Mittwoch, 13. Juni 2007
ST5 - Das Opfer von Ribaalc
cymep, 21:37h
Das Finale der StarTrek Fanfiction von Andilone !
Hier ist das gesamte Buch der fünften und damit letzten Episode der StarTrek Quintologie: 'StarTrek 5 - Das Opfer von Ribaalc' zum Download
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(Unbedingt aber zuerst die Bücher 1-4 lesen )
Viel Spaß !
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Star Trek - U.S.S. Fairchild (NCC - 71912)
Das Opfer von Ribaalc
- 1 -
Sternzeit unbekannt, Frühsommer 2374
Es war merkwürdig ruhig in der Beobachtungslounge der U.S.S. Fairchild. Der beeindrucken-de Ausblick auf die heckwärtige Sektion der Primärhülle, die Maschinenhülle und die Warp-pylonen konnte damit nichts zu tun haben, denn diesen waren die drei Offiziere im Raum be-reits gewohnt. Es war vielmehr die Lage, in der sie sich befanden, die ihnen die Lust zu jeg-licher seichter Konversation nahm. Ganz zu schweigen von dem, was sie hatten durchmach-en müssen, um bis hierher zu gelangen.
Deshalb fragte Commander Vakuf, zur Zeit kommandierende Offizierin des Schiffes, nur kurz angebunden: „Wie lange noch?“
„Mindestens zwei Wochen, hat man mir gesagt,“ erwiderte Wuran Cluj mit unbewegter Mie-ne und strich sich eine Strähne ihres inzwischen langen, dunkelbraunen Haares aus dem Ge-sicht. Sie versuchte krampfhaft, sich nichts anmerken zu lassen, doch der dritte Anwesende wusste genau, was jetzt in der bajoranischen Wissenschafts- und kommissarischen Ersten Of-fizierin vorgehen musste. Ihm ging es nicht anders.
„Was sollen wir bloss dem Captain sagen? Er wird bestimmt bald ankommen. Durch unseren Aufenthalt hier wird sich die Anreise von ihm und Commander Leardini verkürzen.“ Lieute-nant Commander Merven, vereinigter Trill, zweiter Wirt des Symbionten Soares und ausser-dem Steuermann sowie zur Zeit Zweiter Offizier der Fairchild, senkte beschämt seinen Blick und dann sein kurzgeschorenes Haupt.
Vakuf sah mit ihren ebenso dunklen Augen auf den etwas kleineren Navigationsoffizier herab und erwiderte nüchtern: „Ich kann Ihnen sagen, was ich dem Captain berichten werde: genau das, was sich zugetragen hat, ohne etwas zu beschönigen oder zu verschweigen. Das wäre hochgradig unlogisch und emotionell. Des weiteren würde ich mir überlegen, mit welchem Nachnamen ich die Commander künftig anreden würde; Sie könnten da leicht einen Fauxpas begehen.“
Wuran warf ein: „Danke für die Warnung. Sie übersehen allerdings, dass Captain Lennard aber nun einmal über Emotionen verfügt und dass ihm die Fairchild sehr ans Herz gewachsen ist. Ich möchte deshalb vorschlagen, dass Sie das uns erledigen lassen; wir werden das ein wenig schonender über die Bühne bringen.“
Das Interkom meldete sich: „Brücke an Captain Vakuf, Captain Lennard ist gerade im Trans-porterraum Vier angekommen und unterwegs zur Beobachtungslounge. Brücke Ende.“
Während Wuran und Merven zusammenzuckten und die Augen aufrissen, blieb Vakuf - log-ischerweise - völlig ungerührt: „Nun, da Sie sich so dafür eingesetzt haben, dem Captain alles zu erklären, werde ich Ihnen diese zweifelhafte Ehre überlassen. Sie haben hiermit volle Handlungsfreiheit.“
Wie vom Donner gerührt starrten sich ihre beiden Untergebenen an.
Vakuf verliess die Lounge und begab sich auf die Brücke. Nur Sekunden danach öffnete sich der andere Zugang zum Konferenzraum, worauf die zurückgebliebenen Offiziere herum-fuhren.
„Ich habe gehört, hier wird dringend eine Counselor benötigt?“
„Shania!“ Erleichtert atmete Merven auf und nahm die hochgewachsene Halbvulcanierin in die Arme. „Wir dachten schon, das wäre Captain Lennard. Vakuf hat uns dazu verdonnert, ihm Rede und Antwort zu stehen.“
„Ach ja? Sie sagte mir, dass ihr beide euch freiwillig dafür gemeldet habt.“ Als sie bemerkte, wie Wuran verlegen wegsah, löste sie die Umarmung mit sanfter Gewalt und einem kaum merklichen Nicken in die Richtung ihrer Kollegin, damit er ihre Geste nicht falsch verstand.
Er grinste leicht verschämt. „Naja, im Grunde haben wir das auch, aber da wussten wir nicht, dass er schon auf dem Schiff ist. Es trifft uns sozusagen völlig unvorbereitet.“
Sie seufzte. „Aha. Wenn es euch hilft, dann werde ich euch nicht von der Seite weichen, bis ihr es überstanden habt.“
„Wir wissen Ihre Unterstützung zu schätzen, Mrs. Dween.“ Offenbar war auch Wuran froh um die Hilfe, die sie erhielten.
Dann öffnete sich die Tür erneut und ihr Kommandant trat ein. Alle drei standen stramm, entspannten sich jedoch gleich wieder auf einen Wink des Captains hin. „Tun Sie mir das nicht an nach so langer Zeit im Urlaub! Ich muss mich langsam wieder an die Sternenflotte gewöhnen.“
„Guten Tag, Sir. Wie war Ihr Flug?“ begann Wuran freundlich, erleichtert über die Tatsache, dass ihr Captain ziemlich gute Laune zu haben schien.
„Ich kann die Neireide wärmstens empfehlen. Ein wirklich luxuriöses Schiff für einen schwe-ren Truppentransporter; nur für eine Flitterwochen-Kreuzfahrt nicht so ganz geeignet.“
Nachdem alle gelacht hatten, fiel Merven ein: „Natürlich, man kann Ihnen ja gratulieren. Wo ist denn die glückliche Braut abgeblieben?“
„Oh, Stefania war sehr müde und ist direkt vom Transporter in unser Quartier gefahren. Sie wissen ja, wie das in dieser Phase ist. Aber ansonsten geht es ihr eigentlich ganz gut.“ Len-nard drückte sich noch immer etwas unbeholfen aus, wenn er über persönliche Belange sprach.
Dween spielte versonnen mit ihrem langen roten Haar und warf Merven einen seltsamen Blick zu, indem sie den Captain fragte „Kann man denn schon etwas sehen?“
„Oh ja, sie hat schon ein richtiges kleines Bäuchlein.“ Lennard sah nun auf und wollte von Wuran wissen: „Und wie geht es meinem anderen Baby, der Fairchild?“
Merven und Wuran tauschten einen unbeholfenen Blick aus, bevor Letztere zögerlich begann: „Nun, Sie wissen ja, wo wir uns befinden...“
„Ja, ich habe den Willkommensspruch der Antares-Werft live auf der Brücke der Neireide miterleben können, bevor ich hierher gebeamt wurde. Und ich möchte auch gleich alles er-fahren, was es damit auf sich hat. Was inzwischen geschehen ist, wie es um das Schiff steht, wie unsere nächsten Befehle lauten und so weiter... einfach alles.“ Lennard war nun vor lauter Enthusiasmus kaum noch zu bremsen.
Dween bremste ihn vorsichtig ein: „Sachte, sachte, Captain, wir wollen schliesslich nichts überstürzen. Ich schlage eine visuelle Inspektion der Fairchild vor, während wir Sie ganz be-hutsam in die Realität des Dienstlebens zurückführen, einverstanden?“
„Wie immer sind Sie mir eine gute Beraterin, Mrs. Dween. Dann also auf zum Haupthangar. Von hier aus sieht eigentlich alles ganz nach normalen Wartungsarbeiten aus. Werden die Warpspulen durchgecheckt?“ Neugierig spähte Lennard zu den Panoramafenstern hinaus, um besser sehen zu können, welche Arbeiten am Hauptantrieb seines Schiffes durchgeführt wur-den.
„Unter anderem auch das, ja,“ erwiderte Dween ausweichend. „Aber am besten sehen wir uns alles direkt an.“
„Das wird wahrscheinlich das Beste sein,“ murmelte Merven beim Verlassen der Lounge und handelte sich damit einen bösen Seitenblick von Dween ein.
Auf der Brücke sah sich Lennard auf dem Weg zum nächsten Turbolift um und wollte wissen: „Wo ist eigentlich Commander Vakuf?“
Der Diensthabende antwortete: „Lieutenant Nirm hat sie für eine Bestandsaufnahme und Ent-scheidung der Reparaturprioritäten gerade eben in den Maschinenraum gerufen.“
„Prioritäten? Das klingt ja gerade so, als müsste eine ganze Menge repariert werden,“ liess sich Lennard vernehmen.
„Ja, es gibt...“ begann der Deckoffizier und brach dann abrupt ab, als er die heftigen Gesten und das kollektive Kopfschütteln von Dween, Wuran und Merven hinter dem Rücken ihres Kommandanten bemerkte. „...es gibt eigentlich immer viel zu tun bei so einen Dockaufent-halt, nicht wahr, Sir?“
„Ja, mag schon sein,“ entgegnete Lennard mit zusammengekniffenen Augen und einem miss-trauischen Unterton, der Merven gar nicht gefiel. Ahnte er etwas?
Sie nahmen den Turbolift zum Haupthangar. Dween versuchte wieder, ein wenig über Len-nards Urlaub zu erfahren. „Haben Sie Ihren Aufenthalt auf der Erde genossen, Sir?“
„Oh ja, nur war anfangs alles sehr hektisch, die Hochzeitsvorbereitungen, der Verwandt-schaftszwist, wo denn die Hochzeit nun stattfinden möge... ich sage Ihnen, lieber trete ich allein gegen eine Horde Jem’hadar an, nur mit einem Knüppel bewaffnet, als noch einmal so eine Strapaze durchzumachen. Wir konnten uns alle nach nicht enden wollenden Debatten auf Italien als Hochzeitsort einigen. Die Trauung im Dom von Mailand war wirklich sehr schön, aber das beste war doch die Reise nach den Feierlichkeiten. Da ich beim Trauort zurück-stecken musste, hatte ich fairerweise etwas mehr Spielraum bei den Flitterwochen.“
„Hört sich gut an,“ kommentierte Merven.
Sein Kommandant nickte. „Der italienische Teil der Reise beschränkte sich auf zwei Über-nachtungen in Venedig, einen Besuch in Florenz und einen in Rom. Dann nochmals einen Tag bei der lieben Schwiegerverwandtschaft, bevor es nach Neuseeland ging. Ich denke, es waren die schönsten zehn Tage meines Lebens.“
Sie kamen zur Flugkontrolle der Hauptshuttlerampe, als Wuran etwas zögerlich fragte: „Und wie ist das Oberkommando bezüglich Commander Le... Stefanias Dienststatus verblieben?“
Lennard lächelte schelmisch: „Aha, da macht sich schon jemand Gedanken darüber, wie meine holde Gattin künftig anzusprechen sein wird. Ich denke, das muss sie selbst entschei-den, wir leben ja schliesslich nicht im Mittelalter.“
„Verzeihung, Sir?“ fragte Dween ratlos.
Sie bestiegen nach der Anmeldung in der Flugkontrolle eine kleine Fähre vom Typ 6. Len-nard erklärte: „Das ist nur eine europäische Redensart, die ich im Urlaub aufgeschnappt habe. Ich meine damit lediglich, dass es auf Terra das Recht der Frau sein sollte und auch ist, ihren Nachnamen nach der Vermählung selbst zu bestimmen. Es ist zur Zeit bei uns recht selten, dass sie den Namen des Mannes annimmt... und ein Doppelname klingt in ihrem Fall nicht unbedingt sehr gut.“
Wuran steuerte sie gleich nach der Startfreigabe aus den ohnehin weit geöffneten Toren der Shuttlerampe hinaus. „Leardini-Lennard... warum nicht?“
„Wie gesagt, das soll sie selbst entscheiden und sie allein wird es auch tun,“ beendete er das Thema ein wenig zu heftig für Dweens Geschmack. Wahrscheinlich hatten sie schon darüber debattiert, wobei in diesem Fall das Ergebnis nicht so ausgefallen sein mochte, wie er es gern gehabt hätte.
„Und wird die Commander denn im Dienst bleiben?“ erinnerte Merven vorsichtig.
„Ach ja, ich bin Ihnen noch eine Antwort schuldig. Vorerst wird sie normal ihren Dienst ver-richten, solange ihr gesundheitlicher Zustand es erlaubt, jedoch ohne die Teilnahme von Aus-senmissionen oder direkten Kampfeinsätzen. Wie sonst auch üblich, liegt alles im Ermessen der Bordärztin.“
Langsam glitten sie über das ‘Rückgrat’ der Maschinenhülle entlang nach hinten. Lennard spähte durch die Frontscheibe hinaus. „Was ist denn das dort hinten vor dem Heckhangar? Sieht ja gar nicht gut aus.“
„Das war auch eine üble Sache,“ bestätigte Dween und rang verzweifelt nach Worten. „Wir hatten einen Hüllenbruch direkt im sekundären Hangar, wodurch dieser in der letzten Woche nicht zu gebrauchen war. Sie haben sicher mitbekommen, wie es uns während Ihrer Abwesen-heit ergangen ist?“
„Um ehrlich zu sein, ich habe erst durch die Nachrichten auf der Erde von der Befreiung Deep Space Nines erfahren. Wie sie sich vielleicht noch erinnern, hatte ich gewisse Dinge wie Heiraten und Flitterwochen zu erledigen. Wir hatten gerade eben darüber geplaudert, glaube ich mich zu erinnern.“
„Oh ja, sicher, da denkt man gewiss an andere Dinge. Aber auf dem Rückflug hierher viel-leicht...?“ hakte Merven unsicher nach.
„Ich bin ganz und gar unbedarft. Klären Sie mich auf,“ verlangte Lennard mit einem nicht ganz ehrlichen Lächeln auf den Lippen.
Wuran steuerte um das Heck der Fairchild herum und hielt auf einen der Warppylonen zu. Der Träger wies einige dunkle Flecken auf, wo Energieentladungen durch die Schilde gedrun-gen waren. Lennard kannte diese Form von Beschädigungen - sie rührten von Polaronstrahlen her, der bevorzugten Energierichtwaffe des Dominion. Lennard bemerkte leise: „Das sieht aber ziemlich hässlich aus.“
„Für die Schönheitsfehler hatten wir bisher noch keine Zeit,“ rutschte es Merven heraus, worauf Lennards Kopf herumflog.
„Wie bitte?“
Alarmiert sahen Dween und Wuran ihn an, während er sich auf die Lippen biss und sich wün-schte, er könnte sich augenblicklich wegbeamen.
„Warum machen Sie alle so ein Gesicht?“ Lennard sah die betretenen Mienen seiner Crew-mitglieder und schloss daraus nichts Gutes.
„Jetzt kommt der Teil, der Ihnen nicht gefallen wird. Bitte tragen Sie es mit Fassung,“ bat Dween. „Wir alle wissen, wie Ihnen das Schiff am Herzen liegt, deshalb wollten wir es Ihnen schonend beibringen.“
Wuran erzählte nun langsam und überlegt: „Es begann mit der Aufbietung von insgesamt drei Flotten zur Raumstation 375, von wo aus die Befreiungsoperation von DS9 starten sollte. Die Zweite Flotte wurde vom Cotanka-System abgezogen, die Fünfte von der vulcanischen Grenze. Die Neunte Flotte war von der Wega aus unterwegs, wie sich aber herausstellte, war die Deaktivierung des Minenfeldes vor dem Bajoranischen Wurmloch bereits im Gange, so dass der Angriff vorgezogen werden musste. Für uns hiess das, wir mussten ohne die Neunte und auch ohne Klingonen den Angriff starten, um die Deaktivierung des Minenfeldes recht-zeitig zu verhindern.“
„Und ihr seid bei der 5. Flotte gewesen, als es soweit war! Ich kann es kaum glauben, dass unser Schiff einmal bei einem wirklich entscheidenden Ereignis dabei war und die Enterprise nicht. Ich kann mir gut Picards Gesicht vorstellen, als er erfahren musste, dass er zu weit ab-seits vom Geschehen war, um noch etwas bewirken zu können.“ Lennard konnte nicht umhin, schadenfroh zu grinsen.
Merven schwächte ab: „Wie man es nimmt. Wir sind mit etwa sechshundert Schiffen gegen über zwölfhundert des Dominion angetreten. Die Aldebaran war in vorderster Linie als eine der Galaxy-Staffeln dabei, die schliesslich nach einigem taktischen Vorgeplänkel frontal in die Schlacht geworfen wurden. Wir wurden eigentlich als eine der Reserve-Staffeln zurück-gehalten, aber bei einem Verhältnis von eins zu zwei gegen uns können Sie sich denken, dass keines unserer Schiffe ohne Feindkontakt geblieben ist.
Es war ein Gemetzel. Wenn die Klingonen nicht in allerletzter Minute überraschend aufge-taucht wären und uns geholfen hätten, ein Loch in ihre Linien zu schiessen, hätte es für uns schlecht ausgesehen. Selbst mit ihrer Hilfe hat nur das Führungsschiff es geschafft, durchzu-brechen, während alle anderen vom Feind gebunden wurden. Die Defiant ist tatsächlich im Alleingang in das Wurmloch hineingeflogen, um sich der feindlichen Flotte zu stellen, nach-dem es den Besatzern von Terok Nor gelungen war, das Minenfeld zu beseitigen. Was genau im Inneren des Wurmloches geschah, wissen wir nicht mit Sicherheit, aber jedenfalls ist ein Verband von mehreren tausend Jem’hadar-Schiffen im Gamma-Quadranten hineingeflogen, aber niemals auf unserer Seite wieder herausgekommen ist. Captain Sisko behauptet, die Wurmloch-Wesen hätten das bewirkt, wofür wir aber keinen schlüssigen Beweis haben.
Fakt ist allerdings, dass das Dominion Deep Space Nine aufgeben musste, als wir mit etwa zweihundert Schiffen durch die feindlichen Linien brachen und zudem die Waffensysteme der Station von einer dort gebildeten Widerstandszelle sabotiert wurden. Sie haben sich in ihr eig-enes Gebiet zurückgezogen und seitdem keine Anstalten mehr gemacht, noch einmal Nach-schub durch das Wurmloch zu holen oder die Station wieder zurückzuerobern. DS9 ist zum neuen Hauptquartier der Flottenverbände in diesem Quadranten ernannt worden und mittler-weile stark genug befestigt, um auch grösseren Angriffen standzuhalten.“
„Nun gut, jetzt weiss ich darüber Bescheid. Und warum verhalten Sie sich so zwanghaft freundlich?“ Er sah der Counselor direkt in ihre tiefgrünen Augen.
„Jetzt kommt der Teil, der Ihnen nicht gefallen wird. Bitte tragen Sie es mit Fassung,“ bat Dween. „Wir alle wissen, wie Ihnen das Schiff am Herzen liegt, deshalb wollten wir es Ihnen schonend beibringen. Ich meine, es ist Krieg und...“
„Bitte kommen Sie auf den Punkt, Counselor...“ Lennard verstummte und sah hinaus, als sein Blick von etwas angezogen wurde, was dort nicht sein sollte. Sie waren um das hintere Ende einer Warpgondel geflogen und hatten danach etwas an Höhe verloren. Jetzt passierten sie gerade die gewölbte Unterseite der Maschinenhülle.
Eine tiefe Schramme, mindestens zwei Meter breit und über fünfzig Meter lang, mit ge-schwärzten, ausgefransten Rändern, zog sich von vorne nach hinten über die rechte Seite des Schiffbauches und gab den Blick frei auf die Innereien der Maschinensektion.
„Oh mein Gott,“ flüsterte Lennard atemlos.
„Das Dominion hat seine Kampftaktiken leider nicht geändert. Und Kamikazeaktionen wie Kollisionskurse gehören wie eh und je dazu. Von der Konzentration ihres Feuers auf grosse Feindschiffe ganz zu schweigen.“ Wuran schüttelte bedauernd den Kopf. Sie musste geahnt haben, wie er es aufnehmen würde.
Während sie an der Backbordseite wieder nach oben drifteten und sich der linken Impuls-antriebseinheit näherten, stützte er sich mit krampfhaft gestreckten Armen vorne auf die Kon-sole des Shuttles. „Sie haben es nicht leicht gehabt, nehme ich an?“
„Es war furchtbar,“ gab Merven zu. „Wir sollten uns mit der gesamten Führungscrew darüber unterhalten, sobald die Commander und Sie den Dienst wieder aufgenommen haben.“
„Das sollten wir in der Tat. Ich möchte genau wissen, was...“ Lennard brach seine Tirade ab, als sie über den Impulsantrieb hinweg über die linke Seite der Untertassensektion (UTS) glit-ten.
Ein Teil des Primärrumpfes fehlte.
Es war ein riesiges, gezacktes Loch, das über mehrere Sektionen entlang der linken Flanke aufgerissen worden war. Man konnte über eine Höhe von drei Decks in das offene Schiff hin-einsehen. Lennards Magen krampfte sich zusammen bei dem Anblick von Quartieren, einem Frachtraum, Jeffriesröhren und einem Längsgang, die alle zum Weltraum hin offenstanden. Nur der Hauptträger des Untertassenrandes hing noch weitgehend intakt in dem gewaltigen, durchgehenden Hüllenbruch an Ort und Stelle.
Fassungslos flüsterte Lennard: „Das ist... oh mein Gott... war jemand dort...?“
Als seine Stimme versagte, legte Dween ihre Hand beruhigend auf seine Schulter und antwor-tete leise: „Siebzehn Crewmitglieder. Es war ein glatter Durchschuss, sie haben nicht gelitten. Wir hatten es mit zwei Jem’hadar-Schlachtkreuzern gleichzeitig aufgenommen. Das war zwar heldenhaft, aber auch dumm. Nur hatten wir leider in dem Moment keine andere Wahl ge-habt. Bei dem Rammmanöver des Angriffsschiffes gegen die Seite der Maschinenhülle allerdings sind eine primäre und zwei sekundäre Plasmaleitungen geborsten, dabei haben wir mehr Leute in der Maschinenhülle verloren als bei diesem Treffer hier oben.“
„Wie viele?“ wollte er mit versteinerter Miene wissen.
Sie stöhnte leise auf beim Gedanken daran, sammelte sich dann und sagte: „Siebenundvierzig insgesamt. Wie gesagt, es war eine grausame Schlacht, in der wir noch glimpflich davonge-kommen sind. Die Fronteinheiten der ersten Wellen haben noch viel höhere Verluste erlitten. Der Kampfverband der Aldebaran wurde beim Angriff völlig aufgerieben, die Zahl der Opfer ist vierstellig. Während ihr Schiff natürlich wie immer keinen einzigen Kratzer abbekommen hat. Commander Kall und ich haben lange darüber geredet; ich glaube, sie wird noch eine Weile brauchen, um diese Sache völlig zu verarbeiten. Sie hat die Reste unserer Kampf-gruppe übernommen und patroulliert entlang der Grenze. Das Dominion verhält sich aller-dings recht still seit seiner Niederlage, was darauf schliessen lässt, dass sie sich erst restruk-turieren müssen, bevor sie wieder offensiv gegen uns vorgehen werden. Das ist eine reine Frage der Zeit.“
Lennard sah einen Stapel Notbeplankungen, der neben ihrem Schiff gelagert wurde. „Wie lange werden wir denn in der Werft liegen?“
„Etwas über zwei Wochen, wenn man den Angaben der Ingenieure glauben kann. Der struk-turelle Trägerrahmen im Inneren der UTS wird wieder hergestellt und die Hüllenintegrität sowie das Schilderzeugungsgitter nebst SIF provisorisch installiert, der Innenraum des getroffenen Bereiches wird jedoch nicht nutzbar sein, bis wir einen längeren Werftaufenthalt einlegen können. Es sind einfach zu viele Schiffe zu schwer beschädigt, als dass mehr als nur das Notwendigste instandgesetzt werden könnte, um uns wieder kampftauglich zu machen.“ Wuran zuckte bedauernd mit den Schultern und beendete ihren Rundflug.
„Besser als nichts,“ meinte Lennard pragmatisch. „Wenn man bedenkt, dass manche frisch erbaute Galaxy-Klassen zu zwei Dritteln im Innenraum leer sind und nur auf die Schnelle mit dem Nötigsten ausgerüstet wurden, um rasch in den Kampf geworfen werden zu können...“
„Wir haben bei der Schlacht einige von der Zweiten Flotte gesehen, die nicht einmal eine of-fizielle Registrierung oder einen Namen auf der Hülle hatten,“ bestätigte Merven. „Die Geist-erschiffe, wie sie von manchen Steuermännern theatralisch genannt werden.“
„Waren Sie eigentlich auf der Station, nachdem sie zurückerobert wurde?“ fragte ihr Kapitän abwesend.
„Nein, wir sind direkt nach der Schlacht zur Werft abkommandiert worden, nachdem sich das Oberkommando einen ersten Überblick über Verluste und Schadensberichte verschafft hatte. Die Aldebaran allerdings war bei den Schiffen, die durch die feindlichen Linien gebrochen waren. Commander Kall war dabei, als General Martok ein Fass Blutwein auf DS9 spendiert hat. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Ich meine, dieser Sieg war enorm wichtig für die Moral der Flotte.“
„Das stimmt allerdings,“ pflichtete Lennard bei. „Also gut, lassen Sie uns nach vorne blicken, anstatt die Opfer zu betrauern und uns in Selbstmitleid zu verlieren. Es klingt zwar grausam, aber ich denke nicht, dass unsere Kameraden das gewollt hätten.“
Es klang wirklich grausam, doch sie alle befanden sich bereits in einem emotionellen Stadi-um, in dem niemandem mehr einfallen würde, angesichts eines solchen Kommentars zu pro-testieren. Merven indes fragte sich im Stillen, wie ihr Erster Offizier Stefania Leardini reagieren würde, wenn sie das Ausmass der Beschädigungen erfahren würde. Sie war im allgemeinen ein recht impulsiver Mensch und konnte manchmal ein wenig zu emotionell reagieren.
„Und was machen Sie stattdessen? Sie... Sie haben das Schiff zu Schrott geflogen!“ tobte Leardini gerade, als sich der Turbolift zur Brücke öffnete. Merven blieb wie angewurzelt stehen; er hatte wirklich gehörigen Respekt vor der Ersten Offizierin der Fairchild.
„Ihre Gattin hat offenbar weniger Einsicht in unsere Lage als Sie, Captain,“ sagte Dween leise.
„Das macht die Schwangerschaft. Es ist ihr hormonelles Ungleichgewicht,“ antwortete Len-nard ergeben.
Merven flüsterte: „Sie meinen die Zunahme desselben.“
„Das will ich überhört haben. Also los!“ Lennard betrat das Deck und liess ohne Umschweife verlauten: „Alle Führungsoffiziere in die Beobachtungslounge. Ich möchte einen detaillierten Überblick über die Aufzeichnungen der Kampfhandlungen, in welche dieses Schiff verwick-elt war sowie über die gesamte Rückeroberung von DS9. Ich möchte wissen, was alles be-schädigt ist, bis wann es instand gesetzt werden kann und inwieweit wir dann wieder ein-satzbereit sein werden.“
Vakuf stand noch immer in der gleichen regungslosen Pose, in der sie ungerührt Leardinis Tirade über sich hatte ergehen lassen. Nun machte sie kehrt und steuerte den nächsten Ein-gang zum Konferenzraum ein, ohne irgendeine Reaktion erkennen zu lassen. Leardini stand völlig perplex noch immer an derselben Stelle und konnte es nicht fassen.
Lennard trat zu ihr und tippte sie an, bevor er leise sagte: „Kommst du, Stefania?“
Noch etwas benommen setzte sie sich darauf in Bewegung und murmelte: „Wieso macht sie das nur?“
„Schon vergessen? Vulcanierin...“ Er lächelte sie an. Sie erwiderte die Geste und folgte ihm, ein wenig versöhnlicher eingestellt.
Nach der Besprechung blieben Dween und Merven noch in der Beobachtungslounge zurück und unterhielten sich mit Lennard und Leardini. Nach einer kurzen Zeit des Small Talks fragte Merven mit einem verschwörerischen Seitenblick auf Dween: „Wie fühlen Sie sich eig-entlich im Moment?“
„Ganz gut, ich habe mich auf der letzten Phase des Fluges noch ausgiebig ausgeschlafen,“ antwortete Leardini und runzelte die Stirn.
Dween kam ihrer Frage zuvor und meinte geheimnisvoll: „Wir haben uns gefragt, ob Sie beide vielleicht gerade ein wenig Zeit erübrigen könnten, damit wir Ihnen etwas zeigen kön-nen.“
„Ist es denn so wichtig?“ fragte Leardini zweifelnd und sah Lennard hilfesuchend an. Er zuckte nur ratlos mit den Schultern und nickte dann zögernd auf ihren fragenden Blick.
Dween ereiferte sich: „In gewissem Masse sicher. Es war eine grosse moralische Stütze für die Crew. Aber sehen Sie doch selbst.“
Darauf folgten die Kommandanten ihren Untergebenen in den Turbolift, wo Merven lediglich Deck Acht Vorne als Ziel angab, wohl um nicht zu viel zu verraten. Lennard bemerkte das und wollte wissen: „Wieso machen Sie so ein Geheimnis daraus? Können Sie uns nicht wen-igstens einen kleinen Tip geben?“
Das junge Paar sah sich an und begann dann zu lächeln. Dween verkündete: „Nur soviel: der Krieg mit dem Dominion mag noch andauern, aber dafür sind andere Kriege inzwischen be-endet worden.“
„Wunderbar! Jetzt verstehe ich gar nichts mehr,“ beklagte sich Leardini, als der Lift ankam und sie aufs Deck hinaustraten.
Bitte hier entlang,“ bat Merven und wies nach rechts.
Lennards Miene hellte sich auf: „Jetzt ist alles klar! Darauf hätte ich auch früher kommen können.“
„Kann mich mal bitte irgend jemand einweihen? Ich weiss nämlich noch immer nicht, um was es hier gehen soll,“ gestand Leardini unzufrieden ein, doch dann blieben sie alle vor einem grösseren Portal in einer zurückgesetzten Nische stehen. Da ging auch ihr endlich ein Licht auf.
„Ach so, das Holodeck! Was sonst...“ Leardini wandte sich plötzlich ruckartig um und wollte mit ernster Miene wissen: „Habt ihr denn nichts dazugelernt während unserer Abwesenheit? Ich bin das so leidgewesen mit euch beiden und eurem Holodeck-Privatkrieg.“
„Aber genau das meinen wir doch, Commander,“ beeilte sich Dween zu erklären, „Merven und ich haben eingesehen, dass uns unsere Rivalität beim Programmieren von Holodeck-Pro-grammen nur zu entzweien gedroht hat und unserer Beziehung mehr schadete als nutzte. Also sind wir vernünftig geworden und haben uns zusammengerauft. Wir entwickeln unsere Pro-gramme jetzt gemeinsam.“
„Und ob Sie’s glauben oder nicht, wir ergänzen uns hervorragend,“ fügte Merven listig hinzu.
„Die Crew ist ganz verrückt nach unseren Neuentwicklungen. Sie finden einen grossen Teil unserer neuesten Werke auf allen Schiffen unserer Kampfgruppe und wir haben uns sogar in-zwischen in der gesamten Fünften Flotte einen Namen gemacht. Hätten Sie das gedacht?“
Lennard nickte mit anerkennender Miene und wollte dann wissen: „Und Sie wollen uns jetzt eine Kostprobe davon präsentieren?“
„Wenn Sie es wünschen...“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Dween um und gab schnell eine Folge von Eingaben in die Holodecksteuerung ein.
„So, Episode Eins, Kapitel zwölf. Wir können eintreten. Ihnen wird es vielleicht bekannt vor-kommen, Stefania; Counselor Kall erwähnte während unseres gemeinsamen Dienstes auf der Aldebaran einmal, dass Sie ab und zu eines dieser Programme laufen gelassen haben. Merven und ich haben uns in die Grundlagen dieser Geschichten vertieft und mit Bestürzung fest-gestellt, wie unvollständig und laienhaft die Umsetzung ins Holodeck vom Originalprogram-mierer erfolgt war. Zudem waren nur die ersten sechs von insgesamt fünfzehn Episoden über-haupt programmiert worden, die grösstenteils noch aus dem 20. Jahrhundert gestammt hab-en.“ Dween schüttelte fassungslos den Kopf.
Als die grossen Türen des Holodecks leise zischend auseinanderfuhren, fügte Merven noch hinzu: „Deshalb haben wir alles von Grund auf neu geschaffen, ohne auf die ältere Holover-sion der Geschichte als Datengrundlage zurückzugreifen. Und ich kann Ihnen mit Stolz ver-künden, dass alle Episoden zu den absoluten Favoriten bei der Besatzung zählen.“
Vorsichtig trat Lennard ein, während Dween sagte: „Ausserdem haben wir diese Werke mit einer Zuschaueroption versehen, bei der Sie alles mitverfolgen können, ohne selbst in die Handlung eingreifen zu müssen.“
„Das hört sich sehr interessant an; ich möchte das gerne ausprobieren,“ verkündete Leardini und folgte den anderen auf einen nur meterbreiten Laufsteg, der quer durch eine schier uner-messlich grosse, fast leere Halle lief. Sie war nur spärlich erleuchtet und liess sowohl Decke als auch Boden nur erahnen. Von unten nach oben lief ein grellweisser, pulsierender Energie-strahl mit mehreren Dutzend Metern Durchmesser durch den Raum, welcher mit einer gros-sen Anzahl der dünnen Laufstege auf allen Ebenen durchzogen war, scheinbar ohne Sinn. Der gesamte titanische Komplex schien keine konkrete Funktion zu erfüllen.
Lennard grübelte. „Ich glaube, diese Szene ist mir unbekannt. Ist das eine Fantasy-Geschichte oder alte Science-Fiction? Starten Sie das Programm, ich bin neugierig.“
Dween tat, wie ihr geheissen, worauf in einiger Entfernung und ein gutes Stück über ihnen plötzlich Kampflärm erklang. Lennard erkannte nur schemenhaft drei Gestalten, die mit hell-glühenden Energiehiebwaffen in höchst kunstfertiger Weise aufeinander eindroschen. Der Captain der Fairchild beobachtete das rote, blaue und grüne Flimmern der Flammenschwer-ter, wie er sie insgeheim taufte, vernahm dabei das tieffrequente Brummen, welches beim Schwingen derselben entstand und das bösartige Zischen, wenn sie aufeinandertrafen. Ein wenig empört sagte er: „Wie unfair - zwei gegen einen! Naja, wenigstens weiss der arme Kerl mit der rötlichen Waffe sich gegen die beiden anderen zu wehren. Ausserdem hat er zwei Klingen und die anderen nur je eine an ihren Energiewaffen. Ich hoffe doch, er wird diesen Kerlen zeigen, was... he, seht nur!“
Gerade hatte einer der beiden Gegner des Einzelkämpfers das Gleichgewicht verloren und stürzte ins Bodenlose. Er wand sich jedoch in der Luft und fiel dadurch auf einen der tiefer-liegenden Stege, rutschte jedoch auch von diesem herunter, nicht jedoch ohne sich mit den Händen gerade noch an der Kante festhalten zu können. Sein bläulich schimmerndes Flam-menschwert war sofort erloschen, nachdem er es losgelassen hatte, und lag auf dem Steg, auf den er sich hinaufzog.
Im Gegenzug beförderte sein Kumpane den Einzelkämpfer ebenfalls vom Steg, auf welchem sie gekämpft hatten. Er prallte hart mit dem Rücken auf einer darunterliegenden Brücke auf, worauf sich sein Gegner hinterherstürzte, um ihm offenbar den Garaus zu machen. Der Ein-zelkämpfer schaffte es jedoch im letzten Moment, wieder hochzukommen und dem Mann mit der grünlichen Klinge weiterhin die Stirn zu bieten.
Leardinis Stimme riss Lennard aus seinen Beobachtungen. „Äh, Kyle... du siehst das falsch. Der Typ mit den beiden roten Waffen ist der böse Charakter. Er ist so übermächtig, dass es zwei von den Guten braucht, um mit ihm fertigzuwerden, verstehst du?“
Überrascht und auch ein wenig enttäuscht sah er seine Frau an. „Wirklich? Schade, ich mag die Art, wie er kämpft. Also gut, erklärt mir jemand, was sich hier abspielt?“
„Vielleicht sollten wir Sie behutsam in die Materie einführen und von vorne starten,“ schlug Dween vor.
Leardini widersprach energisch: „Bloss nicht! Wenn wir ihn die erste Episode zuerst sehen lassen, will er nichts mehr vom Rest ansehen. Dieser Teil ist streckenweise richtig peinlich geraten. Ich schlage das Ende von Episode zwölf vor, dort kommen in der Entscheidungs-szene viele erklärende Dialoge vor, sodass er sich ein recht gutes Bild wird machen können.“
„Wie auch immer.“ Lennard war offenbar wirklich gespannt auf das, was jetzt kommen mochte. „Das werden zwei anstrengende Wochen im Trockendock werden.“
Dween lachte und wies dann an: „Computer, Programm anhalten. Weiterfahren bei Episode Zwölf, Kapitel Elf: ‘Das Vermächtnis der Dunklen Lords’. Zuschauermodus.“
Die Szenerie änderte sich und zeigte die Oberfläche einer Welt aus grösserer Höhe. Man er-kannte deutlich, dass jeder einzelne Fleck Land auf dieser Hemisphäre des Planeten städtisch bebaut gewesen war, jedoch alles schon vor langer Zeit in Schutt und Asche gelegt worden war. Auf einem der grössten Trümmerhaufen erhob sich eine Art Festung, die ganz offen-sichtlich nachträglich erbaut worden war. Sie war vollkommen schwarz und schien nur aus unzähligen nadelspitzen Türmen aller erdenklicher Grössen zu bestehen, die an der Basis ver-bunden waren, weit hinauf in den düsteren Himmel ragten und von einer blaugrün schillern-den Energiekugel eingehüllt war, die sie wohl vor äusseren Einflüssen, vornehmlich Waffen-feuer, schützen sollte. Sie bewegten sich aus ihrer Sichtweise im Sturzflug auf diese dunkle Festung zu.
„Dann wollen wir mal,“ bemerkte Lennard voller Vorfreude und raunte Leardini ins Ohr: „Ich hatte zuerst befürchtet, wir wären umsonst zwei Wochen zu früh aus den Flitterwochen zu-rückgekehrt.“
Am nächsten Morgen wurde Lennard etwas unsanft aus dem Schlaf gerissen, als der Tisch-computer in seinem Privatquartier mit einem Piepton zum Leben erwachte und leise sum-mend seinen Bildschirm ausfuhr.
Leardini schrak hoch und fragte im Halbschlaf: „Was ist denn los?“
„Da kommt eine Nachricht für mich an, schlaf ruhig weiter,“ beruhigte Lennard sie und sprang behende aus dem Bett, um das Gespräch rasch entgegenzunehmen. Zu seiner Über-raschung erschien ein altvertrautes Gesicht auf dem Monitor, als er sich hinter seinen Arbeits-tisch setzte und die Aktivierungstaste drückte. Ihm fiel auf, dass sich inzwischen graue Sträh-nen in das dunkle lockige Haar der Afrikanerin in den Fünfzigern mischten; wahrscheinlich hatte sie als Kommandantin dieser Werft, die nun so nahe an der umkämpften Grenze lag, mehr als genug Sorgen.
„Admiral Hers! Wie geht es Ihnen?“ erkundigte Lennard sich dann auch bewusst fürsorglich.
Die Antwort kam etwas müde. „Danke der Nachfrage. Ich möchte Ihnen zu Ihrer Vermählung gratulieren. Hatten Sie einen guten Transit von der Erde?“
„Oh ja, es war annehmbar für einen Truppentransporter. Aber was verschafft mir die Ehre?“
„Das ist rein dienstlich. Zunächst möchte ich Ihnen mitteilen, dass Sie offiziell wieder als Captain und Ihre Frau vorerst wieder als Erster Offizier der U.S.S. Fairchild geführt werden. Nach einer Vertretung für sie wird bereits gesucht, wir haben auch schon einige Alternativen zur Auswahl vorliegen. Da Sie bereits über die Lage nach der Schlacht bei DS9 informiert wurden, gehe ich davon aus, dass Sie sich wohl denken können, wie es um unsere personelle Situation bestellt ist, insbesondere um den Mangel an Führungsoffizieren.
Daher ergingen Order an mich, ihre Stellvertreterin in Abwesenheit, Commander Gora Vakuf, mit dem nächsten Transporter zur Aldebaran zurückzusenden, da wir es uns nicht leisten kön-nen, einen fähigen Offizier, welcher ohnehin nur als relativ nutzloser Passagier ohne definier-te Funktion an Bord der Fairchild herumsitzen würde, nach mehr als zwei Wochen Wartezeit mit ihnen zusammen an die Front zurückfliegen zu lassen. Wir brauchen wirklich jeden ein-zelnen dort.“ Die Admiralin hielt inne und wartete auf seine Reaktion.
„Das verstehe ich natürlich,“ willigte Lennard nach kurzem Zögern ein. „Darf ich Sie per-sönlich fragen, wie Sie die momentane Lage beurteilen?“
Hers rieb sich nachdenklich das Kinn und legte sich ihre Worte zurecht. „Es ist zur Zeit nicht einfach. Wir haben zwar einen bedeutenden Sieg errungen und die Moral der Truppen ist da-durch um einiges gestiegen, doch strategisch stehen wir denkbar schlecht da. Dadurch, dass das Dominion sich im Bajoranischen Sektor in sein eigenes Gebiet zurückgezogen hat, ist der zu überwachende Raum für uns noch grösser geworden. Ihre Nachschublinien sind kürzer ge-worden, unsere gleichzeitig länger; Sie wissen schon, das übliche Dilemma in dieser Lage. Dazu kommen noch die sehr hohen Verluste aus der Befreiungsschlacht, die die Sternenflotte zu mitunter abenteuerlichen, will sagen fast schon verzweifelten Massnahmen greifen lässt.
Zur Zeit fliegt wirklich alles, was fliegen kann, in den Einsatz. Längst ausgemusterte, eigent-lich schrottreife Schiffe, Prototypen aus Museen, aus verschiedenen geborgenen Wrackteilen hastig zusammengezimmerte Schiffe, die aus mehreren Klassen bestehen und eigentlich Ein-zelstücke sind... Sie würden es gar nicht glauben, was ich hier alles entstehen, ankommen und abfliegen gesehen habe. Aber die Besatzungen nehmen es gelassen, mit Humor oder bei Man-gel an dessen mit stoischer Ruhe.“
„Das klingt ja zumindest interessant für Sie. Und wie wird die Verteidigung des Raumes or-ganisiert?“ Lennards Interesse war geweckt; er sah aus dem Augenwinkel, dass auch Stefania mitgehört und sich aufgesetzt hatte, um auch alles mitzubekommen, was hier gesprochen wurde.
Hers Gesicht verdüsterte sich. „Bis die Verluste an Schiffen ausgeglichen sind, werden die einzelnen Kampfgruppen an den Randsektoren abseits von akut gefährdeten Punkten aufge-splittet; eine Taktik, mit der ich alles andere als einverstanden bin, wenn ich das anmerken darf. Demnach werden in jedem System entlang der Grenze zwei Schiffe zur Überwachung und Sicherung der Grenze stationiert.“
Lennard runzelte die Stirn. „Verzeihen Sie bitte, ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Sagten Sie gerade...?“
„Sie haben mich leider sehr gut verstanden, Fleet Captain. Zwei Schiffe pro System.“
„Oh, bitte sprechen Sie mich nicht mit diesem Titel an, Sir. Ich hatte ihn inne, als die Siebte Flotte aus nur noch vierzehn Schiffen bestand... denen, die nach dem ersten Angriff auf das Tyra-System übriggeblieben waren.“ Sein Gesicht verzog sich, als die schmerzhaften Erinner-ungen in ihm aufstiegen.
„Das wusste ich nicht. Es tut mir leid; da hat offensichtlich jemand beim Führen Ihrer Akte geschlampt. Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass das auf den neuesten Stand ge-bracht wird.“
„Danke, Admiralin. Wenigstens werden wir in ein paar Wochen unsere alten Freunde wieder-sehen. Ich kann mir...“
Hers unterbrach ihn ein wenig unwirsch: „Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Captain Len-nard. Mir liegt bereits Ihre Einteilung vor, und ich kann Ihnen verraten, dass Sie nicht mit der Aldebaran zusammengelegt werden. Das wäre beim aktuellen Stand der Dinge eine un-günstige Verteilung unserer Ressourcen. Wir kombinieren die Schiffe mit viel Bedacht, vor allem in Hinsicht auf die Eigenschaften der beiden Modelle und dem Masse, in dem sich diese ergänzen.“
Lennard war mit einem Schlag vollkommen desillusioniert; die gnadenlose Realität des Krie-ges und die Ohnmacht, mit der er Entscheidungen von Vorgesetzten gegenüberstand, holten ihn mit schmerzhafter Intensität ein. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, nie im Urlaub gewe-sen zu sein.
Leardini setzte sich neben ihn und drückte sanft seinen Unterarm, worauf sich seine Anspan-nung ein wenig löste. Er sah sie dankbar an und wollte dann wissen: „Haben Sie schon Infor-mationen über das Schiff, mit dem wir zusammengelegt werden?“
Die Miene der Admiralin hellte sich ein wenig auf. „Ja, in der Tat. Das wird Sie interessieren. Der Name ist U.S.S. Callisto, Registrierung NCC - 50674. Ich schicke Ihnen die Aufnahmen, die ich habe.“
Lennards Augenbrauen schnellten nach oben. „Callisto? Sie stellen uns einen Transporter zur Verteidigung zur Seite? Grundgütiger! Welcher Klasse gehört er denn an?“
„Steadfast. Sehen Sie, das ist bereits der erste Irrtum, denn dieses Schiff lässt sich nicht so einfach kategorisieren. Sie nehmen automatisch an, dass ein Sternenflottenschiff mit dem Namen eines Mondes aus dem Sol- oder Alpha Centauri-System ein Frachter sein muss, aber diese Tradition war nicht immer Bestandteil der Starfleet-Nomenklatur. Als dieses Schiff da-mals getauft wurde, existierte diese Regelung noch nicht.“ Noch während Lennard diese In-formation verarbeitete, erschien auf dem Bildschirm eine Ansicht von oben und eine von der Seite des betreffenden Raumschiffes.
„Sieht nicht sehr gross aus, aber brandneu. Was wissen Sie darüber, Admiral?“
„Nun, die Callisto diente als Komponenten- und Technologieträger für die Entwicklung der Intrepid- und auch bereits der Sovereign-Klasse. Sie hat eine etwa dreieckig geformte Unter-tassensektion, die Form des Rumpfes ähnelt mangels fortschrittlicherem Design zu jener Zeit einer Mischung aus Excelsior- und Sovereign-Klasse, die Form der Warpgondeln ebenfalls, wenngleich diese schwenkbar sind wie bei den Intrepid. Von der Grösse her ist sie etwas kleiner als eine Defiant-Klasse, besitzt dabei aber nur etwa deren halbe Masse und deutlich stärkere Antriebssysteme. Ihre primäre Aufgabe war der Einsatz als Melder- und Kurierschiff, weshalb sie auch nur schwach bewaffnet ist. Ihre Stärke ist Schnelligkeit und Wendigkeit.
Und der Registrierungsnummer nach sehen Sie auch, dass sie bereits vor über siebzehn Jahren ihren Jungfernflug hatte, seitdem aber praktisch nicht in Gebrauch war, nachdem die Test-flüge abgeschlossen waren und festgestellt wurde, dass die neuen technischen Systeme zwar ausgezeichnet funktionierten, die Ausmasse des Schiffes jedoch etwa verdoppelt werden müssten, um ein tiefenraumfähiges Multimissionsschiff zu erhalten. Daraus entstand dann die Intrepid-Klasse, während aus dem geplanten Steadfast-Projekt vorerst nichts wurde. Die Ster-nenflotte hatte zwar vor, eine modifizierte Version dieses Typs in kleiner Stückzahl zu bauen und in Dienst zu stellen, diese Pläne wurden dann jedoch von der Borgbedrohung und später dem Krieg zunichte gemacht, als die Kapazitäten auf Kampfschiffe wie die Defiant-Klasse umgelegt wurden. Jedenfalls wissen Sie jetzt, warum das Schiff derart neu aussieht, obwohl es der Form und der Nummer nach so alt ist.“
„Das ist in der Tat hochinteressant. Das heisst, wir haben die Feuerkraft und sie die Ge-schwindigkeit. Wie schnell ist dieser Flitzer denn?“
„Sein Höchsttempo beträgt etwa das Doppelte der Ihren. Reicht Ihnen das?“ Hers lächelte beim Anblick des verdutzten Gesichtes Lennards.
Lennard keuchte. „Wow! Und das bereits schon vor siebzehn Jahren? Was ist seither mit der Entwicklungsabteilung der Sternenflotte passiert? Wir haben meines Wissens nach noch heute kein Schiff, das so schnell fliegen kann, ohne den Subraum zu schädigen.“
„Keines, das je in Serie gefertigt wurde; es ist ein Prototyp, der nur aufgrund des eklatanten Mangels an Schiffen in den regulären Dienst übernommen worden ist, das dürfen Sie nicht vergessen. Noch interessanter ist allerdings die Geschichte seiner Crew.“
„Ich bin ganz Ohr,“ versicherte Lennard und besah sich die Abbildungen der Callisto einge-hender. Die Untertassensektion glich tatsächlich einem nach vorne hin spitz zulaufenden Dreieck, das der Seitenansicht nach auf der Unterseite hin sehr flach verlief und nur nach oben allmählich anstieg. Der stark in die Rumpfstruktur integrierte Übergang in die Maschin-enhülle war das auffälligste Merkmal, das die Ähnlichkeit mit der Intrepid-Klasse aufzeigte. Ein weiteres stellte der Mechanismus dar, welcher die Warppylonen zum Übergang in den Warpflug leicht anhob, um ein besseres Subraumprofil zu erzeugen. Langsam schenkte er den Angaben über die hohen Fluggeschwingikeiten Glauben, als er sich den extrem flachen, schnittigen Rumpf der Callisto ansah. Er zählte nur acht Decks inklusive dem über die Bug-sektion hinausragenden Brückendeck.
Admiral Hers erzählte: „Der Captain heisst Howard Marshall, wurde auf einer abgelegenen Marssiedlung geboren, wuchs dort auf und hat sich selbst bis in die Starfleet-Akademie hoch-gearbeitet. Er war vom ersten Semester an Jahrgangsbester der Red Squad...“
„Red Squad? Und der bekommt ein eigenes Schiff?“ unterbrach Lennard argwöhnisch. Ihm hatten die Methoden dieses radikal militärischen Elite-Ausbildungskaders nie sonderlich ge-passt. Jeder Absolvent dieser Spezial-Ausbildungstruppe der Sternenflotte, der ihm begegnet war, besass unabhängig vom Charakter eine gewisse Arroganz, die er oder sie erst nach einer gewissen Zeit im alltäglichen Flottendienst ablegte.
„Es ist nicht ganz so, wie Sie denken. Nun, zuerst wurde er tatsächlich aufgrund seiner über-ragenden Leistungen von Anfang an ins Red Squad geholt und erwies sich auch weiterhin als überragender Kadett. Er kommandierte sogar für knapp sechs Wochen die U.S.S. Valiant, NCC - 74210. Sagt Ihnen das etwas?“
Lennard runzelte die Stirn. „Ich glaube nicht. Der Nummer nach ist es recht neu; müsste ich es denn kennen?“
Hers seufzte ergeben. „Eigentlich ist es vertraulich, aber ich bin der Meinung, Sie sollten die Hintergründe kennen. Die Valiant ist - oder war, das wissen wir nicht genau - ein Schiff der Defiant-Klasse, die exklusiv von der Red Squad als Schulungsschiff genutzt wurde. Diese Gruppe ist ja nur das Beste vom Besten gewohnt, da war die gute alte Republic und ein ausgedehnter Trainingsflug durchs Sonnensystem wahrscheinlich nicht exklusiv genug.
Auf der Valiant war eine Gruppe von sechsunddreissig Kadetten unter der Aufsicht von sieben Ausbildern unterwegs. Auf der für drei Monate angesetzten Reise führten sie das Schiff selbständig und wurden von den Offizieren nur beoachtet und beurteilt. Und hier kommt unser Mr. Marshall ins Spiel. Er besass zwar ausgezeichnete Führungsqualitäten und kommandierte das Schiff hervorragend, aber zu seinem Glück und auch gleichzeitig dem Leidwesen der gesamten Red Squad-Führung hatte er sich seinen gesunden Menschenver-stand weitgehend bewahrt. Da er offenbar ein ziemlich offener Typ ist und seine Meinung geradeheraus kundtut, eckte er innerhalb der intimen Atmosphäre an Bord eines so kleinen Schiffes ziemlich schnell bei sämtlichen Offizieren an.
Nach genau sechs Wochen geriet er in einer Angelegenheit, die ich Ihnen nicht näher erörtern darf, derart an den hochrangigsten Ausbilder, einen Captain Ramirez, dass dieser ihn kurzer-hand seines fiktiven Kommandos enthob und sogar von Bord der Valiant verwies. Da ihre ‘Mission’ ja der Geheimhaltung unterlag, - und jetzt kommt der Hammer bei der Geschichte - steckte Ramirez ihn kurzerhand in eine Rettungskapsel und liess ihn in dieser zur nächstge-legenen Sternenbasis fliegen. Sie näherten sich nur so weit, dass Marshall volle drei Tage bis zur Basis brauchte.“
Lennard überlegte noch... hatte Hers wirklich ‘der Hammer bei der Geschichte’ gesagt’? Halb abwesend bemerkte er: „Dafür müsste Ramirez ein Verfahren angehängt bekommen - Red Squad hin oder her.“
„Unter normalen Umständen schon. Es kommt aber noch besser: nachdem Marshall im Kepler-Sektor aufgegriffen worden war, wurde er aufgrund der Order von Ramirez, welche er mit sich führte, umgehend zur Erde zurückbefördert, wo er von einem Admiral der alten Schule, nebenbei einem guten Freund und hochgeschätzten Kameraden von mir, zu dieser Sache angehört wurde. Der erkannte sofort den Wert und das Potential, das in Marshall steck-te und überlagte eingehend, wie er mit diesem jungen Mann verfahren sollte, denn die An-klage von Ramirez wog schwer und sein Einfluss reichte weit. Dennoch fand der Admiral, es wäre eine grosse Verschwendung gewesen, hätte er Marshalls Karriere beendet. So schickte er ihn zunächst einmal in Urlaub und versetzte ihn dann pro forma in den Stab des Hauptquar-tieres, um ihn im Auge zu behalten.
Das Dominion spielte in dieser Angelegenheit ungewollt Schicksal. Denn nur drei Tage, nachdem der junge Kadett zur Erde abgeflogen war, brach der Krieg aus und die Jem’hadar überrannten den Kepler-Sektor. Die Valiant gilt seitdem als hinter den feindlichen Linien vermisst. Stellen Sie sich vor, wenn Marshall nicht von Captain Ramirez von Bord gewiesen worden wäre, wäre er jetzt vielleicht tot!
Nun bot sich prompt ein gänzlich neues Bild: die Sternenflotte hatte hohe Verluste und sehr schnell machte sich der Personalmangel bemerkbar. Dem Admiral kam das ganz gelegen: er bot Marshall kurzerhand das Kommando über die Callisto an, um ihn nicht unehrenhaft aus der Sternenflotte entlassen zu müssen. Marshall überlegte nicht lange und zeigt seither weiter-hin nur beste Leistungen, auch wenn sein Führungsstil bestenfalls als unorthodox gelten kann, selbst unter Kriegsbedingungen.“
Lennard schwieg eine Weile und meinte dann nachdenklich: „Ich bin gespannt auf diesen Marshall. Er hat wirklich schon einiges hinter sich, würde ich sagen. Gibt es sonst noch je-manden, über den ich Bescheid wissen müsste?“
„Eigentlich nicht,“ wiegelte Hers ab, „höchstens noch den Ersten Offizier, Commander Bast-ian Görlitz. Er ist einige Jahre älter als Marshall und krankhaft ehrgeizig; offenbar ist er seit dem ersten Tag der Mission auf den Kapitänssessel der Callisto aus gewesen.“
„Gut, dann lassen Sie mir bitte alle Dateien zukommen. Ist das alles?“
„Ich denke schon. Und jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend. Hers Ende.“ Erst jetzt, als die Admiralin die Verbindung abbrach, wurde Lennard klar, dass nach Stationszeit bereits später Nachmittag war, während Leardini und er noch auf die Bordzeit des Trans-porters eingestellt waren. Ja, das ‘Warp-Lag’ konnte schon tückisch sein.
Leardini sah ihn an: „Willst du noch ein Weilchen schlafen?“
Er schüttelte den Kopf. „Nach diesen Neuigkeiten kann ich das nicht mehr. Du?“
„Machst du Witze? Ich bin schwanger, mein Guter. Ich kann jederzeit schlafen.“ Sie schlurfte zum Bett zurück und zog die Decke über ihren Kopf.
Er lächelte und ging dann unter die Schalldusche.
- 2 -
Der Abschied von Vakuf war ganz nach vulcanischem Geschmack kurz und schmerzlos ge-wesen. Eine spontan organisierte Party hatte sie abgelehnt und sich nur förmlich bei jedem der Kollegen auf der Brücke für die gute Zusammenarbeit bedankt, bevor sie vorzeitig auf den Truppentransporter Charon überwechselte. Wenigstens hatten sie auf dem Korridor zum Transporterraum Spalier gestanden und ihrem temporären Kommandeur durch Salut ihre Ehr-erbietung bezeugt. Selbstverständlich hatte sie auch das ohne jegliche Gemütsregung zur Kenntnis genommen.
Lediglich vor Dween war sie kurz stehengeblieben und hatte sie angesehen, während diese krampfhaft mit ihrem Blick einen Punkt knapp über Vakufs linker Schulter fixiert hatte.
„Counselor.“
„Commander.“ Dweens Hals war plötzlich staubtrocken gewesen.
„Ich hoffe, Sie finden doch noch entgegen Ihrer momentanen Überzeugung auf den vulcan-ischen Pfad der Tugend zurück.“
„Den Pfad der Logik, meinen Sie sicher,“ entgegnete die junge Halbvulcanierin trotzig.
„Sie wissen, was ich meine. Und ich hoffe auch, unsere kleine Privatunterhaltung bleibt Ihnen im Gedächtnis und Ihre subjektive Sichtweise dieses Themas wird mit der Zeit der Erinner-ung an die Essenz meiner Aussagen weichen,“ bemerkte Vakuf.
„Jedenfalls werde ich es im Gedächtnis behalten, dessen können Sie sich absolut sicher sein, Commander,“ erwiderte Dween und spuckte ihren Rang dabei förmlich aus.
Vakuf hob eine Braue und wandte sich ohne ein weiteres Wort um; Merven indes, der in Hör-weite gestanden hatte, erstarrte bei diesem Dialog.
Lennard hatte sich ein wenig verspätet. Mit leicht gehetztem Gesichtsausdruck kam er den Korridor hinabgeeilt, um Vakuf noch vor dem Transport zu sehen.
„Commander, ich habe gerade noch etwas vom Oberkommando erfahren.“
„Worum handelt es sich, Captain?“ Die hochgewachsene Vulcanierin hob fragend eine ihrer diagonalen Augenbrauen.
„Die Aldebaran wird einen neuen Ersten Offizier bekommen. Ein telluranischer Lieutenant Commander namens Grung Ka’Rell. Er wurde direkt aus dem Oberkommando abberufen, wo er eine Stabsfunktion innehatte und wird voraussichtlich sehr bald zum Commander befördert werden, wenn er sich auf seinem neuen Posten bewähren wird.“ Lennard wartete auf eine Re-aktion von Seitens Vakuf, die natürlich ausblieb.
Stattdessen entfuhr es Merven: „Im Klartext heisst das wohl: ein Schreibtischhengst, der sich seine goldenen Sporen im Eiltempo an der Front verdienen will. Auf Kosten eines bewährten und eingespielten Teams, das auseinandergerissen wird.“
„Das will ich nicht gehört haben, Mr. Soares,“ fuhr Lennard ihn an, nur um gleich darauf mil-der hinzuzufügen: „...auch wenn Sie Recht haben. Mrs. Kall wird nicht sehr erbaut darüber sein, nach dieser langen Zeit als Kommandantin und Erste Offizierin wieder Dienst als Schiffscounselor und Zweite Offizierin zu verrichten. Naja, Sie wird darüber hinwegkommen, auch wenn es sicher eine Weile dauern wird.
Was ich Ihnen noch mitteilen wollte, Mrs Vakuf: Ihre neue Nummer Eins befindet sich be-reits an Bord des Transporters, der auch Sie zur Aldebaran bringen wird. Klopfen Sie ihn schon einmal ein wenig ab und finden Sie heraus, was er kann. Und vergessen Sie nicht, ihn auf die kleine... ähm... ‘Besonderheit’ des Schiffes hinzuweisen.“
„Das wird nicht nötig sein, Sir,“ entgegnete Vakuf, „die Aldebaran hat inzwischen einen Be-kanntheitsgrad erlangt, der dem der Enterprise in nichts nachsteht. Man nennt sie das ‘unver-wundbare Schiff’.“
Lennard seufzte. „Das wusste ich nicht. Ironischerweise ist es nun, da ich das Kommando nicht mehr innehabe, so weit, dass sich mein gutes altes Schiffchen einen Namen gemacht hat.“
„Das würde ich so nicht sagen, Captain. Ihr Name fällt stets im gleichen Atemzug wie der Name Aldebaran, denn schliesslich sind Sie der Mann, unter dessen Kommando das Schiff seine - wie es so perfide heisst - ‘Wunderschilde’ erhielt, auch wenn kein Aussenstehender so recht weiss, woher. Dazu möchte ich anmerken, dass es durchaus beruhigend ist, zu wissen, dass die Herkunft unserer Schildkonfiguration noch immer geheim und offenbar nichts dar-über durchgesickert ist. In diesem Fall greift die absolute Geheimhaltung offenbar, auch wenn fast eintausend Personen davon Kenntnis haben.“
„Danke für ihre tröstlichen Worte, Vakuf. Jetzt wird es aber Zeit für Ihren Transport.“ Mit einer altmodischen Geste wies er den Gang zum Transporterraum entlang.
Später im Turbolift nahm Merven Dween beiseite und wollte vorsichtig wissen: „Sag ‘mal, Shania, was hatte diese Szene bei Vakufs Verabschiedung eben denn zu bedeuten? Ich mei-ne, ich wusste ja, dass ihr euch nicht gerade sehr gut leiden könnt, aber dieser verbale Schlag-abtausch vor versammelter Mannschaft...“
„Hast du eine Ahnung!“ Dween seufzte und meinte dann: „Sie hat mich vom ersten Augen-blick an verachtet, wenn man das bei einem Vulcanier überhaupt so nennen kann. In ihren Augen bin ich eine Verräterin des vulcanischen Prinzips der Logik und Entsagung von Ge-fühlsregungen. Dass ich mich selbst für die alpha-centaurische Lebensweise entschieden habe, interessiert sie nicht. Sie hat mich die ganze Zeit über geschnitten und mir bei jeder pas-senden Gelegenheit die Überlegenheit des Vulcaniers über die konfusen emotionellen Leb-ensformen demonstriert. Ich wollte es nie zeigen, aber die Dienstzeit unter ihr war alles andere als ein Zuckerschlecken für mich. Ich selbst bin fast schon ein Fall für den Counselor gewesen.“
Betroffen strich Merven ihr über die Wange. „Du Arme! Warum hast du nie etwas gesagt? Und was hat Vakuf mit ihrer Anspielung im Korridor gemeint?“
„Ich habe das als eine rein vulcanische Angelegenheit betrachtet, deshalb habe ich es nie erwähnt, obwohl mir durchaus klar war, dass dir etwas auffallen würde an meiner Stimmung. Und worauf sie angespielt hat, war eine sehr dumme und unreife Reaktion von mir.“ Sie senkte den Kopf. „Ich war so gereizt und wütend auf sie, dass ich sie aufs Holodeck zu einer klärenden Auseinandersetzung ohne Dienstgrade aufgefordert habe.“
„Du hast waaas?“ fuhr Merven auf.
„Ich weiss, ich weiss, es war blöd von mir. Sie hat mich ordentlich vermöbelt, und da mein Zorn dadurch nur noch mehr angestachelt wurde und ich nicht aufgeben wollte, hat sie mich wirklich ausgiebig vermöbelt, das kannst du mir glauben. Seitdem bin ich geläutert und habe mir vorgenommen, wenigstens die vulcanischen Kampftechniken von meiner Kultur zu er-lernen. Du weisst schon, die Aggression des Gegners und den Schwung dessen Attacke gegen ihn selbst zu richten, wie es der pazifistischen Gesinnung Vulcans entspricht. Meinen Körper hat sie besiegt, aber meinen Willen nicht. Ich betrachte mich trotz allem als moralischen Sieger dieses Konfliktes; und noch einmal wird sie mich im Zweikampf nicht unterkriegen, das garantiere ich dir.“
„Aber... ich habe dir gar nichts angesehen. Du meinst, sie hat dich richtig...?“
„Bei Vulcaniern sieht man das nicht so schnell. Aber es war eine ordentliche Tracht Prügel, die die eigentliche pazifistische Einstellung unseres Volkes in ihrem Fall Lügen gestraft hat. Das ist ein kleiner Sieg für mich gewesen, da ich sie doch ein wenig aus der Reserve gelockt habe, wie ich meine.“ Sie rieb sich ihre rechte Schulter. War das imaginär oder hatte sie noch immer Schmerzen?
Er nahm sie vorsichtig in den Arm und sagte: „Jetzt wird mir einiges klar. Die Stimmungs-schwankungen, die Gereiztheit, die Einsilbigkeit an manchen Tagen... versprich mir, dass du dich mir das nächstemal bei so etwas anvertraust. Du brauchst schliesslich ab und zu auch mal jemanden, der dir zuhört. Ich dachte, das wäre ich.“
Sie lächelte und stimmte gelöst zu: „Du hast ja recht! Ich danke dir, Merven, das bedeutet mir viel, dass du mir das anbietest.“
„Wenn ich so etwas in diesem Stadium unserer Beziehung noch sagen muss, dann ist etwas mit uns nicht in Ordnung, oder?“ Er legte seine Stirn sanft gegen ihre.
„Stimmt. Tut mir leid. Ich werde mich also noch weiter vom Weg der Logik entfernen und mich gefühlsmässig noch mehr öffnen für dich. Für Vakuf bedeutet das die völlige Nieder-lage.“ Sie lachte befreit.
Es vergingen fast zwei Wochen der Reparaturen, bis die Fairchild soweit instandgesetzt war, dass sie das Dock verlassen konnte. Lennard und Leardini überwachten die Arbeiten, halfen wo sie konnten und verbrachten den Grossteil ihrer Freizeit auf den umfangreichen Stations-einrichtungen der Antares-Werft sowie auf den Holodecks der Fairchild, wo sie die umfang-reichen Neuerungen des Programm-Sortimentes genossen.
Schliesslich waren alle anwesenden Senioroffiziere auf der Brücke versammelt, um das Aus-laufen zu beobachten. Ausser Chefingenieur Nirm natürlich, der die Prozedur vom Maschin-enraum aus verfolgte. Er war auch derjenige, von dessen abschliessendem O.K. alles abhing.
Lennard stellte eine Verbindung her und wollte leicht ungeduldig wissen: „Was können Sie mir berichten, Lieutenant? Wollen wir es wagen?“
„Alles klar zum Auslaufen, Captain,“ bestätigte Nirm, nur um im gleichen Atemzug in der für Ingenieure so typischen und bei den Kommandanten so unbeliebten Weise einzuschränken, „ich würde allerdings empfehlen, während des ersten Tages nicht über Warp Sieben zu gehen, da die beiden ersetzten Plasmaleitungen sich erst noch im Dauerbetrieb bewähren müssen, sprich, ich möchte auf Nummer Sicher gehen und die Abstimmung sorgfältig beobachten, um sicherzustellen, dass...“
„Danke, Mr. Nirm, ich denke, ich habe den Grundinhalt Ihrer Aussage begriffen. Wir werden zunächst nicht über Warp Sieben gehen.“ Mit fast schon grober Unhöflichkeit fuhr Lennard in den schier unaufhörlichen Redeschwall seines lurianischen Chefingenieurs hinein und unter-brach diesen, solange es noch möglich war. Diese Wesen konnten, wahrscheinlich dank ihrer angeborenen Leibesfülle und des damit mittelbar verbundenen hohen Lungenvolumens wirk-lich erstaunlich lange in einem Atemzug reden und taten dies auch meist ohne jegliches Ge-spür dafür, wann es Zeit für eine Pause war. Dank ihrer Gutmütigkeit, die einen weiteren typ-ischen Gemütszug dieser Rasse darstellte, sahen sie aber stets über die manchmal vehemente Art hinweg, mit der man sie manchmal unterbrechen musste, wollte man selbst auch einmal zu Wort kommen.
„Ich danke Ihnen, Sir. Unter diesen Umständen werden wir voraussichtlich keine Probleme haben. Im Dock haben wir über 97 Prozent der wichtigsten Bordelektronik manuell über-prüfen können; mit den vorhandenen Bordmitteln sollten wir den Rest so nebenbei in höchst-ens zwei Wochen bewältigt haben. Die letzte Ebene-Eins-Diagnose war zufriedenstellend, so dass nur noch wenige kleine Macken zu befürchten sind. Maschinenraum Ende.“ Nirm schien momentan sicher alle Hände voll zu tun zu haben, wenn er diesmal so kurz angebunden war. Umso besser, brummte Lennard leise vor sich hin.
Nachdem alle weiteren Stationen ihm auf seine Aufforderung hin Bericht gegeben hatten, befahl er schlicht: „Steuermann, auslaufen. Manöverdüsen Achtern bis zum Verlassen der Werft, dann Impulstriebwerke auf halbe Kraft.“
„Aye, Sir, Manöverdüsen,“ bestätigte Merven und fragte dann: „Welchen Kurs, Sir?“
„Nehmen Sie Kurs auf das Ribaalc-System. Wir werden uns dort mit unserem Begleitschiff, der U.S.S. Callisto, treffen und dann weiter zur Grenze fliegen. Unseren endgültigen Bestim-mungsort erfahren wir dort.“
Merven sah über die Schulter. „Sie meinen, wir werden von Ribaalc aus noch näher an die Grenze verlegt? Das wird bestimmt ein heisser Einsatz werden.“
„Wie genau meinen Sie das, Mr. Soares?“
„Nun, Captain, es ist leider einiges passiert, seit Sie... unterwegs waren. Das Ribaalc-System ist inzwischen nur noch elf Lichtjahre von der Front entfernt.“
„Oh!“ entfuhr es Lennard überrascht.
Dween merkte an: „Allerdings liegt es weitab vom Bajoranischen Sektor und sehr tief unter-halb der galaktischen Querachse, womit ein direkter Angriff eigentlich nicht zu befürchten ist.“
„Interessant, Counselor. Ich sehe, Sie haben nichts von Ihren taktischen Analysefähigkeiten eingebüsst. Nur weiter so,“ ermunterte Lennard sie zufrieden.
„Danke, Sir.“
„Wir gehen auf Impuls, Captain,“ kündigte Merven an. Von der enormen Beschleunigung, die das Schiff nun erfuhr, merkten sie dank der Trägheitsdämpfung nichts. Soweit schien ja alles gut zu funktionieren, dachte Lennard.
Bald darauf waren sie auf Kurs und durchquerten den Weltraum wie angekündigt mit dem 656-fachen der Lichtgeschwindigkeit. Noch ein Tag, dann konnten sie ihre höchste Reisege-schwindigkeit einnehmen, die etwas mehr als das Dreifache dessen betrug.
Nur sechs Tage bis zu ihrem ersten Ziel.
Während des ereignislosen Fluges versuchte Lennard, sich so gut es nur ging auf den aktuell-sten Stand der Dinge zu bringen. Bald schon hatte er durch Studium des ihm vorliegenden Informationsmaterials des Nachrichtendienstes der Sternenflotte sowie durch lange Gesprä-che mit allen Brücken- und taktischen Offizieren des Schiffes einen ersten Überblick über die Lage der Föderation und des Klingonischen Reiches bekommen. Doch das genügte ihm nicht.
Leardini betrat gerade den Bereitschaftsraum des Captains, als ihr Ehemann am Schreibtisch sass und ein Subraumgespräch führte. „...gut, dann wünsche ich euch viel Erfolg. Und seien Sie vorsichtig, Rhina. Lennard Ende.“
Die Verbindung wurde beendet, worauf er sich ihr zuwandte. „Hallo, Liebes. Wie geht es euch so?“
„Die Kleine bewegt sich wieder,“ antwortete sie lächelnd. „Will wohl sehen, was ihr Daddy so treibt.“
Er stand auf und legte mit einem seligen Grinsen die Hand auf ihr Bäuchlein. „Hier ist dein Papa, meine Kleine. Ich führe gerade ein Gespräch nach dem anderen mit Leuten von der Front. Man erfährt sehr nützliche Dinge dabei, das kann ich dir sagen. Das eben war Rhina Murg von der Graceland. Sie hat eine Dreierstaffel Jem’hadar-Angriffsjäger in einen Nebel gejagt und spielt jetzt ein Katz-und-Maus-Spiel mit ihnen. Ich hoffe, sie verkalkuliert sich nicht und schafft es, die Schiffe zu stellen.“
„Kann ich ein wenig mitlauschen? Auf der Brücke gibt es momentan nicht viel zu tun und ich möchte schliesslich auch gut informiert sein.“ Ohne auf eine Antwort von ihm zu warten, liess sie sich langsam und ein wenig umständlich ihm gegenüber auf einen Sessel nieder. Als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte, versicherte sie ihm schnell: „Ich bin auch mucksmäus-chenstill. Niemand wird merken, dass du nicht allein bist.“
Er rollte mit den Augen. „Meinetwegen, Commander. Ich werde gleich die Probe aufs Exem-pel machen. Wenn der nichts merkt, dann merkt es niemand.“
Neugierig sah sie auf die Tastatur, während er die Verbindung manuell eingab, wohl um ihr nicht zu früh zu verraten, wen er zu ihrer Probe kontaktieren wollte. Er musste eine Sekunde warten, dann wurde der Schirm vor ihm hell. Leardini hörte eine junge Frauenstimme, die zu-nächst ordentlich Rang und Namen nannte, bevor sie begann: „Guten Tag, Captain. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir auf unserem Schiff gerade einen diplomatischen Empfang als Erstkontakt ausríchten und deshalb sämtliche Senioroffiziere ausser in Notfällen nicht zu sprechen sind. Handelt es sich um einen Notfall?“
„Nein, nein,“ wiegelte Lennard rasch ab, „ich wollte nur einmal hören, wie es bei Ihnen steht, Fähnrich. Wo befinden Sie sich gerade?“
„Sektor 431. Unser Aufbruch ins Goran-System steht unmittelbar bevor; Unterstützung bei Grenzstreitigkeiten. Oh, ich fürchte, ich muss Ihre Verbindung beenden. Da kommt gerade wieder ein Dringlichkeitsruf von Admiral Dougherty; diesmal werde ich den Captain wohl aus dem Empfang herausrufen müssen.“
„Gut, dann will ich nicht länger stören. Lennard Ende.“
„Comm Enterprise Ende.“ Erst jetzt, als die Leitung unterbrochen war, erkannte Leardini das Vorhaben ihres Mannes.
„Wow, du wolltest mich gleich an Captain Picard prüfen? Ich fühle mich geehrt!“
„Tja, ist leider nichts draus geworden - der Captain des Flaggschiffes ist wie immer hochbe-schäftigt. Dann versuche ich es eben mit jemand, der bestimmt etwas Zeit für uns erübrigen kann.“ Er forderte die nächste Verbindung an, sehr zu ihrem Verdruss wieder per Tastatur.
„Musst du es so spannend machen?“ beschwerte sie sich.
„Ruhe bitte, ich führe hier ein Subraumgespräch,“ gab er schlagfertig zurück.
Diesmal wurde er direkt weitergestellt; Leardini traute ihren Ohren nicht. „Captain Lennard! Alles Gute nochmals zu Ihrer Vermählung! Wie geht es Ihnen?“
„Danke, gut,“ erwiderte er und grinste, als seine Frau aufsprang, neben ihn eilte und freudig rief: „Sam! Hallo!“
Sam Kall, derzeit kommandierende Offizierin der Aldebaran, Lennards altem Schiff, erwid-erte ebenso erfreut: „Alles bestens, Stefania. Schön, Sie zu sehen. Was macht der Nachwuchs denn so?“
Leardini schob mit etwas Mühe ihren kleinen Bauch stolz vor das Objektiv. „Sehen Sie selbst! Ist es nicht wunderbar?“
„So, genug des Weibertratsches, wenn ich bitten darf. Ich habe Sie rein dienstlich kontaktiert, damit das klargestellt ist. Wo halten Sie sich derzeit auf?“ Lennard fuhr mit gespielter Strenge zwischen die beiden Frauen.
„Momentan im Sektor 259, nur wenige Lichtjahre entfernt vom Schauplatz der ersten grossen Schlacht der Föderation mit den Borg. Es ist ziemlich unheimlich, sogar für mich, wie ich ge-stehen muss; unsere Fernsensoren orten noch immer das riesige Trümmerfeld der Reste un-serer Flotte von damals. Von grosser strategischer Bedeutung ist dieser Sektor aber nicht. Wir werden bis zur nächsten Verlegung wohl eine eher ruhige Grenzpatroullie durchführen.“
„Bei uns das gleiche. Gestern haben wir die Werft verlassen und sind nach Ribaalc unter-wegs, wo wir das Rendezvous mit unserem Begleitschiff haben und dann wahrscheinlich irg-endwo im Sektor 528 eingesetzt werden.“
“Wenn Sie ein wenig Abwechslung brauchen, dann passen Sie mal auf; ich habe da etwas, das Ihnen gefallen wird. Ich habe es gestern aus den Überwachungsprotokollen des Holodecks entnommen. Es geht um Darrn und Kazuki. Vermissen Sie Ihren Einsatzleitenden Offizier schon? Morgen verlässt er uns ja. Sie wissen Bescheid?“
„Ja, wir nehmen ihn auf dem Weg nach Ribaalc auf, wenn der Transporter einen kleinen Um-weg für uns macht - oder wir einen für ihn, je nach Lust und Laune des Transporter-Captains. Aber jetzt zu etwas anderem: haben Sie schon von Ihrem Zuwachs erfahren?“
„Sie meinen Grunz Ka’Rell?“
„Grung! Gewöhnen Sie sich bloss nicht jetzt schon dumme Witzchen über seinen Namen an. Sie wissen genau, wie empfindlich Tellurianer reagieren, wenn man Sie auf irgendeine Weise mit Schweinen in Verbindung bringt. Nur aufgrund der äusserlichen Ähnlichkeit sollte man keine Vorurteile fällen.“
Sie winkte mit einem geheimnisvollen Schmunzeln ab. „Keine Sorge, ich habe dafür gesorgt, dass mir nichts derartiges in seiner Gegenwart herausrutschen kann.“
„Haben Sie sich einer hypnotischen Blockadesitzung unterzogen? Das ist die einzige Mög-lichkeit, die bei Ihnen wirken könnte.“ Lennard grinste.
Erstaunlicherweise gab Kall sein Grinsen zurück. „So etwas in dieser Art. Sie wären über-rascht, wenn Sie wüssten, wie ich das anstellen werde. Jetzt aber zu dem kleinen Abenteuer, das ich Ihnen vorführen wollte.“
Lennard staunte, als er auf dem Monitor sah, wie sich die Portale eines der Holodecks auf der Aldebaran öffneten und Darrn sowie Kazuki, Sicherheitschef des Schiffes, auf die Nachbild-ung eines asiatischen Dorfplatzes traten. Beide waren prachtvoll gekleidet: Darrn in die schwer gepanzerte Uniform eines klingonischen Kriegers, die ihm dennoch volle Bewegungs-freiheit liess, Kazuki in die nicht weniger pompöse Rüstung eines traditionellen japanischen Samurais.
„Und Sie sind sicher, dass Sie das wirklich wollen?“ fragte Darrn mit leicht spöttischem Un-terton in seiner tiefen, kehligen Stimme. Er wirkte irgendwie amüsiert.
Mit völlig regungsloser Miene gab Kazuki zurück: „Das sollte ich Sie fragen, alter Freund. Noch ist es nicht zu spät für Sie; wenn Sie diesen jugendlichen Blödsinn jetzt beenden, wah--ren Sie ihr Gesicht und ersparen sich die Schmach.“
„Ich hatte gehofft, Sie würden das sagen. Nun kann mich nichts mehr aufhalten. Und er-warten Sie nicht, dass ich Sie schonend behandeln werde.“
Nun hob sich ein Mundwinkel des Mittvierzigers aus dem Fernen Osten. „Ich hatte gehofft, Sie würden das sagen.“
„Dann los.“ Darrn hob ein Bat’leth hoch und wies den Computer an: „Sicherheitsprogramm aktivieren. Genaue Nachbildung dieser Waffe erstellen und projizieren.“
Einen Moment darauf materialisierte sich einen Meter neben ihm eine identische klingon-ische Hieb- und Stichwaffe und schwebte einfach mitten in der Luft. Darrn legte das Original vorsichtig zur Seite und ergriff das Replikat.
Kazuki seinerseits hob nun seine Entsprechung: ein prachtvolles Katana, ein altertümliches japanisches Langschwert, blankpoliert und im direkten Vergleich zur wuchtigen Klinge seines Gegners beinahe zierlich anmutend. Auch er liess sein Schwert peinlich genau replizieren und legte die Originalwaffe zur Seite; offenbar wollte keiner der beiden, dass ihre ‘Kleinode’ beim Kampf, der nun unvermeidlich folgen musste, auch nur einen einzigen Kratzer abbe-kommen sollten.
„Der arme Kazuki,“ kommentierte Leardini beinahe mitleidig.
Lennard fragte interessiert: „Wovon redest du?“
„Das siehst du doch selbst,“ meinte sie rechthaberisch, „du weisst doch, dass ein Bat’leth aus massivem Baakonit gefertigt ist. Wie soll das gegen ein altes Eisenschwert Bestand haben?“
„Kazuki hat mir einmal erzählt, dass sein Schwert etwa zwölfhundert Jahre alt ist. Es ist aus reinstem Edelstahl, der über hundertmal gefaltet ist. Und das bei dieser dünnen Klinge... das ist keine Waffe, sondern ein Kunstwerk.“ In Lennards Stimme schwang tatsächlich so etwas wie Ehrfurcht mit.
„Na, wir werden ja sehen,“ meinte sie zweifelnd.
„Habe ich übrigens erwähnt, dass ich kaum einen disziplinierter übenden Schwertkämpfer in der Galaxie kenne? Kazuki ist eindeutig im falschen Jahrtausend zur Welt gekommen.“
„Darrn ist auch oft genug auf dem Holodeck, wo er seine netten kleinen Klingonenprogram-me durchspielt,“ hielt Leardini dagegen.
Dann wurde jemand eines besseren belehrt.
Der Klingone hieb kraftvoll auf seinen Vorgesetzten ein, konnte jedoch nichts mit seinen wütenden Attacken ausrichten, da Kazuki stets elegant parierte und die Kraft seines Gegners in harmlose Bahnen lenkte.
Dann schlug er in einer wohlüberlegten, schnellen Bewegung zu.
Und das Bat’leth von Darrn zerbrach.
Allerdings blieb ihm keine Zeit, sich darüber zu wundern, da die unglaublich scharfe und harte Klinge ihren Bogen fortführte, auf den Brustkorb des Klingonen traf und diesen zer-teilte wie Papier. Selbstverständlich löste das Sicherheitsprogramm das Innere der replizierten Klinge auf, solange Kazuki sie durch den Körper des Widersachers trieb, doch auf dem Monitor sah es für Lennard und Leardini so aus, als sei der Torso ihres Ops-Offizieres soeben perforiert worden. Leardini zuckte denn auch merklich zusammen, wie Lennard aus dem Augenwinkel registrierte.
Das Programm erzeugte ein Kraftfeld und fällte Darrn wie einen Baum. Stöhnend blieb er auf dem Boden liegen, während Kazuki sich neben seinen Torso kniete und freundlich sagte: „Ein überaus realistisches Kampftraining, nicht wahr? Sie sind tot, mein Lieber. Nehmen Sie’s nicht so schwer.“
„Das wollen wir doch erst einmal sehen! Computer, Neustart des Programmes. Dieser Glückstreffer zählt nicht.“ Sobald das Kraftfeld, das seinen Treffer simuliert und ihn am Boden gehalten hatte, sich abbaute, sprang Darrn auf, ergriff sein wiederhergestelltes Bat’leth und ging in Ausgangsstellung.
Der Japaner seufzte. „Ich hatte so etwas schon geahnt.“
Mit einem tierähnlichen Brüllen schlug Darrn wieder zu. In dem Augenblick, in welchem die Klingen der zwei so unähnlichen Waffen sich kreuzten, fror das Bild ein.
Kalls Gesicht erschien wieder auf dem Monitor, selbstredend mit einem breiten Grinsen. „Den Rest möchte ich Ihnen ersparen. Nur soviel: In der nächsten Dreiviertelstunde „starb“ Darrn noch weitere siebzehn Male. Sechsmal in direkter Folge davon, dass sein Bat’leth an Kazukis Katana zerbrach. Die anderen elf Tode waren sehr schnell und plötzlich und wären im Ernstfall bestimmt vollkommen schmerzlos gewesen.“
„Eine bittere Niederlage für unseren Darrn, nicht wahr? Ich hoffe, sein Ego hat es verkraftet.“ Leardini zeigte Mitleid, wusste sie doch genau um den Stellenwert des Kriegerstolzes im Leben eines Klingonen.
„Bevor ich ihn zum Transfer entlassen habe, führte ich noch ein ausgiebiges Gespräch mit ihm. Er ist okay, glauben Sie mir. Und in etwa drei Tagen sollten Sie ihn wiederhaben.“ Kall grinste: „Was für ein Aushilfsklingone.“
„Ist es das, was Sie ihm gesagt haben? Ihre Tage als Counselor scheinen wohl schon weiter zurückzuliegen, als gut für Sie ist.“ Nun war es an Lennard, schadenfroh zu grinsen.
„Ein Punkt für Sie, Captain. Wir sprechen uns hoffentlich bald wieder. Kall Ende.“ Sie brach die Verbindung ein wenig zu hastig für Lennards Geschmack ab. Er sah Leardini an.
Dann lachten beide.
„Ein ziemlich offensichtlicher Rückzieher, was?“ stiess sie hervor.
Vier Stunden vor dem Rendezvous mit dem Transporter wurde klar, dass dieser es nicht rechzeitig zum Treffpunkt schaffen würde, deswegen nahmen sie ihre Reisegeschwindigkeit auf Warp Zwei zurück. So sparten sie Energie und würden nicht lange auf die Mannschafts-mitglieder warten müssen, die zu ihnen gebracht wurden.
Als sie auf Transporterreichweite heran waren, liessen sich Lennard und Leardini auf der Brücke ablösen und begaben sich zum Transporterraum, um die Neuankömmlinge persönlich in Empfang und nicht zuletzt auch in Augenschein zu nehmen. Ausser ihrem Ops-Offizier Neer Darrn erhielten sie noch weitere vier neue Crewmitglieder als Ersatz für die Verluste. Damit waren sie zwar beileibe noch nicht auf Sollstärke, doch der Personalmangel in der Sternenflotte verschonte eben niemanden. Sie verfügten leider nicht über den Luxus, wie ihre Gegner ihre Soldaten in gentechnischen Fertigungsanlagen nach Belieben zu züchten.
Lennard sagte, als sich der Turbolift kurz vor dem Transporterraum öffnete: „Und denk bloss daran, nicht zu lachen, wenn wir Darrn begrüssen. Er darf auf gar keinen Fall erfahren, dass wir von seinem ‘Duell’ mit Kazuki erfahren haben. Wir können keinen verunsicherten Brück-enoffizier brauchen, der uns vor verletztem klingonischen Stolz und lauter Scham nicht mehr in die Augen sehen kann.“
„Für wen hältst du mich?“ wollte Leardini wissen und musste unbeherrscht losprusten, als sie den warnenden Blick ihres Mannes als Antwort auf ihre rhetorische Frage sah. „Okay, okay, ich hab schon verstanden. Ich werde mich beherrschen, versprochen.“
Sie betraten den Transporterraum und postierten sich neben die Bedienungskonsolen, so dass sie nicht im Weg standen. Lennard nickte dem diensthabenden Fähnrich, einem blutjungen und wahrscheinlich noch recht unerfahrenen Akademieabgänger, unverbindlich zu und be-deutete ihm, er solle sich von ihrer Anwesenheit nicht beirren lassen und nach Vorschrift weitermachen.
Im Widerspruch zur Aufforderung des Captains kommentierte der Fähnrich nun jeden seiner Arbeitsschritte laut: „Koordinaten übermittelt, Transferfokus ausgerichtet, sechs zu beamende Personen gescannt und dematerialisiert. Muster durchlaufen Transporterpuffer, werden auf Emitterphalanx gesandt. Ringförmiger Eindämmungsstrahl aufgebaut und stabilisiert. Unser Musterpuffer empfängt den Materiestrom. Biofilter und Sicherheitsprotokolle sind aktiv. Kei-ner der sechs trägt biologische Erreger oder versteckte Waffen in oder an sich. Leite jetzt Re-materialisierung ein.“
In der Sekunde, in der die Litanei endete, reifte die Erkenntnis in Leardini. „Warten Sie einen Moment! Sagten Sie gerade ‘sechs Personen’, Fähnrich? Uns sind nur fünf gemeldet worden. Es muss sich um einen Irrtum handeln.“
Verwirrt erwiderte der junge Techniker: „Tut mir leid, Commander. Ich habe eindeutige An-weisungen vom Transporterchief des anderen Schiffes bekommen, sechs Personen zu trans-portieren.“
„Wir bekommen also ungebetenen Besuch,“ murmelte Leardini leise. Als Erste Offizierin ge-hörte es zu ihrer Natur, immer wachsam und misstrauisch zu sein, wenn dem Schiff poten-zielle Gefahr drohte, egal ob von innen heraus oder von aussen.
Lennard meinte pragmatisch, wie es seine Art war: „Komm schon, Stefania, der Fragliche ist unbewaffnet und trägt keine biologischen Killerviren oder Ähnliches in sich. Ausserdem steht er einen Meter neben einem Klingonen. Welche Art von Bedrohung kann er wohl ausüben? Du willst ihn wohl nicht ins Weltall hinausbeamen, nur weil die Sternenflotte bei der Über-mittlung der Nachschubliste für Personal geschlampt hat.“
„Schon gut, ich habe nichts gesagt,“ grummelte sie darauf. „Materialisieren Sie sie schon!“
Nun endlich erschienen mit dem typischen leisen, hellen Summton die sechs angekündigten Personen zunächst in Form von gelbweisslich leuchtenden Lichtflecken, die sich aus Hüft-höhe heraus senkrecht hinauf- und hinabstreckten, bis sie die Grösse und dann auch die Um-risse von Humanoiden annahmen. Innerhalb einer Sekunde füllten sich diese Flecken mit menschlichen Gestalten, während das Leuchten gleichzeitig verblasste. Lennard fiel auf, dass sie alle zeitlich versetzt auftauchten, was hiess, dass der Fähnrich an den Kontrollen wirklich noch nicht sehr erfahren im Umgang mit einer Transportvorrichtung war, wenn er nicht alle Personen gleichzeitig materialisierte.
Zuerst erkannte er die hochgewachsene Gestalt ihres Einsatzleitenden Offizieres Darrn. Dieser hob lächelnd die Hand zum Gruss, sobald er erkannte, wer ihm gegenüberstand. Die nächsten Personen kannte er alle nicht; das waren dann wohl die neuen Mitglieder, dem Augenschein nach sämtlich frisch von der Akademie, falls sie diese überhaupt abgeschlossen hatten und nicht noch vor Beendigung ihrer Ausbildung vom Oberkommando an die Front ge-schickt worden waren, um ihre Verluste auszugleichen.
Unaufmerksam musterte er sie nacheinander: eine vulcanische Arzthelferin, ein Techniker von Tellur, ein weiterer bolianischer Techniker, eine nordländisch-terranisch anmutende An-wärterin in roter Kommandouniform.
Dann stockte ihm der Atem, als die letzte Person sichtbar wurde.
Gleichzeitig rief Leardini mehr bestürzt als überrascht aus: „Sam! Sam Kall! Was tun Sie denn hier?“
„Oh, danke, ich freue mich auch sehr, Sie persönlich zu sehen, Stefania, Kyle. Und was ich hier mache, steht hier.“ Nach ihrer kecken Erwiderung stieg sie von der Transporterplattform und reichte Lennard einen kleinen PADD, auf dem sie von der Admiralität signierte Befehle mitgebracht hatte.
„Das ist einer Ihrer Scherze, nicht wahr?“ fragte er misstrauisch, indem er die Order überflog.
„Ich bin nicht Doc Stern, Sir,“ gab sie zu bedenken, „und ich hoffe doch sehr, dass sein - ich bedaure es, das sagen zu müssen - von Geburt an missratener Humor nicht auf mich abge-färbt hat.“
„Wollen wir’s hoffen,“ wisperte er beinahe unhörbar und musterte widerwillig ihren roten Kragen unter der grauschwarzen Grunduniform, welcher sie als ein Mitglied der Kommando-riege auswies. Er konnte sich ja noch nicht einmal an den Gedanken gewöhnen, dass sie etwas anderes als Counselor gemacht haben könnte, obwohl er genau wusste, dass sie die gute alte Aldebaran, sein Schiff, in seiner und Vakufs Abwesenheit, wenn auch zum allgemeinen Erstaunen, gut geführt hatte.
Leardini wollte ungeduldig einen Blick auf den kleinen Bildschirm des isolinearen Notiz-blocks werfen, so gab Lennard ihr das PADD und spannte sich schon einmal an in Erwartung dessen, was nun kommen musste.
Zu seiner grenzenlosen Verblüffung las sie die Mitteilung und sah dann zu Kall auf: „Wenn ich das recht verstanden habe, sind also Sie meine Vertretung während meiner fortgeschrit-tenen Schwangerschaft und des angeschlossenen Kinderurlaubes. Wie haben Sie das nun wie-der angestellt?“
„Ganz einfach: nachdem ich so lange Zeit und, wenn mir gestattet ist, das zu sagen, auch recht gut als Erster Offizier und Vertretender Kommandant in Abwesenheit eines rang-höheren Offiziers die Aldebaran geführt hatte, widerstrebte mir die Vorstellung, einen fremden Ersten Offizier vor die Nase gesetzt zu bekommen und mich wegen diesem auf den Posten des Schiffscounselors zurückstufen zu lassen. Und um ehrlich zu sein, diese Möglich-keit war der erste Gedanke, der mir kam, um diese missliche Lagr zu umgehen. David war übrigens sehr verständnisvoll. Er sagte, diese Trennung wäre eine gute Gelegenheit, um die Festigkeit unserer Beziehung zu erproben und er möchte meiner Karriere nicht auf dieser Weise im Weg stehen. Ich soll Ihnen beiden liebe Grüsse von ihm ausrichten.“
„Und wieso wurden Sie uns nicht angemeldet? Wir haben keinerlei Kenntnis von Ihrer Ver-setzung gehabt.“ Lennard schlenderte zum Kontrollpult und gab beiläufig ein paar Anfragen in die Diagnoseroutinen ein.
„Ach, Sie wissen doch, wieviel Spass es mir bereitet, andere Leute zu überraschen. Und da ich noch eine Menge Resturlaub hatte, dachte ich mir, ich reiche ein paar Wochen davon ein, bevor ich mein Versetzungsgesuch geltend machen lasse, auch wenn es bereits genehmigt ist.“ Sie grinste. „Und die Überraschung ist mir doch gelungen, nicht wahr?“
„Das kann man laut sagen,“ räumte Leardini ein und warf einen Seitenblick zu ihrem Gatten, der noch immer an der Konsole stand. „Und eine bessere Methode, wie Sie eine Beleidigung von Grug Ka’rell vermeiden können, gibt es wohl auch nicht. Sie hätten Ihren wohlverdienten Urlaub allerdings auch sinnvoller nutzen können, zum Beispiel gemeinsam mit Doc Stern.“
„David konnte leider nicht freibekommen. Bevor ich meine Ferientage unter Kriegsbeding-ungen verfallen lasse, komme ich lieber ein wenig hierher und gewöhne mich schon ein biss-chen ein. Schliesslich sind mir die Schiffe der Sovereign-Klasse noch nicht sehr vertraut. Davon abgesehen bieten Ihre Holodecks den reichhaltigsten und besten Fundus an Program-men in der gesamten Flotte, wie ich aus erster Hand erfahren habe.“
Learidini wollte eben zu einer Bestätigung ansetzen, als sich plötzlich ein Transferfokus um Kall bildete. Sie sah eben noch ihren verblüfften Gesichtsausdruck, bevor die Betazoide ver-schwand. Überrumpelt sah sie zu Lennard hinüber, der mit einem grimmigen Lächeln an den Transporterkontrollen stand.
„Lennard an Sicherheit. Sie werden eine Person in Ihre Arrestzelle gebeamt bekommen. So-bald sie materialisiert ist, errichten Sie ein Abschirmfeld und warten auf mein Eintreffen. Lassen Sie sich nicht auf eine Diskussion mit Ihrer Insassin ein, verstanden? Niemand redet mit ihr.“
„Verstanden, Captain. Sicherheit Ende.“
Sobald die Verbindung mit dem Arrestblockoffizier beendet war, fuhr Leardini ihn an: „Das ist nicht dein Ernst! Was denkst du dir dabei?“
Er entgegnete einfach: „Folge mir und lerne vom Meister.“
Sie öffnete den Mund zu einer Antwort, dachte einen Moment nach und schloss ihn dann wieder. „Gut, erleuchte mich, Meister.“
Kaum hatte sich die Tür zum Arrestzellenblock geöffnet, da vernahmen sie auch schon die aufgeregte, durch das Energiefeld der Zelle leicht gedämpfte Stimme von Kall. Leardini woll-te gleich um die Ecke zum betreffenden Arrestraum eilen, doch er hielt sie sanft, aber be-stimmt am Arm zurück. „Warte noch einen Moment.“
Sie sah ihn kurz entgeistert an, doch dann hörte sie wieder ihre Kollegin: „Das wird Ihnen noch leidtun, das verspreche ich Ihnen, Bürschchen. Begreifen Sie eigentlich nicht, wer ich bin? Hallo-o! Ich weiss ja nicht, wo Sie herkommen, aber ich diene in der Sternenflotte. Hier an meinem Kragen, das heisst ‘Commander’ bei uns. Interessant, nicht wahr? Ich bin der neue Erste Offizier der Fairchild. Wenn Sie mich jetzt vielleicht endlich herauslassen würden, damit ich den Captain aufsuchen kann?“
„Tut mir leid, Ma’am, aber ich habe direkte Anweisung vom Captain persönlich. Ich dürfte nicht einmal mit Ihnen reden.“ Der Lieutenant von der Aufsicht stand neben der grossen acht-eckigen Luke, in der das Kraftfeld erzeugt wurde, das Kall am Verlassen des Zellenraumes, in welchen Lennard sie gebeamt hatte, hinderte. „Ausserdem steht Ihnen Zynismus nicht, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, Ma’am.“
„Das... das ist alles nur ein schlechter Traum.“ Nach diesem resigniert klingenden Kommen-tar von Kall hörte man leise Schritte, die sich vom Energiefeld weg ins Innere der Zelle hinein bewegten.
„Ich denke, wir können jetzt,“ meinte Lennard und ging zum Zelleneingang. Sobald Kall ihn sah, sprang sie auf die Füsse und stürzte zur Eingangsluke.
„Captain! Können Sie mir bitte erklären, was das soll? Und können Sie mich endlich hier her-auslassen?“
„Was heisst hier ‘endlich’? Sie sitzen doch erst ein paar Minuten lang. Ein bisschen müssen Sie sich schon noch gedulden. Inzwischen können Sie mir vielleicht erzählen, weshalb Sie hierher geschickt wurden? Ich dachte, Ihr Volk sei schlauer, als noch jemanden zu mir zu schicken. Oder haben Sie vergessen, wie schnell ich Ihren Artgenossen erkannt habe? Das haben Sie wohl für Zufall gehalten, was?“ Er grinste fast ein wenig boshaft.
„Ich verstehe nicht... welche Artgenossen? Wovon reden Sie eigentlich? Sie glauben doch nicht etwa... oh mein Gott, das darf nicht wahr sein!“ Als die Erkenntnis in ihr heranreifte, zeigte sich blankes Entsetzen in den Zügen der Betazoiden.
„Stellen Sie sich nicht so dumm an. Haben Sie ernsthaft geglaubt, wir kaufen Ihnen diese dünne, unrealistische Geschichte ab? Wenn ja, dann ist das ein Glückstag für uns, denn er hat uns endlich einen von Ihnen beschert.“
Auf einmal breitete sich ein hintergründiges Lächeln auf Kalls attraktiven Zügen aus. „Jetzt verstehe ich! Das ist ihre Retourkutsche für mein unverhofftes Auftreten. Also gut, für eine kurze Zeit haben Sie mich wirklich Glauben gemacht, Sie würden mich für einen Formwand-ler halten. Sie haben also Ihren Spass gehabt, dann können Sie mich jetzt ja wieder heraus-lassen.“
Lennard sah sie unverwandt an. „Was haben Sie mit Commander Sam Kall gemacht? Ich will um Ihretwillen hoffen, dass es ihr gut geht.“
Kall war schon beinahe am Energiefeld angelangt, das sie einschränkte, hielt jetzt aber inne. „Sie glauben das nicht wirklich... oder? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“
„Warten Sie einfach noch ein Minütchen, dann werden wir ja sehen. Und bleiben Sie vom Energiefeld weg.“ Der Kommandant der Fairchild verzog keine Miene.
