Freitag, 2. März 2007
T1: total download
cymep, 13:08h
Mit Dank an alle Leser gibt es zum Abschluß der letzten Fanfiction
Viel Spaß dabei !
Terminator 1 -Realitäten im Wandel als Word Dokument zum Download ]
Viel Spaß dabei !
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Donnerstag, 1. März 2007
T1.85 - EPILOG
cymep, 13:12h
[... letzter Teil des Buches - für Späteinsteiger, Fans und Sammler gibt es hier das ganze Buch zum Download ]
- E P I L O G -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 3. Dezember 2001
Es war ein Montagmorgen, der bitterkalt und feucht war, draußen fror es und ab und zu fielen ein paar Schneeflocken, aber längst nicht genug, um liegen zu bleiben und auch nur den Dächern oder Rasenstücken in der Stadt einen Hauch von weiß zu verleihen. Der Wald auf dem Schlossberg direkt neben der Innenstadt hingegen war schon winterlich weiß gepudert mit einer zarten Schneeschicht.
Karin und Simon saßen total zerschlagen am Frühstückstisch, der ihnen seltsam groß und leer vorkam an diesem trüben und tristen Morgen. Sie hätten eigentlich auf eine Vorlesung gehen sollen, doch nachdem sie sich die letzten drei Abende hemmungslos betrunken hatten, stand das momentan nicht zur Debatte. Nachdem sie allen möglichen Leuten hatten erklären müssen, unter anderem auch der örtlichen Polizei, bei der ihre besorgten Eltern bereits eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatten, dass es ihnen gut gehe und sie lediglich einen spontanen Urlaubstrip mit ihren Freunden und jetzigen Ex-Freunden unternommen hatten, hatten sie sich in die Wohnung zurückgezogen, die Türklingel und das Telefon ausgehängt und das ganze Wochenende keinen Fuß vor die Tür gesetzt.
„Eine brillante Art, mit seinen Problemen umzugehen“, sagte Karin matt mit kleinen Augen, während sie ihre dritte Tasse Kaffee schlürfte, um wieder einen Menschen aus sich zu machen.
„Ja, wir sind echte Helden“, bestätigte Simon sarkastisch und verkatert.
„Superhelden“, bekräftigte sie.
„Immerhin haben wir uns keinen härteren Drogen hingegeben. Das ist doch schon mal was“, verteidigte er sie beide. Dann schlurfte er zum Telefon und steckte es wieder ein.
„Aber auch nur, weil nichts anderes da war. Was hätte schon abgefahrener sein können als dieser Trip in der Scheune?“, gab sie zu bedenken.
„Stimmt auch wieder. Von diesem ... dings ... Standpunkt aus gesehen, war es gut, dass wir uns weggeschlossen und damit begnügt haben, unsere Hausbar restlos zu leeren.“ Er schlurfte zur Türklingel, setzte sie wieder in Betrieb und begab sich dann wankend ins Bad, um eine Dusche zu nehmen.
Kaum hörte sie, wie nebenan das Wasser rauschte, als die Türglocke läutete. ‚Toll, kaum eine Minute wieder eingeschaltet, und dann das!’ dachte sie mürrisch und ging langsam zur Gegensprechanlage.
„Ja?“
„Einschreiben für Frau Bochner“, kam eine Stimme blechern aus dem Lautsprecher. „Können Sie vielleicht runterkommen?“
„Um nichts in der Welt. Wir haben einen Aufzug, fahren Sie einfach bis ganz nach oben“, erwiderte sie, hängte den Hörer auf, ohne auf Antwort zu warten, und drückte den Türsummer betont lange.
Fluchend stürmte sie nach hinten in ihr Zimmer, holte sich einen Morgenmantel aus dem Schrank und erreichte gerade stolpernd die Tür, als von außen dagegen geklopft wurde.
„Jaja. Schon gut“, brummte sie und öffnete einen Spalt weit. Tatsächlich stand ein uniformierter Mann mit einem Visumsblock und einem Päckchen in Händen da.
Als sie unterschrieb, bemerkte der Typ Anfang Vierzig mit buschigem Schnauzbart und ergrauten, dünnen Haaren: „Lassen sie mich raten. Sie sind Studentin, richtig?“
„Wieso?“, fragte sie verständnislos, vom Restalkohol noch ein wenig benebelt.
„Ist doch klar: Montag Morgen, verkatert, unausgeschlafen und noch im Nachthemd, unfähig, zur Haustür zu kommen. Um das zu erkennen, muss man nicht studiert haben.“ Er grinste spitzbübisch.
„Um Briefe auszutragen, wohl auch nicht“, gab sie pikiert zurück.
„He, kein Grund, ausfallend zu werden“, meinte er darauf und steckte seinen Notizblock weg.
„Naja, ich habe einiges durchgemacht in letzter Zeit, verstehen sie?“, machte sie einen schwachen Versuch der Erklärung.
Er antwortete schlagfertig: „Das sehe ich.“
„He, jetzt halten Sie mal die Luft an! Es geht Sie zwar ‘nen Scheißdreck an, aber ich habe meine zwei besten Freunde verloren, und einer davon war der Mann, den ich seit vier Jahren geliebt habe. Sie sind beide tot und werden nie wieder kommen, verstehen Sie? Und jetzt gehen Sie lieber, bevor Sie so was von einer Beschwerde aufgehalst bekommen ...“ Ihre Stimme war immer schriller und lauter geworden, bis sie erstarb und in ein Schluchzen überging.
„Tut ... tut mir leid ... konnte ich ja nicht wissen ...“, versuchte er eine matte Entschuldigung hervorzubringen, aber sie winkte nur ab und lehnte sich an den Türpfosten, wo sie kraftlos herabsank, bis sie auf dem Hosenboden landete.
„Sie wissen gar nichts ... gehen Sie einfach ... bitte ...“
Verschreckt bestieg der Postler den Aufzug und beeilte sich, hier wegzukommen, während Karin heulend auf der Türschwelle saß, bis Simon sie dort fand und herein holte.
Offenbar war es für sie zum Zusammenbruch gekommen. Er wusste nicht, ob es ihn auch noch erwischen würde, bezweifelte es aber nicht. Zum Glück war sie eine robuste Natur und erholte sich rasch, nachdem er sie in die Küche aufs Sofa gelegt, zugedeckt und ihr einen weiteren Milchkaffee in die Hand gedrückt hatte.
Dann setzte er sich zu ihr und wollte wissen, was geschehen war. Als sie es ihm mit bebender Stimme erzählte, fiel ihr etwas wieder ein: „Ach, da war ja dieses eingeschriebene Päckchen, wegen dem es den ganzen Ärger gab. Es müsste noch draußen auf dem Hausflur liegen.“
„Ich seh’ gleich nach“, meinte er beflissen und ging hinaus, wo er tatsächlich das kleine quaderförmige Paket auf der ersten Treppenstufe fand.
„Was das wohl sein kann? Bestellt hab’ ich jedenfalls in letzter Zeit nichts“, dachte sie laut nach beim Aufmachen. Einen Absender hatte es nicht. „Hm, es wiegt fast nichts.“
Dann hatte sie es an der Schmalseite aufgerissen und schüttete den Inhalt auf dem Tisch aus.
Ein Zettel fiel ihnen entgegen und zwei kleine Gegenstände, die sorgsam in Packpapier eingewickelt worden waren. Sie nahm den Zettel und las ihn vor:
„Das ist der letzte Wille von Daniel und Abbey.
Man sagt, das Gehirn ist der Sitz des Bewusstseins.
Das Bewusstsein manifestiert die Seele.
Passt gut auf diese beiden Seelen auf.
Zeigt sie niemandem und gebt sie nie aus der Hand.
Alles Gute.“
Sie sahen sich ratlos an und wickelten die beiden identisch erscheinenden Gegenstände aus. Es waren zwei Blöcke aus durchsichtigem Kunstharz oder einem ähnlichen Material, die in etwa die Größe einer Zigarettenschachtel hatten. Genau in deren Mitte war ein anderer Gegenstand eingegossen, der ungefähr die Ausmaße eines Dominosteinchens hatte und von gräulicher Färbung war, aber davon abgesehen völlig fremdartig auf sie wirkte.
„Sieh mal, wie fein dieser Stein da drin gearbeitet ist. Es sieht aus, als seien das unendlich viele winzige Steinchen, die zusammengesetzt zu diesem Block sind. Sieh mal, wenn du es gegen die Sonne hältst, kannst du durch die feinen Ritzen sehen. – He, da ist etwas eingraviert.“ Sie hielt den Quader anders, um die schwache, unauffällige Gravur am Seitenrand besser entziffern zu können.
Ihr stockte der Atem. „Da steht ‚Daniels Mind’. Oh mein Gott, das muss sein Elektronengehirn, Hauptprozessor oder wie auch immer, gewesen sein. Es war ihr letzter Wille, dass wir es zur Aufbewahrung bekommen und nie jemandem zeigen, was wir da haben. Verrückt.“
„Ja, hier steht ‚Abbeys Mind’ drauf. Und sieh mal, dort am Ende des kleinen Quaders, das sieht aus wie ein vielpoliger Stecker. Auf der Seite müssen sie den Prozessor mit dem ... was auch immer ... verbunden haben.“ Er schüttelte sich ungläubig und holte eine Lupe.
„Das müssen Hunderte von Polen sein ... vielleicht Tausende. Sie sind so winzig, dass ich sie nicht mal durch die Lupe richtig sehen kann. Wahnsinn. Allmählich beginne ich eine Ahnung davon zu bekommen, wie hochentwickelt ihr künstlicher Verstand überhaupt war.“
Karin betrachtete die einzelnen mikroskopischen Einzelstücke des Quaders. „Sie sind geometrisch ausgerichtet wie ein Gitter und alle untereinander verbunden. Allein auf der dünnen Seite sind es Dutzende von Schichten, die übereinander liegen. Auf der Quer- und der Längsseite müssen es ebenfalls Hunderte und Tausende dieser einzelnen Prozessorzellen sein. Sie haben gesagt, sie konnten ein Netzwerk bilden wie im menschlichen Gehirn. Vielleicht war es das, was die Maschinen versuchten: die Funktionsweise des menschlichen Gehirnes zu imitieren.“
„Und genau das war es, wovor die Typen aus der Zukunft solche Angst hatten. Karin, wir haben hier ein schreckliches Geheimnis in Händen, aber für uns ist es mit Sicherheit das schönste persönliche Erinnerungsstück, das man sich vorstellen kann. Wir dürfen es niemals jemand anderem offenbaren, damit haben Miriam, Thorsten und die anderen recht.“ Eindringlich sah er sie an und nahm ihre Hände in die seinen, noch während sie ihr Kleinod umklammert hielt.
Feierlich sagte sie: „Niemals. Zu viel hängt davon ab, dass das hier sicher verwahrt wird. Spätestens morgen bringen wir es auf die Bank und lassen es in ein Schließfach sperren, das nur von jemandem geöffnet werden darf, der das Codewort kennt: ‚Daniel und Abbey.’ Was hältst du davon?“
„Klingt gut. Aber wovon sollen wir das bezahlen?“
Sie zog etwas hervor: „Abbeys Kreditkarte; sie hat sie an dem letzten Abend daheim gelassen, weil sie im Funpark nur Bargeld nehmen. Da ihr Konto ein unbegrenztes Limit hat, können wir die Fachmiete für zig Jahre im Voraus bezahlen. Unsere Enkel können sich um den Rest kümmern.“
Er sah sie fragend an. „’Unsere’ Enkel?“
„Naja, je weniger Leute wir einweihen müssen, umso besser für die Welt, nicht wahr? Und du und ich, wir wissen seit der Zeit in Neuf-Brisach, dass es etwas zwischen uns gibt, das niemand zerstören kann. Unsere Beziehungen zu Daniel und Abbey waren niemals wieder so wie seit jener Zeit. Sie wussten es irgendwie und wir haben es auch unterbewusst wahrgenommen. Jetzt haben wir beide auch noch dieses unglaubliche Trauma gemein, das uns verbindet, und ich weiß nicht, was es Besseres geben kann, als das alles mit jemandem zu teilen, den man so gut kennt und der einen besser versteht als irgendjemand sonst auf der Welt.“ Sie hielt inne und sah ihn groß an, worauf er ihr sanft lächelnd über die Wange fuhr.
Als sie sich küssten und hintenüber sanken, wussten sie beide, dass es mehr war als einfach nur Liebe, die sie füreinander empfanden. Sie waren füreinander da und wussten Dinge voneinander, die sie keinem sonst sagen konnten, weil niemand sonst sie verstehen oder ihnen glauben würde. So ging für sie beide ein Alptraum zu Ende und ein Traum begann.
Langsam rutschte die Kreditkarte von der Sitzfläche und landete auf dem Boden. Dabei überzog sie ein kurzes metallisches Schillern, worauf sie ein neues Farbmuster und Firmenlogo bekam.
- E N D E -
[Ich hoffe es hat einigen gefallen - ich jedenfalls fand die Geschichte sehr clever - falls jemand eine Fortsetzung möchte, reicht ein Kommentar zum Buch unter diesem Blogbeitrag.
Bis dahin veröffentliche ich erstmal Teil 2 von Andilone's StarTrek Fanfiction.
Wer sich darauf vorbereiten will, kann StarTrek 1 - Der Ewige von Alnilam hier herunterladen.
Live long and prosper,
CyMeP ]
- E P I L O G -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 3. Dezember 2001
Es war ein Montagmorgen, der bitterkalt und feucht war, draußen fror es und ab und zu fielen ein paar Schneeflocken, aber längst nicht genug, um liegen zu bleiben und auch nur den Dächern oder Rasenstücken in der Stadt einen Hauch von weiß zu verleihen. Der Wald auf dem Schlossberg direkt neben der Innenstadt hingegen war schon winterlich weiß gepudert mit einer zarten Schneeschicht.
Karin und Simon saßen total zerschlagen am Frühstückstisch, der ihnen seltsam groß und leer vorkam an diesem trüben und tristen Morgen. Sie hätten eigentlich auf eine Vorlesung gehen sollen, doch nachdem sie sich die letzten drei Abende hemmungslos betrunken hatten, stand das momentan nicht zur Debatte. Nachdem sie allen möglichen Leuten hatten erklären müssen, unter anderem auch der örtlichen Polizei, bei der ihre besorgten Eltern bereits eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatten, dass es ihnen gut gehe und sie lediglich einen spontanen Urlaubstrip mit ihren Freunden und jetzigen Ex-Freunden unternommen hatten, hatten sie sich in die Wohnung zurückgezogen, die Türklingel und das Telefon ausgehängt und das ganze Wochenende keinen Fuß vor die Tür gesetzt.
„Eine brillante Art, mit seinen Problemen umzugehen“, sagte Karin matt mit kleinen Augen, während sie ihre dritte Tasse Kaffee schlürfte, um wieder einen Menschen aus sich zu machen.
„Ja, wir sind echte Helden“, bestätigte Simon sarkastisch und verkatert.
„Superhelden“, bekräftigte sie.
„Immerhin haben wir uns keinen härteren Drogen hingegeben. Das ist doch schon mal was“, verteidigte er sie beide. Dann schlurfte er zum Telefon und steckte es wieder ein.
„Aber auch nur, weil nichts anderes da war. Was hätte schon abgefahrener sein können als dieser Trip in der Scheune?“, gab sie zu bedenken.
„Stimmt auch wieder. Von diesem ... dings ... Standpunkt aus gesehen, war es gut, dass wir uns weggeschlossen und damit begnügt haben, unsere Hausbar restlos zu leeren.“ Er schlurfte zur Türklingel, setzte sie wieder in Betrieb und begab sich dann wankend ins Bad, um eine Dusche zu nehmen.
Kaum hörte sie, wie nebenan das Wasser rauschte, als die Türglocke läutete. ‚Toll, kaum eine Minute wieder eingeschaltet, und dann das!’ dachte sie mürrisch und ging langsam zur Gegensprechanlage.
„Ja?“
„Einschreiben für Frau Bochner“, kam eine Stimme blechern aus dem Lautsprecher. „Können Sie vielleicht runterkommen?“
„Um nichts in der Welt. Wir haben einen Aufzug, fahren Sie einfach bis ganz nach oben“, erwiderte sie, hängte den Hörer auf, ohne auf Antwort zu warten, und drückte den Türsummer betont lange.
Fluchend stürmte sie nach hinten in ihr Zimmer, holte sich einen Morgenmantel aus dem Schrank und erreichte gerade stolpernd die Tür, als von außen dagegen geklopft wurde.
„Jaja. Schon gut“, brummte sie und öffnete einen Spalt weit. Tatsächlich stand ein uniformierter Mann mit einem Visumsblock und einem Päckchen in Händen da.
Als sie unterschrieb, bemerkte der Typ Anfang Vierzig mit buschigem Schnauzbart und ergrauten, dünnen Haaren: „Lassen sie mich raten. Sie sind Studentin, richtig?“
„Wieso?“, fragte sie verständnislos, vom Restalkohol noch ein wenig benebelt.
„Ist doch klar: Montag Morgen, verkatert, unausgeschlafen und noch im Nachthemd, unfähig, zur Haustür zu kommen. Um das zu erkennen, muss man nicht studiert haben.“ Er grinste spitzbübisch.
„Um Briefe auszutragen, wohl auch nicht“, gab sie pikiert zurück.
„He, kein Grund, ausfallend zu werden“, meinte er darauf und steckte seinen Notizblock weg.
„Naja, ich habe einiges durchgemacht in letzter Zeit, verstehen sie?“, machte sie einen schwachen Versuch der Erklärung.
Er antwortete schlagfertig: „Das sehe ich.“
„He, jetzt halten Sie mal die Luft an! Es geht Sie zwar ‘nen Scheißdreck an, aber ich habe meine zwei besten Freunde verloren, und einer davon war der Mann, den ich seit vier Jahren geliebt habe. Sie sind beide tot und werden nie wieder kommen, verstehen Sie? Und jetzt gehen Sie lieber, bevor Sie so was von einer Beschwerde aufgehalst bekommen ...“ Ihre Stimme war immer schriller und lauter geworden, bis sie erstarb und in ein Schluchzen überging.
„Tut ... tut mir leid ... konnte ich ja nicht wissen ...“, versuchte er eine matte Entschuldigung hervorzubringen, aber sie winkte nur ab und lehnte sich an den Türpfosten, wo sie kraftlos herabsank, bis sie auf dem Hosenboden landete.
„Sie wissen gar nichts ... gehen Sie einfach ... bitte ...“
Verschreckt bestieg der Postler den Aufzug und beeilte sich, hier wegzukommen, während Karin heulend auf der Türschwelle saß, bis Simon sie dort fand und herein holte.
Offenbar war es für sie zum Zusammenbruch gekommen. Er wusste nicht, ob es ihn auch noch erwischen würde, bezweifelte es aber nicht. Zum Glück war sie eine robuste Natur und erholte sich rasch, nachdem er sie in die Küche aufs Sofa gelegt, zugedeckt und ihr einen weiteren Milchkaffee in die Hand gedrückt hatte.
Dann setzte er sich zu ihr und wollte wissen, was geschehen war. Als sie es ihm mit bebender Stimme erzählte, fiel ihr etwas wieder ein: „Ach, da war ja dieses eingeschriebene Päckchen, wegen dem es den ganzen Ärger gab. Es müsste noch draußen auf dem Hausflur liegen.“
„Ich seh’ gleich nach“, meinte er beflissen und ging hinaus, wo er tatsächlich das kleine quaderförmige Paket auf der ersten Treppenstufe fand.
„Was das wohl sein kann? Bestellt hab’ ich jedenfalls in letzter Zeit nichts“, dachte sie laut nach beim Aufmachen. Einen Absender hatte es nicht. „Hm, es wiegt fast nichts.“
Dann hatte sie es an der Schmalseite aufgerissen und schüttete den Inhalt auf dem Tisch aus.
Ein Zettel fiel ihnen entgegen und zwei kleine Gegenstände, die sorgsam in Packpapier eingewickelt worden waren. Sie nahm den Zettel und las ihn vor:
„Das ist der letzte Wille von Daniel und Abbey.
Man sagt, das Gehirn ist der Sitz des Bewusstseins.
Das Bewusstsein manifestiert die Seele.
Passt gut auf diese beiden Seelen auf.
Zeigt sie niemandem und gebt sie nie aus der Hand.
Alles Gute.“
Sie sahen sich ratlos an und wickelten die beiden identisch erscheinenden Gegenstände aus. Es waren zwei Blöcke aus durchsichtigem Kunstharz oder einem ähnlichen Material, die in etwa die Größe einer Zigarettenschachtel hatten. Genau in deren Mitte war ein anderer Gegenstand eingegossen, der ungefähr die Ausmaße eines Dominosteinchens hatte und von gräulicher Färbung war, aber davon abgesehen völlig fremdartig auf sie wirkte.
„Sieh mal, wie fein dieser Stein da drin gearbeitet ist. Es sieht aus, als seien das unendlich viele winzige Steinchen, die zusammengesetzt zu diesem Block sind. Sieh mal, wenn du es gegen die Sonne hältst, kannst du durch die feinen Ritzen sehen. – He, da ist etwas eingraviert.“ Sie hielt den Quader anders, um die schwache, unauffällige Gravur am Seitenrand besser entziffern zu können.
Ihr stockte der Atem. „Da steht ‚Daniels Mind’. Oh mein Gott, das muss sein Elektronengehirn, Hauptprozessor oder wie auch immer, gewesen sein. Es war ihr letzter Wille, dass wir es zur Aufbewahrung bekommen und nie jemandem zeigen, was wir da haben. Verrückt.“
„Ja, hier steht ‚Abbeys Mind’ drauf. Und sieh mal, dort am Ende des kleinen Quaders, das sieht aus wie ein vielpoliger Stecker. Auf der Seite müssen sie den Prozessor mit dem ... was auch immer ... verbunden haben.“ Er schüttelte sich ungläubig und holte eine Lupe.
„Das müssen Hunderte von Polen sein ... vielleicht Tausende. Sie sind so winzig, dass ich sie nicht mal durch die Lupe richtig sehen kann. Wahnsinn. Allmählich beginne ich eine Ahnung davon zu bekommen, wie hochentwickelt ihr künstlicher Verstand überhaupt war.“
Karin betrachtete die einzelnen mikroskopischen Einzelstücke des Quaders. „Sie sind geometrisch ausgerichtet wie ein Gitter und alle untereinander verbunden. Allein auf der dünnen Seite sind es Dutzende von Schichten, die übereinander liegen. Auf der Quer- und der Längsseite müssen es ebenfalls Hunderte und Tausende dieser einzelnen Prozessorzellen sein. Sie haben gesagt, sie konnten ein Netzwerk bilden wie im menschlichen Gehirn. Vielleicht war es das, was die Maschinen versuchten: die Funktionsweise des menschlichen Gehirnes zu imitieren.“
„Und genau das war es, wovor die Typen aus der Zukunft solche Angst hatten. Karin, wir haben hier ein schreckliches Geheimnis in Händen, aber für uns ist es mit Sicherheit das schönste persönliche Erinnerungsstück, das man sich vorstellen kann. Wir dürfen es niemals jemand anderem offenbaren, damit haben Miriam, Thorsten und die anderen recht.“ Eindringlich sah er sie an und nahm ihre Hände in die seinen, noch während sie ihr Kleinod umklammert hielt.
Feierlich sagte sie: „Niemals. Zu viel hängt davon ab, dass das hier sicher verwahrt wird. Spätestens morgen bringen wir es auf die Bank und lassen es in ein Schließfach sperren, das nur von jemandem geöffnet werden darf, der das Codewort kennt: ‚Daniel und Abbey.’ Was hältst du davon?“
„Klingt gut. Aber wovon sollen wir das bezahlen?“
Sie zog etwas hervor: „Abbeys Kreditkarte; sie hat sie an dem letzten Abend daheim gelassen, weil sie im Funpark nur Bargeld nehmen. Da ihr Konto ein unbegrenztes Limit hat, können wir die Fachmiete für zig Jahre im Voraus bezahlen. Unsere Enkel können sich um den Rest kümmern.“
Er sah sie fragend an. „’Unsere’ Enkel?“
„Naja, je weniger Leute wir einweihen müssen, umso besser für die Welt, nicht wahr? Und du und ich, wir wissen seit der Zeit in Neuf-Brisach, dass es etwas zwischen uns gibt, das niemand zerstören kann. Unsere Beziehungen zu Daniel und Abbey waren niemals wieder so wie seit jener Zeit. Sie wussten es irgendwie und wir haben es auch unterbewusst wahrgenommen. Jetzt haben wir beide auch noch dieses unglaubliche Trauma gemein, das uns verbindet, und ich weiß nicht, was es Besseres geben kann, als das alles mit jemandem zu teilen, den man so gut kennt und der einen besser versteht als irgendjemand sonst auf der Welt.“ Sie hielt inne und sah ihn groß an, worauf er ihr sanft lächelnd über die Wange fuhr.
Als sie sich küssten und hintenüber sanken, wussten sie beide, dass es mehr war als einfach nur Liebe, die sie füreinander empfanden. Sie waren füreinander da und wussten Dinge voneinander, die sie keinem sonst sagen konnten, weil niemand sonst sie verstehen oder ihnen glauben würde. So ging für sie beide ein Alptraum zu Ende und ein Traum begann.
Langsam rutschte die Kreditkarte von der Sitzfläche und landete auf dem Boden. Dabei überzog sie ein kurzes metallisches Schillern, worauf sie ein neues Farbmuster und Firmenlogo bekam.
- E N D E -
[Ich hoffe es hat einigen gefallen - ich jedenfalls fand die Geschichte sehr clever - falls jemand eine Fortsetzung möchte, reicht ein Kommentar zum Buch unter diesem Blogbeitrag.
Bis dahin veröffentliche ich erstmal Teil 2 von Andilone's StarTrek Fanfiction.
Wer sich darauf vorbereiten will, kann StarTrek 1 - Der Ewige von Alnilam hier herunterladen.
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Mittwoch, 28. Februar 2007
T1.84
cymep, 15:58h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 30. November 2001
Simon wachte wieder auf, als das erste schwache Licht durch den Kellerschacht fiel. Er drehte sich auf seinem weichen, quietschenden Bundeswehr-Feldbett herum, was Karin ebenfalls weckte.
„Morgen“, sagte sie mit schwacher Stimme und setzte sich auf den Bettrand.
„Wie geht’s dir?“, fragte er und besah sie mitfühlend. Sie wirkte bleich, trotz ihrer künstlichen Sonnenbräune, ihre Wangen waren ein wenig eingefallen und ihr langes Haar wirkte offen zerzaust und ungepflegt.
„Naja, ganz gut. Eigentlich fehlt es uns ja an nichts“, gab sie zu bedenken, womit sie Recht hatte. Sie waren relativ gut behandelt worden, auch wenn niemand der drei Unbekannten, mit denen sie zu tun hatten, jemals länger mit ihnen redete oder auch nur im Geringsten erkennen ließ, zu welchem Zwecke sie in diesem schmalen, feuchten, aber immerhin beheizten Kellerraum eingekerkert waren. Sie mussten ihnen nur ihre Wünsche bezüglich Kleidung, Nahrung oder etwa Zeitschriften zum Zeitvertreib nennen, und sofern diese nicht ein gewisses Maß an Durchführbarkeit überschritten, wurde ihnen auch nachgekommen.
Was sie am meisten beunruhigte, war die Tatsache, dass sie ihre eigenen Kleider von daheim bekamen, was bedeuten musste, dass ihre Entführer ungehindert in ihrer Wohnung ein- und ausspazieren konnten.
Was hatte das nur zu bedeuten? Und warum bekamen sie Thorsten und Miriam, die sie als ihre Entführer und Feinde erkannt hatten, nie zu Gesicht?
„Wir müssen hier raus“, begann Simon zum wiederholten Male, was Karin die Tränen in die Augen trieb.
„Bitte, mach’ keine Dummheiten. Du weißt, das sind Profis. Sie geben uns nur Plastikbesteck zum Essen und lassen nicht mal zu, dass du dich rasierst. Wir können es mit denen nicht aufnehmen.“ Sie zögerte und fügte hinzu: „Ich will nicht, dass sie dir was antun.“
Sein Herz bekam einen Stich. „Aber ich kann doch nicht länger mitansehen, wie sie uns ... wie sie dich quälen. Wir werden hier drin zugrunde gehen, Karin. Ich ...“
Ein schwerer Riegel wurde draußen zurückgeschoben und die schwere Holztür schwang auf gut geölten Angeln lautlos auf. Ein grobschlächtiger, hünenhafter Mann mit kurzen blonden Haaren und hellen Augen kam herein. „Morgen, ihr beiden. Was wollt ihr zum Frühstück?“
„Ein Brötchen mit Butter vielleicht“, meinte Karin zögernd.
„Für mich eine Laugenbrezel oder -stange, wenn’s geht. Und für uns beide bitte je einen Becher Müller Multivitamin“, fügte Simon schnell hinzu.
„Oh, sind wir besonders wählerisch heute?“, höhnte der Hüne.
„Wir wollen hier schließlich nicht an Skorbut sterben, wenn ihr uns nicht vorher umbringt. Außerdem macht das keinerlei Mühe, denn das findest du in wirklich jedem Laden und jeder Bäckerei im Kühlregal. Soll ich mitfahren und es dir zeigen?“, schlug Simon vor.
„Sehr witzig, Spaßvogel“, murmelte ihr Aufpasser und schlug die Tür wieder zu.
„Was soll denn das mit dem Multivitamin?“, wollte Karin erstaunt wissen.
„Du wirst schon sehen“, meinte er und lächelte verschwörerisch.
„Mach’ bitte keinen Unsinn, hörst du?“, warnte sie ihn besorgt.
Im nächsten Moment kam eine junge, muskulöse und nicht unattraktive Brünette zur Tür herein und fragte, die Pistole in ihrer Hand und sie aus großen dunklen Augen betrachtend, freundlich: „So, wer will zuerst ins Bad?“
Miriam und Thorsten betraten gemeinsam die Scheune, wo Lars, einer ihrer Freunde, bereits auf sie wartete. Er sah sie an und wollte wissen: „Wollt ihr sie sehen?“
„Deshalb sind wir hier“, bejahte Thorsten, worauf sie an zwei parallel zueinander aufgestellte Wannen heran traten, beide aus Edelstahl und etwa zwei mal einen mal einen Meter groß. Sie waren gefüllt mit einer fast klaren, scharf riechenden Flüssigkeit, die von je einer kleinen Umwälzpumpe außerhalb des Beckens ständig in Bewegung gehalten wurde.
Auf einen Wink von Miriam hin wurden die Pumpen abgeschaltet und die Flüssigkeit über dicke Teflonschläuche in ein großes Sammelbecken abgelassen. Sobald sie leer waren, riskierte Miriam einen Blick und verzog angewidert das Gesicht: „Iiih! So was hab’ ich mir schon fast gedacht. Holt den Dampfstrahler, das sollte hoffentlich reichen.“
Thorsten schob das transportable Gerät bereits in Reichweite und heizte den Wasservorrat im Tank auf. „Ich hol’ noch ein paar Arbeitshandschuhe und Brechstangen, damit man sie hin- und herbewegen kann.“
„Gute Idee.“ Miriam machte sich inzwischen an den Einstellungen des Kärcher-Gerätes zu schaffen. Glücklicherweise hatten sie dieses abgelegene Gehöft hier draußen inmitten der Rheinebene zwischen Feldern und Hecken gefunden, kilometerweit von jedem Dorf entfernt, wo sie tun und lassen konnten, was immer sie wollten, ohne je gestört zu werden.
Lars setzte sich inzwischen eine großflächige Schutzbrille auf und machte einen ersten Testspritzer in die Luft. Funktionierte. Mühsam begann er, den Inhalt der Wanne von oben bis unten langsam mit kleinen Schwenkbewegungen abzufahren, war mit dem Schlussergebnis jedoch gar nicht zufrieden. Also hebelte Thorsten mit der herbeigeholten Brechstange, bis sich der Inhalt der Wanne zur Seite neigte, und fixierte ihn in dieser Position.
„Sieht gut aus. Ich hoffe, der Rest geht auch so problemlos vonstatten.“
„Man kann nie wissen“, erwiderte Lars und grinste schief. Ihm war gar nicht wohl in seiner Haut bei dem Anblick, der sich ihm hier bot.
Karin und Simon hatten inzwischen ihr Frühstück wie gewünscht erhalten und beendeten es gerade. Karin leerte den großen 500 ml-Becher mit Multivitaminnektar und fragte nochmals: „Und wieso mussten wir unbedingt dieses Zeug haben?“
„Damit brechen wir aus“, erklärte Simon und nahm die beiden etwa 10 cm durchmessenden Aludeckel der großen Getränkebecher zur Seite, welche er zu Beginn der Mahlzeit vorsichtig von den Plastikbechern abgelöst hatte.
„Klar“, entgegnete sie und beendete kauend den letzten Bissen ihres Butterbrötchens.
„Ich mache daraus Waffen“, fuhr er fort.
„Du bist offensichtlich übergeschnappt. Das muss der Dauerstress sein. Du Armer, willst du nicht lieber darauf vertrauen, dass Daniel und Abbey uns hier raushauen, so wie ich?“
Als Antwort drückte er ihr einen flüchtigen, sanften Kuss auf die Lippen. „Ich muss wirklich übergeschnappt sein. Und jetzt sieh zu und lerne.“
„He, was sollte das eben? Wie ...?“ Sie verstummte und beobachtete ihn, wie er den leicht gewellten Rand des ersten Saftdeckels behände glättete und ihn mit der bedruckten Seite nach innen auf exakt die Hälfte zusammenfaltete, so dass nur noch die unbedruckte, silbern glänzende Unterseite aus Aluminium sichtbar war. Den Falz zog er penibel mit dem Fingernagel nach, sodass er eine saubere Kante aufwies.
„Wie soll uns das weiterhelfen?“, wollte sie wissen, bekam aber keine Antwort. Darum sah sie ihm weiter zu, wie er den erhaltenen Halbkreis nochmals zu einem Viertel und diesen wiederum zu einem Achtelsegment eines vollen Kreises faltete, wobei er jedes Mal die entstandene Faltkante nachzog, was jedes Mal schwerer wurde, da immer doppelt so viele Schichten übereinander lagen. Zuletzt legte er ein Sechzehntel zu einem Zweiunddreißigstel um, was kaum noch zu bewerkstelligen war, da nun eben 32 Schichten Aluminium übereinander lagen. Das entstandene Kreissegment erinnerte in etwa an die Darstellung des Wahlergebnisses einer rechtsextremen Partei an einer Freiburger Kommunalwahl mittels einer ‚Kuchengrafik’.
„Und was soll das jetzt?“, fragte Karin nochmals, worauf er das schmale Segment an der Basis nahm und sie sachte mit der Spitze in den Unterarm piekste.
Sie sprang auf und zog ihren Arm weg: „Aua! Spinnst du jetzt komplett?“
Er grinste: „Ja, begreifst du das denn nicht? Wir haben eine Stichwaffe, Schätzchen. Und zwar eine ziemlich einfache, aber stabile, die aus zweiunddreißig Lagen Leichtmetall besteht. Was sagst du nun?“
„He, das ist gar nicht mal so übel“, stieß sie jetzt hervor, da die Erkenntnis sie überkam. „Wie bist du nur auf so was gekommen?“ Sie nahm den improvisierten Mini-Dolch in die Hand und untersuchte dessen extrem spitzes Ende beeindruckt, während er rasch, aber konzentriert an der Fertigstellung seines Gegenstückes arbeitete.
„Im Kirchenchor gelernt. So, jetzt haben wir beide einen. Die nächste Frage ist: Traust du dir zu, ihn auch einzusetzen? Wir dürfen uns keinen Zweifel erlauben, verstehst du? Selbst wenn wir hier rauskommen, wissen wir nicht mal, wo wir hier sind und wie schnell sie unsere Flucht bemerken und uns verfolgen werden.“ Er sah sie sehr ernst an und versuchte zu erforschen, wie sie reagieren würde.
Sie saß ihm gegenüber auf der Bettkante, sah ihn mit großen Augen an und drückte dann seine Hand. „Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Bist du sicher, dass du das ...?“
Sie hatte keine Zeit zu antworten mehr, da bereits der Riegel der Zimmertür geöffnet wurde. Ihr grobschlächtiger Wächter trat ein, mit der Pistole am Gürtel und einem sorglosen Grinsen auf dem Gesicht. „Na, fertig?“
„Ja“, gab sie zurück und sah gespannt hinüber zu Simon. Sie wollte ihm den ersten Schritt überlassen.
Der Hüne sammelte die bereitstehenden Abfälle ihrer Mahlzeit ein und bemerkte: „Das ist schön, denn wir haben eine Überraschung für euch.“
Simon sprang auf und zückte den Aludeckel-Dolch. „Wir auch!“
Er stieß auf sein Auge ein, doch der riesige Kerl fing seine Hand nur einen Fingerbreit vor dem Augapfel ab und umklammerte sie, worauf ein verzweifeltes Ringen begann.
„Karin! Jetzt!“
Sie erwachte aus ihrer Paralyse und sprang automatisch von der Bettkante hoch. Wenn sie jetzt nichts tat, würden sie beide vielleicht sterben, das wurde ihr in einem schrecklichen Augenblick der Gewissheit klar.
Sie stach zu. Die Metallspitze fuhr seitlich in den muskulösen Hals des Mannes und drang tief ein, nur einen Deut neben seiner Halsschlagader. Schreiend ließ er ab von Simon und griff sich an den Hals, während Karin die Gunst des Momentes nutzte und ihm mit aller Kraft in die Weichteile trat. Das verfehlte seine Wirkung nicht. Als der promethisch gebaute Kerl mit hervortretenden Augäpfeln und nach Luft ringend zu Boden sank, riss sie seine Walther PPK aus dem Hosenbund und zog zu Simons gewaltigem Staunen sogar den Schlitten zurück, um die Waffe durchzuladen. Wow.
