelt werden und so viele Jahrhunderte überdauern können?“ Sie mußte schmunzeln. „Und ich werde einen klei-nen Teil dieser Ewigkeit in Ihren Erinnerungen einnehmen.“
Verwegen erwiderte er: „Wie klein oder groß dieser Teil sein wird, liegt bei Ihnen.“
„Nur nicht so schnell,“ entgegnete sie keck und tätschelte seine Hand leicht.
Er sah ein, daß er wirklich etwas übereilig vorgeprescht war und ließ nun seinen Blick herum-schweifen. Am Himmel spendete eine große rote Sonne warmes Licht, außerdem waren tief am rosavioletten Himmel zwei fahle Monde sichtbar, ein dritter gerade aufgegangen. Er sah Dween an.
„Shania, wo sind wir hier eigentlich? Es kommt mir beinahe vor wie...“ Als er das sagte, fiel ein Schatten auf ihn, so daß er wieder aufsah.
Wenige Meter neben ihm landete ein Drache auf der Wiese.
„Aaaah!“ Merven fuhr auf wie von der Tarantel gestochen, worauf das etwa zehn Meter hohe echsenartige Tier mit fledermausartigen, lederbespannten Flügeln, kleinen Vordergliedmaß-en und einem langen Schwanz seinen Kopf wandte und ihn aus großen, sanften Augen an-starrte. Dann ließ er ihn einfach links liegen und rupfte aus einem nahen Baum Zweige aus, die er wie eine Kuh wiederkäute. Seine Schuppen glänzten in der Sonne, als sei Öl darüber-gegossen worden.
Dween kicherte. „Das ist ein berengarianischer Drache, Merven. Es ist ein reiner Pflanzen-fresser und absolut friedliebend.“
„Dann sind wir also auf Berengaria VII. Ein wirklich schöner Ort. Wie kommt es, daß diese Tiere mit so kleinen, kümmerlichen Stummeln flugfähig sind?“
„Die Flügel dienen eigentlich nur zum Steuern. Die Drachen setzen in ihren Körpern aus Wasser den Wasserstoff frei und pumpen diesen in Säcke in ihrem Bauch und Schwanz. Da-durch werden sie leichter als Luft und können fliegen. Dasselbe Prinzip wie Schwimmblasen eines Fisches. Und den...“ Sie unterbrach sich, als die Kreatur sich plötzlich aufbäumte.
Dann spie sie eine grelle, lodernde Flamme nach oben aus.
Merven landete vor Schreck auf dem Hintern, nur knapp neben der Pastete.
„Und den überflüssigen Wasserstoff stoßen sie gelegentlich aus, wobei er sich an der Luft elektrochemisch entzündet. Das wollte ich gerade noch anmerken.“ Sie grinste über beide Ohren, während der Drache mit einer eleganten Bewegung wieder abhob und durch die Lüfte davonglitt.
„Ihnen macht es wohl Spaß, ahnungslose Leute zu erschrecken?“ wollte er leicht verärgert wissen.
Sie nickte eifrig und sagte unverschämt: „Ja, einen Riesenspaß sogar.“
„Da bin ich ja an Jemanden geraten. Könnten Sie mir wohl die Beeren herüberreichen?“
Erstaunt tat sie es und meinte: „Bemerkenswert, wie gelassen Sie diesen Schreck weggesteckt haben. Das hier sind übrigens Tula-Beeren.“
„Das ist mir bekannt. Ich habe sie nur noch nie versucht, den Wein daraus dagegen schon. Und es braucht sicher etwas mehr, um einen alten Mann wie mich zu erschrecken.“ Genüß-lich streute er ein wenig des Rohrzuckers über seine Portion.
Sie meinte beeindruckt: „Das war mir entfallen. Was braucht es denn, um Sie zu er-schrecken?“
„Das finden wir wohl besser ein andermal heraus. Allerdings liegt die Wahl des Programmes bei unserem nächsten Holodeckbesuch erst einmal bei mir, bevor Sie Ihre nächste Chance er-halten werden. Was meinen Sie dazu?“ Erwartungsvoll sah er tief in ihre grünen Augen.
„Das könnte interessant werden. Ich denke, wir werden viel Spaß miteinander haben.“ Sie er-hob ihr Glas, wie sie es in der Akademie in San Francisco immer getan hatten, und stießen an.



Sie hatten ihre Geschwindigkeit gleich nach der Bekanntgabe des Flottenhauptquartiers auf Warp Neun erhöht, weshalb sie einen Tag früher im Alpha Cygnus-System ankommen wür-den, aber außer einem Routineanflug des bewohnten Planeten in diesem System, Alpha Cyg-nus IX, keine längere Verweilzeit eingeplant hatten. Wenn es nach Lennard gegangen wäre, hätten Sie das System ausgelassen und wären direkt nach Tiragoni geflogen, um direkt an der Grenze des Föderationsraumes ‘Flagge zu zeigen’, wie er sich in einer Diskussion mit Lear-dini auf der Brücke ausgedrückt hatte.
Lennard wachte früh am nächsten Morgen auf, als sein Türsignal ertönte. Auf seine Auf-forderung hin trat Leardini ein. Er sagte: „Guten Morgen, Schatz. Wie war die Gamma-Schicht?“
„Als sie keine Antwort gab, stutzte er. „Was ist?“
„Ich dachte, ich gebe es dir erst jetzt; es ist heute nacht angekommen.“ Mit versteinerter Miene reichte sie ihm einen PADD. „Die Meldungen dieser Woche.“
Er überflog die Namen der Schiffe und Personen und grunzte ab und zu, wenn er einen be-kannten Namen entdeckte. Es wurde jede Woche schlimmer: immer mehr Schiffe und Leute gingen in kleineren Auseinandersetzungen verloren oder wurden vermißt. Dann keuchte er auf.
„Ich wußte, das würde dich interessieren.“ Leardini setzte sich auf seine Bettkante und legte einen Arm um seinen Hals.
„Die Tian An Men. Und ich habe Orloff noch verspottet. Jetzt wird ihr Schiff an der cardas-sianischen Grenze vermißt.“ Er senkte den Kopf.
„Das hast du doch nicht ahnen können. Außerdem wissen wir nicht genau, was geschehen ist. Mach dir keine Vorwürfe.“
„Du hast ja recht. Wir durchleben momentan eine Zeit der Extreme, da kann man schon mal die Fassung verlieren. Mein Unterbewußtsein spielt mir momentan auch Streiche. Weißt du, was ich heute Nacht geträumt habe? Das errätst du nie... und bereits zum zweiten Mal!“
„Mach’s nicht so spannend.“ Sie musterte sein verklärtes Gesicht, als er erzählte.
„Ich habe einem Aborigine dabei zugesehen, wie er ein Didgeridoo hergestellt hat. Das ist ein Musikinstrument der australischen Ureinwohner, das im wesentlichen aus einem hohlen Stück Baumstamm besteht. Ich habe vor einiger Zeit schon einmal so einen Traum gehabt, bei dem ich ihm zugesehen habe, wie er den Baum für das Instrument gefällt hat. Und er hat mich wahrgenommen und mit mir geredet im Traum,“ berichtete er.
„Interessant. Willst du vielleicht mit der Counselor darüber reden?“
„Ich glaube nicht. Es ist ja nichts, das mir Sorgen machen sollte.“ Zweifelnd sah er sie an. „Oder?“
Sie mußte den Kopf schütteln und lachen.



Am Abend vor dem Eintritt ins AC-System erlaubte Mervens und Dweens Dienstplan erst-mals wieder eine gemeinsame Session auf dem Holodeck, wobei Merven ihr empfohlen hatte, Trainingskleidung anzulegen, in der sie sich frei bewegen konnte.
Er war einige Minuten früher bereit und überquerte deshalb den Gang, um nach Dween zu schauen. Auf seine Anmeldung an der Tür hin öffnete sich diese und aus dem Hintergrund er-klang ihre Stimme: „Sind Sie es, Merven?“
„Ja, ich wollte Sie abholen.“
„Ich bin in einer Sekunde fertig. Kommen Sie rein, aber seien Sie vorsichtig.“ Sie befand sich offenbar in einem Seitenarm ihres Quartiers beim Ankleiden.
„Wieso? Halten Sie sich einen ausgewachsenen vulcanischen Sehlat als Haustier?“ Er wußte um die Gefährlichkeit dieser auf Vulcan heimischen Tierart, die wie ein großer Teddybär aus-sah, allerdings mit fünfzehn Zentimeter langen Klauen und rasiermesserscharfen Reißzähnen bewehrt war. Er sah sich vorsichtig um und machte einen Schritt nach vorne.
Dann fiel er um wie ein gefällter Baum. Er sah den Fußboden auf sich zukommen, begriff nichts mehr und wurde dann von Dunkelheit umhüllt.
Als nächstes sah er die besorgten Gesichter von Dween, Leardini und der Bordärztin Endi im Kreis angeordnet über sich. Die letzten beiden richteten sich wieder auf, als sie registrierten, daß er das Bewußtsein wiedererlangt hatte, doch Dween blieb in seinem Gesichtsfeld. Ihre Miene war schulderfüllt und ihre grünen Augen schimmerten sogar ein wenig feucht.
„Oh, Merven, es tut mir so leid, ich hätte Sie früher warnen müssen,“ begann sie.
„Sie haben einen schönen Fußboden, Shania. Ich weiß Holzparkett wirklich zu schätzen.“ Merven richtete sich auf dem Medo-Bett auf und nahm erst jetzt richtig wahr, daß er sich auf der Krankenstation befand. „Wie komme ich hierher? Und was tun Sie hier, Commander?“
„Sie wurden von der Counselor hergetragen. Und ich bin nur hier, um mir meinen Conn anzu-sehen, der die Geistesgegenwart besaß, sich von doppelter Erdschwerkraft k.o.-schlagen zu lassen,“ entgegnete die Gefragte gereizt und rieb sich ihren Hals.
„1,93 g, um präzise zu sein. Die Schwerkraftverhältnisse auf Vulcan sind nicht jedermanns Sache, das ist mir bewußt,“ gestand Dween ein.
„Und in Wahrheit ist unsere Numero Uno hier, um sich ihre dringend überfälligen Impfungen verabreichen zu lassen, um die sie sich bisher drücken konnte, weil sie ein enger Freund des früheren Bordarztes war,“ verkündete Endi und hob einen Hypospray-Injektor hoch.
„Ich hasse diese Dinger,“ murrte Leardini.
„Nichts für ungut, Mrs. Leardini. Und nennen Sie mich doch bitte Form.“ Mit einem koketten Augenaufschlag strich ihr die Ärztin über die Schulter.
Worauf Leardini fluchtartig die Krankenstation verließ. Dween und Merven grinsten sich an; offenbar war die Tatsache, daß die Erste Offizierin bereits vergeben war, noch nicht zu ihr vorgedrungen.
„Was ist mit mir, Doc? Kann ich gehen?“ Voller Tatendrang schwang der Trill seine Beine über die Bettkante.
Mit leichtem Unmut in der Stimme antwortete die Bordärztin: „Nun, ich habe Sie durchge-checkt und keine ernsteren Verletzungen gefunden. Sie sind wieder voll diensttauglich.“
„Wunderbar. Dann wollen wir mal,“ wandte er sich an Dween.
Auf dem Weg zum nächsten Turbolift meinte er: „Die Arme tut mir fast schon leid. Jemand sollte sie aufklären, bevor sie ein Fall für die Schiffsberaterin wird.“
„Ich werde es ihr nicht sagen, aber behandeln werde ich sie schon, sollte es nötig werden.“ Dween mußte schmunzeln.
„Danke für die Hilfeleistung,“ sagte er dann, als sie vor der Lifttür warteten. „Mußten Sie mich beatmen?“
„Sie werden immer unverschämter, Merven. Das ist wohl der schlechte Einfluß des guten alten Soares?“
„In der Tat, unsere Verbindung wird immer komplexer,“ bestätigte Merven frech grinsend.
„Irgend jemand sollte ihm das austreiben, auch wenn es nicht auf diese Art wie in meinem Quartier vorhin geschehen sollte. Ich bin froh, daß Ihnen nichts passiert ist.“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm und drückte ihn sanft.
„Ihre Anteilnahme ist wie Balsam für mich. Aber eines würde mich doch interessieren: Sie leben wirklich unter diesen extremen Schwerkraftverhältnissen?“
„Genau wie auf dem Vulcan. In vielen älteren Schiffen mußten wir die letzten Reserven aus den Umweltsystemen herausleiern, um wenigstens eine annähernd starke Gravitation zu er-halten. Es war nicht immer leicht.“ Sie seufzte beim Gedanken daran, als der Lift endlich an-kam und sie einstiegen.
„Holodeck eins. Jetzt wird mir auch allmählich klar, warum Sie eine so atemberaubende Figur haben; diese ständige hohe Gravitation ist selbstverständlich effektiver als das beste Trainingprogramm.“ Wieder einmal musterte er sie bewundernd.
„Danke für das Kompliment. Es ist aber auch teilweise Veranlagung, wobei ich auch in die-sem Punkt meinem Vater nachkomme. Auf dem Vulcan sagt man ‘Sehlat’ zu ihm.“ Ihre Wangen erröteten leicht vor Freude, als sie ihn das hatte sagen hören, was eine ganz und gar unvulcanische Reaktion war.
„Gut, dann wollen wir uns von dem kleinen Zwischenfall eben nicht den Abend verderben lassen. Ich denke, heute komme ich auch auf meine Kosten.“ Er grinste diabolisch vor Freude über das Programm, das er speziell für sie noch ein wenig verfeinert hatte. Von dem Schrecken würde sie sich dann wohl etwas länger erholen müssen.



Sie betraten eine düstere Szenerie. Es war inmitten einer fremdartig wirkenden Stadt, breite Straßen, in denen Schutt und Dreck in einer dicken Schicht lag, große Gebäude mit spitz zu-laufenden Ecktürmen und ein düsterer, wolkenverhangener Himmel, der förmlich zu brennen schien.
„Was ist das für ein Programm?“ wollte Dween wissen und sah sich mit unbehaglichem Gefühl um.
„Das Szenarium heißt ‘Endzeit Qo’nos VI B’, nur für den Fall, daß Sie es für sich privat ein-mal durchspielen lassen wollen.“
„Das bezweifle ich. Bringen Sie mich auf den neuesten Stand?“ Sie lugte vorsichtig um eine Hausecke und versuchte sich zu orientieren.
„Wir befinden uns auf der Klingonischen Heimatwelt, etwa zehn Jahre nach der Explosion deren Mondes Praxis, welche das Ozon des Planeten geschädigt hat. In dieser Version der Ge-schichte haben sich die Elemente in der Föderation durchgesetzt, die den Klingonen jedwede Hilfe verweigerten und sich einfach zurücklehnten, um gemütlich dem Tod seines Erzfeindes tatenlos zuzusehen. Es gab keine Verhandlungen auf Khitomer, Kanzler Gorkon hat sein Volk durch seine gemäßigte Politik gespalten und einen gewaltigen Bürgerkrieg um die letzten Ressourcen dieser Welt heraufbeschworen. Die biologische Kriegsführung ist außer Kontrol-le geraten, so daß ein Protoplasma-Virus der Stufe IV in die Atmosphäre freigesetzt wurde, welches die klingonische DNA zurückentwickelt. Im Klartext heißt das: es gibt kein - beson-ders - intelligentes Leben mehr hier, dafür aber das, was sich einmal, zig Jahrtausende später zum Klingonen entwickeln würde. Und diese hochinteressante Spezies läuft nun durch die Ruinen des einstigen Reiches. Ich bin gespannt, wie Ihnen das gefällt.“
Dween zog eine Augenbraue hoch. „Daß Sie sich auch für Schundliteratur der übelsten Sorte erwärmen, enttäuscht mich.“
„Sie ahnen gar nicht, wie übel,“ entgegnete er grinsend. „Es ist so eine Art Nachfahre der pri-mitiven terranischen Jump’n’Run-Spiele des ausgehenden 20. Jahrhunderts.“
„Das sagt mir nichts,“ meinte sie und lauschte dann einem langgezogenen, entfernten Brüllen wie von einem wilden Tier. „Was... was war das?“
„Ach, das hatte ich gar nicht erwähnt. Diese Wesen besitzen einen ausgeprägten Sexualtrieb und können humanoide Pheromone über mehrere Kilometer hinweg wahrnehmen. Ich habe das Programm noch nicht so weit gespielt, denn schließlich besitze ich ja auch einen Sinn für Ethik, aber ich stelle mir das ziemlich übel vor, wenn...“ Er grinste süffisant.
„Das Sicherheitsprotokoll ist doch eingeschaltet, hoffe ich? Na, wenigstens etwas. Da vorne hat sich etwas bewegt, glaube ich... oh, mein Gott!“ Dween schluckte, als etwas in gebeugter Haltung um den nächsten Häuserblock herum kam. Es war etwa zweieinhalb Meter hoch, besaß einen starken Körperbau mit offensichtlich exodermalem Skelett und einem Kamm von kleinen Schildplatten auf dem Rückgrad. Auch der klobige, monströse Kopf war mit knöch-ernen Platten gepanzert und verlieh ihm ein grauenhaftes Aussehen. Es mochte etwa fünf-hundert Pfund wiegen und bewegte sich plump und ungelenk, aber schnell.
Als es schnüffelte, den Kopf hob und in ihre Richtung drehte, flüsterte Dween, die zur Statue erstarrt schien vor Schreck: „Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um die Waffenauswahl zu prä-sentieren, Merven.“
„Oh, in dieser Simulation sind keine Waffen vorgesehen. Daher der Name ‘Jump’n’Run’.“ Er zuckte bedauernd die Schultern.
„Prima, er ist aber nur hinter mir her, wegen meines Geruches. Das haben Sie sich ja schön ausgedacht.“ Wütend fixierte sie ihn, als sich der Klingonen-Primate zu voller Größe aufrich-tete, seine Arme nach oben warf und einen heiseren, imponierenden Brüllton von sich gab.
Merven wiegelte ab: „Oh nein, auf mich hat er es freilich auch abgesehen, um mich zu töten oder auch zu fressen, wie auch immer. Aber zuerst hat er natürlich Sie im Sinn.“
Langsam bewegte das Ding sich jetzt auf sie zu. Dween warf ihm einen unsicheren Seiten-blick zu. „Was sollen wir jetzt machen?“
„Nun... laufen Sie um ihr Leben!“ Er rannte schnell zur entfernten Hausecke und umrundete diese, dann hatte Dween ihren Schock überwunden, als der Ur-Klingone einen markerschüt-ternden, wütenden Schrei ausstieß und zu laufen begann. Er war furchtbar groß und schnell.
Dween rannte los, so schnell sie konnte. Dank ihrer langen Beine erreichte sie die rettende Häuserecke in Rekordzeit, als sie um diese bog, war Merven jedoch außer Sicht. Wohin konn-te er nur so schnell verschwunden sein?
Ihr Puls raste, ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren. Das wütend brüllende Monster kam auf die Ecke zugerannt, hinter der sie stand. Sie besann sich auf die vulcanische Tugend der Logik und Gleichmütigkeit, mit der man einer solchen Krisensituation begegnen sollte.



Merven lehnte sich atemlos an die Wand in der winzigen Seitengasse, die vom Straßen-eingang aus auf den ersten Blick nicht sichtbar war. Das zornig klingende Heulen des Wesens wurde immer lauter; es mußte gleich um die Ecke biegen. Er hoffte nur, Shania war wirklich so sportlich, wie sie aussah. Oder die Sicherheitsprotokolle des Programmes mochten ein-wandfrei sein.
Jetzt brach das Gebrüll der Bestie ab; irgend etwas mußte geschehen sein. Ein Teil von ihm getraute sich kaum, um die Ecke zu sehen. Vielleicht war er doch etwas weit gegangen mit diesem extremen Szenarium. Seine aufkommenden Gewissensbisse brachten ihn dazu, doch einen vorsichtigen Blick zu riskieren.
Ihr großer, schlanker Umriß zeichnete sich gegen das Halbdunkel des Gasseneinganges in die Hauptstraße weiter unten ab. Sie schien sich über eine unförmige, bewegungslose Masse am Boden der Gasse zu beugen. Dann sah sie auf und schien ihn zu bemerken.
„Na los doch, Sie Held! Kommen Sie ruhig heraus aus ihrem Loch, es hat einen Unfall ge-geben.“ Er hörte den Spott in ihrer Stimme und trat zweifelnd näher. Was war da geschehen? Das entsprach nicht dem normalen Ablauf des Programmes.
„Was ist passiert? Es rührt sich nicht mehr.“ Zweifelnd näherte sich Merven Schritt um Schritt.
„Sie sind mir vielleicht einer,“ fuhr Dween spöttelnd fort. „Ihr Horrormonster ist um die Ecke gerauscht, gestolpert und hat sich das Genick gebrochen.“
„Waaaas? Unmöglich! So etwas ist meines Wissens nach gar nicht spezifiziert!“ Entgeistert trat Merven näher und stupste das reglose Wesen mit dem Fuß an, noch immer auf äußerste Vorsicht bedacht.
„Können wir jetzt gehen? Ich habe großen Hunger bekommen; wirklich erfrischend, diese... wie nannten Sie es? Jump’n’Run-Spiele. Muß ich mir merken.“ Sie ging um die Ecke und ließ den fassungslosen Trill einfach stehen. Unglaublich!
Wie hatte sie das angestellt? Er betrachtete den unförmigen, gepanzerten Kopf, der in einem unnatürlichen Winkel auf dem Straßenbelag ruhte. Er konnte sich das nicht erklären.
Schnell machte er sich auf, um den Anschluß an sie nicht zu verlieren. „He, Shania, warten Sie...“



In dem Eingangsportal zum Holodeck holte er sie ein, doch bevor er ein Wort sagen konnte, ertönte ein Kommunikationssignal.
„An alle Decks: hier spricht der Captain. Uns hat gerade die Mitteilung erreicht, daß Deep Space Nine mit der Verminung des Bajoranischen Wurmloches begonnen hat, um weitere Truppen- und Materialtransporte aus dem Gamma-Quadranten zu unterbinden. Sie haben ge-meldet, daß ein gemischter Kampfverband aus Cardassianer- und Jem’hadar-Schiffen zur Station unterwegs ist. Aufgrund der großen Entfernung von DS9 zur Erde und der Erde zu uns ist diese Subraum-Botschaft bei ihrem Eintreffen eben bereits 36 Stunden alt gewesen. Wir müssen demnach davon ausgehen, daß vielleicht schon gekämpft wird und jederzeit mit feindseligen Handlungen von Seiten des Dominions zu rechnen ist.
Ab sofort besteht für das gesamte Personal auf unabsehbare Zeit die höchste Bereitschafts-stufe. Ladies and Gentlemen, es sieht so aus, als seien wir im Krieg. Das Sternenflotten-Hauptquartier hat angekündigt, angemessen auf die Situation zu reagieren und baldmöglichst neue Order auszugeben. Bis dahin gelten unsere alten Befehle. Falls wir etwas Neues erfah-ren, werde ich Sie umgehend informieren. Captain Ende.“
Dween war während der Durchsage merklich erbleicht und stützte sich jetzt mit einem Arm an der Wand ab; sie wandte Merven den Rücken zu und schien völlig vergessen zu haben, daß er direkt hinter ihr stand. Ihn überkam das Bedürfnis, ihr ein wenig Halt und Trost vermitteln zu wollen, so legte er sanft seine Hand auf ihre Schulter und drückte sie ein wenig.
„Keine Sorge, Shania, wir werden es schon schaffen. Die Föderation hat schon so Einiges mitgemacht und besteht noch immer; ich würde sogar sagen, daß uns all die vergangenen Kri-sen nur noch stärker und entschlossener gemacht haben, unsere Freiheit mit allen Mitteln zu verteidigen.“
Sie zuckte bei seiner Berührung leicht zusammen, ließ ihn aber gewähren. Als sie sich um-wandte, nahm sie sogar seine Hand von ihrer Schulter und hielt sie in beiden Händen, als müsse sie sich in diesem Moment an irgend etwas festhalten. Mit einer Spur Trauer in der Stimme sagte sie: „Ach Merven, nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber was wissen Sie schon über den Krieg? Ich habe bei Wolf 359 zwei Onkel und eine Tante an die Borg ver-loren und beim Krieg mit den Cardassianern einen Cousin.“
„Ich möchte wirklich nicht damit prahlen, aber ich war als Enian schon bei den ersten Kon-flikten mit den Klingonen dabei. Damals haben wir uns auf der Constellation mit D7-Schlachtkreuzern praktisch auf Sichtweise mit Photonentorpedos beharkt.
Okay, ich höre schon auf, ich seh’s Ihrem Gesicht an. Was ich damit verdeutlichen wollte: ich bin ein Veteran der ersten Stunde und habe in unzähligen Kriegen eine Menge durchgemacht, Unmengen von guten Freunden und auch einige Verwandte verloren, unter anderem auch meinen damaligen Vater.
Sie sind also gut beraten, wenn Sie sich dicht hinter mir halten. In Ordnung?“ Aufmunternd lächelte er sie an.
„Überzeugende Argumente, das muß man Ihnen lassen. Ich vergesse immer wieder Ihre Natur.“ Sie lächelte ein wenig verschämt und senkte den Kopf.
Er zögerte kurz und meinte dann: „Da ist noch etwas. Ich denke, ich sollte mich dafür ent-schuldigen, daß ich dieses Programm auf Sie losgelassen habe, auch wenn es so glimpflich ausgegangen ist. Wenn Sie damit einverstanden sind, möchte ich vorschlagen, daß wir das Holodeck für die Dauer des Konfliktes nur noch zur Entspannung und zum Vergnügen be-nutzen. Streß und Aufregung werden wir bald zur Genüge im Alltag haben.“
„Ich werde auf Ihr Urteil vertrauen. Entspannung und Vergnügen hört sich für mich auch nicht schlecht an.“































- 3 -

Mitten in der Nacht ertönte in Mervens Quartier ein Signalton und danach eine Stimme: „Alarmstufe Gelb! Führungsoffiziere auf die Brücke!“
Schlagartig war Merven hellwach und schwang seine Füße aus dem Bett, um in Windeseile in seine Uniform zu schlüpfen und auf den Gang zu eilen.
Er mußte einige Sekunden auf den nächsten Turbolift warten. In dem Moment, in der sich die Lifttüren öffneten, stürzte Dween völlig konfus aus ihrem Quartier auf den während der Gam-ma-Schicht gedämpft beleuchteten Gang. Sie kämpfte noch mit einem Ärmel ihres Jumpsuits und hatte ihre Schuhe unter den anderen Arm geklemmt. Als Merven sie so erblickte, mußte er ungewollt grinsen, während ihr Gesicht hochrot anlief. Dankbar dafür, daß er mit dem Turbolift auf sie wartete, schlüpfte sie als erste in die Kabine, damit sie von niemandem sonst gesehen werden konnte.
Als die Lifttüren sich schlossen, ließ sie ihre Schuhe fallen und wandte ihm den Rücken zu, immer noch mit dem einen Ärmel ihrer Uniform ringend. „Das ist ein Alptraum! Ich werde es nie schaffen, bis wir auf der Brücke sind! Die Fünf-Minuten-Bereitschaft ist...“
„Computer, Hauptbrücke. Halten Sie nur einen Augenblick still, werte Kollegin.“ Er zupfte kurz unter ihrer Achsel an dem Ärmelteil, worauf dieses tatsächlich ihre Hand freigab Mit einer raschen Bewegung hob er dann ihr zerzaustes rotes Haar im Nacken an und zog mit ein-er weiteren ihren noch widerspenstigen Reißverschluß der offenbar neuen Uniform bis ganz oben zu..
„Nur keine Hektik. Jetzt die Schuhe, dann haben wir es geschafft.“ Er schmunzelte und muß-te an das erste Mal denken, als er völlig überrumpelt während eines Einsatzes aus dem Bett geholt worden war.
Dankbar lächelte sie zurück, während sie seiner Anweisung Folge leistete. „Vielen Dank, Merven. Ich bin Ihnen was schuldig.“
„Für das? Hören Sie doch auf. Und los!“ Er glitt zwischen den sich öffnenden Lifttüren durch, kaum daß sich ein Spalt aufgetan hatte, worauf Dween verwundert innehielt. Es war unbe-greiflich: er verhielt sich so, als sei ihm das schon unzählige Male widerfahren und in Fleisch und Blut übergegangen. Sie wußte nicht, wie er vor seiner Vereinigung gewesen sein mochte, aber diese Aura der Gelassenheit und Erfahrung eines ‘alten Hasen’ bei einem augenschein-lich derart jungen Mann war höchst ungewöhnlich. Es gefiel ihr.
Lennard passierte eilig den Lift, in dem sie noch immer stand und sagte im Vorbeigehen: „Werden Sie endlich wach, Counselor, wir haben gelben Alarm.“
„Natürlich, Sir. Bitte verzeihen Sie.“ Beflissen eilte sie an ihren Platz und setzte sich. Darrn übergab gerade den Kommandantensessel an den Captain und nahm dafür seine Station, die Ops ein. Merven hatte das Steuer übernommen und Wenjorook war bereits die ganze Zeit über an der taktischen Konsole gestanden, als gehöre er zum Inventar.
„Meldung, Taktik,“ verlangte Lennard, als die Erste Offizierin im Hintergrund die Brücke betrat, dicht gefolgt von der Wissenschaftsoffizierin Wuran.
„Ein Dreier-Geschwader von Jem’hadar-Kriegsschiffen ist geortet worden. Sie steuern direkt auf Alpha Cygnus zu, Warpfaktor Neun. Wir können sie noch abfangen, bevor sie das System erreichen, Sir; ihr Abstand beträgt 0,2 Lichtjahre.“ Erwartungsvoll sah der Sicherheitschef seinen befehlshabenden Offizier an. Er als Andorianer war immer für einen Kampf zu haben, dafür war seine als aggressiv und streitlustig verschriene Rasse bekannt. Und er unterschied sich darin in nichts von seinem Vorgänger, dem Japaner Kazuki.
„Abfangkurs setzen, ebenfalls mit Warp Neun. Wie konnten diese Schiffe so nahe an uns her-ankommen, ohne von den Sensoren erfaßt zu werden? Ich erwarte eine Erklärung.“
„Ich glaube, die kann ich Ihnen geben, Captain,“ meldete Wuran sich zu Wort und studierte ihre Anzeigen nochmals kurz, um sicherzugehen. „Der Feind hat sich die örtlichen Gegeben-heiten zunutze gemacht. Sie fliegen aus dem Territorium der Cardassianer her an, und zwar aus Richtung des Alpha-Quadranten. Der Stern Beteigeuze ist ein roter Überriese mit fast 700 Millionen km Durchmesser und liegt direkt an der Föderationsgrenze zur cardassianischen DMZ in etwa 35 Lichtjahren Entfernung; von unserer Position aus ist er beinahe so groß zu sehen wie Luna von der Erde aus. Es ist eine relativ kühle Sonne, da sie im Endstadium ihrer Existenz ist, weshalb ihr Strahlungsspektrum unsere Sensoren eigentlich nicht stark beein-trächtigt.
Die Jem’hadar müssen Beteigeuze gerade passiert haben, als sie uns mit den Fernbereichs-sensoren erfaßt haben. Dann haben sie eine Parabel errechnet, auf der sie sich immer genau zwischen uns und der Sonne befinden, so daß sie vor ihrem Hintergrund für uns nicht zu orten sind. Sie wären dann etwa einen Lichtmonat hinter uns durchgerutscht und hätten freie Bahn ins Alpha Cygnus-System gehabt.“
„Aber nicht mit uns.“ Lennards Miene wurde grimmig. „Wir müssen verhindern, daß diese Schiffe das System erreichen. Alpha Cygnus hat kaum eine Möglichkeit, um sich gegen diese Feuerkraft zu verteidigen. Wir werden uns ihnen entgegenstellen.“
Leardini raunte ihm zu: „Daß sie sich schon so tief in den Föderationsraum hineinwagen... das hat nichts Gutes zu bedeuten.“
Dween merkte an: „Mir macht Sorgen, daß sie es vorziehen, ein verteidigungsloses System anstatt ein Schiff der Sternenflotte als Ziel zu wählen. Das ist ganz und gar untypisch für sie.“
„Sie haben recht, Counselor, darauf hätte ich selbst kommen können,“ lobte Lennard. „Sie müssen eine bestimmte Strategie verfolgen.“
„Und diese haben sie soeben geändert, Sir; Sie nehmen Kurs auf uns. In etwa 35 Minuten werden wir aufeinandertreffen,“ ließ Wenjorook verlauten.
„Wenigstens lassen sie ab von Alpha Cygnus,“ bemerkte Dween leise.
Leardini beugte sich über ihre Konsole zur Mitte hin und sagte leise: „So ist es recht, Junior Lieutenant, Sie müssen allem etwas Gutes abgewinnen können.“
„Danke, Commander. Verzeihen Sie, wenn ich Sie berichtige, aber bei meinem Rang nennt man das ‘Junior’ nicht mit.“
„Und Sie denken, ich wüßte das nicht?“
„Oh.“ Nun begriff Dween und lehnte sich wieder zurück, so daß der Kapitänssessel zwischen ihnen war. Offenbar legte die Erste Offizierin nicht viel Wert auf Optimismus während Kri-sensituationen.



„Noch fünf Minuten, bis die Ziele in Waffenreichweite kommen, Sir.“ Wenjorooks Stimme war ganz ruhig bei seiner Meldung.
Der Kommunikationsoffizier an seinem Pult sah auf und verlor etwas an Farbe im Gesicht. „Captain, Nachricht vom Flottenhauptquarier. Es geht um Deep Space Nine.“
„Heraus damit.“ Mit einem unwohlen Gefühl wartete Lennard auf den Inhalt der Botschaft.
„Sie sind noch während der Installation des Minenfeldes vom Dominion angegriffen worden. Ohne Verstärkung von der Sternenflotte und unter schwerem Feuer stehend, haben sie es noch aktivieren können, aber...“ Der Fähnrich sah seinen Kommandanten an und schluckte.
„Die Station mußte aufgegeben werden. Deep Space Nine ist gefallen und liegt nun in der Hand des Dominion. Während des Angriffs auf die Station hat ein gemischter Verband von Klingonen und Föderation die Schiffswerften des Dominion auf Taurus III angegriffen und zerstört. Daraufhin sind entlang der gesamten Grenze Gefechte ausgebrochen.“
„Wenigstens wissen wir jetzt genau, woran wir sind.“ Lennard schluckte. „Steht in der Mel-dung etwas über Verluste in der Schlacht um die Station?“
„Glücklicherweise gab es keine. Allerdings hat es seit gestern einige schwerere Gefechte an den Hauptfronten gegeben. Die Listen sollen wie bisher wöchentlich ausgegeben werden. Und für die Schiffe in unserem Sektor gelten vorerst noch die alten Befehle: wir sollen auf unsere zugewiesenen Positionen fliegen, diese halten und die Grenze zum Dominion hin sichern.“ Der Offizier las weiter und fügte noch hinzu: „Hier ist noch eine Notiz, daß die Romulaner den Nichtangriffspakt nochmals offiziell bestätigen und betonen, daß jedes Schiff, gleich wel-cher Partei, welches in die Neutrale Zone einfliegen sollte, sofort und ohne Vorwarnung an-gegriffen wird.“
Leardini meinte verbittert: „Das sieht ihnen wieder einmal ähnlich.“
„Also, auf Alarmstufe Rot gehen. Schilde auf Maximum, sämtliche Waffen laden und volle Salve Quantentorpedos bereitmachen. Zielerfassung auf alle drei Angreifer verteilen.“ Len-nards Miene wurde konzentriert bei dem Gedanken an den bevorstehenden Angriff.
„Aye, Sir,“ bestätigte Wenjorook knapp.
„Wir gehen rechtzeitig unter Warp und lassen sie herankommen. Versuchen Sie sie über die maximale Reichweite der Torpedos anzugreifen, Fähnrich.“
„Ich werde die Zielerfassungsscanner auf den Feind gerichtet lassen und bereit zum Feuern sein, wenn wir unter Warp gehen, Captain.“
„Sehr gut. Lieutenant Soares, bitte berechnen Sie den Zeitpunkt zum Verlassen des Warp-transfers so, daß wir etwa fünf Millionen km vor ihnen auf Unterlichtgeschwindigkeit gehen werden. Sie werden nicht damit rechnen, daß wir vor der üblichen Kampfdistanz unter Warp gehen und sie auf große Entfernung beschießen.“ fuhr Lennard fort.
„Wir nähern uns dem fraglichen Abstand in zehn Sekunden. Bereithalten zum Verlangsamen. Drei, zwei, eins... jetzt!“ zählte Merven herunter und ging dann auf Impuls herunter.
Noch während das Warpfeld um sie herum kollabierte und sie in den Normalraum zurück-glitten, feuerte Wenjorook die volle Salve von zwölf Quantentorpedos ab. Diese schossen mit Überlichtgeschwindigkeit davon, wobei die Zielerfassungsautomatik jeweils vier von ihnen auf eines der Jem’hadar-Schiffe lenkte. Diese wurden offenbar vom frühen Verlassen des Warptransfers und dem Beschuß der Fairchild überrascht, als sie gerade selbst unter Warp fielen.
„Elf direkte Treffer, Captain. Zwei der drei Schiffe wurden zerstört, das dritte schwer be-schädigt. Wir kommen in Sichtweite des Havaristen.“ Wenjorook war nichts über seinen Er-folg anzumerken, seine Stimme blieb ruhig, seine Miene emotionslos. Sie hatten ihren ersten Schlag aus der Ferne ausgeführt, was den Konflikt sehr abstrakt und mittelbar erscheinen ließ.
„Es freut mich, daß die Quantentorpedos so effektiv sind. Jetzt sehen wir uns das letzte der Schiffe an,“ verfügte Lennard.
Sie näherten sich mit niedriger Impulsgeschwindigkeit und gingen dann längsseits des kleinen käferförmigen Schiffes, dessen Warpgondeln dunkel waren und dessen Heck einen großen Hüllenbruch aufwies. Erstaunlich, dachte Lennard bei sich, dieses Schiff hatte in etwa die Größe eines Klingonischen Bird of Prey der B’rel-Klasse und war von drei Quantentorpedos getroffen worden. Eigentlich hätte es in Stücke gerissen werden müssen, doch es war ledig-lich kampfunfähig und verfügte über keine primäre Energieversorgung mehr.
„Wenjorook, stellen Sie den Zustand des Kriegsschiffes fest und scannen Sie nach Überleb-enden.“ Kaum hatte Lennard das gesagt, wurde der Hauptbildschirm vor ihnen von einem gleißenden Lichtblitz erhellt.
Als das Jem’hadar-Schiff explodierte, wurden sie von der Schockwelle erfaßt und durchge-schüttelt. Wenjorook hielt sich ungerührt an seiner Station fest und bemerkte: „Ich denke, das ist wohl nicht mehr nötig, Sir. Sie haben entweder ihr Eindämmungsfeld verloren oder das Schiff selbst zerstört.“
„In diesem Punkt stimmt ihre Politik mit unserer überein. Nur, daß wir Fluchtkapseln für die Besatzung haben.“
Dween murmelte leise: „Sie hatten nicht einmal Zeit, eigene Torpedos abzufeuern. Wir haben sie anscheinend vollkommen überrumpelt.“
„Nicht übel, was, Counselor? Nach einer Weile hier an Bord werden Sie einiges an takti-schem Wissen erworben haben,“ sagte Leardini nicht ohne Stolz.
Lennard fügte nachdenklich hinzu: „Ich bezweifle, daß der Lieutenant das so gemeint hat. Sie hat wohl mangels besseren Wissens noch so etwas wie Mitleid mit dem augenscheinlich wehrlosen Gegner. Vertrauen Sie mir, Lieutenant, das wird nicht von Dauer sein. Die harte Realität wird Sie leider eines Besseren belehren.“
„Wissen Sie, Captain, wenn mir das ein anderer Captain gesagt hätte, dann hätte ich wahr-scheinlich angenommen, daß dies die verbitterte Aussage eines alten Kriegstreibers wäre. Aber Ihnen glaube ich das unbesehen.“ Sie nickte achtungsvoll.
Lennard erwiderte ihre Geste mit einem dünnen Lächeln und sprach dann den Kommunika-tionsoffizier an: „Geben Sie an das Hauptquartier durch, was hier geschehen ist und erbitten Sie weitere Instruktionen. Und fügen Sie hinzu, daß wir mittlerweile Kurs auf das Tiragoni-System nehmen, da wir an der Grenze offensichtlich dringender gebraucht werden als im Alpha-Cygnus-System.“
„Aye, Sir.“
„Combat, gibt es in Sensorenreichweite Hinweise auf andere Schiffe?“ Lennard sah Wen-jorook gespannt an.
„Nichts, Captain.“
„Gut, dann roten Alarm aufheben, auf höchste Bereitschaftsstufe zurückgehen und direkten Kurs auf Tiragoni nehmen. Wir behalten Warp Neun bei. Dauer bis zur Ankunft im Zielsy-stem?“
„Acht Tage, Sechseinhalb Stunden, Sir,“ informierte Merven nach einer kurzen Computer-anfrage.
„Mr. Soares, wie sieht es bei maximalem Warp aus?“ hakte der Kapitän der Fairchild nach.
„Einen Augenblick... Fünf Tage Neunzehn Stunden bei Warp 9,7.“
„Erhöhen Sie auf dieses Tempo. Ich habe das Gefühl, wir sollten so schnell wie möglich an Ort und Stelle sein.“ Lennard übergab das Kommando wieder an Darrn und zog sich zurück.
Nach und nach übergaben alle eingesetzten Offiziere ihre Stationen wieder an die Crewmit-glieder der Gamma-Schicht. Es war eine kurze Nacht für sie gewesen. Niemand wußte, was auf sie zukommen würde, doch solange ihr Schiff noch in der Erprobungsphase war, wurden sie von der Sternenflotte wenigstens inoffiziell aus dem Geschehen herausgehalten. Sie waren zwar direkt an die Grenze zum feindlichen Raum beordert worden, jedoch an einer Stelle im toten Winkel, weit abseits von den Hauptfronten. Damit waren sie zwar nicht automatisch auch aus der Schußlinie, aber zumindest würde die Gefahr von direkten Konfrontationen mit dem Dominion nicht so hoch sein, solange sie das Schiff noch austesteten.