Kall seufzte und verdrehte die Augen. „Sie wollen das wirklich durchziehen? Das ist doch wohl nur ein schlechter Scherz. Soll ich etwa jetzt damit anfangen, intime Erlebnisse zu erzählen, von denen nur wir beide wissen, um Sie zu überzeugen? Zum Beispiel...“
„Das ist nicht nötig,“ wiegelte er schnell und bestimmt ab, „ich bin sicher, Sie kennen Mittel und Wege, eine Gefangene so weit zu verhören, dass Sie genug privates Material erfahren, um eine solche Befragung mit Bravour zu bestehen. Aber machen Sie sich keine Sorgen, in wen-igen Augenblicken treffen unsere Medo-Techniker ein, dann hat der Spuk ein Ende... so oder so.“
„Fein!“ rief Kall gereizt und beobachtete, wie ein Fähnrich drei Phasergewehre nach den Anweisungen von Lennard justierte, um notfalls die Gefangene in Schach halten zu können. Nur Sekunden darauf öffneten sich die Türen zum Gang hin und ein junger Fähnrich kam herein. Er wirkte sichtlich nervös.
„Da sind Sie ja! Bitte walten Sie Ihres Amtes. Lieutenant, bereiten Sie bitte die Deaktivierung des Kraftfeldes vor. Die beiden Herren mit den Phasergewehren bitte nach links und rechts, der Medo-Techniker tritt von vorne an die Testperson heran.“ Lennard wies seine Untergeb-enen an und trat zurück, um der Prozedur nicht im Weg zu stehen.
Kall sah nun beinahe flehentlich zu Leardini herüber. „Stefania, bitte! Sagen Sie mir, dass Sie mich nicht auch für einen Wechselbalg halten.“
Die Angesprochene wich ebenfalls einige Schritte zurück, als sie mit zweifelnder Miene sagte: „Naja, anfangs glaubte ich es nicht, aber inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher.“
„Fantastisch!“ Beleidigt verschränkte Kall die Arme vor der Brust und wartete einen Meter vor der Energiebarriere auf deren Abschaltung.
„Treten Sie bitte zurück, Commander,“ forderte der Lieutenant der Sicherheit die Inhaftierte bestimmt auf und fügte dann hinzu: „Ich schalte das Kraftfeld jetzt aus.“
Mit schlotternden Knien stand der Sanitäter vor der zu Untersuchenden und wisperte ihr leise zu, in der Hoffnung, der Captain möge es nicht hören: „Bitte tun Sie mir nichts. Ich muss diesen Test durchführen, davon haben Sie sicher schon gehört.“
„Für wie grausam und herzlos halten Sie uns eigentlich?“ gab Kall ebenso leise und mit ent-rüsteter Miene zurück.
Die Augen des jungen Menschen weiteten sich, dann wandte er sich den beiden Wachtposten zu und raunte: „Wenn bei ihr auch nur ein Muskel zuckt, dann schiesst ihr, verstanden? Und denkt daran, dass Betäubung zu schwach für sie ist.“
„He, das habe ich gehört!“ brauste Kall auf und erklärte hilflos: „Das war doch nur ein Scherz, Fähnrich! Haben Sie denn gar keinen Sinn für Humor?“
Ohne eine Antwort trat der Sanitäter über die knöchelhohe Schwelle der abgeschalteten Zellentür, während Kall regungslos verharrte, mit zwei geladenen Phasergewehren auf ihren Kopf und Oberkörper gerichtet. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie das pistolen-artige Blutentnahmegerät an ihrem Oberarm angesetzt wurde und sich das kleine, trans-parente Kunststoffröhrchen mit ihrem Blut füllte.
Gebannt starrten alle auf die Blutprobe, die der Medotechniker aus dem Gerät entnahm, hoch-hielt und leicht umschwenkte.
Nichts geschah.
Erleichtert atmete der Sanitäter auf, doch Lennard hob die Hand, als Kall mit düsterer, recht-haberischer Miene sagte: „Kann ich jetzt herauskommen?“
„Einen kleinen Moment noch,“ erwiderte Lennard und richtete das dritte modifizierte Phaser-gewehr auf seine ehemalige Conselor und drückte ab, bevor diese reagieren konnte. Ein gold-gelber, dünner und auf breite Streuung eingestellter Strahl fuhr am gesamten Körper von Kall auf und ab, ohne das geringste Resultat.
Leardini war noch immer bestürzt über das Erlebte, doch Lennard streckte nun seelenruhig und lächelnd die Hand aus und sagte: „Herzlich willkommen auf der Fairchild, Commander.“
„Ich glaube, ich werde ohnmächtig,“ kommentierte Kall fassungslos.
„Soll ich Sie stützen, Ma’am?“ fragte der Sanitäter mit plötzlicher Beflissenheit. Dann fing er ihren Blick auf, worauf er sich eiligst abmeldete und das Weite suchte.
Kall baute sich vor ihrem Vorgesetzten auf. „Sie haben doch nicht wirklich vermutet, ich sei ein Formwandler, der meinen Platz eingenommen hat?“
„Keinen Moment lang, meine Guteste,“ versicherte Lennard eine Spur zu schnell. „Aber Sie müssen doch selbst zugeben, dass Ihre Geschichte ein wenig unglaubwürdig war. Wir haben Krieg und es gilt gewisse Vorsichtsmassnahmen zu beachten.“
„Das mag schon sein, aber...“
„Dann verstehen Sie sicher auch, dass ich Sie in Ihrem Quartier arretieren werde und zwei Wachen im Raum postiert lasse, während ich Ihre Befehle beim Hauptquartier hinterfrage und mir noch zusätzlich die Geschichte von der Aldebaran bestätigen lasse. Selbst wenn alles in Ordnung ist, mir ist Ihr kleiner Ausflug ins Terroristen-Milieu noch allzu gut in Erinner-ung, als dass ich Sie unbeaufsichtigt lasse. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte nur nicht, dass Sie etwas Unüberlegtes tun.“ Er wies galant zum Ausgang hin.
„Was hat dieser Krieg nur aus Ihnen gemacht, Kyle? Es ist mitleiderregend.“ Hoch erhobenen Hauptes rauschte sie an ihm vorbei; die zwei Wachtposten folgten ihr auf dem Fusse.
Leardini sah ihn fragend an. „Stellst du dir so meine Schwangerschaftsvertretung vor? Das kann ja heiter werden.“
„Ich bin nur um die Sicherheit des Schiffes besorgt,“ meinte Lennard grinsend.
- 3 -
Als die Fairchild das Ribaalc-System erreichte und unter Warp ging, war es nach Bordzeit gerade später Abend. Leardini lümmelte sich müde auf dem Kapitänssessel und wünschte sich das Ende ihrer Schicht herbei. Die Schwangerschaft machte sich inzwischen bei ihrer körper-lichen Verfassung doch stärker bemerkbar, als ihr für die Ausübung ihres Dienstes lieb war. Sie würde bald nicht mehr uneingeschränkt ihren Pflichten nachkommen können, das sah sie selbst mittlerweile ein. Schliesslich musste sie auch das Kind in ihrem Leibe schonen.
„Da wären wir also,“ stellte sie desinteressiert fest. „Befindet sich diese Callisto schon im System?“
Der Leutnant an der Komm-Station schüttelte auf ihren fragenden Blick hin bedauernd den Kopf. „Alle Anfragen negativ. Keinerlei Subraum-Funkverkehr auf den üblichen Grussfre-quenzen, Commander.“
„Und die sollen doppelt so schnell sein wie wir? Momentan neige ich noch dazu, das für ein Gerücht zu halten,“ brummelte die Erste Offizierin unzufrieden, um sich dann der Navigation zuzuwenden. „Conn, haben Sie irgendwas auf den Sensoren?“
„Hier im System und im umgebenden Raum nicht, Ma’am. Ich schalte um auf Langstrecken-sensoren.“ Der junge Fähnrich sah nicht von seinen Instrumenten auf, als er konzentriert sei--ner Arbeit nachging.
Leardini setzte sich ein wenig aufrechter hin. „Das hätten Sie ruhig schon ein wenig früher tun können. Und wenn Sie mich noch einmal <Ma’am> nennen, werde ich mir für Sie etwas ganz Spezielles ausdenken, nach dem Sie sich vorkommen werden wie im ersten Jahr Ihrer Kadettenausbildung. Ist das klar, Fähnrich?“
Der junge Akademieabsolvent sass nun kerzengerade in seinem Sitz und blickte starr gerade-aus. „Ja, Sir!“
Mit einem befriedigten Grinsen dachte sie: <Na also, ich habe es nicht verlernt. Einmal Aus-bilder, immer Ausbilder. Ich würde gerne wissen, wie viele meiner Ex-Kadetten nachts noch meine Stimme in ihren Träumen hören.>
„Also, was macht die Abfrage der Fernbereichssensoren?“ erinnerte sie ihren Untergebenen mit süffisantem Unterton und holte ihn dadurch unvermittelt in die Wirklichkeit zurück.
„Einen Augenblick, bitte. Ja, ich habe eine Ortung, nähert sich aus Richtung 059,018 mit hohem Warp. Die Kennung bestätigt, dass es sich um die U.S.S. Callisto handelt, Entfernung knapp 27 Lichtjahre. Die Hintergrundstrahlung der hiesigen Sonne schränkt den Subraumfunk allerdings auf weitere Entfernungen erheblich ein, weshalb wir keine Verbindung bekommen können.“
„Ist das alles? Gibt es sonst nichts, was eine Meldung wert wäre?“ Leardini gab sich noch nicht vollends zufrieden.
„Eigentlich nicht, Sir. Das Muttergestirn des Ribaalc-Systems hat etwa den vierfachen Son-nendurchmesser und 51 Sonnenmassen, Oberflächentemperatur knapp 16000 Kelvin, Spek-tralfarbe bläulich. Drei Planeten, zwei kleine Felskörper der Klasse J, beide kleiner als 2’000 km und ein nicht klassifizierbarer Gasriese mit knapp 100’000 km Durchmesser. Ferner...“
„Einen Moment,“ unterbrach Leardini unwirsch, „was heisst ‘nicht klassifizierbar’? Wie wollen Sie behaupten, dass der dritte Planet ein Gasriese ist, wenn er nicht klassifiziert ist?“
Eilig rechtfertigte sich der Conn: „Ich dachte, aufgrund der Grösse des Körpers kann es sich eigentlich nur um...“
„Unsinn!“ tat die temperamentvolle Italienerin ab. „Ich habe vor einigen Jahren einen Plane-ten der Klasse J mit über 500’000 km Durchmeser gesehen. Was fällt Ihnen dazu ein?“
„Unmöglich! Ein so grosser massiver Körper würde allein schon aufgrund seiner Masse kol-labieren und...“ setzte der Gescholtene zu einem entrüsteten Protest an.
„Dann sollten Sie sich bei Gelegenheit vielleicht einmal die Spezifikationen des Alnilam-Systems ansehen, mein Gutester. Dieser heisse Überriese dürfte theoretisch aufgrund seiner physikalischen Charakteristika gar keine Planeten ausbilden können. In der Praxis aber bildet er, wie wir heute wissen, durch seine ungeheure Masse und Fusionstemperatur in seinem In-nersten Kern Gravitonen aus, die sich analog seines Magnetfeldes von den Polen aus in Feld-linien um Alnilam herum erstrecken. Dadurch gibt es eine ringförmige Zone in diesem Sy-stem, in der das Schwerefeld der Sonne besonders stark ist sowie innerhalb und ausserhalb dieser Zone zwei Gürtel, in denen die Gravitation schwächer ist und die Bildung von Planeten ermöglicht hat. Interessanterweise gibt es im inneren Gürtel fünf Planeten, dann eine riesige Lücke und schliesslich weit ausserhalb des Gravitonenfeldes noch einen einzelnen Planeten. Wir hatten das bei unserer ersten Erkundung gar nicht herausgefunden, brauchten aber mehr als anderthalb Tage, nur um den besagten grossen Planeten der Klasse J für Vermessungen zu umkreisen. Ein altes Forschungsschiff der Oberth-Klasse hat dann den Rest erledigt. Aber das, was wir taten... das war Pionierarbeit, mein Junge.“
Fast schon bewundernd stimmte der Fähnrich zu: „Da haben Sie wohl recht. Ich werde mir die Daten dieses Sternensystems bei nächster Gelegenheit ansehen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie es waren, die das Alnilam-System das letzte Mal erforschten, bevor es zur verboten-en Zone erklärt wurde. Haben Sie denn viele Planeten erforscht?“
Leardinis Augen weiteten sich, als sie ungläubig tönte: „Ja, haben Sie denn überhaupt eine Ahnung, wo Sie sich hier befinden? Captain Lennard ist der einzige Captain der Starfleet, der mehr als ein Prozent des Föderationsraumes kartografiert hat.“
Selbstverständlich verschwieg sie den Fakt, dass Lennard selbst diesen Fakt überhaupt nicht als Kompliment empfunden hatte, als ihm das ein Admiral einst bei einem Empfang offenbart hatte. Für ihn hatte das nämlich trotz all der interessanten Entdeckungen eine recht eintönige Fünf-Jahres-Mission in allen möglichen abgelegenen Winkeln der Föderation bedeutet.
Noch immer gab es viele unwichtige, nicht genau erfasste Systeme, die nur aufgrund ihrer all-gemeinen Lage in der Galaxie zum Föderationsraum dazugehörten, ansonsten aber in derart abgelegenen oder gar gefährlichen Gebieten lagen, mochte diese Gefahr nun astronomischer oder xenomilitärischer Natur sein, dass sich niemand wirklich dafür interessierte. Wenn die Tiefenraumscans keine direkten Hinweise auf irgendwelche lohnenswerte Ressourcen in sol-chen entfernten Winkeln ergaben, wurden sie meist nicht einmal der Mühe wert erachtet, ein Forschungsschiff dorthin zu entsenden.
Auch Ribaalc war ein solches System. Wären nicht die enormen Verschiebungen aller inter-stellaren Reiserouten durch die grossräumigen Grenzverschiebungen infolge des Krieges mit dem Dominion gewesen, wäre sicher noch lange Zeit niemand hierher gekommen. Nun, selbst so war Ribaalc nur ein Treffpunkt, der durch Zufall etwa auf halbem Weg zwischen beiden Schiffen auf der Route zu ihrem Bestimmungssektor lag.
Und dennoch wollte Leardini noch mehr über diese unwichtige Ecke erfahren, wahrscheinlich nur aus reiner Gewohnheit; war sie doch die meiste Zeit mit Lennard gemeinsam auf der Aldebaran gewesen, während sie den Alpha-Quadranten durchkreuzt und vermessen hatten. „Was können Sie mir noch über dieses System berichten?“
„Die Sonne produziert eine relativ hohe Hintergrundstrahlung mit mehreren Strahlungs-spitzen, die die Nahbereichssensoren bis in den Subraumbereich hinein beeinträchtigen. Bisher sind nur vierzig heisse Riesensonnen bekannt, die ein eigenes Subraumfeld erzeugen, wovon Ribaalc die kleinste ist. Genauere Daten von den Planeten können deshalb über diese Entfernung nicht erfasst werden. Und am Perimeter der Fernbereichssensoren registriere ich eine lokale Subraumverlagerung, die sich schnell nähert und in sehr tiefe Subraumschichten hineinreicht.“
„Klingt suspekt. Wie nahe kommt diese Erscheinung dem System?“
„Bei konstantem Tempo und Kurs wird es uns in etwa fünf Minuten in knapp einer Licht-woche Entfernung passieren. Die Geschwindigkeit der Erscheinung ist enorm; die Subraum-wellen unserer Sensoren können kaum Daten ermitteln, da das Phänomen beinahe so schnell ist wie die Wellen selbst. Und es zieht eine Art Schleppe hinter sich her, die bis zum Rand un-serer Sensorenreichweite zurückreicht.“ Ungläubig las der Conn seine Anzeigen ab.
„Kann das unserem Schiff gefährlich werden?“
„Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, da die Dimensionen der Erscheinung sehr klein und scharf umrissen sind. Aus angemessener Entfernung könnten wir genaue Daten sammeln und wären trotzdem sicher.“
„Na, dann nichts wie hin. Das sollten wir uns mal aus der Nähe ansehen.“
Sie flogen mit hohem Warp in die Nähe der Stelle, wo sie das voraussichtliche Passieren der Subraumwelle erwarteten. Leardini befahl vollen Stopp und erhob sich von ihrem Sessel, um langsam zur Conn-Station vorzuschlendern. Interessiert fragte Sie indessen: „Wie lange noch bis zum Eintreffen der Subraumwelle?“
„Nur noch vierzig Sekunden, Commander. Diese Signatur ist sehr ungewöhnlich; ich habe so etwas noch nie gesehen...“ Nachdenklich musterte der Fähnrich die Anzeige.
„Was hat denn die Computeranalyse ergeben?“ Die Erste Offizierin hatte nun den Steuerstand der Brücke erreicht und sah ihm über die Schulter.
„Die Computer... analyse? Oh, das... habe ich...“ Verlegen begann der junge Fähnrich zu stot-tern.
Leardini verdrehte die Augen nach oben. „Jetzt sagen Sie bitte nicht, das haben Sie vergessen. Muss man denn an alles selbst denken? Lassen Sie doch mal sehen...“
Ihr Blick fiel auf ein vertrautes Energiemuster.
Und ihre Augen weiteten sich.
„Alarmstufe Rot! Sofort alles auf Gefechtsbereitschaft. Captain Lennard auf die Brücke!“ Leardini hetzte zum Kommandantensessel zurück und warf sich fast hinein, so als erwarte sie gleich eine heftige Erschütterung.
Um sie herum reagierten die Besatzungsmitglieder zögerlich und mit fragenden Mienen. Sie bemerkte das und rief zornig: „Herrgott nochmal, was wir gefunden haben, ist ein Transwarp-Kanal! Mit ziemlicher Sicherheit fliegt in fünf Sekunden ein Borgschiff an uns vorbei, woran ich persönlich aber nicht glaube. Sie werden bestimmt auch Interesse an uns haben.“
Das wirkte.
Plötzlich waren alle hellwach und darauf bedacht, die Fairchild so schnell wie möglich ge-fechtsbereit zu machen. Ihre Schutzschirme konnten das Feuer eines Borgkubus zumindest für eine begrenzte Zeit abhalten, wie ihr Schwesterschiff Enterprise-E bereits bewiesen hatte. Leardini war jedoch nicht besonders erpicht darauf, das auszuprobieren.
Und wie von Leardini vorausgesagt, flog das Schiff nicht vorbei.
„Ein Körper tritt aus dem... dem Subraumkanal aus, Sir, geht unter Warp.“ Die Stimme des Conn zitterte leicht.
„Auf den Schirm,“ hauchte Leardini gebannt. Bitte nicht, dachte sie nur mit aufgestellten Nackenhaaren. Nicht noch einmal diese Hölle durchleben...
Auf dem Hauptschirm erschien der grünlich leuchtende Transwarpkanal, der nahe ihrer Posi-tion kollabierte und etwas in den freien Raum entliess. Mit Grauen erkannte Leardini an der Struktur und Farbe der Oberfläche, dass es sich um Borgtechnologie handelte. Die Form die-ses Flugkörpers jedoch war für sie etwas Neues. Er sah aus wie ein grosser quaderförmiger Sarg, der an jeder Kante eine zusätzliche diagonale Fläche eingearbeitet hatte. Von der Grösse und der Masse her erreichte er nicht einmal die Hälfte der Fairchild.
„So etwas habe ich noch nie gesehen,“ kommentierte der Steuermann fassungslos.
„Kann ich mir denken,“ gab Leardini lakonisch zurück und fragte dann nervös nach: „Was ist mit dem Captain? Wo bleibt er so lange?“
„Der Komm-Offizier rief noch einmal nach Lennard und meldete dann: „Ich kann ihn nicht erreichen, Commander. Dem Signal seines Kommunikators nach müsste er in seinem Quar-tier sein.“
Eine dunkle Vorahnung liess Leardini einen kalten Schauer den rücken hinablaufen.
„Schicken Sie sofort ein schwer bewaffnetes Sicherheitsteam dorthin.“ Sie wandte sich wie-der dem Schirm zu: „Was tun die da nur? Empfangen wir keine Aktivität?“
Als Merven und Dween auf die Brücke gestürmt kamen und ihre Stationen einnahmen, ant-wortete Wenjorook. „Keine feststellbare, Commander. Keine Lebenszeichen an Bord, aber of-fenbar ein instabiles Energierelais, soviel ich feststellen kann. Sollen wir weitere Massnah-men ergreifen?“
„Zunächst genauer scannen und abwarten, Mr. Wenjorook. Wir müssen irgendwie herausfin-den, was das alles soll. Halten Sie jedenfalls das Schiff mit sämtlichen Waffen erfasst.“ Ihr kam nicht einmal in den Sinn, das Schiff zu rufen. Mit den Borg zu diskutieren machte nach ihrer Erfahrung wenig Sinn.
„Aye, Commander. Allerdings werden wir nicht viel Gelegenheit zum Abwarten haben, denn wenn ich dem Computer glauben soll, wird sich der Primärantrieb in weniger als zehn Minut-en überladen und das Borgschiff zerstören.“ Wenjorook sah die befehlshabende Offizierin an, die kurz überlegte und dann auf den Turbolift zuging.
„Mr. Wenjorook, Mrs. Wuran, bitte folgen Sie mir. Wir nehmen noch drei Sicherheitskräfte mit, und zwar unsere besten, wenn es sich einrichten lässt. Treffpunkt Waffenkammer neben dem Transporterraum auf Deck Acht. Mr. Soares, Sie haben die Brücke. Los!“
Erst als sie schon mit einem Bein in der Liftkabine stand, realisierte sie, dass alle erstarrt auf ihren Plätzen geblieben waren und sie anstarrten. Erbost rief sie: „Na los, Bewegung! Ich weiss genau, was ich tue und was ich mir zumuten kann. Glauben Sie, ich denke nicht an mein Kind?“
Nun folgten ihr Wuran und Wenjorook zögerlich und mit betretenen Mienen in den Lift. Es war offensichtlich, dass Leardini mit ihrem Ausbruch den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
Es war dunkel auf dem Deck. Die sechs erscheinenden Transporterfokusse, die von einem lei-sen Summen begleitet wurden, änderten das nur kurz. Als die Gestalten sich materialisiert hatten, bestand ihre erste Handlung darin, ihre an den Handgelenken befestigten Lampen ein-zuschalten und sich in dem finsteren Korridor umzusehen. Beinahe gleichzeitig schalteten sie ihre Individualschilde ein, deren Generatoren an ihren Gürteln befestigt waren.
Wuran blickte einen kurzen Moment lang auf die groteske Gestalt von Leardini. Mit dem Schwangerschaftsbauch, dem Impulsgewehr in einer Hand und einem Tricorder in der ander-en, wirkte sie hier an Bord eines feindlichen Schiffes so fehl am Platz wie nur irgend mög-lich. Die Technik des Schiffes selbst schien dem Augenschein nach intakt zu sein, dachte die bajoranische Wissenschaftlerin.
Wuran las die Werte ihres Tricorders ab. „Ich empfange Reste von diversen Strahlungsarten. Dieses Schiff muss während des Transwarpfluges einer hohen Belastung ausgesetzt gewesen sein. In dieser Richtung empfange ich Reste von organischem Material, Entfernung zehn Meter.“
Wenjorook schob sich vor Leardini, bevor diese auf die Idee kommen konnte, den Trupp selbst anzuführen; schliesslich war er der Sicherheitschef der Fairchild, womit er das als sei-ne Aufgabe betrachtete. Mit dem Gewehr im Anschlag pirschte er den dunklen Gang entlang zur nächsten Biegung und verharrte vor der Ecke. Er hob die Hand, um die anderen anzuhal-ten, schaltete dann seine Lampe ab und spähte vorsichtig in den Bereich vor ihm. Dank seiner hervorragenden Nachtsicht konnte der Andorianer auch ohne zusätzliche Beleuchtung genug erkennen.
„Was sehen Sie?“ wisperte Leardini hinter ihm fast unhörbar.
Mit entspannter Haltung trat er vor und sagte: „Sehen Sie selbst. Das glauben Sie mir sowieso nicht.“
Und er hatte recht.
Leardini und die anderen folgten ihrem Sicherheitschef in einen rechteckigen Raum von etwa vier mal zehn Metern. Seine Wände waren angefüllt mit Konsolen, Instrumenten und Bedien-ungselementen. Alles schien zu funktionieren und seinen normalen Gang zu gehen, abgesehen von einigen Warnanzeigen, die wohl von der drohenden Explosion des Hauptantriebes zeug-ten.
Umso unheimlicher waren dafür die vier humanoiden Gestalten, die mitten in der Bewegung erstarrt waren und wie versteinert an den Geräten standen, die sie gerade bedient hatten, als etwas Unvorstellbares mit ihnen passiert sein musste. Den vielfältigen technischen Prothesen an ihren Körpern nach zu urteilen waren es eindeutig kybernetische Organismen.
Wuran bestätigte dann auch, was alle dachten: „Es sind Borg, Commander. Irgendetwas ist mit ihnen passiert, was ihren organischen Teil beeinträchtigt haben muss. Der Tricorder sam-melt noch Daten, aber ich habe bereits eine Vermutung... oh nein!“
Alle sahen erschreckt zu Wuran hin, als diese in nacktem Entsetzen aufschrie und folgten dann mit den Augen dem Strahl ihrer Handlampe. Er war auf den Kopf eines der Cyborg-menschen gerichtet, sodass nun alle erkennen konnten, welcher Art dieses Individuum vor seiner Assimilierung angehört hatte.
„Ein Jem’hadar!“ Leardini versagte die Stimme vor Grauen, so dass sie nur ein heiseres Flüstern zuwege brachte. Allein der Gedanke an die Möglichkeiten, die sich aufgrund dieser Entdeckung vor ihrem Geiste auftaten...
„Es waren alle Jem’hadar, Commander,“ berichtete Wuran und holte ihre Vorgesetzte damit wieder in die Wirklichkeit zurück. „Der Tricorder hat die Messungen abgeschlossen. Dem-nach ist dieses Schiff während des Vorbeifluges in der Nähe des galaktischen Zentrums in ein Gebiet geraten, wo sehr starke kosmische Kappa- und Lybra-Strahlung gemeinsam mit Theta-Strahlung auftrat. Offenbar hat die Kombination dieser verschiedenen Strahlungsarten in einer ansonsten nicht in der Natur vorkommenden Grössenordnung die Zellmembranen in ihren Körpern ausgehärtet. Ein furchtbarer Tod; sie sind regelrecht versteinert. Dieses Phäno-men ist mir bisher völlig unbekannt gewesen.“
„Wir haben auch nicht besonders viel Erfahrung mit Transwarpflügen im inneren Bereich der Galaxie,“ kommentierte ein Sicherheitsoffizier zynisch und machte die anderen darauf auf-merksam: „Wir sollten so schnell wie möglich alle Daten, auf die wir Zugriff erlangen kön-nen, aus ihren Speichern sammeln und dieses Horrorkabinett verlassen, bevor es explodiert.“
„Eine korrekte Einschätzung der Lage, Lieutenant,“ lobte Wenjorook und machte sich sofort daran, den Vorschlag in die Tat umzusetzen, ohne auf die Zustimmung seiner Kommandantin zu warten. Angesichts der Dringlichkkeit ihrer Lage sah Leardini darüber hinweg und betei-ligte sich stattdessen an der Datensammlung.
Kaum zwei Minuten später erklang ein Komm-Signal. „Brücke Fairchild an Aussenteam.“
„Hier Leardini. Was gibt es, Mr. Soares?“
„Hier Kall. Ich habe mir die Freiheit genommen, die Brücke zu übernehmen. Was haben Sie sich nur bei der Ausführung dieser Aussenmission gedacht, Stefania? Unseren Anzeigen nach überlastet das beschädigte Energierelais in weniger als sechzig Sekunden und wird den An-trieb des Borgschiffes in die Luft sprengen. Sie sollten sich unverzüglich zurückbeamen las-sen.“ Die Ernsthaftigkeit in der Stimme der jungen Betazoiden war unverkennbar.
„Einverstanden. Holen Sie uns zurück aufs Schiff.“ Leardini trat einen Schritt zurück von der Konsole, die sie mit ihrem Tricorder angezapft hatte und deaktivierte ihren Individualschild, damit der Transporter sie erfassen konnte. Sie nahm aus dem Augenwinkel wahr, dass die an-deren es ihr gleichtaten. „Sechs zum Beamen bereit.“
Kaum hatte sie das gesagt, erklang ein dumpfes Grollen tief im Inneren des Borgraumers. Be-gleitet wurde es von einem Vibrieren der kalten Metallplatten des Decks, auf welchem sie standen. Ein schwacher Hauch von warmer Luft strich über Leardinis Wange; wohl der ent-fernte Ausläufer einer Druckwelle. Die Anzeigen der Konsole vor ihr flackerten kurz, wurden dunkel und erhellten sich dann erneut, als die Versorgung der Anlagen im Raum von einem sekundären Energiekreis gespeist wurde, der den ausgefallen automatisch überbrückte. Dem-nach musste das hier eine wichtigere Steuereinrichtung sein, als Leardini eigentlich vermutet hätte.
„Fairchild, jetzt wäre kein schlechter Zeitpunkt zum Beamen,“ meldete sich Wuran und zitierte damit unbewusst den ironischen Standardwitz, der in solch heiklen Situationen beim Warten auf den Transport immer wieder unwillkürlich von irgendjemandem gemacht wurde, um die eigene Nervosität zu überspielen.
In diesem Fall hatte das jedoch nichts geschadet. Eine wesentlich heftigere Detonation holte sie beinahe von den Füssen, während ein ohrenbetäubendes Krachen ihre Sinne betäubte. Hin-ter der Ecke, aus der Richtung, von wo sie gekommen waren, gleisste blendende Helligkeit auf, während zugleich sämtliche Konsolen in ihrem Raum endgültig erloschen. Nach einem Moment erneuter Dunkelheit gab es eine weitere Explosion, die aus dem Gang grosse Metall-teile und -splitter an die Seitenwand der Biegung schleuderte, die zu ihrem Standort führte.
„Verdammt, holt uns endlich hier heraus!“ schrie einer der Sicherheitsoffiziere in einer Mi-schung aus Panik und ohnmächtiger Verzweiflung. Dann fegte eine Wolke aus erhitztem Gas und Feuer gegen die Ecke, schlug in den Gang und wallte auf sie zu. Doch nun endlich fühlte Leardini das vertraute und so ersehnte Kribbeln des Transportfokus, der sie dematerialisierte. Das letzte, was sie von dem unheimlichen und fremdartigen Borgschiff sah, waren die explodierenden Konsolen um sie herum, die tausende scharfer, erhitzter Plexsplitter durch ihre Körper hindurchjagten und eine Feuerwand, die auf sie zuschoss.
Dann nichts mehr ausser einem hellen Flimmern.
Und als nächstes stand sie unversehrt auf der Transporterplattform neben ihren Gefährten, die allessamt zornig auf den Fähnrich hinabblickten, der verlegen hinter der Bedienungsarmatur des Transporters stand.
Leardini entfuhr es ungehalten: „Was hat denn da, verdammt noch mal, so lange gedauert?“
„Bitte entschuldigen Sie vielmals, Commander, es war mein Fehler. Ich hatte die Koordinaten ihres Ankunftsortes in der Erfassung des Standortes gelassen, anstatt gleich ihre Lebenszei-chen oder Kommunikatoren zu erfassen. Ich habe jedoch mein Versäumnis gleich bemerkt, als ich nur heisse Luft herübergebeamt hatte und...“
Weiter kam er nicht, als einer der Sicherheitsoffiziere des Aussenteams, ein hochgewachsen-er, kräftiger Bolianer von der Transporterplattform stürmte und ihn mit einem einzigen ge-zielten Faustschlag über die Konsole hinweg niederstreckte. Mit geballten Fäusten stand er dann über dem überrumpelten jungen Asiaten und schrie ihn an: „Du hast nur heisse Luft gebeamt? Uns ist dieses ganze Scheiss-Schiff um die Ohren geflogen! Einen winzigen Aug-enblick später und du hättest heisse Leichen gebeamt, kapierst du das? Sieh dir das hier an, Mann!“
Erst jetzt sah der Transporterfähnrich, dass wirklich alle Uniformen des Aussenteams zu dam-pfen schienen vor Hitze. Ihre Haare waren ein wenig angesengt und alle menschlichen und auch die bajoranische Teilnehmerin ihrer Aussenmission hatten gerötete Gesichter sowie Hände.
„Bitte, nicht mehr schlagen! Helft mir doch,“ wimmerte der Fähnrich und hielt sich in einer bemitleidenswerten Geste die Arme schützend über den Kopf.
Leardini fragte mit unbewegter Miene: „Wobei sollen wir helfen? Wir haben Dank Ihrer In-kompetenz Verbrennungen zweiten Grades und müssen uns jetzt auf der Krankenstation be-handeln lassen. Wenn Sie Ihre Verletzung, die Sie sich wohl beim Ausrutschen und An-schlagen an der Konsole zugezogen haben müssen, ebenfalls behandeln lassen wollen, be-gleiten Sie uns besser. Heute wird niemand mehr das Pech haben, sich beamen lassen zu müs-sen.“
Der unerfahrene Fähnrich rappelte sich auf und schlich mit betretener Miene zum Ausgang.
Leardini sagte, sobald er ausser Hörweite war: „Ich wusste nicht, dass es personell derart schlimm um uns steht. Dass uns das Oberkommando solch unerfahrene und frontuntaugliche Kadetten schickt, die nur mit Mühe und Not die Ausbildung hinter sich gebracht haben und wahrscheinlich nur pro forma zu Fähnrichen ernannt wurden, um auf einem Schiff an der Front dienen zu können...“
„Wir haben alle klein angefangen, Sir,“ warf Wuran ein.
„Aber nicht unter Kriegsbedingungen,“ widersprach Leardini. „Diese Anfänger sind dem Druck nicht gewachsen und machen Fehler, übersehen Dinge, die Menschenleben und sogar das ganze Schiff gefährden... bereits gefährdet haben. Das ist nicht mehr lustig.“
„Lustig ist nichts an diesem Krieg, Stefania,“ gab Wuran zu bedenken und ging zum Ausgang. „Lassen wir uns behandeln? Ich kann Verbrennungen nicht ausstehen.“
Sie waren nicht lange auf der Krankenstation geblieben. Als Leardini und Wuran auf der Brücke ankamen, war keiner der Senioroffiziere auf seinem Posten. Fragend sahen sie sich um, was der Leutnant auf dem Kommandantensessel bemerkte und sich zu Wort meldete: „Oh, Commander! Ich soll Sie gleich in den Konferenzraum schicken; die anderen Führungs-offiziere haben bereits mit einer Besprechung angefangen.“
„Danke, Lieutenant.“ Wortlos steuerte sie den rückwärtigen Bereich der Brücke an, Wuran dicht auf den Fersen.
„Was ist da los?“ fragte sie sich beim Betreten der Beobachtungslounge.
Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Alle sahen auf, als Wuran und sie hereinkamen und ihre Plätze einnahmen. Lennard sah sie besorgt an und fragte: „Seid ihr in Ordnung?“
„Wir haben uns nur ein paar Verbrennungen eingehandelt. Doc Endi hatte das in ein paar Minuten behandelt, also sind wir jetzt wie neu.“
„Du hättest das Aussenteam in deinem Zustand nicht begleiten dürfen.“ Seine Stimme klang vorwurfsvoll, was Leardini wütend machte.
„Zunächst einmal bin ich noch voll diensttauglich, weshalb ich meinen Pflichten solange nachgehen werde, wie die Ärtzin mich lässt, und ausserdem habe ich das Team nicht beglei-tet, sondern in der Funktion des ranghöchsten Offizieres angeführt.“
„Und genau das hättest du nicht tun sollen. Du hättest auf der Brücke bleiben sollen, solange wir uns einem potenziell gefährlichen Borgschiff gegenübersahen.“ Er seufzte. „Und gefähr-lich war es leider wirklich.“
„Müssen wir das hier ausdiskutieren? Warum überhaupt diese Zusammenkunft? Und was war mit dir los? Du warst während eines Rotalarms in deinem Quartier nicht zu erreichen.“
„Ja, wie sich herausgestellt hat, war das eines der drei Prozent an Schiffselektronik, die noch nicht überprüft war. Stell’ dir das nur vor: die gesamte Komm-Anlage in zehn Quartieren auf unserem Deck war ausser Funktion, ohne dass das vom Computer bei einer Ebene-Eins-Dia-gnose entdeckt worden war. Ein starkes Stück, nicht wahr? Stell dir mein Gesicht vor, als ein Trupp bis an die Zähne bewaffneter Sicherheitsleute in unser Quartier gestürmt kam, mich aus dem Bett geholt und gefragt hat, ob ich auch wirklich nicht assimiliert worden wäre.“
„Ich bin wirklich untröstlich, Captain,“ warf Nirm ein, „und ich versichere Ihnen, so etwas wird nie wieder vorkommen.“
Lennard winkte ab. „Halb so schlimm, Lieutenant. Mit dem Fähnrich an der Transporterkon-trolle muss ich allerdings noch ein ernsteres Wörtchen reden. Durch sein Wirken stecken wir ja erst in der Klemme. Es steht ausser Frage, dass wir zuallererst...“
„Entschuldige bitte, aber wovon redest du eigentlich? Was ist passiert?“ Ratlos sah sich Lear-dini in der Runde um. Bis auf Wuran, die ebenso ahnungslos schien wie sie, suchten alle den Blickkontakt beim Captain. Nur Kall, die in Ermangelung eines zusätzlichen Stuhles mit ver-schränkten Armen lässig an der Wand lehnte, sah sie unverwandt an.
„Endi hat euch nichts gesagt?“ Lennard seufzte. „Dann will ich es kurz machen: wir sitzen in der Patsche, wie es so schön heisst.“
„Wie meinst du das?“
„Du erinnerst dich daran, dass es eine Explosion auf dem Borgschiff gegeben hat, als wir euch von Bord gebeamt haben.“
Seine Frau brummte leise. „Du meinst bestimmt die, bei der wir um ein Haar draufgegangen wären.“
„Nun, es war in der Tat eine Überladung des Energierelais, das direkt an die Transwarpspule des Schiffes angeschlossen war. Dadurch wurde eine Kettenreaktion ausgelöst, die das ge-samte Schiff zerstört hat. Unglücklicherweise haben unsere Transporter aufgrund der hohen Hintergrundstrahlung von Ribaalc hier im System nur eine begrenzte Reichweite. Deswegen war die Fairchild zu nahe an der Detonation und auch nicht in der Lage, ihre Schutzschilde aufzubauen, bis eure Materieströme nicht sicher an Bord gebeamt waren, weshalb uns die Auswirkungen voll erwischt haben. Und deshalb sitzen wir jetzt auch hier zusammen und be-raten, was zu tun ist.“ Er hob in einer Geste der Ohnmacht die Schultern.
„Wie schlimm ist es?“ Leardini schluckte, als ihr bewusst wurde, was Lennard ihr klarzu-machen versuchte.
„Die Explosion war sehr heftig. Ihr seid übrigens fünfzehn Sekunden im Musterpuffer ge-wesen, bis wir euch wieder sicher rematerialisieren konnten, da uns die Druckwelle ziemlich durchgeschüttelt hat.“ Noch während Leardini mit offenem Mund vor sich herstarrte und das Gehörte verarbeitete, richtete Lennard das Wort an seinen Chefingenieur: „Wie schlimm ist es also, Mr. Nirm?“
Der Lurianer furchte seine Stirn, was ihn für den unbedarften Beobachter noch nachdenklich-er und grimmiger wirken liess, als er ohnehin schien. „Meine Leute nehmen noch einige Aus-seninspektionen vor und erstellen dann den vorläufigen Bericht, aber nach dem, was ich bis-her gesehen habe, werden wir mindestens einen Tag sowohl ohne Warp- als auch Impulsan-trieb sein. Das Schildgitter braucht gottlob nur ein paar kleinere Instandsetzungsarbeiten und alle Umweltkontrollen sind augenscheinlich nicht betroffen, aber zwei Phaserbänke müssen wir generalüberholen. Das kommt auf meiner Liste aber erst nach dem Antrieb, denn solange wir nicht manövrierfähig sind, nützen uns auch keine Waffen.“
„Wir sind einen ganzen Tag ohne Triebwerke? Das ist hart.“ Lennard knirschte leise mit den Zähnen.
„Es kommt noch schlimmer, Captain.“ Unerwartet ergriff Merven das Wort, worauf Lennard den Kopf hob und ihn ansah.
„Mr. Soares, was haben Sie uns mitzuteilen?“
„Es geht um das Ribaalc-System, Sir. Wir hatten bereits eine recht hohe Geschwindigkeit re-lativ zum System gesehen; die Explosion des Borgschiffes indessen hat uns wie eine Breit-seite erwischt und uns einen ziemlich heftigen Anstoss gegeben. Wir treiben direkt in den Schwerkrafttrichter von Ribaalc III hinein. Wir könnten die Manövrierdüsen benutzen, bis der Fusionsbrennstoff ausgeht oder sämtliche Düsen heisslaufen - und zusätzlich mit allen Shutt-les, die über einen Traktorstrahl verfügen, das Schiff versuchen zu bremsen. Wir werden je-doch bestenfalls eine geringfügige Kurskorrektur vornehmen können; die Masse des Schiffes beträgt immerhin mehr als 3,2 Millionen metrischer Tonnen. Mit der Aldebaran hätten wir keine Chance gehabt; die Fairchild indes hat glücklicherweise nur gut die Hälfte ihrer Masse, sodass wir sie in eine Schleife lenken können und sanft in die obere Atmosphäre des Gasrie-sen eintreten. Dort können wir in Ruhe die notwendigen Reparaturen vornehmen oder auf das Eintreffen der Callisto warten.“ Er kratzte sich in seinem kurzen braunen Haar und sah den Captain erwartungsvoll an.
„Die Callisto! Sie kann doch...“ Leardini fuhr befreit lächelnd in die Diskussion zwischen den beiden.
Merven schüttelte bedauernd den Kopf: „Sie wird erst in einem knappen Tag eintreffen, sogar bei maximalem Warp. Wir werden in etwas mehr als sieben Stunden den ersten schnellen Vorbeiflug an Ribaalc III haben und können uns dann bequem in einer beschleunigten hohen Schleife der Rotation und der Umkreisungsgeschwindigkeit anpassen, bevor wir sanft in die Atmosphäre eintreten. Gottlob scheint diese Welt ein Gasriese zu sein, das macht die Sache um einiges leichter. Stellen Sie sich vor, wir hätten eine Welt der Klasse L oder M mit dichter Atmosphäre und fester Oberfläche erwischt.“
„Wir konnten diese Welt noch nicht genau klassifizieren, richtig?“ Lennard sah zu Wuran herüber.
„Es hat sich bisher noch nicht ergeben,“ meinte diese ein wenig lapidar und hob ein wenig be-dauernd die Achseln. „Es hat bisjetzt niemanden interessiert.“
„Glauben Sie, es wird uns nun vielleicht bald interessieren? Herrgott, das hier ist ein Schiff der Föderation der Vereinten Planeten mit einem Forschungsauftrag - und wir fliegen hier fröhlich herum in einem Sonnensystem, von dem wir praktisch nichts wissen. Angesichts die-ser Zustände sollte ich mein Offizierspatent zurückgeben und mich zur Ruhe setzen, aber es ist Krieg, wie vielleicht einige von Ihnen bereits gemerkt haben.“
Die Sitzung wurde unterbrochen von einer Meldung des Ingenieures, der die Instandsetzung leitete. „Lieutenant, wir sind soweit mit dem Splitter. Sollen wir beginnen?“
„Nur zu, fahren Sie fort wie abgesprochen. Nirm Ende.“ Als er die Verbindung beendete, be-merkte Nirm den fragenden Ausdruck auf den Gesichtern Leardinis und Wurans. „Ach, den Splitter haben wir Ihnen ja völlig vorenthalten. Wollen sie es sehen? Natürlich wollen Sie.“
Nirm ging behäbig zum Wandmonitor und aktivierte ihn. Man sah darauf die Unterseite der Maschinenhülle, auf die der bläulichgrüne Traktorstrahl eines Shuttles gerichtet war. Als sich der Energierichtstrahl bewegte, sah Leardini es.
„Mein Gott, das ist unglaublich!“
Der Traktorstrahl förderte langsam ein dunkelgraues, spitz zulaufendes Fragment der Aussen-hülle des Borgschiffes zutage, das mindestens dreissig Meter lang war und in einem flachen Winkel von der Seite her in den Rumpf ihrer Aussenhülle eingedrungen war. Erst jetzt, als die Ingenieure ihn hinauszogen, erkannte man die gewaltigen Ausmasse des ‘Splitters’.
„Das hat uns getroffen?“
„Was Sie hier sehen, war das mit Abstand grösste Trümmerstück, das uns getroffen hat. Wir haben hunderte von kleineren Hüllenbrüchen und einen grossen Durchschlag in der Steuer-bord- Warpgondel. Jetzt verstehen Sie sicher, warum wir so lange ausser Gefecht sind.“ Nirm machte eine unbestimmte Geste mit einer Hand. „Ich muss den Hut ziehen vor der Härte und Torsionsfestigkeit dieses Materials. Allein der grosse Splitter hat zwei Decks durchschlagen und die gerade frisch eingebaute primäre Plasmaleitung zur Backbord-Warpgondel sauber durchtrennt wie ein Laserskalpell ein Stück Cremetorte. Zum Glück hat diesmal die Notab-schaltung sofort die Plasmazufuhr unterbrochen, sonst wäre uns vermutlich noch einmal die halbe Maschinenhülle um die Ohren geflogen. Mir genügt das eine Mal, seit dem ich übrigens humpele, aber ich will Sie nicht mit meinen persönlichen Problemen belästigen.
Der Durchschlag in der Warpgondel macht ein wenig Probleme, da wir ohne Raumdock die perforierte und deformierte Warpspule nicht austauschen können. Also werden wir das Ab-deckgitter der Gondel öffnen und sie hinauswerfen, analog zur entsprechenden Spule auf der intakten Seite. Wir haben gottlob den jahrgangsbesten Abgänger der Akademie für Warpfeld-mechanik ins technische Team bekommen. Er schreibt bereits die Befeuerungssequenzen für die neue Konfiguration mit einer Spule weniger pro Warpgondel um. Für ihn ist das nicht mehr als eine nette kleine Hausaufgabe, wie er sich ausgedrückt hat.“
„Wenigstens ein kleiner Lichtblick.“ Lennard sah auf seine ineinandergefalteten Hände. „Wie weit können Sie unsere Warpkapazität wiederherstellen?“
„Mehr als Warpfaktor Acht ist nicht drin, bevor wir nicht in der Werft waren. Tut mir leid, aber Warpspulen führe ich nicht im Ersatzteillager - wer kann schon so etwas ahnen?“
„Was kommt noch alles?“ stöhnte Dween.
„Ich denke, vorläufig wäre das alles. Lassen wir die Reparaturteams ihre Arbeit machen und warten die Auswertung der Daten ab, die das Aussenteam an Bord des Borgschiffes gesam-melt hat. Mr. Nirm, fordern Sie so viele Leute mit sekundärer technischer Ausbildung an, wie Sie benötigen. Die Instandsetzung der Schiffssysteme haben natürlich oberste Priorität.“
Lennard hatte keine Zeit zum Ausschlafen, da er bereits kurz vor sechs Uhr morgens von Wu-ran gerufen und in die Stellarkartografie gebeten wurde. Mit kleinen Augen kam er dort an und registrierte sogleich, dass auch Merven zugegen war. „Guten Morgen. Ich hoffe, Sie hab-en die Antworten auf ein paar wichtige Fragen gefunden.“
Merven nickte. „Sie werden es nicht bereuen, so früh von uns aus dem Bett geholt worden zu sein, auch wenn es Ihnen nicht gefallen wird. Wir dachten, wir präsentieren Ihnen noch vor dem Swing-By an Ribaalc III, was wir an Fakten über das Borgschiff gesammelt haben.“
„Also gut, schockieren Sie mich!“ forderte er den Steuermann der Fairchild auf.
Merven rief eine dreidimensionale Projektion des sie umgebenden Raumes auf. „Zuerst ein-mal: wo sind sie hergekommen? Dafür habe ich eine ganze Weile gebraucht, denn das konn-ten wir anhand ihrer Logbücher nicht mehr rekonstruieren. Also bin ich der Frage nachge-gangen: warum sind sie ausgerechnet hierher geflogen? Die Antwort wird Sie überraschen.
Ich habe ein Stück ihres Kurses verfolgen können, und zwar den letzten Teil bis hierher. Mir fiel auf, dass sie über eine sehr weite Strecke nicht ein einziges Mal den Kurs gewechselt hab-en. Aufgrund verschiedener Dinge, die wir Ihnen gleich darlegen werden, müssen wir anneh-men, dass sie das gar nicht konnten.“
Die Darstellung verkleinerte sich im Massstab, bis Lennard auf die Hälfte der Galaxie blicken konnte, durch die sich eine schmale rote und kerzengerade Linie bis dicht an den hellleucht-enden Kern der Milchstrasse und weiter in den ihnen gegenüberliegenden Teil erstreckte und sich dabei zum Teil gefährlich nahe an Sternen, Nebeln und anderen Raumphänomenen vor-bei durch den Raum schlängelte. „Ich konnte den Kurs weiter zurückverfolgen bis in den Gamma-Quadranten, tief ins Territorium des Dominion hinein. Sie sind einzig und allein hierher geflogen, weil auf dieser Strecke nirgendwo etwas im Weg ist. Es ist die einzige freie Passage, auf der man vom Gamma-Quadranten bis in den Föderationsraum geradeaus fliegen kann, ohne auf ein Hindernis im Raum zu stossen.“
„Aber warum das Dominion? Haben die Borg das Dominion assimiliert? Angesichts des Krie-ges hier kann das nicht möglich sein,“ warf Lennard ein.
Wuran rieb sich den Nasenrücken. „Nein, so schlimm ist es nun doch nicht gekommen. Sie konnten die Borg unter erheblichen Verlusten zurückschlagen, was sie natürlich nicht sehr glücklich gemacht hat. Sie wissen schon, sie haben es ja uns zu verdanken, dass die Borg erst auf sie aufmerksam geworden sind. Den gefundenen Daten nach haben sie dabei ein paar dieser Borg-Scoutschiffe erbeutet, inklusive aller Borg-Technologie an Bord. Zwei davon haben sie mit Mühe und Not flugfähig gemacht und benutzen sie jetzt dazu, den Transwarp-antrieb zu testen. Da sie nichts über die Auswirkungen des Transwarps auf humane Organis--men wussten, haben sie wohl einige Jem’hadar ‘geopfert’ und diese als Versuchskaninchen eingesetzt, wenn wir das alles fehlerfrei rekonstruiert und die Lücken in den Dateien richtig interpretiert haben.“
„Wie schlimm kann das noch werden?“ stöhnte Lennard.
„Oh, sehr viel schlimmer,“ bemerkte Wuran gespielt fröhlich. „Dies hier war den Daten nach der erste Prototyp, ein weiterer soll bald hierhergeschickt werden, um den Antrieb zu testen. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Quadern war offenbar die Schildkonfiguration, die sie auf zwei verschiedene Weisen so modifizieren konnten, dass sie der Besatzung das Überleben ermöglichen konnten... oder sollten“
„Wie kommt es dann, dass die Jem’hadar an Bord des Borgquaders assimiliert waren?“ Der Kapitän der Fairchild wurde immer ratloser, je mehr er erfuhr.
„Wir mussten lange in den geborgenen Daten suchen, bis wir die Lösung dieses Rätsels ge-funden haben,“ meinte Merven müde. „Das Dominion hat einen hohen technischen Entwick-lungsstand, wie wir wissen; in vielen Gebieten sind sie uns noch weit voraus, vor allem was die militärischen Aspekte ihrer Technologie angeht. Wir sind zwar schwer am Aufholen, iron-ischerweise nur durch die Notwendigkeit des Überlebens, die uns dieser Krieg aufzwingt. An-dererseits sind sie nicht so sehr flexibel, was die Erschliessung und Anpassung anderer Tech-nologien betrifft, wie wir bei der Übernahme des von ihnen erbeuteten romulanischen War-bird feststellen konnten. Wie ich bei einem Gespräch mit einem Mitglied des Ingenieurstabs der Sternenflotte kurz vor unserem Start in der Werft erfahren habe, nehmen wir an, dass zu-mindest ein Teil der Technik des Dominions von anderen Rassen angeeignet und nicht selbst entwickelt wurde. Es ist jedenfalls eine plausible Erklärung.
Die Ingenieure des Dominions standen nun vor der Aufgabe, die erbeuteten Borgschiffe zu analysieren und von der überlegenen Technik zu profitieren. Schnell hatten sie erkannt, dass der Transwarp-Antrieb die einzige ihnen bekannte Alternative zum Wurmloch sein würde, um in einer annehmbaren Zeit vom Gamma- in den Alpha-Quadranten und somit zum Kriegs-geschehen zu gelangen. Allerdings hatten sie offenbar keine Ahnung, wie sie die Antriebs-technik von den Borgquadern in ihre Schiffe übertragen sollten, weshalb sie die Originale dir-ekt für Testflüge verwendeten. Sie haben den Aufzeichnungen zufolge noch ein zweites die-ser Scoutschiffe, da sie dieses hier so leichtfertig einsetzen.
Wir wissen ebenfalls, dass den Gründern ein einzelnes Leben nichts bedeutet und sie vor al-lem ihre gentechnisch erzeugten Soldaten, die Jem’hadar, ohne das geringste Zögern kalblüt-ig und berechnend zu ihrem grössten Nutzen einsetzen und auch opfern. Sie müssen, wie grausam das für uns auch klingen mag, einen Weg gefunden haben, die Assimilationstechnik der Borgquader teilweise in Betrieb zu halten und ihre Besatzung in Borg umzuwandeln. Sie versprachen sich wohl davon, die ihrer Meinung nach höhere Widerstandskraft der Borg bei den gefährlichen Testflügen für ihre Zwecke einzusetzen.“
Lennard hob die Hand. „Moment mal. Wie soll das denn funktioniert haben? Die Kontrolle der Jem’hadar-Besatzung nach der Umwandlung in Borg, meine ich?“
„Sie müssen einen Weg gefunden haben, die Programmierung des Schiffes nach dem Ab-schneiden vom kollektiven Verstand der Borg dahingehend verändert zu haben, dass das Schiff und die gesamte von ihnen eingesetzte Besatzung als ein autonomes, ‘kleines’ Kollek-tiv funktioniert hat, mit der von ihnen eingespeisten Mission als Zielvorgabe. Diese bestand offenbar darin, einen Flug direkt hinter die feindlichen Linien zu unternehmen und damit die Tauglichkeit des Antriebes zu beweisen. Dass die Besatzung den Flug nicht überlebt hat, war wohl einfach Pech für sie. Ich nehme an, das Ausfallen der Crew und der damit einherge-hende Mangel an Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten am Schiff hat zu dem Defekt ge-führt, der zu dessen Zerstörung geführt hat, nachdem das Schiff den Transwarp-Transfer be-endet hat und hier aufgetaucht ist. Wir waren zufälligerweise zur rechten Zeit am rechten Ort, sonst hätten wir sicher nie etwas davon mitbekommen.“
„Und jetzt sitzen wir hier und treiben steuerlos durchs All, während das Dominion seinen zweiten, möglicherweise erfolgreichen Testflug vorbereitet und damit einen Weg findet, per Transwarp ihre Schiffe und Material an die Front zu bringen. Wunderbar!“ Lennard schlug mit der Faust auf die Bedienungselemente der Stellarkartografie.
Wuran warf vorsichtig ein: „Sie werden mit dem zweiten Schiff aller Voraussicht nach Erfolg haben, Kyle.“
Sein Kopf flog herum. „Wie kommen Sie bloss darauf?“
„Ich habe die Daten des Missionsbetreuers eingehend studiert. Darunter war auch so etwas Ähnliches wie ein persönliches Logbuch von ihm. Er hat bewusst den Verlust der ersten Mis-sion in Kauf genommen, um Daten für die Perfektionierung des zweiten Testfluges sammeln zu können. Dieser Herr scheint ein Anhänger der Filosofie zu sein, dass man mehr aus seinen Fehlern als aus seinen Erfolgen lernen kann.“
„Sie meinen, er kannte Henry Ford? Dieser Borgquader war ein Ford des 24. Jahrhunderts?“
„Bitte lenken Sie nicht ab, Sir, ich kenne keinen Ford. Was ich meine, ist, nach diesen Auf-zeichnungen haben sie geplant, die gesamte Telemetrie ihres Fluges inklusive aller Lebens-zeichen der gesamten Besatzung per Subraum-Richtfunk mit Transwarp-Geschwindigkeit ins Dominion zu senden. Nach Auswertung dieser Daten wird der zweite Quader angepasst, was nur eine Frage von Stunden sein dürfte. Den Aussagen dieses Ingenieurs nach hängt von die-sem zweiten Flug alles ab. Wenn er erfolgreich sein wird, werden sie am Zielort eine Funk-boje des Dominions abwerfen und sofort danach wieder zurückfliegen. So erfahren auch ihre Truppen hier von den Bemühungen in der Heimat. Sollten Sie Erfolg haben, werden wahr-scheinlich erhebliche Ressourcen für die Anpassung der Transwarptechnik an Jem’hadar-Schiffe aufgewendet werden. Meines Erachtens nach wird es weniger als ein Jahr dauern, bis sie das vollbracht haben.“
„Und dann können wir uns ergeben,“ fügte Lennard niedergeschlagen hinzu. „Bei einem der-artigen technologischen Vorsprung ist ihr strategischer Vorteil einfach zu hoch.“
„Nicht unbedingt, Sir,“ widersprach Wuran, „dieser Ingenieur hat nämlich ausserdem durch-blicken lassen, dass bei einem weiteren Fehlschlag der Weiterentwicklung sämtliche Mittel von der Vorta-Bürokratie aberkannt würden. Sie stehen dem Projekt offenbar sehr misstrau-isch gegenüber und betrachten das Experimentieren mit Borgtechnologie, und sei der Nutzen daraus noch so hoch, als unverantwortliches Spiel mit dem Feuer.“
„Womit wir einen kleinen Strohhalm haben, an den wir uns klammern können. Zum ersten Mal kommt uns die blasierte Überheblichkeit der Vorta als rechte Hand ihrer ‘Götter’ nun zu Hilfe. Wer hätte das gedacht?“ Wider Willen musste Lennard lächeln.
„Wir müssen nur unser Schiff wieder flottkriegen oder auf die Hilfe der Callisto warten. Und vielleicht ist das zweite Schiff bereits gestartet.“ Merven starrte mit düsterer Miene in das dunkle All vor sich.
„Dann sollten wir uns alle Mühe geben, das zu verhindern. Kommen Sie mit!“ Lennard ver-liess eilig die Stellarkartografie und marschierte mit weit ausholenden Schritten zum nächsten Turbolift.
- 4 -
Auf der Brücke bot die grosse blaubraune Kugel auf dem Hauptmonitor ein atemberaubendes Bild, das Lennard nicht aus den Augen liess, während er zu seinem Sessel ging und sich lang-sam setzte. Am rechten Rand sah er drei kleine Shuttles, die mit ihren Traktorstrahlen letzte Anstrengungen unternahmen, die Fairchild in eine höhere Bahn um die Welt vor ihnen zu schleppen.
„Bericht,“ forderte er knapp.
Merven glitt hinter seine Konsole, während seine Vertretung ihm ein paar Worte über den Stand der Dinge zuflüsterte, sodass er erläutern konnte. „Wir befinden uns noch fünf Minuten vom Swing-By-Punkt entfernt. Die Schilde werden auf ihr räumliches Maximum ausgedehnt und bremsen uns ein wenig durch den Reibungswiderstand in den obersten dünnen Luft-schichten des Planeten. Zehn Sekunden vor der grössten Annäherung starten wir eine Korrek-tursequenz mit sämtlichem verfügbaren Steuerdüsenschub aller nach achtern gerichteten ReaktionsKontroll-Steuerdüsen. Dadurch gelangen wir in eine hohe Umkreisungsschleife, auf deren Scheitelpunkt wir mit den Front-RKS zu bremsen beginnen. Das dürfte genügen, um einen stabilen, flachen Sinkkorridor zu erreichen, auf dessen Gleitpfad wir sanft mit relativ kleiner Geschwindigkeit zur Planetenrotation in die Atmosphäre eintauchen können.“
„Hoffen wir, dass das klappt. Die Computerprognosen sehen gut aus?“ wollte Lennard zweif-elnd wissen.
Der Steuermann nickte: „Ein Routinemanöver, Sir. Nur was den Planeten selbst angeht, ist noch einiges offen. Unsere Sensoren werden durch ein Subraumfeld gestört, das den gesam-ten Planeten umgibt. Die Klassifizierung wechselt ständig zwischen den Klassen B und N hin und her, ohne sich genau festlegen zu können. Wir haben auch schon eine Sonde hinabge-schossen, doch auch deren Signale werden vom Subraumfeld der Welt blockiert. Zuletzt haben wir ein schwaches Positionssignal erhalten, doch jetzt befindet sie sich hinter dem Ho-rizont, was die Signale wieder abschirmt.“
„Wie kann ein Planet ein Subraumfeld erzeugen? Das ergibt doch keinen Sinn. Bei Ribaalc selbst verstehe ich das ja noch, obwohl dieses Phänomen auch bei Sonnen schon selten genug ist... aber ein Planet?“ Lennard runzelte die Stirn und sah über die Schulter zur wissenschaft-lichen Station.
Wuran rief einige Daten ab und sagte dann: „Nach dem, was ich zur Zeit sagen kann, erzeugt der Planet selbst gar nicht das Feld. Er besitzt jedoch ein extrem starkes Magnetfeld, welches den Sonnenwind einfängt, wie beispielsweise die Erde es tut. Dies ist hier auch in der Sub-raumdomäne der Fall, wobei die Feldlinien genau wie beim Magnetfeld angeordnet sind, das heisst, die Feldlinien treten an einem Pol der Welt aus, laufen entlang der Nord-Süd-Achse des Planeten und treten am anderen Pol wieder ein. Was diesen Effekt erzeugt, kann ich mit den mir vorliegenden Daten noch nicht sagen. Wenn ich mir eine Fernaufnahme des Planeten im Subraumbereich ansehe, erscheint es wie eine Aufnahme der Erde im magnetischen Be-reich. Als gäbe es eine Art Van-Allen-Gürtel, die die Subraumenergien, oder wenigstens ein-en Grossteil davon, um die Welt herumleiten. Der selbe Effekt schirmt die Welt auch von un-seren Sensoren ab, so dass wir keine genaueren Daten über sie sammeln können.“
Lennard sah besorgt aus. „Wir machen demnach eine Fahrt ins Unbekannte. Mit einem nahe-zu nicht manövrierfähigen Schiff. Es kann kaum noch schlimmer kommen.“
„Bitte sagen Sie so etwas nicht, Sir,“ rief ein junger Lieutenant erschrocken, „sonst kommt es am Ende wirklich noch schlimmer.“
Wütend drehte sich Lennard zur Komm-Station um. „Sind Sie etwa abergläubisch? Ich ver-bitte mir künftig derlei Kommentare, ist das klar?“
„Jawohl, Sir. Bitte entschuldigen Sie.“ Verlegen senkte die blonde Alpha-Centaurin den Kopf.
„Wir erreichen den Punkt für die Beschleunigungssequenz. Volle Kraft auf alle RKS nach achtern. Zusatzenergie auf die Trägheitsdämpfung.“ Merven gab getreulich weiter, was er nun gerade tat.
Die geheimnisvolle Welt glitt links an ihnen vorbei und verschwand dann aus der direkten Sicht, während die äussersten vorderen Bereiche der Schutzschilde durch die Reibungshitze der Luft, das unter diesen Umständen eine dünne Plasmaschicht bildete, schwach rötlich glüh-ten. Für wenige Momente waren sie so tief gewesen, dass man detaillierte Strukturen in den Wolkenmassen unter ihnen hatte erkennen können. Es hatte ausgesehen, als müsste man nur hinabgreifen und könnte die wabernden Schwaden berühren.
Lennard fragte gespannt: „Wie lange ist die Brenndauer?“
„Etwa zwei Minuten, Captain. Wir haben lange herumgerechnet, weil wir in der Navigation nicht mehr daran gewöhnt sind, mit so grossen Gefährten wie der Fairchild nach rein ballist-ischen Gesetzen zu fliegen.“ Der Trill zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Schon gut, Mr. Soares, wird schon glattgehen,“ beschwichtigte Lennard zuversichtlich. Wenn die Triebwerke jetzt versagen würden, wäre ihre Rückkehrbahn zum Planeten zu steil und selbst die Schilde würden dann nicht verhindern können, dass sie in der Atmosphäre der unbekannten Welt verglühen würden.
Dies war nicht die Aldebaran.
Leise murmelte Merven: „An dieser Stelle passt ein Zitat von James A. Lovell ausgezeichnet: ‘Wir haben gerade Sir Isaac Newton ans Steuer gesetzt’. Passt doch, oder?“
Ebenso leise erwiderte Darrn neben ihm: „Schon, aber wer war Lovell?“
„Der Kommandant von Apollo 13, einer der ersten terranischen Weltraummissionen,“ klärte der Trill seinen vulcanischen Kollegen auf.
„Und was hat er so gemacht auf dieser Mission?“
„Oh, das wollen Sie nicht wisen, Mr. Darrn. Wirklich nicht.“ Merven warf einen kurzen Sei-tenblick auf seinen Kollegen. „Aber Sir Isaac Newton kennen Sie, oder?“
Zur Antwort erhielt er ein leicht gereiztes Knurren. „Ich kann nicht jeden einzelnen unbedeu-tenden Raumfahrer in der gesamten Geschichte der Föderation kennen, oder?“
Also weiter im Text, dachte er.
„Gleich haben wir den Scheitelpunkt unserer Schleife erreicht. RKS sind ausgeschaltet; für die Dauer der Scheitelpunkt-Durchquerung fliegen wir ballistisch. Sobald wir wieder stärker abwärts gerichtet sind, geben wir Korrekturschub zum Ausbremsen und Einschwenken in un-seren Sinkflugkorridor auf der anderen Planetenseite.“
„Captain, ich empfange ein schwaches Subraum-Signal aus dem System,“ meldete die Komm-Offizierin. „Es kommt aus dem Trümmerfeld des Borgschiffes.“
„Das ist nicht ihr Ernst!“ Lennard fuhr aus seinem Sessel hoch.
„Ich fürchte doch, Captain. Es ist eindeutig eine Dominion-Signatur. Offenbar eine Nachrich-tenboje; sie sendet einen komplexen, verschlüsselten Signalstrom.“
Lennard rief aufgeregt: „Schnell, erfassen Sie das Ding mit einem Quantentorpedo; wir müs-sen unbedingt verhindern, dass das Dominion im Alpha-Quadrant von diesen Transwarp-Tests Wind bekommt.“
Wenjorooks Finger jagten über die Instrumente der taktischen Station. „Ziel erfasst, Quanten-torpedo abgefeuert. Zeit bis zum Einschlag drei Sekunden.“ Er wartete kurz und meldete dann: „Ziel zerstört, Sir.“
Einen Moment später bestätigte die junge Komm-Offizierin: „Die Sendung hat abrupt ge-stoppt, Sir. Offenbar wurde die Sonde vernichtet.“
„Gut. Meinten Sie vorhin so etwas in dieser Art, als Sie sagten, es könne noch schlimmer werden, Lieutenant? Nun, jetzt ist es schlimmer. Diese Sonde war offenbar durch die Explo-sion in Mitleidenschaft gezogen worden und konnte sich erst jetzt aktivieren.“ Auf eine Ant-wort wartend, sah Lennard seine Komm an.
„So etwas konnte doch keiner ahnen, Sir,“ verteidigte sie sich mit Tränen in den Augen, „ich meinte doch nicht, dass Sie etwas heraufbeschwören würden, wenn Sie...“
„Schon gut.“ Müde winkte er ab. „Ich hab’s wohl nicht anders verdient. Mit einer guten Portion Pech haben wir jetzt das Dominion auf dem Hals, wenn die Boje lange genug senden konnte. Ach was, wahrscheinlich schicken Sie aus reiner Neugier eine Patroullie über die Grenze, um dem Dominion-Signal nachzugehen, auch wenn sie gar nichts entziffern konnten. Ich hoffe nur, es kommt nicht zu dick für uns.
Senden Sie jedenfalls der Callisto eine Sonde mit einer codierten Warnung entgegen. Sie sol-len nicht unbedarft ins offene Messer hineinlaufen.“
„Aye, Sir.“ Froh, etwas tun zu können, bereitete die Komm-Offizierin eine entsprechende Botschaft vor und machte eine Sonde abschussbereit.
„Wir nähern uns wieder dem innersten Punkt unserer Schleife. Bremsschub voraus liegt noch immer an. Wir führen einen kleinen Swing-By aus und treten während eines halben Umlaufes in unseren Sinkflug ein.“ Merven wirkte gar nicht nervös, obwohl er solch ein Manöver wahr-lich nicht jeden Tag durchführte.
Lennard sah zu Wuran herüber. „Können Sie jetzt mehr über Ribaalc III in Erfahrung brin-gen?“
„Das sollte kein Problem sein, da wir jetzt ständig in nächster Nähe zum Planeten sind und auch viel langsamer um ihn kreisen als beim ersten Vorbeiflug. Ausserdem sind wir wieder auf der gleichen Seite wie die Sonde, so dass wir direkt von ihr Messdaten empfangen. Um die Schilde herum bildet sich zwar während des Fluges durch die Atmosphäre wieder eine Umhüllung aus erhitzten Gasen, bis wir genügend Geschwindigkeit abgebaut haben, doch das stört nur Funkfrequenzen, Subraumübertragungen sind davon nicht betroffen.
Die obere Atmosphäre besteht zum grössten Teil aus Wasserdampf, kein freier Sauerstoff vorhanden. Spuren von Stickstoff und diversen Edelgasen. Einen Moment, das ist seltsam... offenbar bilden sich die Wassermoleküle um diverse Schwebstoffe herum zu Tropfen aus, ge-naueres kann ich aber noch nicht sagen, da die Konzentration der Gase in dieser Höhe zu ge-ring ist. Ich könnte die Sonde in eine tiefere Schicht lenken...“
„Tun Sie das,“ befahl Lennard sogleich, worauf die Bajoranerin die entsprechenden Steuer-kommandos an ihrer Konsole eingab.
„Das ist ungewöhnlich... so verhalten sich keine normalen Gase. Die Dichte nimmt immer weiter zu, um dann den Übergang zu einer Flüssigkeit zu vollziehen. Ich kann jedoch nicht genau ausmachen, wo dieser Übergang liegt; hier ist es noch ein Gas, dort weist es die Cha-rakteristika eines Ozeanes auf, einfach so ohne erkennbaren Grund. Das ist kein Gasriese im herkömmlichen Sinne. Auch das flüssige Medium ist...“ Sie brach plötzlich ihren einem Selbstgespräch gleichen leisen Redeschwall ab und sah auf.
„Das Wasser ist mit allen möglichen metallischen Elementen gesättigt, Captain. Unter ander-em mit Eisen, Nickel, Kobalt, Chrom, Titan, Verterium, Kaabonit, Kortenid... es müssen Dutzende von Elementen sein, die frei im Wasser als Schwebeteilchen vorhanden sind. So et-was habe ich noch nie in natürlicher Form in dieser Zusammensetzung gesehen. Keine der sonst üblichen Salzionen mit niederer Ordnungszahl vorhanden. Wir haben hier vielleicht etwas Einmaliges entdeckt.“
Lennard zog eine Augenbraue hoch. „Nun, das mag ja schön und gut sein, aber behindert uns das bei den Reparaturen in irgendeiner Weise?“
„Ich denke nicht. Da die Dichte dieses Wassers sehr hoch anzusiedeln ist und die Fairchild für ihr Gewicht ein ziemlich grosses Volumen einnimmt, dürfte unser Rumpf einiges an Auf-trieb erzeugen und wir sollten nicht zu tief einsinken. Der Wasserdruck wird kein Problem für unsere Schilde werden, und Aussenreparaturen sollten ebenfalls nicht viel problematischer als im freien All sein.“
„Wenigstens eine gute Nachricht,“ brummte Lennard.
Merven meldete: „Wir tauchen in die Atmosphäre ein. Jetzt werden wir gleich sehen, was Ihre Voraussage wert ist, Mrs. Wuran.“
Und just in diesem Augenblick kamen sie hinter der Nachtseite hervor und erlebten einen wunderschönen Sonnenaufgang, indem sie gleichzeitig in die ersten dünnen Nebelschleier eintauchten. Erst jetzt konnte man erkennen, wie gut das Schiff inzwischen an die Eigenrota-tion des Planeten angepasst war und sich sanft und ohne grosses Rütteln in die nun dichter werdenden Schwaden hinabsenkte.
„Das sieht wirklich gut aus, Mr. Soares,“ lobte Lennard seinen Steuermann gönnerhaft, währ-end er ihm über die Schulter sah.
Leardini kam auf die Brücke geschlendert und sagte: „Guten Morgen, miteinander. Ich hoffe, alle hatten eine so gute Nacht wie...oh!“
Als sie bemerkte, dass sie bereits im Anflug auf Ribaalc III waren, verstummte sie und ver-folgte fasziniert das Eintauchen in die obere Gashülle des Sternes. Sie bemerkte, wie die Lichtstärke rasch abnahm, je tiefer sie kamen.
„Ich habe mal wieder die Hälfte verpasst, wie? Naja, daran werde ich mich in Zukunft wohl gewöhnen müssen.“ Ergeben liess sie sich in ihren Sitz neben dem des Captains sinken.
Merven schaltete nun die Aussenscheinwerfer ein, als es draussen immer finsterer wurde, doch auch die starken Lampen vermochten die Dunkelheit nicht weiter als einen knappen Ki-lometer weit zu durchdringen. Er bremste daraufhin das Schiff noch stärker, worauf es wenig-er schnell vorwärts, aber ein bisschen schneller abwärts durch das sie umgebende Medium glitt. Gewissenhaft meldete er: „Geschwindigkeit noch sechzig m/s, Sinkgeschwindigkeit zehn m/s, langsam abnehmend. Das Schiff hat eine ausgesprochen gute Aero- beziehungswei-se Hydrodynamik; es bremst sich im dichter werdenden Umgebungsmedium von selbst ein, ohne dass die strukturelle Integrität gefährdet wäre. Schilde halten.“
„Gut, sobald wir eine stabile Lage eingenommen haben, können sich alle von der taktischen und der Navigationsabteilung bis auf eine Rumpfmannschaft zu den Reparaturtrupps melden. Wir werden jeden verfügbaren Mann brauchen können, der uns irgendwie zur Hand gehen kann.“
„Aye, Sir.“ Merven nahm seinen Blick nicht von den Instrumenten; von ihm hing jetzt einiges ab.
Keiner merkte, wie Kall hektisch auf die Brücke geeilt kam, bis sie den Sitz des Kapitäns er-reicht hatte. „Captain, ich muss mit Ihnen reden!“
„Was haben Sie denn, Sam? Stimmt etwas nicht?“ Mit gerunzelten Augenbrauen reagierte er auf ihre offensichtliche Erregung.
„Da draussen ist irgendetwas!“ rief sie und zog damit die allgemeine Aufmerksamkeit der Brückenbesatzung auf sich, ungeachtet der momentanen Lage. „Ich kann es ganz deutlich spüren. Es befinden sich intelligente, empfindungsfähige Wesen auf dieser Welt.“
Lennard starrte sie an, als habe sie den Verstand verloren. „Kommander, auf dieser Welt kann es nichts geben, da es kein auf gibt. Darf ich Sie daran erinnern, dass dies hier eine Mischung aus Wasserdampf und schwermetallverseuchtem Wasser ist? Was sollte hier leben können?“
„Bitte, Captain, wir alle wissen doch, dass es die vielfältigsten Formen von Leben in der Galaxie gibt. Wie können Sie es prinzipiell ausschliessen, dass es hier keines geben soll?“ Kall wirkte beinahe beleidigt.
„Die Umweltbedingungen hier sind aber doch ziemlich lebensfeindlich, das sehen Sie doch ein?“ wollte Stefania in einem Anflug von Verständnis von ihr wissen.
„Wer sagt denn, dass es hier nicht so etwas wie eine künstlich geschaffene Umgebung gibt? Ein von einer hochstehenden Zivilisation geschaffene Station oder ein Schiff. Wir sind schliesslich auch hier und sind noch bei bester Gesundheit. Es könnten Schmuggler sein oder vielleicht gar ein geheimer Stützpunkt der Jem’hadar?“
„Ein interessantes Argument. Wir sollten auf jeden Fall wachsam sein, solange wir uns hier befinden. Können Sie denn etwas Genaueres sagen?“
„Tut mir leid, Captain, dazu sind die Gedanken zu schwach, wahrscheinlich aufgrund von grosser Entfernung zu den Wesen. Schliesslich ist dies hier eine gewaltige Welt.“ Kall schüt-telte bedauernd ihren Kopf mit der langen, dunklen Mähne.
„Sehen Sie, mit etwas Glück haben wir unsere Ruhe, bis das Schiff repariert ist. In spätestens zwanzig Stunden können wir der Sache ja nachgehen oder zumindest ein paar weitere Sonden hierlassen, wenn wir weiterfliegen. Können wir mit den Sensoren etwas ausmachen?“
Darrn verneinte: „Die Interferenzen durch die Substanzen im Wasser sind zu gross, die Reich-weite beträgt nur noch wenige Kilometer.“
„Wir erreichen gleich unsere Endposition,“ meldete Merven. „Stehen jetzt still. Aussendruck entspricht der Tiefe von sechzehn Kilometern in einem salzwasserhaltigen Meer. Ich habe einen Vorschlag zu machen, Captain.“
„Nur zu, Conn.“
„Die Schwerkraft auf dieser Welt entspricht etwa 0,7 g. Wenn wir die künstliche Schwerkraft ausschalten würden, könnten wir einiges an Energie sparen und die Reparaturen gingen viel-leicht auch etwas leichter von der Hand. Ich müsste nur die Geometrie der Schilde ein wenig anpassen, um uns sozusagen ‘auszutrimmen’ und die Fairchild in einer aufrechten Position zu halten.“ Merven sah seinen Kommandanten an.
„Eine gute Idee, Mr. Soares. Tun Sie das. Ich denke, einigen von uns tut es sogar gut, für eine gewisse Zeit etwas ‘unbeschwerter’ zu sein.“ Lennard lächelte hintergründig.
„Ja, Sir,“ bestätigte der Trill grinsend und begann damit, das Schiff in die Horizontale zu ma-növrieren und die Grundform der Schilde so anzupassen, dass sie auch in der Ebenen blieben. Die Fairchild befand sich jetzt gewissermassen im Inneren einer ellipsoiden Energieblase mit weniger als tausend Meter Höchstdurchmesser, umgeben von der absoluten Schwärze eines unbekannten Ozeanes, in dem sie in sechzehn Kilometer Tiefe dahintrieben.
„Ich reduziere allmählich die künstliche Schwerkrafterzeugung des Schiffes und gebe ein wenig Zusatzenergie auf die Strukturellen IntegritätsFelder. Ich glaube, es ist höchst unge-wöhnlich für ein Schiff dieser Grösse, einem planetaren Schwerkraftfeld ausgesetzt zu sein, da kann das nicht schaden, denke ich.“
„Aber hält dieses Feld nicht normalerweise Beschleunigungen von über 1200 g bei voller Impulsbeschleunigung aus?“ wollte Dween von ihrem Freund wissen.
Geduldig erklärte Merven: „Das ist richtig, aber stets nur in Längsrichtung. Eine dauernde Be-lastung nach unten relativ zum Schiff gesehen ist normalerweise nicht vorhanden, deswegen wollte ich auf Nummer Sicher gehen.“
„Eine löbliche Vorsichtsmassnahme,“ bestätigte Lennard und rief dann den Maschinenraum. „Mr. Nirm, wie sieht es bei Ihnen aus?“
„Wir haben gerade mit den Arbeiten begonnen, für die wir warten mussten, bis das Schiff im Ruhezustand ist. Ich ziehe jetzt sämtliche Hilfskräfte ein, die während des Fluges andere Auf-gaben zu erfüllen hatten. Ich rechne mit vierzehn Stunden, wenn keine unvorhergesehenen Komplikationen auftreten und uns diese Welt keinen Ärger macht.“
„Wollen wir’s hoffen,“ erwiderte Lennard und beendete die Verbindung. Dabei kreuzte sein Blick den von Kall, die noch immer mit beunruhigter Miene neben ihm stand.
„Ich spüre es noch immer, Kyle,“ sagte sie leise. „Da draussen befinden sich Lebewesen, da bin ich mir sicher.“
„Spüren Sie irgendwelche Empathien? Feindseligkeit, Aggression, Zorn?“ Ein wenig miss-trauisch musterte er sie, als sie in sich hineinzuhorchen schien.
„Nein, nichts Konkretes,“ gab sie dann zu. „Wie gesagt, die Distanz ist offenbar zu gross.“
„Dann schlage ich vor, wir lassen es für den Augenblick dabei bewenden.“ Lennard stand auf und wanderte ein wenig auf der Brücke umher, da momentan aufgrund ihrer Lage einige Stationen nicht besetzt sein mussten und sich so etwas wie eine Pausenstimmung auf der Kommandozentrale des Schiffes ausbreitete.
Merven arbeitete intensiv an seiner Konsole, was Lennard wunderte, da er jetzt auch nichts zu tun hatte, solange ihr Schiff steuerlos und automatisch von den Schilden ausbalanciert im Wasser trieb. Erst beim Näherkommen sah er, dass sein Steuermann Daten aufrief, durchlas, zuordnete und bearbeitete.
„Sollten Sie nicht bei den Reparaturtrupps mithelfen?“ fragte er mit einer milden Strenge in der Stimme.
Über die Schulter hinweg entgegnete Merven: „Das ist richtig, Sir. Ich steuere eines der Shuttles, das die defekten Warpspulen aus den Gondeln entfernen soll. Der Ausbau dauert noch mindestens eine Stunde, wie mir der Leiter des betreffenden Ingenieurteams mitgeteilt hat. Ich nutze die Zeit, um etwas über die verschiedenen Steuerungs- und Orientierungs-mechanismen von Fahrzeugen in flüssigen Medien nachzulesen, die in unserer Datenbank vorhanden sind. Mir ist auch schon etwas Interessantes untergekommen: eine primitive Me-thode, mit der man bestimmen kann, ob und in welcher Entfernung sich feste Gegenstände in der näheren Umgebung befinden.“
„Das klingt nützlich, da unsere Sensoren aufgrund des Metallpartikelgehaltes im Wasser ja praktisch nutzlos sind. Worum handelt es sich?“ Neugierig liess sich Lennard auf dem Rand der Konsole nieder.
„Hier, ich zeige es Ihnen. Es ist ein Reflexionssystem, das auf mehreren Welten für Über- und Unterwasserfahrzeuge verwendet wird, von manchen Kulturen schon seit Jahrhunderten. Auch auf der Erde kam es früher zum Einsatz.“ Merven rief ein Schaubild auf. „Dort ist das Fahrzeug. Es sendet in Intervallen einen hochfrequenten Schallimpuls aus, der sich durch das Wasser fortpflanzt und, sobald er auf ein Hindernis trifft, von diesem zurückgeworfen wird. Wenn das Echo den Empfänger erreicht, kann dieser aufgrund der Zeit und der Kenntnis der Geschwindigkeit, mit welcher sich der Schall im Medium fortbewegt, präzise den Abstand und die Richtung bestimmen.“
„Das hört sich gut an. So werden wir wenigstens erfahren, ob es einen festen Planetenkern gibt und falls ja, wie hoch über Grund wir uns befinden. Wir können uns sicher sein, dass uns kein festes Hindernis im Weg ist, auf das wir zutreiben.“ Lennard feixte. „Ausserdem finden wir so eventuell auch die Phantome von Commander Kall. Können wir so ein System ein-richten?“
„Ich denke schon, Sir,“ gab der junge Trill lächelnd zurück. „ Da sich im Inneren des Schild-parameters ein Vakuum befindet und dieses keinerlei Schallwellen leitet, müssen wir eine physische Verbindung nach draussen schaffen, um verwertbare Daten zu erhalten. Wir müs-sen meiner Meinung nach vier Sonden an einem festen Kabel an je einer Ecke des Schiffes herablassen, bis sie die Schilde passiert haben und sich im freien Meer befinden. Damit dürf-ten wir ein dreidimensionales Bild des Meeresbodens erhalten. Die Commander hilft mir sicher gerne dabei, ein paar Sonden mit Schallresonatoren auszurüsten; ihr liegt ja schliess-lich eine Menge daran, mehr über diese angeblichen geheimnisvollen Wesen herauszufin-den.“
„Betrachten Sie sie als Freiwillige.“ Lennard winkte Kall an sich heran, die nichtsahnend mit einem Lächeln zu ihnen trat.
„Und Mrs. Dween hat sicher auch nichts gegen einen kleinen Zeitvertreib, bis wir wieder funktionstüchtig sind,“ fügte Merven süffisant hinzu.
Eine knappe Stunde später waren die drei Offiziere, denen sich überraschenderweise noch eine der Neuankömmlinge angeschlossen hatte, mit der Modifikation der vier Sonden fertig. Die junge blonde Skandinavierin, die unter Mervens Kommando als Steuermann und Brück-enmaat diente, schob gerade eine Antigrav-Transportplattform in den Frachtraum, in dem sie die vier alten Torpedogehäuse umgebaut hatten.
„Das war gar nicht so schwer, wie ich dachte,“ bemerkte Dween und schloss das Gehäuse des letzten Sondenkörpers. „Ich dachte eigentlich, ich bin technisch nicht so sehr begabt, aber das hier ging mir doch ganz gut von der Hand.“
„Es war auch keine Nobelpreis-Arbeit, ein paar schallerzeugende Elemente in Sonden einzu-bauen und Halterungen für eine kombinierte Ankerleitung und ein Datenübertragungskabel anzubringen. Ich fand es interessant, einmal wieder so etwas in dieser Art zu tun.“ Kall wie-gelte die Tragweite ihrer Tat ab.
„Auf jeden Fall können wir mit uns zufrieden sein,“ meinte Merven und setzte sich an die Kontrollen des Traktorstrahles, mit dem innerhalb des Raumes Fracht bewegt werden konnte. „Annika, schieben Sie die Plattform bitte neben die Sonden.“
„Ja, Sir,“ bestätigte die junge Frau und fuhr die knapp über dem Boden schwebende und bei-nahe zwei Meter lange Transportvorrichtung in Position, worauf Merven zuerst zwei der Son-den nebeneinander auflud, dann ein passgenau ausgeformtes Zwischenstück und zuletzt die anderen beiden obenauf.
„Haben Sie die Halte- und Datenkabel repliziert?“ wollte der Trill wissen.
Fähnrich Annika Svensdottir nickte. „Gemäss Ihren Vorgaben, Lieutenant. Ich habe sie be-reits mitsamt den Winden in die vorgesehenen Frachtschleusen gestellt und am Boden fix-iert.“
„Ausgezeichnet, Fähnrich,“ lobte Merven lächelnd, „ich muss aufpassen, dass Mr. Nirm kei-nen Wind von ihrer handwerklichen Geschicklichkeit bekommt, sonst bin ich Sie vielleicht bald los.“
Die frisch von der Akademie Stammende strahlte bei diesen Worten ihres Vorgesetzten. „Vielen Dank, Sir. Ich gebe mir Mühe, ihn nichts davon wissen zu lassen.“
Kall bemerkte daraufhin Dweens finstere Miene und flüsterte der Halbvulcanierin zu: „Mach-en Sie sich nichts daraus, das brauchen die Männer ab und zu einfach, dass ein junges Ding sie anhimmelt. Es gibt Ihnen Selbstvertrauen.“
Verblüfft ruckte Dweens Kopf herum. „Sie können wohl Gedanken lesen?“
„In der Tat, jedoch brauchte ich diese Fähigkeit dafür nicht. Das hätte selbst ein Blinder mit einem Visor erkannt, was in Ihnen vorgeht.“ Sie strich ihrer Kollegin über den Oberarm. „Und vergessen Sie nicht, ich war jahrelang Counselor.“
Dween nickte und lächelte die Betazoide, die etwa einen Kopf kleiner war als sie, dankbar an. „Das ist nett gemeint von Ihnen, aber ich glaube nicht, dass ich mir Gedanken wegen eines blutjungen Fähnriches machen sollte. Sie ist weit weg von zu Hause, unerfahren und unsicher und braucht ein Vorbild, dem sie nacheifern kann.“
Anerkennend spitzte Kall die Lippen zu einem leisen Pfiff. „Ich sehe schon, Sie verstehen ebenfalls etwas von Ihrem Metier. Sehr beruhigend, wenn man sich als Erster Offizier auf seine Senioroffiziere verlassen kann.“
Sie folgten Merven und Svensdottir, die die Antigrav-Einheit hinausschoben, in einigem Ab-stand. „Senioroffiziere hört sich immer so nach alten Leuten an, finden Sie nicht auch, Mrs. Kall?“
„Bitte nennen Sie mich doch Sam. Und ja, ich finde, Sie haben recht, Shania. Ich selbst bin gerade erst dreissig Erdenjahre alt und teile Ihre Auffassung daher.“
„Sie haben schon einiges erreicht in Ihrem Leben.“ Dween konnte nicht umhin, ihre Kollegin
bewundernd zu mustern.
„Und dabei hat es vor wenigen Jahren so ausgesehen, als wäre meine Karriere bei Starfleet komplett ruiniert. Aber das erzähle ich Ihnen lieber ein andermal, denn es ist eine ziemlich lange Geschichte, und ich muss sorgfältig darüber nachdenken, was ich davon erzählen darf, denn ein Grossteil ist für streng geheim erklärt worden.“ Kall bog in den Gang ein, der zur nächsten Frachtschleuse führte, wo sie die erste Sonde zum Herablassen vorbereiteten.
Sie hatten eine Winde, auf der das Kabel aufgerollt war, am Boden der Frachtschleuse ver-ankert und befestigten das Ende des Kabels jetzt an der Halterung der Sonde. Dann schlossen sie das Schott, evakuierten die Schleusenkammer und öffneten danach das Aussenschott. Mit einem schwachen Traktorstrahl, mit dem ansonsten Fracht bewegt wurde, zogen sie die Sonde soweit heraus, dass sie am Kabel hing und liessen sie dann herab bis zum Schildperimeter. Da sie die Abschirmung des Torpedogehäuses auf die Frequenz des Schutzschildes eingestellt hatten, glitt es mühelos durch die Energiebarriere hindurch.
„Die Sonde bleibt in der Senkrechten, Sir,“ berichtete Svensdottir, die die Instrumente der Winde kontrollierte. „Ihre Berechnungen bezüglich des Ballastes waren korrekt.“
„Haben Sie etwa daran gezweifelt?“ fragte Merven mit gespielter Entrüstung.
„Selbstverständlich nicht, Sir,“ antwortete der Fähnrich und himmelte seinen Vorgesetzten erneut an, worauf Kall und Dween unbemerkt im Hintergrund belustigt Grimassen schnitten.
Noch drei weitere Frachtschleusen, dann hingen von den vier ‘Ecken’ der Maschinensektion die Sonden hinab ins Wasser.
Kaum auf der Brücke angekommen, suchten sie die Wissenschaftsstation auf, wo sie eine Konsole für Sonarmessungen ausgerüstet hatten. Auch Lennard sah Merven interessiert über die Schulter, als dieser mit den Messungen begann. Im Raumschiff selbst konnte man natür-lich nichts von den lauten Schallimpulsen hören, da der luftleere Raum im Innerern der ‘Schildblase’ sie vollkommen isolierte.
„Müsste man jetzt nicht bald etwas erkennen können?“ wollte Lennard ungeduldig wissen.
„Das hängt davon ab, wie tief dieser Ozean ist, wenn man das überhaupt so nennen kann. Die Geschwindigkeit der Schallwellen ist in diesem Medium sehr hoch, da die Dichte des Was-sers aufgrund seiner Inhaltsstoffe und der niedrigen Temperatur in dieser Tiefe ebenfalls sehr hoch ist. Aber dennoch wird es eine Weile dauern. Ausserdem kann es gewisse Zonen geben, bei denen Wasserschichten mit relativ hohen Temperaturunterschieden direkt übereinander liegen. An diesen Grenzschichten werden die Schallwellen je nach Auftreffwinkel gebrochen oder reflektiert. Nach unten hin sollten diese Thermoklinen allerdings keine Auswirkungen auf die Messung haben.“
Nach etwa zehn Minuten sagte Merven gereizt: „Also, entweder liegt der Grund extrem tief... oder diese Welt hat keinen festen Kern.“
„Und sie haben auch sonst nichts feststellen können?“
„Tut mir leid, Captain. Keine schwimmenden Objekte im Wasser, soweit ich das sagen kann. Es kann vielleicht noch Stunden dauern, bis wir überhaupt irgendein Echo empfangen.“ Bedauern zuckte Merven mit den Achseln.
„Sie können ruhig bei den Reparaturteams helfen, Mr. Soares. Ich werde hier für Sie die Stel-lung halten,“ bot Svensdottir an.
„Vielen Dank, Fähnrich. Dann muss ich Lieutenant Nirm nicht länger warten lassen.“ Dank-bar lächelnd stand Merven auf und überliess ihr den Sitz. Dween verzog das Gesicht und be-rührte Kall am Handgelenk.
< Ich kann mir das nicht länger mitansehen, wie sich dieses listige Ding an ihn anbiedert. Ich wette, es macht sie an, dass sie noch die Wärme von ihm auf der Sitzfläche an ihrem kleinen Hintern spürt.>
Kall spürte eine leichte Überraschung, als sich diese Gedanken in ihrem Bewusstsein formten. Sie hatte gewusst, dass Dween eine Halbvulcanierin war, aber dass die Kontakttelepathie mit einer Betazoiden so gut funktionieren würde, hatte sie nie für möglich gehalten. Sie musste wider Willen lächeln.
< Übertreiben Sie nicht so, Shania. Für Sie ist sie doch keine ernstzunehmende Konkurrenz. Und dass Mr. Soares das geniesst, ist typisch für einen Mann. >
Dween verzog das Gesicht. < Haben Sie eine Ahnung! Sein erster Wirt Enian Soares war ein notorischer Schwerenöter. Da fällt es einem manchmal schwer, so unbefangen über dieses Thema zu denken. >
< Ich hoffe für Sie, dass Sie sich irren. > Und mit diesem Gedanken zog Kall sanft die Hand zurück und sah lächelnd weg.
Merven stieg in die Frachtfähre ein, mit der er die eine der beiden Warpspulen aus der Gondel
entfernen sollte. Mit ihm ging ein Fähnrich, der den Traktorstrahl des Shuttles bedienen soll-te, an Bord. Ohne lange Umschweife aktivierten sie den Antrieb und warteten darauf, dass sich die Hangartore öffneten.
Als sie schliesslich auseinanderglitten, keuchte der Fähnrich auf. „Sehen Sie nur, Lieutenant Commander! Man könnte fast meinen, wir befinden uns im All.“
Langsam schob sich die Fähre hinaus und steuerte das Heck ihres Schiffes an. Merven besah sich die absolute Schwärze um sie herum, die tatsächlich einen Hauch von Unendlichkeit ver-breitete, doch dann schüttelte er den Kopf. „Nicht ganz, Fähnrich; die Sterne fehlen. Dies hier ist totale Finsternis, wie im Inneren eines schwarzen Loches.“
Darauf schwieg der junge Techniker betreten, bis sie sich über der Backbord-Warpgondel be-fanden, deren Feldgitter in der Mitte auseinandergeklappt waren, sodass man von oben freien Blick auf die einzelnen Warpspulen hatte. Ziemlich weit vorne an einer für sie gut zugäng-lichen Stelle erkannten sie am Herumgewusel der mit Raumanzügen bekleideten Mechaniker, welche der Spulen betroffen war und herausgeholt werden sollte. Als sie noch etwa zehn Me-ter über der Stelle waren, erkannten sie auch, wie stark dieser massive, annähernd ringför-mige Körper aus einer speziellen Metalllegierung durch den eingedrungenen Borgtrümmer deformiert worden war. Die Ein- und Austrittsstelle in der Aussenhülle des Warppylonen hatten die Mechaniker bereits notdürftig versiegelt.
„Sieht böse aus. Meinen Sie, wir bekommen die Spule frei?“ Der Fähnrich beugte sich weit vor, um aus dem Fenster noch etwas unter sich erkennen zu können.
„Soweit ich weiss, liegt sie bereits frei. Das eigentliche Problem ist ihr Gewicht. Wenn wir dieses Teil im freien Weltall herausgeworfen hätten, hätten wir es um einiges einfacher ge-habt. Jetzt befinden wir und auf einem Planeten mit 0,7 g und die Spule hat eine Masse von fast 10.000 Tonnen, die wir anheben müssen. Unser Shuttle allein schafft das nicht, dafür brauchen wir noch zwei weitere Fähren mit einem Traktorstrahl von mindestens unserer Stärke.“ Merven wirkte ein wenig verärgert über die Techniker, die ihnen diese Misere schlicht durch falsche Planung eingebrockt hatten. Hätten sie die von ihm eben erwähnte Tat-sache gleich berücksichtigt, müssten sie jetzt nicht im Inneren der Schildblase der Fairchild solch riskante Manöver ausführen.
„Da sind die anderen beiden Shuttles, Sir. Wir werden gerufen.“ Der Fähnrich setzte sich mit den beiden anderen Piloten in Verbindung, worauf Merven mit ihnen den Einsatz der Trak-torstrahlen besprach.
Sie benötigten etwa fünf Minuten und zahlreiche Versuche, bevor sie alle drei die Spule exakt erfasst hatten und sie anheben konnten. Der Fähnrich warnte Merven: „Die Traktorstrahl-Generatoren werden diese Belastung nicht lange aushalten können.“
„Es wird schon reichen,“ beschwichtigte der Trill seinen Untergebenen und konzentrierte sich darauf, die Fähre möglichst still zu halten, da ihm eine Aktivierung der Automatik unter die-sen Umständen zu riskant erschien.
Sie hatten das schwere massive Metallteil nun aus der langen Reihe von Antriebselementen herausgehoben und zur Aussenseite des Schiffes gelenkt. Einer der beiden anderen Traktor-strahlen begann unerwartet zu flimmern, worauf das Gleichgewicht der Last gestört wurde. Ihr Shuttle neigte sich daraufhin gefährlich zur Seite und nach vorne, als die Projektorsteuer-ung mit einem gequält klingenden Surren versuchte, die fehlende Energie des anderen zu kompensieren.
„Schnell, abschalten!“ rief Merven, worauf der Fähnrich sogleich reagierte. Ihre Lage stabili-sierte sich denn auch gleich wieder, doch ihre Last war nicht mehr zu sehen.
„Was ist da passiert?“ fragte Merven über Funk.
„Tut mir leid, Mr. Soares, unsere Energiekopplung ist durchgebrannt. Wir müssen zurück an Bord und sie austauschen.“ Die Stimme des Ingenieurs klang schuldbewusst, obwohl er für den technischen Defekt eigentlich nichts konnte.
„Sehen Sie nach unten!“ schrie plötzlich jemand auf der Frequenz, worauf Merven mit gerun-zelter Stirn einen Monitor entsprechend einstellte. Sein Sitznachbar keuchte überrascht auf.
Die Warpspule war noch da.
„Wie kann das möglich sein? Mit dem hohen Gewicht hätte sie durch den Schildperimeter glatt hindurchfallen und im Meer versinken müssen.“
„Das stimmt,“ pflichtete Merven ihm bei, „und es ist dennoch unglaublich. Das sehen wir uns an.“
Vorsichtig steuerte er das Shuttle tiefer, bis es etwa zwanzig Meter neben und über dem dick-en elliptischen Metallring schwebte. Die Spule steckte senkrecht im Energiefeld, das im Be-rührungsbereich schwach grünlich schimmerte, und schien zu etwa zwanzig Prozent ihres Volumens ins Meer hinauszuragen, der Rest befand sich noch auf der Innenseite. Es hatte bei-nahe den Anschein, als bilde der Schutzschild eine feste Hülle, den die Spule zwar durch-schlagen, aber nicht soweit durchdrungen hatte, dass sie hatte hindurchfallen können.
„Ich messe ein schwaches konzentrisches Subraumfeld, das durch die Spule läuft und mit dem Schutzschirm interagiert. Es muss sich spontan durch die Aufprallenergie gebildet haben und hält sich selbst stabil. So ein Mist!“ Merven war aufgebracht über diesen dummen Zufall. Sie konnten nichts dagegen unternehmen, ohne die Schutzschirme auszuschalten. Und diese Option kam zur Zeit zweifellos für sie nicht in Frage. Er spielte kurz mit dem Gedanken, es mit dem Traktorstrahl zu versuchen, doch der würde nicht greifen, da sich die Spule eben in ein schwaches Feld eingehüllt hatte und so nicht würde fokussiert werden können.
Zu dumm.
„Da scheint noch mehr dahinterzustecken, Lieutenant Commander,“ bemerkte der Fähnrich beim Studium der Anzeigen. „Offenbar wird dieses Feld von der planeteneigenen Subraum-domäne, die ausserhalb unserer Schilde existiert, stabil gehalten. Zum Glück dringt dieses nicht ins Innere des Schildperimeters vor, sonst könnten die Folgen fatal sein.“
Merven überlegte kurz und forderte dann über Funk bei der Ingenieurscrew ein weiteres Shuttle mit ausreichender Traktorstrahl-Kapazität an, während er sein eigenes zur anderen noch verbliebenen Raumfähre hinaufsteuerte. Es wartete bereits bei der zweiten Warpgondel und hatte sich in Position gebracht. Merven wies den Piloten an: „Wir machen dann gleich weiter, doch diesmal bitte mit mehr Vorsicht. So paradox das für Sie jetzt auch klingen mag, aber ich glaube, dass die andere Spule ohne Probleme durch den Schildperimeter durchfällt, wenn wir sie aus nächster Nähe darüber abwerfen.“
„Nein, Sie haben durchaus recht, Sir,“ entgegnete der Techniker, „ich teile Ihre Ansicht, dass der Sturz aus fast zweihundert Metern Höhe auf den Schild genug Energie für eine spontane Subraumfelderzeugung in der Spule geliefert hat. Bei magnetischen Substanzen wie beispiels-weise Eisen können hohe kinetische Energien ebenfalls sporadische Magnetisierung bewir-ken.“
„Sie meinen, wenn ich ein Stück reinen Eisens ein paarmal heftig zu Boden werfe, erhalte ich durch die Kraft des Aufpralles einen schwachen Magneten? Das wusste ich nicht.“
„Doch, so ist es, Lieutenant Soares. Die einzelnen Atome werden dadurch ausgerichtet und rea-gieren danach schwach magnetisch.“
„Interessant. Doch wir sollten vielleicht damit aufhören, die Prinzipien des Subraumes immer wieder mit denen des Magnetismus zu vergleichen, nur weil wir beides noch immer nicht restlos verstehen. So, da öffnen sich die Hangartüren. Ich denke, wir können gleich mit der zweiten Spule weitermachen.“
„Kall an Soares,“ erklang da die Stimme der kommissarischen Ersten Offizierin. Ein wenig überrumpelt antwortete Merven: „Ja, Commander?“
„Bitte achten Sie genau auf Ihre Umgebung. Ich habe wieder diesen vagen telepathischen Kontakt, doch diesmal wird er stärker und stärker, als ob sich Lebensformen nähern.“ In ihrer Stimme war ein mahnender Unterton, der ihm signalisierte, ihre Wahrnehmungen nicht als blanken Unsinn abzutun.