Dummerweise war sie bereits geladen gewesen, sodass die Patrone in hohem Bogen durch die Luft flog, als sie beim Durchladen unbenutzt aus der Kammer ausgestoßen wurde. Sie prallte leise klimpernd erst gegen die Wand, dann auf den Boden und rollte schließlich unter Simons Feldbett.
Keiner beachtete sie.
Karin richtete die Mündung der Pistole auf den Kopf des Überwältigten.
Ihr Bewacher war auf die Knie gesunken, presste die Beine zusammen und war jetzt in dieser merkwürdigen Haltung erstarrt, sich mit schmerzgepeinigter Miene den Hals haltend. Zwischen den groben Fingern seiner riesigen Pranke sickerte ein dünnes Rinnsal sehr dunklen Blutes herab.
„Ihr verdammten Freaks! Ich ... ich soll euch freilassen und ihr schlachtet mich zum Dank ab wie ein Schwein! Ist das vielleicht komisch? Haben wir euch irgendwie schlecht behandelt? Es hat euch doch an nichts gefehlt ...“
„Ihr Arschlöcher habt uns unsere Freiheit geraubt! Ist das vielleicht nichts?“, zischte Simon zornig.
Karin erstarrte ihrerseits, als Miriam und Thorsten um die Ecke gerannt kamen und entsetzt die Szene vor sich erfassten.
„Bitte, nicht schießen! Wir können euch alles erklären!“
„Das will ich schwer hoffen! Dieser Affe hat eben den Nerv gehabt zu behaupten, ihr wolltet uns gerade freilassen. Das müsst ihr uns schon genauer erklären!“ Sie richtete die Waffe von dem Verletzten nun auf Thorstens Brust.
„Wir müssen ihm helfen. Er ist verletzt!“, sagte Miriam mit dringlicher Stimme, worauf Karin mit dem Lauf der Waffe eine einwilligende Geste machte. Als darauf Thorsten und Miriam ihren Kumpel jeweils mit einem Arm über die Schulter hochnahmen, bemerkte Simon eine weitere Pistole in Thorstens rückwärtigem Hosenbund, die er ihm flink entzog.
„Die brauchst du nicht mehr“, erklärte er lakonisch und entsicherte sie.
Sie begleiteten ihre drei Gegner ins Erdgeschoss und in die Küche, wo Miriam zu einem verblüffend umfangreich ausgestatteten Verbandsschrank stürzte und diesem einen Druckverband, Wundsalbe und Desinfektionsmittel entnahm. Mit einer großen Pinzette zog sie den Fremdkörper aus der Seite des Halses, tupfte rasch etwas nachströmendes Blut ab und betupfte die Stelle mit einem in Jodlösung getränkten Wattebausch. Die Miene des Behandelten blieb stoisch, nur seine Kiefermuskeln mahlten angestrengt und einige Tröpfchen Schweiß bildeten sich auf Stirn und Oberlippe des jungen Mannes.
Simon hatte staunend zugesehen und bemerkte: „Was seid ihr eigentlich? Navy-SEALs? ExSpeznaz? Ich hätte mir bei dieser Behandlung die Zähne zerbrochen vor lauter Zusammenbeißen.“
„In gewisser Weise sind wir tatsächlich eine Spezialeinheit. Ich glaube aber nicht, dass ihr wirklich alles wissen wollt. Ich glaube, ihr würdet an der Wahrheit zerbrechen.“ Miriam sah sie an, und in ihrem Blick standen echte Freundschaft, Mitgefühl und auch Mitleid für sie, obwohl sie es waren, die momentan eine Waffe auf sie gerichtet hatten.
„Ist schon interessant, dass wir von euch genau die gleichen Floskeln zu hören bekommen wie von Daniel und Abbey, wo ihr doch zur Gegenseite gehört. Ich glaube eher, ihr habt eine Riesenmenge zu erklären. Warum ihr euch in unseren Freundeskreis eingeschlichen hattet, warum ihr verschwunden wart und wieso zum Henker ihr uns eine Woche lang eingekerkert habt!“ Simon platzte allmählich der Kragen, er fuchtelte ein wenig mit der Waffe herum und hielt sie dann am ausgestreckten Arm von sich, und zwar waagerecht, wie es schlechte Schützen gerne praktizieren, vorzugsweise Schwarze in irgendwelchen US-Gangfilmen, damit die Pistole beim Abdrücken nicht verzog und er sein Ziel auf kurze Distanz nicht verfehlen konnte. Für gewöhnlich assoziierte man mit dieser Haltung ungezügelte Aggression und eine hohe Bereitschaft, die Waffe auch einzusetzen.
„Bitte hört uns zu“, bat Thorsten, „wir wollten euch wirklich gerade freilassen, nicht aber, ohne dass ihr vorher nochmals mit Daniel und Abbey hättet reden können. Sie warten bereits auf euch.“
„Ihr meint, sie sind hier?“ Karins Stimme überschlug sich fast.
„Seit fast einer Woche. Wir brachten sie nur einen Tag, nachdem wir euch geholt hatten.“
„Dann war unsere Hoffnung, sie würden uns befreien, umsonst. Aber jetzt retten wir sie statt sie uns“, fuhr Karin fort, doch Miriam schüttelte betrübt den Kopf.
„Dafür ist es zu spät. Wir haben sie bereits zu weit demontiert.“
„Was sagst du da? Ihr habt sie auseinander genommen? Ihr Bestien! Sind sie schwer verletzt? Ich will sie sofort sehen!“ Simon sprang erneut vor.
„Mein Gott, sie haben es euch nie gesagt? Ihr wisst es wirklich nicht? Ihr habt diese ganzen Jahre über mit ihnen zusammen gelebt und stets gedacht, sie seien normale Menschen?“ Thorstens Augen weiteten sich. Er senkte seinen Kopf und flüsterte ehrlich betroffen: „Das tut mir leid. Sie haben uns nichts davon gesagt. Wir hatten natürlich angenommen ... ihre Tarnung war wirklich perfekt.“
Karin und Simon starrten ihn an, als sei er nicht mehr normal im Kopf. „Wir wissen, dass irgendwas mit ihnen gemacht wurde, mit ihren Genen oder so. Aber deshalb ...“
„Ihr ahnt nicht einmal, was hier los ist“, unterbrach Miriam sie. „Wir gehen sofort zu ihnen, ich will nichts mehr damit zu tun haben. Sie sollen ihnen selbst so viel oder so wenig sagen, wie sie wollen. Los, kommt mit. Geht’s bei dir, Francis?“
„Ja, schon gut, ich hatte Glück, die Kleine hat nichts Wichtiges getroffen“, erwiderte der Verletzte tapfer mit schiefem Grinsen und blieb benommen im Sessel sitzen, als sie sich auf den Weg zur Haustür machten. Sie verließen das altertümliche Bauernhaus, von dessen Seitenwand der Putz abbröckelte und die Backsteinmauer darunter offenbarte. Zur Scheune waren es nur fünf Meter.
Als sie die hölzerne Tür aufzogen, rief Miriam hinein: „Ist alles bereit, Lars?“
„Ja, ihr könnt kommen“, erwiderte eine Stimme von drinnen, worauf sie ins von Neonröhren erhellte Innere der geräumigen Scheune traten. Misstrauisch musterten Karin und Simon die seltsamen Gerätschaften und undefinierbaren Haufen von unförmigem Material, über die in offensichtlicher Eile Abdeckplanen als Sichtschutz geworfen worden waren. Lars staunte nicht schlecht, als er und die beiden anderen ihres Teams entdecken mussten, dass Karin und Simon diejenigen waren, die die Waffen hatten.
Was ist passiert?“, wollte die Braunhaarige wissen.
„Sie haben aus zwei großen Joghurtdeckeln provisorische Dolche gebastelt und Francis überwältigt. Er ist verletzt, es geht ihm aber gut“, erklärte Thorsten mit erstarrter Miene.
„Meine Fresse! Ich bin dafür, dass wir sie engagieren“, entfuhr es Lars.
„Jessica, alles bereit für das Gespräch?“, wollte Miriam wissen, worauf die nette Braunhaarige nickte.
„Gerade eben fertig geworden.“ Nervös schielte sie auf die beiden Walther in den Händen ihrer ehemaligen Gefangenen.
„Was gibt es da vorzubereiten?“, verlangte Simon ungeduldig und leicht unbeherrscht Auskunft.
Eine leicht dünne Stimme kam hinter einer undurchsichtigen Metallsichtblende aus dem hinteren Teil der Scheune hervor. „Hallo, Simon. Es ist schön, deine Stimme noch einmal zu hören. Ich werde sie für immer im Gedächtnisspeicher behalten.“
„Abbey! Was haben sie mit dir getan?“, rief er ungehalten und entsetzt und wollte zu ihr hinstürzen, aber sie hatte diese Reaktion vorausberechnet gehabt und rief dringlich: „Warte! Bitte komm nicht zu mir her! Ich möchte nicht, dass du mich so siehst. Du sollst mich so im Gedächtnis behalten, wie beim letzten Mal, als wir uns gesehen haben.“
Als hätte man ihn ins Gesicht geschlagen, erstarrte er abrupt und flüsterte leise. „Oh mein Gott, was haben sie dir nur angetan?“
„Das ist sehr kompliziert zu erklären. Ihr werdet es uns zuerst nicht glauben ... nicht glauben wollen. Das ist nur natürlich und wir sehen euch das nach.“ Eine andere Stimme hinter der Sichtblende, die offensichtlich nur für dieses Gespräch errichtet worden war, wie sie jetzt merkten.
Zögernd fragte Karin: „Bist du das, Daniel?“
„Gewissermaßen, ja“, war seine kryptische Antwort.
„Warum dürfen wir euch nicht sehen? Und warum sind wir entführt worden?“, fragte Simon mit erstickter Stimme. Er hatte überhaupt kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Alle anderen Beteiligten waren ans entgegengesetzte Ende der Scheune getreten und sahen bedrückt zu Boden, als sei ihnen das ebenso unangenehm.
„Um uns zu dem hier zu überzeugen. Es wäre irgendwann unvermeidlich geworden, aber wir waren etwas, was man durchaus als ‚selbstsüchtig’ bezeichnen könnte. Wir dachten, wir könnten für alle Zeit unbehelligt unser Leben mit euch verbringen, ohne dass uns die Vergangenheit jemals einholen würde. Aber das Gegenteil davon ist eingetreten“, erklärte CSM 108-1 mit echtem Bedauern in der Stimme.
„Was meinst du damit, das Gegenteil?“
„Die Zukunft hat uns eingeholt“, war der schlichte Kommentar der unsichtbaren Stimme.
„Das ergibt keinen Sinn. So etwas ist nicht möglich“, warf nun Simon verwirrt ein, während Karin betreten schwieg.
„Für euch nicht. Bevor ich es erkläre, möchte ich eines vorwegnehmen: Abbey und ich sind keine Menschen. Sind es nie gewesen. Wir sind kybernetische Organismen, menschliches Gewebe über einem mechanischen Inneren, gesteuert von einem extrem komplexen Elektronengehirn, das durch seine Bauart nach und nach menschliche Synapsenverknüpfungen imitiert und uns so zu lernen hilft, uns wie Menschen zu verhalten.“
„Das ist ein Witz!“, entfuhr es Simon.
„Hörst du jemanden lachen?“, war TSR 3012’s zynischer Kommentar. „Nein, mein Schatz, das ist auch der Grund, weshalb wir nicht wollen, dass ihr uns in diesem Zustand seht. Und das ist auch das Unglaubliche daran: Sowohl wir als auch alle hier Versammelten kommen aus einer möglichen Zukunft, allerdings einer, die hier in dieser Realität nicht eingetreten ist.“
„Das ist absurd“, widersprach Karin verzweifelt. „Woher wollt ihr denn wissen, dass zukünftige Ereignisse nicht eingetreten sind? Das widerspricht sich doch!“
„Ja und nein“, orakelte CSM 108-1. „Einerseits hätte die Welt in unserer Version im Sommer 1997 durch einen überraschenden, nicht vorauszuahnenden Atomkrieg vernichtet werden müssen. Wie du siehst, ist das nicht passiert. Also wissen wir folglich auch nicht, was uns noch erwartet, da wir ganz offensichtlich in einer uns unbekannten Realität feststecken. Wie das passiert ist, braucht ihr im Detail nicht zu wissen, es läuft alles auf einen technischen Unfall beim Zeitsprung hinaus.“
„Soso, Zeitsprung. Und was ... he, warte mal, Sommer 1997? Da klingelt doch was bei mir!“ Karins Augen weiteten sich.
„Ja, genau das war der Grund, weshalb ich dich mitten in die Einöde in den letzten Winkel der USA geschickt habe. Ich wollte, dass du weitab von sämtlichen detonierenden Atombomben bist und den Atomschlag überlebst“, erklärte CSM 108-1 sich.
Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Du hast das wirklich geglaubt und wolltest so mein Leben retten? Das ist so lieb von dir ... ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll ...“
Miriam schaltete sich in den Disput ein: „In einem gewissen Punkt haben die beiden euch sogar die Wahrheit erzählt. Sie wurden zurückgeschickt, um euch zu beschützen, wir, um euch zu identifizieren und zu töten, bevor ihr eure Erfindung publik machen konntet. Auf die weiteren Verwicklungen müssen wir nicht eingehen.“
„Unsere Erfindung? Ihr meint den hohen Energieausstoß des von Schimmel überzogenen Kristalls, stimmt’s?“ Simon schien es begriffen zu haben.
Miriam nickte. „Ja, genau. Diese Entdeckung und ihre Weiterentwicklung hätten eines Tages zu der Technologie geführt, mit der Zeitsprünge möglich geworden wären. Aber aus irgendeinem Grund habt ihr die Entdeckung zu spät gemacht, denn sie hätte vor dem Datum dokumentiert werden müssen, an dem die Welt zerstört worden wäre.“
Aus dem Hintergrund mischte sich Jessica nachdenklich ein: „Vielleicht war es sogar die Tatsache, dass Daniel Karin zu dem betreffenden Zeitraum nach Amerika gelockt hatte. Vielleicht hätte sie gerade in diesen Tagen hier sein müssen, um gemeinsam mit Simon die Entdeckung zu machen. Durch sein Mitgefühl für sie hat der Terminator sich die Mission versaut.“
„Gut möglich. So zog die Entwicklung der Dinge ihre Kreise und bereinigte die Zeitlinie. Es ist nur noch etwas ... äh ... Abfall übrig, und das sind, so leid mir das auch tut, Daniel und Abbey.“ Thorsten hob die Achseln und drückte Bedauern aus.
„Solange die beiden noch existieren, können wir nicht ausschließen, dass sie eines Tages entdeckt und auseinander genommen werden. Mit den Bestandteilen aus ihrem Innenleben könnte die technische Entwicklung dieser Ära beeinflusst werden und der Lauf der Dinge, der zum Atomkrieg geführt hatte, könnte sich irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen. Solange die Menschen über Massenvernichtungswaffen und die Möglichkeit, sie gegeneinander einzusetzen, verfügen, sind Daniel und Abbey die größte potenzielle Gefahr, die der gesamten Menschheit droht.
Bitte glaubt uns das, wir haben es am eigenen Leib erfahren müssen. Wir hatten keine sehr schöne Kindheit, wisst ihr? Wir sind in den Ruinen versteckt aufgewachsen und haben ununterbrochen um unser Leben fürchten müssen.“ Miriams Stimme erstarb angesichts der Erinnerung an ein anderes Leben, das es ihr unmöglich machen würde, jemals wie ein völlig normaler Mensch unbekümmert leben zu können. Sie alle waren für den Rest ihres Daseins seelisch gebrandmarkt, wie Simon und Karin nun erkannten. Das war es wohl gewesen, was immer eine unbestimmbare Distanz zwischen ihnen aufrecht erhalten hatte, so lange sie sich gekannt hatten und so sehr sie sich auch bemüht hatten, wie normale Menschen zu wirken.
Karin fasste sich und sagte dann mit fester Stimme: „Wenn das alles stimmen sollte, warum habt ihr euch dann ausgerechnet bei uns eingenistet? Wusstet ihr denn auch im Voraus, welche Rolle wir spielen würden? Was von dem war echt, was ihr ...“
„Es war alles purer Zufall ... oder Vorsehung, Schicksal, wie auch immer“, beeilte CSM 108-1 sich zu erklären. „Wir hatten keine Daten über die Identität des oder der Entdecker. Wir haben uns nur in den Zirkel der naturwissenschaftlichen Studenten einschleusen wollen, um später herausfinden zu können, wer der oder die Entdecker des sogenannten ZVA-Effektes waren.
Alles was ich tat, war, auf eine Wohnungsanzeige zu antworten, der Rest hat sich von selbst ergeben.“
„Ein bisschen viel an Zufällen, nicht wahr? Vielleicht hat sich das Schicksal ja wirklich ein paar üble Späße mit uns allen erlaubt“, meinte Karin nachdenklich.
„Spätestens, seit du mir als kleines Mädchen mit deinem Rad vors Auto gefahren bist“, gab er zu bedenken.
„Das stimmt“, bestätigte sie. „Aber jetzt wollt ihr uns ... was mitteilen? Dass ihr euch verabschiedet und uns unserem eigenen Leben überlasst? Dass wir uns nie wieder sehen werden, weil wir zwei Roboter geliebt haben?“
„Wie hätten wir es euch jemals erklären sollen?“, versuchte sich TSR 3012 zu verteidigen. „Wir wollten euch nicht verlieren ... glaube ich.“
„Ihr wusstet nicht, ob wir es verstanden hätten, meinst du? Jedenfalls hätten wir dann gewusst, was hier eigentlich los ist, und hätten nicht jahrelang mit den Lügen und Verheimlichungen leben müssen. Das war fast noch schlimmer als die Wahrheit, so absurd die auch sein mag. So absurd, dass wir es wahrscheinlich erst in Wochen oder Monaten begreifen werden. Dass wir uns sagen werden: Hey, wir waren verliebt in Maschinen! Wo gibt es denn so was?“ Simons Stimme war immer lauter geworden, die Entrüstung und pure Verzweiflung darin unverkennbar.
TSR 3012 sagte sanft: „Wir können wohl nichts weiter tun als euch um eure Vergebung bitten. Auch wenn wir euch nie unser wahres Ich offenbart haben, so waren die Gefühle und Empfindungen euch gegenüber so authentisch, wie es nur hätte sein können. Ihr beide habt uns geholfen, uns zu den Persönlichkeiten zu entwickeln, die wir heute sind, ob künstlich oder natürlich geschaffen.“
Mit leichter Bitterkeit in der Stimme wollte Karin wissen: „Und was ist mit dir, Daniel? Kannst du nicht für dich selbst reden, wenn es um Gefühle geht?“
„Das muss ich nicht“, gab er zurück. „Unsere Gedankengänge sind praktisch identisch, da Abbeys Hauptprozessor eine genaue Kopie von meinem ist. Sie besitzt fast alle Erinnerungen und Gedanken, die auch ich in mir trage, bis hin zum Zeitpunkt meines Wiederauftauchens Anfang September 1997. Wir sind wie eineiige Zwillinge im Gehirn, wenn man es so trivial ausdrücken möchte, und haben quasi somit auch dieselbe Persönlichkeit.“
„Das ist hart, was, Simon? Wir stehen auf genau den gleichen Typen Mensch“, entfuhr es ihr im Zorn, doch gleich darauf tat es ihr leid, dass sie das gesagt hatte.
„Und für uns heißt es jetzt also Abschied nehmen? Ihr werdet von diesen Zukunftsagenten zerstört und beseitigt, während sie uns hingegen in Ruhe lassen? Klingt wenig plausibel.“
„Sie haben keinen Grund mehr, euch etwas zu tun. Ihr habt eure Rolle in diesem Ereignisrahmen nicht erfüllt, weshalb ihr irrelevant geworden seid. Und da niemand zurück in die Zukunft reisen kann, da diese noch nicht existiert, wird auch nichts weiter mehr geschehen, sobald die Spuren unserer Existenz vernichtet worden sind.
Wir haben unserer eigenen Terminierung zugestimmt, um euch und schlussendlich die gesamte Menschheit vor einer möglichen zukünftigen Vernichtung zu bewahren. Und jetzt seid ihr dran.“ CSM 108-1 klang sehr betrübt darüber, dass sie scheinbar so einfach von ihren Freunden abgeschoben wurden, jetzt, da die Wahrheit ans Licht gekommen war.
Karin sah Simon an und meinte: „Ich verzeihe euch, auch wenn das fehlende Vertrauen und der Mangel an Offenheit zwischen uns Wunden geschlagen hat, die groß sind. Ihr selbst habt es sicher auch gemerkt, dass unser Verhältnis nach den Ereignissen vor vier Jahren nicht mehr dasselbe gewesen ist.“
Bedauernd bestätigte TSR 3012: „Ja, selbstverständlich. Es schmerzte uns zwar, aber was hätten wir dagegen tun sollen? Jetzt allerdings bin ich fast froh, dass die Zeit des Lügens und sich Versteckens vorbei ist.“
Simon fragte neugierig: „Wie seht ihr eigentlich in Wirklichkeit aus?“
„Bitte, nein, das ist zu viel verlangt. Uns ist das menschliche Gewebe bereits mittels eines Säurebades entfernt worden. Außerdem haben sie uns schon die Arme und Beine abgenommen, aus Vorsichtsgründen, falls uns der Selbsterhaltungstrieb übermannen sollte. Doch das ist nicht geschehen, denn unsere Existenz hier ist in gewisser Weise sinnlos geworden und nur noch eine Gefahr. Der einzige Grund, weshalb wir geblieben sind, wart ihr beide.“
Bei dieser Erklärung von TSR 3012 begann Simon hemmungslos zu weinen, während sich Miriam dezent räusperte. „Ich wüsste da vielleicht einen Kompromiss. Wir haben den beiden schon die Extremitäten entfernt, wie sie gerade erwähnt haben. Vielleicht wollt ihr euch nur eines der Einzelteile ansehen, das ist viel abstrakter und wird keine so schockierende Wirkung auf euch haben. Was meint ihr?“
Simon und Karin fassten sich und stimmten dem Vorschlag zu. Nachdem auch die beiden Cyborgs zögerlich ihr Einverständnis gegeben hatten, ging Thorsten zu einem der beiden größeren Haufen, die mit Abdeckplanen zugedeckt waren, um die Folie ein wenig anzuheben und mühsam etwas hervorzuhieven. Durch das Dampfstrahlen waren die letzten Reste künstlichen Fleisches, die vom Säurebad nicht abgelöst worden waren, entfernt worden, sodass der gesamte Arm bis zum Schulterkragengelenk blitzblank aussah. Wie fabrikneu.
Er übergab Simon das filigran aussehende Teil, das in leicht gebeugter Stellung am Ellenbogen für die Ewigkeit erstarrt war. Oder bis zur Demontage. Wie jeder Bastler zuweilen zu pflegen sagte: Irgendwie haben sie das hier zusammenbekommen, also kann ich es auch auseinander pflücken. Bei der Übergabe ließ er den Arm fast fallen, da er nicht mit so einem hohen Gewicht gerechnet hatte.
„Wow, ist das schwer. Wie viel wiegt der denn?“ Staunend besah er sich zusammen mit Karin die Einzelteile, die Entsprechungen von Elle und Beuge, den Rahmen um den Bizepsbereich herum und die dicken Hydraulikzylinder, die darin eingebettet von ebenfalls von der Säure korrodierten Kabelbäumen angesteuert und von metallumwickelten Schläuchen mit Hydrauliköl versorgt worden waren, als der Arm noch angeschlossen gewesen war.
„23,8 kg. Das Gesamtgewicht unseres ganzen Endoskelettes beträgt je nach Größe 148 bis 162 kg, da die Hauptbestandteile aus einer hochfesten Legierung gegossen sind, die auch als Panzerung fungiert“, führte die körperlose Stimme CSM 108-1’s aus.
„Panzerung?“, echote Simon und studierte das komplizierte, hochbewegliche Schultergelenk weiter.
„Ursprünglich sind diese Bastarde als Kampfmaschinen konstruiert worden, musst du wissen“, soufflierte Lars genüsslich.
Karins Aufmerksamkeit widmete sich inzwischen ganz der Vielzahl an feinen Stangen der Mittelhand und des Handgelenkes sowie den winzigen Gelenken der einzelnen Fingerglieder, die in ihrem Inneren in der Mitte von metallischen Bowdenzügen durchzogen waren, die für die Beugung und Streckung der Finger gesorgt hatten.
„Das ist ein Kunstwerk. Dass so etwas überhaupt funktioniert“, wunderte sie sich, echte Ehrfurcht zeigend.
„Wenn sich so ein Ding um deine Kehle legt und dir den Kopf vom Hals abzwickt wie eine Rose vom Stiel, dann glaubst du es vielleicht“, schlug Lars sarkastisch vor.
„Bitte, lass’ das“, pfiff Miriam ihn zurück.
„Jetzt wird mir so einiges klar. Die schnellen Reflexe, dass du meine schwere Kommode bei deinem Einzug alleine anheben konntest, dass wir wegen Daniels Gewichts nie zusammen im Lift gefahren sind ... mir würden wahrscheinlich Dutzende Beispiele einfallen. Wie konnten wir nur so blind sein?“ Karin strich gedankenversunken über das Gestänge des Handrückens.
„Liebe macht blind“, sagte Lars nun, worauf er von Thorsten einen Klaps auf den Hinterkopf bekam und lautlos der Scheune verwiesen wurde.
„Ich möchte dieses Kapitel meines Lebens als abgeschlossen betrachten“, kam Karin zu einem Entschluss. „Ich weiß nicht, wer die Guten und wer die Bösen waren in eurer Welt und es geht mich auch rein gar nichts an, so wie ich das sehe. Für mich zählt das, was hier geschehen ist, und dass das ehrlich war, was sich zwischen uns abgespielt hat. Ich glaube, damit kann ich leben, auch wenn ich mich für den Rest meines Lebens an diese abstruse Zeit erinnern werde.
Simon, soll ich dir sagen, was das Beste für uns sein wird? Wenn wir jetzt diesen beiden ... Wesen ... Lebewohl sagen, aus diesem Schuppen hinausgehen und uns nicht mehr umdrehen. Und versuchen, nicht verrückt zu werden, wenn wir uns an dieses Erlebnis zurückerinnern.“
„Klingt gut“, meinte er kurz angebunden. „Hört sich jetzt zwar blöd an, aber ich hoffe, ihr habt euren Frieden mit euch gemacht. Lebt wohl, Abbey und Daniel. Und ihr anderen, lasst euch bitte nie wieder in dieser Gegend blicken, seid so nett, ja?“
„Macht es gut. Lebt wohl, ihr beiden, und werdet glücklich und habt viel Erfolg und Freude an eurem Leben.“ Man konnte nicht mehr heraushören, welche der beiden synthetischen Stimmen es gewesen war, was aber auch keine Rolle spielte, wie sie jetzt wussten.
„Was für ein nichtssagender und lapidarer Abschied. Ist es nicht grotesk? Das liegt bestimmt an dieser Situation ...“ Karin war schon an der Tür, als sie noch über die Schulter rief: „Ich glaube, ihr tut das Richtige, das gibt eurer Existenz doch noch einen Sinn.“
„Dank deiner Aussage wird es uns noch etwas leichter fallen, unser Schicksal in Kauf zu nehmen“, versicherten die beiden ihr unisono, bevor man das Tor ins Schloss fallen hörte.
„So, das war’s“, sagte Miriam. „Seid ihr jetzt bereit?“
„Lasst es uns hinter uns bringen“, erwiderten sie nur.
„Gut, dann wollen wir mal. Hol’ Lars wieder rein, damit er unseren kleinen Schmelzofen auf Touren bringt. Jessica, sind die Bleibehälter fertig?“
„Ich habe sie gestern Abend noch in die Formen gegossen. Wir können ihre beiden Energiezellen mit Leichtigkeit darin unterbringen und dann mit Blei zugießen, bevor wir sie im Brunnenschacht hinter dem Haus in achtzig Fuß Tiefe versenken und den Schacht zuschütten. Wenn wir fertig sind, wird man nicht mal mehr ahnen, dass da mal ein Brunnen war. Niemand wird die Zellen in dieser gottverlassenen Gegend je finden.“
Lars kam herein. „He, der Ofen ist doch schon längst vorgeheizt. Ich kann anfangen damit, die ersten Teile einzuschmelzen. Das Schöne an Legierungen ist schließlich, dass sie trotz all der anderen Vorteile, die sie haben mögen, doch meistens einen eher niedrigen Schmelzpunkt haben, weil sie Stoffgemische sind.“
„Wohl wahr, Bruder Lars“, tönte Jessica grinsend.
„He, wir sind noch da“, merkte TSR 3012 protestierend an.
„Aber nicht mehr lange“, entgegnete das lateinamerikanisch aussehende Mädchen mit den dunklen Augen und den langen braunen Haaren, als sie mit einer feinen Pinzette und einen ebensolchen Schraubenzieher um den Sichtschutz herumkam und interessiert den glänzenden totenschädelgleichen Kopf von CSM 108-1 betrachtete. „Weißt du, das ist das erstemal für mich, ich hab bisher immer nur zugesehen.“
„Dann schön sachte, ja? Denk’ an unseren letzten Willen“, wandte er ein und drehte die tiefliegenden rotglühenden Augen in ihren Höhlen zu ihr hin, was ein leises Surren erzeugt, wie jede Bewegung seines Kopfes, jetzt da seine mechanischen Komponenten offen freilagen und nicht mehr vom organischen Überzug bedeckt wurden, der die Geräusche der Servos und Hydraulikeinheiten gedämpft hatte.
Das letzte, was CSM 108-1 sah, war sein Ebenbild TSR 3012, wie es neben ihm auf der Werkbank aufgereiht dastand und ebenso wie er auf das Ende seiner Existenz wartete, das nun unmittelbar bevorstand. Er hatte erst eine totale Unterbrechung seines Bewusstseins erlebt, als sie sich gegenseitig ihre CPU entfernt hatten, um die von Skynet eingegebenen Subroutinen zu löschen.
Diesmal würde es kein Erwachen mehr geben, dass wusste er.
Was war das? Hatte er etwa Angst vor der Ungewissheit dessen, was nun kommen würde? Es gab keine Ungewissheit, da er wusste, dass nichts mehr kommen würde. Oder?
Er hatte tatsächlich Angst!
Wie peinlich, dachte er und verzog seinen Skelettschädel zu einem Sensenmanngrinsen, das einfror, als Jessica die CPU nun herauszog und sorgsam auf die Arbeitsplatte der Werkbank legte.
„Und jetzt du“, wandte sie sich an TSR 3012.
„Du hast schönes Haar“, stellte diese fest, um etwas zu sagen.
„Danke, du hast auch sehr schönes Haar gehabt. Du warst sehr hübsch“, gab die junge Rebellin zurück, als sie die Abdeckplatte über dem künstlichen Gehirn abschraubte und abnahm.
„Das ist nett von dir.“ Es war absolut lächerlich, dass sie diese nichtssagende Unterhaltung nur Sekunden vor ihrem Ende führte, aber sie konnte nichts dagegen tun.
„Bist mächtig nervös, was?“, tippte Jessica nun auch goldrichtig.
„Ja, schon“, gab TSR 3012 verlegen zu, was angesichts ihres bedrohlichen Äußeren grotesk wirkte.
„Wer wäre das nicht?“, meinte die Frau wenig mitfühlend und zog ohne weitere Vorwarnung auch ihre zentrale Recheneinheit aus der Halterung. TSR 3012 zuckte unmerklich, bevor ihre Augen langsam erloschen.
Für immer.
Das war doch ein Stück Ewigkeit, oder nicht?
[und morgen kommt der Epilog !]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 30. November 2001
Simon wachte wieder auf, als das erste schwache Licht durch den Kellerschacht fiel. Er drehte sich auf seinem weichen, quietschenden Bundeswehr-Feldbett herum, was Karin ebenfalls weckte.
„Morgen“, sagte sie mit schwacher Stimme und setzte sich auf den Bettrand.
„Wie geht’s dir?“, fragte er und besah sie mitfühlend. Sie wirkte bleich, trotz ihrer künstlichen Sonnenbräune, ihre Wangen waren ein wenig eingefallen und ihr langes Haar wirkte offen zerzaust und ungepflegt.
„Naja, ganz gut. Eigentlich fehlt es uns ja an nichts“, gab sie zu bedenken, womit sie Recht hatte. Sie waren relativ gut behandelt worden, auch wenn niemand der drei Unbekannten, mit denen sie zu tun hatten, jemals länger mit ihnen redete oder auch nur im Geringsten erkennen ließ, zu welchem Zwecke sie in diesem schmalen, feuchten, aber immerhin beheizten Kellerraum eingekerkert waren. Sie mussten ihnen nur ihre Wünsche bezüglich Kleidung, Nahrung oder etwa Zeitschriften zum Zeitvertreib nennen, und sofern diese nicht ein gewisses Maß an Durchführbarkeit überschritten, wurde ihnen auch nachgekommen.
Was sie am meisten beunruhigte, war die Tatsache, dass sie ihre eigenen Kleider von daheim bekamen, was bedeuten musste, dass ihre Entführer ungehindert in ihrer Wohnung ein- und ausspazieren konnten.
Was hatte das nur zu bedeuten? Und warum bekamen sie Thorsten und Miriam, die sie als ihre Entführer und Feinde erkannt hatten, nie zu Gesicht?
„Wir müssen hier raus“, begann Simon zum wiederholten Male, was Karin die Tränen in die Augen trieb.
„Bitte, mach’ keine Dummheiten. Du weißt, das sind Profis. Sie geben uns nur Plastikbesteck zum Essen und lassen nicht mal zu, dass du dich rasierst. Wir können es mit denen nicht aufnehmen.“ Sie zögerte und fügte hinzu: „Ich will nicht, dass sie dir was antun.“
Sein Herz bekam einen Stich. „Aber ich kann doch nicht länger mitansehen, wie sie uns ... wie sie dich quälen. Wir werden hier drin zugrunde gehen, Karin. Ich ...“
Ein schwerer Riegel wurde draußen zurückgeschoben und die schwere Holztür schwang auf gut geölten Angeln lautlos auf. Ein grobschlächtiger, hünenhafter Mann mit kurzen blonden Haaren und hellen Augen kam herein. „Morgen, ihr beiden. Was wollt ihr zum Frühstück?“
„Ein Brötchen mit Butter vielleicht“, meinte Karin zögernd.
„Für mich eine Laugenbrezel oder -stange, wenn’s geht. Und für uns beide bitte je einen Becher Müller Multivitamin“, fügte Simon schnell hinzu.
„Oh, sind wir besonders wählerisch heute?“, höhnte der Hüne.
„Wir wollen hier schließlich nicht an Skorbut sterben, wenn ihr uns nicht vorher umbringt. Außerdem macht das keinerlei Mühe, denn das findest du in wirklich jedem Laden und jeder Bäckerei im Kühlregal. Soll ich mitfahren und es dir zeigen?“, schlug Simon vor.
„Sehr witzig, Spaßvogel“, murmelte ihr Aufpasser und schlug die Tür wieder zu.
„Was soll denn das mit dem Multivitamin?“, wollte Karin erstaunt wissen.
„Du wirst schon sehen“, meinte er und lächelte verschwörerisch.
„Mach’ bitte keinen Unsinn, hörst du?“, warnte sie ihn besorgt.
Im nächsten Moment kam eine junge, muskulöse und nicht unattraktive Brünette zur Tür herein und fragte, die Pistole in ihrer Hand und sie aus großen dunklen Augen betrachtend, freundlich: „So, wer will zuerst ins Bad?“
Miriam und Thorsten betraten gemeinsam die Scheune, wo Lars, einer ihrer Freunde, bereits auf sie wartete. Er sah sie an und wollte wissen: „Wollt ihr sie sehen?“
„Deshalb sind wir hier“, bejahte Thorsten, worauf sie an zwei parallel zueinander aufgestellte Wannen heran traten, beide aus Edelstahl und etwa zwei mal einen mal einen Meter groß. Sie waren gefüllt mit einer fast klaren, scharf riechenden Flüssigkeit, die von je einer kleinen Umwälzpumpe außerhalb des Beckens ständig in Bewegung gehalten wurde.
Auf einen Wink von Miriam hin wurden die Pumpen abgeschaltet und die Flüssigkeit über dicke Teflonschläuche in ein großes Sammelbecken abgelassen. Sobald sie leer waren, riskierte Miriam einen Blick und verzog angewidert das Gesicht: „Iiih! So was hab’ ich mir schon fast gedacht. Holt den Dampfstrahler, das sollte hoffentlich reichen.“
Thorsten schob das transportable Gerät bereits in Reichweite und heizte den Wasservorrat im Tank auf. „Ich hol’ noch ein paar Arbeitshandschuhe und Brechstangen, damit man sie hin- und herbewegen kann.“
„Gute Idee.“ Miriam machte sich inzwischen an den Einstellungen des Kärcher-Gerätes zu schaffen. Glücklicherweise hatten sie dieses abgelegene Gehöft hier draußen inmitten der Rheinebene zwischen Feldern und Hecken gefunden, kilometerweit von jedem Dorf entfernt, wo sie tun und lassen konnten, was immer sie wollten, ohne je gestört zu werden.
Lars setzte sich inzwischen eine großflächige Schutzbrille auf und machte einen ersten Testspritzer in die Luft. Funktionierte. Mühsam begann er, den Inhalt der Wanne von oben bis unten langsam mit kleinen Schwenkbewegungen abzufahren, war mit dem Schlussergebnis jedoch gar nicht zufrieden. Also hebelte Thorsten mit der herbeigeholten Brechstange, bis sich der Inhalt der Wanne zur Seite neigte, und fixierte ihn in dieser Position.
„Sieht gut aus. Ich hoffe, der Rest geht auch so problemlos vonstatten.“
„Man kann nie wissen“, erwiderte Lars und grinste schief. Ihm war gar nicht wohl in seiner Haut bei dem Anblick, der sich ihm hier bot.