Merven war froh, daß Dween eingewilligt hatte, nach ihrem Dienst wieder mit ihm das Holo-deck zu besuchen. Allerdings hatte sie darauf bestanden, diesmal wieder das Programm aus-zusuchen. Und da sie heute ihren Dienst mit Beratungsgesprächen verbracht hatte, hatte er sie noch gar nicht gesehen.
Jetzt zur verabredeten Zeit, läutete er an ihrem Quartier. Als sich die Türen öffneten, setzte er vorsichtig einen Fuß hinein und spürte deutlich, wie er von der beinahe doppelten Schwer-kraft hinabgezogen wurde. Dann schob er sich ganz behutsam hinein in ihr Quartier.
Sie kam gerade aus einem Nebenraum und streifte sich den Träger ihres roten Sommerkleides über ihre Schulter. Er stellte lächelnd fest: „Dies scheint eines Ihrer Lieblingskleider sein.“
„In der Tat, ein Geschenk meines Vaters für die heißen Sommer auf Vulcan, allerdings nur für den Gebrauch in Haus und Garten. Sie wissen vielleicht, in welcher Weise sich die Vul-canier kleiden. Nun, ich ertrage die Hitze nicht ganz so gut, deshalb war ich damals hoch-erfreut darüber.“
„Sie sind noch ein Stückchen gewachsen, seitdem Sie es erhalten haben, oder?“
Dween kam gemächlich auf ihn zu. „Ich sehe an Ihrem Blick, was Sie damit meinen, aber das ist Ihr Problem. Aber da ist noch etwas, was Ihnen durch den Kopf geht, das kann ich Ihnen deutlich ansehen. Kommen Sie schon, machen Sie nicht so ein Gesicht, ich habe schließlich bei meiner Counselorausbildung nicht geschlafen. Wir sind hier unter uns, Merven, Sie kön-nen frei reden.“
Er versuchte abzuwiegeln, als er antwortete: „Mir ist nur etwas aufgefallen: es ist die Art, wie Sie sich bewegen. Unter Standardschwerkraft sind sie so grazil und mühelos, als würden Sie schweben. Doch jetzt, bei vulcanischen Bedingungen, sind Sie wirklich in Ihrem Element. Man kann deutlich sehen, wie sich Ihre Muskeln unter der Haut abzeichnen und arbeiten. Es ist... faszinierend.“
Als er mit den Fingerspitzen über ihren Oberarm strich und dabei die Härte ihrer Muskel-fasern erfühlte, überlegte sie kurz, ob sie ihm Einhalt gebieten sollte. Der Moment verstrich und er zog seine Hand zurück, dann blickten seine dunklen Augen in ihre grünen.
Er wandte sich um und meinte: „Wir sollten uns beeilen, damit niemand vor uns das Holo-deck belegt.“
Oh! Das überraschte sie jetzt. Mit ihrer logischen Denkweise konnte sie diese Reaktion nicht ergründen. Noch während sie darüber nachdachte, bemerkte sie abwesend: „Sie bewegen sich erstaunlich gut in dieser Schwerkraft, wenn man bedenkt, daß Sie das letzte Mal...“
„He, das ist nicht fair! Wenn ich auf dem Vulcan bin, erwarte ich das, aber nicht, wenn ich ein Offiziersquartier an Bord eines Sternenflottenschiffes betrete. Abgesehen davon ist Ihre Einrichtung ganz hübsch; die Bekanntschaft des Parketts habe ich ja schon gemacht, aber sonst habe ich noch nicht viel davon gesehen,“ verteidigte er sich etwas linkisch.
Sie seufzte: „Sie haben ja recht. Lassen Sie uns gehen, wir haben uns etwas Erholung ver-dient.“
Bei der Fahrt zum Holodeck bemerkte Dween nebenbei: „Ich habe übrigens die Personal-dateien der ersten Fairchild durchgesehen und mußte feststellen, daß niemand der damaligen Besatzung mir auch nur entfernt ähnelt. Was sollte Ihre Aussage neulich also?“
„Ich habe nie behauptet, daß sie ein Besatzungsmitglied war,“ wehrte er grinsend ab.
Der Lift hielt und sie stiegen aus, doch für Dween war das Thema noch nicht erledigt. „Ich bekomme wohl nichts mehr zu diesem Thema aus Ihnen heraus, was? Hat der Captain eigent-lich alle in einem ruhigen Moment zur Seite genommen und zu völligem Stillschweigen ver-donnert?“
„Genau so war es. Sind Sie Telepathin, Shania?“ fragte er und bog in den kurzen Seitengang ein, der mehr einer Nische glich und am Eingangsportal zum Holodeck endete.
Schulterzuckend meinte sie: „Nein, nur Kontakttelepathin wie fast alle Vulcanier.“
Er hielt inne. „Shania, wissen Sie, was das heißt?“
„Nur keine Sorge, ich werde keine Gedankenverschmelzung mit Ihnen durchführen... noch nicht.“ Frech grinsend rief sie das Programm ihrer Wahl über Tastatur auf, um ihm nicht vor-schnell das Ziel ihrer Reise zu verraten.
„Wissen Sie denn nicht, was Sie mit solchen Bemerkungen bei mir anrichten?“ wollte er neckisch wissen.
Sie ging nicht darauf ein, sondern sagte nur: „So, das Programm ist initialisiert. Computer, öffnen.“
Kaum waren die Tore auseinandergeglitten, ging sie forschen Schrittes voran und trat mit ihm zusammen in das Innere eines zeltähnlichen Aufbaus. „Wir werden sehen, ob ich Sie viel-leicht doch noch ein wenig ärgern kann, wenn auch auf harmlose Art. Computer, Umkleidesichtblende aus weißem Leinen in die Mitte stellen, zwei mal zwei Meter, dazu ein-en Stuhl und einen Kleiderständer auf jeder Seite. Ferner je ein großes Frottee-Handtuch.“
Noch während alles nach und nach projiziert wurde, versuchte Merven zu ergründen, wo sie sich befanden. Es schien angenehm warm zu sein - etwa 300 Kelvin - und außerhalb des ge-räumigen, hohen Zeltes wehte ein leichter Wind. „Werde ich naß werden?“
„Ich hoffe es. Wir beide werden sehr naß werden.“ Dween ging hinter den Wandschirm und begann ihre Uniform abzulegen.
„Dieses Programm haben Sie auch selbst entworfen, stimmt’s?“ wollte er wissen.
„Genau. Wieso wollen Sie das wissen?“ Ihre Silhouette war hinter dem Schirm sichtbar, als sie die Uniform auf dem Kleiderständer aufhängte.
Mit süffisanter Stimme antwortete er: „Ach, ich will mir nur einen ausreichenden Vorsprung im Wettärgern sichern. Computer, Wandschirm entfernen.“
Als sein Befehl ausgeführt wurde, fuhr Dween erschrocken herum und riß das Handtuch vor ihren Körper. „Merven!“
„Und nun... Computer, Handtücher entfernen!“ Er grinste schelmisch.
Das Handtuch vor ihr löste sich ebenfalls auf, doch zu seinem Erstaunen kam darunter ein dunkelgrüner, zweiteiliger Badeanzug zum Vorschein. Nun war es an ihr, ihn schadenfroh an-zugrinsen. „Schon vergessen? Ich wußte schon vorher, wohin wir gehen. Allerdings muß ich Ihnen gratulieren, denn höchstwahrscheinlich sind Sie der einzige Hundertfünfzigjährige, der noch immer in einer pubertären Phase feststeckt.“
„Spätpubertär, bitte! Immerhin war es einen Versuch wert. Sie sehen phantastisch aus in die-ser Bekleidung, Shania.“ Er konnte gar nicht anders, als sie mit Augen zu verschlingen.
„Sie können ja auch ganz charmant sein, wenn Sie wollen. So, ich warte draußen und richte uns noch ein paar Dinge ein.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und verließ das Zelt.
Er replizierte sich eine weite, bequeme Badehose nach Bermuda-Art und unterdrückte das Verlangen, sich selbst zu ohrfeigen. Von welchem Teufel wurde er nur geritten? Seit seiner Vereinigung und der ersten Begegnung mit Shania erkannte er sich selbst nicht mehr und er wußte auch nicht mehr, welcher Teil seiner Persönlichkeit es war, der derart verrückt spielte und sich ständig aufs Neue daneben benahm. Er konnte nur dankbar dafür sein, daß sie über-haupt noch etwas mit ihm zu tun haben wollte nach seinen diversen Schnitzern.
Es hatte vielleicht etwas mit ihrer vulcanischen Hälfte zu tun, auch wenn diese bei Weitem nicht dominierend war in ihrem Wesen. Sie wußte sein Verhalten wohl besser einzuordnen und zu interpretieren als ein rein emotionell denkender Humanoid. Er konnte sich keinen bes-seren Umstand denken und nahm dafür auch gerne die Phasen in Kauf, in denen sie ihm diese kühle Schulter zeigte, die für Vulcanier nur allzu typisch war.
Dann trat er aus dem Zelt heraus und konnte seine Freude nicht verbergen: „Risa! Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Es ist wunderschön hier, Shania. Ist das der Smaragd-strand?“
„Sie erstaunen mich stets aufs Neue, lieber Merven. Lassen Sie mich raten: Sie haben natür-lich ebenfalls eine eigene Simulation des Erholungs- und Vergnügungsplaneten entwickelt.“
„Mit der Standardversion im Hauptcomputer kann doch wirklich niemand etwas anfangen, der auch nur halbwegs etwas von Holoprogrammen versteht,“ bejahte er.
„Da haben Sie allerdings recht.“ Sie hatte sich der Länge nach auf einem von zwei Liege-stühlen ausgestreckt und zwischen den beiden ein kleines Tischchen mit Erfrischungsge-tränken und exotischen Früchten repliziert. Außerdem trug sie eine altmodische Sonnenbrille und einen breitkrempigen Sonnenhut.
„Bitte bewegen Sie sich nicht. Ich möchte dieses Bild in mein Gedächtnis aufnehmen und...“
„Bitte übertreiben Sie nicht! Der gute Enian muß ein wahrer Schwerenöter gewesen sein. Ihn-en fällt dieses Vermächtnis sicher nicht immer leicht.“ Sie schob ihre dunkle Brille auf die Nase und fixierte ihn mit ihrem Blick.
„Sie sind zur Zeit nicht im Dienst, Counselor. Wie sie vielleicht wissen, befinde ich mich noch in der Integrationsphase mit dem Symbionten. Gibt Ihnen mein Verhalten Anlaß zur Sorge? Dann ist doch sicher noch ein Plätzchen auf Ihrer Couch für mich frei.“ Er konnte sein knabenhaftes Grinsen nicht unterdrücken.
Sie seufzte und erhob sich. „Ihr Leiden ist nicht behandelbar und wird hoffentlich bald von selbst verschwinden. Kommen Sie, Lieutenant, wir gehen ein wenig schwimmen.“
„Eine hervorragende Idee.“



Nach einem ausgedehnten Bad im kristallklaren, erfrischenden Wasser gingen sie wieder an Land und ließen sich von der Sonne trocknen. Dann stand Merven auf und streckte sich. „Wissen Sie, ich weiß gar nicht, wann ich mich das letzte Mal so entspannt und zufrieden ge-fühlt habe. Es war eine wunderbare Idee, hierher zu kommen.“
„Es geht Ihnen momentan also ausgesprochen gut? Sie sind in gelöster und sorgenloser Ver-fassung?“ wollte sie forschend wissen.
„Sie können in mir lesen wie in einem Buch, Counselor,“ meinte er lächelnd.
„Dann lesen Sie das: Computer, Badehose entfernen.“ Nun breitete sich auf ihrem Antlitz ein breites Grinsen aus, als er fassungslos zuerst sie anstarrte und dann langsam an sich herunter-sah.
„Gut, Sie haben gewonnen, und zwar endgültig. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, bewege ich jetzt meinen Hintern in das Zelt, um mich abzutrocknen und anzukleiden.“ Belämmert stahl er sich hinweg. Sie warf noch einen Blick auf seine blanken Pobacken und kicherte.
Dween blieb noch eine kurze Zeit auf ihrer Liege und folgte ihm dann ins Umkleidezelt. Er zog sich bereits sein Oberteil über den Kopf und angelte dann nach dem Reißverschluß auf seinem Rücken.
„Sie sind mir doch nicht böse, oder? Schließlich haben Sie vorhin dasselbe bei mir versucht.“ Mit einem bedauernden Ausdruck sah sie in sein ernstes Gesicht.
Er zuckte nur mit den Schultern, als hätte es nichts zu bedeuten gehabt. „Ich glaube, Enian war ein schlechter Verlierer. Er hätte vielleicht irgendwann einmal zu einem Counselor gehen sollen, aber statt dessen darf ich jetzt unsere Problemchen gemeinsam aufarbeiten.“
„Das sind nur kleine Übergangsschwierigkeiten, Merven.“
„Und außerdem hätte ich mir diesen Schritt des Entkleidens in einem Rahmen gewünscht, der auf gegenseitigem Einverständnis basiert hätte.“ Und da war es wieder, sein Grinsen, das sie jetzt schon nicht mehr wissen wollte.
„Vergessen Sie das mit den Übergangsschwierigkeiten. Das Einzige, was Sie brauchen...“ Sie stöhnte auf und richtete den Blick beistandssuchend nach oben.
„Reden Sie ruhig weiter, wir sind doch hier unter uns.“
„Sie sind nicht gerade auf den Mund gefallen, was? Sagen wir so: ich werde es Ihnen be-stimmt nicht dienstlich vermitteln können... und Sie werden es wohl noch ein gutes Weilchen entbehren müssen.“
„Ihre Aufrichtigkeit ist so herzerfrischend... ich muß mir wirklich schnell abgewöhnen, auf diese Weise zu reden, schließlich bin ich ein junger Mann und kein neunfacher Urgroßvater mehr.“
Sie kleidete sich nun ebenfalls wieder an: „Wir sollten diese Unterhaltung ein andermal fort-setzen. Jetzt habe ich Hunger, und zwar gewaltigen.“
Sie wollte gerade den Ausgang anfordern, als plötzlich eine etwa metergroße grüne Echse auf seinen kräftigen Hinterbeinen zum Zelteingang hereingetappt kam. Bei Dweens Anblick fing sie an zu fauchen und kam mit aufgestellten Rückenplatten auf sie zu. Erschrocken wich sie zurück. „Was... was ist das? Das ist nicht witzig, Merven.“
„Ich weiß... denn ich habe nicht das Geringste damit zu tun.“ Er sah sich verblüfft im Zelt um. Dween hatte sich inzwischen hinter den Wandschirm geflüchtet, doch das kleine Drach-enwesen ließ nicht locker. Mit einer kräftigen Schwanzbewegung, die man diesem Kerlchen gar nicht zugetraut hätte, fegte er ihn beiseite und steuerte noch lauter zischend auf sie zu.
„Ghor, wo steckst du? Bist du da drin?“ Von draußen erklang eine Stimme, gefolgt von sich näherndem Stapfen im Sand.
Als Lennard seinen Kopf zum Eingang hereinsteckte, bot sich ihm eine groteske Szene: Dween stand auf einem Stuhl und hielt den wütend fauchenden Ghor mit einem Kleider-ständer auf Distanz, während Merven versuchte, das Tier irgendwie zu fassen zu bekommen, dabei jedoch abrutschte und der Länge nach im Sand landete.
Neben ihm erschien Leardini und meinte trocken: „Kennst du dieses Gefühl, wenn du deine Holokamera brauchst und sie nicht dabeihast?“
„Ghor! Wirst du wohl aufhören, die Counselor zu ärgern? Komm hierher, aber sofort! Das tut mir wirklich leid, Mrs. Dween, ich kann mir das auch nicht erklären. Normalerweise er-schreckt er keine Fremden.“ Lennard nahm sich des Tieres an. „Böser Ghor. Bös!“
„Erschrecken ist gut! Ich dachte, er wollte mich mit Haut und Haaren fressen. Ich selbst könn-te jetzt gut eine Counselor gebrauchen nach dem Schock. Was ist das überhaupt?“ Dween kam nur zögernd von ihrem vermeintlich sicheren Stuhl herunter.
„Das ist Ghor, mein Haustier. Es handelt sich hierbei um ein kapitales Exemplar eines Alpha-Reptils von Kericindal, dem dritten Planeten des Alpha-Systems. Er ist fünfundneunzig cm groß und wiegt zweiunddreißig kg, ist aber sehr zahm und zutraulich. Zudem besitzt er in etwa die Intelligenz eines Schimpansen. Na, gib Pfötchen, Ghor.“ Lennard stand hinter ihm und hatte seine Hände auf dessen Schultern gelegt, als Merven sich ihm vorsichtig näherte.
Er streckte der gedrungen wirkenden Echse eine Hand entgegen. Diese legte den Kopf leicht schief, schnupperte kurz und gab ein ulkiges Quietschen von sich, dann legte es eine seiner Pranken hinein. Er bewegte seinen langen, muskulösen Arm auf und ab und schien beinahe zu gurren. Verzückt erwiderte Merven den Gruß: „He, er scheint doch ganz freundlich zu sein.“
„Sehen Sie?“ Leardini tätschelte Ghors Nacken. „Er ist im Prinzip lammfromm. Kommen Sie, Counselor, versuchen Sie’s.“
Mit zaghaftem Lächeln hielt Dween nun ihre Hand vor die Nase des Alpha-Reptils. Prompt begann dieses wieder zu zischen, worauf sie mit verstörtem Gesichtsausdruck schnell ihre Hand wieder wegzog.
„In der Tat ein kluges Tierchen,“ bemerkte Merven und erntete dadurch böse Blicke von Dween.
„Mir ist das schleierhaft; sonst macht er das nie,“ sagte Lennard ratlos. „Hören Sie, bleiben Sie noch lange? Wir wollen nicht stören...“
„Oh nein, wir wollten ohnehin gerade gehen. Schön, daß Sie... und die Commander... eben-falls Gefallen an dem Programm gefunden haben.“ An Dweens Stimme und Mimik konnten alle erkennen, daß ihr gerade eben bewußt geworden war, daß der Captain und die Erste Offi-zierin gemeinsam in diesem Programm ihre Freizeit verbrachten. Ein peinliches Schweigen entstand.
„Wie gesagt, wir wollten gerade gehen. Kommen Sie, Counselor, bevor das Schoßtierchen des Captains Sie doch noch auffrißt.“ Merven gab Dween einen Wink, daß sie dringend ver-schwinden sollten.
Kaum waren sie draußen, grinste Dween ihn an: „Ich schlage vor, wir unterhalten uns beim Essen über die Beziehung des Captains und der Commander.“
„Shania, bitte...“ Er schloß gequält die Augen.
„Keine Widerrede. Wie ist es eigentlich so bei Ihnen? Haben Sie einen schönen Ausblick von Ihrem Quartier aus? Die Fenster müßten ziemlich weit an der Vorderfront liegen, wenn ich mich nicht irre.“ Sie klimperte kokett mit den Augen.
„Und Sie wollen Halbvulcanierin sein?“ Er seufzte. „Ich hasse es, wenn Sie mich so becircen, um Ihren Willen zu bekommen. Gut, seien Sie mein Gast.“



„Hier spricht der Captain: an alle Decks. Wir werden in einem Tag ins Tiragoni-System ein-treten. Mit den Langreichweiten-Sensoren konnten wir bis jetzt keine künstlichen Himmels-körper feststellen, was jedoch auch an der starken Röntgenstrahlung im Spektrum der Sonne liegen kann.
Durch die momentane Situation und die hohen Verluste der Föderation und der Klingonen bei den ersten weitreichenderen Gefechten bedingt, ist damit zu rechnen, daß unsere eigentlich nur für diese Mission vorgesehene Crew für einen längeren Zeitraum hier an Bord zusammen-bleiben wird. Ich habe diesbezüglich erste Befehle erhalten und möchte die Brückenoffiziere in diesem Zusammenhang um vierzehn Uhr Bordzeit in der Beobachtungslounge versammeln. Die Mannschaften werden später von ihren Vorgesetzten orientiert. Das wäre vorläufig alles.“
Dweens Kopf ruckte hoch. „Was war?“
„Nichts, wir haben noch stundenlang Zeit.“ Merven drehte sich auf den Rücken und starrte zum Fenster über seinem Kopf hinaus auf die vorbeigleitenden Sterne. Dann sah er Dween an und küßte ihre nackte Schulter, die von der Bettdecke nicht bedeckt war.
„Du bist das Beste, was mir je passiert ist, weißt du das?“
„Du erinnerst mich seit drei Tagen daran.“ Sie wandte sich ihm zu und erwiderte seinen ver-liebten Blick aus halb geschlossenen, schlaftrunkenen Augen. „War das deine oder meine Idee, daß ich nach dem Essen noch bleibe?“
„Das weiß ich nicht mehr... meine Erinnerung verschwimmt im Dunkeln. Es ging alles so schnell an diesem Abend, aber ich bereue nichts. Was meinst du, was hat der Captain uns mit-zuteilen?“ Zärtlich fuhr sein Finger über ihre Schulter und den Hals hinauf.
„Wahrscheinlich werde ich befördert.“ Sie lächelte glücklich und schnappte spielerisch nach dem Finger, mit dem er nun über ihre Nase fuhr.
Er hielt inne. „Wie kommst du denn darauf?“
„Ich habe es verdient,“ erwiderte sie mit gespielter Empörung. „Außerdem muß ich dann kei-ne Befehle mehr von dir entgegennehmen.“
„Soso. Aber bis es soweit ist: stillgehalten!“ er zog sie an sich und riß die Bettdecke über ihre Köpfe, was sie mit einem vergnügten Quietschen quittierte.



Pünktlich um vierzehn Uhr hatten sich alle in der Beobachtungslounge versammelt und war-teten auf den Captain. Allerdings saß bisher niemand am Tisch; alle drängten sich an den Fenstern auf der Backbordseite und bewunderten den roten Feuerball links von ihnen, der ger-ade noch im Sichtfeld der Panoramafenster stand. Beteigeuze war von ihrer gegenwärtigen Position noch immer über dreißig Lichtjahre entfernt, aber subjektiv hatte man das Gefühl, man brauchte nur seine Hand auszustrecken, um sie zu berühren.
„Wenn Sie alle soweit wären, können wir jetzt anfangen. Ich habe noch Berge von Material vom Geheimdienst der Sternenflotte zu studieren.“
Alle waren vom Auftauchen ihres Kommandeurs überrascht worden und gingen nun rasch auf ihre Plätze. Das ernste Gesicht von Lennard sprach Bände, was ihre Lage betraf.
„Ich möchte Sie momentan nicht mit Details langweilen... nein, das ist das falsche Wort dafür. Beunruhigen wäre passender. Jedenfalls werden Sie alles genauer nachlesen können, was ich jetzt kurz zusammenfassen werde: es sieht nicht gut aus im Moment.
Bei den ersten Feindkontakten haben die Verbände von Sternenflotte und Klingonen schwere Verluste hinnehmen müssen. An fast allen Fronten sind wir zurückgefallen. Da das Dominion ohne die Verstärkungen aus dem Gamma-Quadranten auf sich und die Cardassianer gestellt ist, stehen sie gewissermaßen mit dem Rücken zur Wand. Sie haben es jedoch in kürzester Zeit geschafft, eine beeindruckende Infrastruktur im cardassianischen Raum aufzubauen und zu etablieren. Sie haben bereits mit dem Wiederaufbau der von uns zerstörten Werftanlagen begonnen; viel mehr konnten wir nicht in Erfahrung bringen, weil die Spionageabwehr des Dominion sehr effektiv alle unsere Informationsquellen methodisch eine nach der anderen ausschaltet.
Wir haben trotz der allgemeinen Lage die Order erhalten, weiter zum Tiragoni-System vorzu-stoßen und dort Stellung zu beziehen. Aus dem Inneren des Föderationsraumes ist eine Welle von mobilisierten Entsatzschiffen unterwegs, die bereits ausgemustert oder gerade in Wartung waren. Bis die ersten in unserem Sektor eintreffen, haben wir Order, sämtlichen Bedrohungen oder Vorstößen seitens der feindlichen Kräfte zu begegnen. Unser Testflug könnte also zu einer Feuertaufe werden.“
Lennard holte tief Luft und fuhr dann in höchst offiziellem Tonfall fort. „Junior Lieutenant Shania Dween, treten Sie vor.“
Überrascht folgte Dween der Aufforderung und trat ans Kopfende des Besprechungstisches, ungewiß über das, was jetzt kommen mochte. Der Captain hielt in einer Hand einen PADD und griff mit der anderen in eine kleine schwarze Schatulle, die zuvor niemand bemerkt hatte.
„Hiermit befördere ich Sie in den Rang eines Lieutenants. Die üblichen Floskeln sparen wir uns, wenn niemand etwas dagegen hat; wir sind schließlich im Krieg. Und glauben Sie mir, ich hasse den Krieg. Das soll jetzt niemanden beunruhigen, denn ich will damit nicht sagen, daß ich in seiner Ausübung nicht gut bin. Aber nichtsdestotrotz hasse ich ihn.“ Er entfernte Dweens zweiten Pin, der bei Junior Lieutenants schwarz war, und ersetzte ihn durch einen goldenen.
„Das war sehr ergreifend, Sir. Vielen Dank.“ Dween lächelte tapfer.
Lennard seufzte. „Ich weiß, Sie haben sich diesen Augenblick Ihrer Karriere anders vor-gestellt, Counselor. Wir alle sind uns wohl klar darüber, daß wir Gefangene dieser mißlichen Lage sind, aber wir sind dennoch Sternenflottenoffiziere und ausgebildet für nahezu alles, was uns erwarten mag. Und nun brauchen wir eine langfristig funktionierende Crew, was auch die entsprechenden Dienstränge beinhalten muß. Es liegt mir fern zu behaupten, daß diese Beförderung nur Mittel zum Zweck ist, denn ich bin überzeugt, daß jeder hier an Bord, der befördert wird, es auch verdient hat und seinem neuen Rang gerecht werden wird.
An Ihrem Gesichtsausdruck kann ich erkennen, daß Sie meine Aversion gegen bewaffnete Konflikte im intergalaktischen Stil nun nachvollziehen können.“
„Mehr als das, Captain, ich teile sie bereits. Und ich kann mir denken, daß eine Counselor in nächster Zeit hier an Bord bitter nötig sein wird. Die Anzahl der Besuche aufgrund dieses Themas hat in den letzten Zeiten bereits deutlich zugenommen...“
„Bitte, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Statusberichte der einzelnen Stationen. Wie gesagt, ich möchte das hier kurz halten. Danke, Counselor, das wäre alles. Viel Glück und Er-folg in Ihrem neuen Rang.“ Er hob bedauernd die Schultern und reichte ihr die Hand, die sie mit desillusionierter Miene schüttelte und sich dann wieder an ihren Platz zwischen Darrn und Merven setzte.
„Herzlichen Glückwunsch, Lieutenant. Nicht traurig sein, die Party holen wir im kleinen Rah-men nach.“
„Wenigstens kannst du mir jetzt nichts mehr befehlen,“ zischte sie ihm leise zu.
„Fähnrich Mi´dor Wenjorook, treten Sie vor.“
Natürlich verzog der Andorianer keine Miene, als er zu seinem Kommandanten trat. Lennard fuhr fort: „Da die taktische Station des Schiffes nun von besonderer Wichtigkeit ist und Sie bislang unter meiner Führung stets ausgezeichnete Arbeit geleistet haben, hat das Ober-kommando beschlossen, Sie direkt vom Fähnrich in den Rang eines Lieutenant zu erheben. Sie können stolz sein, das passiert nicht sehr oft. Meinen Glückwunsch.“
An seinen Kragen wurde neben dem ersten goldenen Rangabzeichen ein zweites geheftet. Als Wenjorook Lennards Hand nahm, zeigte sich auf seinem Gesicht doch ein Lächeln der Ge-nugtuung. Der blauhäutige Insektohumanoide setzte sich mit erhobenem Haupt auf seinen Sitz zurück.
Lennard verschwendete keine Zeit. „Lieutenant Merven Soares, treten Sie vor.“
Dweens Unterkiefer klappte herab, als der junge Trill sich neben den Captain stellte. „Auch die Navigation und Steuerung der Fairchild ist in Krisensituationen von essentieller Bedeu-tung, deshalb hat das Hauptquartier auf meine Empfehlung hin diesen außerordentlichen Schritt gemacht. Ich befördere Sie hiermit zum Lieutenant Commander und zum stellvertre-tenden Zweiten Offizier der Fairchild. Nicht viele sind bereits in diesem Alter so weit ge-kommen... nun, ich war einer davon, ohne unbescheiden sein zu wollen.“
Unter höflichem Gelächter der anderen bekam Merven zu seinen zwei goldenen Pins einen dritten schwarzen an den Kragen geheftet. Mit einem strahlenden Grinsen sagte er: „Ich danke Ihnen, Sir. Was meinen Sie, werde ich in ihrem Alter auch ein Captain sein?“
„So schlimm steht die Lage nun auch wieder nicht, Mr. Soares. Lassen Sie uns hoffen, daß es nicht so weit kommen wird.“ Wieder lachten einige der Anwesenden.
Während der Captain den Nächsten aufrief, ließ sich Merven in seinen Stuhl zurückgleiten und flüsterte dabei Dween unverschämt grinsend zu: „Stillgestanden, Lieutenant.“
Sie bedachte ihn mit einem erbosten Blick und erwiderte ebenso leise: „Jetzt werd’ bloß nicht größenwahnsinnig; ihnen blieb gar nichts anderes übrig, als dich zu befördern. Sie wollten es gar nicht, aber sie mußten es angesichts der Lage.“
„Das besprechen wir nachher bei unserer kleinen Party, okay?“



Lennard saß noch an den Geheimberichten zum Kriegsgeschehen und war ziemlich müde, als sein Türsummer ertönte. Gereizt rief er: „Herein.“
Als er Dween hereinkommen sah, stöhnte etwas in ihm innerlich auf. „Counselor?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Sie behelligen soll oder nicht...“ begann sie zögernd.
„Aber ich.“
„Bitte, Sir, hören Sie mich wenigstens kurz an.“ Bei ihrem drängenden Blick wurde ihm klar, daß dieses Gespräch womöglich länger dauern würde, wenn er ihre Bitte ablehnen würde.
Er nickte schwach, worauf sie sich setzte. „Danke. Ich habe vorhin angesprochen, daß sich die Besuche bei mir in den letzten Tagen vermehrt haben. Einerseits ist dies natürlich auf den Ausbruch des Krieges zurückzuführen, was bei einigen unter der Crew zu Sorgen und großen Ängsten geführt hat. Es gibt auch einige, die mich aus einem anderen Grund aufsuchen, aber alle aus demselben.“
„Das klingt so, als seien Sie da auf etwas gestoßen. Spannen Sie mich nicht auf die Folter, Mrs. Dween.“ Lennard stützte seinen Kopf auf, nun doch interessiert.
„Es sind sechs Mannschaftsmitglieder, die aufgrund intensiver, sich in den letzten Nächten öfters wiederholenden Träumen zu mir gekommen sind. Das Faszinierende dabei ist, daß alle von der Erde stammen und ihre Träume eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, oder sich zu-mindest im selben Umfeld abspielen.“
Sein Kopf ruckte hoch. „Träume? Sie... Sie scherzen!“
„Soll das etwa heißen, daß Ihnen auch so etwas widerfahren ist? Sie haben von irdischen Ein-geborenen geträumt?“
Sein Mund stand weit offen vor Staunen, als er bejahte. „Ein paarmal in den letzten paar Wo-chen, aber ich habe es nicht als überaus intensiv empfunden, eher als entspannend. Es war auch immer nur ein einzelner, ein Aboringine.“
„Wie bitte?“
„So nennt man die Ureinwohner von Australien. Ich habe ihm dabei zugesehen, wie er sich ein Didgeridoo gebaut hat, ein einfaches Musikinstrument. Beim erstenmal hat er dafür einen Baum gefällt, beim zweiten Mal hat er die Rinde entfernt und die Außenseite glattgemacht. Ich konnte ihm in mehreren Träumen dabei zusehen und mich sogar mit ihm unterhalten. Ich hatte mein normales Aussehen und meine Uniform an, aber er schien es gar nicht zu bemer-ken oder zu ignorieren.“ Nachdenklich schweifte sein Blick ab.
„Interessante Details. Ich habe noch jemanden, der in seinen Träumen in einem Aboriginee-Dorf war, sowie fünf, die von nordamerikanischen Eingeborenen träumten, alle von unter-schiedlichen... sagt man Stämmen?“
„Ja. Konnten Sie denn irgendwelche Schlüsse aus dieser Anhäufung von Träumen ziehen?“
„In der Tat. Darf ich Sie jetzt auf die Krankenstation bitten? Es wird nicht lange dauern.“ Sie erhob sich und musterte den fragenden Ausdruck auf Lennards Gesicht.



„Es steht außer Zweifel, Captain. Wir haben hier etwas gefunden. So etwas habe ich mir schon gedacht.“ Bordärztin Endi trat neben einen Wandmonitor und rief auf ihm die Resultate der Analyse auf, die sie von seinem Blut gemacht hatte.
„Sehen Sie die Aufschlüsselungssequenzen Ihrer DNS hier? Ich habe auf Bitten der Coun-selor nach spezifischen Elementen darin gesucht und bin auch prompt fündig geworden. Die meisten davon sind rezessiv, weshalb sie wohl bei früheren Routineuntersuchungen nie be-merkt wurden. Naja, wenn man nicht weiß, daß man danach suchen muß...“
„Doktor, bitte. Was wollen Sie mir sagen? Bin ich krank?“ Ungeduldig wartete Lennard auf eine Erklärung.
„Aber nein, Captain, es ist nur so, daß Sie einen geringen Anteil von DNS in sich tragen, wie sie für die australischen Ureinwohner typisch ist. Und zwar genau ein Zweiunddreißigstel, was bedeutet, daß sie vor fünf Generationen einen Aborigine als Vorfahren hatten.“
„Waaaas? Sind Sie auch ganz sicher? Ich stamme aus Neuseeland, das ist eine zweigeteilte Insel weit vor der Küste Australiens. Und ich kann mich nicht daran entsinnen, innerhalb mei-ner Geschichte jemals etwas von einem australischen Eingeborenen in der Familie erfahren zu haben.“ Er konnte nicht fassen, was ihm da offenbart wurde.
„Genau wie bei den anderen sechs Personen. Alle sind von der Abstammung her ganz oder zum Teil Eingeborene ihrer Heimatkontinente. Was das mit ihren Träumen oder gar unserer Mission zu tun haben soll, kann ich mir nicht erklären.“ Endi strich sich ihre blonden Haare zurück.
„Haben Sie die medizinische Datenbank nach ähnlichen Fällen durchsucht?“
„Jawohl, Sir. Nichts zu finden.“ Die Bordärztin nahm einen medizinischen Tricorder und ent-nahm dem oberen Ende die Sonde zur genaueren Untersuchung.
„Und in den Aufzeichnungen der Sternenflotten-Datenbank? Irgendetwas in den allgemeinen Aufzeichnungen über solche Häufungen von Träumen?“ wollte er unzufrieden wissen.
„Daran hatten wir noch nicht gedacht,“ gab Dween zu.
„Dann tun Sie das jetzt. Ich möchte genau wissen, ob dieses Phänomen aufgrund der ge-spannten Lage auftritt oder ob es dafür eine andere Erklärung gibt.“
„Ich werde das übernehmen, Sir,“ bot sich die Counselor an.
„Gut, erstatten Sie mir Bericht, sobald Sie etwas Konkretes entdecken.“
Endi nickte ihm zu. „Sie können dann gehen.“
„Danke, Doktor. Und behandeln Sie diese Angelegenheit vorläufig als vertraulich, schließlich sind mit den Träumen dieser Besatzungsmitglieder private Angelegenheiten zur Sprache ge-kommen.“
„Selbstverständlich.“



„Wir treten in einer Stunde ins Tiragoni-System ein, Captain,“ informierte Merven am näch-sten Morgen kurz nach Beginn der Alpha-Schicht.
„Danke, Mr. Soares. Mrs. Wuran, haben Sie bereits einen Fernbereichsscan durchgeführt?“
„Jawohl, Sir. Ich muß Ihnen allerdings mitteilen, daß durch das Strahlungsprofil des Mutter-sterns gewisse Funktionen der Sensoren erheblich gestört werden, die Ortung anderer Schiffe beispielsweise, oder die Erfassung von Lebenszeichen auf weite Entfernungen. Außerdem wird das Standard-Subraumsignal der Föderation immer schwächer; ich fürchte, wir könnten den Kontakt verlieren, wenn wir ins System eintreten.“
„Haben Sie noch weitere gute Neuigkeiten?“ wollte Lennard ironisch wissen.
„Momentan nicht, Sir, aber ich werde es Sie wissen lassen.“ Wuran gab einige Befehle in ihre Tastatur ein. „Möchten Sie statt dessen ein Übersichtsprofil des Tiragoni-Systems? Der Hauptcomputer hat eine aktuelle Version anhand der Sensorendaten erstellt.“
„Legen Sie es auf den Bildschirm.“ Interessiert richtete der Captain der Fairchild sich in sein-em Sessel auf, als sich an der Vorderwand der holographische Sichtschirm aufbaute. Als Hin-tergrund fungierte die Schwärze des Weltalls, am linken Rand erschien ein kleiner Teil der Tiragoni-Sonne, die einen leicht rötlichen Farbton besaß. Unter ihr wurden ihre Daten in weißer Standardschrift angegeben:

Tiragoni
Klasse K1
Ø 4’082’007 km
5’300 K Oberflächentemperatur

Rechts daneben waren wie an einer Perlenkette aufgereiht sieben Planeten auf ihren stili-sierten Umlaufbahnen dargestellt. Die inneren fünf waren allessamt kleinere Welten mit phy-sikalisch erdähnlichen Eigenschaften, wobei sie zumeist nicht vielmehr als große Felskugeln sein mochten. Dabei fiel auf, daß der dritte und vierte Planet sich auf derselben Umlaufbahn um die Sonne bewegten, in einem Abstand von sechzig Grad zueinander. Lennard fand diese sogenannte Lagrange-Beziehung äußerst bemerkenswert, da er zwar schon viele solcher Phä-nomene bei Monden gesehen hatte, jedoch nie bei Planeten, die direkt um eine Sonne krei-sten. Zunächst erschienen die Daten der inneren fünf Welten:

NameKlasseØ (km)Abstand zur Sonne (Mill. km)Umlaufzeit (J)Tiragoni ID15831020,78Tiragoni IIJ78111781,30Tiragoni IIII50012622,01Tiragoni IVH212942622,01Tiragoni VL170863693,00


„Das sind recht interessante Daten,“ bemerkte Dween. „Sehen Sie den fünften Planeten? Er ist Klasse L, das heißt erdähnlich, aber ohne seismische Aktivitäten.“
„Stimmt. Den sollten wir uns später näher ansehen. Und...“ Lennard stockte der Atem, als er das Abbild von Tiragoni VI erblickte, das nun erschien. Es zeigte einen Gasriesen, der unge-fähr die gelblichen und rötlichen Färbungen des Jupiter aufwies und einen enormen dunklen Ring um seine Äquatorialebene herum trug. Außerdem war seine Achse stark zur Umlauf-bahn hin gekippt. Diese wies eine starke Exzentrik auf und führte ihn bis auf einen Abstand zwischen dem zweiten und den beiden Lagrange-Planeten an die Sonne heran.
„Wow, das sieht nach einem... dieser Planet dürfte so Einiges in dem Sonnensystem dort durcheinanderbringen. Wuran, können Sie mir die Daten nennen?“ Lennard war wirklich schon auf eine Menge an seltsamen Dingen auf ihren Kartographierungsmissionen gestoßen, doch dieser Planet schlug wirklich alles.
„Tiragoni VI, ein Gasriese der Klasse A, Äquatorialdurchmesser 387’000 km, momentane Oberflächentemperatur 159 Grad Kelvin, Achsenneigung 81 Grad. Die Umlaufbahn selbst reicht von 498 Millionen km bis zu 198 Millionen km an die Sonne heran, die Umlaufzeit be-trägt 7 Jahre und 191 Tage. Dabei kommt der Planet den anderen innerhalb dieser Entfer-nungsspanne zeitweise gefährlich nahe. Der Ring dieser Welt hat einen Außendurchmesser von 2’228’000 km, eine Stärke von über 40’000 km und besteht überwiegend aus Fels und Metallerzen. Er besitzt etwa 47 Erdmassen.“
„Das ist ja beinahe schon ein Asteroidengürtel. Ich habe noch nie einen derart großen Ring im Verhältnis zum Planeten selbst gesehen. Ich möchte nicht auf einem der inneren Planeten sein, wenn dieser Koloß vorbeizieht und ein Teil seines Ringes in deren Anziehungsbereich gerät,“ bemerkte Lennard mit ehrfürchtigem Staunen.
Wuran bemerkte: „Sie haben recht, Captain. Ersten Fernabtastungen zufolge sind die Ober-flächen der Planeten II, III, IV und V ziemlich zerklüftet, soweit ich das beurteilen kann.“
„Und der äußerste Planet?“ wollte Leardini wissen.
„Eine Welt der Klasse N Minus mit 11’081 km Durchmesser...“
Lennard unterbrach Wuran: „Sagten Sie ‘N Minus’?“
„Ja, Sir. Eine Welt der Klasse N, also vollständig von Wasser bedeckt, aber durch die große Entfernung zur Sonne gefroren. Die gesamte Welt ist von einem Eispanzer umgeben; ich ver-mute, wenn diese Welt keine Tektonik besitzt, sind die Ozeane bis auf den Grund durch-gefroren. Leben werden wir wahrscheinlich dort keines finden.“ Bedauernd hob die Bajorane-rin ihre Schultern.
„Man kann nicht alles haben,“ steuerte Leardini mit schlecht verborgener Ironie bei.
„Welche Welt werden wir auf unserem Kurs zuerst erreichen?“ wollte Lennard mit mißmu-tigem Seitenblick auf seine Erste Offizierin wissen.
„Den dritten, Sir. Von ihm aus können wir bei der momentanen Konstellation beinahe in gerader Linie über den zweiten, ersten und vierten hinaus bis zu dem fünften und dem her-ausragenden sechsten Planeten fliegen. Dieser befindet sich zur Zeit auf der äußeren Schleife seiner Bahn, wird aber in kurzer Zeit den nächstinneren passieren und sich dann immer weiter und schneller systemeinwärts bewegen, bis er das Perihel erreicht haben wird. Darauf folgt er dem gleichen Muster wieder zurück auf die sechste Umlaufbahn.“ Merven ging ganz in sein-em Element auf, indem er seine Instrumente abfragte.
„Und als letztes nehmen wir uns dann den Äußersten vor,“ ergänzte Lennard, leicht ange-steckt von der Begeisterung seines Navigationsoffiziers.
In diesem Moment sah Wenjorook auf. „Sir, ich habe soeben ein paar schwache Signale aus dem System von Tiragoni aufgefangen. Es war nichts Konkretes und nur für einen Moment auf den Anzeigen, aber ich werde sicherheitshalber die Sensorenaufzeichnungen durch-gehen.“
„Tun Sie das, Combat. Wir müssen so nahe der Grenze mit allem rechnen.“ Besorgt runzelte Lennard die Stirn.
Der Andorianer erstarrte und sah dann langsam auf. „Es könnte sich um die Reste einer Warpsignatur handeln, Sir, aber ich kann das weder bestätigen noch etwas lokalisieren.“
„Halten Sie jedenfalls die Augen offen. Wir machen weiter wie geplant.“












































- 4 -

Als Merven und Dween Dienstschluß hatten, waren sie bereits im Orbit von Tiragoni III und kartographierten die Oberfläche unter der flüssigen, dichten Atmosphäre der kleinen Welt.
„Und was hast du dir diesmal Schönes ausgedacht?“ wollte sie wissen, als sie in den Turbolift stiegen.
„Kein Holoprogramm diesmal. Computer, Deck zehn, Sektion eins bugwärts.“
Sie runzelte die Stirn. „Willst du zuerst noch in dein oder mein Quartier?“
„Nein, aber ganz in die Nähe. Wir hätten schon viel früher dorthin sollen.“ Er hielt inne, als der Lift stoppte und sich die Türen öffneten.
„Jetzt verstehe ich.“ Sie trat in eine grüne Parklandschaft unter einem blauen Himmel. „Das Arborethum.“
„Es geht doch nichts über echte Pflanzen.“ Merven nahm Dween bei der Hand und ging mit ihr einen Kiesweg entlang, vorbei an Büschen, kleinen Bäumen und anderen exotischen Pflanzen. An einem Gummibaum blieb er stehen und strich mit seiner Hand über ein Blatt in Augenhöhe.
„Weißt du, früher hatte ich immer das, was man den ‘schwarzen Daumen’ nennt, doch seit meiner Vereinigung besitze ich ein umfassendes Wissen über die Aufzucht und Pflege von Pflanzen jeglicher Art und Herkunft. Was meinst du, soll ich mir ein paar davon anschaffen?“ Nachdenklich sah er sie an.
„Warum nicht?“ Sie sah sich um. „Der Hintergrund hier ist aber holographisch geschaffen, oder?“
„Natürlich. Das Arborethum erstreckt sich über zwei Decks in der Höhe und ist selbst ein Stück größer als die Holodecks. Hier scrollt der Boden nicht unter dir hinweg, wenn du um-herläufst. Komm!“ Er zog sie zu einer schmiedeeisernen Bank mit hölzernen Sitzlatten und ließ sich mit ihr darauf nieder.
Sie sah sich um und meinte dann: „Es ist aber nicht sehr gut besucht.“
„Im Moment jedenfalls. Das kann sich jedoch jederzeit ändern,“ erinnerte er sie und brachte sie so von dummen Gedanken ab.
Schmollend erwiderte sie: „Manchmal kannst du schrecklich vernünftig sein, weißt du das?“
„Schlimm genug, daß ich das sein muß. Als Halbvulcanierin sollte diese Rolle eigentlich dir zufallen. Aber es ist doch trotzdem schön hier, meinst du nicht auch?“
Anstatt einer Antwort küßte sie ihn und erwähnte dann wie nebenbei: „Aber was unsere Ab-machung angeht... könnten wir da nicht ab und zu eine kleine Ausnahme machen? Ich meine, daß wir keine Abenteuer auf dem Holodeck aufrufen. Bisher hatten wir ja nicht allzuviel Streß und Aufregung. Und bis sich das ändert, könnten wir doch...“
„Also gut,“ willigte er ein, „aber wirklich nur, solange wir nicht in eine heiße Phase des Krie-ges geraten. Hast du etwas Bestimmtes im Sinn?“
„Noch nicht. Nicht heute. Aber etwas zu Essen wäre jetzt nicht übel.“ Sie stand wieder auf.
„Das war aber ein kurzer Aufenthalt. Glaubst du denn, du erträgst ab jetzt die Öffentlichkeit der Offiziersmesse?“ Er schien ein wenig enttäuscht darüber, daß sie schon wieder gehen wollte.
„Ich denke schon. Ich hatte inzwischen genügend Zeit, mich an die seltsamen Blicke der an-deren zu gewöhnen und die Tatsache zu akzeptieren, daß ich den wahren Grund dafür wohl niemals erfahren werde. Aber ja, wir können von mir aus gehen.“
„Wunderbar.“ Merven trat zum Ausgang hin, der in einen Turbolift führte und betrat diesen. „Deck zwei vorne, Offiziersmesse. Und was wollen wir uns gönnen?“
„Terranisch-chinesisch oder Vulcanisch-Galbo.“ Sie seufzte zufrieden. „Und danach gehen wir aufs Holodeck, ja?“
„Du bist wohl süchtig?“ fragte er halb im Scherz, aber nicht ohne Besorgnis.
„Ein kleines Bißchen vielleicht. Aber wenn du willst, kannst du das Programm aussuchen,“ sagte sie gönnerhaft.



Leardini kam ohne einen bestimmten Grund in den Bereitschaftsraum des Captains und fand diesen bei dem trapezförmigen Fenster vor, das einen Blick nach Steuerbord über die Unter-tassensektion bot, mit dem blaßrosa schimmernden Planeten im Hintergrund, um den sie noch kreisten.
Als er sie bemerkte, stand sie schon hinter ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter, was für sie gar nicht so einfach war, da er etwa anderthalb Kopf größer als sie war. Gedankenver-sunken wandte er sich zu ihr hin und legte beide Arme um sie, so daß seine Hände auf ihrem Rücken lagen. Dann zog er sie an sich.
„Warum so schmusig heute, Sir?“ wollte sie vorwitzig wissen.
„Ich muß nur an das denken, was uns noch alles bevorstehen mag, wenn wir mit der Er-kundung dieses Systems fertig sind und womöglich gleich an die Front beordert werden. Wir wissen nicht, wie lange wir im Krieg sein werden, wie er ausgeht und wen er uns alles ent-reißen wird. Es wird viel von uns abverlangt werden; von mir als Kommandant des Schiffes Entscheidungen, die die ganze Crew das Leben kosten kann.“
„Fühlst du dich dem nicht gewachsen?“ wollte sie besorgt wissen und befreite sich aus seiner sanften Umarmung, um sich vom Fenster zu entfernen.
„Doch, das schon,“ beruhigte er sie, „ich wollte mir nur auch einmal einen Moment der Schwäche erlauben, wenn ich ansonsten so hart sein muß. Hier in meinem stillen Kämmerlein kann ich das bedenkenlos.“
„Nun, vorerst haben wir noch eine Gnadenfrist. Tiragoni III ist unbewohnt; was kann man denn schon anderes erwarten von einer Welt der Klasse I mit einer dichten, flüssigen Atmo-sphäre ohne freien Sauerstoff und einer Gravitation von 0,2 g? Jedenfalls arbeiten sämtliche Sensorenphalanxen unter den hier herrschenden Bedingungen recht gut, aber bei den beiden sonnennächsten Planeten könnte die Strahlung uns Probleme bereiten. Das hohe Niveau im Röntgenspektrum bei einer so kleinen Sonne der Klasse K1 ist doch sehr ungewöhnlich, genau wie der hohe Anteil an schweren Elementen in ihr. Die Stellardynamiker haben bereits um die Erlaubnis gebeten, zwei Sonden umzurüsten und zur Sonne zu schicken; ich wollte ihnen die Genehmigung dafür geben.“ Erwartungsvoll sah sie ihn an und setzte sich dabei auf die Kante seines Bettes.
Als er ihr Schweigen registrierte, sah er sie an und schien zu sich zu kommen. „Oh, ja, du kannst ihnen grünes Licht geben. Wie funktioniert die Sonde, die wir in die Atmosphäre des Planeten geschossen haben?“
„Tadellos. Bislang können wir uns über nichts beklagen, was die Technik der Fairchild be-trifft. Aber über große Entfernungen ist hier einfach nichts zu machen, wir erhalten weder Subraumkommunikation noch genauere Sensorenwerte.“ Sie sah ihn unverwandt an, als er sich artig neben sie setzte.
„Wann sind wir denn fertig mit den Vermessungen von Tiragoni III?“ wollte er wissen. In diesem Moment wurde das Licht langsam auf ein niederes Niveau abgedämpft. Gamma-Schicht.
„Heute Nacht gegen Drei Uhr. Wir werden gemäß deiner Anweisung nur mit einem Viertel Impuls innerhalb des Systems fliegen, um Emissionen zu vermeiden. Durch die relativ gün-stige Konstellation der Planeten zueinander brauchen wir nicht einmal eine Stunde zum zwei-ten Planeten, einer winzigen Welt der Klasse J mit weniger als 8000 km Durchmesser. Es ist ein mondähnlicher Körper, atmosphärelos und von Kratern zerfurcht. Seine Vermessung werden wir von einem niedrigen Orbit aus noch während der Nacht abschließen. Ehrlich gesagt erwarte ich mir nicht allzuviel von diesem Felsklumpen.“ Sie lehnte sich ein wenig zurück und ließ sich dann auf die Liegefläche fallen.
„Kannst du mir einen Gefallen tun und dem Brückenoffizier der Gamma-Schicht sagen, daß sie bei einem Abschluß der Untersuchungen von Tiragoni II ohne besondere Ergebnisse gleich Kurs auf den ersten Planeten setzen sollen? Ich fürchte, ich werde noch eine Weile hier zu tun haben.“ Bedauernd hob er die Schultern.
„Schon verstanden. Ich bin schon weg, Sir, lassen Sie sich nur nicht von mir stören.“ Mit lan-ger Miene erhob sie sich wieder und machte sich auf den Weg.
„Das wäre dann alles, Commander,“ rief er ihr nach, als sie bereits zur Tür hinausrauschte. Verwundert steckte er den Kopf zur Tür heraus und murmelte noch: „Sie können jetzt wegtre-ten!“
Auf der Brücke starrten ihn alle an. Na, egal, das gehörte auch dazu, dachte er und zog sich wieder in seinen Raum zurück, um sich an seinen Schreibtisch zu setzen, wo er das Compu-terterminal aktivierte.