„Danke für die Warnung, wir werden die Augen offenhalten. Wie funktioniert übrigens unser Echolot? Haben Sie schon eine Ortung erhalten?“
„Bislang noch keinen Bodenkontakt. Entwder kein fester Boden oder der Grund liegt wirklich sehr tief. Wie Sie bereits mutmassten. Wir haben aber noch andere Probleme bei der Bedien-ung des Gerätes.“
Merven koordinierte mit dem neu eingetroffenen Shuttle die Punkte, an denen sie die Traktor-strahlen diesmal ansetzen würden und sprach dabei weiter mit Kall. „Welcher Art sind die Probleme? Arbeiten die Schallemitter nicht ordnungsgemäss?“
„Nein, die Anlage arbeitet anstandslos. Eigentlich ist es die Interpretation und Auswertung der Daten, die wir erhalten. Denn wir bekommen etwas, aber nichts, was das Auswertungs-programm, welches wir geschrieben haben, konkret als festen Gegenstand in irgendeiner Form erkennen würde. Ich habe bereits eine Menge submariner Archive von Planeten der Klasse N durchforstet, vor allem von Sauria und Argo, aber auch von Alpha Centauri sowie der Erde. Demnach werde ich einige Filterparameter ins Programm eingeben müssen, um na-türliche Einflüsse wie etwaige seismische Störungen durch den Planetenkern sowie vor allem den Einfluss der Thermoklinen auszugrenzen. Die verschieden temperierten Wasserschichten machen mir schwer zu schaffen, denn sie behindern die Messung stärker als gedacht.“
Inzwischen hatten sie die zweite Spule mit vereinten Kräften aus der Warpgondel herausge-hoben und balancierten sie nun umsichtig nach unten, um sie in sicherem Abstand zur „steckengebliebenen“ Spule abzulassen. Merven hörte nur mit einem Ohr den Ausführungen von der Brücke zu und fragte dann, als er sie verarbeitet hatte: „Und was bedeutet das im Klartext für uns?“
„Nun, nach unten können wir uns der Werte sicher sein, falls wir je welche erhalten werden, aber von der Seite her... die thermischen Störungen sind einfach zu gross.“
„Das heisst, wenn jemand das weiss und sich uns ungesehen nähern möchte...“ Merven stockte und sah nach draussen.
„Könnte er... oder es... sich praktisch ungesehen nähern,“ bestätigte Kall.
“Ich weiss.“ Merven starrte nach unten und liess den Mund offenstehen.
„Wie bitte?“ Die Betazoide glaubte, sie hätte ihn nicht richtig verstanden.
Merven räusperte sich und sagte: „Commander, bitte informieren Sie den Captain. Wir haben Besuch.“
- 5 -
„Schnell, Sicht nach unten, Vergrösserungsfaktor zehn.“ Lennard hielt es nicht mehr auf sein-em Sitz. Der Hauptbildschirm wechselte die Einstellung und zeigte eine Darstellung der Sicht unter ihnen mit den drei Shuttles, zwischen denen die Spule, von den blaugrün schillernden Traktorstrahlen in der Schwebe gehalten, deutlich sichtbar war. Am Bildschirmrand sah man gerade noch die zweite Spule, die noch immer im Schutzschirm der Fairchild festhing.
Und dort, nur ganz schemenhaft...
Zuerst dachte Lennard an einen Fisch, doch dann musste er sich eingestehen, dass er eine solche Kreatur noch nie zuvor gesehen hatte. Das Wesen, das elegant am Rand ihres Schild-perimeters entlangglitt, besass einen Korpus, der an einen Haifisch erinnerte, obwohl die spitz zulaufende Schnauze nicht so weit nach oben gebogen war. Anstelle von Augen waren nur schmale Schlitze erkennbar, doch dafür hatte es eine rautenförmige Erhebung auf der Stirn, dessen Funktion ihm verschlossen blieb. Am mittleren Bereich des Körpers besass es zwei gewaltige dreieckige Flossen, die an einen Rochen erinnerten, obwohl sie hinten einen rech-ten Winkel zum Körper hin bildeten und ‘ausgefranst’ waren wie bei vielen Walarten. Der Schwanz endete in einer ebenfalls walähnlichen waagerechten Flosse, auf der jedoch eine zusätzliche senkrechte Flosse von recht grossen Ausmassen sass.
Es sah wunderschön aus, wie es sich grazil und mühelos durch das Wasser bewegte.
Dann erst fiel Lennard etwas anderes auf: die Shuttles muteten im direkten Grössenvergleich an wie Spielzeuge. Das unbekannte Wesen mochte etwa siebzig oder achzig Meter lang sein und eine beinahe ebensolche Spannweite aufweisen. Es schwamm um die Stelle herum, an der die festsitzende Warpspule aus dem Schutzschild herausragte, stubste sie dann vorsichtig mit der Schnauze an und schien sie kurz zu untersuchen.
„Captain, ich kann so etwas wie Neugierde bei dem Wesen wahrnehmen,“ berichtete Kall mit leicht entrücktem Blick, so als höre sie auf eine innere Stimme. „Es möchte wissen, was es da vor sich hat, weil es das noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hat.“
In diesem Moment versagte einer der Traktorstrahlen, der die zweite Spule in der Schwebe hielt.
„Nein!“ schrie Merven über Funk, doch auch er war machtlos. Der schwere Ring fiel auf den Schildperimeter... und durch ihn hindurch, genauso, wie der Trill es vorhergesagt hatte. Einen kurzen Moment lang, als er das Energiefeld gerade durchquert hatte, war eine kleine Lücke in der Energieblase entstanden, durch das eine dünne Wasserfontäne mit hohem Druck ins Inne-re schoss. Im absoluten Vakuum, das hier herrschte, siedete die Flüssigkeit augenblicklich und war verschwunden, noch bevor jemand Entsetzen oder Panik über das Leck in ihrem schützenden Kokon aus reiner Energie empfinden konnte.
„Die Energiekupplung ist durchgebrannt. Die Spule war einfach zu schwer,“ rechtfertigte der Pilot des Unglücksshuttles den Vorfall, aber niemand achtete darauf. Alle starrten hinaus, wo das grosse Meereswesen der absinkenden Warpspule hinterhertauchte und rasch verschwun-den war.
„So ein Mist! Wer weiss, ob wir jemals wieder so ein Wesen zu sehen bekommen,“ fluchte Wuran leise. Ihr Interesse als Wissenschaftsoffizierin an dem entdeckten ‘Haiwalrochen’ war natürlich besonders gross.
Als Lennard sich umdrehte, fiel sein Blick auf Kall, die mit einer selbstgefällig-grimmigen Miene und vor der Brust verschränkten Armen hinter ihm stand. „Lassen Sie uns doch einmal über Phantome reden, Captain...“
„Schon gut, Sie hatten recht. Die ganze Zeit über hat Ihr Gefühl Sie nicht getrogen und ich bedaure, dass ich Ihnen nicht schon früher Gehör geschenkt habe. Soll ich weitermachen?“ Er musterte sie ärgerlich.
„Nein, nicht nötig. Wir sollten nur überlegen, wie wir dieses Wesen wiederfinden können. Der Erfassung durch Sonar hat es sich offenbar erfolgreich entzogen, indem es sich uns ent-lang der Thermoklinen genähert hat und so in der Sicherheit der Störungszone unentdeckt ge-blieben ist. Das könnte eine gewisse Intelligenz voraussetzen. Ich bin der Ansicht... oh!“
„Wie bitte?“ Lennard musterte sie mit fragender Miene.
Stockend erklärte Kall die Unterbrechung ihrer Ausführungen: „Ich spüre es wieder, aber diesmal stärker. Und es scheinen mehrere Wesen zu sein.“
„In der Tat,“ bekräftigte Wuran, worauf alle sie ansahen. Stumm hob sie den Arm und deutete auf den Hauptmonitor.
Lennard schalt sich in Gedanken einen Idioten, den Bildschirm aus den Augen gelassen zu haben und fuhr herum. Seine Augen weiteten sich.
Das Bild hatte sich verändert. Dutzende der fremdartigen Wesen tummelten sich mittlerweile rund um die festhängende Warpspule, waren scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht. Erstaun-licherweise erkannte man ziemlich deutlich Exemplare von verschiedener Grösse in mehreren Gruppierungen. Sie schwammen an der Stelle, wo die Warpspule ins Wasser hinaushing und schienen sie zu beschnüffeln und durch Anstupsen zu untersuchen.
„Es gibt wohl eine soziale Struktur im Gruppen- oder Familienmuster,“ vermutete Wuran ge-bannt, ohne den Blick von den Geschehnissen am Bildschirm abzuwenden.
Dann geschah etwas höchst Eigenartiges: eines der grösseren Exemplare näherte sich der Spule, neigte seinen Kopf zur Seite und begann am Metall zu knabbern. Eines der voll ausge-wachsenen Tiere bemerkte das und scheuchte den ‘Halbstarken’ lediglich mit einer vagen Kopfbewegung weg.
„Offenbar scheint es eine ausgeprägte Hierarchie zu geben, so wie eine Reihenfolge beim Fressen in Raubtierrudeln. Der Grösste und Stärkste darf sich zuerst bedienen,“ mutmasste Dween.
Wuran rutschte heraus: „Wissen Sie eigentlich, was Sie da gerade gesagt haben, Counselor? Sie fressen die Warpspule?“
Betreten sah Dween angesichts der Lächerlichkeit ihres Gedankens zu Boden, doch Kall erwi-derte: „Nein, Shania hat voll und ganz recht, sie verzehren die Warpspule tatsächlich. Die Metalle sind für sie der dickste Leckerbissen, den sie je gesehen haben. Normalerweise er-nähren sie sich von winzigen, primitiven Meeresbewohnern, die alle möglichen Schwermetal-le aus dem Wasser herausfiltern und ihre Körper damit anreichern. Aber was die Reihenfolge angeht, liegt sie total falsch. Sehen Sie nur!“
Und wirklich wurde nun deutlich, dass das grosse Wesen den kleineren nur vertrieben hatte, um die jüngsten seiner Gruppe mit sanften Nasenstupsern zu der Spule zu leiten, wo sich die-se aufgeregt und beinahe freudig über die ‘Mahlzeit’ hermachten. Gleichzeitig packte das ‘Leittier’ eine grössere Strebe und riss sie mit einem kurzen, heftigen Ruck aus der Spule her-aus. Der zerfaserte, etwa zehn Meter lange Strang musste bei der hohen Dichte der Verte-rium-Kortenid-Legierung mindestens fünfzig Tonnen wiegen. Unglaublich, diese natürliche Kraft.
Mit einer beiläufigen Bewegung schwang es das Stück hinter sich, wo es von einem anderen gefangen wurde, als hätte es nur darauf gewartet, dieses Teil zugeworfen zu bekommen. Wäh-rend das grosse Tier nach und nach immer mehr Stücke aus der Spule herausriss und offen-bar gerecht auf alle verteilte, während die Jungtiere selig direkt am Korpus knabbern konnten, wurde allen deutlich, dass diese Spezies sowohl über erhebliche Intelligenz als auch über die Fähigkeit zur Kommunikation und besondere soziale Strukturen verfügte.
Lennard sah Kall direkt an. „Woher haben Sie das gewusst? Können Sie etwas konkretes wahrnehmen?“
„Mehr als das,“ erwiderte die Betazoide lächelnd. „Ich stehe in direktem Kontakt mit ihnen. Es sind Telepathen, Captain, und sie sind sehr intelligent, mindestens so sehr wie Delphine oder Wale. Sie berichten mir gerade über ihre Art, die sich selbst die ‘Newar’ nennt. Das Muster ihrer Hirnwellen ist fremdartig, aber irgendwie haben sie es doch geschafft, Verbin-dung zu mir aufzunehmen. Haben wir sonst noch jemanden mit latenten telepathischen Fä-higkeiten an Bord, Captain?“
Lennard überlegte: „Nicht, dass ich wüsste. Allerdings haben wir in letzter Zeit so viele Neu-zugänge erhalten und ich hatte nicht unbedingt Zeit, mir jede einzelne Personalakte in dem Mass einzuprägen, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre...“
„Ich verstehe. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich eine allgemeine Durchsage machen, Sir.“
Lennard runzelte die Stirn, sagte aber: „Wenn Sie meinen...“
Dankend nickte sie und sprach dann weiter: „Computer, an alle Decks: hier spricht die kom-missarische Erste Offizierin Commander Sam Kall. Wir haben eine Lebensform entdeckt, die auf dieser Welt in den Meeren beheimatet und telepathisch veranlagt ist. Wenn jemand diese Begabung ebenfalls besitzt oder auch nur den Verdacht hat, er kann etwas von der Präsenz dieser Wesen spüren, meldet er sich bitte umgehend auf der Brücke. Kall Ende.“
„Da bin ich ja einmal gespannt,“ meinte Dween und fügte dann hinzu: „Zählen auch Kontakt-telepathen?“
„Sofern Sie sich einen Raumanzug anziehen und bei diesem Aussendruck ins freie Meer hinauswollen, um direkten körperlichen Kontakt aufzunehmen.“ Darauf war Dween still.
„Über was plaudern Sie denn gerade mit unseren Freunden?“ fragte Lennard interessiert.
Kall erklärte: „Ich erläutere gerade, wer wir sind und woher wir kommen.“
„Captain, sehen Sie sich das hier einmal an,“ meinte Wuran und winkte ihn zu sich heran.
„Nun wollen sie wissen, warum wir hier sind. Darf ich ihnen unsere Lage erklären?“ wollte Kall wissen.
„Warum nicht? Und vergessen Sie auch nicht, die politische Lage im Alpha-Quadranten näher zu erörtern,“ meinte Lennard ironisch, als er seiner Wissenschaftsoffizierin über die Schulter sah.
„Sehen Sie die Spektralanalyse, die ich von den Newar gemacht habe? Ihre Körperstrukturen basieren auf Silizium statt auf Kohlenstoff, was sehr selten ist. Bisher sind uns nur eine Hand voll Lebensformen mit dieser Biochemie bekannt, und diese leben sämtlich unterirdisch. Ebenfalls bemerkenswert ist die sehr hohe Konzentration an beinahe allen Schwermetallen, die im Wasser gelöst sind. Und das Faszinierendste sehen Sie dort: die Newar sind offenbar in der Lage, ein natürliches Subraumfeld mit ihren Körpern zu erzeugen.“
Lennard blieb der Mund offenstehen, als er die Anzeigen studierte. „Unglaublich! Diese Spe-zies ist wirklich bemerkenswert. Stellen Sie sich nur vor, sie würden im Weltraum leben an-statt im Meer. Wahrscheinlich könnten sie sich mit Warpgeschwindigkeit fortbewegen.“
Kall meldete sich zögerlich: „Äh, Sir... sie teilen mir gerade mit, dass sie dazu sehr wohl im-stande sind. Innerhalb ihres Sonnensystems bewegen sie sich frei im Raum, da sie über kein Stoffwechselsystem verfügen, das auf Lungen oder Kiemen basiert und somit weder freie noch im Wasser gelöste Gase benötigen.“
„Das wird ja immer besser! Welche Überraschungen erwarten uns noch?“ Lennard sah ge-bannt auf den Hauptmonitor.
Mit schwachem Lächeln meinte Kall: „Das würden Sie mir ohnehin nicht glauben.“
„Versuchen Sie es einfach.“
Kall seufzte und holte dann tief Luft. „Gut, es ist folgendermassen: es gibt auf Ribaalc III einige hundert Millionen Newar, die alle in einer friedlichen planetenweiten Gemeinschaft miteinander leben. Sie kennen keine Kriege, haben keine natürlichen Feinde und leben in Gruppen von mehreren Grossfamilien auf ein sehr grosses Gebiet verteilt, können jedoch alle miteinander telepathisch kommunizieren. Nach meinem Verständnis benutzen sie dazu auch die Subraumenergien, welche sie mit ihren Körpern erzeugen können. Jedenfalls haben alle Newar sozusagen mitgehört und der ganze Planet weiss nun von uns.“
„Und welche Konsequenzen hat das für uns?“ fragte Leardini vorsichtig.
„Nun, ich kann ihnen praktisch in kürzester Zeit riesige Informationsmengen übermitteln, da sie über meine Erinnerungen sozusagen bildhaft über alle Geschehnisse erfahren, die ich ihn-en mitteilen will. Sie wissen jetzt alle so ziemlich alles, was es in meinen Erinnerungen über die Föderation, die anderen Völker im Alpha-Quadranten, die Borg sowie über das Dominion zu wissen gibt.
Sie sind sehr interessiert an unserer Praxis der föderativen Koexistenz und dem Gedanken des kulturellen Austausches untereinander. Ihnen war nicht bewusst, dass es derzeit andere Spe-zies gibt, die interstellare Reisen unternehmen können, auch wenn sie oft verirrte Subraum-signale wahrgenommen haben. Sie konnten nur mit der rein verbalen oder binären Kommu-nikationsform nichts anfangen und hielten es für natürliche Phänomene, die nur zufällig auf-treten.“
„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie einfach nicht zur Sache kommen?“ Lennard wirkte ungeduldig.
Beinahe verlegen fuhr Kall fort: „Ich glaube, das Volk der Newar hat gerade einen Auf-nahmeantrag in die Föderation gestellt.“
Einen Moment herrschte Grabesstille im Raum, dann rief Dween: „Das ist ja grossartig!“
Was nun folgte, war ein aufgeregtes Durcheinanderreden, das Lennard nur mit erhobener Stimme beenden konnte: „Bitte Ruhe! Das muss ernsthaft diskutiert werden. Ich möchte gerne eine Konferenz einberufen, um das näher zu erläutern. Stefania, Mrs. Kall, Mrs. Wuran, Mrs. Dween, Mr. Wenjoorok und Mr. Darrn bitte in die Beobachtungslounge.“
Alle sahen sich bedeutungsvoll an, dann kamen die Angesprochenen der Aufforderung nach und verliessen ihre Posten, um das Heck der Brücke anzusteuern, wo die Eingänge der Lounge waren.
Alle kamen sich plötzlich vor wie in einem Aquarium, als sie draussen die vielen Newar rund um ihre Schildblase herumschwimmen sahen, teilweise weit über hundert Meter gross. Sie tummelten sich bei den Warppylonen, wo die Mannschaften mit dem Schliessen der Abdeck-gitter beschäftigt waren, die über den Warpgondeln lagen. Ausserdem verfolgten sie wissbe-gierig den Rückflug der kleinen Shuttles in den Haupthangar zurück.
Kaum dass sich alle gesetzt hatten, begann Lennard: „ Sie alle haben mit eigenen Ohren ver-nommen, worum es geht. Ich möchte Ihre Meinungen dazu hören.“
Kall sagte mit ernster, teilnamsloser Miene: „Ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass die Newar durch mich die Konferenz verfolgen und ihre Partei durch mich zum Ausdruck brin-gen. Somit vertrete ich ihr gesamtes Volk in dieser Angelegenheit und werde mich persönlich nicht weiter dazu äussern. Lassen Sie mich nur erwähnen, dass ich persönlich ein gutes Gefühl dabei habe.“
Überrascht starrte Lennard die Betazoide an. „So? ...na gut, dann vertreten Sie also unsere neuen Freunde. Ich möchte zuallererst wissen, wie sie darauf kommen, der Föderation so mir nichts, dir nichts beitreten zu wollen, nachdem sie uns doch kaum kennen.“
„Das kann man so nicht sagen, Sir. Durch meine Gedanken haben sie eine ganze Menge von der Föderation erfahren, und zwar auch die unterbewussten Fakten, die ich vielleicht in einem verbalen Gespräch vergessen würde zu erwähnen oder ihnen gar vorenthalten wollen würde. Sie sehen also, ihnen sind alle nötigen Informationen bekannt, die für eine Bewerbung zum Beitritt vonnöten sind. Und sie haben sich eingehend beraten und sich fast einstimmig dazu entschlossen. Sie möchten auch gleich versichern, dass ihnen durchaus bewusst ist, dass wir uns im Krieg befinden, sind aber der festen Überzeugung, dass ihnen das Dominion nichts an-haben kann.“
„So richtig kann ich das nicht glauben,“ zweifelte Wenjorook diese Aussage an. „Sie unter-schätzen sicher die militärische Stärke und die Gnadenlosigkeit, mit der die Jem’hadar erstere einsetzen werden. Wir müssen ihnen vor allem zuerst klarmachen, in welche Gefahr sie geraten können...“
Etwas unwirsch unterbrach Kall den andorianischen Sicherheitschef der Fairchild. „Ich glau-be, das hat sich gerade erübrigt. Captain, ich muss Sie von einer beinahe unglaublichen Tat-sache in Kenntnis setzen.
Die Newar berichten, dass vor sehr langer Zeit einzelne ihrer Art auch den interstellaren Raum bereisten, dass es damals aber keine intelligente raumfahrende Rasse in den angrenz-enden Sektoren gab. Deshalb war die interstellare Reise für sie auch relativ uninteressant, mit einer Ausnahme.
Sie haben Kontakt mit dem ‘Ewigen von Alnilam’ gehabt.“
Alle sprangen gleichzeitig auf. Lennard rief: „Waaas?! Sind Sie sicher? Haken Sie nochmals nach, wo sie ihn gefunden haben.“
„Das dürfen sie keiner anderen Rasse preisgeben. Nur unter dieser Voraussetzung hat er ihnen sein gesammeltes Wissen überlassen. Sie hätten es überhaupt nicht ‘erwähnt’, wenn sie nicht zufällig etwas davon in meinem Gedächtnis bemerkt hätten. Sie sagen, er wollte, dass andere Arten ihn aus eigener Kraft finden.“ Sie zuckte bedauernd mit den Schultern.
Lennard rieb sich nachdenklich das Kinn: „Ja, das kommt mir bekannt vor. Jetzt wundert es mich allmählich auch nicht mehr, dass der ‘Ewige’ noch nie etwas von Gewalt, Feindschaft oder Krieg gewusst hat, bevor er Kontakt zu uns bekommen hat. Das muss eine der ruhigeren Perioden im Quadranten gewesen sein, in denen die Newar herumgereist sind.“
Leardini warf ein: „Aber wie können sie davon noch wissen? Das muss doch hunderttausende von Jahren her sein, wenn nicht noch mehr!“
„In Wahrheit sogar mehrere Millionen Jahre,“ verbesserte Kall und fuhr fort. „Die Newar möchten dazu gerne einen Vergleich anstellen, um uns diese Sache begreiflich zu machen. Ohne Sie schocken zu wollen, muss ich sagen, dass es einige Parallelen zu der Existenz der Borg gibt. Nein, lassen Sie mich bitte weiterreden. Auch die Borg gibt es bereits seit Jahrmil-lionen und auch sie sind gedanklich miteinander verbunden, wodurch ihre Erfahrungen und ihr gesammeltes Wissen vereint ist. Der Unterschied ist, dass die Verbindung bei den Newar rein biologischer Herkunft ist, da sie nur telepathisch miteinander kommunizieren. Bei ihnen lernen die Babys bereits von den anderen, während sie noch vom Mutterwesen ausgetragen werden. Und es gibt Individualität, was bei den Borg gezielt unterdrückt wird.“
„Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein,“ bemerkte Dween lächelnd. „Sie verkörpern alle Vorteile des geistigen Kollektives, ohne die Nachteile der Borg zu haben.“
„Das stimmt,“ pflichtete Kall erfreut bei, „sie werden nicht von der aggressiven Haltung und dem Bedürfnis der Borg beherrscht, andere Rassen zu vereinnahmen, um sich weiter zu ent-wickeln. In diesem Punkt haben sie dann doch mehr Ähnlichkeit mit dem ‘Ewigen von Alni-lam’. Ausserdem sind sie ziemlich langlebig; sie werden alle bis zu sieben- oder achthundert Jahre alt.“
„Es wäre schön, sie als Verbündete zu haben,“ meinte Dween mit einem offenen Lächeln.
„Aber wie sollen wir das anstellen? Erstens befinden wir uns im Krieg, zweitens in gefähr-licher Nähe zur Front, drittens haben wir wahrscheinlich bald ein Kontingent der Jem’hadar in unbekannter Höhe auf dem Hals und viertens können wir nicht hier weg, ohne das zweite Borgschiff abzufangen, das hier bald eintreffen kann.“ Wenjorook machte einen hilflosen Eindruck beim Aufzählen ihrer Probleme.
„Sobald wir wieder flott sind, wird sich eines nach dem anderen ergeben,“ wiegelte Lennard ab. „Irgendwie werden wir das schon hinkriegen. Meine Stimme haben die Newar jedenfalls.“
„Sie melden sich nochmals, Captain.“ Kall zögerte und verzog ihr Gesicht. „Sie haben einen sehr ungewöhnlichen Vorschlag zu machen...“
„In etwa einer Stunde können wir starten, Captain,“ verkündete Nirm stolz über Interkom, nachdem Lennard um den Stand der Reparaturarbeiten gebeten hatte.
„Nicht übel, Lieutenant,“ lobte der Kapitän und sah auf den nächstgelegenen Chronometer, der sich an der Brückenkontrolle des Maschinendecks befand, wo er alle wichtigen Funktion-en des Schiffes selbst abfragen konnte, „und das fast zwei Stunden vor der angekündigten Zeitspanne. Leiden Sie etwa unter dem ‘Montgomery-Scott-Syndrom’?“
„Keineswegs, Sir, aber wenn Sie darauf bestehen, lasse ich mich gerne auf der Krankenstation untersuchen.“ Die Stimme des Lurianers klang höchst amüsiert.
Merven richtete zusammen mit Svensdottir die Steuerkontrollen aus, als sie den Ausspruch des Chefingenieurs hörte und ihren Vorgesetzten verwirrt ansah. Leise fragte sie: „Was ist das denn für eine Krankheit? Ich habe noch nie etwas davon gehört.“
„Es ist eigentlich keine typische Krankheit,“ gab Merven ebenso leise zurück, „sondern eine Eigenart des berühmten Chefingenieurs der ersten Enterprise in der Sternenflotte, Sie wissen schon, die unter dem Kommando von James Kirk. Nach dem, was ich darüber weiss... nein, warten Sie, ich gebe Ihnen ein Beispiel, Annika.
Nehmen Sie an, die Enterprise treibt mit defektem Warpantrieb im All. Kirk erkundigt sich nach der Reparaturzeit und Scott erklärt, er benötige mindestens zehn Stunden. Kirk, unge-duldig und aufbrausend, wie er nun einmal ist, verlangt die Reparatur in nicht mehr als sechs Stunden. Darauf jammert, klagt und argumentiert der Techniker und sagt schliesslich, er könne es nicht versprechen. Was glauben Sie, was dann passiert?“
„Ich habe keine Ahnung,“ gestand die junge Isländerin ein. „Vielleicht schafft er es nicht ganz in der verlangten Zeitspanne?“
„Ha!“ Merven musste an sich halten, um nicht laut zu werden und die Aufmerksamkeit anderer zu erregen. „Von wegen. In zwei Stunden ist das Schiff wieder voll funktionsfähig und alle singen in den höchsten Tönen Loblieder auf ihren Wunderknaben im Maschinen-raum. Und wissen Sie auch, warum? Weil der gerissene Scott schon von vorneherein viel zu viel Zeit veranschlagt hat, damit er sicher die geforderte Dauer des Captains um mindestens die Hälfte unterbieten und sich dadurch profilieren kann.“
„Was für eine Hochstapelei,“ empörte sich Svensdottir - und jetzt war es an ihr, sich zu be-herrschen und die Stimme nicht zu heben. „Durch Vorspiegelung falscher Tatsachen und be-wusster Fehlinformation seines Kommandanten erschleicht er sich Ansehen und einen unge-rechtfertigten Ruf der Kompetenz. Das ist nicht schicklich für einen Offizier der Sternen-flotte.“
„Gehen Sie doch nicht so hart ins Gericht mit dem guten alten ‘Scotty’,“ sah sich der Trill nun genötigt, den bekannten Ingenieur zu verteidigen. „Es war so eine Art rituelles Geplänkel, denn Kirk wusste natürlich von der Marotte seines Maschinisten. Es war ein richtiger Ferengi-Handel, noch Jahrzehnte vor dem ersten Kontakt mit diesem Volk. Von dieser Warte aus ge-sehen waren sie doch recht fortschrittlich.“
„Nicht unbedingt,“ widersprach Svensdottir entschieden. „Beide waren Terraner. Bei vielen Völkern der Erde war das Feilschen schon damals ebenfalls weit über eintausend Jahre lang bekannt gewesen. Solch ein hoher Verdienst stellt diese Taktik also durchaus nicht dar.“
„Das muss ich Ihnen wohl glauben,“ räumte er ein und beendete die Einstellungen an der Rudergeometrie.
Von ihrem Platz aus beobachtete Dween argwöhnisch das leise Tuscheln von Merven und Svensdottir mit eng zusammengesteckten Köpfen. Dann riss eine sanfte Stimme sie aus ihren düsteren Überlegungen. „Na, so schlimm wird es wohl nicht sein, Shania. Die kleine Annika ist harmlos und keine Gefahr für Ihre Beziehung.“
Dween fuhr zusammen und sah ruckartig auf. Dann stöhnte sie leise auf, als sie sah, wer sich neben sie setzte. „Der Captain hat mich schon vor Ihnen gewarnt, aber dass es so schlimm ist...“
„Entschuldigen Sie mal, aber Sie haben Ihre Gedanken ja so laut ‘hinausgeschrien’, dass jeder auch nur halbwegs telepathisch veranlagte Humanoide bereits beim Betreten der Brücke gar nicht umhin konnte, sie wahrzunehmen. Aber in Wahrheit erklärt Merven seiner Untergeben-en gerade, was das ‘Montgomery-Scott-Syndrom’ ist. Oh, das ist interessant... ich selbst wuss-te das bis heute nicht. Woher hat er nur diese ganzen alten Anekdoten?“
Lächelnd erklärte Dween: „Sie vergessen, dass er das alles gewissermassen selbst miterlebt hat. Sein erster Wirt war sogar für kurze Zeit auf der Enterprise stationiert, auf der Scott mei-nes Wissens nach damals Dienst getan hat.“
„Ach ja, die Trills. Ich frage mich, wer von uns älter werden wird.“ Versonnen schmunzelnd starrte die Betazoide vor sich her.
„Was meinen Sie damit?“ wollte Dween verständnislos wissen.
„Ich rede eigentlich nicht darüber, aber ich denke, Sie werden es für sich behalten: ich bin zu einem Viertel El’Aurianer, weshalb ich bei meinem Grad der Dominanz dieser Gene eine Lebenserwartung von über dreihundert Jahren habe. Verstehen Sie jetzt meine Bemerkung?“
Sie nickte. „Sie erstaunen und faszinieren mich bei jedem Gespräch aufs Neue, Sam. Wir sollten uns doch einmal ausführlicher unterhalten, wenn das alles vorbei ist beziehungseise wenn wir wieder einmal eine kleine Atempause haben. Vielleicht im Elf Vorne?“
„Gerne. Sie haben sicher auch so einiges zu erzählen, was Sie an Bord dieses Schiffes erlebt haben, bevor ich zu Ihnen gestossen bin. Für mich wird dieser Posten hier immer mehr zu einem Glücksfall.“
„Sie sprechen schon wieder in Rätseln,“ raunte Dween ihr zu, als sie sah, wie Lennard sich ihnen näherte und sich auf seinem Sessel zwischen ihnen niederliess.
Kall überlegte einen Moment und sah dann zu ihrem Kommandanten hinüber. „Captain, ist es momentan erforderlich, dass die Counselor und ich zugegen sind?“
Lennard zögerte einen Moment angesichts der unerwarteten Frage und meinte dann leichthin: „Eigentlich nicht. Bis zum Startversuch ist es noch fast eine Stunde und solange kann niem-and von Ihnen wirklich etwas tun, da alle Arbeiten delegiert sind und die Crew mit zufrieden-stellender Effizienz arbeitet.“
„Gut, dann möchten wir uns kurz zurückziehen, wenn Sie gestatten.“ Kall stand behende auf und wartete weder auf eine weitere Zustimmung seitens Lennards noch darauf, dass Dween sich von ihrer Verblüffung erholte, aufspringen und ihr folgen konnte.
Im Turbolift wollte sie wissen: „Was sollte das eben? Wohin wollen Sie?“
„Elf Vorne. Ich habe mich gerade zu einem Entschluss durchgerungen und bin nun der An-sicht, dass es Zeit ist, über Perspektiven zu reden. Wer könnte dafür geeigneter sein als eine junge Halbvulcanierin, die Ihre bestechende Mischung aus Ehrgeiz und Logik in sich trägt?“
„Irgendwie gefällt es mir nicht, wenn Sie so reden, Sam. Planen Sie etwa eine Meuterei und wollen mich dafür einspannen?“
Die kommissarische Erste Offizierin warf den Kopf zurück und brach in schallendes Ge-lächter aus. „Das ist wunderbar! Ihre Phantasie ist so erfrischend, Shania. Nein, keine Angst, ich mache Sie nicht zu meiner Mitwisserin in irgendeiner Verschwörung. Kommen Sie jetzt.“
Die Türen des Turboliftes glitten auf und entliessen sie in den Korridor, der nach wenigen Metern in das Etablissement des Schiffes führte. Im Inneren herrschte wenig Betrieb ange-sichts der Tatsachen, dass seit Kriegsbeginn praktisch keine Zivilisten mehr an Bord waren und derzeit ein Grossteil der Crew noch mit letzten Kontrollen der Instandsetzungsarbeiten beschäftigt war. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch an einem der vorderen Fenster, wo noch immer die unglaublich dichte Schwärze der lichtlosen Tiefsee dominierte.
„Was soll denn die Geheimniskrämerei?“ verlangte Dween zu wissen, sobald der Barkeeper ihre Bestellungen angenommen hatte.
„Ich hatte erwähnt, dass dieser Posten ein Glücksfall für mich sei,“ begann Kall und sah die junge Counselor bedächtig nicken. Mit gesenkter Stimme fuhr sie fort: „Nun, Glück hat eig-entlich wenig zu tun mit meinen Ambitionen. Und bevor Sie noch mehr Fragen stellen, spreche ich es lieber laut aus: so, wie die Dinge hier stehen, werde ich das Kommando über die Fairchild übernehmen.“
Der Schock stand Dween ins Gesicht geschrieben, als sie aufsprang und anklagend mit dem Finger auf Kall zielte. „Sie haben gerade erst gesagt, dies wird keine Meuterei werden... und jetzt das!“
„Herrje, setzen Sie sich doch!“ zischte Kall peinlich berührt, als ein junges Paar in der ent-fernten Ecke der Bar sie befremdet anstarrte. „Lassen Sie mich doch ausreden.“
„Na, jetzt bin ich aber gespannt.“ Dween liess sich nur zögerlich wieder nieder und liess es ebenso zögerlich zu, dass die Betazoide ihr die Hand auf den Unterarm legte.
„Ich spreche natürlich nicht von rechtswidriger Machtübernahme auf dem Schiff, wo denken Sie hin, Sie Dummerchen! Die Rede ist lediglich von langfristigen Perspektiven. Sie müssen wissen, ich habe bereits für ein ganzes Weilchen in Vertretung die Aldebaran befehligt, ein Schiff der Galaxy-Klasse. Das war ein Glücksfall, da die kommissarische Kommandantin Vakuf dienstunfähig wurde, aber andererseits ist mir bewusst, dass ich unter normalen Um-ständen auf jenem Schiff ziemlich sicher nicht mehr so weit kommen werde, wie ich bereits war. Vielleicht haben Sie ja mitbekommen, dass mir ein Erster Offizier vor die Nase gesetzt worden ist, was für mich mittelfristig das Aus in der Kommandohierarchie bedeutet. Es war übrigens sogar für mich erstaunlich, wie schnell und konsequent sich Vakuf vom Steuermann zum Kommandant eines Schiffes hochgearbeitet hat. Auf diesem Stuhl sitzt also eine Vul-canierin und die werden bekanntlich recht alt. Und bevor ich ein ‘ewiger Erster Offizier’ wie beispielsweise Commander Riker werde...“
„Ist Ihnen je in den Sinn gekommen, dass man Sie nie wirklich als Captain für ein Schiff wollte?“ warf Dween mit ihrem unschuldigsten, süssesten Lächeln ein.
Kall verzog das Gesicht. „Sie spielen sicher auf mein kleines Missgeschick an...“
„Ach, so nennt man das absichtliche Anlegen eines Kollisionskurses mit einem feindlichen Schlachtkreuzer, wenn man ein Föderationsschiff mit beinahe eintausend Besatzungsmitglie-dern steuert. Das war mir nicht geläufig.“
„Bitte lassen Sie ihren Sarkasmus,“ forderte Kall sie ein wenig wirsch auf, „und hören Sie mir zu. Es ist...“
Sie unterbrach sich, als die Drinks gebracht wurden und fuhr übergangslos fort, sobald sie wieder ungestört waren.
„Dieser Job hier hat sich für mich geradezu aufgedrängt, um Karriere machen zu können. Se-hen Sie nur die Perspektiven: Commander Leardini ist der Erste Offizier - noch. Doch bald wird sie kurz vor der Niederkunft stehen und dann für eine Weile weg vom Fenster sein. Glauben Sie ernsthaft, dass das Oberkommando sie wieder als Erste Offizierin auf dem glei-chen Schiff, auf dem ihr Gatte Captain ist, zulässt? Vergessen Sie’s. Dieser Illusion geben sich doch höchstens noch die beiden hin und verdrängen die unausweichliche Realität. Sie können ja schon froh sein, dass ihre Beziehung so lange wissentlich geduldet worden ist. Die Karriere auf diesem Posten ist für Stefania jedenfalls vorbei, doch ich kenne sie gut; sie wird die Familie vorziehen und dennoch hierbleiben, auch wenn sie nicht mehr im Dienst sein wird. Ich hoffe nur, dass sie dennoch glücklich wird. Das Fazit ist demnach: ich werde auf lange Sicht der Erste Offizier der Fairchild bleiben. Von oben her scheinen da wohl keine Bedenken zu bestehen, denn ansonsten hätte ich den Job als ‘Vertretung’ gar nicht erst be-kommen, sondern irgend so ein Theoretiker wie dieser dubiose Grung Ka’rell, der Bezieh-ungen hat und einfach so einmal von seinem Schreibtisch im Oberkommando wegwollte und ein wenig Raumfahren. Doch nun zum nächsten Punkt.
Captain Lennard ist der Kommandant, gut. Aber für wie lange? Er ist ein sehr fähiger Tak-tiker und Stratege und vereint in sich Eigenschaften sowie ein Mass an Felderfahrung, das nicht viele Leute haben. Der Krieg könnte seine Beförderung zum Fleet Admiral oder wahr-scheinlich sogar Vizeadmiral um einiges beschleunigen, womit er von der Brücke des Schif-fes verschwinden würde. Und selbst wenn er es aussitzen sollte, bis er aus Altersgründen ab-gelöst wird, ist er dennoch ‘nur’ ein Terraner mit einer begrenzten Lebensspanne. Ich werde zusehen, dass ich dasein werde, wenn für ihn der Abschied kommt. Falls dieser lausige Krieg und das Schicksal es zulassen, kann ich eines der modernsten Schiffe halbwegs funktions-tüchtig und an einem Stück übernehmen und kommandieren, wenn meine Zeit gekommen ist.“
„Wow, Sie planen wirklich weit voraus.“ Dween verschlug es die Sprache angesichts dieses Kalküls. „Aber was ist mit Ihrem Privatleben? Doc Stern wird nach wie vor auf der Aldebaran sein.“
„Nichts gegen Doc Endi, aber meines Wissens nach hat sie noch etwa drei Dienstjahre vor sich, bis sie aus Altersgründen ausscheiden wird. Wussten Sie nicht, dass ihre Art nur bis zu zwanzig Jahre alt wird? Nun, jetzt wissen Sie’s. Und jetzt raten Sie doch mal, wer da nach-rücken wird, wenn sie ihren Hut nehmen wird?“ Kall lächelte süsslich.
„Die Art der Logik, mit der Sie mir das alles darlegen, erschreckt mich beinahe,“ gestand Dween. „Ich hätte Sie nie für so kühl und berechnend gehalten.“
„Das nennt man Weitsicht, liebe Shania. Wer ein langes Leben vor sich hat, beginnt irgend-wann in anderen Zeiträumen zu denken. Ich hoffe, das verstehen Sie.“
„Ich denke schon. Aber warum erzählen Sie ausgerechnet mir das alles?“
„Weil ich Sie für eine sehr intelligente und fähige junge Frau halte. Ich möchte Sie ermutigen, sich weiterzubilden, aufzustreben und möglichst bald die Prüfung zum Brückenoffizier abzu-legen. Ich erkenne in Ihnen einiges von mir wieder, wie ich früher gewesen bin. Und ich den-ke, Sie haben Potenzial, welches Sie nutzen sollten.“ Kalls Miene war ernst bei diesen Wor-ten, ihre Stimme hatte beinahe feierlich geklungen.
„Das ist nett von Ihnen, Sam. Ich werde bestimmt über das nachdenken, was Sie mir erzählt haben.“ Shania nahm einen grossen Schluck von ihrem Fruchtsaft.
„Das sollten Sie unbedingt, denn es wäre mir eine grosse Freude, wenn auch Sie eine Zukunft für sich auf diesem Schiff sehen würden... solange Sie nicht selbst auf das Kommando aus sind.“ Kall lachte und prostete ihr zu.
Kaum war die gesamte Brückencrew wieder versammelt, als Lennard den Befehl zum Auf-bruch gab. Dadurch, dass der Planet sein eigenes schwaches Subraumfeld erzeugte, konnten sie sich unter Einsatz des Warpantriebes mit minimaler Energie aus der Atmosphäre hinaus-bewegen. Erstaunlicherweise folgten ihnen ein paar der grösseren Newar und bewegten sich auch noch gleichauf, als sie bereits im freien All waren und eine beträchtliche Geschwindig-keit erreicht hatten.
Wir haben die oberen Atmosphärenschichten verlassen, Captain.“ Darrn sah zu Lennard hin-über und erwartete dessen nächsten Befehl.
„Also gut, versuchen wir’s. Bereiten Sie das Heraufbeamen einer grösseren Menge der Pla-netenatmosphäre vor, sobald die Hangarmannschaft Ihnen das vereinbarte Zeichen gibt.“ Als sie mit dieser Aktivität fertig waren, nahmen sie wieder Fahrt auf, doch die Newar schienen plötzlich das Interesse an ihnen zu verlieren und wendeten sich von der Fairchild ab.
„Uns wird ein guter Flug gewünscht,“ richtete Kall aus und lächelte hintergründig, als würde sie noch immer in Kontakt mit ihren neuen Freunden stehen.
„Danke,“ sagte Lennard nur und sah nach vorne, wo sich wieder die vertraute, sternenüber-säte Unendlichkeit auf dem Monitor ausbreitete. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte, während sie in der totalen Finsternis dieser ‘Tiefsee’ festgesessen hatten.
„Wir verlassen das Schwerkraftfeld von Ribaalc III,“ meldete Merven und sah in Erwartung weiterer Befehle über die Schulter.
„Halten Sie erst einmal diese Position, Conn,“ entschied Lennard. „Wir sollten uns einen Überblick verschaffen, bevor wir unsere nächsten Schritte planen.
„Das wird nicht nötig sein, Sir,“ erwiderte Wenjorook und sah auf. „Die Fernbereichssen-soren haben mehrere Warpsignaturen erfasst, die sich alle mit hoher Geschwindigkeit nähern. Einmal die Callisto und insgesamt sechs Jem’hadar-Angriffsschiffe.“
„Wir haben es gerade noch rechtzeitig zur Party geschafft, nicht wahr?“ raunte Leardini und suchte sich bereits etwas zum Festhalten.
„Zeit bis zum Eintreffen?“
„Feindliche Schiffe fünf Minuten, Callisto drei Minuten. Sir, die Callisto hat einen Abfang-kurs auf die Jem’hadar-Staffeln eingeschlagen. Keine besonders gute Idee, wenn Sie mich fragen,“ fügte der andorianische Sicherheitschef trocken hinzu.
„Verd... wollen die sich umbringen?“ Lennard ballte die Fäuste. „Abfangkurs auf die feind-lichen Schiffe mit Warp Acht, Alarmstufe Rot. Ist bereits ein Kontakt mit der Callisto möglich?“
„Nur Audio, Sir. Die Interferenzen sind noch zu stark für visuelle Kommunikation.“
„Einen Kanal öffnen.“ Die einsetzenden rot blinkenden Lichtbalken tauchten die Brücke wie-der einmal in ein düsteres, unheilverheissendes Licht und liessen alle Crewmitglieder sich un-willkürlich anspannen.
„Sie können sprechen, Sir,“ bestätigte die Komm den Verbindungsaufbau.
„Fairchild an Callisto, hier spricht Captain Lennard. Drehen Sie unverzüglich ab, Marshall.“ In der Stimme von Lennard lag ungewöhnlich viel Autorität und Schärfe, da er mit Wider-stand rechnete.
Und wirklich kam postwendend die Antwort: „Negativ, Fairchild. Wir leisten Ihnen volle Un-terstützung, das ist unser Auftrag. Wir machen das schon; zusammen haben wir eine echte Chance gegen sie.“
„Wollen Sie sich umbringen, Mann? Sie wissen wohl nicht, welches Schiff Sie da befehligen? Sie sind nicht für Kampfeinsätze ausgerüstet.“ Lennard geriet in Rage ob dieser Widerspenst-igkeit des jungen unerfahrenen Captains.
„Wenn Sie wüssten, wie oft wir uns statistisch schon selbst umgebracht haben, Captain. Vertrauen Sie uns einfach. Callisto Ende.“
„Marshall! Marshall!! Das glaube ich einfach nicht - er hat die Verbindung beendet. Das fängt ja gut an...“ Lennard war sichtlich erbost über die Unverfrorenheit seines ihm eigentlich unterstellten Kollegens. War dem so jungen Mann der unverhoffte Kapitänstitel etwa zu Kopf gestiegen, sodass er unverantwortbare Risiken einging? Davon hatte Hers nichts erzählt, nur von ‘unorthodoxem Führungsstil’. Er hatte wohl gerade eine Kostprobe von ebendiesem be-kommen.
„Unser Mavöver gelingt, Captain; wir werden die Jem’hadar fast eine Minute vor der Callisto erreicht haben, trotz derer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit. Ich bereite mich auf Ausweichmanöver bei Impulsgeschwindigkeit vor.“ Merven war nun ganz der alte Hase und wirkte sehr professionell am Steuer des Schiffes.
„Warptransfer auf meinen Befehl beenden. Wir versuchen den alten Trick nochmals, dass wir einige Sekunden vor dem Zusammentreffen unter Warp gehen und ihnen eine volle Salve Quantentorpedos entgegenschicken. Ist alles bereit, Mr. Wenjorook?“
Sämtliche Waffen voll geladen und einsatzbereit, Schilde auf voller Stärke,“ bestätigte der Gefragte ihren Status.
Es schien zu funktionieren: sie liessen sich aus dem Warp herausfallen, schossen eine volle Sechsersalve Torpedos ab und drehten zu einem ersten Ausweichmanöver ab, während die Gegner bei ihrer hohen Geschwindigkeit kaum eine Chance hatten, den sich mit Überlichtge-schwindigkeit nähernden Mrschflugkörpern noch auszuweichen. Eines der kleinen, aber kampfstarken Angriffsschiffe wurde von drei Torpedos frontal getroffen und sofort vernich-tet. Ein zweites bekam zwei der sechs Sprengköpfe ab und trudelte danach manövrierunfähig durchs All, während ein drittes nur gestreift wurde und die Antimateriedetonation seitlich vom Schutzschild des Dominion-Schiffes absorbiert wurde.
Die Staffel, welche gänzlich unberührt geblieben war, griff in ihrer taktischen Angriffsfor-mation an, in der alle in einer Reihe hintereinander auf sie eindrehten und einer nach dem an-deren mit ihren gefürchteten langanhaltenden Polaronenstrahlen ihre Frontschilde mürbe machten.
Doch die Fairchild hatte ihr Pulver natürlich noch nicht verschossen, auch wenn sie jetzt in akute Bedrängnis geriet. Sämtliche noch verfügbaren Phaserbänke erfssten die Angreifer, so-bald sie in ihren Feuerbereich kamen, und beharkten sie automatisch mit Energiesalven, die ihrerseits die Schirme der Gegner schwächten.
„Heckschilde sind runter auf sechzig Prozent,“ meldete Wenjorook und feuerte beidhändig Quantentorpedos auf die eindrehenden Jem’hadar, worauf einer von zweien der weissbläu-lich erscheinenden Lichtkugeln getroffen wurde und den Anflug abbrach, um seinen ge-schwächten Schilden eine kurze Regenerationspause zuzugestehen.
„Die Callisto kommt ‘rein und geht auf Impuls,“ rief Merven während eines weiteren Aus-weichmanövers. Wie meistens, wenn die Jem’hadar zum ersten mal gegen ein Schiff der Sovereign-Klasse kämpften, wurden sie kurz von derer Manövrierbarkeit überrumpelt. Das lag daran, dass sie für ein Schiff ihrer Grösse eine erstaunlich geringe Masse hatten, was ihnen natürlich beim Mäanövrieren zugute kam. Doch es half nichts: die kleineren und wendi-gen Angriffsschiffe des Dominions konnte er nicht abhängen. Ohnmächtig sah der Steuer-mann, wie sich einer der Gegner herabsacken liess und Kollisionskurs mit ihrer rechten Warpgondel nahm. Wenn er es schaffte, ihre Schilde zu durchschlagen, waren sie geliefert. Er setzte mit Schweissperlen auf der Stirn zu einem letzten Versuch des Ausweichens an.
Doch da stürzte sich die Callisto unvermutet auf den Kamikaze. Aus dem Augenwinkel sah Lennard ein kurzes pulsierendes Flimmern vor dem Bug des kleinen, schnittigen Föderations-schiffes, bevor es rasch abdrehte.
Der Rumpf des Jem’hadar-Kampfraumers zerbarst einen Moment vor dem Aufschlag und regnete in Tausenden von Einzelteilen auf ihre Schilde hinab, die eben so noch hielten. Er-leichtert sah Lennard, wie ein anderes Jem’hadar-Schiff die Verfolgung der Callisto aufnahm, sich mit deren Wendigkeit und Beschleunigung jedoch nicht messen konnte und sie schon verloren hatte.
Inzwischen hatte sich Wenjorook um das verbliebene Angriffsschiff gekümmert und ihm mit einem Phaser-Kreuzfeuer aus drei Phaserbänken den Garaus gemacht. Merven schloss rasch zu dem letzten Gegner auf, der gerade dabei war, sein ‘Opfer’ zu stellen und zu beschiessen. Drei weitere Torpedos zogen ihre Bahn durchs All und fanden ihr Ziel, das in der gewaltigen Detonation zerplatzte.
Einen Moment lang war es still auf der Brücke, nachdem die Wolke aus Plasma und Trüm-mern der letzten Explosion expandiert und in der Schwärze des Weltraumes verschwun-den war. Sogleich kam die Callisto längsseits und schlug einen Parallelkurs ein. Nun konnten alle auf der Brücke das kleine Schiff, das als Prototyp und später Kurierschiff gebaut und in Dienst gestellt worden war.
Die U.S.S. Callisto, Registrierung NCC-50674, Steadfast-Klasse, wirkte neben dem langge-streckten Rumpf der Fairchild beinahe zierlich. Und dennoch musste es eine extrem stabile Konstruktion sein, da es weit höhere Beschleunigungen und grössere Fliehkräfte bei den ge-zeigten Manövern verkraften musste. Bis auf die leicht spitz zulaufende Dreiecksform der Untertassensektion, welche an die später aus ihr hervorgegangenen Intrepid-Schiffe erinnerte, sah es von der Seite her wirklich aus wie ein zu klein geratener Mischling mit dem Rumpf einer Excelsior- und den langen Warppylonen der Sovereign-Klasse. Zum ersten Mal kam Lennard der Gedanke, dass in diesem Exemplar vielleicht die besten Eigenschaften aller dieser verschiedenen Schiffstypen vereinigt sein könnten. Und im Gegensatz zu ihrem Schiff wirkte der Rumpf wie fabrikneu, da das Schiff so lange Zeit nicht im Dienst gewesen war. Dem Design sah man an, dass es inzwischen einige Jährchen auf dem Buckel haben musste, doch man konnte keine einzige Schramme an der Aussenhülle entdecken, keine Spur einer Phaserentladung oder Ähnliches. Es schien zu stimmen, dass sie noch nie getroffen worden waren.
„Wie haben sie nur das Angriffsschiff ausgeschaltet, das uns rammen wollte?“ fragte Wenjo-rook sich und sprach damit aus, was sich wohl jeder insgeheim gefragt hatte.
Lennard überging die Frage, atmete einmal tief ein und sagte dann beherrscht: „Komm, öffnen Sie einen Kanal zur Callisto.“
„Verbindung steht.“
„Hier Lennard. Ich beglückwünsche die Mannschaft der U.S.S. Callisto zu ihrer Leistung im eben überstandenen Kampf. Hiermit möchte ich Ihren Captain sowie den Ersten und Zweiten Offizier zu einer Besprechung auf unser Schiff einladen. Lennard Ende.“ Kurz angebunden, verschwendete er kein Wort und ging auch nicht vor versammelter Mannschaft näher auf die Meinungsverschiedenheit ein, die sie in Bezug auf die Rolle der Callisto im Gefecht gehabt hatten. So etwas gehörte nicht auf die Brücke.
- 6 -
Als die drei Neuankömmlinge die Beobachtungslounge betraten, wurden sie von Lennard, Leardini, Kall und Dween erwartet. Zuerst erschien Captain Howard Marshall, ein eigentlich nicht sehr beeindruckender Mann Ende zwanzig von mittlerer Grösse und eher schmalem Körperbau. Seine kurzen hellbraunen Locken umrahmten ein leicht kantiges und mageres Ge-sicht, in dem gleich die hellen, wachen Augen auffielen. Er schien Lennards erster Einschätz-ung nach sympathisch zu sein, auch wenn er eine für sein Alter ungewöhnliche Reife und auch Härte ausstrahlte, die bei seinem Werdegang und den durchlebten Ereignissen eigent-lich nicht weiter verwunderlich waren.
Ganz anders der Erste Offizier Bastian Görlitz, der gleich als nächster eintrat. Er war nicht viel älter als Marshall, gedrungen und vierschrötig vom Typ her und trug seine flachsblonden Haare in einer antiken kurzgeschorenen Bürstenfrisur, die den Eindruck noch verstärkte. Um den Mund liess er einen harten, mitleidslosen Zug erkennen, seine glasklaren Augen aber wanderten unstet umher, schienen alles und jeden abzuschätzen und wirkten beinahe para-noid. Dieser Mann war unzufrieden, kein Zweifel.
Danach kam der Zweite Offizier herein, der vom Typ her ein grosser, breiter, gutmütiger Ted-dybär mit einem dunklen kurzen Kraushaarschopf und braunen Augen war. Er mochte Mitte Dreissig sein und machte einen dienstbeflissenen Eindruck, war aber ansonsten ein eher un-auffälliger Menschenschlag. Lennard wusste seinen Namen nicht aus dem Stehgreif.
Marshall blieb stehen und sah zum ihn um einen Kopf überragenden Lennard hoch, dann reichte er ihm mit einem fast schüchternen Lächeln die Hand. „Captain Lennard, es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen. Mein Name ist Howard Marshall und ich stamme vom Mars aus dem Valles Marineris. Dies ist mein Erster Offizier Bastian Görlitz von der Erde, aus Deutschland und hier noch mein Zweiter Offizier, Flight Commander Paul Ross Johnson, der zufälligerweise auch vom Mars aus meiner Heimat, dem wundervollen und idyllischen Gitterraster 247, stammt.“
„Sie können P.R. sagen,“ warf der zuletzt Vorgestellte lapidar ein.
Lennard wollte eben zu einer Antwort ansetzen, als er stockte und mit entrücktem Blick nach-dachte. „Sagten Sie ‘Flight Commander P.R. Johnson von Mars 247’? Diese Namenskombi-nation kommt mir entfernt bekannt vor.“
„Ich erinnere mich nicht, Ihnen schon jemals begegnet zu sein, Sir,“ warf Johnson ein.
Lennard winkte ab. „Ist nicht so wichtig. Aber Ihr Rang ist mir ehrlich gesagt nicht so geläufig...“
„Nun, es ist eigentlich eine alte Bezeichnung wie auch ‘Commodore’ und ‘Fleet Captain’, die offiziell schon lange nicht mehr innerhalb der Sternenflotte in Gebrauch ist, aber aufgrund des Krieges aus irgendwelchen, meiner Meinung nach sentimentalen und nostalgischen Grün-den, wieder eingeführt worden ist. Es ist eine Mischung aus zweitem Offizier, Chefingenier und einem bisschen Wissenschaftsoffizier und wurde früher vor allem auf kleinen Schiffen mit entsprechend geringer Brückencrew verwendet.“
Anerkennend nickte Lennard: „Sie sind demnach ein Allround-Talent. Jetzt möchte ich Ihnen aber den anwesenden Teil meiner Brückencrew vorstellen: die noch amtierende Erste Offi-zierin und nebenbei auch meine Gattin, Stefania Leardini von der Erde, aus Italien. Dann die designierte Erste Offizierin Sam Kall von Betazed und unsere Schiffsberaterin Shania Dween von Alpha Centauri. Ich selbst stamme übrigens aus Neuseeland.“
„Angenehm. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, meine Damen und Herren,“ erklärte Marshall höflich und zuvorkommend, indem er sich auf einen der freien Stühle setzte.
„Dann sollten wir zunächst einmal etwaige Unklarheiten beseitigen, damit unser Einsatz reib-ungslos funktioniert. Ich dachte eigentlich, dass eine gewisse Kommandostruktur besteht, in der ich die Entscheidungsgewalt über unsere Rotte habe. Gerade eben noch sah das nicht so aus; Sie haben sich einem direkten Befehl widersetzt,“ warf Lennard seinem Kollegen ohne grosse Umschweife an den Kopf.
„Und Ihnen dadurch den Hintern gerettet, wenn ich es so trivial ausdrücken darf,“ konterte Marshall ungerührt. Das versprach interessant zu werden.
„Hören Sie, Captain Marshall, das mag ja stimmen und wir sind Ihnen gewiss auch dankbar dafür, aber das sollte nicht zur Gewohnheit werden. Ich weiss, dass Sie noch sehr jung für Ihren Posten sind und ein gewisses Ungestüm auch nicht unbedingt abträglich sein muss, aber unser Teamwork muss funktionieren und wir müssen uns bedingungslos vertrauen können, um aus dieser Lage mit heiler Haut davonzukommen... wie haben Sie eigentlich das Jem’ hadar-Schiff ausgeschaltet?“ Lennard konnte seine Neugier nicht länger zurückhalten und unterbrach seine mühsam beherrscht vorgetragene Ansprache über Befehl, Gehorsam und Teamwork.
„Oh, eine kleine Eigenentwicklung von Mr. Johnson. Wenn man mit unserer Bewaffnung durch derart gefährliches Gebiet fliegt, muss man sich so einiges einfallen lassen.“
Ungefragt erklärte Johnson: „Ich habe entdeckt, dass ich durch eine Umkonfiguration des Hauptdeflektors einen starken Gravitonenkeil vor dem Schiff erzeugen kann, der für einige Sekunden stabil bleibt und die kinetische Energie von 700 000 Tonnen Masse hat. Versuchen Sie das aber bloss nicht mit Ihrem Schiff, Sir, denn ausser der Callisto hat wahrscheinlich kein anderes Schiff eine so hohe Strukturfestigkeit in Längsrichtung, die eine solche Belast-ung aushalten würde. Naja, eine Defiant-Klasse vielleicht noch, aber wie gesagt... es rummst auch immer ziemlich stark, wenn wir diesen ‘Subraumrammbock’ einsetzen. Und wir haben ihn noch niemals mehr als einmal hintereinander eingesetzt, ohne hinterher nicht das Struk-turelle IntegritätsFeld und die Deflektormatrix gründlich zu überprüfen.“
„Sehr interessant. Ich nehme übrigens an, Sie haben die Informationen von der Sonde er-halten, die wir Ihnen geschickt haben?“ wechselte Lennard erneut unverhofft das Thema.
„Jawohl. Vielen Dank für die Warnung vor den Jem’hadar. Auch die gesammelten Daten über das Ribaalc-System und deren Besonderheiten sowie der Bericht über Ihre Lage betreffs der Beschädigungen hat uns sehr beim Erwägen unseres Vorgehens geholfen. Ich verstehe al-lerdings, dass Sie ungehalten über unser Intervenieren vorhin waren, denn an Ihrer Stelle wür-de mir das genauso aufstossen. Wenn ich Ihnen aber all das erzählen würde, was wir schon durchlebt haben, seit dieser unselige Krieg begonnen hat, würden Sie wahrscheinlich mehr Nachsicht haben.
Ich habe nicht übertrieben, als ich sagte, wir sind statistisch bereits seit längerer Zeit tot: un-ser Schiff ist klein, schlecht bewaffnet und nicht für den Kampf konstruiert worden, wie Sie es so treffend formuliert haben. Unser Vorteil besteht in der Schnelligkeit und Wendigkeit, die uns mehr als einmal die Haut gerettet haben. Wir haben derart viele haarsträubende Situa-tionen hinter uns, dass ich nicht darauf eingehen will. Aber es ist ein gutes Schiff, es hat eine gute Crew und alle sind gewillt, bis zum Äussersten zu gehen, um unsere Heimat und unsere Freiheit zu schützen. Wir sind Patrioten, aber keine Fanatiker, und wir sind wagemutig, aber nicht tollkühn. Es gibt einen schmalen Grat zwischen diesen Werten, den wir bislang mit be-achtlichem Erfolg entlanggewandert sind.“
Nach diesen Worten schwieg Lennard kurz, um deren Sinn auf sich einwirken zu lassen. Dann sagte er bedächtig: „Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir mit dieser Erklärung gehol-fen haben. Ich bin nun überzeugt, dass wir es schaffen können. Dieses Problem hätten wir also aus der Welt geschaffen. Eine Reihe weiterer Probleme warten aber noch auf uns.
Wir müssen vor allem das Ribaalc-System absichern, um das erwartete zweite Borgschiff ab-fangen zu können, bevor es aus dem Transwarp-Kanal hier austritt und seine Flug- oder an-dere Daten übermitteln kann, sei es per Interplex-Boje ans Dominion in den Gamma-Quad-ranten oder an Truppen hier in der Nähe. Die Frage ist nur: wie fangen wir das an? Das Schiff kommt beinahe mit derselben Geschwindigkeit an wie unsere Subraum-Ortungssignale. Und da in der Richtung, aus der es kommen wird, die Grenze und das Feindteritorium liegen, ste-hen uns auch keine Messstationen zur Verfügung, die uns vielleicht vorwarnen könnten. Un-sere Schiffssensoren reichen nicht einmal dreissig Lichtjahre weit in den Raum hinein, was uns praktisch keinerlei Vorwarnzeit lässt bei einem Objekt, das sich mit Transwarp nähert. Ausserdem müssen wir im System sein, um das Schiff rechtzeitig abfangen zu können, wenn es ankommt. Die Störungen im Subraum durch die Sonne von Ribaalc schränken unsere Sen-sorenreichweite allerdings ein.“
„Dafür kann ich Ihnen eventuell eine Lösung anbieten,“ bemerkte P.R. Johnson, worauf ihn alle interessiert ansahen.
„Ich wüsste nicht, wie diese Sisyphus-Aufgabe zu lösen wäre, Flight Commander, aber lassen Sie ruhig hören.“ Lennard runzelte zweifelnd die Stirn.
„Sagt Ihnen der Begriff ‘Sonnenteleskop’ etwas?“
Leardini merkte auf: „Das war eine raffinierte astronomische Beobachtungsmethode, die auf meinem Heimatplaneten im frühen 21. Jahrhundert ausgeklügelt und bis zum Niedergang der wissenschaftlichen Sternforschung durch den Dritten Weltkrieg betrieben wurde.“
„Das Prinzip ist mir nicht geläufig; bitte klären Sie mich auf,“ verlangte Lennard interessiert. Konnte es wirklich einen Ausweg aus ihrer schwierigen Lage geben?
„Nach meinem Verständnis wurde dabei ein Teleskop oder ähnliches Messinstrument an ein-en weit entfernten Punkt am Rande des Systems plaziert, am sogenannten optischen Brenn-punkt der Sonne. Wie allgemein bekannt ist, krümmen grosse, massereiche Körper wie bei-spielsweise Sonnen den Raum und damit auch das Licht, das an der Sonne vorbeizieht. So können auch Sterne beobachtet werden, die eigentlich hinter ihr liegt, da ihr Licht vom Schwerefeld der Sonne beim Passieren gebeugt und an ihr vorbeigelenkt wird. Bei Sol liegt dieser Brennpunkt etwa achzig Milliarden km von der Oberfläche des Sternes entfernt, also atwa vierzehnmal weiter entfernt als Pluto von der Sonne ist. Von dort aus kann man die Son-ne sozusagen als Linse benutzen und enorm weit entfernte Gegenstände in der entgegenge-setzten Richtung beobachten.
Durch die spezielle Eigenschaft von Ribaalc, ein eigenes Subraumfeld zu erzeugen, können wir das gleiche auch hier versuchen. Wenn wir die Fairchild am subraumsensorischen ‘Brennpunkt’ am entgegengesetzten Ende des Systems stationieren, müssten wir mit den Sen-soren enorm weit entlang der erwarteten Flugbahn des zweiten Borgschiffes in den Raum des Dominion hineinsehen können. Das heisst, wir könnten sie kommen sehen und hätten genug Zeit zum reagieren.“
Lennard überlegte kurz und gab dann zu bedenken: „Das kann funktionieren, aber ist dieser ‘Brennpunkt’ im Falle von Ribaalc nicht sehr weit ausserhalb des Systems gelegen?“
Johnson seufzte. „Leider ja, fast 0,4 Lichtjahre. Ich weiss auch, was Sie jetzt sagen wollen. Aber hier kommen wir jetzt auf den Plan: wir werden im Ribaalc-System auf der der Flug-bahn abgewandten, aber Ihnen zugewandten Seite im Ortungsschatten von Ribaalc III auf Po-sition gehen, sodass wir bei ihrem Anflug für das Borgschiff nicht zu entdecken sind, Sie aber sehr wohl mit uns Kontakt aufnehmen können. Wenn Sie uns dann Bescheid geben, werden wir den Borgquader mit der Callisto in Empfang nehmen. Wir sind leider nicht mit Quanten-torpedos ausgestattet, aber wenn Sie uns ein paar von Ihren überlassen, werden wir mit die-sem Ding schon fertigwerden; Ihren Daten nach ist es ja nicht viel grösser als unser Schiff. Wenn wir Sie quasi als Feuerleitstand benutzen und denen eine volle Breitseite Torpedos aus dem Ortungsschatten heraus verpassen, werden die nicht mal erahnen, wie ihnen geschehen ist, bevor sie in Atome zerlegt sind.“
„Hört sich gut an,“ sagte Kall spontan, während Lennard noch zögerte.
„Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Dieser Plan birgt viele Unsicherheitsfaktoren in sich und es steht zu viel auf dem Spiel. Wenn das Schiff hier ankommt und Zeit findet, den erfolgreichen Testflug in den Gamma-Quadranten zu melden, können wir im schlimmsten Fall in schon einem Jahr mit gegnerischen Schiffen rechnen, die über Transwarp-Antrieb ver-fügen und zu Tausenden aus dem Dominiongebiet bei uns einfallen. Dann können wir auch gleich kapitulieren.
Andererseits sind wir auf uns allein gestellt und das nächste Schiff würde uns nicht mehr rechtzeitig erreichen, da es jede Stunde soweit sein kann. Ich würde sagen, wir sollten es auf einen Versuch ankommen lassen; es ist die beste Chance, die wir momentan haben.“
„Dann sollten wir jetzt noch von unseren neuen Verbündeten berichten,“ schlug Dween vor, worauf die Offiziere von der Callisto sie fragend musterten.
„Das könnte ein bisschen dauern,“ äusserte Leardini ihre Befürchtungen.
Nachdem alle über den aktuellen Stand der Dinge aufgeklärt waren, wurde die formelle Kon-ferenz für beendet erklärt. Marshall und seine Kollegen äusserten den Wunsch, sich die Fairchild ein wenig ansehen zu dürfen, bevor sie sich wieder trennen würden.
Lennard stimmte vorbehaltlos zu: „Solange die Quantentorpedos von uns umgeladen und von einem gemeinsamen Technikerteam von beiden Schiffen für Ihren Abschussschacht modifi-ziert werden, können Sie sich gerne ein wenig umsehen. Ich überlege gerade, wen ich Ihnen für die kleine Führung anbieten könnte...“
„Lassen Sie nur, Sir, ich werde das gerne übernehmen,“ erbot sich Dween rasch, wogegen der Kommandant der Fairchild ebenfalls nichts einzuwenden hatte, da er bereits mehrmals von Lieutenant Nirm aus dem Maschinenraum gerufen worden war.
„Dann überlasse ich Sie Ihren fähigen Händen, Counselor.“
Und schon war er im nächsten Turbolift verschwunden.
Einen Moment lang standen die drei Besucher ein wenig verloren im Hintergrund der Haupt-brücke neben Dween, die sich suchend umsah. Wieder einmal bot sich ihr dieses inzwischen nur allzu gewohnte Blick: die kleine zuckersüsse Annika Svensdottir und Merven steckten ihre Köpfe über der Komm-Konsole ihrer Meinung nach viel zu dicht zusammen, während sie ihre Station inspizierten.
„Bitte verzeihen Sie, Mrs. Dween, Sie sind doch der Schiffscounselor...“ erklang eine stock-ende, leise Stimme.
„Das stimmt,“ bestätigte sie, ohne wegzusehen.
„Ich glaube, ich brauche ein persönliches Beratungsgespräch mit Ihnen. Wissen Sie, wir sind nur 75 Leute an Bord der Callisto und haben leider keine eigene Counselor...“
Jetzt endlich wurde sie aufmerksam und sah sich unvermittelt P. R. Johnson gegenüber, der sie hilfesuchend ansah.
In diesem Augenblick kam ihr eine Idee. Sie erhob ihre Stimme. „Fähnrich Svensdottir?“
Die junge Skandinavierin sah ebenso überrascht wie Merven auf und brauchte eine Sekunde, bevor sie pflichtgetreu antwortete: „Ja, Lieutenant?“
„Bitte übernehmen Sie für mich eine kurze Schiffsführung der Gentlemen von der Callisto. Ich habe hier gewissermassen einen kleinen Notfall zu behandeln. Vielen Dank für Ihre Hilfs-bereitschaft.“ Durch ihre listige Formulierung der ‘Bitte’ liess sie ihr keine andere Wahl, als ihr Folge zu leisten.
Ganz ungezwungen hängte sie sich bei ihrem neuen Schützling ein und dirigierte ihn zum Turbolift, während Merven sowohl das als auch das Entschwinden seiner Untergebenen miss-mutig mitansehen musste.
„Worum geht es denn, Mr. Johnson?“ Sie musste ungewollt bei seinem Anblick lächeln, wie er sie ansah.
„Es ist wegen meiner Frau,“ sprudelte es aus ihm heraus, „ sie ruft ständig von der Erde aus an und jammert, dass sie sich so einsam fühlt, seit ich weg bin. Sie hält diesen verrückten Krieg nicht mehr aus, bekommt anscheinend ständig Avancen, bleibt aber dennoch daheim, wegen der Kinder und...“
„Halt, halt, halt,“ bremste Dween ihn verständnisvoll lächelnd ein. „Wir suchen uns jetzt ein gemütliches Eckchen im Elf Vorne, da können Sie mir in entspannter Atmosphäre alles darlegen.“
Dann kam ein Lift an und transportierte sie von der Brücke.
Mit einem leicht flauen Gefühl im Magen steuerte Svensdottir auf ihre beiden Schutzbefohl-enen zu und sah auf zu Marshall und Görlitz. Beide lächelten sie nett an, als sie ihrer Gewahr wurden. Den Ersten Offizier nahm sie jedoch nur am Rande wahr, der grösste Teil ihrer Auf-merksamkeit wurde sofort von Marshalls Erscheinung in Anspruch genommen. Ein ausge-sprochen anziehender Mann, wie sie fand. Und noch so jung für einen Captain. Er musste etwas Grosses vollbracht haben, um bereits ein Schiff zu kommandieren.
Ja, sie bewunderte ihn und konnte nicht umhin, ihm das auch zu zeigen. Görlitz wurde auf ihrer kurzen Tour immer ungeniessbarer, weil die beiden von Anfang an nur Augen füreinan-der hatten, was diese jedoch nicht zur Kenntnis nahmen, eben weil sie nur Augen für den An-deren hatten. Als er sich schliesslich wenig galant von ihnen absetzte und sich ins Elf Vorne begab, bekamen sie kaum etwas davon mit. Sie hatten nur so wenig Zeit, bis er auf sein eig-enes Schiff zurück musste...
Die Callisto verabschiedete sich mit den besten Wünschen und der Zusicherung, an der ver-abredeten Position Stellung zu beziehen. Sie entfernten sich mit der höchsten für sie sicheren Warpgeschwindigkeit und waren auch bald aus dem störenden Einflussbereich Ribaalcs her-aus.
„Bitte scannen Sie den uns umgebenden Raum mit höchster Sensorenreichweite, während wir uns auf unsere Warteposition begeben. Wir sollten uns möglichst sicher sein, dass sich keine verirrten feindlichen Patroullien in der Nähe befinden, bevor wir unsere gesamte Sensoren-kapazität in nur eine Richtung lenken.“ Lennards taktischer Verstand arbeitete unermüdlich. Ihr Plan schien ziemlich gut durchführbar zu sein, was also störte ihn daran?
Er sah Wenjorook über die Schulter, als dieser seine taktischen Anzeigen studierte. Der Sich-erheitschef murmelte: „Noch bekomme ich keine Ortungen herein, was vielleicht bedeutet, dass wir uns noch weiter von der Sonne entfernen müssen, um wieder mit normaler Reich-weite scannen zu können.“
„Mag sein.“ Lennard sah plötzlich zu Wuran auf. „Sagen Sie, Cluj, sind die Vorbereitungen für unser Unternehmen ‘Sonnenlinse’ von Ihrer Seite her abgeschlossen?“
„Die Wissenschaftsoffizierin nickte bedächtig. „Das war diesmal kein grosser Aufwand. Die Conn und Taktik habe ich in den Umgang mit den umkonfigurierten Sensoren eingewiesen. Es sollte alles reibungslos laufen.“
„Gut, denn ich möchte, dass Sie sich nochmals die Daten vom ersten Borgschiff ansehen und versuchen, weiteres fraktales Material zu entschlüsseln. Ich habe irgendeine dunkle Ahnung, dass wir etwas übersehen haben könnten. Fragen Sie mich nicht, was das sein könnte, es ist nichts Greifbares.“ Er rieb sich in Gedanken versunken das Kinn und starrte ins Leere.
Die Bajoranerin seufzte und erklärte nicht besonders begeistert: „Wenn Sie es wünschen, Sir, auch wenn ich mir nicht viel davon verspreche. Was zu entschlüsseln war, haben wir ent-schlüsselt, der Rest der Daten war stark beschädigt und kann höchstens noch mit Wahrschein-lichkeitsformeln im nichtlinearen Bereich annähernd wirklichkeitsgetreu weiterentwickelt werden.“
„Versuchen Sie das, ich nehme auch nur vage Vermutungen, wenn nicht mehr dabei her-auskommt.“ Er bemerkte, wie seine Frau ihn sorgenvoll anstarrte, als er sich zurück in seinen Sessel setzte.
„Eine deiner berühmten Ahnungen hast du doch schon ewig nicht mehr gehabt? Ist das nun ein schlechtes Zeichen oder nur Zufall?“
„Ich kann es dir nicht sagen, Stefania, sonst wäre es keine Ahnung, sondern Gewissheit.“ Er zuckte bedauernd dafür, dass er auch ihr keine gute Erklärung anbieten konnte, die Schultern und sah wieder auf die starre Miene von Wenjorook.
„Im Umkreis von mindestens zwanzig Lichtjahren befindet sich offenbar kein einziges Ster-nenflottenschiff, wenn ich den Transpondersignalen glauben schenken soll, die wir bislang empfangen. Dass diese Ecke hier so verlassen ist, hätte ich nicht gedacht. Ich orte dafür eine Reihe von nicht identifizierbaren Schiffen in verschiedenen Richtungen, alle mehrere Licht-jahre von uns entfernt. Je weiter wir uns von Ribaalc entfernen, desto stärker und deutlicher werden die Signale, aber für eine Klassifizierung reicht es noch nicht aus.“ Man sah dem Andorianer deutlich seine Unzufriedenheit über die unklaren Verhältnisse an.
„Wir empfangen eine Dringlichkeitsbotschaft von Admiral Hers, noch ziemlich verzerrt, aber der Empfang wird langsam besser. Die Nachricht ist unverschlüsselt, Captain.“ Etwas ratlos sah der junge Komm-Offizier seinen Kommandanten an.
„Dann schlage ich vor, Sie legen sie auf den Hauptschirm, nicht wahr?“ meinte er etwas ge-reizt. Stefania hatte wahrscheinlich doch recht mit ihren Klagen über die schlecht geschulten Neuzugänge. Er würde sich darüber beschweren müssen, sobald sie wieder ‘festen Boden unter den Füssen’ haben würden.
Noch leicht von statischem Rauschen und anderen kurzzeitigen Störungen verzerrt, erschien ein altbekanntes Gesicht auf dem Monitor, das Erleichterung zeigte. „Captain Lennard! Wir dachten, wir hätten Sie und auch die Callisto verloren. Gott sei Dank, wenigstens haben Sie es geschafft.“
„Nein, keine Sorge, Admiral, wir sind nur ein wenig hier im Abseits hängen geblieben und hatten keine Verbindung zum Hauptquartier... das ist eine lange Geschichte, die ich nicht über Subraumfunk erzählen sollte. Wir können allerdings noch nicht so ohne Weiteres aus dem Ribaalc-System abziehen.“
Sofort furchte sich Hers Stirn. „Es tut mir leid, aber Sie müssen das System sofort verlassen und sich beim neuen Sammelpunkt einfinden, wo wir uns derzeit formieren.“
„Ich würde Ihrem Befehl liebend gerne nachkommen, Sir, aber es geht momentan wirklich nicht. Ich kann es Ihnen leider nicht erklären, da wir nicht wissen, ob der Feind nicht mit-hört...“ Man sah Lennard sein Dilemma nur zu gut an.
Hers seufzte ergeben. „Ich kann Ihnen versichern, dass der Feind mithört. Kyle, Sie befinden sich zwei Lichtjahre hinter den feindlichen Linien, hören Sie? Der halbe Sektor ist völlig überraschend vom Dominion überrannt worden, während Sie ohne Kontakt zu uns waren. Haben Sie denn gar keine Feindberührungen gehabt?“
„Um ehrlich zu sein, doch, aber aufgrund der besonderen Umstände hatten wir fälschlicher-weise angenommen, dass sie von uns angelockt worden waren. Naja, das Ribaalc-System ist wirklich sehr abgelegen, da wundert es mich nicht, dass sie nur so wenig Schiffe durch dieses System geschickt haben.“ Lennard stützte sich auf einen Ellbogen, legte die Hand an die Stirn und verbarg die Augen.
„Wie dem auch sei, Sie müssen sich unter allen Umständen absetzen und wieder auf unser eigenes Territorium gelangen,“ beharrte die Admiralin. „Wir haben schon genug Schiffe und vor allem gute Männer und Frauen bei diesem Blitzangriff verloren.“
„Es widerstrebt mir nichts mehr, als Ihre Weisungen zu missachten, das müssen Sie mir glau-ben, Admiral, aber wir können hier nicht weg. Sobald wir zurück sind, können wir alles auf-klären, dann werden Sie es verstehen. Bitte vertrauen Sie meinem Urteil in dieser Angeleg-enheit.“ Lennard wusste nicht, wie er es anders ausdrücken sollte, ohne etwas zu verraten. Das Dominion durfte auf keinen Fall etwas von dem Borg-Testschiff erfahren, sonst würden sie alles erdenkliche unternehmen, um dessen Flug zum Erfolg zu verhelfen.
„Es liegt nicht in Ihrem Ermessen, das Schiff und das Leben Ihrer Crew derart zu gefährden, wenn...“
„Ich fürchte, in diesem Fall schon. Es tut mir leid, Admiral Hers. Verbindung unterbrechen, Komm.“ Alle starrten ihn an, als er schwermütig in seinen Sitz sank, nachdem er diesen fol-genschweren Befehl gegeben hatte.
„Na, hoffentlich war’s das wert,“ murmelte Kall.
„Sie ahnen gar nicht, wie sehr,“ gab er stoisch zurück, bevor er fragte, um sich vom soeben Gehörten abzulenken: „Wie lange noch bis zum Erreichen des ‘Brennpunktes’?“
„Eine knappe halbe Stunde, Captain,“ informierte Merven knapp und förmlich. Er schien nicht zu wissen, wie er sich verhalten sollte.
Wenjorook meldete sich: „Das sieht nicht gut aus, Captain. Der Computer identifiziert das erste der uns umgebenden Raumschiffe als Jem’hadar-Schlachtkreuzer. Er hat soeben einen Abfangkurs angelegt und wird bei gleichbleibender Geschwindigkeit in weniger als sechs Stunden eintreffen.“
„Womit haben wir das verdient?“ stöhnte Leardini auf.
„Die anderen Objekte werden nun auch nach und nach klassifiziert - insgesamt neun Angriffs-jäger, die sich von zwei weiteren Seiten nähern. Sie sind alle noch relativ weit entfernt und werden keinesfalls vor dem Schlachtkreuzer hier sein. Der Weg nach vorne in ‘freundliches’ Gebiet ist frei, ebenso nach hinten ins Ribaalc-System.“ Leidenschaftslos zählte Wenjorook damit genau die Optionen auf, die sie hatten.
Nun, genau genommen hatten sie keine Alternativen. Sie konnten nur hoffen, dass ihre Pech-strähne nicht anhalten würde und das Borgschiff ankommen würde, bevor die Dominion-Schiffe sie erreichten. Und selbst im günstigsten Fall konnte niemand sagen, ob sie mit heiler Haut davonkommen würden, selbst wenn es ihnen gelingen würde, den Borg-Technologie-träger zu zerstören, der vom Gamma-Quadranten hierher geschickt werden würde.
Die Stimmung auf der Brücke war entsprechend gedrückt.
Sie hatten ihre berechnete Position erreicht und hatten die Callisto über die neue Lage infor-miert, wobei Captain Marshall vollkommen mit Lennard übereinstimmte, was die Notwendig-keit ihrer Vorgehensweise betraf. Die Verbindung war nur über Audio möglich, doch auch der gesprochene Gedankenaustausch bestätigte Lennards Meinung über den jungen Captain der Callisto. Dieses tapfere kleine Kurierschiff mit seiner übereilt zusammengewürfelten Mannschaft hielt eisern die Stellung und wartete darauf, ein paar Quantentorpedos direkt in die Flugbahn des sich nähernden Borgquaders zu platzieren. Bei diesem Tempo und ihren Sensoren würden sie praktisch manövrierunfähig und auch mehr oder weniger blind sein, so-lange sie sich in ihrem Transwarpkanal befanden. Das war der wunde Punkt, auf den sie setz-ten.
„Wollen wir es versuchen, Captain?“ Merven wartete noch auf die Bestätigung von der Callisto, dann wurde die remodulierte Sensorensteuerung aktiviert. Nach kurzer Zeit baute sich eine grafische Darstellung des Raumes jenseits von Ribaalc auf.
„Das ist fantastisch,“ bemerkte Wuran fasziniert und liess für einen Moment ihre Decodier-ungsarbeit ruhen, um mithilfe dieses physikalischen Tricks einen Blick in ungeahnte Tiefen des Hinterlandes zu werfen. Sie konnte weite Teile des vom Dominion besetzten Gebietes sowie den Randbereich des Zentrums der Galaxie erkennen. Mindestens einausend Licht-jahre, dachte sie.
“Es funktioniert. Jetzt brauchen wir nur noch ein wenig Glück, damit wir den Borgquader ab-fangen oder wenigstens entdecken und seine Ankunftszeit und -position bestimmen können, bevor die Dominionschiffe uns erreichen. Sobald sie uns angreifen werden, müssen wir unser-en Messposten wohl oder übel verlassen, um wenigstens eine kleine Überlebenschance zu haben.“ Wuran sah besorgt aus und wandte sich an den Captain.
„Sir, wie sicher können wir sein, dass die Callisto auch wirklich im Stande ist, dieses Borg-schiff zu zerstören, bevor dieses seine Erfolgsmeldung absetzen kann?“
„Seien Sie beruhigt, Cluj, diese Scoutschiffe sind nicht sehr gross und robust, wie wir gesehen haben. Sogar ein Raider würde sicherlich mit ihm fertig werden.“
„Hoffen wir’s. Mit der weiteren Entschlüsselung des Materials vom ersten Borgschiff hatte ich bisher leider keinen Erfolg, da die Daten einfach zu stark verstümmelt sind. Ich konnte nichts weiteres extrahieren, was uns von Nutzen sein könnte und werde es aller Voraussicht nach auch nicht mehr können. Wir haben eigentlich Glück gehabt, dass wir uns überhaupt ein Bild von der Lage haben machen können, denn wenn zwei oder drei Prozent mehr dieser Daten verlorengegangen wären, wäre es nicht mehr möglich gewesen.“
„Dann lassen Sie uns hoffen, dass uns das Glück nicht verlässt.“
Diesmal war das Glück mit ihnen, denn schon nach weniger als einer Stunde empfingen sie eine schwache Subraumortung, deren Signatur einem Transwarp-Kanal entsprach und die sich extrem schnell dem Ribaalc-System näherte. Aus dieser grossen Entfernung liessen sich natürlich noch keine genaueren Daten sammeln, doch sie waren gewarnt. Für sie hiess das, dass sie ihre Mission erfüllen konnten, bevor die herannahenden Dominionschiffe eine Chan-ce erhalten würden, ins Geschehen ein- beziehungsweise sie anzugreifen.
„Wir bleiben so lange wie möglich, bis wir eine genaue Kursbestimmung vornehmen können.
Sobald die Callisto das Borgschiff erledigt hat, schliesst sie zu uns auf und wir machen, dass wir so schnell wie möglich vor die feindlichen Linien kommen.“ Lennard war überzeugt, dass sie es schaffen konnten, ohne sich mit den sich nähernden Jem’hadar-Schiffen auseinander-setzen zu müssen.
„Die Geschwindigkeit des Objektes ist fast schon furchterregend, Captain. Es wird noch etwa zwanzig Minuten dauern, bis es ins System eintritt.“ Wenjorook war sichtlich in Ehrfucht ver-setzt von dieser Technologie. Es war aber auch wirklich unvorstellbar, was es für sie bedeu-ten würde, wenn der Feind diese Antriebstechnik in seinen Raumschiffen etablieren könnte.
Lennard forderte eine Verbindung zur Callisto an. „Es ist soweit, Marshall. Sind Sie bereit?“
„Bereiter geht’s nicht, Lennard. Haben Sie schon genauere Daten?“
„Werden Ihnen gerade übermittelt. Die Entfernung ist noch zu gross für eine genaue Ermitt-lung des Kurses, doch so wie es momentan aussieht, wird der Borgquader Ribaalc III in weni-ger als einer Million km passieren.“
„Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Sogar mit nur Warp 1 könnten wir erst drei Sekunden vor Eintreffen auf das Schiff schiessen. Sie werden keine Chance haben.“ Marshall klang zu-versichtlich.
Lennard ging mit hinter dem Rücken verschränkten Händen und finsterer Miene auf der Brücke auf und ab, bis Leardini ihm leise zurief: „Kyle!“
„Ja?“ Aus seiner Nachdenklichkeit aufgeschreckt, ging er auf seine Gattin zu.
„Setz dich bitte hin, du machst die gesamte Crew nervös mit deiner Herumtigerei.“
Er sah sie verblüfft an und dann zu Dween hinüber, die bestätigend nickte. „Wenn ihr meint... ich habe eben ein schlechtes Gefühl dabei. Es läuft einfach zu glatt.“
„Sei lieber zufrieden, „ nörgelte Leardini, „anstatt dauernd das Schlimmste anzunehmen.“
Er musste ungewollt lächeln. „Ein kluger Kopf hat einst gesagt: Erhoffe das Beste, erwarte das Schlimmste. Mit dieser Philosophie bin ich eigentlich immer gut gefahren.“
Um sich ein wenig abzulenken, ging er wieder zur Ortungsanzeige von Wuran, wo diese mit gekrauster Nase dasass und die eintreffenden Daten studierte. „Was haben Sie? Sie wirken so angespannt.“
„Etwas stimmt nicht, Captain. Je näher das Schiff kommt und je präziser die Daten werden, desto mehr zerbreche ich mir den Kopf darüber. Zuerst dachte ich, es sei eine Ungenauigkeit in unserer Messmethode, schliesslich machen wir dies hier zum ersten Mal. Aber nun bin ich mir nicht mehr sicher. Der Transwarpkanal war viel leichter aufzuspüren, als ich es vorherbe-rechnet hatte, sein Energieniveau ist um ein Vielfaches höher als das des ersten, der das Nah-en des ersten Scoutschiffes angekündigt hatte.“
„Naja, man muss bedenken, dass die Subraum-Messwellen selbst nur ein wenig schneller sind als das Objekt an sich. Ohne die grosse Entfernung zum Objekt hätten wir gar keine Chance gehabt, es in einer vernünftigen Vorwarnzeit zu orten. Und je näher es kommt, desto kleiner wird der Unterschied zwischen Eintreffen der Daten und dem des Schiffes selber. Ich glaube, wir werden...“
Eine Anzeige am unteren Rand von Wurans Konsole begann, begleitet von einem leisen, aber durchdringenden Piepton, rot zu blinken. Lennard brach ab, als die Wissenschaftsoffizierin die angefragte Berechnung aufrief und zuerst auf die Daten starrte, bevor sie mit versteinerter Miene langsam aufsah. „Kyle, wir haben ein Problem.“
„Inwiefern?“
„Ich habe eine Grössenberechnung des Objektes anhand der Energiemenge des von ihm er-zeugten Transwarpkanals angestellt. Das Resultat lautet 29 Kubikkilometer.“ Sie liess mutlos die Schultern sinken.
„Es ist ein Borgwürfel, kein Scoutschiff.“ Lennard wurde bleich und sein Mund trocken.
„Sofort eine Verbindung zur Callisto!“ Lennard sprang förmlich auf seinen Platz.
„Hier Marshall. Was gibt es, Captain Lennard?“
„Wir haben gerade errechnet, dass es sich bei dem sich nähernden Schiff nicht um ein Scout-schiff, sondern um einen Borgkubus mit einer Kantenlänge von über drei km handelt. Wir müssen sofort alles über den Haufen werden und uns etwas neues einfallen lassen. Bleiben Sie auf jeden Fall auf Position im Ortungsschatten von Ribaalc II und unternehmen Sie gar nichts. Wir werden so schnell wie möglich zu Ihnen...“
„Verzeihung, Captain, aber ich glaube, nicht einmal die Fairchild wird etwas gegen ein sol-ches Raumschiff tun können. Mit viel Glück, wenn die Besatzung ihr Handwerk nicht so gut versteht wie eine reguläre Borgcrew, können wir gemeinsam das Schiff kampfunfähig schies-sen oder sogar zerstören, aber sicher nicht rechtzeitig, um das Absetzen ihrer Erfolgsmeldung zu verhindern. Wir können nicht darauf hoffen, dass sie nicht genug Daten haben, um ihren eigenen Transwarpantrieb auch bei Verlust des Testschiffes hier am Zielort nicht zu bauen. Nur wenn dieser Borgkubus hier im Alphaquadrant verlorengeht, ohne vorher auch nur einen einzigen Mucks von sich gegeben zu haben, werden die Vorta die Einstellung des Projektes befehlen. Habe ich die Lage soweit richtig beurteilt?“
Lennard zögerte. „Ja, aber wie wollen Sie...“
„Keine Sorge, das erledigen wir. Bleiben Sie einfach so lange wie möglich am Brennpunkt der Subraum-Sonnenlinse und liefern Sie uns so präzise Kursangaben über den Kubus wie möglich. Nur wenn wir jetzt alle einen kühlen Kopf behalten, haben wir noch eine Chance. Ausserdem trifft das Schiff in zwölf Minuten ein. Sie würden es nicht einmal mit maximalem Warp noch schaffen, rechtzeitig ins Planetensystem zurückzukehren.“ Marshall klang völlig unbekümmert und entschlossen, als wisse er genau, was zu tun sei.
„Haben Sie den Verstand verloren, Marshall? Wie wollen Sie allein nur mit der Callisto einen Borgkubus stoppen? Mit den paar Quantentorpedos allein werden Sie ihn niemals schwer ge-nug beschädigen.“ Lennard versuchte, die Motivation seines Kollegen zu begreifen.
„Das stimmt, aber ich habe noch etwas mehr, was ich als kleine Überraschung in seiner Flug-bahn parken kann. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte, so eine Evakuierung erfordert immer et-was Zeit. Tun Sie mir einen Gefallen und fischen Sie uns auch alle wieder auf, ja? Wir kön-nen es schaffen, uns mit der Fairchild hinter die eigenen Linien zu retten, bevor die Jem’ hadar hier eintreffen.“
„Nein, Marshall, das dürfen Sie nicht tun! Die Risiken sind viel zu gross, dass das Schiff die Callisto verfehlen könnte. Sie können doch nicht ernsthaft so ein Himmelfahrtskommando in Betracht ziehen...“ Verzweifelt versuchte Lennard, ihm dieses wahnwitzige Unterfangen aus-zureden.
„Wir sehen uns dann. Marshall Ende.“
„Nein! Ich befehle Ihnen...“ Lennard brach seine Tirade ab, als er das bedauernde Kopfschüt-teln des Komm-Offiziers wahrnahm.
„Er hat wirklich vor, mit seinem Schiff den Borgwürfel zu rammen. Das wächst sich langsam zu einem Alptraum aus.“ Lennard liess sich resigniert in seinen Sessel zurücksinken.
„Und wir können nichts dagegen unternehmen. Captain Marshall hat sogar insofern recht, als dass wir die grösste Hilfe für sie darstellen, wenn wir hier auf Position bleiben und ihnen so viele und genaue Daten wie möglich liefern.“ Dween war anzusehen, wie schwer es ihr fiel, das auszusprechen. Es war wohl ihre vulcanische Hälfte, die ihr die Überwindung gab, es zu tun.
„Sie sind mir auch eine grosse Hilfe,“ spottete Lennard prompt und sah sie wütend an. „Dieser Heisssporn wird es wirklich tun, da bin ich mir ganz sicher. Alarmstufe Gelb für alle Decks. Die Krankenstation soll sich auf die Aufnahme von einer grossen Anzahl Verletzten vorbereiten. Wir müssen zusehen, dass wir so schnell wie möglich auf die Suche nach den Rettungskapseln gehen können.“
„Das sollte nicht so schwer werden, Sir; die Callisto hat nur 29 Kapseln,“ warf Darrn ein.
Lennard seufzte. „Man kann allem auch immer etwas Gutes abgewinnen, nicht wahr? Ich hätte ahnen müssen, dass Marshall doch wieder irgendeine unerlaubte Spezialaktion unter-nimmt. Hoffentlich weiss er wirklich, was er tut.“
Zwei Minuten vor Eintreffen des Borgschiffes im Ribaalc-System gaben sie ihre Position auf und nahmen mit Höchstgeschwindigkeit Kurs auf den Punkt, wo die beiden Schiffe aufeinan-dertreffen würden. Die Spannung an Bord der Fairchild war unerträglich.
Da sie auf der dem Borgschiff abgewandten Seite der Sonne lagen, würden sie von deren Hin-tergrundstrahlung abgeschirmt sein und nicht entdeckt werden. Die Jem’hadar-Kampfschiffe waren zu weit abseits, um momentan eine Rolle zu spielen, das würde sich jedoch schneller ändern, als ihnen lieb war. So oder so, zu diesem Zeitpunkt war auch die Fairchild nur ein Bauer in diesem Schachspiel.
Lennard hatte die Sensoranzeige auf den Hauptschirm schalten lassen. Es war irgendwie ab-strakt, zu beobachten, wie sich der Transwarpkanal in das Ribaalc-System hineinbohrte wie eine Nadel, dicht am dritten Planeten vorbeiging und dann aprupt stoppte. Einen Moment spä-ter gleisste ein grosser heller Punkt auf, der gleich darauf wieder verblasste. Das war alles, was auf diese Entfernung von den Sensoren erfasst wurde. Lennard versuchte sich vorzustel-len, wie das kleine Föderationsschiff einen kurzen Sprung mit Warpgeschwindigkeit direkt in die Bahn des titanenhaften, dunklen Würfels machte, der in seinem Transwarpkanal mit ein-em -zigfachen der Höchstgeschwindigkeit jedes ihnen bekannten Raumfahrzeuges unaufhal-tsam dahinraste. Durch die Subraumemissionen der Callisto würde der Würfel aus seinem Kanal gerissen werden und mit ihr kollidieren. Nichts konnte einen Zusammenstoss bei einer derartigen Geschwindigkeit überstehen, wie die sich rasch in die bisherige Flugrichtung des Kubus ausbreitende, umfangreiche Trümmerwolke nun dokumentierte.
Die Konturen der Wolke verwischten sich nun angesichts der Störungen der Sonne, da sich die Einzelteile zunehmend im Raum ausbreiteten und von ihren Sensoren nicht mehr ge-sondert erfasst werden konnten. Lennard hoffte inständig, dass niemand seine Rettungskapsel in die Flugrichtung des Borgwürfels gesteuert hatte, denn diesen Trümmerbeschuss hätte nichts und niemand überlebt. Es war bedrückend still auf der Brücke, da sich alle dessen voll bewusst waren, was sie da eben zu sehen bekommen hatten.
„Wie lange noch bis zum Eintreffen im System?“ Lennards Zähne mahlten hörbar aufein-ander.
„Zehn Minuten, Sir.“ Mervens Stimme klang gepresst.
Lennard umklammerte die Lehnen seines Sessels so fest, dass seine Fingerknöchel weiss wur-den. „Erhöhen Sie auf Warp Neun, Lieutenant.“
„Aber Sir, Chefingenieur Nirm hat darauf hingewiesen, dass die Primärplasmaleitungen nur bis Warp Acht sicher arbeiten. Es ist nicht ratsam...“
„Ich bin mir dieser Tatsache bewusst, Mr. Soares. Und jetzt gehen Sie auf Warp Neun, bevor ich Sie von Ihrem Sessel hole und es selbst tue. Das muss unser ‘schönes Kind’ für ein paar Minuten abkönnen. Wir sind hier auf einer Bergungsmission, nicht auf einer Vergnügungs-fahrt.“ Alle sahen sich nach ihrem Kommandanten um. So hatten sie ihn noch nie erlebt.
„Warp Neun liegt an, Sir.“ Merven liess kein einziges Wort des Einwandes mehr verlauten.
Kaum zehn Sekunden später erklang das Interkom: „Chefingenieur Nirm an Brücke.“
Gereizt fauchte Lennard: „Hier Lennard. Ich will kein einziges Wort des Protestes hören, nur Ihre Zusicherung, dass Sie die Plasmaleitungen für fünf Minuten zusammenhalten, bis wir im Ribaalc-System sind und diesen beschissenen Helden Marshall mitsamt seiner Besatzung auf-lesen können. Was wollten Sie also sagen?“
Schweigen. Dann erklang zaghaft Nirms Stimme: „Äh, ich muss meine Mitteilung umformu-lieren, Sir. Ich melde mich wieder.“
„Na also, geht doch,“ murmelte Lennard mit grimmiger Selbstgefälligkeit. Ein kleiner Sieg.
Dann erreichten sie Ribaalc III.
Sie wurden von Chaos und Zerstörung empfangen. Durch die hohe Geschwindigkeit des Borgwürfels hatte sich das Trümmerfeld bereits auf etliche Millionen Kubikkilometer ausge-breitet und wuchs beinahe schneller, als sie es abfliegen konnten. Glücklicherweise hatten sie bereits beim Anflug die ersten Signale von Rettungskapseln empfangen und mussten auch nicht lange nach denen suchen, die nicht sendeten, da sie beschädigt worden waren. Die Bau-materialien von Föderationsschiffen unterschieden sich so stark von denen eines Borgschiffes, dass sie im Nu jedes Einzelteil, das grösser als ein Quadratmeter war, im System aufspüren konnten.
Und die einzigen Teile dieser Grösse waren die Lifepods, da die Callisto selbst bei der Kolli-sion praktisch in ihre Atome zerlegt worden war.
Bereits nach einer halben Stunde hatten sie alle Rettungsboote aufgebracht. Bis auf drei war-en alle schon vor dem Blitzstart aus dem Ortungsschatten des Planeten heraus gestartet wor-den und trieben in unmittelbarer Nähe zu Ribaalc III. Captain Marshall hatte damit bewiesen, wie viel ihm an seiner Crew gelegen war, was sein Ansehen in Lennards Augen nur noch stei-gerte. Die letzten drei Lifepods hatten die Brückencrew beherbert, die wohl bis kurz vor dem Aufprall an Bord geblieben war, um sicherzustellen, dass ihr Schiff auch wirklich präzise in der Bahn des feindlichen Schiffes gelegen hatte. Dann waren sie ausgestiegen und kluger-weise auch in spitzem Winkel dem anfliegenden Kubus entgegengesteuert, um zwar aus der direkten Flugbahn des Zielobjektes zu sein, aber auch dem zu erwartenden Trümmerbeschuss zu entgehen. Ein besonnenes Vorgehen.