Karin und Simon hatten inzwischen ihr Frühstück wie gewünscht erhalten und beendeten es gerade. Karin leerte den großen 500 ml-Becher mit Multivitaminnektar und fragte nochmals: „Und wieso mussten wir unbedingt dieses Zeug haben?“
„Damit brechen wir aus“, erklärte Simon und nahm die beiden etwa 10 cm durchmessenden Aludeckel der großen Getränkebecher zur Seite, welche er zu Beginn der Mahlzeit vorsichtig von den Plastikbechern abgelöst hatte.
„Klar“, entgegnete sie und beendete kauend den letzten Bissen ihres Butterbrötchens.
„Ich mache daraus Waffen“, fuhr er fort.
„Du bist offensichtlich übergeschnappt. Das muss der Dauerstress sein. Du Armer, willst du nicht lieber darauf vertrauen, dass Daniel und Abbey uns hier raushauen, so wie ich?“
Als Antwort drückte er ihr einen flüchtigen, sanften Kuss auf die Lippen. „Ich muss wirklich übergeschnappt sein. Und jetzt sieh zu und lerne.“
„He, was sollte das eben? Wie ...?“ Sie verstummte und beobachtete ihn, wie er den leicht gewellten Rand des ersten Saftdeckels behände glättete und ihn mit der bedruckten Seite nach innen auf exakt die Hälfte zusammenfaltete, so dass nur noch die unbedruckte, silbern glänzende Unterseite aus Aluminium sichtbar war. Den Falz zog er penibel mit dem Fingernagel nach, sodass er eine saubere Kante aufwies.
„Wie soll uns das weiterhelfen?“, wollte sie wissen, bekam aber keine Antwort. Darum sah sie ihm weiter zu, wie er den erhaltenen Halbkreis nochmals zu einem Viertel und diesen wiederum zu einem Achtelsegment eines vollen Kreises faltete, wobei er jedes Mal die entstandene Faltkante nachzog, was jedes Mal schwerer wurde, da immer doppelt so viele Schichten übereinander lagen. Zuletzt legte er ein Sechzehntel zu einem Zweiunddreißigstel um, was kaum noch zu bewerkstelligen war, da nun eben 32 Schichten Aluminium übereinander lagen. Das entstandene Kreissegment erinnerte in etwa an die Darstellung des Wahlergebnisses einer rechtsextremen Partei an einer Freiburger Kommunalwahl mittels einer ‚Kuchengrafik’.
„Und was soll das jetzt?“, fragte Karin nochmals, worauf er das schmale Segment an der Basis nahm und sie sachte mit der Spitze in den Unterarm piekste.
Sie sprang auf und zog ihren Arm weg: „Aua! Spinnst du jetzt komplett?“
Er grinste: „Ja, begreifst du das denn nicht? Wir haben eine Stichwaffe, Schätzchen. Und zwar eine ziemlich einfache, aber stabile, die aus zweiunddreißig Lagen Leichtmetall besteht. Was sagst du nun?“
„He, das ist gar nicht mal so übel“, stieß sie jetzt hervor, da die Erkenntnis sie überkam. „Wie bist du nur auf so was gekommen?“ Sie nahm den improvisierten Mini-Dolch in die Hand und untersuchte dessen extrem spitzes Ende beeindruckt, während er rasch, aber konzentriert an der Fertigstellung seines Gegenstückes arbeitete.
„Im Kirchenchor gelernt. So, jetzt haben wir beide einen. Die nächste Frage ist: Traust du dir zu, ihn auch einzusetzen? Wir dürfen uns keinen Zweifel erlauben, verstehst du? Selbst wenn wir hier rauskommen, wissen wir nicht mal, wo wir hier sind und wie schnell sie unsere Flucht bemerken und uns verfolgen werden.“ Er sah sie sehr ernst an und versuchte zu erforschen, wie sie reagieren würde.
Sie saß ihm gegenüber auf der Bettkante, sah ihn mit großen Augen an und drückte dann seine Hand. „Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Bist du sicher, dass du das ...?“
Sie hatte keine Zeit zu antworten mehr, da bereits der Riegel der Zimmertür geöffnet wurde. Ihr grobschlächtiger Wächter trat ein, mit der Pistole am Gürtel und einem sorglosen Grinsen auf dem Gesicht. „Na, fertig?“
„Ja“, gab sie zurück und sah gespannt hinüber zu Simon. Sie wollte ihm den ersten Schritt überlassen.
Der Hüne sammelte die bereitstehenden Abfälle ihrer Mahlzeit ein und bemerkte: „Das ist schön, denn wir haben eine Überraschung für euch.“
Simon sprang auf und zückte den Aludeckel-Dolch. „Wir auch!“
Er stieß auf sein Auge ein, doch der riesige Kerl fing seine Hand nur einen Fingerbreit vor dem Augapfel ab und umklammerte sie, worauf ein verzweifeltes Ringen begann.
„Karin! Jetzt!“
Sie erwachte aus ihrer Paralyse und sprang automatisch von der Bettkante hoch. Wenn sie jetzt nichts tat, würden sie beide vielleicht sterben, das wurde ihr in einem schrecklichen Augenblick der Gewissheit klar.
Sie stach zu. Die Metallspitze fuhr seitlich in den muskulösen Hals des Mannes und drang tief ein, nur einen Deut neben seiner Halsschlagader. Schreiend ließ er ab von Simon und griff sich an den Hals, während Karin die Gunst des Momentes nutzte und ihm mit aller Kraft in die Weichteile trat. Das verfehlte seine Wirkung nicht. Als der promethisch gebaute Kerl mit hervortretenden Augäpfeln und nach Luft ringend zu Boden sank, riss sie seine Walther PPK aus dem Hosenbund und zog zu Simons gewaltigem Staunen sogar den Schlitten zurück, um die Waffe durchzuladen. Wow.
Dummerweise war sie bereits geladen gewesen, sodass die Patrone in hohem Bogen durch die Luft flog, als sie beim Durchladen unbenutzt aus der Kammer ausgestoßen wurde. Sie prallte leise klimpernd erst gegen die Wand, dann auf den Boden und rollte schließlich unter Simons Feldbett.
Keiner beachtete sie.
Karin richtete die Mündung der Pistole auf den Kopf des Überwältigten.
Ihr Bewacher war auf die Knie gesunken, presste die Beine zusammen und war jetzt in dieser merkwürdigen Haltung erstarrt, sich mit schmerzgepeinigter Miene den Hals haltend. Zwischen den groben Fingern seiner riesigen Pranke sickerte ein dünnes Rinnsal sehr dunklen Blutes herab.
„Ihr verdammten Freaks! Ich ... ich soll euch freilassen und ihr schlachtet mich zum Dank ab wie ein Schwein! Ist das vielleicht komisch? Haben wir euch irgendwie schlecht behandelt? Es hat euch doch an nichts gefehlt ...“
„Ihr Arschlöcher habt uns unsere Freiheit geraubt! Ist das vielleicht nichts?“, zischte Simon zornig.
Karin erstarrte ihrerseits, als Miriam und Thorsten um die Ecke gerannt kamen und entsetzt die Szene vor sich erfassten.
„Bitte, nicht schießen! Wir können euch alles erklären!“
„Das will ich schwer hoffen! Dieser Affe hat eben den Nerv gehabt zu behaupten, ihr wolltet uns gerade freilassen. Das müsst ihr uns schon genauer erklären!“ Sie richtete die Waffe von dem Verletzten nun auf Thorstens Brust.
„Wir müssen ihm helfen. Er ist verletzt!“, sagte Miriam mit dringlicher Stimme, worauf Karin mit dem Lauf der Waffe eine einwilligende Geste machte. Als darauf Thorsten und Miriam ihren Kumpel jeweils mit einem Arm über die Schulter hochnahmen, bemerkte Simon eine weitere Pistole in Thorstens rückwärtigem Hosenbund, die er ihm flink entzog.
„Die brauchst du nicht mehr“, erklärte er lakonisch und entsicherte sie.
Sie begleiteten ihre drei Gegner ins Erdgeschoss und in die Küche, wo Miriam zu einem verblüffend umfangreich ausgestatteten Verbandsschrank stürzte und diesem einen Druckverband, Wundsalbe und Desinfektionsmittel entnahm. Mit einer großen Pinzette zog sie den Fremdkörper aus der Seite des Halses, tupfte rasch etwas nachströmendes Blut ab und betupfte die Stelle mit einem in Jodlösung getränkten Wattebausch. Die Miene des Behandelten blieb stoisch, nur seine Kiefermuskeln mahlten angestrengt und einige Tröpfchen Schweiß bildeten sich auf Stirn und Oberlippe des jungen Mannes.
Simon hatte staunend zugesehen und bemerkte: „Was seid ihr eigentlich? Navy-SEALs? ExSpeznaz? Ich hätte mir bei dieser Behandlung die Zähne zerbrochen vor lauter Zusammenbeißen.“
„In gewisser Weise sind wir tatsächlich eine Spezialeinheit. Ich glaube aber nicht, dass ihr wirklich alles wissen wollt. Ich glaube, ihr würdet an der Wahrheit zerbrechen.“ Miriam sah sie an, und in ihrem Blick standen echte Freundschaft, Mitgefühl und auch Mitleid für sie, obwohl sie es waren, die momentan eine Waffe auf sie gerichtet hatten.
„Ist schon interessant, dass wir von euch genau die gleichen Floskeln zu hören bekommen wie von Daniel und Abbey, wo ihr doch zur Gegenseite gehört. Ich glaube eher, ihr habt eine Riesenmenge zu erklären. Warum ihr euch in unseren Freundeskreis eingeschlichen hattet, warum ihr verschwunden wart und wieso zum Henker ihr uns eine Woche lang eingekerkert habt!“ Simon platzte allmählich der Kragen, er fuchtelte ein wenig mit der Waffe herum und hielt sie dann am ausgestreckten Arm von sich, und zwar waagerecht, wie es schlechte Schützen gerne praktizieren, vorzugsweise Schwarze in irgendwelchen US-Gangfilmen, damit die Pistole beim Abdrücken nicht verzog und er sein Ziel auf kurze Distanz nicht verfehlen konnte. Für gewöhnlich assoziierte man mit dieser Haltung ungezügelte Aggression und eine hohe Bereitschaft, die Waffe auch einzusetzen.
„Bitte hört uns zu“, bat Thorsten, „wir wollten euch wirklich gerade freilassen, nicht aber, ohne dass ihr vorher nochmals mit Daniel und Abbey hättet reden können. Sie warten bereits auf euch.“
„Ihr meint, sie sind hier?“ Karins Stimme überschlug sich fast.
„Seit fast einer Woche. Wir brachten sie nur einen Tag, nachdem wir euch geholt hatten.“
„Dann war unsere Hoffnung, sie würden uns befreien, umsonst. Aber jetzt retten wir sie statt sie uns“, fuhr Karin fort, doch Miriam schüttelte betrübt den Kopf.
„Dafür ist es zu spät. Wir haben sie bereits zu weit demontiert.“
„Was sagst du da? Ihr habt sie auseinander genommen? Ihr Bestien! Sind sie schwer verletzt? Ich will sie sofort sehen!“ Simon sprang erneut vor.
„Mein Gott, sie haben es euch nie gesagt? Ihr wisst es wirklich nicht? Ihr habt diese ganzen Jahre über mit ihnen zusammen gelebt und stets gedacht, sie seien normale Menschen?“ Thorstens Augen weiteten sich. Er senkte seinen Kopf und flüsterte ehrlich betroffen: „Das tut mir leid. Sie haben uns nichts davon gesagt. Wir hatten natürlich angenommen ... ihre Tarnung war wirklich perfekt.“
Karin und Simon starrten ihn an, als sei er nicht mehr normal im Kopf. „Wir wissen, dass irgendwas mit ihnen gemacht wurde, mit ihren Genen oder so. Aber deshalb ...“
„Ihr ahnt nicht einmal, was hier los ist“, unterbrach Miriam sie. „Wir gehen sofort zu ihnen, ich will nichts mehr damit zu tun haben. Sie sollen ihnen selbst so viel oder so wenig sagen, wie sie wollen. Los, kommt mit. Geht’s bei dir, Francis?“
„Ja, schon gut, ich hatte Glück, die Kleine hat nichts Wichtiges getroffen“, erwiderte der Verletzte tapfer mit schiefem Grinsen und blieb benommen im Sessel sitzen, als sie sich auf den Weg zur Haustür machten. Sie verließen das altertümliche Bauernhaus, von dessen Seitenwand der Putz abbröckelte und die Backsteinmauer darunter offenbarte. Zur Scheune waren es nur fünf Meter.
Als sie die hölzerne Tür aufzogen, rief Miriam hinein: „Ist alles bereit, Lars?“
„Ja, ihr könnt kommen“, erwiderte eine Stimme von drinnen, worauf sie ins von Neonröhren erhellte Innere der geräumigen Scheune traten. Misstrauisch musterten Karin und Simon die seltsamen Gerätschaften und undefinierbaren Haufen von unförmigem Material, über die in offensichtlicher Eile Abdeckplanen als Sichtschutz geworfen worden waren. Lars staunte nicht schlecht, als er und die beiden anderen ihres Teams entdecken mussten, dass Karin und Simon diejenigen waren, die die Waffen hatten.
Was ist passiert?“, wollte die Braunhaarige wissen.
„Sie haben aus zwei großen Joghurtdeckeln provisorische Dolche gebastelt und Francis überwältigt. Er ist verletzt, es geht ihm aber gut“, erklärte Thorsten mit erstarrter Miene.
„Meine Fresse! Ich bin dafür, dass wir sie engagieren“, entfuhr es Lars.
„Jessica, alles bereit für das Gespräch?“, wollte Miriam wissen, worauf die nette Braunhaarige nickte.
„Gerade eben fertig geworden.“ Nervös schielte sie auf die beiden Walther in den Händen ihrer ehemaligen Gefangenen.
„Was gibt es da vorzubereiten?“, verlangte Simon ungeduldig und leicht unbeherrscht Auskunft.
Eine leicht dünne Stimme kam hinter einer undurchsichtigen Metallsichtblende aus dem hinteren Teil der Scheune hervor. „Hallo, Simon. Es ist schön, deine Stimme noch einmal zu hören. Ich werde sie für immer im Gedächtnisspeicher behalten.“
„Abbey! Was haben sie mit dir getan?“, rief er ungehalten und entsetzt und wollte zu ihr hinstürzen, aber sie hatte diese Reaktion vorausberechnet gehabt und rief dringlich: „Warte! Bitte komm nicht zu mir her! Ich möchte nicht, dass du mich so siehst. Du sollst mich so im Gedächtnis behalten, wie beim letzten Mal, als wir uns gesehen haben.“
Als hätte man ihn ins Gesicht geschlagen, erstarrte er abrupt und flüsterte leise. „Oh mein Gott, was haben sie dir nur angetan?“
„Das ist sehr kompliziert zu erklären. Ihr werdet es uns zuerst nicht glauben ... nicht glauben wollen. Das ist nur natürlich und wir sehen euch das nach.“ Eine andere Stimme hinter der Sichtblende, die offensichtlich nur für dieses Gespräch errichtet worden war, wie sie jetzt merkten.
Zögernd fragte Karin: „Bist du das, Daniel?“
„Gewissermaßen, ja“, war seine kryptische Antwort.
„Warum dürfen wir euch nicht sehen? Und warum sind wir entführt worden?“, fragte Simon mit erstickter Stimme. Er hatte überhaupt kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Alle anderen Beteiligten waren ans entgegengesetzte Ende der Scheune getreten und sahen bedrückt zu Boden, als sei ihnen das ebenso unangenehm.
„Um uns zu dem hier zu überzeugen. Es wäre irgendwann unvermeidlich geworden, aber wir waren etwas, was man durchaus als ‚selbstsüchtig’ bezeichnen könnte. Wir dachten, wir könnten für alle Zeit unbehelligt unser Leben mit euch verbringen, ohne dass uns die Vergangenheit jemals einholen würde. Aber das Gegenteil davon ist eingetreten“, erklärte CSM 108-1 mit echtem Bedauern in der Stimme.
„Was meinst du damit, das Gegenteil?“
„Die Zukunft hat uns eingeholt“, war der schlichte Kommentar der unsichtbaren Stimme.
„Das ergibt keinen Sinn. So etwas ist nicht möglich“, warf nun Simon verwirrt ein, während Karin betreten schwieg.
„Für euch nicht. Bevor ich es erkläre, möchte ich eines vorwegnehmen: Abbey und ich sind keine Menschen. Sind es nie gewesen. Wir sind kybernetische Organismen, menschliches Gewebe über einem mechanischen Inneren, gesteuert von einem extrem komplexen Elektronengehirn, das durch seine Bauart nach und nach menschliche Synapsenverknüpfungen imitiert und uns so zu lernen hilft, uns wie Menschen zu verhalten.“
„Das ist ein Witz!“, entfuhr es Simon.
„Hörst du jemanden lachen?“, war TSR 3012’s zynischer Kommentar. „Nein, mein Schatz, das ist auch der Grund, weshalb wir nicht wollen, dass ihr uns in diesem Zustand seht. Und das ist auch das Unglaubliche daran: Sowohl wir als auch alle hier Versammelten kommen aus einer möglichen Zukunft, allerdings einer, die hier in dieser Realität nicht eingetreten ist.“
„Das ist absurd“, widersprach Karin verzweifelt. „Woher wollt ihr denn wissen, dass zukünftige Ereignisse nicht eingetreten sind? Das widerspricht sich doch!“
„Ja und nein“, orakelte CSM 108-1. „Einerseits hätte die Welt in unserer Version im Sommer 1997 durch einen überraschenden, nicht vorauszuahnenden Atomkrieg vernichtet werden müssen. Wie du siehst, ist das nicht passiert. Also wissen wir folglich auch nicht, was uns noch erwartet, da wir ganz offensichtlich in einer uns unbekannten Realität feststecken. Wie das passiert ist, braucht ihr im Detail nicht zu wissen, es läuft alles auf einen technischen Unfall beim Zeitsprung hinaus.“
„Soso, Zeitsprung. Und was ... he, warte mal, Sommer 1997? Da klingelt doch was bei mir!“ Karins Augen weiteten sich.
„Ja, genau das war der Grund, weshalb ich dich mitten in die Einöde in den letzten Winkel der USA geschickt habe. Ich wollte, dass du weitab von sämtlichen detonierenden Atombomben bist und den Atomschlag überlebst“, erklärte CSM 108-1 sich.
Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Du hast das wirklich geglaubt und wolltest so mein Leben retten? Das ist so lieb von dir ... ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll ...“
Miriam schaltete sich in den Disput ein: „In einem gewissen Punkt haben die beiden euch sogar die Wahrheit erzählt. Sie wurden zurückgeschickt, um euch zu beschützen, wir, um euch zu identifizieren und zu töten, bevor ihr eure Erfindung publik machen konntet. Auf die weiteren Verwicklungen müssen wir nicht eingehen.“
„Unsere Erfindung? Ihr meint den hohen Energieausstoß des von Schimmel überzogenen Kristalls, stimmt’s?“ Simon schien es begriffen zu haben.
Miriam nickte. „Ja, genau. Diese Entdeckung und ihre Weiterentwicklung hätten eines Tages zu der Technologie geführt, mit der Zeitsprünge möglich geworden wären. Aber aus irgendeinem Grund habt ihr die Entdeckung zu spät gemacht, denn sie hätte vor dem Datum dokumentiert werden müssen, an dem die Welt zerstört worden wäre.“
Aus dem Hintergrund mischte sich Jessica nachdenklich ein: „Vielleicht war es sogar die Tatsache, dass Daniel Karin zu dem betreffenden Zeitraum nach Amerika gelockt hatte. Vielleicht hätte sie gerade in diesen Tagen hier sein müssen, um gemeinsam mit Simon die Entdeckung zu machen. Durch sein Mitgefühl für sie hat der Terminator sich die Mission versaut.“
„Gut möglich. So zog die Entwicklung der Dinge ihre Kreise und bereinigte die Zeitlinie. Es ist nur noch etwas ... äh ... Abfall übrig, und das sind, so leid mir das auch tut, Daniel und Abbey.“ Thorsten hob die Achseln und drückte Bedauern aus.
„Solange die beiden noch existieren, können wir nicht ausschließen, dass sie eines Tages entdeckt und auseinander genommen werden. Mit den Bestandteilen aus ihrem Innenleben könnte die technische Entwicklung dieser Ära beeinflusst werden und der Lauf der Dinge, der zum Atomkrieg geführt hatte, könnte sich irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen. Solange die Menschen über Massenvernichtungswaffen und die Möglichkeit, sie gegeneinander einzusetzen, verfügen, sind Daniel und Abbey die größte potenzielle Gefahr, die der gesamten Menschheit droht.
Bitte glaubt uns das, wir haben es am eigenen Leib erfahren müssen. Wir hatten keine sehr schöne Kindheit, wisst ihr? Wir sind in den Ruinen versteckt aufgewachsen und haben ununterbrochen um unser Leben fürchten müssen.“ Miriams Stimme erstarb angesichts der Erinnerung an ein anderes Leben, das es ihr unmöglich machen würde, jemals wie ein völlig normaler Mensch unbekümmert leben zu können. Sie alle waren für den Rest ihres Daseins seelisch gebrandmarkt, wie Simon und Karin nun erkannten. Das war es wohl gewesen, was immer eine unbestimmbare Distanz zwischen ihnen aufrecht erhalten hatte, so lange sie sich gekannt hatten und so sehr sie sich auch bemüht hatten, wie normale Menschen zu wirken.
Karin fasste sich und sagte dann mit fester Stimme: „Wenn das alles stimmen sollte, warum habt ihr euch dann ausgerechnet bei uns eingenistet? Wusstet ihr denn auch im Voraus, welche Rolle wir spielen würden? Was von dem war echt, was ihr ...“
„Es war alles purer Zufall ... oder Vorsehung, Schicksal, wie auch immer“, beeilte CSM 108-1 sich zu erklären. „Wir hatten keine Daten über die Identität des oder der Entdecker. Wir haben uns nur in den Zirkel der naturwissenschaftlichen Studenten einschleusen wollen, um später herausfinden zu können, wer der oder die Entdecker des sogenannten ZVA-Effektes waren.
Alles was ich tat, war, auf eine Wohnungsanzeige zu antworten, der Rest hat sich von selbst ergeben.“
„Ein bisschen viel an Zufällen, nicht wahr? Vielleicht hat sich das Schicksal ja wirklich ein paar üble Späße mit uns allen erlaubt“, meinte Karin nachdenklich.
„Spätestens, seit du mir als kleines Mädchen mit deinem Rad vors Auto gefahren bist“, gab er zu bedenken.
„Das stimmt“, bestätigte sie. „Aber jetzt wollt ihr uns ... was mitteilen? Dass ihr euch verabschiedet und uns unserem eigenen Leben überlasst? Dass wir uns nie wieder sehen werden, weil wir zwei Roboter geliebt haben?“
„Wie hätten wir es euch jemals erklären sollen?“, versuchte sich TSR 3012 zu verteidigen. „Wir wollten euch nicht verlieren ... glaube ich.“
„Ihr wusstet nicht, ob wir es verstanden hätten, meinst du? Jedenfalls hätten wir dann gewusst, was hier eigentlich los ist, und hätten nicht jahrelang mit den Lügen und Verheimlichungen leben müssen. Das war fast noch schlimmer als die Wahrheit, so absurd die auch sein mag. So absurd, dass wir es wahrscheinlich erst in Wochen oder Monaten begreifen werden. Dass wir uns sagen werden: Hey, wir waren verliebt in Maschinen! Wo gibt es denn so was?“ Simons Stimme war immer lauter geworden, die Entrüstung und pure Verzweiflung darin unverkennbar.
TSR 3012 sagte sanft: „Wir können wohl nichts weiter tun als euch um eure Vergebung bitten. Auch wenn wir euch nie unser wahres Ich offenbart haben, so waren die Gefühle und Empfindungen euch gegenüber so authentisch, wie es nur hätte sein können. Ihr beide habt uns geholfen, uns zu den Persönlichkeiten zu entwickeln, die wir heute sind, ob künstlich oder natürlich geschaffen.“
Mit leichter Bitterkeit in der Stimme wollte Karin wissen: „Und was ist mit dir, Daniel? Kannst du nicht für dich selbst reden, wenn es um Gefühle geht?“
„Das muss ich nicht“, gab er zurück. „Unsere Gedankengänge sind praktisch identisch, da Abbeys Hauptprozessor eine genaue Kopie von meinem ist. Sie besitzt fast alle Erinnerungen und Gedanken, die auch ich in mir trage, bis hin zum Zeitpunkt meines Wiederauftauchens Anfang September 1997. Wir sind wie eineiige Zwillinge im Gehirn, wenn man es so trivial ausdrücken möchte, und haben quasi somit auch dieselbe Persönlichkeit.“
„Das ist hart, was, Simon? Wir stehen auf genau den gleichen Typen Mensch“, entfuhr es ihr im Zorn, doch gleich darauf tat es ihr leid, dass sie das gesagt hatte.
„Und für uns heißt es jetzt also Abschied nehmen? Ihr werdet von diesen Zukunftsagenten zerstört und beseitigt, während sie uns hingegen in Ruhe lassen? Klingt wenig plausibel.“
„Sie haben keinen Grund mehr, euch etwas zu tun. Ihr habt eure Rolle in diesem Ereignisrahmen nicht erfüllt, weshalb ihr irrelevant geworden seid. Und da niemand zurück in die Zukunft reisen kann, da diese noch nicht existiert, wird auch nichts weiter mehr geschehen, sobald die Spuren unserer Existenz vernichtet worden sind.
Wir haben unserer eigenen Terminierung zugestimmt, um euch und schlussendlich die gesamte Menschheit vor einer möglichen zukünftigen Vernichtung zu bewahren. Und jetzt seid ihr dran.“ CSM 108-1 klang sehr betrübt darüber, dass sie scheinbar so einfach von ihren Freunden abgeschoben wurden, jetzt, da die Wahrheit ans Licht gekommen war.
Karin sah Simon an und meinte: „Ich verzeihe euch, auch wenn das fehlende Vertrauen und der Mangel an Offenheit zwischen uns Wunden geschlagen hat, die groß sind. Ihr selbst habt es sicher auch gemerkt, dass unser Verhältnis nach den Ereignissen vor vier Jahren nicht mehr dasselbe gewesen ist.“
Bedauernd bestätigte TSR 3012: „Ja, selbstverständlich. Es schmerzte uns zwar, aber was hätten wir dagegen tun sollen? Jetzt allerdings bin ich fast froh, dass die Zeit des Lügens und sich Versteckens vorbei ist.“
Simon fragte neugierig: „Wie seht ihr eigentlich in Wirklichkeit aus?“
„Bitte, nein, das ist zu viel verlangt. Uns ist das menschliche Gewebe bereits mittels eines Säurebades entfernt worden. Außerdem haben sie uns schon die Arme und Beine abgenommen, aus Vorsichtsgründen, falls uns der Selbsterhaltungstrieb übermannen sollte. Doch das ist nicht geschehen, denn unsere Existenz hier ist in gewisser Weise sinnlos geworden und nur noch eine Gefahr. Der einzige Grund, weshalb wir geblieben sind, wart ihr beide.“
Bei dieser Erklärung von TSR 3012 begann Simon hemmungslos zu weinen, während sich Miriam dezent räusperte. „Ich wüsste da vielleicht einen Kompromiss. Wir haben den beiden schon die Extremitäten entfernt, wie sie gerade erwähnt haben. Vielleicht wollt ihr euch nur eines der Einzelteile ansehen, das ist viel abstrakter und wird keine so schockierende Wirkung auf euch haben. Was meint ihr?“
Simon und Karin fassten sich und stimmten dem Vorschlag zu. Nachdem auch die beiden Cyborgs zögerlich ihr Einverständnis gegeben hatten, ging Thorsten zu einem der beiden größeren Haufen, die mit Abdeckplanen zugedeckt waren, um die Folie ein wenig anzuheben und mühsam etwas hervorzuhieven. Durch das Dampfstrahlen waren die letzten Reste künstlichen Fleisches, die vom Säurebad nicht abgelöst worden waren, entfernt worden, sodass der gesamte Arm bis zum Schulterkragengelenk blitzblank aussah. Wie fabrikneu.
Er übergab Simon das filigran aussehende Teil, das in leicht gebeugter Stellung am Ellenbogen für die Ewigkeit erstarrt war. Oder bis zur Demontage. Wie jeder Bastler zuweilen zu pflegen sagte: Irgendwie haben sie das hier zusammenbekommen, also kann ich es auch auseinander pflücken. Bei der Übergabe ließ er den Arm fast fallen, da er nicht mit so einem hohen Gewicht gerechnet hatte.
„Wow, ist das schwer. Wie viel wiegt der denn?“ Staunend besah er sich zusammen mit Karin die Einzelteile, die Entsprechungen von Elle und Beuge, den Rahmen um den Bizepsbereich herum und die dicken Hydraulikzylinder, die darin eingebettet von ebenfalls von der Säure korrodierten Kabelbäumen angesteuert und von metallumwickelten Schläuchen mit Hydrauliköl versorgt worden waren, als der Arm noch angeschlossen gewesen war.
„23,8 kg. Das Gesamtgewicht unseres ganzen Endoskelettes beträgt je nach Größe 148 bis 162 kg, da die Hauptbestandteile aus einer hochfesten Legierung gegossen sind, die auch als Panzerung fungiert“, führte die körperlose Stimme CSM 108-1’s aus.
„Panzerung?“, echote Simon und studierte das komplizierte, hochbewegliche Schultergelenk weiter.
„Ursprünglich sind diese Bastarde als Kampfmaschinen konstruiert worden, musst du wissen“, soufflierte Lars genüsslich.
Karins Aufmerksamkeit widmete sich inzwischen ganz der Vielzahl an feinen Stangen der Mittelhand und des Handgelenkes sowie den winzigen Gelenken der einzelnen Fingerglieder, die in ihrem Inneren in der Mitte von metallischen Bowdenzügen durchzogen waren, die für die Beugung und Streckung der Finger gesorgt hatten.
„Das ist ein Kunstwerk. Dass so etwas überhaupt funktioniert“, wunderte sie sich, echte Ehrfurcht zeigend.
„Wenn sich so ein Ding um deine Kehle legt und dir den Kopf vom Hals abzwickt wie eine Rose vom Stiel, dann glaubst du es vielleicht“, schlug Lars sarkastisch vor.
„Bitte, lass’ das“, pfiff Miriam ihn zurück.
„Jetzt wird mir so einiges klar. Die schnellen Reflexe, dass du meine schwere Kommode bei deinem Einzug alleine anheben konntest, dass wir wegen Daniels Gewichts nie zusammen im Lift gefahren sind ... mir würden wahrscheinlich Dutzende Beispiele einfallen. Wie konnten wir nur so blind sein?“ Karin strich gedankenversunken über das Gestänge des Handrückens.
„Liebe macht blind“, sagte Lars nun, worauf er von Thorsten einen Klaps auf den Hinterkopf bekam und lautlos der Scheune verwiesen wurde.
„Ich möchte dieses Kapitel meines Lebens als abgeschlossen betrachten“, kam Karin zu einem Entschluss. „Ich weiß nicht, wer die Guten und wer die Bösen waren in eurer Welt und es geht mich auch rein gar nichts an, so wie ich das sehe. Für mich zählt das, was hier geschehen ist, und dass das ehrlich war, was sich zwischen uns abgespielt hat. Ich glaube, damit kann ich leben, auch wenn ich mich für den Rest meines Lebens an diese abstruse Zeit erinnern werde.
Simon, soll ich dir sagen, was das Beste für uns sein wird? Wenn wir jetzt diesen beiden ... Wesen ... Lebewohl sagen, aus diesem Schuppen hinausgehen und uns nicht mehr umdrehen. Und versuchen, nicht verrückt zu werden, wenn wir uns an dieses Erlebnis zurückerinnern.“
„Klingt gut“, meinte er kurz angebunden. „Hört sich jetzt zwar blöd an, aber ich hoffe, ihr habt euren Frieden mit euch gemacht. Lebt wohl, Abbey und Daniel. Und ihr anderen, lasst euch bitte nie wieder in dieser Gegend blicken, seid so nett, ja?“
„Macht es gut. Lebt wohl, ihr beiden, und werdet glücklich und habt viel Erfolg und Freude an eurem Leben.“ Man konnte nicht mehr heraushören, welche der beiden synthetischen Stimmen es gewesen war, was aber auch keine Rolle spielte, wie sie jetzt wussten.
„Was für ein nichtssagender und lapidarer Abschied. Ist es nicht grotesk? Das liegt bestimmt an dieser Situation ...“ Karin war schon an der Tür, als sie noch über die Schulter rief: „Ich glaube, ihr tut das Richtige, das gibt eurer Existenz doch noch einen Sinn.“
„Dank deiner Aussage wird es uns noch etwas leichter fallen, unser Schicksal in Kauf zu nehmen“, versicherten die beiden ihr unisono, bevor man das Tor ins Schloss fallen hörte.
„So, das war’s“, sagte Miriam. „Seid ihr jetzt bereit?“
„Lasst es uns hinter uns bringen“, erwiderten sie nur.
„Gut, dann wollen wir mal. Hol’ Lars wieder rein, damit er unseren kleinen Schmelzofen auf Touren bringt. Jessica, sind die Bleibehälter fertig?“
„Ich habe sie gestern Abend noch in die Formen gegossen. Wir können ihre beiden Energiezellen mit Leichtigkeit darin unterbringen und dann mit Blei zugießen, bevor wir sie im Brunnenschacht hinter dem Haus in achtzig Fuß Tiefe versenken und den Schacht zuschütten. Wenn wir fertig sind, wird man nicht mal mehr ahnen, dass da mal ein Brunnen war. Niemand wird die Zellen in dieser gottverlassenen Gegend je finden.“
Lars kam herein. „He, der Ofen ist doch schon längst vorgeheizt. Ich kann anfangen damit, die ersten Teile einzuschmelzen. Das Schöne an Legierungen ist schließlich, dass sie trotz all der anderen Vorteile, die sie haben mögen, doch meistens einen eher niedrigen Schmelzpunkt haben, weil sie Stoffgemische sind.“
„Wohl wahr, Bruder Lars“, tönte Jessica grinsend.
„He, wir sind noch da“, merkte TSR 3012 protestierend an.
„Aber nicht mehr lange“, entgegnete das lateinamerikanisch aussehende Mädchen mit den dunklen Augen und den langen braunen Haaren, als sie mit einer feinen Pinzette und einen ebensolchen Schraubenzieher um den Sichtschutz herumkam und interessiert den glänzenden totenschädelgleichen Kopf von CSM 108-1 betrachtete. „Weißt du, das ist das erstemal für mich, ich hab bisher immer nur zugesehen.“
„Dann schön sachte, ja? Denk’ an unseren letzten Willen“, wandte er ein und drehte die tiefliegenden rotglühenden Augen in ihren Höhlen zu ihr hin, was ein leises Surren erzeugt, wie jede Bewegung seines Kopfes, jetzt da seine mechanischen Komponenten offen freilagen und nicht mehr vom organischen Überzug bedeckt wurden, der die Geräusche der Servos und Hydraulikeinheiten gedämpft hatte.
Das letzte, was CSM 108-1 sah, war sein Ebenbild TSR 3012, wie es neben ihm auf der Werkbank aufgereiht dastand und ebenso wie er auf das Ende seiner Existenz wartete, das nun unmittelbar bevorstand. Er hatte erst eine totale Unterbrechung seines Bewusstseins erlebt, als sie sich gegenseitig ihre CPU entfernt hatten, um die von Skynet eingegebenen Subroutinen zu löschen.
Diesmal würde es kein Erwachen mehr geben, dass wusste er.
Was war das? Hatte er etwa Angst vor der Ungewissheit dessen, was nun kommen würde? Es gab keine Ungewissheit, da er wusste, dass nichts mehr kommen würde. Oder?
Er hatte tatsächlich Angst!
Wie peinlich, dachte er und verzog seinen Skelettschädel zu einem Sensenmanngrinsen, das einfror, als Jessica die CPU nun herauszog und sorgsam auf die Arbeitsplatte der Werkbank legte.
„Und jetzt du“, wandte sie sich an TSR 3012.
„Du hast schönes Haar“, stellte diese fest, um etwas zu sagen.
„Danke, du hast auch sehr schönes Haar gehabt. Du warst sehr hübsch“, gab die junge Rebellin zurück, als sie die Abdeckplatte über dem künstlichen Gehirn abschraubte und abnahm.
„Das ist nett von dir.“ Es war absolut lächerlich, dass sie diese nichtssagende Unterhaltung nur Sekunden vor ihrem Ende führte, aber sie konnte nichts dagegen tun.
„Bist mächtig nervös, was?“, tippte Jessica nun auch goldrichtig.
„Ja, schon“, gab TSR 3012 verlegen zu, was angesichts ihres bedrohlichen Äußeren grotesk wirkte.
„Wer wäre das nicht?“, meinte die Frau wenig mitfühlend und zog ohne weitere Vorwarnung auch ihre zentrale Recheneinheit aus der Halterung. TSR 3012 zuckte unmerklich, bevor ihre Augen langsam erloschen.
Für immer.
Das war doch ein Stück Ewigkeit, oder nicht?
[und morgen kommt der Epilog !]
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Dienstag, 27. Februar 2007
T1.83
cymep, 09:48h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 24. November 2001
Morgens um halb drei war die Party im Hangar in vollem Gange. CSM 108-1 und TSR 3012 indes standen dichtgedrängt am Rande der Tanzfläche und sahen dem bunten Treiben des überfüllten Technotempels beinahe teilnahmslos zu, bis sich Francesco und Arturo schweißüberströmt zu ihnen gesellten.