Tatsächlich hatte die Vermessung von Tiragoni II nichts Weltbewegendes ergeben. Als Len-nard nach Beginn der Alpha-Schicht die Brücke betrat und nach dem Stand der Dinge fragte, befanden sie sich bereits im Orbit des sonnennächsten Planeten und tasteten nun auch dessen Oberfläche mit den Nahbereichssensoren ab. Die Stellardynamik hatte bereits eine Erkun-dungssonde zur Sonne geschickt und war bei der Datenaufzeichnung. Da sie aufgrund der In-terferenzen von Tiragoni keine Signale von der Sonde empfangen konnten, hatten sie sie so programmieren müssen, daß sie nach Beendigung der Messungen zurückkehren würde.
Lennard saß grübelnd in seinem Sessel, was Dween, die gerade auf ihrem Brückenplatz war, nicht verborgen blieb. „Macht Ihnen etwas Sorgen, Captain?“
„In der Tat, Counselor, mir gefällt es nicht, daß wir hier in diesem System blind und taub her-umkurven und so tun, als würde der Krieg nicht existieren. Außerdem machen mir diese Phantomsignale Kopfzerbrechen, die wir vor Eintritt in die Systemperipherie empfangen hab-en. Wenn unsere Sensoren nicht zu den besten der gesamten Flotte gehören würden, könnte ich es vielleicht als zufälliges Echo abtun, aber so will und kann ich das nicht tun,“ berich-tete Lennard mißmutig.
„Wie wäre es, wenn wir das Schiff in einen äußeren Lagrangeorbit über die Nachtseite von Tiragoni I steuern und eine Sonde zur Vermessung konfigurieren? Sie müßte die Kartograph-ierung ebensogut erledigen können, während wir mit unseren Nahsensoren von der sonnen-abgewandten Seite aus, unbeeinflußt von der störenden Strahlung der Sonne, scannen könn-ten. Habe ich etwas Falsches gesagt?“ fragte Dween noch zum Schluß, als Lennard langsam aufgestanden war und sie mit offenem Mund anstarrte.
„Haben das alle gehört?“ wollte er mit tragender Stimme wissen. „Wieso muß erst die Schiffsberaterin kommen, um mir eine so gute Lösung für eines unserer derzeit größten Prob-leme anzubieten? Ausgezeichnet, Mrs. Dween. Ops, Conn, haben Sie das alles mitgekriegt?“
Merven sah über die Schulter und nickte der leicht erröteten Counselor mit ehrlicher Ehrer-bietung zu. „Verstanden, Sir. Ich setze Kurs auf den äußeren Lagrangepunkt im Strahlungs-schatten von Tiragoni I.“
Er sah hinüber zu Darrn, worauf dieser den Faden aufnahm: „Ich konfiguriere eine Sonde und bereite sie auf den Abschuß vor.“
Wenjorook fügte hinzu: „Und ich lade das vordere Torpedokatapult und bereite die Sensoren-phalanx für die Scannung vor.“
„Das klappt ja auf einmal...“ bemerkte Leardini süffisant, brach dann jedoch ab, als sich sämtliche Stationen nach ihr umsahen.
„Wir sind auf Position, Captain,“ konnte Merven schon nach wenigen Minuten vermelden.
„Sehr schön. Dann wollen wir mal.“ Der Captain sah zu, wie die Sonde von seinem Sicher-heitschef gestartet und die Sensoren justiert wurden.
Darrn meldete: „Die Vermessungssonde hat mit der Aufzeichnung begonnen, Sir. Ich habe den Kontakt jetzt verloren, da sie hinter den Planeten getreten ist.“
„Sie wird ihre Arbeit verrichten, da bin ich mir ziemlich sicher. Wie lange wird sie etwa brau-chen, um die von uns begonnene Kartographie zu vollenden?“
„Nur etwa eine Stunde, Captain,“ berichtete Darrn. „Die Solarsonde sollte jedoch schon vor-her zurückkehren.“
„Gut, dann warten wir,“ entschied Lennard.



Sie hatten die Solarvermessungssonde gerade eingeholt und warteten auf die Rückkehr der planetaren Kartographierungssonde, als sich Wenjorook nochmals meldete: „Captain, ich glaube, ich habe da etwas. Es sind drei schwache Signale.“
Sofort war Lennard bei ihm. „Drei! Es riecht nach den Jem’hadar in diesem System, wenn sie mich fragen.“
„In der Tat, Sir, auch wenn wir sie noch nicht identifizieren können. Sie sind meistens zu dritt.“ Wenjorook nahm einige Verbesserungen an den Einstellungen vor und präzisierte dann: „Es sind eindeutig drei gleich große Objekte, offenbar im Orbit von Tiragoni V.“
„Wenn das wirklich Jem’hadar sind, dann können sie uns noch nicht entdeckt haben, denn sonst hätten sie uns schon längst angegriffen. Aber warum versuchen wir nicht den gleichen Trick, den sie mit uns gemacht haben, als wir Alpha Cygnus angeflogen haben?“ Lennard sah fragend zu Merven hin.
„Sie meinen, wir sollen mit der Sonne im Rücken auf sie anfliegen? Nun, das könnte funk-tionieren, allerdings müssen wir damit rechnen, daß die Reichweite der Zielerfassung stark eingeschränkt sein wird. Bei dem Gegner wird es jedoch genauso sein, was uns einen gewis-sen Ausgleich verschafft. Darf ich empfehlen, daß wir nur mit Impuls fliegen, damit unsere Energieabstrahlung möglichst gering gehalten wird?“
„Guter Vorschlag, Mr. Soares. Wie lange brauchen wir mit halbem Impuls?“
„Eine Stunde und sieben Minuten. Soll ich auf Kurs gehen, Sir?“
„Ja, machen Sie’s so. Gelben Alarm auslösen, sämtliche Waffensysteme scharfmachen.“ Len-nards Gesichtszüge wurden hart, als er auf seinen Platz zurückging. Wahrscheinlich stand ihn-en nun der erste Nahkampf mit einem Geschwader Jem’hadar-Angriffsschiffen bevor, worauf er sich nicht unbedingt freute.
Bereits zwanzig Minuten später jedoch gab es eine unerwartete Wendung der Ereignisse.
„Captain, ich stelle einen erhöhten Energieausstoß bei den gegnerischen Schiffen fest. Es könnte sein, daß sie uns entdeckt haben.“ Ratlos studierte Wenjorook seine Anzeigen.
„Aus dieser Entfernung? Sie machen Witze!“ Ungläubig fuhr Leardini aus ihrem Stuhl hoch.
„Roten Alarm! Wenn sie einen Warpsprung auf uns zu machen, kann es nur Sekunden dau-ern, bis sie bei uns sein können,“ sagte Lennard alarmiert.
Merven rief fassungslos: „Sie sind auf Warp gegangen, haben aber einen Kurs in den cardas-sianischen Raum hinein eingeschlagen. Geschwindigkeit über Warp Neun. Sie... sie haben das System verlassen.“
„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr,“ gestand Leardini ein. „Sie sind geflüchtet? Wir sprechen hier doch von Jem’hadar, oder etwa nicht?“
„Bestätigt,“ meldete Darrn, „Die Warp-Signaturen entsprechen eindeutig denen von Jem’hadar-Schiffen. Jetzt, da sie mit vollem Energieausstoß davonfliegen, kann man es zwei-fellos identifizieren.“
„Da stimmt etwas nicht. Das Dominion geht nie einem Kampf aus dem Wege... es sei denn, es gibt einen guten Grund dafür. Und den sollten wir herausfinden, wie ich meine. Bleiben Sie auf Kurs, Conn, wir sehen uns Tiragoni V genauer an.“ Lennard rieb sich nachdenklich das Kinn.
„Sollen wir die Geschwindigkeit erhöhen, Sir? Jetzt, da die Gegner nicht mehr in Reichweite sind und ohnehin von unserer Anwesenheit wissen...“ schlug Merven vor.
Dween entgegnete: „Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Es könnte auch reiner Zufall gewe-sen sein, daß sie dieses System erkundet haben und gerade jetzt zurückgerufen wurden oder ihren Scan abgeschlossen haben. Wenn das der Fall wäre, würden wir ihnen unsere Anwesen-heit vielleicht verraten, wenn wir jetzt auf Warp beschleunigen.“
„Ein guter Einwand, Counselor,“ bemerkte Lennard, worauf sich Merven umdrehte und ihr einen bösen Blick zuwarf, was sie mit einem Achselzucken und verlegenen Lächeln quittierte.
„...aber ich denke, daß sie bei diesem hohen Tempo jetzt schon so weit weg sind, daß sie uns bei diesen starken Interferenzen im System nicht einmal mehr orten können, wenn wir auf Warp gehen. Mr. Soares, welche Geschwindigkeit halten Sie für angebracht?“
Nun war es an Merven, selbstzufrieden zu grinsen. „Mit Warp Zwei können wir noch sicher reisen; höher sollten wir allerdings nicht gehen, Sir.“
Dann gehen wir auf Warp Zwei. Energie.“ Lennard lehnte sich zurück und beobachtete den Warptransfer, dann fiel sein Blick auf die rot leuchtenden senkrechten Lichtbalken, die in die schmalen Stützträger der Brückenkonstruktion eingelassen waren. Den nervenden Hupton nahm er schon gar nicht mehr wahr.
„Und gehen Sie auf Gelben Alarm, aber bleiben Sie trotzdem alle in höchstem Maße auf-merksam. Wir wissen nicht, ob sich nicht vielleicht doch noch Schiffe irgendwo verstecken.“ Er sah reihum in die von Anspannung gezeichneten Gesichter seiner Brückenbesatzung.
„Wir gehen unter Warp und treten in einen Standardorbit um Tiragoni V ein,“ meldete Mer-ven nach weniger als einer Minute Warpflug.
„Sofort einen Überblick über diese Welt mit den Nahbereichssensoren verschaffen und mit der Vermessung des Planeten beginnen.“ Wie immer, wenn sie zum ersten Mal eine neue Welt erreichten, lehnte er sich voller Interesse vor, als könne er so besser erkennen, was sich vor ihnen auf dem Hauptbildschirm abzeichnete. In diesem Falle war es eine türkis schim-mernde Welt, die von Wolken überzogen war.
Wuran las die ersten Anzeigen ab, die sie bekam: „Eine Welt der Klasse L ohne Tektonik, ein Großteil ist mit Wasser überzogen, die Pole besitzen kleine Eiskuppen, Achsenneigung nur 15 Grad von der Ekliptik. Äquatorialdurchmesser 17’086 km, mittlere Entfernung von der Sonne 269 Millionen km, Umlaufzeit um die Sonne genau 3 Erdjahre. Eine Rotationsperiode beträgt 72,5 Stunden, die Gravitation 1,39 g.“
„Klingt ganz so, als würden sich Vulcanier dort wohl fühlen können.“ Merven grinste, als es nun an Dween war, ihn wütend anzufunkeln und Leardini sich ein Kichern nicht verkneifen konnte, da sie wohl an das Ereignis denken mußte, als Merven von der hohen Gravitation in Dweens Quartier überrascht worden war.
„Ich habe jetzt genauere Daten über die Oberfläche: 92 Prozent sind mit Wasser bedeckt, der einzige Kontinent ragt aus der südlichen Polarkappe heraus und zieht sich in einer länglich gewundenen Form bis hin zum 47. südlichen Breitengrad hinauf. Die Fläche beträgt etwa 9,2 Millionen Quadratkilometer und beinhaltet von der Kältewüste und Tundra im Süden bis hin zu tropischen Regenwäldern und Sandwüsten im Norden praktisch alle Klimazonen, wie sie auf einem Planeten der Klasse L oder M angetroffen werden können. Es gibt ein paar sehr alte Faltungsgebirge, die jedoch nicht sehr hoch sind. Davon abgesehen ist die Oberfläche sehr zerklüftet und weist Myriaden von steilen Erhebungen auf, die höchste davon vor der ge-mäßigten Ostküste im Meer mit fast einhundert km Höhe.“ Wuran hielt erstaunt inne, als sie diese Daten ablas.
„Zweifellos eine Folge der wiederholten Bombardierung mit Teilen aus dem Ringsystem von Tiragoni VI. Das Material in diesem Ring muß sehr robust und hart sein, wenn es in so großer Zahl die Aufschläge auf dem Planeten übersteht,“ mutmaßte Wenjorook.
„Ja, und leider behindern sie auch die Sensoren,“ reklamierte Wuran. „Darf ich einen geo-stationären Orbit über der Kontinentmitte vorschlagen, wenn wir eine erste Vollumrundung abgeschlossen haben? In dem Ozean gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht viel, was das Dominion interessieren dürfte.“
„In Ordnung.“ Lennard sah sich auf der Brücke um. „Hat irgend jemand eine Ahnung, was sie auf dieser Welt gesucht haben könnten?“
Brütendes Schweigen ringsum. Lennards Kopf sackte nach vorne. „Ich verstehe. Wir machen unseren Umlauf im Standardorbit und gehen dann auf einen niedrigen geostationären Punkt, wenn nötig mit Triebwerksunterstützung.“



Knapp zwei Stunden später saßen alle Führungsoffiziere in der Beobachtungslounge und war-teten auf die Ergebnisse, die Wuran in wenigen Minuten liefern würde. Er hatte sich für diese Vorgehensweise entschieden, um eventuell zu ergreifende Maßnahmen mit der Crew zu dis-kutieren, noch bevor ihnen die Fakten vorlagen, nach denen sie handeln mußten.
„So, dann lassen Sie mal hören, wie Sie die Lage beurteilen,“ eröffnete der Captain der Fairchild den Reigen.
Leardini sprang sogleich in die Bresche des anfänglichen Schweigens. „Wir haben eine Welt in unserem Raum, in deren Orbit wir drei feindliche Schiffe geortet hatten, die jedoch das Weite gesucht haben, bevor wir in Reichweite kamen.“
„Was sehr untypisch für die Jem’hadar ist,“ warf Merven ein.
Dween gab zu bedenken: „Wir wissen noch immer nicht sicher, ob sie uns geortet haben, be-vor sie so übereilt ‘abreisten’. Das läßt zunächst auf zwei Möglichkeiten schließen: entweder haben sie uns gar nicht geortet, was angesichts der Interferenzen, denen Ortungssensoren in diesem Sternensystem unterliegen, durchaus im Bereich des Möglichen liegen könnte. Oder sie haben uns doch erfaßt und den Befehl erhalten, gegen ihre Natur vor uns zu flüchten. Bei der weitsichtigen Strategie, mit der das Dominion arbeitet, muß das einen ganz besonderen Grund haben, einen, den wir jetzt noch nicht kennen.“
„Eine gute Analyse der Situation, Counselor. Aber womit müssen wir rechnen?“ wollte Lennard wissen und lächelte dabei schlau. Für ihn war das wirklich eine Art Test.
Wenjorook antwortete ohne zu zögern: „Entweder wissen sie von unserem ersten Angriff und der Zerstörung der Patrouille bei Alpha Cygnus, weshalb sie sich zurückgezogen haben, um auf Verstärkung zu warten. Das würde bedeuten, daß sie nicht sicher sind, ob sie uns mit drei ihrer relativ kleinen Angriffsschiffe besiegen können und auf Nummer sicher gehen wollen. Dies wiederum würde bedeuten, daß sie unbedingt zurückkommen wollen, um sich das anzu-eignen, was sie auf Tiragoni V entdeckt haben.
Andererseits könnten sie auch zu einem wichtigen Einsatz abgezogen worden sein, wobei es keine Rolle spielt, ob sie uns bei ihrem Abflug entdeckt haben oder nicht.“
Überraschend meldete sich die Bordärztin Endi: „Was, wenn sie bereits das geholt haben, was sie gesucht haben? Das wäre nicht gut für uns, aber wir könnten nichts mehr daran ändern. Alles, was uns dann noch zu tun bliebe, wäre herauszufinden, was das gewesen war.“
„Eine interessante Möglichkeit; sie war mir nicht in den Sinn gekommen.“ Lennard rieb sich wieder mit Daumen und Zeigefinger über das Kinn, was ein typisches Zeichen für ange-strengtes Nachdenken bei ihm war.
Leardini begann: „Wir müssen vor allen Dingen überlegen, wie wir...“
„Captain, das ist phantastisch!“ Wuran kam förmlich in das Besprechungszimmer herein-gestürzt und bemerkte nicht einmal, daß sie ihre vorgesetzte Offizierin mitten im Satz unter-brochen hatte.
„Sehen Sie alle sich das an.“ Die Bajoranische Wissenschaftsoffizierin glitt schnell auf ihren Platz und aktivierte mit der Tastatur, die dort in den Tisch eingelassen war, den holograph-ischen Wandmonitor auf der Backbordwand hinter Lennard. Der Bildschirm hatte den gleich-en Effekt wie sein größeres Pendant auf der Brücke: er projizierte vor die leere Wand schein-bar in der Luft schwebend ein Bild, so daß bei ausgeschaltetem Monitor nur die Wand zu sehen war, jetzt aber ein Bildschirm, der vor der Wand in der Luft hing.
„Hier sehen Sie eine erste Karte, die ich von dem Kontinent erstellt habe. Wie Sie sehen können, ragt er an seinem südlichen Ende in die Polarkappe der Antarktis hinein, ziemlich genau am Südpolarkreis auf 85° Süd. Er verbreitert sich nach Norden hin zunächst, wird dann jedoch zunehmend schmaler und läuft nach etwa 5900 km im Norden, etwa am 46. südlichen Breitengrad spitz aus. Dabei haben wir eine Vielfalt von Vegetations- und Klimazonen ausge-macht, die von arktisch bis hin zu tropisch reicht. Am Äquator herrschen Temperaturen von siebzig Grad Celsius, an den Polen sind es etwa vierzig Grad unter dem Gefrierpunkt, aber dazwischen herrscht, bedingt durch den hohen Wasseranteil auf der Planetenoberfläche, ein erträgliches Klima. Ich möchte mich nicht in Details verlieren, deshalb komme ich nun zum wichtigsten Teil der Meßergebnisse.
Wir haben eine sehr reichhaltige Flora und Fauna auf Tiragoni V entdeckt, und was noch wichtiger ist, eine menschliche Population.“
„Und das sagen Sie erst jetzt?“ brauste Leardini auf. „Haben Sie schon einen Kontakt herge-stellt?“
„Das verbietet die Oberste Direktive, Commander,“ entgegnete Wuran. „Die gesamte Bevöl-kerung weist einen vorindustriellen Entwicklungsstand auf, um nicht zu sagen, sogar einen technisch nicht entwickelten. Es sind allessamt Naturvölker, dem Anschein nach von Terra hierhergebracht vor etlichen Jahrhunderten.“
„Die Träume der Mannschaftsmitglieder!“ rief Dween und erntete damit Unverständnis, was sie jedoch nicht kümmerte. „Das kann kein Zufall sein, Captain.“
„Zweifellos ein parapsychologisches Phänomen, welches jedoch momentan nur niedere Prio-rität hat. Wie hoch ist die Bevölkerungszahl, Cluj?“ Er sah sie ungeduldig an.
„Ganz exakt läßt sich das nicht bestimmen, Sir. Die Zahl schwankt zwischen vierzehn und fünfzehn Millionen, verstreut in kleine und mittlere Gemeinschaften auf der gesamten be-wohnbaren Landoberfläche. Ein Stamm bewohnt sogar eine Wüstenregion mit Temperaturen von über fünfzig Grad Celsius am Tag, während wir zwei andere in der Kältetundra und Eis-wüste des Südendes erfaßt haben. Es sind teilweise hochgradig spezialisierte Bewohner der für uns scheinbar unbewohnbaren Lebensräume. Ich denke, wenn wir fortfahren, so viele Daten zu sammeln wie bisher, werden wir einen hochinteressanten Ausblick auf die Ge-schichte der Erde erhalten.“
„Ihr Forschungsdrang ist löblich und wird von mir auch voll unterstützt, beantwortet aber noch viele meiner Fragen nicht. Wie sind sie hierher gelangt?“ Lennard stand auf und betrach-tete sich die Karte dieses Erdteils eingehend.
„Oh, dafür kann ich Ihnen eine Lösung anbieten,“ ereiferte die Bajoranerin sich. „Wir haben in unseren Aufzeichnungen zwei ähnliche Fälle gefunden, bei denen Planeten von Urvölkern der Erde kolonialisiert waren, ohne daß diese selbst es wußten. In beiden Fällen konnte man eine uralte Rasse als Verantwortlichen ausmachen, die als ‘die Bewahrer’ bezeichnet wurden. Sie hatten es sich zum Ziel gemacht, auf Welten, bei denen durch Konkurrenzkampf unterein-ander und unterschiedlich schnell verlaufender Entwicklungen manche Völker vom Ausster-ben oder der Verdrängung bedroht waren, von eben diesen einen Anteil der Population auf andere geeignete Welten oder auch auf geeignet gemachte Welten, zum Teil mit großem Auf-wand, umzusiedeln. So wollten sie deren kulturelles Erbe wahren und ihnen eine ungestörte Weiterentwicklung ermöglichen, was auf Tiragoni V augenscheinlich bestens gelungen ist...“
„Natürlich! Miramanees Planet,“ fuhr Merven plötzlich laut dazwischen und wurde sich dann peinlich bewußt, daß alle ihn anstarrten.
„Sie wollen etwas beitragen?“ wollte Lennard wissen.
Verlegen lächelnd nickte der Trill. „Der eine dieser beiden Fälle wurde Miramanees Planet genannt, jedenfalls von uns, als wir ihn damals entdeckten. Auf ihm befanden sich drei Stäm-me nordamerikanischer Indianer, die Navajo, Mohikaner und... ja, Delawaren.“
„Sie waren also damals persönlich dabei? Gut zu wissen, daß wir einen Experten an Bord haben,“ bemerkte Darrn.
„Ich fürchte, da muß ich Sie enttäuschen,“ widersprach Merven, „denn ich habe diese Welt nicht einmal von Weitem gesehen. Unser Schiff war damals beschädigt und wir waren vollauf mit Reparaturen beschäftigt, bis die Mission beendet war. Es ist auch schon sehr lange her, über einhundert Jahre, wenn ich mich recht entsinne.“
„Naja, besser als nichts.“
Dween fragte flüsternd: „Auf welchem Schiff hast du denn damals gedient?“
„Auf einem, dessen Namen man hier an Bord besser nicht laut ausspricht. Ich war aber nur für wenige Monate dort und bin gleich nach Beendigung dieser Mission wieder versetzt wor-den.“
Lennard fuhr fort: „Was können Sie uns noch berichten, Mrs. Wuran?“
„Nach dem, was man den ersten Sensorenabtastungen nach schließen kann, leben auf diesem Kontinent auf über neun Millionen Quadratkilometern Fläche knapp fünfzehn Millionen Menschen von insgesamt zweiundzwanzig verschiedenen Völkern aus vier irdischen Konti-nenten weitgehend ungestört und harmonisch nebeneinander her. Die Nordamerikaner wird es freuen zu hören, daß auch die Anasazi darunter sind und dieses uralte Rätsel damit endlich gelöst ist, aber das tut wohl hier nichts zur Sache. Ich könnte mir übrigens vorstellen, daß der territorial stark gebundene Teil nicht einmal etwas von der Existenz der anderen Völker weiß. Eigentlich zu schön, um wahr zu sein.“
„Wie meinen Sie das?“ wollte Merven wissen. „Klingt so, als gebe es einen Haken an der Geschichte.“
„Den gibt es in der Tat, Lieutenant Commander,“ bestätigte sie seinen Verdacht. „Und zwar Tiragoni VI. Was immer mit ihm passiert sein mag, das ihn auf diese exzentrische Umlauf-bahn gezwungen und ihm seinen Ring beschert hat, war damals noch nicht geschehen, als die-se Welt besiedelt wurde. Vermutlich ist ein ehemaliger kleiner, fester Planet in den Anzieh-ungsbereich von Tiragoni VI geraten, gemäß dem Roche-Effekt zerbrochen und hat diese gra-vierenden Veränderungen in der Himmelsmechanik des Sonnensystems verursacht. Das hat-ten ‘die Bewahrer’ natürlich nicht ahnen können; sie hatten zwar einen großzügig dimension-ierten Deflektor zur Abwehr von Himmelskörpern aufgestellt, aber dieser konnte natürlich nicht viel gegen die riesige Menge an Trümmern ausrichten, welche nach der Veränderung bei der ersten Annäherung des Ringes von Tiragoni VI auf den Planeten niederprasselten. Un-glücklicherweise ist er schon bei einem der ersten Asteroidenbombardements getroffen und außer Funktion gesetzt worden.“
„Bei Ihnen hört sich das so an, als hätten Sie diesen Deflektor bereits lokalisiert,“ bemerkte Leardini unzufrieden.
„Oh, das habe ich in der Tat. Nachdem ich auf die Hinweise gestoßen bin, die auf die Be-wahrer schließen ließen, haben wir ein entsprechend beschaffenes und geformtes Objekt ziemlich genau in der geographischen Mitte des verlorenen Kontinentes gefunden, das jedoch stark beschädigt ist und so seine Funktion nicht mehr erfüllen kann.“
Lennard hielt inne. „Wie haben Sie ihn genannt? Den ‘verlorenen Kontinent’?“
Etwas verschämt bejahte Wuran: „Es ist einem der Geographen eingefallen, weil so viele ver-loren geglaubte Kulturen auf diesem Kontinent vereint sind.“
„Wirklich sehr dramatisch, fast schon reißerisch,“ kommentierte Leardini. „Und was haben Sie sonst noch alles herausgefunden?“
„Zur Zeit scannen wir die Biospäre nach den tierischen Lebensformen ab. Offenbar sind viele einstmals auf Terra heimische Tiere ebenfalls hier eingeführt worden, zweifellos, um den Ur-einwohnern die Umgewöhnung zu erleichtern. Wir haben jedoch auch nichtirdische Lebens-formen entdeckt, die entweder bereits hier heimisch gewesen sind und auf dem Planeten be-lassen wurden oder von seperaten Welten hergebracht wurden, da sie für das hiesige Öko-system als nicht schädlich oder sogar nützlich erachtet wurden. Außerdem führen wir umfas-sende Fernbeobachtungen durch, um mit Hilfe unserer Datenbankaufzeichnungen die genaue Herkunft der einzelnen Volksstämme bestimmen zu können. Dafür werden wir allerdings Zeit benötigen.“
„Die haben Sie. Ich muß sagen, ich bin beeindruckt, Mrs. Wuran. Und gleichzeitig frage ich mich auch, was die Jem’hadar hier wollten. Sie waren doch bestimmt nicht hier, um die heimische Population gefangenzunehmen oder zu töten, denn dazu hätten sie ihrerseits alle Zeit der Welt gehabt. Was also hatten sie vor?“
Wieder ratloses Schweigen in der Runde.
„Dann wollen wir zunächst einmal die Sensorenabtastungen abwarten. Ich rechne damit, daß das Sammeln der Daten wegen den Interferenzen von der Sonne und der zerklüfteten Land-schaft nur langsam vorankommen wird, aber wir müssen jetzt erst einmal einen Überblick be-kommen, bevor wir unseren nächsten Schritt erwägen.“



„Diesmal wirst du wirklich staunen, das verspreche ich dir.“ Dween vollendete die Pro-grammeinstellungen am Holodeck und öffnete dann. „Nach dir... aber vorsichtig.“
Merven runzelte die Stirn, doch als er einen Blick hineinwarf, verstand er. „Toll! Wo hast du denn diese Simulation her?“
Er trat ein und fühlte die einsetzende, beinahe doppelte Erdschwerkraft fast augenblicklich auf sich einwirken. Konzentriert ging er langsam voran, bis er sich daran gewöhnt hatte und sah sich dann um.
Sie standen am Rande einer Felsenschlucht mit einem atemberaubenden Ausblick auf die bi-zarrsten Bergformationen, die er je gesehen hatte. Er beachtete sie allerdings kaum, so sehr wurde sein Blick von der monströsen Kugel gefangen, die tief am Himmel hing und auf deren Oberfläche deutlich sichtbar Sandstürme und ausbrechende Vulkane erkennbar waren.
„Das errätst du nie,“ versicherte Dween ihr und fuhr dann fort: „Es war im persönlichen Spei-cher von Commander Leardini. Eine wirklich gelungene Szenerie, oder?“
Er nickte und sagte leise: „Ich war noch nie auf dem Vulcan. Es ist einfach wun...“
Ihm wurde bewußt, was sie gesagt hatte und er hielt inne. „Moment, du hast das aus Leardinis persönlicher Datei? Du willst damit sagen, du knackst fremde Holoprogramme für den Eigen-gebrauch? Bist du noch zu retten?“
„He, ruhig Blut, wie der Klingone zu sagen pflegt. Ich schade ja niemandem damit und ver-ändere nichts am Programm. Bei dem einen oder anderen bin ich zwar versucht, aber kopiert habe ich noch nie eines, um daran herumzupfuschen. Das wäre unrecht.“
„Das ist Doppelmoral pur, was du da betreibst. Ich für meinen Teil werde meine Programme in Zukunft zusätzlich codieren, damit mir so etwas nicht passieren kann. Wer weiß, vielleicht sollte ich die Erste Offizierin warnen...“ Er grinste gemein.
„Wenn du das tust, ist meine Karriere beendet. Sie ist ohnehin nicht allzugut auf mich zu sprechen, obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, daß sie mich beinahe gegen ihren Willen nicht leiden will. Das hat nicht zufällig etwas mit dieser Ähnlichkeitsstory zu tun, oder?“ Ko-kett blinzelte sie ihn an.
„Da, du versuchst es schon wieder! Ich habe dir mehr als deutlich gesagt, daß du von mir kein Sterbenswörtchen darüber erfahren wirst. Belassen wir es einfach dabei, ja?“ Abwehrend ver-schränkte er die Arme über der Brust.
„Komm schon, irgendwann finde ich es doch heraus, wer diese mysteriöse Person ist.“ Sie schubste ihn auf einen flachen, bemoosten Stein, der sich ideal als natürliche Sitzbank anbot. Dann kletterte sie hinterher, ließ sich rittlings auf ihm nieder und beugte sich zu ihm herab.
„Such dir jemand anderen, aus mir kriegst du nichts heraus,“ wehrte er ihre Verführungsver-suche ab. Um die romantische Stimmung zu zerstören, die sie listigerweise aufzubauen ver-suchte, fügte er noch trocken hinzu: „Außerdem wiegst du hier auf dem Vulcan ‘ne halbe Tonne. Ich höre schon meine Rippen bedenklich knacken; wenn du nicht gleich von mir her-untergehst, werde ich für längere Zeit auf der Krankenstation liegen.“
Leicht verärgert sah sie auf und ließ von ihm ab. Beleidigt bemerkte sie: „Wie kannst du mich nur so zu Unrecht verdächtigen? Ich wollte nur ein bißchen zärtlich zu dir sein und du... du bist so gemein zu mir.“
„Jetzt spielst du auch noch die Unschuld vom Lande, was? Und was kommt danach? Schmol-len und hoch erhobenen Hauptes abrauschen? Du mußt mich schon für sehr naiv halten.“ Er stand auf und stemmte die Hände in die Hüften.
„Nun ja...“ Sie mußte grinsen.
„Eines würde mich schon interessieren: bist du nur mit mir zusammen, um hinter dieses klei-ne Geheimnis zu kommen, oder empfindest du vielleicht auch irgend etwas für mich?“
Ihr Grinsen verschwand und machte dem typisch vulcanischen Gesichtsausdruck Platz: unbe-teiligt, emotionslos, einen Hauch überheblich. „Ich sehe, es ist sinnlos, Sie weiter zu täusch-en, Lieutenant Commander. Ich muß Ihnen meine Bewunderung aussprechen, denn ich hätte nicht gedacht, daß sie es bemerken würden, bevor ich die gewünschten Informationen von Ihnen erhalten hätte. Aber so wie es scheint, habe ich in Ihnen meinen Meister gefunden, Mr. Soares. Mir bleibt nun nur noch zu hoffen, daß Ihr Gefühlsleben durch diese Enttäuschung nicht allzusehr beeinträchtigt wird, schließlich brauchen wir einen voll diensttauglichen und aufmerksamen Steuermann in unserer derzeitigen Lage. Bitte sehen Sie mich nicht so an; es ist wohl für uns beide das Beste, wenn Sie die Art unserer Beziehung so schnell wie möglich vergessen.“
Sein Gesichtsausdruck war während ihrer Rede versteinert. Jetzt sah er sie mit großen Augen an, schluckte hart und fragte scheinbar völlig entrückt: „Du glaubst doch nicht etwa, daß ich dir das auch nur einen Moment lang abnehme?“
„Verdammt, bist du gut!“ Sie schlug frustriert einen kurzen Abwärtshaken in die Luft vor sich und biß auf die Zähne. „Gegen soviel Lebenserfahrung komme ich nicht an. Wieso hast du es gewußt?“
„Ganz einfach: du bist viel zu verrückt nach mir, um mir jemals den Laufpaß geben zu kön-nen. Du kannst ohne mich nicht mehr sein,“ erwiderte er mit einem Grinsen von einem Ohr zum anderen.
„Alleine dafür schon sollte ich dich verlassen,“ konterte sie trocken. „Soares, du gehst zu weit und du weißt es auch. Spiele nie mit dem Feuer.“
„Ab und zu brauche ich das eben. Ich kann einfach nicht anders als die...“
„Alarmstufe Rot! Captain auf die Brücke!“ Vollkommen überrascht quäkte die Alarmmel-dung durch die Schlucht vor ihnen und hallte sogar an den Bergen der anderen Seite wider.
„So ein Mist! Was kann da nur los sein?“ Merven wollte wie auch Dween loslaufen, besann sich jedoch rechtzeitig. „Computer, Standardschwerkraft! Ausgang!“
Sie liefen zum nächsten Turbolift und fuhren zur Brücke. Während der Fahrt gab es eine kur-ze, schwache Erschütterung.
„Wir sind beschossen worden, aber der Treffer ist auf den Schirmen abgeprallt,“ informierte er sie.
„Du kennst das offenbar,“ sagte sie unsicher.
„Besser, als mir lieb ist, glaube mir. Los!“ Er eilte wie immer bei Alarmstatus mit perfektem Timing durch den sich öffnenden Türspalt auf die Brücke und auf seinen Platz zu.
Leardini bremste ihn unerwartet: „Nicht so schnell, Mr. Soares, diesmal erfordert die Lage keinen Wechsel der Conn-Station.“
Noch während Merven verdutzt innehielt, kam ein weiterer Turbolift an, aus dem Lennard heraustrat: „Bericht, Numero Uno. Wer hat auf uns geschossen?“
„Es ist vom Planeten gekommen, Sir. Inmitten einer der indianischen Siedlungsgebiete wurde eine Energiewaffe, wahrscheinlich eine Art mobiler Disruptor, auf uns abgefeuert. Glücklich-erweise sind wir in einem so niedrigen Orbit, daß wir den Energieanstieg beim Aufladen der Waffe registriert haben und die Schirme gerade noch hochfahren konnten; wir hatten sie schon vor Stunden gesenkt, da ich keine unmittelbare Gefahr mehr vermutet hatte.“ Sie zog mit bedauernder Miene einen Mundwinkel nach oben.
„Niemand macht Ihnen das zum Vorwurf, Stefania, das ist wirklich eine Überraschung für uns alle. Warum ist keiner von uns auf die Idee gekommen, daß das Dominion Bodentruppen auf der Oberfläche zurückgelassen haben könnte? Eine grobe Nachlässigkeit von uns, die uns teuer hätte zu stehen kommen können. Wir müssen umgehend erkunden, wie die genaue Lage ist und was wir gegen den Feind dort unten unternehmen können. Mrs. Wuran?“
„Ich führe gerade einen Hochleistungsscan des fraglichen Gebietes durch. Momentan herrscht dort noch Nacht; es handelt sich bei dem Abschußort um die unmittelbare Nachbarschaft einer Eingeborenensiedlung. Es ist ein Stück hügeliges Grasland in der gemäßigten Zone im Südwesten des Kontinentes, bewohnt von etwa sechzig Kiowa, einem nordamerikanischen Stamm. Sie wußten genau, was sie taten; sie sind so nah an den Eingeborenen, daß wir vom Orbit aus nichts tun können, was nicht auch die Menschen gefährden würde.“
„Das habe ich befürchtet. Mr. Wenjorook, stellen Sie einen kleinen Erkundungstrupp aus Sicherheitskräften zusammen und klären Sie die Lage auf. Bitte vermeiden Sie Feindkontakt, bis wir über die Stärke des Gegners Informationen besitzen und halten Sie sich ständig bereit zum Zurückbeamen.“ Lennard fiel diese Entscheidung nicht leicht.
Der Andorianer nickte ernst. „Aye, Sir. Ich erbitte schwere Bewaffnung für mein Außen-team.“
„Gewährt. Wir wissen nicht, was Sie da unten erwartet. Seien Sie vorsichtig und gehen Sie keine unnötigen Risiken ein, Lieutenant. Wir brauchen Sie an einem Stück.“
„Zu Befehl, Captain.“ Wenjorook verzog keine Miene, als er sich ablösen ließ und sich auf den Weg zur Waffenkammer machte. Keiner der anderen Offiziere hätte mit ihm tauschen wollen, doch ihm machte das wenig aus, denn Andorianer sind von Natur aus aggressiv und Kämpfen nicht abgeneigt, was wohl an ihrem partiell insektoiden Wesen liegen mochte.



Das erste, was Wenjorook sah, als er sich auf der Oberfläche materialisierte, war nur Dun-kelheit. Neben ihm erschienen einige bläuliche Lichter und formten in Sekundenbruchteilen einen leuchtenden humanoiden Umriß, der von einem seiner Sicherheitsleute ausgefüllt wur-de. Ihm ging durch den Kopf, daß sich jemand einmal etwas gegen die Lichtemissionen beim Beamen einfallen lassen könnte, um das verräterische Schillern beim Eintreffen in einer Gefahrenzone bei Nacht zu eliminieren. Er spähte um sich und nahm ringsherum viele größ-ere und kleine Felsen wahr, die willkürlich aus dem Boden ragten, alle fünf Meter mehr als mannhoch. Eine ausgezeichnete Deckung für den Ernstfall.
Einer seiner Begleiter aktivierte die auf seinem Phasergewehr aufmontierte Leuchte, deren Strahl er vor sich auf den Boden gerichtet hielt. Sofort fuhr sein Vorgesetzter ihn an: „Sind Sie wahnsinnig, Indira? Warum feuern Sie nicht gleich eine Phasersalve in den Himmel, um uns anzukündigen?“
Augenblicklich erlosch die Lampe wieder und eine Stimme antwortete leise: „Verzeihung, Sir, aber ich...“
„Still! Verteilt euch und wartet einen Moment, bis der Himmel aufklart. Benutzt die Zeit, um mit den Tricordern Sondierungen der näheren Umgebung durchzuführen, aber schirmt das Licht der Anzeige mit der Hand ab. Auch wenn der eine oder andere in dieser Gruppe sich bemüht, das Gegenteil zu erreichen, möchte ich doch alle von euch wieder lebend mit hoch nehmen. Los jetzt.“
Der Andorianer nahm mit seinen Antennen auf dem Kopf infrarotes Licht wahr, was für ihn in dieser Situation von echtem Vorteil war, doch bei den anderen fünf Mitgliedern seines Teams verhielt sich das leider nicht so. Vielleicht hätte er Fähnrich Joos nicht mitnehmen sol-len, denn er als Benzite war ohne direkte Lichtquelle blind wie ein einäugiger Maulwurf, aber dafür einer seiner besten Männer. Und Wenjorook verließ sich auf die Wetterprognose, die Wuran ihm gegeben hatte, bevor er zum Transporterraum gegangen war.
Er kniete sich neben eine der dunklen, obeliskartigen Gesteinsformationen, lehnte sein Pha-sergewehr dagegen und griff nach seinem Tricorder, der in einer Halterung an der Hüfte hing. Vorsichtig klappte er das kompakte Untersuchungsgerät auf und hielt eine Hand davor, um das Licht der Anzeige abzuschirmen, dann studierte er sie. Die Signale reichten nur etwa vier-zig Meter weit und verloren sich dann in dem Felswald, in dem sie sich befanden. Das Gerät war praktisch nutzlos, weshalb er es wieder zuklappte und versorgte. Dann sah er hoch zum Himmel - nicht ganz dunkel, aber wolkenverhangen. Bisher stimmte Wurans Vorhersage: etwa zehn Grad Celsius, trocken und bewölkt. Und gleich...
Na bitte! Die Wolken rissen auf und offenbarten die Lichtquelle, die er benötigte: Tiragoni VI. Obwohl er noch über viereinhalb Millionen km entfernt war, schien er schon jetzt fast zehnmal größer als der Vollmond auf der Erde, leuchtete jedoch aufgrund seiner dunkleren Oberfläche und der größeren Entfernung zur Sonne nicht viel heller. Die gelben und rötlichen Wolkenfelder waren deutlich erkennbar, sein gewaltiger Ring dagegen war aus dieser Per-spektive gar nicht sichtbar, da er ihnen einen seiner Pole zuwandte. Er hatte jedoch nicht mehr als einen kurzen Blick für diesen beeindruckenden Stern übrig, denn jetzt war es Zeit zum Handeln.
Eine blauweiße Energieentladung schoß in Kopfhöhe an ihm vorbei und schlug ein Stück hin-ter ihm funkensprühend mit einem lauten Knall an einem der Felsen auf. Alarmiert riß er seine Waffe hoch und sah sich um, indem er rief: „In Deckung! Verteilt euch im Kreis und gebt kurze Feuerstöße ab!“
Er machte die Quelle des Beschusses auf ihn aus, legte an und zielte kurz, bevor er den Abzug drückte. Der Jem’hadar riß die Arme hoch und ließ seinen Disruptor fallen. Gleichzeitig wurde die Luft von den gelborangen Strahlen ihrer Phasergewehre und den bläulichen Impul-sen der feindlichen Waffen erfüllt. Er hörte jemanden schreien und tippte seinen Kommuni-kator an, während er sich unter einem weiteren Feuerimpuls wegduckte.
„Wenjorook an Fairchild. Wir sind in ein schweres Feuergefecht geraten. Sofortiger Rück-transport des gesamten Außenteams!“ Der Andorianer hastete zu einem anderen hohen Fel-sen, umrundete diesen und erhöhte das Energieniveau seiner Waffe. Dann sah er den nächsten Dominion-Krieger von rechts heranstürmen und schoß aus der Hüfte einhändig auf ihn, wor-auf dieser zu Boden ging. Im nächsten Moment fühlte er den Transporterfokus, der seinen Körper einhüllte und in seine Quanten zerlegte. Das Letzte, was er von Tiragoni V sah, war ein weiterer Jem’hadar, der auf ihn schoß; der Energiestrahl ging durch ihn hindurch und prallte auf den Fels hinter ihm, was er jedoch nicht mehr sah, da er nun völlig von Flimmern umgeben war.
Dann materialisierte er sich auf der Transporterplattform. Ein wenig erleichtert sicherte er sein Gewehr und sagte: „Das war nicht sehr sofort, Fähnrich. Noch einen Moment später, und wir wären nur noch zu fünft gewesen.“
Etwas hilflos antwortete der Transporter-Fähnrich: „Aber, Sir...Sie sind zu fünft!“
Wenjorooks Kopf ruckte herum zu der leeren Plattform hinter sich und sah dann die be-drückten Gesichter der anderen Sicherheitsoffiziere an. Bis auf Indira sahen alle bestürzt aus. Als er seinen Blick auf sie richtete, sackte sie zusammen und fiel der Länge nach auf die Treppenabsätze der Plattform. Auf ihrer rechten Schulter war ein schwach rauchender Fleck.
„Nottransport auf die Krankenstation. Los!“



Lennard kam auf die Krankenstation geeilt, wo Endi über das primäre Medo-Bett gebeugt war, umgeben von zwei Assistenten. Etwas abseits standen Wenjorook und die anderen drei Mitglieder des Außenteams.
„Bleiben Sie weg, hier ist ein steriler Bereich innerhalb des Kraftfelds um das Bett herum er-richtet.“ Endi beendete die Hautregeneration und sagte zu einem der Leutnante: „So, machen Sie weiter mit dem Verschließen der kleineren Adern.“
„Was genau ist geschehen?“ wollte der Captain wissen.
Wenjorook erstattete Bericht: „Sie haben uns gleich nach dem Transport auf die Oberfläche entdeckt. Eine unbekannte Anzahl Jem’hadar hat uns angegriffen und Fähnrich Johann Meyerer wurde getötet. Der Transporterfokus hat keine Erfassung von irgendwelchen sterb-lichen Überresten machen können. Lieutenant Indira, meine Stellvertreterin, hat einen Streif-schuss abbekommen, aber das scheint zu genügen, um sie in einen kritischen Zustand zu ver-setzen.“
„Wie geht es ihr, Doktor?“ Lennard trat an den sterilen Bereich heran.
Form Endi sah auf. „Diese verfluchten Waffen schießen Entladungen, die Träger eines Stof-fes sind, der in der Blutsubstanz die Gerinnung verhindert. Ich habe die Wunde verkleinern können, aber sie verliert immer mehr Blut. Ich kann ihr nicht ewig Plasma zuführen. Durch die tiefe innere Zerstörung des Gewebes blutet sie auch nach innen, was ich in ihrem Zustand nicht behandeln kann, ohne einen Schock bei ihr auszulösen, der sie töten würde. Ich... ich kann leider im Moment gar nichts für sie tun.“
„Schon gut, Mrs. Endi.“ Lennard wandte sich wieder seinem Sicherheitschef zu. „Was haben Sie ausrichten können?“
„Wir haben einen getötet und fünf betäubt, bevor wir zurückgeholt wurden. Wir... Sir?“
Lennard hatte sich abgewandt und sich eine Hand über die Augen gelegt. Als er sich wieder umdrehte, war sein Gesicht von mühsam zurückgehaltenem Zorn geprägt. „Ich höre wohl nicht recht - fünf betäubt! Mister, wir sind im Krieg mit dem Dominion, falls Sie das noch nicht realisiert haben sollten. Glauben Sie vielleicht, die betäuben Sie nur? Sehen Sie sich den Lieutenant an: sie hat nur einen Streifschuß, aber... verstehen Sie, die machen keine Gefan-genen, wenn es nicht unbedingt sein muß. Und sie treiben sich auf einer Welt herum, auf der beinahe fünfzehn Millionen Terraner, also gewissermaßen Bürger einer der Gründungswelten der Föderation, völlig ahnungslos und unvorbereitet leben. Wir müssen dem Einhalt gebie-ten, und zwar mit allen Mitteln.
Sehen Sie, ich weiß jetzt, daß es falsch war, Sie in dieser Situation hinabzuschicken, aber ich denke, wir alle begreifen jetzt den Ernst der Lage. Wir können uns so ein Debakel nicht noch einmal erlauben und müssen deshalb...“
Plötzlich wurde er von dem Krankenbett im Hintergrund abgelenkt, als ein durchdringender Alarm erklang und Endi erschreckt herumwirbelte. „Exitus! Schnell, Midld, den Kortikalsti-mulator.“