„Wir nähern uns den letzten drei Rettungskapseln, Captain,“ meldete Wenjorook.
„Peilsignal? Lebenszeichen?“ Lennard wartete gespannt auf die Antwort.
„Negativ, Sir, keine Signale zu empfangen. Allerdings stören die vielen Trümmer um die Kapseln herum unsere Sensoren erheblich.“ Der andorianische Sicherheitschef hatte die Hoff-nung nicht aufgegeben.
„Auf den Schirm, maximale Vergrösserung.“ Die erste Kapsel kam in Sicht und füllte zur Hälfte den Bildschirm aus, sie lag aber beinahe gegen die Sonne, so dass durch die Blendung nur die dunklen Umrisse sichtbar waren. Die Kapsel driftete weiter, bis sie vor Ribaalc lag. In diesem Moment erklang ein allgemeines erschrecktes Raunen unter der Mannschaft.
Durch Hunderte, nein, Tausende von Löchern schien die Sonne durch die Rettungskapsel hin-durch.Alle drei Lifepods waren völlig zerfetzt, durchsiebt von Einschlägen aller Grössen vom mikroskopischen Löchlein bis zur armdicken, ausgefransten Öffnung in der Hülle.
Hinter Lennard gab es einen entsetzten Aufschrei, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Als er hinter sich sah, eilten bereits zwei Mannschaftsränge zur jungen Svensdottir, die ohnmäch-tig auf dem Boden lag. Sie hatte im Hintergrund der Brücke als Ersatzsteuermann auf Reserve gestanden. Einer der beiden Helfenden untersuchte sie gleich mit einem medizinischen Tri-corder: „Sie hat einen Nervenschock erlitten und ist mit dem Kopf auf dem Deck aufge-schlagen. Wir müssen sie auf die Krankenstation bringen.“
„Diese jungen Dinger halten aber auch wirklich nichts mehr aus heutzutage,“ brummte Darrn fast unhörbar.
„Es war wohl etwas mehr als das, Ops. Ich empfange ungewollt einen starken emotionalen Aufruhr im Unterbewusstsein des Fähnrichs. Den konkreten Grund für ihre heftige Reaktion kann ich in ihrem Zustand nicht ermitteln; es ist letztlich wohl auch ihre eigene Sache und geht uns nichts an.“ Sowohl Darrn als auch Lennard rissen die Köpfe herum und starrten die Betazoide an, als sie den letzten Teil ihrer Aussage machte.
„Mein Gott, Sam, Sie lehnen es ab, in den Gedanken eines anderen herum zu stöbern? Bitte melden Sie sich umgehend auf der Krankenstation zum Hirnströmungsscan.“ Lennard konnte trotz dem Ernst der Lage nicht umhin, ihr nach all den Jahren ihrer ungeliebten telepathischen Spionage auf der Aldebaran nun diese Spitze an den Kopf zu werfen.
„Ich schätze, das habe ich verdient,“ gab die Betazoide dann auch freimütig mit einem Seuf-zen zu. Sie war offenbar während der Zeit ihrer Kommandoausübung auf der Aldebaran in weitaus grösserem Masse gereift, als er es sich zunächst hatte eingestehen wollen. Zur Ab-wechslung einmal eine positive Überraschung.
Dann lenkten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Bild auf dem Hauptmonitor.
Lennards Kehle war wie zugeschnürt, als er die von unzähligen kleinen Ein- und Durchschlä-gen übersäten Kapseln auf dem Bildschirm sah. In einem Winkel seines Verstandes tauchte für einen Moment der Gedanke auf, wie robust doch die Rettungskapseln der Sternenflotte waren, dass sie anhand eines solchen Trümmerbeschusses nicht auseinandergebrochen oder gar völlig zerfetzt worden waren. Sie hingen aber wirklich nur noch lose zusammen.
Die Bergung war nicht unbedingt eine schöne Aufgabe, aber auch das gehörte zur Pflicht-erfüllung. Lennard beneidete Chefärztin Endi keineswegs um die Aufgabe oder, besser gesagt den Versuch, im zerfetzten Inneren der geborgenen Rettungskapseln nach irgendwelchen sterblichen Überresten suchen zu müssen, die eventuell noch eine Identifizierung zulassen würden. Später würde Bilanz gezogen werden: die Vernichtung der USS Callisto, N.C.C. 50674 hatte acht Todesopfer gefordert, aber keine Verletzten, da die gesamte restliche Crew bereits vor dem letzten Warpsprung des Schiffes von Bord gegangen war. Wenn sie heil aus der Sache herauskommen würden, um von dieser Tat zu berichten, würden der gesamten Brückencrew posthum die höchsten Ehren der Sternenflotte und der Föderation zuteil werden. Dank ihnen war nun nicht mehr zu befürchten, dass sie in naher Zukunft von einer Armada transwarpfähiger Jem’hadar-Schiffe in die Knie gezwungen werden konnten.
Nun aber sahen sie sich einer neuen Gefahr ausgesetzt: einer tödlichen Übermacht von Jem’hadar-Angriffsschiffen, die auf das System zuhielt, um sie zu stellen. Für sie hiess das, dass sie würden kämpfen müssen, da durch die Bergung der Überlebenden hier im System zu viel Zeit verstrichen war, als dass sie sich noch hätten in Föderationsterritorium absetzen können.
„Wir stehen vor einem echten Problem,“ sprach Merven dann auch aus, was sein Captain ger-ade gedacht hatte. „Durch die Bergung haben wir so viel Zeit verloren, dass wir ohne Feind-berührung nicht mehr aus dem System herauskommen werden. Für einen direkten Kampf sind es zu viele gegnerische Schiffe. Was also sollen wir tun?“
„Kyle, ich empfange eine Botschaft von den Newar. Sie stehen unserem Dilemma äusserst mitfühlend gegenüber und bieten uns ihre Hilfe an.“ Kall war unvermutet aus dem Hinter-grund getreten und schaltete sich in die Debatte ein.
„Das ist sehr grosszügig und ehrenhaft von ihnen, aber ich fürchte, sie können uns hierbei keine grosse Hilfe sein. Ausserdem sind sie noch keine offiziellen Mitglieder der Föderation und somit unterstehen wir der Ersten Direktive, dass wir uns durch unsere Handlungen nicht in die Entwicklung ihrer Kultur einmischen dürfen.“ Lennard tat das Angebot mit einem mil-den Lächeln ab.
„All dessen sind sie sich vollauf bewusst,“ gab Kall sofort zurück, „und dennoch empfehlen sie uns, uns erst einmal in der oberen Atmosphäre ihrer Welt zu verbergen und abzuwarten, ob die Jem’hadar nicht wieder nach einer Weile abziehen, wenn wir uns ihrem direkten Zu-griff anhaltend entziehen. Orten werden sie uns mit Sicherheit nicht können, wenn wir erst einmal tief genug in der Schwermetallsuppe da unten eingetaucht sind.“
„Diese Variante hat etwas für sich, vor allem in Anbetracht des momentanen Zustandes der Fairchild. Wir könnten die Wartezeit für weitere Instandsetzungsarbeiten nutzen und gleich-zeitig austesten, ob die Jem’hadar auch wirklich einen so langen Atem und gute Nerven hab-en, wie sie vorgeben.“ Lennard schien nun doch ernsthaft über das Angebot ihrer neuen Ver-bündeten nachzudenken.
„Die Newar scheinen auch davon überzeugt zu sein, dass die Waffen der Jem’hadar- Schiffe für sie keine Bedrohung darstellen. Ich weiss nicht, wie sie darauf kommen.“ Kall wirkte ein wenig hilflos bei dieser Bemerkung. Sie wusste offenbar nicht, wie sie solch friedliebenden Wesen klarmachen konnte, welch verheerende Wirkungen diese Energiewaffen haben konn-ten.
„Reden Sie ihnen auf jeden Fall aus, irgendwelche Dummheiten zu begehen. Das letzte, was wir jetzt brauchen können, sind irgendwelche unbedarften Newar, die in den freien Raum auf-steigen und sich in ihrer Naivität wie Zielscheiben von den Jem’hadar abknallen lassen.“ Es war Lennard sehr ernst damit, ihre grossen, sanftmütigen Freunde aus dieser Angelegenheit heraus zu halten.
„Sie erklären sich einverstanden, Sir. Ihnen wird schon etwas einfallen, wie sie mir versich-ern; ihr kollektiver Verstand arbeitet bereits eine Lösung aus.“ Der Stimme von Kall war Skepsis zu entnehmen.
„Na, dann dürfen wir ja gespannt sein.“ Leardini lehnte sich zurück und beschloss dann, unter Berücksichtigung ihres Zustandes wohl oder übel ihren Posten Commander Kall zu überlas-sen und sich in ihrem Quartier auszuruhen. Bedächtig setzte sich die Betazoide dann neben den Captain auf ihren Sessel, schien aber noch immer abwesend zu sein.
Dween wollte neugierig wissen: „Stehen Sie immer noch mit den Newar in Verbindung, Commander?“
„Nicht mehr direkt,“ gab diese zu, „es ist nur noch wie ein fernes Echo von vielen undeut-lichen Stimmen. Sie beraten sich wohl gerade, was zu tun ist.“
Sie beobachteten den langsmen Sinkflug in die obersten Wolkenschichten von Ribaalc III. Diesmal würden sie nicht so tief in die Atmosphäre eindringen müssen, erstens weil sie ja die Kontrolle über das Schiff nun besassen und zweitens waren sie auch schon aus grösserer Höhe nicht mehr auffindbar, da die Gashülle gemeinsam mit dem Subraumfeld des Planeten sie zuverlässig abschirmte. Zudem waren die Schilde hier oben nicht so hohen Drücken aus-gesetzt wie unten in der dichten, quasiflüssigen Gashülle und konnten deshalb mit weniger Energie betrieben werden. Das wiederum machte es zum einen nochmals schwerer, ihre Ener-giesignatur bei einer Suche zu entdecken und zum anderen konnten sie während der Repara-turen besser mit ihren Resourcen haushalten.
„Jetzt sind wir wieder da, wo alles angefangen hat,“ meinte Darrn lakonisch. „Wir haben zwar eine grosse Gefahr für den Alpha-Quadranten abwenden können, aber momentan haben wir von dieser Ehre herzlich wenig.“
„Ich liebe es, wenn Klingonen poetisch werden und anfangen zu sinnieren,“ neckte Merven seinen Kollegen, der ihn daraufhin leise anknurrte.
Lennard griff sogleich schlichtend ein: „Ich denke, wir alle haben in den nächsten Stunden anderes zu tun als unsinnige Dispute zu halten. Mr. Darrn, beginnen Sie mit der Koordination der Reparaturtrupps. Mr. Soares, Sie können sich gleich einem solchen anschliessen, dann haben Sie Ihren zweiten Aufenthalt auf Ribaalc ebenso sinnvoll verbracht wie den ersten.“
„Aye, Sir.“ Ohne Groll machte sich der Trill auf, um seine Zweitfunktion zu erfüllen, währ-end die Fairchild relativ bewegungslos in der Atmosphäre des ungewöhnlichen Gasriesen verharrte.
„Ich würde gerne auf die Krankenstation, um nach Fähnrich Svensdottir zu sehen. Sie benöt-igt wahrscheinlich einen Counselor, wenn sie aus ihrer Ohnmacht erwacht.“ Erwartungsvoll und zuversichtlich einer Zustimmung ihres Kommandeurs hob die Schiffsberaterin bereits ihr Hinterteil von ihrem Platz.
Lennard sah sie von der Seite her an: „Was tun Sie noch hier?“
Grinsend nickte Dween und machte sich auf.
Jetzt hiess es abwarten und sich so zu verhalten wie ein Loch in der Luft, die sie umgab.
- 7 -
Deck Sieben, Sektion 02. Der Bettenraum für leichte Fälle, direkt neben der Krankenstation gelegen, war nur indirekt beleuchtet, als Dween eintrat und sich suchend umsah. Da der Raum dank der glücklich verlaufenen Rettungsoperation nur schwach besetzt war, fand sie den Platz von Fähnrich Svensdottir rasch. Die junge blonde Skandinavierin sah noch blasser aus als sonst, wie sie da auf ihrem Medobett lag. Trotz der unterschwelligen Anziehung zwi-schen ihr und Merven tat sie ihr in diesem Moment leid. Sie wusste noch nicht genau, was ihre tiefe Bestürzung ausgelöst hatte, ahnte aber schon etwas.
„Können Sie mich hören, Fähnrich?“ fragte sie mit leiser, sanfter Stimme und beobachtete ihr Gesicht, das teilnahmslos nach oben zur Decke starrte.
Dann nahm sie ihre Hand und konzentrierte sich auf das, was in der jungen Frau vorgehen mochte.
„Nennen Sie mich Annika, Lieutenant,“ bat diese sie plötzlich.
Ein wenig gerührt über dieses plötzliche und unverhoffte Freundschaftsangebot, verharrte Dween und sagte dann mitfühlend: „Gerne, Annika. Ich heisse Shania. Möchten Sie über Ihr-en Verlust sprechen?“
„Das kann ich nicht.“ Svensdottirs Gesichtszüge schienen zu versteinern. „Meine Eindrücke sind noch zu frisch, deshalb habe ich sie noch gar nicht verarbeiten können. Und jetzt das... ich weiss nicht, was ich denken... was ich empfinden soll. Ich fühle nur eine grosse Bestürz-ung und Verwirrung. Da ist dieses riesige Loch mitten in meiner Seele, wo vor wenigen Stunden noch Erfüllung und Glück gewesen ist. Kennen Sie das Gefühl, vom ersten Moment an zu glauben, man habe den Einen gefunden?“
„Ja, durchaus. Bei uns ging es zwar eine Weile, bis wir uns unsere Zuneigung gestanden haben. Der Krieg ist bestimmt so eine Art Katalysator, denn er reisst Leute auseinander und verändert Schicksale in einem Tempo, wie man es unter normalen Umständen nicht einmal zu träumen wagen würde. Alles geht etwas schneller, denn man weiss nie, was im nächsten Moment geschehen kann.“ Dween hielt noch immer ihre Hand und drückte sie sanft, um ihr Mut zu machen.
Langsam drehte Svensdottir ihren Kopf, bis ihre stahlblauen Augen direkt in ihre grünen Kat-zenaugen starrten. Mit einer Ernsthaftigkeit, wie es einer so jungen Frau kaum zuzutrauen war, sagte sie leise: „Das war wahrscheinlich die präziseste Definition des Einflusses eines Krieges auf das Schicksal einzelner Menschen. Selbst Konfuzius hätte es nicht besser mit so wenigen Worten sagen können.“
„Ich schätze, das ist wohl eines der grössten Lobe, welches man von einem Erdenmenschen erhalten kann. Ich danke Ihnen, Annika.“ Dween war sehr bewegt ob dieser Aussage. Zu kei-nem Zeitpunkt kam ihr in den Sinn, nach dem Namen zu fragen. Das war jetzt auch nicht nötig.
Dann sagte Svensdottir unvermittelt: „Ich will den Test machen. Ich muss es wissen.“
Dween war überrumpelt. „Glauben Sie denn, ihre... ‘Begegnung’ hat Folgen gehabt?“
„Ich muss es wissen. Rufen Sie einen Arzt.“ Dween merkte, wie ernst es der jungen Frau war.
„Hören Sie, Annika, selbst Doc Endi kann frühestens in sechs oder sieben Stunden feststellen, ob sich bei Ihnen etwas tut. Sie müssen noch etwas Geduld haben... würden Sie es denn wol-len?“
„Ich bin Isländerin, Shania. Bei den Frauen unseres Volkes ist es seit weit über 500 Jahren völlig normal, ein Kind ohne Vater auszutragen und aufzuziehen. Wir haben uns auf einer abgelegenen Insel ziemlich isoliert vom Rest unserer Welt entwickelt und tragen keine rich-tigen Familiennamen. Der zweite Name eines Isländers ist immer der Name des Vaters oder der Mutter, je nach Fall.“
Shania staunte nicht schlecht. „Das war mir nicht bewusst. Demnach heissen Sie schlicht ‘Annika, Tochter des Sven’?“
„So in etwa.“ Svensdottir musste ungewollt lächeln. So sah sie nicht, wie Dween einen nahe-liegenden Alphawellen-Induktor ergriff und ihr dann über die Stirn hielt. Als sie es bemerkte, war es bereits zu spät zum Protestieren und ihre Augenlider senkten sich langsam.
„Entschuldigen Sie meinen kleinen Überfall bitte. Sie brauchen jetzt erst einmal etwas Ruhe. Ich komme später wieder zurück. Schlafen Sie gut.“ Anhand ihres Lächeln erkannte sie, dass Dween es wirklich gut meinte und zog ihre Mundwinkel ein wenig hoch, bevor ihr die Augen ganz zugefallen waren.
Danach lauschte die Counselor noch kurz den flachen, gleichmässigen Atemzügen ihrer Patientin und ging dann beruhigt.
Auf der Brücke war eigentlich der nächste turnusmässige Schichtwechsel fällig, doch niem-and wollte so recht seinen Posten verlassen. Kall war noch immer abwesend, als wollte sie versuchen, Kontakt mit den Newar aufzunehmen.
„Kyle, ich glaube, wir bekommen Besuch. Die Übermittlungen unserer Freunde werden deut-licher und das Gefühl ihrer Präsenz verstärkt sich in mir zunehmend.“ Leise beschrieb die telepathische Betazoide ihre Wahrnehmungen.
Kurz darauf meldete der Conn: „Mehrere schwache Ortungen voraus, Sir. Es könnte sich um die einheimischen Lebensformen handeln; für ein Schiff sind die Signale zu schwach. Nichts, was grösser ist als eine Sonde...“
Beim Anblick auf dem Bildschirm vor ihm blieb dem jungen Ersatzsteuermann das Wort im Halse stecken. Ein gutes Dutzend Newar erschienen und verteilten sich um den vorderen Sektor des Schildperimeters herum. Es schienen alles sehr viel stattlichere Exemplare zu sein als die, welche sie bisher zu Gesicht bekommen hatten.
„Wir haben sie kaum kommen gesehen,“ stellte Lennard ehrfürchtig fest. „Wie machen sie das bloss?“
„Es muss mit ihrem natürlichen körpereigenen Subraumfeld zusammenhängen. Dieses Phäno-men erzeugt uns gänzlich unbekannte Wellenmuster und -kombinationen, die von unseren Geräten offenbar nur sehr schwer erkennbar sind. Wenn man diese Muster nachahmen könn-te...“
„Hören Sie schon auf, Sam. Wollen Sie den Vertrag von Algeron verletzen und uns auch noch die Romulaner auf den Hals hetzen? Wir können schon froh sein, dass sie sich in diesem Kon-flikt neutral verhalten. Sie auf unsere Seite zu ziehen würde in unserer derzeitigen Lage bei-nahe ein Wunder erfordern. Die illegale Entwicklung einer neuen Tarnvorrichtung würde die-ser Sache garantiert nicht dienlich sein. Ausserdem wirkt ihr Körperfeld in keinen sichtbaren Wellenlängen, das heisst es würde uns nur auf grössere Entfernungen etwas bringen. Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen.“
„Sie haben recht, Sir. Ich habe allerdings in diesem Moment das Gefühl,. als hätten die Newar unserem Gespräch über mich gelauscht und hätten durch etwas, das Sie sagten, einen Denk-anstoss bekommen. Es ist nur ein unbestimmbares Gefühl...“ Kall versuchte sich zu konzen-trieren, um vielleicht noch mehr von den Überlegungen ihrer Verbündeten aufzuschnappen, jedoch ohne Erfolg.
„Captain, ich empfange ein schwaches Signal von oben. Richtung und Distanz unbestimmbar. Soll ich mit den Langstreckensensoren versuchen, eine genauere Ortung zu erhalten?“ Un-sicher sah der junge Steuermann über seine Schulter und wartete neue Befehle ab.
Wenjorook fuhr dazwischen: „Soll das heissen, Sie haben die Sensoren auf aktiver Ortung laufen? Sie Idiot haben den Feind angelockt!“
Lennards Miene verfinsterte sich. „Sofort jegliche Subraum- und elektromagnetischen Emis-sionen einstellen! Ich dachte, ich hätte mich vorhin deutlich genug ausgedrückt. Muss ich vielleicht in Zukunft meine Befehle buchstabieren, damit sie jeder hier versteht?“
„Tut mir leid, Sir,“ vesuchte der unerfahrene Neuling seinen Fehler zu entschuldigen.
„Oh nein,“ widersprach Wenjorook und ging langsam auf den Conn zu, der immer kleiner in seinem Sessel wurde. „Wenn die Jem’hadar uns dank dem Leuchtfeuer entdecken, das Sie hier veranstaltet haben, dann tut es Ihnen leid. Wenn sie uns hier mitten in der Reparatur-phase erwischen, während wir völlig wehrlos mit desaktivierten Waffen und Antrieb in der Atmosphäre treiben und uns in Stücke schiessen, wenn hier durch einen Hüllenbruch die giftige, mit Schwermetallen und Halogenen versetzte Atmosphäre mit hohem Druck herein-schiesst, Ihnen die Lungen verbrennt und die Haut vom Fleisch herunterätzt, dann tut es Ihnen leid! Was glauben Sie, wie leid es Ihnen tun wird? Sie werden sich wünschen...“
„Mr. Wenjorook, ich glaube, der Crewman hat den tieferen Sinn Ihrer Ausführung erfasst,“ ging Lennard milde dazwischen, worauf der Andorianer ein wenig unwillig abbrach, dem total verängstigten Mannschaftsrang detailliert zu schildern, unter welch unerträglichen Qual-en er sein junges Leben beenden würde. Er hatte seine Lektion gelernt.
Lennard nahm sich fest vor, bei der allernächsten sich bietenden Gelegenheit sämtliche neu in den Mannschaftsbestand aufgenommenen Mannschaftsränge zu versammeln und ihnen per-sönlich den Kopf zurechtzurücken, wenn es sein musste, auch jedem einzeln. Zuviel war schon aufgrund des Versagens von neuen Crewmitgliedern in kritischen Situationen schiefge-gangen und sie konnten von Glück sagen, wenn sie hier mit heiler Haut herauskamen. Er wür-de lieber mit einer eingespielten Minimalbesatzung weiterfliegen als weiterhin eine Crew in diesem desolaten Ausbildungs- und Moralstand zu führen.
„Die Newar teilen mir mit, dass sich ein grosses Raumschiff nähert. Wir sollen das Schiff am Besten völlig ruhig halten.“ Kall flüsterte irrationalerweise, als befürchte sie, die Jem’hadar über ihnen könnten sie hören, wenn sie lauter spräche.
Sie scheinen beinahe direkt auf unsere Position zuzusteuern, halten sich aber ausserhalb der Atmosphäre. Captain, wir sind zu hoch, die Gasdichte ist nicht hoch genug, um uns vollstän-dig vor einem Schiff zu verbergen, das in dieser unmittelbaren Nähe zu uns steht.“
„Das ist mir bewusst, Mr. Darrn. Was schlagen Sie vor?“ Gespannt beobachtete Lennard, wie sich die Newar vor ihrem Bug wegbewegten. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke von den Ratten, die das sinkende Schiff verliessen, auch wenn dieser Vergleich hier bestimmt nicht hätte unpassender sein können.
„Vorbereiten auf schnelles Abtauchen in tiefere Atmosphärenschichten, um uns im Notfall ihrer Ortung und ihrem Waffenfeuer entziehen zu können. Wir...“ Der klingonische Ops- Offizier brach ab und starrte auf seine Anzeigen.
„Was machen denn die da? Moment...“
Die Ansicht auf dem Hauptmonitor wechselte und zeigte nun schräg nach oben, wo sich die Newar ein Stück über ihnen neben- und hintereinander gruppierten und so allmählich einen geschlossenen Schild aus Leibern bildeten. Ihre rochenähnlichen Flossen waren dabei ganz ausgebreitet und bedeckten eine grosse Fläche, so dass das gute Dutzend Newars über ihnen sie völlig verdeckte und ihnen die Sicht nach oben nahm.
„Der Kontakt mit dem Schiff über uns ist abgebrochen. Sie verstecken die Fairchild unter sich,“ rief Darrn verblüfft.
Lennard studierte die Instrumente auf seinen Armlehnen. „Es scheint zu funktionieren, so unglaublich sich das anhört. Ich kann den Flugkörper über uns nicht mehr ausmachen. Jetzt empfange ich Subraum-Ortungswellen, die von einer Art Thermokline im Subraumfeld des Planeten tief unter uns reflektiert werden. Diese verlieren sich jedoch auch am Schild unserer Freunde, sodass wir zwar merken, dass sie nach uns peilen, während sie selbst kein Signal von uns bekommen. Einfach genial.“
„Genial einfach,“ widersprach Wenjorook. „Captain, wir sollten uns jetzt in sicherere Gefilde
begeben, da sich die Gelegenheit ergibt.“
„Vorschlag akzeptiert. Conn, Tauchen mit voller Kraft voraus, Manövriertriebwerke, zwanzig Grad vorlastig, Einpendeln auf Kommando.“ Lennard klang wie ein altertümlicher Untersee-boot-Kommandant, als er erleichtert diese Befehle gab.
„Aye, Sir.“ Langsam senkte sich der Bug der Fairchild und zeigte hinab in das vollkommene Dunkel der Tiefe, in die sie sich bereits einmal zurückgezogen hatten. Vorerst hatten sie die grösste Gefahr hinter sich gelassen, dank ihrer neuen Verbündeten und Freunde. Ja, Lennard betrachtete sie inzwischen als Freunde und bat Kall, ihnen das zusammen mit ihrer aller Dank zu übermitteln.
Aufgrund dieser Entdeckung hatten sie eine echte Chance, von hier wegzukommen.
Wenn sich das so bewerkstelligen liesse, wie er sich das vorstellte.
„Subraum-Peilgeräusche hinter uns, Höhe schnell sinkend. Es muss eine Sonde sein, die sie in die Atmosphäre hinabgeschossen haben. Sobald sie neben oder unter uns sinkt, ist unser leb-ender Tarnschirm nutzlos. Was sollen wir...“ Wenjorook brach ab.
Einer der Newar hatte ihre Formation über dem Schiff verlassen und schoss steil nach oben, während die verbliebenen sich ein wenig umgruppierten, um die entstandene Lücke zu kom-pensieren. Nur wenige Sekunden danach kam er wieder zurück und bewegte sich dicht neben ihnen schnell nach unten. Hinter ihm sah man ein kleines Stück eines metallischen Körpers herausragen.
„Sie haben augenblicklich reagiert und einen von ihnen dazu abgestellt, die Sonde mit seinem Körper vor uns abzuschirmen. Wir stehen tief in ihrer Schuld, würde ich sagen.“ Kall war kaum fähig zu Sprechen vor Ergriffenheit.
„Wir müssen uns wohl nochmals bei ihnen bedanken,“ räumte Lennard ein.
Sie schienen fürs erste sicher zu sein.
Am langen Tisch im Konferenzraum herrschte bedrückte Stille, die die düstere Atmosphäre noch verstärkte. Draussen, jenseits der grossflächigen Fenster, herrschte wieder die absolute Finsternis eines tiefen Ozeans, in die niemals ein Lichtstrahl hinabdringt. Nur die schemen-haften Umrisse der Newar-Gruppe, die sich elegant durch das sie umgebende Medium beweg-ten, unterbrachen die völlige Dunkelheit. Dadurch war jedem der Anwesenden bewusst, dass ihre neuen Verbündeten über die geistige Verbindung mit Commander Kall indirekt auch an der Besprechung teilnahmen.
„Fürs Erste sind wir aus der direkten Schusslinie; die feindlichen Kräfte haben nach unserem Abtauchen keine weiteren Ortungsversuche mehr unternommen, von denen wir Kenntnis haben. Wir können davon ausgehen, dass sie uns verloren haben und nun in unmittelbarer Nähe des Planeten darauf warten, dass wir uns aus dem Schutz der Atmosphäre herauswagen. Die Frage ist, wie lange wollen wir ausharren?“ Gespannt sah Lennard in die Runde. Es über-raschte ihn nicht, dass der stets geschwätzige Chefingenieur Nirm die Debatte begann.
„Vom technischen Standpunkt her habe ich keine generellen Einwände gegen ein längeres Verbleiben. Wir können die Zeit für die Reparaturen gut gebrauchen und die Schilde sind in dieser Umgebung auch weitgehend stabil. Keine Probleme in dieser Hinsicht also.“
„Danke, Lieutenant. Wie lange veranschlagen Sie für die Reparaturarbeiten?“
„Das hängt davon ab, inwieweit sie die Fairchild instandgesetzt haben wollen. Um sie wirk-lich zuverlässig gefechtstüchtig zu haben, vielleicht anderthalb Tage. Wenn wir alles machen sollen, was ohne Raumdock geht...“
„Ich habe schon verstanden. Sie müssen sie nicht auch noch neu streichen und polieren. Nehmen wir anderthalb Tage als ersten Zeitrahmen, schliesslich waren Sie ja bereits bei un-serem ersten Aufenthalt recht fleissig.“ Nirm brauchte einige Sekunden, bis er begriff, dass der Captain ihn damit tatsächlich gelobt hatte und er sich für dieses Lob bedanken konnte.
„Was macht der strategische Aspekt aus?“ Wollte er dann weiter wissen.
Wenjorook überlegte nur kurz. „Uns stellt sich die Frage, wie gross ihr Durchhaltevermögen bei einer solchen Belagerungssituation ist. Von ähnlichen Fällen lässt sich ableiten, dass zu-mindest ein Teil ihrer Streitkräfte, stark genug, um es mit uns aufnehmen zu können, hier verbleibt und uns auflauert. Die Frage ist nur, zu welchem Zeitpunkt sie das Interesse an uns verlieren werden.“
„Darf ich dazu etwas sagen, Sir?“ meldete sich Dween zu Wort und wartete, bis ihr Kom-mandant nickte.
„Das Dominion hat gerade eine Offensive in diesem Sektor durchgeführt. Für sie heisst das, dass sich ihre Front- und Nachschublinien verlängert haben und ihre Ressourcen ausgedünnt sind. Demnach brauchen sie zur Zeit wohl jedes Schiff für die grösseren, wichtigen Kämpfe und zur Sicherung der strategisch bedeutsamen Systeme. Wir aber sind nur ein einzelnes Raumschiff, das sich in einem abgelegenen, nach wie vor unbedeutenden Sternensystem abseits der galaktischen Hauptachse versteckt.“
Merven fügte ungefragt hinzu: „Und das einzige wirklich Interessante ist die für sie unerklär-liche Trümmerwolke eines Borgkubus. Sie wissen nicht, was passiert ist, kommen aber nicht an uns heran. Uns auf einem Gasriesen dieser Grösse aufzubringen, ist für sie aussichtslos. Die Jem’hadar-Kräfte vor Ort würden vielleicht gerne herausfinden, was genau geschehen ist, was wir hier hinter der Front zu suchen haben und vor allem, warum wir noch leben nach einer Begegnung mit diesem Borgschiff. Dennoch sind wir nur ein einzelnes Schiff und für ihre Vorgesetzten nicht den Aufwand wert, noch länger so starke Kräfte hier im System zu belassen.“
Mit einem leicht übellaunigen Blick, weil Merven sie unterbrochen hatte, führte Dween zu Ende: „Und in diesem Fall werden sie nicht lange ausharren, bis sie den grössten Teil ihrer Schiffe von Ribaalc abziehen und nur ein kleines ‘Aufräumkommando’ zurücklassen werden. Der Nutzen für sie ist nicht hoch genug, um uns weiterhin so viel Aufmerksamkeit zu wid-men.“
Lennard war noch nicht ganz zufrieden. „Das mag ja sein, aber mein schlechtes Gefühl ist noch immer da. Was wäre, wenn sie herausgefunden hätten, was die Funkboje des ersten Borgquaders gesendet hat, bevor wir diese zerstören konnten?“
„Dafür gibt es keine Anhaltspunkte,“ warf Wenjorook ein.
„Ach ja?“ widersprach Lennard. „Wir befanden uns gerade im nahen Vorbeiflug von Ribaalc III und auf der der Boje abgewandten Seite, sodass das Funksignal durch den Planeten von uns hätte abgeschirmt werden können. Und dann hätte das Signal seit Minuten unterwegs sein können, bevor wir es hätten auffangen können. Andererseits hätte die Boje gerade in der Se-kunde anfangen können zu senden, in der wir sie empfangen haben. Aber lassen wir dieses Roulettespiel und konzentrieren wir uns auf die einzelnen Hinweise, die darauf deuten könn-ten, dass das Dominion über alles Bescheid weiss.
Das Dominion befand sich nach dem Verlust von Deep Space Nine auf allgemeinem Rück-zug, um sich neu zu formieren oder was weiss ich, wieso. Und ausgerechnet diesen Sektor überfallen sie dann wie aus heiterem Himmel zufällig, während wir uns noch hier befinden? Und obwohl Ribaalc so unbedeutend ist, schicken sie so viele Schiffe mit Höchstgeschwin-digkeit her, nur um die Herkunft eines verstümmelten und unverständlichen Dominionsignals, das von der Signalboje des explodierten Quaders, zu überprüfen? Ziemlich suspekt für mei-nen Geschmack.“
Dween warf nachdenklich ein: „Wenn sie die Nachricht wirklich entziffert haben, werden sie alles daran setzen, uns in die Finger zu kriegen.“
Bedrücktes Schweigen lastete für kurze Zeit im Konferenzraum. Dann hatte sich Lennard ge-fangen und verlangte eine Erklärung von ihr.
„Sie sind zu spät gekommen, um zu verhindern, dass der Borgkubus vernichtet wird. Sie haben keinerlei Möglichkeit, mit dem Gamma-Quadranten in Verbindung zu treten, um ihnen den Erfolg ihres Versuches mitzuteilen. Die Truppen hier im Alpha-Quadranten wissen, dass sie Erfolg hatten, der neue Transwarpantrieb wird im Gamma-Quadranten jedoch einge-stampft und verschwindet in der Versenkung, weil niemand dort ahnt, dass der Flug Erfolg hatte. Wenn sie jedoch unser habhaft werden und erfahren könnten, was hier geschehen ist...“
„Einen Moment, bitte,“ ging Leardini dazwischen, „aber eines verstehe ich in Ihrer Argu-mentation nicht ganz, Counselor: warum sollten sie uns unbedingt erwischen wollen, wenn wir ihr Werk bereits zunichte gemacht haben? Aus so niederen Motiven wie Rache doch bestimmt nicht!“
„Vielleicht sogar das, aber ich glaube eher, aus reinem Dominion-Denken: sie könnten an-nehmen, dass wir sämtliche Daten über ihr Transwarp-Projekt aus dem ersten Testgefährt in unseren Besitz gebracht haben, bevor wir es zerstört haben. Sie können ja nicht wissen, dass sich der Antrieb überladen und das Schiff ganz ohne unser Zutun vernichtet hat, bevor wir Gelegenheit hatten, ihre Dateien komplett zu überspielen. Aus ihrer Sichtweise würde das durchaus Sinn machen... warum wir keine Hilfe geholt haben, weshalb wir uns in der Atmo-sphäre von Ribaalc III verborgen haben, in ihrer Sichtweise nämlich eben deshalb, weil wir versteckt den Zeitpunkt abwarten wollten, bis das zweite Schiff eintrifft, um es dann aus dem Hinterhalt heraus zu vernichten und der alleinige Besitzer des Antriebskonzeptes zu sein, das den entscheidenden strategischen Vorteil bietet.
Dann natürlich, warum wir trotz des feindlichen Vorstosses hinter der Frontlinie zurückge-blieben sind, nämlich aus dem eben erwähnten Motiv. Dasselbe gilt auch für das absichtliche Ignorieren des Befehles eines vorgesetzten Admirales, was sie sicherlich über Subraumfunk mitgehört haben. Das Dominion hat vielleicht nicht alle Daten zur Lösung dieses für sie rät-selhaften Vorganges, aber genug Puzzleteile, um fehlerhafte und für uns fatale Schlüsse zu ziehen, nämlich die eben dargelegten. Wir durften über Funk nichts sagen, was uns verraten könnte, denn in ihren Augen besitzen wir den Schlüssel und wollten die einzigen weiteren Besitzer eines solchen ausschalten, sogar um den Preis der Callisto, ein in ihren Augen un-bedeutendes Opfer für uns, wenn man den Gewinn betrachtet.
Ich kann natürlich keinerlei Gewähr für diese These geben, denn wir wissen nicht, ob und wieviel der Gegner an Informationen besitzt. Dieses Mal hoffe ich wirklich, dass ich mich irren möge und sie ihre Schiffe tatsächlich abziehen werden. Denn andernfalls wird es nicht einfach, ohne Entsatz hinter die eigenen Linien zu gelangen. Es besteht gar das Risiko, dass wir uns einer grösseren Anzahl von Schiffen entgegensehen, je länger wir warten.“
Nachdem sie geendet hatte, herrschte kurzes Schweigen im Konferenzraum. Dann sagte Lennard: „Mrs. Dween, wenn wir das hier unbeschadet überstehen sollten, haben Sie die längste Zeit auf diesem Schiff gedient.“
Erschrocken ruckte ihr Kopf hoch, während alle aufkeuchten. „S... Sir?“
„Sie haben schon richtig gehört. Die Sternenflotte kann es sich unter den Umständen dieses Krieges keinesfalls noch länger leisten, Sie als Counselor an Bord eines Schiffes herum-fliegen zu lassen; dafür sind ihre strategischen Projektionen einfach zu brilliant und über-zeugend. Sie gehören definitiv mindestens in einen Flotten-Kommandostab, wenn nicht sogar direkt in die zentrale strategische Abteilung des Sternenflotten-Hauptquartiers auf der Erde. Nein, sagen Sie nichts, ich weiss, wie gerne Sie sich unter Wert verkaufen.“
Erleichtertes Lachen im Raum, als allen die wahre Bedeutung von Lennards Kommentar aufging. Der Protest der jungen Halbvulcanierin ging im Wortgetümmel unter, aber man sah ihr die gemischten Gefühle wegen Lennards angedrohter Zwangsbeförderung an. Wohl des-halb, weil sie bei ihm nicht genau wusste, wie ernst er es meinte.
Dann jedoch räusperte sich Kall geräuschvoll, so dass wieder Stille eintrat. „Captain, die Newar haben einen interessanten Vorschlag zu machen, wie sie uns in unserer misslichen Lage beistehen könnten. Es klingt für mich sehr vielversprechend, auch wenn es Ihnen be-stimmt nicht gefallen wird.“
Darauf seufzte Lennard hörbar, wusste er doch, wie gut die Betazoide ihn einschätzen konnte. Es würde ihm nicht gefallen. „Dann lassen Sie mal hören, Commander...“
Merven stand an der stark geneigten Scheibe seines Quartieres, als Dween eintrat. Sofort spürte sie die ungewöhnliche Stimmung im Raum und trat hinter ihren Freund. Sanft legte sie die Arme um seine Schultern und hauchte ihm einen Kuss auf den Nacken. Er liess sie reg-ungslos gewähren.
„Sieh nur, Shania,“ sagte er mit tonloser, belegter Stimme.
Sie blickte auf. „Was meinst du, Liebling?“
„Dort draussen. Es ist wirklich fast wie im All, aber doch nicht genauso. Es ist, als habe eine unbegreiflich grosse Macht sämtliche Sterne aus dem Universum gefegt und nur schwarze Leere zurückgelassen, in der wir nun unser Dasein fristen müssen. Das letzte Schiff in der dunklen Unendlichkeit...“
„Du bist bedrückt und lässt dich von der lichtlosen Tiefe dieses planetaren Ozeans beein-drucken. Aber du bist keineswegs allein.“ Sie zeigte nach vorne, wo gerade wieder einer der grazil wirkenden Newar vorbeiglitt. „Selbst hier haben wir Freunde gefunden, wo niemand es je vermutet hätte. Trotz der gewaltigen Unterschiede haben wir doch vieles mit ihnen ge-meinsam, was uns im Geiste miteinander verbindet.“
„Du hast recht.“ Er drehte sich um und sah zu ihr hoch. „Und du weisst auch, was mich wirk-lich bedrückt, nicht wahr?“
Sie nickte verständnisvoll und erwiderte seinen Blick mit einem warmen Lächeln. „Du machst dir Sorgen darüber, ob Captain Lennard es ernst gemeint hat mit seiner Absicht, mich von der Fairchild weg zu versetzen und vielleicht sogar gegen meinen Willen in irgendeinen strategischen Stab zu stecken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das tun würde, selbst wenn er es wahrscheinlich sogar unter Anwendung irgendwelcher Sternenflottenvorschriften, die man nur ab dem Rang eines Captains kennt, legitim tun könnte. Ich wäre bestimmt nicht besonders effektiv, wenn ich gewaltsam von dir getrennt würde und meinen Dienst an einem Ort und auf einem Posten versehen müsste, an dem ich nicht sein wollte. Er weiss das und respektiert das sicher auch; ausserdem bin ich ihm zu wertvoll als Schiffsberaterin, als dass er mich einfach so weggeben würde.“
Er zog einen Mundwinkel hoch. „Klingt alles sehr logisch, sogar für eine halbe Vulcanierin. Alles schlüssige Argumente... aber wie logisch sind Menschen manchmal, wenn sie mit allen Mitteln ihren Willen durchsetzen wollen?“
„Jetzt tust du allen Terranern unrecht,“ schalt sie ihn mit gespielter Strenge, „vor allem aber Lennard im Besonderen. Er ist ein untypischer Erdenmensch, überdurchschnittlich besonnen, ausgeglichen und überlegt in seinem Handeln. Die Föderation kann froh sein, dass sie ihn auf diesem Kommando hat.“
„Wir alle können froh sein, dass wir ihn als Kommandanten haben.“ Er umarmte sie plötzlich und drückte sie an sich. „Versprich mir, dass du mich nicht alleine lässt.“
„Und dich deinem Schicksal überlassen? Das brächte ich nie übers Herz.“ Sie grinste, als sie sah, dass ihm aufging, wie bettelnd und flehentlich er gerade geklungen haben musste.
„Du siehst mich auf eine Art und Weise an, die in mir ein Gefühl der Unterlegenheit erzeugt,“ sagte er etwas konsterniert.
„Selbstdiagnose korrekt. Der Patient muss sich dennoch keine Sorgen machen.“ Sie lachte übermütig.
„Gut zu wissen.“
Die Brücke war wieder voll besetzt und alles bereitete sich vor zum Aufbruch. Der Besatzung hatte die Ruhepause gutgetan, in einigen Gesichtern war die Entspannung des letzten Tages deutlich ablesbar, sofern sie nicht an den Reparaturen hatten mithelfen müssen.
„Wir wissen nicht, was uns erwarten wird, wenn wir die Atmosphäre von Ribaalc III ver-lassen werden. Mit viel Glück ein leeres Sternensystem und ein freier Kurs in unbesetzten Raum.Mit weniger Glück...“ Lennard brach seine Ausführung ab und starrte mit düsterer Miene den Hauptmonitor an.
Kall wandte ein: „Vielleicht hätten wir das Angebot der Newar annehmen sollen, dass sie für uns nachsehen, ob sich noch Jem’hadars in der Nähe befinden. Schliesslich sind sie ja so gut wie nicht erfassbar für Sensoren, sodass sie eigentlich kein grosses Risiko eingehen bei dem Versuch.“
Dween fügte hinzu: „Und wir könnten uns schon einmal darauf einstellen, was uns erwartet. Eventuell könnten wir den Abflug sogar noch verschieben, was ja von unseren Möglichkeiten her kein Problem sein müsste. Wir halten es hier noch eine Weile aus und machen sie mürbe, bis sie wirklich aufgeben und abziehen.“
Nun mahlten Lennards Kiefer geräuschvoll, als er angestrengt nachdachte und schliesslich einräumte: „Ich glaube, ich kann mich auf Ihr Urteil verlassen, auch wenn es nicht nach mei-nem Geschmack ist. Sam,bitte teilen Sie den Newar mit, dass ich sie nur äusserst ungern um diesen Gefallen bitte und mir der Gedanke zuwider ist, sie in eine potenziell gefährliche Si-tuation zu bringen.“
Kall lächelte verständnisvoll. „Sie antworten, dass Ihnen das nicht unangenehm sein muss, denn sie haben diesen Vorschlag ja von sich aus gemacht, da Sie sie ohnehin nicht freiwillig gefragt hätten.“
„He, woher... es ist unfassbar, dass unsere neuen Freunde mich schon so gut einschätzen kön-nen, nur auf Basis der Dinge, die sie über Ihre Erfahrungen vermittelt bekommen haben, Sam.“ Der Captain der Fairchild konnte nur staunen.
„Ja, nicht wahr? Dabei habe ich in bewusster Weise nicht einmal besonders umfangreich von Ihnen...“ Das Lächeln auf Kalls anmutigem Gesicht wurde dünner und erstarb mit ihrer Stim-me. Ihre grossen, irislosen dunklen Augen schimmerten.
Sofort war Dween neben ihr. „Was haben Sie, Commander? Geht es Ihnen nicht gut?“
Die Betazoide fing sich wieder und schüttelte die Benommenheit mit einem leichten Schaudern von sich ab: „Kein Grund zur Sorge, Counselor. Es ist nur, dass ich schlechte Nachrichten für uns habe.“
Lennard fixierte seine Erste Offizierin mit starrem Blick. „Lassen Sie hören.“
„Drei Newar sind an mehreren Stellen im weiteren Umkreis nach oben gestiegen und haben alle mindestens ein Schiff der Jem’hadar gesichtet. Sie sind zum Glück vorsichtig gewesen und alle sofort wieder in tiefere, sichere Gefilde abgetaucht.“
„Ein Hoch auf den kollektiven Verstand, der riskante Extratouren ausschliesst und stets die Vernunft obsiegen lässt. Wenn mindestens drei Schiffe in der Nähe nach uns suchen, müssen sie irgendwie über eine Wahrscheinlichkeitsberechnung oder ein zufälliges Ortungssignal durch atmosphärische Unregelmässigkeiten herausgefunden haben, wo etwa wir uns befin-den. Die Newar empfehlen uns, einen bipolaren Kurs einzugeben, da das von den wenigsten Strategen in einer solchen Lage erwartet wird.“ bedauernd zuckte Kall mit den Schultern.
„Da haben sie recht. Bedanken Sie sich in meinem Namen; und fügen Sie hinzu, dass wir un-seren Abflug um einen Tag verschieben werden. Wir haben Zeit, uns geht es nur noch um den sicheren Abzug von hier. Wir werden wohl oder übel herausfinden müssen, wer von uns die besseren Nerven hat.“
Auch am darauffolgenden Tag fanden die Newar, die an verschiedenen Stellen des Planeten hinaufstiegen und Ausschau nach Feinden hielten, wieder mehrere Kampfschiffe des Domi-nion vor. Der einzige Lichtblick in ihrer Pattsituation war der, dass sie nicht mehr in ihrer Nähe nach ihnen suchten. Durch den ungewöhnlichen Nord-Süd-Nord-Kurs, den sie einge-schlagen hatten, waren sie nicht einmal mehr in der Region, in der sie offenbar vermutet wur-den.
Merven hatte mit Erlaubnis von Captain Lennard seine selbstgebaute Sonaranlage wieder ausfahren dürfen, nachdem er dem Captain versichert hatte, er würde die Apparatur nur pas-siv, das heisst im ‘Lauschmodus’, wie er sich ausdrückte, betreiben.
„Was soll dieser Ausdruck bedeuten?“ wollte Leardini wissen.
„Das bedeutet, dass die Sonaranlage keine aktiven Peilgeräusche aussendet, da diese uns mehr schaden als nützen würden. Wir könnten den im Orbit fliegenden Schiffen dadurch ver-raten, wo wir uns befinden. So aber geben wir keine Töne von uns, sondern verhalten uns pas-siv und ‘lauschen’ nur den Signalen des Meeres um uns herum.“
„Aha, daher also diese Ausdrücke. Wo haben Sie die nur her?“
„Ich bin bei meinen Studien über submaritime Gefährte darauf gestossen,“ gab er zu uns hörte neben sich ein unartikuliertes Geräusch.
„Sie nehmen das alles viel zu wichtig, Mr. Soares,“ kommentierte Wenjorook belustigt und hielt sich die Hand in einer nur allzu menschlichen Geste vor den Mund. Dann jedoch wurde er wieder ernst und fügte in seiner gewohnten Art hinzu: „Wir sind nicht hier, nur damit Sie ‘Unterseebötchen Fahren’ spielen können. Wir sind bereits weit über das theoretische Sta-dium Ihrer Studien hinaus. Dies hier ist die Realität, richtige militärische Strategie.“
Merven wollte etwas Unverschämtes auf diese Anzweiflung des Wertes seiner Recherchenar-beit antworten, hielt dann aber inne und dachte nach.
„Wissen Sie, Mr. Wenjorook, ich glaube, Sie haben recht. Wir verhalten uns zur Zeit nicht wie ein Raumschiff, sondern wie ein unterseeisches Fahrzeug. Demnach sollten wir auch um-fassendere Nachforschungen darüber anstellen, wie sich Fragen der militärischen Strategie in unserem Fall lösen lassen. Ich meine, ich habe einen Haufen Theorie über die Konstruktionen und physikalischen Grundlagen in Erfahrung gebracht, aber verständlicherweise rein gar nichts über die Kriegsführung unter diesen besonderen Umständen.
Leider wird das aber nicht realisierbar sein. Wir müssten nämlich nicht nur die klassische Lektüre der verschiedenen meeresfahrenden Welten durchgehen, was Taktiken und Strategien in diesem Spezialgebiet betrifft, sondern auch alles, was es an Erzählungen und Literatur darüber gibt, um einen vollständigen Einblick in diese Thematik zu erhalten. Das wird viel zuviel Zeit in Anspruch nehmen, um uns noch von irgendeinem Nutzen zu sein.“ Der Trill zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Ich glaube, Sie irren sich, Mr. Soares.“
Überrascht drehte sich Merven um und wurde sich gewahr, dass Captain Lennard im Laufe des Gespräches hinter ihn getreten war und der Debatte gelauscht hatte. Verflixt, bekam er denn alles mit, was sich an Bord des Schiffes abspielte?
„Können Sie mir erklären, was Sie meinen, Sir?“ fragte er vorsichtig mit gerunzelter Stirn.
„Ich wollte nur sagen, Sie irren sich in Bezug auf die Menge der Daten, die Sie durchgehen müssen. Ich habe mir nämlich in einer freien Minute die Zeit genommen, die Lektüre flüchtig zu überfliegen, welche Sie zur Konstruktion ihres feinen Messinstrumentes namens Sonar zu Rate gezogen haben. Und zufällig glaube ich mich daran zu erinnern, dass einige Umstände Ihre Suche nach neuem strategischen Wissen in submariner Kriegsführung drastisch eingren-zen werden.“ Wieder einmal stellte sein Kommandant seine selbstzufriedene Miene zur Schau, wenn er über Fakten verfügte, die ihm, nicht aber einem Untergebenen bekannt waren.
Ergeben fügte Merven sich in seine Rolle des Unwissenden und meinte: „Das verstehe ich nicht.“
„Nun, dann lassen Sie uns das einmal gemeinsam eruieren.“ Er trat zur Steuerkonsole von Merven, die zur Zeit nicht im aktiven Gebrauch waren, da sie noch immer mit geringer Ge-schwindigkeit ohne irgendwelche Krusänderungen durchs flüssige Medium dahinglitten, das die Atmosphäre des Planeten in dieser Tiefe bildete. Ohne Eile drückte er einen Taster, wor-auf er ein Bestätigungsgeräusch vernahm, die Hände hinter dem Rücken zusammenlegte und sich ein wenig vorbeugte.
„Computer, Anfrage. Zugriffs- und AbfrageSystem des BibliotheksComputers. “
Musste er unbedingt so eine Schau abziehen, fragte sich Merven und verdrehte die Augen.
Die sanfte synthetische Frauenstimme antwortete ohne jede Verzögerung. „ ZASBC bereit.“
„Wieviele Planeten der Klasse L, M und N mit grossem Wasseranteil sind der Föderation bekannt?“
„Keine.“
Merven prustete ungewollt los angesichts der Fassungslosigkeit auf Lennards Gesicht, was ihm jedoch sofort einen bösen Blick von seinem Captain einbrachte. Erstaunlicherweise schien das Programm der Künstlichen Intelligenz-Subroutine inzwischen erkannt zu haben, was hier vor sich ging und liess verlauten: „Bitte formulieren Sie die Frage neu oder spezifi-zieren Sie.“
Zähneknirschend gab Lennard von sich, betont langsam und deutlich sprechend, als habe er einen kompletten Vollidioten vor sich anstatt eines der leistungsfähigsten Rechnersysteme in der gesamten Föderation: „Wie viele Planeten der Klassen L wie Luna, M wie Mimas und N wie Nelphia sind der Föderation bekannt, deren Oberfläche zu einem grossen Teil mit Wasser bedeckt sind?“
„Bitte präzisieren Sie den Flächenanteil,“ forderte die Computerstimme teilnamslos und freundlich. Merven bekam einen taktischen Hustenanfall und drehte sich schnell weg.
„Herrgott! ...sagen wir, dreissig Prozent.“
„Es sind einundvierzig Planeten inklusive Ferenginar bekannt, fünfundzwanzig davon Mit-glieder der Föderation oder Alliierte, davon...“
„Jaja, schon gut. Was soll diese Angabe von Ferenginar? Niemand hat danach gefragt, keiner will das wissen.“ Süffisant grinste Lennard, als der akustische Output leise summte, ganz so als ob der Rechner nicht so recht wusste, was er mit diesem Kommentar anfangen sollte.
„Schatz, ärgerst du etwa den Computerkern?“ wollte Leardini mit gespielt unbeteiligter Stimme wissen.
Worauf Merven von seinem Stuhl fiel. Zu seinem Glück auf die von Lennard abgewandte Seite, denn bereits die Geräusche, die von ihm ausgingen machten deutlich, dass der Steuer-mann der Fairchild schwer mit dem Ausbruch eines akuten Lachanfalles kämpfte und diesen nur mit grösster Anstrengung unterdrücken konnte.
Lennard hob eine Augenbraue und bemerkte trocken: „Ich nehme nicht an, dass ich die Kran-kenstation benachrichtigen muss, Mr. Soares?“
Die Antwort kam mühsam hervorgepresst, der Trill indes hielt sich noch ausser Sicht. „Nein, Sir... ich bin nur... ähm... wie ungeschickt von mir...“
„Allerdings.“ Gönnerhaft, als sei nichts vorgefallen, wandte er sich ab und fuhr fort.
„Computer, bei wie vielen dieser Welten bilden die Wassermassen Ozeane, die die Haupt-landmassen der Oberfläche in mehrere nicht miteinander verbundene Kontinente unterteilt?“
Die Antwort liess tatsächlich eine oder zwei Sekunden auf sich warten. „Bei zweiunddreissig dieser Welten.“
„Und auf welchen dieser Planeten hat sich eine weltumspannende Schifffahrt entwickelt?“
„Auf einunddreissig dieser Planeten.“
„Was ist mit den anderen zehn Planeten? Hat sich dort keine vergleichbare Infrastruktur ge-bildet?“ Wieder erschien dieses süffisante Lächeln auf seinem Gesicht.
„Bei sieben der zehn Welten in Ansätzen, aber nicht in globalem Umfang.“
„Erklärung?“
„Drei der Welten sind unbewohnt oder nicht technologisch entwickelt. Bei den anderen sieben gibt es keine geografische Notwendigkeit, da sich die Bevölkerung auf dem Landweg über die Planetenoberfläche bewegen kann.“
„Sehr schön. Ach ja... auf wie vielen dieser seefahrenden Planeten wurden Unterseeboote entwickelt?“
„Auf siebzehn dieser Planeten.“
Nun erschien Mervens Kopf langsam hinter dem Kontrollpult, wie Lennard mit Genugtuung feststellte. Kein Grund für ihn, sein Spielchen schon aufzugeben.
„Auf wie vielen Welten wurden Unterseeboote entwickelt, die getaucht die Entfernungen zwischen den Kontinenten zurücklegen konnten?“
„Auf vier Welten. Ist eine Nennung der betreffenden Welten gewünscht?“
„Nein, nur nicht über das Ziel hinausschiessen.“ Wieder das leise Summen aus der Konsole. „Aber dafür Folgendes: Auf wie vielen Planeten wurden Unterseeboote für militärische Zwe-cke entwickelt?“
„Auf einem Planeten.“ Der Computer unterliess es nun natürlich, den Namen dieser Welt zu nennen, obschon das jetzt bestimmt sinnvoller gewesen wäre als gerade eben.
Merven sprang auf. „Wie bitte? Das ist ja unglaublich!“
Lennard musterte seinen Steuermann, sprach ihn aber nicht an. „Computer, fasse kurz die Entwicklungsgeschichte dieser Unterseeboote in etwa einer Minute zusammen.“
„Auf der Erde wurden zu siebenundneunzig Prozent Unterseeboote zu rein militärischen Zwecken gebaut, der Rest waren Forschungs- und Rettungsgeräte. Die ersten Geräte des 18. Jahrhunderts irdischer Zeitrechnung waren nur wenige Meter gross und zunächst ausgestattet mit mechanischen Tretwellen, die eine Flügelschraube zur Vortriebserzeugung antrieb. Später mit Elektromotoren, Verbrennungsaggregaten, von nuklearer Kernspaltung erhitzten Dampf-turbinen, elektrochemischen Brennstoffzellen und danach mit Fusionsreaktoren. Wurden ein-gesetzt zur Zerstörung von Überwasserschiffen und feindlichen Unterseebooten anderer poli-tischer Machtblöcke sowie als untermeerische Abschussplattformen von Marschflugkörpern und ballistischen Massenvernichtungswaffen. Von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Dritten Weltkrieges in der Mitte des 21. Jahrhunderts befuhren zeitweilig Unterseeboote mit einer Waffenkapazität zur siebenhundertfachen Vernichtung der planet-aren Bevölkerung die Meere der Erde. Nach Beendigung des Krieges und dem Erstkontakt von 2063 wurden sie als aktive Waffensysteme ausser Dienst gestellt.“
„Faszinierend,“ bemerkte Dween, die nun auch hinzugekommen war. „Aber warum soll es nur so wenig Material über die Verwendung und Taktiken der Unterseeboote geben?“
Der Computer fühlte sich angesprochen und antwortete prompt: „Sämtliche Unterlagen tak-tischer und strategischer Natur wurden von allen Staaten, die im Besitz solcher Boote waren, als hochgeheim eingestuft und in der Vorwarnzeit des strategischen Kernwaffen-Schlagab-tausches des Dritten Weltkriegs vernichtet, um die Möglichkeit der Inbesitznahme von feind-lichen Kräften auszuschliessen. Ein Grossteil der Unterseeboote sämtlicher Koalitionen wur-de bei den anschliessenden Kampfhandlungen auf See versenkt. Eventuell noch vorhandene Restdokumente gingen in den Kriegswirren verloren und liegen ebenfalls nicht zur Einsicht vor.“
Merven näherte sich mit entsetzter Miene seiner Station. „Soll das etwa heissen... dass es überhaupt keine Unterlagen mehr gibt?“
„Korrekt.“ Den Computer interessierte es natürlich nicht, was das für Konsequenzen haben könnte, er präsentierte nur die Fakten.
Lennard trumpfte auf: „Gibt es andere Quellen, die Material über die militärische Untersee-fahrt liefern können?“
„Es existieren eine Anzahl fiktiver und teilweise fundiert recherchierter Romane und zweidi-mensionale Filmerzählungen, die unterschiedlich detaillierte Informationen über die Vorgeh-ensweisen und den Dienstalltag auf solchen Gefährten enthalten. Wünschen Sie eine Auf-listung der betreffenden Werke?“
Wie aus einem Mund riefen Lennard und Merven: „Ja!“
Dann brachen sie beide in Gelächter aus.
Lennard klopfte Merven auf die Schulter und sagte: „Dann machen Sie sich mal an die Arbeit.“
Mervens Lächeln erstarb. „Sir?“
Grinsend bemerkte der Captain, im Gehen begriffen: „Jemand muss sich das Material ja an-sehen. Und da Sie sich ohnehin hierfür angeboten hatten...“
Wenjorook konnte nicht umhin, leise seinem Kameraden zuzuraunen: „Herzlichen Glück-wunsch.“
Noch während der junge Trill den Sicherheitschef dafür mit wütendem Blick fixierte: „Ach ja, für einen ist das selbstverständlich zuviel Material. Mr. Wenjorook, Sie als taktischer Offi-zier sind geradezu dafür prädestiniert, Mr. Soares zur Hand zu gehen. Teilen Sie sich die Durchsicht der verfügbaren Dokumente nach eigenem Ermessen ein. Viel Erfolg, meine Her-ren.“
Nun feixte der Andorianer ebenfalls nicht mehr.
„Dann wollen wir mal, Herr Kollege,“ versetzte Merven schadenfroh grinsend und schlug ihm kumpelhaft auf die Schulter. „Wie wäre es damit: ich nehme die Filmdokumente, Sie die schriftlichen Unterlagen?“
„Das könnte Ihnen so passen! He, warten Sie!“ Verduzt eilte er dem Steuermann hinterher in den nächsten Turbolift.
„Das können Sie nicht ernst meinen!“ Lennard erhob selten die Stimme bei einer Konferenz der Brückencrew, doch nun stand er am Tisch, stützte sich schwer mit den Armen auf die indirekt von unten beleuchtete Tischplatte und lehnte sich nach vorne.
„Bitte, Captain, lassen Sie es uns doch zuerst einmal erklären,“ setzte Merven beschwich-tigend an.
„Wir sind hier unten weitere zwei Tage festgesessen... und Sie wagen es jetzt, mir mit so etwas zu kommen? Das kann doch wohl nicht alles sein, was Sie haben?“ Er fixierte Merven und wartete auf eine Erklärung.
Erstaunlicherweise war es Wenjorook, der eingriff und schnell erklärte: „Es ist eine wirklich grosse Datenmenge, Captain. Wir haben Probleme, das Material nach Qualität der Handlung und eventueller Realisierbarkeit für uns zu ordnen. Zum Teil hatten wir es mit üblem Schund zu tun, der in einer grotesken, fast schon tragikkomischen Art und Weise sinnverzerrt war und jeglicher Logik und Nachvollziehbarkeit entbehrte.
Was wir gefunden haben, war eigentlich ein Zufall. Wenn wir nicht beide unabhängig von-einander bei zwei grundverschiedenen Dokumenten auf ein ähnliches Konzept gestossen wären und dies auch nicht durch Informationsaustausch gemerkt hätten, wäre uns dieser Ein-fall mit Sicherheit entgangen.“
„Also gut.“ Etwas beruhigter setzte sich der Kommandant wieder. „Mr. Soares, erleuchten Sie uns.“
„Danke, Captain. Das eine Dokument ist ein Schriftstück, ein Roman, der den Aufzeich-nungen nach gegen Ende des 20. Jahrhunderts ein grosser Erfolg war. Er wurde mit für da-malige Verhältnisse grossem Aufwand verfilmt, das heisst die Handlung wurde visualisiert, ebenfalls mit überwältigendem Erfolg. Den Quelltexten nach gibt es kaum einen Autor, der zu jener Zeit fundierter und realistischer die wirklichen Umstände auf diesen U-Booten re-cherchiert und dargestellt hat. Sie haben ihn sogar eine Zeit lang auf einem echten U-Boot mitfahren lassen, soviel haben sich die Militärs damals von der Arbeit dieses Mannes ver-sprochen. Auf dieses Dokument können Sie sich auf jeden Fall verlassen.“
„Das hört sich ja schon mal recht gut an.“ Lennard wirkte besänftigt. „Und die zweite Quel-le?“
Zögerlich erwiderte Merven. „Dabei handelt es sich um einen zweidimensionalen Film aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eigentlich ist es eine heitere Komödie, die das Leben an Bord eines U-Bootes während des Zweiten Weltkrieges persiflierte. Das Vorgehen in un-serem Fall war aber beinahe identisch.“
„Naja, begeistert bin ich ja nicht gerade... wie sicher sind Sie, dass das klappen könnte?“ Lennard war noch immer nicht überzeugt.
„Vom taktischen Standpunkt aus ist es eine gute Idee. Wir müssen nur vorher mit den Newar abklären, was sie davon halten. Schliesslich ist dies hier ihre Welt, auf der wir nicht einfach nach eigenem Ermessen und Gutdünken handeln können. Das wäre kein guter Anfang für un-sere Beziehungen.“ Merven blieb vorsichtig in seiner Wortwahl.
Kall sagte bedächtig: „Die Newar sind mit unserem Vorhaben einverstanden und werden alle Vorsichtsmassnahmen ergreifen. Sie halten es für riskant, aber durchführbar.“
„Da fällt mir ein Stein vom Herzen,“ gab Merven zu und lächelte befreit. „Was wir nun vor allem brauchen, sind mehrere Kilotonnen Alt- und Gebrauchsmaterial der unterschiedlichsten Art, am Besten von allem, was wir auf dem Schiff haben, etwas. Wir müssen das ganze Zeug in einem nach hinten offenen Frachtraum deponieren und dann den Rest erledigen.“
„Ich werde das organisieren,“ erklärte Darrn und stand auf. Natürlich, er war der Ops, es lag in seiner Natur, Dinge zu koordinieren und zu organisieren.
„Mr. Nirm, Sie werden das ‘Paket’ gemeinsam mit Mr. Soares und Mr. Wenjorook schnüren. Sie werden ihre Mithilfe gewiss brauchen.“
„Aye, Sir.“ Die Benannten machten sich ebenfalls auf, um die ihnen aufgetragenen Aufgaben zu erfüllen.
Lennard blieb nachdenklich am Tisch sitzen, umringt von Dween, Kall, Leardini und Doc Endi. „Das muss jetzt alles ziemlich schnell gehen, wenn wir die Jem’hadar jemals vom Hals haben wollen.“
„Ich halte den Plan für gut, Sir. Es wird bestimmt gelingen. Und die Jem’hadar werden nicht einmal ahnen, was wirklich geschehen sein wird.“ Die Chefärztin Endi schien die Zuversicht ihrer Kollegen zu teilen.
„Warten wir’s ab,“ war sein schlichter Kommentar.
„Je länger wir warten, desto grösser wird die Gefahr, dass sie zwar abziehen, aber dafür den gesamten Planeten verminen oder sich eine ähnlich nette Überraschung für uns ausdenken, die uns beim Auftauchen aus der Atmosphäre erwarten könnte,“ warf Dween ein.
„Warum müssen Sie solche Dinge sagen, Shania?“ Leardini stöhnte leise auf.
„Ich dachte immer, Sie schätzen Ehrlichkeit, Commander,“ gab Dween mit beinahe vulcan-ischer Neutralität zurück, was die meisten der anderen zum Schmunzeln brachte.
- 8 -
Eines der kleinen, käferförmigen Jem’hadar Angriffsschiffe zog in einem niedrigen Orbit über die höchsten Wolkenschichten des seltsamen Gasriesen Ribaalc III, auf der Suche nach elektromagnetischen oder Subraum-Emissionen, die auf den Verbleib des Sternenflotten-schiffes hinweisen könnten. Den Newar, der kurz aus den Atmosphärewirbeln auftauchte, sich umsah und gleich darauf wieder im schützenden Gasnebel verschwand, konnten seine Ortungsinstrumente nicht erfassen.
Die Moral der Truppen an Bord war nicht gut. Während ihre Kameraden bei der grössten Offensive des Dominion seit dem Verlust von Deep Space Nine für ihre Gründer kämpften, waren sie hierher abgestellt worden, um dieses einzelne Schiff aufzubringen. Das Problem war nur, dass dieses wahrscheinlich stark beschädigt war und sich in der Atmosphäre dieses Gasriesen verbarg, um Reparaturen durchzuführen oder einfach solange auszuharren, bis ihre Verfolger aufgaben und abzogen. Denn abgesehen von diesem Föderationsschiff gab es im Umkreis von Lichtjahren nichts, was für das Dominion auch nur von geringstem Interesse wäre.
Plötzlich schreckte der Erste Jem’hadar an Bord des Schiffes auf, als er über sein Sichtgerät einen schwachen Schimmer am Horizont des Planeten sah. Als er die Vergrösserung änderte, erkannte er tatsächlich ein Leuchten in der Tiefe der Wolkenschichten hinter ihnen. „Serin, sehen Sie sich das hinter uns an. Es sieht aus wie ein nicht natürliches Phänomen.“
Der Vorta, ausser dem Ersten im Schiff der Einzige im Besitz eines Sichtgerätes, das es ihm ermöglichte hinaus zu sehen, blickte nun ebenfalls auf das kleine Rechteck, das an einer fragil wirkenden Halterung vor seinem rechten Auge fixiert war. „Wovon reden Sie?“
„Wir haben gerade den Horizont überquert und sind nicht mehr in Sichtweite. Lassen Sie uns umkehren und nochmals nachsehen?“ Fragend sah der echsengleiche Krieger auf seinen Vor-gesetzten.
Der Vorta, wie die meisten seiner Art sich den Jem’hadar gegenüber überheblich und blasiert aufführend, verzog das Gesicht ein wenig. „Ah, ich weiss nicht...“
„Wenn wir das Schiff gefunden hätten, könnten Sie sich damit brüsten, es aufgespürt zui hab-en,“ schlug der Erste vor. Ihm war es egal, wenn Serin das tun würde, denn ihm ging es nicht um Ruhm, sondern darum, dem Dominion und seinen Göttern, den Gründern, mög-lichst gut und ergeben zu dienen. Und wenn das hiess, dass er seinem kommandierenden Vorta dazu ein wenig ins Gewissen reden musste, liess er sich auch dazu herab. Auf dieses Argument würde er sicher ansprechen, und ohnehin machte er es meistens nicht anders, als dass er Erfolge für sich beanspruchte und Misserfolge auf seine Mannschaft schob. Was die Jem’hadar selbstver-ständlich ergeben erduldeten. So war die Ordnung der Dinge.
„Wenden Sie das Schiff und fliegen Sie die Koordinaten an, die der Erste Ihnen vorgibt,“ ord-nete er nun an. Sie flogen eine enge Kehre und gingen auf Gegenkurs. Lange brauchten Sie nicht zu suchen.
„Ein faszinierender Anblick, nicht wahr, Erster?“ Die Stimme Serins klang beinahe ehrfürch-tig. „Ich möchte wetten, dass selbst Sie etwas Vergleichbares noch nicht gesehen haben.“
„Das ist korrekt.“ Der Erste sah hinab auf eine gigantische trichterförmige Lücke in den Wol-ken, die mehrere hundert Kilometer Durchmesser haben musste. An ihrem unteren Ende schienen die Wolken zu brennen. Jedenfalls glühten sie regelrecht von der plötzlichen Kom-pression, die sie erfahren hatten bei der Detonation, deren Druckwelle sich noch immer ein wenig ausweitete.
„Das muss in grosser Tiefe geschehen sein,“ bemerkte der Erste nun, „viel tiefer, als wir an-genommen hatten. Sehen Sie nur.“
Durch das Sichtfeld der Aussensensoren bewegte sich ein Vorratsbehälter der Sternenflotte mit hoher Geschwindgkeit nach oben. Dann folgte alles mögliche an Schrott und Rahmen-teilen, Unrat und Kram, der wild durcheinandergewürfelt ins All geschleudert wurde. Einer der Jem’hadar meldete: „Einige der Rahmenteile sind aus Duranium, Sir.“
„Das sind sie... waren sie,“ korrigierte sich Serin und klappte seine Vorrichtung zur Seite. Gehen Sie auf eine niedrigere Umlaufbahn und lassen Sie uns das hier näher untersuchen.“
„Ersten Sensorenwerten nach ist es eine grosse Antimateriedetonation in der mittleren Atmo-sphäre, mit multiplen Trümmerteilen verschiedenster Beschaffung. Mehrere Tausend Tonnen Masse.“
„Wissen wir, wie gross das Föderationsschiff war, das wir suchen?“ Noch war der Vorta skeptisch.
„Nein,“ gab der Erste zu, „und das wird sich jetzt auch nicht mehr feststellen lassen. Durch die hohe Schwermetallkonzentration in den Atmosphäregasen in dieser Tiefe werden die Messwerte verzerrt, sodass keinerlei Signatur mehr isoliert werden kann. Und die Menge der Trümmer kann auch kein Indiz sein, weil natürlich der grösste Teil davon zur Seite hin und nach unten geschleudert wurde und in den Tiefen des Paneten verschwunden ist. Bei einem Warpkernbruch richtet sich die Hauptwucht der Explosion nach unten, da bei fast allen Kon-struktionen der Starfleet der Kern im Notfall nach unten hin ausgestossen wird. Über dem MARK verläuft die tragende Hauptstrebe der Maschinenhülle wie das Rückgrat eines Human-oiden und schützt das Schiff nach oben hin. Das Muster der Explosionswolke legt allerdings die Vermutung nahe, dass die Detonation relativ kontrolliert innerhalb des Schiffes abgelauf-en ist. Entweder war das ein schleichender Kernbruch oder die Mannschaft hat die Selbstzer-störung betätigt, weil sie die Ausweglosigkeit der Situation erkannte und akzeptierte. Es sieht zumindest auf den ersten Blick so für mich aus.“
„Angesichts der Informationen, die wir erhalten haben, würde es mich nicht wundern, wenn sie sich tatsächlich selbst in die Luft gesprengt hätter. Aber nur nichts übereilen,“ ermahnte Serin ihn, „jetzt wollen wir doch zuerst einmal aus der Nähe herausfinden, was da genau vor sich gegangen ist.“
„Das war ein Bumms,“ meinte Kall beeindruckt.
„Ja, wir hätten vielleicht noch ein wenig mehr Sicherheitsabstand halten sollen. Mr. Nirm, Schadensberichte?“ Lennard wirkte leicht beunruhigt.
„Keine Schäden, Sir. Die Schutzschilde haben gehalten und arbeiten innerhalb normaler Para-meter.“ Der lurianische Chefingenieur war ausnahmsweise kurz angebunden, was bedeutete, dass er wohl alle Hände voll zu tun hatte.
Sie hatten einen mit nach hinten weisender Aussenschleuse ausgestatteten Frachtraum mit allem möglichen Unrat, Ersatzteilen und Reparaturmaterialien gefüllt. Als Unterlage dieses Sammelsuriums hatten mehrere miteinander verbundene Antimaterie-Vorratskapseln aus dem Antriebssystem sowie einige Quantentorpedos als Auslöser fungiert. Fixiert wurde alles mit-tels eines engmaschigen Duraplastnetzes. Das gesamte Paket hatten sie dann durch Öffnen der Schleuse ‘ausgeblasen’, was bedeutete, dass das Material durch den entstehenden Druck-unterschied herausgerissen wurde, durch den Schildperimeter hindurchfiel und langsam zur-ückblieb, wobei es auch allmählich in eine grössere Tiefe absackte.
Nach einer vorherbestimmten Zeitspanne zündeten die Torpedos den Antimaterievorrat und bewirkten diese gigantische Explosion, welche den Kram auf den Kapseln teilweise nach oben wegschleuderte, sodass er von patroullierenden Feindschiffen gefunden werden konnte und diese zu dem Trugschluss verleiten sollte, dass die Fairchild zerstört worden war.
Inzwischen waren sie in - halbwegs - sicherer Entfernung mit abgeschaltetem Antrieb nur von der eigenen Massenträgheit weitergetragen worden und stellten sich mausetot.
Leardini sass auf ihrem Sessel und rieb sich bedächtig den leicht gewölbten Bauch. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese primitive List funktionieren kann.“
„Nur nicht so pessimistisch, Commander,“ gab Merven zurück. „Schliesslich kennen Sie doch die Berichte, in denen von dieser vorgetäuschten ‘Versenkung’ und dem Ausstoss allen mög-lichen Gebrauchsmaterials zur Erhärtung dieses Verdachts die Rede war. Glauben Sie mir, das werden sie schlucken.“
Die Italienerin seufzte. „Schön wär’s ja...“
Einen Tag später konnten sie sich sicher sein, dass ihre List aufgegangen war. Mehrere ‘Spione’ der Newar hatten keinerlei Anzeichen für Jem’hadar-Schiffe mehr feststellen kön-nen. Darauf setzte Lennard eine Abschlussbesprechung und den Start auf den Abend dieses Tages an.
Als sie sich langsam nach oben bewegten und eine grosse Anzahl von Newar sich neben ihn-en und über ihnen mitbewegte, bat Lennard Kall, ihnen nochmals seinen Dank für ihre Hilfe zu übermitteln.
„Sie lassen uns wissen, dass sie gerne geholfen haben und sich darauf freuen, in die grosse Völkerfamilie der Föderation aufgenommen zu werden.“
„Das ist nett von ihnen. Ich hoffe, der Rat der Föderation erkennt die Vorteile, die wir im ge-genseitigen kulturellen Austausch alle erlangen werden.“ Zufrieden beobachtete er auf dem Hauptmonitor, wie sich das Schiff aus den obersten Wolkenschichten erhob, weiter empor-glitt und so nach und nach die Wölbung des Planeten unter ihnen sichtbar wurde. Sie kamen nun aus dem Nachtschatten von Ribaalc III heraus, worauf ein Filter sofort das grelle Sonnen-licht auf ein erträgliches Mass reduzierte. Noch immer waren etliche der eleganten Wesen neben ihnen und hielten ihr Tempo mühelos. Die von hier aus schmutzigbraune Kugel der Heimatwelt der Newar verschwand aus ihrem Sichtfeld, als sie nun in einem weiten Bogen die Sonne umflogen...
Und plötzlich verdeckte ein Schatten das Muttergestirn Ribaalc.
„Roter Alarm! Schilde auf Maximum!“ Augenblicklich sprang alles durcheinander, als der gewaltige Schlachtkreuzer der Jem’hadar mit blitzenden Torpedomündungen auf sie herab-stiess, gefolgt von einer ganzen Horde Angriffsschiffen.
Merven hatte im nächsten Moment ungefragt einen unorthodoxen Notabort durchgeführt und war für zwei Sekunden mit Warp zwei aus der Falle herausgesprungen. Der Antrieb hatte das problemlos verkraftet und sie befanden sich nun sechs Millionen km entfernt von dem Kampfverband, welcher sich auf der von Ribaalc III abgewandten Seite der Sonne verborgen hatte, um sie Glauben zu machen, sie hätten ihnen die Zerstörung der Fairchild abgenommen. Niemand verlor ein Wort darüber, was momentan auch völlig unnötig gewesen wäre. Sie hat-ten hoch gepokert und diese Runde eindeutig verloren.
Erstaunlicherweise waren die Newar spontan mit ihnen mitgesprungen und befanden sich unverändert an ihrer Seite, wozu die Jem’hadar nicht fähig gewesen waren. Es konnte sich je-doch nur noch um Sekunden handeln, bis sie von ihnen angegriffen werden würden.
Lennard rief: „Schnell, Sam, schicken Sie die Newar weg von hier! Sie dürfen nicht verletzt werden.“
„Jawohl, Sir... nanu? Sie sagen, das Kollektiv hat das Problem erkannt und wird Abhilfe schaffen. Das verstehe ich nicht.“ Mit hilfloser Miene hob sie die Schultern.
„Oh nein!“ Lennard brauchte keine weitere Erklärung, er sah bereits, was der kollektive Ver-stand ihrer fremdartigen Verbündeten sich hatte einfallen lassen.
Sie wurden von den Newar umzingelt.
Dutzende der grossen Leiber scharten sich mit weit ausgebreiteten Flossen um den Schild-perimeter ihres Raumschiffes, sodass sie bald fast die ganze Fairchild umhüllten. Nur nach hinten liessen sie eine Lücke.
Kall rief im gleichen Augenblick: „Schnell, wir müssen den Impulsantrieb ausschalten! Er hindert sie daran, den Ring um uns zu schliessen.“
„Aber wir können doch nicht... die Newar geraten in Gefahr... ach was, tun Sie es einfach, Mr. Soares. Los!“ Lennard fiel es ziemlich schwer, über seinen Schatten zu springen und das Kommando über sein Schiff in fremde Hände zu legen.
Merven fuhr den primären Impulsantrieb hinab, sodass keine weiteren Ausstossprodukte der ultraheissen Fusionsreaktion die Newar mehr gefährden konnten. Gleichzeitig bemerkte er, dass sie dennoch Fahrt machten. Mit Unglauben in der Stimme sagte er: „Captain, es... es sieht ganz so aus, als würden sie uns anschieben.“
„Das ist geradezu genial! Da sie durch ihr natürliches körpereigenes Feld - warum auch immer - nicht geortet werden können, sind wir im Inneren dieses Kokons aus Newarkörpern praktisch nicht erfassbar. Und zu alledem bewegen uns unsere Freunde selbst noch weg, um unser Auffinden zu erschweren.“ Wuran war begeistert, als sie diese Erklärung abgab.
„Wie schnell bewegen wir uns?“ wollte Leardini wissen.
„Mit etwa einem Prozent der Lichtgeschwindigkeit.“
Die Erste Offizierin machte ein angespanntes Gesicht. „Wie schnell können wir maximal fliegen?“
Merven startete eine Abfrage und antwortete nach wenigen Sekunden. „Warp Acht, mit viel Glück für ein paar Stunden mit Warp Acht Komma Fünf, wenn die Plasmaleitungen halten.“
„Warp Acht?“ stöhnte Lennard.
„Darf ich Sie daran erinnern, dass wir neben einigen anderen Defekten ein Spulenpaar wen-iger in den Warpgondeln haben? Befeuert von einer Sequenz, die einer unserer Akademie-abgänger selbst geschrieben hat. Wie viel wollen Sie darauf setzen, Sir?“
„Das heisst also, sie werden uns in wenigen Stunden eingeholt haben, selbst wenn uns die Newar wochenlang wegbewegen würden, um uns einen kleinen Vorsprung zu verschaffen.“ Ergeben meinte Leardini. „So sieht es aus.“
„Es muss doch einen anderen Weg geben...“ murmelte Lennard.
In diesem Moment stoben die Newar auseinander und gaben die Fairchild den Sensoren der Jem’hadar-Schiffe preis.
„War es das, was Sie meinten, Sir?“ fragte Darrn in einem Anfall von Sarkasmus.
„Was ist passiert, Kall?“ verlangte Lennard mit scharfer Stimme zu wissen.
Etwas ratlos gab die Betazoidin zu: „Ich kann es nicht genau sagen. Die Newar behaupten, sie hätten eine andere Lösung gefunden. Sie haben darüber nachgedacht und haben die Schiffe des Dominion lange genug beobachtet, um sicher zu sein, dass sie das Richtige tun.“
„Das Richtige? Uns den Jem’hadar zum Frass vorwerfen nennen Sie so? Das ist vielleicht das Richtige für sie, aber sicher nicht für uns!“
„Ganz ruhig, Mr. Darrn, wir wollen doch nicht ...“ Der Rest des Satzes blieb Lennard im Hals stecken, als vor ihnen die Flotte des Dominion unter Warp ging. Es waren ein grosses Schlachtkreuzer und neun der kleineren Angriffsschiffe. Mit dem grössten allein hätten sie bereits Mühe gehabt, aber ein Angriff von allen zusammen liess ihre Überlebenschancen geg-en Null absinken. Die Newar hatten sich ein wenig zurückgezogen, sodass sie aus der Schuss-linie waren, aber noch in der Nähe. Sie schienen abzuwarten und beobachten zu wollen, was als nächstes passieren würde.
„Jetzt haben wir andere Probleme als die Loyalität der Newar. Zusatzenergie auf die Front-schilde.“ Lennards Stimme klang leise und gefährlich.
Dann schoss das erste der Angriffsschiffe auf sie.
Und einer der Newar sprang in die Bahn des konzentrierten Polaronenstrahles. Er wurde voll getroffen.
„Neeeein!“ Lennard sprang entsetzt auf. Das also war der neue Plan des Newar-Kollektives! Aber das durfte auf keinen Fall geschehen, dass sich einige dieser Individuen für die Inter-essen ihres Volkes und die Sicherheit ihres Schiffes opferten. Nein, das durfte er einfach nicht zulassen...
Sie erlebten eine weitere Überraschung. Als der grelle, blauweisse Strahl den Körper des Newar traf und anhaltend kohärente Energie auf ihn schoss, wurde diese auf unerfindliche Weise in das natürliche Energiefeld, welches das Wesen umgab, hineingeleitet, ohne es selbst zu verletzen. Einen Moment später schien sich der Newar dem Angreifer zuzuwenden, wor-auf ein andersfarbiger, grünlich schimmernder Strahl zurückgeworfen wurde und das An-griffsschiff traf, das augenblicklich sein Waffenfeuer einstellte. Das Leuchten der Warpgon-deln erlosch, dann die Schiffsbeleuchtung selbst. Antriebs- und steuerlos trieb der Havarist knapp an der Fairchild vorbei.
Fast zur selben Zeit hatten mehrere der anderen Schiffe ebenfalls auf sie zu schiessen be-gonnen, doch jedesmal tauchte wie aus dem Nichts einer der Newar auf, fing den für sie be-stimmten Schuss auf und wandelte dessen Energie in diese geheimnisvolle grün leuchtende Form um, die sie zum jeweiligen Angreifer zurückwarfen und ihn damit lahmlegten.
„Was geht da vor sich?“ fragte Darrn völlig fassungslos.
Die bajoranische Wissenschaftsoffizierin antwortete, mit erstaunt gefurchter Nase ihre Instru-mente ablesend: „Sie formen die Energie der Dominion-Waffen so um, dass sämtliche Ein-richtungen, die mit subraum- oder elektromagnetischer Energie betrieben werden, überlastet und zerstört werden. Nichts an Bord ihrer Schiffe funktioniert noch oder wird jemals wieder funktionieren.“
„Wow. Ich wollte nicht mit ihnen tauschen in dieser Lage,“ entfuhr es Merven leise.
Inzwischen waren fünf Angriffsschiffe binnen Sekunden neutralisiert worden. Dann war of-fenbar vom Schlachtkreuzer der Befehl gekommen, sofort das Feuer einzustellen, um nicht weitere Schiffe zu riskieren. Die Streitmacht des Dominion schien sich nun umstrukturieren zu wollen.
Kall riss plötzlich die Augen auf. „Schnell, Wenjorook, feuern Sie auf die Newar vor Ihnen, aber unbedingt nur mit Phasern!“
„Sind Sie wahnsinnig geworden? Ich schiesse doch nicht auf meine...“
„Tun Sie es einfach!!“ fuhr die Betazoide ihn laut an, worauf er automatisch die ‘Haiwal-rochen’ anvisierte und mit jeweils einem mehrsekündigen Phaserstrahl bestrich.
Die goldorangenen Strahlen trafen wiederum auf die Energiefelder der Newar...
und wurden in genau die gleiche grünlich illuminierte Form umgewandelt, die sie auf die vier verbliebenen Angriffsschiffe der Jem’hadar richteten und mit geradezu schlafwandlerischer Präzision trafen.
In der nächsten Sekunde war die Fairchild allein auf dem Schlachtfeld mit dem grossen Schlachtkreuzer, der offenbar die Zeichen der Zeit erkannte und nun beidrehte, um eine Lücke zwischen zwei hilflos dahintreibenden Angriffsschiffen anzusteuern und zu flüchten.
„Nochmal, Mr. Wenjorook,“ trieb Kall den Sicherheitschef an.
Wenjorook tat, wie ihm geheissen, worauf fünf der Newar um sie herum von den goldschim-mernden Phaserschüssen getroffen wurden. Völlig synchron ging das Leuchten um ihre Kör-per herum in einen schillernden Grünton über, denn natürlich waren sie gedanklich mitein-ander verbunden und koordinierten ihre Aktionen perfekt. Wie eine fünfläufige Energiewaffe illuminierten sie ihr Ziel gleichzeitig und in dem Augenblick, als dessen Warpgondeln hell aufblitzten. Die Energie reichte augenscheinlich noch für einen kurzen Vorwärtssprung, doch dann erstarben die Gondeln und wurden von der unkontrollierten Energie des Vorwärts-schubes vom Rumpf des Kreuzers abgerissen. Bar jeder Trägheitskontrolle zerfetzten die plötzlich auftretenden Beschleunigungskräfte das massige Schiff in eine Wolke aus Myriaden winziger Teilchen.
Der Kampf hatte nicht einmal eine Minute gedauert. Sie waren alleine, umgeben von neun dunklen, leblosen Käfern aus Metall und Kunststoff, in denen ihre Besatzung völlig hilflos gefangen war. Sie hatten keine Möglichkeit, ihre Schiffe wieder flugtauglich zu machen oder um Hilfe zu rufen, da sämtliche Schaltkreise an Bord, die zum Zeitpunkt des Treffers mit Energie beschickt gewesen waren, irreparabel zerstört waren.
„Warum hat ihre Antimaterie-Abschirmung nicht versagt? Ich meine, sie müssten doch ihre Eindämmung verloren haben, als alle ihre Systeme ausgeschaltet worden sind.“ Ein wenig er-staunt musterte Merven die umhertreibenden Feindschiffe.
„Ich kann mir das nur so erklären, dass sie ein Back-up-System auf mechanischer Basis hab-en, das innerhalb einer Planck’schen Zeiteinheit auslöst und das Reserveeindämmungsfeld hochfahren kann. Das hört sich zwar nahezu unmöglich an, ist aber die einzige logische Er-klärung,“ meinte Dween, worauf sich einige verblüfft nach ihr umsahen. Man sagte ihr ja ein-iges nach, aber ein derart komplexes technisches Verständnis bisher nicht.
„Was meinen Sie, Captain, sollten wir eines der Schiffe bergen und der Sternenflotte über-stellen? Das wäre doch eine lohnenswerte...“
„Es tut mir leid, Mr. Wenjorook, aber die Newar wünschen, dass wir davon absehen, irg-endwelche Jem’hadar oder deren Technik hier im System in Gewahrsam zu nehmen. Sie sind noch kein anerkanntes Mitglied derFöderation und mischen sich solange nicht auf derart di-rekte Weise in diesen Konflikt ein. Die Jem’hadar haben durch ihr agressives Verhalten einen hohen Preis zahlen müssen, doch nur durch einen unglücklichen Zufall ist der Schlacht-kreuzer direkt von ihnen zerstört worden, was nicht in ihrer Absicht lag. Die Mannschaften in den kleinen Angriffsschiffen sollen ihrem Schicksal überlassen werden.“ Kall schüttelte be-dauernd den Kopf.
„Wir werden diesen Wunsch natürlich respektieren; schliesslich verdanken wir ihnen unser Leben. Die Jem’hadar in den Schiffen müssen wahrscheinlich einen langsamen und qual-vollen Tod sterben, je nachdem, was bei ihnen zuerst ausgeht: Luft, Nahrung oder Ketracel-White.“ Lennard zuckte mit einer Spur des Bedauerns die Schultern. Ihre Gegner waren in ihren Raumschiffen eingeschlossen wie in einem grossen Sarg und zur totalen Handlungsun-fähigkeit verdammt. Kein Raumfahrer wünschte einem anderen ein solches Ende, nicht ein-mal seinem grössten Todfeind.
Und genau das waren die Jem’hadar.
„Dann sollten wir uns endlich auf den Rückweg in sicheres Gefilde machen, bevor die näch-ste Streitmacht des Dominion auf uns aufmerksam wird und uns hier hinter den feindlichen Linien erwischt.“ Lennard nickte Merven zu, der daraufhin mit erleichtertem Gesicht den Kurs eingab.
Es ging nach Hause.
Sie waren mittlerweile seit mehreren Tagen auf der sicheren Seite der Grenze. Sobald sie in Föderationsraum gelangt waren, hatten sie die Funkstille gebrochen und eine erste Erklärung abgegeben. Keine Minute zu früh, denn ein Verband aus Kampfschiffen war bereits unter-wegs gewesen, um sie abzufangen, da niemand wusste, ob sich Freund oder Feind in dem Schiff befand, das auf keinen Funkspruch antwortete.
Doch nun waren die ersten Missverständnisse geklärt, wenngleich doch noch viele Fragen der Admiralität zu klären waren. In diesem Rahmen konnte sich die gesamte Brückencrew schon einmal im Voraus auf tagelange, verhörartige Anhörungen vor diversen Ausschüssen freuen. Die Fairchild würde indessen in einer Werftanlage vollends instandgesetzt werden und dann - hoffentlich - wieder unter seinem Kommando weiter ihre Heimat gegen den heranrückenden Feind verteidigen.
Mit dem grossen Opfer der Callisto, diesem kleinen tapferen Schiff und seiner noch viel tapf-ereren Kommandocrew, hatten sie nicht wirklich einen Vorteil gegenüber dem Dominion er-zielt, aber wenigstens verhindert, dass das Dominion einen vernichtenden technologischen Vorsprung gegenüber ihnen erreichen konnte.
Nachdenklich sass Lennard an seinem Arbeitstisch im Bereitschaftsraum, als das Türsignal erklang und auf Lennards Aufforderung hin Merven hereinkam. Der Captain sah auf und be-merkte, dass der junge Trill buchstäblich von einem Ohr zum anderen grinste. Er hatte einen PADD in der Hand. „Wir haben eine Kursänderung erhalten, Sir. Wir müssen zur Utopia-Planitia-Werft im Marsorbit weiterfliegen. Die nächstgelegene Einrichtung, die Sovereign-Klasse-Raumschiffe aufnehmen kann, ist besetzt. Ich wollte es Ihnen nur selbst überbringen.“
Und damit gab er ihm den PADD.
Lennard las die Meldung langsam durch.
Dann nochmal.
Und allmählich machte sich auch auf seinem Mund ein hintergründiges Lächeln breit.
Er nickte mehrmals still vor sich hin, dann sagte er süffisant: „Danke, Lieutenant Comman-der, das wäre alles. Bitte lassen Sie mich jetzt alleine; ich möchte in den nächsten Minuten nicht gestört werden.“
„Aye, Sir,“ bestätigte Merven und entfernte sich noch immer grinsend. Er konnte sich ein ziemlich klares Bild davon machen, was jetzt kommen würde.
Kaum hatte sich die Tür zur Brücke hin geschlossen, rief er den Komm-Offizier: „Ich brauche eine Direktverbindung nach...“
Er nannte den Ort und den Namen des Gesprächspartners und wartete auf den Aufbau der Subraum-Verbindung. Auf seinem Bildschirm erschien das Gesicht eines Humanoiden in den Fünfzigern, der sich verschlafen über das markante Gesicht und die Glatze rieb.
„Mon Dieu, Lennard, wissen Sie eigentlich, wie spät es hier ist?“
„Ich habe keine Ahnung,“ log er mit gespielter Unschuldsmiene. „Ich wollte nur hallo sagen. Wissen Sie, wir fliegen bald an Ihnen vorbei; vielleicht können Sie ja mal winken, wenn wir mit Warpgeschwindigkeit an Ihrer Werftanlage vorbei kommen. Und sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Aber Sie hören ja nie auf mich... naja, ich jedenfalls möchte Ihnen für die Zukunft wärmstens ein Kommando auf einem Schiff der Intrepid-Klasse ans Herz legen, die hat dann wenigstens einen Ersatz-Warpkern für den Fall der Fälle.“
„Ich sehe schon, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Aber nur zu Ihrer Information, ich war nicht einmal an Bord, als das geschah. Riker hat den Warpkern ausgestossen, um eine illegal eingesetzte Subraum-Waffe zu neutralisieren, die von den Son’a auf die Enterprise abgefeuert worden war.“ Picard wirkte wohl zurecht leicht verärgert.
„Wie lange hat es denn gedauert, bis Ihr Schiff in die Werft geschleppt worden war?“ erkun-digte sich Lennard wie beiläufig, mit dem Resultat, dass sein Kollege noch verärgerter wurde.
„Knapp drei Wochen. Und jetzt warten wir hier darauf, dass uns Utopia Planitia einen neuen Warpkern liefert. Das kann allerdings noch ein bisschen dauern.“
„Bitte sagen Sie’s nicht, lassen Sie mich raten: die Excelsior-Klasse?“
„Das Rückgrat unserer Flotte, genau.“ Picard seufzte. „Aber inzwischen sollten Kapazitäten für den Bau des Kernes frei geworden sein. Nun ja, das war es wert.“
„Was haben Sie denn für Heldentaten vollbracht?“ wollte Lennard neugierig wissen.
„Wir haben die Zwangsumsiedlung von mehreren hundert unschuldigen Menschen, den Ba’ku, verhindert und ihren Heimatplaneten vor der Zerstörung bewahrt. Und wo haben Sie sich derweil herumgetrieben? Ich hörte, dass die Verbindung mit der Fairchild für mehrere Wochen unterbrochen war.“
„Das ist wohl die einzige Gemeinsamkeit bei unseren beiden Missionen, dass wir keine Ver-bindung mit dem Oberkommando hatten und mit unserer Verantwortung auf uns allein ge-stellt waren. Nun, wir haben verhindert, dass dem Dominion die Technologie des Transwarp-fluges in die Hände gefallen ist. Nichts weiter.“ Lennard versuchte, so teilnamslos wie mög-lich zu wirken.
„Wirklich? Respekt, Captain.“
Lennards Antlitz verdunkelte sich. „Nur mussten wir leider einen hohen Preis dafür zahlen. Sie kennen die Callisto?“
„Ehrlich gesagt, nein. Müsste ich?“
„Ich glaube, dass von heute an jeder in der Sternenflotte den Namen dieses Schiffes und seines mutigen und selbstlosen Captains und auch seiner Brückencrew kennen sollte, denn was sie geleistet haben, kann man nur mit dem Begriff ‘Heldentum’ umschreiben. Sie haben ihr Leben für die Sicherheit, für die Zukunft der Föderation gegeben.“ Lennard musste weh-mütig lächeln, als er an Marshall und seine Leute dachte.
„Ich fürchte, so wie Sie das darlegen, wird das meiste dieser unseligen Geschichte für streng geheim erklärt werden und kein einziges Wort davon jemals an die Öffentlichkeit gelangen,“ gab Picard zu bedenken.
„Wieder einmal,“ rutschte es Lennard heraus.
„Wie bitte?“
„Ach, Sie wissen schon, streng geheim. Ich darf nichts davon erzählen.“ Lennard winkte ab.
Mit philosophischem Gesichtsausdruck bemerkte Picard: „Ich glaube, wenn man jemals die Abenteuer eines unserer Schiffe erzähzlen wird, dann sicher nicht die von Ihrem Schiff.“
Lennard schnaufte: „Da könnten Sie recht haben. Wie auch immer, ich denke, ich habe Sie jetzt lange genug von Ihrer wohlverdienten Ruhe abgehalten. Erholen Sie sich gut, sie haben sich die kleine Zwangspause redlich verdient.“
„Danke gleichfalls. Picard Ende.“ Der Bildschirm wurde dunkel und liess einen nachdenk-lichen Lennard zurück.
Was würde die nähere Zukunft bringen, fragte er sich. Würden sie es schaffen, sich vor dem anscheinend übermächtigen Dominion zur Wehr zu setzen? Würde das Gute über das Böse siegen können, so wie in allen guten und schlechten Romanen und Erzählungen, die man sich überlieferte?
Was zunächst klar war, war die Tatsache, dass sie nach Beendigung der Reparaturarbeiten zur Dritten Flotte versetzt werden würden, die zur Verteidigung der Erde abgestellt war. Für sie hiess das einerseits, dass sich seine Frau und später auch sein Kind in relativer Sicherheit befinden und sie sich in der Nähe seines und Stefanias Heimatplaneten aufhalten würden. Ab und zu, wenn es der Dienst erlauben würde, konnten sie bestimmt einen Abstecher zur Erde machen. Und da sie dann so weit hinter den Frontlinien sein würden, wäre das sicher öfters einmal der Fall.
Das war aber auch das Problem für Lennard, denn er befand sich so weit abseits vom Kampf-geschehen, dass er vorerst gar nichts mehr gegen ihren Feind würde unternehmen können. Nicht, dass er einen besonders grossen Blutdurst hatte, aber ein gewisses Gefühl der Unbe-friedigung beschlich ihn.
Natürlich konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass die Fairchild unter seinem Kom-mando genau zu dem Zeitpunkt im Sonnensystem Dienst tun würde, wenn die Breen, die einen Pakt mit dem Dominion eingehen würden, die Erde überraschend angreifen würden. Er hatte keine Ahnung davon, dass sein Schiff inmitten der verheerenden Kampfeswirren, in denen sogar die potentiell unschlagbare U.S.S. Phobos verlorengehen würde und deren Exist-enz danach von der Föderation gegenüber aussenstehenden Mächten geleugnet werden würde, so etwas wie einen Legendenstatus erlangen würde, wenn auch nur hinter hervorgehaltener Hand von ihnen die Rede sein würde.
Wie stets.
Wäre die Aldebaran mit ihren quasi undurchdringlichen Schilden vor Ort gewesen, wäre die Schlacht um die Erde bestimmt anders verlaufen, ja, Lennard war überzeugt, dass kein ein-ziges Breen-Schiff unter diesen Umständen die Erde erreicht hätte. Aber Lennards altes Schiff war ebenso wie die Enterprise zu diesem Zeitpunkt ausser Reichweite und hatte keine Chan-ce, jemals in den Kampf eingreifen zu können. Aber so war eben der Lauf der Dinge, es kam immer alles anders als erwartet.
Und schlussendlich wendet sich doch noch alles zum Guten. Lennard würde auch schöne Zeiten erleben, wenn seine kleine Tochter auf die Welt kommen würde, wenn ihm eine der höchsten Auszeichnungen der Sternenflotte für Tapferkeit im Kampf verliehen werden wür-de, wenn das Dominion im Alpha-Quadranten nach der verlorenen Schlacht um Cardassia un-ter rätselhaften Umständen kapitulieren würde.
Das Leben hat immer noch eine weitere Überraschung parat, wenn man am wenigsten damit rechnen würde. Der Schulterschluss mit den Romulanern war die erste dieser Überraschungen gewesen, das Auftauchen eines Schiffes, welches jahrelang als vermisst gegolten und sich durch den gesamten Delta-Quadranten hindurch nach Hause durchgekämpft hatte, eine an-dere. Wer konnte schon mit Bestimmtheit sagen, was das Leben einem noch zu bieten hatte?