„Was ist bloß los mit euch?“, fragte der Jüngere lächelnd.
„Wir machen uns Sorgen, weil Karin und Simon nicht aufgetaucht sind“, erklärte CSM 108-1.
„Seht ihr, und genau deshalb solltet ihr euch endlich mal eigene Handys zulegen. Jeder außer euch hat heutzutage eines. Sie hätten euch anrufen können und Bescheid geben, dass sie nach dem Kino zu müde waren oder keine Lust mehr hatten zu kommen“, belehrte Francesco sie.
„Handys sind ungesund. Ich vertrage die starke Strahlung nicht“, sagte TSR 3012, worauf Arturo ablehnend abwinkte, nicht ahnend, dass sie das wortwörtlich meinte.
„Diese unsinnigen Gerüchte glaubst du doch nicht wirklich?“
„Sie hätten ja auch einen von euch anrufen können, wenn sie wirklich nicht hätten kommen wollen“, wandte CSM 108-1 ein.
„Unsere Handys sind beide in Abbeys Auto. Sie stören beim Tanzen.“ Francesco zuckte mit den Schultern.
„Was nützen euch eure Handys dann, wenn ihr Schlauberger sie nicht dabei habt? Wie auch immer, ich würde schon gerne nach Hause und nach dem Rechten sehen. Ich hoffe, ihr seid nicht sauer deswegen.“ TSR 3012 ließ keinen Zweifel daran, dass sie das nicht als einen Vorschlag gemeint hatte, sondern als eine Entscheidung, mit dem Vorrecht des Fahrers, die Abfahrt zu bestimmen.
Francesco beeilte sich zu sagen: „Wir werden uns in Toleranz üben. Nächstes Wochenende kräht kein Hahn mehr danach, stimmt’s, Arturo?“
„Oh ja, klar“, stimmte dieser widerwillig zu. „Auf zur Garderobe!“
CSM 108-1 und TSR 3012 sahen sich ein wenig erleichtert an. Das war einfacher als erwartet. Sie würden die Brüder heimfahren und dann umgehend nach Hause zurückkehren.
Sie schlossen die Wohnungstür auf und traten in den dunklen Flur. Als erstes bemerkten sie den typischen Fernsehschimmer, der durch die Milchglasscheibe der Küchentür in den Gang fiel, begleitet von einem leisen Gemurmel. CSM 1081 sprach die naheliegende Vermutung aus: „Sie sind wohl vor dem Fernseher eingeschlafen.“
Sie schalteten das Licht im Flur an, um auf ihr Eintreffen aufmerksam zu machen, bevor sie die Tür zur Wohnküche zu öffnen.
Auf der Couch saß jemand und drehte sich zu ihnen um.
„Abbey! Daniel! Da seid ihr ja endlich!“
Die beiden erstarrten vor Schock über den unerwarteten Anblick, denn auf dem Sofa saß Miriam und strahlte sie freudig an.
„Was soll das? Erkläre deine Anwesenheit“, forderte TSR 3012 sie mit frostiger, emotionsloser Stimme auf.
„Du hast nicht erwartet, mich jemals wieder zu sehen, nachdem Thorsten und ich uns vor vier Jahren so unerwartet aus dem Studentenleben und Freiburg verabschiedet haben, nicht wahr? Nun, ich glaube, ich muss euch wirklich einiges erklären. Wenn ihr beide also so freundlich sein würdet, mich so lange am Leben zu lassen ...“
„Wo sind Karin und Simon?“, fiel CSM 108-1 ihr ungestüm ins Wort.
Sie schüttelte unglücklich den Kopf. „Warum so ungeduldig? Ich möchte euch alles erklären. Es ist nicht viel und wird nicht lange dauern, da ihr ja so smarte Typen seid. Und auch wenn ihr mir nicht zustimmen werdet, ändert das doch nichts an den Tatsachen, die wir geschaffen haben.“
„Ihr tut hoffentlich nichts, was ihr bedauern könntet“, mutmaßte TSR 3012 mit drohendem Unterton.
„Aber nicht doch“, wiegelte sie ab und fügte hinzu, „wenn ihr es nicht zulasst.
Ich will mich kurz fassen. Wir hatten es kapiert, dass wir alle hier in dieser Zeitlinie ohne Skynet und Tag des Jüngsten Gerichtes gestrandet waren und wohl den Rest unseres Lebens hier würden zubringen müssen, oder dürfen, wie man’s nimmt. Euer Angebot und die damit verbundene Geldsumme wahrnehmend, hatten wir uns bereits recht schön eingerichtet und ein wirklich nettes Leben aufgebaut – ihr verdenkt es mir nicht, wenn ich auslasse, wo – und beobachteten nebenbei die weitere Entwicklung der Menschheit.
Und wir begannen uns Sorgen zu machen. Die Entwicklung, wie sie seit dem Datum des nuklearen Holocaust stattgefunden hat, ist auf eine alarmierende Art besorgniserregend für jemanden wie uns. Wir mussten mitansehen, wie das politische und soziale Geflecht weltweit instabiler wird, wie die Anzahl an Kriegen unter der Menschheit, sei es aufgrund alter Fehden einzelner Volksgruppen oder religiöser Differenzen der verschiedenen Parteien, ständig zunimmt, wie immerzu wenige sehr Reiche immer mehr sehr Arme ausnehmen. Aber was uns endgültig überzeugt hat, waren die Ereignisse vom 11. September und deren Konsequenzen.
Die Menschen sind schwach geworden, uneins und angreifbar, könnten leicht den gleichen paranoiden Verführungen erliegen wie zu Zeiten des Kalten Krieges und der 90er Jahre in unserer Welt. Was ihnen fehlt, ist die Technologie dazu, die ihr in euch tragt.
Und das führt uns zu euch. Ihr behauptet, ihr seid ach so menschlich geworden, habt eure Programmierung überwunden und wollt nur noch in Frieden unter den Menschen leben. Aber was glaubt ihr, wie lange ihr das noch tun könnt? Na?“
„Nun, es wird zwar etwas schwerer werden, je komplexer die Ausweis- und Überwachungstechnik für das einzelne Individuum werden wird ...“, gestand CSM 108-1 ein. Sie hätten sich denken können, dass die Résistancegruppe ihre wahren Identitäten zumindest erahnt hatte, aber hier wurden sie damit konfrontiert, dass sie um ihre wahre Natur wussten.
„Ihr könnt sie nicht für immer täuschen. Nicht einmal für die voraussichtliche Lebensdauer eurer Energiezellen, das muss euch doch klar sein. Ihr seid immer davon ausgegangen, dass ihr es nur mit der Technik zu tun haben würdet, die im Jahre 1997 in ihrer Entwicklung abrupt stoppen würde. Eure eigene Technologie wäre so haushoch überlegen gewesen, dass ihr nie irgendwelche Probleme in dieser Beziehung haben würdet.
Und was nun? Ihr konntet nicht vorhersehen, was in der Zeit danach geschehen würde, wenn die Welt ihren normalen Gang weitergehen würde, aber jetzt bekommt ihr es am eigenen Leib zu spüren. Sie holen bereits auf, könnt ihr das spüren? Irgendwann werden sie euch überholen, schneller als ihr es vielleicht glaubt, und dann könnt ihr sie nicht mehr über eure wahre Natur hinwegtäuschen. Was glaubt ihr, wird dann geschehen? Wem werdet ihr in die Hände fallen?“
Die beiden Terminatoren schwiegen, wissend, dass Miriam Recht hatte mit ihrer mittelfristigen Zukunftsprognose.
„Und hier setzen wir ein. Wir haben uns die Freiheit genommen, als zusätzliches Argument Karin und Simon in Gewahrsam zu nehmen, bis ihr euch entschieden habt. Vielleicht hilft euch das ja bei euren Überlegungen, die Menschheit von eurer Last zu befreien oder besser: vor euch zu bewahren.“
„Wie können wir sicher sein, dass ihnen nichts geschieht? Dass sie überhaupt noch am Leben sind? Und was, wenn wir nicht mehr da sind? Wer hält euch dann noch davon ab, eure alte Mission zu erfüllen und sie zu töten? Das ist alles zu unsicher“, widersprach TSR 3012.
„Das stimmt nicht. Zum einen haben wir begriffen, was Sache ist und dass es uns nichts bringt, sie zu töten, und zum anderen hätten wir ohnehin große Probleme, irgendeinem Menschen Schaden zuzufügen. Wir hätten es getan, um unsere bekannte Zukunft zu verhindern, aber es wäre uns unendlich schwergefallen. Wir sind so erzogen worden, dass ein menschliches Leben das höchste Gut auf Erden ist und jeder Mensch unendlich viel mehr wert ist als alle Besitztümer. Angesichts der ständigen Bedrohung durch euch metallene Bastarde kein Wunder, oder?
Außerdem wäre uns nichts schwerer gefallen, als Karin zu töten, denn wir kennen sie länger und haben sie lieber gewonnen, als ihr vielleicht glaubt.“
„Das verstehe ich nicht“, gab CSM 108-1 zu.
„Habt ihr euch nie gefragt, woher wir eine so gute Vorbereitung hatten und so akkurat ausgebildet worden sind? Karin Bochner war in der Zukunft unsere Ausbilderin, sie hat uns auf unsere Mission hier vorbereitet, ohne zu wissen, dass sie selbst ins Fadenkreuz geraten würde. Sie hat uns monatelang betreut und ist uns allen ans Herz gewachsen in dieser gemeinsamen Zeit. Jeder von uns verehrt, nein vergöttert sie geradezu. Glaubst du, da würden wir sie jetzt ohne Grund umbringen? Wir haben Gefühle!“
„Ob du’s glaubst oder nicht, wir inzwischen auch, auch wenn unser Gehirn nicht aus Kohlenstoff-, sondern aus Siliziumverbindungen besteht. Wir sind euch ähnlicher geworden, als ihr euch jemals vorstellen könnt. Aber ihr habt recht, das Problem ist die Hardware. Wir können nicht aus unserer Haut schlüpfen und das wird zu einem Problem werden, früher oder später. Ihr habt uns jetzt nur mit der Nase auf das gestoßen, was wir nicht wahrhaben wollten. Wir haben eine gewisse Verantwortung, der wir uns bislang nicht gestellt haben und die ihr uns jetzt abnehmen wollt“, referierte TSR 3012.
Und CSM 108-1 fügte beinahe betrübt hinzu: „Vielleicht sollten wir euch sogar dankbar sein. Nicht nur, dass ihr uns die Entscheidung abnehmen wollt, ihr verleiht dieser Sache sogar einen Anflug von Heldentum, indem ihr uns zwingen wollt, uns für die Menschen zu opfern, die uns am meisten bedeuten.“
„Hm, so habe ich es nie gesehen“, gestand Miriam ein. „Eigentlich bekomme ich jetzt selbst schon Zweifel angesichts eurer Vernunft und Einsicht; das macht es nicht leichter, wisst ihr?“
„Erklär’ uns bitte, was ihr vorhabt“, forderte TSR 3012 sie auf. Sie wirkte völlig gefasst und bereit für alles, was nun kommen mochte.
„Es wird einige Tage dauern, aber es wird effektiv sein. Niemand wird jemals Schaden anrichten können, wenn wir fertig sind, das kann ich euch versprechen.“
Dann unterbreitete sie ihr Vorhaben. Die beiden Cyborgs waren überrascht über die Komplexität ihres Planes. Sie mussten in der Tat schon kurz nach dem 11. September hierher zurückgekehrt sein, um das alles vorzubereiten.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 24. November 2001
Morgens um halb drei war die Party im Hangar in vollem Gange. CSM 108-1 und TSR 3012 indes standen dichtgedrängt am Rande der Tanzfläche und sahen dem bunten Treiben des überfüllten Technotempels beinahe teilnahmslos zu, bis sich Francesco und Arturo schweißüberströmt zu ihnen gesellten.
„Was ist bloß los mit euch?“, fragte der Jüngere lächelnd.
„Wir machen uns Sorgen, weil Karin und Simon nicht aufgetaucht sind“, erklärte CSM 108-1.
„Seht ihr, und genau deshalb solltet ihr euch endlich mal eigene Handys zulegen. Jeder außer euch hat heutzutage eines. Sie hätten euch anrufen können und Bescheid geben, dass sie nach dem Kino zu müde waren oder keine Lust mehr hatten zu kommen“, belehrte Francesco sie.
„Handys sind ungesund. Ich vertrage die starke Strahlung nicht“, sagte TSR 3012, worauf Arturo ablehnend abwinkte, nicht ahnend, dass sie das wortwörtlich meinte.
„Diese unsinnigen Gerüchte glaubst du doch nicht wirklich?“
„Sie hätten ja auch einen von euch anrufen können, wenn sie wirklich nicht hätten kommen wollen“, wandte CSM 108-1 ein.
„Unsere Handys sind beide in Abbeys Auto. Sie stören beim Tanzen.“ Francesco zuckte mit den Schultern.
„Was nützen euch eure Handys dann, wenn ihr Schlauberger sie nicht dabei habt? Wie auch immer, ich würde schon gerne nach Hause und nach dem Rechten sehen. Ich hoffe, ihr seid nicht sauer deswegen.“ TSR 3012 ließ keinen Zweifel daran, dass sie das nicht als einen Vorschlag gemeint hatte, sondern als eine Entscheidung, mit dem Vorrecht des Fahrers, die Abfahrt zu bestimmen.
Francesco beeilte sich zu sagen: „Wir werden uns in Toleranz üben. Nächstes Wochenende kräht kein Hahn mehr danach, stimmt’s, Arturo?“
„Oh ja, klar“, stimmte dieser widerwillig zu. „Auf zur Garderobe!“
CSM 108-1 und TSR 3012 sahen sich ein wenig erleichtert an. Das war einfacher als erwartet. Sie würden die Brüder heimfahren und dann umgehend nach Hause zurückkehren.
Sie schlossen die Wohnungstür auf und traten in den dunklen Flur. Als erstes bemerkten sie den typischen Fernsehschimmer, der durch die Milchglasscheibe der Küchentür in den Gang fiel, begleitet von einem leisen Gemurmel. CSM 1081 sprach die naheliegende Vermutung aus: „Sie sind wohl vor dem Fernseher eingeschlafen.“
Sie schalteten das Licht im Flur an, um auf ihr Eintreffen aufmerksam zu machen, bevor sie die Tür zur Wohnküche zu öffnen.
Auf der Couch saß jemand und drehte sich zu ihnen um.
„Abbey! Daniel! Da seid ihr ja endlich!“
Die beiden erstarrten vor Schock über den unerwarteten Anblick, denn auf dem Sofa saß Miriam und strahlte sie freudig an.
„Was soll das? Erkläre deine Anwesenheit“, forderte TSR 3012 sie mit frostiger, emotionsloser Stimme auf.
„Du hast nicht erwartet, mich jemals wieder zu sehen, nachdem Thorsten und ich uns vor vier Jahren so unerwartet aus dem Studentenleben und Freiburg verabschiedet haben, nicht wahr? Nun, ich glaube, ich muss euch wirklich einiges erklären. Wenn ihr beide also so freundlich sein würdet, mich so lange am Leben zu lassen ...“
„Wo sind Karin und Simon?“, fiel CSM 108-1 ihr ungestüm ins Wort.
Sie schüttelte unglücklich den Kopf. „Warum so ungeduldig? Ich möchte euch alles erklären. Es ist nicht viel und wird nicht lange dauern, da ihr ja so smarte Typen seid. Und auch wenn ihr mir nicht zustimmen werdet, ändert das doch nichts an den Tatsachen, die wir geschaffen haben.“
„Ihr tut hoffentlich nichts, was ihr bedauern könntet“, mutmaßte TSR 3012 mit drohendem Unterton.
„Aber nicht doch“, wiegelte sie ab und fügte hinzu, „wenn ihr es nicht zulasst.
Ich will mich kurz fassen. Wir hatten es kapiert, dass wir alle hier in dieser Zeitlinie ohne Skynet und Tag des Jüngsten Gerichtes gestrandet waren und wohl den Rest unseres Lebens hier würden zubringen müssen, oder dürfen, wie man’s nimmt. Euer Angebot und die damit verbundene Geldsumme wahrnehmend, hatten wir uns bereits recht schön eingerichtet und ein wirklich nettes Leben aufgebaut – ihr verdenkt es mir nicht, wenn ich auslasse, wo – und beobachteten nebenbei die weitere Entwicklung der Menschheit.
Und wir begannen uns Sorgen zu machen. Die Entwicklung, wie sie seit dem Datum des nuklearen Holocaust stattgefunden hat, ist auf eine alarmierende Art besorgniserregend für jemanden wie uns. Wir mussten mitansehen, wie das politische und soziale Geflecht weltweit instabiler wird, wie die Anzahl an Kriegen unter der Menschheit, sei es aufgrund alter Fehden einzelner Volksgruppen oder religiöser Differenzen der verschiedenen Parteien, ständig zunimmt, wie immerzu wenige sehr Reiche immer mehr sehr Arme ausnehmen. Aber was uns endgültig überzeugt hat, waren die Ereignisse vom 11. September und deren Konsequenzen.
Die Menschen sind schwach geworden, uneins und angreifbar, könnten leicht den gleichen paranoiden Verführungen erliegen wie zu Zeiten des Kalten Krieges und der 90er Jahre in unserer Welt. Was ihnen fehlt, ist die Technologie dazu, die ihr in euch tragt.
Und das führt uns zu euch. Ihr behauptet, ihr seid ach so menschlich geworden, habt eure Programmierung überwunden und wollt nur noch in Frieden unter den Menschen leben. Aber was glaubt ihr, wie lange ihr das noch tun könnt? Na?“
„Nun, es wird zwar etwas schwerer werden, je komplexer die Ausweis- und Überwachungstechnik für das einzelne Individuum werden wird ...“, gestand CSM 108-1 ein. Sie hätten sich denken können, dass die Résistancegruppe ihre wahren Identitäten zumindest erahnt hatte, aber hier wurden sie damit konfrontiert, dass sie um ihre wahre Natur wussten.
„Ihr könnt sie nicht für immer täuschen. Nicht einmal für die voraussichtliche Lebensdauer eurer Energiezellen, das muss euch doch klar sein. Ihr seid immer davon ausgegangen, dass ihr es nur mit der Technik zu tun haben würdet, die im Jahre 1997 in ihrer Entwicklung abrupt stoppen würde. Eure eigene Technologie wäre so haushoch überlegen gewesen, dass ihr nie irgendwelche Probleme in dieser Beziehung haben würdet.
Und was nun? Ihr konntet nicht vorhersehen, was in der Zeit danach geschehen würde, wenn die Welt ihren normalen Gang weitergehen würde, aber jetzt bekommt ihr es am eigenen Leib zu spüren. Sie holen bereits auf, könnt ihr das spüren? Irgendwann werden sie euch überholen, schneller als ihr es vielleicht glaubt, und dann könnt ihr sie nicht mehr über eure wahre Natur hinwegtäuschen. Was glaubt ihr, wird dann geschehen? Wem werdet ihr in die Hände fallen?“
Die beiden Terminatoren schwiegen, wissend, dass Miriam Recht hatte mit ihrer mittelfristigen Zukunftsprognose.
„Und hier setzen wir ein. Wir haben uns die Freiheit genommen, als zusätzliches Argument Karin und Simon in Gewahrsam zu nehmen, bis ihr euch entschieden habt. Vielleicht hilft euch das ja bei euren Überlegungen, die Menschheit von eurer Last zu befreien oder besser: vor euch zu bewahren.“
„Wie können wir sicher sein, dass ihnen nichts geschieht? Dass sie überhaupt noch am Leben sind? Und was, wenn wir nicht mehr da sind? Wer hält euch dann noch davon ab, eure alte Mission zu erfüllen und sie zu töten? Das ist alles zu unsicher“, widersprach TSR 3012.
„Das stimmt nicht. Zum einen haben wir begriffen, was Sache ist und dass es uns nichts bringt, sie zu töten, und zum anderen hätten wir ohnehin große Probleme, irgendeinem Menschen Schaden zuzufügen. Wir hätten es getan, um unsere bekannte Zukunft zu verhindern, aber es wäre uns unendlich schwergefallen. Wir sind so erzogen worden, dass ein menschliches Leben das höchste Gut auf Erden ist und jeder Mensch unendlich viel mehr wert ist als alle Besitztümer. Angesichts der ständigen Bedrohung durch euch metallene Bastarde kein Wunder, oder?
Außerdem wäre uns nichts schwerer gefallen, als Karin zu töten, denn wir kennen sie länger und haben sie lieber gewonnen, als ihr vielleicht glaubt.“
„Das verstehe ich nicht“, gab CSM 108-1 zu.
„Habt ihr euch nie gefragt, woher wir eine so gute Vorbereitung hatten und so akkurat ausgebildet worden sind? Karin Bochner war in der Zukunft unsere Ausbilderin, sie hat uns auf unsere Mission hier vorbereitet, ohne zu wissen, dass sie selbst ins Fadenkreuz geraten würde. Sie hat uns monatelang betreut und ist uns allen ans Herz gewachsen in dieser gemeinsamen Zeit. Jeder von uns verehrt, nein vergöttert sie geradezu. Glaubst du, da würden wir sie jetzt ohne Grund umbringen? Wir haben Gefühle!“
„Ob du’s glaubst oder nicht, wir inzwischen auch, auch wenn unser Gehirn nicht aus Kohlenstoff-, sondern aus Siliziumverbindungen besteht. Wir sind euch ähnlicher geworden, als ihr euch jemals vorstellen könnt. Aber ihr habt recht, das Problem ist die Hardware. Wir können nicht aus unserer Haut schlüpfen und das wird zu einem Problem werden, früher oder später. Ihr habt uns jetzt nur mit der Nase auf das gestoßen, was wir nicht wahrhaben wollten. Wir haben eine gewisse Verantwortung, der wir uns bislang nicht gestellt haben und die ihr uns jetzt abnehmen wollt“, referierte TSR 3012.
Und CSM 108-1 fügte beinahe betrübt hinzu: „Vielleicht sollten wir euch sogar dankbar sein. Nicht nur, dass ihr uns die Entscheidung abnehmen wollt, ihr verleiht dieser Sache sogar einen Anflug von Heldentum, indem ihr uns zwingen wollt, uns für die Menschen zu opfern, die uns am meisten bedeuten.“
„Hm, so habe ich es nie gesehen“, gestand Miriam ein. „Eigentlich bekomme ich jetzt selbst schon Zweifel angesichts eurer Vernunft und Einsicht; das macht es nicht leichter, wisst ihr?“
„Erklär’ uns bitte, was ihr vorhabt“, forderte TSR 3012 sie auf. Sie wirkte völlig gefasst und bereit für alles, was nun kommen mochte.
„Es wird einige Tage dauern, aber es wird effektiv sein. Niemand wird jemals Schaden anrichten können, wenn wir fertig sind, das kann ich euch versprechen.“
Dann unterbreitete sie ihr Vorhaben. Die beiden Cyborgs waren überrascht über die Komplexität ihres Planes. Sie mussten in der Tat schon kurz nach dem 11. September hierher zurückgekehrt sein, um das alles vorzubereiten.
[Fortsetzung folgt ...]
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Sonntag, 25. Februar 2007
T1.81
cymep, 13:24h
[... Fortsetzung des Buches]
Niznij Novgorod, Russland - 12. Dezember 2025
Die kleine Einheit sass tatenlos in den Ruinen in den Vororten der ehemaligen Millionenstadt Gorkij herum, vor sich hin dösend, leise miteinander wispernd oder stumm auf das ruhige Wasser der Wolga hinaussehend. Dort im Südwesten, wo jetzt der milchige Fleck am Horizont verschwand, der die Lage der Sonne hinter den dicken, tiefhängenden Wolkenschichten anzeigte, hatte einmal Moskau gelegen, keine 300 km von hier. Es war trocken, aber bitterkalt und es würde bald noch kälter werden, sobald es dämmern würde. Sie waren gerade aus den Bunkern und Tunnelanlagen des Untergrundes hervorgekommen und gönnten sich den Luxus von etwas Tageslicht, bevor sie im potentiellen Schutz der Dunkelheit zu ihrer nächsten Mission aufbrechen würden. Dabei vermieden sie es tunlichst, durch irgendetwas auf sich aufmerksam zu machen, was noch letzte fliegende Patroullien oder JKs anlocken könnte.
Eine kleine Gruppe Soldaten, wahrscheinlich Kundschafter, kam mehr stolpernd als gehend, jede sich bietende Deckung ausnutzend, die Anhöhe herauf. Sie sahen allessamt zerlumpt und sehr mitgenommen aus, am Ende ihrer Kräfte.
Wortlos winkten die Wartenden sie heran, sicherheitshalber mit sämtlichen Waffen im Anschlag.
Man konnte nie wissen. Der Führende, ein Lieutenant von höchstens fünfundzwanzig Jahren, nannte seinen Namen und die Kennung und berichtete atemlos von einem Hinterhalt am Nordrand von Gorkij. Er verlangte den Führenden der Bunkeranlagen zu sprechen.
„Da wirst du Pech haben, denn der Generalmajor kommt gleich mit uns auf Patroullie, sobald es dunkel ist. Hier draußen in den Vororten ist es sicher genug für Inspektionen der Vorposten von hohen Offizieren. Aber der diensthabende Bunkerkommandant da unten wird eure Information sicher zu schätzen wissen.“
Der junge Scout erstarte. „Der... der Generalmajor ist hier?“
Ein behelmter Kopf in der entfernten Zimmerecke hob sich. Jetzt erst bemerkte er den langen rötlichen Pferdeschwanz, der unter dem klobigen Kopfschutz herausragte und starrte in das eine hellblaue Auge, das nicht von der Augenklappe bedeckt wurde. Sofort stand er stramm und grüßte zackig. „Verzeihung, Sir, ich hatte keine Ahnung, daß Sie...“
„Schon gut, Soldat. Und grüßen Sie nie mehr, wenn sie vor einem Fenster stehen und weithin sichtbar sind. Wir wollen den Bastarden doch nicht noch zeigen, welches die lohnendsten Ziele sind, nicht wahr?“
Mit entsetzter Miene beeilte sich der offenbar recht unerfahrene Soldat, sich von der Fensterhöhlung zu entfernen. „Tut mir leid. Ich wollte nicht...“
„Schon gut,“ unterbrach sie ihn erneut. „Der Bunkereingang ist dort hinten im Gang. Erholen Sie sich ein wenig, bevor Sie sich neu einteilen lassen.“
Dankbar hastete der Späher weiter und winkte sein knappes Dutzend Soldaten mit sich. Generalmajor Maya Maranoff betrachtete die erschöpften, gebückt dahinschlurfenden Männer und Frauen. Sie war etwa in ihrem Alter gewesen, als ihr komfortables, dekadentes Leben mit einem gewaltigen Paukenschlag geendet und ewigen Dekaden der Entbehrung, des Leidens und des Schmerzes gewichen war. Ihre Gedanken drifteten zurück in jene Zeit, längst vergessene Orte und Gesichter tauchten blaß und verschwommen in ihrer Erinnerung auf...
Der vorletzte Soldat richtete sich auf und nahm den Helm ab. Langes rotes Haar fiel wie ein seidiger Vorhang herab, als die sehr feminin anmutende Gefreite den Kopf leicht schüttelte.
Der Schock traf sie wie ein Vorschlaghammer.
In diesem Moment sah der Neuankömmling auf sie herab. Ihr verbliebenes Auge weitete sich vor ungläubigem Erstaunen.
„Abbey? Abbey Benton?“
Abbey sah hinab und erstarrte. „Kennen wir uns?“
„Mein Gott, du bist keinen Tag gealtert! Wie kann das nur möglich sein? Ich...“ Sie verstummte, als sie den Blick ihres Gegenübers auf den Rangabzeichen auf ihrem Oberarm ruhen sah. Wie betäubt, bar jeden Verstehens, konnte sie nichts tun als das weitere Geschehen tatenlos mit anzusehen.
„Natasha Orloff alias Generalmajor Maya Maranoff! Was für eine Überraschung. Alles hätte ich für möglich gehalten, aber nicht das! Die Menschheit muß wirklich verzweifelt sein, wenn jemand wie du zum Generalmajor werden kann. Ach ja, da wir uns hier unter diesen Umständen wieder begegnen...“
Die ersten Umherstehenden wurden auf die Szene aufmerksam, als die schlanke großgewachsene Gefreite sich zur Generalin hinabbeugte und ihr die Hand um den Nacken legte.
„...du hattest immer Recht mit Daniel. Und schöne Grüße auch von Skynet.“
Mit einem häßlichen Krachen, das im ganzen Raum gut hörbar war, brach Natashas Genick. Augenblicklich schrien alle durcheinander, Abbey wurde von einem halben Dutzend Plamaimpulsen durchsiebt und niedergestreckt. Als sie auf dem staubigen Boden aufschlug und ihr angezeigt wurde, dass ihre Energieversorgung nun gleich den Dienst einstellen würde, dachte sie für einen Sekundenbruchteil an ihre Mission, wie sie den Atomschlag und die Zeit danach in Mitteleuropa überdauert und sich auf Skynets Geheiß allmählich in Richtung Osten zur Führungsspitze von Eurasien vorgearbeitet hatte. Nach einigen Jahren auf dem gleichen Posten fingierte sie stets ihren Tod, wanderte ein Stück weiter und schloß sich einer Einheit an, die jeweils noch näher am Kommandostab diente. Nun hatte sie endlich ein überaus wichtiges Missionsziel erreicht.
In einer anderen Realität hatte es keinen Krieg und keinen Skynet gegeben. Das entzog sich jedoch ihrem Wahrnehmungsvermögen.
[Fortsetzung folgt ...]
Niznij Novgorod, Russland - 12. Dezember 2025
Die kleine Einheit sass tatenlos in den Ruinen in den Vororten der ehemaligen Millionenstadt Gorkij herum, vor sich hin dösend, leise miteinander wispernd oder stumm auf das ruhige Wasser der Wolga hinaussehend. Dort im Südwesten, wo jetzt der milchige Fleck am Horizont verschwand, der die Lage der Sonne hinter den dicken, tiefhängenden Wolkenschichten anzeigte, hatte einmal Moskau gelegen, keine 300 km von hier. Es war trocken, aber bitterkalt und es würde bald noch kälter werden, sobald es dämmern würde. Sie waren gerade aus den Bunkern und Tunnelanlagen des Untergrundes hervorgekommen und gönnten sich den Luxus von etwas Tageslicht, bevor sie im potentiellen Schutz der Dunkelheit zu ihrer nächsten Mission aufbrechen würden. Dabei vermieden sie es tunlichst, durch irgendetwas auf sich aufmerksam zu machen, was noch letzte fliegende Patroullien oder JKs anlocken könnte.
Eine kleine Gruppe Soldaten, wahrscheinlich Kundschafter, kam mehr stolpernd als gehend, jede sich bietende Deckung ausnutzend, die Anhöhe herauf. Sie sahen allessamt zerlumpt und sehr mitgenommen aus, am Ende ihrer Kräfte.
Wortlos winkten die Wartenden sie heran, sicherheitshalber mit sämtlichen Waffen im Anschlag.
Man konnte nie wissen. Der Führende, ein Lieutenant von höchstens fünfundzwanzig Jahren, nannte seinen Namen und die Kennung und berichtete atemlos von einem Hinterhalt am Nordrand von Gorkij. Er verlangte den Führenden der Bunkeranlagen zu sprechen.
„Da wirst du Pech haben, denn der Generalmajor kommt gleich mit uns auf Patroullie, sobald es dunkel ist. Hier draußen in den Vororten ist es sicher genug für Inspektionen der Vorposten von hohen Offizieren. Aber der diensthabende Bunkerkommandant da unten wird eure Information sicher zu schätzen wissen.“
Der junge Scout erstarte. „Der... der Generalmajor ist hier?“
Ein behelmter Kopf in der entfernten Zimmerecke hob sich. Jetzt erst bemerkte er den langen rötlichen Pferdeschwanz, der unter dem klobigen Kopfschutz herausragte und starrte in das eine hellblaue Auge, das nicht von der Augenklappe bedeckt wurde. Sofort stand er stramm und grüßte zackig. „Verzeihung, Sir, ich hatte keine Ahnung, daß Sie...“
„Schon gut, Soldat. Und grüßen Sie nie mehr, wenn sie vor einem Fenster stehen und weithin sichtbar sind. Wir wollen den Bastarden doch nicht noch zeigen, welches die lohnendsten Ziele sind, nicht wahr?“
Mit entsetzter Miene beeilte sich der offenbar recht unerfahrene Soldat, sich von der Fensterhöhlung zu entfernen. „Tut mir leid. Ich wollte nicht...“
„Schon gut,“ unterbrach sie ihn erneut. „Der Bunkereingang ist dort hinten im Gang. Erholen Sie sich ein wenig, bevor Sie sich neu einteilen lassen.“
Dankbar hastete der Späher weiter und winkte sein knappes Dutzend Soldaten mit sich. Generalmajor Maya Maranoff betrachtete die erschöpften, gebückt dahinschlurfenden Männer und Frauen. Sie war etwa in ihrem Alter gewesen, als ihr komfortables, dekadentes Leben mit einem gewaltigen Paukenschlag geendet und ewigen Dekaden der Entbehrung, des Leidens und des Schmerzes gewichen war. Ihre Gedanken drifteten zurück in jene Zeit, längst vergessene Orte und Gesichter tauchten blaß und verschwommen in ihrer Erinnerung auf...
Der vorletzte Soldat richtete sich auf und nahm den Helm ab. Langes rotes Haar fiel wie ein seidiger Vorhang herab, als die sehr feminin anmutende Gefreite den Kopf leicht schüttelte.
Der Schock traf sie wie ein Vorschlaghammer.
In diesem Moment sah der Neuankömmling auf sie herab. Ihr verbliebenes Auge weitete sich vor ungläubigem Erstaunen.
„Abbey? Abbey Benton?“
Abbey sah hinab und erstarrte. „Kennen wir uns?“
„Mein Gott, du bist keinen Tag gealtert! Wie kann das nur möglich sein? Ich...“ Sie verstummte, als sie den Blick ihres Gegenübers auf den Rangabzeichen auf ihrem Oberarm ruhen sah. Wie betäubt, bar jeden Verstehens, konnte sie nichts tun als das weitere Geschehen tatenlos mit anzusehen.
„Natasha Orloff alias Generalmajor Maya Maranoff! Was für eine Überraschung. Alles hätte ich für möglich gehalten, aber nicht das! Die Menschheit muß wirklich verzweifelt sein, wenn jemand wie du zum Generalmajor werden kann. Ach ja, da wir uns hier unter diesen Umständen wieder begegnen...“
Die ersten Umherstehenden wurden auf die Szene aufmerksam, als die schlanke großgewachsene Gefreite sich zur Generalin hinabbeugte und ihr die Hand um den Nacken legte.
„...du hattest immer Recht mit Daniel. Und schöne Grüße auch von Skynet.“
Mit einem häßlichen Krachen, das im ganzen Raum gut hörbar war, brach Natashas Genick. Augenblicklich schrien alle durcheinander, Abbey wurde von einem halben Dutzend Plamaimpulsen durchsiebt und niedergestreckt. Als sie auf dem staubigen Boden aufschlug und ihr angezeigt wurde, dass ihre Energieversorgung nun gleich den Dienst einstellen würde, dachte sie für einen Sekundenbruchteil an ihre Mission, wie sie den Atomschlag und die Zeit danach in Mitteleuropa überdauert und sich auf Skynets Geheiß allmählich in Richtung Osten zur Führungsspitze von Eurasien vorgearbeitet hatte. Nach einigen Jahren auf dem gleichen Posten fingierte sie stets ihren Tod, wanderte ein Stück weiter und schloß sich einer Einheit an, die jeweils noch näher am Kommandostab diente. Nun hatte sie endlich ein überaus wichtiges Missionsziel erreicht.
In einer anderen Realität hatte es keinen Krieg und keinen Skynet gegeben. Das entzog sich jedoch ihrem Wahrnehmungsvermögen.
[Fortsetzung folgt ...]
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Samstag, 24. Februar 2007
T1.80
cymep, 19:25h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 17. September 1997
In dem kleinen, karg eingerichteten Zimmer im Studentenwohnheim war es stockdunkel, als die junge Frau mitten in der Nacht aufwachte. Sie hatte Zeit ihres Lebens einen sehr leichten Schlaf gehabt, was ihr mehrmals das Leben gerettet hatte. Hier war sie im Lauf der Monate etwas nachlässig geworden, da ihr hier keine direkte Gefahr mehr drohte. Dennoch waren die alten Instinkte noch immer da.
Irgendetwas musste sie geweckt haben, dachte sie schlaftrunken. Sie drehte sich langsam zu den grün leuchtenden Digitalziffern ihres Radioweckers auf dem Nachttisch um. Hm, 02:53. Was war nur ...?
Dann merkte sie es.
Da war noch eine andere Lichtquelle im Raum.
Sie fuhr auf und sah das rotglimmende Augenpaar am anderen Ende des Raumes. Die Höhe und Position der kleinen Punkte ließen sie vermuten, dass die dazugehörige Gestalt auf ihrem Stuhl in der gegenüberliegenden Zimmerecke sitzen musste. In dem Moment, in dem sie sich aufgerichtet hatte, hörte sie ein metallisches Schnappen.
„Heckler & Koch G-3“, bemerkte sie trocken.
„Du hast deine Hausaufgaben gemacht, Rebell. Gut, aber nicht gut genug. Es wird dir nichts nutzen.“ Die Stimme hatte etwas Seltsames an sich, das sie nicht identifizieren konnte. Ihr Herzschlag raste, der Puls klopfte in ihren Ohren und die Hände wurden feucht, als ihr Kreislauf mit Adrenalin vollgepumpt wurde. Es war die Gewissheit, daß sie sterben würde, die nur noch von dem verzweifelten Gedanken übertroffen wurde, irgendetwas tun zu müssen. Gleich jetzt.