Grübelnd saß Lennard auf der Brücke und beobachtete auf dem Hauptbildschirm, wie unter ihnen die Tag-Nacht-Grenze hindurchzog und die ferne, rotglühende Sonne das Land in war-me Farben hüllte. Müde stützte er sein Kinn auf eine Hand, als die Bordärztin sich meldete.
„Endi an Brücke.“
„Hier Brücke. Wie sieht es aus?“
Ein Moment der Stille folgte, dann die resignierte Stimme der Ärztin. „Es tut mir leid, Cap-tain, Indira hat es nicht geschafft. Wir haben sie noch zweimal wiederbelebt, aber die Verletz-ung war zu schwer.“
Lennard vergrub das Gesicht in den Händen.
Wenjorook zischte leise: „Lassen Sie mich noch mal runter, Captain, dann werden wir den Planeten von ihnen säubern, das verspreche ich Ihnen.“
Lennard sah auf. „Ja, Lieutenant, aber mit Bedacht. Diesmal werden wir besser vorbereitet sein auf das, was uns erwartet. Wir werden zunächst einmal das Gebiet optisch von hier oben aus sondieren. Dann planen wir unseren Zug. Führungsoffiziere in die Beobachtungslounge.“
Er stand auf und schritt müde, aber dennoch energisch voran.
Wuran machte sich gleich daran, mit Wenjorook zusammen eine visuelle Beobachtungs-möglichkeit zu etablieren und das fragliche Gebiet zu überprüfen. Die anderen warteten auf das Eintreffen der noch fehlenden Offiziere.
Als Leardini eintraf, begann Lennard ohne Umschweife. „Bitte tragen Sie uns vor, was Sie herausgefunden haben.“
Wenjorook stellte sich neben den Wandschirm, auf dem etwa ein Gebiet von der Größe eines Hektars zu sehen war. Bis auf eine größere Lücke war es ziemlich gleichmäßig mit diesen großen Felstrümmern übersät. In ebendieser Lücke war das Dorf der Indianer eingerichtet.
„Hier sehen Sie das Kiowa-Lager; es besteht aus vierzig Zelten verschiedener Größe. In den fünf großräumigsten sind achtundfünfzig Bewohner zusammengetrieben und werden von je einem Jem’hadar bewacht. Wir haben das anhand der verschiedenen Infrarotprofile der Men-schen und der Dominion-Krieger ausmachen können. Vier weitere Indianer sind separat in einem kleineren Zelt mit drei Jem’hadar und einer weiteren nichtirdischen Lebensform, wahr-scheinlich einem Vorta, zusammen. In einem der leeren Zelte haben wir zudem den Disruptor entdeckt, mit dem sie uns beschossen haben. Und zu guter Letzt stehen hier noch zwölf weite-re Wachen rund um das Lager verteilt jeweils bei einem dieser großen Felsbrocken.“
Lennard runzelte die Stirn, dann begann er. „Macht insgesamt zwanzig Krieger und einen An-führer. Wir werden sechzig Mann herunterschicken, bewaffnet mit Individualschilden und Phasergewehren, die alle auf die höchste Stufe eingestellt sind. Wir werden das Dorf mit ein-em schnellen, gezielten Schlag befreien; jeder Jem’hadar, der sich nicht auf der Stelle ergibt, wird neutralisiert, ist das klar? Ich möchte, daß das allen an der Aktion Beteiligten einge-schärft wird. Wir werden den Vorta und nach Möglichkeit einen Jem’hadar gefangenneh-men, um herauszufinden, was sie hier wollten.“
„Verzeihen, Sie, meinen Sie damit mindestens einen Jem’hadar?“ wollte Nirm wissen.
Seine Gesichtszüge verhärteten sich, als er erwiderte: „Ich habe gesagt: einen. Punkt. Com-mander Leardini wird eine Gruppe der Sicherheitsleute anführen, Lieutenant Wenjorook die zweite und...“
Er sah sich im Raum um. „Lieutenant Commander Soares, Sie haben Ihr Cross-Training in Sicherheit mit Auszeichnung bestanden, wenn ich mich recht erinnere. Sie werden die dritte Gruppe führen.“
Merven schluckte und erwiderte ernst: „Ja, Sir. Danke für das Vertrauen, das Sie in mich setzen.“
Dween wollte etwas anmerken, aber Lennard blockte sie ab. „Des Weiteren werden sich auch einige Mitglieder des medizinischen und Betreuungsstabes beteiligen, die eine unbedenkliche Einstufung im Sicherheitstraining besitzen. Wir werden vielleicht Hilfe bei Verletzten im Dorf oder den eigenen Leuten leisten müssen, was ich nicht hoffe, aber man kann schließlich nie wissen. Mr. Darrn, Mrs. Endi, Mrs. Dween, ich hoffe, Sie alle fühlen sich dem gewach-sen.“
Zögernd nickten alle Angesprochenen.
„Dann zu den Waffen! Wir werden die Transporte sekundengenau aufeinander abstimmen und zusätzlich zu den Personen- auch die Notfalltransporter verwenden. Diese funktionieren zwar nur von der Fairchild aus auf die Oberfläche hinunter, aber wenn die Lage dort erst ein-mal geklärt ist, werden wir mehr Zeit haben, um zurückzubeamen. Dafür reichen unsere regu-lären Transportersysteme.“
„Ein guter Plan, Captain. Ich werde alles Nötige veranlassen.“ Wenjorook stand zuerst auf, von Tatendrang erfüllt wie selten zuvor.
Auf dem Weg zur Waffenkammer sagte Merven zum Sicherheitschef: „Ich kann mich nicht daran erinnern, den Captain schon einmal derart unerbittlich und hart erlebt zu haben.“
„Er tut nur, was getan werden muß,“ erklärte Wenjorook überzeugt. „Er hat gesagt, er hasse den Krieg, sei aber dennoch gut in dessen Ausübung. Bei einem gentechnisch erschaffenen Gegner, dem man keine Gnade oder Furcht beibringen kann, muß man wenigstens Respekt vor seinem Feind erzeugen. Und genau das werden wir tun. Wenn wir uns in Zukunft im Kampf begegnen werden, werden nicht wir sagen ‘Mist, das sind die Jem’hadar’, sondern sie ’Mist, das ist die Crew der Fairchild’.“
Mervens Gesicht verzog sich gepeinigt. „Ach, kommen Sie, diesen Spruch haben Sie doch aus irgendeinem uralten Holoroman abgekupfert, und zwar aus einem der übelsten Sorte, der vor Militärpropaganda und fanatisch-naivem Patriotismus nur so trieft. Nein, keine Wider-rede, ich weiß es ganz sicher, denn ich erinnere mich, daß ich mir sogar noch eine zwei-dimensionale Originalaufzeichnung dieser Geschichte auf der Akademie mit ein paar Kame-raden in unserer Freizeit angesehen habe. Es war einer dieser inoffiziellen Themenabende mit dem Titel ‘Wie man es auf keinen Fall machen sollte’. Wenn ich nachdenke, fällt mir bestimmt wieder ein, wie der Name und die Handlung dieses Filmes waren.“
„Das haben Sie gewiß in Ihrem letzten Leben vor einhundertdreißig Jahren auf der Akademie gesehen,“ versetzte der Andorianer brüskiert.
Er schüttelte den Kopf. „Dann hätte das Thema gelautet: ‘Wie man es auf jeden Fall machen sollte’.“
Beide lachten, sogar Wenjorook wußte die Komik dieser Aussage zu würdigen. So manch einer war der Ansicht, daß der eine oder andere Sternenflotten-Captain jener frühen Ära zu-erst geschossen und dann nachgefragt hatte, auch wenn das in der heutigen Sichtweise der Offiziere sicher etwas überbewertet wurde.





- 5 -

Der Morgen graute gerade am Rand der leichten Senke, in dem das Dorf der Kiowa lag, um-geben von einem Wald aus mehreren Meter hohen dunklen Steinkolossen. Manchen Wesen mochte dieser Irrgarten aus bizarr geformtem Gestein unheimlich vorkommen, nicht aber dem Zweiten Jem’hadar. Er war nur noch wachsamer angesichts der guten Deckungsmög-lichkeiten, die das Gelände für feindliche Angriffe bot. Nach dem, was er von der Sternenflot-te wußte, würden sie sicher noch eine Attacke planen, indem sie sich weit vor das Dorf bea-men und es umstellen würden, sich langsam und vorsichtig Schritt um Schritt vortasten wür-den.
Er ließ seinen Blick langsam über das Zeltlager schweifen, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Ein seltsames Flimmern lag in der Luft...
Transporter! Alarmiert sah er Dutzende von Sternenflottenmannschaften beinahe gleichzeitig im und um das Dorf herum auftauchen. Er legte sofort an und schoß quer über das Lager auf einen von ihnen, doch sein Energieimpuls wurde von einem Schutzschild abgehalten. Hilflos mußte er mit ansehen, wie einer nach dem anderen alle seine Kameraden ausgeschaltet wur-den. Sie hatten ihre Waffen auf volle Stärke eingestellt und verdampften die Jem’hadar ein-fach, wenn sie sie trafen.
Als drei Föderalisten um ihn herum materialisierten, ging ihm auf, daß sie diesen Kampf viel-leicht nicht gewinnen konnten.



Merven, Dween und der zweite Navigationsoffizier Yatobu beamten direkt neben eines der Hauptzelte, in denen die gefangenen Ureinwohner bewacht wurden. Als rund um sie herum der Tumult ausbrach, stürzte der Jem’hadar aus dem Zelt, wo Yatobu augenblicklich auf ihn hielt. Der helle orangene Strahl traf den Wachposten mitten in die Brust, worauf dieser von einem Energieblitz umgeben und verdampft wurde.
„Oh mein Gott! Haben Sie das gesehen?“ Der junge Australier starrte auf seine Waffe und be-griff erst jetzt, daß er zum ersten Mal in seinem Leben ein anderes Wesen getötet hatte.
Dween sah zu Merven und flüsterte: „Wenn das hier vorbei ist, werde ich Überstunden mit Therapien machen müssen.“
Er grinste schwach. „Ja, das ist...Achtung!“
Sie fuhr herum und erblickte einen Jem’hadar nur mehrere Meter hinter sich, der auf sie zu-gestürmt kam und eine kunstvoll geformte große Hieb- und Stichwaffe zum Schlag erhoben hatte. Reflexartig fuhr ihr Bein herum, so daß sie den Feind mit dem Fuß kräftig vor die Brust trat, was diesen abrupt stoppte.
Er wäre jedoch kein Jem’hadar gewesen, wenn er nicht sofort wieder angegriffen hätte. Doch Dween handelte genauso automatisch wie eben, ohne lange nachzudenken. Während er sich auf sie ausrichtete und erneut ausholte, schlug sie blitzschnell zu.
Merven traute seinen Augen nicht, als der gefürchtete Soldat des Dominion wie ein gefällter Baum umfiel. Er hatte jedoch keine weitere Zeit, sich darüber zu wundern, denn ein weiterer erschien hinter seiner Freundin mit erhobener Schußwaffe. Er riß sein Gewehr hoch und schrie: „Runter, Shania!“
Sie war sekundenschnell aus der Schußlinie, worauf er den Angreifer mit einem gezielten Schuß vaporisierte. Sie blieb wie erstarrt in der Hocke und musterte seinen Gesichtsausdruck, während er abdrückte. Dann kam sie zu sich und ging langsam zu Yatobu, der noch immer wie gelähmt am Boden kauerte und die Waffe in seinen Händen anstarrte. „Alles in Ord-nung?“
Als sie ihm die Hand auf die Schulter legte, kam er zu sich. „Ich werd’s überleben.“
Leardini rief: „Das Lager ist gesichert, der Vorta in Gefangenschaft.“
„Wir haben einen Jem’hadar betäubt,“ rief Wenjorook und ging im Lager herum, da noch zwei andere Gruppen einen lebendig gefangen hatte. Man hörte das Zischen des Phaserge-wehres.
Dween war schon in das große Zelt vor ihnen gegangen, um sich um die Eingeborenen zu kümmern, als Endi vorbeikam. Merven kam eine Idee. „Doc, haben Sie einen Moment Zeit?“
„Ja, was ist?“
„Sehen Sie sich bitte diesen Jem’hadar dort an. Was fehlt ihm?“
Sie sah ihn fragend an und erwiderte: „Soll das ein Witz sein? Das sieht doch jeder, daß er sich das Genick gebrochen hat. Halten Sie mich bitte nicht mit solchem Unsinn auf. Nicht in so einer Situation.“
Dann ließ sie ihn verdutzt stehen. Er sah fassungslos auf den robust gebauten, echsenähnlichen Krieger, der mit unnatürlich angewinkeltem Kopf am Boden lag. Sie hatte recht! Unglaublich, daß die Frau, die er so sehr liebte, mit einem Schlag einen im Nahkampf so gefährlichen Geg-ner einfach so töten konnte. Es steckte mehr in ihr, als man ihr ansah.
Yatobu sagte plötzlich, einer Eingebung folgend: „Warum haben sie nicht ihre Personen-tarnungen eingesetzt? Ich kann mir nicht vorstellen, daß es nur daran liegt, daß wir sie über-rumpelt haben.“
„Ich schätze ‘mal, daß es an der Hintergrundstrahlung der Sonne liegt. Vielleicht ist ihre Konstruktion besonders anfällig für diese Wellenlängenkombination,“ mutmaßte Merven.
Leardini rief vom anderen Ende her: „Bitte alle mit medizinischer oder psychologischer Be-treuungsfunktion zu den gefangenen Eingeborenen. Aber bitte keine Crewmitglieder, die nicht oder nur entfernt menschenähnliches Aussehen haben. Diese Menschen haben keine Ahnung von deren Existenz und sollen nicht noch zusätzlich verschreckt werden. Die Gefan-gennahme durch die auf sie sehr fremdartig wirkenden Jem’hadar muß schon traumatisch genug gewesen sein.“
Yatobu sagte staunend: „Unsere Numero Uno verblüfft mich stets aufs Neue. Ich hätte nie ge-dacht, daß gerade sie so viel Einfühlungsvermögen an den Tag legen würde.“
„Sie hat ihre Cross-Ausbildung in der Counselor-Funktion abgeschlossen, falls Sie das noch nicht wußten. Und wenn Sie oder irgend jemand außer dem Captain sie Numero Uno nennen würde, dann wäre es ganz schnell vorbei mit der Einfühlsamkeit, das können Sie mir getrost glauben.“
Im Hintergrund hörte er Wenjorook zu Darrn sagen: „Das ist dann wohl das Zeichen für unse-ren Abgang.“
„Ja. Sehen Sie sich diese Zeltkonstruktionen an... höchst effektiv mit einfachsten Mitteln er-richtet. Das ganze Leben dieses Volkes scheint im Einklang mit der sie umgebenden Natur zu verlaufen.“ Anerkennend strich der klingonische Ops-Offizier über eine der Zeltbahnen.
„Scheint so. Da fragt man sich doch, warum diese Menschen es nicht geschafft haben, sich auf der Erde zu behaupten. Für das Ökosystem des Planeten wäre es jedenfalls besser gewes-en.“ Der Andorianer ließ seinen Blick nochmals über das Lager schweifen und benachrich-tigte die Fairchild dann, daß die Befreiung des Kiowa-Dorfes geglückt war und sie mit dem Rücktransport der ersten Sicherheitsleute beginnen konnten.



Als Dween das große Zelt betrat, brauchte ihr Augenlicht einen Moment, um sich an die Lichtverhältnisse im Inneren zu gewöhnen, wobei sie vereinzeltes Raunen und ängstliches Wimmern hörte. Dann sah sie etwa ein Dutzend Frauen jeden Alters und Kinder, die in einer Hälfte des Zeltes dicht zusammen am Boden kauerten. Sie waren mit einfacher Bekleidung aus groben Stoffen und verschiedenem Tierleder bekleidet und machten auf sie den Eindruck, als seien sie in einem schlechten Zustand. Aber wen wunderte das angesichts der Tatsache, daß sie von Jem’hadar gefangengehalten worden waren?
Alle Blicke waren auf sie gerichtet, die Gesichter zeugten von Angst und Unverständnis über das, was geschah. Sie besann sich auf das, was sie über Erstkontakte gelernt hatte und begann mit ruhiger und vertrauenserweckender Stimme zu sprechen, während der Universalüber-setzer in ihrem Kommunikator zu arbeiten begann „Ich grüße Sie. Mein Name ist Shania Dween. Meine Freunde und ich sind gekommen, um Ihnen zu helfen. Ich möchte von Ihnen wissen, ob es Ihnen gut geht, oder ob jemand verletzt ist und Hilfe braucht.“
Eine Frau mittleren Alters mit hohen Wangenknochen und langen schwarzen Zöpfen faßte sich ein Herz und antwortete: „Webt-schnell-und-fest grüßt die Fremde. Von den Frauen und Kindern der Kiowa ist niemand verletzt. Sie sind nur hungrig und schmutzig und fürchten um ihre Männer und Söhne, die nicht bei ihnen sind.“
„Wir haben Ihr Dorf befreit und alle diese Männer vertrieben, die Sie gefangengehalten hab-en. Sie brauchen sich momentan keine Sorgen mehr zu machen, denn fürs erste werden sie nicht wiederkommen.“ Dween brauchte eine Bedenksekunde, in der sie im Geist die unge-wöhnliche Grammatik ummünzte. Sie sprachen in der dritten Person von sich selbst, das hatte sie im Vorbericht gelesen, war aber dennoch nicht darauf vorbereitet gewesen. Nun, der KI-Prozessor des Universaltranslators würde diesen Schönheitsfehler in der Übersetzungsmatrix sicher schnell ausbügeln.
„Sprich, Feuergöttin, warum haben die bösen Geister der Reitechsen dieses Volk heimge-sucht? Hat es seine Tiere denn nicht gut behandelt, daß sie so zornig auf sie herniederge-kommen sind?“ Eine junge Frau stellte verängstigt diese Frage.
Dween überlegte. „Ich verstehe nicht alles, was Sie sagen, aber wir werden noch dahinter-kommen, was passiert ist. Wieso nennen Sie diese Feinde ‘Geister der Reitechsen’? Und mich die ‘Feuergöttin’? Ich bin... nun, ein Mensch wie Sie.“
„Oh nein, Sie muß eine Göttin sein! Ihr Haar brennt wie Feuer und ihre Haut ist so hell wie die Sonne am Mittag,“ widersprach die Indianerin überzeugt.
„Das klären wir später. Zunächst werden wir Sie versorgen. Kommen Sie bitte mit hinaus... heute ist ein schöner Morgen, die Luft ist frisch und klar und die Sonne scheint.“ Mit diesem Brückenschlag versuchte sie eine Verbindung aufzubauen, was auch funktionierte.
Vor dem Zelt versammelten sich allmählich alle Eingeborenen und fielen sich überglücklich in die Arme. Einige der Männer standen mit gesenktem Kopf am Rande des Geschehens und sagten auf die Fragen ihrer Befreier hin, daß sie sich schämten, ihre Familien nicht verteidigt zu können haben. Es brauchte Einiges, sie davon zu überzeugen, daß selbst der tapferste Krie-ger nichts gegen diese übermächtigen Feinde hätte unternehmen können. Allmählich wurden sich die Dorfbewohner ihrer Retter bewußt und fingen an, Fragen zu stellen, was viele in Konflikt mit der Obersten Direktive brachte. Sie verwiesen schließlich darauf, daß ihre An-führer palavern sollten, um alle Fragen zu beantworten.



Lennard ließ sich auf die Oberfläche beamen und begrüßte den Häuptling, der sehr von der Erscheinung des Captains der Fairchild beeindruckt war und ihn zusammen mit den Stam-mesältesten und dem Medizinmann in sein Zelt, wo sie separat vom Rest des Stammes gehal-ten worden waren, einlud.
Sie setzten sich im Kreis auf den mit großen, braunen Fellen ausgelegten Boden im Inneren und begannen zu reden.
Der Häuptling Weiter-Blick-voraus sagte bedächtig: „Ich verstehe noch immer nicht alles von den Dingen, die in den letzten Tagen geschehen sind, aber ich verstehe, daß die Reitechsen-Geister böse sind und ihr, die Bunten Leute, gut und Freunde der Kiowa. Seid darum will-kommen in meinem Wigwam. Langer Häuptling, Ihr sprecht nicht die Sprache unseres Vol-kes, aber wir verstehen euch dennoch. Wie bewirkt ihr diesen Zauber?“
„Oh, das ist kein Zauber, nur ein Werkzeug wie ein Messer oder ein Beil, nur sehr viel kom-plizierter. Wir leben nach einer anderen Art wie ihr, aber wir sind trotzdem eure Freunde. Die Kiowa leben nach dem Lauf der Natur und nutzen alles, was sie ihnen schenkt, ohne etwas zu verschwenden und sind dabei wahrscheinlich glücklicher als wir es je sein werden, denn ihr Weg ist ein guter. Mein Name ist übrigens Kyle Lennard. Wieso hat Weiter-Blick-voraus uns als die ‘Bunten Leute’ bezeichnet?“
„Wegen der Farben eurer Haut und Haare. Wenn man euch aneinanderreiht, erhält man bei-nahe einen Regenbogen.“ Der Häuptling mußte lächeln.
„Eine schöne Beschreibung. Und was ist mit den ‘Geistern der Reitechsen’? Wieso habt ihr sie so genannt?“
„Weil sie so aussehen wie unsere Reitechsen, aber gehen und reden wie Männer. Und weil sie zornig und böse sind und die Kiowa strafen wollten.“ Der Häuptling senkte den Kopf ein wenig. „Siebzehn meiner Brüder, große Krieger mit vielen Sommern an Erfahrung und junge, die deren weniger, aber ein großes Herz voller Mut besaßen, sind von ihnen einfach wegge-wischt worden. Die bösen Geister haben Blitze auf sie gespuckt, die sie im Feuerschein ver-zehrten und nichts von ihnen ließen, was wir den Geistern unserer Ahnen überlassen können. Große Trauer erfüllt mich, wenn ich an diese Ereignisse denke.“
„Das tut mir sehr leid um deine Männer, aber ich glaube, wenn ihr uns helft herauszufinden, was sie von euch wollten, dann wird ihr Tod nicht umsonst gewesen sein. Was sind das für Reitechsen, von denen du sprichst?“
Der Indianer stand auf. „Ich werde sie dir zeigen, Langer-Häuptling-Kyle-Lennard, dir und deinen Kriegern. Wir wissen nur aus den Erzählungen der Alten, daß die Kiowa vor neunund-dreißig Generationen, als sie an diesen Ort kamen, andere Reit- und Zugtiere hatten, die wie große Hunde aussahen. Die großen Echsen jedoch waren gefährlich und unberechenbar, denn sie kamen und stahlen all ihre Reithunde im Laufe der Sommer. Sie sind schnell und stark und haben auch schon viele tapfere Krieger überrascht und getötet. Sie greifen alles an, was kleiner als ein Bison oder ein Berglöwe ist.
Die Medizinmänner haben über mehrere Generationen ein Mittel gefunden, das aus mehreren Kräutern, genau abgestimmt und sorgfältig zubereitet, die Echsen sanft macht und sie uns rei-ten und unsere Dinge ziehen läßt, wenn wir den Büffelherden nachziehen. Sie nahmen den Kiowa ihre Reittiere, so machten wir sie zu unseren Reittieren.“ Der Indianer führte Lennard, Leardini und Wuran zu einer Art Gatter.
„Faszinierend,“ bemerkte Wuran, „demnach sind die heimischen Pferde mit auf diese Welt transportiert worden, wie auch viele andere irdische Tierarten, wenn die Informationen unser-es Freundes korrekt sind. Allerdings haben die heimischen Echsen die Pferde in dieser Geg-end so gründlich ausgerottet, daß die Indianer ein neues Reit- und Lasttier finden mußten. Sie haben aus der Not eine Tugend gemacht und die Auslöser ihres Problems herangezogen und gezähmt.“
„Das stimmt, aber die Geister der Reitechsen sind wohl zornig darüber geworden, daß wir sie uns zunutze gemacht haben. Obwohl wir sie immer gut gefüttert und gepflegt und nie ge-schunden haben, haben sie uns bestraft. Sie haben mich, den Medizinmann und die beiden Dorfältesten zusammengesperrt und ihnen befohlen, das Mittel preiszugeben, wenn sie nicht unsere Frauen und Kinder töten sollten.“ Weiter-Blick-voraus seufzte und wies dann nach vorne.
„Dort seht ihr unsere Reitechsen.“
Alle drei blieben wie angewurzelt stehen und starrten mit offenem Mund unsäglich erstaunt auf die Wesen in dem Gatter vor ihnen.
„Das... das ist doch nicht möglich!“ entfuhr es Leardini.
Lennard fing sich als erster und ging zum Zaun, wo eine der Kreaturen ihren Kopf über die Absperrung streckte. Vorsichtig hielt er ihr seine ausgestreckte Hand hin, die von dem etwa vier Meter langen Reptil neugierig beschnüffelt wurde. Eine dunkelblaue, gespaltene Zunge schoß aus dem Maul heraus und leckte züngelnd über seine Hand. Darauf strich er ihr über den Kopf und tätschelte ihn mehrmals.
„Dieses Tier ist lammfromm,“ bemerkte er.
Wuran kam näher. „Sehen Sie sich das an. Die Grundform des Körpers ähnelt einer Eidechse oder vielleicht einer Waranart, ist jedoch größer und sehr kräftig. Ich schätze die Schulter-höhe dieses Exemplares auf etwa anderthalb und die Länge mit Schwanz auf viereinhalb Met-er. Die blaugraue Hautfarbe, die Schuppung und Konsistenz der Haut, die Form der dermalen Auswüchse und Dornenreihen am eidechsenähnlichen Kopf und Körper, die Hautfaltungen am Hals... alles spezifische Merkmale der Jem’hadar. Aber wie ist das möglich?“
„Ich vermute mal, wir sind auf eine Art entfernter Verwandter unserer speziellen Freunde getroffen,“ merkte Leardini an.
„Und die Kiowa haben ein Mittel aus natürlich wachsenden Kräutern entwickelt, das sie sanft und gefügig macht. Wenn mein Verdacht stimmt, sind wir hier auf etwas ganz Großes ge-stoßen. Etwas, das vielleicht den Krieg entscheiden könnte. Wir müssen sofort damit begin-nen, diese Echsen und die örtliche Flora zu untersuchen. Dann können wir herausfinden, was...“ Lennard brach ab und wandte sich dem Häuptling zu.
„Ihr habt ihnen doch nicht das Mittel gegeben?“
„Nein, dazu war die Zeit zu knapp. Wenn ihr nicht gekommen wärt, hätte es nicht mehr lange gedauert, bis sie unseren Willen gebrochen hätten. Wir sind alle stolze Krieger, aber wenn so ein niederträchtiger Feind damit droht, unsere Frauen und Kinder zu töten, haben wir keine Wahl, als uns zu beugen. Aber euch haben die Geister gebracht, und genau zur rechten Zeit.“ Weiter-Blick-voraus lächelte dankbar.
„Ein weises Wort.“ Lennard legte dem Kiowa eine Hand auf die Schulter. „Wirst du uns das Rezept geben, Häuptling Weiter-Blick-voraus?“
„Ihr habt meinen gesamten Stamm gerettet. Was sonst kann ich euch noch geben außer unserem Mittel für die Reitechsen?“
„Nur eure Freundschaft. Mehr brauchen wir nicht.“
„Wenn dein Volk so gütig und großzügig ist wie du, Langer-Häuptling-Kyle-Lennard, dann hoffe ich, es wird euch helfen, wie die Hoffnung in deinen Augen es mir verspricht.“
Lennard nickte dankbar und tippte dann auf seinen Kommunikator. „Lennard an Fairchild.“
„Hier Darrn.“
„Ich brauche auf der Stelle einen Exobotaniker und ein Exobiologenteam hier unten. Es ist größte Eile geboten. Ich komme mit den Führungsoffizieren zurück an Bord und erläutere alles Notwendige. Lennard Ende.“



„2,5,8,10-Tetraethyl-12-iridiumtrivesanoid und Jidrium-Bicandizin? Was soll das sein?“ Ver-ständnislos las Lennard bei der Offiziersversammlung die Namen von zwei chemischen Ver-bindungen auf dem Wandschirm ab, deren hochkomplexe Strukturformeln den Rest des Bil-des ausfüllten.
Wuran und Endi sahen sich an, wobei die Bajoranerin ihrer Kollegin mit einem einver-ständigen Nicken den Vortritt ließ. Die Iotanerin strich sich eine Strähne ihres hellblonden Haares von den Stirnwülsten und erklärte: „Dies sind zwei der Wirkstoffe im Ketracel-White, die in Zweien der hier heimischen Pflanzen enthalten sind. Allerdings muß man sie sehr sorg-fältig und genau nach der Rezeptur, welche die Medizinmänner des Stammes in jahrzehn-telanger Arbeit entwickelt haben, zubereiten, damit sich diese beiden Stoffe auf die ge-wünschte Art und Weise verbinden und eine erträgliche Ausbeute an Wirkstoff produziert wird.“
Leardini fragte interessiert: „Sie meinen, in diesen beiden Pflanzen wächst auf natürliche und regenerative Weise der Rohstoff für White heran?“
Wuran warf ein: „Bis auf die süchtigmachenden Komponenten, die in Verbindung mit den pflanzlichen Wirkstoffen von dieser Substanz abhängig und das Wesen der Jem’hadar gefü-giger macht. Die fehlenden Bestandteile sind jedoch relativ einfach industriell herzustellen, weshalb das Dominion wohl vor allem hinter den beiden Pflanzen und der Rezeptur zur Ge-winnung des Wirkstoffes aus ihr hersein dürfte.“
Wenjorook sagte mit dringlich klingender Stimme: „Wenn das Dominion das Minenfeld vor dem Bajoranischen Wurmloch nicht entfernen kann, werden sie über kurz oder lang Versorg-ungsengpässe an White erleiden. Wir wissen mit Sicherheit, daß sie selbst hier im Alpha-Quadranten kein White herstellen können, weshalb sie auf ihre Vorräte angewiesen sind. Das könnte sich jedoch ändern, wenn ihnen sowohl diese Kräuter als auch das Verfahren zur Her-stellung des Wirkstoffes in die Hände fallen würden.“
Lennard dachte angestrengt nach. „Aber die Methode der Indianer ist doch sicher ziemlich primitiv. Glauben Sie nicht, das Dominion könnte ohne Probleme selbst ein Verfahren ent-wickeln, sobald sie die Pflanze haben?“
„Das dachten wir zunächst auch,“ räumte Endi ein, „aber nachdem wir die Aufzeichnungen über den Prozeß analysiert haben, können wir sicher sein, daß das nicht der Fall sein wird. Die Zusammensetzung ist so empfindlich, daß schon kleine Abweichungen von der vorge-schriebenen Rezeptur den Wirkungsgrad der chemischen Reaktionen stark reduzieren oder eine Zersetzung der Stoffe hervorrufen würden. Es ist eine aufwendige, aber nahezu perfek-tionierte Herstellungsmethode.“
Dween meldete sich zu Wort: „Das ist gewiß ein Vorteil für uns, kompliziert die Lage aber erheblich. Wir stehen damit vor der Aufgabe, sowohl das Rezept und somit die Kiowa als auch die Pflanzen selbst vor einem Zugriff der Jem’hadar zu schützen. Das dürfte sich als äußerst schwierig erweisen.“
„Das Dominion ist nicht dumm,“ pflichtete Merven ihr bei. „Sie werden sicher nicht ohne Grund geflüchtet sein. Bestimmt sind sie schon mit Verstärkung unterwegs, um uns Tiragoni V wieder abzujagen. Für sie ist diese Welt nun einer ihrer größten Aktivposten.“
„Sie haben recht, Mr. Soares. Wir müssen sofort das Hauptquartier kontaktieren und Verstär-kung anfordern, um diesen Planeten halten zu können. Da wir jedoch weder den Orbit verlas-sen und den Planeten unbewacht zurücklassen können als auch Kontakt aufnehmen, ohne das System zu verlassen, muß jemand ein Shuttle nehmen und so weit von Tiragoni wegfliegen, bis er einen Subraumkontakt mit der Sternenbasis 72 aufnehmen kann. Wir müssen ihnen augenblicklich klarmachen, was hier auf dem Spiel steht.“ Lennard sah seinen Conn-Offizier an. „Würden Sie diese Aufgabe übernehmen, Merven?“
„Natürlich, Captain. Ich fliege senkrecht aus dem System heraus, dann komme ich schneller aus der Ekliptik, wo die meisten Interferenzen herrschen. Mit einem Shuttle der Klasse 12 kein Problem. Ich sollte das innerhalb einer halben Stunde schaffen können.“ Er vermied es, Dween anzusehen, da er sich jetzt ihren besorgten und vorwurfsvollen Blick nur zu gut vor-stellen konnte.
„Ich danke Ihnen. Dann wäre da noch die Absicherung des Kiowa-Dorfes. Wir müssen einen sehr leistungsstarken Kraftfeldgenerator in der Nähe des Dorfes plazieren, die nähere Umge-bung erkunden und an einer geeigneten Stelle ein Basislager für unseren Sicherheitstrupp er-richten. Damit strapazieren wir die Oberste Direktive nicht allzusehr, denke ich. Wenn wir die Schildmodulation nach den neuesten Erkenntnissen aus der Schildgeometrieforschung ro-tieren lassen, sollten sich die Jem’hadar weder hindurchbeamen noch das Feld mit Energie-waffen durchdringen können, ohne das gesamte Dorf zu pulverisieren, was nicht in ihrem In-teresse sein sollte.“
„Verzeihen Sie, Sir, aber so einfach ist das nicht.“ Alle starrten jetzt auf Dween, überrumpelt über ihren Widerspruch.
„Erläutern Sie das, Counselor,“ forderte ihr Kommandant.
Sie fuhr fort: „Wir können nicht langfristig sicherstellen, daß das Dominion dieses System nicht doch erobert, deshalb müssen wir ihnen den Anreiz dafür nehmen. Wir müssen den gan-zen Kontinent nach den Wachstumsgebieten dieser beiden Pflanzen absuchen und diese dann gezielt ausrotten. Auf dieser gesamten Welt darf es kein einziges dieser Kräuter mehr geben, dann und erst dann werden die hiesigen Indianer wieder in Frieden leben können. Wir werden also die Pflanzen eliminieren und gleichzeitig eine Lösung für die Kiowa suchen müssen, da-mit diese ihre Reitechsen im Zaum werden halten können. Aus meiner Sicht ist das die einzi-ge langfristig beständige Lösung dieser Problemstellung.“
Lennard starrte einige Sekunden geradeaus, während unheilvolles Schweigen in der Luft hing. Wuran sagte leise: „Ich... ich glaube, sie hat recht, Sir.“
„Hat irgend jemand eine bessere Idee?“ fragte Lennard. Niemand hatte eine.
„Tja, in diesem Fall liegt eine Menge Arbeit vor uns. Wir sollten lieber gleich anfangen da-mit. Mr. Soares, Sie fliegen so schnell wie möglich los. Mr. Darrn, freuen Sie sich auf die Einsatzplanung. Wir machen für diesmal Schluß und warten ab, was das Sternenflotten-Hauptquartier uns zu sagen hat. Inzwischen werden wir mit der Errichtung des Basislagers be-ginnen. Counselor, begleiten Sie mich zurück auf die Oberfläche. Ich möchte dem Häuptling schonend klarmachen, was wir beabsichtigen.“
Als sich alle erhoben und aufmachten, den ihnen zugewiesenen Aufgaben nachzugehen, sprach Dween leise den Captain an: „Sir, gewähren Sie mir noch ein paar Minuten? Ich habe noch etwas zu erledigen, was sich nicht aufschieben läßt.“
Er musterte sie kurz. „Sie haben sich wohl gerade für die Wartung des Shuttles gemeldet, das ausgeschickt werden soll.“
„So in etwa. Danke, Sir.“ Sie lächelte erfreut.
„Ich bitte Sie. Das haben Sie sich verdient, alleine schon durch ihre exzellente Analyse der Lage. Sie machen Ihrer Vorgängerin alle Ehre, muß ich sagen.“



Sie holte Merven kurz vor dem Turbolift ein und bestieg diesen wortlos mit ihm zusammen. Er sah sie nur groß an und sagte: „Deck Sieben, Hauptshuttlerampe.“
„Merven, warum mußt du diesen Flug machen?“ fragte sie, kaum daß der Lift losgefahren war.
„Zwei Gründe, mein Schatz: erstens muß die Fairchild selbst zur Zeit nicht bewegt werden, weshalb ich frei bin für diese Aufgabe und zweitens bin ich gut in meinem Job.“ Er brachte ein schiefes Grinsen zuwege, was sie jedoch nicht überzeugen konnte.
„Paß auf dich auf, ja? Niemand weiß, was dich da draußen erwartet. Und denke daran, daß wir uns im Krieg befinden.“ Sie legte die Arme auf seine Schultern und küßte ihn.
Als der Turbolift sich öffnete, ließ sie von ihm ab und folgte ihm zu seinem Shuttle, der Sulu. Die kleine Raumfähre der Klasse 12 gehörte einer der modernsten Baureihen an, war schnit-tig und stromlinienförmig gebaut und auch für längere Strecken geeignet.
Merven näherte sich der hinten befindlichen Einstiegsluke und sagte: „Keine Sorge, ich werde mit Warp Neun aus dem System herausfliegen, Kontakt aufnehmen und wieder zurück sein, bevor du gemerkt hast, daß ich weg war. He, mein Dienst ist vorbei, wenn ich zurück bin; ich werde auf dich warten müssen, nicht umgekehrt. Versprich mir, daß du bei mir vorbeischaust, wenn du von den Kiowa zurückkommst... meine Feuergöttin mit dem brennenden Haar.“
„Sehr witzig! Hätte ich dir bloß nichts davon erzählt.“ Sie stöhnte auf und hob dann die Handfläche mit auf vulcanischer Art gespreizten Fingern.
Er erwiderte den Gruß und stieg dann ein. Ein Deckoffizier bedeutete ihr mit hektischem Winken, zurück an den Rand des Flugdecks zu treten. Von dort aus beobachtete sie, wie die Warpgondeln bläulich aufleuchteten, als sie mit Plasma beschickt wurden. Dann erhob sich der Flugkörper und schwebte langsam auf das sich öffnende Hangartor zu. Sie sah ihm nach, bis sein Shuttle außer Sichtweite war und starrte noch auf die Warpgondeln der Fairchild, bis sich auch das Hangartor wieder geschlossen hatte.
Und jetzt auf zum Transporterraum, wo Lennard sicher schon warten würde.



Tatsächlich befand sich Merven bereits in seinem Quartier, als sie zurückkam. Er lag rück-links auf seinem Bett und starrte durch das Fenster über sich in das All hinaus.
Sie wollte sich neben ihm aufs Bett werfen, spürte dann aber, daß etwas mit ihm nicht stimm-te. Sie setzte sich auf die Bettkante und legte sich neben ihn auf den Rücken. Dann sah sie eb-enfalls hinaus in die ewige Schwärze der Nacht und die Myriaden der Sterne. Ohne eine At-mosphäre fehlte das Funkeln, aber dennoch war es atemberaubend.
„Was hast du erfahren?“
„Der Krieg verläuft gar nicht gut für uns, Shania. Wir sind an allen Fronten zurückgefallen und müssen derzeit alles an Schiffen in die Schlacht werfen, was wir haben. Sie können zur Absicherung von Tiragoni vorerst fünf Schiffe schicken: die Victory, die Bozeman, die Callisto, die Annan und die Excalibur.“ Seine Stimme drückte seine Verdrossenheit aus.
Sie setzte sich mit bewegungslosem Gesicht auf. „Moment mal... die Victory... Callisto... und... das ist ein schlechter Witz, oder? Das ist nicht witzig, Merven.“
„Habe ich auch gedacht, als ich im Shuttle 27 Milliarden km über dem Nordpol der Sonne saß und diese Antwort bekam. Ein Schiff der Constellation-Klasse, das schon eingemottet war und wieder reaktiviert wurde. Ferner drei unterschiedlich ausgerüstete Mirandas und wenigstens eine Ambassador. Ich bin mir vorgekommen wie ein Hobby-Subraumfunker, den man schnell aus der Frequenz haben will. Naja, sobald die Daten, die ich der Sternenbasis ge-schickt habe, im Hauptquartier auf der Erde eingetroffen und analysiert worden sind, werden sie erkennen, wie wichtig das hier ist. Und der Captain will eventuell morgen selbst mit-fliegen und Kontakt mit dem Oberkommando aufnehmen.“
„Und bis dahin können wir sehen, wie wir die Stellung halten. Was denkt sich die Admiralität auf der Starbase?“ Sie legte einen Arm über seinen Brustkorb und starrte weiterhin hinaus.
„Komm schon, die haben es auch nicht leichter als wir. Du weißt schon, der Krieg und so.“ Er drehte seinen Kopf an und musterte ihr Profil. „Du hast keine Ahnung, was auf uns zukommt, nicht wahr? Wenn es wirklich ernst wird...“
„He, ich habe einen Gegner von Angesicht zu Angesicht getötet. Wie viel ernster kann es noch werden?“
„Allein diese Frage zeigt mir schon, daß es für mich Zeit zum Handeln wird. Ich würde dich gerne besser darauf vorbereiten, damit du nicht ins kalte Wasser fällst.“
Sie sah ihn ebenfalls an und sagte mit lustloser Stimme, die ihre Worte Lügen strafte: „DAS würdest du für mich tun?“
„Vor kurzer Zeit noch warst du ganz wild auf Holodeck-Programme dieser Art. Ich mußte es dir damals förmlich ausreden, und jetzt willst du das nicht mehr?“
„Das ist natürlich etwas anderes.“ Sie schwang sich auf und zog ihn mit. „Ich weiß auch schon etwas Passendes.“



„Was soll das? Wo sind wir?“ wollte er wissen, als sie durch den Eingang des Holodecks auf einen hellen, leicht gebogenen Gang traten.
„Ich bin enttäuscht von dir. Das solltest du eigentlich besser wissen. Sieh dich doch um,“ for-derte sie ihn auf.
Als sich der Eingang hinter ihnen schloß und verschwand, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Farben und die Form der Gänge, die schwarzen, gläsern wirkenden Streifen in Brusthöhe, die sich um die weit gezogene Kurve herumzogen und die in Abständen auf-tauchenden, roten längsgeteilten Türen waren ihm gleich so vertraut vorgekommen.
„Wir sind im Radialgang einer Untertassensektion... aber von welchem Schiff? Dem Design nach ist dies eine Galaxy- oder Nebula-Klasse. Doch nicht etwa die Aldebaran?“ Ihm kam allmählich ein leiser Verdacht.
„Nun, in diesem Programm heißt sie Fairchild. Aber ja, das hier ist das Schiff, auf dem du zuletzt gedient hast, unter demselben Captain und XO.“
„Das Schiff darf aber nicht Fairchild heißen, da nicht zwei Schiffe gleichzeitig denselben Namen tragen können. Diese Fairchild ist stillgelegt worden und... jedenfalls ist dein Pro-gramm veraltet.“ Er mußte sich vorsehen, um nicht leichtfertig für streng geheim erklärte Fakten preiszugeben, auch nicht an sie.
Sie widersprach: „Es ist nicht mein Programm. Und damit du es weißt, es heißt ‘Fairchild in Gefahr’.“
Seine Augen wurden groß und rund. „Das kann doch nicht sein... Wuran! Sie hat den Namen der Simulation einfach geändert und kopiert. Hohoho, das hätte ich ihr nie zugetraut. Shania, weißt du eigentlich, auf was du bei deinen Holodeck-Hackereien gestoßen bist? Das, worin wir hier stehen, hieß ursprünglich ‘Rettet die Aldebaran’ und wurde vom Captain strengstens verboten. Wuran, ein anderes bajoranisches Crewmitglied und deine werte Vorgängerin haben es entwickelt, um Guerilla-Kampf an Bord ihres Raumschiffes zu üben. Während einer Krisensituation knallte die Counselor durch und zog sich nach ihrer Arrestierung in die Jeff-ries-Röhren zurück, von wo aus sie sich der Ergreifung entzog und sehr erfolgreich unsere Mission sabotierte. Ich darf dir keine weiteren Einzelheiten erzählen, aber eines sage ich dir: du hättest dabeisein sollen, als Leardini von diesem Programm erfuhr und davon, daß die Counselor deshalb nicht zu fassen war. Wenn sie wüßte, daß es hier im Computer ist und du es benutzt, würde sie dich eigenhändig durch die nächste Luftschleuse treten. Und dann würde sie einen Raumanzug anziehen, hinausgehen und dich weitertreten.“
„Und dich ebenfalls,“ ergänzte sie.
Merven machte vor Schreck einen Satz, als plötzlich in den schwarzen Streifen entlang der Wände rote Balken aufblinkten und ein Alarmsignal durch den Gang schallte. Gleichzeitig er-klang Lennards Stimme: „Alarmstufe Rot! Wir werden von einer großen Anzahl Breen ge-entert. Vermeiden Sie die Gänge und leisten Sie soviel aktiven und passiven Widerstand wie möglich. Wir werden versuchen... nein!...“
Als die Meldung abbrach, sah Shania ihn einen Moment lang an. „Es liegt an dir.“
Er überlegte kurz und meinte dann: „Also, das muß wohl an Soares liegen.“
Er riß eine Abdeckplatte aus ihrer Halterung und öffnete den Zugang zur parallel verlaufen-den Jeffries-Röhre. „Vor meiner Vereinigung wäre ich nie im Traum darauf gekommen, mich auf so etwas einzulassen. Zieh die Platte hinter dir wieder zu, ja?“
Sie grinste.