ENDE
Hier ist das gesamte Buch der fünften und damit letzten Episode der StarTrek Quintologie: 'StarTrek 5 - Das Opfer von Ribaalc' zum Download
ACHTUNG: Wenn die Datei im Browser angezeigt, anstatt downgeloaded wird, einfach im BrowserMenü: Datei ->Speichern unter... anklicken und das gesamte Dokument als rtf- Textdatei nochmal abspeichern.
Oder hier einfach das gesamte Buch online lesen
(Unbedingt aber zuerst die Bücher 1-4 lesen )
Viel Spaß !
V
V
V
Star Trek - U.S.S. Fairchild (NCC - 71912)
Das Opfer von Ribaalc
- 1 -
Sternzeit unbekannt, Frühsommer 2374
Es war merkwürdig ruhig in der Beobachtungslounge der U.S.S. Fairchild. Der beeindrucken-de Ausblick auf die heckwärtige Sektion der Primärhülle, die Maschinenhülle und die Warp-pylonen konnte damit nichts zu tun haben, denn diesen waren die drei Offiziere im Raum be-reits gewohnt. Es war vielmehr die Lage, in der sie sich befanden, die ihnen die Lust zu jeg-licher seichter Konversation nahm. Ganz zu schweigen von dem, was sie hatten durchmach-en müssen, um bis hierher zu gelangen.
Deshalb fragte Commander Vakuf, zur Zeit kommandierende Offizierin des Schiffes, nur kurz angebunden: „Wie lange noch?“
„Mindestens zwei Wochen, hat man mir gesagt,“ erwiderte Wuran Cluj mit unbewegter Mie-ne und strich sich eine Strähne ihres inzwischen langen, dunkelbraunen Haares aus dem Ge-sicht. Sie versuchte krampfhaft, sich nichts anmerken zu lassen, doch der dritte Anwesende wusste genau, was jetzt in der bajoranischen Wissenschafts- und kommissarischen Ersten Of-fizierin vorgehen musste. Ihm ging es nicht anders.
„Was sollen wir bloss dem Captain sagen? Er wird bestimmt bald ankommen. Durch unseren Aufenthalt hier wird sich die Anreise von ihm und Commander Leardini verkürzen.“ Lieute-nant Commander Merven, vereinigter Trill, zweiter Wirt des Symbionten Soares und ausser-dem Steuermann sowie zur Zeit Zweiter Offizier der Fairchild, senkte beschämt seinen Blick und dann sein kurzgeschorenes Haupt.
Vakuf sah mit ihren ebenso dunklen Augen auf den etwas kleineren Navigationsoffizier herab und erwiderte nüchtern: „Ich kann Ihnen sagen, was ich dem Captain berichten werde: genau das, was sich zugetragen hat, ohne etwas zu beschönigen oder zu verschweigen. Das wäre hochgradig unlogisch und emotionell. Des weiteren würde ich mir überlegen, mit welchem Nachnamen ich die Commander künftig anreden würde; Sie könnten da leicht einen Fauxpas begehen.“
Wuran warf ein: „Danke für die Warnung. Sie übersehen allerdings, dass Captain Lennard aber nun einmal über Emotionen verfügt und dass ihm die Fairchild sehr ans Herz gewachsen ist. Ich möchte deshalb vorschlagen, dass Sie das uns erledigen lassen; wir werden das ein wenig schonender über die Bühne bringen.“
Das Interkom meldete sich: „Brücke an Captain Vakuf, Captain Lennard ist gerade im Trans-porterraum Vier angekommen und unterwegs zur Beobachtungslounge. Brücke Ende.“
Während Wuran und Merven zusammenzuckten und die Augen aufrissen, blieb Vakuf - log-ischerweise - völlig ungerührt: „Nun, da Sie sich so dafür eingesetzt haben, dem Captain alles zu erklären, werde ich Ihnen diese zweifelhafte Ehre überlassen. Sie haben hiermit volle Handlungsfreiheit.“
Wie vom Donner gerührt starrten sich ihre beiden Untergebenen an.
Vakuf verliess die Lounge und begab sich auf die Brücke. Nur Sekunden danach öffnete sich der andere Zugang zum Konferenzraum, worauf die zurückgebliebenen Offiziere herum-fuhren.
„Ich habe gehört, hier wird dringend eine Counselor benötigt?“
„Shania!“ Erleichtert atmete Merven auf und nahm die hochgewachsene Halbvulcanierin in die Arme. „Wir dachten schon, das wäre Captain Lennard. Vakuf hat uns dazu verdonnert, ihm Rede und Antwort zu stehen.“
„Ach ja? Sie sagte mir, dass ihr beide euch freiwillig dafür gemeldet habt.“ Als sie bemerkte, wie Wuran verlegen wegsah, löste sie die Umarmung mit sanfter Gewalt und einem kaum merklichen Nicken in die Richtung ihrer Kollegin, damit er ihre Geste nicht falsch verstand.
Er grinste leicht verschämt. „Naja, im Grunde haben wir das auch, aber da wussten wir nicht, dass er schon auf dem Schiff ist. Es trifft uns sozusagen völlig unvorbereitet.“
Sie seufzte. „Aha. Wenn es euch hilft, dann werde ich euch nicht von der Seite weichen, bis ihr es überstanden habt.“
„Wir wissen Ihre Unterstützung zu schätzen, Mrs. Dween.“ Offenbar war auch Wuran froh um die Hilfe, die sie erhielten.
Dann öffnete sich die Tür erneut und ihr Kommandant trat ein. Alle drei standen stramm, entspannten sich jedoch gleich wieder auf einen Wink des Captains hin. „Tun Sie mir das nicht an nach so langer Zeit im Urlaub! Ich muss mich langsam wieder an die Sternenflotte gewöhnen.“
„Guten Tag, Sir. Wie war Ihr Flug?“ begann Wuran freundlich, erleichtert über die Tatsache, dass ihr Captain ziemlich gute Laune zu haben schien.
„Ich kann die Neireide wärmstens empfehlen. Ein wirklich luxuriöses Schiff für einen schwe-ren Truppentransporter; nur für eine Flitterwochen-Kreuzfahrt nicht so ganz geeignet.“
Nachdem alle gelacht hatten, fiel Merven ein: „Natürlich, man kann Ihnen ja gratulieren. Wo ist denn die glückliche Braut abgeblieben?“
„Oh, Stefania war sehr müde und ist direkt vom Transporter in unser Quartier gefahren. Sie wissen ja, wie das in dieser Phase ist. Aber ansonsten geht es ihr eigentlich ganz gut.“ Len-nard drückte sich noch immer etwas unbeholfen aus, wenn er über persönliche Belange sprach.
Dween spielte versonnen mit ihrem langen roten Haar und warf Merven einen seltsamen Blick zu, indem sie den Captain fragte „Kann man denn schon etwas sehen?“
„Oh ja, sie hat schon ein richtiges kleines Bäuchlein.“ Lennard sah nun auf und wollte von Wuran wissen: „Und wie geht es meinem anderen Baby, der Fairchild?“
Merven und Wuran tauschten einen unbeholfenen Blick aus, bevor Letztere zögerlich begann: „Nun, Sie wissen ja, wo wir uns befinden...“
„Ja, ich habe den Willkommensspruch der Antares-Werft live auf der Brücke der Neireide miterleben können, bevor ich hierher gebeamt wurde. Und ich möchte auch gleich alles er-fahren, was es damit auf sich hat. Was inzwischen geschehen ist, wie es um das Schiff steht, wie unsere nächsten Befehle lauten und so weiter... einfach alles.“ Lennard war nun vor lauter Enthusiasmus kaum noch zu bremsen.
Dween bremste ihn vorsichtig ein: „Sachte, sachte, Captain, wir wollen schliesslich nichts überstürzen. Ich schlage eine visuelle Inspektion der Fairchild vor, während wir Sie ganz be-hutsam in die Realität des Dienstlebens zurückführen, einverstanden?“
„Wie immer sind Sie mir eine gute Beraterin, Mrs. Dween. Dann also auf zum Haupthangar. Von hier aus sieht eigentlich alles ganz nach normalen Wartungsarbeiten aus. Werden die Warpspulen durchgecheckt?“ Neugierig spähte Lennard zu den Panoramafenstern hinaus, um besser sehen zu können, welche Arbeiten am Hauptantrieb seines Schiffes durchgeführt wur-den.
„Unter anderem auch das, ja,“ erwiderte Dween ausweichend. „Aber am besten sehen wir uns alles direkt an.“
„Das wird wahrscheinlich das Beste sein,“ murmelte Merven beim Verlassen der Lounge und handelte sich damit einen bösen Seitenblick von Dween ein.
Auf der Brücke sah sich Lennard auf dem Weg zum nächsten Turbolift um und wollte wissen: „Wo ist eigentlich Commander Vakuf?“
Der Diensthabende antwortete: „Lieutenant Nirm hat sie für eine Bestandsaufnahme und Ent-scheidung der Reparaturprioritäten gerade eben in den Maschinenraum gerufen.“
„Prioritäten? Das klingt ja gerade so, als müsste eine ganze Menge repariert werden,“ liess sich Lennard vernehmen.
„Ja, es gibt...“ begann der Deckoffizier und brach dann abrupt ab, als er die heftigen Gesten und das kollektive Kopfschütteln von Dween, Wuran und Merven hinter dem Rücken ihres Kommandanten bemerkte. „...es gibt eigentlich immer viel zu tun bei so einen Dockaufent-halt, nicht wahr, Sir?“
„Ja, mag schon sein,“ entgegnete Lennard mit zusammengekniffenen Augen und einem miss-trauischen Unterton, der Merven gar nicht gefiel. Ahnte er etwas?
Sie nahmen den Turbolift zum Haupthangar. Dween versuchte wieder, ein wenig über Len-nards Urlaub zu erfahren. „Haben Sie Ihren Aufenthalt auf der Erde genossen, Sir?“
„Oh ja, nur war anfangs alles sehr hektisch, die Hochzeitsvorbereitungen, der Verwandt-schaftszwist, wo denn die Hochzeit nun stattfinden möge... ich sage Ihnen, lieber trete ich allein gegen eine Horde Jem’hadar an, nur mit einem Knüppel bewaffnet, als noch einmal so eine Strapaze durchzumachen. Wir konnten uns alle nach nicht enden wollenden Debatten auf Italien als Hochzeitsort einigen. Die Trauung im Dom von Mailand war wirklich sehr schön, aber das beste war doch die Reise nach den Feierlichkeiten. Da ich beim Trauort zurück-stecken musste, hatte ich fairerweise etwas mehr Spielraum bei den Flitterwochen.“
„Hört sich gut an,“ kommentierte Merven.
Sein Kommandant nickte. „Der italienische Teil der Reise beschränkte sich auf zwei Über-nachtungen in Venedig, einen Besuch in Florenz und einen in Rom. Dann nochmals einen Tag bei der lieben Schwiegerverwandtschaft, bevor es nach Neuseeland ging. Ich denke, es waren die schönsten zehn Tage meines Lebens.“
Sie kamen zur Flugkontrolle der Hauptshuttlerampe, als Wuran etwas zögerlich fragte: „Und wie ist das Oberkommando bezüglich Commander Le... Stefanias Dienststatus verblieben?“
Lennard lächelte schelmisch: „Aha, da macht sich schon jemand Gedanken darüber, wie meine holde Gattin künftig anzusprechen sein wird. Ich denke, das muss sie selbst entschei-den, wir leben ja schliesslich nicht im Mittelalter.“
„Verzeihung, Sir?“ fragte Dween ratlos.
Sie bestiegen nach der Anmeldung in der Flugkontrolle eine kleine Fähre vom Typ 6. Len-nard erklärte: „Das ist nur eine europäische Redensart, die ich im Urlaub aufgeschnappt habe. Ich meine damit lediglich, dass es auf Terra das Recht der Frau sein sollte und auch ist, ihren Nachnamen nach der Vermählung selbst zu bestimmen. Es ist zur Zeit bei uns recht selten, dass sie den Namen des Mannes annimmt... und ein Doppelname klingt in ihrem Fall nicht unbedingt sehr gut.“
Wuran steuerte sie gleich nach der Startfreigabe aus den ohnehin weit geöffneten Toren der Shuttlerampe hinaus. „Leardini-Lennard... warum nicht?“
„Wie gesagt, das soll sie selbst entscheiden und sie allein wird es auch tun,“ beendete er das Thema ein wenig zu heftig für Dweens Geschmack. Wahrscheinlich hatten sie schon darüber debattiert, wobei in diesem Fall das Ergebnis nicht so ausgefallen sein mochte, wie er es gern gehabt hätte.
„Und wird die Commander denn im Dienst bleiben?“ erinnerte Merven vorsichtig.
„Ach ja, ich bin Ihnen noch eine Antwort schuldig. Vorerst wird sie normal ihren Dienst ver-richten, solange ihr gesundheitlicher Zustand es erlaubt, jedoch ohne die Teilnahme von Aus-senmissionen oder direkten Kampfeinsätzen. Wie sonst auch üblich, liegt alles im Ermessen der Bordärztin.“
Langsam glitten sie über das ‘Rückgrat’ der Maschinenhülle entlang nach hinten. Lennard spähte durch die Frontscheibe hinaus. „Was ist denn das dort hinten vor dem Heckhangar? Sieht ja gar nicht gut aus.“
„Das war auch eine üble Sache,“ bestätigte Dween und rang verzweifelt nach Worten. „Wir hatten einen Hüllenbruch direkt im sekundären Hangar, wodurch dieser in der letzten Woche nicht zu gebrauchen war. Sie haben sicher mitbekommen, wie es uns während Ihrer Abwesen-heit ergangen ist?“
„Um ehrlich zu sein, ich habe erst durch die Nachrichten auf der Erde von der Befreiung Deep Space Nines erfahren. Wie sie sich vielleicht noch erinnern, hatte ich gewisse Dinge wie Heiraten und Flitterwochen zu erledigen. Wir hatten gerade eben darüber geplaudert, glaube ich mich zu erinnern.“
„Oh ja, sicher, da denkt man gewiss an andere Dinge. Aber auf dem Rückflug hierher viel-leicht...?“ hakte Merven unsicher nach.
„Ich bin ganz und gar unbedarft. Klären Sie mich auf,“ verlangte Lennard mit einem nicht ganz ehrlichen Lächeln auf den Lippen.
Wuran steuerte um das Heck der Fairchild herum und hielt auf einen der Warppylonen zu. Der Träger wies einige dunkle Flecken auf, wo Energieentladungen durch die Schilde gedrun-gen waren. Lennard kannte diese Form von Beschädigungen - sie rührten von Polaronstrahlen her, der bevorzugten Energierichtwaffe des Dominion. Lennard bemerkte leise: „Das sieht aber ziemlich hässlich aus.“
„Für die Schönheitsfehler hatten wir bisher noch keine Zeit,“ rutschte es Merven heraus, worauf Lennards Kopf herumflog.
„Wie bitte?“
Alarmiert sahen Dween und Wuran ihn an, während er sich auf die Lippen biss und sich wün-schte, er könnte sich augenblicklich wegbeamen.
„Warum machen Sie alle so ein Gesicht?“ Lennard sah die betretenen Mienen seiner Crew-mitglieder und schloss daraus nichts Gutes.
„Jetzt kommt der Teil, der Ihnen nicht gefallen wird. Bitte tragen Sie es mit Fassung,“ bat Dween. „Wir alle wissen, wie Ihnen das Schiff am Herzen liegt, deshalb wollten wir es Ihnen schonend beibringen.“
Wuran erzählte nun langsam und überlegt: „Es begann mit der Aufbietung von insgesamt drei Flotten zur Raumstation 375, von wo aus die Befreiungsoperation von DS9 starten sollte. Die Zweite Flotte wurde vom Cotanka-System abgezogen, die Fünfte von der vulcanischen Grenze. Die Neunte Flotte war von der Wega aus unterwegs, wie sich aber herausstellte, war die Deaktivierung des Minenfeldes vor dem Bajoranischen Wurmloch bereits im Gange, so dass der Angriff vorgezogen werden musste. Für uns hiess das, wir mussten ohne die Neunte und auch ohne Klingonen den Angriff starten, um die Deaktivierung des Minenfeldes recht-zeitig zu verhindern.“
„Und ihr seid bei der 5. Flotte gewesen, als es soweit war! Ich kann es kaum glauben, dass unser Schiff einmal bei einem wirklich entscheidenden Ereignis dabei war und die Enterprise nicht. Ich kann mir gut Picards Gesicht vorstellen, als er erfahren musste, dass er zu weit ab-seits vom Geschehen war, um noch etwas bewirken zu können.“ Lennard konnte nicht umhin, schadenfroh zu grinsen.
Merven schwächte ab: „Wie man es nimmt. Wir sind mit etwa sechshundert Schiffen gegen über zwölfhundert des Dominion angetreten. Die Aldebaran war in vorderster Linie als eine der Galaxy-Staffeln dabei, die schliesslich nach einigem taktischen Vorgeplänkel frontal in die Schlacht geworfen wurden. Wir wurden eigentlich als eine der Reserve-Staffeln zurück-gehalten, aber bei einem Verhältnis von eins zu zwei gegen uns können Sie sich denken, dass keines unserer Schiffe ohne Feindkontakt geblieben ist.
Es war ein Gemetzel. Wenn die Klingonen nicht in allerletzter Minute überraschend aufge-taucht wären und uns geholfen hätten, ein Loch in ihre Linien zu schiessen, hätte es für uns schlecht ausgesehen. Selbst mit ihrer Hilfe hat nur das Führungsschiff es geschafft, durchzu-brechen, während alle anderen vom Feind gebunden wurden. Die Defiant ist tatsächlich im Alleingang in das Wurmloch hineingeflogen, um sich der feindlichen Flotte zu stellen, nach-dem es den Besatzern von Terok Nor gelungen war, das Minenfeld zu beseitigen. Was genau im Inneren des Wurmloches geschah, wissen wir nicht mit Sicherheit, aber jedenfalls ist ein Verband von mehreren tausend Jem’hadar-Schiffen im Gamma-Quadranten hineingeflogen, aber niemals auf unserer Seite wieder herausgekommen ist. Captain Sisko behauptet, die Wurmloch-Wesen hätten das bewirkt, wofür wir aber keinen schlüssigen Beweis haben.
Fakt ist allerdings, dass das Dominion Deep Space Nine aufgeben musste, als wir mit etwa zweihundert Schiffen durch die feindlichen Linien brachen und zudem die Waffensysteme der Station von einer dort gebildeten Widerstandszelle sabotiert wurden. Sie haben sich in ihr eig-enes Gebiet zurückgezogen und seitdem keine Anstalten mehr gemacht, noch einmal Nach-schub durch das Wurmloch zu holen oder die Station wieder zurückzuerobern. DS9 ist zum neuen Hauptquartier der Flottenverbände in diesem Quadranten ernannt worden und mittler-weile stark genug befestigt, um auch grösseren Angriffen standzuhalten.“
„Nun gut, jetzt weiss ich darüber Bescheid. Und warum verhalten Sie sich so zwanghaft freundlich?“ Er sah der Counselor direkt in ihre tiefgrünen Augen.
„Jetzt kommt der Teil, der Ihnen nicht gefallen wird. Bitte tragen Sie es mit Fassung,“ bat Dween. „Wir alle wissen, wie Ihnen das Schiff am Herzen liegt, deshalb wollten wir es Ihnen schonend beibringen. Ich meine, es ist Krieg und...“
„Bitte kommen Sie auf den Punkt, Counselor...“ Lennard verstummte und sah hinaus, als sein Blick von etwas angezogen wurde, was dort nicht sein sollte. Sie waren um das hintere Ende einer Warpgondel geflogen und hatten danach etwas an Höhe verloren. Jetzt passierten sie gerade die gewölbte Unterseite der Maschinenhülle.
Eine tiefe Schramme, mindestens zwei Meter breit und über fünfzig Meter lang, mit ge-schwärzten, ausgefransten Rändern, zog sich von vorne nach hinten über die rechte Seite des Schiffbauches und gab den Blick frei auf die Innereien der Maschinensektion.
„Oh mein Gott,“ flüsterte Lennard atemlos.
„Das Dominion hat seine Kampftaktiken leider nicht geändert. Und Kamikazeaktionen wie Kollisionskurse gehören wie eh und je dazu. Von der Konzentration ihres Feuers auf grosse Feindschiffe ganz zu schweigen.“ Wuran schüttelte bedauernd den Kopf. Sie musste geahnt haben, wie er es aufnehmen würde.
Während sie an der Backbordseite wieder nach oben drifteten und sich der linken Impuls-antriebseinheit näherten, stützte er sich mit krampfhaft gestreckten Armen vorne auf die Kon-sole des Shuttles. „Sie haben es nicht leicht gehabt, nehme ich an?“
„Es war furchtbar,“ gab Merven zu. „Wir sollten uns mit der gesamten Führungscrew darüber unterhalten, sobald die Commander und Sie den Dienst wieder aufgenommen haben.“
„Das sollten wir in der Tat. Ich möchte genau wissen, was...“ Lennard brach seine Tirade ab, als sie über den Impulsantrieb hinweg über die linke Seite der Untertassensektion (UTS) glit-ten.
Ein Teil des Primärrumpfes fehlte.
Es war ein riesiges, gezacktes Loch, das über mehrere Sektionen entlang der linken Flanke aufgerissen worden war. Man konnte über eine Höhe von drei Decks in das offene Schiff hin-einsehen. Lennards Magen krampfte sich zusammen bei dem Anblick von Quartieren, einem Frachtraum, Jeffriesröhren und einem Längsgang, die alle zum Weltraum hin offenstanden. Nur der Hauptträger des Untertassenrandes hing noch weitgehend intakt in dem gewaltigen, durchgehenden Hüllenbruch an Ort und Stelle.
Fassungslos flüsterte Lennard: „Das ist... oh mein Gott... war jemand dort...?“
Als seine Stimme versagte, legte Dween ihre Hand beruhigend auf seine Schulter und antwor-tete leise: „Siebzehn Crewmitglieder. Es war ein glatter Durchschuss, sie haben nicht gelitten. Wir hatten es mit zwei Jem’hadar-Schlachtkreuzern gleichzeitig aufgenommen. Das war zwar heldenhaft, aber auch dumm. Nur hatten wir leider in dem Moment keine andere Wahl ge-habt. Bei dem Rammmanöver des Angriffsschiffes gegen die Seite der Maschinenhülle allerdings sind eine primäre und zwei sekundäre Plasmaleitungen geborsten, dabei haben wir mehr Leute in der Maschinenhülle verloren als bei diesem Treffer hier oben.“
„Wie viele?“ wollte er mit versteinerter Miene wissen.
Sie stöhnte leise auf beim Gedanken daran, sammelte sich dann und sagte: „Siebenundvierzig insgesamt. Wie gesagt, es war eine grausame Schlacht, in der wir noch glimpflich davonge-kommen sind. Die Fronteinheiten der ersten Wellen haben noch viel höhere Verluste erlitten. Der Kampfverband der Aldebaran wurde beim Angriff völlig aufgerieben, die Zahl der Opfer ist vierstellig. Während ihr Schiff natürlich wie immer keinen einzigen Kratzer abbekommen hat. Commander Kall und ich haben lange darüber geredet; ich glaube, sie wird noch eine Weile brauchen, um diese Sache völlig zu verarbeiten. Sie hat die Reste unserer Kampf-gruppe übernommen und patroulliert entlang der Grenze. Das Dominion verhält sich aller-dings recht still seit seiner Niederlage, was darauf schliessen lässt, dass sie sich erst restruk-turieren müssen, bevor sie wieder offensiv gegen uns vorgehen werden. Das ist eine reine Frage der Zeit.“
Lennard sah einen Stapel Notbeplankungen, der neben ihrem Schiff gelagert wurde. „Wie lange werden wir denn in der Werft liegen?“
„Etwas über zwei Wochen, wenn man den Angaben der Ingenieure glauben kann. Der struk-turelle Trägerrahmen im Inneren der UTS wird wieder hergestellt und die Hüllenintegrität sowie das Schilderzeugungsgitter nebst SIF provisorisch installiert, der Innenraum des getroffenen Bereiches wird jedoch nicht nutzbar sein, bis wir einen längeren Werftaufenthalt einlegen können. Es sind einfach zu viele Schiffe zu schwer beschädigt, als dass mehr als nur das Notwendigste instandgesetzt werden könnte, um uns wieder kampftauglich zu machen.“ Wuran zuckte bedauernd mit den Schultern und beendete ihren Rundflug.
„Besser als nichts,“ meinte Lennard pragmatisch. „Wenn man bedenkt, dass manche frisch erbaute Galaxy-Klassen zu zwei Dritteln im Innenraum leer sind und nur auf die Schnelle mit dem Nötigsten ausgerüstet wurden, um rasch in den Kampf geworfen werden zu können...“
„Wir haben bei der Schlacht einige von der Zweiten Flotte gesehen, die nicht einmal eine of-fizielle Registrierung oder einen Namen auf der Hülle hatten,“ bestätigte Merven. „Die Geist-erschiffe, wie sie von manchen Steuermännern theatralisch genannt werden.“
„Waren Sie eigentlich auf der Station, nachdem sie zurückerobert wurde?“ fragte ihr Kapitän abwesend.
„Nein, wir sind direkt nach der Schlacht zur Werft abkommandiert worden, nachdem sich das Oberkommando einen ersten Überblick über Verluste und Schadensberichte verschafft hatte. Die Aldebaran allerdings war bei den Schiffen, die durch die feindlichen Linien gebrochen waren. Commander Kall war dabei, als General Martok ein Fass Blutwein auf DS9 spendiert hat. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Ich meine, dieser Sieg war enorm wichtig für die Moral der Flotte.“
„Das stimmt allerdings,“ pflichtete Lennard bei. „Also gut, lassen Sie uns nach vorne blicken, anstatt die Opfer zu betrauern und uns in Selbstmitleid zu verlieren. Es klingt zwar grausam, aber ich denke nicht, dass unsere Kameraden das gewollt hätten.“
Es klang wirklich grausam, doch sie alle befanden sich bereits in einem emotionellen Stadi-um, in dem niemandem mehr einfallen würde, angesichts eines solchen Kommentars zu pro-testieren. Merven indes fragte sich im Stillen, wie ihr Erster Offizier Stefania Leardini reagieren würde, wenn sie das Ausmass der Beschädigungen erfahren würde. Sie war im allgemeinen ein recht impulsiver Mensch und konnte manchmal ein wenig zu emotionell reagieren.
„Und was machen Sie stattdessen? Sie... Sie haben das Schiff zu Schrott geflogen!“ tobte Leardini gerade, als sich der Turbolift zur Brücke öffnete. Merven blieb wie angewurzelt stehen; er hatte wirklich gehörigen Respekt vor der Ersten Offizierin der Fairchild.
„Ihre Gattin hat offenbar weniger Einsicht in unsere Lage als Sie, Captain,“ sagte Dween leise.
„Das macht die Schwangerschaft. Es ist ihr hormonelles Ungleichgewicht,“ antwortete Len-nard ergeben.
Merven flüsterte: „Sie meinen die Zunahme desselben.“
„Das will ich überhört haben. Also los!“ Lennard betrat das Deck und liess ohne Umschweife verlauten: „Alle Führungsoffiziere in die Beobachtungslounge. Ich möchte einen detaillierten Überblick über die Aufzeichnungen der Kampfhandlungen, in welche dieses Schiff verwick-elt war sowie über die gesamte Rückeroberung von DS9. Ich möchte wissen, was alles be-schädigt ist, bis wann es instand gesetzt werden kann und inwieweit wir dann wieder ein-satzbereit sein werden.“
Vakuf stand noch immer in der gleichen regungslosen Pose, in der sie ungerührt Leardinis Tirade über sich hatte ergehen lassen. Nun machte sie kehrt und steuerte den nächsten Ein-gang zum Konferenzraum ein, ohne irgendeine Reaktion erkennen zu lassen. Leardini stand völlig perplex noch immer an derselben Stelle und konnte es nicht fassen.
Lennard trat zu ihr und tippte sie an, bevor er leise sagte: „Kommst du, Stefania?“
Noch etwas benommen setzte sie sich darauf in Bewegung und murmelte: „Wieso macht sie das nur?“
„Schon vergessen? Vulcanierin...“ Er lächelte sie an. Sie erwiderte die Geste und folgte ihm, ein wenig versöhnlicher eingestellt.
Nach der Besprechung blieben Dween und Merven noch in der Beobachtungslounge zurück und unterhielten sich mit Lennard und Leardini. Nach einer kurzen Zeit des Small Talks fragte Merven mit einem verschwörerischen Seitenblick auf Dween: „Wie fühlen Sie sich eig-entlich im Moment?“
„Ganz gut, ich habe mich auf der letzten Phase des Fluges noch ausgiebig ausgeschlafen,“ antwortete Leardini und runzelte die Stirn.
Dween kam ihrer Frage zuvor und meinte geheimnisvoll: „Wir haben uns gefragt, ob Sie beide vielleicht gerade ein wenig Zeit erübrigen könnten, damit wir Ihnen etwas zeigen kön-nen.“
„Ist es denn so wichtig?“ fragte Leardini zweifelnd und sah Lennard hilfesuchend an. Er zuckte nur ratlos mit den Schultern und nickte dann zögernd auf ihren fragenden Blick.
Dween ereiferte sich: „In gewissem Masse sicher. Es war eine grosse moralische Stütze für die Crew. Aber sehen Sie doch selbst.“
Darauf folgten die Kommandanten ihren Untergebenen in den Turbolift, wo Merven lediglich Deck Acht Vorne als Ziel angab, wohl um nicht zu viel zu verraten. Lennard bemerkte das und wollte wissen: „Wieso machen Sie so ein Geheimnis daraus? Können Sie uns nicht wen-igstens einen kleinen Tip geben?“
Das junge Paar sah sich an und begann dann zu lächeln. Dween verkündete: „Nur soviel: der Krieg mit dem Dominion mag noch andauern, aber dafür sind andere Kriege inzwischen be-endet worden.“
„Wunderbar! Jetzt verstehe ich gar nichts mehr,“ beklagte sich Leardini, als der Lift ankam und sie aufs Deck hinaustraten.
Bitte hier entlang,“ bat Merven und wies nach rechts.
Lennards Miene hellte sich auf: „Jetzt ist alles klar! Darauf hätte ich auch früher kommen können.“
„Kann mich mal bitte irgend jemand einweihen? Ich weiss nämlich noch immer nicht, um was es hier gehen soll,“ gestand Leardini unzufrieden ein, doch dann blieben sie alle vor einem grösseren Portal in einer zurückgesetzten Nische stehen. Da ging auch ihr endlich ein Licht auf.
„Ach so, das Holodeck! Was sonst...“ Leardini wandte sich plötzlich ruckartig um und wollte mit ernster Miene wissen: „Habt ihr denn nichts dazugelernt während unserer Abwesenheit? Ich bin das so leidgewesen mit euch beiden und eurem Holodeck-Privatkrieg.“
„Aber genau das meinen wir doch, Commander,“ beeilte sich Dween zu erklären, „Merven und ich haben eingesehen, dass uns unsere Rivalität beim Programmieren von Holodeck-Pro-grammen nur zu entzweien gedroht hat und unserer Beziehung mehr schadete als nutzte. Also sind wir vernünftig geworden und haben uns zusammengerauft. Wir entwickeln unsere Pro-gramme jetzt gemeinsam.“
„Und ob Sie’s glauben oder nicht, wir ergänzen uns hervorragend,“ fügte Merven listig hinzu.
„Die Crew ist ganz verrückt nach unseren Neuentwicklungen. Sie finden einen grossen Teil unserer neuesten Werke auf allen Schiffen unserer Kampfgruppe und wir haben uns sogar in-zwischen in der gesamten Fünften Flotte einen Namen gemacht. Hätten Sie das gedacht?“
Lennard nickte mit anerkennender Miene und wollte dann wissen: „Und Sie wollen uns jetzt eine Kostprobe davon präsentieren?“
„Wenn Sie es wünschen...“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Dween um und gab schnell eine Folge von Eingaben in die Holodecksteuerung ein.
„So, Episode Eins, Kapitel zwölf. Wir können eintreten. Ihnen wird es vielleicht bekannt vor-kommen, Stefania; Counselor Kall erwähnte während unseres gemeinsamen Dienstes auf der Aldebaran einmal, dass Sie ab und zu eines dieser Programme laufen gelassen haben. Merven und ich haben uns in die Grundlagen dieser Geschichten vertieft und mit Bestürzung fest-gestellt, wie unvollständig und laienhaft die Umsetzung ins Holodeck vom Originalprogram-mierer erfolgt war. Zudem waren nur die ersten sechs von insgesamt fünfzehn Episoden über-haupt programmiert worden, die grösstenteils noch aus dem 20. Jahrhundert gestammt hab-en.“ Dween schüttelte fassungslos den Kopf.
Als die grossen Türen des Holodecks leise zischend auseinanderfuhren, fügte Merven noch hinzu: „Deshalb haben wir alles von Grund auf neu geschaffen, ohne auf die ältere Holover-sion der Geschichte als Datengrundlage zurückzugreifen. Und ich kann Ihnen mit Stolz ver-künden, dass alle Episoden zu den absoluten Favoriten bei der Besatzung zählen.“
Vorsichtig trat Lennard ein, während Dween sagte: „Ausserdem haben wir diese Werke mit einer Zuschaueroption versehen, bei der Sie alles mitverfolgen können, ohne selbst in die Handlung eingreifen zu müssen.“
„Das hört sich sehr interessant an; ich möchte das gerne ausprobieren,“ verkündete Leardini und folgte den anderen auf einen nur meterbreiten Laufsteg, der quer durch eine schier uner-messlich grosse, fast leere Halle lief. Sie war nur spärlich erleuchtet und liess sowohl Decke als auch Boden nur erahnen. Von unten nach oben lief ein grellweisser, pulsierender Energie-strahl mit mehreren Dutzend Metern Durchmesser durch den Raum, welcher mit einer gros-sen Anzahl der dünnen Laufstege auf allen Ebenen durchzogen war, scheinbar ohne Sinn. Der gesamte titanische Komplex schien keine konkrete Funktion zu erfüllen.
Lennard grübelte. „Ich glaube, diese Szene ist mir unbekannt. Ist das eine Fantasy-Geschichte oder alte Science-Fiction? Starten Sie das Programm, ich bin neugierig.“
Dween tat, wie ihr geheissen, worauf in einiger Entfernung und ein gutes Stück über ihnen plötzlich Kampflärm erklang. Lennard erkannte nur schemenhaft drei Gestalten, die mit hell-glühenden Energiehiebwaffen in höchst kunstfertiger Weise aufeinander eindroschen. Der Captain der Fairchild beobachtete das rote, blaue und grüne Flimmern der Flammenschwer-ter, wie er sie insgeheim taufte, vernahm dabei das tieffrequente Brummen, welches beim Schwingen derselben entstand und das bösartige Zischen, wenn sie aufeinandertrafen. Ein wenig empört sagte er: „Wie unfair - zwei gegen einen! Naja, wenigstens weiss der arme Kerl mit der rötlichen Waffe sich gegen die beiden anderen zu wehren. Ausserdem hat er zwei Klingen und die anderen nur je eine an ihren Energiewaffen. Ich hoffe doch, er wird diesen Kerlen zeigen, was... he, seht nur!“
Gerade hatte einer der beiden Gegner des Einzelkämpfers das Gleichgewicht verloren und stürzte ins Bodenlose. Er wand sich jedoch in der Luft und fiel dadurch auf einen der tiefer-liegenden Stege, rutschte jedoch auch von diesem herunter, nicht jedoch ohne sich mit den Händen gerade noch an der Kante festhalten zu können. Sein bläulich schimmerndes Flam-menschwert war sofort erloschen, nachdem er es losgelassen hatte, und lag auf dem Steg, auf den er sich hinaufzog.
Im Gegenzug beförderte sein Kumpane den Einzelkämpfer ebenfalls vom Steg, auf welchem sie gekämpft hatten. Er prallte hart mit dem Rücken auf einer darunterliegenden Brücke auf, worauf sich sein Gegner hinterherstürzte, um ihm offenbar den Garaus zu machen. Der Ein-zelkämpfer schaffte es jedoch im letzten Moment, wieder hochzukommen und dem Mann mit der grünlichen Klinge weiterhin die Stirn zu bieten.
Leardinis Stimme riss Lennard aus seinen Beobachtungen. „Äh, Kyle... du siehst das falsch. Der Typ mit den beiden roten Waffen ist der böse Charakter. Er ist so übermächtig, dass es zwei von den Guten braucht, um mit ihm fertigzuwerden, verstehst du?“
Überrascht und auch ein wenig enttäuscht sah er seine Frau an. „Wirklich? Schade, ich mag die Art, wie er kämpft. Also gut, erklärt mir jemand, was sich hier abspielt?“
„Vielleicht sollten wir Sie behutsam in die Materie einführen und von vorne starten,“ schlug Dween vor.
Leardini widersprach energisch: „Bloss nicht! Wenn wir ihn die erste Episode zuerst sehen lassen, will er nichts mehr vom Rest ansehen. Dieser Teil ist streckenweise richtig peinlich geraten. Ich schlage das Ende von Episode zwölf vor, dort kommen in der Entscheidungs-szene viele erklärende Dialoge vor, sodass er sich ein recht gutes Bild wird machen können.“
„Wie auch immer.“ Lennard war offenbar wirklich gespannt auf das, was jetzt kommen mochte. „Das werden zwei anstrengende Wochen im Trockendock werden.“
Dween lachte und wies dann an: „Computer, Programm anhalten. Weiterfahren bei Episode Zwölf, Kapitel Elf: ‘Das Vermächtnis der Dunklen Lords’. Zuschauermodus.“
Die Szenerie änderte sich und zeigte die Oberfläche einer Welt aus grösserer Höhe. Man er-kannte deutlich, dass jeder einzelne Fleck Land auf dieser Hemisphäre des Planeten städtisch bebaut gewesen war, jedoch alles schon vor langer Zeit in Schutt und Asche gelegt worden war. Auf einem der grössten Trümmerhaufen erhob sich eine Art Festung, die ganz offen-sichtlich nachträglich erbaut worden war. Sie war vollkommen schwarz und schien nur aus unzähligen nadelspitzen Türmen aller erdenklicher Grössen zu bestehen, die an der Basis ver-bunden waren, weit hinauf in den düsteren Himmel ragten und von einer blaugrün schillern-den Energiekugel eingehüllt war, die sie wohl vor äusseren Einflüssen, vornehmlich Waffen-feuer, schützen sollte. Sie bewegten sich aus ihrer Sichtweise im Sturzflug auf diese dunkle Festung zu.
„Dann wollen wir mal,“ bemerkte Lennard voller Vorfreude und raunte Leardini ins Ohr: „Ich hatte zuerst befürchtet, wir wären umsonst zwei Wochen zu früh aus den Flitterwochen zu-rückgekehrt.“
Am nächsten Morgen wurde Lennard etwas unsanft aus dem Schlaf gerissen, als der Tisch-computer in seinem Privatquartier mit einem Piepton zum Leben erwachte und leise sum-mend seinen Bildschirm ausfuhr.
Leardini schrak hoch und fragte im Halbschlaf: „Was ist denn los?“
„Da kommt eine Nachricht für mich an, schlaf ruhig weiter,“ beruhigte Lennard sie und sprang behende aus dem Bett, um das Gespräch rasch entgegenzunehmen. Zu seiner Über-raschung erschien ein altvertrautes Gesicht auf dem Monitor, als er sich hinter seinen Arbeits-tisch setzte und die Aktivierungstaste drückte. Ihm fiel auf, dass sich inzwischen graue Sträh-nen in das dunkle lockige Haar der Afrikanerin in den Fünfzigern mischten; wahrscheinlich hatte sie als Kommandantin dieser Werft, die nun so nahe an der umkämpften Grenze lag, mehr als genug Sorgen.
„Admiral Hers! Wie geht es Ihnen?“ erkundigte Lennard sich dann auch bewusst fürsorglich.
Die Antwort kam etwas müde. „Danke der Nachfrage. Ich möchte Ihnen zu Ihrer Vermählung gratulieren. Hatten Sie einen guten Transit von der Erde?“
„Oh ja, es war annehmbar für einen Truppentransporter. Aber was verschafft mir die Ehre?“
„Das ist rein dienstlich. Zunächst möchte ich Ihnen mitteilen, dass Sie offiziell wieder als Captain und Ihre Frau vorerst wieder als Erster Offizier der U.S.S. Fairchild geführt werden. Nach einer Vertretung für sie wird bereits gesucht, wir haben auch schon einige Alternativen zur Auswahl vorliegen. Da Sie bereits über die Lage nach der Schlacht bei DS9 informiert wurden, gehe ich davon aus, dass Sie sich wohl denken können, wie es um unsere personelle Situation bestellt ist, insbesondere um den Mangel an Führungsoffizieren.
Daher ergingen Order an mich, ihre Stellvertreterin in Abwesenheit, Commander Gora Vakuf, mit dem nächsten Transporter zur Aldebaran zurückzusenden, da wir es uns nicht leisten kön-nen, einen fähigen Offizier, welcher ohnehin nur als relativ nutzloser Passagier ohne definier-te Funktion an Bord der Fairchild herumsitzen würde, nach mehr als zwei Wochen Wartezeit mit ihnen zusammen an die Front zurückfliegen zu lassen. Wir brauchen wirklich jeden ein-zelnen dort.“ Die Admiralin hielt inne und wartete auf seine Reaktion.
„Das verstehe ich natürlich,“ willigte Lennard nach kurzem Zögern ein. „Darf ich Sie per-sönlich fragen, wie Sie die momentane Lage beurteilen?“
Hers rieb sich nachdenklich das Kinn und legte sich ihre Worte zurecht. „Es ist zur Zeit nicht einfach. Wir haben zwar einen bedeutenden Sieg errungen und die Moral der Truppen ist da-durch um einiges gestiegen, doch strategisch stehen wir denkbar schlecht da. Dadurch, dass das Dominion sich im Bajoranischen Sektor in sein eigenes Gebiet zurückgezogen hat, ist der zu überwachende Raum für uns noch grösser geworden. Ihre Nachschublinien sind kürzer ge-worden, unsere gleichzeitig länger; Sie wissen schon, das übliche Dilemma in dieser Lage. Dazu kommen noch die sehr hohen Verluste aus der Befreiungsschlacht, die die Sternenflotte zu mitunter abenteuerlichen, will sagen fast schon verzweifelten Massnahmen greifen lässt.
Zur Zeit fliegt wirklich alles, was fliegen kann, in den Einsatz. Längst ausgemusterte, eigent-lich schrottreife Schiffe, Prototypen aus Museen, aus verschiedenen geborgenen Wrackteilen hastig zusammengezimmerte Schiffe, die aus mehreren Klassen bestehen und eigentlich Ein-zelstücke sind... Sie würden es gar nicht glauben, was ich hier alles entstehen, ankommen und abfliegen gesehen habe. Aber die Besatzungen nehmen es gelassen, mit Humor oder bei Man-gel an dessen mit stoischer Ruhe.“
„Das klingt ja zumindest interessant für Sie. Und wie wird die Verteidigung des Raumes or-ganisiert?“ Lennards Interesse war geweckt; er sah aus dem Augenwinkel, dass auch Stefania mitgehört und sich aufgesetzt hatte, um auch alles mitzubekommen, was hier gesprochen wurde.
Hers Gesicht verdüsterte sich. „Bis die Verluste an Schiffen ausgeglichen sind, werden die einzelnen Kampfgruppen an den Randsektoren abseits von akut gefährdeten Punkten aufge-splittet; eine Taktik, mit der ich alles andere als einverstanden bin, wenn ich das anmerken darf. Demnach werden in jedem System entlang der Grenze zwei Schiffe zur Überwachung und Sicherung der Grenze stationiert.“
Lennard runzelte die Stirn. „Verzeihen Sie bitte, ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Sagten Sie gerade...?“
„Sie haben mich leider sehr gut verstanden, Fleet Captain. Zwei Schiffe pro System.“
„Oh, bitte sprechen Sie mich nicht mit diesem Titel an, Sir. Ich hatte ihn inne, als die Siebte Flotte aus nur noch vierzehn Schiffen bestand... denen, die nach dem ersten Angriff auf das Tyra-System übriggeblieben waren.“ Sein Gesicht verzog sich, als die schmerzhaften Erinner-ungen in ihm aufstiegen.
„Das wusste ich nicht. Es tut mir leid; da hat offensichtlich jemand beim Führen Ihrer Akte geschlampt. Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass das auf den neuesten Stand ge-bracht wird.“
„Danke, Admiralin. Wenigstens werden wir in ein paar Wochen unsere alten Freunde wieder-sehen. Ich kann mir...“
Hers unterbrach ihn ein wenig unwirsch: „Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Captain Len-nard. Mir liegt bereits Ihre Einteilung vor, und ich kann Ihnen verraten, dass Sie nicht mit der Aldebaran zusammengelegt werden. Das wäre beim aktuellen Stand der Dinge eine un-günstige Verteilung unserer Ressourcen. Wir kombinieren die Schiffe mit viel Bedacht, vor allem in Hinsicht auf die Eigenschaften der beiden Modelle und dem Masse, in dem sich diese ergänzen.“
Lennard war mit einem Schlag vollkommen desillusioniert; die gnadenlose Realität des Krie-ges und die Ohnmacht, mit der er Entscheidungen von Vorgesetzten gegenüberstand, holten ihn mit schmerzhafter Intensität ein. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, nie im Urlaub gewe-sen zu sein.
Leardini setzte sich neben ihn und drückte sanft seinen Unterarm, worauf sich seine Anspan-nung ein wenig löste. Er sah sie dankbar an und wollte dann wissen: „Haben Sie schon Infor-mationen über das Schiff, mit dem wir zusammengelegt werden?“
Die Miene der Admiralin hellte sich ein wenig auf. „Ja, in der Tat. Das wird Sie interessieren. Der Name ist U.S.S. Callisto, Registrierung NCC - 50674. Ich schicke Ihnen die Aufnahmen, die ich habe.“
Lennards Augenbrauen schnellten nach oben. „Callisto? Sie stellen uns einen Transporter zur Verteidigung zur Seite? Grundgütiger! Welcher Klasse gehört er denn an?“
„Steadfast. Sehen Sie, das ist bereits der erste Irrtum, denn dieses Schiff lässt sich nicht so einfach kategorisieren. Sie nehmen automatisch an, dass ein Sternenflottenschiff mit dem Namen eines Mondes aus dem Sol- oder Alpha Centauri-System ein Frachter sein muss, aber diese Tradition war nicht immer Bestandteil der Starfleet-Nomenklatur. Als dieses Schiff da-mals getauft wurde, existierte diese Regelung noch nicht.“ Noch während Lennard diese In-formation verarbeitete, erschien auf dem Bildschirm eine Ansicht von oben und eine von der Seite des betreffenden Raumschiffes.
„Sieht nicht sehr gross aus, aber brandneu. Was wissen Sie darüber, Admiral?“
„Nun, die Callisto diente als Komponenten- und Technologieträger für die Entwicklung der Intrepid- und auch bereits der Sovereign-Klasse. Sie hat eine etwa dreieckig geformte Unter-tassensektion, die Form des Rumpfes ähnelt mangels fortschrittlicherem Design zu jener Zeit einer Mischung aus Excelsior- und Sovereign-Klasse, die Form der Warpgondeln ebenfalls, wenngleich diese schwenkbar sind wie bei den Intrepid. Von der Grösse her ist sie etwas kleiner als eine Defiant-Klasse, besitzt dabei aber nur etwa deren halbe Masse und deutlich stärkere Antriebssysteme. Ihre primäre Aufgabe war der Einsatz als Melder- und Kurierschiff, weshalb sie auch nur schwach bewaffnet ist. Ihre Stärke ist Schnelligkeit und Wendigkeit.
Und der Registrierungsnummer nach sehen Sie auch, dass sie bereits vor über siebzehn Jahren ihren Jungfernflug hatte, seitdem aber praktisch nicht in Gebrauch war, nachdem die Test-flüge abgeschlossen waren und festgestellt wurde, dass die neuen technischen Systeme zwar ausgezeichnet funktionierten, die Ausmasse des Schiffes jedoch etwa verdoppelt werden müssten, um ein tiefenraumfähiges Multimissionsschiff zu erhalten. Daraus entstand dann die Intrepid-Klasse, während aus dem geplanten Steadfast-Projekt vorerst nichts wurde. Die Ster-nenflotte hatte zwar vor, eine modifizierte Version dieses Typs in kleiner Stückzahl zu bauen und in Dienst zu stellen, diese Pläne wurden dann jedoch von der Borgbedrohung und später dem Krieg zunichte gemacht, als die Kapazitäten auf Kampfschiffe wie die Defiant-Klasse umgelegt wurden. Jedenfalls wissen Sie jetzt, warum das Schiff derart neu aussieht, obwohl es der Form und der Nummer nach so alt ist.“
„Das ist in der Tat hochinteressant. Das heisst, wir haben die Feuerkraft und sie die Ge-schwindigkeit. Wie schnell ist dieser Flitzer denn?“
„Sein Höchsttempo beträgt etwa das Doppelte der Ihren. Reicht Ihnen das?“ Hers lächelte beim Anblick des verdutzten Gesichtes Lennards.
Lennard keuchte. „Wow! Und das bereits schon vor siebzehn Jahren? Was ist seither mit der Entwicklungsabteilung der Sternenflotte passiert? Wir haben meines Wissens nach noch heute kein Schiff, das so schnell fliegen kann, ohne den Subraum zu schädigen.“
„Keines, das je in Serie gefertigt wurde; es ist ein Prototyp, der nur aufgrund des eklatanten Mangels an Schiffen in den regulären Dienst übernommen worden ist, das dürfen Sie nicht vergessen. Noch interessanter ist allerdings die Geschichte seiner Crew.“
„Ich bin ganz Ohr,“ versicherte Lennard und besah sich die Abbildungen der Callisto einge-hender. Die Untertassensektion glich tatsächlich einem nach vorne hin spitz zulaufenden Dreieck, das der Seitenansicht nach auf der Unterseite hin sehr flach verlief und nur nach oben allmählich anstieg. Der stark in die Rumpfstruktur integrierte Übergang in die Maschin-enhülle war das auffälligste Merkmal, das die Ähnlichkeit mit der Intrepid-Klasse aufzeigte. Ein weiteres stellte der Mechanismus dar, welcher die Warppylonen zum Übergang in den Warpflug leicht anhob, um ein besseres Subraumprofil zu erzeugen. Langsam schenkte er den Angaben über die hohen Fluggeschwingikeiten Glauben, als er sich den extrem flachen, schnittigen Rumpf der Callisto ansah. Er zählte nur acht Decks inklusive dem über die Bug-sektion hinausragenden Brückendeck.
Admiral Hers erzählte: „Der Captain heisst Howard Marshall, wurde auf einer abgelegenen Marssiedlung geboren, wuchs dort auf und hat sich selbst bis in die Starfleet-Akademie hoch-gearbeitet. Er war vom ersten Semester an Jahrgangsbester der Red Squad...“
„Red Squad? Und der bekommt ein eigenes Schiff?“ unterbrach Lennard argwöhnisch. Ihm hatten die Methoden dieses radikal militärischen Elite-Ausbildungskaders nie sonderlich ge-passt. Jeder Absolvent dieser Spezial-Ausbildungstruppe der Sternenflotte, der ihm begegnet war, besass unabhängig vom Charakter eine gewisse Arroganz, die er oder sie erst nach einer gewissen Zeit im alltäglichen Flottendienst ablegte.
„Es ist nicht ganz so, wie Sie denken. Nun, zuerst wurde er tatsächlich aufgrund seiner über-ragenden Leistungen von Anfang an ins Red Squad geholt und erwies sich auch weiterhin als überragender Kadett. Er kommandierte sogar für knapp sechs Wochen die U.S.S. Valiant, NCC - 74210. Sagt Ihnen das etwas?“
Lennard runzelte die Stirn. „Ich glaube nicht. Der Nummer nach ist es recht neu; müsste ich es denn kennen?“
Hers seufzte ergeben. „Eigentlich ist es vertraulich, aber ich bin der Meinung, Sie sollten die Hintergründe kennen. Die Valiant ist - oder war, das wissen wir nicht genau - ein Schiff der Defiant-Klasse, die exklusiv von der Red Squad als Schulungsschiff genutzt wurde. Diese Gruppe ist ja nur das Beste vom Besten gewohnt, da war die gute alte Republic und ein ausgedehnter Trainingsflug durchs Sonnensystem wahrscheinlich nicht exklusiv genug.
Auf der Valiant war eine Gruppe von sechsunddreissig Kadetten unter der Aufsicht von sieben Ausbildern unterwegs. Auf der für drei Monate angesetzten Reise führten sie das Schiff selbständig und wurden von den Offizieren nur beoachtet und beurteilt. Und hier kommt unser Mr. Marshall ins Spiel. Er besass zwar ausgezeichnete Führungsqualitäten und kommandierte das Schiff hervorragend, aber zu seinem Glück und auch gleichzeitig dem Leidwesen der gesamten Red Squad-Führung hatte er sich seinen gesunden Menschenver-stand weitgehend bewahrt. Da er offenbar ein ziemlich offener Typ ist und seine Meinung geradeheraus kundtut, eckte er innerhalb der intimen Atmosphäre an Bord eines so kleinen Schiffes ziemlich schnell bei sämtlichen Offizieren an.
Nach genau sechs Wochen geriet er in einer Angelegenheit, die ich Ihnen nicht näher erörtern darf, derart an den hochrangigsten Ausbilder, einen Captain Ramirez, dass dieser ihn kurzer-hand seines fiktiven Kommandos enthob und sogar von Bord der Valiant verwies. Da ihre ‘Mission’ ja der Geheimhaltung unterlag, - und jetzt kommt der Hammer bei der Geschichte - steckte Ramirez ihn kurzerhand in eine Rettungskapsel und liess ihn in dieser zur nächstge-legenen Sternenbasis fliegen. Sie näherten sich nur so weit, dass Marshall volle drei Tage bis zur Basis brauchte.“
Lennard überlegte noch... hatte Hers wirklich ‘der Hammer bei der Geschichte’ gesagt’? Halb abwesend bemerkte er: „Dafür müsste Ramirez ein Verfahren angehängt bekommen - Red Squad hin oder her.“
„Unter normalen Umständen schon. Es kommt aber noch besser: nachdem Marshall im Kepler-Sektor aufgegriffen worden war, wurde er aufgrund der Order von Ramirez, welche er mit sich führte, umgehend zur Erde zurückbefördert, wo er von einem Admiral der alten Schule, nebenbei einem guten Freund und hochgeschätzten Kameraden von mir, zu dieser Sache angehört wurde. Der erkannte sofort den Wert und das Potential, das in Marshall steck-te und überlagte eingehend, wie er mit diesem jungen Mann verfahren sollte, denn die An-klage von Ramirez wog schwer und sein Einfluss reichte weit. Dennoch fand der Admiral, es wäre eine grosse Verschwendung gewesen, hätte er Marshalls Karriere beendet. So schickte er ihn zunächst einmal in Urlaub und versetzte ihn dann pro forma in den Stab des Hauptquar-tieres, um ihn im Auge zu behalten.
Das Dominion spielte in dieser Angelegenheit ungewollt Schicksal. Denn nur drei Tage, nachdem der junge Kadett zur Erde abgeflogen war, brach der Krieg aus und die Jem’hadar überrannten den Kepler-Sektor. Die Valiant gilt seitdem als hinter den feindlichen Linien vermisst. Stellen Sie sich vor, wenn Marshall nicht von Captain Ramirez von Bord gewiesen worden wäre, wäre er jetzt vielleicht tot!
Nun bot sich prompt ein gänzlich neues Bild: die Sternenflotte hatte hohe Verluste und sehr schnell machte sich der Personalmangel bemerkbar. Dem Admiral kam das ganz gelegen: er bot Marshall kurzerhand das Kommando über die Callisto an, um ihn nicht unehrenhaft aus der Sternenflotte entlassen zu müssen. Marshall überlegte nicht lange und zeigt seither weiter-hin nur beste Leistungen, auch wenn sein Führungsstil bestenfalls als unorthodox gelten kann, selbst unter Kriegsbedingungen.“
Lennard schwieg eine Weile und meinte dann nachdenklich: „Ich bin gespannt auf diesen Marshall. Er hat wirklich schon einiges hinter sich, würde ich sagen. Gibt es sonst noch je-manden, über den ich Bescheid wissen müsste?“
„Eigentlich nicht,“ wiegelte Hers ab, „höchstens noch den Ersten Offizier, Commander Bast-ian Görlitz. Er ist einige Jahre älter als Marshall und krankhaft ehrgeizig; offenbar ist er seit dem ersten Tag der Mission auf den Kapitänssessel der Callisto aus gewesen.“
„Gut, dann lassen Sie mir bitte alle Dateien zukommen. Ist das alles?“
„Ich denke schon. Und jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend. Hers Ende.“ Erst jetzt, als die Admiralin die Verbindung abbrach, wurde Lennard klar, dass nach Stationszeit bereits später Nachmittag war, während Leardini und er noch auf die Bordzeit des Trans-porters eingestellt waren. Ja, das ‘Warp-Lag’ konnte schon tückisch sein.
Leardini sah ihn an: „Willst du noch ein Weilchen schlafen?“
Er schüttelte den Kopf. „Nach diesen Neuigkeiten kann ich das nicht mehr. Du?“
„Machst du Witze? Ich bin schwanger, mein Guter. Ich kann jederzeit schlafen.“ Sie schlurfte zum Bett zurück und zog die Decke über ihren Kopf.
Er lächelte und ging dann unter die Schalldusche.
- 2 -
Der Abschied von Vakuf war ganz nach vulcanischem Geschmack kurz und schmerzlos ge-wesen. Eine spontan organisierte Party hatte sie abgelehnt und sich nur förmlich bei jedem der Kollegen auf der Brücke für die gute Zusammenarbeit bedankt, bevor sie vorzeitig auf den Truppentransporter Charon überwechselte. Wenigstens hatten sie auf dem Korridor zum Transporterraum Spalier gestanden und ihrem temporären Kommandeur durch Salut ihre Ehr-erbietung bezeugt. Selbstverständlich hatte sie auch das ohne jegliche Gemütsregung zur Kenntnis genommen.
Lediglich vor Dween war sie kurz stehengeblieben und hatte sie angesehen, während diese krampfhaft mit ihrem Blick einen Punkt knapp über Vakufs linker Schulter fixiert hatte.
„Counselor.“
„Commander.“ Dweens Hals war plötzlich staubtrocken gewesen.
„Ich hoffe, Sie finden doch noch entgegen Ihrer momentanen Überzeugung auf den vulcan-ischen Pfad der Tugend zurück.“
„Den Pfad der Logik, meinen Sie sicher,“ entgegnete die junge Halbvulcanierin trotzig.
„Sie wissen, was ich meine. Und ich hoffe auch, unsere kleine Privatunterhaltung bleibt Ihnen im Gedächtnis und Ihre subjektive Sichtweise dieses Themas wird mit der Zeit der Erinner-ung an die Essenz meiner Aussagen weichen,“ bemerkte Vakuf.
„Jedenfalls werde ich es im Gedächtnis behalten, dessen können Sie sich absolut sicher sein, Commander,“ erwiderte Dween und spuckte ihren Rang dabei förmlich aus.
Vakuf hob eine Braue und wandte sich ohne ein weiteres Wort um; Merven indes, der in Hör-weite gestanden hatte, erstarrte bei diesem Dialog.
Lennard hatte sich ein wenig verspätet. Mit leicht gehetztem Gesichtsausdruck kam er den Korridor hinabgeeilt, um Vakuf noch vor dem Transport zu sehen.
„Commander, ich habe gerade noch etwas vom Oberkommando erfahren.“
„Worum handelt es sich, Captain?“ Die hochgewachsene Vulcanierin hob fragend eine ihrer diagonalen Augenbrauen.
„Die Aldebaran wird einen neuen Ersten Offizier bekommen. Ein telluranischer Lieutenant Commander namens Grung Ka’Rell. Er wurde direkt aus dem Oberkommando abberufen, wo er eine Stabsfunktion innehatte und wird voraussichtlich sehr bald zum Commander befördert werden, wenn er sich auf seinem neuen Posten bewähren wird.“ Lennard wartete auf eine Re-aktion von Seitens Vakuf, die natürlich ausblieb.
Stattdessen entfuhr es Merven: „Im Klartext heisst das wohl: ein Schreibtischhengst, der sich seine goldenen Sporen im Eiltempo an der Front verdienen will. Auf Kosten eines bewährten und eingespielten Teams, das auseinandergerissen wird.“
„Das will ich nicht gehört haben, Mr. Soares,“ fuhr Lennard ihn an, nur um gleich darauf mil-der hinzuzufügen: „...auch wenn Sie Recht haben. Mrs. Kall wird nicht sehr erbaut darüber sein, nach dieser langen Zeit als Kommandantin und Erste Offizierin wieder Dienst als Schiffscounselor und Zweite Offizierin zu verrichten. Naja, Sie wird darüber hinwegkommen, auch wenn es sicher eine Weile dauern wird.
Was ich Ihnen noch mitteilen wollte, Mrs Vakuf: Ihre neue Nummer Eins befindet sich be-reits an Bord des Transporters, der auch Sie zur Aldebaran bringen wird. Klopfen Sie ihn schon einmal ein wenig ab und finden Sie heraus, was er kann. Und vergessen Sie nicht, ihn auf die kleine... ähm... ‘Besonderheit’ des Schiffes hinzuweisen.“
„Das wird nicht nötig sein, Sir,“ entgegnete Vakuf, „die Aldebaran hat inzwischen einen Be-kanntheitsgrad erlangt, der dem der Enterprise in nichts nachsteht. Man nennt sie das ‘unver-wundbare Schiff’.“
Lennard seufzte. „Das wusste ich nicht. Ironischerweise ist es nun, da ich das Kommando nicht mehr innehabe, so weit, dass sich mein gutes altes Schiffchen einen Namen gemacht hat.“
„Das würde ich so nicht sagen, Captain. Ihr Name fällt stets im gleichen Atemzug wie der Name Aldebaran, denn schliesslich sind Sie der Mann, unter dessen Kommando das Schiff seine - wie es so perfide heisst - ‘Wunderschilde’ erhielt, auch wenn kein Aussenstehender so recht weiss, woher. Dazu möchte ich anmerken, dass es durchaus beruhigend ist, zu wissen, dass die Herkunft unserer Schildkonfiguration noch immer geheim und offenbar nichts dar-über durchgesickert ist. In diesem Fall greift die absolute Geheimhaltung offenbar, auch wenn fast eintausend Personen davon Kenntnis haben.“
„Danke für ihre tröstlichen Worte, Vakuf. Jetzt wird es aber Zeit für Ihren Transport.“ Mit einer altmodischen Geste wies er den Gang zum Transporterraum entlang.
Später im Turbolift nahm Merven Dween beiseite und wollte vorsichtig wissen: „Sag ‘mal, Shania, was hatte diese Szene bei Vakufs Verabschiedung eben denn zu bedeuten? Ich mei-ne, ich wusste ja, dass ihr euch nicht gerade sehr gut leiden könnt, aber dieser verbale Schlag-abtausch vor versammelter Mannschaft...“
„Hast du eine Ahnung!“ Dween seufzte und meinte dann: „Sie hat mich vom ersten Augen-blick an verachtet, wenn man das bei einem Vulcanier überhaupt so nennen kann. In ihren Augen bin ich eine Verräterin des vulcanischen Prinzips der Logik und Entsagung von Ge-fühlsregungen. Dass ich mich selbst für die alpha-centaurische Lebensweise entschieden habe, interessiert sie nicht. Sie hat mich die ganze Zeit über geschnitten und mir bei jeder pas-senden Gelegenheit die Überlegenheit des Vulcaniers über die konfusen emotionellen Leb-ensformen demonstriert. Ich wollte es nie zeigen, aber die Dienstzeit unter ihr war alles andere als ein Zuckerschlecken für mich. Ich selbst bin fast schon ein Fall für den Counselor gewesen.“
Betroffen strich Merven ihr über die Wange. „Du Arme! Warum hast du nie etwas gesagt? Und was hat Vakuf mit ihrer Anspielung im Korridor gemeint?“
„Ich habe das als eine rein vulcanische Angelegenheit betrachtet, deshalb habe ich es nie erwähnt, obwohl mir durchaus klar war, dass dir etwas auffallen würde an meiner Stimmung. Und worauf sie angespielt hat, war eine sehr dumme und unreife Reaktion von mir.“ Sie senkte den Kopf. „Ich war so gereizt und wütend auf sie, dass ich sie aufs Holodeck zu einer klärenden Auseinandersetzung ohne Dienstgrade aufgefordert habe.“
„Du hast waaas?“ fuhr Merven auf.
„Ich weiss, ich weiss, es war blöd von mir. Sie hat mich ordentlich vermöbelt, und da mein Zorn dadurch nur noch mehr angestachelt wurde und ich nicht aufgeben wollte, hat sie mich wirklich ausgiebig vermöbelt, das kannst du mir glauben. Seitdem bin ich geläutert und habe mir vorgenommen, wenigstens die vulcanischen Kampftechniken von meiner Kultur zu er-lernen. Du weisst schon, die Aggression des Gegners und den Schwung dessen Attacke gegen ihn selbst zu richten, wie es der pazifistischen Gesinnung Vulcans entspricht. Meinen Körper hat sie besiegt, aber meinen Willen nicht. Ich betrachte mich trotz allem als moralischen Sieger dieses Konfliktes; und noch einmal wird sie mich im Zweikampf nicht unterkriegen, das garantiere ich dir.“
„Aber... ich habe dir gar nichts angesehen. Du meinst, sie hat dich richtig...?“
„Bei Vulcaniern sieht man das nicht so schnell. Aber es war eine ordentliche Tracht Prügel, die die eigentliche pazifistische Einstellung unseres Volkes in ihrem Fall Lügen gestraft hat. Das ist ein kleiner Sieg für mich gewesen, da ich sie doch ein wenig aus der Reserve gelockt habe, wie ich meine.“ Sie rieb sich ihre rechte Schulter. War das imaginär oder hatte sie noch immer Schmerzen?
Er nahm sie vorsichtig in den Arm und sagte: „Jetzt wird mir einiges klar. Die Stimmungs-schwankungen, die Gereiztheit, die Einsilbigkeit an manchen Tagen... versprich mir, dass du dich mir das nächstemal bei so etwas anvertraust. Du brauchst schliesslich ab und zu auch mal jemanden, der dir zuhört. Ich dachte, das wäre ich.“
Sie lächelte und stimmte gelöst zu: „Du hast ja recht! Ich danke dir, Merven, das bedeutet mir viel, dass du mir das anbietest.“
„Wenn ich so etwas in diesem Stadium unserer Beziehung noch sagen muss, dann ist etwas mit uns nicht in Ordnung, oder?“ Er legte seine Stirn sanft gegen ihre.
„Stimmt. Tut mir leid. Ich werde mich also noch weiter vom Weg der Logik entfernen und mich gefühlsmässig noch mehr öffnen für dich. Für Vakuf bedeutet das die völlige Nieder-lage.“ Sie lachte befreit.
Es vergingen fast zwei Wochen der Reparaturen, bis die Fairchild soweit instandgesetzt war, dass sie das Dock verlassen konnte. Lennard und Leardini überwachten die Arbeiten, halfen wo sie konnten und verbrachten den Grossteil ihrer Freizeit auf den umfangreichen Stations-einrichtungen der Antares-Werft sowie auf den Holodecks der Fairchild, wo sie die umfang-reichen Neuerungen des Programm-Sortimentes genossen.
Schliesslich waren alle anwesenden Senioroffiziere auf der Brücke versammelt, um das Aus-laufen zu beobachten. Ausser Chefingenieur Nirm natürlich, der die Prozedur vom Maschin-enraum aus verfolgte. Er war auch derjenige, von dessen abschliessendem O.K. alles abhing.
Lennard stellte eine Verbindung her und wollte leicht ungeduldig wissen: „Was können Sie mir berichten, Lieutenant? Wollen wir es wagen?“
„Alles klar zum Auslaufen, Captain,“ bestätigte Nirm, nur um im gleichen Atemzug in der für Ingenieure so typischen und bei den Kommandanten so unbeliebten Weise einzuschränken, „ich würde allerdings empfehlen, während des ersten Tages nicht über Warp Sieben zu gehen, da die beiden ersetzten Plasmaleitungen sich erst noch im Dauerbetrieb bewähren müssen, sprich, ich möchte auf Nummer Sicher gehen und die Abstimmung sorgfältig beobachten, um sicherzustellen, dass...“
„Danke, Mr. Nirm, ich denke, ich habe den Grundinhalt Ihrer Aussage begriffen. Wir werden zunächst nicht über Warp Sieben gehen.“ Mit fast schon grober Unhöflichkeit fuhr Lennard in den schier unaufhörlichen Redeschwall seines lurianischen Chefingenieurs hinein und unter-brach diesen, solange es noch möglich war. Diese Wesen konnten, wahrscheinlich dank ihrer angeborenen Leibesfülle und des damit mittelbar verbundenen hohen Lungenvolumens wirk-lich erstaunlich lange in einem Atemzug reden und taten dies auch meist ohne jegliches Ge-spür dafür, wann es Zeit für eine Pause war. Dank ihrer Gutmütigkeit, die einen weiteren typ-ischen Gemütszug dieser Rasse darstellte, sahen sie aber stets über die manchmal vehemente Art hinweg, mit der man sie manchmal unterbrechen musste, wollte man selbst auch einmal zu Wort kommen.
„Ich danke Ihnen, Sir. Unter diesen Umständen werden wir voraussichtlich keine Probleme haben. Im Dock haben wir über 97 Prozent der wichtigsten Bordelektronik manuell über-prüfen können; mit den vorhandenen Bordmitteln sollten wir den Rest so nebenbei in höchst-ens zwei Wochen bewältigt haben. Die letzte Ebene-Eins-Diagnose war zufriedenstellend, so dass nur noch wenige kleine Macken zu befürchten sind. Maschinenraum Ende.“ Nirm schien momentan sicher alle Hände voll zu tun zu haben, wenn er diesmal so kurz angebunden war. Umso besser, brummte Lennard leise vor sich hin.
Nachdem alle weiteren Stationen ihm auf seine Aufforderung hin Bericht gegeben hatten, befahl er schlicht: „Steuermann, auslaufen. Manöverdüsen Achtern bis zum Verlassen der Werft, dann Impulstriebwerke auf halbe Kraft.“
„Aye, Sir, Manöverdüsen,“ bestätigte Merven und fragte dann: „Welchen Kurs, Sir?“
„Nehmen Sie Kurs auf das Ribaalc-System. Wir werden uns dort mit unserem Begleitschiff, der U.S.S. Callisto, treffen und dann weiter zur Grenze fliegen. Unseren endgültigen Bestim-mungsort erfahren wir dort.“
Merven sah über die Schulter. „Sie meinen, wir werden von Ribaalc aus noch näher an die Grenze verlegt? Das wird bestimmt ein heisser Einsatz werden.“
„Wie genau meinen Sie das, Mr. Soares?“
„Nun, Captain, es ist leider einiges passiert, seit Sie... unterwegs waren. Das Ribaalc-System ist inzwischen nur noch elf Lichtjahre von der Front entfernt.“
„Oh!“ entfuhr es Lennard überrascht.
Dween merkte an: „Allerdings liegt es weitab vom Bajoranischen Sektor und sehr tief unter-halb der galaktischen Querachse, womit ein direkter Angriff eigentlich nicht zu befürchten ist.“
„Interessant, Counselor. Ich sehe, Sie haben nichts von Ihren taktischen Analysefähigkeiten eingebüsst. Nur weiter so,“ ermunterte Lennard sie zufrieden.
„Danke, Sir.“
„Wir gehen auf Impuls, Captain,“ kündigte Merven an. Von der enormen Beschleunigung, die das Schiff nun erfuhr, merkten sie dank der Trägheitsdämpfung nichts. Soweit schien ja alles gut zu funktionieren, dachte Lennard.
Bald darauf waren sie auf Kurs und durchquerten den Weltraum wie angekündigt mit dem 656-fachen der Lichtgeschwindigkeit. Noch ein Tag, dann konnten sie ihre höchste Reisege-schwindigkeit einnehmen, die etwas mehr als das Dreifache dessen betrug.
Nur sechs Tage bis zu ihrem ersten Ziel.
Während des ereignislosen Fluges versuchte Lennard, sich so gut es nur ging auf den aktuell-sten Stand der Dinge zu bringen. Bald schon hatte er durch Studium des ihm vorliegenden Informationsmaterials des Nachrichtendienstes der Sternenflotte sowie durch lange Gesprä-che mit allen Brücken- und taktischen Offizieren des Schiffes einen ersten Überblick über die Lage der Föderation und des Klingonischen Reiches bekommen. Doch das genügte ihm nicht.
Leardini betrat gerade den Bereitschaftsraum des Captains, als ihr Ehemann am Schreibtisch sass und ein Subraumgespräch führte. „...gut, dann wünsche ich euch viel Erfolg. Und seien Sie vorsichtig, Rhina. Lennard Ende.“
Die Verbindung wurde beendet, worauf er sich ihr zuwandte. „Hallo, Liebes. Wie geht es euch so?“
„Die Kleine bewegt sich wieder,“ antwortete sie lächelnd. „Will wohl sehen, was ihr Daddy so treibt.“
Er stand auf und legte mit einem seligen Grinsen die Hand auf ihr Bäuchlein. „Hier ist dein Papa, meine Kleine. Ich führe gerade ein Gespräch nach dem anderen mit Leuten von der Front. Man erfährt sehr nützliche Dinge dabei, das kann ich dir sagen. Das eben war Rhina Murg von der Graceland. Sie hat eine Dreierstaffel Jem’hadar-Angriffsjäger in einen Nebel gejagt und spielt jetzt ein Katz-und-Maus-Spiel mit ihnen. Ich hoffe, sie verkalkuliert sich nicht und schafft es, die Schiffe zu stellen.“
„Kann ich ein wenig mitlauschen? Auf der Brücke gibt es momentan nicht viel zu tun und ich möchte schliesslich auch gut informiert sein.“ Ohne auf eine Antwort von ihm zu warten, liess sie sich langsam und ein wenig umständlich ihm gegenüber auf einen Sessel nieder. Als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte, versicherte sie ihm schnell: „Ich bin auch mucksmäus-chenstill. Niemand wird merken, dass du nicht allein bist.“
Er rollte mit den Augen. „Meinetwegen, Commander. Ich werde gleich die Probe aufs Exem-pel machen. Wenn der nichts merkt, dann merkt es niemand.“
Neugierig sah sie auf die Tastatur, während er die Verbindung manuell eingab, wohl um ihr nicht zu früh zu verraten, wen er zu ihrer Probe kontaktieren wollte. Er musste eine Sekunde warten, dann wurde der Schirm vor ihm hell. Leardini hörte eine junge Frauenstimme, die zu-nächst ordentlich Rang und Namen nannte, bevor sie begann: „Guten Tag, Captain. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir auf unserem Schiff gerade einen diplomatischen Empfang als Erstkontakt ausríchten und deshalb sämtliche Senioroffiziere ausser in Notfällen nicht zu sprechen sind. Handelt es sich um einen Notfall?“
„Nein, nein,“ wiegelte Lennard rasch ab, „ich wollte nur einmal hören, wie es bei Ihnen steht, Fähnrich. Wo befinden Sie sich gerade?“
„Sektor 431. Unser Aufbruch ins Goran-System steht unmittelbar bevor; Unterstützung bei Grenzstreitigkeiten. Oh, ich fürchte, ich muss Ihre Verbindung beenden. Da kommt gerade wieder ein Dringlichkeitsruf von Admiral Dougherty; diesmal werde ich den Captain wohl aus dem Empfang herausrufen müssen.“
„Gut, dann will ich nicht länger stören. Lennard Ende.“
„Comm Enterprise Ende.“ Erst jetzt, als die Leitung unterbrochen war, erkannte Leardini das Vorhaben ihres Mannes.
„Wow, du wolltest mich gleich an Captain Picard prüfen? Ich fühle mich geehrt!“
„Tja, ist leider nichts draus geworden - der Captain des Flaggschiffes ist wie immer hochbe-schäftigt. Dann versuche ich es eben mit jemand, der bestimmt etwas Zeit für uns erübrigen kann.“ Er forderte die nächste Verbindung an, sehr zu ihrem Verdruss wieder per Tastatur.
„Musst du es so spannend machen?“ beschwerte sie sich.
„Ruhe bitte, ich führe hier ein Subraumgespräch,“ gab er schlagfertig zurück.
Diesmal wurde er direkt weitergestellt; Leardini traute ihren Ohren nicht. „Captain Lennard! Alles Gute nochmals zu Ihrer Vermählung! Wie geht es Ihnen?“
„Danke, gut,“ erwiderte er und grinste, als seine Frau aufsprang, neben ihn eilte und freudig rief: „Sam! Hallo!“
Sam Kall, derzeit kommandierende Offizierin der Aldebaran, Lennards altem Schiff, erwid-erte ebenso erfreut: „Alles bestens, Stefania. Schön, Sie zu sehen. Was macht der Nachwuchs denn so?“
Leardini schob mit etwas Mühe ihren kleinen Bauch stolz vor das Objektiv. „Sehen Sie selbst! Ist es nicht wunderbar?“
„So, genug des Weibertratsches, wenn ich bitten darf. Ich habe Sie rein dienstlich kontaktiert, damit das klargestellt ist. Wo halten Sie sich derzeit auf?“ Lennard fuhr mit gespielter Strenge zwischen die beiden Frauen.
„Momentan im Sektor 259, nur wenige Lichtjahre entfernt vom Schauplatz der ersten grossen Schlacht der Föderation mit den Borg. Es ist ziemlich unheimlich, sogar für mich, wie ich ge-stehen muss; unsere Fernsensoren orten noch immer das riesige Trümmerfeld der Reste un-serer Flotte von damals. Von grosser strategischer Bedeutung ist dieser Sektor aber nicht. Wir werden bis zur nächsten Verlegung wohl eine eher ruhige Grenzpatroullie durchführen.“
„Bei uns das gleiche. Gestern haben wir die Werft verlassen und sind nach Ribaalc unter-wegs, wo wir das Rendezvous mit unserem Begleitschiff haben und dann wahrscheinlich irg-endwo im Sektor 528 eingesetzt werden.“
“Wenn Sie ein wenig Abwechslung brauchen, dann passen Sie mal auf; ich habe da etwas, das Ihnen gefallen wird. Ich habe es gestern aus den Überwachungsprotokollen des Holodecks entnommen. Es geht um Darrn und Kazuki. Vermissen Sie Ihren Einsatzleitenden Offizier schon? Morgen verlässt er uns ja. Sie wissen Bescheid?“
„Ja, wir nehmen ihn auf dem Weg nach Ribaalc auf, wenn der Transporter einen kleinen Um-weg für uns macht - oder wir einen für ihn, je nach Lust und Laune des Transporter-Captains. Aber jetzt zu etwas anderem: haben Sie schon von Ihrem Zuwachs erfahren?“
„Sie meinen Grunz Ka’Rell?“
„Grung! Gewöhnen Sie sich bloss nicht jetzt schon dumme Witzchen über seinen Namen an. Sie wissen genau, wie empfindlich Tellurianer reagieren, wenn man Sie auf irgendeine Weise mit Schweinen in Verbindung bringt. Nur aufgrund der äusserlichen Ähnlichkeit sollte man keine Vorurteile fällen.“
Sie winkte mit einem geheimnisvollen Schmunzeln ab. „Keine Sorge, ich habe dafür gesorgt, dass mir nichts derartiges in seiner Gegenwart herausrutschen kann.“
„Haben Sie sich einer hypnotischen Blockadesitzung unterzogen? Das ist die einzige Mög-lichkeit, die bei Ihnen wirken könnte.“ Lennard grinste.
Erstaunlicherweise gab Kall sein Grinsen zurück. „So etwas in dieser Art. Sie wären über-rascht, wenn Sie wüssten, wie ich das anstellen werde. Jetzt aber zu dem kleinen Abenteuer, das ich Ihnen vorführen wollte.“
Lennard staunte, als er auf dem Monitor sah, wie sich die Portale eines der Holodecks auf der Aldebaran öffneten und Darrn sowie Kazuki, Sicherheitschef des Schiffes, auf die Nachbild-ung eines asiatischen Dorfplatzes traten. Beide waren prachtvoll gekleidet: Darrn in die schwer gepanzerte Uniform eines klingonischen Kriegers, die ihm dennoch volle Bewegungs-freiheit liess, Kazuki in die nicht weniger pompöse Rüstung eines traditionellen japanischen Samurais.
„Und Sie sind sicher, dass Sie das wirklich wollen?“ fragte Darrn mit leicht spöttischem Un-terton in seiner tiefen, kehligen Stimme. Er wirkte irgendwie amüsiert.
Mit völlig regungsloser Miene gab Kazuki zurück: „Das sollte ich Sie fragen, alter Freund. Noch ist es nicht zu spät für Sie; wenn Sie diesen jugendlichen Blödsinn jetzt beenden, wah--ren Sie ihr Gesicht und ersparen sich die Schmach.“
„Ich hatte gehofft, Sie würden das sagen. Nun kann mich nichts mehr aufhalten. Und er-warten Sie nicht, dass ich Sie schonend behandeln werde.“
Nun hob sich ein Mundwinkel des Mittvierzigers aus dem Fernen Osten. „Ich hatte gehofft, Sie würden das sagen.“
„Dann los.“ Darrn hob ein Bat’leth hoch und wies den Computer an: „Sicherheitsprogramm aktivieren. Genaue Nachbildung dieser Waffe erstellen und projizieren.“
Einen Moment darauf materialisierte sich einen Meter neben ihm eine identische klingon-ische Hieb- und Stichwaffe und schwebte einfach mitten in der Luft. Darrn legte das Original vorsichtig zur Seite und ergriff das Replikat.
Kazuki seinerseits hob nun seine Entsprechung: ein prachtvolles Katana, ein altertümliches japanisches Langschwert, blankpoliert und im direkten Vergleich zur wuchtigen Klinge seines Gegners beinahe zierlich anmutend. Auch er liess sein Schwert peinlich genau replizieren und legte die Originalwaffe zur Seite; offenbar wollte keiner der beiden, dass ihre ‘Kleinode’ beim Kampf, der nun unvermeidlich folgen musste, auch nur einen einzigen Kratzer abbe-kommen sollten.
„Der arme Kazuki,“ kommentierte Leardini beinahe mitleidig.
Lennard fragte interessiert: „Wovon redest du?“
„Das siehst du doch selbst,“ meinte sie rechthaberisch, „du weisst doch, dass ein Bat’leth aus massivem Baakonit gefertigt ist. Wie soll das gegen ein altes Eisenschwert Bestand haben?“
„Kazuki hat mir einmal erzählt, dass sein Schwert etwa zwölfhundert Jahre alt ist. Es ist aus reinstem Edelstahl, der über hundertmal gefaltet ist. Und das bei dieser dünnen Klinge... das ist keine Waffe, sondern ein Kunstwerk.“ In Lennards Stimme schwang tatsächlich so etwas wie Ehrfurcht mit.
„Na, wir werden ja sehen,“ meinte sie zweifelnd.
„Habe ich übrigens erwähnt, dass ich kaum einen disziplinierter übenden Schwertkämpfer in der Galaxie kenne? Kazuki ist eindeutig im falschen Jahrtausend zur Welt gekommen.“
„Darrn ist auch oft genug auf dem Holodeck, wo er seine netten kleinen Klingonenprogram-me durchspielt,“ hielt Leardini dagegen.
Dann wurde jemand eines besseren belehrt.
Der Klingone hieb kraftvoll auf seinen Vorgesetzten ein, konnte jedoch nichts mit seinen wütenden Attacken ausrichten, da Kazuki stets elegant parierte und die Kraft seines Gegners in harmlose Bahnen lenkte.
Dann schlug er in einer wohlüberlegten, schnellen Bewegung zu.
Und das Bat’leth von Darrn zerbrach.
Allerdings blieb ihm keine Zeit, sich darüber zu wundern, da die unglaublich scharfe und harte Klinge ihren Bogen fortführte, auf den Brustkorb des Klingonen traf und diesen zer-teilte wie Papier. Selbstverständlich löste das Sicherheitsprogramm das Innere der replizierten Klinge auf, solange Kazuki sie durch den Körper des Widersachers trieb, doch auf dem Monitor sah es für Lennard und Leardini so aus, als sei der Torso ihres Ops-Offizieres soeben perforiert worden. Leardini zuckte denn auch merklich zusammen, wie Lennard aus dem Augenwinkel registrierte.
Das Programm erzeugte ein Kraftfeld und fällte Darrn wie einen Baum. Stöhnend blieb er auf dem Boden liegen, während Kazuki sich neben seinen Torso kniete und freundlich sagte: „Ein überaus realistisches Kampftraining, nicht wahr? Sie sind tot, mein Lieber. Nehmen Sie’s nicht so schwer.“
„Das wollen wir doch erst einmal sehen! Computer, Neustart des Programmes. Dieser Glückstreffer zählt nicht.“ Sobald das Kraftfeld, das seinen Treffer simuliert und ihn am Boden gehalten hatte, sich abbaute, sprang Darrn auf, ergriff sein wiederhergestelltes Bat’leth und ging in Ausgangsstellung.
Der Japaner seufzte. „Ich hatte so etwas schon geahnt.“
Mit einem tierähnlichen Brüllen schlug Darrn wieder zu. In dem Augenblick, in welchem die Klingen der zwei so unähnlichen Waffen sich kreuzten, fror das Bild ein.
Kalls Gesicht erschien wieder auf dem Monitor, selbstredend mit einem breiten Grinsen. „Den Rest möchte ich Ihnen ersparen. Nur soviel: In der nächsten Dreiviertelstunde „starb“ Darrn noch weitere siebzehn Male. Sechsmal in direkter Folge davon, dass sein Bat’leth an Kazukis Katana zerbrach. Die anderen elf Tode waren sehr schnell und plötzlich und wären im Ernstfall bestimmt vollkommen schmerzlos gewesen.“
„Eine bittere Niederlage für unseren Darrn, nicht wahr? Ich hoffe, sein Ego hat es verkraftet.“ Leardini zeigte Mitleid, wusste sie doch genau um den Stellenwert des Kriegerstolzes im Leben eines Klingonen.
„Bevor ich ihn zum Transfer entlassen habe, führte ich noch ein ausgiebiges Gespräch mit ihm. Er ist okay, glauben Sie mir. Und in etwa drei Tagen sollten Sie ihn wiederhaben.“ Kall grinste: „Was für ein Aushilfsklingone.“
„Ist es das, was Sie ihm gesagt haben? Ihre Tage als Counselor scheinen wohl schon weiter zurückzuliegen, als gut für Sie ist.“ Nun war es an Lennard, schadenfroh zu grinsen.
„Ein Punkt für Sie, Captain. Wir sprechen uns hoffentlich bald wieder. Kall Ende.“ Sie brach die Verbindung ein wenig zu hastig für Lennards Geschmack ab. Er sah Leardini an.
Dann lachten beide.
„Ein ziemlich offensichtlicher Rückzieher, was?“ stiess sie hervor.
Vier Stunden vor dem Rendezvous mit dem Transporter wurde klar, dass dieser es nicht rechzeitig zum Treffpunkt schaffen würde, deswegen nahmen sie ihre Reisegeschwindigkeit auf Warp Zwei zurück. So sparten sie Energie und würden nicht lange auf die Mannschafts-mitglieder warten müssen, die zu ihnen gebracht wurden.
Als sie auf Transporterreichweite heran waren, liessen sich Lennard und Leardini auf der Brücke ablösen und begaben sich zum Transporterraum, um die Neuankömmlinge persönlich in Empfang und nicht zuletzt auch in Augenschein zu nehmen. Ausser ihrem Ops-Offizier Neer Darrn erhielten sie noch weitere vier neue Crewmitglieder als Ersatz für die Verluste. Damit waren sie zwar beileibe noch nicht auf Sollstärke, doch der Personalmangel in der Sternenflotte verschonte eben niemanden. Sie verfügten leider nicht über den Luxus, wie ihre Gegner ihre Soldaten in gentechnischen Fertigungsanlagen nach Belieben zu züchten.
Lennard sagte, als sich der Turbolift kurz vor dem Transporterraum öffnete: „Und denk bloss daran, nicht zu lachen, wenn wir Darrn begrüssen. Er darf auf gar keinen Fall erfahren, dass wir von seinem ‘Duell’ mit Kazuki erfahren haben. Wir können keinen verunsicherten Brück-enoffizier brauchen, der uns vor verletztem klingonischen Stolz und lauter Scham nicht mehr in die Augen sehen kann.“
„Für wen hältst du mich?“ wollte Leardini wissen und musste unbeherrscht losprusten, als sie den warnenden Blick ihres Mannes als Antwort auf ihre rhetorische Frage sah. „Okay, okay, ich hab schon verstanden. Ich werde mich beherrschen, versprochen.“
Sie betraten den Transporterraum und postierten sich neben die Bedienungskonsolen, so dass sie nicht im Weg standen. Lennard nickte dem diensthabenden Fähnrich, einem blutjungen und wahrscheinlich noch recht unerfahrenen Akademieabgänger, unverbindlich zu und be-deutete ihm, er solle sich von ihrer Anwesenheit nicht beirren lassen und nach Vorschrift weitermachen.
Im Widerspruch zur Aufforderung des Captains kommentierte der Fähnrich nun jeden seiner Arbeitsschritte laut: „Koordinaten übermittelt, Transferfokus ausgerichtet, sechs zu beamende Personen gescannt und dematerialisiert. Muster durchlaufen Transporterpuffer, werden auf Emitterphalanx gesandt. Ringförmiger Eindämmungsstrahl aufgebaut und stabilisiert. Unser Musterpuffer empfängt den Materiestrom. Biofilter und Sicherheitsprotokolle sind aktiv. Kei-ner der sechs trägt biologische Erreger oder versteckte Waffen in oder an sich. Leite jetzt Re-materialisierung ein.“
In der Sekunde, in der die Litanei endete, reifte die Erkenntnis in Leardini. „Warten Sie einen Moment! Sagten Sie gerade ‘sechs Personen’, Fähnrich? Uns sind nur fünf gemeldet worden. Es muss sich um einen Irrtum handeln.“
Verwirrt erwiderte der junge Techniker: „Tut mir leid, Commander. Ich habe eindeutige An-weisungen vom Transporterchief des anderen Schiffes bekommen, sechs Personen zu trans-portieren.“
„Wir bekommen also ungebetenen Besuch,“ murmelte Leardini leise. Als Erste Offizierin ge-hörte es zu ihrer Natur, immer wachsam und misstrauisch zu sein, wenn dem Schiff poten-zielle Gefahr drohte, egal ob von innen heraus oder von aussen.
Lennard meinte pragmatisch, wie es seine Art war: „Komm schon, Stefania, der Fragliche ist unbewaffnet und trägt keine biologischen Killerviren oder Ähnliches in sich. Ausserdem steht er einen Meter neben einem Klingonen. Welche Art von Bedrohung kann er wohl ausüben? Du willst ihn wohl nicht ins Weltall hinausbeamen, nur weil die Sternenflotte bei der Über-mittlung der Nachschubliste für Personal geschlampt hat.“
„Schon gut, ich habe nichts gesagt,“ grummelte sie darauf. „Materialisieren Sie sie schon!“
Nun endlich erschienen mit dem typischen leisen, hellen Summton die sechs angekündigten Personen zunächst in Form von gelbweisslich leuchtenden Lichtflecken, die sich aus Hüft-höhe heraus senkrecht hinauf- und hinabstreckten, bis sie die Grösse und dann auch die Um-risse von Humanoiden annahmen. Innerhalb einer Sekunde füllten sich diese Flecken mit menschlichen Gestalten, während das Leuchten gleichzeitig verblasste. Lennard fiel auf, dass sie alle zeitlich versetzt auftauchten, was hiess, dass der Fähnrich an den Kontrollen wirklich noch nicht sehr erfahren im Umgang mit einer Transportvorrichtung war, wenn er nicht alle Personen gleichzeitig materialisierte.
Zuerst erkannte er die hochgewachsene Gestalt ihres Einsatzleitenden Offizieres Darrn. Dieser hob lächelnd die Hand zum Gruss, sobald er erkannte, wer ihm gegenüberstand. Die nächsten Personen kannte er alle nicht; das waren dann wohl die neuen Mitglieder, dem Augenschein nach sämtlich frisch von der Akademie, falls sie diese überhaupt abgeschlossen hatten und nicht noch vor Beendigung ihrer Ausbildung vom Oberkommando an die Front ge-schickt worden waren, um ihre Verluste auszugleichen.
Unaufmerksam musterte er sie nacheinander: eine vulcanische Arzthelferin, ein Techniker von Tellur, ein weiterer bolianischer Techniker, eine nordländisch-terranisch anmutende An-wärterin in roter Kommandouniform.
Dann stockte ihm der Atem, als die letzte Person sichtbar wurde.
Gleichzeitig rief Leardini mehr bestürzt als überrascht aus: „Sam! Sam Kall! Was tun Sie denn hier?“
„Oh, danke, ich freue mich auch sehr, Sie persönlich zu sehen, Stefania, Kyle. Und was ich hier mache, steht hier.“ Nach ihrer kecken Erwiderung stieg sie von der Transporterplattform und reichte Lennard einen kleinen PADD, auf dem sie von der Admiralität signierte Befehle mitgebracht hatte.
„Das ist einer Ihrer Scherze, nicht wahr?“ fragte er misstrauisch, indem er die Order überflog.
„Ich bin nicht Doc Stern, Sir,“ gab sie zu bedenken, „und ich hoffe doch sehr, dass sein - ich bedaure es, das sagen zu müssen - von Geburt an missratener Humor nicht auf mich abge-färbt hat.“
„Wollen wir’s hoffen,“ wisperte er beinahe unhörbar und musterte widerwillig ihren roten Kragen unter der grauschwarzen Grunduniform, welcher sie als ein Mitglied der Kommando-riege auswies. Er konnte sich ja noch nicht einmal an den Gedanken gewöhnen, dass sie etwas anderes als Counselor gemacht haben könnte, obwohl er genau wusste, dass sie die gute alte Aldebaran, sein Schiff, in seiner und Vakufs Abwesenheit, wenn auch zum allgemeinen Erstaunen, gut geführt hatte.
Leardini wollte ungeduldig einen Blick auf den kleinen Bildschirm des isolinearen Notiz-blocks werfen, so gab Lennard ihr das PADD und spannte sich schon einmal an in Erwartung dessen, was nun kommen musste.
Zu seiner grenzenlosen Verblüffung las sie die Mitteilung und sah dann zu Kall auf: „Wenn ich das recht verstanden habe, sind also Sie meine Vertretung während meiner fortgeschrit-tenen Schwangerschaft und des angeschlossenen Kinderurlaubes. Wie haben Sie das nun wie-der angestellt?“
„Ganz einfach: nachdem ich so lange Zeit und, wenn mir gestattet ist, das zu sagen, auch recht gut als Erster Offizier und Vertretender Kommandant in Abwesenheit eines rang-höheren Offiziers die Aldebaran geführt hatte, widerstrebte mir die Vorstellung, einen fremden Ersten Offizier vor die Nase gesetzt zu bekommen und mich wegen diesem auf den Posten des Schiffscounselors zurückstufen zu lassen. Und um ehrlich zu sein, diese Möglich-keit war der erste Gedanke, der mir kam, um diese missliche Lagr zu umgehen. David war übrigens sehr verständnisvoll. Er sagte, diese Trennung wäre eine gute Gelegenheit, um die Festigkeit unserer Beziehung zu erproben und er möchte meiner Karriere nicht auf dieser Weise im Weg stehen. Ich soll Ihnen beiden liebe Grüsse von ihm ausrichten.“
„Und wieso wurden Sie uns nicht angemeldet? Wir haben keinerlei Kenntnis von Ihrer Ver-setzung gehabt.“ Lennard schlenderte zum Kontrollpult und gab beiläufig ein paar Anfragen in die Diagnoseroutinen ein.
„Ach, Sie wissen doch, wieviel Spass es mir bereitet, andere Leute zu überraschen. Und da ich noch eine Menge Resturlaub hatte, dachte ich mir, ich reiche ein paar Wochen davon ein, bevor ich mein Versetzungsgesuch geltend machen lasse, auch wenn es bereits genehmigt ist.“ Sie grinste. „Und die Überraschung ist mir doch gelungen, nicht wahr?“
„Das kann man laut sagen,“ räumte Leardini ein und warf einen Seitenblick zu ihrem Gatten, der noch immer an der Konsole stand. „Und eine bessere Methode, wie Sie eine Beleidigung von Grug Ka’rell vermeiden können, gibt es wohl auch nicht. Sie hätten Ihren wohlverdienten Urlaub allerdings auch sinnvoller nutzen können, zum Beispiel gemeinsam mit Doc Stern.“
„David konnte leider nicht freibekommen. Bevor ich meine Ferientage unter Kriegsbeding-ungen verfallen lasse, komme ich lieber ein wenig hierher und gewöhne mich schon ein biss-chen ein. Schliesslich sind mir die Schiffe der Sovereign-Klasse noch nicht sehr vertraut. Davon abgesehen bieten Ihre Holodecks den reichhaltigsten und besten Fundus an Program-men in der gesamten Flotte, wie ich aus erster Hand erfahren habe.“
Learidini wollte eben zu einer Bestätigung ansetzen, als sich plötzlich ein Transferfokus um Kall bildete. Sie sah eben noch ihren verblüfften Gesichtsausdruck, bevor die Betazoide ver-schwand. Überrumpelt sah sie zu Lennard hinüber, der mit einem grimmigen Lächeln an den Transporterkontrollen stand.
„Lennard an Sicherheit. Sie werden eine Person in Ihre Arrestzelle gebeamt bekommen. So-bald sie materialisiert ist, errichten Sie ein Abschirmfeld und warten auf mein Eintreffen. Lassen Sie sich nicht auf eine Diskussion mit Ihrer Insassin ein, verstanden? Niemand redet mit ihr.“
„Verstanden, Captain. Sicherheit Ende.“
Sobald die Verbindung mit dem Arrestblockoffizier beendet war, fuhr Leardini ihn an: „Das ist nicht dein Ernst! Was denkst du dir dabei?“
Er entgegnete einfach: „Folge mir und lerne vom Meister.“
Sie öffnete den Mund zu einer Antwort, dachte einen Moment nach und schloss ihn dann wieder. „Gut, erleuchte mich, Meister.“
Kaum hatte sich die Tür zum Arrestzellenblock geöffnet, da vernahmen sie auch schon die aufgeregte, durch das Energiefeld der Zelle leicht gedämpfte Stimme von Kall. Leardini woll-te gleich um die Ecke zum betreffenden Arrestraum eilen, doch er hielt sie sanft, aber be-stimmt am Arm zurück. „Warte noch einen Moment.“
Sie sah ihn kurz entgeistert an, doch dann hörte sie wieder ihre Kollegin: „Das wird Ihnen noch leidtun, das verspreche ich Ihnen, Bürschchen. Begreifen Sie eigentlich nicht, wer ich bin? Hallo-o! Ich weiss ja nicht, wo Sie herkommen, aber ich diene in der Sternenflotte. Hier an meinem Kragen, das heisst ‘Commander’ bei uns. Interessant, nicht wahr? Ich bin der neue Erste Offizier der Fairchild. Wenn Sie mich jetzt vielleicht endlich herauslassen würden, damit ich den Captain aufsuchen kann?“
„Tut mir leid, Ma’am, aber ich habe direkte Anweisung vom Captain persönlich. Ich dürfte nicht einmal mit Ihnen reden.“ Der Lieutenant von der Aufsicht stand neben der grossen acht-eckigen Luke, in der das Kraftfeld erzeugt wurde, das Kall am Verlassen des Zellenraumes, in welchen Lennard sie gebeamt hatte, hinderte. „Ausserdem steht Ihnen Zynismus nicht, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, Ma’am.“
„Das... das ist alles nur ein schlechter Traum.“ Nach diesem resigniert klingenden Kommen-tar von Kall hörte man leise Schritte, die sich vom Energiefeld weg ins Innere der Zelle hinein bewegten.
„Ich denke, wir können jetzt,“ meinte Lennard und ging zum Zelleneingang. Sobald Kall ihn sah, sprang sie auf die Füsse und stürzte zur Eingangsluke.
„Captain! Können Sie mir bitte erklären, was das soll? Und können Sie mich endlich hier her-auslassen?“
„Was heisst hier ‘endlich’? Sie sitzen doch erst ein paar Minuten lang. Ein bisschen müssen Sie sich schon noch gedulden. Inzwischen können Sie mir vielleicht erzählen, weshalb Sie hierher geschickt wurden? Ich dachte, Ihr Volk sei schlauer, als noch jemanden zu mir zu schicken. Oder haben Sie vergessen, wie schnell ich Ihren Artgenossen erkannt habe? Das haben Sie wohl für Zufall gehalten, was?“ Er grinste fast ein wenig boshaft.
„Ich verstehe nicht... welche Artgenossen? Wovon reden Sie eigentlich? Sie glauben doch nicht etwa... oh mein Gott, das darf nicht wahr sein!“ Als die Erkenntnis in ihr heranreifte, zeigte sich blankes Entsetzen in den Zügen der Betazoiden.
„Stellen Sie sich nicht so dumm an. Haben Sie ernsthaft geglaubt, wir kaufen Ihnen diese dünne, unrealistische Geschichte ab? Wenn ja, dann ist das ein Glückstag für uns, denn er hat uns endlich einen von Ihnen beschert.“
Auf einmal breitete sich ein hintergründiges Lächeln auf Kalls attraktiven Zügen aus. „Jetzt verstehe ich! Das ist ihre Retourkutsche für mein unverhofftes Auftreten. Also gut, für eine kurze Zeit haben Sie mich wirklich Glauben gemacht, Sie würden mich für einen Formwand-ler halten. Sie haben also Ihren Spass gehabt, dann können Sie mich jetzt ja wieder heraus-lassen.“
Lennard sah sie unverwandt an. „Was haben Sie mit Commander Sam Kall gemacht? Ich will um Ihretwillen hoffen, dass es ihr gut geht.“
Kall war schon beinahe am Energiefeld angelangt, das sie einschränkte, hielt jetzt aber inne. „Sie glauben das nicht wirklich... oder? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“
„Warten Sie einfach noch ein Minütchen, dann werden wir ja sehen. Und bleiben Sie vom Energiefeld weg.“ Der Kommandant der Fairchild verzog keine Miene.