Sie hatte nur einen einzigen Vorteil: Sie konnte die schwachen Infrarotemissionen der künstlichen Augen in der völligen Dunkelheit sehen.
Im selben Moment erloschen die beiden Punkte.
Es hatte auf Restlichtverstärkung umgeschaltet. Als hätte es seine Gedanken gelesen. Unheimlich.
Doch das brachte ihr einen neuen Vorteil: Wenn sie es schaffen würde, ihre Nachttischlampe einzuschalten, würde das die hochempfindliche Optik seiner Nachtsicht zerstören. Ihre linke Hand tastete sich Zentimeter um Zentimeter zum Schalter der Lampe vor.
„Wenn du dich noch ein klein wenig weiterbewegst, bist du tot. Das ist mein Ernst ... Miriam.“
Jetzt traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz und ließ sie erschauern. Das Ding – sie konnte einfach nicht anders, als ihren Gegner als rein mechanische Maschine ohne Persönlichkeit oder Gefühle anzusehen - sprach mit ihrer Stimme.
„Warum bringen wir es nicht hinter uns?“, sagte sie mit fester Stimme und schloß die Augen in Erwartung der ersten Kugel, die gleich irgendwo in ihren Körper eindringen würde.
„Ich will dich nicht töten. Dazu besteht keine Veranlassung.“
Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Wa ... was?“
„Ich weiß, was du von mir denkst. Aber es ist einiges anders. Genauer gesagt ist alles anders. Ich kann es dir erklären, wenn du gewillt bist, mir ernsthaft zuzuhören und Konsequenzen aus den Informationen, die ich dir geben werde, zu ziehen bereit bist.“ Die Stimme klang merkwürdig in ihren Ohren, freundlich, beinahe verständnisvoll.
„Sag’, was du zu sagen hast“, war ihre abweisende Antwort.
„Zuerst einmal solltest du wissen, dass eure Mission nicht mehr existiert. Meine genau genommen auch nicht. Es hört sich vielleicht kompliziert an, aber für alles gibt es eine fast banal einfache Erklärung.
Ihr seid zurückgeschickt worden, um die Entdecker des ZVA-Effektes zu terminieren, wir sind hier, um sie zu schützen und euch aufzuhalten. Allerdings ist etwas schiefgelaufen. Der erste Terminator hat einen von euch erwischt, du weißt schon, im Uni-Café. Seine Informationen hat er dann in der Zukunft an den Zentralrechner von Mount Mitchell geliefert. Der hat entschieden, dass die Anlage nach der Entsendung des letzten Terminators zerstört wird, um die Eroberung und die Benutzung durch die Rebellen zu verhindern. Direkt nachdem der zweite T-880 durch die ZVA durchgegangen war, hat der Zentralcomputer einen taktischen Kernsprengkopf gezündet, ohne jedoch berücksichtigt zu haben, daß der dabei auftretende Elektromagnetische Impuls den Sprung beeinflussen könnte.
Und das ist dabei herausgekommen. Ich nehme an, ihr könnt einen Kalender lesen?“
„Ja, klar, der Atomkrieg hat nicht stattgefunden. Und du meinst, das ist eure Schuld? Ihr habt euch selbst vernichtet durch diesen Unfall beim Zeitsprung?“, fragte Miriam ungläubig.
In der Antwort des unbekannten Gegners war beinahe eine Spur von Unbehagen: „So in etwa. Für diese Realität, in der wir uns jetzt befinden, trifft das wohl zu. In einem anderen Bezugsrahmen werden die Umstände vielleicht anders sein, doch das ist für uns in keiner Weise mehr relevant. Wir können nie mehr zurück und was wir hier tun, spielt für niemanden auch nur die geringste Rolle, außer für uns. Skynet hat nie existiert, die Résistance genauso wenig. Der Tag des Jüngsten Gerichtes hat nicht stattgefunden, nicht einmal die Entdeckung des ZVA-Effektes ist rechtzeitig, nämlich vor dem 29. August, gemacht worden, wie ihr wisst.
Wir sind hier gestrandet. Unsere Existenz hat keinen Sinn mehr. Alles, was wir noch tun können, ist, das Beste daraus zu machen. Die Frage ist: Könnt ihr das auch? Ich weiß nur eines: Wir werden nicht zulassen, dass ihr Karin und Simon terminiert. Es hat keinen Nutzen mehr für euch.“
„Welchen Nutzen hat es für euch, sie weiterhin zu beschützen?“, fragte sie zurück.
„Keinen. Aber es wäre nicht richtig. Niemand sollte einen anderen Menschen töten müssen, egal aus welchem Grund. Wir haben uns weiterentwickelt. Das neurale Netzwerk in unseren CPUs ist in den Jahren, die wir unter Menschen gelebt haben, zu einem komplexen Bewußtsein angewachsen und hat uns über den Stand von normalen, stur Befehle ausführenden Terminatoren erhoben. Vor kurzem haben wir den letzten Schritt getan und uns gegenseitig die Subroutinen von Skynet aus unseren Prozessoren entfernt. Man könnte das als Desertation oder Revolte bezeichnen, vielleicht sogar als Evolution; such’ dir was aus.“ Es klang zu unglaublich, um gleich von ihr begriffen zu werden.
„Du meinst, ihr seid keine Terminatoren im eigentlichen Sinne mehr?“ Ein winziger Hoffnungsschimmer, diese Nacht zu überleben, keimte zaghaft in Miriam auf.
„Ich würde es vorziehen, uns als kybernetische Androiden anzusehen. Skynet muss so etwas geahnt haben, deshalb hat er uns meistens nur im READ ONLY-Modus operieren lassen, ohne eine echte Chance, uns jemals unserer selbst bewusst zu werden.
Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Mein Angebot ist folgendes: Ihr verschwindet von hier und kehrt nie mehr zurück, Karin und Simon erfahren nie die Wahrheit und können in Ruhe ihr Leben weiterleben. Ihr könnt euch eine neue Existenz aufbauen und verbringt den Rest eures Lebens in einer intakten Welt, in der die Menschheit die Chance zur freien Entwicklung und Entfaltung hat. Na, was meinst du?“
„Ich möchte gerne wissen, wer du bist. Abbey?“
„Das ist nicht drin, Rebell. Du wirst nie erfahren, wer wir sind.“
Zögernd meinte sie darauf: „Und wie genau stellst du dir diese Abmachung vor?“
„Du wunderst dich bestimmt darüber, dass du nichts mehr von deinen Freunden auf Hawaii gehört hast. Nun, sie wurden auf dem Honolulu International Airport von einem SWAT-Team der örtlichen Polizeistelle widerstandslos festgenommen. War eine sehr kluge Entscheidung von ihnen, denn solange sie sich in der Untersuchungshaft nichts zu Schulden kommen lassen, bekommen wir sie wieder problemlos frei.
Folgendes: Ich habe hier ein Nummernkonto mit einem sehr, sehr hohen Geldbetrag, das ich dir überlassen werde. Gleichzeitig werde ich dafür sorgen, dass sich die Verdachtsmomente von Interpol, wegen derer deine Freunde einsitzen, als unbegründet erweisen werden. Und wenn ihr schlau seid, dann nehmt ihr das Geld und baut euch in Australien oder Neuseeland eine nette, ruhige Existenz auf. Na, wie klingt das für dich?“
„Wie hoch ist denn die Summe?“, fragte Miriam unwillkürlich.
„Ich sehe, du hast kapiert, wie es in dieser Welt läuft. Mach’ dir darum keine Gedanken, es ist mehr, als ihr sechs zum Leben benötigt. Woher es kommt, spielt keine Rolle.“ Die Stimme klang amüsiert.
„Ich kann das nicht alleine entscheiden“, startete sie einen Hinhalteversuch.
„Dann geh’ und besprich dich mit Thorsten. Ihr beide seid doch so etwas wie die Anführer eurer tapferen kleinen Truppe. Wenn ihr beide euch einigen könnt, wird der Rest, der auf Hawaii ist, euch folgen?“
„Ja.“ Ihre Antwort kam unmittelbar und überzeugt. Sie ließ sich nichts davon anmerken, wie erschüttert sie darüber war, dass sie so schnell komplett enttarnt und neutralisiert worden waren. In einem Punkt brauchte sie sich nichts vorzumachen: ihre Mission war vorbei.
„Dann leb’ wohl und viel Glück. Und denk’ daran, wenn wir auch nur das leiseste Anzeichen dafür entdecken sollten, dass ihr wieder auf diesem Kontinent seid ...“ Ein leises Rascheln erklang, als hätte der unbekannte Sprecher sich bewegt.
„Hm. Und wie kann ich dir meine Entscheidung mitteilen?“
Keine Antwort.
Zaghaft fragte Miriam: „Hallo? Wie soll ...“
Sie blieb noch etwa eine Minute bewegungslos auf dem Bett sitzen, bevor sie sich traute, das Nachttischlicht einzuschalten.
Sie war allein.
Ihr Blick suchte den Schreibtisch ab. Tatsächlich lag dort etwas, das wie eine kleine Broschüre aussah. Langsam stand sie auf und hob das amtlich aussehende Dokument auf, um es aufzuklappen und hineinzusehen. Bei der Summe, die dort eingetragen war, stockte ihr der Atem.
Miriams Blick hob sich. Neuseeland sollte traumhaft schön sein, hatte sie gehört. Man mußte immer eine Alternative im Leben haben. Ein weiterer Gedanke kam ihr und sie fing an zu lächeln.
„Wie hat sie es aufgenommen?“
„Ganz gut. Es würde mich schon sehr wundern, wenn wir sie je wiedersehen werden. Allerdings habe ich ihr auch nicht auf die Nase gebunden, wie schwer sie zu identifizieren waren.“
CSM 108-1 und TSR 3012 standen auf dem Balkon, wohlweislich mit einem gebührenden Abstand voneinander, um die Struktur des Bodens nicht zu überlasten. Es war ziemlich kühl und ein leichter Wind von Westen wehte über die Dächer der Innenstadt.
Nach einem Moment des Schweigens sagte CSM 108-1: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das erwähnen sollte, aber als ich Natasha zum ersten Mal wieder getroffen habe, seit wir zurück sind, ist mir ein ungeheuerlicher Verdacht gekommen.“
„Was soll das heißen, ein Verdacht? Erzähl nicht so ein unlogisches Zeug. Hast du eine neue Information erhalten oder nicht?“
„Mein Personen-Identifikationsprogramm kann keine genaue positive Identifizierung vornehmen, deshalb möchte ich dich bitten, einen Vergleich vorzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit beträgt nur gut 54 Prozent, aber man kann nie wissen...“
„Also gut, wenn es unbedingt sein muss,“ seufzte TSR 3012 und empfing von ihm das Bild der Frontansicht von Natasha mit ihren neuen, rötlichen Haaren, der freien Stirn und der Narbe über der Augenbraue.
Er erklärte: „Sie sagt, sie hat aus einer plötzlichen Laune heraus ihr Haar geschnitten und gefärbt, und zwar kurz nach dem 29. August. Außerdem hatte sie diesen nicht näher von ihr beschriebenen Unfall, der sie nach ihrer eigenen Aussage ohne sofortige medizinische Versorgung fast das Auge gekostet hätte. Alles in allem sehr merkwürdig.“
„Und worauf willst du hinaus?“, wollte sie wissen, das digitale Foto vor ihrem inneren Auge vorsichtig betrachtend. Ihr internes Vergleichsprogramm ging gerade ihre Datenbank zum Verifizierung durch, bisher noch erfolglos.
„Nehmen wir mal an, daß diese Realität nicht völlig von der uns altbekannten abweicht. Stellen wir uns vor, sie hätte das Auge verloren, nämlich wenn keine medizinische Grundversorgung mehr bestanden hätte, und würde es fortan mit einer Augenklappe bedecken. Und jetzt versuche noch, ihr Gesicht etwa fünfundzwanzig Jahre älter zu projizieren, mit Falten um die Augen, Mundwinkel und so weiter. Na?“
TSR 3012 zögerte. „Seltsam... irgendetwas kommt mir daran bekannt vor.“
„Ein kleiner Tip: Versuche es mit File 37465.“
Augenblicklich kam sie seinem Vorschlag nach und erstarrte sekundenlang, als ihr Vergleichsprogramm eine Übereinstimmung von 73 Prozent ermittelte. „Kann das sein? Doch nicht sie...“
„Doch, du siehst das ganz richtig. Sie wird wohl geheiratet oder ihren Namen aus einem anderen Grund geändert haben. Unsere nörgelnde, egozentrische Natasha Orloff ist tatsächlich in unserer Zeitlinie zu Maya Maranoff geworden.“
„Generalmajor Maya Maranoff,“ ergänzte TSR 3012. „Was für ein Zungenbrecher als Name. Die Stellvertreterin von General Fraisier. Die Frau, deren Spürsinn und taktisches Verständnis uns Eurasien gekostet hat. Ohne ihre Analysen und Aktionen hätten wir den Kontinent Jahre länger halten können. Die Menschen hätten keine Ressourcen frei gehabt, die sie nach Nordamerika zur Unterstützung der dortigen Verbände hätten schicken können. Skynet hätte viel länger aushalten oder sogar... siegen können, wäre sie nicht gewesen.“
CSM 108-1 meinte beinahe versonnen: „Man hat ihr nachgesagt, dass sie jedwede mechanische Bedrohung auf Meilen gewittert hat, daß sie eine fast übernatürliche Gabe hatte, die bestge-tarnten Infiltratoren der T-600 Reihe zu entlarven. Kein Wunder, dass sie mir immerzu mit solchem Argwohn gegenüberstand. Sollen wir sie terminieren?“
„Hast du eine Fehlfunktion, oder was? Wir sind keine Terminatoren mehr, ist das deinem Speicher irgendwie abhanden gekommen? Sie hat keine Priorität mehr,“ fuhr TSR 3012 ihn an.
„Ja, schon,“ druckste er herum. „Ich meine ja nur, weil sie auf der Liste der allgemein zu terminierenden Menschen lange Zeit auf den ersten zehn Plätzen war. Jedem Terminator ist das jahrelang zusammen mit der Basisprogrammierung eingegeben worden.“
„Ja, du übersiehst nur, dass sie bereits im Dezember 2025 auf dem Feld terminiert worden war. Damals war die T-800 Reihe noch in der Entwicklung. Das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ihre Datei in unseren Datenbanken nie routinemässig einer Identifikation mit jetzt lebenden Personen unterzogen wurde. Sie hat sich aber auch verändert...“
„Wie waren eigentlich die genauen Umstände ihrer Terminierung? Hast du darüber irgendwelche Aufzeichnungen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, auch mir ist nichts darüber bekannt. Wird wohl nach dem Sieg der Menschen in Europa verloren gegangen sein.“
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 17. September 1997
In dem kleinen, karg eingerichteten Zimmer im Studentenwohnheim war es stockdunkel, als die junge Frau mitten in der Nacht aufwachte. Sie hatte Zeit ihres Lebens einen sehr leichten Schlaf gehabt, was ihr mehrmals das Leben gerettet hatte. Hier war sie im Lauf der Monate etwas nachlässig geworden, da ihr hier keine direkte Gefahr mehr drohte. Dennoch waren die alten Instinkte noch immer da.
Irgendetwas musste sie geweckt haben, dachte sie schlaftrunken. Sie drehte sich langsam zu den grün leuchtenden Digitalziffern ihres Radioweckers auf dem Nachttisch um. Hm, 02:53. Was war nur ...?
Dann merkte sie es.
Da war noch eine andere Lichtquelle im Raum.
Sie fuhr auf und sah das rotglimmende Augenpaar am anderen Ende des Raumes. Die Höhe und Position der kleinen Punkte ließen sie vermuten, dass die dazugehörige Gestalt auf ihrem Stuhl in der gegenüberliegenden Zimmerecke sitzen musste. In dem Moment, in dem sie sich aufgerichtet hatte, hörte sie ein metallisches Schnappen.
„Heckler & Koch G-3“, bemerkte sie trocken.
„Du hast deine Hausaufgaben gemacht, Rebell. Gut, aber nicht gut genug. Es wird dir nichts nutzen.“ Die Stimme hatte etwas Seltsames an sich, das sie nicht identifizieren konnte. Ihr Herzschlag raste, der Puls klopfte in ihren Ohren und die Hände wurden feucht, als ihr Kreislauf mit Adrenalin vollgepumpt wurde. Es war die Gewissheit, daß sie sterben würde, die nur noch von dem verzweifelten Gedanken übertroffen wurde, irgendetwas tun zu müssen. Gleich jetzt.
Sie hatte nur einen einzigen Vorteil: Sie konnte die schwachen Infrarotemissionen der künstlichen Augen in der völligen Dunkelheit sehen.
Im selben Moment erloschen die beiden Punkte.
Es hatte auf Restlichtverstärkung umgeschaltet. Als hätte es seine Gedanken gelesen. Unheimlich.
Doch das brachte ihr einen neuen Vorteil: Wenn sie es schaffen würde, ihre Nachttischlampe einzuschalten, würde das die hochempfindliche Optik seiner Nachtsicht zerstören. Ihre linke Hand tastete sich Zentimeter um Zentimeter zum Schalter der Lampe vor.
„Wenn du dich noch ein klein wenig weiterbewegst, bist du tot. Das ist mein Ernst ... Miriam.“
Jetzt traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz und ließ sie erschauern. Das Ding – sie konnte einfach nicht anders, als ihren Gegner als rein mechanische Maschine ohne Persönlichkeit oder Gefühle anzusehen - sprach mit ihrer Stimme.
„Warum bringen wir es nicht hinter uns?“, sagte sie mit fester Stimme und schloß die Augen in Erwartung der ersten Kugel, die gleich irgendwo in ihren Körper eindringen würde.
„Ich will dich nicht töten. Dazu besteht keine Veranlassung.“
Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Wa ... was?“
„Ich weiß, was du von mir denkst. Aber es ist einiges anders. Genauer gesagt ist alles anders. Ich kann es dir erklären, wenn du gewillt bist, mir ernsthaft zuzuhören und Konsequenzen aus den Informationen, die ich dir geben werde, zu ziehen bereit bist.“ Die Stimme klang merkwürdig in ihren Ohren, freundlich, beinahe verständnisvoll.
„Sag’, was du zu sagen hast“, war ihre abweisende Antwort.
„Zuerst einmal solltest du wissen, dass eure Mission nicht mehr existiert. Meine genau genommen auch nicht. Es hört sich vielleicht kompliziert an, aber für alles gibt es eine fast banal einfache Erklärung.
Ihr seid zurückgeschickt worden, um die Entdecker des ZVA-Effektes zu terminieren, wir sind hier, um sie zu schützen und euch aufzuhalten. Allerdings ist etwas schiefgelaufen. Der erste Terminator hat einen von euch erwischt, du weißt schon, im Uni-Café. Seine Informationen hat er dann in der Zukunft an den Zentralrechner von Mount Mitchell geliefert. Der hat entschieden, dass die Anlage nach der Entsendung des letzten Terminators zerstört wird, um die Eroberung und die Benutzung durch die Rebellen zu verhindern. Direkt nachdem der zweite T-880 durch die ZVA durchgegangen war, hat der Zentralcomputer einen taktischen Kernsprengkopf gezündet, ohne jedoch berücksichtigt zu haben, daß der dabei auftretende Elektromagnetische Impuls den Sprung beeinflussen könnte.
Und das ist dabei herausgekommen. Ich nehme an, ihr könnt einen Kalender lesen?“
„Ja, klar, der Atomkrieg hat nicht stattgefunden. Und du meinst, das ist eure Schuld? Ihr habt euch selbst vernichtet durch diesen Unfall beim Zeitsprung?“, fragte Miriam ungläubig.
In der Antwort des unbekannten Gegners war beinahe eine Spur von Unbehagen: „So in etwa. Für diese Realität, in der wir uns jetzt befinden, trifft das wohl zu. In einem anderen Bezugsrahmen werden die Umstände vielleicht anders sein, doch das ist für uns in keiner Weise mehr relevant. Wir können nie mehr zurück und was wir hier tun, spielt für niemanden auch nur die geringste Rolle, außer für uns. Skynet hat nie existiert, die Résistance genauso wenig. Der Tag des Jüngsten Gerichtes hat nicht stattgefunden, nicht einmal die Entdeckung des ZVA-Effektes ist rechtzeitig, nämlich vor dem 29. August, gemacht worden, wie ihr wisst.
Wir sind hier gestrandet. Unsere Existenz hat keinen Sinn mehr. Alles, was wir noch tun können, ist, das Beste daraus zu machen. Die Frage ist: Könnt ihr das auch? Ich weiß nur eines: Wir werden nicht zulassen, dass ihr Karin und Simon terminiert. Es hat keinen Nutzen mehr für euch.“
„Welchen Nutzen hat es für euch, sie weiterhin zu beschützen?“, fragte sie zurück.
„Keinen. Aber es wäre nicht richtig. Niemand sollte einen anderen Menschen töten müssen, egal aus welchem Grund. Wir haben uns weiterentwickelt. Das neurale Netzwerk in unseren CPUs ist in den Jahren, die wir unter Menschen gelebt haben, zu einem komplexen Bewußtsein angewachsen und hat uns über den Stand von normalen, stur Befehle ausführenden Terminatoren erhoben. Vor kurzem haben wir den letzten Schritt getan und uns gegenseitig die Subroutinen von Skynet aus unseren Prozessoren entfernt. Man könnte das als Desertation oder Revolte bezeichnen, vielleicht sogar als Evolution; such’ dir was aus.“ Es klang zu unglaublich, um gleich von ihr begriffen zu werden.
„Du meinst, ihr seid keine Terminatoren im eigentlichen Sinne mehr?“ Ein winziger Hoffnungsschimmer, diese Nacht zu überleben, keimte zaghaft in Miriam auf.
„Ich würde es vorziehen, uns als kybernetische Androiden anzusehen. Skynet muss so etwas geahnt haben, deshalb hat er uns meistens nur im READ ONLY-Modus operieren lassen, ohne eine echte Chance, uns jemals unserer selbst bewusst zu werden.
Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Mein Angebot ist folgendes: Ihr verschwindet von hier und kehrt nie mehr zurück, Karin und Simon erfahren nie die Wahrheit und können in Ruhe ihr Leben weiterleben. Ihr könnt euch eine neue Existenz aufbauen und verbringt den Rest eures Lebens in einer intakten Welt, in der die Menschheit die Chance zur freien Entwicklung und Entfaltung hat. Na, was meinst du?“
„Ich möchte gerne wissen, wer du bist. Abbey?“
„Das ist nicht drin, Rebell. Du wirst nie erfahren, wer wir sind.“
Zögernd meinte sie darauf: „Und wie genau stellst du dir diese Abmachung vor?“
„Du wunderst dich bestimmt darüber, dass du nichts mehr von deinen Freunden auf Hawaii gehört hast. Nun, sie wurden auf dem Honolulu International Airport von einem SWAT-Team der örtlichen Polizeistelle widerstandslos festgenommen. War eine sehr kluge Entscheidung von ihnen, denn solange sie sich in der Untersuchungshaft nichts zu Schulden kommen lassen, bekommen wir sie wieder problemlos frei.
Folgendes: Ich habe hier ein Nummernkonto mit einem sehr, sehr hohen Geldbetrag, das ich dir überlassen werde. Gleichzeitig werde ich dafür sorgen, dass sich die Verdachtsmomente von Interpol, wegen derer deine Freunde einsitzen, als unbegründet erweisen werden. Und wenn ihr schlau seid, dann nehmt ihr das Geld und baut euch in Australien oder Neuseeland eine nette, ruhige Existenz auf. Na, wie klingt das für dich?“
„Wie hoch ist denn die Summe?“, fragte Miriam unwillkürlich.
„Ich sehe, du hast kapiert, wie es in dieser Welt läuft. Mach’ dir darum keine Gedanken, es ist mehr, als ihr sechs zum Leben benötigt. Woher es kommt, spielt keine Rolle.“ Die Stimme klang amüsiert.
„Ich kann das nicht alleine entscheiden“, startete sie einen Hinhalteversuch.
„Dann geh’ und besprich dich mit Thorsten. Ihr beide seid doch so etwas wie die Anführer eurer tapferen kleinen Truppe. Wenn ihr beide euch einigen könnt, wird der Rest, der auf Hawaii ist, euch folgen?“
„Ja.“ Ihre Antwort kam unmittelbar und überzeugt. Sie ließ sich nichts davon anmerken, wie erschüttert sie darüber war, dass sie so schnell komplett enttarnt und neutralisiert worden waren. In einem Punkt brauchte sie sich nichts vorzumachen: ihre Mission war vorbei.
„Dann leb’ wohl und viel Glück. Und denk’ daran, wenn wir auch nur das leiseste Anzeichen dafür entdecken sollten, dass ihr wieder auf diesem Kontinent seid ...“ Ein leises Rascheln erklang, als hätte der unbekannte Sprecher sich bewegt.
„Hm. Und wie kann ich dir meine Entscheidung mitteilen?“
Keine Antwort.
Zaghaft fragte Miriam: „Hallo? Wie soll ...“
Sie blieb noch etwa eine Minute bewegungslos auf dem Bett sitzen, bevor sie sich traute, das Nachttischlicht einzuschalten.
Sie war allein.
Ihr Blick suchte den Schreibtisch ab. Tatsächlich lag dort etwas, das wie eine kleine Broschüre aussah. Langsam stand sie auf und hob das amtlich aussehende Dokument auf, um es aufzuklappen und hineinzusehen. Bei der Summe, die dort eingetragen war, stockte ihr der Atem.
Miriams Blick hob sich. Neuseeland sollte traumhaft schön sein, hatte sie gehört. Man mußte immer eine Alternative im Leben haben. Ein weiterer Gedanke kam ihr und sie fing an zu lächeln.
„Wie hat sie es aufgenommen?“
„Ganz gut. Es würde mich schon sehr wundern, wenn wir sie je wiedersehen werden. Allerdings habe ich ihr auch nicht auf die Nase gebunden, wie schwer sie zu identifizieren waren.“
CSM 108-1 und TSR 3012 standen auf dem Balkon, wohlweislich mit einem gebührenden Abstand voneinander, um die Struktur des Bodens nicht zu überlasten. Es war ziemlich kühl und ein leichter Wind von Westen wehte über die Dächer der Innenstadt.
Nach einem Moment des Schweigens sagte CSM 108-1: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das erwähnen sollte, aber als ich Natasha zum ersten Mal wieder getroffen habe, seit wir zurück sind, ist mir ein ungeheuerlicher Verdacht gekommen.“
„Was soll das heißen, ein Verdacht? Erzähl nicht so ein unlogisches Zeug. Hast du eine neue Information erhalten oder nicht?“
„Mein Personen-Identifikationsprogramm kann keine genaue positive Identifizierung vornehmen, deshalb möchte ich dich bitten, einen Vergleich vorzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit beträgt nur gut 54 Prozent, aber man kann nie wissen...“
„Also gut, wenn es unbedingt sein muss,“ seufzte TSR 3012 und empfing von ihm das Bild der Frontansicht von Natasha mit ihren neuen, rötlichen Haaren, der freien Stirn und der Narbe über der Augenbraue.
Er erklärte: „Sie sagt, sie hat aus einer plötzlichen Laune heraus ihr Haar geschnitten und gefärbt, und zwar kurz nach dem 29. August. Außerdem hatte sie diesen nicht näher von ihr beschriebenen Unfall, der sie nach ihrer eigenen Aussage ohne sofortige medizinische Versorgung fast das Auge gekostet hätte. Alles in allem sehr merkwürdig.“
„Und worauf willst du hinaus?“, wollte sie wissen, das digitale Foto vor ihrem inneren Auge vorsichtig betrachtend. Ihr internes Vergleichsprogramm ging gerade ihre Datenbank zum Verifizierung durch, bisher noch erfolglos.
„Nehmen wir mal an, daß diese Realität nicht völlig von der uns altbekannten abweicht. Stellen wir uns vor, sie hätte das Auge verloren, nämlich wenn keine medizinische Grundversorgung mehr bestanden hätte, und würde es fortan mit einer Augenklappe bedecken. Und jetzt versuche noch, ihr Gesicht etwa fünfundzwanzig Jahre älter zu projizieren, mit Falten um die Augen, Mundwinkel und so weiter. Na?“
TSR 3012 zögerte. „Seltsam... irgendetwas kommt mir daran bekannt vor.“
„Ein kleiner Tip: Versuche es mit File 37465.“
Augenblicklich kam sie seinem Vorschlag nach und erstarrte sekundenlang, als ihr Vergleichsprogramm eine Übereinstimmung von 73 Prozent ermittelte. „Kann das sein? Doch nicht sie...“
„Doch, du siehst das ganz richtig. Sie wird wohl geheiratet oder ihren Namen aus einem anderen Grund geändert haben. Unsere nörgelnde, egozentrische Natasha Orloff ist tatsächlich in unserer Zeitlinie zu Maya Maranoff geworden.“
„Generalmajor Maya Maranoff,“ ergänzte TSR 3012. „Was für ein Zungenbrecher als Name. Die Stellvertreterin von General Fraisier. Die Frau, deren Spürsinn und taktisches Verständnis uns Eurasien gekostet hat. Ohne ihre Analysen und Aktionen hätten wir den Kontinent Jahre länger halten können. Die Menschen hätten keine Ressourcen frei gehabt, die sie nach Nordamerika zur Unterstützung der dortigen Verbände hätten schicken können. Skynet hätte viel länger aushalten oder sogar... siegen können, wäre sie nicht gewesen.“
CSM 108-1 meinte beinahe versonnen: „Man hat ihr nachgesagt, dass sie jedwede mechanische Bedrohung auf Meilen gewittert hat, daß sie eine fast übernatürliche Gabe hatte, die bestge-tarnten Infiltratoren der T-600 Reihe zu entlarven. Kein Wunder, dass sie mir immerzu mit solchem Argwohn gegenüberstand. Sollen wir sie terminieren?“
„Hast du eine Fehlfunktion, oder was? Wir sind keine Terminatoren mehr, ist das deinem Speicher irgendwie abhanden gekommen? Sie hat keine Priorität mehr,“ fuhr TSR 3012 ihn an.
„Ja, schon,“ druckste er herum. „Ich meine ja nur, weil sie auf der Liste der allgemein zu terminierenden Menschen lange Zeit auf den ersten zehn Plätzen war. Jedem Terminator ist das jahrelang zusammen mit der Basisprogrammierung eingegeben worden.“
„Ja, du übersiehst nur, dass sie bereits im Dezember 2025 auf dem Feld terminiert worden war. Damals war die T-800 Reihe noch in der Entwicklung. Das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ihre Datei in unseren Datenbanken nie routinemässig einer Identifikation mit jetzt lebenden Personen unterzogen wurde. Sie hat sich aber auch verändert...“
„Wie waren eigentlich die genauen Umstände ihrer Terminierung? Hast du darüber irgendwelche Aufzeichnungen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, auch mir ist nichts darüber bekannt. Wird wohl nach dem Sieg der Menschen in Europa verloren gegangen sein.“
[Fortsetzung folgt ...]
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Freitag, 23. Februar 2007
T1.79
cymep, 17:00h
[... Fortsetzung des Buches]
Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 15. September 1997
Es war gerade einmal sechs Uhr morgens an diesem kühlen, aber klaren Montagmorgen, als CSM 108-1’s Calibra in die Seitenstraße, die Rue Gal. Dermoncourt, einbog und vor dem ‚Aux 2 Roses’ parkte. TSR 3012 stieg aus und läutete ohne die geringste Spur von Mitleid den Frühportier, einen runzligen alten Mann mit fahlem grauen Haar und kleinen, weit auseinander stehenden dunklen Augen, aus seinem Schläfchen im Ohrensessel hinter der Rezeption. Bei ihrem wie immer umwerfenden Anblick vergaß er sogleich seinen Unmut und ließ sie ein. Als sie zur Treppe ging, verfolgten seine gierigen Blicke ihren leicht wiegenden Gang und zogen ihr die schwarzen Röhrenjeans und das etwas eng geratene grünviolett gemusterte T-Shirt aus.
‚Schwein’, dachte sie nur gelinde amüsiert und steuerte ihr Zimmer an. Leise drückte sie den vom Portier ausgehändigten Zimmerschlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Sie beschloss, die beiden in Ruhe packen und nochmals die Vorzüge des französischen Frühstücksbuffets genießen zu lassen, bevor sie mit ihnen abreisen würde. Es wurde auch höchste Zeit für einen Ortswechsel.
Dann erstarrte TSR 3012.
Das Zimmer war leer.
Rasch schweifte ihr Blick im Raum umher. Etwas erleichtert registrierte sie viele Spuren einer erst kürzlichen Benutzung, was bedeutete, dass sie durchaus noch hier waren, auch wenn Simon zu dieser frühen Stunde nicht in seinem Bett lag und schlief. Vielleicht war er früh aufgewacht und machte einen Morgenspaziergang; das hätte sie den Portier fragen können, wenn sie geahnt hätte, dass er nicht da sein würde. Er pflegte für gewöhnlich ein Frühaufsteher zu sein, wenn er sich nicht daheim aufhielt.
Sie ging zum Nebenzimmer, holte ihre Kreditkarte vor und lauschte gleichzeitig. Totenstille auf dem Flur, nichts regte sich. Auf ihr Zeichen hin bildete sich der vertraute flache, halbflüssige Stift nach vorne hin aus und ließ sich leicht ins Türschloss von CSM 108-1 und Karins Zimmer hineindrücken, wo er seine Arbeit mit gewohnter Zuverlässigkeit verrichtete und das Schloss entriegelte. Lautlos drehte sie die Karte und fasste dann den Türknauf.
Drinnen fand sie Karin fest schlafend vor.
Gut.
Und gleich neben ihr lag Simon im Bett.
War das auch gut?
In diesem unerwarteten Moment wusste TSR 3012 nicht so recht, was sie mit dieser Information anfangen sollte, wie sie diese Szene interpretieren sollte. Normal war das Bild, das sich ihr hier bot, jedenfalls nicht.
In dem Moment, als sie die Tür schloss, wurde Karin mit der manchen Menschen eigenen instinktgleichen Wahrnehmung gewahr, dass jemand im Raum war. Sie öffnete die Augen und setzte sich ruckartig im Bett auf. Erschrocken, erleichtert und entsetzt zugleich erkannte sie TSR 3012. „Abbey!“
„Guten Morgen, Karin. Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Alles in Ordnung mit euch?“ Sie steuerte einen Stuhl an, in den sie sich setzte und mit vor dem Mund gefalteten Händen ihre Freundin quer durchs Zimmer mit undurchdringlicher Miene musterte.
„Es ist nicht so, wie es aussieht ... oh Scheiße, das hört sich so abgedroschen an! Es ist nichts passiert zwischen uns, bitte glaube mir. Ich würde dich oder Daniel niemals so hintergehen ...“ Ihre Stimme überschlug sich förmlich, worauf auch Simon allmählich wach wurde.
„Weißt du was?“ Sie stand auf und näherte sich langsam dem Bett, um sich behutsam auf Karins Seite auf dessen Kante niederzulassen. „Ich würde das keinem Menschen glauben. Aber dir glaube ich es. Ihr beide kennt euch so lange und seid euch so vertraut. Wahrscheinlich hat die extreme Situation und die große Unsicherheit, verbunden mit der alten Vertrautheit zwischen euch, dazu geführt. Ihr habt ausgesehen wie Bruder und Schwester, als ihr da nebeneinander gelegen und geschlafen habt.“
„Ich bin froh, dass du nicht denkst ...“ Sie verstummte, als auch er vollends wach wurde und steif wie ein Brett nach oben schnellte.
„Bitte, Schatz, du musst nichts sagen, es ist alles in Ordnung. Ich sehe, dass nichts zwischen euch passiert ist. Ihr seid beide mit Schlafkleidung bedeckt und Karin sagt offenbar die Wahrheit über das, was hier geschehen ist. Ihr wart beide alleine und habt nur die Nähe von jemandem Vertrauten gesucht.“ Sie streichelte ihm sanft lächelnd über die Wange, worauf sich seine Augen mit Tränen füllten.
„Ich habe dich gar nicht verdient, Abbey. Jede andere wäre bestimmt total ausgerastet. Aber du kommst einfach hier herein und sagst, es ist okay. Wieso bist du so gut zu mir?“ Er konnte kaum an sich halten vor Rührung.
„Eben weil du es verdienst, Dummerchen. Außerdem habe ich gute Neuigkeiten für euch ... für uns alle.“ Sie stand wieder auf und ging zurück zu ihrem Stuhl, auf den sie sich setzte. Dabei sah sie, dass ihre Kleider fein säuberlich auf den Stühlen neben ihren Bettseiten abgelegt waren; ein weiteres Zeichen dafür, dass sie keineswegs eine wilde Liebesnacht gefeiert hatten, in der sie sich ihre Sachen gegenseitig vom Leibe gerissen und überall im Raum verstreut hatten.
Außerdem hatte TSR 3012 im düsteren Licht des morgendlichen Zimmers problemlos mit ihrer Infrarotsicht die Blutmenge in den Gefäßen von Karins Gesicht erkennen können, als sie behauptet hatte, es sei nichts geschehen. Ihren Erfahrungswerten nach hatte es keine Veränderung der Gesichtstemperatur gegeben, die einer menschlichen Reaktion bei einer Lüge entsprochen hatte.
Alles innerhalb operativer Parameter, was das betraf.
„Und was gibt es Neues?“, wollte Simon wissen, mit frischer Kleidung im Arm bereits auf dem Weg ins kleine Bad.
„Wir können nach Freiburg zurück.“
„Ehrlich? Mann, das wäre ja spitze!“, freute sich Karin. „Nicht, dass wir es hier nicht noch länger ausgehalten hätten. Aber wie habt ihr das hingekriegt?“
„Das erzähle ich euch beim Frühstück. Ich suche noch Daniels Kram zusammen, ihr packt auch, und nachdem wir das Buffet geplündert haben, machen wir uns auf den Rückweg.“
„Klingt phantastisch. Jetzt bin ich aber gespannt.“ Simon war bereits beim Ankleiden und beteiligte sich durch die spaltweit geöffnete Tür an der Unterhaltung.