„Und was jetzt? Soll ich mir die Knie vollends aufscheuern, oder sind wir bald da?“ Er fragte sich, wozu er eine Viertelstunde lang auf den Knien und Handflächen durch sieben der War-tungstunnel, die das gesamte Schiff wie ein Adersystem durchzogen und teilweise einen Durchmesser von unter einem Meter aufwiesen, gekrochen und über Leitern achtundzwanzig Decks nach unten gestiegen war.
„Was bist du nur für ein Jammerlappen,“ gab sie mitleidslos zur Antwort, da sie sich kei-nesfalls den Spaß verderben lassen wollte.
„Oh, vielen Dank. Ich werde deine Künste als Counselor wärmstens weiterempfehlen. Viel-leicht sollte ich mich den Breen ergeben, die gehen wahrscheinlich mitfühlender mit mir um.“ Er hielt an und starrte auf das, was ihnen voraus den Weg versperrte.
„Nicht nötig, wir sind da.“ Sie trat in eine Kammer ein, in der man aufrecht stehen konnte und durch die diagonal ein mehr als meterdickes Rohr verlief. In das mit Leitungen und Kont-rollelementen umgebene Rohr waren Einsätze aus transparentem Aluminium integriert, durch die man ein helles Glühen im Inneren der Röhre sehen konnte. Er sah außerdem auf der von ihnen abgewandten Seite ein viel kleineres Rohr, das aus einer Art Weiche abzweigte.
„Das ist die Steuerbord-EnergieTransferLeitung. Sie führt direkt vom Warpkern aus zur rechten Warpgondel und versorgt diese mit Energie. Dies hier sieht wie eine Abzweigung erster Größenordnung aus. Was ist dein Plan?“ Er sah sie gespannt an.
„Ganz einfach, wir zerstören die peristaltischen Energiefelder genau an der Weiche hier, aber so, daß wir noch genug Zeit haben, um eine Fluchtkapsel zu nehmen und das Schiff zu ver-lassen, bevor...“
„Moment mal,“ bremste er sie empört, „weißt du eigentlich, wie viele Millionen Grad heiß das Plasma in diesen Leitungen ist? Es wird augenblicklich den Fluß unterbrechen und einen Rückstau bis zum Warpkern auslösen. Wenn das Plasma mit reiner Antimaterie in Berührung kommt, sehen wir mächtig alt aus.“
„Ich schätze, daß es vom Versagen der Eindämmung bis zum Kernbruch etwa achtzehn Se-kunden dauern wird. Deshalb werden wir die Leitungen nur so weit beschädigen, daß sie langsam, aber sicher durchschmelzen werden. Wir müssen dann durch einen offenen Quer-gang etwas über fünfzig Meter weit zur Außenseite des Schiffes laufen, wo sich sieben nach unten austretende Rettungskapseln befinden. Bist du bereit?“
Er zögerte noch: „Und wenn wir einen vollen Phaser auf Überlastung stellen und hier auf die Weiche legen? Das entspräche auch in etwa der Sprengkraft einer halben Isotonne und würde wie eine Zeitbombe wirken. Wir hätten dann genug Zeit, um... he!“
Mit entgleisenden Gesichtszügen sah er den Phaserstrahl aus ihrer Waffe auf die Energiezu-fuhr der Eindämmung schießen und diese anbrennen. Während die getroffene Stelle schmor-end einen dünnen Rauchfaden nach oben zog, bearbeitete sie blitzschnell drei weitere Stellen auf die gleiche Art. Dann riß sie den Kopf herum und rief mit abenteuerlichem Lachen: „Schnell, komm!“
Sie hastete ein paar Meter durch den Servicetunnel, trat eine Abdeckplatte in den Gang hin-aus, den sie dann entlanglief, immer mit dem entsetzten Merven im Schlepptau. Sie bog an der Außenseite des Decks nach links ab und stand nach wenigen Metern vor dem Zugang der ersten Kapsel. Hastig warfen sie sich hinein und in die Sitze, dann löste sie den Start aus.
Die Trägheitsdämpfer verhinderten, daß sie wie Pfannkuchen an die Decke des fast kubischen Innenraumes geklatscht wurden, als der kleine Einzelpuls-Mikrofusionsstarter seinen posi-tronischen Treibsatz schlagartig zündete und die Rettungskapsel mit einer Beschleunigung von 40 m/s² nach unten aus dem Startkanal herauskatapultierte.
„Wow, was für ein Ritt!“ begeisterte Dween sich und drehte die Kapsel nach dem Ausbren-nen des Fusionsantiebes mit den RKS-Düsen so, daß sie durch eine der beiden kleinen Sicht-luken die Maschinenhülle der alten Fairchild von unten sehen konnten. Sie waren mehrere km entfernt, konnten aber mit dem kleinen Fusionsantrieb noch weiter weg vom Schiff.
„Wo hast du denn diesen Spruch her? Sicher von der Akademie...“ wollte er loswettern, doch da gab es draußen einen grellen Blitz, worauf er wieder hinaussah.
Die Maschinenhülle verschwand in einem weißlich glühenden Feuerball, die Untertassensek-tion brach vom havarierenden Teil des Schiffes ab und wurde ebenfalls von vielen Sekun-därexplosionen erschüttert, bevor sich diese ebenfalls zu einer letzten großen Detonation stei-gerten und das ganze Schiff im Inferno verschwand.
Merven war noch nie so nahe dabeigewesen, wenn ein Warpkern brach und die alles zerstör-ende Kraft der Materie-Antimaterie-Reaktion unkontrolliert freigesetzt wurde. Das Unheim-liche daran war die absolute Stille, mit der alles ablief, da sie vom Vakuum des Alls von dem Ereignis getrennt waren; es machte das alles so abstrakt...
Die Druckwelle traf sie überraschend und ließ sie von ihren Sitzen fallen. Als sie sich wieder aufrappelten, schlugen die ersten Trümmerstücke gegen ihr Rettungsboot und ließen es er-neut erzittern.
„Was für ein Mist! Siehst du vielleicht noch irgendein anderes AÜBS? Du hast gerade ein-tausend Humanoide gebraten und... aaah!“
Sie fuhr herum und sah einen großen Teil der Hauptdeflektorschüssel wild schlingernd auf sie zutorkeln. Sie schrien beide und warfen sich in einer sinnlosen Geste auf den Boden zurück, doch das etwa vierzig Meter lange Wrackteil verfehlte sie um Haaresbreite.
„Das ist einfach zuviel!“ stöhnte Merven und blieb auf dem Boden sitzen, mit dem Rücken zum Fenster. Gegenüber sah er von Weitem einen der Torpedolauncher sich wild über-schlagend wie einen gigantischen Tambourinstab durchs All bewegen. Es war entsetzlich für seinen Geschmack.
„Ich glaube, du brauchst keinen Sprung mehr ins kalte Wasser; dich haben sie mittels Wasser-geburt auf die Welt gebracht, und zwar an der Nordküste von Breen Prime.“ Er sah sie kapitu-lierend an.
Sie meinte mit belangloser Miene: „Du hast recht, das Schiff zu zerstören war vielleicht nicht die beste Lösung. Aber jetzt möchte ich mir die alte Fairchild noch ein wenig von außen ansehen, wenn du nichts dagegen hast. Die Modelle der Galaxy-Klasse haben es mir schon immer angetan, mußt du wissen.“
„Stimmt, du hast ja zuletzt auch auf einem gedient. Warum erzählst du eigentlich so wenig über deine Zeit auf der Swansea?“
„Es gibt Dinge, die willst du nicht wissen. Also, können wir?“
Als er teilnahmslos nickte, rief sie: „Computer, setze das Programm zurück auf Zeitindex 3197,4 und halte den Simulationablauf dort an. Setze die Manöverkontrollen der Rettungs-kapsel in Funktion und schließe die Auswurfluke unserer Kapsel in der Maschinenhülle.“
„Bestätigt,“ erklärte die neutrale weibliche Computerstimme. Es gab ein Geräusch wie einen Windhauch, dann lag das elegante Raumschiff unversehrt draußen vor ihnen. Aus dieser Per-spektive machte es zwar einen etwas plumpen Eindruck, dieser schwand jedoch gleich, als sie auf den Rumpf zusteuerte und dann über die Unterseite der UTS nach vorne flog. Als sie die Kapsel halb rollte, so daß sie die Hülle über sich hatten, also wieder ‘richtigherum’ gedreht waren, wendete sie und ließ sie langsam rückwärts nach vorne treiben.
„Wunderschön, nicht wahr?“ Sie sah ihn verliebt an und ließ dann wieder ihren Blick entlang dem fließenden Übergang zu der Maschinensektion schweifen, der bläulich leuchtenden De-flektorschüssel und den beiden Bussard-Kollektoren, die direkt vor ihnen in etwa dreihundert Meter Entfernung rotglühend Wasserstoffatome aus dem interstellaren Medium einfingen.
„Eine Halbvulcanierin, die beim Anblick einer Schiffshülle romantische Gefühle bekommt. Das Universum ist voller Wunder,“ witzelte Merven.
„Ja, ja,“ sagte sie nur und startete die ReaktionsKontroll-Steuerung des Lifepods erneut. Dies-mal zog sie ihre Kapsel langsam über die Oberseite der UTS nach hinten, bis sie auf der Steu-erbordseite an der Brückensektion vorbeiglitten, dann über den Haupthangar und über das ‘Rückgrat’ des Schiffes entlang zwischen die Warpgondeln. Als sie um den nach hinten und außen abgesetzten Pylon herumgesteuert hatte, flog sie auf Höhe des Maschinenraumes zurück nach vorne.
„Ich könnte mich nie sattsehen an diesem Anblick,“ sagte sie und wandte sich ihm zu. „Ge-fällt es dir nicht auch?“
Er wollte gerade etwas erwidern, als sein Blick auf das Schiff fiel, das hinter ihr vorbeizog. Erschreckt sprang er auf und rief: „Computer, Programm beenden!“
Sie wurde eiskalt erwischt und fiel auf den Hintern, als sich der Sitz der Rettungskapsel unter ihr auflöste. Plötzlich waren sie im leeren Holodeck, umgeben vom Gitter der Bilderzeug-ungs- und Kraftfeldsysteme.
Zornig sprang sie auf und rieb sich ihren schmerzenden Steiß. „Was zum... ist bloß in dich ge-fahren? Ich glaube, du brauchst wirklich einmal eine Sitzung bei mir... eine berufliche!“
Entschuldigend stammelte er: „Es... es tut mir leid. Es sollte nur zu deinem Besten sein. Wir sollten dieses Programm nicht benutzen, denn... der Captain hat es verboten. Am sichersten wäre es, wenn wir es gar nicht mehr benutzen. Computer, zuletzt gelaufenes Programm lö-schen.“
„Bitte Berechtigungscode angeben,“ forderte der elektronische Gesprächspartner ihn auf.
Shania lächelte eine Spur bösartig. „So einfach werde ich es dir nicht machen, mein Liebster. Computer, starte Programm an gleichem Zeitindex neu auf.“
„Bitte nicht, Shania! Laß’ mich erklären, warum ich...“
„Du wolltest, daß ich etwas nicht sehe, das habe ich genau gemerkt. Was ist das Geheimnis dieses Schiffes? Eine neue Tarnvorrichtung, die verbotenerweise entwickelt und getestet wurde? Oder... nanu?“
Sie waren jetzt knapp vor der Steuerbord-Schleuse an der Wurzel des Übergangsstückes zur UTS, als ihr plötzlich etwas auf der Außenhülle auffiel. Zuerst nahm sie nur einen un-regelmäßig geformten bunten Fleck wahr, der allmählich menschliche Konturen annahm, als sie die Rettungskapsel näher heransteuerte. Es stellte sich als die überlebensgroße Darstellung einer jungen, rothaarigen Frau mit leuchtend grünen Augen heraus, die ein hautenges grün-violettes Kostüm trug und in einer sprungähnlichen Pose abgebildet war. Darunter stand in einer Sprechblase auf weißem Grund: „Der Feind meines Feindes... ist mein Feind!“
Völlig fassungslos starrte Dween auf die Figur und dann auf Merven: „Das... das bin ja ich! Wie... ich verstehe das nicht.“
„Jetzt hast du’s doch noch herausgefunden. Also gut, ich werde dich aufklären: dies hier ist eine Comic-Figur, eine fiktive Person aus der Unterhaltungsliteratur der Erde der Jahrtaus-endwende. Sie heißt Caitlin Fairchild und ist damals von unserem Bordarzt während dieser Sondermission heimlich auf die Außenhülle gesprüht worden. Frag’ mich nicht warum, der gute Mann hatte schon immer nur ein teilmöbliertes Oberstübchen. Diese Sprechblase mit dem inoffiziellen Missionsmotto ist allerdings neu.“ Er zuckte nur bedauernd mit den Achseln.
„Soll das heißen, daß ich das... Maskottchen des Schiffes bin?“
Er lächelte nur verlegen und legte den Kopf ein wenig schräg. „Du siehst zumindest so aus.“
Ernüchtert ließ sie sich in ihren Sitz fallen. „Ich glaube, jetzt brauche ich einen Counselor.“
„Ach, komm schon, Schatz, so schlimm ist das doch gar nicht,“ versuchte er sie zu trösten.
„Und du hast es die ganze Zeit gewußt!“ Sie funkelte ihn zornig an. „Ich könnte dir den Hals umdrehen.“
„Das ist mir bewußt, doch damit wäre niemandem geholfen. Sieh es doch als eine Ehre an, daß du zufälligerweise unserer Galionsfigur so verblüffend gleichst... Naja, bis auf die Ohren,“ fügte er grinsend hinzu.
„Ich wette, sie hatte auch spitze Ohren,“ gab sie zurück und lächelte nun auch schwach.
„Nie im Leben.“ Er zog sie hoch und umarmte sie spontan. „Und, mein ‘schönes Kind’, hast du jetzt endlich genug von dieser Simulation?“
„Endgültig.“ Sie verließen das Deck und löschten die Kopie von Wurans heimlichem Trai-ningsprogramm.

















































- 6 -

Lennard stieg mit düsterer Miene aus dem Klasse-12-Shuttle Triton, das soeben im Haupt-hangar aufgesetzt hatte. Leardini und Dween erwarteten ihn bereits, wobei Dween auch we-gen Merven, der das Shuttle wieder gesteuert hatte, gekommen war.
„Wie sieht die Lage aus, Captain?“ fragte die Erste Offizierin gleich als erstes.
„Meinen Sie unsere Lage oder den Stand des Krieges?“ erwiderte er leicht gereizt. „In beiden Fällen, alles andere als gut.“
„Keine weiteren Verstärkungen für uns?“
Er hob resignierend die Schultern. „Wir müssen uns fürs erste mit den fünf Schiffen be-gnügen, die sie uns schicken, die zweite Welle ist aber bereits mobilisiert worden und auf dem Weg, aber bis diese eintrifft...“
„Dabei ist der Zeitfaktor gerade das Entscheidende,“ bemerkte Dween. „Ich habe mich bei Wuran erkundigt. Ihr Stab arbeitet mit der Biologie zusammen unter Hochdruck an einem Schädling, der selektiv die beiden fraglichen Pflanzen zerstören soll, aber selbst wenn sie im Drei-Schicht-Betrieb stehen, wird das noch Tage dauern. Zudem müssen sie auch noch ein Ersatzmittel für die Indianer finden, damit diese auch weiterhin ihre Reitechsen zähmen und als Nutztiere gebrauchen können.“
„Naja, wenigstens werden wir Hilfe von anderer Seite erwarten können,“ bemerkte Merven und handelte sich damit einen fragenden Blick von Leardini ein.
Lennard erklärte, während sie die Startrampe verließen: „Man hat mir mitgeteilt, daß der Hohe Rat auf Qo’nos ebenfalls unsere Berichte erhalten und darauf ein klingonisches Kon-tingent an Kampfschiffen, das auf dem Weg zur Front war, zu uns umgeleitet hat. Sie werden das Tiragoni-System in mehreren Lichtjahren Entfernung passieren und uns falls nötig zur Seite stehen.“
„Wenigstens sie erkennen, was hier von uns abhängt,“ murmelte Dween leicht verbittert.
Sie betraten den nächsten Turbolift und fuhren zur Brücke. Lennard wollte wissen: „Und wie geht die Errichtung unseres Basislagers auf der Oberfläche voran?“
„Recht zügig,“ antwortete Leardini. „Das Lager selbst steht praktisch, nur die vier Kraft-feldgeneratoren werden noch von Chefingenieur Nirm gewartet und die Leistung erhöht. Er hat auch noch einige Modifikationen unter Einbeziehung der neuen Forschungsergebnisse in der Schildgeometie vorgenommen.“
„Hört sich gut an. Ich glaube, ich werde ihn nachher einmal kurz im Maschinenraum be-suchen und mir das ansehen.“
Sie erreichten die Brücke, worauf Lennard seinen Bereitschaftsraum ansteuerte. Er hatte die-sen fast schon erreicht, als ihm gewahr wurde, daß Dween ihm gefolgt war. „Sir, darf ich Sie einen Moment lang sprechen? Es ist etwas Persönliches.“
Er hob eine Augenbraue. „Darf ich fragen, was es so Dringendes...“
„Es ist wegen meines identischen Aussehens zu Ihrer... Schiffsbemalung, Sir.“ Sie sah etwas peinlich berührt aus.
Er wiegelte ab: „Ach, Sie haben es herausgefunden? Ich glaube, das sollten Sie nicht so tra-gisch nehmen. Falls wir jemals an eine Raumbasis angedockt sind und irgendwelche Ver-wandten durch die Luftschleusen das Schiff betreten wollen, um Sie zu besuchen, gebe ich hiermit die Erlaubnis, sie direkt in Ihr Quartier beamen zu lassen. So bleibt Ihnen die Ent-deckung unseres ‘Maskottchens’ erspart.“
„Das ist sehr entgegenkommend von Ihnen, Captain. Ich danke... einen Moment!“ Dweens Erleichterung wich blankem Entsetzen, als ihr aufging, was Lennards Kommentar imple-mentierte. „Sie... Sie meinen, das Bild ist auch auf diesem Schiff? Bitte sagen Sie, daß das nicht wahr ist!“
Er hob bedauernd die Schultern. „Tut mir leid, ich wußte nicht, daß Sie sich auf die alte Fairchild bezogen hatten. Wie haben Sie das denn erfahren?“
Nun war sie in der Klemme. Ausweichend stotterte sie: „Das... ich habe es in einer Trainings-simulation auf dem Holodeck gesehen, als ich... mit einem Shuttle an Ihrem letzten Schiff vorbeiflog. Irgend jemand hat sich große Mühe mit der Darstellung des Schiffes gegeben und sogar das Bild eingefügt. Dummerweise habe ich das Programm fast vollständig gelöscht, als ich eine Einstellung neu spezifizieren wollte. Bitte behalten Sie es für sich, denn ich fürchte, ich bekomme großen Ärger, wenn der Autor erfährt, wer seine Simulation ausradiert hat.“
„Keine Sorge, Counselor, die meisten Leute, die eine frei zugängliche Simulation im Holo-speicher abgelegt haben, verfügen über Sicherheitskopien. Aber ich werde Ihr kleines Miß-geschick dennoch für mich behalten. Sie sind schließlich unser Glücksbringer. Und außerdem war unser guter Doc Stern mit der Anbringung dieses Gemäldes eine Art Trendsetter, denn nach dem, was ich gehört habe, gibt es inzwischen schon an mehreren Schiffen solche ‘Maskottchen’. Sie können sagen, Sie waren dabei - ist das vielleicht nichts?“ Er kniff verschwörerisch ein Auge zu und verschwand dann in seinem Bereitschaftsraum.
Dween blieb wie betäubt vor seiner Tür stehen und flüsterte: „Das ist nur ein Alptraum... gleich wache ich auf und alles wird gut...“



Nach ihrem Dienst beschloß Leardini, noch kurz den Fortgang der Arbeiten auf der Ober-fläche zu inspizieren; schließlich mußte sie ihrem Ruf gerecht werden, überall und immer un-angekündigt auftauchen und bohrende Fragen nach der geleisteten Arbeit stellen zu können. Das war es, was unter anderem einen guten Ersten Offizier ausmachte. Sie rief noch die Counselor zu sich und bat sie, mit sich zu kommen, da ihr nicht entgangen war, daß sie einen guten Draht zu den Kiowa hatte. Die große kräftige Feuergöttin mit dem ‘brennenden Haar’ war bei den Stammesmitgliedern allgemein respektiert und geachtet.
Dween erschien kurz nach ihr im Transporterraum und nickte ihr nur knapp zu, bevor sie sich auf die Plattform stellte.
Leardini gab Befehl zum Beamen und fand sich einen Atemzug später auf einer Anhöhe nahe des Kiowa-Dorfes wieder. Von hier aus hatte man einen atemberaubenden Ausblick auf das kleine Indianerdorf, die sanften Hügel und vereinzelten Waldstücke der Prairie und einem schmalen, bizarr geformten See in weiter Ferne. Es hätte ein wirklich idyllischer Anblick sein können.
Wären da nicht die Abermillionen dunklen, länglichen Gesteinsbrocken, die allgegenwärtig waren und wie düstere Mahnmale aus dem Grund ragten, in den sie mit großer Gewalt hinein-gerammt worden waren. Sie waren alle in dem gleichen Winkel gen Himmel gerichtet, bizarr und spitz in der Form, manche grotesk geformt, aber allesamt scharf und gefährlich aus-sehend.
„Das ist unglaublich, nicht wahr?“
Die Italienerin drehte sich langsam um. Sie hatte für einen Moment die Anwesenheit der Schiffsberaterin völlig vergessen. Jetzt sagte sie versonnen: „Wissen Sie, an was mich das er-innert? An Palisaden einer Terranischen Burg der frühen irdischen Zeit. Damals befestigten die Menschen ihre Dörfer mit Reihen aus angespitzten Holzstämmen, damit sie nicht von außen angegriffen werden konnten. Dies hier ist eine planetare Festung, die sich gegen einen Angriff von oben schützt.“
„Interessant. Für mich ist es noch seltsamer, daß diese Weltraumtrümmer in diesem Maße un-versehrt auf der Oberfläche ankommen konnten. Bei kaum einen ist eine Spur von großer Hitzeeinwirkung des Atmosphäreeintrittes oder von Aufschlagspuren festzustellen. Eigentlich müßten sie völlig zerschmolzen und beim Aufschlag in kleinste Bruchstücke zertrümmert worden sein, aber ich habe noch keinen einzigen Krater hier gesehen.“ Sie ging zum nächsten etwa meterhohen Objekt und strich über dessen rauhe, harte und kalte Oberfläche.
Leardini zögerte. „Die Planetologen sind sich diesbezüglich noch nicht ganz sicher. Sie haben festgestellt, daß das gesamte Tiragoni-System noch nicht ganz stabil ist, was die Folgen der Entstehung des Ringes um den sechsten Planeten und dessen exzentrischer Bahn angeht. Sie meinen, daß diese Änderung vielleicht noch nicht einmal tausend Jahre zurückliegt.“
„Das würde erklären, weshalb die Umsiedlung hierher geschah, trotz dieser widrigen Um-stände. Diese Veränderungen, die das stellare Bombardement auslösten, waren damals noch gar nicht vorhanden. Sehen Sie sich nur diesen Brocken dort hinten an! Man könnte ihn mit ein wenig Phantasie für ein Gebirge halten.“ Dween deutete auf einen massiven Körper in weiter Ferne, der sich hinter dem Horizont aus der Trübung der Atmosphäre erhob, wodurch seine Basis nicht zu sehen war, sondern nur die vier grotesken spitzen Gipfel, die wie dunkle, klamme Finger ins All hinaufreichten.
„Ja, sie haben es die Quadriga genannt. Der höchste von ihnen ragt achtundneunzig km über das Meeresniveau - nicht schlecht für einen Himmelskörper, dessen höchste natürliche Erhe-bung nicht einmal bis auf neunhundert Meter reicht. Jemand von der Geographie hat mir da-von erzählt; wir stehen etwa zwölfhundert km von dieser Formation entfernt, die vor der Ost-küste des ‘Verlorenen Kontinents’ in der Planetenoberfläche steckt. Der Körper hat die äuß-ere Gesteinskruste durchschlagen und sinkt allmählich hinab in den flüssigen Kern, wobei er geringe Mengen von Magma rund um sich herum freisetzt. Da er im Meer steht, wird das Wasser in seiner unmittelbaren Nähe zum Kochen gebracht, was seinen Fuß ständig in einen Dampfvorhang einhüllt. Die Kiowa nennen ihn ‘Die Nebelzähne’.“
„Sie meinen, er sinkt ab ins Innere des Planeten?“ Fasziniert starrte Dween in die Ferne.
„Um etwa zwei Meter pro Jahr. Naja, bei der hohen Schwerkraft hier wird keine dieser For-men hier langen Bestand haben. Auf dem Erdenmond vielleicht...“ Leardini sah wieder auf und richtete ihren Blick nun auf den sich nähernden Planeten mit dem gewaltigen Ring, der inzwischen sogar morgens noch zu sehen war. Er war gerade am ‘untergehen’ und berührte mit einem kleinen Teil bereits den Horizont, wo auch seine Konturen im trüben Morgennebel verschwanden - bis auf seinen Ring. Der war von so starker Konsistenz, daß er sich sogar durch die optischen atmosphärischen Interferenzen hindurch abzeichnete und den Horizont direkt zu berühren schien. Er nahm einen großen Teil des östlichen Himmels ein und würde in zwei Tagen seine größte Näherung haben, bei der das Ringsystem Tiragoni V beinahe streifen würde. Die Fairchild würde den Orbit verlassen und das Vorbeiziehen des Gasriesen in sicherem Abstand abwarten müssen.
Leardinis Kommunikator gab ein kurzes Störgeräusch von sich und ließ dann Nirms Stimme verlauten: „Commander, wir sind soweit. Wenn Sie wollen, können Sie es sich ansehen, bevor wir beginnen.“
„Hier Leardini. Ich komme.“ Sie gab Dween ein Zeichen, ihr zu folgen und setzte sich in Bewegung.
Etwa zweihundert Meter vom Dorf entfernt und unauffällig zwischen einer Gruppe von hö-heren Felsen plaziert, stand eine quaderförmige, mannshohe Anlage mit einer großen Emit-terschüssel auf ihrer Spitze, an der noch mehrere Techniker arbeiteten. Nirm kam auf sie zu, als er ihr Eintreffen bemerkte. „Ah, Ladies, Sie kommen gerade rechtzeitig zur Inbetrieb-nahme der Kraftfeldgeneratoren. Wir haben die vier Apparaturen rund um das Dorf aufge-stellt, so daß sich die Schirme über der Siedlung überlappen und feindliche Sensoren täu-schen sollten. Sie dürften dann keine Lebenszeichen an diesem Ort mehr feststellen können. Außerdem ist die Emission jeder dieser 900-Megawatt-Fusionsgeneratoren so maskiert, daß sie vom Orbit aus kaum noch meßbar ist. Und selbst falls wir entdeckt würden, könnten wir Einiges an Beschuß aushalten.“
„Klingt nach guter Arbeit, Mr. Nirm. Sie können beginnen, wenn Ihres Erachtens nach alles so weit ist,“ sagte Leardini und warf einen Seitenblick auf die acht mit Phasergewehren be-waffneten Posten rund um den Generator. Der Schutz dieser Ansiedlung war immens wichtig für das Gelingen ihres Vorhabens; sie hoffte, diese ganzen Vorsichtsmaßnahmen würden nicht benötigt werden.
„Nirm an Fairchild.“
„Brücke hier. Was gibt es Neues, Chief?“
„Wir können das Kraftfeld um das Dorf herum errichten, Captain. Mit Ihrer Erlaubnis initi-iere ich den Aufbau des Energiegitters. Wir müssen ab jetzt für jeden Transport vom und zum Schiff die Senkung der Schilde koordinieren.“ Nirm ging zu der Bedieneinheit des Generators und gab mit für ein so behäbig wirkendes Wesen unglaublicher Geschwindigkeit eine Fülle von Befehlen ein.
„Erlaubnis erteilt, Lieutenant. Lennard Ende.“ Der Captain war offenbar kurz angebunden heute.
Nirm sah die Erste Offizierin kurz an, hob die Schultern und tippte die Startsequenz ein. „Was hätte ich auch erwarten sollen?“
Überraschend tauchte Endi auf und sagte ironisch lächelnd: „Dies ist nur ein kleiner Schritt für einen Humanoiden, aber ein großer Sprung für die Föderation.“
Nirms Gesicht sah nun noch grimmiger und trauriger aus als es schon von Natur aus war, während Dween die Stirn runzelte. Leardini erbarmte sich: „Das war eine abgewandelte Form des Wortlautes, den der erste raumfahrende Mensch bei Betreten des irdischen Mondes sagte. Ich wußte gar nicht, daß Sie sich so sehr für terranische Geschichte interessieren, Doktor.“
„Oh, ich habe in letzter Zeit eine Menge über die Erde gelesen,“ gab die Iotanerin zu und wurde leicht rot. Dann wandte sie sich schnell um und sagte: „Kommen Sie doch bitte mit, dann zeige ich Ihnen das Basislager.“
Als die beiden der Bordärztin folgten, warf Leardini Dween wiederholt fragende Blicke zu, bis diese ihre Vorgesetzte zur Seite nahm, als sie gerade einen größeren Fels passierten. Ohne Umschweife erklärte sie: „Commander, ich denke, ich sollte Ihnen etwas mitteilen, um Ihre Unsicherheit diesbezüglich auszuräumen. Leider sieht es ganz so aus, als ob Mrs. Endi sich in Sie verliebt hat.“
Leardinis Gesichtszüge verwandelten sich in eine Maske des Entsetzens. „Und das mir. In dieser Lage! Hören sie, Counselor, ich habe eine dringende Bitte an Sie. Bestimmt haben Sie gemerkt, daß ich nicht immer besonders freundlich zu Ihnen war, aber den Grund dafür kennen Sie nun ja. Ich war einfach unsicher, wie ich mich verhalten sollte, aber das sollten wir jetzt ein für allemal vergessen. Ich wäre Ihnen in höchstem Maße dankbar, wenn Sie diesen Zustand für mich bereinigen könnten, wenn Sie mich verstehen, und zwar möglichst schnell.“
Dween dachte nach. „Möglichst schnell und dabei den Doktor auch noch diensttauglich be-lassen? Das wird nicht einfach, aber ich werde mir etwas einfallen lassen. Vertrauen Sie mir.“
„Ich danke Ihnen, Mrs. Dween. Lassen Sie uns jetzt schnell weitergehen, bevor sie etwas von unserer Abwesenheit merkt.“



Sie waren am nächsten Tageszyklus der Fairchild, also am späten Abend von Tiragoni V wie-der im Basislager und beobachteten von der Anhöhe aus die Abenddämmerung, die in den tiefsten rosaroten und violetten Farbtönen über dem Westhorizont der Prairie lag.
Leardini sah auf zu der fast ein Kopf größeren Schiffsberaterin. „Haben Sie schon etwas er-reichen können?“
„Es hat sich noch nicht ergeben, Commander,“ verneinte Dween und seufzte. „Sie war die meiste Zeit über hier und hat das Lager eingerichtet, während ich Beratungsgespräche auf dem Schiff führte. Aber ich denke, ich habe zwei Alternativen. Entweder sage ich ihr die Wahrheit so schonend wie möglich...“
Leardini stöhnte auf: „Muß das unbedingt sein? Ich wollte die Anzahl der neuen Führungs-offiziere, die von meiner festen Bindung zum Captain wissen, möglichst klein halten. Können Sie nicht vielleicht eine Art Halbwahrheit oder Notlüge anwenden?“
Dween sah sie scharf an. „Hören Sie, das gehört nun wirklich nicht zu meinen üblichen Be-handlungsmethoden...“
„Es ist auch keine übliche Situation, oder?“ beharrte Leardini fast flehentlich.
„Nun, ich könnte ihr natürlich auch sagen, daß wir beide schon eine Affäre haben. Bevor-zugen Sie, daß sie uns in flagranti erwischt, wenn wir uns leidenschaftlich küssen und Kose-namen geben, oder soll ich ihr einfach nur Prügel androhen, wenn sie nicht von Ihnen ab-läßt?“ Dween grinste diabolisch, wissend um die desillusionierende Wirkung ihres Vor-schlages.
„Das mit dem Verprügeln gefällt mir besser,“ ging Leardini darauf ein und seufzte dann lange. „Dann eben die Wahrheit. Sie würden sich nicht zufällig auf eine Liaison mit Endi ein-lassen, die sie von mir ablenkt?“
„Auf was für ein Schiff bin ich nur versetzt worden? Herrgott, nein! Ich habe selbst bereits eine Beziehung mit Lieutenant Commander Merven, das haben Sie sich doch sicher schon selbst zusammengereimt. Ich werde es kurz und schmerzlos machen... schmerzlos für Sie, Mrs. Leardini. Die arme Endi aber...“ Sie ließ den angefangenen Satz betont im Raum stehen.
„Ich habe schon verstanden. Es tut mir ja irgendwie auch leid, ihre Gefühle verletzen zu müs-sen, aber je früher wir hier Klarheit schaffen, desto besser für uns beide, nicht wahr?“
„Sie scheinen nicht einmal in Erwägung gezogen zu haben, selbst mit ihr zu reden.“ Ein wenig ungnädig musterte die Counselor ihre Vorgesetzte.
„Oh nein, das ist völlig unmöglich. Ich weiß, daß Sie damit nicht viel anfangen können wer-den, aber ich bin Italienerin und streng katholisch in einem kleinen Bergdorf in der Nähe von Neapel aufgewachsen. Ich habe nie gelernt, ernsthaft mit so etwas umzugehen.“ Leardini brach fast in Panik aus bei dem Gedanken.
„Allein schon die Tatsache, daß Sie nicht einmal imstande sind, unser Problemchen beim Namen zu nennen, zeigt mir, daß Sie die Wahrheit sagen. Tja, jeder hat seinen Schwach-punkt, und Ihrer ist offenbar eine völlig intolerante Erziehung in Bezug auf sogenannte alter-tümliche irdische ‘Tabuthemen’ wie eben Homosexualität. Sagen Sie mir eines, Commander: Wie sind Sie bloß mit gewissen inoffiziellen Akademieritualen bei der Sternenflotte umge-gangen, wie zum Beispiel dem spaßigen Einführungsscherz in der Damendusche?“
Die Erste Offizierin sah zu Boden. „Erwähnen Sie das nie mehr, haben Sie mich verstanden? Dieses erste Semester in San Francisco werde ich nie vergessen.“
„Wenn Sie darüber reden wollen... und ich glaube, das sollten Sie. Aber inzwischen werde ich mich um unseren Doktor kümmern.“ Dween wandte sich zum Gehen ab. Über ihr erstrahlte der Nachthimmel hell.
Sie blieb stehen und sah wie auch Leardini hinauf, wo die ersten größeren Sterne schon zu se-hen waren. Einige Sterne zogen ziemlich schnell über den Himmel, so daß ihre Bewegung mit bloßem Auge sichtbar war. Von einem größeren lösten sich Sternschnuppen los und zogen zu einem benachbarten Stern, wo sie hell schillernd einen grünen Kranz um diesen herum auf-strahlen ließen.
„Sind das schon die ersten Vorboten des Meteoritenbombardements?“ fragte Dween mit Zweifel in der Stimme.
Leardini schüttelte den Kopf, was die Halbvulcanierin jedoch nicht sehen konnte, weil sie eb-enso angestrengt in das Zwielicht hinaufspähte wie sie. „Nein, das wäre uns gemeldet wor-den. Da! Dieses grüne Aufflackern war der Schutzschild der Fairchild. Sie ist von etwas ge-troffen worden. Oh mein Gott!“
In diesem Moment wurde jeder Zweifel ausgeräumt, als ein halbes Dutzend doppelter weißer Streifen sich blitzartig quer über den gesamten Himmel zogen und scheinbar direkt neben ihr-em Schiff zum Stehen kamen. Dann tanzten die Sterne umeinander, während orangene und hellblaue, feine Strahlen zwischen ihnen gleißten. Mehrere der kleineren Lichtpunkte flamm-ten grell auf und verblaßten anschließend, so daß sie dann mit bloßem Auge nicht mehr zu sehen waren.
„Das ist das Dominion! Sie sind zurückgekommen! Schnell zum Lager, wir müssen Kontakt zum Schiff bekommen.“ Noch während sie das sagte, gab es ein Aufblitzen und eine einzelne doppelte Lichtspur zog sich über das Firmament, bis es ein letztes Funkeln gab, wie von ein-em neugeborenen Stern, der dann jedoch wieder verblaßte.
Leardini stockte der Atem, als sie die Bedeutung dessen, was sie sah, erkannte. „Das... das war die Fairchild, die da eben mit Warp weggeflogen ist.
Sofort zum Lager! Wir müssen ab jetzt absolute Funkstille halten und dürfen keinerlei elek-tromagnetische oder Subraum-Emissionen erzeugen, die vom Orbit aus erfaßbar sind. So-lange sie die Oberfläche nicht mit optischen Hilfsmitteln absuchen, sind wir für sie nur ein Stück Grasland. Wir sind ab jetzt auf uns allein gestellt und müssen uns so lange totstellen, bis wir Hilfe bekommen.“
Dween schluckte und sah dann ihre Kommandantin an. Dann lief sie ihr nach ins Basislager, das gerade schlagartig ihre Heimat für unbestimmte Zeit geworden war. Ihr wurde bewußt, daß nur Schlafplätze für etwa die Hälfte der gerade anwesenden Besatzung vorhanden waren, wobei dies nur der oberste Posten auf einer sicher unangenehm langen Liste sein würde.
Was war nur geschehen?



Lennard saß mit mahlenden Kiefern auf seinem Kapitänssessel, während sie in Richtung auf die Sternenbasis 72 das Tiragoni-System verließen. Er sah zu Wenjorook. „Bericht.“
„Sie folgen uns nicht mehr, Captain. Sollen wir umdrehen und zurückfliegen?“
Lennard überlegte nur einen Augenblick, dann sagte er: „Alle Stationen, Schadensbericht.“
„Hinterer Backbordphaser zerstört und ohne Werftaufenthalt irreparabel. Die hinteren Back-bordschilde sind total ausgefallen und die Frontschilde auf der oberen Seite runter auf acht-zehn Prozent.“ Wenjorook platzte fast der Kragen beim Verfassen seiner Meldung.
Merven studierte seine Diagnoseanzeigen und fuhr fort: „Warp- und Impulsantrieb voll funk-tionsfähig. Die obere Sensorenkuppel hat allerdings einen Volltreffer abbekommen, wodurch viele Navigationssensoren überlastet worden sind. Da wird Einiges an Arbeit nötig sein, ver-mute ich, wenn wir nicht halbblind zurückfliegen wollen.“
Darrn, der sich im hinteren Teil der Brücke vor dem großen Schaltdiagramm mit dem Quer-schnitt der Fairchild mit zwei Ingenieuren beraten hatte, stimmte zu: „In der Tat, wir werden das gesamte Deck Eins für etwa eine Stunde räumen und die Luft ablassen müssen, um aus-reichend schnell Zugriff zu den Systemen zu bekommen. Wenn der Conn nicht so schnell ausgewichen wäre, hätte der Energiestrahl wahrscheinlich die Außenhülle der Brücke durch-schlagen und uns alle vaporisiert.“
Nun hielt Lennard es nicht mehr aus und trat zu dem Ops-Offizier und den Technikern, um die Schäden selbst zu begutachten. „Was haben Sie noch für mich?“
„Einen Hüllenbruch auf Deck Sechs vorne, Eindämmungsfelder sind aktiviert, Reparaturtrupp unterwegs. An der Backbordunterseite haben wir einen dieser Torpedos von dem großen Schlachtschiff abbekommen. Er hat unsere Schilde der Länge nach durchschlagen und einen Riß in die Außenhülle gesprengt, und zwar hier hinten von Deck 22 bis 24. Den sollten wir sorgfältig versiegeln, denn direkt darunter liegen die Antimaterie-Tanks, der Heck-Torpedo-werfer und das dazugehörige Torpedomagazin. Das gäbe eine häßliche Explosion, wenn uns an dieser Stelle noch einmal irgend etwas treffen würde, bevor die Hülle nicht instandgesetzt würde.
Dann wäre da die Flugkontrollzentrale des Shuttlehangars. Sie ist mitsamt dem Hangartor ziemlich stark beschädigt und wird wohl für mehrere Tage unbenutzbar bleiben, aber da der Heckhangar unversehrt ist und wir noch volle Kapazität bei den Transportersystemen haben, möchte ich diese Reparatur auf eine niedrige Prioritätsstufe setzen.“
„Einverstanden. Sonst noch etwas?“ Mit ohnmächtiger Wut studierte er die Statusanzeigen auf der großen Schalttafel.
„Dort hinten am Steuerbordpylon hat ein Treffer zwei gerippte Abdeckungen abgesprengt und eine weitere zerschmolzen, die für den Wärmeabtausch der Haupt-EnergieTransferLeitung zuständig sind. Wenn sie drei Meter weiter hinten getroffen hätten, würden wir jetzt mit einer Warpgondel weniger durchs All treiben. Gut, daß Mr. Merven nicht stillgehalten hat.“
„Sie hatten uns ins Kreuzfeuer genommen, aber bei so einem großen Schiff nicht mit einer derartigen Manövrierbarkeit gerechnet, was uns wohl die Haut gerettet hat. Inzwischen wer-den sie allerdings ihre Gefechtsaufzeichnungen durchgegangen sein und - sicher nicht ohne Erstaunen - festgestellt haben, daß unsere Masse nicht einmal die Hälfte derer einer Galaxy-Klasse entspricht. Das nächste Mal fehlt uns dieser Überraschungseffekt dann, deshalb sollten Sie sich sofort an die Reparaturen und wir uns ebenfalls an die Auswertung der gesammelten Daten machen. Was schätzen Sie, wie lange werden wir für alle Reparaturen brauchen?“
Der junge Fähnrich seufzte. „Schwer zu sagen. Leider befindet sich Lieutenant Nirm auf Tira-goni V und ich selbst habe so eine große Aktion noch nie geleitet... wenn wir die Sache mit dem Shuttlehangar erstmal seinlassen und ich alle Leute mit Cross-Ausbildung für den Tech-nikbereich zugeteilt bekomme, die noch an Bord sind, würde ich sagen, dreißig Stunden unter Beibehaltung von Warp Fünf, inklusive einer fünfstündigen Unterbrechung des Warpfluges, um die Sache mit der Maschinenhülle und der Sensorenkuppel hinzubekommen.“
Lennard staunte: „Eine gute Schätzung, Fähnrich. Geben Sie mir Warp sieben und erledigen Sie alles in einem Tag, dann verlassen Sie dieses Schiff als Junior Lieutenant.“
Der junge Ingenieur schluckte. „Jawohl, Sir, wir werden alle unser Bestes tun. Ich werde sofort beginnen. Wir müssen Ihnen noch die Sekundärbrücke für die Dauer der Räumung von Deck Eins einrichten.“
Darrns Mundwinkel zogen sich ein wenig nach oben, als der Techniker davonhastete.
Lennard setzte sich wieder auf seinen Sessel. „Mit Warp Sieben auf unser Flottenkontingent zuhalten. Wir fliegen ihnen entgegen und treffen uns mit ihnen im freien Raum, bevor wir ge-meinsam ins Tiragoni-System zurückfliegen. Wir müssen den Planeten unbedingt zurück-erobern, bevor er von Tiragoni VI mit einem verheerenden Meteoritenhagel belegt werden kann. Unsere Leute sind da unten... und die dort angesiedelten Naturvölker ebenfalls.“



Es war dunkel geworden auf dem ‘Verlorenen Kontinent’, wenn man beim fahlen Schein, den der monströse beringte Nachbarplanet über das Land warf, überhaupt von Dunkelheit reden konnte. Es war von der Helligkeit eher wie ein Wintermittag in der Arktis der Erde, wenn es zwar hell wird, die Sonne aber unterhalb des Horizontes bleibt und alles in Zwielicht taucht. Oder eher noch wie eine Nacht auf Rhea, wenn der Saturn voll am Himmel stand und das Sonnenlicht auf seinen kleinen Trabanten reflektierte. Er war auch ein Stern mit einem Ring, allerdings mit einem viel grazileren und farbenprächtigeren im Vergleich zu der dunklen Masse, die um Tiragoni VI kreiste.
Leardini hatte bis auf die Wachen an den Generatoren alle um sich herum versammelt und zog Bilanz: „Wir sind insgesamt 84, davon 51 Leute aus der Sicherheit oder mit entsprech-endem Cross-Training. Die anderen 33 begrüße ich herzlich zu unserem Anfänger-Crashkurs in Überlebenstraining. Sie auf einen brauchbaren Ausbildungsstand zu bringen, um Sie Wache schieben zu lassen, ist allerdings eines unserer kleinsten Probleme.
Wir sind offenbar bisher nicht entdeckt worden, sonst würden wir nicht so nett beisammen-stehen und Pow-Wow halten. Der von Lt. Nirm rekonfigurierte Energieschild verbirgt sowohl seine Energiesignatur als auch unsere Lebenszeichen. Ich möchte jedoch darum bitten, daß wir so wenig Abstrahlung wie möglich erzeugen, um die Chance einer Entdeckung so gering wie möglich zu halten. Vor allem sollten wir die Replikation von Essen oder anderen Dingen nur direkt am Mittag durchführen, wenn die Strahlung von Tiragoni unsere Emissionen am wirkungsvollsten überlagert. Ansonsten haben wir eigentlich die nötigsten Vorräte für einen längeren Zeitraum zur Verfügung, von einer ausreichenden Anzahl an Schlafplätzen abgese-hen. Wir müssen uns die zwanzig Schlafplätze in den Quartiercontainern und die dreißig Plätze in den Notzelten eben teilen, so gut es geht. Da ich ohnehin beabsichtige, rund um die Uhr eine größere Anzahl von Wachen bei den Generatoren und an den Schildperimetern auf-zustellen, werden immer genügend Ruheplätze zur Verfügung stehen.
Uns bleibt außerdem noch die Interaktion und Kooperation mit den Kiowa. Sie haben sich zum großen Glück als sehr freundlich und hilfsbereit erwiesen. Wenn wir etwas benötigen und sie es entbehren können, werden sie uns sicher aushelfen. Ich werde gleich nach Sonnen-aufgang mit einer Delegation ins Dorf gehen und ihnen unsere neue Situation erklären. Wahr-scheinlich werden sie nicht sehr erfreut darüber sein, zu hören, daß sich schon wieder so eine Menge an ihrer Grundsituation geändert hat, aber wie Sie alle wissen, stehen wir der Entwick-lung der Dinge momentan relativ hilflos gegenüber. Alles, was wir tun können, ist wachsam zu sein und zu hoffen, daß sie uns nicht allzuschnell finden. Immerhin sind es mehrere Mil-lionen Quadratkilometer, die sie peinlich genau absuchen müssen. Ohne die Weltraumtrüm-mer mit ihrem hohen Metallgehalt wäre die Oberfläche des Kontinentes nicht so zerklüftet und würde ein störungsfreies Scannen ermöglichen. So aber haben wir zumindest eine kleine Galgenfrist.“
„Und was ist mit...?“ Ein junger Fähnrich deutete hinter sie, wo der gigantische Gasriese gerade aufging und die Nacht erhellte.
„Tja, das wird ein Problem werden. Die größte Annäherung wird morgen Abend, also in etwa siebzig Stunden sein. Wir haben keine Möglichkeit außer dem Kraftfeld, um uns zusätzlich zu schützen. Auch darüber werden wir mit den Kiowa reden müssen.“
Nachdem Leardini die erste Schicht eingeteilt hatte, machte sie noch eine Runde bei allen Pe-rimeter- und Generatorwachen, suchte dann einen der Wohncontainer auf und legte sich tod-müde in eines der oberen Etagenbetten im spärlich beleuchteten Inneren. So hatte sie sich das wahrlich nicht vorgestellt, als sie schnell einmal einen Kontrollgang auf der Oberfläche hatte machen wollen.
Und jetzt? Sie wußten nicht einmal genau, was passiert war. Irgendwo über ihnen war eine unbekannte Anzahl an Jem’hadar-Kampfschiffen, denen es gelungen war, die Fairchild zur Flucht aus dem Orbit, wenn nicht gar aus dem System zu zwingen. Sie mußten ein paar von ihnen erwischt haben nach dem, was sie von hier aus hatte erkennen können. Aber jetzt waren sie praktisch auf Feindesland, auch wenn sie von Freunden umgeben waren. Es würde nicht leicht werden, das Dorf und das Lager zu verteidigen; sie war sich nicht sicher, ob die Schilde einem konzentrierten Beschuß aus dem Orbit standhalten würden. Allerdings war sie sich ziemlich sicher, daß die Abschirmung nicht ganz dicht war, da die meist ein bis mehrere Meter hohen Felsen aufgrund ihres Metallgehaltes die Integrität des Energiefeldes an dessen Rädern in Bodennähe beeinträchtigen würden. Deshalb konnte es Bodentruppen möglicher-weise gelingen, unter dem Kraftfeld hindurchzuschlüpfen und das Dorf erneut zu besetzen. Das galt es zu verhindern und deshalb waren die Wachen auch so wichtig, die das fast kreisförmige Gebiet mit einem Umfang von beinahe sieben Kilometern nun ständig patrouil-lierten.
Leardini war bereits im Halbschlaf, als sie tiefe, kontrollierte Atemzüge vernahm und sich zum Durchgang hindrehte. Schräg gegenüber entdeckte sie Dween, die mit geschlossenen Au-gen und seltsam ineinander vor sich gefalteten Händen in einer Art Schneidersitz in ihrer Koje hockte und tief Atem holte. Sie stieß ihn wieder aus und wirkte angestrengt konzentriert dabei. Dann jedoch schien sie zu merken, daß sie beobachtet wurde und öffnete ihre Augen.
„Versuchen Sie zu meditieren, Counselor?“ erkundigte sie sich.
Dween schnaufte unartikuliert und schwang dann eines ihrer langen Beine vor, was in der Enge ihrer Schlafnische beinahe ein akrobatisches Kunststück war. „Nicht sehr erfolgreich, wie ich eingestehen muß, Sir. Meine Mutter hat mir diese Technik beigebracht, um mich von schwerer Anspannung und Sorgen zu befreien, aber ich konnte mit meinem vulcanischen Erbe noch nie so viel anfangen, daß mir eine gute Meditation gelungen wäre. Ich dachte, ich tue etwas gegen meinen Kummer und meine Furcht vor dem Unbekannten, das uns erwartet, aber es ist nicht einfach.“
„Sie wissen wenigstens genau, was Sie bewegt. Das ist gut. Viele wollen oder können es sich vielleicht gar nicht eingestehen, was in ihnen vorgeht, weil sie befürchten, daß sie von ihren Gefühlen überwältigt werden könnten. Das haben Sie ihnen schon einmal voraus, was hilf-reich bei der Bewältigung der Angst ist.“
Dween staunte und sagte dann: „Ach ja, Sie haben ja ein Counselor-Crosstraining. Sie mach-en das ausgezeichnet, Commander. Wenn wir hier länger ausharren müssen und die ersten psychischen Zermürbungserscheinungen auftreten, dürfen Sie mir gerne assistieren. Und so-lange können wir uns gegenseitig therapieren.
Was glauben Sie, hat die Fairchild viel abbekommen? Bekommen wir bald Hilfe?“
„Ich weiß es nicht, Mrs. Dween. Wir werden eventuell gute Freunde werden, ob wir wollen oder nicht.“ Leardini ließ ihren Kopf auf das Kopfkissen sinken.
„Ich würde schon wollen,“ erwiderte Dween leise.
„Das ist nett von Ihnen. Versuchen Sie jetzt zu schlafen; wir haben morgen eine lange Nacht vor uns. Es wird erst in etwa dreißig Stunden hell, da sich der Kontinent zur Zeit offenbar in der Herbstphase befindet, was etwas längere Nächte und kürzere Tage für uns bedeutet. Wir werden morgen eine Schicht Wache schieben und den Rest des Tages mit der Einrichtung der Infrastruktur verbringen. Zum Beginn des übernächsten Tageszyklus kommt die Dämmer-ung, dann machen wir uns auf ins Dorf und reden mit den Kiowa.“
„Die Jem’hadar werden den Orbit doch bald verlassen müssen, um sich keiner Gefährdung durch die Trümmerstücke des Ringes von Tiragoni VI auszusetzen,“ meinte Dween hoff-nungsvoll.
„Wir hatten berechnet, daß es bereits in wenigen Stunden zu gefährlich würde, aber so sicher können wir da nicht sein. Schlafen Sie gut.“ Leardini löschte die schwache Beleuchtung in ihrer Koje und drehte sich zur Wand hin.
„Gute Nacht.“ Auch Dween legte sich zur Ruhe. Der morgige Tag würde wirklich ‘eine an-strengende Nacht’ werden.