Kall seufzte und verdrehte die Augen. „Sie wollen das wirklich durchziehen? Das ist doch wohl nur ein schlechter Scherz. Soll ich etwa jetzt damit anfangen, intime Erlebnisse zu erzählen, von denen nur wir beide wissen, um Sie zu überzeugen? Zum Beispiel...“
„Das ist nicht nötig,“ wiegelte er schnell und bestimmt ab, „ich bin sicher, Sie kennen Mittel und Wege, eine Gefangene so weit zu verhören, dass Sie genug privates Material erfahren, um eine solche Befragung mit Bravour zu bestehen. Aber machen Sie sich keine Sorgen, in wen-igen Augenblicken treffen unsere Medo-Techniker ein, dann hat der Spuk ein Ende... so oder so.“
„Fein!“ rief Kall gereizt und beobachtete, wie ein Fähnrich drei Phasergewehre nach den Anweisungen von Lennard justierte, um notfalls die Gefangene in Schach halten zu können. Nur Sekunden darauf öffneten sich die Türen zum Gang hin und ein junger Fähnrich kam herein. Er wirkte sichtlich nervös.
„Da sind Sie ja! Bitte walten Sie Ihres Amtes. Lieutenant, bereiten Sie bitte die Deaktivierung des Kraftfeldes vor. Die beiden Herren mit den Phasergewehren bitte nach links und rechts, der Medo-Techniker tritt von vorne an die Testperson heran.“ Lennard wies seine Untergeb-enen an und trat zurück, um der Prozedur nicht im Weg zu stehen.
Kall sah nun beinahe flehentlich zu Leardini herüber. „Stefania, bitte! Sagen Sie mir, dass Sie mich nicht auch für einen Wechselbalg halten.“
Die Angesprochene wich ebenfalls einige Schritte zurück, als sie mit zweifelnder Miene sagte: „Naja, anfangs glaubte ich es nicht, aber inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher.“
„Fantastisch!“ Beleidigt verschränkte Kall die Arme vor der Brust und wartete einen Meter vor der Energiebarriere auf deren Abschaltung.
„Treten Sie bitte zurück, Commander,“ forderte der Lieutenant der Sicherheit die Inhaftierte bestimmt auf und fügte dann hinzu: „Ich schalte das Kraftfeld jetzt aus.“
Mit schlotternden Knien stand der Sanitäter vor der zu Untersuchenden und wisperte ihr leise zu, in der Hoffnung, der Captain möge es nicht hören: „Bitte tun Sie mir nichts. Ich muss diesen Test durchführen, davon haben Sie sicher schon gehört.“
„Für wie grausam und herzlos halten Sie uns eigentlich?“ gab Kall ebenso leise und mit ent-rüsteter Miene zurück.
Die Augen des jungen Menschen weiteten sich, dann wandte er sich den beiden Wachtposten zu und raunte: „Wenn bei ihr auch nur ein Muskel zuckt, dann schiesst ihr, verstanden? Und denkt daran, dass Betäubung zu schwach für sie ist.“
„He, das habe ich gehört!“ brauste Kall auf und erklärte hilflos: „Das war doch nur ein Scherz, Fähnrich! Haben Sie denn gar keinen Sinn für Humor?“
Ohne eine Antwort trat der Sanitäter über die knöchelhohe Schwelle der abgeschalteten Zellentür, während Kall regungslos verharrte, mit zwei geladenen Phasergewehren auf ihren Kopf und Oberkörper gerichtet. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie das pistolen-artige Blutentnahmegerät an ihrem Oberarm angesetzt wurde und sich das kleine, trans-parente Kunststoffröhrchen mit ihrem Blut füllte.
Gebannt starrten alle auf die Blutprobe, die der Medotechniker aus dem Gerät entnahm, hoch-hielt und leicht umschwenkte.
Nichts geschah.
Erleichtert atmete der Sanitäter auf, doch Lennard hob die Hand, als Kall mit düsterer, recht-haberischer Miene sagte: „Kann ich jetzt herauskommen?“
„Einen kleinen Moment noch,“ erwiderte Lennard und richtete das dritte modifizierte Phaser-gewehr auf seine ehemalige Conselor und drückte ab, bevor diese reagieren konnte. Ein gold-gelber, dünner und auf breite Streuung eingestellter Strahl fuhr am gesamten Körper von Kall auf und ab, ohne das geringste Resultat.
Leardini war noch immer bestürzt über das Erlebte, doch Lennard streckte nun seelenruhig und lächelnd die Hand aus und sagte: „Herzlich willkommen auf der Fairchild, Commander.“
„Ich glaube, ich werde ohnmächtig,“ kommentierte Kall fassungslos.
„Soll ich Sie stützen, Ma’am?“ fragte der Sanitäter mit plötzlicher Beflissenheit. Dann fing er ihren Blick auf, worauf er sich eiligst abmeldete und das Weite suchte.
Kall baute sich vor ihrem Vorgesetzten auf. „Sie haben doch nicht wirklich vermutet, ich sei ein Formwandler, der meinen Platz eingenommen hat?“
„Keinen Moment lang, meine Guteste,“ versicherte Lennard eine Spur zu schnell. „Aber Sie müssen doch selbst zugeben, dass Ihre Geschichte ein wenig unglaubwürdig war. Wir haben Krieg und es gilt gewisse Vorsichtsmassnahmen zu beachten.“
„Das mag schon sein, aber...“
„Dann verstehen Sie sicher auch, dass ich Sie in Ihrem Quartier arretieren werde und zwei Wachen im Raum postiert lasse, während ich Ihre Befehle beim Hauptquartier hinterfrage und mir noch zusätzlich die Geschichte von der Aldebaran bestätigen lasse. Selbst wenn alles in Ordnung ist, mir ist Ihr kleiner Ausflug ins Terroristen-Milieu noch allzu gut in Erinner-ung, als dass ich Sie unbeaufsichtigt lasse. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte nur nicht, dass Sie etwas Unüberlegtes tun.“ Er wies galant zum Ausgang hin.
„Was hat dieser Krieg nur aus Ihnen gemacht, Kyle? Es ist mitleiderregend.“ Hoch erhobenen Hauptes rauschte sie an ihm vorbei; die zwei Wachtposten folgten ihr auf dem Fusse.
Leardini sah ihn fragend an. „Stellst du dir so meine Schwangerschaftsvertretung vor? Das kann ja heiter werden.“
„Ich bin nur um die Sicherheit des Schiffes besorgt,“ meinte Lennard grinsend.
- 3 -
Als die Fairchild das Ribaalc-System erreichte und unter Warp ging, war es nach Bordzeit gerade später Abend. Leardini lümmelte sich müde auf dem Kapitänssessel und wünschte sich das Ende ihrer Schicht herbei. Die Schwangerschaft machte sich inzwischen bei ihrer körper-lichen Verfassung doch stärker bemerkbar, als ihr für die Ausübung ihres Dienstes lieb war. Sie würde bald nicht mehr uneingeschränkt ihren Pflichten nachkommen können, das sah sie selbst mittlerweile ein. Schliesslich musste sie auch das Kind in ihrem Leibe schonen.
„Da wären wir also,“ stellte sie desinteressiert fest. „Befindet sich diese Callisto schon im System?“
Der Leutnant an der Komm-Station schüttelte auf ihren fragenden Blick hin bedauernd den Kopf. „Alle Anfragen negativ. Keinerlei Subraum-Funkverkehr auf den üblichen Grussfre-quenzen, Commander.“
„Und die sollen doppelt so schnell sein wie wir? Momentan neige ich noch dazu, das für ein Gerücht zu halten,“ brummelte die Erste Offizierin unzufrieden, um sich dann der Navigation zuzuwenden. „Conn, haben Sie irgendwas auf den Sensoren?“
„Hier im System und im umgebenden Raum nicht, Ma’am. Ich schalte um auf Langstrecken-sensoren.“ Der junge Fähnrich sah nicht von seinen Instrumenten auf, als er konzentriert sei--ner Arbeit nachging.
Leardini setzte sich ein wenig aufrechter hin. „Das hätten Sie ruhig schon ein wenig früher tun können. Und wenn Sie mich noch einmal <Ma’am> nennen, werde ich mir für Sie etwas ganz Spezielles ausdenken, nach dem Sie sich vorkommen werden wie im ersten Jahr Ihrer Kadettenausbildung. Ist das klar, Fähnrich?“
Der junge Akademieabsolvent sass nun kerzengerade in seinem Sitz und blickte starr gerade-aus. „Ja, Sir!“
Mit einem befriedigten Grinsen dachte sie: <Na also, ich habe es nicht verlernt. Einmal Aus-bilder, immer Ausbilder. Ich würde gerne wissen, wie viele meiner Ex-Kadetten nachts noch meine Stimme in ihren Träumen hören.>
„Also, was macht die Abfrage der Fernbereichssensoren?“ erinnerte sie ihren Untergebenen mit süffisantem Unterton und holte ihn dadurch unvermittelt in die Wirklichkeit zurück.
„Einen Augenblick, bitte. Ja, ich habe eine Ortung, nähert sich aus Richtung 059,018 mit hohem Warp. Die Kennung bestätigt, dass es sich um die U.S.S. Callisto handelt, Entfernung knapp 27 Lichtjahre. Die Hintergrundstrahlung der hiesigen Sonne schränkt den Subraumfunk allerdings auf weitere Entfernungen erheblich ein, weshalb wir keine Verbindung bekommen können.“
„Ist das alles? Gibt es sonst nichts, was eine Meldung wert wäre?“ Leardini gab sich noch nicht vollends zufrieden.
„Eigentlich nicht, Sir. Das Muttergestirn des Ribaalc-Systems hat etwa den vierfachen Son-nendurchmesser und 51 Sonnenmassen, Oberflächentemperatur knapp 16000 Kelvin, Spek-tralfarbe bläulich. Drei Planeten, zwei kleine Felskörper der Klasse J, beide kleiner als 2’000 km und ein nicht klassifizierbarer Gasriese mit knapp 100’000 km Durchmesser. Ferner...“
„Einen Moment,“ unterbrach Leardini unwirsch, „was heisst ‘nicht klassifizierbar’? Wie wollen Sie behaupten, dass der dritte Planet ein Gasriese ist, wenn er nicht klassifiziert ist?“
Eilig rechtfertigte sich der Conn: „Ich dachte, aufgrund der Grösse des Körpers kann es sich eigentlich nur um...“
„Unsinn!“ tat die temperamentvolle Italienerin ab. „Ich habe vor einigen Jahren einen Plane-ten der Klasse J mit über 500’000 km Durchmeser gesehen. Was fällt Ihnen dazu ein?“
„Unmöglich! Ein so grosser massiver Körper würde allein schon aufgrund seiner Masse kol-labieren und...“ setzte der Gescholtene zu einem entrüsteten Protest an.
„Dann sollten Sie sich bei Gelegenheit vielleicht einmal die Spezifikationen des Alnilam-Systems ansehen, mein Gutester. Dieser heisse Überriese dürfte theoretisch aufgrund seiner physikalischen Charakteristika gar keine Planeten ausbilden können. In der Praxis aber bildet er, wie wir heute wissen, durch seine ungeheure Masse und Fusionstemperatur in seinem In-nersten Kern Gravitonen aus, die sich analog seines Magnetfeldes von den Polen aus in Feld-linien um Alnilam herum erstrecken. Dadurch gibt es eine ringförmige Zone in diesem Sy-stem, in der das Schwerefeld der Sonne besonders stark ist sowie innerhalb und ausserhalb dieser Zone zwei Gürtel, in denen die Gravitation schwächer ist und die Bildung von Planeten ermöglicht hat. Interessanterweise gibt es im inneren Gürtel fünf Planeten, dann eine riesige Lücke und schliesslich weit ausserhalb des Gravitonenfeldes noch einen einzelnen Planeten. Wir hatten das bei unserer ersten Erkundung gar nicht herausgefunden, brauchten aber mehr als anderthalb Tage, nur um den besagten grossen Planeten der Klasse J für Vermessungen zu umkreisen. Ein altes Forschungsschiff der Oberth-Klasse hat dann den Rest erledigt. Aber das, was wir taten... das war Pionierarbeit, mein Junge.“
Fast schon bewundernd stimmte der Fähnrich zu: „Da haben Sie wohl recht. Ich werde mir die Daten dieses Sternensystems bei nächster Gelegenheit ansehen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie es waren, die das Alnilam-System das letzte Mal erforschten, bevor es zur verboten-en Zone erklärt wurde. Haben Sie denn viele Planeten erforscht?“
Leardinis Augen weiteten sich, als sie ungläubig tönte: „Ja, haben Sie denn überhaupt eine Ahnung, wo Sie sich hier befinden? Captain Lennard ist der einzige Captain der Starfleet, der mehr als ein Prozent des Föderationsraumes kartografiert hat.“
Selbstverständlich verschwieg sie den Fakt, dass Lennard selbst diesen Fakt überhaupt nicht als Kompliment empfunden hatte, als ihm das ein Admiral einst bei einem Empfang offenbart hatte. Für ihn hatte das nämlich trotz all der interessanten Entdeckungen eine recht eintönige Fünf-Jahres-Mission in allen möglichen abgelegenen Winkeln der Föderation bedeutet.
Noch immer gab es viele unwichtige, nicht genau erfasste Systeme, die nur aufgrund ihrer all-gemeinen Lage in der Galaxie zum Föderationsraum dazugehörten, ansonsten aber in derart abgelegenen oder gar gefährlichen Gebieten lagen, mochte diese Gefahr nun astronomischer oder xenomilitärischer Natur sein, dass sich niemand wirklich dafür interessierte. Wenn die Tiefenraumscans keine direkten Hinweise auf irgendwelche lohnenswerte Ressourcen in sol-chen entfernten Winkeln ergaben, wurden sie meist nicht einmal der Mühe wert erachtet, ein Forschungsschiff dorthin zu entsenden.
Auch Ribaalc war ein solches System. Wären nicht die enormen Verschiebungen aller inter-stellaren Reiserouten durch die grossräumigen Grenzverschiebungen infolge des Krieges mit dem Dominion gewesen, wäre sicher noch lange Zeit niemand hierher gekommen. Nun, selbst so war Ribaalc nur ein Treffpunkt, der durch Zufall etwa auf halbem Weg zwischen beiden Schiffen auf der Route zu ihrem Bestimmungssektor lag.
Und dennoch wollte Leardini noch mehr über diese unwichtige Ecke erfahren, wahrscheinlich nur aus reiner Gewohnheit; war sie doch die meiste Zeit mit Lennard gemeinsam auf der Aldebaran gewesen, während sie den Alpha-Quadranten durchkreuzt und vermessen hatten. „Was können Sie mir noch über dieses System berichten?“
„Die Sonne produziert eine relativ hohe Hintergrundstrahlung mit mehreren Strahlungs-spitzen, die die Nahbereichssensoren bis in den Subraumbereich hinein beeinträchtigen. Bisher sind nur vierzig heisse Riesensonnen bekannt, die ein eigenes Subraumfeld erzeugen, wovon Ribaalc die kleinste ist. Genauere Daten von den Planeten können deshalb über diese Entfernung nicht erfasst werden. Und am Perimeter der Fernbereichssensoren registriere ich eine lokale Subraumverlagerung, die sich schnell nähert und in sehr tiefe Subraumschichten hineinreicht.“
„Klingt suspekt. Wie nahe kommt diese Erscheinung dem System?“
„Bei konstantem Tempo und Kurs wird es uns in etwa fünf Minuten in knapp einer Licht-woche Entfernung passieren. Die Geschwindigkeit der Erscheinung ist enorm; die Subraum-wellen unserer Sensoren können kaum Daten ermitteln, da das Phänomen beinahe so schnell ist wie die Wellen selbst. Und es zieht eine Art Schleppe hinter sich her, die bis zum Rand un-serer Sensorenreichweite zurückreicht.“ Ungläubig las der Conn seine Anzeigen ab.
„Kann das unserem Schiff gefährlich werden?“
„Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, da die Dimensionen der Erscheinung sehr klein und scharf umrissen sind. Aus angemessener Entfernung könnten wir genaue Daten sammeln und wären trotzdem sicher.“
„Na, dann nichts wie hin. Das sollten wir uns mal aus der Nähe ansehen.“
Sie flogen mit hohem Warp in die Nähe der Stelle, wo sie das voraussichtliche Passieren der Subraumwelle erwarteten. Leardini befahl vollen Stopp und erhob sich von ihrem Sessel, um langsam zur Conn-Station vorzuschlendern. Interessiert fragte Sie indessen: „Wie lange noch bis zum Eintreffen der Subraumwelle?“
„Nur noch vierzig Sekunden, Commander. Diese Signatur ist sehr ungewöhnlich; ich habe so etwas noch nie gesehen...“ Nachdenklich musterte der Fähnrich die Anzeige.
„Was hat denn die Computeranalyse ergeben?“ Die Erste Offizierin hatte nun den Steuerstand der Brücke erreicht und sah ihm über die Schulter.
„Die Computer... analyse? Oh, das... habe ich...“ Verlegen begann der junge Fähnrich zu stot-tern.
Leardini verdrehte die Augen nach oben. „Jetzt sagen Sie bitte nicht, das haben Sie vergessen. Muss man denn an alles selbst denken? Lassen Sie doch mal sehen...“
Ihr Blick fiel auf ein vertrautes Energiemuster.
Und ihre Augen weiteten sich.
„Alarmstufe Rot! Sofort alles auf Gefechtsbereitschaft. Captain Lennard auf die Brücke!“ Leardini hetzte zum Kommandantensessel zurück und warf sich fast hinein, so als erwarte sie gleich eine heftige Erschütterung.
Um sie herum reagierten die Besatzungsmitglieder zögerlich und mit fragenden Mienen. Sie bemerkte das und rief zornig: „Herrgott nochmal, was wir gefunden haben, ist ein Transwarp-Kanal! Mit ziemlicher Sicherheit fliegt in fünf Sekunden ein Borgschiff an uns vorbei, woran ich persönlich aber nicht glaube. Sie werden bestimmt auch Interesse an uns haben.“
Das wirkte.
Plötzlich waren alle hellwach und darauf bedacht, die Fairchild so schnell wie möglich ge-fechtsbereit zu machen. Ihre Schutzschirme konnten das Feuer eines Borgkubus zumindest für eine begrenzte Zeit abhalten, wie ihr Schwesterschiff Enterprise-E bereits bewiesen hatte. Leardini war jedoch nicht besonders erpicht darauf, das auszuprobieren.
Und wie von Leardini vorausgesagt, flog das Schiff nicht vorbei.
„Ein Körper tritt aus dem... dem Subraumkanal aus, Sir, geht unter Warp.“ Die Stimme des Conn zitterte leicht.
„Auf den Schirm,“ hauchte Leardini gebannt. Bitte nicht, dachte sie nur mit aufgestellten Nackenhaaren. Nicht noch einmal diese Hölle durchleben...
Auf dem Hauptschirm erschien der grünlich leuchtende Transwarpkanal, der nahe ihrer Posi-tion kollabierte und etwas in den freien Raum entliess. Mit Grauen erkannte Leardini an der Struktur und Farbe der Oberfläche, dass es sich um Borgtechnologie handelte. Die Form die-ses Flugkörpers jedoch war für sie etwas Neues. Er sah aus wie ein grosser quaderförmiger Sarg, der an jeder Kante eine zusätzliche diagonale Fläche eingearbeitet hatte. Von der Grösse und der Masse her erreichte er nicht einmal die Hälfte der Fairchild.
„So etwas habe ich noch nie gesehen,“ kommentierte der Steuermann fassungslos.
„Kann ich mir denken,“ gab Leardini lakonisch zurück und fragte dann nervös nach: „Was ist mit dem Captain? Wo bleibt er so lange?“
„Der Komm-Offizier rief noch einmal nach Lennard und meldete dann: „Ich kann ihn nicht erreichen, Commander. Dem Signal seines Kommunikators nach müsste er in seinem Quar-tier sein.“
Eine dunkle Vorahnung liess Leardini einen kalten Schauer den rücken hinablaufen.
„Schicken Sie sofort ein schwer bewaffnetes Sicherheitsteam dorthin.“ Sie wandte sich wie-der dem Schirm zu: „Was tun die da nur? Empfangen wir keine Aktivität?“
Als Merven und Dween auf die Brücke gestürmt kamen und ihre Stationen einnahmen, ant-wortete Wenjorook. „Keine feststellbare, Commander. Keine Lebenszeichen an Bord, aber of-fenbar ein instabiles Energierelais, soviel ich feststellen kann. Sollen wir weitere Massnah-men ergreifen?“
„Zunächst genauer scannen und abwarten, Mr. Wenjorook. Wir müssen irgendwie herausfin-den, was das alles soll. Halten Sie jedenfalls das Schiff mit sämtlichen Waffen erfasst.“ Ihr kam nicht einmal in den Sinn, das Schiff zu rufen. Mit den Borg zu diskutieren machte nach ihrer Erfahrung wenig Sinn.
„Aye, Commander. Allerdings werden wir nicht viel Gelegenheit zum Abwarten haben, denn wenn ich dem Computer glauben soll, wird sich der Primärantrieb in weniger als zehn Minut-en überladen und das Borgschiff zerstören.“ Wenjorook sah die befehlshabende Offizierin an, die kurz überlegte und dann auf den Turbolift zuging.
„Mr. Wenjorook, Mrs. Wuran, bitte folgen Sie mir. Wir nehmen noch drei Sicherheitskräfte mit, und zwar unsere besten, wenn es sich einrichten lässt. Treffpunkt Waffenkammer neben dem Transporterraum auf Deck Acht. Mr. Soares, Sie haben die Brücke. Los!“
Erst als sie schon mit einem Bein in der Liftkabine stand, realisierte sie, dass alle erstarrt auf ihren Plätzen geblieben waren und sie anstarrten. Erbost rief sie: „Na los, Bewegung! Ich weiss genau, was ich tue und was ich mir zumuten kann. Glauben Sie, ich denke nicht an mein Kind?“
Nun folgten ihr Wuran und Wenjorook zögerlich und mit betretenen Mienen in den Lift. Es war offensichtlich, dass Leardini mit ihrem Ausbruch den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
Es war dunkel auf dem Deck. Die sechs erscheinenden Transporterfokusse, die von einem lei-sen Summen begleitet wurden, änderten das nur kurz. Als die Gestalten sich materialisiert hatten, bestand ihre erste Handlung darin, ihre an den Handgelenken befestigten Lampen ein-zuschalten und sich in dem finsteren Korridor umzusehen. Beinahe gleichzeitig schalteten sie ihre Individualschilde ein, deren Generatoren an ihren Gürteln befestigt waren.
Wuran blickte einen kurzen Moment lang auf die groteske Gestalt von Leardini. Mit dem Schwangerschaftsbauch, dem Impulsgewehr in einer Hand und einem Tricorder in der ander-en, wirkte sie hier an Bord eines feindlichen Schiffes so fehl am Platz wie nur irgend mög-lich. Die Technik des Schiffes selbst schien dem Augenschein nach intakt zu sein, dachte die bajoranische Wissenschaftlerin.
Wuran las die Werte ihres Tricorders ab. „Ich empfange Reste von diversen Strahlungsarten. Dieses Schiff muss während des Transwarpfluges einer hohen Belastung ausgesetzt gewesen sein. In dieser Richtung empfange ich Reste von organischem Material, Entfernung zehn Meter.“
Wenjorook schob sich vor Leardini, bevor diese auf die Idee kommen konnte, den Trupp selbst anzuführen; schliesslich war er der Sicherheitschef der Fairchild, womit er das als sei-ne Aufgabe betrachtete. Mit dem Gewehr im Anschlag pirschte er den dunklen Gang entlang zur nächsten Biegung und verharrte vor der Ecke. Er hob die Hand, um die anderen anzuhal-ten, schaltete dann seine Lampe ab und spähte vorsichtig in den Bereich vor ihm. Dank seiner hervorragenden Nachtsicht konnte der Andorianer auch ohne zusätzliche Beleuchtung genug erkennen.
„Was sehen Sie?“ wisperte Leardini hinter ihm fast unhörbar.
Mit entspannter Haltung trat er vor und sagte: „Sehen Sie selbst. Das glauben Sie mir sowieso nicht.“
Und er hatte recht.
Leardini und die anderen folgten ihrem Sicherheitschef in einen rechteckigen Raum von etwa vier mal zehn Metern. Seine Wände waren angefüllt mit Konsolen, Instrumenten und Bedien-ungselementen. Alles schien zu funktionieren und seinen normalen Gang zu gehen, abgesehen von einigen Warnanzeigen, die wohl von der drohenden Explosion des Hauptantriebes zeug-ten.
Umso unheimlicher waren dafür die vier humanoiden Gestalten, die mitten in der Bewegung erstarrt waren und wie versteinert an den Geräten standen, die sie gerade bedient hatten, als etwas Unvorstellbares mit ihnen passiert sein musste. Den vielfältigen technischen Prothesen an ihren Körpern nach zu urteilen waren es eindeutig kybernetische Organismen.
Wuran bestätigte dann auch, was alle dachten: „Es sind Borg, Commander. Irgendetwas ist mit ihnen passiert, was ihren organischen Teil beeinträchtigt haben muss. Der Tricorder sam-melt noch Daten, aber ich habe bereits eine Vermutung... oh nein!“
Alle sahen erschreckt zu Wuran hin, als diese in nacktem Entsetzen aufschrie und folgten dann mit den Augen dem Strahl ihrer Handlampe. Er war auf den Kopf eines der Cyborg-menschen gerichtet, sodass nun alle erkennen konnten, welcher Art dieses Individuum vor seiner Assimilierung angehört hatte.
„Ein Jem’hadar!“ Leardini versagte die Stimme vor Grauen, so dass sie nur ein heiseres Flüstern zuwege brachte. Allein der Gedanke an die Möglichkeiten, die sich aufgrund dieser Entdeckung vor ihrem Geiste auftaten...
„Es waren alle Jem’hadar, Commander,“ berichtete Wuran und holte ihre Vorgesetzte damit wieder in die Wirklichkeit zurück. „Der Tricorder hat die Messungen abgeschlossen. Dem-nach ist dieses Schiff während des Vorbeifluges in der Nähe des galaktischen Zentrums in ein Gebiet geraten, wo sehr starke kosmische Kappa- und Lybra-Strahlung gemeinsam mit Theta-Strahlung auftrat. Offenbar hat die Kombination dieser verschiedenen Strahlungsarten in einer ansonsten nicht in der Natur vorkommenden Grössenordnung die Zellmembranen in ihren Körpern ausgehärtet. Ein furchtbarer Tod; sie sind regelrecht versteinert. Dieses Phäno-men ist mir bisher völlig unbekannt gewesen.“
„Wir haben auch nicht besonders viel Erfahrung mit Transwarpflügen im inneren Bereich der Galaxie,“ kommentierte ein Sicherheitsoffizier zynisch und machte die anderen darauf auf-merksam: „Wir sollten so schnell wie möglich alle Daten, auf die wir Zugriff erlangen kön-nen, aus ihren Speichern sammeln und dieses Horrorkabinett verlassen, bevor es explodiert.“
„Eine korrekte Einschätzung der Lage, Lieutenant,“ lobte Wenjorook und machte sich sofort daran, den Vorschlag in die Tat umzusetzen, ohne auf die Zustimmung seiner Kommandantin zu warten. Angesichts der Dringlichkkeit ihrer Lage sah Leardini darüber hinweg und betei-ligte sich stattdessen an der Datensammlung.
Kaum zwei Minuten später erklang ein Komm-Signal. „Brücke Fairchild an Aussenteam.“
„Hier Leardini. Was gibt es, Mr. Soares?“
„Hier Kall. Ich habe mir die Freiheit genommen, die Brücke zu übernehmen. Was haben Sie sich nur bei der Ausführung dieser Aussenmission gedacht, Stefania? Unseren Anzeigen nach überlastet das beschädigte Energierelais in weniger als sechzig Sekunden und wird den An-trieb des Borgschiffes in die Luft sprengen. Sie sollten sich unverzüglich zurückbeamen las-sen.“ Die Ernsthaftigkeit in der Stimme der jungen Betazoiden war unverkennbar.
„Einverstanden. Holen Sie uns zurück aufs Schiff.“ Leardini trat einen Schritt zurück von der Konsole, die sie mit ihrem Tricorder angezapft hatte und deaktivierte ihren Individualschild, damit der Transporter sie erfassen konnte. Sie nahm aus dem Augenwinkel wahr, dass die an-deren es ihr gleichtaten. „Sechs zum Beamen bereit.“
Kaum hatte sie das gesagt, erklang ein dumpfes Grollen tief im Inneren des Borgraumers. Be-gleitet wurde es von einem Vibrieren der kalten Metallplatten des Decks, auf welchem sie standen. Ein schwacher Hauch von warmer Luft strich über Leardinis Wange; wohl der ent-fernte Ausläufer einer Druckwelle. Die Anzeigen der Konsole vor ihr flackerten kurz, wurden dunkel und erhellten sich dann erneut, als die Versorgung der Anlagen im Raum von einem sekundären Energiekreis gespeist wurde, der den ausgefallen automatisch überbrückte. Dem-nach musste das hier eine wichtigere Steuereinrichtung sein, als Leardini eigentlich vermutet hätte.
„Fairchild, jetzt wäre kein schlechter Zeitpunkt zum Beamen,“ meldete sich Wuran und zitierte damit unbewusst den ironischen Standardwitz, der in solch heiklen Situationen beim Warten auf den Transport immer wieder unwillkürlich von irgendjemandem gemacht wurde, um die eigene Nervosität zu überspielen.
In diesem Fall hatte das jedoch nichts geschadet. Eine wesentlich heftigere Detonation holte sie beinahe von den Füssen, während ein ohrenbetäubendes Krachen ihre Sinne betäubte. Hin-ter der Ecke, aus der Richtung, von wo sie gekommen waren, gleisste blendende Helligkeit auf, während zugleich sämtliche Konsolen in ihrem Raum endgültig erloschen. Nach einem Moment erneuter Dunkelheit gab es eine weitere Explosion, die aus dem Gang grosse Metall-teile und -splitter an die Seitenwand der Biegung schleuderte, die zu ihrem Standort führte.
„Verdammt, holt uns endlich hier heraus!“ schrie einer der Sicherheitsoffiziere in einer Mi-schung aus Panik und ohnmächtiger Verzweiflung. Dann fegte eine Wolke aus erhitztem Gas und Feuer gegen die Ecke, schlug in den Gang und wallte auf sie zu. Doch nun endlich fühlte Leardini das vertraute und so ersehnte Kribbeln des Transportfokus, der sie dematerialisierte. Das letzte, was sie von dem unheimlichen und fremdartigen Borgschiff sah, waren die explodierenden Konsolen um sie herum, die tausende scharfer, erhitzter Plexsplitter durch ihre Körper hindurchjagten und eine Feuerwand, die auf sie zuschoss.
Dann nichts mehr ausser einem hellen Flimmern.
Und als nächstes stand sie unversehrt auf der Transporterplattform neben ihren Gefährten, die allessamt zornig auf den Fähnrich hinabblickten, der verlegen hinter der Bedienungsarmatur des Transporters stand.
Leardini entfuhr es ungehalten: „Was hat denn da, verdammt noch mal, so lange gedauert?“
„Bitte entschuldigen Sie vielmals, Commander, es war mein Fehler. Ich hatte die Koordinaten ihres Ankunftsortes in der Erfassung des Standortes gelassen, anstatt gleich ihre Lebenszei-chen oder Kommunikatoren zu erfassen. Ich habe jedoch mein Versäumnis gleich bemerkt, als ich nur heisse Luft herübergebeamt hatte und...“
Weiter kam er nicht, als einer der Sicherheitsoffiziere des Aussenteams, ein hochgewachsen-er, kräftiger Bolianer von der Transporterplattform stürmte und ihn mit einem einzigen ge-zielten Faustschlag über die Konsole hinweg niederstreckte. Mit geballten Fäusten stand er dann über dem überrumpelten jungen Asiaten und schrie ihn an: „Du hast nur heisse Luft gebeamt? Uns ist dieses ganze Scheiss-Schiff um die Ohren geflogen! Einen winzigen Aug-enblick später und du hättest heisse Leichen gebeamt, kapierst du das? Sieh dir das hier an, Mann!“
Erst jetzt sah der Transporterfähnrich, dass wirklich alle Uniformen des Aussenteams zu dam-pfen schienen vor Hitze. Ihre Haare waren ein wenig angesengt und alle menschlichen und auch die bajoranische Teilnehmerin ihrer Aussenmission hatten gerötete Gesichter sowie Hände.
„Bitte, nicht mehr schlagen! Helft mir doch,“ wimmerte der Fähnrich und hielt sich in einer bemitleidenswerten Geste die Arme schützend über den Kopf.
Leardini fragte mit unbewegter Miene: „Wobei sollen wir helfen? Wir haben Dank Ihrer In-kompetenz Verbrennungen zweiten Grades und müssen uns jetzt auf der Krankenstation be-handeln lassen. Wenn Sie Ihre Verletzung, die Sie sich wohl beim Ausrutschen und An-schlagen an der Konsole zugezogen haben müssen, ebenfalls behandeln lassen wollen, be-gleiten Sie uns besser. Heute wird niemand mehr das Pech haben, sich beamen lassen zu müs-sen.“
Der unerfahrene Fähnrich rappelte sich auf und schlich mit betretener Miene zum Ausgang.
Leardini sagte, sobald er ausser Hörweite war: „Ich wusste nicht, dass es personell derart schlimm um uns steht. Dass uns das Oberkommando solch unerfahrene und frontuntaugliche Kadetten schickt, die nur mit Mühe und Not die Ausbildung hinter sich gebracht haben und wahrscheinlich nur pro forma zu Fähnrichen ernannt wurden, um auf einem Schiff an der Front dienen zu können...“
„Wir haben alle klein angefangen, Sir,“ warf Wuran ein.
„Aber nicht unter Kriegsbedingungen,“ widersprach Leardini. „Diese Anfänger sind dem Druck nicht gewachsen und machen Fehler, übersehen Dinge, die Menschenleben und sogar das ganze Schiff gefährden... bereits gefährdet haben. Das ist nicht mehr lustig.“
„Lustig ist nichts an diesem Krieg, Stefania,“ gab Wuran zu bedenken und ging zum Ausgang. „Lassen wir uns behandeln? Ich kann Verbrennungen nicht ausstehen.“
Sie waren nicht lange auf der Krankenstation geblieben. Als Leardini und Wuran auf der Brücke ankamen, war keiner der Senioroffiziere auf seinem Posten. Fragend sahen sie sich um, was der Leutnant auf dem Kommandantensessel bemerkte und sich zu Wort meldete: „Oh, Commander! Ich soll Sie gleich in den Konferenzraum schicken; die anderen Führungs-offiziere haben bereits mit einer Besprechung angefangen.“
„Danke, Lieutenant.“ Wortlos steuerte sie den rückwärtigen Bereich der Brücke an, Wuran dicht auf den Fersen.
„Was ist da los?“ fragte sie sich beim Betreten der Beobachtungslounge.
Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Alle sahen auf, als Wuran und sie hereinkamen und ihre Plätze einnahmen. Lennard sah sie besorgt an und fragte: „Seid ihr in Ordnung?“
„Wir haben uns nur ein paar Verbrennungen eingehandelt. Doc Endi hatte das in ein paar Minuten behandelt, also sind wir jetzt wie neu.“
„Du hättest das Aussenteam in deinem Zustand nicht begleiten dürfen.“ Seine Stimme klang vorwurfsvoll, was Leardini wütend machte.
„Zunächst einmal bin ich noch voll diensttauglich, weshalb ich meinen Pflichten solange nachgehen werde, wie die Ärtzin mich lässt, und ausserdem habe ich das Team nicht beglei-tet, sondern in der Funktion des ranghöchsten Offizieres angeführt.“
„Und genau das hättest du nicht tun sollen. Du hättest auf der Brücke bleiben sollen, solange wir uns einem potenziell gefährlichen Borgschiff gegenübersahen.“ Er seufzte. „Und gefähr-lich war es leider wirklich.“
„Müssen wir das hier ausdiskutieren? Warum überhaupt diese Zusammenkunft? Und was war mit dir los? Du warst während eines Rotalarms in deinem Quartier nicht zu erreichen.“
„Ja, wie sich herausgestellt hat, war das eines der drei Prozent an Schiffselektronik, die noch nicht überprüft war. Stell’ dir das nur vor: die gesamte Komm-Anlage in zehn Quartieren auf unserem Deck war ausser Funktion, ohne dass das vom Computer bei einer Ebene-Eins-Dia-gnose entdeckt worden war. Ein starkes Stück, nicht wahr? Stell dir mein Gesicht vor, als ein Trupp bis an die Zähne bewaffneter Sicherheitsleute in unser Quartier gestürmt kam, mich aus dem Bett geholt und gefragt hat, ob ich auch wirklich nicht assimiliert worden wäre.“
„Ich bin wirklich untröstlich, Captain,“ warf Nirm ein, „und ich versichere Ihnen, so etwas wird nie wieder vorkommen.“
Lennard winkte ab. „Halb so schlimm, Lieutenant. Mit dem Fähnrich an der Transporterkon-trolle muss ich allerdings noch ein ernsteres Wörtchen reden. Durch sein Wirken stecken wir ja erst in der Klemme. Es steht ausser Frage, dass wir zuallererst...“
„Entschuldige bitte, aber wovon redest du eigentlich? Was ist passiert?“ Ratlos sah sich Lear-dini in der Runde um. Bis auf Wuran, die ebenso ahnungslos schien wie sie, suchten alle den Blickkontakt beim Captain. Nur Kall, die in Ermangelung eines zusätzlichen Stuhles mit ver-schränkten Armen lässig an der Wand lehnte, sah sie unverwandt an.
„Endi hat euch nichts gesagt?“ Lennard seufzte. „Dann will ich es kurz machen: wir sitzen in der Patsche, wie es so schön heisst.“
„Wie meinst du das?“
„Du erinnerst dich daran, dass es eine Explosion auf dem Borgschiff gegeben hat, als wir euch von Bord gebeamt haben.“
Seine Frau brummte leise. „Du meinst bestimmt die, bei der wir um ein Haar draufgegangen wären.“
„Nun, es war in der Tat eine Überladung des Energierelais, das direkt an die Transwarpspule des Schiffes angeschlossen war. Dadurch wurde eine Kettenreaktion ausgelöst, die das ge-samte Schiff zerstört hat. Unglücklicherweise haben unsere Transporter aufgrund der hohen Hintergrundstrahlung von Ribaalc hier im System nur eine begrenzte Reichweite. Deswegen war die Fairchild zu nahe an der Detonation und auch nicht in der Lage, ihre Schutzschilde aufzubauen, bis eure Materieströme nicht sicher an Bord gebeamt waren, weshalb uns die Auswirkungen voll erwischt haben. Und deshalb sitzen wir jetzt auch hier zusammen und be-raten, was zu tun ist.“ Er hob in einer Geste der Ohnmacht die Schultern.
„Wie schlimm ist es?“ Leardini schluckte, als ihr bewusst wurde, was Lennard ihr klarzu-machen versuchte.
„Die Explosion war sehr heftig. Ihr seid übrigens fünfzehn Sekunden im Musterpuffer ge-wesen, bis wir euch wieder sicher rematerialisieren konnten, da uns die Druckwelle ziemlich durchgeschüttelt hat.“ Noch während Leardini mit offenem Mund vor sich herstarrte und das Gehörte verarbeitete, richtete Lennard das Wort an seinen Chefingenieur: „Wie schlimm ist es also, Mr. Nirm?“
Der Lurianer furchte seine Stirn, was ihn für den unbedarften Beobachter noch nachdenklich-er und grimmiger wirken liess, als er ohnehin schien. „Meine Leute nehmen noch einige Aus-seninspektionen vor und erstellen dann den vorläufigen Bericht, aber nach dem, was ich bis-her gesehen habe, werden wir mindestens einen Tag sowohl ohne Warp- als auch Impulsan-trieb sein. Das Schildgitter braucht gottlob nur ein paar kleinere Instandsetzungsarbeiten und alle Umweltkontrollen sind augenscheinlich nicht betroffen, aber zwei Phaserbänke müssen wir generalüberholen. Das kommt auf meiner Liste aber erst nach dem Antrieb, denn solange wir nicht manövrierfähig sind, nützen uns auch keine Waffen.“
„Wir sind einen ganzen Tag ohne Triebwerke? Das ist hart.“ Lennard knirschte leise mit den Zähnen.
„Es kommt noch schlimmer, Captain.“ Unerwartet ergriff Merven das Wort, worauf Lennard den Kopf hob und ihn ansah.
„Mr. Soares, was haben Sie uns mitzuteilen?“
„Es geht um das Ribaalc-System, Sir. Wir hatten bereits eine recht hohe Geschwindigkeit re-lativ zum System gesehen; die Explosion des Borgschiffes indessen hat uns wie eine Breit-seite erwischt und uns einen ziemlich heftigen Anstoss gegeben. Wir treiben direkt in den Schwerkrafttrichter von Ribaalc III hinein. Wir könnten die Manövrierdüsen benutzen, bis der Fusionsbrennstoff ausgeht oder sämtliche Düsen heisslaufen - und zusätzlich mit allen Shutt-les, die über einen Traktorstrahl verfügen, das Schiff versuchen zu bremsen. Wir werden je-doch bestenfalls eine geringfügige Kurskorrektur vornehmen können; die Masse des Schiffes beträgt immerhin mehr als 3,2 Millionen metrischer Tonnen. Mit der Aldebaran hätten wir keine Chance gehabt; die Fairchild indes hat glücklicherweise nur gut die Hälfte ihrer Masse, sodass wir sie in eine Schleife lenken können und sanft in die obere Atmosphäre des Gasrie-sen eintreten. Dort können wir in Ruhe die notwendigen Reparaturen vornehmen oder auf das Eintreffen der Callisto warten.“ Er kratzte sich in seinem kurzen braunen Haar und sah den Captain erwartungsvoll an.
„Die Callisto! Sie kann doch...“ Leardini fuhr befreit lächelnd in die Diskussion zwischen den beiden.
Merven schüttelte bedauernd den Kopf: „Sie wird erst in einem knappen Tag eintreffen, sogar bei maximalem Warp. Wir werden in etwas mehr als sieben Stunden den ersten schnellen Vorbeiflug an Ribaalc III haben und können uns dann bequem in einer beschleunigten hohen Schleife der Rotation und der Umkreisungsgeschwindigkeit anpassen, bevor wir sanft in die Atmosphäre eintreten. Gottlob scheint diese Welt ein Gasriese zu sein, das macht die Sache um einiges leichter. Stellen Sie sich vor, wir hätten eine Welt der Klasse L oder M mit dichter Atmosphäre und fester Oberfläche erwischt.“
„Wir konnten diese Welt noch nicht genau klassifizieren, richtig?“ Lennard sah zu Wuran herüber.
„Es hat sich bisher noch nicht ergeben,“ meinte diese ein wenig lapidar und hob ein wenig be-dauernd die Achseln. „Es hat bisjetzt niemanden interessiert.“
„Glauben Sie, es wird uns nun vielleicht bald interessieren? Herrgott, das hier ist ein Schiff der Föderation der Vereinten Planeten mit einem Forschungsauftrag - und wir fliegen hier fröhlich herum in einem Sonnensystem, von dem wir praktisch nichts wissen. Angesichts die-ser Zustände sollte ich mein Offizierspatent zurückgeben und mich zur Ruhe setzen, aber es ist Krieg, wie vielleicht einige von Ihnen bereits gemerkt haben.“
Die Sitzung wurde unterbrochen von einer Meldung des Ingenieures, der die Instandsetzung leitete. „Lieutenant, wir sind soweit mit dem Splitter. Sollen wir beginnen?“
„Nur zu, fahren Sie fort wie abgesprochen. Nirm Ende.“ Als er die Verbindung beendete, be-merkte Nirm den fragenden Ausdruck auf den Gesichtern Leardinis und Wurans. „Ach, den Splitter haben wir Ihnen ja völlig vorenthalten. Wollen sie es sehen? Natürlich wollen Sie.“
Nirm ging behäbig zum Wandmonitor und aktivierte ihn. Man sah darauf die Unterseite der Maschinenhülle, auf die der bläulichgrüne Traktorstrahl eines Shuttles gerichtet war. Als sich der Energierichtstrahl bewegte, sah Leardini es.
„Mein Gott, das ist unglaublich!“
Der Traktorstrahl förderte langsam ein dunkelgraues, spitz zulaufendes Fragment der Aussen-hülle des Borgschiffes zutage, das mindestens dreissig Meter lang war und in einem flachen Winkel von der Seite her in den Rumpf ihrer Aussenhülle eingedrungen war. Erst jetzt, als die Ingenieure ihn hinauszogen, erkannte man die gewaltigen Ausmasse des ‘Splitters’.
„Das hat uns getroffen?“
„Was Sie hier sehen, war das mit Abstand grösste Trümmerstück, das uns getroffen hat. Wir haben hunderte von kleineren Hüllenbrüchen und einen grossen Durchschlag in der Steuer-bord- Warpgondel. Jetzt verstehen Sie sicher, warum wir so lange ausser Gefecht sind.“ Nirm machte eine unbestimmte Geste mit einer Hand. „Ich muss den Hut ziehen vor der Härte und Torsionsfestigkeit dieses Materials. Allein der grosse Splitter hat zwei Decks durchschlagen und die gerade frisch eingebaute primäre Plasmaleitung zur Backbord-Warpgondel sauber durchtrennt wie ein Laserskalpell ein Stück Cremetorte. Zum Glück hat diesmal die Notab-schaltung sofort die Plasmazufuhr unterbrochen, sonst wäre uns vermutlich noch einmal die halbe Maschinenhülle um die Ohren geflogen. Mir genügt das eine Mal, seit dem ich übrigens humpele, aber ich will Sie nicht mit meinen persönlichen Problemen belästigen.
Der Durchschlag in der Warpgondel macht ein wenig Probleme, da wir ohne Raumdock die perforierte und deformierte Warpspule nicht austauschen können. Also werden wir das Ab-deckgitter der Gondel öffnen und sie hinauswerfen, analog zur entsprechenden Spule auf der intakten Seite. Wir haben gottlob den jahrgangsbesten Abgänger der Akademie für Warpfeld-mechanik ins technische Team bekommen. Er schreibt bereits die Befeuerungssequenzen für die neue Konfiguration mit einer Spule weniger pro Warpgondel um. Für ihn ist das nicht mehr als eine nette kleine Hausaufgabe, wie er sich ausgedrückt hat.“
„Wenigstens ein kleiner Lichtblick.“ Lennard sah auf seine ineinandergefalteten Hände. „Wie weit können Sie unsere Warpkapazität wiederherstellen?“
„Mehr als Warpfaktor Acht ist nicht drin, bevor wir nicht in der Werft waren. Tut mir leid, aber Warpspulen führe ich nicht im Ersatzteillager - wer kann schon so etwas ahnen?“
„Was kommt noch alles?“ stöhnte Dween.
„Ich denke, vorläufig wäre das alles. Lassen wir die Reparaturteams ihre Arbeit machen und warten die Auswertung der Daten ab, die das Aussenteam an Bord des Borgschiffes gesam-melt hat. Mr. Nirm, fordern Sie so viele Leute mit sekundärer technischer Ausbildung an, wie Sie benötigen. Die Instandsetzung der Schiffssysteme haben natürlich oberste Priorität.“
Lennard hatte keine Zeit zum Ausschlafen, da er bereits kurz vor sechs Uhr morgens von Wu-ran gerufen und in die Stellarkartografie gebeten wurde. Mit kleinen Augen kam er dort an und registrierte sogleich, dass auch Merven zugegen war. „Guten Morgen. Ich hoffe, Sie hab-en die Antworten auf ein paar wichtige Fragen gefunden.“
Merven nickte. „Sie werden es nicht bereuen, so früh von uns aus dem Bett geholt worden zu sein, auch wenn es Ihnen nicht gefallen wird. Wir dachten, wir präsentieren Ihnen noch vor dem Swing-By an Ribaalc III, was wir an Fakten über das Borgschiff gesammelt haben.“
„Also gut, schockieren Sie mich!“ forderte er den Steuermann der Fairchild auf.
Merven rief eine dreidimensionale Projektion des sie umgebenden Raumes auf. „Zuerst ein-mal: wo sind sie hergekommen? Dafür habe ich eine ganze Weile gebraucht, denn das konn-ten wir anhand ihrer Logbücher nicht mehr rekonstruieren. Also bin ich der Frage nachge-gangen: warum sind sie ausgerechnet hierher geflogen? Die Antwort wird Sie überraschen.
Ich habe ein Stück ihres Kurses verfolgen können, und zwar den letzten Teil bis hierher. Mir fiel auf, dass sie über eine sehr weite Strecke nicht ein einziges Mal den Kurs gewechselt hab-en. Aufgrund verschiedener Dinge, die wir Ihnen gleich darlegen werden, müssen wir anneh-men, dass sie das gar nicht konnten.“
Die Darstellung verkleinerte sich im Massstab, bis Lennard auf die Hälfte der Galaxie blicken konnte, durch die sich eine schmale rote und kerzengerade Linie bis dicht an den hellleucht-enden Kern der Milchstrasse und weiter in den ihnen gegenüberliegenden Teil erstreckte und sich dabei zum Teil gefährlich nahe an Sternen, Nebeln und anderen Raumphänomenen vor-bei durch den Raum schlängelte. „Ich konnte den Kurs weiter zurückverfolgen bis in den Gamma-Quadranten, tief ins Territorium des Dominion hinein. Sie sind einzig und allein hierher geflogen, weil auf dieser Strecke nirgendwo etwas im Weg ist. Es ist die einzige freie Passage, auf der man vom Gamma-Quadranten bis in den Föderationsraum geradeaus fliegen kann, ohne auf ein Hindernis im Raum zu stossen.“
„Aber warum das Dominion? Haben die Borg das Dominion assimiliert? Angesichts des Krie-ges hier kann das nicht möglich sein,“ warf Lennard ein.
Wuran rieb sich den Nasenrücken. „Nein, so schlimm ist es nun doch nicht gekommen. Sie konnten die Borg unter erheblichen Verlusten zurückschlagen, was sie natürlich nicht sehr glücklich gemacht hat. Sie wissen schon, sie haben es ja uns zu verdanken, dass die Borg erst auf sie aufmerksam geworden sind. Den gefundenen Daten nach haben sie dabei ein paar dieser Borg-Scoutschiffe erbeutet, inklusive aller Borg-Technologie an Bord. Zwei davon haben sie mit Mühe und Not flugfähig gemacht und benutzen sie jetzt dazu, den Transwarp-antrieb zu testen. Da sie nichts über die Auswirkungen des Transwarps auf humane Organis--men wussten, haben sie wohl einige Jem’hadar ‘geopfert’ und diese als Versuchskaninchen eingesetzt, wenn wir das alles fehlerfrei rekonstruiert und die Lücken in den Dateien richtig interpretiert haben.“
„Wie schlimm kann das noch werden?“ stöhnte Lennard.
„Oh, sehr viel schlimmer,“ bemerkte Wuran gespielt fröhlich. „Dies hier war den Daten nach der erste Prototyp, ein weiterer soll bald hierhergeschickt werden, um den Antrieb zu testen. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Quadern war offenbar die Schildkonfiguration, die sie auf zwei verschiedene Weisen so modifizieren konnten, dass sie der Besatzung das Überleben ermöglichen konnten... oder sollten“
„Wie kommt es dann, dass die Jem’hadar an Bord des Borgquaders assimiliert waren?“ Der Kapitän der Fairchild wurde immer ratloser, je mehr er erfuhr.
„Wir mussten lange in den geborgenen Daten suchen, bis wir die Lösung dieses Rätsels ge-funden haben,“ meinte Merven müde. „Das Dominion hat einen hohen technischen Entwick-lungsstand, wie wir wissen; in vielen Gebieten sind sie uns noch weit voraus, vor allem was die militärischen Aspekte ihrer Technologie angeht. Wir sind zwar schwer am Aufholen, iron-ischerweise nur durch die Notwendigkeit des Überlebens, die uns dieser Krieg aufzwingt. An-dererseits sind sie nicht so sehr flexibel, was die Erschliessung und Anpassung anderer Tech-nologien betrifft, wie wir bei der Übernahme des von ihnen erbeuteten romulanischen War-bird feststellen konnten. Wie ich bei einem Gespräch mit einem Mitglied des Ingenieurstabs der Sternenflotte kurz vor unserem Start in der Werft erfahren habe, nehmen wir an, dass zu-mindest ein Teil der Technik des Dominions von anderen Rassen angeeignet und nicht selbst entwickelt wurde. Es ist jedenfalls eine plausible Erklärung.
Die Ingenieure des Dominions standen nun vor der Aufgabe, die erbeuteten Borgschiffe zu analysieren und von der überlegenen Technik zu profitieren. Schnell hatten sie erkannt, dass der Transwarp-Antrieb die einzige ihnen bekannte Alternative zum Wurmloch sein würde, um in einer annehmbaren Zeit vom Gamma- in den Alpha-Quadranten und somit zum Kriegs-geschehen zu gelangen. Allerdings hatten sie offenbar keine Ahnung, wie sie die Antriebs-technik von den Borgquadern in ihre Schiffe übertragen sollten, weshalb sie die Originale dir-ekt für Testflüge verwendeten. Sie haben den Aufzeichnungen zufolge noch ein zweites die-ser Scoutschiffe, da sie dieses hier so leichtfertig einsetzen.
Wir wissen ebenfalls, dass den Gründern ein einzelnes Leben nichts bedeutet und sie vor al-lem ihre gentechnisch erzeugten Soldaten, die Jem’hadar, ohne das geringste Zögern kalblüt-ig und berechnend zu ihrem grössten Nutzen einsetzen und auch opfern. Sie müssen, wie grausam das für uns auch klingen mag, einen Weg gefunden haben, die Assimilationstechnik der Borgquader teilweise in Betrieb zu halten und ihre Besatzung in Borg umzuwandeln. Sie versprachen sich wohl davon, die ihrer Meinung nach höhere Widerstandskraft der Borg bei den gefährlichen Testflügen für ihre Zwecke einzusetzen.“
Lennard hob die Hand. „Moment mal. Wie soll das denn funktioniert haben? Die Kontrolle der Jem’hadar-Besatzung nach der Umwandlung in Borg, meine ich?“
„Sie müssen einen Weg gefunden haben, die Programmierung des Schiffes nach dem Ab-schneiden vom kollektiven Verstand der Borg dahingehend verändert zu haben, dass das Schiff und die gesamte von ihnen eingesetzte Besatzung als ein autonomes, ‘kleines’ Kollek-tiv funktioniert hat, mit der von ihnen eingespeisten Mission als Zielvorgabe. Diese bestand offenbar darin, einen Flug direkt hinter die feindlichen Linien zu unternehmen und damit die Tauglichkeit des Antriebes zu beweisen. Dass die Besatzung den Flug nicht überlebt hat, war wohl einfach Pech für sie. Ich nehme an, das Ausfallen der Crew und der damit einherge-hende Mangel an Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten am Schiff hat zu dem Defekt ge-führt, der zu dessen Zerstörung geführt hat, nachdem das Schiff den Transwarp-Transfer be-endet hat und hier aufgetaucht ist. Wir waren zufälligerweise zur rechten Zeit am rechten Ort, sonst hätten wir sicher nie etwas davon mitbekommen.“
„Und jetzt sitzen wir hier und treiben steuerlos durchs All, während das Dominion seinen zweiten, möglicherweise erfolgreichen Testflug vorbereitet und damit einen Weg findet, per Transwarp ihre Schiffe und Material an die Front zu bringen. Wunderbar!“ Lennard schlug mit der Faust auf die Bedienungselemente der Stellarkartografie.
Wuran warf vorsichtig ein: „Sie werden mit dem zweiten Schiff aller Voraussicht nach Erfolg haben, Kyle.“
Sein Kopf flog herum. „Wie kommen Sie bloss darauf?“
„Ich habe die Daten des Missionsbetreuers eingehend studiert. Darunter war auch so etwas Ähnliches wie ein persönliches Logbuch von ihm. Er hat bewusst den Verlust der ersten Mis-sion in Kauf genommen, um Daten für die Perfektionierung des zweiten Testfluges sammeln zu können. Dieser Herr scheint ein Anhänger der Filosofie zu sein, dass man mehr aus seinen Fehlern als aus seinen Erfolgen lernen kann.“
„Sie meinen, er kannte Henry Ford? Dieser Borgquader war ein Ford des 24. Jahrhunderts?“
„Bitte lenken Sie nicht ab, Sir, ich kenne keinen Ford. Was ich meine, ist, nach diesen Auf-zeichnungen haben sie geplant, die gesamte Telemetrie ihres Fluges inklusive aller Lebens-zeichen der gesamten Besatzung per Subraum-Richtfunk mit Transwarp-Geschwindigkeit ins Dominion zu senden. Nach Auswertung dieser Daten wird der zweite Quader angepasst, was nur eine Frage von Stunden sein dürfte. Den Aussagen dieses Ingenieurs nach hängt von die-sem zweiten Flug alles ab. Wenn er erfolgreich sein wird, werden sie am Zielort eine Funk-boje des Dominions abwerfen und sofort danach wieder zurückfliegen. So erfahren auch ihre Truppen hier von den Bemühungen in der Heimat. Sollten Sie Erfolg haben, werden wahr-scheinlich erhebliche Ressourcen für die Anpassung der Transwarptechnik an Jem’hadar-Schiffe aufgewendet werden. Meines Erachtens nach wird es weniger als ein Jahr dauern, bis sie das vollbracht haben.“
„Und dann können wir uns ergeben,“ fügte Lennard niedergeschlagen hinzu. „Bei einem der-artigen technologischen Vorsprung ist ihr strategischer Vorteil einfach zu hoch.“
„Nicht unbedingt, Sir,“ widersprach Wuran, „dieser Ingenieur hat nämlich ausserdem durch-blicken lassen, dass bei einem weiteren Fehlschlag der Weiterentwicklung sämtliche Mittel von der Vorta-Bürokratie aberkannt würden. Sie stehen dem Projekt offenbar sehr misstrau-isch gegenüber und betrachten das Experimentieren mit Borgtechnologie, und sei der Nutzen daraus noch so hoch, als unverantwortliches Spiel mit dem Feuer.“
„Womit wir einen kleinen Strohhalm haben, an den wir uns klammern können. Zum ersten Mal kommt uns die blasierte Überheblichkeit der Vorta als rechte Hand ihrer ‘Götter’ nun zu Hilfe. Wer hätte das gedacht?“ Wider Willen musste Lennard lächeln.
„Wir müssen nur unser Schiff wieder flottkriegen oder auf die Hilfe der Callisto warten. Und vielleicht ist das zweite Schiff bereits gestartet.“ Merven starrte mit düsterer Miene in das dunkle All vor sich.
„Dann sollten wir uns alle Mühe geben, das zu verhindern. Kommen Sie mit!“ Lennard ver-liess eilig die Stellarkartografie und marschierte mit weit ausholenden Schritten zum nächsten Turbolift.
- 4 -
Auf der Brücke bot die grosse blaubraune Kugel auf dem Hauptmonitor ein atemberaubendes Bild, das Lennard nicht aus den Augen liess, während er zu seinem Sessel ging und sich lang-sam setzte. Am rechten Rand sah er drei kleine Shuttles, die mit ihren Traktorstrahlen letzte Anstrengungen unternahmen, die Fairchild in eine höhere Bahn um die Welt vor ihnen zu schleppen.
„Bericht,“ forderte er knapp.
Merven glitt hinter seine Konsole, während seine Vertretung ihm ein paar Worte über den Stand der Dinge zuflüsterte, sodass er erläutern konnte. „Wir befinden uns noch fünf Minuten vom Swing-By-Punkt entfernt. Die Schilde werden auf ihr räumliches Maximum ausgedehnt und bremsen uns ein wenig durch den Reibungswiderstand in den obersten dünnen Luft-schichten des Planeten. Zehn Sekunden vor der grössten Annäherung starten wir eine Korrek-tursequenz mit sämtlichem verfügbaren Steuerdüsenschub aller nach achtern gerichteten ReaktionsKontroll-Steuerdüsen. Dadurch gelangen wir in eine hohe Umkreisungsschleife, auf deren Scheitelpunkt wir mit den Front-RKS zu bremsen beginnen. Das dürfte genügen, um einen stabilen, flachen Sinkkorridor zu erreichen, auf dessen Gleitpfad wir sanft mit relativ kleiner Geschwindigkeit zur Planetenrotation in die Atmosphäre eintauchen können.“
„Hoffen wir, dass das klappt. Die Computerprognosen sehen gut aus?“ wollte Lennard zweif-elnd wissen.
Der Steuermann nickte: „Ein Routinemanöver, Sir. Nur was den Planeten selbst angeht, ist noch einiges offen. Unsere Sensoren werden durch ein Subraumfeld gestört, das den gesam-ten Planeten umgibt. Die Klassifizierung wechselt ständig zwischen den Klassen B und N hin und her, ohne sich genau festlegen zu können. Wir haben auch schon eine Sonde hinabge-schossen, doch auch deren Signale werden vom Subraumfeld der Welt blockiert. Zuletzt haben wir ein schwaches Positionssignal erhalten, doch jetzt befindet sie sich hinter dem Ho-rizont, was die Signale wieder abschirmt.“
„Wie kann ein Planet ein Subraumfeld erzeugen? Das ergibt doch keinen Sinn. Bei Ribaalc selbst verstehe ich das ja noch, obwohl dieses Phänomen auch bei Sonnen schon selten genug ist... aber ein Planet?“ Lennard runzelte die Stirn und sah über die Schulter zur wissenschaft-lichen Station.
Wuran rief einige Daten ab und sagte dann: „Nach dem, was ich zur Zeit sagen kann, erzeugt der Planet selbst gar nicht das Feld. Er besitzt jedoch ein extrem starkes Magnetfeld, welches den Sonnenwind einfängt, wie beispielsweise die Erde es tut. Dies ist hier auch in der Sub-raumdomäne der Fall, wobei die Feldlinien genau wie beim Magnetfeld angeordnet sind, das heisst, die Feldlinien treten an einem Pol der Welt aus, laufen entlang der Nord-Süd-Achse des Planeten und treten am anderen Pol wieder ein. Was diesen Effekt erzeugt, kann ich mit den mir vorliegenden Daten noch nicht sagen. Wenn ich mir eine Fernaufnahme des Planeten im Subraumbereich ansehe, erscheint es wie eine Aufnahme der Erde im magnetischen Be-reich. Als gäbe es eine Art Van-Allen-Gürtel, die die Subraumenergien, oder wenigstens ein-en Grossteil davon, um die Welt herumleiten. Der selbe Effekt schirmt die Welt auch von un-seren Sensoren ab, so dass wir keine genaueren Daten über sie sammeln können.“
Lennard sah besorgt aus. „Wir machen demnach eine Fahrt ins Unbekannte. Mit einem nahe-zu nicht manövrierfähigen Schiff. Es kann kaum noch schlimmer kommen.“
„Bitte sagen Sie so etwas nicht, Sir,“ rief ein junger Lieutenant erschrocken, „sonst kommt es am Ende wirklich noch schlimmer.“
Wütend drehte sich Lennard zur Komm-Station um. „Sind Sie etwa abergläubisch? Ich ver-bitte mir künftig derlei Kommentare, ist das klar?“
„Jawohl, Sir. Bitte entschuldigen Sie.“ Verlegen senkte die blonde Alpha-Centaurin den Kopf.
„Wir erreichen den Punkt für die Beschleunigungssequenz. Volle Kraft auf alle RKS nach achtern. Zusatzenergie auf die Trägheitsdämpfung.“ Merven gab getreulich weiter, was er nun gerade tat.
Die geheimnisvolle Welt glitt links an ihnen vorbei und verschwand dann aus der direkten Sicht, während die äussersten vorderen Bereiche der Schutzschilde durch die Reibungshitze der Luft, das unter diesen Umständen eine dünne Plasmaschicht bildete, schwach rötlich glüh-ten. Für wenige Momente waren sie so tief gewesen, dass man detaillierte Strukturen in den Wolkenmassen unter ihnen hatte erkennen können. Es hatte ausgesehen, als müsste man nur hinabgreifen und könnte die wabernden Schwaden berühren.
Lennard fragte gespannt: „Wie lange ist die Brenndauer?“
„Etwa zwei Minuten, Captain. Wir haben lange herumgerechnet, weil wir in der Navigation nicht mehr daran gewöhnt sind, mit so grossen Gefährten wie der Fairchild nach rein ballist-ischen Gesetzen zu fliegen.“ Der Trill zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Schon gut, Mr. Soares, wird schon glattgehen,“ beschwichtigte Lennard zuversichtlich. Wenn die Triebwerke jetzt versagen würden, wäre ihre Rückkehrbahn zum Planeten zu steil und selbst die Schilde würden dann nicht verhindern können, dass sie in der Atmosphäre der unbekannten Welt verglühen würden.
Dies war nicht die Aldebaran.
Leise murmelte Merven: „An dieser Stelle passt ein Zitat von James A. Lovell ausgezeichnet: ‘Wir haben gerade Sir Isaac Newton ans Steuer gesetzt’. Passt doch, oder?“
Ebenso leise erwiderte Darrn neben ihm: „Schon, aber wer war Lovell?“
„Der Kommandant von Apollo 13, einer der ersten terranischen Weltraummissionen,“ klärte der Trill seinen vulcanischen Kollegen auf.
„Und was hat er so gemacht auf dieser Mission?“
„Oh, das wollen Sie nicht wisen, Mr. Darrn. Wirklich nicht.“ Merven warf einen kurzen Sei-tenblick auf seinen Kollegen. „Aber Sir Isaac Newton kennen Sie, oder?“
Zur Antwort erhielt er ein leicht gereiztes Knurren. „Ich kann nicht jeden einzelnen unbedeu-tenden Raumfahrer in der gesamten Geschichte der Föderation kennen, oder?“
Also weiter im Text, dachte er.
„Gleich haben wir den Scheitelpunkt unserer Schleife erreicht. RKS sind ausgeschaltet; für die Dauer der Scheitelpunkt-Durchquerung fliegen wir ballistisch. Sobald wir wieder stärker abwärts gerichtet sind, geben wir Korrekturschub zum Ausbremsen und Einschwenken in un-seren Sinkflugkorridor auf der anderen Planetenseite.“
„Captain, ich empfange ein schwaches Subraum-Signal aus dem System,“ meldete die Komm-Offizierin. „Es kommt aus dem Trümmerfeld des Borgschiffes.“
„Das ist nicht ihr Ernst!“ Lennard fuhr aus seinem Sessel hoch.
„Ich fürchte doch, Captain. Es ist eindeutig eine Dominion-Signatur. Offenbar eine Nachrich-tenboje; sie sendet einen komplexen, verschlüsselten Signalstrom.“
Lennard rief aufgeregt: „Schnell, erfassen Sie das Ding mit einem Quantentorpedo; wir müs-sen unbedingt verhindern, dass das Dominion im Alpha-Quadrant von diesen Transwarp-Tests Wind bekommt.“
Wenjorooks Finger jagten über die Instrumente der taktischen Station. „Ziel erfasst, Quanten-torpedo abgefeuert. Zeit bis zum Einschlag drei Sekunden.“ Er wartete kurz und meldete dann: „Ziel zerstört, Sir.“
Einen Moment später bestätigte die junge Komm-Offizierin: „Die Sendung hat abrupt ge-stoppt, Sir. Offenbar wurde die Sonde vernichtet.“
„Gut. Meinten Sie vorhin so etwas in dieser Art, als Sie sagten, es könne noch schlimmer werden, Lieutenant? Nun, jetzt ist es schlimmer. Diese Sonde war offenbar durch die Explo-sion in Mitleidenschaft gezogen worden und konnte sich erst jetzt aktivieren.“ Auf eine Ant-wort wartend, sah Lennard seine Komm an.
„So etwas konnte doch keiner ahnen, Sir,“ verteidigte sie sich mit Tränen in den Augen, „ich meinte doch nicht, dass Sie etwas heraufbeschwören würden, wenn Sie...“
„Schon gut.“ Müde winkte er ab. „Ich hab’s wohl nicht anders verdient. Mit einer guten Portion Pech haben wir jetzt das Dominion auf dem Hals, wenn die Boje lange genug senden konnte. Ach was, wahrscheinlich schicken Sie aus reiner Neugier eine Patroullie über die Grenze, um dem Dominion-Signal nachzugehen, auch wenn sie gar nichts entziffern konnten. Ich hoffe nur, es kommt nicht zu dick für uns.
Senden Sie jedenfalls der Callisto eine Sonde mit einer codierten Warnung entgegen. Sie sol-len nicht unbedarft ins offene Messer hineinlaufen.“
„Aye, Sir.“ Froh, etwas tun zu können, bereitete die Komm-Offizierin eine entsprechende Botschaft vor und machte eine Sonde abschussbereit.
„Wir nähern uns wieder dem innersten Punkt unserer Schleife. Bremsschub voraus liegt noch immer an. Wir führen einen kleinen Swing-By aus und treten während eines halben Umlaufes in unseren Sinkflug ein.“ Merven wirkte gar nicht nervös, obwohl er solch ein Manöver wahr-lich nicht jeden Tag durchführte.
Lennard sah zu Wuran herüber. „Können Sie jetzt mehr über Ribaalc III in Erfahrung brin-gen?“
„Das sollte kein Problem sein, da wir jetzt ständig in nächster Nähe zum Planeten sind und auch viel langsamer um ihn kreisen als beim ersten Vorbeiflug. Ausserdem sind wir wieder auf der gleichen Seite wie die Sonde, so dass wir direkt von ihr Messdaten empfangen. Um die Schilde herum bildet sich zwar während des Fluges durch die Atmosphäre wieder eine Umhüllung aus erhitzten Gasen, bis wir genügend Geschwindigkeit abgebaut haben, doch das stört nur Funkfrequenzen, Subraumübertragungen sind davon nicht betroffen.
Die obere Atmosphäre besteht zum grössten Teil aus Wasserdampf, kein freier Sauerstoff vorhanden. Spuren von Stickstoff und diversen Edelgasen. Einen Moment, das ist seltsam... offenbar bilden sich die Wassermoleküle um diverse Schwebstoffe herum zu Tropfen aus, ge-naueres kann ich aber noch nicht sagen, da die Konzentration der Gase in dieser Höhe zu ge-ring ist. Ich könnte die Sonde in eine tiefere Schicht lenken...“
„Tun Sie das,“ befahl Lennard sogleich, worauf die Bajoranerin die entsprechenden Steuer-kommandos an ihrer Konsole eingab.
„Das ist ungewöhnlich... so verhalten sich keine normalen Gase. Die Dichte nimmt immer weiter zu, um dann den Übergang zu einer Flüssigkeit zu vollziehen. Ich kann jedoch nicht genau ausmachen, wo dieser Übergang liegt; hier ist es noch ein Gas, dort weist es die Cha-rakteristika eines Ozeanes auf, einfach so ohne erkennbaren Grund. Das ist kein Gasriese im herkömmlichen Sinne. Auch das flüssige Medium ist...“ Sie brach plötzlich ihren einem Selbstgespräch gleichen leisen Redeschwall ab und sah auf.
„Das Wasser ist mit allen möglichen metallischen Elementen gesättigt, Captain. Unter ander-em mit Eisen, Nickel, Kobalt, Chrom, Titan, Verterium, Kaabonit, Kortenid... es müssen Dutzende von Elementen sein, die frei im Wasser als Schwebeteilchen vorhanden sind. So et-was habe ich noch nie in natürlicher Form in dieser Zusammensetzung gesehen. Keine der sonst üblichen Salzionen mit niederer Ordnungszahl vorhanden. Wir haben hier vielleicht etwas Einmaliges entdeckt.“
Lennard zog eine Augenbraue hoch. „Nun, das mag ja schön und gut sein, aber behindert uns das bei den Reparaturen in irgendeiner Weise?“
„Ich denke nicht. Da die Dichte dieses Wassers sehr hoch anzusiedeln ist und die Fairchild für ihr Gewicht ein ziemlich grosses Volumen einnimmt, dürfte unser Rumpf einiges an Auf-trieb erzeugen und wir sollten nicht zu tief einsinken. Der Wasserdruck wird kein Problem für unsere Schilde werden, und Aussenreparaturen sollten ebenfalls nicht viel problematischer als im freien All sein.“
„Wenigstens eine gute Nachricht,“ brummte Lennard.
Merven meldete: „Wir tauchen in die Atmosphäre ein. Jetzt werden wir gleich sehen, was Ihre Voraussage wert ist, Mrs. Wuran.“
Und just in diesem Augenblick kamen sie hinter der Nachtseite hervor und erlebten einen wunderschönen Sonnenaufgang, indem sie gleichzeitig in die ersten dünnen Nebelschleier eintauchten. Erst jetzt konnte man erkennen, wie gut das Schiff inzwischen an die Eigenrota-tion des Planeten angepasst war und sich sanft und ohne grosses Rütteln in die nun dichter werdenden Schwaden hinabsenkte.
„Das sieht wirklich gut aus, Mr. Soares,“ lobte Lennard seinen Steuermann gönnerhaft, währ-end er ihm über die Schulter sah.
Leardini kam auf die Brücke geschlendert und sagte: „Guten Morgen, miteinander. Ich hoffe, alle hatten eine so gute Nacht wie...oh!“
Als sie bemerkte, dass sie bereits im Anflug auf Ribaalc III waren, verstummte sie und ver-folgte fasziniert das Eintauchen in die obere Gashülle des Sternes. Sie bemerkte, wie die Lichtstärke rasch abnahm, je tiefer sie kamen.
„Ich habe mal wieder die Hälfte verpasst, wie? Naja, daran werde ich mich in Zukunft wohl gewöhnen müssen.“ Ergeben liess sie sich in ihren Sitz neben dem des Captains sinken.
Merven schaltete nun die Aussenscheinwerfer ein, als es draussen immer finsterer wurde, doch auch die starken Lampen vermochten die Dunkelheit nicht weiter als einen knappen Ki-lometer weit zu durchdringen. Er bremste daraufhin das Schiff noch stärker, worauf es wenig-er schnell vorwärts, aber ein bisschen schneller abwärts durch das sie umgebende Medium glitt. Gewissenhaft meldete er: „Geschwindigkeit noch sechzig m/s, Sinkgeschwindigkeit zehn m/s, langsam abnehmend. Das Schiff hat eine ausgesprochen gute Aero- beziehungswei-se Hydrodynamik; es bremst sich im dichter werdenden Umgebungsmedium von selbst ein, ohne dass die strukturelle Integrität gefährdet wäre. Schilde halten.“
„Gut, sobald wir eine stabile Lage eingenommen haben, können sich alle von der taktischen und der Navigationsabteilung bis auf eine Rumpfmannschaft zu den Reparaturtrupps melden. Wir werden jeden verfügbaren Mann brauchen können, der uns irgendwie zur Hand gehen kann.“
„Aye, Sir.“ Merven nahm seinen Blick nicht von den Instrumenten; von ihm hing jetzt einiges ab.
Keiner merkte, wie Kall hektisch auf die Brücke geeilt kam, bis sie den Sitz des Kapitäns er-reicht hatte. „Captain, ich muss mit Ihnen reden!“
„Was haben Sie denn, Sam? Stimmt etwas nicht?“ Mit gerunzelten Augenbrauen reagierte er auf ihre offensichtliche Erregung.
„Da draussen ist irgendetwas!“ rief sie und zog damit die allgemeine Aufmerksamkeit der Brückenbesatzung auf sich, ungeachtet der momentanen Lage. „Ich kann es ganz deutlich spüren. Es befinden sich intelligente, empfindungsfähige Wesen auf dieser Welt.“
Lennard starrte sie an, als habe sie den Verstand verloren. „Kommander, auf dieser Welt kann es nichts geben, da es kein auf gibt. Darf ich Sie daran erinnern, dass dies hier eine Mischung aus Wasserdampf und schwermetallverseuchtem Wasser ist? Was sollte hier leben können?“
„Bitte, Captain, wir alle wissen doch, dass es die vielfältigsten Formen von Leben in der Galaxie gibt. Wie können Sie es prinzipiell ausschliessen, dass es hier keines geben soll?“ Kall wirkte beinahe beleidigt.
„Die Umweltbedingungen hier sind aber doch ziemlich lebensfeindlich, das sehen Sie doch ein?“ wollte Stefania in einem Anflug von Verständnis von ihr wissen.
„Wer sagt denn, dass es hier nicht so etwas wie eine künstlich geschaffene Umgebung gibt? Ein von einer hochstehenden Zivilisation geschaffene Station oder ein Schiff. Wir sind schliesslich auch hier und sind noch bei bester Gesundheit. Es könnten Schmuggler sein oder vielleicht gar ein geheimer Stützpunkt der Jem’hadar?“
„Ein interessantes Argument. Wir sollten auf jeden Fall wachsam sein, solange wir uns hier befinden. Können Sie denn etwas Genaueres sagen?“
„Tut mir leid, Captain, dazu sind die Gedanken zu schwach, wahrscheinlich aufgrund von grosser Entfernung zu den Wesen. Schliesslich ist dies hier eine gewaltige Welt.“ Kall schüt-telte bedauernd ihren Kopf mit der langen, dunklen Mähne.
„Sehen Sie, mit etwas Glück haben wir unsere Ruhe, bis das Schiff repariert ist. In spätestens zwanzig Stunden können wir der Sache ja nachgehen oder zumindest ein paar weitere Sonden hierlassen, wenn wir weiterfliegen. Können wir mit den Sensoren etwas ausmachen?“
Darrn verneinte: „Die Interferenzen durch die Substanzen im Wasser sind zu gross, die Reich-weite beträgt nur noch wenige Kilometer.“
„Wir erreichen gleich unsere Endposition,“ meldete Merven. „Stehen jetzt still. Aussendruck entspricht der Tiefe von sechzehn Kilometern in einem salzwasserhaltigen Meer. Ich habe einen Vorschlag zu machen, Captain.“
„Nur zu, Conn.“
„Die Schwerkraft auf dieser Welt entspricht etwa 0,7 g. Wenn wir die künstliche Schwerkraft ausschalten würden, könnten wir einiges an Energie sparen und die Reparaturen gingen viel-leicht auch etwas leichter von der Hand. Ich müsste nur die Geometrie der Schilde ein wenig anpassen, um uns sozusagen ‘auszutrimmen’ und die Fairchild in einer aufrechten Position zu halten.“ Merven sah seinen Kommandanten an.
„Eine gute Idee, Mr. Soares. Tun Sie das. Ich denke, einigen von uns tut es sogar gut, für eine gewisse Zeit etwas ‘unbeschwerter’ zu sein.“ Lennard lächelte hintergründig.
„Ja, Sir,“ bestätigte der Trill grinsend und begann damit, das Schiff in die Horizontale zu ma-növrieren und die Grundform der Schilde so anzupassen, dass sie auch in der Ebenen blieben. Die Fairchild befand sich jetzt gewissermassen im Inneren einer ellipsoiden Energieblase mit weniger als tausend Meter Höchstdurchmesser, umgeben von der absoluten Schwärze eines unbekannten Ozeanes, in dem sie in sechzehn Kilometer Tiefe dahintrieben.
„Ich reduziere allmählich die künstliche Schwerkrafterzeugung des Schiffes und gebe ein wenig Zusatzenergie auf die Strukturellen IntegritätsFelder. Ich glaube, es ist höchst unge-wöhnlich für ein Schiff dieser Grösse, einem planetaren Schwerkraftfeld ausgesetzt zu sein, da kann das nicht schaden, denke ich.“
„Aber hält dieses Feld nicht normalerweise Beschleunigungen von über 1200 g bei voller Impulsbeschleunigung aus?“ wollte Dween von ihrem Freund wissen.
Geduldig erklärte Merven: „Das ist richtig, aber stets nur in Längsrichtung. Eine dauernde Be-lastung nach unten relativ zum Schiff gesehen ist normalerweise nicht vorhanden, deswegen wollte ich auf Nummer Sicher gehen.“
„Eine löbliche Vorsichtsmassnahme,“ bestätigte Lennard und rief dann den Maschinenraum. „Mr. Nirm, wie sieht es bei Ihnen aus?“
„Wir haben gerade mit den Arbeiten begonnen, für die wir warten mussten, bis das Schiff im Ruhezustand ist. Ich ziehe jetzt sämtliche Hilfskräfte ein, die während des Fluges andere Auf-gaben zu erfüllen hatten. Ich rechne mit vierzehn Stunden, wenn keine unvorhergesehenen Komplikationen auftreten und uns diese Welt keinen Ärger macht.“
„Wollen wir’s hoffen,“ erwiderte Lennard und beendete die Verbindung. Dabei kreuzte sein Blick den von Kall, die noch immer mit beunruhigter Miene neben ihm stand.
„Ich spüre es noch immer, Kyle,“ sagte sie leise. „Da draussen befinden sich Lebewesen, da bin ich mir sicher.“
„Spüren Sie irgendwelche Empathien? Feindseligkeit, Aggression, Zorn?“ Ein wenig miss-trauisch musterte er sie, als sie in sich hineinzuhorchen schien.
„Nein, nichts Konkretes,“ gab sie dann zu. „Wie gesagt, die Distanz ist offenbar zu gross.“
„Dann schlage ich vor, wir lassen es für den Augenblick dabei bewenden.“ Lennard stand auf und wanderte ein wenig auf der Brücke umher, da momentan aufgrund ihrer Lage einige Stationen nicht besetzt sein mussten und sich so etwas wie eine Pausenstimmung auf der Kommandozentrale des Schiffes ausbreitete.
Merven arbeitete intensiv an seiner Konsole, was Lennard wunderte, da er jetzt auch nichts zu tun hatte, solange ihr Schiff steuerlos und automatisch von den Schilden ausbalanciert im Wasser trieb. Erst beim Näherkommen sah er, dass sein Steuermann Daten aufrief, durchlas, zuordnete und bearbeitete.
„Sollten Sie nicht bei den Reparaturtrupps mithelfen?“ fragte er mit einer milden Strenge in der Stimme.
Über die Schulter hinweg entgegnete Merven: „Das ist richtig, Sir. Ich steuere eines der Shuttles, das die defekten Warpspulen aus den Gondeln entfernen soll. Der Ausbau dauert noch mindestens eine Stunde, wie mir der Leiter des betreffenden Ingenieurteams mitgeteilt hat. Ich nutze die Zeit, um etwas über die verschiedenen Steuerungs- und Orientierungs-mechanismen von Fahrzeugen in flüssigen Medien nachzulesen, die in unserer Datenbank vorhanden sind. Mir ist auch schon etwas Interessantes untergekommen: eine primitive Me-thode, mit der man bestimmen kann, ob und in welcher Entfernung sich feste Gegenstände in der näheren Umgebung befinden.“
„Das klingt nützlich, da unsere Sensoren aufgrund des Metallpartikelgehaltes im Wasser ja praktisch nutzlos sind. Worum handelt es sich?“ Neugierig liess sich Lennard auf dem Rand der Konsole nieder.
„Hier, ich zeige es Ihnen. Es ist ein Reflexionssystem, das auf mehreren Welten für Über- und Unterwasserfahrzeuge verwendet wird, von manchen Kulturen schon seit Jahrhunderten. Auch auf der Erde kam es früher zum Einsatz.“ Merven rief ein Schaubild auf. „Dort ist das Fahrzeug. Es sendet in Intervallen einen hochfrequenten Schallimpuls aus, der sich durch das Wasser fortpflanzt und, sobald er auf ein Hindernis trifft, von diesem zurückgeworfen wird. Wenn das Echo den Empfänger erreicht, kann dieser aufgrund der Zeit und der Kenntnis der Geschwindigkeit, mit welcher sich der Schall im Medium fortbewegt, präzise den Abstand und die Richtung bestimmen.“
„Das hört sich gut an. So werden wir wenigstens erfahren, ob es einen festen Planetenkern gibt und falls ja, wie hoch über Grund wir uns befinden. Wir können uns sicher sein, dass uns kein festes Hindernis im Weg ist, auf das wir zutreiben.“ Lennard feixte. „Ausserdem finden wir so eventuell auch die Phantome von Commander Kall. Können wir so ein System ein-richten?“
„Ich denke schon, Sir,“ gab der junge Trill lächelnd zurück. „ Da sich im Inneren des Schild-parameters ein Vakuum befindet und dieses keinerlei Schallwellen leitet, müssen wir eine physische Verbindung nach draussen schaffen, um verwertbare Daten zu erhalten. Wir müs-sen meiner Meinung nach vier Sonden an einem festen Kabel an je einer Ecke des Schiffes herablassen, bis sie die Schilde passiert haben und sich im freien Meer befinden. Damit dürf-ten wir ein dreidimensionales Bild des Meeresbodens erhalten. Die Commander hilft mir sicher gerne dabei, ein paar Sonden mit Schallresonatoren auszurüsten; ihr liegt ja schliess-lich eine Menge daran, mehr über diese angeblichen geheimnisvollen Wesen herauszufin-den.“
„Betrachten Sie sie als Freiwillige.“ Lennard winkte Kall an sich heran, die nichtsahnend mit einem Lächeln zu ihnen trat.
„Und Mrs. Dween hat sicher auch nichts gegen einen kleinen Zeitvertreib, bis wir wieder funktionstüchtig sind,“ fügte Merven süffisant hinzu.
Eine knappe Stunde später waren die drei Offiziere, denen sich überraschenderweise noch eine der Neuankömmlinge angeschlossen hatte, mit der Modifikation der vier Sonden fertig. Die junge blonde Skandinavierin, die unter Mervens Kommando als Steuermann und Brück-enmaat diente, schob gerade eine Antigrav-Transportplattform in den Frachtraum, in dem sie die vier alten Torpedogehäuse umgebaut hatten.
„Das war gar nicht so schwer, wie ich dachte,“ bemerkte Dween und schloss das Gehäuse des letzten Sondenkörpers. „Ich dachte eigentlich, ich bin technisch nicht so sehr begabt, aber das hier ging mir doch ganz gut von der Hand.“
„Es war auch keine Nobelpreis-Arbeit, ein paar schallerzeugende Elemente in Sonden einzu-bauen und Halterungen für eine kombinierte Ankerleitung und ein Datenübertragungskabel anzubringen. Ich fand es interessant, einmal wieder so etwas in dieser Art zu tun.“ Kall wie-gelte die Tragweite ihrer Tat ab.
„Auf jeden Fall können wir mit uns zufrieden sein,“ meinte Merven und setzte sich an die Kontrollen des Traktorstrahles, mit dem innerhalb des Raumes Fracht bewegt werden konnte. „Annika, schieben Sie die Plattform bitte neben die Sonden.“
„Ja, Sir,“ bestätigte die junge Frau und fuhr die knapp über dem Boden schwebende und bei-nahe zwei Meter lange Transportvorrichtung in Position, worauf Merven zuerst zwei der Son-den nebeneinander auflud, dann ein passgenau ausgeformtes Zwischenstück und zuletzt die anderen beiden obenauf.
„Haben Sie die Halte- und Datenkabel repliziert?“ wollte der Trill wissen.
Fähnrich Annika Svensdottir nickte. „Gemäss Ihren Vorgaben, Lieutenant. Ich habe sie be-reits mitsamt den Winden in die vorgesehenen Frachtschleusen gestellt und am Boden fix-iert.“
„Ausgezeichnet, Fähnrich,“ lobte Merven lächelnd, „ich muss aufpassen, dass Mr. Nirm kei-nen Wind von ihrer handwerklichen Geschicklichkeit bekommt, sonst bin ich Sie vielleicht bald los.“
Die frisch von der Akademie Stammende strahlte bei diesen Worten ihres Vorgesetzten. „Vielen Dank, Sir. Ich gebe mir Mühe, ihn nichts davon wissen zu lassen.“
Kall bemerkte daraufhin Dweens finstere Miene und flüsterte der Halbvulcanierin zu: „Mach-en Sie sich nichts daraus, das brauchen die Männer ab und zu einfach, dass ein junges Ding sie anhimmelt. Es gibt Ihnen Selbstvertrauen.“
Verblüfft ruckte Dweens Kopf herum. „Sie können wohl Gedanken lesen?“
„In der Tat, jedoch brauchte ich diese Fähigkeit dafür nicht. Das hätte selbst ein Blinder mit einem Visor erkannt, was in Ihnen vorgeht.“ Sie strich ihrer Kollegin über den Oberarm. „Und vergessen Sie nicht, ich war jahrelang Counselor.“
Dween nickte und lächelte die Betazoide, die etwa einen Kopf kleiner war als sie, dankbar an. „Das ist nett gemeint von Ihnen, aber ich glaube nicht, dass ich mir Gedanken wegen eines blutjungen Fähnriches machen sollte. Sie ist weit weg von zu Hause, unerfahren und unsicher und braucht ein Vorbild, dem sie nacheifern kann.“
Anerkennend spitzte Kall die Lippen zu einem leisen Pfiff. „Ich sehe schon, Sie verstehen ebenfalls etwas von Ihrem Metier. Sehr beruhigend, wenn man sich als Erster Offizier auf seine Senioroffiziere verlassen kann.“
Sie folgten Merven und Svensdottir, die die Antigrav-Einheit hinausschoben, in einigem Ab-stand. „Senioroffiziere hört sich immer so nach alten Leuten an, finden Sie nicht auch, Mrs. Kall?“
„Bitte nennen Sie mich doch Sam. Und ja, ich finde, Sie haben recht, Shania. Ich selbst bin gerade erst dreissig Erdenjahre alt und teile Ihre Auffassung daher.“
„Sie haben schon einiges erreicht in Ihrem Leben.“ Dween konnte nicht umhin, ihre Kollegin
bewundernd zu mustern.
„Und dabei hat es vor wenigen Jahren so ausgesehen, als wäre meine Karriere bei Starfleet komplett ruiniert. Aber das erzähle ich Ihnen lieber ein andermal, denn es ist eine ziemlich lange Geschichte, und ich muss sorgfältig darüber nachdenken, was ich davon erzählen darf, denn ein Grossteil ist für streng geheim erklärt worden.“ Kall bog in den Gang ein, der zur nächsten Frachtschleuse führte, wo sie die erste Sonde zum Herablassen vorbereiteten.
Sie hatten eine Winde, auf der das Kabel aufgerollt war, am Boden der Frachtschleuse ver-ankert und befestigten das Ende des Kabels jetzt an der Halterung der Sonde. Dann schlossen sie das Schott, evakuierten die Schleusenkammer und öffneten danach das Aussenschott. Mit einem schwachen Traktorstrahl, mit dem ansonsten Fracht bewegt wurde, zogen sie die Sonde soweit heraus, dass sie am Kabel hing und liessen sie dann herab bis zum Schildperimeter. Da sie die Abschirmung des Torpedogehäuses auf die Frequenz des Schutzschildes eingestellt hatten, glitt es mühelos durch die Energiebarriere hindurch.
„Die Sonde bleibt in der Senkrechten, Sir,“ berichtete Svensdottir, die die Instrumente der Winde kontrollierte. „Ihre Berechnungen bezüglich des Ballastes waren korrekt.“
„Haben Sie etwa daran gezweifelt?“ fragte Merven mit gespielter Entrüstung.
„Selbstverständlich nicht, Sir,“ antwortete der Fähnrich und himmelte seinen Vorgesetzten erneut an, worauf Kall und Dween unbemerkt im Hintergrund belustigt Grimassen schnitten.
Noch drei weitere Frachtschleusen, dann hingen von den vier ‘Ecken’ der Maschinensektion die Sonden hinab ins Wasser.
Kaum auf der Brücke angekommen, suchten sie die Wissenschaftsstation auf, wo sie eine Konsole für Sonarmessungen ausgerüstet hatten. Auch Lennard sah Merven interessiert über die Schulter, als dieser mit den Messungen begann. Im Raumschiff selbst konnte man natür-lich nichts von den lauten Schallimpulsen hören, da der luftleere Raum im Innerern der ‘Schildblase’ sie vollkommen isolierte.
„Müsste man jetzt nicht bald etwas erkennen können?“ wollte Lennard ungeduldig wissen.
„Das hängt davon ab, wie tief dieser Ozean ist, wenn man das überhaupt so nennen kann. Die Geschwindigkeit der Schallwellen ist in diesem Medium sehr hoch, da die Dichte des Was-sers aufgrund seiner Inhaltsstoffe und der niedrigen Temperatur in dieser Tiefe ebenfalls sehr hoch ist. Aber dennoch wird es eine Weile dauern. Ausserdem kann es gewisse Zonen geben, bei denen Wasserschichten mit relativ hohen Temperaturunterschieden direkt übereinander liegen. An diesen Grenzschichten werden die Schallwellen je nach Auftreffwinkel gebrochen oder reflektiert. Nach unten hin sollten diese Thermoklinen allerdings keine Auswirkungen auf die Messung haben.“
Nach etwa zehn Minuten sagte Merven gereizt: „Also, entweder liegt der Grund extrem tief... oder diese Welt hat keinen festen Kern.“
„Und sie haben auch sonst nichts feststellen können?“
„Tut mir leid, Captain. Keine schwimmenden Objekte im Wasser, soweit ich das sagen kann. Es kann vielleicht noch Stunden dauern, bis wir überhaupt irgendein Echo empfangen.“ Bedauern zuckte Merven mit den Achseln.
„Sie können ruhig bei den Reparaturteams helfen, Mr. Soares. Ich werde hier für Sie die Stel-lung halten,“ bot Svensdottir an.
„Vielen Dank, Fähnrich. Dann muss ich Lieutenant Nirm nicht länger warten lassen.“ Dank-bar lächelnd stand Merven auf und überliess ihr den Sitz. Dween verzog das Gesicht und be-rührte Kall am Handgelenk.
< Ich kann mir das nicht länger mitansehen, wie sich dieses listige Ding an ihn anbiedert. Ich wette, es macht sie an, dass sie noch die Wärme von ihm auf der Sitzfläche an ihrem kleinen Hintern spürt.>
Kall spürte eine leichte Überraschung, als sich diese Gedanken in ihrem Bewusstsein formten. Sie hatte gewusst, dass Dween eine Halbvulcanierin war, aber dass die Kontakttelepathie mit einer Betazoiden so gut funktionieren würde, hatte sie nie für möglich gehalten. Sie musste wider Willen lächeln.
< Übertreiben Sie nicht so, Shania. Für Sie ist sie doch keine ernstzunehmende Konkurrenz. Und dass Mr. Soares das geniesst, ist typisch für einen Mann. >
Dween verzog das Gesicht. < Haben Sie eine Ahnung! Sein erster Wirt Enian Soares war ein notorischer Schwerenöter. Da fällt es einem manchmal schwer, so unbefangen über dieses Thema zu denken. >
< Ich hoffe für Sie, dass Sie sich irren. > Und mit diesem Gedanken zog Kall sanft die Hand zurück und sah lächelnd weg.
Merven stieg in die Frachtfähre ein, mit der er die eine der beiden Warpspulen aus der Gondel
entfernen sollte. Mit ihm ging ein Fähnrich, der den Traktorstrahl des Shuttles bedienen soll-te, an Bord. Ohne lange Umschweife aktivierten sie den Antrieb und warteten darauf, dass sich die Hangartore öffneten.
Als sie schliesslich auseinanderglitten, keuchte der Fähnrich auf. „Sehen Sie nur, Lieutenant Commander! Man könnte fast meinen, wir befinden uns im All.“
Langsam schob sich die Fähre hinaus und steuerte das Heck ihres Schiffes an. Merven besah sich die absolute Schwärze um sie herum, die tatsächlich einen Hauch von Unendlichkeit ver-breitete, doch dann schüttelte er den Kopf. „Nicht ganz, Fähnrich; die Sterne fehlen. Dies hier ist totale Finsternis, wie im Inneren eines schwarzen Loches.“
Darauf schwieg der junge Techniker betreten, bis sie sich über der Backbord-Warpgondel be-fanden, deren Feldgitter in der Mitte auseinandergeklappt waren, sodass man von oben freien Blick auf die einzelnen Warpspulen hatte. Ziemlich weit vorne an einer für sie gut zugäng-lichen Stelle erkannten sie am Herumgewusel der mit Raumanzügen bekleideten Mechaniker, welche der Spulen betroffen war und herausgeholt werden sollte. Als sie noch etwa zehn Me-ter über der Stelle waren, erkannten sie auch, wie stark dieser massive, annähernd ringför-mige Körper aus einer speziellen Metalllegierung durch den eingedrungenen Borgtrümmer deformiert worden war. Die Ein- und Austrittsstelle in der Aussenhülle des Warppylonen hatten die Mechaniker bereits notdürftig versiegelt.
„Sieht böse aus. Meinen Sie, wir bekommen die Spule frei?“ Der Fähnrich beugte sich weit vor, um aus dem Fenster noch etwas unter sich erkennen zu können.
„Soweit ich weiss, liegt sie bereits frei. Das eigentliche Problem ist ihr Gewicht. Wenn wir dieses Teil im freien Weltall herausgeworfen hätten, hätten wir es um einiges einfacher ge-habt. Jetzt befinden wir und auf einem Planeten mit 0,7 g und die Spule hat eine Masse von fast 10.000 Tonnen, die wir anheben müssen. Unser Shuttle allein schafft das nicht, dafür brauchen wir noch zwei weitere Fähren mit einem Traktorstrahl von mindestens unserer Stärke.“ Merven wirkte ein wenig verärgert über die Techniker, die ihnen diese Misere schlicht durch falsche Planung eingebrockt hatten. Hätten sie die von ihm eben erwähnte Tat-sache gleich berücksichtigt, müssten sie jetzt nicht im Inneren der Schildblase der Fairchild solch riskante Manöver ausführen.
„Da sind die anderen beiden Shuttles, Sir. Wir werden gerufen.“ Der Fähnrich setzte sich mit den beiden anderen Piloten in Verbindung, worauf Merven mit ihnen den Einsatz der Trak-torstrahlen besprach.
Sie benötigten etwa fünf Minuten und zahlreiche Versuche, bevor sie alle drei die Spule exakt erfasst hatten und sie anheben konnten. Der Fähnrich warnte Merven: „Die Traktorstrahl-Generatoren werden diese Belastung nicht lange aushalten können.“
„Es wird schon reichen,“ beschwichtigte der Trill seinen Untergebenen und konzentrierte sich darauf, die Fähre möglichst still zu halten, da ihm eine Aktivierung der Automatik unter die-sen Umständen zu riskant erschien.
Sie hatten das schwere massive Metallteil nun aus der langen Reihe von Antriebselementen herausgehoben und zur Aussenseite des Schiffes gelenkt. Einer der beiden anderen Traktor-strahlen begann unerwartet zu flimmern, worauf das Gleichgewicht der Last gestört wurde. Ihr Shuttle neigte sich daraufhin gefährlich zur Seite und nach vorne, als die Projektorsteuer-ung mit einem gequält klingenden Surren versuchte, die fehlende Energie des anderen zu kompensieren.
„Schnell, abschalten!“ rief Merven, worauf der Fähnrich sogleich reagierte. Ihre Lage stabili-sierte sich denn auch gleich wieder, doch ihre Last war nicht mehr zu sehen.
„Was ist da passiert?“ fragte Merven über Funk.
„Tut mir leid, Mr. Soares, unsere Energiekopplung ist durchgebrannt. Wir müssen zurück an Bord und sie austauschen.“ Die Stimme des Ingenieurs klang schuldbewusst, obwohl er für den technischen Defekt eigentlich nichts konnte.
„Sehen Sie nach unten!“ schrie plötzlich jemand auf der Frequenz, worauf Merven mit gerun-zelter Stirn einen Monitor entsprechend einstellte. Sein Sitznachbar keuchte überrascht auf.
Die Warpspule war noch da.
„Wie kann das möglich sein? Mit dem hohen Gewicht hätte sie durch den Schildperimeter glatt hindurchfallen und im Meer versinken müssen.“
„Das stimmt,“ pflichtete Merven ihm bei, „und es ist dennoch unglaublich. Das sehen wir uns an.“
Vorsichtig steuerte er das Shuttle tiefer, bis es etwa zwanzig Meter neben und über dem dick-en elliptischen Metallring schwebte. Die Spule steckte senkrecht im Energiefeld, das im Be-rührungsbereich schwach grünlich schimmerte, und schien zu etwa zwanzig Prozent ihres Volumens ins Meer hinauszuragen, der Rest befand sich noch auf der Innenseite. Es hatte bei-nahe den Anschein, als bilde der Schutzschild eine feste Hülle, den die Spule zwar durch-schlagen, aber nicht soweit durchdrungen hatte, dass sie hatte hindurchfallen können.
„Ich messe ein schwaches konzentrisches Subraumfeld, das durch die Spule läuft und mit dem Schutzschirm interagiert. Es muss sich spontan durch die Aufprallenergie gebildet haben und hält sich selbst stabil. So ein Mist!“ Merven war aufgebracht über diesen dummen Zufall. Sie konnten nichts dagegen unternehmen, ohne die Schutzschirme auszuschalten. Und diese Option kam zur Zeit zweifellos für sie nicht in Frage. Er spielte kurz mit dem Gedanken, es mit dem Traktorstrahl zu versuchen, doch der würde nicht greifen, da sich die Spule eben in ein schwaches Feld eingehüllt hatte und so nicht würde fokussiert werden können.
Zu dumm.
„Da scheint noch mehr dahinterzustecken, Lieutenant Commander,“ bemerkte der Fähnrich beim Studium der Anzeigen. „Offenbar wird dieses Feld von der planeteneigenen Subraum-domäne, die ausserhalb unserer Schilde existiert, stabil gehalten. Zum Glück dringt dieses nicht ins Innere des Schildperimeters vor, sonst könnten die Folgen fatal sein.“
Merven überlegte kurz und forderte dann über Funk bei der Ingenieurscrew ein weiteres Shuttle mit ausreichender Traktorstrahl-Kapazität an, während er sein eigenes zur anderen noch verbliebenen Raumfähre hinaufsteuerte. Es wartete bereits bei der zweiten Warpgondel und hatte sich in Position gebracht. Merven wies den Piloten an: „Wir machen dann gleich weiter, doch diesmal bitte mit mehr Vorsicht. So paradox das für Sie jetzt auch klingen mag, aber ich glaube, dass die andere Spule ohne Probleme durch den Schildperimeter durchfällt, wenn wir sie aus nächster Nähe darüber abwerfen.“
„Nein, Sie haben durchaus recht, Sir,“ entgegnete der Techniker, „ich teile Ihre Ansicht, dass der Sturz aus fast zweihundert Metern Höhe auf den Schild genug Energie für eine spontane Subraumfelderzeugung in der Spule geliefert hat. Bei magnetischen Substanzen wie beispiels-weise Eisen können hohe kinetische Energien ebenfalls sporadische Magnetisierung bewir-ken.“
„Sie meinen, wenn ich ein Stück reinen Eisens ein paarmal heftig zu Boden werfe, erhalte ich durch die Kraft des Aufpralles einen schwachen Magneten? Das wusste ich nicht.“
„Doch, so ist es, Lieutenant Soares. Die einzelnen Atome werden dadurch ausgerichtet und rea-gieren danach schwach magnetisch.“
„Interessant. Doch wir sollten vielleicht damit aufhören, die Prinzipien des Subraumes immer wieder mit denen des Magnetismus zu vergleichen, nur weil wir beides noch immer nicht restlos verstehen. So, da öffnen sich die Hangartüren. Ich denke, wir können gleich mit der zweiten Spule weitermachen.“
„Kall an Soares,“ erklang da die Stimme der kommissarischen Ersten Offizierin. Ein wenig überrumpelt antwortete Merven: „Ja, Commander?“
„Bitte achten Sie genau auf Ihre Umgebung. Ich habe wieder diesen vagen telepathischen Kontakt, doch diesmal wird er stärker und stärker, als ob sich Lebensformen nähern.“ In ihrer Stimme war ein mahnender Unterton, der ihm signalisierte, ihre Wahrnehmungen nicht als blanken Unsinn abzutun.