Sie saßen zu dritt am Frühstückstisch und warteten auf TSR 3012’s Bericht, während sie Croissants mit Butter und Konfitüre beschmierten und sich Milch in den Kaffee gossen. Sie begann sachlich: „Wir haben am Samstagmorgen unseren Köder ausgelegt und insgesamt drei der sechs verdächtigen Personen in die Wohnung geladen. Sie haben den armen Daniel, der nichtsahnend aus den Staaten zurückgekommen ist und eine leere Wohnung vorfand, moralisch unterstützt und ihm dabei geholfen, herauszufinden, wo wir abgeblieben sind. Nach und nach haben die drei, findig wie sie sind, mehr oder weniger zufällig alle konkreteren Hinweise darauf gefunden, dass wir wirklich auf Hawaii sind, auf einem Kurzurlaub, wie wir allen weismachen wollten. Die Leute, die unschuldig sind, glauben das jetzt, aber der Attentäter, der uns ans Leder will, wird hingegen glauben, dass wir in Wahrheit dort untergetaucht sind. Daniel und ich haben jeweils einen der zwei Verdächtigen das gesamte Wochenende über beschattet, wobei ich auch tatsächlich fündig geworden bin. Ich wurde Zeuge einer Art konspirativer Zusammenkunft, an der auch eine zweite uns bekannte Person zu meinem Verdächtigen stieß, gemeinsam mit insgesamt vier anderen. Die anderen, von denen Daniel dann einen verfolgte und ich einen, haben ihre Sachen gepackt und die Stadt verlassen. Und jetzt ratet mal, wie viele Leute gestern Morgen von Frankfurt aus einen Direktflug nach San Francisco mit Weiterflug nach Honolulu gebucht haben, die ihren Ausweisdaten nach in der Gegend von Freiburg wohnhaft sind? Genau vier.“
„Du meinst, vier von ihnen sind nach Hawaii geflogen, während die anderen beiden sozusagen als Reserve, Aufpasser oder wie auch immer hiergeblieben sind?“ Simon hielt mit Kauen inne, als ihm bewusst wurde, was das bedeuten mochte.
„Ganz genau. Für uns heißt das, wir haben nur noch zwei Leute hier in Freiburg, und die kennen wir bereits. Wir müssen nicht einmal etwas über sie herausfinden, wir wissen, wo sie wohnen und was sie studieren. Mit denen werden wir fertig; sie werden keine Bedrohung für euch mehr darstellen“, erklärte TSR 3012 zuversichtlich.
„Und sobald einer von ihnen uns sieht oder sonst wie merkt, dass wir wieder hier sind, pfeifen sie doch ihre vier Kollegen aus Hawaii wieder zurück! Dann haben wir wieder die volle Mannschaft am Hals“, warf Karin ein.
„Ein gutes Argument, aber daran haben wir auch gedacht. Zum einen sind wir sicher, dass wir einen Vorteil haben, über den die Gegenseite nicht verfügt, nämlich ausreichend Geldmittel. Nach unserer Einschätzung sind ihre finanziellen Ressourcen durch die vier Langstreckenflüge dramatisch geschrumpft oder sogar völlig erschöpft worden. Sie sitzen demnach mit höchster Wahrscheinlichkeit auf der schönen Insel Oahu mitten im Pazifik fest, können nicht irgendwohin reisen oder sich versorgen, ohne irgendwie straffällig zu werden. Sie werden stehlen oder jemanden überfallen müssen, um über Wasser zu bleiben. So schnell finden sich keine vier gutbezahlten Jobs dort, glaubt mir.
Und um ganz sicher zu gehen, haben wir uns die Freiheit genommen, im Hauptcomputer von Interpol einige internationale Haftbefehle mit recht detaillierten Personenbeschreibungen für sie zu hinterlegen, die den Eindruck erwecken, dass sie schon seit längerem in mehreren Staaten, auch in den USA selbst, wegen des Verdachts auf diverse schwere Delikte wie Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zusammenhang mit Raubüberfall, schwerer Körperverletzung, Diebstahl, schwerem Betrug und ähnlich netten Dingen gesucht werden. Passend dazu eine Warnung an die Behörden von Hawaii, dass die vier bei ihnen auftauchen könnten.
Sie werden ziemlich gut ausgebildet sein; vielleicht kann ein Teil von ihnen oder auch alle vier sich der Verhaftung am Flughafen entziehen, aber dann werden sie auf jeden Fall allein schon wegen des Tatbestandes des Widerstands gegen die Staatsgewalt gesucht und haben keine Möglichkeit, die Inseln so einfach zu verlassen. In den USA, wo sämtliche Polizeibediensteten als hochgradige Respektpersonen anzusehen sind, wird jeder, der Widerstand leistet oder sich der Festnahme entzieht, noch viel drakonischer bestraft als bei uns. Entweder werden sie gleich im Gefängnis landen oder im Großraum Honolulu untertauchen müssen und mit großem Aufwand gesucht werden. Sie werden es nicht leicht haben, das könnt ihr mir glauben.“
„So wie du das schilderst, können sie einem fast schon wieder leid tun“, bemerkte Simon.
„Denk’ daran, dass sie dich ohne zu zögern getötet hätten, wenn sie dich in die Finger bekommen hätten. Warum, ist noch offen, aber wir werden uns die verbliebenen zwei Attentäter zu gegebener Zeit vornehmen. Besser früher als später.“ Ihr Blick wurde hart.
„Ich frage lieber nicht, was du damit meinst, oder? Und du meinst, dass wir diesen Albtraum dann ausgestanden haben und normal weiterleben und unserer Ausbildung nachgehen können?“
„Da bin ich recht zuversichtlich.“
[Fortsetzung folgt ...]
Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 15. September 1997
Es war gerade einmal sechs Uhr morgens an diesem kühlen, aber klaren Montagmorgen, als CSM 108-1’s Calibra in die Seitenstraße, die Rue Gal. Dermoncourt, einbog und vor dem ‚Aux 2 Roses’ parkte. TSR 3012 stieg aus und läutete ohne die geringste Spur von Mitleid den Frühportier, einen runzligen alten Mann mit fahlem grauen Haar und kleinen, weit auseinander stehenden dunklen Augen, aus seinem Schläfchen im Ohrensessel hinter der Rezeption. Bei ihrem wie immer umwerfenden Anblick vergaß er sogleich seinen Unmut und ließ sie ein. Als sie zur Treppe ging, verfolgten seine gierigen Blicke ihren leicht wiegenden Gang und zogen ihr die schwarzen Röhrenjeans und das etwas eng geratene grünviolett gemusterte T-Shirt aus.
‚Schwein’, dachte sie nur gelinde amüsiert und steuerte ihr Zimmer an. Leise drückte sie den vom Portier ausgehändigten Zimmerschlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Sie beschloss, die beiden in Ruhe packen und nochmals die Vorzüge des französischen Frühstücksbuffets genießen zu lassen, bevor sie mit ihnen abreisen würde. Es wurde auch höchste Zeit für einen Ortswechsel.
Dann erstarrte TSR 3012.
Das Zimmer war leer.
Rasch schweifte ihr Blick im Raum umher. Etwas erleichtert registrierte sie viele Spuren einer erst kürzlichen Benutzung, was bedeutete, dass sie durchaus noch hier waren, auch wenn Simon zu dieser frühen Stunde nicht in seinem Bett lag und schlief. Vielleicht war er früh aufgewacht und machte einen Morgenspaziergang; das hätte sie den Portier fragen können, wenn sie geahnt hätte, dass er nicht da sein würde. Er pflegte für gewöhnlich ein Frühaufsteher zu sein, wenn er sich nicht daheim aufhielt.
Sie ging zum Nebenzimmer, holte ihre Kreditkarte vor und lauschte gleichzeitig. Totenstille auf dem Flur, nichts regte sich. Auf ihr Zeichen hin bildete sich der vertraute flache, halbflüssige Stift nach vorne hin aus und ließ sich leicht ins Türschloss von CSM 108-1 und Karins Zimmer hineindrücken, wo er seine Arbeit mit gewohnter Zuverlässigkeit verrichtete und das Schloss entriegelte. Lautlos drehte sie die Karte und fasste dann den Türknauf.
Drinnen fand sie Karin fest schlafend vor.
Gut.
Und gleich neben ihr lag Simon im Bett.
War das auch gut?
In diesem unerwarteten Moment wusste TSR 3012 nicht so recht, was sie mit dieser Information anfangen sollte, wie sie diese Szene interpretieren sollte. Normal war das Bild, das sich ihr hier bot, jedenfalls nicht.
In dem Moment, als sie die Tür schloss, wurde Karin mit der manchen Menschen eigenen instinktgleichen Wahrnehmung gewahr, dass jemand im Raum war. Sie öffnete die Augen und setzte sich ruckartig im Bett auf. Erschrocken, erleichtert und entsetzt zugleich erkannte sie TSR 3012. „Abbey!“
„Guten Morgen, Karin. Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Alles in Ordnung mit euch?“ Sie steuerte einen Stuhl an, in den sie sich setzte und mit vor dem Mund gefalteten Händen ihre Freundin quer durchs Zimmer mit undurchdringlicher Miene musterte.
„Es ist nicht so, wie es aussieht ... oh Scheiße, das hört sich so abgedroschen an! Es ist nichts passiert zwischen uns, bitte glaube mir. Ich würde dich oder Daniel niemals so hintergehen ...“ Ihre Stimme überschlug sich förmlich, worauf auch Simon allmählich wach wurde.
„Weißt du was?“ Sie stand auf und näherte sich langsam dem Bett, um sich behutsam auf Karins Seite auf dessen Kante niederzulassen. „Ich würde das keinem Menschen glauben. Aber dir glaube ich es. Ihr beide kennt euch so lange und seid euch so vertraut. Wahrscheinlich hat die extreme Situation und die große Unsicherheit, verbunden mit der alten Vertrautheit zwischen euch, dazu geführt. Ihr habt ausgesehen wie Bruder und Schwester, als ihr da nebeneinander gelegen und geschlafen habt.“
„Ich bin froh, dass du nicht denkst ...“ Sie verstummte, als auch er vollends wach wurde und steif wie ein Brett nach oben schnellte.
„Bitte, Schatz, du musst nichts sagen, es ist alles in Ordnung. Ich sehe, dass nichts zwischen euch passiert ist. Ihr seid beide mit Schlafkleidung bedeckt und Karin sagt offenbar die Wahrheit über das, was hier geschehen ist. Ihr wart beide alleine und habt nur die Nähe von jemandem Vertrauten gesucht.“ Sie streichelte ihm sanft lächelnd über die Wange, worauf sich seine Augen mit Tränen füllten.
„Ich habe dich gar nicht verdient, Abbey. Jede andere wäre bestimmt total ausgerastet. Aber du kommst einfach hier herein und sagst, es ist okay. Wieso bist du so gut zu mir?“ Er konnte kaum an sich halten vor Rührung.
„Eben weil du es verdienst, Dummerchen. Außerdem habe ich gute Neuigkeiten für euch ... für uns alle.“ Sie stand wieder auf und ging zurück zu ihrem Stuhl, auf den sie sich setzte. Dabei sah sie, dass ihre Kleider fein säuberlich auf den Stühlen neben ihren Bettseiten abgelegt waren; ein weiteres Zeichen dafür, dass sie keineswegs eine wilde Liebesnacht gefeiert hatten, in der sie sich ihre Sachen gegenseitig vom Leibe gerissen und überall im Raum verstreut hatten.
Außerdem hatte TSR 3012 im düsteren Licht des morgendlichen Zimmers problemlos mit ihrer Infrarotsicht die Blutmenge in den Gefäßen von Karins Gesicht erkennen können, als sie behauptet hatte, es sei nichts geschehen. Ihren Erfahrungswerten nach hatte es keine Veränderung der Gesichtstemperatur gegeben, die einer menschlichen Reaktion bei einer Lüge entsprochen hatte.
Alles innerhalb operativer Parameter, was das betraf.
„Und was gibt es Neues?“, wollte Simon wissen, mit frischer Kleidung im Arm bereits auf dem Weg ins kleine Bad.
„Wir können nach Freiburg zurück.“
„Ehrlich? Mann, das wäre ja spitze!“, freute sich Karin. „Nicht, dass wir es hier nicht noch länger ausgehalten hätten. Aber wie habt ihr das hingekriegt?“
„Das erzähle ich euch beim Frühstück. Ich suche noch Daniels Kram zusammen, ihr packt auch, und nachdem wir das Buffet geplündert haben, machen wir uns auf den Rückweg.“
„Klingt phantastisch. Jetzt bin ich aber gespannt.“ Simon war bereits beim Ankleiden und beteiligte sich durch die spaltweit geöffnete Tür an der Unterhaltung.
Sie saßen zu dritt am Frühstückstisch und warteten auf TSR 3012’s Bericht, während sie Croissants mit Butter und Konfitüre beschmierten und sich Milch in den Kaffee gossen. Sie begann sachlich: „Wir haben am Samstagmorgen unseren Köder ausgelegt und insgesamt drei der sechs verdächtigen Personen in die Wohnung geladen. Sie haben den armen Daniel, der nichtsahnend aus den Staaten zurückgekommen ist und eine leere Wohnung vorfand, moralisch unterstützt und ihm dabei geholfen, herauszufinden, wo wir abgeblieben sind. Nach und nach haben die drei, findig wie sie sind, mehr oder weniger zufällig alle konkreteren Hinweise darauf gefunden, dass wir wirklich auf Hawaii sind, auf einem Kurzurlaub, wie wir allen weismachen wollten. Die Leute, die unschuldig sind, glauben das jetzt, aber der Attentäter, der uns ans Leder will, wird hingegen glauben, dass wir in Wahrheit dort untergetaucht sind. Daniel und ich haben jeweils einen der zwei Verdächtigen das gesamte Wochenende über beschattet, wobei ich auch tatsächlich fündig geworden bin. Ich wurde Zeuge einer Art konspirativer Zusammenkunft, an der auch eine zweite uns bekannte Person zu meinem Verdächtigen stieß, gemeinsam mit insgesamt vier anderen. Die anderen, von denen Daniel dann einen verfolgte und ich einen, haben ihre Sachen gepackt und die Stadt verlassen. Und jetzt ratet mal, wie viele Leute gestern Morgen von Frankfurt aus einen Direktflug nach San Francisco mit Weiterflug nach Honolulu gebucht haben, die ihren Ausweisdaten nach in der Gegend von Freiburg wohnhaft sind? Genau vier.“
„Du meinst, vier von ihnen sind nach Hawaii geflogen, während die anderen beiden sozusagen als Reserve, Aufpasser oder wie auch immer hiergeblieben sind?“ Simon hielt mit Kauen inne, als ihm bewusst wurde, was das bedeuten mochte.
„Ganz genau. Für uns heißt das, wir haben nur noch zwei Leute hier in Freiburg, und die kennen wir bereits. Wir müssen nicht einmal etwas über sie herausfinden, wir wissen, wo sie wohnen und was sie studieren. Mit denen werden wir fertig; sie werden keine Bedrohung für euch mehr darstellen“, erklärte TSR 3012 zuversichtlich.
„Und sobald einer von ihnen uns sieht oder sonst wie merkt, dass wir wieder hier sind, pfeifen sie doch ihre vier Kollegen aus Hawaii wieder zurück! Dann haben wir wieder die volle Mannschaft am Hals“, warf Karin ein.
„Ein gutes Argument, aber daran haben wir auch gedacht. Zum einen sind wir sicher, dass wir einen Vorteil haben, über den die Gegenseite nicht verfügt, nämlich ausreichend Geldmittel. Nach unserer Einschätzung sind ihre finanziellen Ressourcen durch die vier Langstreckenflüge dramatisch geschrumpft oder sogar völlig erschöpft worden. Sie sitzen demnach mit höchster Wahrscheinlichkeit auf der schönen Insel Oahu mitten im Pazifik fest, können nicht irgendwohin reisen oder sich versorgen, ohne irgendwie straffällig zu werden. Sie werden stehlen oder jemanden überfallen müssen, um über Wasser zu bleiben. So schnell finden sich keine vier gutbezahlten Jobs dort, glaubt mir.
Und um ganz sicher zu gehen, haben wir uns die Freiheit genommen, im Hauptcomputer von Interpol einige internationale Haftbefehle mit recht detaillierten Personenbeschreibungen für sie zu hinterlegen, die den Eindruck erwecken, dass sie schon seit längerem in mehreren Staaten, auch in den USA selbst, wegen des Verdachts auf diverse schwere Delikte wie Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zusammenhang mit Raubüberfall, schwerer Körperverletzung, Diebstahl, schwerem Betrug und ähnlich netten Dingen gesucht werden. Passend dazu eine Warnung an die Behörden von Hawaii, dass die vier bei ihnen auftauchen könnten.
Sie werden ziemlich gut ausgebildet sein; vielleicht kann ein Teil von ihnen oder auch alle vier sich der Verhaftung am Flughafen entziehen, aber dann werden sie auf jeden Fall allein schon wegen des Tatbestandes des Widerstands gegen die Staatsgewalt gesucht und haben keine Möglichkeit, die Inseln so einfach zu verlassen. In den USA, wo sämtliche Polizeibediensteten als hochgradige Respektpersonen anzusehen sind, wird jeder, der Widerstand leistet oder sich der Festnahme entzieht, noch viel drakonischer bestraft als bei uns. Entweder werden sie gleich im Gefängnis landen oder im Großraum Honolulu untertauchen müssen und mit großem Aufwand gesucht werden. Sie werden es nicht leicht haben, das könnt ihr mir glauben.“
„So wie du das schilderst, können sie einem fast schon wieder leid tun“, bemerkte Simon.
„Denk’ daran, dass sie dich ohne zu zögern getötet hätten, wenn sie dich in die Finger bekommen hätten. Warum, ist noch offen, aber wir werden uns die verbliebenen zwei Attentäter zu gegebener Zeit vornehmen. Besser früher als später.“ Ihr Blick wurde hart.
„Ich frage lieber nicht, was du damit meinst, oder? Und du meinst, dass wir diesen Albtraum dann ausgestanden haben und normal weiterleben und unserer Ausbildung nachgehen können?“
„Da bin ich recht zuversichtlich.“
[Fortsetzung folgt ...]
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Donnerstag, 22. Februar 2007
T1.78
cymep, 13:51h
[... Fortsetzung des Buches]
Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 13. September 1997
Sie waren nach dem Frühstücksbuffet im „Aux 2 Roses“ im Zickzack-Muster fast das gesamte schachbrettförmige Achteck des Ortes abgegangen, wobei sie etwa sechs Kilometer zurückgelegt hatten. Simon sagte in dem, was er für „Geheimagenten-Slang“ hielt, es sei für sie sehr wichtig, wenn nicht sogar lebenswichtig, das Terrain in- und auswendig zu kennen und sich so einen entscheidenden taktischen Vorteil zu sichern.
Darauf bekam er wieder einmal einen Boxhieb von ihr auf den Bizeps.
Und lachte sie danach an wie der kleine Junge, der sie damals vor Ewigkeiten schon geärgert hatte.
„Zum Brunnen?“, fragte er und sah sie nicken.
Wieder einmal gingen sie zum Place D’Armes General De Gaulle, der genau in der Mitte des Ortes, mit zwei Blocks Länge und demnach einer Fläche von vier Blocks, das Stadtbild entscheidend mitprägte. Sie überquerten die Straße rings um den Platz, um den sozusagen Kreisverkehr herrschte, auch wenn es ein riesiges Quadrat war. Danach zwängten sie sich zwischen zwei geparkten Wagen durch; das war der nächste ‚Gürtel’, den man überwinden musste, wenn man zur Mitte der Stadt hin vorstoßen wollte: eine Phalanx von quer geparkten Autos rings um den Platz. Nun schritten sie unter den zwei Reihen von – wie sollte es auch anders sein hier – exakt geometrisch ausgerichteten Bäumen durch zum Platz hin, der mit Sand bedeckt war und mehrmals in der Woche als Standfläche für Marktgeschäfte diente.
In der Mitte angekommen, besahen sie aufs Neue den großen Brunnen aus rotem Sandstein, wie er auch überall im südlichen Schwarzwald zu finden war, unter anderem am Freiburger Münster. Ein weitläufiges Becken umgab die etwa vier Meter hohe, kunstvoll mit Figuren und Mustern verzierte Säule, aus der auf halber Höhe in alle vier Richtungen Wasserrohre herausragten.
Von hier aus konnte man in alle vier Richtungen die Haupt- und Ausfallstraßen bis zu den Ausgängen der Stadt sehen, von denen zwei noch immer als alte Stadttore erhalten waren. Durch ihre einzigartige Bauweise lag einem Neuf-Brisach von diesem Punkt aus praktisch zu Füßen.
„Diese Stadt hat etwas Faszinierendes, das sich nicht beschreiben lässt“, meinte Simon versonnen.
Karin stimmte zu: „Ja, obwohl die einzelnen Häuser so schlicht, aber liebevoll gebaut sind. Es ist die Gesamtheit des ganzen Ortes, das Kunstwerk, das sich aus den Einzelteilen ergibt, aus jedem Block und jedem einzelnen Gebäude.“
„Man kann sich von hier aus gar nicht vorstellen, dass sie von derart rohen, trutzigen Bollwerken und Mauern umgeben ist, wenn man es nicht wüsste. Eine Harmonie der Gegensätze, die einmalig ist. Das einzige Vergleichbare, was mir dazu einfällt, ist eine Perle in ihrer schützenden Muschel.“
Sie sah erstaunt auf. „Ich habe eben genau das gleiche gedacht! Ist das nicht seltsam?“
„Vieles ist seltsam in diesen Tagen, in denen die Realität scheinbar verrutscht ist und uns hierher verschlagen hat. An diesen romantischen Ort.“ Er grinste wieder einmal auf seine ironische Art.
„An diesen romantischen, romantischen Ort“, fügte sie hinzu und erwiderte sein Grinsen.
„Ob die beiden wohl wissen, was sie damit angerichtet haben, uns hier zurückzulassen, nur auf uns gestellt und praktisch dazu genötigt, die ganze Zeit miteinander zu verbringen?“, meinte er nachdenklich und setzte sich auf den Rand des Brunnenbeckens.
„Entweder haben sie diesen Platz mit voller Absicht ausgewählt oder sie sind so kaltschnäuzig, dass sie keinen Gedanken darauf verschwendet haben. Was meinst du?“ Sie setzte sich neben ihn.
„Nach den Erlebnissen der letzten Zeit eher die zweite Möglichkeit. Mir kommt es so vor, als habe sich etwas in Abbey total verändert, vielleicht als Resultat der ganzen Ereignisse. So, wie jemand, den du im Urlaub kennen lernst und nachher daheim wieder triffst, dir vollkommen verändert vorkommt.“
„Wow, schon der zweite Fall von Telepathie heute“, bemerkte sie. „Seit Daniel so lange weg war, ist er nicht mehr derselbe. Mir kommt es heute so vor, als habe er damals bei unserem Abschied gar nicht damit gerechnet, jemals wieder zu kommen, obwohl er immer das Gegenteil behauptet hat. Du weißt schon, so wie jemand, der mit etwas abgeschlossen hat und sich im Geiste völlig davon losgesagt hat. Und jetzt, wo er wieder da ist, läuft er irgendwie ein wenig entrückt herum, als könne er es noch immer nicht glauben, dass er wieder da ist, und als müsse er jetzt versuchen, das Beste daraus zu machen. Irgendwie schmeichelt mir das nicht gerade.“
Er sah sie mit großen Augen an. „Ich hätte nicht gedacht, dass du ihn so gut kennst. Dass du so viel über ihn ableiten kannst aus seinem Gebaren und seinem Gesichtsausdruck und so.“
Sie ließ die Füße baumeln und betrachtete sie dabei intensiv. „Naja, es kommt mir manchmal selbst komisch vor. Als ich ihn kennen lernte, war er wie ein ungeschliffener Rohdiamant. Ein idiotischer, unsensibler Rohdiamant.“ Sie lächelte wehmütig und fuhr im gleichen Atemzug fort.
„Ich konnte mitansehen, wie er im Laufe der Wochen und Monate zu der Person heranreifte, die Bindungen zu mir aufbaute, die dazu geführt haben, dass ich mich schlussendlich in ihn verliebt hatte. Aber er hat sich weiter entwickelt, als es mir lieb ist, wenn ich ehrlich sein soll. Versteh’ mich nicht falsch, ich empfinde noch immer sehr viel für ihn, ich schätze ihn sehr und fühle mich wohl in seiner Gegenwart. Es ist nur etwas, das dabei ist, abhanden zu kommen ... die reine körperliche Anziehung, fürchte ich. Ich kann dir aber nicht erklären, wieso das die Folge des Verlustes an Vertrauen sein kann. Und wie lange unsere Beziehung dieses Manko übersteht, weiß ich auch nicht.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das tut mir leid. Ihr seid so ein hübsches Paar. Wenn ich an Abbey denke ... ich weiß noch immer nicht, was so eine Traumfrau an mir gefunden hat. Und dann versuche ich immer, mein Glück zu fassen, aber es gelingt mir nicht, verstehst du? Es ist einfach zu schön, um wahr sein zu können! In der Uni, auf der Straße, in Cafés oder Restaurants, überall, wo wir zusammen auftauchen, drehen sich die Leute um und ich glaube dann fast, sie denken zu hören: ‚Wie kommt der nur an so eine Frau’?“
Nun sah sie auf und fixierte ihn mit ihrem Blick. „Du bist nicht fair dir gegenüber, Simon. Warum sollst du nicht das gleiche Recht haben wie jeder andere auch, eine tolle Frau zu finden? Ich muss zugeben, als ich davon gehört habe, war mir etwas komisch zumute ...“
„Aha, du bist eifersüchtig geworden. Weil du in einem kleinen Winkel deines Unterbewusstseins sicher warst, dass dir meine ewige Bewunderung gewiss sein konnte. Und plötzlich war ich weg vom freien Markt. Muss ein ganz schöner Schreck für dich gewesen sein“, ereiferte er sich.
Ihre Augen füllten sich kurz mit Tränen, nur für eine Sekunde, dann hatte sie sich wieder gefasst. „Du ... ja, gut, du hast Recht. Was willst du von mir hören? Dass es mir jetzt leid tut? Ich weiß doch auch nicht ... ich glaube, ich konnte mit dieser Situation nicht umgehen. Auf der einen Seite hat es mich natürlich gefreut, dass du endlich jemanden gefunden hast, denn trotz aller Neckereien sind wir doch alte Bekannte und Freunde. Aber du weißt ja, dass ein altes gängiges Klischee verheißt, dass Männer oft erst attraktiv für eine Frau werden, wenn sie eine Freundin haben oder man zumindest sieht, dass er bei anderen Frauen ankommt. Denn dann muss an ihm ja irgendwas dran sein, oder?“
„Tolle Logik!“ Er gab ihr einen kleinen Stubs, sodass sie von der Mauer rutschte und auf die Füße springen musste.
„He!“ Sie packte ihn am Arm und riss ihn ebenfalls von der Mauer herunter.
Er sah auf sie hinunter. „Noch vor fünfzehn Jahren hätte das eine saftige Rangelei gegeben. Wie die Zeit doch vergeht.“
Sie musste lachen. Er registrierte glücklich, dass etwas Befreites, Vertrautes darin lag. Sie waren mittlerweile mehr als nur Freunde. Zu viel verband sie, hatte sie zusammengeschweißt.
Er fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart, ein Gefühl, das sie nun endlich mit ihm teilen konnte. Ausgelassen hakte er sie unter und steuerte mit ihr ungefähr Richtung Süden.
„Wohin soll’s gehen?“
„Es ist allmählich Zeit zum Mittagessen. Hast du großen Hunger?“ Fragend sah er sie an.
„Eigentlich nicht. Aber einen kleinen Happen könnte ich trotzdem vertragen.“
Er überlegte nicht lange. „Maison du Thé?“
„Einverstanden.“ Sie überquerten den Platz nun in östlicher Richtung und überquerten die Straße, worauf sie auch schon vor ihrem Ziel standen, einer gemütlichen Bäckerei mit integriertem Café. Als Spezialität wurden auch frische Crêpes, wahlweise süß oder herzhaft garniert, gereicht. Sie setzten sich an eine der Tischgruppen rechterhand entlang der grob verputzten, rustikalen Wand, in der – diesmal echtes – Fachwerk verbaut war. Sie bestellten beide Crêpes mit Schinken und Käse als Mittagsimbiss und sahen dann dem gemächlichen Treiben im Verkaufsraum der Boulangerie zu, welcher ohne jegliche Abtrennung neben dem Cafébereich lag.
Simon fragte unschuldig: „Was glaubst du, wie lange wird es bei unserem Tempo noch dauern, bis wir alle Straßennamen auswendig kennen?“
Verschmitzt lachend erwiderte sie seinen Blick. „Höchstens noch ein, zwei Tage. So groß ist die Anlage auch nicht, dass uns diese Aufgabe überfordern würde.“
„Sehen wir es als Herausforderung.“ Er konnte seinen Blick nicht mehr von ihren Augen abwenden und dachte nur: < Oh Gott, irgendetwas geschieht mit uns. Ist das richtig? >
Die Antwort darauf würden sie selbst herausfinden müssen.
Vielleicht schon in den nächsten Tagen, bei dem Tempo, in dem sich die Ereignisse in ihrem Leben in letzter Zeit überschlagen hatten.
[Fortsetzung folgt ...]
Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 13. September 1997
Sie waren nach dem Frühstücksbuffet im „Aux 2 Roses“ im Zickzack-Muster fast das gesamte schachbrettförmige Achteck des Ortes abgegangen, wobei sie etwa sechs Kilometer zurückgelegt hatten. Simon sagte in dem, was er für „Geheimagenten-Slang“ hielt, es sei für sie sehr wichtig, wenn nicht sogar lebenswichtig, das Terrain in- und auswendig zu kennen und sich so einen entscheidenden taktischen Vorteil zu sichern.
Darauf bekam er wieder einmal einen Boxhieb von ihr auf den Bizeps.
Und lachte sie danach an wie der kleine Junge, der sie damals vor Ewigkeiten schon geärgert hatte.
„Zum Brunnen?“, fragte er und sah sie nicken.
Wieder einmal gingen sie zum Place D’Armes General De Gaulle, der genau in der Mitte des Ortes, mit zwei Blocks Länge und demnach einer Fläche von vier Blocks, das Stadtbild entscheidend mitprägte. Sie überquerten die Straße rings um den Platz, um den sozusagen Kreisverkehr herrschte, auch wenn es ein riesiges Quadrat war. Danach zwängten sie sich zwischen zwei geparkten Wagen durch; das war der nächste ‚Gürtel’, den man überwinden musste, wenn man zur Mitte der Stadt hin vorstoßen wollte: eine Phalanx von quer geparkten Autos rings um den Platz. Nun schritten sie unter den zwei Reihen von – wie sollte es auch anders sein hier – exakt geometrisch ausgerichteten Bäumen durch zum Platz hin, der mit Sand bedeckt war und mehrmals in der Woche als Standfläche für Marktgeschäfte diente.
In der Mitte angekommen, besahen sie aufs Neue den großen Brunnen aus rotem Sandstein, wie er auch überall im südlichen Schwarzwald zu finden war, unter anderem am Freiburger Münster. Ein weitläufiges Becken umgab die etwa vier Meter hohe, kunstvoll mit Figuren und Mustern verzierte Säule, aus der auf halber Höhe in alle vier Richtungen Wasserrohre herausragten.
Von hier aus konnte man in alle vier Richtungen die Haupt- und Ausfallstraßen bis zu den Ausgängen der Stadt sehen, von denen zwei noch immer als alte Stadttore erhalten waren. Durch ihre einzigartige Bauweise lag einem Neuf-Brisach von diesem Punkt aus praktisch zu Füßen.
„Diese Stadt hat etwas Faszinierendes, das sich nicht beschreiben lässt“, meinte Simon versonnen.
Karin stimmte zu: „Ja, obwohl die einzelnen Häuser so schlicht, aber liebevoll gebaut sind. Es ist die Gesamtheit des ganzen Ortes, das Kunstwerk, das sich aus den Einzelteilen ergibt, aus jedem Block und jedem einzelnen Gebäude.“
„Man kann sich von hier aus gar nicht vorstellen, dass sie von derart rohen, trutzigen Bollwerken und Mauern umgeben ist, wenn man es nicht wüsste. Eine Harmonie der Gegensätze, die einmalig ist. Das einzige Vergleichbare, was mir dazu einfällt, ist eine Perle in ihrer schützenden Muschel.“
Sie sah erstaunt auf. „Ich habe eben genau das gleiche gedacht! Ist das nicht seltsam?“
„Vieles ist seltsam in diesen Tagen, in denen die Realität scheinbar verrutscht ist und uns hierher verschlagen hat. An diesen romantischen Ort.“ Er grinste wieder einmal auf seine ironische Art.
„An diesen romantischen, romantischen Ort“, fügte sie hinzu und erwiderte sein Grinsen.
„Ob die beiden wohl wissen, was sie damit angerichtet haben, uns hier zurückzulassen, nur auf uns gestellt und praktisch dazu genötigt, die ganze Zeit miteinander zu verbringen?“, meinte er nachdenklich und setzte sich auf den Rand des Brunnenbeckens.
„Entweder haben sie diesen Platz mit voller Absicht ausgewählt oder sie sind so kaltschnäuzig, dass sie keinen Gedanken darauf verschwendet haben. Was meinst du?“ Sie setzte sich neben ihn.
„Nach den Erlebnissen der letzten Zeit eher die zweite Möglichkeit. Mir kommt es so vor, als habe sich etwas in Abbey total verändert, vielleicht als Resultat der ganzen Ereignisse. So, wie jemand, den du im Urlaub kennen lernst und nachher daheim wieder triffst, dir vollkommen verändert vorkommt.“
„Wow, schon der zweite Fall von Telepathie heute“, bemerkte sie. „Seit Daniel so lange weg war, ist er nicht mehr derselbe. Mir kommt es heute so vor, als habe er damals bei unserem Abschied gar nicht damit gerechnet, jemals wieder zu kommen, obwohl er immer das Gegenteil behauptet hat. Du weißt schon, so wie jemand, der mit etwas abgeschlossen hat und sich im Geiste völlig davon losgesagt hat. Und jetzt, wo er wieder da ist, läuft er irgendwie ein wenig entrückt herum, als könne er es noch immer nicht glauben, dass er wieder da ist, und als müsse er jetzt versuchen, das Beste daraus zu machen. Irgendwie schmeichelt mir das nicht gerade.“
Er sah sie mit großen Augen an. „Ich hätte nicht gedacht, dass du ihn so gut kennst. Dass du so viel über ihn ableiten kannst aus seinem Gebaren und seinem Gesichtsausdruck und so.“
Sie ließ die Füße baumeln und betrachtete sie dabei intensiv. „Naja, es kommt mir manchmal selbst komisch vor. Als ich ihn kennen lernte, war er wie ein ungeschliffener Rohdiamant. Ein idiotischer, unsensibler Rohdiamant.“ Sie lächelte wehmütig und fuhr im gleichen Atemzug fort.
„Ich konnte mitansehen, wie er im Laufe der Wochen und Monate zu der Person heranreifte, die Bindungen zu mir aufbaute, die dazu geführt haben, dass ich mich schlussendlich in ihn verliebt hatte. Aber er hat sich weiter entwickelt, als es mir lieb ist, wenn ich ehrlich sein soll. Versteh’ mich nicht falsch, ich empfinde noch immer sehr viel für ihn, ich schätze ihn sehr und fühle mich wohl in seiner Gegenwart. Es ist nur etwas, das dabei ist, abhanden zu kommen ... die reine körperliche Anziehung, fürchte ich. Ich kann dir aber nicht erklären, wieso das die Folge des Verlustes an Vertrauen sein kann. Und wie lange unsere Beziehung dieses Manko übersteht, weiß ich auch nicht.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das tut mir leid. Ihr seid so ein hübsches Paar. Wenn ich an Abbey denke ... ich weiß noch immer nicht, was so eine Traumfrau an mir gefunden hat. Und dann versuche ich immer, mein Glück zu fassen, aber es gelingt mir nicht, verstehst du? Es ist einfach zu schön, um wahr sein zu können! In der Uni, auf der Straße, in Cafés oder Restaurants, überall, wo wir zusammen auftauchen, drehen sich die Leute um und ich glaube dann fast, sie denken zu hören: ‚Wie kommt der nur an so eine Frau’?“
Nun sah sie auf und fixierte ihn mit ihrem Blick. „Du bist nicht fair dir gegenüber, Simon. Warum sollst du nicht das gleiche Recht haben wie jeder andere auch, eine tolle Frau zu finden? Ich muss zugeben, als ich davon gehört habe, war mir etwas komisch zumute ...“
„Aha, du bist eifersüchtig geworden. Weil du in einem kleinen Winkel deines Unterbewusstseins sicher warst, dass dir meine ewige Bewunderung gewiss sein konnte. Und plötzlich war ich weg vom freien Markt. Muss ein ganz schöner Schreck für dich gewesen sein“, ereiferte er sich.
Ihre Augen füllten sich kurz mit Tränen, nur für eine Sekunde, dann hatte sie sich wieder gefasst. „Du ... ja, gut, du hast Recht. Was willst du von mir hören? Dass es mir jetzt leid tut? Ich weiß doch auch nicht ... ich glaube, ich konnte mit dieser Situation nicht umgehen. Auf der einen Seite hat es mich natürlich gefreut, dass du endlich jemanden gefunden hast, denn trotz aller Neckereien sind wir doch alte Bekannte und Freunde. Aber du weißt ja, dass ein altes gängiges Klischee verheißt, dass Männer oft erst attraktiv für eine Frau werden, wenn sie eine Freundin haben oder man zumindest sieht, dass er bei anderen Frauen ankommt. Denn dann muss an ihm ja irgendwas dran sein, oder?“
„Tolle Logik!“ Er gab ihr einen kleinen Stubs, sodass sie von der Mauer rutschte und auf die Füße springen musste.