Die Fairchild war nach etwas über zehn Stunden Flug auf die fünf Schiffe getroffen, die zu ihrer Unterstützung abgestellt worden waren. Die Klingonen hingegen hielten Funkstille und waren demnach keine feste Größe in ihren Überlegungen, als sich Lennard mit den Komman-danten der anderen Schiffe in seiner Lounge zur Lagebesprechung traf. Momentan erklärte er auf einem Diagramm auf dem Wandschirm den Hergang des Überfalls auf ihr Schiff.
„Es geschah alles sehr überraschend für uns, war präzise geplant und zeitlich äußerst akkurat ausgeführt. Sehen Sie hier, diese drei Angriffsjäger und das große Schlachtschiff tauchen von vorne auf und nehmen uns unter massiven Beschuß. Dann die schnelle Reaktion und unser Ausweichmanöver, während wir das Feuer eröffnen und einen der kleinen Jem’hadar-Jäger zerstören. Das Schlachtschiff feuert weiter auf uns und schwächt unsere Frontschilde erheb-lich.
Und dann kommen die anderen sechs Jäger von hinten direkt aus dem Warptransfer und mas-sieren ihren Beschuß auf den Warppylon, während wir noch im Schlagabtausch mit dem großen ‘Brocken’ liegen. Sie schaffen es, ihn zu beschädigen und eine der Heckphaser-banken zu zerstören. Wir kümmern uns um die neue Bedrohung und löschen zwei weitere Jäger aus, doch das Schlachtschiff nutzt seine Chance und durchschlägt unsere Schilde, was uns den Hüllenbruch vorne und den Riß über drei Decks an der Maschinensektion einbringt. Wir können den schweren Kreuzer zwar ziemlich stark beschädigen, aber der Dauerbeschuß der kleinen Feindschiffe setzt uns dermaßen zu, daß wir uns zurückziehen müssen. Sie haben demnach noch sechs der kleinen Angriffsjäger und das Schlachtschiff, das allerdings wie auch einer ihrer verbliebenen Angriffsjäger beschädigt ist.“
„Das sollte für uns doch zu schaffen sein, wenn Sie Ihre Reparaturen abgeschlossen haben,“ sagte Commander Fu, die seit kurzem die Victory kommandierte, optimistisch.
„Ja, wenn es ihnen nicht gelingt, selbst ihre Schiffe in dieser Zeitspanne instandzusetzen. Sie haben sicher mehr als genug an Personal auf diesem Monstrum, um ebenfalls schnell wieder effektiv in den Kampf zu ziehen. Danke übrigens an Sie alle für ihr Technisches Personal. Wir haben eine ganze Reihe unserer Leute auf der Planetenoberfläche zurücklassen müssen und hoffen natürlich, diese so bald wie möglich wieder in Sicherheit zu wissen. Davon abge-sehen darf das Kiowa-Dorf aus den zuvor erklärten Umständen nicht in Feindeshand gelan-gen.“
„Und deshalb müssen wir so schnell wie möglich dafür sorgen, daß diese beiden Pflanzen, in denen der White-Rohstoff heranwächst, vom Antlitz von Tiragoni V verschwinden,“ bemerk-te Wuran mit drängender Stimme.
„Wir haben alles verfügbare Wissenschaftspersonal auf der Excalibur und der Fairchild zu-sammengezogen und teilen uns die Aufgaben untereinander auf, was die Zeitspanne bis zur Entwicklung des Mittels verkürzen wird.“ Der tellurianische Captain der Callisto, Aidoors, fuhr sich mit einer seiner Pranken durch sein borstiges Haupthaar. „Ironischerweise machen wir mit dem Ersatzmittel für diese ‘Reitechsen’ der Indianer schneller Fortschritte als mit dem biologischen Erreger, der die Pflanzen vernichten soll.“
„Das stimmt; wir werden noch mehrere Tage benötigen, um die ersten Testreihen an Proben der Pflanzen vornehmen zu können. Wenn sie mich jetzt entschuldigen würden, werde ich mich meinen Kollegen anschließen.“ Wuran sah Lennard an.
Er nickte ihr müde zu. „Sicher, Lieutenant Commander. Was wir jetzt noch zu besprechen haben, ist nur von taktischer Natur.“
Merven fragte ungeduldig: „Werden wir gleich zurückfliegen und die Rückeroberung des Systems versuchen?“
„Das haben wir vor. Die Zeit spielt gegen uns in dieser Angelegenheit, denn wenn es dem Dominion gelingt, unsere Leute im Basislager zu überwältigen und den Kiowastamm erneut gefangenzunehmen, dürfte es nur eine Frage von Stunden, höchstens wenigen Tagen sein, bis sie die Indianer dazu zwingen, die Rezeptur zur Herstellung des White-Grundstoffes preis-zugeben.“



Leardini, Dween, Endi und drei weitere Crewmitglieder der Fairchild waren gleich bei Ta-gesanbruch ins Lager der Kiowas gegangen und hatten ihnen die Brisanz der Lage, in der sie sich alle befanden, klargemacht. Häuptling Weiter-Blick-Voraus wurde seinem Namen mehr als gerecht, denn er verstand auf Anhieb, worauf es nun ankam.
„Ihr sagt, die Geister der Reitechsen haben eure Freunde von hier vertrieben, aber ihr habt einen Mantel über unser Dorf gedeckt, der uns und euch vor ihrem Feuer beschützt. Das war eine weise Tat von eurem Langen-Häuptling-Kyle-Lennard.“
„Ja, Sie müssen sich das vorstellen wie ein sehr großes dickes Bisonfell, das über dem Dorf und unserem Lager liegt und von oben so aussieht, als sei kein Dorf da. Unsere Feinde, die wir Jem’hadar nennen, besitzen wie wir große Adler, mit denen wir von weit oben her übers Land fliegen können. Während unsere Krieger Verstärkung holen, suchen die Jem’hadar von oben unser Lager. Wenn wir von ihnen nicht gefunden werden, bis unsere Freunde zurück-kommen mit einer großen Zahl von Kriegern, dann sind wir gerettet. Aber bis dies eintritt, darf niemand von euch das Dorf verlassen. Können Sie mir Ihr Wort geben, daß das von allen beachtet wird?“
„So sei es. Und was den Steinregen angeht, über den du dich so sorgst, Commander-Stefania-Leardini, da mußt du dich irren. Dieses Ereignis geschieht nur bei jedem dritten Erscheinen des Heiligen Mondes. Dieses Mal ist die lange Nacht des brennendes Osthimmels.“ Mit lang-samen Nickbewegungen seines Kopfes bekräftigte der Kiowa seine Feststellung.
„Sind Sie da ganz sicher, Häuptling?“ hakte Dween nach. „Es ist für uns sehr wichtig, das genau zu wissen. Unser großer Adler hat uns gesagt, daß es große Steine vom Himmel regnen wird, wenn die Sonne das nächste Mal untergehen wird. In diesen Dingen irrt er sich selten, wissen Sie.“
„Ach, die bunten Leute sind noch nicht sehr lange hier, aber die Kiowa schon viele Genera-tionen. Alle weisen Männer und Alten des Stammes haben den Heiligen Mond genau beob-achtet, seitdem er das erstemal vor zahllosen Sommern erschienen ist, denn er ist ein großes Zeichen Manitous. Anfangs, wenn der Mond die großen Steine vom Himmel regnen ließ, wurden viele unseres Stammes von ihnen erschlagen, aber wir haben gelernt, die Zeichen zu deuten und vorauszusehen, wann der Steinregen kommt und wann nicht.
Ich sehe in eure Gesichter und lese das Erstaunen in euch, darum will ich es erklären. Der Heilige Mond kommt immer zurück, wenn mehr als zweimal alle Jahreszeiten gewechselt haben. Einmal im Herbst, dann wird er jede Nacht größer, bis er die Nacht für die Dauer eines Tages anhält und Feuer vom Himmel im Osten regnen läßt. Das nennen wir die lange Nacht des brennenden Osthimmels. Danach wird der Heilige Mond wieder kleiner und zeigt sich nur noch kurz vor Sonnenaufgang, bis er schließlich verschwindet.
Nach über zwei Sommern kehrt er zurück, im frühsten Frühling, kurz nachdem der letzte Schnee geschmolzen ist. Doch dieses Mal gibt er uns kein Zeichen, sondern hält nur die Sonne nach ihrem Aufgehen für viele Stunden fest. Das ist der lange Morgen der Ruhe. Da-nach wird er ebenfalls wieder kleiner und zieht seiner eigenen Wege.
Doch wiederum zwei Sommer darauf kehrt er zurück, und diesmal im Sommer. Und am langen Abend des Steinregens hält er die Sonne an, wenn sie blutrot am Horizont steht und läßt die Felsen in großer Zahl vom Himmel regnen. Nach einem Abend, der viele Stunden lange anhält, reißt sich die Sonne los und geht zur Ruhe; dann ist der Gesteinsregen vorbei und von nun an schrumpft der Heilige Mond wiederum. Es ist ein immer wiederkehrender Rhythmus, für den selbst der Weiseste Stammesälteste nie eine Erklärung gefunden hat.
Darum ist es ein Machwerk des großen Manitou, der allein in seiner unendlichen Weisheit die Gründe für das Tun des Heiligen Mondes kennt.“
„Das ist hochinteressant, Häuptling. Ich glaube, eure Erzählung ist für einige meiner Krieger, die sich oft mit dieser Welt und dem Heiligen Mond beschäftigen, sehr aufschlußreich. Wir werden jetzt gehen und mit ihnen Pow-Wow halten. Ich bedanke mich für Eure Gastfreund-schaft und verspreche, noch einmal wiederzukommen, bevor der Tag endet.“ Leardini stand auf.
Der Häuptling und die Ältesten verabschiedeten sie freundlich: „Seid uns immer willkom-men. Wenn ihr etwas benötigt, was wir entbehren können, dann sagt es uns.“
Kaum waren sie außer Hörweite des Zeltlagers, da wollte Dween wissen: „Denken Sie das-selbe wie ich?“
„Oh ja, meine Gute, wir wissen etwas, was das Dominion nicht weiß. Es bringt uns zwar nicht viel, aber hält sie wenigstens eine Weile von uns fern, während wir uns um unsere Dinge kümmern können, ohne ständig Angst haben zu müssen, daß uns der Himmel auf den Kopf fällt. Zunächst einmal statten wir unseren Stellardynamikern einen Besuch ab.“
„Allen beiden?“ fragte die Schiffsberaterin ironisch.
Ruckartig blieb Leardini stehen und starrte ihrer Kollegin nach, dann kam sie wieder zur Be-sinnung und eilte ihr nach. Sie würde endlich umdenken und sich in ihrer Situation zurecht-finden müssen, schließlich war sie ihr Anführer.



„Zum Glück sind wir die ersten, die das zu sehen bekommen. Wenn der Chef das erfahren hätte und auch, daß wir das nicht herausgefunden haben, wären wir sicher allesamt in der Ab-fallwartung gelandet. Dabei ist es eigentlich offensichtlich...“ Der dienstältere Stellardynami-ker hörte gar nicht mehr auf, sich zu rechtfertigen.
„Wenn Sie nicht gleich erzählen, was Sie herausgefunden haben, übergehe ich den Dienstweg und versetze Sie persönlich,“ drohte Leardini leicht ärgerlich.
Schnell hielt er ihr den PADD hin, auf dem er seine Berechnungen ausgeführt hatte. „Es ist genauso, wie der Häuptling es Ihnen geschildert hat. Bei jeder Näherung passiert Tiragoni VI seinen Nachbarn so, daß diese Welt hier offenbar in ihrer Rotation abgebremst wird. Deshalb erscheint dem Betrachter der Sonnenstand für über einen Tag beinahe unverändert. Jedesmal ist nur etwa ein Drittel der Planetenoberfläche von den Meteoriteneinschlägen aufgrund des Weltraumschutts, der aus dem Ring des sechsten Planeten eingefangen wird, betroffen. Auß-erdem ist der Winkel der beiden Himmelskörper zueinander jedesmal anders und damit auch der Geschwindigkeitsunterschied zwischen beiden.
Wir vermuten, daß jedes dritte Mal, dann wenn der Kontinent getroffen wird, der fünfte Planet den sechsten sozusagen einholt, während dieser aus der Bahn von Tiragoni V hinaus-wandert und dabei ständig langsamer wird. Deshalb driften die Gesteinsbrocken mit praktisch gleichem Tempo wie der Planet selbst in seine Atmosphäre und richten so wenig Schaden beim Aufschlag an. Bei den anderen beiden Näherungen geht es sicher nicht so sanft zu, was allein schon die Schilderung vom brennenden Himmel bestätigt. Aber da der Weltraumschutt dann ins Meer fällt, gibt es höchstens an den Küsten mehrere Flutwellen und vermehrte Wolkenbildung, wenn die glühenden Brocken ins Wasser einschlagen und dieses verdampft.“
„Eine faszinierende Vorstellung.“ Leardini wirkte versonnen und schien sich offenbar auszu-malen, wie es wohl aussehen mochte, wenn die Landschaft mit unzähligen dieser Felsnadeln gespickt wurde.
Dween fragte zaghaft: „Wenn wir gerade dabei sind, würde mich eines noch interessieren: wenn die Jem’hadar sich schon einmal hierher gebeamt haben, müßten sie doch die Koor-dinaten des Dorfes haben. Warum gehen Sie davon aus, daß sie nicht wissen, wo wir sind?“
Der Untergebene der beiden Wissenschaftler antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Das ist ein Glücksfall für uns, denn da spielt der hohe Entwicklungsstand der Transportersysteme des Dominion ihnen einen gehörigen Streich. Wie Sie vielleicht wissen, haben die Leute auf DS9 vor etwa neun Monaten einen Angriffsjäger der Jem’hadar erbeutet. Bei der Analyse der Systeme fand man heraus, daß ihre Transporter den unseren tatsächlich weit voraus sind. Unsere Zielerfassungsscanner arbeiten natürlich auch nicht nach geographischen Erkennungs-punkten, sondern nach dem Magnetfeld des Planeten und dergleichen, weil das genauere und sauberer zu erfassende Größen sind. Ihre Erfassungssysteme sind noch fortschrittlicher, was heißt, daß sie ebenfalls schon lange das Prinzip der optisch-mechanischen Erfassung mittels Abstandsmessung und Ähnlichem hinter sich gelassen haben. Himmel, ihre Schiffe haben nicht einmal Fenster, so sehr vertrauen sie der Technik. Optische Aufklärung wurde bei ihnen schon lange zum alten Eisen gelegt, was sich jetzt rächt.
Durch die Näherung von Tiragoni VI, dessen gewaltiges planetares Magnetfeld viele Mil-lionen km ins All hinausreicht, wird das sehr viel schwächere dieser im Vergleich winzigen Welt zusammengequetscht wie ein Schiff ohne Trägheitsdämpfer bei vollem Impuls. Die Rotation läßt jetzt schon meßbar nach, so daß diese Werte ebenfalls nicht mehr verläßlich sind. Wahrscheinlich besitzt Tiragoni V für die nächsten paar Tage keine einzige physi-kalische Konstante mehr, die ein sicheres Beamen vom Orbit auf die Oberfläche ermöglichen wird. Und obwohl der Planet im Grunde geologisch völlig inaktiv ist, werden wir doch mit vereinzelten Erdbeben rechnen müssen, die von den hohen Gezeitekräften bei der Passage der beiden Welten ausgelöst werden. Da hier jedoch keinerlei technische Architektur existiert, müssen wir uns darum wenig Sorgen machen. Die Schildgeneratoren und Wohncontainer sind so plaziert, daß sie weder von etwaigen umstürzenden Felsnadeln getroffen noch wegrutschen oder umkippen können.“
„Sie haben große Umsicht beim Aufstellen walten lassen. Ich bin beeindruckt,“ räumte Lear-dini ein.
„Danke, Commander. Wir haben allerdings ebenfalls keine Möglichkeit, uns beamen zu las-sen, bis Tiragoni VI sich wieder entfernt... außer einem gerichteten Signal. Erst wenn unsere Kommunikatoren aktiviert werden, hat die Fairchild etwas, das sie erfassen kann.“
„Wir müssen den Subraumfunk auf den Standardfrequenzen weiter abhören, bis wir etwas da-von hören, daß das System befreit wurde.“ Dween stockte. „Und falls das nicht geschieht, können wir in wenigen Tagen mit dem ersten Jem’hadar-Angriff rechnen, sobald ihre Geräte zur Koordinatenbestimmung wieder funktionieren.“
Der junge Stellardynamiker schluckte.



Im Orbit über Tiragoni V war der sich nähernde Nachbarplanet ein monströser Anblick, wie er so kopfüber auf seiner Bahn hing. Der gigantische dunkle Ring war nur schwach erkenn-bar, doch überall im Raum drifteten bereits Asteroiden aus ihm, die vom Schwerefeld der Welt unter ihnen eingefangen worden waren, so daß die Kampfschiffe des Dominion bereits ihre liebe Mühe hatten, allen Trümmern auszuweichen, die ihnen mit hoher Geschwindigkeit entgegenkamen.
Als der erste der Angriffsjäger von einem Gesteinsbrocken durchschlagen wurde und in einer grellen Explosion auseinandergerissen wurde, drängte der Erste Jem’hadar an Bord des Schlachtkreuzers den Vorta, der das Kommando hatte, endlich den Orbit zu verlassen und das Meteoritenbombardement in sicherer Entfernung abzuwarten, um weitere unnötige Verluste zu vermeiden. Dieser war noch unentschlossen, doch als eine Erschütterung auf seinem Schiff alle auf der Brücke von den Füßen holte, änderte er seine Meinung auf wundersame Weise und stimmte seinem Untergebenen zu.
Gerade als der Verband die Umlaufbahn verließ und begann aufzusteigen, kam plötzlich eine Formation aus sechs Föderationsschiffen direkt vor ihnen aus dem Warptransfer und eröffnete augenblicklich das Feuer.



„Oh mein Gott, sehen Sie sich das an, Captain!“ Merven flog direkt den Schlachtkreuzer vor ihnen an, während Wenjorook die Frontschilde verstärkte und drei Vierersalven von Quanten-torpedos nacheinander auf das große Ziel vor ihnen abfeuerte. Die erste schwächte die Schil-de des Gegners erheblich, die zweite ließ sie kollabieren und die dritte schlug komplett in den massigen Raumer ein, auf dem eine Reihe Explosionen ausgelöst wurde.
Der Trill lenkte die Fairchild elegant am auseinandergerissenen Gegnerschiff vorbei und sah sich nun einer kleinen Armada von Feinden gegenüber, während Wenjorook ohne Unterlaß die beiden Phaserphalanxen auf der UnterTassenSektion abfeuerte.
„Sie haben Verstärkung erhalten,“ flüsterte Lennard resignierend, als er sah, wie eine Dreier-staffel die Callisto mit chirurgischer Präzision auseinanderschnitt. Nur Sekunden darauf lös-ten sich die ersten Rettungsmodule aus der kleinen UTS des Raumschiffes der Miranda-Klasse, während jemand auf der Brücke noch zurückblieb und mit dem Mut der Verzweiflung weiter die Phaser und Photonentorpedos der Waffenphalanx auf die tödlichen Gegner abfeu-erte.
„Wieviele Schiffe, Combat?“ rief Lennard und mußte sich festhalten, als eine Torpedodetona-tion auf ihren Frontschilden die Brücke erzittern ließ. Sie kamen von einem weiteren großen Schlachtschiff, das mindestens ihre Ausmaße, sicher aber die doppelte Masse und eine be-trächtliche Feuerkraft aufzuweisen hatte. Merven steuerte die Fairchild nun manuell, ohne auf vorbestimmte Ausweichmanöver zuzugreifen, was die Zielsysteme des Gegners verwirrte und eine Salve von Marschflugkörpern an ihnen vorbeischießen ließ.
„Noch siebzehn Angriffsjäger und zwei der großen Schlachtkreuzer, Captain. Gerade wurde eines der kleineren Schiffe von der Victory zerstört.“ Lennard beobachtete auf dem Schirm, wie die Excalibur, das stärkste Schiff nach ihnen, unter schwerem Feuer eines der riesigen Schlachtkreuzer stand und ihre Schilde bedenklich flackerten. Die Victory, das kleinste, älteste und schwächste Schiff ihrer Formation, stürzte sich wagemutig auf einen der Jem’hadar-Jäger und beharkte ihn so lange mit allem, was sie hatten, bis dieser explodierte. Als die anderen zwei der Dreierstaffel sich auf sie stürzten, fuhr die Fairchild dazwischen, so daß die Energiestrahlen auf ihre Schilde trafen. Dabei rammte ihr seitlicher Schildparameter eines der kleinen käferförmigen Schiffe und riß einen seiner Warppylonen ab.
Eine andere Dreierformation nahm jetzt die Victory in die Zange und feuerte so lange auf das veraltete Schiff, bis dieses ohne Vorwarnung explodierte. Einer der dauerhaft feuernden Strahlen mußte die Maschinenhülle durchschlagen haben, worauf diese buchstäblich zerrissen wurde und die UTS sich überschlagend durch den Raum in Richtung auf den Planeten davon-trieb. Gleich darauf lösten sich auch von ihr zahlreiche Fluchtkapseln und steuerten schnell auf die Planetenoberfläche zu, weg vom Kampfschauplatz.
„Sofortiger Rückzug für alle Schiffe, bevor wir völlig aufgerieben werden. Wir haben mo-mentan gegen diese Übermacht keine Chance,“ rief Lennard aufgeregt, während sie nochmals von einer Detonation eines feindlichen Torpedos durchgerüttelt wurden. Indem sie wendeten, feuerte Wenjorook mit knirschenden Zähnen noch eine Zwölfersalve Quantentorpedos ab und beschädigte damit eines der Schlachtschiffe sowie zwei der Angriffsjäger, dann waren sie auf Warp gegangen und hatten das Schlachtfeld hinter sich gelassen. Sie wurden nicht verfolgt.
Lennard sank in sich zusammen. „Was für ein Fiasko! Lt. Wenjorook, Analyse der angerich-teten und erlittenen Schäden.“
Der Andorianer studierte seine Anzeigen. „Vordere Schilde auf 44 Prozent, hintere auf 73. Ein direkter Treffer einer Energiewaffe, die einen Teil der UTS perforiert hat. Keine weiteren Schäden diesmal.
Die Callisto und die Victory sind verloren, es gab auf beiden Schiffen eine Anzahl von Über-lebenden, die sich auf die Oberfläche von Tiragoni V geflüchtet haben. Die Schadensberichte der Excalibur, Bozeman und Annan liegen aufgrund der nicht durchführbaren Subraumkom-munikation noch nicht vor.“
„Das wird sich bessern, sobald wir das System hinter uns gelassen haben. Was haben wir aus-richten können?“ Lennard lehnte sich gespannt nach vorne.
„Wir haben während des Kampfes ein Schlachtschiff und drei der Angriffsjäger zerstört. Von den verbleibenden zwei Schlachtkreuzern ist einer schwerer, der zweite nur leicht beschädigt. Die vierzehn übrigen Jäger sind nach unseren Aufzeichnungen zur Hälfte noch voll einsatz-fähig, wobei einer der sieben Beschädigten eine Warpgondel eingebüßt hat, dank der Mithilfe des Conn.“
„Keine Ursache,“ sagte Merven grimmig.
Die anderen drei Schiffe schlossen nun zu ihnen auf. Nach dem, was Lennard sah, war keines von ihnen unbeschädigt. Die Bozeman wies einen glatten Durchschuß der UTS auf, was sicher mehrere Abteilungen und einige Menschenleben gekostet hatte. Auch die anderen bei-den Schiffe waren nicht unversehrt.
„Wir müssen sofort von der Flotte Verstärkung bekommen, bevor das Dominion dieses Son-nensystem zu einer uneinnehmbaren Festung ausbaut. Ich hoffe, diese starke Präsenz von feindlichen Kampfschiffen überzeugt sie nun endlich.“



Im Kiowa-Dorf war es Abend geworden. Leardini und Dween hatten den brennenden Umriß einer UTS in mehreren Dutzend km Höhe am Himmel über sich entlangziehen und weit ent-fernt ins östliche Meer stürzen sehen. Sie hatten auch die riesige Glutwolke, die von einer Materie-Antimaterie-Explosion herrührte, in die oberen Atmosphärenschichten aufsteigen sehen und das ferne, langgezogene Donnergrollen gehört. Sogar ein schwacher und warmer Windhauch, der Überrest einer fernen Hitze- und Druckwelle der Detonation, war auf ihren Gesichtern zu spüren gewesen. Sie konnten nur beten, daß kein anderer Eingeborenstamm in der Nähe dieses Infernos gelebt hatte.
Es war also etwas geschehen, aber offenbar nichts Gutes für die Sternenflotte, wenn sie noch immer keinen Kontakt mit ihnen gesucht hatten. Eigentlich konnte das nur eines bedeuten...
Dween wandte sich ab und schluchzte kurz. Ihre Vorgesetzte nahm sie in die Arme, was ange-sichts ihres Größenunterschiedes grotesk anmutete. Beruhigend strich sie ihr übers Haar und flüsterte: „Machen Sie sich keine Sorgen, Shania, wir wissen nicht, was da los war. Geben Sie die Hoffnung nicht zu früh auf. Unsere Männer wissen schon, was sie tun.“
„Es... es tut mir leid. Das muß die Anspannung sein. Ich gebe ein schlechtes Beispiel für die anderen ab.“
„Es hat Sie ja niemand gesehen. So, und jetzt gehen wir zu den anderen ins Lager zurück. Für unsere Schicht ist jetzt Schlafenszeit.“ Die kleine Italienerin streckte und reckte sich. „Diese Welt ist grausam - dreißig Stunden Tag, zweiundvierzig Stunden Nacht. Das kann einen schon schaffen.“
Jetzt lächelte Dween wieder. „Vergessen Sie nicht, daß wir bald die lange Nacht des brennen-den Osthimmels erleben werden. Die Sonne wird für fast siebzig Stunden nicht aufgehen, wenn unsere neuesten Berechnungen stimmen.“
Leardini stöhnte. „Wie erfreulich! Dann schlafen wir besser gut aus, damit wir das Feuerwerk nächste Nacht unbeschwert genießen können.“






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„Gute Nachrichten, Sir, die Klingonen haben sich gemeldet. Wir haben sie auf den neuesten Stand der Dinge gebracht. Sie haben einen umgehenden, zeitlich genau koordinierten Angriff vorgeschlagen. Sie wollen dabei direkt ins System einfliegen und uns am Kampfschauplatz treffen. Hier sind die Zeitparameter und taktischen Vorschläge des Verbandführers, General Boron. Sie erwarten unsere Antwort.“ Der Fähnrich von der Kommunikationsstation reichte Lennard einen PADD.
Er stand auf und sagte erfreut: „Endlich geht es los! Kommen Sie, Fähnrich, ich möchte eine Versammlung der anderen Captains einberufen. Ein Tag Reparaturzeit und Abwarten ist ge-nug für meinen Geschmack.“
Eilig verließ er seinen Bereitschaftsraum und betrat die Brücke, dicht gefolgt vom Überbrin-ger der guten Nachricht.



Die Sonne von Tiragoni war gerade hinter der Kimm versunken und hatte wieder einmal ein grandioses Schauspiel geliefert, indem es den gesamten Westhimmel zuerst in die tiefsten Rot- und dann in diverse Violett- und Blautöne gefärbt hatte, bevor es dunkler wurde.
Den Tag über war es mild gewesen, weshalb die Tür des Wohncontainers einen Spalt breit of-fenstand, um Frischluft in die Schlafquartiere zu lassen. Dadurch konnte Dween das dumpfe Geräusch, das rhythmisch durch das Lager hallte, deutlich wahrnehmen. Noch halb benom-men griff sie nach ihrer Uniformjacke und schwang ihre Beine aus der Koje, als Leardini den Kopf zur Tür hereinsteckte.
„Das sollten Sie sich einmal ansehen, Shania. Es kommt aus dem Dorf.“
Augenblicklich war sie hellwach und in ihre Kleidung geschlüpft. Das Schlimmste befürch-tend, stolperte sie hinaus in die Dämmerung und hastete auf die Commander zu, die sich be-reits auf dem Kamm befand, welcher sanft mehrere Meter hoch zwischen ihrem Lager und der Senke, in der das Kiowa-Dorf lag, anstieg. Als sie oben ankam, stockte ihr der Atem.
Sie konnte sich nicht erinnern, jemals etwas so Faszinierendes gesehen zu haben.
Zwischen den Zelten brannten kleine Feuer, deren Schein jedoch angesichts des großen Scheites in der Dorfmitte beinahe verblaßte. Alle Dorfbewohner hatten sich auf dem freien Platz rund um das hoch hinauflodernde Feuer herum versammelt und standen zum Teil, saßen zum Teil und tanzten zu einem dritten Teil in einem weiten Kreis mit merkwürdig anmuten-den Bewegungen um die Flammen herum zu dem Rhythmus der Trommeln. Sie konnte im Zwielicht gerade noch erkennen, daß viele ihre Gesichter bunt bemalt hatten und imposanten Kopfschmuck aus Federn, Brustpanzer und Harnische aus Tierknochen oder lange Umhänge aus diversen Tierfellen trugen, was ihnen ein surrealistisches, fast schon furchteinflößendes Aussehen verlieh. Zudem führten sie Schilde, Beile und Speere mit sich, die sie in regelmäß-igen Intervallen mit drohend klingenden Aufschreien in die Luft hochstießen, während sich das Tempo der Trommelschläge allmählich steigerte und in ein ohrenbetäubendes Crescendo mündete. Abschließend stieß die gesamte Versammlung wie aus einer Kehle einen schrillen Schrei aus und mehrere Speerträger schleuderten ihre Waffen in das Feuer hinein, worauf ein Funkenregen aufstob und von der warmen Luft weit hinauf getragen wurde.
„Ein schönes und sehr beeindruckendes Ritual. Damit wollen Sie sicher die lange Nacht des brennenden Osthimmels feiern oder den großen Manitou milde stimmen, damit er in Zukunft weniger Steine vom Himmel regnen läßt,“ mutmaßte die Schiffsberaterin, gefesselt vom An-blick der dargebotenen Schau.
„Wir halten uns besser zurück, solange die Feierlichkeiten laufen, da sie wahrscheinlich im Laufe der Zeit eine tiefe religiöse Bedeutung für die Kiowa erlangt haben,“ befand Leardini.
„Das wird wohl das Beste sein,“ stimmte Dween zu und setzte sich gleichzeitig auf einen alten, umgestürzten Baumstamm. „Aber zusehen wird sicher erlaubt sein. Sehen Sie sich das an, Stefania! Ich glaube, das hier werde ich nie vergessen, und wenn ich zweihundert Jahre alt werden sollte.“
„Heißt dieses Sprichwort nicht: wenn ich hundert werden sollte?“ Bereitwillig ließ sich Lear-dini neben ihr nieder.
„Es ist doch heute keine Seltenheit mehr, einhundert Jahre zu erreichen. Und da ich zur Hälfte Vulcanierin bin, besteht für mich durchaus die Chance, meinen zweihundertsten Ge-burtstag zu erleben.“
„Da haben Sie sich ja etwas vorgenommen,“ lachte die Italienerin und strich sich die lange schwarze Lockenmähne aus dem Gesicht. Ganz beiläufig fragte sie dann: „Wie geht es eigent-lich unserer Ärztin?“
„Ich habe während unseres letzten Dienstzyklus mit ihr gesprochen. Sie war sehr gefaßt und beherrscht. Entweder hat sie schon mit so etwas in der Art, daß Sie bereits vergeben sein könnten, gerechnet, oder...“ Dween zögerte.
„Oder was?“ Jetzt war die Neugier der Ersten Offizierin geweckt.
„Ich vermute, Endi hat sich bereits anderweitig umgesehen und ist fündig geworden.“ Die Counselor zuckte nur verharmlosend mit den Schultern.
„Sie meinen, sie ist mir untreu geworden?“ fragte Leardini fassungslos.
„Jetzt sagen Sie bloß noch, daß diese Neuigkeit Ihr Ego kränkt? Nein, so klischeehaft sind Sie nicht, oder? Sagen Sie bitte, daß Sie’s nicht sind. Von jedem hätte ich es gedacht, aber nicht...“
Vehement bremste Leardini den empörten Ausbruch der Halbvulcanierin. „Nur die Ruhe. Das ist vielleicht eine dumme Reaktion des Unterbewußtseins, aber irgendwie war es schon ein bestätigendes Gefühl, solange es andauerte. Und außerdem habe ich ja noch Sie, falls wir hier länger festsitzen sollten...“
Dween sprang entsetzt auf und hörte dann das leise Lachen der Commander. Erleichtert rief sie: „Jetzt haben Sie mich aber erstklassig reingelegt, daß muß ich Ihnen lassen. Also gut, las-sen wir dieses Thema doch auf sich beruhen und widmen wir unsere Aufmerksamkeit jetzt wieder...“
Sie brach mitten im Satz ab, als am dunklen Osthimmel langsam ein blaßgelber Schimmer er-schien. Wenige Minuten später ging Tiragoni VI auf, eine gigantische Kugel aus nahezu kon-zentrisch angeordneten gelblichen und hellroten Wolkenringen, da sie auf einen seiner Pole blickten. Den Ring erkannte man nur daran, daß ein Teil der Sterne um den Planeten herum verdunkelt wurde. Der Planet selbst reflektierte jedoch so viel Sonnenlicht, daß man einen unbeleuchteten PADD hätte lesen können. Er war nun noch etwas mehr als zweieinhalb Mil-lionen km von ihnen entfernt, was bedeutete, daß die Peripherie des Ringes sich auf nur we-nige hunderttausend km der Umlaufbahn dieser Welt näherte. Für kosmische Maßstäbe war das ein Streifschuß.
Und tatsächlich erschien eine Sternschnuppe am Himmel, wuchs aber dann zu einem weiß-glühenden Feuerball an und zog sich direkt über ihre Köpfe hinweg über den gesamten Nacht-himmel, bis er wieder kleiner wurde und am Westhimmel verblaßte, wo noch ein letzter Rest Dämmerung vorhanden war.
„Die ersten Stücke treten nur in die Atmosphäre ein und verschwinden wieder im All, ohne auf die Oberfläche zu gelangen. Es wird bald etwas heftiger werden, vermute ich.“ Dween sah nun öfter zum Osthimmel hinauf, wo sich der riesige Himmelskörper, mit dem sech-zehnfachen scheinbaren Durchmesser des Vollmondes von der Erde aus gesehen, quälend langsam über den Horizont erhob, wobei noch ab und zu kleinere Sternschnuppen ihre Bahn übers Himmelszelt zogen.
Bald schon bewegte sich Tiragoni VI nicht mehr merklich und sandte ihnen ein wahres Feuer-werk von rot- und weißglühenden Weltraumtrümmern, die alle am Osthimmel ihre Bahn zo-gen und verglühten oder ins weit entfernte Meer im Osten stürzten. Es gab wirklich einige kleinere Beben, als die Kruste des Planeten von den gewaltigen Anziehungskräften des vor-beiziehenden Gasriesen leicht angehoben wurde. Man durfte sich gar nicht vorstellen, was mit dieser Welt geschehen würde, wenn sie noch geologisch aktiv gewesen wäre. Zu ihrem groß-en Glück war die Planetenkruste jedoch schon vor Äonen zur Ruhe gekommen, so daß sie sich wenigstens in diesem Punkt keine Sorgen zu machen brauchten.
Die Wechselbeziehung dieser beiden Gestirne während ihrer größten Annäherung zueinander war nicht leicht erklär- oder auch nur beschreibbar. Leardini war vom Anblick her an ein Pa-norama von einem Jupiter- oder Saturnmond aus erinnert, Während Dween eher an die Be-ziehung von Terra und Luna dachte, da der Mond bei der Umkreisung der mehrfach größeren Erde ebenfalls immer die gleiche Seite zur Erde hin gewandt hatte.
Nur daß das bei jener Beziehung ein dauerhafter Zustand war. Dween hoffte insgeheim, daß diese unheimlich wirkende Phase zwischen diesen beiden Welten bald vorbei war. Die Fauna um sie herum bemerkte die Abnormität dieses Zustandes und geriet mehr und mehr außer Rand und Band, so daß man unzählige Tierstimmen durcheinanderschreien hörte, wie bei einer Sonnenfinsternis am hellichten Tag auf einer von Tieren bewohnten Welt.
Die ersten Meteore schafften es nun bis ins Meer, was man zwar nicht mehr sehen konnte, aber manche Erschütterungen von wirklich großen Brocken fühlte man im Sitzfleisch. Ab und zu stieg eine gewaltige Dampfsäule hinter dem Horizont auf, begleitet vom fernen, nach-hallenden Grollen des Aufschlages.
„So etwas werden wir vielleicht nie wieder zu sehen bekommen, Shania,“ sagte Leardini ge-bannt und verfolgte den Meteoritenschauer am Osthimmel mit größtem Interesse, während die Gesänge und das Trommeln der Kiowa nicht nachließen.
„Ich hoffe, Sie haben recht, Stefania.“ Mit einem bedrückten Seufzen lehnte sie sich leicht an sie.
Erstaunlich, wie schnell extreme Umstände eine Freundschaft festigen konnten, dachte sie noch bei sich, wobei sich ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen bildete.



Am übernächsten Tag war das kosmische Spektakel vorbei, die beiden Welten waren anein-ander vorbeigezogen und der riesige Tiragoni VI beschleunigte nun zusehends, während er auf die nächstinnere Umlaufbahn im System zusteuerte und der Sonne immer näher kam.
Die Jem’hadar hatten ihren Verband zurück in einen geostationären Orbit über dem Kontinent gebracht und bereits einige Dutzend von gelandeten Rettungsmodulen auf der gesamten Land-masse ausgemacht. Außerdem hatte sich das Magnetfeld und die überraschenderweise ver-langsamte Rotation offenbar soweit normalisiert, daß sie einen sicheren Transport jetzt wagen konnten.
Dem befehlshabenden Vorta stieß es jetzt noch sauer auf, daß sie die begonnene physika-lische Instabilität des Planeten nicht bemerkt und einen bis an die Zähne bewaffneten Trupp von sechzig Jem’hadar direkt auf den offenen Ozean hinausgebeamt hatten. Sie hatten, durch die Höhendifferenz bedingt, sich in fast einhundert Meter Höhe über dem Meer materialisiert und waren durch die hohe Schwerkraft sehr schnell herabgestürzt. Bis auf zwei wurden alle Krieger beim Aufschlag auf die bei einem solchen Fall felsenharte Wasseroberfläche sofort getötet. Einer der beiden Überlebenden hatte das Glück, daß er als einer der Letzten ganz knapp nach einem seiner Kameraden auftraf, so daß dieser gerade die Oberfläche durch-brochen und aufgewühlt hatte, wodurch er praktisch in einer Zone voller Luftbläschen auftraf. Er hatte sich zwar fast jeden Knochen im Körper gebrochen, berichtete aber, daß er noch vor dem Aufschlag im Fallen gesehen hatte, wie die ersten Toten bereits von nur schemenhaft er-kennbaren Meeresbewohnern, die groß und flink, aber sehr elegant in ihren Bewegungen er-schienen, unter Wasser gezogen worden waren. Ihm wäre sicher dasselbe Schicksal beschie-den gewesen, wenn er nicht aufs Schiff zurücktransportiert worden wäre.
Tja, sehr ärgerlich, diese Verschwendung von Material und Soldaten. Um noch so einen dum-men Schnitzer zu vermeiden, beamten sie zunächst nur ein Versuchskaninchen herunter, um die Sicherheit des Transportes zu gewährleisten. Als dieser sich als unbedenklich erwies, be-gannen sie zunächst damit, Suchtrupps zum Auffinden, Gefangennehmen oder Eliminieren der in kleinen Grüppchen Notgelandeten überall auf dem Kontinent hinabzutransportieren.
Gerade als sie die Koordinaten des Kiowa-Dorfes anpeilten und dort eine diffuse, aber recht starke Energiesignatur registrierten, die das Beamen direkt dorthin gefährlich machte, brach im All über dem verlorenen Kontinent die Hölle los.



Sie hatten wieder einen Frontalangriff direkt aus dem Warptransfer heraus initiiert, wobei sie diesmal nur noch entschlossener waren als zuvor. Natürlich wurde wieder die Kommunika-tion zwischen ihren Schiffen gestört, aber damit hatten sie gerechnet. Lennard ließ die Fairchild diesmal zuerst eine ganze Dreierstaffel der in loser Formation im Orbit schweben-den Angriffsjäger attackieren, die komplett aufgerieben wurde unter dem massiven Phaser- und Quantentorpedobeschuß. Zwei der abgeschossenen Marschflugkörper stießen sogar durch die Explosionswolke der nicht mehr vorhandenen Schiffe und fanden ihr Ziel an den Front-schirmen des einen Schlachtschiffes, das in diesem Moment mobil gemacht wurde.
Im Nu flogen die elf verbliebenen kleinen und zwei großen Kampfschiffe des Jem’hadar gut eingeübte Gegenangriffe auf die vier Sternenflotten-Schiffe. Wieder war das Kräfteverhältnis klar auf der Seite des Dominion und es schien so, als könnten sie dieses Mal beenden, was sie beim ersten Angriff begonnen hatten: das Kontingent der Föderation auslöschen und das System endgültig für sich beanspruchen.
Doch die Sterne waren dem gegenüber gleichgültig. Sie begannen im Rücken der Dominion-Schiffe zu flackern und zu verschwimmen, bevor sie einen gemischten Verband aus klingon-ischen Kampfschiffen hervorbrachten, der sogleich die feindlichen Schiffe attackierte. Len-nard zählte zwei der großen, schwer bewaffneten Vor’cha-Kreuzer, die es in etwa mit einem Schiff der Galaxy-Klasse aufnehmen konnten. Dann vier der alten, aber dennoch nicht unge-fährlichen D7-Schlachtkreuzern, die etwa die Tonnage eines Constitution-Schiffes besaßen und acht Bird of Prey der K’vort-Klasse, nur etwas größer als eine Miranda-Klasse, aber einem Jem’hadar-Angriffsjäger durchaus ebenbürtig.
Damit hatte sich das Blatt eindeutig gewendet.
Die Klingonen machten ihrem Ruf alle Ehre und stießen gleich mit ihrem ersten Angriff ein großes Loch in die Reihen des total konfusen Gegners, der sich jedoch gleich wieder fing und dann aufs erbittertste kämpfte. Lennard konnte sich nicht daran erinnern, jemals eine Schlacht von derartigen Ausmaßen gesehen zu haben, bei der sich große Schiffe der Sternenflotte und Klingonen unerbittlich mit Dominionschiffen mit Dauerfeuer beharkten, während um sie herum die kleinen Angriffsjäger und Bird of Preys unter sich ausmachten, wer im All über Tiragoni V das Sagen hatte.
Ein Angriffsjäger flog auf sie an und kassierte dabei einen Volltreffer aus ihrer Phaser-phalanx, während er seinen Energiestrahl über ihre Frontschilde brennen ließ, die grünlich aufglühten, der Belastung jedoch gewachsen waren.
Einen Moment darauf enttarnte frontal vor ihm ein Bird of Prey und feuerte mehrere Salven aus beiden Disruptorkanonen auf ihn ab. Die drei Paare der grellgrünen Energieimpulse zer-fetzten den Dominionjäger in der Luft, während das kleine und wendige klingonische Schiff bereits wieder unsichtbar wurde. Ihre Alliierten bewiesen ein feines Gespür für Taktik, indem immer nur ein Teil des Verbandes angriff, während der andere sich tarnte und neu in Stellung ging, um den nächsten Angriff zu fliegen. So deckten sie sich gegenseitig und setzten dem Gegner dermaßen geschickt zu, daß die Jem’hadar ihnen nicht viel entgegenzusetzen hatten.
Ein Vor’cha-Schlachtschiff enttarnte sich gerade direkt vor einem schon stark beschädigten Schlachtkreuzer und feuerte mehrere Photonentorpedos auf diesen ab, als seine Warpgondeln aufblitzten und er direkt in das klingonische Schiff hineinraste. Noch bevor Lennard begriffen hatte, was geschehen war, befand sich eine riesige glühende Plasma- und Trümmerwolke an der Stelle, an der gerade noch die beiden Schiffe gewesen waren. In seinem Magen bildete sich ein großer Klumpen, als er an die vielen Opfer dieser Selbstmord-Aktion denken mußte.
Im nächsten Moment waren die anderen Feindschiffe verschwunden, hatten die Schreck-sekunde eiskalt ausgenutzt und die Flucht ergriffen. Lennard ließ die Kampfformation sich auflösen und nahm Kontakt mit General Boron auf, der zum Glück nicht auf dem Vor’cha gewesen war, der der Kamikaze-Aktion zum Opfer gefallen war.
In einem kurzen Briefing über den Hauptbildschirm bedankte sich Lennard für die Hilfe und zog gemeinsam mit seinem klingonischen Kollegen Bilanz über den Ausgang der Schlacht: die Annan war so stark beschädigt, daß sie innerhalb der nächsten Stunde komplett aufgegeben werden mußte. Die anderen Föderationsschiffe einschließlich der Fairchild hatten unterschiedlich starke Blessuren abbekommen, die jedoch in anderthalb Tagen behob-en sein würden.
Bei den Klingonen waren die Verluste höher. Außer dem Vor’cha waren zwei der alten D7-Kreuzer und drei Bird of Prey zerstört worden. Demgegenüber war das Kontingent des Domi-nion auf ein Schlachtschiff und nur fünf der Angriffsjäger dezimiert worden, die mit nicht be-kanntem Schadensausmaß entkommen waren. Voll funktionsfähig konnte jedoch keines ihrer Schiffe im Moment sein.
Sie mußten nun zunächst alles, was von der Annan zu retten war, auf die Fairchild oder andere Schiffe transportieren und danach die überlebende Besatzung, welche keine sofortige medizinische Behandlung benötigte, vom Schiff holen, bevor sie es mittels der Selbstzer-störung auf einem Kurs zur Sonne sprengen würden. Die Trümmer würden Tiragoni zum Opfer fallen und jedwedem unbefugten Zugriff damit endgültig entzogen bleiben.
Inzwischen wurden die von der Victory und Callisto stammenden Rettungsboote geortet und Außenteams zusammengestellt, um die Überlebenden des ersten Angriffes zu suchen und zu bergen. Das Basislager beim Kiowa-Dorf meldete sich momentan nicht auf ihre Anfragen hin, doch dem würden sie auch bald nachgehen.
Unter ihnen strich gerade die Nacht-Tag-Grenze über den Verlorenen Kontinent. Es waren sehr viele Wolken zu sehen, was einen düsteren Tag versprach.