„Danke für die Warnung, wir werden die Augen offenhalten. Wie funktioniert übrigens unser Echolot? Haben Sie schon eine Ortung erhalten?“
„Bislang noch keinen Bodenkontakt. Entwder kein fester Boden oder der Grund liegt wirklich sehr tief. Wie Sie bereits mutmassten. Wir haben aber noch andere Probleme bei der Bedien-ung des Gerätes.“
Merven koordinierte mit dem neu eingetroffenen Shuttle die Punkte, an denen sie die Traktor-strahlen diesmal ansetzen würden und sprach dabei weiter mit Kall. „Welcher Art sind die Probleme? Arbeiten die Schallemitter nicht ordnungsgemäss?“
„Nein, die Anlage arbeitet anstandslos. Eigentlich ist es die Interpretation und Auswertung der Daten, die wir erhalten. Denn wir bekommen etwas, aber nichts, was das Auswertungs-programm, welches wir geschrieben haben, konkret als festen Gegenstand in irgendeiner Form erkennen würde. Ich habe bereits eine Menge submariner Archive von Planeten der Klasse N durchforstet, vor allem von Sauria und Argo, aber auch von Alpha Centauri sowie der Erde. Demnach werde ich einige Filterparameter ins Programm eingeben müssen, um na-türliche Einflüsse wie etwaige seismische Störungen durch den Planetenkern sowie vor allem den Einfluss der Thermoklinen auszugrenzen. Die verschieden temperierten Wasserschichten machen mir schwer zu schaffen, denn sie behindern die Messung stärker als gedacht.“
Inzwischen hatten sie die zweite Spule mit vereinten Kräften aus der Warpgondel herausge-hoben und balancierten sie nun umsichtig nach unten, um sie in sicherem Abstand zur „steckengebliebenen“ Spule abzulassen. Merven hörte nur mit einem Ohr den Ausführungen von der Brücke zu und fragte dann, als er sie verarbeitet hatte: „Und was bedeutet das im Klartext für uns?“
„Nun, nach unten können wir uns der Werte sicher sein, falls wir je welche erhalten werden, aber von der Seite her... die thermischen Störungen sind einfach zu gross.“
„Das heisst, wenn jemand das weiss und sich uns ungesehen nähern möchte...“ Merven stockte und sah nach draussen.
„Könnte er... oder es... sich praktisch ungesehen nähern,“ bestätigte Kall.
“Ich weiss.“ Merven starrte nach unten und liess den Mund offenstehen.
„Wie bitte?“ Die Betazoide glaubte, sie hätte ihn nicht richtig verstanden.
Merven räusperte sich und sagte: „Commander, bitte informieren Sie den Captain. Wir haben Besuch.“
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„Schnell, Sicht nach unten, Vergrösserungsfaktor zehn.“ Lennard hielt es nicht mehr auf sein-em Sitz. Der Hauptbildschirm wechselte die Einstellung und zeigte eine Darstellung der Sicht unter ihnen mit den drei Shuttles, zwischen denen die Spule, von den blaugrün schillernden Traktorstrahlen in der Schwebe gehalten, deutlich sichtbar war. Am Bildschirmrand sah man gerade noch die zweite Spule, die noch immer im Schutzschirm der Fairchild festhing.
Und dort, nur ganz schemenhaft...
Zuerst dachte Lennard an einen Fisch, doch dann musste er sich eingestehen, dass er eine solche Kreatur noch nie zuvor gesehen hatte. Das Wesen, das elegant am Rand ihres Schild-perimeters entlangglitt, besass einen Korpus, der an einen Haifisch erinnerte, obwohl die spitz zulaufende Schnauze nicht so weit nach oben gebogen war. Anstelle von Augen waren nur schmale Schlitze erkennbar, doch dafür hatte es eine rautenförmige Erhebung auf der Stirn, dessen Funktion ihm verschlossen blieb. Am mittleren Bereich des Körpers besass es zwei gewaltige dreieckige Flossen, die an einen Rochen erinnerten, obwohl sie hinten einen rech-ten Winkel zum Körper hin bildeten und ‘ausgefranst’ waren wie bei vielen Walarten. Der Schwanz endete in einer ebenfalls walähnlichen waagerechten Flosse, auf der jedoch eine zusätzliche senkrechte Flosse von recht grossen Ausmassen sass.
Es sah wunderschön aus, wie es sich grazil und mühelos durch das Wasser bewegte.
Dann erst fiel Lennard etwas anderes auf: die Shuttles muteten im direkten Grössenvergleich an wie Spielzeuge. Das unbekannte Wesen mochte etwa siebzig oder achzig Meter lang sein und eine beinahe ebensolche Spannweite aufweisen. Es schwamm um die Stelle herum, an der die festsitzende Warpspule aus dem Schutzschild herausragte, stubste sie dann vorsichtig mit der Schnauze an und schien sie kurz zu untersuchen.
„Captain, ich kann so etwas wie Neugierde bei dem Wesen wahrnehmen,“ berichtete Kall mit leicht entrücktem Blick, so als höre sie auf eine innere Stimme. „Es möchte wissen, was es da vor sich hat, weil es das noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hat.“
In diesem Moment versagte einer der Traktorstrahlen, der die zweite Spule in der Schwebe hielt.
„Nein!“ schrie Merven über Funk, doch auch er war machtlos. Der schwere Ring fiel auf den Schildperimeter... und durch ihn hindurch, genauso, wie der Trill es vorhergesagt hatte. Einen kurzen Moment lang, als er das Energiefeld gerade durchquert hatte, war eine kleine Lücke in der Energieblase entstanden, durch das eine dünne Wasserfontäne mit hohem Druck ins Inne-re schoss. Im absoluten Vakuum, das hier herrschte, siedete die Flüssigkeit augenblicklich und war verschwunden, noch bevor jemand Entsetzen oder Panik über das Leck in ihrem schützenden Kokon aus reiner Energie empfinden konnte.
„Die Energiekupplung ist durchgebrannt. Die Spule war einfach zu schwer,“ rechtfertigte der Pilot des Unglücksshuttles den Vorfall, aber niemand achtete darauf. Alle starrten hinaus, wo das grosse Meereswesen der absinkenden Warpspule hinterhertauchte und rasch verschwun-den war.
„So ein Mist! Wer weiss, ob wir jemals wieder so ein Wesen zu sehen bekommen,“ fluchte Wuran leise. Ihr Interesse als Wissenschaftsoffizierin an dem entdeckten ‘Haiwalrochen’ war natürlich besonders gross.
Als Lennard sich umdrehte, fiel sein Blick auf Kall, die mit einer selbstgefällig-grimmigen Miene und vor der Brust verschränkten Armen hinter ihm stand. „Lassen Sie uns doch einmal über Phantome reden, Captain...“
„Schon gut, Sie hatten recht. Die ganze Zeit über hat Ihr Gefühl Sie nicht getrogen und ich bedaure, dass ich Ihnen nicht schon früher Gehör geschenkt habe. Soll ich weitermachen?“ Er musterte sie ärgerlich.
„Nein, nicht nötig. Wir sollten nur überlegen, wie wir dieses Wesen wiederfinden können. Der Erfassung durch Sonar hat es sich offenbar erfolgreich entzogen, indem es sich uns ent-lang der Thermoklinen genähert hat und so in der Sicherheit der Störungszone unentdeckt ge-blieben ist. Das könnte eine gewisse Intelligenz voraussetzen. Ich bin der Ansicht... oh!“
„Wie bitte?“ Lennard musterte sie mit fragender Miene.
Stockend erklärte Kall die Unterbrechung ihrer Ausführungen: „Ich spüre es wieder, aber diesmal stärker. Und es scheinen mehrere Wesen zu sein.“
„In der Tat,“ bekräftigte Wuran, worauf alle sie ansahen. Stumm hob sie den Arm und deutete auf den Hauptmonitor.
Lennard schalt sich in Gedanken einen Idioten, den Bildschirm aus den Augen gelassen zu haben und fuhr herum. Seine Augen weiteten sich.
Das Bild hatte sich verändert. Dutzende der fremdartigen Wesen tummelten sich mittlerweile rund um die festhängende Warpspule, waren scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht. Erstaun-licherweise erkannte man ziemlich deutlich Exemplare von verschiedener Grösse in mehreren Gruppierungen. Sie schwammen an der Stelle, wo die Warpspule ins Wasser hinaushing und schienen sie zu beschnüffeln und durch Anstupsen zu untersuchen.
„Es gibt wohl eine soziale Struktur im Gruppen- oder Familienmuster,“ vermutete Wuran ge-bannt, ohne den Blick von den Geschehnissen am Bildschirm abzuwenden.
Dann geschah etwas höchst Eigenartiges: eines der grösseren Exemplare näherte sich der Spule, neigte seinen Kopf zur Seite und begann am Metall zu knabbern. Eines der voll ausge-wachsenen Tiere bemerkte das und scheuchte den ‘Halbstarken’ lediglich mit einer vagen Kopfbewegung weg.
„Offenbar scheint es eine ausgeprägte Hierarchie zu geben, so wie eine Reihenfolge beim Fressen in Raubtierrudeln. Der Grösste und Stärkste darf sich zuerst bedienen,“ mutmasste Dween.
Wuran rutschte heraus: „Wissen Sie eigentlich, was Sie da gerade gesagt haben, Counselor? Sie fressen die Warpspule?“
Betreten sah Dween angesichts der Lächerlichkeit ihres Gedankens zu Boden, doch Kall erwi-derte: „Nein, Shania hat voll und ganz recht, sie verzehren die Warpspule tatsächlich. Die Metalle sind für sie der dickste Leckerbissen, den sie je gesehen haben. Normalerweise er-nähren sie sich von winzigen, primitiven Meeresbewohnern, die alle möglichen Schwermetal-le aus dem Wasser herausfiltern und ihre Körper damit anreichern. Aber was die Reihenfolge angeht, liegt sie total falsch. Sehen Sie nur!“
Und wirklich wurde nun deutlich, dass das grosse Wesen den kleineren nur vertrieben hatte, um die jüngsten seiner Gruppe mit sanften Nasenstupsern zu der Spule zu leiten, wo sich die-se aufgeregt und beinahe freudig über die ‘Mahlzeit’ hermachten. Gleichzeitig packte das ‘Leittier’ eine grössere Strebe und riss sie mit einem kurzen, heftigen Ruck aus der Spule her-aus. Der zerfaserte, etwa zehn Meter lange Strang musste bei der hohen Dichte der Verte-rium-Kortenid-Legierung mindestens fünfzig Tonnen wiegen. Unglaublich, diese natürliche Kraft.
Mit einer beiläufigen Bewegung schwang es das Stück hinter sich, wo es von einem anderen gefangen wurde, als hätte es nur darauf gewartet, dieses Teil zugeworfen zu bekommen. Wäh-rend das grosse Tier nach und nach immer mehr Stücke aus der Spule herausriss und offen-bar gerecht auf alle verteilte, während die Jungtiere selig direkt am Korpus knabbern konnten, wurde allen deutlich, dass diese Spezies sowohl über erhebliche Intelligenz als auch über die Fähigkeit zur Kommunikation und besondere soziale Strukturen verfügte.
Lennard sah Kall direkt an. „Woher haben Sie das gewusst? Können Sie etwas konkretes wahrnehmen?“
„Mehr als das,“ erwiderte die Betazoide lächelnd. „Ich stehe in direktem Kontakt mit ihnen. Es sind Telepathen, Captain, und sie sind sehr intelligent, mindestens so sehr wie Delphine oder Wale. Sie berichten mir gerade über ihre Art, die sich selbst die ‘Newar’ nennt. Das Muster ihrer Hirnwellen ist fremdartig, aber irgendwie haben sie es doch geschafft, Verbin-dung zu mir aufzunehmen. Haben wir sonst noch jemanden mit latenten telepathischen Fä-higkeiten an Bord, Captain?“
Lennard überlegte: „Nicht, dass ich wüsste. Allerdings haben wir in letzter Zeit so viele Neu-zugänge erhalten und ich hatte nicht unbedingt Zeit, mir jede einzelne Personalakte in dem Mass einzuprägen, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre...“
„Ich verstehe. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich eine allgemeine Durchsage machen, Sir.“
Lennard runzelte die Stirn, sagte aber: „Wenn Sie meinen...“
Dankend nickte sie und sprach dann weiter: „Computer, an alle Decks: hier spricht die kom-missarische Erste Offizierin Commander Sam Kall. Wir haben eine Lebensform entdeckt, die auf dieser Welt in den Meeren beheimatet und telepathisch veranlagt ist. Wenn jemand diese Begabung ebenfalls besitzt oder auch nur den Verdacht hat, er kann etwas von der Präsenz dieser Wesen spüren, meldet er sich bitte umgehend auf der Brücke. Kall Ende.“
„Da bin ich ja einmal gespannt,“ meinte Dween und fügte dann hinzu: „Zählen auch Kontakt-telepathen?“
„Sofern Sie sich einen Raumanzug anziehen und bei diesem Aussendruck ins freie Meer hinauswollen, um direkten körperlichen Kontakt aufzunehmen.“ Darauf war Dween still.
„Über was plaudern Sie denn gerade mit unseren Freunden?“ fragte Lennard interessiert.
Kall erklärte: „Ich erläutere gerade, wer wir sind und woher wir kommen.“
„Captain, sehen Sie sich das hier einmal an,“ meinte Wuran und winkte ihn zu sich heran.
„Nun wollen sie wissen, warum wir hier sind. Darf ich ihnen unsere Lage erklären?“ wollte Kall wissen.
„Warum nicht? Und vergessen Sie auch nicht, die politische Lage im Alpha-Quadranten näher zu erörtern,“ meinte Lennard ironisch, als er seiner Wissenschaftsoffizierin über die Schulter sah.
„Sehen Sie die Spektralanalyse, die ich von den Newar gemacht habe? Ihre Körperstrukturen basieren auf Silizium statt auf Kohlenstoff, was sehr selten ist. Bisher sind uns nur eine Hand voll Lebensformen mit dieser Biochemie bekannt, und diese leben sämtlich unterirdisch. Ebenfalls bemerkenswert ist die sehr hohe Konzentration an beinahe allen Schwermetallen, die im Wasser gelöst sind. Und das Faszinierendste sehen Sie dort: die Newar sind offenbar in der Lage, ein natürliches Subraumfeld mit ihren Körpern zu erzeugen.“
Lennard blieb der Mund offenstehen, als er die Anzeigen studierte. „Unglaublich! Diese Spe-zies ist wirklich bemerkenswert. Stellen Sie sich nur vor, sie würden im Weltraum leben an-statt im Meer. Wahrscheinlich könnten sie sich mit Warpgeschwindigkeit fortbewegen.“
Kall meldete sich zögerlich: „Äh, Sir... sie teilen mir gerade mit, dass sie dazu sehr wohl im-stande sind. Innerhalb ihres Sonnensystems bewegen sie sich frei im Raum, da sie über kein Stoffwechselsystem verfügen, das auf Lungen oder Kiemen basiert und somit weder freie noch im Wasser gelöste Gase benötigen.“
„Das wird ja immer besser! Welche Überraschungen erwarten uns noch?“ Lennard sah ge-bannt auf den Hauptmonitor.
Mit schwachem Lächeln meinte Kall: „Das würden Sie mir ohnehin nicht glauben.“
„Versuchen Sie es einfach.“
Kall seufzte und holte dann tief Luft. „Gut, es ist folgendermassen: es gibt auf Ribaalc III einige hundert Millionen Newar, die alle in einer friedlichen planetenweiten Gemeinschaft miteinander leben. Sie kennen keine Kriege, haben keine natürlichen Feinde und leben in Gruppen von mehreren Grossfamilien auf ein sehr grosses Gebiet verteilt, können jedoch alle miteinander telepathisch kommunizieren. Nach meinem Verständnis benutzen sie dazu auch die Subraumenergien, welche sie mit ihren Körpern erzeugen können. Jedenfalls haben alle Newar sozusagen mitgehört und der ganze Planet weiss nun von uns.“
„Und welche Konsequenzen hat das für uns?“ fragte Leardini vorsichtig.
„Nun, ich kann ihnen praktisch in kürzester Zeit riesige Informationsmengen übermitteln, da sie über meine Erinnerungen sozusagen bildhaft über alle Geschehnisse erfahren, die ich ihn-en mitteilen will. Sie wissen jetzt alle so ziemlich alles, was es in meinen Erinnerungen über die Föderation, die anderen Völker im Alpha-Quadranten, die Borg sowie über das Dominion zu wissen gibt.
Sie sind sehr interessiert an unserer Praxis der föderativen Koexistenz und dem Gedanken des kulturellen Austausches untereinander. Ihnen war nicht bewusst, dass es derzeit andere Spe-zies gibt, die interstellare Reisen unternehmen können, auch wenn sie oft verirrte Subraum-signale wahrgenommen haben. Sie konnten nur mit der rein verbalen oder binären Kommu-nikationsform nichts anfangen und hielten es für natürliche Phänomene, die nur zufällig auf-treten.“
„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie einfach nicht zur Sache kommen?“ Lennard wirkte ungeduldig.
Beinahe verlegen fuhr Kall fort: „Ich glaube, das Volk der Newar hat gerade einen Auf-nahmeantrag in die Föderation gestellt.“
Einen Moment herrschte Grabesstille im Raum, dann rief Dween: „Das ist ja grossartig!“
Was nun folgte, war ein aufgeregtes Durcheinanderreden, das Lennard nur mit erhobener Stimme beenden konnte: „Bitte Ruhe! Das muss ernsthaft diskutiert werden. Ich möchte gerne eine Konferenz einberufen, um das näher zu erläutern. Stefania, Mrs. Kall, Mrs. Wuran, Mrs. Dween, Mr. Wenjoorok und Mr. Darrn bitte in die Beobachtungslounge.“
Alle sahen sich bedeutungsvoll an, dann kamen die Angesprochenen der Aufforderung nach und verliessen ihre Posten, um das Heck der Brücke anzusteuern, wo die Eingänge der Lounge waren.
Alle kamen sich plötzlich vor wie in einem Aquarium, als sie draussen die vielen Newar rund um ihre Schildblase herumschwimmen sahen, teilweise weit über hundert Meter gross. Sie tummelten sich bei den Warppylonen, wo die Mannschaften mit dem Schliessen der Abdeck-gitter beschäftigt waren, die über den Warpgondeln lagen. Ausserdem verfolgten sie wissbe-gierig den Rückflug der kleinen Shuttles in den Haupthangar zurück.
Kaum dass sich alle gesetzt hatten, begann Lennard: „ Sie alle haben mit eigenen Ohren ver-nommen, worum es geht. Ich möchte Ihre Meinungen dazu hören.“
Kall sagte mit ernster, teilnamsloser Miene: „Ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass die Newar durch mich die Konferenz verfolgen und ihre Partei durch mich zum Ausdruck brin-gen. Somit vertrete ich ihr gesamtes Volk in dieser Angelegenheit und werde mich persönlich nicht weiter dazu äussern. Lassen Sie mich nur erwähnen, dass ich persönlich ein gutes Gefühl dabei habe.“
Überrascht starrte Lennard die Betazoide an. „So? ...na gut, dann vertreten Sie also unsere neuen Freunde. Ich möchte zuallererst wissen, wie sie darauf kommen, der Föderation so mir nichts, dir nichts beitreten zu wollen, nachdem sie uns doch kaum kennen.“
„Das kann man so nicht sagen, Sir. Durch meine Gedanken haben sie eine ganze Menge von der Föderation erfahren, und zwar auch die unterbewussten Fakten, die ich vielleicht in einem verbalen Gespräch vergessen würde zu erwähnen oder ihnen gar vorenthalten wollen würde. Sie sehen also, ihnen sind alle nötigen Informationen bekannt, die für eine Bewerbung zum Beitritt vonnöten sind. Und sie haben sich eingehend beraten und sich fast einstimmig dazu entschlossen. Sie möchten auch gleich versichern, dass ihnen durchaus bewusst ist, dass wir uns im Krieg befinden, sind aber der festen Überzeugung, dass ihnen das Dominion nichts an-haben kann.“
„So richtig kann ich das nicht glauben,“ zweifelte Wenjorook diese Aussage an. „Sie unter-schätzen sicher die militärische Stärke und die Gnadenlosigkeit, mit der die Jem’hadar erstere einsetzen werden. Wir müssen ihnen vor allem zuerst klarmachen, in welche Gefahr sie geraten können...“
Etwas unwirsch unterbrach Kall den andorianischen Sicherheitschef der Fairchild. „Ich glau-be, das hat sich gerade erübrigt. Captain, ich muss Sie von einer beinahe unglaublichen Tat-sache in Kenntnis setzen.
Die Newar berichten, dass vor sehr langer Zeit einzelne ihrer Art auch den interstellaren Raum bereisten, dass es damals aber keine intelligente raumfahrende Rasse in den angrenz-enden Sektoren gab. Deshalb war die interstellare Reise für sie auch relativ uninteressant, mit einer Ausnahme.
Sie haben Kontakt mit dem ‘Ewigen von Alnilam’ gehabt.“
Alle sprangen gleichzeitig auf. Lennard rief: „Waaas?! Sind Sie sicher? Haken Sie nochmals nach, wo sie ihn gefunden haben.“
„Das dürfen sie keiner anderen Rasse preisgeben. Nur unter dieser Voraussetzung hat er ihnen sein gesammeltes Wissen überlassen. Sie hätten es überhaupt nicht ‘erwähnt’, wenn sie nicht zufällig etwas davon in meinem Gedächtnis bemerkt hätten. Sie sagen, er wollte, dass andere Arten ihn aus eigener Kraft finden.“ Sie zuckte bedauernd mit den Schultern.
Lennard rieb sich nachdenklich das Kinn: „Ja, das kommt mir bekannt vor. Jetzt wundert es mich allmählich auch nicht mehr, dass der ‘Ewige’ noch nie etwas von Gewalt, Feindschaft oder Krieg gewusst hat, bevor er Kontakt zu uns bekommen hat. Das muss eine der ruhigeren Perioden im Quadranten gewesen sein, in denen die Newar herumgereist sind.“
Leardini warf ein: „Aber wie können sie davon noch wissen? Das muss doch hunderttausende von Jahren her sein, wenn nicht noch mehr!“
„In Wahrheit sogar mehrere Millionen Jahre,“ verbesserte Kall und fuhr fort. „Die Newar möchten dazu gerne einen Vergleich anstellen, um uns diese Sache begreiflich zu machen. Ohne Sie schocken zu wollen, muss ich sagen, dass es einige Parallelen zu der Existenz der Borg gibt. Nein, lassen Sie mich bitte weiterreden. Auch die Borg gibt es bereits seit Jahrmil-lionen und auch sie sind gedanklich miteinander verbunden, wodurch ihre Erfahrungen und ihr gesammeltes Wissen vereint ist. Der Unterschied ist, dass die Verbindung bei den Newar rein biologischer Herkunft ist, da sie nur telepathisch miteinander kommunizieren. Bei ihnen lernen die Babys bereits von den anderen, während sie noch vom Mutterwesen ausgetragen werden. Und es gibt Individualität, was bei den Borg gezielt unterdrückt wird.“
„Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein,“ bemerkte Dween lächelnd. „Sie verkörpern alle Vorteile des geistigen Kollektives, ohne die Nachteile der Borg zu haben.“
„Das stimmt,“ pflichtete Kall erfreut bei, „sie werden nicht von der aggressiven Haltung und dem Bedürfnis der Borg beherrscht, andere Rassen zu vereinnahmen, um sich weiter zu ent-wickeln. In diesem Punkt haben sie dann doch mehr Ähnlichkeit mit dem ‘Ewigen von Alni-lam’. Ausserdem sind sie ziemlich langlebig; sie werden alle bis zu sieben- oder achthundert Jahre alt.“
„Es wäre schön, sie als Verbündete zu haben,“ meinte Dween mit einem offenen Lächeln.
„Aber wie sollen wir das anstellen? Erstens befinden wir uns im Krieg, zweitens in gefähr-licher Nähe zur Front, drittens haben wir wahrscheinlich bald ein Kontingent der Jem’hadar in unbekannter Höhe auf dem Hals und viertens können wir nicht hier weg, ohne das zweite Borgschiff abzufangen, das hier bald eintreffen kann.“ Wenjorook machte einen hilflosen Eindruck beim Aufzählen ihrer Probleme.
„Sobald wir wieder flott sind, wird sich eines nach dem anderen ergeben,“ wiegelte Lennard ab. „Irgendwie werden wir das schon hinkriegen. Meine Stimme haben die Newar jedenfalls.“
„Sie melden sich nochmals, Captain.“ Kall zögerte und verzog ihr Gesicht. „Sie haben einen sehr ungewöhnlichen Vorschlag zu machen...“
„In etwa einer Stunde können wir starten, Captain,“ verkündete Nirm stolz über Interkom, nachdem Lennard um den Stand der Reparaturarbeiten gebeten hatte.
„Nicht übel, Lieutenant,“ lobte der Kapitän und sah auf den nächstgelegenen Chronometer, der sich an der Brückenkontrolle des Maschinendecks befand, wo er alle wichtigen Funktion-en des Schiffes selbst abfragen konnte, „und das fast zwei Stunden vor der angekündigten Zeitspanne. Leiden Sie etwa unter dem ‘Montgomery-Scott-Syndrom’?“
„Keineswegs, Sir, aber wenn Sie darauf bestehen, lasse ich mich gerne auf der Krankenstation untersuchen.“ Die Stimme des Lurianers klang höchst amüsiert.
Merven richtete zusammen mit Svensdottir die Steuerkontrollen aus, als sie den Ausspruch des Chefingenieurs hörte und ihren Vorgesetzten verwirrt ansah. Leise fragte sie: „Was ist das denn für eine Krankheit? Ich habe noch nie etwas davon gehört.“
„Es ist eigentlich keine typische Krankheit,“ gab Merven ebenso leise zurück, „sondern eine Eigenart des berühmten Chefingenieurs der ersten Enterprise in der Sternenflotte, Sie wissen schon, die unter dem Kommando von James Kirk. Nach dem, was ich darüber weiss... nein, warten Sie, ich gebe Ihnen ein Beispiel, Annika.
Nehmen Sie an, die Enterprise treibt mit defektem Warpantrieb im All. Kirk erkundigt sich nach der Reparaturzeit und Scott erklärt, er benötige mindestens zehn Stunden. Kirk, unge-duldig und aufbrausend, wie er nun einmal ist, verlangt die Reparatur in nicht mehr als sechs Stunden. Darauf jammert, klagt und argumentiert der Techniker und sagt schliesslich, er könne es nicht versprechen. Was glauben Sie, was dann passiert?“
„Ich habe keine Ahnung,“ gestand die junge Isländerin ein. „Vielleicht schafft er es nicht ganz in der verlangten Zeitspanne?“
„Ha!“ Merven musste an sich halten, um nicht laut zu werden und die Aufmerksamkeit anderer zu erregen. „Von wegen. In zwei Stunden ist das Schiff wieder voll funktionsfähig und alle singen in den höchsten Tönen Loblieder auf ihren Wunderknaben im Maschinen-raum. Und wissen Sie auch, warum? Weil der gerissene Scott schon von vorneherein viel zu viel Zeit veranschlagt hat, damit er sicher die geforderte Dauer des Captains um mindestens die Hälfte unterbieten und sich dadurch profilieren kann.“
„Was für eine Hochstapelei,“ empörte sich Svensdottir - und jetzt war es an ihr, sich zu be-herrschen und die Stimme nicht zu heben. „Durch Vorspiegelung falscher Tatsachen und be-wusster Fehlinformation seines Kommandanten erschleicht er sich Ansehen und einen unge-rechtfertigten Ruf der Kompetenz. Das ist nicht schicklich für einen Offizier der Sternen-flotte.“
„Gehen Sie doch nicht so hart ins Gericht mit dem guten alten ‘Scotty’,“ sah sich der Trill nun genötigt, den bekannten Ingenieur zu verteidigen. „Es war so eine Art rituelles Geplänkel, denn Kirk wusste natürlich von der Marotte seines Maschinisten. Es war ein richtiger Ferengi-Handel, noch Jahrzehnte vor dem ersten Kontakt mit diesem Volk. Von dieser Warte aus ge-sehen waren sie doch recht fortschrittlich.“
„Nicht unbedingt,“ widersprach Svensdottir entschieden. „Beide waren Terraner. Bei vielen Völkern der Erde war das Feilschen schon damals ebenfalls weit über eintausend Jahre lang bekannt gewesen. Solch ein hoher Verdienst stellt diese Taktik also durchaus nicht dar.“
„Das muss ich Ihnen wohl glauben,“ räumte er ein und beendete die Einstellungen an der Rudergeometrie.
Von ihrem Platz aus beobachtete Dween argwöhnisch das leise Tuscheln von Merven und Svensdottir mit eng zusammengesteckten Köpfen. Dann riss eine sanfte Stimme sie aus ihren düsteren Überlegungen. „Na, so schlimm wird es wohl nicht sein, Shania. Die kleine Annika ist harmlos und keine Gefahr für Ihre Beziehung.“
Dween fuhr zusammen und sah ruckartig auf. Dann stöhnte sie leise auf, als sie sah, wer sich neben sie setzte. „Der Captain hat mich schon vor Ihnen gewarnt, aber dass es so schlimm ist...“
„Entschuldigen Sie mal, aber Sie haben Ihre Gedanken ja so laut ‘hinausgeschrien’, dass jeder auch nur halbwegs telepathisch veranlagte Humanoide bereits beim Betreten der Brücke gar nicht umhin konnte, sie wahrzunehmen. Aber in Wahrheit erklärt Merven seiner Untergeben-en gerade, was das ‘Montgomery-Scott-Syndrom’ ist. Oh, das ist interessant... ich selbst wuss-te das bis heute nicht. Woher hat er nur diese ganzen alten Anekdoten?“
Lächelnd erklärte Dween: „Sie vergessen, dass er das alles gewissermassen selbst miterlebt hat. Sein erster Wirt war sogar für kurze Zeit auf der Enterprise stationiert, auf der Scott mei-nes Wissens nach damals Dienst getan hat.“
„Ach ja, die Trills. Ich frage mich, wer von uns älter werden wird.“ Versonnen schmunzelnd starrte die Betazoide vor sich her.
„Was meinen Sie damit?“ wollte Dween verständnislos wissen.
„Ich rede eigentlich nicht darüber, aber ich denke, Sie werden es für sich behalten: ich bin zu einem Viertel El’Aurianer, weshalb ich bei meinem Grad der Dominanz dieser Gene eine Lebenserwartung von über dreihundert Jahren habe. Verstehen Sie jetzt meine Bemerkung?“
Sie nickte. „Sie erstaunen und faszinieren mich bei jedem Gespräch aufs Neue, Sam. Wir sollten uns doch einmal ausführlicher unterhalten, wenn das alles vorbei ist beziehungseise wenn wir wieder einmal eine kleine Atempause haben. Vielleicht im Elf Vorne?“
„Gerne. Sie haben sicher auch so einiges zu erzählen, was Sie an Bord dieses Schiffes erlebt haben, bevor ich zu Ihnen gestossen bin. Für mich wird dieser Posten hier immer mehr zu einem Glücksfall.“
„Sie sprechen schon wieder in Rätseln,“ raunte Dween ihr zu, als sie sah, wie Lennard sich ihnen näherte und sich auf seinem Sessel zwischen ihnen niederliess.
Kall überlegte einen Moment und sah dann zu ihrem Kommandanten hinüber. „Captain, ist es momentan erforderlich, dass die Counselor und ich zugegen sind?“
Lennard zögerte einen Moment angesichts der unerwarteten Frage und meinte dann leichthin: „Eigentlich nicht. Bis zum Startversuch ist es noch fast eine Stunde und solange kann niem-and von Ihnen wirklich etwas tun, da alle Arbeiten delegiert sind und die Crew mit zufrieden-stellender Effizienz arbeitet.“
„Gut, dann möchten wir uns kurz zurückziehen, wenn Sie gestatten.“ Kall stand behende auf und wartete weder auf eine weitere Zustimmung seitens Lennards noch darauf, dass Dween sich von ihrer Verblüffung erholte, aufspringen und ihr folgen konnte.
Im Turbolift wollte sie wissen: „Was sollte das eben? Wohin wollen Sie?“
„Elf Vorne. Ich habe mich gerade zu einem Entschluss durchgerungen und bin nun der An-sicht, dass es Zeit ist, über Perspektiven zu reden. Wer könnte dafür geeigneter sein als eine junge Halbvulcanierin, die Ihre bestechende Mischung aus Ehrgeiz und Logik in sich trägt?“
„Irgendwie gefällt es mir nicht, wenn Sie so reden, Sam. Planen Sie etwa eine Meuterei und wollen mich dafür einspannen?“
Die kommissarische Erste Offizierin warf den Kopf zurück und brach in schallendes Ge-lächter aus. „Das ist wunderbar! Ihre Phantasie ist so erfrischend, Shania. Nein, keine Angst, ich mache Sie nicht zu meiner Mitwisserin in irgendeiner Verschwörung. Kommen Sie jetzt.“
Die Türen des Turboliftes glitten auf und entliessen sie in den Korridor, der nach wenigen Metern in das Etablissement des Schiffes führte. Im Inneren herrschte wenig Betrieb ange-sichts der Tatsachen, dass seit Kriegsbeginn praktisch keine Zivilisten mehr an Bord waren und derzeit ein Grossteil der Crew noch mit letzten Kontrollen der Instandsetzungsarbeiten beschäftigt war. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch an einem der vorderen Fenster, wo noch immer die unglaublich dichte Schwärze der lichtlosen Tiefsee dominierte.
„Was soll denn die Geheimniskrämerei?“ verlangte Dween zu wissen, sobald der Barkeeper ihre Bestellungen angenommen hatte.
„Ich hatte erwähnt, dass dieser Posten ein Glücksfall für mich sei,“ begann Kall und sah die junge Counselor bedächtig nicken. Mit gesenkter Stimme fuhr sie fort: „Nun, Glück hat eig-entlich wenig zu tun mit meinen Ambitionen. Und bevor Sie noch mehr Fragen stellen, spreche ich es lieber laut aus: so, wie die Dinge hier stehen, werde ich das Kommando über die Fairchild übernehmen.“
Der Schock stand Dween ins Gesicht geschrieben, als sie aufsprang und anklagend mit dem Finger auf Kall zielte. „Sie haben gerade erst gesagt, dies wird keine Meuterei werden... und jetzt das!“
„Herrje, setzen Sie sich doch!“ zischte Kall peinlich berührt, als ein junges Paar in der ent-fernten Ecke der Bar sie befremdet anstarrte. „Lassen Sie mich doch ausreden.“
„Na, jetzt bin ich aber gespannt.“ Dween liess sich nur zögerlich wieder nieder und liess es ebenso zögerlich zu, dass die Betazoide ihr die Hand auf den Unterarm legte.
„Ich spreche natürlich nicht von rechtswidriger Machtübernahme auf dem Schiff, wo denken Sie hin, Sie Dummerchen! Die Rede ist lediglich von langfristigen Perspektiven. Sie müssen wissen, ich habe bereits für ein ganzes Weilchen in Vertretung die Aldebaran befehligt, ein Schiff der Galaxy-Klasse. Das war ein Glücksfall, da die kommissarische Kommandantin Vakuf dienstunfähig wurde, aber andererseits ist mir bewusst, dass ich unter normalen Um-ständen auf jenem Schiff ziemlich sicher nicht mehr so weit kommen werde, wie ich bereits war. Vielleicht haben Sie ja mitbekommen, dass mir ein Erster Offizier vor die Nase gesetzt worden ist, was für mich mittelfristig das Aus in der Kommandohierarchie bedeutet. Es war übrigens sogar für mich erstaunlich, wie schnell und konsequent sich Vakuf vom Steuermann zum Kommandant eines Schiffes hochgearbeitet hat. Auf diesem Stuhl sitzt also eine Vul-canierin und die werden bekanntlich recht alt. Und bevor ich ein ‘ewiger Erster Offizier’ wie beispielsweise Commander Riker werde...“
„Ist Ihnen je in den Sinn gekommen, dass man Sie nie wirklich als Captain für ein Schiff wollte?“ warf Dween mit ihrem unschuldigsten, süssesten Lächeln ein.
Kall verzog das Gesicht. „Sie spielen sicher auf mein kleines Missgeschick an...“
„Ach, so nennt man das absichtliche Anlegen eines Kollisionskurses mit einem feindlichen Schlachtkreuzer, wenn man ein Föderationsschiff mit beinahe eintausend Besatzungsmitglie-dern steuert. Das war mir nicht geläufig.“
„Bitte lassen Sie ihren Sarkasmus,“ forderte Kall sie ein wenig wirsch auf, „und hören Sie mir zu. Es ist...“
Sie unterbrach sich, als die Drinks gebracht wurden und fuhr übergangslos fort, sobald sie wieder ungestört waren.
„Dieser Job hier hat sich für mich geradezu aufgedrängt, um Karriere machen zu können. Se-hen Sie nur die Perspektiven: Commander Leardini ist der Erste Offizier - noch. Doch bald wird sie kurz vor der Niederkunft stehen und dann für eine Weile weg vom Fenster sein. Glauben Sie ernsthaft, dass das Oberkommando sie wieder als Erste Offizierin auf dem glei-chen Schiff, auf dem ihr Gatte Captain ist, zulässt? Vergessen Sie’s. Dieser Illusion geben sich doch höchstens noch die beiden hin und verdrängen die unausweichliche Realität. Sie können ja schon froh sein, dass ihre Beziehung so lange wissentlich geduldet worden ist. Die Karriere auf diesem Posten ist für Stefania jedenfalls vorbei, doch ich kenne sie gut; sie wird die Familie vorziehen und dennoch hierbleiben, auch wenn sie nicht mehr im Dienst sein wird. Ich hoffe nur, dass sie dennoch glücklich wird. Das Fazit ist demnach: ich werde auf lange Sicht der Erste Offizier der Fairchild bleiben. Von oben her scheinen da wohl keine Bedenken zu bestehen, denn ansonsten hätte ich den Job als ‘Vertretung’ gar nicht erst be-kommen, sondern irgend so ein Theoretiker wie dieser dubiose Grung Ka’rell, der Bezieh-ungen hat und einfach so einmal von seinem Schreibtisch im Oberkommando wegwollte und ein wenig Raumfahren. Doch nun zum nächsten Punkt.
Captain Lennard ist der Kommandant, gut. Aber für wie lange? Er ist ein sehr fähiger Tak-tiker und Stratege und vereint in sich Eigenschaften sowie ein Mass an Felderfahrung, das nicht viele Leute haben. Der Krieg könnte seine Beförderung zum Fleet Admiral oder wahr-scheinlich sogar Vizeadmiral um einiges beschleunigen, womit er von der Brücke des Schif-fes verschwinden würde. Und selbst wenn er es aussitzen sollte, bis er aus Altersgründen ab-gelöst wird, ist er dennoch ‘nur’ ein Terraner mit einer begrenzten Lebensspanne. Ich werde zusehen, dass ich dasein werde, wenn für ihn der Abschied kommt. Falls dieser lausige Krieg und das Schicksal es zulassen, kann ich eines der modernsten Schiffe halbwegs funktions-tüchtig und an einem Stück übernehmen und kommandieren, wenn meine Zeit gekommen ist.“
„Wow, Sie planen wirklich weit voraus.“ Dween verschlug es die Sprache angesichts dieses Kalküls. „Aber was ist mit Ihrem Privatleben? Doc Stern wird nach wie vor auf der Aldebaran sein.“
„Nichts gegen Doc Endi, aber meines Wissens nach hat sie noch etwa drei Dienstjahre vor sich, bis sie aus Altersgründen ausscheiden wird. Wussten Sie nicht, dass ihre Art nur bis zu zwanzig Jahre alt wird? Nun, jetzt wissen Sie’s. Und jetzt raten Sie doch mal, wer da nach-rücken wird, wenn sie ihren Hut nehmen wird?“ Kall lächelte süsslich.
„Die Art der Logik, mit der Sie mir das alles darlegen, erschreckt mich beinahe,“ gestand Dween. „Ich hätte Sie nie für so kühl und berechnend gehalten.“
„Das nennt man Weitsicht, liebe Shania. Wer ein langes Leben vor sich hat, beginnt irgend-wann in anderen Zeiträumen zu denken. Ich hoffe, das verstehen Sie.“
„Ich denke schon. Aber warum erzählen Sie ausgerechnet mir das alles?“
„Weil ich Sie für eine sehr intelligente und fähige junge Frau halte. Ich möchte Sie ermutigen, sich weiterzubilden, aufzustreben und möglichst bald die Prüfung zum Brückenoffizier abzu-legen. Ich erkenne in Ihnen einiges von mir wieder, wie ich früher gewesen bin. Und ich den-ke, Sie haben Potenzial, welches Sie nutzen sollten.“ Kalls Miene war ernst bei diesen Wor-ten, ihre Stimme hatte beinahe feierlich geklungen.
„Das ist nett von Ihnen, Sam. Ich werde bestimmt über das nachdenken, was Sie mir erzählt haben.“ Shania nahm einen grossen Schluck von ihrem Fruchtsaft.
„Das sollten Sie unbedingt, denn es wäre mir eine grosse Freude, wenn auch Sie eine Zukunft für sich auf diesem Schiff sehen würden... solange Sie nicht selbst auf das Kommando aus sind.“ Kall lachte und prostete ihr zu.
Kaum war die gesamte Brückencrew wieder versammelt, als Lennard den Befehl zum Auf-bruch gab. Dadurch, dass der Planet sein eigenes schwaches Subraumfeld erzeugte, konnten sie sich unter Einsatz des Warpantriebes mit minimaler Energie aus der Atmosphäre hinaus-bewegen. Erstaunlicherweise folgten ihnen ein paar der grösseren Newar und bewegten sich auch noch gleichauf, als sie bereits im freien All waren und eine beträchtliche Geschwindig-keit erreicht hatten.
Wir haben die oberen Atmosphärenschichten verlassen, Captain.“ Darrn sah zu Lennard hin-über und erwartete dessen nächsten Befehl.
„Also gut, versuchen wir’s. Bereiten Sie das Heraufbeamen einer grösseren Menge der Pla-netenatmosphäre vor, sobald die Hangarmannschaft Ihnen das vereinbarte Zeichen gibt.“ Als sie mit dieser Aktivität fertig waren, nahmen sie wieder Fahrt auf, doch die Newar schienen plötzlich das Interesse an ihnen zu verlieren und wendeten sich von der Fairchild ab.
„Uns wird ein guter Flug gewünscht,“ richtete Kall aus und lächelte hintergründig, als würde sie noch immer in Kontakt mit ihren neuen Freunden stehen.
„Danke,“ sagte Lennard nur und sah nach vorne, wo sich wieder die vertraute, sternenüber-säte Unendlichkeit auf dem Monitor ausbreitete. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte, während sie in der totalen Finsternis dieser ‘Tiefsee’ festgesessen hatten.
„Wir verlassen das Schwerkraftfeld von Ribaalc III,“ meldete Merven und sah in Erwartung weiterer Befehle über die Schulter.
„Halten Sie erst einmal diese Position, Conn,“ entschied Lennard. „Wir sollten uns einen Überblick verschaffen, bevor wir unsere nächsten Schritte planen.
„Das wird nicht nötig sein, Sir,“ erwiderte Wenjorook und sah auf. „Die Fernbereichssen-soren haben mehrere Warpsignaturen erfasst, die sich alle mit hoher Geschwindigkeit nähern. Einmal die Callisto und insgesamt sechs Jem’hadar-Angriffsschiffe.“
„Wir haben es gerade noch rechtzeitig zur Party geschafft, nicht wahr?“ raunte Leardini und suchte sich bereits etwas zum Festhalten.
„Zeit bis zum Eintreffen?“
„Feindliche Schiffe fünf Minuten, Callisto drei Minuten. Sir, die Callisto hat einen Abfang-kurs auf die Jem’hadar-Staffeln eingeschlagen. Keine besonders gute Idee, wenn Sie mich fragen,“ fügte der andorianische Sicherheitschef trocken hinzu.
„Verd... wollen die sich umbringen?“ Lennard ballte die Fäuste. „Abfangkurs auf die feind-lichen Schiffe mit Warp Acht, Alarmstufe Rot. Ist bereits ein Kontakt mit der Callisto möglich?“
„Nur Audio, Sir. Die Interferenzen sind noch zu stark für visuelle Kommunikation.“
„Einen Kanal öffnen.“ Die einsetzenden rot blinkenden Lichtbalken tauchten die Brücke wie-der einmal in ein düsteres, unheilverheissendes Licht und liessen alle Crewmitglieder sich un-willkürlich anspannen.
„Sie können sprechen, Sir,“ bestätigte die Komm den Verbindungsaufbau.
„Fairchild an Callisto, hier spricht Captain Lennard. Drehen Sie unverzüglich ab, Marshall.“ In der Stimme von Lennard lag ungewöhnlich viel Autorität und Schärfe, da er mit Wider-stand rechnete.
Und wirklich kam postwendend die Antwort: „Negativ, Fairchild. Wir leisten Ihnen volle Un-terstützung, das ist unser Auftrag. Wir machen das schon; zusammen haben wir eine echte Chance gegen sie.“
„Wollen Sie sich umbringen, Mann? Sie wissen wohl nicht, welches Schiff Sie da befehligen? Sie sind nicht für Kampfeinsätze ausgerüstet.“ Lennard geriet in Rage ob dieser Widerspenst-igkeit des jungen unerfahrenen Captains.
„Wenn Sie wüssten, wie oft wir uns statistisch schon selbst umgebracht haben, Captain. Vertrauen Sie uns einfach. Callisto Ende.“
„Marshall! Marshall!! Das glaube ich einfach nicht - er hat die Verbindung beendet. Das fängt ja gut an...“ Lennard war sichtlich erbost über die Unverfrorenheit seines ihm eigentlich unterstellten Kollegens. War dem so jungen Mann der unverhoffte Kapitänstitel etwa zu Kopf gestiegen, sodass er unverantwortbare Risiken einging? Davon hatte Hers nichts erzählt, nur von ‘unorthodoxem Führungsstil’. Er hatte wohl gerade eine Kostprobe von ebendiesem be-kommen.
„Unser Mavöver gelingt, Captain; wir werden die Jem’hadar fast eine Minute vor der Callisto erreicht haben, trotz derer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit. Ich bereite mich auf Ausweichmanöver bei Impulsgeschwindigkeit vor.“ Merven war nun ganz der alte Hase und wirkte sehr professionell am Steuer des Schiffes.
„Warptransfer auf meinen Befehl beenden. Wir versuchen den alten Trick nochmals, dass wir einige Sekunden vor dem Zusammentreffen unter Warp gehen und ihnen eine volle Salve Quantentorpedos entgegenschicken. Ist alles bereit, Mr. Wenjorook?“
Sämtliche Waffen voll geladen und einsatzbereit, Schilde auf voller Stärke,“ bestätigte der Gefragte ihren Status.
Es schien zu funktionieren: sie liessen sich aus dem Warp herausfallen, schossen eine volle Sechsersalve Torpedos ab und drehten zu einem ersten Ausweichmanöver ab, während die Gegner bei ihrer hohen Geschwindigkeit kaum eine Chance hatten, den sich mit Überlichtge-schwindigkeit nähernden Mrschflugkörpern noch auszuweichen. Eines der kleinen, aber kampfstarken Angriffsschiffe wurde von drei Torpedos frontal getroffen und sofort vernich-tet. Ein zweites bekam zwei der sechs Sprengköpfe ab und trudelte danach manövrierunfähig durchs All, während ein drittes nur gestreift wurde und die Antimateriedetonation seitlich vom Schutzschild des Dominion-Schiffes absorbiert wurde.
Die Staffel, welche gänzlich unberührt geblieben war, griff in ihrer taktischen Angriffsfor-mation an, in der alle in einer Reihe hintereinander auf sie eindrehten und einer nach dem an-deren mit ihren gefürchteten langanhaltenden Polaronenstrahlen ihre Frontschilde mürbe machten.
Doch die Fairchild hatte ihr Pulver natürlich noch nicht verschossen, auch wenn sie jetzt in akute Bedrängnis geriet. Sämtliche noch verfügbaren Phaserbänke erfssten die Angreifer, so-bald sie in ihren Feuerbereich kamen, und beharkten sie automatisch mit Energiesalven, die ihrerseits die Schirme der Gegner schwächten.
„Heckschilde sind runter auf sechzig Prozent,“ meldete Wenjorook und feuerte beidhändig Quantentorpedos auf die eindrehenden Jem’hadar, worauf einer von zweien der weissbläu-lich erscheinenden Lichtkugeln getroffen wurde und den Anflug abbrach, um seinen ge-schwächten Schilden eine kurze Regenerationspause zuzugestehen.
„Die Callisto kommt ‘rein und geht auf Impuls,“ rief Merven während eines weiteren Aus-weichmanövers. Wie meistens, wenn die Jem’hadar zum ersten mal gegen ein Schiff der Sovereign-Klasse kämpften, wurden sie kurz von derer Manövrierbarkeit überrumpelt. Das lag daran, dass sie für ein Schiff ihrer Grösse eine erstaunlich geringe Masse hatten, was ihnen natürlich beim Mäanövrieren zugute kam. Doch es half nichts: die kleineren und wendi-gen Angriffsschiffe des Dominions konnte er nicht abhängen. Ohnmächtig sah der Steuer-mann, wie sich einer der Gegner herabsacken liess und Kollisionskurs mit ihrer rechten Warpgondel nahm. Wenn er es schaffte, ihre Schilde zu durchschlagen, waren sie geliefert. Er setzte mit Schweissperlen auf der Stirn zu einem letzten Versuch des Ausweichens an.
Doch da stürzte sich die Callisto unvermutet auf den Kamikaze. Aus dem Augenwinkel sah Lennard ein kurzes pulsierendes Flimmern vor dem Bug des kleinen, schnittigen Föderations-schiffes, bevor es rasch abdrehte.
Der Rumpf des Jem’hadar-Kampfraumers zerbarst einen Moment vor dem Aufschlag und regnete in Tausenden von Einzelteilen auf ihre Schilde hinab, die eben so noch hielten. Er-leichtert sah Lennard, wie ein anderes Jem’hadar-Schiff die Verfolgung der Callisto aufnahm, sich mit deren Wendigkeit und Beschleunigung jedoch nicht messen konnte und sie schon verloren hatte.
Inzwischen hatte sich Wenjorook um das verbliebene Angriffsschiff gekümmert und ihm mit einem Phaser-Kreuzfeuer aus drei Phaserbänken den Garaus gemacht. Merven schloss rasch zu dem letzten Gegner auf, der gerade dabei war, sein ‘Opfer’ zu stellen und zu beschiessen. Drei weitere Torpedos zogen ihre Bahn durchs All und fanden ihr Ziel, das in der gewaltigen Detonation zerplatzte.
Einen Moment lang war es still auf der Brücke, nachdem die Wolke aus Plasma und Trüm-mern der letzten Explosion expandiert und in der Schwärze des Weltraumes verschwun-den war. Sogleich kam die Callisto längsseits und schlug einen Parallelkurs ein. Nun konnten alle auf der Brücke das kleine Schiff, das als Prototyp und später Kurierschiff gebaut und in Dienst gestellt worden war.
Die U.S.S. Callisto, Registrierung NCC-50674, Steadfast-Klasse, wirkte neben dem langge-streckten Rumpf der Fairchild beinahe zierlich. Und dennoch musste es eine extrem stabile Konstruktion sein, da es weit höhere Beschleunigungen und grössere Fliehkräfte bei den ge-zeigten Manövern verkraften musste. Bis auf die leicht spitz zulaufende Dreiecksform der Untertassensektion, welche an die später aus ihr hervorgegangenen Intrepid-Schiffe erinnerte, sah es von der Seite her wirklich aus wie ein zu klein geratener Mischling mit dem Rumpf einer Excelsior- und den langen Warppylonen der Sovereign-Klasse. Zum ersten Mal kam Lennard der Gedanke, dass in diesem Exemplar vielleicht die besten Eigenschaften aller dieser verschiedenen Schiffstypen vereinigt sein könnten. Und im Gegensatz zu ihrem Schiff wirkte der Rumpf wie fabrikneu, da das Schiff so lange Zeit nicht im Dienst gewesen war. Dem Design sah man an, dass es inzwischen einige Jährchen auf dem Buckel haben musste, doch man konnte keine einzige Schramme an der Aussenhülle entdecken, keine Spur einer Phaserentladung oder Ähnliches. Es schien zu stimmen, dass sie noch nie getroffen worden waren.
„Wie haben sie nur das Angriffsschiff ausgeschaltet, das uns rammen wollte?“ fragte Wenjo-rook sich und sprach damit aus, was sich wohl jeder insgeheim gefragt hatte.
Lennard überging die Frage, atmete einmal tief ein und sagte dann beherrscht: „Komm, öffnen Sie einen Kanal zur Callisto.“
„Verbindung steht.“
„Hier Lennard. Ich beglückwünsche die Mannschaft der U.S.S. Callisto zu ihrer Leistung im eben überstandenen Kampf. Hiermit möchte ich Ihren Captain sowie den Ersten und Zweiten Offizier zu einer Besprechung auf unser Schiff einladen. Lennard Ende.“ Kurz angebunden, verschwendete er kein Wort und ging auch nicht vor versammelter Mannschaft näher auf die Meinungsverschiedenheit ein, die sie in Bezug auf die Rolle der Callisto im Gefecht gehabt hatten. So etwas gehörte nicht auf die Brücke.
- 6 -
Als die drei Neuankömmlinge die Beobachtungslounge betraten, wurden sie von Lennard, Leardini, Kall und Dween erwartet. Zuerst erschien Captain Howard Marshall, ein eigentlich nicht sehr beeindruckender Mann Ende zwanzig von mittlerer Grösse und eher schmalem Körperbau. Seine kurzen hellbraunen Locken umrahmten ein leicht kantiges und mageres Ge-sicht, in dem gleich die hellen, wachen Augen auffielen. Er schien Lennards erster Einschätz-ung nach sympathisch zu sein, auch wenn er eine für sein Alter ungewöhnliche Reife und auch Härte ausstrahlte, die bei seinem Werdegang und den durchlebten Ereignissen eigent-lich nicht weiter verwunderlich waren.
Ganz anders der Erste Offizier Bastian Görlitz, der gleich als nächster eintrat. Er war nicht viel älter als Marshall, gedrungen und vierschrötig vom Typ her und trug seine flachsblonden Haare in einer antiken kurzgeschorenen Bürstenfrisur, die den Eindruck noch verstärkte. Um den Mund liess er einen harten, mitleidslosen Zug erkennen, seine glasklaren Augen aber wanderten unstet umher, schienen alles und jeden abzuschätzen und wirkten beinahe para-noid. Dieser Mann war unzufrieden, kein Zweifel.
Danach kam der Zweite Offizier herein, der vom Typ her ein grosser, breiter, gutmütiger Ted-dybär mit einem dunklen kurzen Kraushaarschopf und braunen Augen war. Er mochte Mitte Dreissig sein und machte einen dienstbeflissenen Eindruck, war aber ansonsten ein eher un-auffälliger Menschenschlag. Lennard wusste seinen Namen nicht aus dem Stehgreif.
Marshall blieb stehen und sah zum ihn um einen Kopf überragenden Lennard hoch, dann reichte er ihm mit einem fast schüchternen Lächeln die Hand. „Captain Lennard, es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen. Mein Name ist Howard Marshall und ich stamme vom Mars aus dem Valles Marineris. Dies ist mein Erster Offizier Bastian Görlitz von der Erde, aus Deutschland und hier noch mein Zweiter Offizier, Flight Commander Paul Ross Johnson, der zufälligerweise auch vom Mars aus meiner Heimat, dem wundervollen und idyllischen Gitterraster 247, stammt.“
„Sie können P.R. sagen,“ warf der zuletzt Vorgestellte lapidar ein.
Lennard wollte eben zu einer Antwort ansetzen, als er stockte und mit entrücktem Blick nach-dachte. „Sagten Sie ‘Flight Commander P.R. Johnson von Mars 247’? Diese Namenskombi-nation kommt mir entfernt bekannt vor.“
„Ich erinnere mich nicht, Ihnen schon jemals begegnet zu sein, Sir,“ warf Johnson ein.
Lennard winkte ab. „Ist nicht so wichtig. Aber Ihr Rang ist mir ehrlich gesagt nicht so geläufig...“
„Nun, es ist eigentlich eine alte Bezeichnung wie auch ‘Commodore’ und ‘Fleet Captain’, die offiziell schon lange nicht mehr innerhalb der Sternenflotte in Gebrauch ist, aber aufgrund des Krieges aus irgendwelchen, meiner Meinung nach sentimentalen und nostalgischen Grün-den, wieder eingeführt worden ist. Es ist eine Mischung aus zweitem Offizier, Chefingenier und einem bisschen Wissenschaftsoffizier und wurde früher vor allem auf kleinen Schiffen mit entsprechend geringer Brückencrew verwendet.“
Anerkennend nickte Lennard: „Sie sind demnach ein Allround-Talent. Jetzt möchte ich Ihnen aber den anwesenden Teil meiner Brückencrew vorstellen: die noch amtierende Erste Offi-zierin und nebenbei auch meine Gattin, Stefania Leardini von der Erde, aus Italien. Dann die designierte Erste Offizierin Sam Kall von Betazed und unsere Schiffsberaterin Shania Dween von Alpha Centauri. Ich selbst stamme übrigens aus Neuseeland.“
„Angenehm. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, meine Damen und Herren,“ erklärte Marshall höflich und zuvorkommend, indem er sich auf einen der freien Stühle setzte.
„Dann sollten wir zunächst einmal etwaige Unklarheiten beseitigen, damit unser Einsatz reib-ungslos funktioniert. Ich dachte eigentlich, dass eine gewisse Kommandostruktur besteht, in der ich die Entscheidungsgewalt über unsere Rotte habe. Gerade eben noch sah das nicht so aus; Sie haben sich einem direkten Befehl widersetzt,“ warf Lennard seinem Kollegen ohne grosse Umschweife an den Kopf.
„Und Ihnen dadurch den Hintern gerettet, wenn ich es so trivial ausdrücken darf,“ konterte Marshall ungerührt. Das versprach interessant zu werden.
„Hören Sie, Captain Marshall, das mag ja stimmen und wir sind Ihnen gewiss auch dankbar dafür, aber das sollte nicht zur Gewohnheit werden. Ich weiss, dass Sie noch sehr jung für Ihren Posten sind und ein gewisses Ungestüm auch nicht unbedingt abträglich sein muss, aber unser Teamwork muss funktionieren und wir müssen uns bedingungslos vertrauen können, um aus dieser Lage mit heiler Haut davonzukommen... wie haben Sie eigentlich das Jem’ hadar-Schiff ausgeschaltet?“ Lennard konnte seine Neugier nicht länger zurückhalten und unterbrach seine mühsam beherrscht vorgetragene Ansprache über Befehl, Gehorsam und Teamwork.
„Oh, eine kleine Eigenentwicklung von Mr. Johnson. Wenn man mit unserer Bewaffnung durch derart gefährliches Gebiet fliegt, muss man sich so einiges einfallen lassen.“
Ungefragt erklärte Johnson: „Ich habe entdeckt, dass ich durch eine Umkonfiguration des Hauptdeflektors einen starken Gravitonenkeil vor dem Schiff erzeugen kann, der für einige Sekunden stabil bleibt und die kinetische Energie von 700 000 Tonnen Masse hat. Versuchen Sie das aber bloss nicht mit Ihrem Schiff, Sir, denn ausser der Callisto hat wahrscheinlich kein anderes Schiff eine so hohe Strukturfestigkeit in Längsrichtung, die eine solche Belast-ung aushalten würde. Naja, eine Defiant-Klasse vielleicht noch, aber wie gesagt... es rummst auch immer ziemlich stark, wenn wir diesen ‘Subraumrammbock’ einsetzen. Und wir haben ihn noch niemals mehr als einmal hintereinander eingesetzt, ohne hinterher nicht das Struk-turelle IntegritätsFeld und die Deflektormatrix gründlich zu überprüfen.“
„Sehr interessant. Ich nehme übrigens an, Sie haben die Informationen von der Sonde er-halten, die wir Ihnen geschickt haben?“ wechselte Lennard erneut unverhofft das Thema.
„Jawohl. Vielen Dank für die Warnung vor den Jem’hadar. Auch die gesammelten Daten über das Ribaalc-System und deren Besonderheiten sowie der Bericht über Ihre Lage betreffs der Beschädigungen hat uns sehr beim Erwägen unseres Vorgehens geholfen. Ich verstehe al-lerdings, dass Sie ungehalten über unser Intervenieren vorhin waren, denn an Ihrer Stelle wür-de mir das genauso aufstossen. Wenn ich Ihnen aber all das erzählen würde, was wir schon durchlebt haben, seit dieser unselige Krieg begonnen hat, würden Sie wahrscheinlich mehr Nachsicht haben.
Ich habe nicht übertrieben, als ich sagte, wir sind statistisch bereits seit längerer Zeit tot: un-ser Schiff ist klein, schlecht bewaffnet und nicht für den Kampf konstruiert worden, wie Sie es so treffend formuliert haben. Unser Vorteil besteht in der Schnelligkeit und Wendigkeit, die uns mehr als einmal die Haut gerettet haben. Wir haben derart viele haarsträubende Situa-tionen hinter uns, dass ich nicht darauf eingehen will. Aber es ist ein gutes Schiff, es hat eine gute Crew und alle sind gewillt, bis zum Äussersten zu gehen, um unsere Heimat und unsere Freiheit zu schützen. Wir sind Patrioten, aber keine Fanatiker, und wir sind wagemutig, aber nicht tollkühn. Es gibt einen schmalen Grat zwischen diesen Werten, den wir bislang mit be-achtlichem Erfolg entlanggewandert sind.“
Nach diesen Worten schwieg Lennard kurz, um deren Sinn auf sich einwirken zu lassen. Dann sagte er bedächtig: „Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir mit dieser Erklärung gehol-fen haben. Ich bin nun überzeugt, dass wir es schaffen können. Dieses Problem hätten wir also aus der Welt geschaffen. Eine Reihe weiterer Probleme warten aber noch auf uns.
Wir müssen vor allem das Ribaalc-System absichern, um das erwartete zweite Borgschiff ab-fangen zu können, bevor es aus dem Transwarp-Kanal hier austritt und seine Flug- oder an-dere Daten übermitteln kann, sei es per Interplex-Boje ans Dominion in den Gamma-Quad-ranten oder an Truppen hier in der Nähe. Die Frage ist nur: wie fangen wir das an? Das Schiff kommt beinahe mit derselben Geschwindigkeit an wie unsere Subraum-Ortungssignale. Und da in der Richtung, aus der es kommen wird, die Grenze und das Feindteritorium liegen, ste-hen uns auch keine Messstationen zur Verfügung, die uns vielleicht vorwarnen könnten. Un-sere Schiffssensoren reichen nicht einmal dreissig Lichtjahre weit in den Raum hinein, was uns praktisch keinerlei Vorwarnzeit lässt bei einem Objekt, das sich mit Transwarp nähert. Ausserdem müssen wir im System sein, um das Schiff rechtzeitig abfangen zu können, wenn es ankommt. Die Störungen im Subraum durch die Sonne von Ribaalc schränken unsere Sen-sorenreichweite allerdings ein.“
„Dafür kann ich Ihnen eventuell eine Lösung anbieten,“ bemerkte P.R. Johnson, worauf ihn alle interessiert ansahen.
„Ich wüsste nicht, wie diese Sisyphus-Aufgabe zu lösen wäre, Flight Commander, aber lassen Sie ruhig hören.“ Lennard runzelte zweifelnd die Stirn.
„Sagt Ihnen der Begriff ‘Sonnenteleskop’ etwas?“
Leardini merkte auf: „Das war eine raffinierte astronomische Beobachtungsmethode, die auf meinem Heimatplaneten im frühen 21. Jahrhundert ausgeklügelt und bis zum Niedergang der wissenschaftlichen Sternforschung durch den Dritten Weltkrieg betrieben wurde.“
„Das Prinzip ist mir nicht geläufig; bitte klären Sie mich auf,“ verlangte Lennard interessiert. Konnte es wirklich einen Ausweg aus ihrer schwierigen Lage geben?
„Nach meinem Verständnis wurde dabei ein Teleskop oder ähnliches Messinstrument an ein-en weit entfernten Punkt am Rande des Systems plaziert, am sogenannten optischen Brenn-punkt der Sonne. Wie allgemein bekannt ist, krümmen grosse, massereiche Körper wie bei-spielsweise Sonnen den Raum und damit auch das Licht, das an der Sonne vorbeizieht. So können auch Sterne beobachtet werden, die eigentlich hinter ihr liegt, da ihr Licht vom Schwerefeld der Sonne beim Passieren gebeugt und an ihr vorbeigelenkt wird. Bei Sol liegt dieser Brennpunkt etwa achzig Milliarden km von der Oberfläche des Sternes entfernt, also atwa vierzehnmal weiter entfernt als Pluto von der Sonne ist. Von dort aus kann man die Son-ne sozusagen als Linse benutzen und enorm weit entfernte Gegenstände in der entgegenge-setzten Richtung beobachten.
Durch die spezielle Eigenschaft von Ribaalc, ein eigenes Subraumfeld zu erzeugen, können wir das gleiche auch hier versuchen. Wenn wir die Fairchild am subraumsensorischen ‘Brennpunkt’ am entgegengesetzten Ende des Systems stationieren, müssten wir mit den Sen-soren enorm weit entlang der erwarteten Flugbahn des zweiten Borgschiffes in den Raum des Dominion hineinsehen können. Das heisst, wir könnten sie kommen sehen und hätten genug Zeit zum reagieren.“
Lennard überlegte kurz und gab dann zu bedenken: „Das kann funktionieren, aber ist dieser ‘Brennpunkt’ im Falle von Ribaalc nicht sehr weit ausserhalb des Systems gelegen?“
Johnson seufzte. „Leider ja, fast 0,4 Lichtjahre. Ich weiss auch, was Sie jetzt sagen wollen. Aber hier kommen wir jetzt auf den Plan: wir werden im Ribaalc-System auf der der Flug-bahn abgewandten, aber Ihnen zugewandten Seite im Ortungsschatten von Ribaalc III auf Po-sition gehen, sodass wir bei ihrem Anflug für das Borgschiff nicht zu entdecken sind, Sie aber sehr wohl mit uns Kontakt aufnehmen können. Wenn Sie uns dann Bescheid geben, werden wir den Borgquader mit der Callisto in Empfang nehmen. Wir sind leider nicht mit Quanten-torpedos ausgestattet, aber wenn Sie uns ein paar von Ihren überlassen, werden wir mit die-sem Ding schon fertigwerden; Ihren Daten nach ist es ja nicht viel grösser als unser Schiff. Wenn wir Sie quasi als Feuerleitstand benutzen und denen eine volle Breitseite Torpedos aus dem Ortungsschatten heraus verpassen, werden die nicht mal erahnen, wie ihnen geschehen ist, bevor sie in Atome zerlegt sind.“
„Hört sich gut an,“ sagte Kall spontan, während Lennard noch zögerte.
„Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Dieser Plan birgt viele Unsicherheitsfaktoren in sich und es steht zu viel auf dem Spiel. Wenn das Schiff hier ankommt und Zeit findet, den erfolgreichen Testflug in den Gamma-Quadranten zu melden, können wir im schlimmsten Fall in schon einem Jahr mit gegnerischen Schiffen rechnen, die über Transwarp-Antrieb ver-fügen und zu Tausenden aus dem Dominiongebiet bei uns einfallen. Dann können wir auch gleich kapitulieren.
Andererseits sind wir auf uns allein gestellt und das nächste Schiff würde uns nicht mehr rechtzeitig erreichen, da es jede Stunde soweit sein kann. Ich würde sagen, wir sollten es auf einen Versuch ankommen lassen; es ist die beste Chance, die wir momentan haben.“
„Dann sollten wir jetzt noch von unseren neuen Verbündeten berichten,“ schlug Dween vor, worauf die Offiziere von der Callisto sie fragend musterten.
„Das könnte ein bisschen dauern,“ äusserte Leardini ihre Befürchtungen.
Nachdem alle über den aktuellen Stand der Dinge aufgeklärt waren, wurde die formelle Kon-ferenz für beendet erklärt. Marshall und seine Kollegen äusserten den Wunsch, sich die Fairchild ein wenig ansehen zu dürfen, bevor sie sich wieder trennen würden.
Lennard stimmte vorbehaltlos zu: „Solange die Quantentorpedos von uns umgeladen und von einem gemeinsamen Technikerteam von beiden Schiffen für Ihren Abschussschacht modifi-ziert werden, können Sie sich gerne ein wenig umsehen. Ich überlege gerade, wen ich Ihnen für die kleine Führung anbieten könnte...“
„Lassen Sie nur, Sir, ich werde das gerne übernehmen,“ erbot sich Dween rasch, wogegen der Kommandant der Fairchild ebenfalls nichts einzuwenden hatte, da er bereits mehrmals von Lieutenant Nirm aus dem Maschinenraum gerufen worden war.
„Dann überlasse ich Sie Ihren fähigen Händen, Counselor.“
Und schon war er im nächsten Turbolift verschwunden.
Einen Moment lang standen die drei Besucher ein wenig verloren im Hintergrund der Haupt-brücke neben Dween, die sich suchend umsah. Wieder einmal bot sich ihr dieses inzwischen nur allzu gewohnte Blick: die kleine zuckersüsse Annika Svensdottir und Merven steckten ihre Köpfe über der Komm-Konsole ihrer Meinung nach viel zu dicht zusammen, während sie ihre Station inspizierten.
„Bitte verzeihen Sie, Mrs. Dween, Sie sind doch der Schiffscounselor...“ erklang eine stock-ende, leise Stimme.
„Das stimmt,“ bestätigte sie, ohne wegzusehen.
„Ich glaube, ich brauche ein persönliches Beratungsgespräch mit Ihnen. Wissen Sie, wir sind nur 75 Leute an Bord der Callisto und haben leider keine eigene Counselor...“
Jetzt endlich wurde sie aufmerksam und sah sich unvermittelt P. R. Johnson gegenüber, der sie hilfesuchend ansah.
In diesem Augenblick kam ihr eine Idee. Sie erhob ihre Stimme. „Fähnrich Svensdottir?“
Die junge Skandinavierin sah ebenso überrascht wie Merven auf und brauchte eine Sekunde, bevor sie pflichtgetreu antwortete: „Ja, Lieutenant?“
„Bitte übernehmen Sie für mich eine kurze Schiffsführung der Gentlemen von der Callisto. Ich habe hier gewissermassen einen kleinen Notfall zu behandeln. Vielen Dank für Ihre Hilfs-bereitschaft.“ Durch ihre listige Formulierung der ‘Bitte’ liess sie ihr keine andere Wahl, als ihr Folge zu leisten.
Ganz ungezwungen hängte sie sich bei ihrem neuen Schützling ein und dirigierte ihn zum Turbolift, während Merven sowohl das als auch das Entschwinden seiner Untergebenen miss-mutig mitansehen musste.
„Worum geht es denn, Mr. Johnson?“ Sie musste ungewollt bei seinem Anblick lächeln, wie er sie ansah.
„Es ist wegen meiner Frau,“ sprudelte es aus ihm heraus, „ sie ruft ständig von der Erde aus an und jammert, dass sie sich so einsam fühlt, seit ich weg bin. Sie hält diesen verrückten Krieg nicht mehr aus, bekommt anscheinend ständig Avancen, bleibt aber dennoch daheim, wegen der Kinder und...“
„Halt, halt, halt,“ bremste Dween ihn verständnisvoll lächelnd ein. „Wir suchen uns jetzt ein gemütliches Eckchen im Elf Vorne, da können Sie mir in entspannter Atmosphäre alles darlegen.“
Dann kam ein Lift an und transportierte sie von der Brücke.
Mit einem leicht flauen Gefühl im Magen steuerte Svensdottir auf ihre beiden Schutzbefohl-enen zu und sah auf zu Marshall und Görlitz. Beide lächelten sie nett an, als sie ihrer Gewahr wurden. Den Ersten Offizier nahm sie jedoch nur am Rande wahr, der grösste Teil ihrer Auf-merksamkeit wurde sofort von Marshalls Erscheinung in Anspruch genommen. Ein ausge-sprochen anziehender Mann, wie sie fand. Und noch so jung für einen Captain. Er musste etwas Grosses vollbracht haben, um bereits ein Schiff zu kommandieren.
Ja, sie bewunderte ihn und konnte nicht umhin, ihm das auch zu zeigen. Görlitz wurde auf ihrer kurzen Tour immer ungeniessbarer, weil die beiden von Anfang an nur Augen füreinan-der hatten, was diese jedoch nicht zur Kenntnis nahmen, eben weil sie nur Augen für den An-deren hatten. Als er sich schliesslich wenig galant von ihnen absetzte und sich ins Elf Vorne begab, bekamen sie kaum etwas davon mit. Sie hatten nur so wenig Zeit, bis er auf sein eig-enes Schiff zurück musste...
Die Callisto verabschiedete sich mit den besten Wünschen und der Zusicherung, an der ver-abredeten Position Stellung zu beziehen. Sie entfernten sich mit der höchsten für sie sicheren Warpgeschwindigkeit und waren auch bald aus dem störenden Einflussbereich Ribaalcs her-aus.
„Bitte scannen Sie den uns umgebenden Raum mit höchster Sensorenreichweite, während wir uns auf unsere Warteposition begeben. Wir sollten uns möglichst sicher sein, dass sich keine verirrten feindlichen Patroullien in der Nähe befinden, bevor wir unsere gesamte Sensoren-kapazität in nur eine Richtung lenken.“ Lennards taktischer Verstand arbeitete unermüdlich. Ihr Plan schien ziemlich gut durchführbar zu sein, was also störte ihn daran?
Er sah Wenjorook über die Schulter, als dieser seine taktischen Anzeigen studierte. Der Sich-erheitschef murmelte: „Noch bekomme ich keine Ortungen herein, was vielleicht bedeutet, dass wir uns noch weiter von der Sonne entfernen müssen, um wieder mit normaler Reich-weite scannen zu können.“
„Mag sein.“ Lennard sah plötzlich zu Wuran auf. „Sagen Sie, Cluj, sind die Vorbereitungen für unser Unternehmen ‘Sonnenlinse’ von Ihrer Seite her abgeschlossen?“
„Die Wissenschaftsoffizierin nickte bedächtig. „Das war diesmal kein grosser Aufwand. Die Conn und Taktik habe ich in den Umgang mit den umkonfigurierten Sensoren eingewiesen. Es sollte alles reibungslos laufen.“
„Gut, denn ich möchte, dass Sie sich nochmals die Daten vom ersten Borgschiff ansehen und versuchen, weiteres fraktales Material zu entschlüsseln. Ich habe irgendeine dunkle Ahnung, dass wir etwas übersehen haben könnten. Fragen Sie mich nicht, was das sein könnte, es ist nichts Greifbares.“ Er rieb sich in Gedanken versunken das Kinn und starrte ins Leere.
Die Bajoranerin seufzte und erklärte nicht besonders begeistert: „Wenn Sie es wünschen, Sir, auch wenn ich mir nicht viel davon verspreche. Was zu entschlüsseln war, haben wir ent-schlüsselt, der Rest der Daten war stark beschädigt und kann höchstens noch mit Wahrschein-lichkeitsformeln im nichtlinearen Bereich annähernd wirklichkeitsgetreu weiterentwickelt werden.“
„Versuchen Sie das, ich nehme auch nur vage Vermutungen, wenn nicht mehr dabei her-auskommt.“ Er bemerkte, wie seine Frau ihn sorgenvoll anstarrte, als er sich zurück in seinen Sessel setzte.
„Eine deiner berühmten Ahnungen hast du doch schon ewig nicht mehr gehabt? Ist das nun ein schlechtes Zeichen oder nur Zufall?“
„Ich kann es dir nicht sagen, Stefania, sonst wäre es keine Ahnung, sondern Gewissheit.“ Er zuckte bedauernd dafür, dass er auch ihr keine gute Erklärung anbieten konnte, die Schultern und sah wieder auf die starre Miene von Wenjorook.
„Im Umkreis von mindestens zwanzig Lichtjahren befindet sich offenbar kein einziges Ster-nenflottenschiff, wenn ich den Transpondersignalen glauben schenken soll, die wir bislang empfangen. Dass diese Ecke hier so verlassen ist, hätte ich nicht gedacht. Ich orte dafür eine Reihe von nicht identifizierbaren Schiffen in verschiedenen Richtungen, alle mehrere Licht-jahre von uns entfernt. Je weiter wir uns von Ribaalc entfernen, desto stärker und deutlicher werden die Signale, aber für eine Klassifizierung reicht es noch nicht aus.“ Man sah dem Andorianer deutlich seine Unzufriedenheit über die unklaren Verhältnisse an.
„Wir empfangen eine Dringlichkeitsbotschaft von Admiral Hers, noch ziemlich verzerrt, aber der Empfang wird langsam besser. Die Nachricht ist unverschlüsselt, Captain.“ Etwas ratlos sah der junge Komm-Offizier seinen Kommandanten an.
„Dann schlage ich vor, Sie legen sie auf den Hauptschirm, nicht wahr?“ meinte er etwas ge-reizt. Stefania hatte wahrscheinlich doch recht mit ihren Klagen über die schlecht geschulten Neuzugänge. Er würde sich darüber beschweren müssen, sobald sie wieder ‘festen Boden unter den Füssen’ haben würden.
Noch leicht von statischem Rauschen und anderen kurzzeitigen Störungen verzerrt, erschien ein altbekanntes Gesicht auf dem Monitor, das Erleichterung zeigte. „Captain Lennard! Wir dachten, wir hätten Sie und auch die Callisto verloren. Gott sei Dank, wenigstens haben Sie es geschafft.“
„Nein, keine Sorge, Admiral, wir sind nur ein wenig hier im Abseits hängen geblieben und hatten keine Verbindung zum Hauptquartier... das ist eine lange Geschichte, die ich nicht über Subraumfunk erzählen sollte. Wir können allerdings noch nicht so ohne Weiteres aus dem Ribaalc-System abziehen.“
Sofort furchte sich Hers Stirn. „Es tut mir leid, aber Sie müssen das System sofort verlassen und sich beim neuen Sammelpunkt einfinden, wo wir uns derzeit formieren.“
„Ich würde Ihrem Befehl liebend gerne nachkommen, Sir, aber es geht momentan wirklich nicht. Ich kann es Ihnen leider nicht erklären, da wir nicht wissen, ob der Feind nicht mit-hört...“ Man sah Lennard sein Dilemma nur zu gut an.
Hers seufzte ergeben. „Ich kann Ihnen versichern, dass der Feind mithört. Kyle, Sie befinden sich zwei Lichtjahre hinter den feindlichen Linien, hören Sie? Der halbe Sektor ist völlig überraschend vom Dominion überrannt worden, während Sie ohne Kontakt zu uns waren. Haben Sie denn gar keine Feindberührungen gehabt?“
„Um ehrlich zu sein, doch, aber aufgrund der besonderen Umstände hatten wir fälschlicher-weise angenommen, dass sie von uns angelockt worden waren. Naja, das Ribaalc-System ist wirklich sehr abgelegen, da wundert es mich nicht, dass sie nur so wenig Schiffe durch dieses System geschickt haben.“ Lennard stützte sich auf einen Ellbogen, legte die Hand an die Stirn und verbarg die Augen.
„Wie dem auch sei, Sie müssen sich unter allen Umständen absetzen und wieder auf unser eigenes Territorium gelangen,“ beharrte die Admiralin. „Wir haben schon genug Schiffe und vor allem gute Männer und Frauen bei diesem Blitzangriff verloren.“
„Es widerstrebt mir nichts mehr, als Ihre Weisungen zu missachten, das müssen Sie mir glau-ben, Admiral, aber wir können hier nicht weg. Sobald wir zurück sind, können wir alles auf-klären, dann werden Sie es verstehen. Bitte vertrauen Sie meinem Urteil in dieser Angeleg-enheit.“ Lennard wusste nicht, wie er es anders ausdrücken sollte, ohne etwas zu verraten. Das Dominion durfte auf keinen Fall etwas von dem Borg-Testschiff erfahren, sonst würden sie alles erdenkliche unternehmen, um dessen Flug zum Erfolg zu verhelfen.
„Es liegt nicht in Ihrem Ermessen, das Schiff und das Leben Ihrer Crew derart zu gefährden, wenn...“
„Ich fürchte, in diesem Fall schon. Es tut mir leid, Admiral Hers. Verbindung unterbrechen, Komm.“ Alle starrten ihn an, als er schwermütig in seinen Sitz sank, nachdem er diesen fol-genschweren Befehl gegeben hatte.
„Na, hoffentlich war’s das wert,“ murmelte Kall.
„Sie ahnen gar nicht, wie sehr,“ gab er stoisch zurück, bevor er fragte, um sich vom soeben Gehörten abzulenken: „Wie lange noch bis zum Erreichen des ‘Brennpunktes’?“
„Eine knappe halbe Stunde, Captain,“ informierte Merven knapp und förmlich. Er schien nicht zu wissen, wie er sich verhalten sollte.
Wenjorook meldete sich: „Das sieht nicht gut aus, Captain. Der Computer identifiziert das erste der uns umgebenden Raumschiffe als Jem’hadar-Schlachtkreuzer. Er hat soeben einen Abfangkurs angelegt und wird bei gleichbleibender Geschwindigkeit in weniger als sechs Stunden eintreffen.“
„Womit haben wir das verdient?“ stöhnte Leardini auf.
„Die anderen Objekte werden nun auch nach und nach klassifiziert - insgesamt neun Angriffs-jäger, die sich von zwei weiteren Seiten nähern. Sie sind alle noch relativ weit entfernt und werden keinesfalls vor dem Schlachtkreuzer hier sein. Der Weg nach vorne in ‘freundliches’ Gebiet ist frei, ebenso nach hinten ins Ribaalc-System.“ Leidenschaftslos zählte Wenjorook damit genau die Optionen auf, die sie hatten.
Nun, genau genommen hatten sie keine Alternativen. Sie konnten nur hoffen, dass ihre Pech-strähne nicht anhalten würde und das Borgschiff ankommen würde, bevor die Dominion-Schiffe sie erreichten. Und selbst im günstigsten Fall konnte niemand sagen, ob sie mit heiler Haut davonkommen würden, selbst wenn es ihnen gelingen würde, den Borg-Technologie-träger zu zerstören, der vom Gamma-Quadranten hierher geschickt werden würde.
Die Stimmung auf der Brücke war entsprechend gedrückt.
Sie hatten ihre berechnete Position erreicht und hatten die Callisto über die neue Lage infor-miert, wobei Captain Marshall vollkommen mit Lennard übereinstimmte, was die Notwendig-keit ihrer Vorgehensweise betraf. Die Verbindung war nur über Audio möglich, doch auch der gesprochene Gedankenaustausch bestätigte Lennards Meinung über den jungen Captain der Callisto. Dieses tapfere kleine Kurierschiff mit seiner übereilt zusammengewürfelten Mannschaft hielt eisern die Stellung und wartete darauf, ein paar Quantentorpedos direkt in die Flugbahn des sich nähernden Borgquaders zu platzieren. Bei diesem Tempo und ihren Sensoren würden sie praktisch manövrierunfähig und auch mehr oder weniger blind sein, so-lange sie sich in ihrem Transwarpkanal befanden. Das war der wunde Punkt, auf den sie setz-ten.
„Wollen wir es versuchen, Captain?“ Merven wartete noch auf die Bestätigung von der Callisto, dann wurde die remodulierte Sensorensteuerung aktiviert. Nach kurzer Zeit baute sich eine grafische Darstellung des Raumes jenseits von Ribaalc auf.
„Das ist fantastisch,“ bemerkte Wuran fasziniert und liess für einen Moment ihre Decodier-ungsarbeit ruhen, um mithilfe dieses physikalischen Tricks einen Blick in ungeahnte Tiefen des Hinterlandes zu werfen. Sie konnte weite Teile des vom Dominion besetzten Gebietes sowie den Randbereich des Zentrums der Galaxie erkennen. Mindestens einausend Licht-jahre, dachte sie.
“Es funktioniert. Jetzt brauchen wir nur noch ein wenig Glück, damit wir den Borgquader ab-fangen oder wenigstens entdecken und seine Ankunftszeit und -position bestimmen können, bevor die Dominionschiffe uns erreichen. Sobald sie uns angreifen werden, müssen wir unser-en Messposten wohl oder übel verlassen, um wenigstens eine kleine Überlebenschance zu haben.“ Wuran sah besorgt aus und wandte sich an den Captain.
„Sir, wie sicher können wir sein, dass die Callisto auch wirklich im Stande ist, dieses Borg-schiff zu zerstören, bevor dieses seine Erfolgsmeldung absetzen kann?“
„Seien Sie beruhigt, Cluj, diese Scoutschiffe sind nicht sehr gross und robust, wie wir gesehen haben. Sogar ein Raider würde sicherlich mit ihm fertig werden.“
„Hoffen wir’s. Mit der weiteren Entschlüsselung des Materials vom ersten Borgschiff hatte ich bisher leider keinen Erfolg, da die Daten einfach zu stark verstümmelt sind. Ich konnte nichts weiteres extrahieren, was uns von Nutzen sein könnte und werde es aller Voraussicht nach auch nicht mehr können. Wir haben eigentlich Glück gehabt, dass wir uns überhaupt ein Bild von der Lage haben machen können, denn wenn zwei oder drei Prozent mehr dieser Daten verlorengegangen wären, wäre es nicht mehr möglich gewesen.“
„Dann lassen Sie uns hoffen, dass uns das Glück nicht verlässt.“
Diesmal war das Glück mit ihnen, denn schon nach weniger als einer Stunde empfingen sie eine schwache Subraumortung, deren Signatur einem Transwarp-Kanal entsprach und die sich extrem schnell dem Ribaalc-System näherte. Aus dieser grossen Entfernung liessen sich natürlich noch keine genaueren Daten sammeln, doch sie waren gewarnt. Für sie hiess das, dass sie ihre Mission erfüllen konnten, bevor die herannahenden Dominionschiffe eine Chan-ce erhalten würden, ins Geschehen ein- beziehungsweise sie anzugreifen.
„Wir bleiben so lange wie möglich, bis wir eine genaue Kursbestimmung vornehmen können.
Sobald die Callisto das Borgschiff erledigt hat, schliesst sie zu uns auf und wir machen, dass wir so schnell wie möglich vor die feindlichen Linien kommen.“ Lennard war überzeugt, dass sie es schaffen konnten, ohne sich mit den sich nähernden Jem’hadar-Schiffen auseinander-setzen zu müssen.
„Die Geschwindigkeit des Objektes ist fast schon furchterregend, Captain. Es wird noch etwa zwanzig Minuten dauern, bis es ins System eintritt.“ Wenjorook war sichtlich in Ehrfucht ver-setzt von dieser Technologie. Es war aber auch wirklich unvorstellbar, was es für sie bedeu-ten würde, wenn der Feind diese Antriebstechnik in seinen Raumschiffen etablieren könnte.
Lennard forderte eine Verbindung zur Callisto an. „Es ist soweit, Marshall. Sind Sie bereit?“
„Bereiter geht’s nicht, Lennard. Haben Sie schon genauere Daten?“
„Werden Ihnen gerade übermittelt. Die Entfernung ist noch zu gross für eine genaue Ermitt-lung des Kurses, doch so wie es momentan aussieht, wird der Borgquader Ribaalc III in weni-ger als einer Million km passieren.“
„Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Sogar mit nur Warp 1 könnten wir erst drei Sekunden vor Eintreffen auf das Schiff schiessen. Sie werden keine Chance haben.“ Marshall klang zu-versichtlich.
Lennard ging mit hinter dem Rücken verschränkten Händen und finsterer Miene auf der Brücke auf und ab, bis Leardini ihm leise zurief: „Kyle!“
„Ja?“ Aus seiner Nachdenklichkeit aufgeschreckt, ging er auf seine Gattin zu.
„Setz dich bitte hin, du machst die gesamte Crew nervös mit deiner Herumtigerei.“
Er sah sie verblüfft an und dann zu Dween hinüber, die bestätigend nickte. „Wenn ihr meint... ich habe eben ein schlechtes Gefühl dabei. Es läuft einfach zu glatt.“
„Sei lieber zufrieden, „ nörgelte Leardini, „anstatt dauernd das Schlimmste anzunehmen.“
Er musste ungewollt lächeln. „Ein kluger Kopf hat einst gesagt: Erhoffe das Beste, erwarte das Schlimmste. Mit dieser Philosophie bin ich eigentlich immer gut gefahren.“
Um sich ein wenig abzulenken, ging er wieder zur Ortungsanzeige von Wuran, wo diese mit gekrauster Nase dasass und die eintreffenden Daten studierte. „Was haben Sie? Sie wirken so angespannt.“
„Etwas stimmt nicht, Captain. Je näher das Schiff kommt und je präziser die Daten werden, desto mehr zerbreche ich mir den Kopf darüber. Zuerst dachte ich, es sei eine Ungenauigkeit in unserer Messmethode, schliesslich machen wir dies hier zum ersten Mal. Aber nun bin ich mir nicht mehr sicher. Der Transwarpkanal war viel leichter aufzuspüren, als ich es vorherbe-rechnet hatte, sein Energieniveau ist um ein Vielfaches höher als das des ersten, der das Nah-en des ersten Scoutschiffes angekündigt hatte.“
„Naja, man muss bedenken, dass die Subraum-Messwellen selbst nur ein wenig schneller sind als das Objekt an sich. Ohne die grosse Entfernung zum Objekt hätten wir gar keine Chance gehabt, es in einer vernünftigen Vorwarnzeit zu orten. Und je näher es kommt, desto kleiner wird der Unterschied zwischen Eintreffen der Daten und dem des Schiffes selber. Ich glaube, wir werden...“
Eine Anzeige am unteren Rand von Wurans Konsole begann, begleitet von einem leisen, aber durchdringenden Piepton, rot zu blinken. Lennard brach ab, als die Wissenschaftsoffizierin die angefragte Berechnung aufrief und zuerst auf die Daten starrte, bevor sie mit versteinerter Miene langsam aufsah. „Kyle, wir haben ein Problem.“
„Inwiefern?“
„Ich habe eine Grössenberechnung des Objektes anhand der Energiemenge des von ihm er-zeugten Transwarpkanals angestellt. Das Resultat lautet 29 Kubikkilometer.“ Sie liess mutlos die Schultern sinken.
„Es ist ein Borgwürfel, kein Scoutschiff.“ Lennard wurde bleich und sein Mund trocken.
„Sofort eine Verbindung zur Callisto!“ Lennard sprang förmlich auf seinen Platz.
„Hier Marshall. Was gibt es, Captain Lennard?“
„Wir haben gerade errechnet, dass es sich bei dem sich nähernden Schiff nicht um ein Scout-schiff, sondern um einen Borgkubus mit einer Kantenlänge von über drei km handelt. Wir müssen sofort alles über den Haufen werden und uns etwas neues einfallen lassen. Bleiben Sie auf jeden Fall auf Position im Ortungsschatten von Ribaalc II und unternehmen Sie gar nichts. Wir werden so schnell wie möglich zu Ihnen...“
„Verzeihung, Captain, aber ich glaube, nicht einmal die Fairchild wird etwas gegen ein sol-ches Raumschiff tun können. Mit viel Glück, wenn die Besatzung ihr Handwerk nicht so gut versteht wie eine reguläre Borgcrew, können wir gemeinsam das Schiff kampfunfähig schies-sen oder sogar zerstören, aber sicher nicht rechtzeitig, um das Absetzen ihrer Erfolgsmeldung zu verhindern. Wir können nicht darauf hoffen, dass sie nicht genug Daten haben, um ihren eigenen Transwarpantrieb auch bei Verlust des Testschiffes hier am Zielort nicht zu bauen. Nur wenn dieser Borgkubus hier im Alphaquadrant verlorengeht, ohne vorher auch nur einen einzigen Mucks von sich gegeben zu haben, werden die Vorta die Einstellung des Projektes befehlen. Habe ich die Lage soweit richtig beurteilt?“
Lennard zögerte. „Ja, aber wie wollen Sie...“
„Keine Sorge, das erledigen wir. Bleiben Sie einfach so lange wie möglich am Brennpunkt der Subraum-Sonnenlinse und liefern Sie uns so präzise Kursangaben über den Kubus wie möglich. Nur wenn wir jetzt alle einen kühlen Kopf behalten, haben wir noch eine Chance. Ausserdem trifft das Schiff in zwölf Minuten ein. Sie würden es nicht einmal mit maximalem Warp noch schaffen, rechtzeitig ins Planetensystem zurückzukehren.“ Marshall klang völlig unbekümmert und entschlossen, als wisse er genau, was zu tun sei.
„Haben Sie den Verstand verloren, Marshall? Wie wollen Sie allein nur mit der Callisto einen Borgkubus stoppen? Mit den paar Quantentorpedos allein werden Sie ihn niemals schwer ge-nug beschädigen.“ Lennard versuchte, die Motivation seines Kollegen zu begreifen.
„Das stimmt, aber ich habe noch etwas mehr, was ich als kleine Überraschung in seiner Flug-bahn parken kann. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte, so eine Evakuierung erfordert immer et-was Zeit. Tun Sie mir einen Gefallen und fischen Sie uns auch alle wieder auf, ja? Wir kön-nen es schaffen, uns mit der Fairchild hinter die eigenen Linien zu retten, bevor die Jem’ hadar hier eintreffen.“
„Nein, Marshall, das dürfen Sie nicht tun! Die Risiken sind viel zu gross, dass das Schiff die Callisto verfehlen könnte. Sie können doch nicht ernsthaft so ein Himmelfahrtskommando in Betracht ziehen...“ Verzweifelt versuchte Lennard, ihm dieses wahnwitzige Unterfangen aus-zureden.
„Wir sehen uns dann. Marshall Ende.“
„Nein! Ich befehle Ihnen...“ Lennard brach seine Tirade ab, als er das bedauernde Kopfschüt-teln des Komm-Offiziers wahrnahm.
„Er hat wirklich vor, mit seinem Schiff den Borgwürfel zu rammen. Das wächst sich langsam zu einem Alptraum aus.“ Lennard liess sich resigniert in seinen Sessel zurücksinken.
„Und wir können nichts dagegen unternehmen. Captain Marshall hat sogar insofern recht, als dass wir die grösste Hilfe für sie darstellen, wenn wir hier auf Position bleiben und ihnen so viele und genaue Daten wie möglich liefern.“ Dween war anzusehen, wie schwer es ihr fiel, das auszusprechen. Es war wohl ihre vulcanische Hälfte, die ihr die Überwindung gab, es zu tun.
„Sie sind mir auch eine grosse Hilfe,“ spottete Lennard prompt und sah sie wütend an. „Dieser Heisssporn wird es wirklich tun, da bin ich mir ganz sicher. Alarmstufe Gelb für alle Decks. Die Krankenstation soll sich auf die Aufnahme von einer grossen Anzahl Verletzten vorbereiten. Wir müssen zusehen, dass wir so schnell wie möglich auf die Suche nach den Rettungskapseln gehen können.“
„Das sollte nicht so schwer werden, Sir; die Callisto hat nur 29 Kapseln,“ warf Darrn ein.
Lennard seufzte. „Man kann allem auch immer etwas Gutes abgewinnen, nicht wahr? Ich hätte ahnen müssen, dass Marshall doch wieder irgendeine unerlaubte Spezialaktion unter-nimmt. Hoffentlich weiss er wirklich, was er tut.“
Zwei Minuten vor Eintreffen des Borgschiffes im Ribaalc-System gaben sie ihre Position auf und nahmen mit Höchstgeschwindigkeit Kurs auf den Punkt, wo die beiden Schiffe aufeinan-dertreffen würden. Die Spannung an Bord der Fairchild war unerträglich.
Da sie auf der dem Borgschiff abgewandten Seite der Sonne lagen, würden sie von deren Hin-tergrundstrahlung abgeschirmt sein und nicht entdeckt werden. Die Jem’hadar-Kampfschiffe waren zu weit abseits, um momentan eine Rolle zu spielen, das würde sich jedoch schneller ändern, als ihnen lieb war. So oder so, zu diesem Zeitpunkt war auch die Fairchild nur ein Bauer in diesem Schachspiel.
Lennard hatte die Sensoranzeige auf den Hauptschirm schalten lassen. Es war irgendwie ab-strakt, zu beobachten, wie sich der Transwarpkanal in das Ribaalc-System hineinbohrte wie eine Nadel, dicht am dritten Planeten vorbeiging und dann aprupt stoppte. Einen Moment spä-ter gleisste ein grosser heller Punkt auf, der gleich darauf wieder verblasste. Das war alles, was auf diese Entfernung von den Sensoren erfasst wurde. Lennard versuchte sich vorzustel-len, wie das kleine Föderationsschiff einen kurzen Sprung mit Warpgeschwindigkeit direkt in die Bahn des titanenhaften, dunklen Würfels machte, der in seinem Transwarpkanal mit ein-em -zigfachen der Höchstgeschwindigkeit jedes ihnen bekannten Raumfahrzeuges unaufhal-tsam dahinraste. Durch die Subraumemissionen der Callisto würde der Würfel aus seinem Kanal gerissen werden und mit ihr kollidieren. Nichts konnte einen Zusammenstoss bei einer derartigen Geschwindigkeit überstehen, wie die sich rasch in die bisherige Flugrichtung des Kubus ausbreitende, umfangreiche Trümmerwolke nun dokumentierte.
Die Konturen der Wolke verwischten sich nun angesichts der Störungen der Sonne, da sich die Einzelteile zunehmend im Raum ausbreiteten und von ihren Sensoren nicht mehr ge-sondert erfasst werden konnten. Lennard hoffte inständig, dass niemand seine Rettungskapsel in die Flugrichtung des Borgwürfels gesteuert hatte, denn diesen Trümmerbeschuss hätte nichts und niemand überlebt. Es war bedrückend still auf der Brücke, da sich alle dessen voll bewusst waren, was sie da eben zu sehen bekommen hatten.
„Wie lange noch bis zum Eintreffen im System?“ Lennards Zähne mahlten hörbar aufein-ander.
„Zehn Minuten, Sir.“ Mervens Stimme klang gepresst.
Lennard umklammerte die Lehnen seines Sessels so fest, dass seine Fingerknöchel weiss wur-den. „Erhöhen Sie auf Warp Neun, Lieutenant.“
„Aber Sir, Chefingenieur Nirm hat darauf hingewiesen, dass die Primärplasmaleitungen nur bis Warp Acht sicher arbeiten. Es ist nicht ratsam...“
„Ich bin mir dieser Tatsache bewusst, Mr. Soares. Und jetzt gehen Sie auf Warp Neun, bevor ich Sie von Ihrem Sessel hole und es selbst tue. Das muss unser ‘schönes Kind’ für ein paar Minuten abkönnen. Wir sind hier auf einer Bergungsmission, nicht auf einer Vergnügungs-fahrt.“ Alle sahen sich nach ihrem Kommandanten um. So hatten sie ihn noch nie erlebt.
„Warp Neun liegt an, Sir.“ Merven liess kein einziges Wort des Einwandes mehr verlauten.
Kaum zehn Sekunden später erklang das Interkom: „Chefingenieur Nirm an Brücke.“
Gereizt fauchte Lennard: „Hier Lennard. Ich will kein einziges Wort des Protestes hören, nur Ihre Zusicherung, dass Sie die Plasmaleitungen für fünf Minuten zusammenhalten, bis wir im Ribaalc-System sind und diesen beschissenen Helden Marshall mitsamt seiner Besatzung auf-lesen können. Was wollten Sie also sagen?“
Schweigen. Dann erklang zaghaft Nirms Stimme: „Äh, ich muss meine Mitteilung umformu-lieren, Sir. Ich melde mich wieder.“
„Na also, geht doch,“ murmelte Lennard mit grimmiger Selbstgefälligkeit. Ein kleiner Sieg.
Dann erreichten sie Ribaalc III.
Sie wurden von Chaos und Zerstörung empfangen. Durch die hohe Geschwindigkeit des Borgwürfels hatte sich das Trümmerfeld bereits auf etliche Millionen Kubikkilometer ausge-breitet und wuchs beinahe schneller, als sie es abfliegen konnten. Glücklicherweise hatten sie bereits beim Anflug die ersten Signale von Rettungskapseln empfangen und mussten auch nicht lange nach denen suchen, die nicht sendeten, da sie beschädigt worden waren. Die Bau-materialien von Föderationsschiffen unterschieden sich so stark von denen eines Borgschiffes, dass sie im Nu jedes Einzelteil, das grösser als ein Quadratmeter war, im System aufspüren konnten.
Und die einzigen Teile dieser Grösse waren die Lifepods, da die Callisto selbst bei der Kolli-sion praktisch in ihre Atome zerlegt worden war.
Bereits nach einer halben Stunde hatten sie alle Rettungsboote aufgebracht. Bis auf drei war-en alle schon vor dem Blitzstart aus dem Ortungsschatten des Planeten heraus gestartet wor-den und trieben in unmittelbarer Nähe zu Ribaalc III. Captain Marshall hatte damit bewiesen, wie viel ihm an seiner Crew gelegen war, was sein Ansehen in Lennards Augen nur noch stei-gerte. Die letzten drei Lifepods hatten die Brückencrew beherbert, die wohl bis kurz vor dem Aufprall an Bord geblieben war, um sicherzustellen, dass ihr Schiff auch wirklich präzise in der Bahn des feindlichen Schiffes gelegen hatte. Dann waren sie ausgestiegen und kluger-weise auch in spitzem Winkel dem anfliegenden Kubus entgegengesteuert, um zwar aus der direkten Flugbahn des Zielobjektes zu sein, aber auch dem zu erwartenden Trümmerbeschuss zu entgehen. Ein besonnenes Vorgehen.