„He!“ Sie packte ihn am Arm und riss ihn ebenfalls von der Mauer herunter.
Er sah auf sie hinunter. „Noch vor fünfzehn Jahren hätte das eine saftige Rangelei gegeben. Wie die Zeit doch vergeht.“
Sie musste lachen. Er registrierte glücklich, dass etwas Befreites, Vertrautes darin lag. Sie waren mittlerweile mehr als nur Freunde. Zu viel verband sie, hatte sie zusammengeschweißt.
Er fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart, ein Gefühl, das sie nun endlich mit ihm teilen konnte. Ausgelassen hakte er sie unter und steuerte mit ihr ungefähr Richtung Süden.
„Wohin soll’s gehen?“
„Es ist allmählich Zeit zum Mittagessen. Hast du großen Hunger?“ Fragend sah er sie an.
„Eigentlich nicht. Aber einen kleinen Happen könnte ich trotzdem vertragen.“
Er überlegte nicht lange. „Maison du Thé?“
„Einverstanden.“ Sie überquerten den Platz nun in östlicher Richtung und überquerten die Straße, worauf sie auch schon vor ihrem Ziel standen, einer gemütlichen Bäckerei mit integriertem Café. Als Spezialität wurden auch frische Crêpes, wahlweise süß oder herzhaft garniert, gereicht. Sie setzten sich an eine der Tischgruppen rechterhand entlang der grob verputzten, rustikalen Wand, in der – diesmal echtes – Fachwerk verbaut war. Sie bestellten beide Crêpes mit Schinken und Käse als Mittagsimbiss und sahen dann dem gemächlichen Treiben im Verkaufsraum der Boulangerie zu, welcher ohne jegliche Abtrennung neben dem Cafébereich lag.
Simon fragte unschuldig: „Was glaubst du, wie lange wird es bei unserem Tempo noch dauern, bis wir alle Straßennamen auswendig kennen?“
Verschmitzt lachend erwiderte sie seinen Blick. „Höchstens noch ein, zwei Tage. So groß ist die Anlage auch nicht, dass uns diese Aufgabe überfordern würde.“
„Sehen wir es als Herausforderung.“ Er konnte seinen Blick nicht mehr von ihren Augen abwenden und dachte nur: < Oh Gott, irgendetwas geschieht mit uns. Ist das richtig? >
Die Antwort darauf würden sie selbst herausfinden müssen.
Vielleicht schon in den nächsten Tagen, bei dem Tempo, in dem sich die Ereignisse in ihrem Leben in letzter Zeit überschlagen hatten.
[Fortsetzung folgt ...]
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Mittwoch, 21. Februar 2007
T1.77
cymep, 14:05h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 12. September 1997
Als an diesem düsteren, grauen Vormittag mit tiefhängenden Wolken und einem unangenehm kühlen Wind, der bereits die ersten Vorboten des Herbstes ankündigte, an die Wohnungstür geklopft wurde, sprang CSM 108-1 förmlich zum Aufmachen hin. Zu seinem Erstaunen standen alle drei seiner Kommilitonen vor der Tür.
„Hallo, Danny“, rief Francesco und gab ihm erfreut die Hand, während die anderen beiden Personen etwas belämmert hinter ihm standen.
„Hi. Lange her, was?“, war der einzige Kommentar, den sich Natasha entlocken ließ. CSM 108-1
fiel auf, dass sie sich ihre Haare rötlich gefärbt, ein gutes Stück hinten und auch die Fransen in der Stirn geschnitten hatte. Ausserdem zierte eine kleine Narbe ihre Stirn über der linken Augenbraue.
„Allerdings. Wie ich sehe, hast du einen neuen Look?“
Sie verdrehte die Augen. „Ja, frag mich aber nicht, warum ich das mit den Haaren gemacht habe. Vor einer Woche hat es mich überkommen, aber ich bereue es schon jetzt. Und das hier war eine verdammt knappe Sache; ich hätte fast mein Auge verloren.“
„Scheint ja noch mal gut gegangen zu sein,“ ließ er sich vernehmen und schüttelte ihr die Hand, worauf sie sich hinter Francesco an ihm vorbei ins Innere quetschte.
Thorsten nickte nur stumm und gab ihm ebenfalls die Hand. Auch er schien ihn nicht so schmerzlich vermisst zu haben.
„Hallo. Vielen Dank, dass ihr so schnell kommen konntet; ich wusste einfach nicht, an wen ich mich wenden sollte ... ihr seid alle gleichzeitig da?“, stellte er verwundert fest.
„Ja, komischer Zufall, nicht war?“, tat Francesco dieses Vorkommnis ab. „Wieso hast du dich nicht mehr gemeldet, Mann?“
„Ich hatte so viel um die Ohren in den letzten Wochen. Und schließlich musste ich ja meine Rückkehr hierher vorbereiten und meiner Familie beibringen, dass es mich wieder hierher zieht. Im Grunde hatte ich es ja immer vorgehabt, pünktlich zum Semesteranfang wieder hier zu sein. Und jetzt das!“ Er wies weit ausschweifend in die Wohnung.
„Was meinst du? Wo sind eigentlich die anderen?“, fragte Thorsten, sich unwillkürlich im Flur umsehend.
„Deshalb habe ich euch ja angerufen. Ich habe seit über einer Woche vor meinem Rückflug versucht, einen von ihnen zu erreichen. Der Anrufbeantworter war immer ausgeschaltet, keine meiner e-mails wurde beantwortet. Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen. Vor allem seit der Sache mit meinem Auto.“ Er kratzte sich ratlos am Kopf.
„Was meinst du damit? Und wann bist du denn überhaupt angekommen?“, fragte Francesco völlig arglos.
„Gestern Abend. Und damit hängt auch meine Bemerkung mit dem Auto zusammen. Ich bin nämlich in Frankfurt angekommen und hatte noch eine Weile Zeit, bis mein Anschlusszug vom Flughafen abfahren würde. Deshalb bin ich auf dem Flughafengelände herumgelaufen und auf dem Dach eines der Parkhäuser ...“, erzählte er ausschweifend.
„Was suchst du auf dem Dach eines Parkhauses am Flughafen?“, wollte Natasha wissen.
Leicht verärgert wirkend meinte er: „Nach einem Flug von sieben Stunden auf einem Sitz in der Economy-Klasse würdest du wohl auch den Drang nach etwas Bewegung verspüren, oder? Außerdem dachte ich, ich kann ein paar der startenden Flugzeuge vom Dach aus beobachten. Na egal, auf jeden Fall spaziere ich so über das Parkfeld zwischen den abgestellten Fahrzeugen umher und auf einmal denke ich, mich trifft der Schlag. Da steht doch tatsächlich mein eigenes Auto vor mir!“
„Waaas? Wie kommt das denn dorthin?“ Francesco quollen fast die Augen aus dem Kopf hervor, so ungläubig starrte er ihn an.
„Das ist die große Preisfrage“, räumte CSM 108-1 ein.
„Bist du auch sicher, dass es dein Auto war?“, fragte wiederum Natasha.
Er konterte mit einer Gegenfrage: „Was schätzt du, wie viele Calibra Turbos in meiner Farbe und mit meiner Autonummer in Deutschland wohl angemeldet sind?“
„Hm, Punkt für dich“, gestand sie kleinlaut ein.
„Mann, hat mir das gestunken. Da ich keine Autoschlüssel mithatte, musste ich das gute Stück stehen lassen und doch mit dem Zug herkommen. Ich habe natürlich gleich in der Tiefgarage nachgesehen, um sicherzugehen, dass ich nicht nur einen schlechten Tagtraum gehabt hatte. Mein Stellplatz war leer.“ Er seufzte.
„Dann ist jemand mit deinem Auto zum Frankfurter Flughafen gefahren? Die anderen, nehme ich an.“ Wenigstens Thorsten versuchte, sachlich an die Problematik heranzugehen. „Hast du ihnen denn erlaubt, damit ‘rumzufahren?“
„Ich habe Abbey den Auftrag gegeben, ab und zu einmal um den Block oder eine Stadtrunde zu fahren, damit es nicht einrostet, aber von halben Deutschlandreisen war nicht die Rede, nein. Sie müssen es aber gewesen sein, denn einer der Autoschlüssel fehlt, und zwar der, den ich Abbey telefonisch angewiesen hatte zu übernehmen.
Meint ihr wirklich, sie sind einfach so zum Flughafen gefahren und weggeflogen? Oder ist das einfach nur ‘ne Riesenverarsche von ihnen? So eine Art Wiedersehensgag?“ Er schien ratlos.
„Hast du dich schon mal genauer in der Wohnung umgesehen, Daniel?“, schlug Natasha vor.
„Nein, ich wollte ja erst einmal hören, ob ihr etwas davon wisst“, verneinte er mit hilfloser Miene.
„Am besten machen wir das alle gemeinsam“, entschied sie darauf, „denn acht Augen sehen mehr als zwei.“
„Ich weiß nicht“, zweifelte Francesco.
„Wir durchwühlen ja nicht ihre Unterwäsche. Aber irgendeinen Hinweis muss es doch geben.“
„Also gut, wenn du meinst.“ CSM 108-1 machte einen leicht überrumpelten Eindruck, stimmte der Wohnungsdurchsuchung aber dennoch zu.
Thorsten und Francesco fingen in CSM 108-1’s altem Zimmer und dem Flur an, während er mit Natasha die große Wohnküche untersuchte. Dabei überlegte er laut: „Wieso sind sie bis nach Frankfurt gefahren? Es gibt doch mehrere Flughafen, die viel näher liegen: Stuttgart, Basel oder Zürich ...“
Schnippisch antwortete sie so laut sprechend, dass auch die anderen mitbekommen konnten, was sie von sich gab: „Das ist nicht schwer zu erklären. Von Stuttgart und Basel aus gehen nur Kurz- und Mittelstreckenflüge ab und um nach Zürich zu kommen, hätten sie über den Zoll fahren müssen.“
„Du meinst, sie sind weiter weg geflogen, wollten aber nicht über die Grenze fahren? Wieso sollten sie das nicht wollen? Sie haben doch alle gültige Pässe.“ CSM 108-1 markierte den Unwissenden. Dabei achtete er jedoch genau auf ihre nächste Reaktion.
„Das darfst du mich nicht fragen“, entgegnete sie und öffnete den Kühlschrank, um dessen Inhalt kurz zu untersuchen. Indem sie einen Joghurt herausnahm und den Schrank wieder verschloss, erklärte sie weiterhin lautstark: „Sie sind ziemlich spontan aufgebrochen, vielleicht mit Last-Minute geflogen oder so. Auf jeden Fall sind hier noch einige verderbliche Waren, die bald ablaufen, im Kühlschrank. Darf ich?“
„Bedien’ dich ruhig“, stimmte er nachdenklich mit einer vagen Handbewegung zu und rief in den Flur hinein: „Habt ihr schon was gefunden?“
„Ich gehe gerade das schwarze Brett durch“, gab Francesco zurück und schlug vor: „Sieh doch mal in euren Briefkasten, wie viel Post sich schon angesammelt hat. Das könnte ein Hinweis darauf sein, wie lange er nicht mehr geleert wurde.“
„Wow, ich habe mir ja eine ganze Kompanie Sherlock Holmes’ angeheuert“, meinte CSM 108-1 anerkennend und ging gleich dem Vorschlag seines Freundes nach.
„Wirklich seltsam“, meinte Thorsten nachdenklich. „Ich hatte nicht mal gewusst, dass sie weg sind. Haben sie sich bei euch abgemeldet?“
„Nope“, entgegnete Francesco und fügte hinzu: „Ich glaube, mir ist Karin vor anderthalb Wochen oder so zum letzten Mal in der Stadt über den Weg gelaufen. Wahrscheinlich hat Natasha recht und sie haben wirklich ein irre billiges Last-Minute-Angebot angenommen, um noch was von den Semesterferien zu haben. Karin und Simon hatten schließlich bis zum Ersten des Monats Ferienjobs und konnten nirgends hin, ganz zu schweigen davon, dass sie vor den Jobs gar keine Kohle dafür gehabt hätten. Und der Mega-Griff-ins-Klo-Trip von Karin war ja wohl auch nicht gerade Erholung pur. Als Daniel nicht aufgetaucht ist, war sie ziemlich bedient und geknickt.“
„He, wir sind eigentlich ganz gut im Kombinieren von Tatsachen. Machen wir eine Detektei auf?“, scherzte Thorsten.
„Lös’ erst mal deinen ersten Fall, bevor du abhebst, Thomas Magnum“, schalt Natasha ungnädig.
„Sir, yes, Sir!“, bellte Thorsten mit kehliger Militärstimme, worauf Francesco einen Lachanfall bekam.
CSM 108-1 kam zurück und verkündete mit einem Stapel Post, Prospekten und den üblichen Anzeigeblättchen in der Hand: „Das ist eine beachtliche Menge Papier, die sich da angesammelt hat. Seit gestern sind sie jedenfalls nicht erst weg.“
Während er auf dem langen Küchentisch die Post ausbreitete und nach Daten absuchte, ließ sich Francesco vernehmen: „Ich glaube, ich habe da etwas. Könnte so eine Art Checkliste für ihren Abflug sein.“
Er nahm den quadratischen Zettel von der Wand ab und brachte ihn in die Küche, wo CSM 108-1 triumphierend einen Gemeindebrief hochhielt. „Das ist es. Ein Blättke vom 2. September. Zumindest seit diesem Tag ist der Briefkasten nicht mehr geleert worden. Ziemlich lange her, wenn ihr mich fragt.“
Thorsten sah zu Boden: „An diesem Tag haben wir auch von Rudolf erfahren.“
Betretenes Schweigen setzte ein.
„Was habt ihr erfahren?“, fragte CSM 108-1 völlig unbefangen.
Natashas Stimme stockte. „Du weißt es ja noch gar nicht ... tut mir leid, wir hätten es dir schon längst erzählen sollen.“
Bevor er nachhaken konnte, sagte Francesco mit tonloser Stimme: „Rudolf hatte einen Unfall in der Uni-Bibliothek. Ein Regal ist umgestürzt und auf ihn gefallen. Er ist erschlagen worden.“
CSM 108-1’s Gesichtszüge entgleisten. „Kein Scheiß?“
„In der Zeitung stand, dass er wohl ausgerutscht ist und sich reflexartig an dem Regal festgehalten hat. Dabei hat er es umgerissen und ist unter fünf Zentnern Büchern begraben worden. Ein dicker Wälzer ist ihm so unglücklich auf den Hals gefallen, dass es ihm das Genick gebrochen hat. Er war sofort tot, hat die Polizei gesagt.“ Thorsten sah ehrlich betroffen aus. „Letzten Montag war seine Beerdigung.“
Jetzt erst fiel CSM 108-1 auf, dass seine drei Kommilitonen allesamt dunkle Kleidung trugen. „Aber, das ist ... das klingt so unglaublich. So ein Riesenkerl wie Rudolf ...“
„Eben das war offenbar sein Verhängnis. Er stand vor einem der wenigen kleinen Regale im Freihandmagazin, direkt neben einer der tragenden Säulen des Gebäudes. Eins der größeren Regale hätte sich wahrscheinlich nicht einmal bewegt, so stabil und vollgestopft mit Büchern wie die sind, aber ausgerechnet für dieses kleine hat sein hohes Gewicht ausgereicht, um es umzureißen. Eine Ironie des Schicksals, könnte man sagen.“
„Tut mir leid. Ich konnte ihn gut leiden.“ CSM 108-1 hielt einen Moment inne und griff nach dem Zettel, den Francesco gefunden hatte. Geistesabwesend murmelte er: „Was hast du da?“
„Wie gesagt, eine Art Checkliste. Reisepass, Ticket bestellt, die üblichen Punkte, alle mit Häkchen abgezeichnet.“
„Das ist Karins Handschrift“, sagte CSM 108-1 und sah von dem Papier auf, während auch Natasha einen Blick darauf warf.
„Stimmt, ich erkenne sie auch.“ Dass CSM 108-1 selbst den Zettel in perfekter kalligraphischer Imitation von Karins geschwungener Schrift verfasst und am schwarzen Brett deponiert hatte, konnte sie nicht wissen.
„Viel weiter bringt uns das nicht. Der einzige Hinweis ist, dass sie eventuell außerhalb der Europäischen Union sein könnten, da sie ausdrücklich Reisepass geschrieben hat. Den braucht man innerhalb der EU nicht.“ Thorsten rieb sich mit einer Hand nachdenklich das Kinn.
„Stimmt. Hat sie vielleicht noch mehr am schwarzen Brett gelassen, was du noch nicht gefunden hast?“ CSM 108-1 ging gemeinsam mit den anderen in den Flur zum Brett hin, das über der kleinen Kommode mit dem Telefon und dem Anrufbeantworter hing.
„Ich glaube nicht, dass ich was übersehen hab’“, meinte Francesco und besah sich den Anrufbeantworter. „Warum blinkt der denn? He, Daniel, ich denke, er war ausgeschaltet.“
„Ist er auch immer noch“, gab CSM 108-1 zurück und konzentrierte sich auch weiterhin auf das Korkbrett, das von festgepinnten Zetteln nur so übersät war. „Ich kenn’ mich mit dem Ding nicht so aus, ist irgend so ein koreanisches Billigteil. Für gewöhnlich hab’ ich immer die Finger davon gelassen. He, sieh mal, was da steht ...“
Während er unter mehrlagig übereinander gesteckten Zetteln etwas Neues suchte, drückte Francesco auf einen Knopf am AB. „Sie haben keine neuen Nachrichten“, verkündete eine blecherne näselnde Frauenstimme.
Das kleine rote Blinklicht blieb jedoch bestehen, worauf der junge Italo weiter auf den Knöpfen des Gerätes herumdrückte. CSM 108-1 sah es aus dem Augenwinkel und meinte warnend: „Verstell’ mir bloß nichts an dem blöden Ding, ja? Bis ich das wieder auf der Reihe hab’ ...“
Plötzlich erklang wieder die mechanische Stimme: „Ansage nicht aktiviert. Bitte löschen Sie die Ansage oder hören Sie sie ab.“
„Da, jetzt hast du’s geschafft“, beschwerte er sich.
Francesco sah nicht auf. „Warte doch mal, die Ansage ist nicht aktiviert worden. Hier ...“
Auf einmal hörten sie, durch das Gerät leicht verfremdet, Karins Stimme in ironisch-bedauerlichem Tonfall: „Hallo, hier ist der AB von Simon, Abbey und Karin. Wir sind leider, leider für unbestimmte Zeit auf Hawaii am Sonnen, Schwimmen und Surfen ...“
„Was glaubst du eigentlich, was du da tust?“, herrschte Simon sie an.
„Ich wollte nur ...“, begann sie eine Rechtfertigung, die von Abbey aus dem Off unterbrochen wurde.
„Wir dürfen niemanden von unserem Ziel informieren. Willst du uns alle umbringen? Lösch’ das sofort wieder!“
„Zeihung, ich wollte nur ...“
Ein Piepton beendete die kurze Meinungsverschiedenheit. Schweigend standen die vier um das Telefon herum und starrten auf den Anrufbeantworter, der noch immer blinkte.
„Was zum Henker soll das bedeuten?“, fragte CSM 108-1 schließlich.
„Ich habe keine Ahnung“, gestand Francesco schulterzuckend ein.
„Los spiel’s noch mal“, forderte Natasha ihn auf.
Er kam dem nach und sie lauschten nochmals den Stimmen auf dem Band. Danach meinte Thorsten nachdenklich: „Es hört sich für mich so an: Karin wollte eine neue Ansage aufnehmen, wurde aber während der Aufnahme von Simon und Abbey daran gehindert. Sie wollte die Ansage löschen, hat aber irgendwie einen falschen Knopf gedrückt, weshalb wir das Band jetzt abhören konnten. Der AB war nicht eingeschaltet, also brauchten sie keine Angst zu haben, dass jemand die Aufnahme hören würde, wenn er anrufen würde. Und wir haben sie jetzt gefunden.“
„Klingt vernünftig. Aber was soll der Unsinn, den sie da verzapfen? Das hört sich ja an wie in einem schlechten Agentenfilm.“ Natasha war sichtlich erregt über ihren Fund.
„Ich mache mir jetzt fast noch mehr Sorgen als vorher, als ich nicht Bescheid wusste. Was soll das alles? Das hört sich sehr überstürzt an ... fast wie eine Flucht. Aber vor was und wem? Sie haben doch nichts Unrechtes getan“, wandte CSM 108-1 ein.
„Das wissen wir nicht mit Sicherheit“, gab Natasha zu bedenken.
„Komm schon, wir reden hier von unseren Freunden. Auf welcher Seite bist du eigentlich?“, zischte CSM 108-1.
„Schließt sie aus! Werft sie raus!“, skandierte Francesco auch gleich, handelte sich aber nur einen bösen Seitenblick von ihr ein.
„Thorsten wollte wissen: „Wussten sie denn, wann du zurückkommen würdest?“
„Naja, vor meinem missglückten Urlaubsversuch mit Karin – bitte fragt nicht, das war eine unglückliche Verkettung von Umständen – hatte ich ihr am Telefon gesagt, wann ich geplant hatte, herzufliegen. Aber auf den Tag genau wusste ich es selbst bis letzte Woche noch nicht.“
„Da haben wir’s!“, rief Francesco triumphierend. „Sie haben einen längeren Trip gemacht und dir das als Riesenverarsche hinterlassen, um dir den versauten USA-Trip von Karin heimzuzahlen. Das ist alles. Und eines kannst du mir glauben: Auf dich war in diesem Haushalt nach Karins Rückkehr niemand gut zu sprechen, vor allem angesichts ihres Gemütszustandes.“
„Hm, das glaube ich ja gerne, aber ist das nicht ein wenig viel Aufwand, nur um ...“, meinte er ein wenig peinlich berührt.
„Sie haben wahrscheinlich gesagt, warum verbinden wir nicht einfach das Angenehme mit dem Nützlichen und drücken ihm auf diese Weise ordentlich einen ‘rein, während wir uns gleichzeitig unter der Sonne Hawaiis bräunen.“ Auch Natasha schien mit dieser Lösung warm zu werden.
„Du musst nicht immer von dir ausgehen“, versetzte Thorsten.
„Ha, wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte Daniel hier eine aufgespannte Bärenfalle hinter der Wohnungstür erwartet ... und die Glühbirne der Flurlampe hätte ich rausgedreht, damit er die Falle auch ja nicht sieht, bis er hineingetappt ist.“ Sie sah ihn erbost an.
„Herzlichen Dank auch“, meinte CSM 108-1 lapidar. Thorsten stand vor dem AB und drückte nochmals die Wiedergabetaste, worauf alles ein drittes Mal abgespielt wurde. Niemand seiner Freunde hatte auch nur die leiseste Ahnung davon, dass CSM 108-1 selbst die gesamte Ansage unter Verwendung seines Sprachprozessors, mittels dem er jedes einmal von ihm erfasste Stimmmuster in für Menschen nicht vom Original zu unterscheidender Imitation wieder geben konnte, aufgezeichnet hatte.
Ironischerweise bemerkte Thorsten anerkennend: „Aber eines muss man ihnen lassen: Es hört sich sehr echt an. Ich für meinen Teil nominiere sie für diese Leistung mit dem deutschen Hörspielpreis ‘97.“
„Da kannst du mal sehen, Thorsten wäre ihnen auch auf den Leim gegangen“, tönte Natasha überlegen.
„Naja, für eine Minute vielleicht“, gab dieser zu und zuckte mit den Achseln.
„Mir fällt etwas ein, hier steht doch die Telefonnummer von Karins Eltern. Warum rufst du die nicht einfach an und versuchst dort etwas herauszufinden?“, gab Francesco zu bedenken.
„Das ist die Idee, Mann!“ Ohne eine Sekunde zu zögern, nahm CSM 108-1 den Hörer auf und begann die Nummer von dem kleinen Merkzettel zu wählen. Nach mehreren Freizeichen nahm jemand ab. Natasha hatte die Geistesgegenwart, das Außenmikrofon anzuschalten.
„ ...ochner.“ Die Stimme einer Frau in mittleren Jahren.
„Guten Tag, Frau Bochner. Hier spricht Daniel. Ich bin gerade aus New York zurückgekommen und habe die Wohnung verwaist vorgefunden. Können Sie mir vielleicht sagen, wo Karin, Simon und Abbey sind?“
„Du machst mir ja Spaß, hier noch anzurufen! Weißt du eigentlich, was meine arme Kleine wegen dir durchgemacht hat? Man bestellt doch seine Freundin nicht einfach ans Ende der Welt und versetzt sie dann nach Belieben! Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben ...“
Alle vier sahen sich betreten an, Francesco biss sich krampfhaft auf die Oberlippe, um ein Lachen zu unterdrücken. Natasha hatte weniger Hemmungen; sie stürzte in die Küche, um dort loszuwiehern, so dass Karins Mutter sie nicht hören konnte während ihrer Schimpftirade.
„Ich verstehe Sie ja, Frau Bochner, und es tut mir so leid wie sonst nichts auf der Welt. Ich hatte sie noch in Frankfurt versucht auszurufen, doch da war sie schon losgeflogen. Und ich war danach auch verhindert ... bitte glauben Sie mir. Aber sagen Sie mir doch bitte, wo ist sie jetzt?“
„Das haben sie dir nicht gesagt? Sie sind doch vor einer guten Woche in die USA geflogen. Die verrückten Kinder ... haben alles stehen und liegen gelassen und mich erst vom Flughafen aus angerufen. Wie hieß das doch noch gleich, wo sie hinwollten? Irgendwas mit Sonne und Meer und ... ich interessiere mich ja leider nicht so für fremde Länder. War es Florida oder Hawaii? Ganz weit weg auf jeden Fall.“ Es passte perfekt, was Karins Mutter in ihrer Arglosigkeit von sich gab.
„Naja, macht nichts. Ich habe es wohl so verdient. Vielen Dank für Ihre Auskunft und nichts für ungut. Wiederhören.“
„Dann brauchst du uns wohl nicht mehr“, bemerkte Francesco süffisant, als er aufgelegt hatte.
Betreten sah er zu Boden. „Da kann ich mich wohl auf was gefasst machen, wenn die drei zurückkommen. Ich kann schon mal anfangen zu überlegen, wie ich diesen Patzer mit Karins Versetzung in Oregon wieder gutmachen kann.“
Thorsten klopfte ihm auf die Schulter und meinte gut gelaunt: „Lass den Kopf nicht hängen, davon geht die Welt nicht unter.“
CSM 108-1 sah auf und direkt in seine blauen Augen: „Nein, bestimmt nicht. Ich werde erst einmal nach Frankfurt fahren müssen und dort meinen Wagen abholen. Oh Mann, wisst ihr, wie viel es kostet, ein Auto für zehn Tage am Flughafen abzustellen?“
„Nein, aber du wirst es uns bestimmt brühwarm erzählen, wenn du zurück bist, nicht wahr? Bye-bye, honey.“ Hämisch lachend ging Natasha.
„Francesco, tu mir einen Gefallen und schubs’ sie die Treppe runter, okay? Sei doch so nett.“
Der Italiener lachte. „Führ’ mich bitte nicht in Versuchung. Ciao!“
„Wir werden es wie einen Unfall aussehen lassen“, fügte Thorsten trocken hinzu, als er ging.
Die anderen verabschiedeten sich damit und gingen ohne weitere Umschweife, im Treppenhaus noch hörbar schwatzend und lachend.
Er stand reglos im Flur. << Abbey, sie kommen jetzt ’runter. Hast du alles mitbekommen? >>
<< Positiv ... Entschuldigung, ich meine, ja, der Empfang war laut und deutlich. Was schlägst du vor? >>
Er brauchte nicht lange zu überlegen. << Du übernimmst Subjekt B, ich hänge mich an A. Subjekt C können wir nach dieser Sache hier getrost vergessen. >>
Sie bestätigte: << Eine hervorragende Einschätzung; ich bin zu exakt denselben Schlüssen gekommen. Dann los. >>
<< Gut, bis später. >> Er beendete die Übertragung und machte sich daran, eilends die Wohnung zu verlassen, um sich wie vereinbart an die Verfolgung desjenigen Subjektes zu machen, das sie mit A bezeichnet hatten.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 12. September 1997
Als an diesem düsteren, grauen Vormittag mit tiefhängenden Wolken und einem unangenehm kühlen Wind, der bereits die ersten Vorboten des Herbstes ankündigte, an die Wohnungstür geklopft wurde, sprang CSM 108-1 förmlich zum Aufmachen hin. Zu seinem Erstaunen standen alle drei seiner Kommilitonen vor der Tür.
„Hallo, Danny“, rief Francesco und gab ihm erfreut die Hand, während die anderen beiden Personen etwas belämmert hinter ihm standen.
„Hi. Lange her, was?“, war der einzige Kommentar, den sich Natasha entlocken ließ. CSM 108-1
fiel auf, dass sie sich ihre Haare rötlich gefärbt, ein gutes Stück hinten und auch die Fransen in der Stirn geschnitten hatte. Ausserdem zierte eine kleine Narbe ihre Stirn über der linken Augenbraue.
„Allerdings. Wie ich sehe, hast du einen neuen Look?“
Sie verdrehte die Augen. „Ja, frag mich aber nicht, warum ich das mit den Haaren gemacht habe. Vor einer Woche hat es mich überkommen, aber ich bereue es schon jetzt. Und das hier war eine verdammt knappe Sache; ich hätte fast mein Auge verloren.“
„Scheint ja noch mal gut gegangen zu sein,“ ließ er sich vernehmen und schüttelte ihr die Hand, worauf sie sich hinter Francesco an ihm vorbei ins Innere quetschte.
Thorsten nickte nur stumm und gab ihm ebenfalls die Hand. Auch er schien ihn nicht so schmerzlich vermisst zu haben.
„Hallo. Vielen Dank, dass ihr so schnell kommen konntet; ich wusste einfach nicht, an wen ich mich wenden sollte ... ihr seid alle gleichzeitig da?“, stellte er verwundert fest.
„Ja, komischer Zufall, nicht war?“, tat Francesco dieses Vorkommnis ab. „Wieso hast du dich nicht mehr gemeldet, Mann?“
„Ich hatte so viel um die Ohren in den letzten Wochen. Und schließlich musste ich ja meine Rückkehr hierher vorbereiten und meiner Familie beibringen, dass es mich wieder hierher zieht. Im Grunde hatte ich es ja immer vorgehabt, pünktlich zum Semesteranfang wieder hier zu sein. Und jetzt das!“ Er wies weit ausschweifend in die Wohnung.
„Was meinst du? Wo sind eigentlich die anderen?“, fragte Thorsten, sich unwillkürlich im Flur umsehend.
„Deshalb habe ich euch ja angerufen. Ich habe seit über einer Woche vor meinem Rückflug versucht, einen von ihnen zu erreichen. Der Anrufbeantworter war immer ausgeschaltet, keine meiner e-mails wurde beantwortet. Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen. Vor allem seit der Sache mit meinem Auto.“ Er kratzte sich ratlos am Kopf.
„Was meinst du damit? Und wann bist du denn überhaupt angekommen?“, fragte Francesco völlig arglos.
„Gestern Abend. Und damit hängt auch meine Bemerkung mit dem Auto zusammen. Ich bin nämlich in Frankfurt angekommen und hatte noch eine Weile Zeit, bis mein Anschlusszug vom Flughafen abfahren würde. Deshalb bin ich auf dem Flughafengelände herumgelaufen und auf dem Dach eines der Parkhäuser ...“, erzählte er ausschweifend.
„Was suchst du auf dem Dach eines Parkhauses am Flughafen?“, wollte Natasha wissen.
Leicht verärgert wirkend meinte er: „Nach einem Flug von sieben Stunden auf einem Sitz in der Economy-Klasse würdest du wohl auch den Drang nach etwas Bewegung verspüren, oder? Außerdem dachte ich, ich kann ein paar der startenden Flugzeuge vom Dach aus beobachten. Na egal, auf jeden Fall spaziere ich so über das Parkfeld zwischen den abgestellten Fahrzeugen umher und auf einmal denke ich, mich trifft der Schlag. Da steht doch tatsächlich mein eigenes Auto vor mir!“
„Waaas? Wie kommt das denn dorthin?“ Francesco quollen fast die Augen aus dem Kopf hervor, so ungläubig starrte er ihn an.
„Das ist die große Preisfrage“, räumte CSM 108-1 ein.
„Bist du auch sicher, dass es dein Auto war?“, fragte wiederum Natasha.
Er konterte mit einer Gegenfrage: „Was schätzt du, wie viele Calibra Turbos in meiner Farbe und mit meiner Autonummer in Deutschland wohl angemeldet sind?“
„Hm, Punkt für dich“, gestand sie kleinlaut ein.
„Mann, hat mir das gestunken. Da ich keine Autoschlüssel mithatte, musste ich das gute Stück stehen lassen und doch mit dem Zug herkommen. Ich habe natürlich gleich in der Tiefgarage nachgesehen, um sicherzugehen, dass ich nicht nur einen schlechten Tagtraum gehabt hatte. Mein Stellplatz war leer.“ Er seufzte.
„Dann ist jemand mit deinem Auto zum Frankfurter Flughafen gefahren? Die anderen, nehme ich an.“ Wenigstens Thorsten versuchte, sachlich an die Problematik heranzugehen. „Hast du ihnen denn erlaubt, damit ‘rumzufahren?“
„Ich habe Abbey den Auftrag gegeben, ab und zu einmal um den Block oder eine Stadtrunde zu fahren, damit es nicht einrostet, aber von halben Deutschlandreisen war nicht die Rede, nein. Sie müssen es aber gewesen sein, denn einer der Autoschlüssel fehlt, und zwar der, den ich Abbey telefonisch angewiesen hatte zu übernehmen.
Meint ihr wirklich, sie sind einfach so zum Flughafen gefahren und weggeflogen? Oder ist das einfach nur ‘ne Riesenverarsche von ihnen? So eine Art Wiedersehensgag?“ Er schien ratlos.
„Hast du dich schon mal genauer in der Wohnung umgesehen, Daniel?“, schlug Natasha vor.
„Nein, ich wollte ja erst einmal hören, ob ihr etwas davon wisst“, verneinte er mit hilfloser Miene.
„Am besten machen wir das alle gemeinsam“, entschied sie darauf, „denn acht Augen sehen mehr als zwei.“
„Ich weiß nicht“, zweifelte Francesco.
„Wir durchwühlen ja nicht ihre Unterwäsche. Aber irgendeinen Hinweis muss es doch geben.“
„Also gut, wenn du meinst.“ CSM 108-1 machte einen leicht überrumpelten Eindruck, stimmte der Wohnungsdurchsuchung aber dennoch zu.
Thorsten und Francesco fingen in CSM 108-1’s altem Zimmer und dem Flur an, während er mit Natasha die große Wohnküche untersuchte. Dabei überlegte er laut: „Wieso sind sie bis nach Frankfurt gefahren? Es gibt doch mehrere Flughafen, die viel näher liegen: Stuttgart, Basel oder Zürich ...“
Schnippisch antwortete sie so laut sprechend, dass auch die anderen mitbekommen konnten, was sie von sich gab: „Das ist nicht schwer zu erklären. Von Stuttgart und Basel aus gehen nur Kurz- und Mittelstreckenflüge ab und um nach Zürich zu kommen, hätten sie über den Zoll fahren müssen.“
„Du meinst, sie sind weiter weg geflogen, wollten aber nicht über die Grenze fahren? Wieso sollten sie das nicht wollen? Sie haben doch alle gültige Pässe.“ CSM 108-1 markierte den Unwissenden. Dabei achtete er jedoch genau auf ihre nächste Reaktion.
„Das darfst du mich nicht fragen“, entgegnete sie und öffnete den Kühlschrank, um dessen Inhalt kurz zu untersuchen. Indem sie einen Joghurt herausnahm und den Schrank wieder verschloss, erklärte sie weiterhin lautstark: „Sie sind ziemlich spontan aufgebrochen, vielleicht mit Last-Minute geflogen oder so. Auf jeden Fall sind hier noch einige verderbliche Waren, die bald ablaufen, im Kühlschrank. Darf ich?“
„Bedien’ dich ruhig“, stimmte er nachdenklich mit einer vagen Handbewegung zu und rief in den Flur hinein: „Habt ihr schon was gefunden?“
„Ich gehe gerade das schwarze Brett durch“, gab Francesco zurück und schlug vor: „Sieh doch mal in euren Briefkasten, wie viel Post sich schon angesammelt hat. Das könnte ein Hinweis darauf sein, wie lange er nicht mehr geleert wurde.“
„Wow, ich habe mir ja eine ganze Kompanie Sherlock Holmes’ angeheuert“, meinte CSM 108-1 anerkennend und ging gleich dem Vorschlag seines Freundes nach.
„Wirklich seltsam“, meinte Thorsten nachdenklich. „Ich hatte nicht mal gewusst, dass sie weg sind. Haben sie sich bei euch abgemeldet?“
„Nope“, entgegnete Francesco und fügte hinzu: „Ich glaube, mir ist Karin vor anderthalb Wochen oder so zum letzten Mal in der Stadt über den Weg gelaufen. Wahrscheinlich hat Natasha recht und sie haben wirklich ein irre billiges Last-Minute-Angebot angenommen, um noch was von den Semesterferien zu haben. Karin und Simon hatten schließlich bis zum Ersten des Monats Ferienjobs und konnten nirgends hin, ganz zu schweigen davon, dass sie vor den Jobs gar keine Kohle dafür gehabt hätten. Und der Mega-Griff-ins-Klo-Trip von Karin war ja wohl auch nicht gerade Erholung pur. Als Daniel nicht aufgetaucht ist, war sie ziemlich bedient und geknickt.“
„He, wir sind eigentlich ganz gut im Kombinieren von Tatsachen. Machen wir eine Detektei auf?“, scherzte Thorsten.