„Verteilt euch entlang des Kraftfeld-Parameters! Phaser auf höchste Stufe stellen! Und laßt auf keinen Fall einen von ihnen ins Lager oder ins Dorf durchdringen.“ Leardini hielt einen Typ-2 Phaser in der Hand und duckte sich hinter einen meterhohen Felsen, der ihr allerdings nur unzureichend Deckung bot. Rings um sie herum war die Luft von gelborangenen Strahlen, bläulichweißen Energieimpulsen, Knallen und Schreien erfüllt.
Sie waren kurz nach Sonnenaufgang gekommen, hatten mehrere Löcher in der Energie-barriere gefunden, dort wo beispielsweise zwei der großen Felsen dicht beieinanderstanden und Interferenzen zwischen ihnen beiden aufgrund deren hohen Metallgehalten das Kraftfeld durchlässig gemacht hatten. Dort waren sie einer nach dem anderen hindurchgeschlüpft und griffen nun die Schildgeneratoren und ihr Lager an.
Leardini sah einen der echsengleichen Krieger des Dominion heranstürmen und feuerte ihre Waffe ab. Der hochenergetische Strahl erfaßte den Mann und hüllte seine Umrisse in Sekun-denbruchteilen ein, worauf er vaporisiert wurde. Sie sprang zum nächstgrößeren Felsen vor und entging nur knapp dem Feuerstoß einer feindlichen Waffe. Keuchend kauerte sie sich hinter ihre neue Deckung. Sie wußten nicht, wieviele es waren, aber für ihren Geschmack waren es zu viele, die zu schnell vorrückten.
Als sie einen Blick um den Felsen herum riskierte, stockte ihr der Atem. Vier Jem’hadar auf einmal liefen keine zwanzig Meter von ihr entfernt direkt auf sie zu. Zu viele. Ihr Herz raste, als sie fieberhaft überlegte, wie sie dieser unmöglich zu bewältigenden Bedrohung begegnen sollte.
Ein Stück neben ihr tauchte plötzlich Dween auf und schoß mit einem Phasergewehr mit grimmig zusammengebissenen Zähnen zwei der Angreifer nieder, bevor sie sich zu Boden warf, um der Antwort zu entgehen, die in Form von mehreren tödlichen Energieentladungen an dem Felsen über ihr einschlugen. Sie sprang erneut hoch und streckte einen weiteren Jem’hadar mit vor Wut verzerrtem Gesicht nieder. In Leardinis Gedächtnis wurde dieses Bild eingebrannt, wie sie mit gespreizten Beinen und dem großen, kalt und tödlich anmutenden Gewehr in der Armbeuge dastand, einer Amazone gleich, die zornerfüllt und furchtlos mit einer übernatürlichen Anmut und Schnelligkeit ihre Gegner zur Strecke brachte.
Der Moment verging und sie warf sich erneut in den Dreck, einen Lidschlag bevor sich über ihrer letzten Position mehrere feindliche Feuerimpulse kreuzten. Sie sah zu Leardini herüber und rief: „Vorsicht, Stefania! Einer ist um den Felsen herumgekommen!“
Sie fuhr herum und starrte in das kalte, gnadenlose Antlitz eines Jem’hadar, der wenige Meter hinter ihr aus dem Schatten ihrer Deckung trat und ohne lange Umschweife sein Gewehr auf sie richtete. Sie überlegte, ob jetzt wohl ihr Leben an ihr vorbeiziehen würde wie in einem Zeitraffer-Film, wovon sie schon mehrmals gehört hatte. Naja, wenigstens würde es nicht schmerzen.
Der Jem’hadar sah staunend auf seine Brust hinab, in der plötzlich ein dünner Holzstab steck-te, an dessen Ende säuberlich mehrere Reihen kleiner Federn angebracht waren; er hatte das gewiß noch nie gesehen. Ein zweiter fuhr dicht neben dem ersten in seinen Brustkorb und verstärkte den stechenden Schmerz des ersten Pfeiles, dann bohrte sich ein dritter in seinen Hals, noch während er mit einer Hand reflexhaft den ersten umklammerte.
Blitzschnell rollte sich Leardini zur Seite, als der Dominion-Krieger im Zusammensacken seine Waffe abfeuerte und sich der vernichtende Energieimpuls zischend wenige Zentimeter neben ihr in die trockene Erde bohrte.
Sie keuchte auf, während noch mehr Adrenalin in ihren Körper gepumpt wurde und sie auf-sprang. Hinter sich sah sie die Krieger der Kiowa, die sich flink und effizient aus ihrem Dorf hinaus vorarbeiteten und dabei jede sich bietende Deckung nutzten. Ihnen mußte diese Art zu kämpfen schon vor Jahrhunderten ins Blut übergegangen sein, denn trotz ihrer einfachen Waffen konnten sie es im Nahkampf durchaus mit den gefürchteten Feinden aufnehmen, jetzt da sie eine Chance erhielten, sich zu wehren.
Leardini fühlte sich auf einmal stark mit dieser Art der Rückendeckung. Sie sah sich um, wechselte die Deckung und erspähte einen Jem’hadar links vor sich, ein paar Felsen entfernt. Sie schoß ein paarmal ungezielt auf seine Deckung, worauf mehrere andere seiner Kamera-den auf sie schossen. Das wiederum verriet den Kiowa deren Position, so daß sie gleich dar-auf mit Speeren und Pfeilen eingedeckt und hinter ihre Felsen zurückgetrieben wurden. Lear-dini stellte ihren Phaser auf ein niedrigeres Energieniveau und Streuung ein, schoß immer wieder einmal, sobald sich ein paar der Feinde zeigten, wobei der breitgefächerte Strahl mehrere Ziele gleichzeitig bestrich, jedoch keine tödliche Wirkung mehr besaß.
Darauf rückten die Indianer langsam vor, worauf sie in eine effektivere Schußweite kamen. Leardini sah, wie Dween sich an einem großen, haushohen Felsen vorbeidrückte und außer Sicht verschwand, als es eine ohrenbetäubende Detonation gab.
Die Erste Offizierin fuhr herum und sah eine große Rauchwolke an der Stelle, wo sich einer der Kraftfeldgeneratoren befunden hatte. Nein! Der Schutzschild war kollabiert! Nun war ihre Lage von jedem Schiff im Orbit problemlos auszumachen. Ihre Hoffnung sank auf den abso-luten Nullpunkt herab. Von diesem Augenblick an konnten sich die Jem’hadar an jeden be-liebigen Punkt beamen, direkt in den Rücken von ihnen, wenn sie Lust hatten.
Nein! Sie würde ihre Haut so teuer wie möglich verkaufen, versprach sie sich und den tapf-eren Kriegern der Kiowa, die sich so selbstlos für sie einsetzten. Sie sprang hervor und gab in schneller Folge mehrere Schüsse auf den Felsen ab, hinter dem der nächste Feind verborgen war, doch der Phaser war noch immer auf Streuung eingestellt. Mist!
Einer der Krieger legte auf sie an, als dicht an ihrem Kopf etwas vorbeiwirbelte. Sie konnte wie in Zeitlupe sehen, wie das perfekt ausbalancierte Tomahawk sich in der Luft überschlug und unbeirrbar sein Ziel fand. Mit gespaltenem Schädelknochen sackte der Echsenmensch zu Boden.
Ein weiterer Jem’hadar befand sich hinter einem rundlichen Felsen, auf den die Indianer mehrere Speere in einer hohen ballistischen Bahn warfen. Sie bohrten sich dicht neben ihm in den Untergrund, worauf er verblüfft herumfuhr. In diesem Moment erschien Dween neben ihm und knallte seinen Kopf mit aller Kraft gegen den Felsen. Er blieb am Boden liegen, wäh-rend sich ein dunkler Fleck um ihn herum bildete und langsam größer wurde.
Gut, sie hatten noch ein paar von ihnen mitnehmen können. Leardini feuerte sporadisch wei-ter gegen die langsam vorrückende Übermacht, die in diesem Augenblick mit einer marker-schütternden Detonation den zweiten Kraftfeldgenerator am entgegengesetzten Ende des Dor-fes sprengte. Sie rechnete jeden Augenblick damit, daß sich Truppen mitten unter ihnen mate-rialisierten und sie liquidierten.
Wie zur Bestätigung erschien dicht neben ihr ein Transporterfokus, auf den sie ihre Waffe richtete. Als sich der Humanoide materialisierte, fiel ihr plötzlich auf, daß dieser Beamvor-gang aufgrund des rötlichen Leuchtens kein Dominion-Transporter sein konnte. Als dann ein Klingone neben ihr stand, fiel sie vor Schreck fast auf den Hintern. Er sah mit grimmiger Miene auf sie herab und fragte nur: „Wo sind diese ehrlosen P’taqhs?“
Sie deutete nach vorne und war außerstande, irgend etwas Druckreifes zu sagen. Der Krieger wandte sich ab und erhob seinen Disruptor, um wiederholt mit wildem Kriegsschrei auf die nächsten Dominionkrieger zu feuern.
Dween sah überrascht auf, als sie neben Leardini plötzlich einen riesigen Klingonen in voller Kampfmontur sah, der wie wild auf die Stellung ihres Gegners feuerte. Hinter ihr gab es ein Summen, als jemand neben sie gebeamt wurde. Instinktiv riß sie ihr Gewehr herum.
„Woah, nicht schießen, ich ergebe mich!“ rief Merven erschreckt und erfreut zugleich, als er in ihr zu allem entschlossenes Gesicht und ihre Mündung starrte.
Sie sah sich um, worauf ihr gewahr wurde, daß überall um sie herum Sicherheitsoffiziere der Sternenflotte und Klingonenkrieger herabgebeamt wurden und in den laufenden Kampf ein-griffen, der nun rasch einen anderen Verlauf nahm. Innerhalb kurzer Zeit wurden die Jem’ha-dar mit vereinten Kräften der Alliierten und der Kiowa aufgerieben, die letzten wurden gefan-gengenommen.
Leardini stand mit einer großen Anzahl menschlicher, klingonischer und indianischer Kämp-fer rund um die fünf entwaffneten Jem’hadar herum und überlegte, was sie mit ihnen machen sollten.
„Ich glaube nicht, daß wir mit ihnen irgend etwas anfangen können, Commander,“ sagte Wenjorook mit grausamer Kälte, „der von uns gefangene Jem’hadar an Bord der Fairchild sagt keinen Mucks und verbraucht nur sinnlos Ressourcen, bis ihm sein White-Vorrat ausge-hen wird, der Vorta hat sich selbst umgebracht, wie es so Sitte ist bei ihnen.“
„Das hat keinen Sinn,“ stimmte Leardini zu und musterte die unbewegten Gesichter der ech-senähnlichen graublauen Humanoiden, „ich denke, wir sollten sie den Kiowa überlassen, den-en wird noch am ehesten etwas Sinnvolles für sie einfallen. Ich bin sicher, sie wissen diese Geste zu schätzen.“
Sie hätte schwören können, daß die lederartige Haut in einem der Gesichter ihrer Gefangenen zuckte bei dem Gedanken, was dieses urtümliche Volk wohl mit den Feinden anstellen wür-de, die versucht hatten, ihren gesamten Stamm zu unterjochen und damit gedroht hatten, ihre Alten, Frauen und Kinder zu töten.
Die Erste Offizierin wandte sich ab und ging ein paar Schritte weiter, worauf sie ein selt-sames Geräusch hörte. Sie sah um einen Felsen herum und erblickte Dween und Merven, die sich engumschlungen in den Schatten eines großen, überhängenden Felsens preßten und sich unaufhörlich leidenschaftlich küßten. Sie hörte nur ein undeutliches Murmeln: „Du hast mir so sehr gefehlt...“
Grinsend stahl sie sich davon, aber als sie das vertraute Rascheln von Uniformkleidung hörte, blieb sie wie erstarrt stehen. Nein, dreh’ dich jetzt bloß nicht um, sagte sie sich und ging rasch noch ein paar Meter weiter weg, bevor sie rief: „Lieutenant Commander Merven! Wo stecken Sie? Ich möchte sofort einen Bericht über die Lage im Tiragoni-System, bevor wir umgehend aufs Schiff zurückbeamen. Traben Sie an!“
Nach wenigen Sekunden hektischer Aktivität hinter dem Felsen kam ein etwas zerzauster Trill hervorgestolpert und meldete sich. Sie fragte ihn nach dem Stand der Dinge und bemerk-te nebenbei mit Wohlwollen, daß die Indianer recht positiv auf die ‘großen Krieger mit den faltigen Stirnen’ reagierten, da sie sie gleich als Verbündete assoziierten. Sie waren fasziniert von den glänzenden Kurzschwertern, den Met’leths und den großen Krummschwertern, den Bat’leths, die einige mit sich trugen und gerne bereit waren, einige kunstvoll dargebotene Kampfbewegungen gegeneinander vorzuführen, um den Einsatz dieser Hieb- und Stichwaffen zu demonstrieren.
Als Merven sie auf den neuesten Stand gebracht hatte, sagte sie: „Gut, Sie können dann weg-treten. Und noch etwas... ziehen Sie den Reißverschluß Ihrer Uniformjacke das nächste Mal zu, bevor Sie sich in ein Kampfgebiet hineinbeamen lassen. Wäre doch ein Jammer, wenn sie wegen einer verrutschenden Uniform so sehr beeinträchtigt werden, daß Ihnen ein Jem’hadar das Licht ausbläst. So wollen Sie doch nicht enden, oder?“
„Nein, Sir. Bitte verzeihen Sie.“ Er lief rot an und verdrückte sich schnell, während sie sich ein Lachen verkneifen mußte.
Wie aus Zufall kam Dween - natürlich von der anderen Seite des Felsens - zu ihnen hinzu. Leardini warf ihr einen wissenden Blick zu und gab, nachdem sie sich davon überzeugt hatte, daß die Lage hier unten unter Kontrolle war, den Befehl zum Transport auf die Fairchild.



Kaum war die Erste Offizierin an Bord, schritt sie eilig zum nächsten Turbolift. Merven und Dween folgten ihr auf dem Fuß, ohne zu wissen, ob sie das eigentlich sollten, aber da sie nichts Gegenteiliges verlauten ließ, schien es in Ordnung zu sein.
Im Lift sprachen sie kein einziges Wort. Dween sah ihre Vorgesetzte an, die sie überhaupt nicht mehr wahrzunehmen schien und eine Art fiebriges Glitzern in den Augen hatte. Viel-leicht war die Anspannung und ständige Ungewißheit der letzten Tage sowie der extreme Streß der Kampfsituation doch zuviel für sie gewesen. Sie wußte nicht, welche Art von Reak-tion ihrerseits sie auf der Brücke erwarten würde.
Die Lifttüren öffneten sich, worauf sie forsch hinausschritt und gleich auf den Kapitänssessel zuhielt, wo Lennard saß und nun aufstand, als er sie sah. Sie blieben voreinander stehen und sahen sich einen langen Augenblick lang stumm an.
Mit unbewegter Miene und mühsam beherrschter Stimme sagte sie dann: „Ich... muß Sie... sofort... unter vier Augen sprechen, Captain.“
Lennard sah auf sie herab und sagte: „Mr. Darrn, Sie haben die Brücke... nanu?“
Er sah aus dem Augenwinkel, daß die Ops unbesetzt war und gerade von einem vulcanischen Fähnrich eingenommen wurde. Wo...?
„Verstanden, Sir,“ erklang die Stimme des Klingonen hinter ihm. Er sah zu seinem Sessel und bemerkte nun, daß dieser bereits besetzt war.
„Woher wußten Sie, daß ich Ihnen das Kommando übergeben würde? Ich habe doch gerade erst...“
„Mit Verlaub, Sir, ähnliche Situationen, ähnliche Befehle. Die Lage war offensichtlich,“ er-klärte Darrn ohne mit der Wimper zu zucken.
Verdattert stammelte Lennard noch etwas Unverständliches und folgte dann Leardini in sei-nen Bereitschaftsraum. Kaum hatten sich die Türen zur Brücke hin geschlossen, da breitete sich ein wissendes Lächeln über die Gesichter der Mannschaft aus. Manche Besprechungen duldeten nun mal keinen Aufschub.
Nochmals sahen sich Dween und Merven an und beschlossen dann, dem Beispiel ihrer Vorge-setzten zu folgen und sich ebenfalls zurückzuziehen. Nachdem auch sie die Brücke verlassen hatten, betrachtete Darrn auf dem Hauptbildschirm die gemischte Flotte, die im Orbit über dem Verlorenen Kontinent stand. Ein Stück entfernt zog langsam einer der alten D7-Kreuzer vorbei, als er stutzig wurde.
„Ops, wie heißt das Schiff dort vor uns?“ wollte er wissen.
Nach einer kurzen Anfrage in Zentralcomputer antwortete sein Untergebener: „Es ist die Van’os, ein achtzig Jahre altes Schiff der D7-Klasse. Der Kommandant ist Captain Nergo, Sohn des... äh, Rheo.“
„Das wollte ich hören. Machen Sie mir eine Verbindung,“ sagte Darrn und wieder zeichnete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ab.
Auf dem Monitor erschien die spartanische Brücke des überalterten Schiffes, in dessen Mitte ein mürrischer alter Klingone saß und gerade etwas von seinen Armlehnen-Displays ablas, ohne den Blick zu heben. „Aha, U.S.S. Fairchild, das Schwesterschiff der legendären Enterprise. Was verschafft mir die Ehre?“
„Ich wollte nur Hallo sagen,“ antwortete Darrn beiläufig.
„Diese Stimme...“ Der Blick des klingonischen Captains hob sich und er sprang wie von der Tarantel gestochen auf. „Darrn! Was macht ein P’taqh wie Sie auf dem Kommandantensessel eines der mächtigsten Schiffe der gesamten Sternenflotte? Das ist doch sicher eine Holodeck-Aufzeichnung?“
„Keineswegs, alter Mann. Ich wollte Ihnen nur einmal zeigen, was mit jemandem geschehen kann, den ein verbitterter launischer Ausbilder zweimal durch die Aufnahmeprüfung der klin-gonischen Flotte durchfallen läßt und mit der Bemerkung verabschiedet, daß er dafür sorgen werde, daß er es im Reich niemals zu etwas bringen würde. Ich bin der Zweite Offizier des Schiffes und habe das Kommando, wenn der Captain oder der XO es nicht führen.“
„Sie haben also Ihre Heimat verraten und bei der Föderation um Asyl gebettelt? Ihr Vater sollte Sie entehren und verbannen.“
„Bitte! Mein Vater ist klingonischer Botschafter bei der Föderation, weshalb ihm mein Ent-schluß, es bei der Sternenflotte zu versuchen, nicht das Geringste ausmacht. Schließlich bin ich im Föderationsraum geboren und aufgewachsen, weshalb ich schon immer eine gute Be-ziehung zu den Menschen hatte. Und wenn ich es so besehe, in einer Institution, die einem nutzlosen alten Narren, der nicht einmal mehr dazu taugt, junge Welpen auszubilden, das Kommando über ein Schiff gibt, und sei es auch nur ein so alter schrottreifer Kahn... in solch einer Institution möchte ich doch lieber nicht dienen.“
Sprachlos starrte Darrns ehemaliger Ausbilder ihn an, dann sagte er tonlos: „Sie müssen die-sen Satz lange geübt haben. Daß die Sternenflotte so verzweifelt ist, Ihnen auch nur ein Jota von Verantwortung zu überlassen, hätte ich nicht gedacht.“
„Auf gute Zusammenarbeit,“ erwiderte Darrn und gab dann dem Komm-Offizier ein Zeichen, die Verbindung zu unterbrechen. Genüßlich lehnte er sich im Sessel zurück und murmelte zu-frieden: „Das war schon lange überfällig.“



Ungeduldig wartete Lennard im hydroponischen Labor auf die Resultate von Wurans neuester Testreihe. Sie lief mit einem PADD, den sie sich vor die Nase hielt und mit einer Hand irg-endwie gleichzeitig festhielt und bediente, durch das Labor und trug Pflanzenproben von ein-em Zuchtkasten in einen anderen.
„So, ich denke, ich habe es jetzt, Captain,“ sagte sie dann und warf einen Blick durch die Scheibe auf das halbe Dutzend Wissenschaftler im Nebenraum, die ebenfalls emsig mit dem Bearbeiten der angelegten Proben beschäftigt waren.
„Dann lassen Sie ‘mal sehen, Cluy,“ forderte der große schlaksige Neuseeländer seine Wis-senschaftsoffizierin auf. Sie nahm jeweils eine Probe der beiden fraglichen Pflanzen (Lennard hatte ihre Namen in dem Moment, in dem er sie gehört hatte, bereits wieder vergessen gehabt, da er sich noch nie auch nur einen Hauch für Botanik interessiert hatte) und stellte sie mit ein-em gewissen Abstand zueinander beide auf den Arbeitstisch vor sich.
„Also gut, dann sehen Sie sich das hier an. Das linke Exemplar ist eine gesunde Pflanze vor der Behandlung mit dem Aerosol, das wir entwickelt haben. Sehen Sie, die Blätter sind schön grün und saftig und enthalten in ihrer Nährflüssigkeit den einen Rohstoff von White. Daneben eine vor zwei Stunden behandelte Pflanze.“ Sie ergriff eines der Blätter und drückte es zu-sammen. Es zerbröselte augenblicklich zu kleinsten Teilchen. Sie nahm den Stengel und ver-arbeitete die gesamte Pflanze mit wenigen Handgriffen zu einem Häufchen knochentrockenen Abfalls.
Lennard sagte staunend: „Sie entziehen ihr die Flüssigkeit!“
„Das ist nicht ganz korrekt, Sir,“ widersprach Wuran, „wir schleusen über die Erbinformation den Befehl ein, der sie selbst austrocknen läßt. Sie entwässert sich selbst, vergilbt innerhalb weniger Stunden und hinterläßt auch keine lebensfähigen Samen oder Sporen. Wir bringen sie sozusagen dazu, Selbstmord durch Dehydratation zu begehen.“
„Raffiniert. Das ist eine gute Arbeit, würde ich sagen. Und der Ersatz für die Bändigung der Reitechsen der Kiowa?“
„Der befindet sich auf der Excalibur im Endstadium der Erprobung und wird zur Stunde be-reits hergestellt. Mit ihm sind wir noch vor der Lösung des eigentlichen Problems fertigge-worden. Wir müssen nur noch einige Testreihen durchführen, um sichergehen zu können, daß wir diese Substanz bedenkenlos auf das Ökosystem von Tiragoni V loslassen können, aber ich denke, daß wir diese in spätestens 36 Stunden abgeschlossen haben werden. Ich habe bereits die Umrüstung einer Reihe alter Photonentorpedos, die wir von der Saratoga geborgen haben, zu Trägersystemen für die Verbreitung des Stoffes über den Kontinent in Auftrag geben las-sen. Etwa zwanzig dieser Flugkörper über die gesamte Landmasse verteilt und in mehreren km Höhe zur Explosion gebracht, sollten genügen, damit ein paar Stunden später keine ein-zige dieser Pflanzen mehr existiert.“
„Gut, gut,“ lobte Lennard, schien aber abwesend.
„Macht Ihnen etwas Gedanken, Sir?“ wollte die Bajoranerin auch prompt wissen.
Er sah auf. „Es ist das Dominion. Wir haben es zwar geschafft, sie aus dem System zu ver-jagen, aber die vielgepriesene langfristige Denkweise der Gründer macht mir Sorgen. Sie wis-sen jetzt mit Sicherheit, daß wir die Lage kennen und werden sich auch denken können, daß wir etwas gegen die Existenz dieses natürlichen White-Lieferanten unternehmen werden. Und da ich stets sage, man darf nie seine Feinde unterschätzen, kann ich mir durchaus vorstellen, daß sie nochmals versuchen werden, die Oberhand über Tiragoni und damit den Schlüssel zu dieser Ressource zu gewinnen.
Wir haben zwar Spürsonden entlang der Grenze zu Cardassia plaziert, aber mir wäre doch wohler, wenn die zweite Welle von Verstärkungen ankommen würde, die sie uns hoch und heilig versprochen haben. Es soll noch knapp einen Tag lang dauern, bis sie eintreffen.“
Wuran seufzte. „Ja, ich glaube, auch ich könnte ruhiger schlafen, wenn die Lage weniger pre-kär wäre.“
„Schlafen können Sie, wenn dieses Unkraut endlich vernichtet ist, haben Sie verstanden? ...he, Cluy, das war ein Scherz!“
„Zum Glück,“ meinte sie erleichtert, „denn ich hatte schon Captains, die hätten in solch einer Lage so eine uneffektive Vorgehensweise verlangt, obwohl die Testreihen auch nicht schnel-ler wachsen, wenn ich mir die Nacht um die Ohren schlage.“
Er lachte. „Ein sehr irdisches Sprichwort. Haben Sie das von Counselor Kall?“
Sie staunte. „In der Tat. Sie hat mich in den letzten Wochen vor ihrem Weggang mit terra-nischen Phrasen nur so eingedeckt. Nicht einmal Doc Stern wollte es am Schluß noch hören.“
Er nickte versonnen und dachte an die alten Zeiten, dann besann er sich wieder und richtete seinen Blick voraus auf die zukünftigen Ereignisse.



Ein Trupp Jem’hadar lief im Laufschritt durch die dünnen Eukalyptuswälder am Westrand des trockenen Ödlandes, der die nördliche Hälfte des ‘Verlorenen Kontinentes’ bedeckte. Sie hatten eigentlich nur die hier gelandete Gruppe von Automatischen Überlebens- und Berg-ungsschiffen suchen und sich gebührend um etwaige überlebende Sternenflotten-Angehörige kümmern wollen. Doch innerhalb der letzten Stunde hatten sie die Hälfte ihrer Leute an diese dunkelhäutigen Eingeborenen verloren, die es meisterhaft verstanden, einem direkten Kontakt mit ihnen aus dem Weg zu gehen, indem sie wie von Geisterhand mit der Landschaft ver-schmolzen und verschwanden, sobald die Dominion-Soldaten ihrer habhaft werden wollten.
In dieser Sekunde tauchte wieder einer vor ihnen auf und warf etwas in die Luft. Sofort eröff-neten mehrere Jem’hadar das Feuer, doch als der Rauch der Einschläge sich verzog, war nichts von dem Aborigine zu sehen. Der Gegenstand, den dieser geworfen hatte, wirbelte in-des weit über ihren Köpfen hinweg und hinter sie.
„Diese Burschen können sich doch nicht einfach in Luft auflösen,“ knurrte der Dritte erbost. „Das sind doch nur Wilde.“
Der Erste entgegnete: „Zielen können sie jedenfalls nicht besonders gut mit ihren uneffek-tiven Wurfhölzern. Ich...“
Von hinten kam etwas herangesaust und knallte ihm an den Kopf, worauf er wie vom Blitz getroffen umfiel und reglos liegenblieb. Der Zweite seufzte und trat an ihn heran, um das Wurfholz aufzuheben, das neben ihm lag. Dabei stieß er seinen Vorgesetzten mit dem Fuß an, was jedoch ohne Reaktion blieb.
„Soviel zur Treffgenauigkeit dieser sogenannten ‘Wilden’. Seht euch diese Waffe an: ein ein-faches Stück Holz, in der Mitte in einem 45°-Winkel gebogen. Mehr brauchen sie nicht, um einen Jem’hadar niederzustrecken.“ Wütend warf er den Bumerang mit aller Kraft weg. Er entfernte sich leise surrend.
Einer der niederen Jem’hadar sah auf ein Ortungsinstrument. „Wir haben jetzt eine schwache Anzeige aus dieser Richtung. Entfernung ungefähr...“
Der Bumerang kam zurück und traf ihn ebenfalls am Kopf, worauf dieser aufstöhnte und be-nommen hinfiel.
„Guter Wurf für einen Anfänger,“ erklang eine Stimme aus dem Hintergrund.
Die Soldaten wirbelten herum und sahen sich unversehens von einem Dutzend Starfleet- und Klingonen-Sicherheitsleuten umstellt. Einer der Jem’hadar riß seine Waffe hoch und wurde sofort von einem Disruptorstrahl desintegriert.
Yatobu sah über die Schulter auf den jungen Aborigine, der nun zwischen den Bäumen, die eigentlich gar keine Deckung boten, ihn aber dennoch irgendwie verborgen hatten, hervortrat. Er ging zu ihm hin und redete leise zu ihm, wobei erst jetzt die verblüffende Ähnlichkeit der beiden australischen Ureinwohner offensichtlich wurde. Dann, etwas lauter, schloß er mit den Worten: „Gut, dann werde ich euch nachher im Dorf besuchen kommen und meinen Häupt-ling mitbringen. Auch in ihm fließt zum Teil das Blut eurer Ahnen, deshalb interessiert es ihn, euch kennenzulernen. Und danke für eure Hilfe beim Retten unserer Freunde.“



An der Nordspitze des Kontinentes materialisierte sich eine weitere Gruppe der Suchtrupps aus Klingonen und Sternenflottenangehörigen mitten im tropischen Regenwald. Wenjorook nahm sofort seinen Tricorder zur Hand und scannte die nähere Umgebung. Dabei wanderte sein Blick durch das Halbdunkel des Dschungeldickichts und fiel auch auf Merven, dessen Uniformhemd fast augenblicklich nach seiner Materialisierung klatschnaß war.
„Kann es sein, daß Sie die hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit nicht so gut vertragen, Mr. Soares?“ Sein spöttischer Unterton war nicht zu überhören.
„Ich wäre kein echter Trill, wenn ich es könnte, Mr. Andorianer,“ gab dieser leicht gereizt zurück.
Die Klingonen in ihrer Einheit blieben ebenso unberührt vom extremen Klima und verzogen keine Miene angesichts des kleinen Streitgesprächs ihrer Verbündeten.
„Ich habe sie geortet. Vier AÜBS, alle etwa einhundert Meter von hier.“ Wenjorook wies in die Richtung, die sie einschlagen mußten.
Einer der Klingonen umrundete einen der höheren Felsbrocken, die auch hier im Urwald überall zu finden waren, und ging voran. „Dann wollen wir mal. Haben Sie auch etwas von den Jem’hadar registriert, die sich hier herumtreiben sollen?“
„Nein, keine Lebenszeichen.“ Wenjorook folgte dichtauf und studierte weiterhin die Tri-corder-Anzeigen. Er wäre beinahe gegen seinen Vordermann gelaufen, als dieser überrasch-end stehenblieb.
„Keine Lebenszeichen? Da könnten Sie recht haben.“ Der führende Klingone beugte sich hinab und wies auf ein paar Stiefel, die aus dem Unterholz herausragten. Er zog einen reg-ungslosen Jem’hadar hervor und untersuchte ihn rasch.
„In seinem Hals steckt ein kleiner Pfeil.“ Er zog ihn heraus und hielt ihn vor das Scannerfeld von Wenjorooks Tricorder.
Nach ein paar Sekunden sagte der Sicherheitschef der Fairchild. „So etwas habe ich mir beinahe gedacht. Die Spitze ist mit einem komplexen organischen Toxin auf pflanzlicher Basis in hoher Konzentration behaftet. Der terranische Trivialname dafür ist Curare. Es ist hochwirksam und tötet in Sekundenschnelle jeden bekannten Humanoiden.“
„Außer vielleicht einen Vorta,“ berichtigte Merven.
Während sie weitergingen, bemerkte Wenjorook: „Sie haben Ihre Hausaufgaben gut gemacht, Mr. Trill.“
„Man soll nie unvorbereitet ins Feld ziehen,“ gab dieser nur leichtmütig zurück.
Sie fanden fünf weitere Dominion-Soldaten auf dem Weg zu den Lifepods, den letzten prak-tisch vor der Außenschleuse des ersten. Er lag mit ausgestreckten Gliedmaßen und dem Ge-sicht nach unten auf dem dichtbewachsenen Boden. Daneben lag ein Benzite in Sternenflot-ten-Uniform. Sofort sahen sich die Mitglieder des Außenteams wachsam um.
„Es scheint so, als machen die Yanomami keinen großen Unterschied zwischen ihnen und uns.“ Wenjorook tippte seinen Kommunikator an. „Fairchild, können Sie die Signale aus meinem Tricorder verarbeiten?“
„Hier Haupttransporterraum. Positiv, wir empfangen siebzehn humanoide Lebenszeichen auf vier AÜBS verteilt. Außerdem noch diverse ungenaue Anzeigen in Ihrer Nähe.“
„Erfassen Sie die Schiffbrüchigen und beamen Sie uns alle sofort hoch. Beeilung bitte.“ Wenjorooks Puls beschleunigte sich unwillkürlich, als er das Einsetzen des Dematerialisier-ungsprozesses spürte. Gleichzeitig nahm er eine schwache Bewegung im Unterholz wahr. Ein Urwald-Indianer hinter einem Gebüsch hob sein Blasrohr an den Mund und schoß mit einem hustenden Geräusch einen Giftpfeil auf ihn ab. Er blickte direkt auf die heranzischende Pfeil-spitze, war jedoch schon zu weit in seine Quanten zerlegt und sah nur noch das Flimmern um sich herum, bis er auf der Transporterplattform auf der Fairchild wieder zusammengefügt wurde.
Der normalerweise nervenstarke Andorianer mußte sich an die Wand lehnen, als ihm bewußt wurde, wie knapp er gerade wieder dem Tod entgangen war. Merven legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Sind Sie in Ordnung? Ich habe es auch gesehen, wie...“
„Jaja, mir fehlt nichts,“ beruhigte ihn Wenjorook und meinte dann nachdenklich: „Kennen Sie eigentlich das Werk ‘Der Ewige Krieg’ vom Terraner Joe Haldeman?“
„Sicher, an der Akademie in San Francisco macht diese Erzählung eigentlich ständig die Runde. Wer über den Inhalt dieses Buches nicht mitreden kann, gehört nicht richtig dazu. Wieso?“
„Ich mußte gerade an die Stelle denken, als Mandella, schon fast am Ende des Buches, zu Captain Moore sagt: Ich bin eigentlich ein mittelmäßiger Soldat, der nur eine Besonderheit hat: man hat immer an mir vorbeigeschossen.“ Der Andorianer verzog sein Gesicht zu einem angedeuteten Lächeln. „Der Unterschied zwischen ihm und mir ist, daß an ihm immer vorbei-geschossen wurde, während man in meinem Fall immer durch mich hindurchschießt.“
„Tja, andere Zeiten, andere Sitten,“ meinte Merven lapidar und gab ihm einen aufmunternden Klaps auf die Schulter.



















- 8 -

Als Lennard am nächsten Morgen erwachte, ahnte er schon irgendwie, daß dieser Tag ein be-sonderer sein würde. Inwiefern das zutraf, konnte er natürlich nicht ahnen, als er nur wenige Minuten nach dem Aufstehen auf die Brücke gerufen wurde.
Darrn saß auf dem Kommandantensessel und wirkte bereits reichlich müde, als Lennard ihn begrüßte. Auf seine Frage nach dem Grund für dessen Ruf hin antwortete er: „Wir hatten kurzzeitig Subraum-Kontakt mit dem Föderationsverband, der auf dem Weg hierher ist. Es war wohl eher ein zufälliges Zustandekommen der Verbindung, läßt aber darauf schließen, daß sie nicht mehr allzuweit von uns entfernt sind. Ich dachte mir, daß Sie das gerne erfahren würden.“
„Danke, Mr. Darrn. Haben Sie herausgefunden, wieviele Schiffe kommen und welche?“
„Leider nicht. Wir hatten nicht viel mehr aufgefangen als das Transpondersignal der Cairo, als die Verbindung wieder abbrach.“
„Oh je. Mit Captain Jellico werden wir unsere liebe Mühe haben. Ich habe gehört, daß er seine Mannschaft im Vier-Schichten-Betrieb führt. Naja. Was machen die Bergungsarbeiten der Überlebenden von der Victory und Callisto?“
„Sind beinahe abgeschlossen. Wir haben einige in unbewohntem Gebiet aufgespürt, mußten aber auch ins Stammesgebiet von einigen Völkern eindringen, wobei es teilweise zu Kontak-ten kam. Wir haben direkte Dialoge mit den Aboriginees, den Suaheli, Majas, Tuareg, Ute und Eskimos gehabt. Ferner kam es zu mehreren feindseligen oder nur sporadischen Begeg-nungen mit Yanomami, Incas, Pawnee, Sioux, Comanche, Samen und Blackfoot-Indianern. Zum Glück haben wir nur ein paar unglückliche Verlustfälle beziehungsweise Verletzte ge-habt.“ Der klingonische Ops-Offizier kratzte sich an seinem Bart.
„Dann haben wir ja beinahe alle dort lebenden Stämme oder Völker tangiert! Und das bei die-ser niedrigen Bevölkerungsdichte?“ Lennard konnte es kaum glauben.
„Es liegt wohl daran, daß ein großer Teil der Stämme nomadisch lebt und ein großes Terri-torium durchwandert, weshalb die Chance auf eine Begegnung innerhalb der jeweiligen ‘Ho-heitsgebiete’ doch recht groß ist,“ erklärte Darrn.
„Und was bitte sind ‘Samen’?“ fragte der Captain weiter.
„Das ist das einzige der Urvölker dort unten, das aus Europa stammt. Diese Menschen be-wohnten den äußersten Norden in der Polarregion, Lappland genannt, und lebten von Rentier-zucht und Jagd. Nur die Eskimos besiedeln noch unwirtlichere Regionen in den kalten Gebie-ten des Planeten.“
„Sie sind ja inzwischen zum Experten geworden,“ stellte Lennard staunend fest.
„Ich hatte gar keine andere Wahl, Sir,“ brummte der Klingone.



Knapp eine Stunde später war es soweit, als der Kommunikationsoffizier meldete: „Wir er-halten ein Subraum-Standardsignal der Sternenflotte.“
„Auf den Schirm.“ Lennard war eigentlich ganz gelassen, doch als sich ein nur allzu vertrau-tes Bild vor ihm aufbaute, erlitt er beinahe einen Dejà-Vu-Schock. In der Mitte der Brücke, die er sah, saß eine alte Bekannte, die ihn nun freudestrahlend anlächelte: „Captain Lennard! Wie schön, Sie wiederzusehen! Was macht Ihr neues Schiffchen?“
Einen Moment lang konnte er gar nichts sagen, dann murmelte er: „Es... es schlägt sich ganz wacker. Und wie geht es Ihnen, Counselor?“
Kall grinste nur noch breiter und schüttelte tadelnd den Kopf. In diesem Moment bemerkte Lennard, daß ihr Oberteil unter der Uniformjacke nicht blau, sondern rot war, was bedeutete, daß sie nicht mehr dem Wissenschafts- und Betreuungsstab, sondern der Kommandoriege angehörte. Sie griff sich an den Hals und zeigte ihm den dritten goldenen Rangpin. „Ich habe eine kleine Fortbildung gemacht und bin nun Erster Offizier der Aldebaran.“
Leardini hatte sich bisher still verhalten, stieg nun aber langsam in ihrem Stuhl auf und fragte mit grenzenlosem Staunen: „Die Aldebaran, unser gutes, altes Schiffchen, ist reaktiviert wor-den? Wo ist der Captain?“
Etwas verlegen antwortete die Betazoide mit der langen schwarzen Haarmähne und den tiefdunklen Augen: „Nun, Commander Vakuf erlitt bedauerlicherweise am vorletzten Abend vor unserem Abflug das Pon Farr, was vor allem ihr selbst, aber auch einem vulcanischen Fähnrich, der gerade in greifbarem Abstand war, äußerst peinlich war. Nach ihrer Ruhigstel-lung wurde sie unverzüglich nach Vulcan gebracht, wodurch der Kommandoposten hier frei-wurde.
Man überlegte offenbar in Admiralskreisen zunächst, Captain Jellico von der Cairo mit dies-em Kommando zu betrauen und mir dafür sein Schiff zu geben, doch da er schon einmal für eine begrenzte Zeit ein Schiff der Galaxy-Klasse in hochgradiger Disharmonie mit der dama-ligen Besatzung geführt hatte und offenbar niemand in einer solchen Krisensituation ein ähn-liches Klima auf diesem Schiff schaffen wollte, haben sie kurzerhand mich das Kommando unter dem Rang eines Commanders weiterführen lassen, was bei meinen neuesten Kurszeug-nissen und in Kriegszeiten allgemein wohl nichts Außergewöhnliches ist.“
„Ich hätte nicht gedacht, daß ich diesen Tag noch erleben müßte, aber die Föderation ist wohl bis in ihre Grundfesten hinein verzweifelt, daß ich das mitansehen muß.“ Lennard lachte schallend, was während des Dienstes sehr selten vorkam.. „Ich freue mich, Sie wiederzu-sehen, Sam. Wer ist denn von der alten Stammcrew noch an Bord?“
„Doc Stern natürlich, dann Nidor - sie hat übrigens ihren Commander-Rang tatsächlich be-halten und ist Zweite Offizierin der Aldebaran geworden - und zu guter Letzt Mr. Kazuki.“ Kall sah schnell über ihre Schulter, als ihr der Sicherheitsoffizier etwas zumurmelte.
„Wir werden nicht sehr lange Wiedersehen feiern können, da wir von den Sonden, die Sie an der cardassianischen Grenze ausgesetzt haben, einen größeren Verband von Feindraum-schiffen mit hoher Geschwindigkeit und direktem Kurs auf das Tiragoni-System gemeldet be-kommen. Machen Sie sich lieber schon auf das nächste Gefecht bereit; aber keine Sorge, wir treffen etwa eine Stunde vor ihnen ein.“
„Gut, bis dann. Und seien Sie so nett und senden Sie uns eine komplette Liste der Schiffe, die Sie begleiten.“ Lennard verabschiedete sich von seiner ehemaligen Schiffsberaterin und stu-dierte dann die Aufstellung der Schiffe, die er auf seinem Armlehnen-Display aufrief.
Wenjorook sah seinen Captain so lange mit durchdringendem Blick an, bis dieser ihn must-erte und konsterniert sagte: „Ich vermute, Sie wollen gerne erfahren, welche Schiffe unser Kontingent verstärken werden?“
„Nicht nur ich, Sir,“ gab der Andorianer zurück, worauf Lennard seinen Blick über die Brücke schweifen ließ und feststellen mußte, daß tatsächlich alle Augen auf ihm ruhten.
„Gut, gut,“ gab er gereizt nach und drückte auf eine Tastenkombination seiner Armaturen. „Hier spricht der Captain: ich habe gerade die Aufstellung über die Verstärkungen, die wir in Kürze erhalten werden. Die Aldebaran, Galaxy-Klasse. Zwei Schiffe der Nebula-Klasse, die Endeavor und die Farragut sowie die Yamaguchi, Ambassador-Klasse. Dann haben wir die Camelot, eine Intrepid-Klasse, und außerdem vier Excelsiors, die Crockett, Cairo, Gorkon und Livingston. Unter ‘ferner liefen’ fallen elf Raider, die ich hier nicht einzeln benennen möchte. Das wäre alles. Captain Ende.“
Er sah sich um und fragte laut: „Zufrieden?“
Sofort sah jeder weg oder hatte etwas anderes zu tun.