„Wir nähern uns den letzten drei Rettungskapseln, Captain,“ meldete Wenjorook.
„Peilsignal? Lebenszeichen?“ Lennard wartete gespannt auf die Antwort.
„Negativ, Sir, keine Signale zu empfangen. Allerdings stören die vielen Trümmer um die Kapseln herum unsere Sensoren erheblich.“ Der andorianische Sicherheitschef hatte die Hoff-nung nicht aufgegeben.
„Auf den Schirm, maximale Vergrösserung.“ Die erste Kapsel kam in Sicht und füllte zur Hälfte den Bildschirm aus, sie lag aber beinahe gegen die Sonne, so dass durch die Blendung nur die dunklen Umrisse sichtbar waren. Die Kapsel driftete weiter, bis sie vor Ribaalc lag. In diesem Moment erklang ein allgemeines erschrecktes Raunen unter der Mannschaft.
Durch Hunderte, nein, Tausende von Löchern schien die Sonne durch die Rettungskapsel hin-durch.Alle drei Lifepods waren völlig zerfetzt, durchsiebt von Einschlägen aller Grössen vom mikroskopischen Löchlein bis zur armdicken, ausgefransten Öffnung in der Hülle.
Hinter Lennard gab es einen entsetzten Aufschrei, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Als er hinter sich sah, eilten bereits zwei Mannschaftsränge zur jungen Svensdottir, die ohnmäch-tig auf dem Boden lag. Sie hatte im Hintergrund der Brücke als Ersatzsteuermann auf Reserve gestanden. Einer der beiden Helfenden untersuchte sie gleich mit einem medizinischen Tri-corder: „Sie hat einen Nervenschock erlitten und ist mit dem Kopf auf dem Deck aufge-schlagen. Wir müssen sie auf die Krankenstation bringen.“
„Diese jungen Dinger halten aber auch wirklich nichts mehr aus heutzutage,“ brummte Darrn fast unhörbar.
„Es war wohl etwas mehr als das, Ops. Ich empfange ungewollt einen starken emotionalen Aufruhr im Unterbewusstsein des Fähnrichs. Den konkreten Grund für ihre heftige Reaktion kann ich in ihrem Zustand nicht ermitteln; es ist letztlich wohl auch ihre eigene Sache und geht uns nichts an.“ Sowohl Darrn als auch Lennard rissen die Köpfe herum und starrten die Betazoide an, als sie den letzten Teil ihrer Aussage machte.
„Mein Gott, Sam, Sie lehnen es ab, in den Gedanken eines anderen herum zu stöbern? Bitte melden Sie sich umgehend auf der Krankenstation zum Hirnströmungsscan.“ Lennard konnte trotz dem Ernst der Lage nicht umhin, ihr nach all den Jahren ihrer ungeliebten telepathischen Spionage auf der Aldebaran nun diese Spitze an den Kopf zu werfen.
„Ich schätze, das habe ich verdient,“ gab die Betazoide dann auch freimütig mit einem Seuf-zen zu. Sie war offenbar während der Zeit ihrer Kommandoausübung auf der Aldebaran in weitaus grösserem Masse gereift, als er es sich zunächst hatte eingestehen wollen. Zur Ab-wechslung einmal eine positive Überraschung.
Dann lenkten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Bild auf dem Hauptmonitor.
Lennards Kehle war wie zugeschnürt, als er die von unzähligen kleinen Ein- und Durchschlä-gen übersäten Kapseln auf dem Bildschirm sah. In einem Winkel seines Verstandes tauchte für einen Moment der Gedanke auf, wie robust doch die Rettungskapseln der Sternenflotte waren, dass sie anhand eines solchen Trümmerbeschusses nicht auseinandergebrochen oder gar völlig zerfetzt worden waren. Sie hingen aber wirklich nur noch lose zusammen.
Die Bergung war nicht unbedingt eine schöne Aufgabe, aber auch das gehörte zur Pflicht-erfüllung. Lennard beneidete Chefärztin Endi keineswegs um die Aufgabe oder, besser gesagt den Versuch, im zerfetzten Inneren der geborgenen Rettungskapseln nach irgendwelchen sterblichen Überresten suchen zu müssen, die eventuell noch eine Identifizierung zulassen würden. Später würde Bilanz gezogen werden: die Vernichtung der USS Callisto, N.C.C. 50674 hatte acht Todesopfer gefordert, aber keine Verletzten, da die gesamte restliche Crew bereits vor dem letzten Warpsprung des Schiffes von Bord gegangen war. Wenn sie heil aus der Sache herauskommen würden, um von dieser Tat zu berichten, würden der gesamten Brückencrew posthum die höchsten Ehren der Sternenflotte und der Föderation zuteil werden. Dank ihnen war nun nicht mehr zu befürchten, dass sie in naher Zukunft von einer Armada transwarpfähiger Jem’hadar-Schiffe in die Knie gezwungen werden konnten.
Nun aber sahen sie sich einer neuen Gefahr ausgesetzt: einer tödlichen Übermacht von Jem’hadar-Angriffsschiffen, die auf das System zuhielt, um sie zu stellen. Für sie hiess das, dass sie würden kämpfen müssen, da durch die Bergung der Überlebenden hier im System zu viel Zeit verstrichen war, als dass sie sich noch hätten in Föderationsterritorium absetzen können.
„Wir stehen vor einem echten Problem,“ sprach Merven dann auch aus, was sein Captain ger-ade gedacht hatte. „Durch die Bergung haben wir so viel Zeit verloren, dass wir ohne Feind-berührung nicht mehr aus dem System herauskommen werden. Für einen direkten Kampf sind es zu viele gegnerische Schiffe. Was also sollen wir tun?“
„Kyle, ich empfange eine Botschaft von den Newar. Sie stehen unserem Dilemma äusserst mitfühlend gegenüber und bieten uns ihre Hilfe an.“ Kall war unvermutet aus dem Hinter-grund getreten und schaltete sich in die Debatte ein.
„Das ist sehr grosszügig und ehrenhaft von ihnen, aber ich fürchte, sie können uns hierbei keine grosse Hilfe sein. Ausserdem sind sie noch keine offiziellen Mitglieder der Föderation und somit unterstehen wir der Ersten Direktive, dass wir uns durch unsere Handlungen nicht in die Entwicklung ihrer Kultur einmischen dürfen.“ Lennard tat das Angebot mit einem mil-den Lächeln ab.
„All dessen sind sie sich vollauf bewusst,“ gab Kall sofort zurück, „und dennoch empfehlen sie uns, uns erst einmal in der oberen Atmosphäre ihrer Welt zu verbergen und abzuwarten, ob die Jem’hadar nicht wieder nach einer Weile abziehen, wenn wir uns ihrem direkten Zu-griff anhaltend entziehen. Orten werden sie uns mit Sicherheit nicht können, wenn wir erst einmal tief genug in der Schwermetallsuppe da unten eingetaucht sind.“
„Diese Variante hat etwas für sich, vor allem in Anbetracht des momentanen Zustandes der Fairchild. Wir könnten die Wartezeit für weitere Instandsetzungsarbeiten nutzen und gleich-zeitig austesten, ob die Jem’hadar auch wirklich einen so langen Atem und gute Nerven hab-en, wie sie vorgeben.“ Lennard schien nun doch ernsthaft über das Angebot ihrer neuen Ver-bündeten nachzudenken.
„Die Newar scheinen auch davon überzeugt zu sein, dass die Waffen der Jem’hadar- Schiffe für sie keine Bedrohung darstellen. Ich weiss nicht, wie sie darauf kommen.“ Kall wirkte ein wenig hilflos bei dieser Bemerkung. Sie wusste offenbar nicht, wie sie solch friedliebenden Wesen klarmachen konnte, welch verheerende Wirkungen diese Energiewaffen haben konn-ten.
„Reden Sie ihnen auf jeden Fall aus, irgendwelche Dummheiten zu begehen. Das letzte, was wir jetzt brauchen können, sind irgendwelche unbedarften Newar, die in den freien Raum auf-steigen und sich in ihrer Naivität wie Zielscheiben von den Jem’hadar abknallen lassen.“ Es war Lennard sehr ernst damit, ihre grossen, sanftmütigen Freunde aus dieser Angelegenheit heraus zu halten.
„Sie erklären sich einverstanden, Sir. Ihnen wird schon etwas einfallen, wie sie mir versich-ern; ihr kollektiver Verstand arbeitet bereits eine Lösung aus.“ Der Stimme von Kall war Skepsis zu entnehmen.
„Na, dann dürfen wir ja gespannt sein.“ Leardini lehnte sich zurück und beschloss dann, unter Berücksichtigung ihres Zustandes wohl oder übel ihren Posten Commander Kall zu überlas-sen und sich in ihrem Quartier auszuruhen. Bedächtig setzte sich die Betazoide dann neben den Captain auf ihren Sessel, schien aber noch immer abwesend zu sein.
Dween wollte neugierig wissen: „Stehen Sie immer noch mit den Newar in Verbindung, Commander?“
„Nicht mehr direkt,“ gab diese zu, „es ist nur noch wie ein fernes Echo von vielen undeut-lichen Stimmen. Sie beraten sich wohl gerade, was zu tun ist.“
Sie beobachteten den langsmen Sinkflug in die obersten Wolkenschichten von Ribaalc III. Diesmal würden sie nicht so tief in die Atmosphäre eindringen müssen, erstens weil sie ja die Kontrolle über das Schiff nun besassen und zweitens waren sie auch schon aus grösserer Höhe nicht mehr auffindbar, da die Gashülle gemeinsam mit dem Subraumfeld des Planeten sie zuverlässig abschirmte. Zudem waren die Schilde hier oben nicht so hohen Drücken aus-gesetzt wie unten in der dichten, quasiflüssigen Gashülle und konnten deshalb mit weniger Energie betrieben werden. Das wiederum machte es zum einen nochmals schwerer, ihre Ener-giesignatur bei einer Suche zu entdecken und zum anderen konnten sie während der Repara-turen besser mit ihren Resourcen haushalten.
„Jetzt sind wir wieder da, wo alles angefangen hat,“ meinte Darrn lakonisch. „Wir haben zwar eine grosse Gefahr für den Alpha-Quadranten abwenden können, aber momentan haben wir von dieser Ehre herzlich wenig.“
„Ich liebe es, wenn Klingonen poetisch werden und anfangen zu sinnieren,“ neckte Merven seinen Kollegen, der ihn daraufhin leise anknurrte.
Lennard griff sogleich schlichtend ein: „Ich denke, wir alle haben in den nächsten Stunden anderes zu tun als unsinnige Dispute zu halten. Mr. Darrn, beginnen Sie mit der Koordination der Reparaturtrupps. Mr. Soares, Sie können sich gleich einem solchen anschliessen, dann haben Sie Ihren zweiten Aufenthalt auf Ribaalc ebenso sinnvoll verbracht wie den ersten.“
„Aye, Sir.“ Ohne Groll machte sich der Trill auf, um seine Zweitfunktion zu erfüllen, währ-end die Fairchild relativ bewegungslos in der Atmosphäre des ungewöhnlichen Gasriesen verharrte.
„Ich würde gerne auf die Krankenstation, um nach Fähnrich Svensdottir zu sehen. Sie benöt-igt wahrscheinlich einen Counselor, wenn sie aus ihrer Ohnmacht erwacht.“ Erwartungsvoll und zuversichtlich einer Zustimmung ihres Kommandeurs hob die Schiffsberaterin bereits ihr Hinterteil von ihrem Platz.
Lennard sah sie von der Seite her an: „Was tun Sie noch hier?“
Grinsend nickte Dween und machte sich auf.
Jetzt hiess es abwarten und sich so zu verhalten wie ein Loch in der Luft, die sie umgab.
- 7 -
Deck Sieben, Sektion 02. Der Bettenraum für leichte Fälle, direkt neben der Krankenstation gelegen, war nur indirekt beleuchtet, als Dween eintrat und sich suchend umsah. Da der Raum dank der glücklich verlaufenen Rettungsoperation nur schwach besetzt war, fand sie den Platz von Fähnrich Svensdottir rasch. Die junge blonde Skandinavierin sah noch blasser aus als sonst, wie sie da auf ihrem Medobett lag. Trotz der unterschwelligen Anziehung zwi-schen ihr und Merven tat sie ihr in diesem Moment leid. Sie wusste noch nicht genau, was ihre tiefe Bestürzung ausgelöst hatte, ahnte aber schon etwas.
„Können Sie mich hören, Fähnrich?“ fragte sie mit leiser, sanfter Stimme und beobachtete ihr Gesicht, das teilnahmslos nach oben zur Decke starrte.
Dann nahm sie ihre Hand und konzentrierte sich auf das, was in der jungen Frau vorgehen mochte.
„Nennen Sie mich Annika, Lieutenant,“ bat diese sie plötzlich.
Ein wenig gerührt über dieses plötzliche und unverhoffte Freundschaftsangebot, verharrte Dween und sagte dann mitfühlend: „Gerne, Annika. Ich heisse Shania. Möchten Sie über Ihr-en Verlust sprechen?“
„Das kann ich nicht.“ Svensdottirs Gesichtszüge schienen zu versteinern. „Meine Eindrücke sind noch zu frisch, deshalb habe ich sie noch gar nicht verarbeiten können. Und jetzt das... ich weiss nicht, was ich denken... was ich empfinden soll. Ich fühle nur eine grosse Bestürz-ung und Verwirrung. Da ist dieses riesige Loch mitten in meiner Seele, wo vor wenigen Stunden noch Erfüllung und Glück gewesen ist. Kennen Sie das Gefühl, vom ersten Moment an zu glauben, man habe den Einen gefunden?“
„Ja, durchaus. Bei uns ging es zwar eine Weile, bis wir uns unsere Zuneigung gestanden haben. Der Krieg ist bestimmt so eine Art Katalysator, denn er reisst Leute auseinander und verändert Schicksale in einem Tempo, wie man es unter normalen Umständen nicht einmal zu träumen wagen würde. Alles geht etwas schneller, denn man weiss nie, was im nächsten Moment geschehen kann.“ Dween hielt noch immer ihre Hand und drückte sie sanft, um ihr Mut zu machen.
Langsam drehte Svensdottir ihren Kopf, bis ihre stahlblauen Augen direkt in ihre grünen Kat-zenaugen starrten. Mit einer Ernsthaftigkeit, wie es einer so jungen Frau kaum zuzutrauen war, sagte sie leise: „Das war wahrscheinlich die präziseste Definition des Einflusses eines Krieges auf das Schicksal einzelner Menschen. Selbst Konfuzius hätte es nicht besser mit so wenigen Worten sagen können.“
„Ich schätze, das ist wohl eines der grössten Lobe, welches man von einem Erdenmenschen erhalten kann. Ich danke Ihnen, Annika.“ Dween war sehr bewegt ob dieser Aussage. Zu kei-nem Zeitpunkt kam ihr in den Sinn, nach dem Namen zu fragen. Das war jetzt auch nicht nötig.
Dann sagte Svensdottir unvermittelt: „Ich will den Test machen. Ich muss es wissen.“
Dween war überrumpelt. „Glauben Sie denn, ihre... ‘Begegnung’ hat Folgen gehabt?“
„Ich muss es wissen. Rufen Sie einen Arzt.“ Dween merkte, wie ernst es der jungen Frau war.
„Hören Sie, Annika, selbst Doc Endi kann frühestens in sechs oder sieben Stunden feststellen, ob sich bei Ihnen etwas tut. Sie müssen noch etwas Geduld haben... würden Sie es denn wol-len?“
„Ich bin Isländerin, Shania. Bei den Frauen unseres Volkes ist es seit weit über 500 Jahren völlig normal, ein Kind ohne Vater auszutragen und aufzuziehen. Wir haben uns auf einer abgelegenen Insel ziemlich isoliert vom Rest unserer Welt entwickelt und tragen keine rich-tigen Familiennamen. Der zweite Name eines Isländers ist immer der Name des Vaters oder der Mutter, je nach Fall.“
Shania staunte nicht schlecht. „Das war mir nicht bewusst. Demnach heissen Sie schlicht ‘Annika, Tochter des Sven’?“
„So in etwa.“ Svensdottir musste ungewollt lächeln. So sah sie nicht, wie Dween einen nahe-liegenden Alphawellen-Induktor ergriff und ihr dann über die Stirn hielt. Als sie es bemerkte, war es bereits zu spät zum Protestieren und ihre Augenlider senkten sich langsam.
„Entschuldigen Sie meinen kleinen Überfall bitte. Sie brauchen jetzt erst einmal etwas Ruhe. Ich komme später wieder zurück. Schlafen Sie gut.“ Anhand ihres Lächeln erkannte sie, dass Dween es wirklich gut meinte und zog ihre Mundwinkel ein wenig hoch, bevor ihr die Augen ganz zugefallen waren.
Danach lauschte die Counselor noch kurz den flachen, gleichmässigen Atemzügen ihrer Patientin und ging dann beruhigt.
Auf der Brücke war eigentlich der nächste turnusmässige Schichtwechsel fällig, doch niem-and wollte so recht seinen Posten verlassen. Kall war noch immer abwesend, als wollte sie versuchen, Kontakt mit den Newar aufzunehmen.
„Kyle, ich glaube, wir bekommen Besuch. Die Übermittlungen unserer Freunde werden deut-licher und das Gefühl ihrer Präsenz verstärkt sich in mir zunehmend.“ Leise beschrieb die telepathische Betazoide ihre Wahrnehmungen.
Kurz darauf meldete der Conn: „Mehrere schwache Ortungen voraus, Sir. Es könnte sich um die einheimischen Lebensformen handeln; für ein Schiff sind die Signale zu schwach. Nichts, was grösser ist als eine Sonde...“
Beim Anblick auf dem Bildschirm vor ihm blieb dem jungen Ersatzsteuermann das Wort im Halse stecken. Ein gutes Dutzend Newar erschienen und verteilten sich um den vorderen Sektor des Schildperimeters herum. Es schienen alles sehr viel stattlichere Exemplare zu sein als die, welche sie bisher zu Gesicht bekommen hatten.
„Wir haben sie kaum kommen gesehen,“ stellte Lennard ehrfürchtig fest. „Wie machen sie das bloss?“
„Es muss mit ihrem natürlichen körpereigenen Subraumfeld zusammenhängen. Dieses Phäno-men erzeugt uns gänzlich unbekannte Wellenmuster und -kombinationen, die von unseren Geräten offenbar nur sehr schwer erkennbar sind. Wenn man diese Muster nachahmen könn-te...“
„Hören Sie schon auf, Sam. Wollen Sie den Vertrag von Algeron verletzen und uns auch noch die Romulaner auf den Hals hetzen? Wir können schon froh sein, dass sie sich in diesem Kon-flikt neutral verhalten. Sie auf unsere Seite zu ziehen würde in unserer derzeitigen Lage bei-nahe ein Wunder erfordern. Die illegale Entwicklung einer neuen Tarnvorrichtung würde die-ser Sache garantiert nicht dienlich sein. Ausserdem wirkt ihr Körperfeld in keinen sichtbaren Wellenlängen, das heisst es würde uns nur auf grössere Entfernungen etwas bringen. Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen.“
„Sie haben recht, Sir. Ich habe allerdings in diesem Moment das Gefühl,. als hätten die Newar unserem Gespräch über mich gelauscht und hätten durch etwas, das Sie sagten, einen Denk-anstoss bekommen. Es ist nur ein unbestimmbares Gefühl...“ Kall versuchte sich zu konzen-trieren, um vielleicht noch mehr von den Überlegungen ihrer Verbündeten aufzuschnappen, jedoch ohne Erfolg.
„Captain, ich empfange ein schwaches Signal von oben. Richtung und Distanz unbestimmbar. Soll ich mit den Langstreckensensoren versuchen, eine genauere Ortung zu erhalten?“ Un-sicher sah der junge Steuermann über seine Schulter und wartete neue Befehle ab.
Wenjorook fuhr dazwischen: „Soll das heissen, Sie haben die Sensoren auf aktiver Ortung laufen? Sie Idiot haben den Feind angelockt!“
Lennards Miene verfinsterte sich. „Sofort jegliche Subraum- und elektromagnetischen Emis-sionen einstellen! Ich dachte, ich hätte mich vorhin deutlich genug ausgedrückt. Muss ich vielleicht in Zukunft meine Befehle buchstabieren, damit sie jeder hier versteht?“
„Tut mir leid, Sir,“ vesuchte der unerfahrene Neuling seinen Fehler zu entschuldigen.
„Oh nein,“ widersprach Wenjorook und ging langsam auf den Conn zu, der immer kleiner in seinem Sessel wurde. „Wenn die Jem’hadar uns dank dem Leuchtfeuer entdecken, das Sie hier veranstaltet haben, dann tut es Ihnen leid. Wenn sie uns hier mitten in der Reparatur-phase erwischen, während wir völlig wehrlos mit desaktivierten Waffen und Antrieb in der Atmosphäre treiben und uns in Stücke schiessen, wenn hier durch einen Hüllenbruch die giftige, mit Schwermetallen und Halogenen versetzte Atmosphäre mit hohem Druck herein-schiesst, Ihnen die Lungen verbrennt und die Haut vom Fleisch herunterätzt, dann tut es Ihnen leid! Was glauben Sie, wie leid es Ihnen tun wird? Sie werden sich wünschen...“
„Mr. Wenjorook, ich glaube, der Crewman hat den tieferen Sinn Ihrer Ausführung erfasst,“ ging Lennard milde dazwischen, worauf der Andorianer ein wenig unwillig abbrach, dem total verängstigten Mannschaftsrang detailliert zu schildern, unter welch unerträglichen Qual-en er sein junges Leben beenden würde. Er hatte seine Lektion gelernt.
Lennard nahm sich fest vor, bei der allernächsten sich bietenden Gelegenheit sämtliche neu in den Mannschaftsbestand aufgenommenen Mannschaftsränge zu versammeln und ihnen per-sönlich den Kopf zurechtzurücken, wenn es sein musste, auch jedem einzeln. Zuviel war schon aufgrund des Versagens von neuen Crewmitgliedern in kritischen Situationen schiefge-gangen und sie konnten von Glück sagen, wenn sie hier mit heiler Haut herauskamen. Er wür-de lieber mit einer eingespielten Minimalbesatzung weiterfliegen als weiterhin eine Crew in diesem desolaten Ausbildungs- und Moralstand zu führen.
„Die Newar teilen mir mit, dass sich ein grosses Raumschiff nähert. Wir sollen das Schiff am Besten völlig ruhig halten.“ Kall flüsterte irrationalerweise, als befürchte sie, die Jem’hadar über ihnen könnten sie hören, wenn sie lauter spräche.
Sie scheinen beinahe direkt auf unsere Position zuzusteuern, halten sich aber ausserhalb der Atmosphäre. Captain, wir sind zu hoch, die Gasdichte ist nicht hoch genug, um uns vollstän-dig vor einem Schiff zu verbergen, das in dieser unmittelbaren Nähe zu uns steht.“
„Das ist mir bewusst, Mr. Darrn. Was schlagen Sie vor?“ Gespannt beobachtete Lennard, wie sich die Newar vor ihrem Bug wegbewegten. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke von den Ratten, die das sinkende Schiff verliessen, auch wenn dieser Vergleich hier bestimmt nicht hätte unpassender sein können.
„Vorbereiten auf schnelles Abtauchen in tiefere Atmosphärenschichten, um uns im Notfall ihrer Ortung und ihrem Waffenfeuer entziehen zu können. Wir...“ Der klingonische Ops- Offizier brach ab und starrte auf seine Anzeigen.
„Was machen denn die da? Moment...“
Die Ansicht auf dem Hauptmonitor wechselte und zeigte nun schräg nach oben, wo sich die Newar ein Stück über ihnen neben- und hintereinander gruppierten und so allmählich einen geschlossenen Schild aus Leibern bildeten. Ihre rochenähnlichen Flossen waren dabei ganz ausgebreitet und bedeckten eine grosse Fläche, so dass das gute Dutzend Newars über ihnen sie völlig verdeckte und ihnen die Sicht nach oben nahm.
„Der Kontakt mit dem Schiff über uns ist abgebrochen. Sie verstecken die Fairchild unter sich,“ rief Darrn verblüfft.
Lennard studierte die Instrumente auf seinen Armlehnen. „Es scheint zu funktionieren, so unglaublich sich das anhört. Ich kann den Flugkörper über uns nicht mehr ausmachen. Jetzt empfange ich Subraum-Ortungswellen, die von einer Art Thermokline im Subraumfeld des Planeten tief unter uns reflektiert werden. Diese verlieren sich jedoch auch am Schild unserer Freunde, sodass wir zwar merken, dass sie nach uns peilen, während sie selbst kein Signal von uns bekommen. Einfach genial.“
„Genial einfach,“ widersprach Wenjorook. „Captain, wir sollten uns jetzt in sicherere Gefilde
begeben, da sich die Gelegenheit ergibt.“
„Vorschlag akzeptiert. Conn, Tauchen mit voller Kraft voraus, Manövriertriebwerke, zwanzig Grad vorlastig, Einpendeln auf Kommando.“ Lennard klang wie ein altertümlicher Untersee-boot-Kommandant, als er erleichtert diese Befehle gab.
„Aye, Sir.“ Langsam senkte sich der Bug der Fairchild und zeigte hinab in das vollkommene Dunkel der Tiefe, in die sie sich bereits einmal zurückgezogen hatten. Vorerst hatten sie die grösste Gefahr hinter sich gelassen, dank ihrer neuen Verbündeten und Freunde. Ja, Lennard betrachtete sie inzwischen als Freunde und bat Kall, ihnen das zusammen mit ihrer aller Dank zu übermitteln.
Aufgrund dieser Entdeckung hatten sie eine echte Chance, von hier wegzukommen.
Wenn sich das so bewerkstelligen liesse, wie er sich das vorstellte.
„Subraum-Peilgeräusche hinter uns, Höhe schnell sinkend. Es muss eine Sonde sein, die sie in die Atmosphäre hinabgeschossen haben. Sobald sie neben oder unter uns sinkt, ist unser leb-ender Tarnschirm nutzlos. Was sollen wir...“ Wenjorook brach ab.
Einer der Newar hatte ihre Formation über dem Schiff verlassen und schoss steil nach oben, während die verbliebenen sich ein wenig umgruppierten, um die entstandene Lücke zu kom-pensieren. Nur wenige Sekunden danach kam er wieder zurück und bewegte sich dicht neben ihnen schnell nach unten. Hinter ihm sah man ein kleines Stück eines metallischen Körpers herausragen.
„Sie haben augenblicklich reagiert und einen von ihnen dazu abgestellt, die Sonde mit seinem Körper vor uns abzuschirmen. Wir stehen tief in ihrer Schuld, würde ich sagen.“ Kall war kaum fähig zu Sprechen vor Ergriffenheit.
„Wir müssen uns wohl nochmals bei ihnen bedanken,“ räumte Lennard ein.
Sie schienen fürs erste sicher zu sein.
Am langen Tisch im Konferenzraum herrschte bedrückte Stille, die die düstere Atmosphäre noch verstärkte. Draussen, jenseits der grossflächigen Fenster, herrschte wieder die absolute Finsternis eines tiefen Ozeans, in die niemals ein Lichtstrahl hinabdringt. Nur die schemen-haften Umrisse der Newar-Gruppe, die sich elegant durch das sie umgebende Medium beweg-ten, unterbrachen die völlige Dunkelheit. Dadurch war jedem der Anwesenden bewusst, dass ihre neuen Verbündeten über die geistige Verbindung mit Commander Kall indirekt auch an der Besprechung teilnahmen.
„Fürs Erste sind wir aus der direkten Schusslinie; die feindlichen Kräfte haben nach unserem Abtauchen keine weiteren Ortungsversuche mehr unternommen, von denen wir Kenntnis haben. Wir können davon ausgehen, dass sie uns verloren haben und nun in unmittelbarer Nähe des Planeten darauf warten, dass wir uns aus dem Schutz der Atmosphäre herauswagen. Die Frage ist, wie lange wollen wir ausharren?“ Gespannt sah Lennard in die Runde. Es über-raschte ihn nicht, dass der stets geschwätzige Chefingenieur Nirm die Debatte begann.
„Vom technischen Standpunkt her habe ich keine generellen Einwände gegen ein längeres Verbleiben. Wir können die Zeit für die Reparaturen gut gebrauchen und die Schilde sind in dieser Umgebung auch weitgehend stabil. Keine Probleme in dieser Hinsicht also.“
„Danke, Lieutenant. Wie lange veranschlagen Sie für die Reparaturarbeiten?“
„Das hängt davon ab, inwieweit sie die Fairchild instandgesetzt haben wollen. Um sie wirk-lich zuverlässig gefechtstüchtig zu haben, vielleicht anderthalb Tage. Wenn wir alles machen sollen, was ohne Raumdock geht...“
„Ich habe schon verstanden. Sie müssen sie nicht auch noch neu streichen und polieren. Nehmen wir anderthalb Tage als ersten Zeitrahmen, schliesslich waren Sie ja bereits bei un-serem ersten Aufenthalt recht fleissig.“ Nirm brauchte einige Sekunden, bis er begriff, dass der Captain ihn damit tatsächlich gelobt hatte und er sich für dieses Lob bedanken konnte.
„Was macht der strategische Aspekt aus?“ Wollte er dann weiter wissen.
Wenjorook überlegte nur kurz. „Uns stellt sich die Frage, wie gross ihr Durchhaltevermögen bei einer solchen Belagerungssituation ist. Von ähnlichen Fällen lässt sich ableiten, dass zu-mindest ein Teil ihrer Streitkräfte, stark genug, um es mit uns aufnehmen zu können, hier verbleibt und uns auflauert. Die Frage ist nur, zu welchem Zeitpunkt sie das Interesse an uns verlieren werden.“
„Darf ich dazu etwas sagen, Sir?“ meldete sich Dween zu Wort und wartete, bis ihr Kom-mandant nickte.
„Das Dominion hat gerade eine Offensive in diesem Sektor durchgeführt. Für sie heisst das, dass sich ihre Front- und Nachschublinien verlängert haben und ihre Ressourcen ausgedünnt sind. Demnach brauchen sie zur Zeit wohl jedes Schiff für die grösseren, wichtigen Kämpfe und zur Sicherung der strategisch bedeutsamen Systeme. Wir aber sind nur ein einzelnes Raumschiff, das sich in einem abgelegenen, nach wie vor unbedeutenden Sternensystem abseits der galaktischen Hauptachse versteckt.“
Merven fügte ungefragt hinzu: „Und das einzige wirklich Interessante ist die für sie unerklär-liche Trümmerwolke eines Borgkubus. Sie wissen nicht, was passiert ist, kommen aber nicht an uns heran. Uns auf einem Gasriesen dieser Grösse aufzubringen, ist für sie aussichtslos. Die Jem’hadar-Kräfte vor Ort würden vielleicht gerne herausfinden, was genau geschehen ist, was wir hier hinter der Front zu suchen haben und vor allem, warum wir noch leben nach einer Begegnung mit diesem Borgschiff. Dennoch sind wir nur ein einzelnes Schiff und für ihre Vorgesetzten nicht den Aufwand wert, noch länger so starke Kräfte hier im System zu belassen.“
Mit einem leicht übellaunigen Blick, weil Merven sie unterbrochen hatte, führte Dween zu Ende: „Und in diesem Fall werden sie nicht lange ausharren, bis sie den grössten Teil ihrer Schiffe von Ribaalc abziehen und nur ein kleines ‘Aufräumkommando’ zurücklassen werden. Der Nutzen für sie ist nicht hoch genug, um uns weiterhin so viel Aufmerksamkeit zu wid-men.“
Lennard war noch nicht ganz zufrieden. „Das mag ja sein, aber mein schlechtes Gefühl ist noch immer da. Was wäre, wenn sie herausgefunden hätten, was die Funkboje des ersten Borgquaders gesendet hat, bevor wir diese zerstören konnten?“
„Dafür gibt es keine Anhaltspunkte,“ warf Wenjorook ein.
„Ach ja?“ widersprach Lennard. „Wir befanden uns gerade im nahen Vorbeiflug von Ribaalc III und auf der der Boje abgewandten Seite, sodass das Funksignal durch den Planeten von uns hätte abgeschirmt werden können. Und dann hätte das Signal seit Minuten unterwegs sein können, bevor wir es hätten auffangen können. Andererseits hätte die Boje gerade in der Se-kunde anfangen können zu senden, in der wir sie empfangen haben. Aber lassen wir dieses Roulettespiel und konzentrieren wir uns auf die einzelnen Hinweise, die darauf deuten könn-ten, dass das Dominion über alles Bescheid weiss.
Das Dominion befand sich nach dem Verlust von Deep Space Nine auf allgemeinem Rück-zug, um sich neu zu formieren oder was weiss ich, wieso. Und ausgerechnet diesen Sektor überfallen sie dann wie aus heiterem Himmel zufällig, während wir uns noch hier befinden? Und obwohl Ribaalc so unbedeutend ist, schicken sie so viele Schiffe mit Höchstgeschwin-digkeit her, nur um die Herkunft eines verstümmelten und unverständlichen Dominionsignals, das von der Signalboje des explodierten Quaders, zu überprüfen? Ziemlich suspekt für mei-nen Geschmack.“
Dween warf nachdenklich ein: „Wenn sie die Nachricht wirklich entziffert haben, werden sie alles daran setzen, uns in die Finger zu kriegen.“
Bedrücktes Schweigen lastete für kurze Zeit im Konferenzraum. Dann hatte sich Lennard ge-fangen und verlangte eine Erklärung von ihr.
„Sie sind zu spät gekommen, um zu verhindern, dass der Borgkubus vernichtet wird. Sie haben keinerlei Möglichkeit, mit dem Gamma-Quadranten in Verbindung zu treten, um ihnen den Erfolg ihres Versuches mitzuteilen. Die Truppen hier im Alpha-Quadranten wissen, dass sie Erfolg hatten, der neue Transwarpantrieb wird im Gamma-Quadranten jedoch einge-stampft und verschwindet in der Versenkung, weil niemand dort ahnt, dass der Flug Erfolg hatte. Wenn sie jedoch unser habhaft werden und erfahren könnten, was hier geschehen ist...“
„Einen Moment, bitte,“ ging Leardini dazwischen, „aber eines verstehe ich in Ihrer Argu-mentation nicht ganz, Counselor: warum sollten sie uns unbedingt erwischen wollen, wenn wir ihr Werk bereits zunichte gemacht haben? Aus so niederen Motiven wie Rache doch bestimmt nicht!“
„Vielleicht sogar das, aber ich glaube eher, aus reinem Dominion-Denken: sie könnten an-nehmen, dass wir sämtliche Daten über ihr Transwarp-Projekt aus dem ersten Testgefährt in unseren Besitz gebracht haben, bevor wir es zerstört haben. Sie können ja nicht wissen, dass sich der Antrieb überladen und das Schiff ganz ohne unser Zutun vernichtet hat, bevor wir Gelegenheit hatten, ihre Dateien komplett zu überspielen. Aus ihrer Sichtweise würde das durchaus Sinn machen... warum wir keine Hilfe geholt haben, weshalb wir uns in der Atmo-sphäre von Ribaalc III verborgen haben, in ihrer Sichtweise nämlich eben deshalb, weil wir versteckt den Zeitpunkt abwarten wollten, bis das zweite Schiff eintrifft, um es dann aus dem Hinterhalt heraus zu vernichten und der alleinige Besitzer des Antriebskonzeptes zu sein, das den entscheidenden strategischen Vorteil bietet.
Dann natürlich, warum wir trotz des feindlichen Vorstosses hinter der Frontlinie zurückge-blieben sind, nämlich aus dem eben erwähnten Motiv. Dasselbe gilt auch für das absichtliche Ignorieren des Befehles eines vorgesetzten Admirales, was sie sicherlich über Subraumfunk mitgehört haben. Das Dominion hat vielleicht nicht alle Daten zur Lösung dieses für sie rät-selhaften Vorganges, aber genug Puzzleteile, um fehlerhafte und für uns fatale Schlüsse zu ziehen, nämlich die eben dargelegten. Wir durften über Funk nichts sagen, was uns verraten könnte, denn in ihren Augen besitzen wir den Schlüssel und wollten die einzigen weiteren Besitzer eines solchen ausschalten, sogar um den Preis der Callisto, ein in ihren Augen un-bedeutendes Opfer für uns, wenn man den Gewinn betrachtet.
Ich kann natürlich keinerlei Gewähr für diese These geben, denn wir wissen nicht, ob und wieviel der Gegner an Informationen besitzt. Dieses Mal hoffe ich wirklich, dass ich mich irren möge und sie ihre Schiffe tatsächlich abziehen werden. Denn andernfalls wird es nicht einfach, ohne Entsatz hinter die eigenen Linien zu gelangen. Es besteht gar das Risiko, dass wir uns einer grösseren Anzahl von Schiffen entgegensehen, je länger wir warten.“
Nachdem sie geendet hatte, herrschte kurzes Schweigen im Konferenzraum. Dann sagte Lennard: „Mrs. Dween, wenn wir das hier unbeschadet überstehen sollten, haben Sie die längste Zeit auf diesem Schiff gedient.“
Erschrocken ruckte ihr Kopf hoch, während alle aufkeuchten. „S... Sir?“
„Sie haben schon richtig gehört. Die Sternenflotte kann es sich unter den Umständen dieses Krieges keinesfalls noch länger leisten, Sie als Counselor an Bord eines Schiffes herum-fliegen zu lassen; dafür sind ihre strategischen Projektionen einfach zu brilliant und über-zeugend. Sie gehören definitiv mindestens in einen Flotten-Kommandostab, wenn nicht sogar direkt in die zentrale strategische Abteilung des Sternenflotten-Hauptquartiers auf der Erde. Nein, sagen Sie nichts, ich weiss, wie gerne Sie sich unter Wert verkaufen.“
Erleichtertes Lachen im Raum, als allen die wahre Bedeutung von Lennards Kommentar aufging. Der Protest der jungen Halbvulcanierin ging im Wortgetümmel unter, aber man sah ihr die gemischten Gefühle wegen Lennards angedrohter Zwangsbeförderung an. Wohl des-halb, weil sie bei ihm nicht genau wusste, wie ernst er es meinte.
Dann jedoch räusperte sich Kall geräuschvoll, so dass wieder Stille eintrat. „Captain, die Newar haben einen interessanten Vorschlag zu machen, wie sie uns in unserer misslichen Lage beistehen könnten. Es klingt für mich sehr vielversprechend, auch wenn es Ihnen be-stimmt nicht gefallen wird.“
Darauf seufzte Lennard hörbar, wusste er doch, wie gut die Betazoide ihn einschätzen konnte. Es würde ihm nicht gefallen. „Dann lassen Sie mal hören, Commander...“
Merven stand an der stark geneigten Scheibe seines Quartieres, als Dween eintrat. Sofort spürte sie die ungewöhnliche Stimmung im Raum und trat hinter ihren Freund. Sanft legte sie die Arme um seine Schultern und hauchte ihm einen Kuss auf den Nacken. Er liess sie reg-ungslos gewähren.
„Sieh nur, Shania,“ sagte er mit tonloser, belegter Stimme.
Sie blickte auf. „Was meinst du, Liebling?“
„Dort draussen. Es ist wirklich fast wie im All, aber doch nicht genauso. Es ist, als habe eine unbegreiflich grosse Macht sämtliche Sterne aus dem Universum gefegt und nur schwarze Leere zurückgelassen, in der wir nun unser Dasein fristen müssen. Das letzte Schiff in der dunklen Unendlichkeit...“
„Du bist bedrückt und lässt dich von der lichtlosen Tiefe dieses planetaren Ozeans beein-drucken. Aber du bist keineswegs allein.“ Sie zeigte nach vorne, wo gerade wieder einer der grazil wirkenden Newar vorbeiglitt. „Selbst hier haben wir Freunde gefunden, wo niemand es je vermutet hätte. Trotz der gewaltigen Unterschiede haben wir doch vieles mit ihnen ge-meinsam, was uns im Geiste miteinander verbindet.“
„Du hast recht.“ Er drehte sich um und sah zu ihr hoch. „Und du weisst auch, was mich wirk-lich bedrückt, nicht wahr?“
Sie nickte verständnisvoll und erwiderte seinen Blick mit einem warmen Lächeln. „Du machst dir Sorgen darüber, ob Captain Lennard es ernst gemeint hat mit seiner Absicht, mich von der Fairchild weg zu versetzen und vielleicht sogar gegen meinen Willen in irgendeinen strategischen Stab zu stecken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das tun würde, selbst wenn er es wahrscheinlich sogar unter Anwendung irgendwelcher Sternenflottenvorschriften, die man nur ab dem Rang eines Captains kennt, legitim tun könnte. Ich wäre bestimmt nicht besonders effektiv, wenn ich gewaltsam von dir getrennt würde und meinen Dienst an einem Ort und auf einem Posten versehen müsste, an dem ich nicht sein wollte. Er weiss das und respektiert das sicher auch; ausserdem bin ich ihm zu wertvoll als Schiffsberaterin, als dass er mich einfach so weggeben würde.“
Er zog einen Mundwinkel hoch. „Klingt alles sehr logisch, sogar für eine halbe Vulcanierin. Alles schlüssige Argumente... aber wie logisch sind Menschen manchmal, wenn sie mit allen Mitteln ihren Willen durchsetzen wollen?“
„Jetzt tust du allen Terranern unrecht,“ schalt sie ihn mit gespielter Strenge, „vor allem aber Lennard im Besonderen. Er ist ein untypischer Erdenmensch, überdurchschnittlich besonnen, ausgeglichen und überlegt in seinem Handeln. Die Föderation kann froh sein, dass sie ihn auf diesem Kommando hat.“
„Wir alle können froh sein, dass wir ihn als Kommandanten haben.“ Er umarmte sie plötzlich und drückte sie an sich. „Versprich mir, dass du mich nicht alleine lässt.“
„Und dich deinem Schicksal überlassen? Das brächte ich nie übers Herz.“ Sie grinste, als sie sah, dass ihm aufging, wie bettelnd und flehentlich er gerade geklungen haben musste.
„Du siehst mich auf eine Art und Weise an, die in mir ein Gefühl der Unterlegenheit erzeugt,“ sagte er etwas konsterniert.
„Selbstdiagnose korrekt. Der Patient muss sich dennoch keine Sorgen machen.“ Sie lachte übermütig.
„Gut zu wissen.“
Die Brücke war wieder voll besetzt und alles bereitete sich vor zum Aufbruch. Der Besatzung hatte die Ruhepause gutgetan, in einigen Gesichtern war die Entspannung des letzten Tages deutlich ablesbar, sofern sie nicht an den Reparaturen hatten mithelfen müssen.
„Wir wissen nicht, was uns erwarten wird, wenn wir die Atmosphäre von Ribaalc III ver-lassen werden. Mit viel Glück ein leeres Sternensystem und ein freier Kurs in unbesetzten Raum.Mit weniger Glück...“ Lennard brach seine Ausführung ab und starrte mit düsterer Miene den Hauptmonitor an.
Kall wandte ein: „Vielleicht hätten wir das Angebot der Newar annehmen sollen, dass sie für uns nachsehen, ob sich noch Jem’hadars in der Nähe befinden. Schliesslich sind sie ja so gut wie nicht erfassbar für Sensoren, sodass sie eigentlich kein grosses Risiko eingehen bei dem Versuch.“
Dween fügte hinzu: „Und wir könnten uns schon einmal darauf einstellen, was uns erwartet. Eventuell könnten wir den Abflug sogar noch verschieben, was ja von unseren Möglichkeiten her kein Problem sein müsste. Wir halten es hier noch eine Weile aus und machen sie mürbe, bis sie wirklich aufgeben und abziehen.“
Nun mahlten Lennards Kiefer geräuschvoll, als er angestrengt nachdachte und schliesslich einräumte: „Ich glaube, ich kann mich auf Ihr Urteil verlassen, auch wenn es nicht nach mei-nem Geschmack ist. Sam,bitte teilen Sie den Newar mit, dass ich sie nur äusserst ungern um diesen Gefallen bitte und mir der Gedanke zuwider ist, sie in eine potenziell gefährliche Si-tuation zu bringen.“
Kall lächelte verständnisvoll. „Sie antworten, dass Ihnen das nicht unangenehm sein muss, denn sie haben diesen Vorschlag ja von sich aus gemacht, da Sie sie ohnehin nicht freiwillig gefragt hätten.“
„He, woher... es ist unfassbar, dass unsere neuen Freunde mich schon so gut einschätzen kön-nen, nur auf Basis der Dinge, die sie über Ihre Erfahrungen vermittelt bekommen haben, Sam.“ Der Captain der Fairchild konnte nur staunen.
„Ja, nicht wahr? Dabei habe ich in bewusster Weise nicht einmal besonders umfangreich von Ihnen...“ Das Lächeln auf Kalls anmutigem Gesicht wurde dünner und erstarb mit ihrer Stim-me. Ihre grossen, irislosen dunklen Augen schimmerten.
Sofort war Dween neben ihr. „Was haben Sie, Commander? Geht es Ihnen nicht gut?“
Die Betazoide fing sich wieder und schüttelte die Benommenheit mit einem leichten Schaudern von sich ab: „Kein Grund zur Sorge, Counselor. Es ist nur, dass ich schlechte Nachrichten für uns habe.“
Lennard fixierte seine Erste Offizierin mit starrem Blick. „Lassen Sie hören.“
„Drei Newar sind an mehreren Stellen im weiteren Umkreis nach oben gestiegen und haben alle mindestens ein Schiff der Jem’hadar gesichtet. Sie sind zum Glück vorsichtig gewesen und alle sofort wieder in tiefere, sichere Gefilde abgetaucht.“
„Ein Hoch auf den kollektiven Verstand, der riskante Extratouren ausschliesst und stets die Vernunft obsiegen lässt. Wenn mindestens drei Schiffe in der Nähe nach uns suchen, müssen sie irgendwie über eine Wahrscheinlichkeitsberechnung oder ein zufälliges Ortungssignal durch atmosphärische Unregelmässigkeiten herausgefunden haben, wo etwa wir uns befin-den. Die Newar empfehlen uns, einen bipolaren Kurs einzugeben, da das von den wenigsten Strategen in einer solchen Lage erwartet wird.“ bedauernd zuckte Kall mit den Schultern.
„Da haben sie recht. Bedanken Sie sich in meinem Namen; und fügen Sie hinzu, dass wir un-seren Abflug um einen Tag verschieben werden. Wir haben Zeit, uns geht es nur noch um den sicheren Abzug von hier. Wir werden wohl oder übel herausfinden müssen, wer von uns die besseren Nerven hat.“
Auch am darauffolgenden Tag fanden die Newar, die an verschiedenen Stellen des Planeten hinaufstiegen und Ausschau nach Feinden hielten, wieder mehrere Kampfschiffe des Domi-nion vor. Der einzige Lichtblick in ihrer Pattsituation war der, dass sie nicht mehr in ihrer Nähe nach ihnen suchten. Durch den ungewöhnlichen Nord-Süd-Nord-Kurs, den sie einge-schlagen hatten, waren sie nicht einmal mehr in der Region, in der sie offenbar vermutet wur-den.
Merven hatte mit Erlaubnis von Captain Lennard seine selbstgebaute Sonaranlage wieder ausfahren dürfen, nachdem er dem Captain versichert hatte, er würde die Apparatur nur pas-siv, das heisst im ‘Lauschmodus’, wie er sich ausdrückte, betreiben.
„Was soll dieser Ausdruck bedeuten?“ wollte Leardini wissen.
„Das bedeutet, dass die Sonaranlage keine aktiven Peilgeräusche aussendet, da diese uns mehr schaden als nützen würden. Wir könnten den im Orbit fliegenden Schiffen dadurch ver-raten, wo wir uns befinden. So aber geben wir keine Töne von uns, sondern verhalten uns pas-siv und ‘lauschen’ nur den Signalen des Meeres um uns herum.“
„Aha, daher also diese Ausdrücke. Wo haben Sie die nur her?“
„Ich bin bei meinen Studien über submaritime Gefährte darauf gestossen,“ gab er zu uns hörte neben sich ein unartikuliertes Geräusch.
„Sie nehmen das alles viel zu wichtig, Mr. Soares,“ kommentierte Wenjorook belustigt und hielt sich die Hand in einer nur allzu menschlichen Geste vor den Mund. Dann jedoch wurde er wieder ernst und fügte in seiner gewohnten Art hinzu: „Wir sind nicht hier, nur damit Sie ‘Unterseebötchen Fahren’ spielen können. Wir sind bereits weit über das theoretische Sta-dium Ihrer Studien hinaus. Dies hier ist die Realität, richtige militärische Strategie.“
Merven wollte etwas Unverschämtes auf diese Anzweiflung des Wertes seiner Recherchenar-beit antworten, hielt dann aber inne und dachte nach.
„Wissen Sie, Mr. Wenjorook, ich glaube, Sie haben recht. Wir verhalten uns zur Zeit nicht wie ein Raumschiff, sondern wie ein unterseeisches Fahrzeug. Demnach sollten wir auch um-fassendere Nachforschungen darüber anstellen, wie sich Fragen der militärischen Strategie in unserem Fall lösen lassen. Ich meine, ich habe einen Haufen Theorie über die Konstruktionen und physikalischen Grundlagen in Erfahrung gebracht, aber verständlicherweise rein gar nichts über die Kriegsführung unter diesen besonderen Umständen.
Leider wird das aber nicht realisierbar sein. Wir müssten nämlich nicht nur die klassische Lektüre der verschiedenen meeresfahrenden Welten durchgehen, was Taktiken und Strategien in diesem Spezialgebiet betrifft, sondern auch alles, was es an Erzählungen und Literatur darüber gibt, um einen vollständigen Einblick in diese Thematik zu erhalten. Das wird viel zuviel Zeit in Anspruch nehmen, um uns noch von irgendeinem Nutzen zu sein.“ Der Trill zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Ich glaube, Sie irren sich, Mr. Soares.“
Überrascht drehte sich Merven um und wurde sich gewahr, dass Captain Lennard im Laufe des Gespräches hinter ihn getreten war und der Debatte gelauscht hatte. Verflixt, bekam er denn alles mit, was sich an Bord des Schiffes abspielte?
„Können Sie mir erklären, was Sie meinen, Sir?“ fragte er vorsichtig mit gerunzelter Stirn.
„Ich wollte nur sagen, Sie irren sich in Bezug auf die Menge der Daten, die Sie durchgehen müssen. Ich habe mir nämlich in einer freien Minute die Zeit genommen, die Lektüre flüchtig zu überfliegen, welche Sie zur Konstruktion ihres feinen Messinstrumentes namens Sonar zu Rate gezogen haben. Und zufällig glaube ich mich daran zu erinnern, dass einige Umstände Ihre Suche nach neuem strategischen Wissen in submariner Kriegsführung drastisch eingren-zen werden.“ Wieder einmal stellte sein Kommandant seine selbstzufriedene Miene zur Schau, wenn er über Fakten verfügte, die ihm, nicht aber einem Untergebenen bekannt waren.
Ergeben fügte Merven sich in seine Rolle des Unwissenden und meinte: „Das verstehe ich nicht.“
„Nun, dann lassen Sie uns das einmal gemeinsam eruieren.“ Er trat zur Steuerkonsole von Merven, die zur Zeit nicht im aktiven Gebrauch waren, da sie noch immer mit geringer Ge-schwindigkeit ohne irgendwelche Krusänderungen durchs flüssige Medium dahinglitten, das die Atmosphäre des Planeten in dieser Tiefe bildete. Ohne Eile drückte er einen Taster, wor-auf er ein Bestätigungsgeräusch vernahm, die Hände hinter dem Rücken zusammenlegte und sich ein wenig vorbeugte.
„Computer, Anfrage. Zugriffs- und AbfrageSystem des BibliotheksComputers. “
Musste er unbedingt so eine Schau abziehen, fragte sich Merven und verdrehte die Augen.
Die sanfte synthetische Frauenstimme antwortete ohne jede Verzögerung. „ ZASBC bereit.“
„Wieviele Planeten der Klasse L, M und N mit grossem Wasseranteil sind der Föderation bekannt?“
„Keine.“
Merven prustete ungewollt los angesichts der Fassungslosigkeit auf Lennards Gesicht, was ihm jedoch sofort einen bösen Blick von seinem Captain einbrachte. Erstaunlicherweise schien das Programm der Künstlichen Intelligenz-Subroutine inzwischen erkannt zu haben, was hier vor sich ging und liess verlauten: „Bitte formulieren Sie die Frage neu oder spezifi-zieren Sie.“
Zähneknirschend gab Lennard von sich, betont langsam und deutlich sprechend, als habe er einen kompletten Vollidioten vor sich anstatt eines der leistungsfähigsten Rechnersysteme in der gesamten Föderation: „Wie viele Planeten der Klassen L wie Luna, M wie Mimas und N wie Nelphia sind der Föderation bekannt, deren Oberfläche zu einem grossen Teil mit Wasser bedeckt sind?“
„Bitte präzisieren Sie den Flächenanteil,“ forderte die Computerstimme teilnamslos und freundlich. Merven bekam einen taktischen Hustenanfall und drehte sich schnell weg.
„Herrgott! ...sagen wir, dreissig Prozent.“
„Es sind einundvierzig Planeten inklusive Ferenginar bekannt, fünfundzwanzig davon Mit-glieder der Föderation oder Alliierte, davon...“
„Jaja, schon gut. Was soll diese Angabe von Ferenginar? Niemand hat danach gefragt, keiner will das wissen.“ Süffisant grinste Lennard, als der akustische Output leise summte, ganz so als ob der Rechner nicht so recht wusste, was er mit diesem Kommentar anfangen sollte.
„Schatz, ärgerst du etwa den Computerkern?“ wollte Leardini mit gespielt unbeteiligter Stimme wissen.
Worauf Merven von seinem Stuhl fiel. Zu seinem Glück auf die von Lennard abgewandte Seite, denn bereits die Geräusche, die von ihm ausgingen machten deutlich, dass der Steuer-mann der Fairchild schwer mit dem Ausbruch eines akuten Lachanfalles kämpfte und diesen nur mit grösster Anstrengung unterdrücken konnte.
Lennard hob eine Augenbraue und bemerkte trocken: „Ich nehme nicht an, dass ich die Kran-kenstation benachrichtigen muss, Mr. Soares?“
Die Antwort kam mühsam hervorgepresst, der Trill indes hielt sich noch ausser Sicht. „Nein, Sir... ich bin nur... ähm... wie ungeschickt von mir...“
„Allerdings.“ Gönnerhaft, als sei nichts vorgefallen, wandte er sich ab und fuhr fort.
„Computer, bei wie vielen dieser Welten bilden die Wassermassen Ozeane, die die Haupt-landmassen der Oberfläche in mehrere nicht miteinander verbundene Kontinente unterteilt?“
Die Antwort liess tatsächlich eine oder zwei Sekunden auf sich warten. „Bei zweiunddreissig dieser Welten.“
„Und auf welchen dieser Planeten hat sich eine weltumspannende Schifffahrt entwickelt?“
„Auf einunddreissig dieser Planeten.“
„Was ist mit den anderen zehn Planeten? Hat sich dort keine vergleichbare Infrastruktur ge-bildet?“ Wieder erschien dieses süffisante Lächeln auf seinem Gesicht.
„Bei sieben der zehn Welten in Ansätzen, aber nicht in globalem Umfang.“
„Erklärung?“
„Drei der Welten sind unbewohnt oder nicht technologisch entwickelt. Bei den anderen sieben gibt es keine geografische Notwendigkeit, da sich die Bevölkerung auf dem Landweg über die Planetenoberfläche bewegen kann.“
„Sehr schön. Ach ja... auf wie vielen dieser seefahrenden Planeten wurden Unterseeboote entwickelt?“
„Auf siebzehn dieser Planeten.“
Nun erschien Mervens Kopf langsam hinter dem Kontrollpult, wie Lennard mit Genugtuung feststellte. Kein Grund für ihn, sein Spielchen schon aufzugeben.
„Auf wie vielen Welten wurden Unterseeboote entwickelt, die getaucht die Entfernungen zwischen den Kontinenten zurücklegen konnten?“
„Auf vier Welten. Ist eine Nennung der betreffenden Welten gewünscht?“
„Nein, nur nicht über das Ziel hinausschiessen.“ Wieder das leise Summen aus der Konsole. „Aber dafür Folgendes: Auf wie vielen Planeten wurden Unterseeboote für militärische Zwe-cke entwickelt?“
„Auf einem Planeten.“ Der Computer unterliess es nun natürlich, den Namen dieser Welt zu nennen, obschon das jetzt bestimmt sinnvoller gewesen wäre als gerade eben.
Merven sprang auf. „Wie bitte? Das ist ja unglaublich!“
Lennard musterte seinen Steuermann, sprach ihn aber nicht an. „Computer, fasse kurz die Entwicklungsgeschichte dieser Unterseeboote in etwa einer Minute zusammen.“
„Auf der Erde wurden zu siebenundneunzig Prozent Unterseeboote zu rein militärischen Zwecken gebaut, der Rest waren Forschungs- und Rettungsgeräte. Die ersten Geräte des 18. Jahrhunderts irdischer Zeitrechnung waren nur wenige Meter gross und zunächst ausgestattet mit mechanischen Tretwellen, die eine Flügelschraube zur Vortriebserzeugung antrieb. Später mit Elektromotoren, Verbrennungsaggregaten, von nuklearer Kernspaltung erhitzten Dampf-turbinen, elektrochemischen Brennstoffzellen und danach mit Fusionsreaktoren. Wurden ein-gesetzt zur Zerstörung von Überwasserschiffen und feindlichen Unterseebooten anderer poli-tischer Machtblöcke sowie als untermeerische Abschussplattformen von Marschflugkörpern und ballistischen Massenvernichtungswaffen. Von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Dritten Weltkrieges in der Mitte des 21. Jahrhunderts befuhren zeitweilig Unterseeboote mit einer Waffenkapazität zur siebenhundertfachen Vernichtung der planet-aren Bevölkerung die Meere der Erde. Nach Beendigung des Krieges und dem Erstkontakt von 2063 wurden sie als aktive Waffensysteme ausser Dienst gestellt.“
„Faszinierend,“ bemerkte Dween, die nun auch hinzugekommen war. „Aber warum soll es nur so wenig Material über die Verwendung und Taktiken der Unterseeboote geben?“
Der Computer fühlte sich angesprochen und antwortete prompt: „Sämtliche Unterlagen tak-tischer und strategischer Natur wurden von allen Staaten, die im Besitz solcher Boote waren, als hochgeheim eingestuft und in der Vorwarnzeit des strategischen Kernwaffen-Schlagab-tausches des Dritten Weltkriegs vernichtet, um die Möglichkeit der Inbesitznahme von feind-lichen Kräften auszuschliessen. Ein Grossteil der Unterseeboote sämtlicher Koalitionen wur-de bei den anschliessenden Kampfhandlungen auf See versenkt. Eventuell noch vorhandene Restdokumente gingen in den Kriegswirren verloren und liegen ebenfalls nicht zur Einsicht vor.“
Merven näherte sich mit entsetzter Miene seiner Station. „Soll das etwa heissen... dass es überhaupt keine Unterlagen mehr gibt?“
„Korrekt.“ Den Computer interessierte es natürlich nicht, was das für Konsequenzen haben könnte, er präsentierte nur die Fakten.
Lennard trumpfte auf: „Gibt es andere Quellen, die Material über die militärische Untersee-fahrt liefern können?“
„Es existieren eine Anzahl fiktiver und teilweise fundiert recherchierter Romane und zweidi-mensionale Filmerzählungen, die unterschiedlich detaillierte Informationen über die Vorgeh-ensweisen und den Dienstalltag auf solchen Gefährten enthalten. Wünschen Sie eine Auf-listung der betreffenden Werke?“
Wie aus einem Mund riefen Lennard und Merven: „Ja!“
Dann brachen sie beide in Gelächter aus.
Lennard klopfte Merven auf die Schulter und sagte: „Dann machen Sie sich mal an die Arbeit.“
Mervens Lächeln erstarb. „Sir?“
Grinsend bemerkte der Captain, im Gehen begriffen: „Jemand muss sich das Material ja an-sehen. Und da Sie sich ohnehin hierfür angeboten hatten...“
Wenjorook konnte nicht umhin, leise seinem Kameraden zuzuraunen: „Herzlichen Glück-wunsch.“
Noch während der junge Trill den Sicherheitschef dafür mit wütendem Blick fixierte: „Ach ja, für einen ist das selbstverständlich zuviel Material. Mr. Wenjorook, Sie als taktischer Offi-zier sind geradezu dafür prädestiniert, Mr. Soares zur Hand zu gehen. Teilen Sie sich die Durchsicht der verfügbaren Dokumente nach eigenem Ermessen ein. Viel Erfolg, meine Her-ren.“
Nun feixte der Andorianer ebenfalls nicht mehr.
„Dann wollen wir mal, Herr Kollege,“ versetzte Merven schadenfroh grinsend und schlug ihm kumpelhaft auf die Schulter. „Wie wäre es damit: ich nehme die Filmdokumente, Sie die schriftlichen Unterlagen?“
„Das könnte Ihnen so passen! He, warten Sie!“ Verduzt eilte er dem Steuermann hinterher in den nächsten Turbolift.
„Das können Sie nicht ernst meinen!“ Lennard erhob selten die Stimme bei einer Konferenz der Brückencrew, doch nun stand er am Tisch, stützte sich schwer mit den Armen auf die indirekt von unten beleuchtete Tischplatte und lehnte sich nach vorne.
„Bitte, Captain, lassen Sie es uns doch zuerst einmal erklären,“ setzte Merven beschwich-tigend an.
„Wir sind hier unten weitere zwei Tage festgesessen... und Sie wagen es jetzt, mir mit so etwas zu kommen? Das kann doch wohl nicht alles sein, was Sie haben?“ Er fixierte Merven und wartete auf eine Erklärung.
Erstaunlicherweise war es Wenjorook, der eingriff und schnell erklärte: „Es ist eine wirklich grosse Datenmenge, Captain. Wir haben Probleme, das Material nach Qualität der Handlung und eventueller Realisierbarkeit für uns zu ordnen. Zum Teil hatten wir es mit üblem Schund zu tun, der in einer grotesken, fast schon tragikkomischen Art und Weise sinnverzerrt war und jeglicher Logik und Nachvollziehbarkeit entbehrte.
Was wir gefunden haben, war eigentlich ein Zufall. Wenn wir nicht beide unabhängig von-einander bei zwei grundverschiedenen Dokumenten auf ein ähnliches Konzept gestossen wären und dies auch nicht durch Informationsaustausch gemerkt hätten, wäre uns dieser Ein-fall mit Sicherheit entgangen.“
„Also gut.“ Etwas beruhigter setzte sich der Kommandant wieder. „Mr. Soares, erleuchten Sie uns.“
„Danke, Captain. Das eine Dokument ist ein Schriftstück, ein Roman, der den Aufzeich-nungen nach gegen Ende des 20. Jahrhunderts ein grosser Erfolg war. Er wurde mit für da-malige Verhältnisse grossem Aufwand verfilmt, das heisst die Handlung wurde visualisiert, ebenfalls mit überwältigendem Erfolg. Den Quelltexten nach gibt es kaum einen Autor, der zu jener Zeit fundierter und realistischer die wirklichen Umstände auf diesen U-Booten re-cherchiert und dargestellt hat. Sie haben ihn sogar eine Zeit lang auf einem echten U-Boot mitfahren lassen, soviel haben sich die Militärs damals von der Arbeit dieses Mannes ver-sprochen. Auf dieses Dokument können Sie sich auf jeden Fall verlassen.“
„Das hört sich ja schon mal recht gut an.“ Lennard wirkte besänftigt. „Und die zweite Quel-le?“
Zögerlich erwiderte Merven. „Dabei handelt es sich um einen zweidimensionalen Film aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eigentlich ist es eine heitere Komödie, die das Leben an Bord eines U-Bootes während des Zweiten Weltkrieges persiflierte. Das Vorgehen in un-serem Fall war aber beinahe identisch.“
„Naja, begeistert bin ich ja nicht gerade... wie sicher sind Sie, dass das klappen könnte?“ Lennard war noch immer nicht überzeugt.
„Vom taktischen Standpunkt aus ist es eine gute Idee. Wir müssen nur vorher mit den Newar abklären, was sie davon halten. Schliesslich ist dies hier ihre Welt, auf der wir nicht einfach nach eigenem Ermessen und Gutdünken handeln können. Das wäre kein guter Anfang für un-sere Beziehungen.“ Merven blieb vorsichtig in seiner Wortwahl.
Kall sagte bedächtig: „Die Newar sind mit unserem Vorhaben einverstanden und werden alle Vorsichtsmassnahmen ergreifen. Sie halten es für riskant, aber durchführbar.“
„Da fällt mir ein Stein vom Herzen,“ gab Merven zu und lächelte befreit. „Was wir nun vor allem brauchen, sind mehrere Kilotonnen Alt- und Gebrauchsmaterial der unterschiedlichsten Art, am Besten von allem, was wir auf dem Schiff haben, etwas. Wir müssen das ganze Zeug in einem nach hinten offenen Frachtraum deponieren und dann den Rest erledigen.“
„Ich werde das organisieren,“ erklärte Darrn und stand auf. Natürlich, er war der Ops, es lag in seiner Natur, Dinge zu koordinieren und zu organisieren.
„Mr. Nirm, Sie werden das ‘Paket’ gemeinsam mit Mr. Soares und Mr. Wenjorook schnüren. Sie werden ihre Mithilfe gewiss brauchen.“
„Aye, Sir.“ Die Benannten machten sich ebenfalls auf, um die ihnen aufgetragenen Aufgaben zu erfüllen.
Lennard blieb nachdenklich am Tisch sitzen, umringt von Dween, Kall, Leardini und Doc Endi. „Das muss jetzt alles ziemlich schnell gehen, wenn wir die Jem’hadar jemals vom Hals haben wollen.“
„Ich halte den Plan für gut, Sir. Es wird bestimmt gelingen. Und die Jem’hadar werden nicht einmal ahnen, was wirklich geschehen sein wird.“ Die Chefärztin Endi schien die Zuversicht ihrer Kollegen zu teilen.
„Warten wir’s ab,“ war sein schlichter Kommentar.
„Je länger wir warten, desto grösser wird die Gefahr, dass sie zwar abziehen, aber dafür den gesamten Planeten verminen oder sich eine ähnlich nette Überraschung für uns ausdenken, die uns beim Auftauchen aus der Atmosphäre erwarten könnte,“ warf Dween ein.
„Warum müssen Sie solche Dinge sagen, Shania?“ Leardini stöhnte leise auf.
„Ich dachte immer, Sie schätzen Ehrlichkeit, Commander,“ gab Dween mit beinahe vulcan-ischer Neutralität zurück, was die meisten der anderen zum Schmunzeln brachte.
- 8 -
Eines der kleinen, käferförmigen Jem’hadar Angriffsschiffe zog in einem niedrigen Orbit über die höchsten Wolkenschichten des seltsamen Gasriesen Ribaalc III, auf der Suche nach elektromagnetischen oder Subraum-Emissionen, die auf den Verbleib des Sternenflotten-schiffes hinweisen könnten. Den Newar, der kurz aus den Atmosphärewirbeln auftauchte, sich umsah und gleich darauf wieder im schützenden Gasnebel verschwand, konnten seine Ortungsinstrumente nicht erfassen.
Die Moral der Truppen an Bord war nicht gut. Während ihre Kameraden bei der grössten Offensive des Dominion seit dem Verlust von Deep Space Nine für ihre Gründer kämpften, waren sie hierher abgestellt worden, um dieses einzelne Schiff aufzubringen. Das Problem war nur, dass dieses wahrscheinlich stark beschädigt war und sich in der Atmosphäre dieses Gasriesen verbarg, um Reparaturen durchzuführen oder einfach solange auszuharren, bis ihre Verfolger aufgaben und abzogen. Denn abgesehen von diesem Föderationsschiff gab es im Umkreis von Lichtjahren nichts, was für das Dominion auch nur von geringstem Interesse wäre.
Plötzlich schreckte der Erste Jem’hadar an Bord des Schiffes auf, als er über sein Sichtgerät einen schwachen Schimmer am Horizont des Planeten sah. Als er die Vergrösserung änderte, erkannte er tatsächlich ein Leuchten in der Tiefe der Wolkenschichten hinter ihnen. „Serin, sehen Sie sich das hinter uns an. Es sieht aus wie ein nicht natürliches Phänomen.“
Der Vorta, ausser dem Ersten im Schiff der Einzige im Besitz eines Sichtgerätes, das es ihm ermöglichte hinaus zu sehen, blickte nun ebenfalls auf das kleine Rechteck, das an einer fragil wirkenden Halterung vor seinem rechten Auge fixiert war. „Wovon reden Sie?“
„Wir haben gerade den Horizont überquert und sind nicht mehr in Sichtweite. Lassen Sie uns umkehren und nochmals nachsehen?“ Fragend sah der echsengleiche Krieger auf seinen Vor-gesetzten.
Der Vorta, wie die meisten seiner Art sich den Jem’hadar gegenüber überheblich und blasiert aufführend, verzog das Gesicht ein wenig. „Ah, ich weiss nicht...“
„Wenn wir das Schiff gefunden hätten, könnten Sie sich damit brüsten, es aufgespürt zui hab-en,“ schlug der Erste vor. Ihm war es egal, wenn Serin das tun würde, denn ihm ging es nicht um Ruhm, sondern darum, dem Dominion und seinen Göttern, den Gründern, mög-lichst gut und ergeben zu dienen. Und wenn das hiess, dass er seinem kommandierenden Vorta dazu ein wenig ins Gewissen reden musste, liess er sich auch dazu herab. Auf dieses Argument würde er sicher ansprechen, und ohnehin machte er es meistens nicht anders, als dass er Erfolge für sich beanspruchte und Misserfolge auf seine Mannschaft schob. Was die Jem’hadar selbstver-ständlich ergeben erduldeten. So war die Ordnung der Dinge.
„Wenden Sie das Schiff und fliegen Sie die Koordinaten an, die der Erste Ihnen vorgibt,“ ord-nete er nun an. Sie flogen eine enge Kehre und gingen auf Gegenkurs. Lange brauchten Sie nicht zu suchen.
„Ein faszinierender Anblick, nicht wahr, Erster?“ Die Stimme Serins klang beinahe ehrfürch-tig. „Ich möchte wetten, dass selbst Sie etwas Vergleichbares noch nicht gesehen haben.“
„Das ist korrekt.“ Der Erste sah hinab auf eine gigantische trichterförmige Lücke in den Wol-ken, die mehrere hundert Kilometer Durchmesser haben musste. An ihrem unteren Ende schienen die Wolken zu brennen. Jedenfalls glühten sie regelrecht von der plötzlichen Kom-pression, die sie erfahren hatten bei der Detonation, deren Druckwelle sich noch immer ein wenig ausweitete.
„Das muss in grosser Tiefe geschehen sein,“ bemerkte der Erste nun, „viel tiefer, als wir an-genommen hatten. Sehen Sie nur.“
Durch das Sichtfeld der Aussensensoren bewegte sich ein Vorratsbehälter der Sternenflotte mit hoher Geschwindgkeit nach oben. Dann folgte alles mögliche an Schrott und Rahmen-teilen, Unrat und Kram, der wild durcheinandergewürfelt ins All geschleudert wurde. Einer der Jem’hadar meldete: „Einige der Rahmenteile sind aus Duranium, Sir.“
„Das sind sie... waren sie,“ korrigierte sich Serin und klappte seine Vorrichtung zur Seite. Gehen Sie auf eine niedrigere Umlaufbahn und lassen Sie uns das hier näher untersuchen.“
„Ersten Sensorenwerten nach ist es eine grosse Antimateriedetonation in der mittleren Atmo-sphäre, mit multiplen Trümmerteilen verschiedenster Beschaffung. Mehrere Tausend Tonnen Masse.“
„Wissen wir, wie gross das Föderationsschiff war, das wir suchen?“ Noch war der Vorta skeptisch.
„Nein,“ gab der Erste zu, „und das wird sich jetzt auch nicht mehr feststellen lassen. Durch die hohe Schwermetallkonzentration in den Atmosphäregasen in dieser Tiefe werden die Messwerte verzerrt, sodass keinerlei Signatur mehr isoliert werden kann. Und die Menge der Trümmer kann auch kein Indiz sein, weil natürlich der grösste Teil davon zur Seite hin und nach unten geschleudert wurde und in den Tiefen des Paneten verschwunden ist. Bei einem Warpkernbruch richtet sich die Hauptwucht der Explosion nach unten, da bei fast allen Kon-struktionen der Starfleet der Kern im Notfall nach unten hin ausgestossen wird. Über dem MARK verläuft die tragende Hauptstrebe der Maschinenhülle wie das Rückgrat eines Human-oiden und schützt das Schiff nach oben hin. Das Muster der Explosionswolke legt allerdings die Vermutung nahe, dass die Detonation relativ kontrolliert innerhalb des Schiffes abgelauf-en ist. Entweder war das ein schleichender Kernbruch oder die Mannschaft hat die Selbstzer-störung betätigt, weil sie die Ausweglosigkeit der Situation erkannte und akzeptierte. Es sieht zumindest auf den ersten Blick so für mich aus.“
„Angesichts der Informationen, die wir erhalten haben, würde es mich nicht wundern, wenn sie sich tatsächlich selbst in die Luft gesprengt hätter. Aber nur nichts übereilen,“ ermahnte Serin ihn, „jetzt wollen wir doch zuerst einmal aus der Nähe herausfinden, was da genau vor sich gegangen ist.“
„Das war ein Bumms,“ meinte Kall beeindruckt.
„Ja, wir hätten vielleicht noch ein wenig mehr Sicherheitsabstand halten sollen. Mr. Nirm, Schadensberichte?“ Lennard wirkte leicht beunruhigt.
„Keine Schäden, Sir. Die Schutzschilde haben gehalten und arbeiten innerhalb normaler Para-meter.“ Der lurianische Chefingenieur war ausnahmsweise kurz angebunden, was bedeutete, dass er wohl alle Hände voll zu tun hatte.
Sie hatten einen mit nach hinten weisender Aussenschleuse ausgestatteten Frachtraum mit allem möglichen Unrat, Ersatzteilen und Reparaturmaterialien gefüllt. Als Unterlage dieses Sammelsuriums hatten mehrere miteinander verbundene Antimaterie-Vorratskapseln aus dem Antriebssystem sowie einige Quantentorpedos als Auslöser fungiert. Fixiert wurde alles mit-tels eines engmaschigen Duraplastnetzes. Das gesamte Paket hatten sie dann durch Öffnen der Schleuse ‘ausgeblasen’, was bedeutete, dass das Material durch den entstehenden Druck-unterschied herausgerissen wurde, durch den Schildperimeter hindurchfiel und langsam zur-ückblieb, wobei es auch allmählich in eine grössere Tiefe absackte.
Nach einer vorherbestimmten Zeitspanne zündeten die Torpedos den Antimaterievorrat und bewirkten diese gigantische Explosion, welche den Kram auf den Kapseln teilweise nach oben wegschleuderte, sodass er von patroullierenden Feindschiffen gefunden werden konnte und diese zu dem Trugschluss verleiten sollte, dass die Fairchild zerstört worden war.
Inzwischen waren sie in - halbwegs - sicherer Entfernung mit abgeschaltetem Antrieb nur von der eigenen Massenträgheit weitergetragen worden und stellten sich mausetot.
Leardini sass auf ihrem Sessel und rieb sich bedächtig den leicht gewölbten Bauch. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese primitive List funktionieren kann.“
„Nur nicht so pessimistisch, Commander,“ gab Merven zurück. „Schliesslich kennen Sie doch die Berichte, in denen von dieser vorgetäuschten ‘Versenkung’ und dem Ausstoss allen mög-lichen Gebrauchsmaterials zur Erhärtung dieses Verdachts die Rede war. Glauben Sie mir, das werden sie schlucken.“
Die Italienerin seufzte. „Schön wär’s ja...“
Einen Tag später konnten sie sich sicher sein, dass ihre List aufgegangen war. Mehrere ‘Spione’ der Newar hatten keinerlei Anzeichen für Jem’hadar-Schiffe mehr feststellen kön-nen. Darauf setzte Lennard eine Abschlussbesprechung und den Start auf den Abend dieses Tages an.
Als sie sich langsam nach oben bewegten und eine grosse Anzahl von Newar sich neben ihn-en und über ihnen mitbewegte, bat Lennard Kall, ihnen nochmals seinen Dank für ihre Hilfe zu übermitteln.
„Sie lassen uns wissen, dass sie gerne geholfen haben und sich darauf freuen, in die grosse Völkerfamilie der Föderation aufgenommen zu werden.“
„Das ist nett von ihnen. Ich hoffe, der Rat der Föderation erkennt die Vorteile, die wir im ge-genseitigen kulturellen Austausch alle erlangen werden.“ Zufrieden beobachtete er auf dem Hauptmonitor, wie sich das Schiff aus den obersten Wolkenschichten erhob, weiter empor-glitt und so nach und nach die Wölbung des Planeten unter ihnen sichtbar wurde. Sie kamen nun aus dem Nachtschatten von Ribaalc III heraus, worauf ein Filter sofort das grelle Sonnen-licht auf ein erträgliches Mass reduzierte. Noch immer waren etliche der eleganten Wesen neben ihnen und hielten ihr Tempo mühelos. Die von hier aus schmutzigbraune Kugel der Heimatwelt der Newar verschwand aus ihrem Sichtfeld, als sie nun in einem weiten Bogen die Sonne umflogen...
Und plötzlich verdeckte ein Schatten das Muttergestirn Ribaalc.
„Roter Alarm! Schilde auf Maximum!“ Augenblicklich sprang alles durcheinander, als der gewaltige Schlachtkreuzer der Jem’hadar mit blitzenden Torpedomündungen auf sie herab-stiess, gefolgt von einer ganzen Horde Angriffsschiffen.
Merven hatte im nächsten Moment ungefragt einen unorthodoxen Notabort durchgeführt und war für zwei Sekunden mit Warp zwei aus der Falle herausgesprungen. Der Antrieb hatte das problemlos verkraftet und sie befanden sich nun sechs Millionen km entfernt von dem Kampfverband, welcher sich auf der von Ribaalc III abgewandten Seite der Sonne verborgen hatte, um sie Glauben zu machen, sie hätten ihnen die Zerstörung der Fairchild abgenommen. Niemand verlor ein Wort darüber, was momentan auch völlig unnötig gewesen wäre. Sie hat-ten hoch gepokert und diese Runde eindeutig verloren.
Erstaunlicherweise waren die Newar spontan mit ihnen mitgesprungen und befanden sich unverändert an ihrer Seite, wozu die Jem’hadar nicht fähig gewesen waren. Es konnte sich je-doch nur noch um Sekunden handeln, bis sie von ihnen angegriffen werden würden.
Lennard rief: „Schnell, Sam, schicken Sie die Newar weg von hier! Sie dürfen nicht verletzt werden.“
„Jawohl, Sir... nanu? Sie sagen, das Kollektiv hat das Problem erkannt und wird Abhilfe schaffen. Das verstehe ich nicht.“ Mit hilfloser Miene hob sie die Schultern.
„Oh nein!“ Lennard brauchte keine weitere Erklärung, er sah bereits, was der kollektive Ver-stand ihrer fremdartigen Verbündeten sich hatte einfallen lassen.
Sie wurden von den Newar umzingelt.
Dutzende der grossen Leiber scharten sich mit weit ausgebreiteten Flossen um den Schild-perimeter ihres Raumschiffes, sodass sie bald fast die ganze Fairchild umhüllten. Nur nach hinten liessen sie eine Lücke.
Kall rief im gleichen Augenblick: „Schnell, wir müssen den Impulsantrieb ausschalten! Er hindert sie daran, den Ring um uns zu schliessen.“
„Aber wir können doch nicht... die Newar geraten in Gefahr... ach was, tun Sie es einfach, Mr. Soares. Los!“ Lennard fiel es ziemlich schwer, über seinen Schatten zu springen und das Kommando über sein Schiff in fremde Hände zu legen.
Merven fuhr den primären Impulsantrieb hinab, sodass keine weiteren Ausstossprodukte der ultraheissen Fusionsreaktion die Newar mehr gefährden konnten. Gleichzeitig bemerkte er, dass sie dennoch Fahrt machten. Mit Unglauben in der Stimme sagte er: „Captain, es... es sieht ganz so aus, als würden sie uns anschieben.“
„Das ist geradezu genial! Da sie durch ihr natürliches körpereigenes Feld - warum auch immer - nicht geortet werden können, sind wir im Inneren dieses Kokons aus Newarkörpern praktisch nicht erfassbar. Und zu alledem bewegen uns unsere Freunde selbst noch weg, um unser Auffinden zu erschweren.“ Wuran war begeistert, als sie diese Erklärung abgab.
„Wie schnell bewegen wir uns?“ wollte Leardini wissen.
„Mit etwa einem Prozent der Lichtgeschwindigkeit.“
Die Erste Offizierin machte ein angespanntes Gesicht. „Wie schnell können wir maximal fliegen?“
Merven startete eine Abfrage und antwortete nach wenigen Sekunden. „Warp Acht, mit viel Glück für ein paar Stunden mit Warp Acht Komma Fünf, wenn die Plasmaleitungen halten.“
„Warp Acht?“ stöhnte Lennard.
„Darf ich Sie daran erinnern, dass wir neben einigen anderen Defekten ein Spulenpaar wen-iger in den Warpgondeln haben? Befeuert von einer Sequenz, die einer unserer Akademie-abgänger selbst geschrieben hat. Wie viel wollen Sie darauf setzen, Sir?“
„Das heisst also, sie werden uns in wenigen Stunden eingeholt haben, selbst wenn uns die Newar wochenlang wegbewegen würden, um uns einen kleinen Vorsprung zu verschaffen.“ Ergeben meinte Leardini. „So sieht es aus.“
„Es muss doch einen anderen Weg geben...“ murmelte Lennard.
In diesem Moment stoben die Newar auseinander und gaben die Fairchild den Sensoren der Jem’hadar-Schiffe preis.
„War es das, was Sie meinten, Sir?“ fragte Darrn in einem Anfall von Sarkasmus.
„Was ist passiert, Kall?“ verlangte Lennard mit scharfer Stimme zu wissen.
Etwas ratlos gab die Betazoidin zu: „Ich kann es nicht genau sagen. Die Newar behaupten, sie hätten eine andere Lösung gefunden. Sie haben darüber nachgedacht und haben die Schiffe des Dominion lange genug beobachtet, um sicher zu sein, dass sie das Richtige tun.“
„Das Richtige? Uns den Jem’hadar zum Frass vorwerfen nennen Sie so? Das ist vielleicht das Richtige für sie, aber sicher nicht für uns!“
„Ganz ruhig, Mr. Darrn, wir wollen doch nicht ...“ Der Rest des Satzes blieb Lennard im Hals stecken, als vor ihnen die Flotte des Dominion unter Warp ging. Es waren ein grosses Schlachtkreuzer und neun der kleineren Angriffsschiffe. Mit dem grössten allein hätten sie bereits Mühe gehabt, aber ein Angriff von allen zusammen liess ihre Überlebenschancen geg-en Null absinken. Die Newar hatten sich ein wenig zurückgezogen, sodass sie aus der Schuss-linie waren, aber noch in der Nähe. Sie schienen abzuwarten und beobachten zu wollen, was als nächstes passieren würde.
„Jetzt haben wir andere Probleme als die Loyalität der Newar. Zusatzenergie auf die Front-schilde.“ Lennards Stimme klang leise und gefährlich.
Dann schoss das erste der Angriffsschiffe auf sie.
Und einer der Newar sprang in die Bahn des konzentrierten Polaronenstrahles. Er wurde voll getroffen.
„Neeeein!“ Lennard sprang entsetzt auf. Das also war der neue Plan des Newar-Kollektives! Aber das durfte auf keinen Fall geschehen, dass sich einige dieser Individuen für die Inter-essen ihres Volkes und die Sicherheit ihres Schiffes opferten. Nein, das durfte er einfach nicht zulassen...
Sie erlebten eine weitere Überraschung. Als der grelle, blauweisse Strahl den Körper des Newar traf und anhaltend kohärente Energie auf ihn schoss, wurde diese auf unerfindliche Weise in das natürliche Energiefeld, welches das Wesen umgab, hineingeleitet, ohne es selbst zu verletzen. Einen Moment später schien sich der Newar dem Angreifer zuzuwenden, wor-auf ein andersfarbiger, grünlich schimmernder Strahl zurückgeworfen wurde und das An-griffsschiff traf, das augenblicklich sein Waffenfeuer einstellte. Das Leuchten der Warpgon-deln erlosch, dann die Schiffsbeleuchtung selbst. Antriebs- und steuerlos trieb der Havarist knapp an der Fairchild vorbei.
Fast zur selben Zeit hatten mehrere der anderen Schiffe ebenfalls auf sie zu schiessen be-gonnen, doch jedesmal tauchte wie aus dem Nichts einer der Newar auf, fing den für sie be-stimmten Schuss auf und wandelte dessen Energie in diese geheimnisvolle grün leuchtende Form um, die sie zum jeweiligen Angreifer zurückwarfen und ihn damit lahmlegten.
„Was geht da vor sich?“ fragte Darrn völlig fassungslos.
Die bajoranische Wissenschaftsoffizierin antwortete, mit erstaunt gefurchter Nase ihre Instru-mente ablesend: „Sie formen die Energie der Dominion-Waffen so um, dass sämtliche Ein-richtungen, die mit subraum- oder elektromagnetischer Energie betrieben werden, überlastet und zerstört werden. Nichts an Bord ihrer Schiffe funktioniert noch oder wird jemals wieder funktionieren.“
„Wow. Ich wollte nicht mit ihnen tauschen in dieser Lage,“ entfuhr es Merven leise.
Inzwischen waren fünf Angriffsschiffe binnen Sekunden neutralisiert worden. Dann war of-fenbar vom Schlachtkreuzer der Befehl gekommen, sofort das Feuer einzustellen, um nicht weitere Schiffe zu riskieren. Die Streitmacht des Dominion schien sich nun umstrukturieren zu wollen.
Kall riss plötzlich die Augen auf. „Schnell, Wenjorook, feuern Sie auf die Newar vor Ihnen, aber unbedingt nur mit Phasern!“
„Sind Sie wahnsinnig geworden? Ich schiesse doch nicht auf meine...“
„Tun Sie es einfach!!“ fuhr die Betazoide ihn laut an, worauf er automatisch die ‘Haiwal-rochen’ anvisierte und mit jeweils einem mehrsekündigen Phaserstrahl bestrich.
Die goldorangenen Strahlen trafen wiederum auf die Energiefelder der Newar...
und wurden in genau die gleiche grünlich illuminierte Form umgewandelt, die sie auf die vier verbliebenen Angriffsschiffe der Jem’hadar richteten und mit geradezu schlafwandlerischer Präzision trafen.
In der nächsten Sekunde war die Fairchild allein auf dem Schlachtfeld mit dem grossen Schlachtkreuzer, der offenbar die Zeichen der Zeit erkannte und nun beidrehte, um eine Lücke zwischen zwei hilflos dahintreibenden Angriffsschiffen anzusteuern und zu flüchten.
„Nochmal, Mr. Wenjorook,“ trieb Kall den Sicherheitschef an.
Wenjorook tat, wie ihm geheissen, worauf fünf der Newar um sie herum von den goldschim-mernden Phaserschüssen getroffen wurden. Völlig synchron ging das Leuchten um ihre Kör-per herum in einen schillernden Grünton über, denn natürlich waren sie gedanklich mitein-ander verbunden und koordinierten ihre Aktionen perfekt. Wie eine fünfläufige Energiewaffe illuminierten sie ihr Ziel gleichzeitig und in dem Augenblick, als dessen Warpgondeln hell aufblitzten. Die Energie reichte augenscheinlich noch für einen kurzen Vorwärtssprung, doch dann erstarben die Gondeln und wurden von der unkontrollierten Energie des Vorwärts-schubes vom Rumpf des Kreuzers abgerissen. Bar jeder Trägheitskontrolle zerfetzten die plötzlich auftretenden Beschleunigungskräfte das massige Schiff in eine Wolke aus Myriaden winziger Teilchen.
Der Kampf hatte nicht einmal eine Minute gedauert. Sie waren alleine, umgeben von neun dunklen, leblosen Käfern aus Metall und Kunststoff, in denen ihre Besatzung völlig hilflos gefangen war. Sie hatten keine Möglichkeit, ihre Schiffe wieder flugtauglich zu machen oder um Hilfe zu rufen, da sämtliche Schaltkreise an Bord, die zum Zeitpunkt des Treffers mit Energie beschickt gewesen waren, irreparabel zerstört waren.
„Warum hat ihre Antimaterie-Abschirmung nicht versagt? Ich meine, sie müssten doch ihre Eindämmung verloren haben, als alle ihre Systeme ausgeschaltet worden sind.“ Ein wenig er-staunt musterte Merven die umhertreibenden Feindschiffe.
„Ich kann mir das nur so erklären, dass sie ein Back-up-System auf mechanischer Basis hab-en, das innerhalb einer Planck’schen Zeiteinheit auslöst und das Reserveeindämmungsfeld hochfahren kann. Das hört sich zwar nahezu unmöglich an, ist aber die einzige logische Er-klärung,“ meinte Dween, worauf sich einige verblüfft nach ihr umsahen. Man sagte ihr ja ein-iges nach, aber ein derart komplexes technisches Verständnis bisher nicht.
„Was meinen Sie, Captain, sollten wir eines der Schiffe bergen und der Sternenflotte über-stellen? Das wäre doch eine lohnenswerte...“
„Es tut mir leid, Mr. Wenjorook, aber die Newar wünschen, dass wir davon absehen, irg-endwelche Jem’hadar oder deren Technik hier im System in Gewahrsam zu nehmen. Sie sind noch kein anerkanntes Mitglied derFöderation und mischen sich solange nicht auf derart di-rekte Weise in diesen Konflikt ein. Die Jem’hadar haben durch ihr agressives Verhalten einen hohen Preis zahlen müssen, doch nur durch einen unglücklichen Zufall ist der Schlacht-kreuzer direkt von ihnen zerstört worden, was nicht in ihrer Absicht lag. Die Mannschaften in den kleinen Angriffsschiffen sollen ihrem Schicksal überlassen werden.“ Kall schüttelte be-dauernd den Kopf.
„Wir werden diesen Wunsch natürlich respektieren; schliesslich verdanken wir ihnen unser Leben. Die Jem’hadar in den Schiffen müssen wahrscheinlich einen langsamen und qual-vollen Tod sterben, je nachdem, was bei ihnen zuerst ausgeht: Luft, Nahrung oder Ketracel-White.“ Lennard zuckte mit einer Spur des Bedauerns die Schultern. Ihre Gegner waren in ihren Raumschiffen eingeschlossen wie in einem grossen Sarg und zur totalen Handlungsun-fähigkeit verdammt. Kein Raumfahrer wünschte einem anderen ein solches Ende, nicht ein-mal seinem grössten Todfeind.
Und genau das waren die Jem’hadar.
„Dann sollten wir uns endlich auf den Rückweg in sicheres Gefilde machen, bevor die näch-ste Streitmacht des Dominion auf uns aufmerksam wird und uns hier hinter den feindlichen Linien erwischt.“ Lennard nickte Merven zu, der daraufhin mit erleichtertem Gesicht den Kurs eingab.
Es ging nach Hause.
Sie waren mittlerweile seit mehreren Tagen auf der sicheren Seite der Grenze. Sobald sie in Föderationsraum gelangt waren, hatten sie die Funkstille gebrochen und eine erste Erklärung abgegeben. Keine Minute zu früh, denn ein Verband aus Kampfschiffen war bereits unter-wegs gewesen, um sie abzufangen, da niemand wusste, ob sich Freund oder Feind in dem Schiff befand, das auf keinen Funkspruch antwortete.
Doch nun waren die ersten Missverständnisse geklärt, wenngleich doch noch viele Fragen der Admiralität zu klären waren. In diesem Rahmen konnte sich die gesamte Brückencrew schon einmal im Voraus auf tagelange, verhörartige Anhörungen vor diversen Ausschüssen freuen. Die Fairchild würde indessen in einer Werftanlage vollends instandgesetzt werden und dann - hoffentlich - wieder unter seinem Kommando weiter ihre Heimat gegen den heranrückenden Feind verteidigen.
Mit dem grossen Opfer der Callisto, diesem kleinen tapferen Schiff und seiner noch viel tapf-ereren Kommandocrew, hatten sie nicht wirklich einen Vorteil gegenüber dem Dominion er-zielt, aber wenigstens verhindert, dass das Dominion einen vernichtenden technologischen Vorsprung gegenüber ihnen erreichen konnte.
Nachdenklich sass Lennard an seinem Arbeitstisch im Bereitschaftsraum, als das Türsignal erklang und auf Lennards Aufforderung hin Merven hereinkam. Der Captain sah auf und be-merkte, dass der junge Trill buchstäblich von einem Ohr zum anderen grinste. Er hatte einen PADD in der Hand. „Wir haben eine Kursänderung erhalten, Sir. Wir müssen zur Utopia-Planitia-Werft im Marsorbit weiterfliegen. Die nächstgelegene Einrichtung, die Sovereign-Klasse-Raumschiffe aufnehmen kann, ist besetzt. Ich wollte es Ihnen nur selbst überbringen.“
Und damit gab er ihm den PADD.
Lennard las die Meldung langsam durch.
Dann nochmal.
Und allmählich machte sich auch auf seinem Mund ein hintergründiges Lächeln breit.
Er nickte mehrmals still vor sich hin, dann sagte er süffisant: „Danke, Lieutenant Comman-der, das wäre alles. Bitte lassen Sie mich jetzt alleine; ich möchte in den nächsten Minuten nicht gestört werden.“
„Aye, Sir,“ bestätigte Merven und entfernte sich noch immer grinsend. Er konnte sich ein ziemlich klares Bild davon machen, was jetzt kommen würde.
Kaum hatte sich die Tür zur Brücke hin geschlossen, rief er den Komm-Offizier: „Ich brauche eine Direktverbindung nach...“
Er nannte den Ort und den Namen des Gesprächspartners und wartete auf den Aufbau der Subraum-Verbindung. Auf seinem Bildschirm erschien das Gesicht eines Humanoiden in den Fünfzigern, der sich verschlafen über das markante Gesicht und die Glatze rieb.
„Mon Dieu, Lennard, wissen Sie eigentlich, wie spät es hier ist?“
„Ich habe keine Ahnung,“ log er mit gespielter Unschuldsmiene. „Ich wollte nur hallo sagen. Wissen Sie, wir fliegen bald an Ihnen vorbei; vielleicht können Sie ja mal winken, wenn wir mit Warpgeschwindigkeit an Ihrer Werftanlage vorbei kommen. Und sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Aber Sie hören ja nie auf mich... naja, ich jedenfalls möchte Ihnen für die Zukunft wärmstens ein Kommando auf einem Schiff der Intrepid-Klasse ans Herz legen, die hat dann wenigstens einen Ersatz-Warpkern für den Fall der Fälle.“
„Ich sehe schon, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Aber nur zu Ihrer Information, ich war nicht einmal an Bord, als das geschah. Riker hat den Warpkern ausgestossen, um eine illegal eingesetzte Subraum-Waffe zu neutralisieren, die von den Son’a auf die Enterprise abgefeuert worden war.“ Picard wirkte wohl zurecht leicht verärgert.
„Wie lange hat es denn gedauert, bis Ihr Schiff in die Werft geschleppt worden war?“ erkun-digte sich Lennard wie beiläufig, mit dem Resultat, dass sein Kollege noch verärgerter wurde.
„Knapp drei Wochen. Und jetzt warten wir hier darauf, dass uns Utopia Planitia einen neuen Warpkern liefert. Das kann allerdings noch ein bisschen dauern.“
„Bitte sagen Sie’s nicht, lassen Sie mich raten: die Excelsior-Klasse?“
„Das Rückgrat unserer Flotte, genau.“ Picard seufzte. „Aber inzwischen sollten Kapazitäten für den Bau des Kernes frei geworden sein. Nun ja, das war es wert.“
„Was haben Sie denn für Heldentaten vollbracht?“ wollte Lennard neugierig wissen.
„Wir haben die Zwangsumsiedlung von mehreren hundert unschuldigen Menschen, den Ba’ku, verhindert und ihren Heimatplaneten vor der Zerstörung bewahrt. Und wo haben Sie sich derweil herumgetrieben? Ich hörte, dass die Verbindung mit der Fairchild für mehrere Wochen unterbrochen war.“
„Das ist wohl die einzige Gemeinsamkeit bei unseren beiden Missionen, dass wir keine Ver-bindung mit dem Oberkommando hatten und mit unserer Verantwortung auf uns allein ge-stellt waren. Nun, wir haben verhindert, dass dem Dominion die Technologie des Transwarp-fluges in die Hände gefallen ist. Nichts weiter.“ Lennard versuchte, so teilnamslos wie mög-lich zu wirken.
„Wirklich? Respekt, Captain.“
Lennards Antlitz verdunkelte sich. „Nur mussten wir leider einen hohen Preis dafür zahlen. Sie kennen die Callisto?“
„Ehrlich gesagt, nein. Müsste ich?“
„Ich glaube, dass von heute an jeder in der Sternenflotte den Namen dieses Schiffes und seines mutigen und selbstlosen Captains und auch seiner Brückencrew kennen sollte, denn was sie geleistet haben, kann man nur mit dem Begriff ‘Heldentum’ umschreiben. Sie haben ihr Leben für die Sicherheit, für die Zukunft der Föderation gegeben.“ Lennard musste weh-mütig lächeln, als er an Marshall und seine Leute dachte.
„Ich fürchte, so wie Sie das darlegen, wird das meiste dieser unseligen Geschichte für streng geheim erklärt werden und kein einziges Wort davon jemals an die Öffentlichkeit gelangen,“ gab Picard zu bedenken.
„Wieder einmal,“ rutschte es Lennard heraus.
„Wie bitte?“
„Ach, Sie wissen schon, streng geheim. Ich darf nichts davon erzählen.“ Lennard winkte ab.
Mit philosophischem Gesichtsausdruck bemerkte Picard: „Ich glaube, wenn man jemals die Abenteuer eines unserer Schiffe erzähzlen wird, dann sicher nicht die von Ihrem Schiff.“
Lennard schnaufte: „Da könnten Sie recht haben. Wie auch immer, ich denke, ich habe Sie jetzt lange genug von Ihrer wohlverdienten Ruhe abgehalten. Erholen Sie sich gut, sie haben sich die kleine Zwangspause redlich verdient.“
„Danke gleichfalls. Picard Ende.“ Der Bildschirm wurde dunkel und liess einen nachdenk-lichen Lennard zurück.
Was würde die nähere Zukunft bringen, fragte er sich. Würden sie es schaffen, sich vor dem anscheinend übermächtigen Dominion zur Wehr zu setzen? Würde das Gute über das Böse siegen können, so wie in allen guten und schlechten Romanen und Erzählungen, die man sich überlieferte?
Was zunächst klar war, war die Tatsache, dass sie nach Beendigung der Reparaturarbeiten zur Dritten Flotte versetzt werden würden, die zur Verteidigung der Erde abgestellt war. Für sie hiess das einerseits, dass sich seine Frau und später auch sein Kind in relativer Sicherheit befinden und sie sich in der Nähe seines und Stefanias Heimatplaneten aufhalten würden. Ab und zu, wenn es der Dienst erlauben würde, konnten sie bestimmt einen Abstecher zur Erde machen. Und da sie dann so weit hinter den Frontlinien sein würden, wäre das sicher öfters einmal der Fall.
Das war aber auch das Problem für Lennard, denn er befand sich so weit abseits vom Kampf-geschehen, dass er vorerst gar nichts mehr gegen ihren Feind würde unternehmen können. Nicht, dass er einen besonders grossen Blutdurst hatte, aber ein gewisses Gefühl der Unbe-friedigung beschlich ihn.
Natürlich konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass die Fairchild unter seinem Kom-mando genau zu dem Zeitpunkt im Sonnensystem Dienst tun würde, wenn die Breen, die einen Pakt mit dem Dominion eingehen würden, die Erde überraschend angreifen würden. Er hatte keine Ahnung davon, dass sein Schiff inmitten der verheerenden Kampfeswirren, in denen sogar die potentiell unschlagbare U.S.S. Phobos verlorengehen würde und deren Exist-enz danach von der Föderation gegenüber aussenstehenden Mächten geleugnet werden würde, so etwas wie einen Legendenstatus erlangen würde, wenn auch nur hinter hervorgehaltener Hand von ihnen die Rede sein würde.
Wie stets.
Wäre die Aldebaran mit ihren quasi undurchdringlichen Schilden vor Ort gewesen, wäre die Schlacht um die Erde bestimmt anders verlaufen, ja, Lennard war überzeugt, dass kein ein-ziges Breen-Schiff unter diesen Umständen die Erde erreicht hätte. Aber Lennards altes Schiff war ebenso wie die Enterprise zu diesem Zeitpunkt ausser Reichweite und hatte keine Chan-ce, jemals in den Kampf eingreifen zu können. Aber so war eben der Lauf der Dinge, es kam immer alles anders als erwartet.
Und schlussendlich wendet sich doch noch alles zum Guten. Lennard würde auch schöne Zeiten erleben, wenn seine kleine Tochter auf die Welt kommen würde, wenn ihm eine der höchsten Auszeichnungen der Sternenflotte für Tapferkeit im Kampf verliehen werden wür-de, wenn das Dominion im Alpha-Quadranten nach der verlorenen Schlacht um Cardassia un-ter rätselhaften Umständen kapitulieren würde.
Das Leben hat immer noch eine weitere Überraschung parat, wenn man am wenigsten damit rechnen würde. Der Schulterschluss mit den Romulanern war die erste dieser Überraschungen gewesen, das Auftauchen eines Schiffes, welches jahrelang als vermisst gegolten und sich durch den gesamten Delta-Quadranten hindurch nach Hause durchgekämpft hatte, eine an-dere. Wer konnte schon mit Bestimmtheit sagen, was das Leben einem noch zu bieten hatte?
ENDE
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