Kaum war ihre Verstärkung angetroffen, da beraumte Jellico, der für die Dauer dieser Mis-sion zum Vize-Admiral ernannt worden war, um den gemischten Verband befehligen zu kön-nen und das nicht einem General der Klingonen überlassen zu müssen (kleinliche Macht-geplänkel zwischen Föderation und Klingonen), an Bord der Aldebaran ein Treffen an. Mit der Ortswahl wollte er wohl seinen Protest darüber demonstrieren, daß er nicht das Kom-mando über dieses Schiff erhalten hatte. Außer ihm, Kall und Lennard nahmen noch die Cap-tains der Endeavor, der Farragut sowie die Kommandanten der klingonischen D7-Kreuzer sowie General Boron, der sowohl den Vor’cha-Schlachtkreuzer als auch das klingonische Kontingent befehligte, teil.
Es ging zu Lennards Überraschung sehr sachlich und besonnen zu an diesem Treffen und alle Entscheidungen zur Kampfstrategie wurden ohne größere Widersprüche irgendeines Teil-nehmers beschlossen. Sie brauchten nicht sehr lange und lösten die Versammlung gleich nach Beendigung auf, um alle wieder auf ihre Schiffe zurückzukehren. Nur Jellico und Lennard blieben noch in der Beobachtungslounge bei Kall zurück.
Lennard wandte sich an seine ehemalige Schiffsberaterin: „Ich wollte Ihnen noch persönlich gratulieren, Sam. Noch vor kurzer Zeit hätte ich es nie für möglich gehalten, daß sie als Com-mander ein Schiff befehligen würden. Aber wie es scheint, haben Sie sich meinen Ratschlag zu Herzen genommen und einen Weg der Vernunft eingeschlagen.“
„Ja, meine wilden Jahre sind vorbei,“ erwiderte Kall lächelnd und sah zu Boden. „Es muß wohl die letzte unserer gemeinsamen Missionen gewesen sein, die mich nachdenklich ge-stimmt hat und mich zu dieser Änderung meiner Einstellung bewog.“
„Oh ja, diese Mission... ich könnte Ihnen jetzt noch den Hals umdrehen, wenn ich daran den-ke.“ Er mußte leise auflachen, worauf Jellico herankam.
„So, schwelgen Sie in gemeinsamen Erinnerungen? Angesichts der wenigen Zeit, die uns noch bis zum Angriff des Feindverbandes bleibt, ist das nicht gerade konstruktiv.“
„Bei allem Respekt, Vize-Admiral, das Schaffen einer Atmosphäre wie dieser ist es auch nicht. Was wir brauchen, ist Rückhalt und Vertrauen zwischen den einzelnen Kommandeu-ren.“ Lennard lehnte sich weit aus dem Fenster mit dieser ruhigen, aber im Inhalt sehr unhöf-lichen Erwiderung.
Jellicos Gesicht lief rot an, als er zu dem einfachen Captain, der beträchtlich jünger war als er selbst, hinaufsah: „Und Sie? Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind, daß Sie sich so eine Unverfrorenheit herausnehmen? Lennard... noch nie etwas gehört von Ihnen. Taucht aus dem Nichts auf und befehligt ein Galaxy-Schiff und nun sogar eine Sovereign! Da stimmt doch etwas nicht.“
„Mit wem? Mit mir? Oder fragen Sie sich, warum Sie nun zum Vize-Admiral befördert wur-den, um zu delegieren, anstatt auf der Brücke Ihres Schiffes zu stehen? Ich weiß es nicht, aber ich finde, Sie können beides tun, solange Ihre Pflichten nicht in Konflikt zueinander geraten.“ Und mit diesen Worten ließ er Jellico stehen, der ihm mit offenem Munde nachstarrte. War das nun eine versteckte Beleidigung gewesen oder die indirekte Bewunderung eines jüngeren Kollegen, verbunden mit der Aufforderung, das Ruder doch selbst in die Hand zu nehmen? Er wußte es nicht, und so ließ er ihn gewähren.
Dann jedoch kam ihm eine Idee. „Warten Sie, Captain, ich hätte da einen Vorschlag.“
Überrascht drehte Lennard sich um und kam zurück. „Sir?“
Mit leicht verschlagen wirkendem Ausdruck meinte Jellico: „Wissen Sie, Sie haben mich da eben auf etwas gebracht und ich denke auch, Sie haben recht. Ich kann durchaus beide Auf-gaben erfüllen, wenn ich nur ein wenig delegiere.“
Während Kall hinter dem Vize-Admiral stand und stumm blieb, aber heftig mit dem Kopf schüttelte, fragte Lennard: „Was meinen Sie?“
„Nun, ich muß gestehen, daß ich nicht ganz aufrichtig zu Ihnen war. Ich habe durchaus schon von Ihnen gehört, und ich muß sagen, in der Aufzeichnung der Verhandlung mit dem als Jem’hadar getarnten Gründer auf Ihrem Schiff haben Sie großes diplomatisches Geschick bewiesen.“
„Einen Moment... Sie haben diese Aufzeichnung gesehen? Aber die unterliegt der obersten Geheimhaltungsstufe,“ protestierte Kall ungläubig.
Er wies sie zurecht: „Commander, ich bin jetzt im Admiralsrang, falls Sie das vergessen haben sollten. Außerdem war ich lange Zeit der Feldexperte für Cardassianer und da diese netten Wesen jetzt zum Dominion gehören, bin ich automatisch auch teilweise Fachmann für das Dominion geworden. Die Sternenflotte hat mir gestern abend mittels einer Kuriersonde alle nötigen Daten, die ich für eventuelle Verhandlungen mit dem Dominion benötige, zu-kommen lassen. Darunter auch Ihr kleines Gespräch und diverse Unterredungen zwischen Captain Sisko und Gul Dukat sowie Vejoun, dem... wie soll ich sagen, Botschafter des Domi-nion im Alpha-Quadranten.
Wie auch immer, jedenfalls hat mich Ihr Verhandlungsgeschick sehr beeindruckt, Captain. Ich schlage deshalb folgendes vor...“



Nur noch wenige Minuten bis zum Feindkontakt. Genau bestimmen konnten Sie den Zeit-punkt nicht mehr, da die Dominion-Flotte die letzte Horchsonde erreicht und - wie könnte es wohl anders sein? - sofort zerstört hatte. Vorsorglich waren sie auf Alarmstufe Gelb gegan-gen. Lennard nahm nochmals Verbindung zur Aldebaran auf. „Mrs. Kall, wie laufen die Vorbereitungen?“
„Sehr gut, Captain. Es war eine hervorragende Idee, die Ingenieurteams, die die Photonen-torpedos zu Freisetzungsapparaturen umrüsten, zur Aldebaran zu verlegen und mit weiteren Teams von anderen Schiffen zu verstärken. Sie haben erheblich mehr Raum zur Verfügung als auf der Fairchild und können mehr Flugkörper gleichzeitig ausrüsten als zuvor. Ohne diese Maßnahme hätten wir es vielleicht nicht mehr rechtzeitig geschafft, so jedoch werden wir nur noch eine Viertelstunde benötigen, bis wir die Torpedolauncher laden können und diesem Spuk hoffentlich für immer ein Ende bereiten.“ Kall schien zu zögern, sagte dann: „Außerdem können die Jem’hadar euch völlig aufreiben, während wir dennoch dank der Sicherheit unserer Schilde die Mission beenden und die Pflanzen zerstören können.“
„Sie wußten, daß das mein Hintergedanke war? Haben Sie etwa...?“
„Ich bitte Sie, Sir, aus diesem Stadium bin ich schon längere Zeit hinaus. Ich kenne Ihre prag-matische Art zu denken. Es ist beruhigend zu wissen, daß es jemanden gibt, der auf Nummer Sicher geht und an wirklich alles denkt.“ Sie lächelte ihn mit offener Sympathie an.
Er nickte nur bescheiden und erwiderte: „Und sobald Sie fertig sind, feuern Sie alle Zerstäu-ber ab?“
„Verlassen sie sich drauf. Kall Ende.“ Sie beendete die Komm-Verbindung, worauf Darrn etwas beisteuerte, was er offenbar schon kurz zuvor erhalten hatte.
„Captain, die klingonischen Techniker haben ihre Arbeiten beendet und die Maskierungsfel-der auf der Oberfläche aktiviert. Die Energiesignaturen sind so auf das Magnetfeld des Plane-ten abgestimmt, daß sie von ihm fast vollständig überlagert werden. Den Rest besorgen der stark eisenhaltige Kern des Planeten und die vielen Meteoriten in der Kruste dieser Welt.“
„Versuchen Sie eine Sensorenerfassung des Kiowa-Dorfes,“ verlangte Lennard.
„Nichts, Sir. Auf der gesamten Bandbreite weder ein Lebenszeichen von Humanoiden, Reit-echsen oder sonst etwas vom Basislager. Die im betreffenden Gebiet aufgestellten und eben-falls getarnten Feldverzerrer lassen keinerlei Koordinatenbestimmung zu, um die Stelle, an der das Dorf mittels anderer Datenaufzeichnungen angepeilt werden könnte, unauffindbar zu machen. Es wird aussehen wie massive Fluktuationen im planetaren Magnetfeld. Sie werden denken, daß das eine mögliche Nachwirkung des Vorbeiziehens von Tiragoni VI ist. Unsere Alliierten haben ganze Arbeit geleistet,“ sagte Darrn mit stolzerfüllter Stimme.
Bevor irgend jemand Meldung machen konnte, tauchten sie plötzlich auf. Es war die größte feindliche Armada, die er bis jetzt zu Gesicht bekommen hatte, doch zu diesem Zeitpunkt konnte er ja noch nicht ahnen, welchen Verlauf der Krieg nehmen würde. Und daß er noch weit größere Ansammlungen von Dominion-Schiffen zu sehen bekommen würde.
Zunächst jedoch genügte ihm die Flotte, die nun offenbar komplett aus dem Warptransfer her-ausgetreten war, sich in einiger Entfernung sammelte und formierte. Sie griffen allerdings nicht sofort an, sondern schienen auf etwas zu warten.
„Roten Alarm! Haben Sie schon genauere Zahlen, Wenjorook?“ fragte Lennard.
„Sechs cardassianische Schiffe der Galor-Klasse, insgesamt einundzwanzig Angriffsjäger und sechs Schlachtkreuzer.“ Der andorianische Sicherheitschef seufzte leise.
„Öffnen Sie einen Kanal zum Führungsschiff des Dominion. Sie werden sich vielleicht erst anhören wollen, was ich zu erzählen habe. Und mit etwas Glück kann ich wertvolle Minuten herausschinden.“ Er legte sich im Geiste sorgfältig zurecht, wie er seine Formulierungen hal-ten sollte.
„Warum hat Jellico eigentlich Sie als Wortführer des Verbandes bestimmt? Ist er selbst sich zu fein dafür oder hat er nur Angst, daß sie seine Nußschale auseinandernehmen, wenn sie herausfinden, von wo aus er sendet?“ wollte Leardini wissen.
Trocken antwortete er: „Einmal das, und zum anderen ist der Captain des Verband-Flagg-schiffes in der Tat geradezu prädestiniert für diese Aufgabe. So wird der tatsächliche Anfüh-rer unserer Flotte aus der vermeintlichen Schußlinie gehalten, was man - so glaube ich - eine graue Eminenz nennt. Dazu kommt, daß wir so auch länger von der Aldebaran ablenken, wo ja momentan die eigentliche Hauptarbeit geleistet wird. Die Zeit arbeitet für uns in dieser Situation.“
„Sie antworten, Captain. Soll ich das Bild auf den Hauptschirm legen?“
„Nur zu.“ Die spartanisch eingerichtete Brücke eines Schlachtschiffes der Jem’hadar erschien auf dem Monitor. Wie gewöhnlich standen alle an ihren Konsolen, der Vorta des Schiffes und der Erste Jem’hadar trugen diese Head-Sets, die Kopfhörer und ein daran befestigtes optisch-es Gerät vor einem Auge des Trägers waren und mit denen man einen Ausblick nach draußen oder eine Subraum-Verbindung generieren konnte. Der Vorta wandte sich ihm zu. „Grüße, Captain Lennard.“
Leardini und ihr Vorgesetzter sahen sich fragend an. War ihr Nachrichtendienst doch so gut? „Sind wir uns bereits vorgestellt worden? Ich kann mich nicht an Ihren Namen erinnern.“
„Bitte verzeihen Sie meine unhöfliche Art. Mein Name ist Kervan. Ich repräsentiere das Do-minion in dieser Angelegenheit und möchte mit Ihnen über unsere Differenzen in diesem Sy-stem reden. Wir konnten bislang leider noch keinen Dialog herstellen, was sicher eine der-artige Eskalation, wie wir sie erlebt haben, verhindert hätte.“ Ehrerbietend deutete der Vorta eine leichte Verbeugung an; er war genau wie die anderen seiner Rasse, die Lennard zuvor begegnet waren.
Mit Verärgerung in der Stimme antwortete er: „Für mich ist die Situation klar: Sie sind in Föderationsraum eingedrungen und haben Bürger der Föderation, die einen vorindustriellen Entwicklungsstand haben, gefangengehalten, bedroht und über ein Dutzend von ihnen getötet. Wie bitte wollen Sie mir das erklären?“
„Ein bedauerliches interkulturelles Mißverständnis. Die Jem’hadar jener Einheit haben sich falsch und mit unangebrachter Aggressivität verhalten.“ Bedauernd lächelnd breitete Kervan seine erhobenen Hände vor sich aus.
„Dann machen Sie diesem ‘Mißverständnis’ doch bitte ein Ende und ziehen Sie sich in Ihren eigenen Raum zurück. Werden Sie nicht anderswo in Ihrem schmutzigen, kleinen Krieg ge-braucht als in einem System mit hoher Hintergrundstrahlung der Sonne und nur einem bewohnbaren Planeten mit kleiner Landfläche? Hier gibt es doch nichts zu holen für Sie.“ Lennard versuchte die Andeutung eines diplomatischen Lächelns, was jedoch gründlich miß-lang.
Die falsche Freundlichkeit im Gesicht des Vorta schwand ebenfalls. „Ich denke, wir beide wissen, welches Interesse das Dominion an Ort und Stelle verfolgt. Warum lassen wir die Waffen nicht ruhen, Sie lassen uns das holen, was wir wollen und wir verschwinden wieder?“
„Das meinen Sie nicht ernst, oder?“ Lennard schüttelte den Kopf und spitzte die Lippen. „Ts, ts, ts. Wir haben das Problem erkannt und gelöst. Wenn Sie Ihre Sensoren bemühen wollen, werden Sie feststellen, daß das betreffende Einheimischen-Dorf bereits komplett umgesiedelt wurde, und zwar auf eine Welt, wo Sie sie nie vermuten werden.“
Der Vorta warf einen kurzen Blick auf einen der Jem’hadar im Hintergrund, der an seiner Konsole etwas eingab und dann stumm nickte. Darauf sah Kervan wieder nach vorne, aber mit deutlich härterem, kaltherzigen Blick. „Ihre Bemühungen in Ehren, Captain, aber das wird uns höchstens zurückwerfen, nicht jedoch auf lange Sicht hin aufhalten. Die Prognosen des Führers der Cardassianischen Regierung sind zwar sehr optimistisch, was die Entfernung des Minenfeldes vor dem Bajoranischen Wurmloch und damit die Wiederherstellung der Hauptnachschublinie des Dominion betrifft, aber es kann dennoch von großem Wert sein, im-mer eine gewisse Reservequelle für Notfälle zu besitzen. Wir werden auf den Planeten gehen, ob mit oder ohne Ihre Erlaubnis, und unsere Untersuchungen zu Ende bringen.“
„Auch das dürfte sich gleich erübrigt haben.“ Lennard wandte sich kurz seiner Armlehnen-Konsole zu und sprach mit Kall. „Commander, sind Sie soweit?“
„Jawohl, Captain. Wir verfrachten gerade die letzten Gehäuse in die Abschußrohre.“ Die Be-tazoide salutierte scherzhaft.
„Sehr gut. Beginnen Sie.“ Er sah wieder auf. „Bitte fühlen Sie sich nicht bedroht, wenn sie jetzt gleich den Abschuß einer Reihe von Flugkörpern von einem einzelnen unserer Schiffe registrieren werden. Sie sind nicht auf Sie gerichtet.“
„Was wollen Sie mir damit sagen? Wir haben...“ Kervan brach ab und sah über den Monitor vor seinem rechten Auge wohl das Außenbild, wie die Aldebaran in zwei Schüben aus Front- und Heckkatapult die Träger des Mittels freisetzte und auf ihre kurze Reise zur Oberfläche hinabschickte. Sie verteilten sich dabei und explodierten, worauf sich ein hellrot schimmern-der Nebelteppich für kurze Zeit regelmäßig über die Landmasse des ‘Verlorenen Kontinentes‘ ausbreitete und dann verblaßte. Die gesamte Aktion hatte nur wenige Sekunden gedauert.
„Wir haben gerade die gesamte Population der beiden Pflanzen, welche den Wirkstoff für Ketracel-White produzieren, ausgelöscht. Unsere Nachfragen bei den Indianern bestätigten, daß Ihnen noch nicht bekannt war, welche der Pflanzen in dem Mittel für die Reitechsen, üb-rigens sehr freundliche Verwandte Ihrer Jem’hadar, enthalten waren. Wir haben diese Infor-mationen zum Glück unverzüglich erhalten, so daß wir ein natürlich wirkendes Mittel ent-wickelt haben, das selektiv ebendiese Kräuterarten angreift und zerstört. Sie verstehen sicher, daß ich Ihnen nicht die Wirkungsweise unseres Wundermittelchens verrate, damit Sie nicht auf die Idee kommen, irgendwelche Maßnahmen zur Rettung der Pflanzen zu ergreifen. Und gerade eben haben wir es freigesetzt; Sie durften uns in gewisser Weise als Ehrengäste bei-wohnen. Sie sehen also, daß es auf dieser Welt oder in diesem Sternensystem nichts mehr für Sie zu holen gibt.“ Nach dieser kleinen Rede grinste Lennard wieder.
„Das werden Sie bereuen,“ zischte Kervan. „Wir sind trotz allem noch immer im Krieg. Wenn Sie uns auf solch infame Weise unserer Beute beraubt haben, können wir uns wohl nur noch mit der Zerstörung Ihrer Schiffe begnügen, damit wir nicht mit völlig leeren Händen dastehen.“
Noch ehe Lennard etwas antworten konnte, wurde die Verbindung unterbrochen und die ersten Feindschiffe begannen auf sie vorzurücken. Sofort verschwammen die Umrisse der acht klingonischen Kampfschiffe und waren eine Sekunde darauf unsichtbar geworden. Sie würden nun taktisch vorteilhafte Positionen einnehmen, um bei einem Ausbrechen des Kamp-fes eingreifen zu können.
Kall meldete sich nochmals auf einer offenen Frequenz und sagte: „Mir ist gerade etwas eingefallen. Hören Sie mir genau zu, Captain: ich lasse mich jetzt mit der Aldebaran zurück-fallen und werde auf einem Fluchtkurs über romulanisches Gebiet die letzten der existier-enden Pflanzenproben in Sicherheit bringen. Sie dürfen dem Dominion auf keinen Fall in die Hände fallen. Dieses Manöver könnte uns einen entscheidenden Vorteil bringen, verstehen Sie?“
Der flehende, dringliche Ausdruck auf ihrem Gesicht implementierte, daß sie das absichtlich auf dieser nicht abhörsicheren Verbindung durchgab und nicht offen sagen konnte, was sie wirklich vorhatte. Er hoffte, daß er nicht das Falsche tat, als er antwortete: „Ihnen ist doch klar, welches Risiko Sie beim Einflug in romulanischen Raum eingehen? Seien Sie vorsich-tig, Sam. Sie wissen, wieviel jetzt von Ihnen abhängt. Lennard Ende.“
Auf dem Hauptschirm war zu sehen, wie Lennards früheres Schiff elegant wendete, die For-mation verließ und sich schnell nach hinten entfernte. Fast gleichzeitig scherten drei der sechs großen Schlachtkreuzer und neun Angriffsjäger der Jem’hadar aus und nahmen die Verfol-gung auf, während sich der Rest des Feindverbandes auf sie stürzte.
„Vize-Admiral Jellico ruft uns, Sir. Er will wissen, was hier gespielt wird.“ Der Kommunika-tionsoffizier sah auf. „Er scheint sehr ungehalten, Captain. Er benutzt Terminologie wie ‘Feigheit vor dem Feind’ und dergleichen.“
„Geben Sie durch, daß ich momentan nicht antworten kann. Sein Bordarzt soll ihm ein blut-drucksenkendes Mittel verabreichen, damit er diesen Kampf gesund übersteht.“ Lennard sah mit zusammengepreßten Lippen auf die verkleinerte taktische Anzeige auf seinem Display, wo nun alle Schiffe bunt durcheinandergewürfelt über den Schirm wanderten und sich gegen-seitig umtanzten. Auf dem Hauptbildschirm sah das etwas anders aus.
Föderationsschiffe und Jem’hadars lieferten sich einen wilden Schlagabtausch, flogen ziem-lich ungeordnet zwischeneinander und deckten sich mit Torpedos und Energiestrahlen ein. In-mitten des völligen Durcheinanders erkannte er die Farragut, deren Schilde gerade eine Rei-he von Energieentladungen, von einer Dreierstaffel der Angriffsjäger abgefeuert, einstecken mußten, während sie einen Photonentorpedo nach dem anderen auf einen Dominion-Schlachtkreuzer abfeuerten, bis dessen Schilde nahezu zerstört waren.
Die Camelot, relativ klein und sehr wendig, aber dafür recht schwer bewaffnet, stieß in die Bresche und feuerte simultan die vorderen Phaserbänke und Torpedowerfer ab. Es gelang ihr, die Schilde des mächtigen Schlachtschiffes zu durchdringen und einen beträchtlichen Scha-den bei ihm anzurichten. Als es von einer Reihe Explosionen erschüttert wurde und seine Gyroskope ausfielen, neigte es sich wie ein sinkendes Schiff im Ozean nach unten und zur Seite.
Während die Camelot abdrehte und noch eine Salve aus ihrem Heckkatapult auf den waid-wunden Gegner abschoß, wurde sie jetzt von den drei Angriffsjägern des Feindes attackiert. Diese wiederum wurden von der Farragut mit mehreren Phasertreffern geschwächt. Der letzte der drei kam in ein Kreuzfeuer von Zweien der kleinen Raider, worauf er mitten im Manöver in der Luft zerrissen wurde.
Der Kampf tobte hin und her, wobei er zunehmend unübersichtlicher wurde. Die ständigen Attacken der sich enttarnenden und gleich nach dem Feuern wieder verschwindenden Kling-onenschiffe nahmen dem Kampfschauplatz den letzten Rest der Ordnung. Merven machte seinen Job sehr gut und steuerte die Fairchild behende durch das Kampfgetümmel, während Wenjorook mit den drei Torpedokatapulten und den insgesamt noch elf großen und kleineren Phaserbänken, die über einen Großteil des Schiffes so verteilt waren, daß sie rundum in jede Richtung mit mindestens einer der Waffenphalanxen feuern konnten, so viel wie möglich aus-teilte.
Eine Dreier-Staffel von Jem’hadar-Jägern versuchte sich an ihnen und flog von schräg unten frontal auf sie an. Merven hatte die Aufzeichnungen des ersten Kampfes der U.S.S. Odyssey noch bestens im Gedächtnis; damals war einer der Jem’hadar-Jäger in einem Kamikaze-Manöver in die Deflektorschüssel des Schiffes der Galaxy-Klasse hineingeflogen, worauf dieses explodiert war und Hunderte von Menschen in den Tod gerissen hatte. Er senkte sofort den Bug, um die UTS zwischen ihren Hauptdeflektor und die Angreifer zu bringen. Wen-jorook feuerte bereits eine Salve der unteren Phaserbank auf das Führungsschiff, noch bevor dieses aus deren Erfassungsbereich war. Aus dem unteren vorderen Torpedolauncher folgte eine Sechsersalve, die das vorderste Schiff dann endgültig zerstörte und die Schilde der anderen beiden so stark dezimierte, daß sie zum Abdrehen gezwungen waren. Während sie sich teilten und links und rechts vom Rumpf über sie hinwegflogen, beharkte der taktische Offizier der Fairchild sie mit den diversen Phaserbänken, die entlang der gesamten UTS bis weit nach hinten über den Primärrumpf verteilt waren und keinen toten Winkel boten.
Da Andorianer beidhändig veranlagt sind, bereitete es Wenjorook keine Probleme, beide der käferförmigen kleinen Angriffsjäger gleichzeitig zu beschießen. Der rechte hatte sie gerade passiert, als dessen Schilde den riesigen Energiemengen des Beschusses nachgaben und der Rumpf vom orangegelben Strahl zerrissen wurde. Der verbliebene Jäger drehte weiter ab, nur um in einen vom Hecklauncher abgefeuerten Quantentorpedo hineinzurasen und in einem grellen Feuerball zu explodieren.
Bald schon begann sich eine Tendenz abzuzeichnen: da ein nicht unbedeutender Teil der gegnerischen Streitmacht noch vor Beginn der eigentlichen Schlacht abgezogen war, um die Aldebaran mit ihrer für das Dominion vermeintlich unschätzbar wertvollen Fracht zu verfol-gen, waren sie den verbleibenden Jem’hadar zahlenmäßig weit überlegen. Diesen Vorteil machten sie sich zunutze, um den technologischen Vorsprung des Feindes zu kompensieren. Unter schweren Verlusten gelang es ihnen, die Jem’hadar zu neutralisieren. Ein Teil von ihnen, unter anderem auch die Fairchild, verfolgte den einzelnen Schlachtkreuzer und die sieben Angriffsjäger, die sämtlich schwer beschädigt in Richtung der cardassianischen Grenze flohen. Sie holten sie vorher ein und machten ihnen den Garaus. Damit waren alle feindlichen Schiffe zwischen ihnen und dem Tiragoni-System zerstört und dieses gesichert.
Aber zu welchem Preis? Sie hatten die Endeavor, die Yamaguchi, Crockett, Livingston und acht der elf Raider verloren. Lennard konnte nur hoffen, daß die dreistellige Liste der Todes-opfer nicht vierstellig wurde. Sie würden zuerst einmal alle bergen müssen, die mit Notfall-transportern und Rettungskapseln auf die Planetenoberfläche geflohen waren, bevor sie die traurige Bilanz dieses Kampfes würden ziehen können.
Blieben noch die Jem’hadar, die die Aldebaran verfolgten. Wie mochte es wohl Kall und ihrer Besatzung ergangen sein? Hätte sie nicht einen ansehnlichen Teil der Dominion-Kräfte vom Kampf abgezogen und auf sich selbst gelenkt, wäre das hier mit Sicherheit anders ausgegangen. Lennard konnte nur hoffen, daß Kall wirklich wußte, was sie tat.
Er jedenfalls würde jetzt erst einmal einem stinksauren Jellico Rede und Antwort stehen müssen.



Der schlanke Rumpf der Aldebaran durchschnitt das All mit ihrer offiziellen Höchstge-schwindigkeit von Warp 9,6. Mehr war nicht mehr möglich, seit die neue Verterium-Korte-nid-Legierung der Warpspulen sich als auf Dauer nicht beständig erwiesen hatte und die Spulen wieder gegen herkömmliche hatten ersetzt werden müssen. Es war jedenfalls genug, um die großen Schlachtkreuzer des Dominion auf Distanz zu halten, auch wenn die kleineren Angriffs- und Patrouillenschiffe ihnen dicht auf den Fersen waren und sogar leicht aufholten.
Der Conn rief: „Captain, wir fliegen in die DeMilitarisierte Zone zum Romulanischen Imperi-um ein. Befehle?“
„Kurs halten und auf Warp Neun heruntergehen.“
Erschrocken stammelte die junge Erdenfrau an den Navigationskontrollen: „Sir, dann... werden sie uns... einholen und das Feuer eröffnen.“
„Ihre Annahme ist korrekt, Lieutenant. Führen Sie jetzt den Befehl aus. Combat, verstärken Sie die Achterschilde ein wenig.“ Allen auf der Brücke stockte der Atem, doch dann faßte sich jemand ein Herz.
„Kann ich auch ein paar Quantentorpedos auf sie abfeuern, Mrs. Kall?“ Noch immer vermied Kazuki, der japanische Sicherheitsoffizier ihres Schiffes, sie mit ‘Sir’ oder gar ‘Captain’ an-zureden, nur weil sie derzeit das Kommando innehatte. Sie wußte das natürlich, unternahm jedoch nichts gegen die Marotte des etwa vierzigjährigen Haudegens aus vergangenen Ster-nenflotten-Tagen, der immer bereit zu einem kleinen - und seit Ausbruch des Krieges zwangs-läufig auch größeren - Gefecht war. Zu lange hatten sie zusammen gedient und zu viele ge-meinsame Gefahren gemeistert, als daß sie wegen so etwas intervenieren würde. Himmel, seit sie im aktiven Dienst war, hatte er immer an den taktischen Kontrollen des Schiffes, auf dem sie stationiert war, gestanden, so als gehöre er zum Inventar. Sie konnte es sich schon gar nicht mehr anders vorstellen.
„Feuer frei nach Belieben, Onue.“ Sie befahl Sicht nach hinten und sah dann gebannt zum Hauptbildschirm, wo in einer eindrücklichen Perspektive zwischen den Warppylonen hin-durch einige kleine, helle Punkte zu erkennen waren.
„Maximale Vergrößerung.“ Sofort wuchsen die Punkte und ließen die gedrungene aggressive Front dreier der Angriffsjäger erkennen. Ihre Primärwaffe war ein Energiestrahl, der - wie auch Phaser oder Disruptoren - nicht effektiv bei Überlichtgeschwindigkeit eingesetzt wer-den konnte. Aber auch Torpedos konnten bei so hohen Warpfaktoren nur schwer oder gar nicht nach vorne abgefeuert werden.
Anders sah es mit dem Starten von Marschflugkörper nach hinten als Defensivwaffe aus. Das bereitete Kazuki keinerlei Probleme, dafür aber ein gewisses Maß an Vergnügen. Er startete vier der Quantentorpedos, die sich als bläulichweiß schillernde Lichtkugeln manifestierten, indem sie auf die Schilde der Jäger zurasten und auf ihnen in einer ungeheuren Materie-Antimaterie-Reaktion detonierten, die die alten Photonentorpedos um eine Größenordnung übertraf. Auf zwei der Jäger traf je ein Torpedo, auf das dritte die anderen beiden abgefeuer-ten beinahe gleichzeitig, was dieser nicht an einem Stück überstand. Einer seiner Warppylone brach ab und wurde nach hinten gerissen, worauf sich der gesamte Jäger überschlug und auseinandergerissen wurde.
„Nicht gleich übertreiben,“ mahnte die Betazoide, „wir wollen unseren Verfolgern doch keinen Schrecken einjagen und sie vergraulen.“
Kazuki lehnte sich zurück und raunte dem Bereitschaftsoffizier für die taktische Station zu: „Das Erschreckende ist, daß ich noch immer nicht genau weiß, wann sie solche Dinge ernst meint und wann nicht.“
Sie waren jetzt auf Warp Neun hinabgegangen und sahen zu, wie die Verfolger langsam aufholten und sich umpositionierten. Vor sich hatten sie nur leeren Raum.
„Wie lange und wie tief führt unser Kurs in die DMZ?“ wollte Kall wissen und studierte mit gerunzelter Stirn ihre Armlehnendisplays.
„Etwa drei Lichtjahre lang und bis zu einem Dreiviertel-Lichtjahr tief an einer Stelle. Danach macht der Grenzverlauf einen Knick, so daß wir relativ schnell wieder in Föderationsraum sein werden und in beinahe rechtem Winkel hineinstoßen werden,“ berichtete die Conn.
„Ein gut gewählter Kurs, aber auch ein risikoreicher. Was sagen die Fernsensoren?“
„Keine Schiffe außer uns und unserem Anhang. Vor uns gibt es einen kleineren Asteroiden und eine Reihe von Subraum-Anomalien, die sich von uns fortbewegen, aber langsam von uns eingeholt werden. Ferner einige kleinere...“
„Moment,“ fuhr Kall dazwischen, „was war das mit den Anomalien? Können Sie diese Phänomene lokalisieren?“
„Nein, Sir, sie sind nicht genau bestimmbar. Aber offenbar nähern wir uns ihnen, allerdings nicht sehr schnell.“
„Und das, obwohl wir mit Warp Neun fliegen? Das hört sich ja fast so an, als ob sich die Sub-raum-Anomalien ebenfalls mit Warp bewegen würden. Kann mir jemand eine Erklärung dafür liefern?“ fragte sie nachdenklich. Im Hintergrund klang erneut das akustische Signal für abgefeuerte Torpedos - Kazuki beschäftigte die Jem’hadar auch weiterhin.
Die Wissenschaftsoffizierin gab zu bedenken: „Es gibt durchaus auch Subraum-Phänomene, die sich mit Warp bewegen, zum Beispiel das Ende eines instabilen Wurmloches, das unkon-trolliert durch den Raum springt. Allerdings ist dieser Sektor als sehr stabil in den Karten ver-zeichnet.“
„Gehen Sie unter Warp. Kurs halten mit vollem Impuls,“ wies Kall darauf den Navigator an.
„Sir, wenn wir das tun, werden...“
„Der Captain hat Ihnen einen Befehl gegeben. Was genau haben Sie dabei nicht verstanden, Lieutenant?“ schnauzte Kazuki unverhofft von seiner Station und stärkte damit Kalls Position.
Überrascht sah sie über die Schulter; er hatte sie diesmal sogar ‘Captain’ genannt, wenn sicher nicht leichten Herzens, sondern nur, um ihre Autorität zu betonen und außer Frage zu stellen.
Die Streifen im All vor ihnen wurden wieder zu Sternen, als ihr Warpfeld kollabierte und sie in den Einsteinschen Normalraum entließ. Nur Augenblicke später waren die Jem’hadar heran und begannen, sie zu beschießen. Natürlich wollten sie die Aldebaran nicht zerstören, sondern nur kampfunfähig schießen, um sie dann zu entern und die so unermeßlich wertvol-len letzten Exemplare der Pflanzen, die den White-Wirkstoff in sich produzieren, in ihren Be-sitz bringen.
Durch den Schutz ihrer verstärkten metaphasischen Schilde konnten sie nun deutlich die Wirkung der relativ neuen Quantentorpedos auf ihre Gegner sehen. Direkt vor ihnen wollte sich einer der großen Schlachtkreuzer aufbauen und ihnen den Weiterflug verwehren, wes-halb Kazuki ihn gleich mit dreien der hochbrisanten Marschflugkörpern eindeckte. Sie prall-ten nacheinander auf seine Schilde, wobei der letzte die Abwehr durchbrach und in der Ma-schinensektion einschlug.
Während ein grellweißer Feuerball aus dem Heck des Kreuzers, dessen Ausmaße die ihres eigenen Schiffes um Einiges übertrafen, austrat, steuerten sie um ihn herum und beschleu-nigten dann wieder.
Kazuki meldete sich, während er noch mit den Heckphasern auf die nächsten Gegner hinter ihnen schoß: „Ich empfange erhöhte Neutrinowerte vor uns, aus mehreren Quellen. Schiffe enttarnen sich!“
Und wirklich verschwammen die Sterne an einigen Stellen vor ihnen. Mit einem Flimmern wie in heißer Wüstenluft erschienen eine ganze Reihe von romulanischen Warbirds der D’Deridex-Klasse vor ihnen und begannen sich sofort auf sie auszurichten.
„Sie fahren die Schilde hoch und laden ihre Waffen!“ rief der Sicherheitsoffizier.
„Hier ist das Föderationsschiff Aldebaran. Wir erbitten die Erlaubnis zum Durchflug der DMZ, um sicher zurück in unseren Raum zu kommen...“
Kall brach ab, als ein grellgrüner Disruptorstrahl auf die Frontschilde traf.
„Es ist genau, wie sie angekündigt haben,“ murmelte sie darauf, „sie eröffnen ohne Vorwar-nung das Feuer. Eines muß man den Romulanern lassen: sie halten ihr Wort... nicht!“
Vereinzeltes schwaches Lächeln bei der Brückencrew. Die Navigationsoffizierin lenkte das Schiff unter den ersten der romulanischen Kampfraumer. Dabei wurde wieder deutlich, wie groß diese Konstruktion war: allein ihre Länge betrug etwa das Doppelte der Aldebaran. Dazu kam noch ihr raubvogelartiges, gefährliches Aussehen, was einen zusätzlichen psychologisch-en Effekt ausmachte. Sogar die großen Schlachtkreuzer des Dominion waren vergleichsweise klein gegen sie, auf die Jem’hadar hatten sie aber bestimmt keine furchteinflößende Wirkung. Tja, ein gentechnisch gezüchteter Soldat ohne Furcht sollte man sein, dachte Kall ironisch.
Nun flogen sie eine Schleife um den romulanischen Verband herum und verwickelten diesen so in einen direkten Schlagabtausch mit den Jem’hadar. Dabei gaben sie nur vereinzelte schwache und harmlose Schüsse auf die Romulaner ab, griffen die Dominion-Schiffe jedoch mit unverminderter Härte an. Der angenehme Nebeneffekt war, daß sich die beiden anderen Parteien jetzt gegenseitig bekämpften.
„Wie viele Schiffe sind das eigentlich?“ fragte Kall, überrascht über die starke Präsenz der Romulaner.
Kazuki kam kaum mit Feuern nach, weshalb die Ops das übernahm: „Ich registriere fünfzehn Warbirds. Für eine Grenzpatrouille reichlich... Moment, ich habe mehrere der Kennzeichnun-gen identifiziert. Das werden Sie nicht glauben, Captain...“
„Lassen Sie’s drauf ankommen,“ sagte die Betazoide ungeduldig.
„Dieser Verband hier war bei Deep Space Nine, um uns und den Klingonen damals zu helfen, als die Station gerade nach dem Beitritt Cardassias zum Dominion scheinbar vom ersten durch das Wurmloch geschickten Jem’hadar-Verband angegriffen werden sollte und das ge-samte bajoranische System beinahe durch eine Trilithium-Bombe zerstört worden wäre. Nach diesem Vorfall haben die Romulaner wohl kalte Füße bekommen und sich dazu entschlossen, für niemanden von uns Partei zu ergreifen. Sie haben den Nichtangriffspakt mit dem Domi-nion unterzeichnet, aber der Krieg war wohl schon ausgebrochen, während diese Schiffe noch durch Föderationsraum zurückflogen. Praktischerweise können sie sich tarnen, weshalb sie sich in Zeiten wie diesen relativ unbehelligt davonstehlen können. Wenn an fast allen Fronten schwere Gefechte toben, interessiert sich niemand für ein paar armselige Warbirds, die nur nach Hause wollen.“
Kall staunte nicht schlecht. „Sie kennen sich gut aus, Fähnrich. Ich hatte mit ein paar von ihnen gerechnet, nicht jedoch mit einer kleinen Armada. Wie entwickelt sich das Gefecht zwischen den beiden Parteien, Mr. Kazuki?“
„Es scheint in etwa ausgeglichen zu sein. Wir sind offenbar das Zünglein an der Waage.“
„Dann seien Sie mal. Lassen Sie sich durch mich nicht aufhalten,“ meinte Kall und lehnte sich zurück. Die Disruptor- und Torpedoaufschläge waren nicht einmal mehr zu spüren, seit ihre TDF-Kennung vor der letzten Mission überholt und entscheidend verbessert worden war. Kazuki beschoß weiterhin die Dominion-Schiffe und half so indirekt bei deren Dezimierung mit, während keiner ihrer Gegner in der Hitze des Gefechtes bemerkte, daß ihre Schilde prob-lemlos sämtlichen Beschuß wegsteckten, ohne auch nur einen Bruchteil ihrer Integrität einzu-büßen.
Dann, als die Niederlage der Jem’hadar unaufhaltsam war, drehte die Fairchild ab und nahm Kurs zurück aufs Tiragoni-System. Drei der Warbirds und auch zwei der anderen Angriffs-jäger folgten ihnen, doch als sie auf mehr als Warp Neun beschleunigten, fielen die zwar schlank geformten, aber doppelt so massigen Warbirds aufgrund ihres unterlegenen Warppo-tentials schnell zurück. Die schon stark angegriffenen Jem’hadar-Schiffe brauchten nur jeweils einen Quantentorpedo, aus dem Hecklauncher abgeschossen, um stark beschädigt oder ganz zerstört ebenfalls auszuscheiden.
„Sehr gut, ein großes Lob an die Crew. Das hat wirklich gut geklappt,“ freute sich Kall und ließ den roten Alarm aufheben, sobald sie aus der DMZ heraus waren.



„Unsere Aufgabe hier ist demnach abgeschlossen?“ Kall stand zusammen mit Lennard und Leardini in der Beobachtungslounge der Fairchild und genoß den Ausblick auf Tiragoni V, der zwischen den Warppylonen des Schiffes zu sehen war. Im Vordergrund konnte man die elegant geschwungene Form der Aldebaran und etwas weiter entfernt den viel kleineren, gedrungenen Umriß der Camelot begutachten. Das hochmoderne Schiff der Intrepid-Klasse trieb langsam an ihrem Sichtfeld vorbei und machte dann dem älteren, kantigen Design der Gorkon Platz.
„Das System ist nach Meinung der Sternenflotte gesichert,“ bestätigte Lennard. „Während Ihres Rückfluges haben wir Kontakt mit dem Oberkommando aufgenommen. Die Kämpfe haben sich verlagert und finden nicht mehr an einer allgemeinen breiten Front entlang der ge-samten Grenze statt. Die ersten hitzigen Schlagabtausche sind nun einer überlegten Taktik gewichen, und zwar auf beiden Seiten. Es gibt weniger Schlachten als zuvor, dafür aber mit einer größeren Anzahl von Schiffen und um taktisch wertvollere Ziele.“
Interessiert wollte Kall wissen: „Und deshalb ist auch schon das gesamte klingonische und ein Großteil unseres Kontingentes abgezogen? Um die Front zu verstärken? Es muß ziemlich übel um uns stehen.“
Leardini lehnte sich mit einem Arm an einen Träger und seufzte. „Da könnten Sie gar nicht so unrecht haben, Sam. Wir können momentan noch gar nicht absehen, wie sich der Krieg ent-wickeln wird, aber eines ist sicher: wenn das Wurmloch nicht vermint wäre, wären wir sicher schon längst von den Verstärkungen aus dem Gamma-Quadranten überrannt worden. Es ge-nügt uns ja vollauf, was sie uns schon jetzt entgegenwerfen.“
„Schwere Zeiten also. Und was wird mit den Einheimischen auf dieser Welt geschehen?“ wollte die Betazoide wissen.
„Sie sollen in ihrer natürlichen Umgebung belassen werden, streng nach Oberster Direktive. Eine Kontrollstation zur Beobachtung wird wahrscheinlich im Orbit installiert werden.“ Leardini grinste auf einmal. „Sagen Sie, Sam, interessiert es Sie denn gar nicht, wer ihr Nach-folger bei uns an Bord ist? Ich dachte, das sei eigentlich üblich bei solchen Funktions-wechseln.“
Mit gespieltem Desinteresse winkte sie ab. „Ach, wahrscheinlich ist es nicht einmal ein Tele-path.“
„Nun, immerhin eine Kontakttelepathin. Sie ist zur Hälfte Vulcanierin und zur Hälfte Alpha-Centaurin. Eine durchaus interessante Mischung, das können Sie mir glauben.“ Lennard muß-te ungewollt lächeln, als er seinen Kommunikator antippte, was er sonst innerhalb eines Raumschiffes selten tat. „Lennard an Dween: haben Sie eine Minute Zeit, um in die Beobach-tungslounge zu kommen?“
„Ich bin schon unterwegs, Sir. Dween Ende.“ Die Counselor faßte sich kurz bei ihrer Ant-wort.
Lennard wechselte einen Blick mit Leardini und fragte dann beiläufig: „Was macht eigentlich David im Augenblick?“
„Oh, er hat sich mit seinem medizinischen Stab der Betreuung der vielen Verwundeten des Kampfes angeschlossen. Unsere Krankenstation ist restlos voll und der Haupthangar zum Notfall-Lazarett umgerüstet worden, wie es in solchen Fällen üblich ist.“ Kall wirkte sehr rou-tiniert, als sie ihm davon berichtete, was ihn ein wenig stolz machte, denn schließlich hatte sie einige Jahre, also einen erheblichen Teil ihrer Laufbahn unter ihm gedient.
„Wenigstens habt ihr noch einen Haupthangar. Unserer wird gerade instandgesetzt. Naja, grüß David auf jeden Fall schön von uns. Ah, da ist sie ja.“
Alle wandten sich um zu der Tür, durch welche Dween eintrat und die wenigen Stufen im Zwielicht der Lounge hinunterstieg. Dann trat sie näher heran und wurde dank der Beleuch-tung in der Tischplatte deutlicher sichtbar. Sie trat an Kall heran und reichte ihr artig die Hand. „Nett, Sie kennenzulernen, Commander. Ich habe schon das eine oder andere von Ihn-en gehört. Wie geht es Ihnen?“
„Ich... ich....akkk!“ Kall brachte keinen Ton mehr heraus, als das Maskottchen der Fairchild ihr in Fleisch und Blut gegenüberstand.
Lennard und Leardini brachen beide in schallendes Gelächter aus. „Das war einer der besten Momente seit Monaten. Sie hätten mal Ihr Gesicht sehen sollen, Sam!“
„Sirs?“ Etwas verständnislos sah Dween auf ihre Vorgesetzten.
Nach Luft schnappend erklärte Lennard: „Bitte entschuldigen Sie, daß wir Sie für diesen kleinen Scherz mißbraucht haben, Counselor. Aber ihre Vorgängerin hat uns schon so oft die verschiedensten Streiche gespielt, da mußten wir uns wenigstens ein bißchen revanchieren.“
„Ist das hier Sitte, daß man sich im Beisein von Untergebenen über alte Kameraden lustig macht?“ schnappte Kall entrüstet, mußte dann jedoch ebenfalls grinsen. „Aber in diesem Fall... ich muß sagen, Counselor, nicht übel. Ich würde liebend gerne das Gesicht unseres Chefarztes sehen, wenn er einen Blick auf Sie werfen könnte. Er war es, der Sie in diese pein-liche Lage gebracht und die Galionsfigur aufgesprüht hat. Er würde sicher hintenüberkippen vor Schreck.“
Mit säuerlicher Miene meinte Dween: „Hoffentlich hat sich das bald herumgesprochen, damit ich den Status eines ‘bunten Hundes’ ablegen kann.“
„Ach woher. Sie haben auch einmal auf einem Schiff der Galaxy-Klasse gedient? Wenn Sie wollen und ihr Captain es erlaubt, möchte ich Sie ein bißchen auf der Aldebaran herum-führen. Unser Haupthangar ist gerade zum Lazarett umgebaut worden...“ Kall nahm ihre Vor-gängerin am Arm und führte sie mit sanfter Gewalt zur nächsten Tür. Dabei blinzelte sie die anderen beiden verschwörerisch an.
Sie sahen sich einen Moment lang an, dann besannen sie sich und hasteten hinterher. „Warten Sie, Sam. Wir wollen auch gerne einen Blick auf unser gutes altes Schiffchen werfen.“
Das würde ein Spaß werden, den sie um keinen Preis versäumen wollten.



Ein paar Stunden darauf verließen auch sie das schillernde blaugrüne Juwel unter sich und nahmen Kurs auf die Raumbasis 72, wo sie einer Flotte zugeteilt und dann endgültig in den Krieg ziehen würden.
Da sie von ihrer jetzigen Position aus weit von DS9 entfernt waren, würden sie wohl kaum an dieser Front stehen. Wie alle Sternenflotten-Offiziere würden sie viele gute Freunde und Be-kannte verlieren und ein kleines Stückchen ihrer Menschlichkeit würde mit ihnen vergehen. Sie würden alle von den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die das Schicksal für sie be-reithalten würde, etwas abgestumpft werden, was in den meisten Fällen als seelischer Schutz-schild unverzichtbar war.
Zunächst wurden sie der siebten Flotte zugeteilt und näher zur Grenze hin verlegt. Es würde allerdings noch Wochen dauern, bis sie dort ankommen würden. Diese Zeit blieb ihnen noch als Galgenfrist, um das Schiff und sich selbst auf das Unvermeidbare vorzubereiten.
Es war zwar Krieg, aber das Leben selbst ging weiter.




- ENDE -

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