„Lös’ erst mal deinen ersten Fall, bevor du abhebst, Thomas Magnum“, schalt Natasha ungnädig.
„Sir, yes, Sir!“, bellte Thorsten mit kehliger Militärstimme, worauf Francesco einen Lachanfall bekam.
CSM 108-1 kam zurück und verkündete mit einem Stapel Post, Prospekten und den üblichen Anzeigeblättchen in der Hand: „Das ist eine beachtliche Menge Papier, die sich da angesammelt hat. Seit gestern sind sie jedenfalls nicht erst weg.“
Während er auf dem langen Küchentisch die Post ausbreitete und nach Daten absuchte, ließ sich Francesco vernehmen: „Ich glaube, ich habe da etwas. Könnte so eine Art Checkliste für ihren Abflug sein.“
Er nahm den quadratischen Zettel von der Wand ab und brachte ihn in die Küche, wo CSM 108-1 triumphierend einen Gemeindebrief hochhielt. „Das ist es. Ein Blättke vom 2. September. Zumindest seit diesem Tag ist der Briefkasten nicht mehr geleert worden. Ziemlich lange her, wenn ihr mich fragt.“
Thorsten sah zu Boden: „An diesem Tag haben wir auch von Rudolf erfahren.“
Betretenes Schweigen setzte ein.
„Was habt ihr erfahren?“, fragte CSM 108-1 völlig unbefangen.
Natashas Stimme stockte. „Du weißt es ja noch gar nicht ... tut mir leid, wir hätten es dir schon längst erzählen sollen.“
Bevor er nachhaken konnte, sagte Francesco mit tonloser Stimme: „Rudolf hatte einen Unfall in der Uni-Bibliothek. Ein Regal ist umgestürzt und auf ihn gefallen. Er ist erschlagen worden.“
CSM 108-1’s Gesichtszüge entgleisten. „Kein Scheiß?“
„In der Zeitung stand, dass er wohl ausgerutscht ist und sich reflexartig an dem Regal festgehalten hat. Dabei hat er es umgerissen und ist unter fünf Zentnern Büchern begraben worden. Ein dicker Wälzer ist ihm so unglücklich auf den Hals gefallen, dass es ihm das Genick gebrochen hat. Er war sofort tot, hat die Polizei gesagt.“ Thorsten sah ehrlich betroffen aus. „Letzten Montag war seine Beerdigung.“
Jetzt erst fiel CSM 108-1 auf, dass seine drei Kommilitonen allesamt dunkle Kleidung trugen. „Aber, das ist ... das klingt so unglaublich. So ein Riesenkerl wie Rudolf ...“
„Eben das war offenbar sein Verhängnis. Er stand vor einem der wenigen kleinen Regale im Freihandmagazin, direkt neben einer der tragenden Säulen des Gebäudes. Eins der größeren Regale hätte sich wahrscheinlich nicht einmal bewegt, so stabil und vollgestopft mit Büchern wie die sind, aber ausgerechnet für dieses kleine hat sein hohes Gewicht ausgereicht, um es umzureißen. Eine Ironie des Schicksals, könnte man sagen.“
„Tut mir leid. Ich konnte ihn gut leiden.“ CSM 108-1 hielt einen Moment inne und griff nach dem Zettel, den Francesco gefunden hatte. Geistesabwesend murmelte er: „Was hast du da?“
„Wie gesagt, eine Art Checkliste. Reisepass, Ticket bestellt, die üblichen Punkte, alle mit Häkchen abgezeichnet.“
„Das ist Karins Handschrift“, sagte CSM 108-1 und sah von dem Papier auf, während auch Natasha einen Blick darauf warf.
„Stimmt, ich erkenne sie auch.“ Dass CSM 108-1 selbst den Zettel in perfekter kalligraphischer Imitation von Karins geschwungener Schrift verfasst und am schwarzen Brett deponiert hatte, konnte sie nicht wissen.
„Viel weiter bringt uns das nicht. Der einzige Hinweis ist, dass sie eventuell außerhalb der Europäischen Union sein könnten, da sie ausdrücklich Reisepass geschrieben hat. Den braucht man innerhalb der EU nicht.“ Thorsten rieb sich mit einer Hand nachdenklich das Kinn.
„Stimmt. Hat sie vielleicht noch mehr am schwarzen Brett gelassen, was du noch nicht gefunden hast?“ CSM 108-1 ging gemeinsam mit den anderen in den Flur zum Brett hin, das über der kleinen Kommode mit dem Telefon und dem Anrufbeantworter hing.
„Ich glaube nicht, dass ich was übersehen hab’“, meinte Francesco und besah sich den Anrufbeantworter. „Warum blinkt der denn? He, Daniel, ich denke, er war ausgeschaltet.“
„Ist er auch immer noch“, gab CSM 108-1 zurück und konzentrierte sich auch weiterhin auf das Korkbrett, das von festgepinnten Zetteln nur so übersät war. „Ich kenn’ mich mit dem Ding nicht so aus, ist irgend so ein koreanisches Billigteil. Für gewöhnlich hab’ ich immer die Finger davon gelassen. He, sieh mal, was da steht ...“
Während er unter mehrlagig übereinander gesteckten Zetteln etwas Neues suchte, drückte Francesco auf einen Knopf am AB. „Sie haben keine neuen Nachrichten“, verkündete eine blecherne näselnde Frauenstimme.
Das kleine rote Blinklicht blieb jedoch bestehen, worauf der junge Italo weiter auf den Knöpfen des Gerätes herumdrückte. CSM 108-1 sah es aus dem Augenwinkel und meinte warnend: „Verstell’ mir bloß nichts an dem blöden Ding, ja? Bis ich das wieder auf der Reihe hab’ ...“
Plötzlich erklang wieder die mechanische Stimme: „Ansage nicht aktiviert. Bitte löschen Sie die Ansage oder hören Sie sie ab.“
„Da, jetzt hast du’s geschafft“, beschwerte er sich.
Francesco sah nicht auf. „Warte doch mal, die Ansage ist nicht aktiviert worden. Hier ...“
Auf einmal hörten sie, durch das Gerät leicht verfremdet, Karins Stimme in ironisch-bedauerlichem Tonfall: „Hallo, hier ist der AB von Simon, Abbey und Karin. Wir sind leider, leider für unbestimmte Zeit auf Hawaii am Sonnen, Schwimmen und Surfen ...“
„Was glaubst du eigentlich, was du da tust?“, herrschte Simon sie an.
„Ich wollte nur ...“, begann sie eine Rechtfertigung, die von Abbey aus dem Off unterbrochen wurde.
„Wir dürfen niemanden von unserem Ziel informieren. Willst du uns alle umbringen? Lösch’ das sofort wieder!“
„Zeihung, ich wollte nur ...“
Ein Piepton beendete die kurze Meinungsverschiedenheit. Schweigend standen die vier um das Telefon herum und starrten auf den Anrufbeantworter, der noch immer blinkte.
„Was zum Henker soll das bedeuten?“, fragte CSM 108-1 schließlich.
„Ich habe keine Ahnung“, gestand Francesco schulterzuckend ein.
„Los spiel’s noch mal“, forderte Natasha ihn auf.
Er kam dem nach und sie lauschten nochmals den Stimmen auf dem Band. Danach meinte Thorsten nachdenklich: „Es hört sich für mich so an: Karin wollte eine neue Ansage aufnehmen, wurde aber während der Aufnahme von Simon und Abbey daran gehindert. Sie wollte die Ansage löschen, hat aber irgendwie einen falschen Knopf gedrückt, weshalb wir das Band jetzt abhören konnten. Der AB war nicht eingeschaltet, also brauchten sie keine Angst zu haben, dass jemand die Aufnahme hören würde, wenn er anrufen würde. Und wir haben sie jetzt gefunden.“
„Klingt vernünftig. Aber was soll der Unsinn, den sie da verzapfen? Das hört sich ja an wie in einem schlechten Agentenfilm.“ Natasha war sichtlich erregt über ihren Fund.
„Ich mache mir jetzt fast noch mehr Sorgen als vorher, als ich nicht Bescheid wusste. Was soll das alles? Das hört sich sehr überstürzt an ... fast wie eine Flucht. Aber vor was und wem? Sie haben doch nichts Unrechtes getan“, wandte CSM 108-1 ein.
„Das wissen wir nicht mit Sicherheit“, gab Natasha zu bedenken.
„Komm schon, wir reden hier von unseren Freunden. Auf welcher Seite bist du eigentlich?“, zischte CSM 108-1.
„Schließt sie aus! Werft sie raus!“, skandierte Francesco auch gleich, handelte sich aber nur einen bösen Seitenblick von ihr ein.
„Thorsten wollte wissen: „Wussten sie denn, wann du zurückkommen würdest?“
„Naja, vor meinem missglückten Urlaubsversuch mit Karin – bitte fragt nicht, das war eine unglückliche Verkettung von Umständen – hatte ich ihr am Telefon gesagt, wann ich geplant hatte, herzufliegen. Aber auf den Tag genau wusste ich es selbst bis letzte Woche noch nicht.“
„Da haben wir’s!“, rief Francesco triumphierend. „Sie haben einen längeren Trip gemacht und dir das als Riesenverarsche hinterlassen, um dir den versauten USA-Trip von Karin heimzuzahlen. Das ist alles. Und eines kannst du mir glauben: Auf dich war in diesem Haushalt nach Karins Rückkehr niemand gut zu sprechen, vor allem angesichts ihres Gemütszustandes.“
„Hm, das glaube ich ja gerne, aber ist das nicht ein wenig viel Aufwand, nur um ...“, meinte er ein wenig peinlich berührt.
„Sie haben wahrscheinlich gesagt, warum verbinden wir nicht einfach das Angenehme mit dem Nützlichen und drücken ihm auf diese Weise ordentlich einen ‘rein, während wir uns gleichzeitig unter der Sonne Hawaiis bräunen.“ Auch Natasha schien mit dieser Lösung warm zu werden.
„Du musst nicht immer von dir ausgehen“, versetzte Thorsten.
„Ha, wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte Daniel hier eine aufgespannte Bärenfalle hinter der Wohnungstür erwartet ... und die Glühbirne der Flurlampe hätte ich rausgedreht, damit er die Falle auch ja nicht sieht, bis er hineingetappt ist.“ Sie sah ihn erbost an.
„Herzlichen Dank auch“, meinte CSM 108-1 lapidar. Thorsten stand vor dem AB und drückte nochmals die Wiedergabetaste, worauf alles ein drittes Mal abgespielt wurde. Niemand seiner Freunde hatte auch nur die leiseste Ahnung davon, dass CSM 108-1 selbst die gesamte Ansage unter Verwendung seines Sprachprozessors, mittels dem er jedes einmal von ihm erfasste Stimmmuster in für Menschen nicht vom Original zu unterscheidender Imitation wieder geben konnte, aufgezeichnet hatte.
Ironischerweise bemerkte Thorsten anerkennend: „Aber eines muss man ihnen lassen: Es hört sich sehr echt an. Ich für meinen Teil nominiere sie für diese Leistung mit dem deutschen Hörspielpreis ‘97.“
„Da kannst du mal sehen, Thorsten wäre ihnen auch auf den Leim gegangen“, tönte Natasha überlegen.
„Naja, für eine Minute vielleicht“, gab dieser zu und zuckte mit den Achseln.
„Mir fällt etwas ein, hier steht doch die Telefonnummer von Karins Eltern. Warum rufst du die nicht einfach an und versuchst dort etwas herauszufinden?“, gab Francesco zu bedenken.
„Das ist die Idee, Mann!“ Ohne eine Sekunde zu zögern, nahm CSM 108-1 den Hörer auf und begann die Nummer von dem kleinen Merkzettel zu wählen. Nach mehreren Freizeichen nahm jemand ab. Natasha hatte die Geistesgegenwart, das Außenmikrofon anzuschalten.
„ ...ochner.“ Die Stimme einer Frau in mittleren Jahren.
„Guten Tag, Frau Bochner. Hier spricht Daniel. Ich bin gerade aus New York zurückgekommen und habe die Wohnung verwaist vorgefunden. Können Sie mir vielleicht sagen, wo Karin, Simon und Abbey sind?“
„Du machst mir ja Spaß, hier noch anzurufen! Weißt du eigentlich, was meine arme Kleine wegen dir durchgemacht hat? Man bestellt doch seine Freundin nicht einfach ans Ende der Welt und versetzt sie dann nach Belieben! Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben ...“
Alle vier sahen sich betreten an, Francesco biss sich krampfhaft auf die Oberlippe, um ein Lachen zu unterdrücken. Natasha hatte weniger Hemmungen; sie stürzte in die Küche, um dort loszuwiehern, so dass Karins Mutter sie nicht hören konnte während ihrer Schimpftirade.
„Ich verstehe Sie ja, Frau Bochner, und es tut mir so leid wie sonst nichts auf der Welt. Ich hatte sie noch in Frankfurt versucht auszurufen, doch da war sie schon losgeflogen. Und ich war danach auch verhindert ... bitte glauben Sie mir. Aber sagen Sie mir doch bitte, wo ist sie jetzt?“
„Das haben sie dir nicht gesagt? Sie sind doch vor einer guten Woche in die USA geflogen. Die verrückten Kinder ... haben alles stehen und liegen gelassen und mich erst vom Flughafen aus angerufen. Wie hieß das doch noch gleich, wo sie hinwollten? Irgendwas mit Sonne und Meer und ... ich interessiere mich ja leider nicht so für fremde Länder. War es Florida oder Hawaii? Ganz weit weg auf jeden Fall.“ Es passte perfekt, was Karins Mutter in ihrer Arglosigkeit von sich gab.
„Naja, macht nichts. Ich habe es wohl so verdient. Vielen Dank für Ihre Auskunft und nichts für ungut. Wiederhören.“
„Dann brauchst du uns wohl nicht mehr“, bemerkte Francesco süffisant, als er aufgelegt hatte.
Betreten sah er zu Boden. „Da kann ich mich wohl auf was gefasst machen, wenn die drei zurückkommen. Ich kann schon mal anfangen zu überlegen, wie ich diesen Patzer mit Karins Versetzung in Oregon wieder gutmachen kann.“
Thorsten klopfte ihm auf die Schulter und meinte gut gelaunt: „Lass den Kopf nicht hängen, davon geht die Welt nicht unter.“
CSM 108-1 sah auf und direkt in seine blauen Augen: „Nein, bestimmt nicht. Ich werde erst einmal nach Frankfurt fahren müssen und dort meinen Wagen abholen. Oh Mann, wisst ihr, wie viel es kostet, ein Auto für zehn Tage am Flughafen abzustellen?“
„Nein, aber du wirst es uns bestimmt brühwarm erzählen, wenn du zurück bist, nicht wahr? Bye-bye, honey.“ Hämisch lachend ging Natasha.
„Francesco, tu mir einen Gefallen und schubs’ sie die Treppe runter, okay? Sei doch so nett.“
Der Italiener lachte. „Führ’ mich bitte nicht in Versuchung. Ciao!“
„Wir werden es wie einen Unfall aussehen lassen“, fügte Thorsten trocken hinzu, als er ging.
Die anderen verabschiedeten sich damit und gingen ohne weitere Umschweife, im Treppenhaus noch hörbar schwatzend und lachend.
Er stand reglos im Flur. << Abbey, sie kommen jetzt ’runter. Hast du alles mitbekommen? >>
<< Positiv ... Entschuldigung, ich meine, ja, der Empfang war laut und deutlich. Was schlägst du vor? >>
Er brauchte nicht lange zu überlegen. << Du übernimmst Subjekt B, ich hänge mich an A. Subjekt C können wir nach dieser Sache hier getrost vergessen. >>
Sie bestätigte: << Eine hervorragende Einschätzung; ich bin zu exakt denselben Schlüssen gekommen. Dann los. >>
<< Gut, bis später. >> Er beendete die Übertragung und machte sich daran, eilends die Wohnung zu verlassen, um sich wie vereinbart an die Verfolgung desjenigen Subjektes zu machen, das sie mit A bezeichnet hatten.
[Fortsetzung folgt ...]
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Dienstag, 20. Februar 2007
T1.76
cymep, 16:13h
[... Fortsetzung des Buches]
Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 11. September 1997
Gleich nachdem sie ihr Frühstück im Restaurant des ‚Aux 2 Roses’ eingenommen hatten, waren Abbey und Daniel losgefahren und hatten sie ihrem Schicksal überlassen. Karin schlug vor, sich die Festungsanlagen eingehender zu betrachten, womit Simon durchaus einverstanden war. So gingen sie auf dem von Gras und Gestrüpp bewachsenen Wall, der nur von den vier Stadttoren in allen vier Himmelsrichtungen unterbrochen wurde, einmal um den Ort herum. Die achteckige Form trat von hier oben besonders auffällig zutage und der Blick über die Hausdächer war besonders schön. Es gab nur ein paar Häuser, die mehr als drei Stockwerke hatten.
Nach ihrer ersten Umrundung schlug Karin vor, nun im Graben selbst zwischen den inneren und äußeren Verteidigungsmauern von Neuf-Brisach weiterzugehen, was Simon wiederum annahm. Als sie langsam dem unbefestigten Fuß- und Radweg in der ansonsten mit Rasen bewachsenen Grabenanlage folgten, musste Simon ungewollt zur Seite sehen und musterte sie heimlich. Sie trug einmal mehr Bluejeans und eine passende Jacke über einem eng anliegenden weißen T-Shirt, hatte diesmal aber die gewohnten hochhackigen Treter gegen leichte Turnschuhe als passendes Schuhwerk getauscht. Wie immer hatte sie ihr glattes, rabenschwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und bot ihm ungewollt ihr gebräuntes Profil mit dem nur leicht vorspringenden Kinn und ihrer Stupsnase über den auffällig geschwungenen Lippen dar. Ihre klaren, hellbraunen Augen richteten sich zur Seite und registrierten seine Blicke.
Er sah schnell weg und strich sich unangenehm berührt über den hohen Ansatz seiner dunkelblonden, glatten und zu seinem Leidwesen auch schon leicht schütter werdenden Haare mit den Geheimratsecken, die ihm ein sympathisches, aber auch distinguiertes Aussehen verliehen. Seine blauen Augen zuckten kurz zu ihr hinüber und er stellte fest, dass sie ihn unverwandt musterte, so als sehe sie sein markantes Gesicht mit den kräftigen, leicht kantigen Kieferpartien und den schmalen, jetzt ernst verkniffenen Lippen zum ersten Mal richtig.
„Wie lange warst du eigentlich in mich verknallt?“
Die Frage traf ihn unerwartet und mit voller Härte, denn sie hatte ihn noch nie so offen darauf angesprochen, geschweige denn überhaupt so unmissverständlich durchblicken lassen, dass sie es gewusst hatte. Nun, natürlich hatte sie es gewusst, gestand er sich ein, sie war schließlich nicht blöd.
In Defensivstellung gehend, konterte er: „Du meinst, bevor ich Abbey kennen gelernt habe?“
„Natürlich, das habe ich nicht in Frage stellen wollen. Tut mir leid, wenn es sich so angehört hat. Ich war nur ... neugierig.“
Er sah starr nach vorne und ließ seinen Blick über die hohen, alten Mauerwerke schweifen, ohne sie wirklich zu sehen. „Naja, ich glaube nicht, dass ich dir einen genauen Zeitraum dafür nennen kann. Die Anfänge meiner ...“ Er sah sie doch noch an und fuhr mit fester Stimme fort: „...Schwärmerei verlieren sich irgendwo im Dunkel der Vergangenheit.“
„Das klingt geheimnisvoll“, bemerkte sie und sah nun ihrerseits lächelnd nach vorne.
„Ja, so ungefähr am Anfang der Pubertät. Zusammen mit den ersten Barthaaren ...“, versuchte er dem Gespräch die Brisanz zu nehmen, „ ...und den ersten Haaren an anderen Stellen.“
„Du bist eklig!“ Sie schlug ihn lachend mit der flachen Hand gegen den Oberarm.
„Und nachts, wenn man im Bett lag und träumte ...“, führte er weiter aus, worauf er sich noch einen Schlag einhandelte.
„Du bist so was von eklig. Hör’ sofort damit auf!“, forderte sie, konnte sich das Lachen aber dennoch kaum verkneifen.
„Tja, ich weiß auch nicht, warum ich nie richtiges Interesse an der ältesten oder jüngsten der Bochner-Schwestern hatte. Ich habe mir wohl die goldene Mitte ausgesucht.“ Als er das sagte, wurde ihre Miene nachdenklich und kryptisch, er konnte nichts mehr daraus lesen.
„Es ist schon seltsam: Man wohnt in derselben Straße in demselben kleinen Ort und wächst praktisch miteinander auf. Wie kann man da gleichzeitig derart aneinander vorbeileben?“
Bei diesem Kommentar von ihr legte sich etwas in ihren Blick, ein Schimmer, den zu sehen er die Hoffnung vor langer Zeit schon aufgegeben hatte. Aber warum jetzt? Warum ausgerechnet jetzt? Wegen der extremen Situation, den besonderen Umständen?
Vielleicht interpretierte er zu viel hinein, sagte er sich und richtete sein Augenmerk wieder auf den Weg vor ihnen. „Schon komisch, wie alles gekommen ist, nicht wahr? Wir haben sogar die Wohnung miteinander geteilt und sind uns nur in den Haaren gelegen. Tja, und jetzt hat jeder von uns eine feste Beziehung, wobei der eine davon noch rein zufällig als Mitbewohner bei uns eingezogen ist.“
„He, das war ja wohl zweifelsfrei ein Zufall, okay? Das wollen wir doch mal festhalten! Und diese blöden Auflagen von meinen, oder sollte ich fairerweise sagen, unseren Eltern, mit dir zusammen eine WG zu bilden, können wir ja wohl auch als sehr plumpen und offensichtlichen Verkupplungsversuch zu den Akten legen“, hielt sie dagegen.
„Ja, fast schon peinlich“, stimmte er zu, „Eltern wollen immer nur das Beste für dich. Das geht so lange gut, bis sie glauben, sie müssen sich auch in dein Liebesleben einmischen.“
„Oder das, was sie dafür halten“, hieb sie nach, worauf er sie mit säuerlicher Miene ansah.
„Das hätte nicht sein müssen.“
„Sorry.“ Sie hakte sich unvermittelt bei ihm ein, worauf sich sein Puls ungewollt beschleunigte. Das war nicht richtig, oder? War es Abbey gegenüber fair? Seine Gedanken überschlugen sich, als er ihren Arm an seinem spürte.
„Wir sind in einer echten Zwickmühle, weißt du das eigentlich?“, sagte sie prompt, als habe sie seine Gedanken gelesen. „Ich meine, wir beide haben auf einmal eine Beziehung zu unseren Leibwächtern oder so, zu den Personen, von denen wahrscheinlich unser Leben in naher Zukunft abhängen wird. Das ist furchtbar kompliziert und es kann noch viel komplizierter werden, wenn wir uns nicht vorsehen. Ich meine, was würde passieren, wenn eine unserer Partnerschaften in die Brüche gehen würde? Wie würden sich die emotionellen Spannungen auf unser aller Verhältnis auswirken?“
Er entgegnete: „Oh, wenn du gerne des Teufels Advokat spielst, dann habe ich was für dich. Wie sicher kannst du dir über ihre Gefühle zu uns denn sein? Gehört das zu ihrer Aufgabe dazu oder ist das wirklich alles rein als Nebeneffekt entstanden, aus purem Zufall? Und wie soll das weitergehen, wie du so treffend gefragt hast?“
„Sie haben zumindest behauptet, dass sie vorher nicht wussten, dass wir es sein würden, die diese obskure Entdeckung mit dem Kristall machen würden. Wie aber sollten sie im Voraus wissen, dass irgendjemand diese Entdeckung machen würde? Sind sie Hellseher oder was?“
Er blieb abrupt stehen. „Scheiße, du hast recht! Wieso ist mir das nie aufgefallen? Das ist doch irgendwie sehr fragwürdig!“
„Ich finde, dass immer mehr Ungereimtheiten auftauchen, je länger wir mit unseren beiden ‚Superagenten’ zusammen sind. Sie wissen immer genau, was als Nächstes zu tun ist, und lassen nie eine Spur von Zweifel oder Unsicherheit erkennen. Mir ist das im Lauf der letzten Tage fast schon unheimlich geworden“, gab sie zu bedenken.
„Und ihre geheimnisvolle Organisation, die sie so sehr gedrillt und auf diese Mission vorbereitet hat, von der wir nichts erfahren dürfen. Die sie mit nahezu unbegrenzten Mitteln ausstattet, aber zu der sie nicht einmal mehr Kontakt aufnehmen können. Das passt doch irgendwie nicht zusammen“, fügte Simon hinzu und nahm die Schönheit des Belforter Stadttores, das sie gerade passierten, gar nicht wahr. „Ich glaube, uns fehlt ein wichtiges Glied in der Kette, damit wir auch nur ansatzweise begreifen können, was hier vor sich geht und was mit uns passieren soll oder wird.“
„Ich finde, wir sollten die beiden zur Rede stellen. Wir haben ein Recht darauf.“ Karin war es anscheinend ernst mit diesem Entschluss.
„Das wird ihnen nicht gefallen“, meinte er nachdenklich.
Kurz entschlossen sagte sie daraufhin: „Dann lassen wir die Bombe heute Abend beim Essen platzen. Sie werden uns wohl nicht vor mehreren Dutzend Leuten umbringen, oder?“
„Sie werden uns gar nicht umbringen“, widersprach er entschlossen. „So viel weiß ich sicher. Sie können es gar nicht, dafür sind sie viel zu professionell, zu gut geschult und geschliffen worden. Wir sind die Personen, die sie schützen müssen. Die Frage ist nur, werden sie mit der Sprache herausrücken und uns etwas über ihre wahren Absichten verraten? Können sie das überhaupt, oder ist ihre Konditionierung auch dafür zu stark?“
„Du hörst dich an wie in einem schlechten Agentenfilm. Mir wird ganz anders, wenn du so redest. Ich meine, für uns ist dieser Mist auf einmal Realität geworden, ohne dass wir eine Wahl hatten.“ Ganz unbefangen drückte sie sich im Gehen ein wenig an seinen Arm; er war schon jenseits des Punktes, an dem er sie von sich gewiesen hätte.
Statt dessen sagte er: „Ich muss dir etwas gestehen, Karin. Ich bin froh, dass ausgerechnet du es bist, die mit mir zusammen auf diese Achterbahnreise gehen musste. Es tut gut, jemand Altbekannten und Vertrauten in so einer Lage bei sich zu haben.“
Nach einem langen Moment des Schweigens sagte sie: „Ich weiß nicht, ob ich dir das sagen sollte, aber mir geht es ähnlich. War das jetzt ein Fehler von mir?“
Er hielt an und sah sich ihr gegenüber, als er sich ihr zuwandte. „Nein, ich glaube nicht. Auch wenn wir nicht mehr wissen, wem wir noch vertrauen können in dieser verrückten Welt, uns können wir vertrauen.“
Und dann umarmten sie sich und drückten sich fest aneinander, die Sorgen und Zweifel, Ängste und Ungewissheit bedingungslos miteinander teilend. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter; in dieser Haltung verharrten sie eine ganze Weile.
Dann sagte er unvermittelt: „Wir sollten weitergehen, ein mobiles Ziel ist schwerer zu treffen.“
Sie ließ von ihm ab und sah ihn an. „Für diesen Spruch sollte ich dir jetzt gleich eine kleben. Ich will von diesem Geheimagenten-Scheiß nichts hören, verstehst du?“
Er grinste. „Tut mir leid, die Versuchung war einfach zu groß.“
„Was soll ich mir dir nur anfangen, Simon?“ Sie hakte ihn wieder unter und zog ihre Jacke mit der anderen Hand am Aufschlag zu, da ein steifer Nordwestwind aufkam und durch den Graben pfiff.
„Da hätte ich ein paar Vorschläge ...“
„Idiot. Komm, lass uns erst mal zurück in die Stadt gehen; es wird frisch. Ich glaube, das Wetter schlägt um.“
„Wenn du damit diese gigantische Schlechtwetterfront meinst, die von den Vogesen hierherzieht, hast du wahrscheinlich recht.“ Er beschleunigte mühelos seine Schritte, um mit ihr mitzuhalten.
„Alter Klugscheißer.“ Sie konnte nur den Kopf schütteln.
Etwas hatte sich verändert zwischen ihnen, das wussten sie beide. Und es würde nie mehr das Gleiche für sie sein, wenn sie zusammen in einem Raum waren.
Der Abend kam und mit ihm der Zeitpunkt der Konfrontation. CSM 108-1 und TSR 3012 waren erst kurz vor dem Abendessen zurückgekehrt, so dass sie gleich hinab ins zugehörige Restaurant gegangen waren, ohne vorher viel miteinander geredet zu haben. Sie erhielten gleich nach dem Platznehmen die Vorspeise, eine dampfende Kartoffelsuppe, die fein mit hiesigen Kräutern abgeschmeckt war und vorzüglich schmeckte. Die Spannung zwischen ihnen war fast schon greifbar, so dass niemand von dem heftigen Regen Notiz nahm, der geräuschvoll gegen die Fenster prasselte und einen unbewusst frösteln ließ.
„Was habt ihr so alles herausgefunden heute?“, wollte Karin geradeheraus wissen.
Wahrheitsgemäß antwortete TSR 3012: „Daniel war in unserer Wohnung, nachdem er sichergestellt hat, dass sie nicht dauerhaft überwacht wird. Ich habe inzwischen versucht, einige von uns verdächtigte Personen zu überwachen, was nicht sehr einfach war. Wahrscheinlich werde ich mich mehrere Tage am Stück unsichtbar machen müssen, um greifbare Resultate zu erzielen. Aber am Wichtigsten ist es, sicherzugehen, dass die Gegenseite unseren Hawaii-Köder auch wirklich aufgenommen hat oder dies noch tut, falls noch nicht geschehen. Gleich danach steht die Enttarnung der Personen, die der Feind in unsere unmittelbare Umgebung eingeschleust hatte, auf der Prioritätenliste.“
„Ist das so eine Art Standardprozedur nach Lehrbuch, nach der ihr vorgeht?“, wollte Simon zwischen zwei Löffeln Suppe wissen.
„Eigentlich nicht“, gab CSM 108-1 zu, „denn unsere Lage ist weitaus komplizierter, als es jemals in einem Lehrbuch, welcher Art auch immer, behandelt werden könnte. Ich habe beispielsweise unsere Wohnung gefilzt und dabei bemerkt, dass sie abgehört wird. Um daraus einen Vorteil zu ziehen, habe ich eine besondere List angewandt, für die ich morgen in die Rolle des ahnungslosen Rückkehrers aus den USA schlüpfen werde.
Da die Anderen nicht oder noch nicht wissen oder ahnen können, dass ich eingeweiht bin, komme ich offiziell nach Beendigung meines Auslandssemesters zurück und spiele den Befremdeten, da ich eine unbewohnte Wohnung vorfinde. Und in diesem Zusammenhang wird der Köder ausgelegt, der hoffentlich die Gegenseite restlos überzeugen wird, dass es für sie nötig ist, Kräfte nach Hawaii zu verlegen, um euch dort aufzuspüren.
Wir wissen nicht, wie viele sie sind oder wie sehr wir sie wirklich von unserem fingierten Aufenthaltsort überzeugen können. Auch können wir nicht damit rechnen, dass sie alle ihre Leute ans andere Ende der Welt schicken, um euch auf einer Insel von der Größe des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald mit etwa anderthalb Millionen Einwohnern und Touristen zu suchen. Mit etwas Glück können wir uns einen Teil von ihnen vom Hals schaffen und müssen dann unbedingt versuchen, den Rest von ihnen zu enttarnen, um sie so unter Kontrolle halten zu können.“
„Ach, ihr wollt sie nicht gleich umbringen oder so?“, warf Karin lapidar ein.
CSM 108-1 schüttelte den Kopf. „Nicht notwendigerweise. Es ist vielleicht sogar besser, zu wissen, wer sie sind, ohne sie wissen zu lassen, dass sie enttarnt wurden. Das kann ein entscheidender taktischer Vorteil sein ... wenn wir es schaffen, sie zu enttarnen. Was wirklich schwer werden dürfte.“
„Habt ihr denn schon konkrete Verdächtige?“, ging Simon auf die Thematik ein.
„Sechs Personen, um genau zu sein. Und Daniel wird morgen ein nicht unerhebliches Risiko eingehen, denn es kann durchaus sein, dass er einen oder sogar mehrere der Gegner direkt ansprechen und vielleicht sogar bei sich in der Wohnung haben wird.“ TSR 3012 machte eine sehr ernste Miene bei diesen Worten.
„Bist du verrückt? Das kannst du doch nicht machen!“, brauste Karin entsetzt auf.
„Ich kann und ich werde. Keine Sorge, ich werde mehrere Personen auf einmal bei mir haben. Außer in dem äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass alle der Angesprochenen zur Gegenseite gehören, bin ich in relativer Sicherheit, denn einerseits werden sie nichts vor Unbeteiligten unternehmen und andererseits haben sie noch immer die Gewissheit, ihre Wanze bei uns versteckt zu haben und so vielleicht zufällig an die entscheidende Information, eine definitive Bestätigung eures Aufenthaltsortes nämlich, heranzukommen.“
„Eine unbestechliche Logik“, brummelte Karin darauf unwillig vor sich hin.
Die Suppenteller wurden abgeräumt von einer jungen Einheimischen, die scheu zu Boden blickte und ziemlich unsicher wirkte. Wohl neu im Geschäft, dachte Simon abwesend.
Sobald sie sich wieder ungestört unterhalten konnten, wollte Simon in gedämpftem Tonfall wissen: „Was habt ihr denn vor?“
„Das kann ich euch nicht genau sagen, aber wenn es funktioniert, wird das Resultat sein, dass wir wieder relativ sicher in Freiburg werden leben können.“ TSR 3012 sah ihn an und zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Nein. So funktioniert das nicht.“
Alle sahen nun Karin an, die mit trotzig vorgerecktem Kinn und vor der Brust verschränkten Armen auf ihrem Platz saß.
„Was meinst du damit?“, wollte CSM 108-1 wissen.
„Ich meine damit, dass wir das nicht länger mitmachen. Wir sollen, ja müssen euch sogar unser nacktes Leben anvertrauen und wissen praktisch nichts über euch. Wer ihr in Wirklichkeit seid, wo ihr herkommt, was eure wahren Absichten sind, wer euer Auftraggeber ist, was mit euch los ist ... nichts. Würde es euch nicht auch schwer fallen unter diesen Umständen, noch einen Rest Zutrauen zu euch zu fassen?“ In ihrer Stimme lag ein bittender Ton, fast wie ein Hilferuf.
Er verhallte ungehört, als CSM 108-1 seine Hand auf ihren Arm legte und sagte: „Bitte glaube mir, Liebes, wir können es euch nicht sagen, selbst wenn wir wollten. Etwas in uns hindert uns daran, euch mehr zu erzählen, als ihr ohnehin schon wisst.“
„Nein!“ Entschlossen entzog sie ihm ihren Arm. „Schluss mit ‚Liebes’. Ich will endlich ein paar Antworten von euch. Was haben sie mit euch gemacht, dass ihr uns nichts sagen könnt?“
„Ist es so eine Art posthypnotische Suggestion, die sie euch eingesetzt haben?“, schlug Simon vor.
TSR 3012 verneinte: „Es ist viel schlimmer als das. Du merkst vielleicht, wir versuchen durchaus, euch etwas davon zu erzählen, aber ‚es’ hindert uns daran, eine genauere Beschreibung davon zu liefern.“
„Und je mehr wir herausfinden, desto mehr könnt ihr uns erzählen, was in direktem Zusammenhang damit steht?“, hakte sie nach.
CSM 108-1 und TSR 3012 sahen sich einen Moment lang an. Er sagte: „So könnte man es ausdrücken.“
„Ich habe herausgefunden, dass ihr nicht wie normale Menschen altert“, triumphierte sie auf. „Sagt mir, wieso!“
„Was soll das heißen?“, fragte Simon verständnislos. Niemand sonst beachtete ihn.
„Ganz so einfach ist es nicht zu umgehen, Karin, tut mir leid“, erklärte CSM 108-1. „Aber du hast recht damit. Wir haben keinen normalen Stoffwechsel wie andere Menschen, was auch die Zellalterung mit einschließt.“
„Seid ihr genetisch manipuliert worden?“, riet sie unbeirrt los.
„Ja, zum Teil jedenfalls“, gab TSR 3012 unumwunden zu, ohne zu lügen. Ihre organische Komponente war wirklich von Skynet genetisch rekombiniert worden, um den besonderen Bedürfnissen eines Terminators besser zu genügen.
„Ich habe es geahnt“, murmelte sie düster. „Wer war es? Eine US-Institution, eine der Geheimdienste?“
„Nein. In diesem Punkt kannst du lange fragen, ohne darauf zu kommen“, meinte TSR 3012 und lehnte sich ein wenig zurück, als der Teller mit der Hauptspeise, einem lecker aussehenden Gemüseauflauf, vor sie gestellt wurde.
„Wartet nur ab, früher oder später verratet ihr euch schon“, meinte sie missmutig.
CSM 108-1 sah zu Boden. „Ich hoffe nicht. Wahrscheinlich wäre die Wahrheit mehr, als ihr ertragen könntet.“
„Und wieder haben unsere Dialoge B-Movie-Niveau erreicht. Ich schlage vor, wir verschieben das auf später.“ Simon sah noch einmal kurz misstrauisch in die Runde und begann dann zu essen.
Die Atmosphäre war an diesem Abend und auch in der folgenden Nacht sehr angespannt und unterkühlt. Sie redeten nicht viel miteinander und es kamen auch keine romantischen Gefühle mehr auf. Die beiden Cyborgs konnten es ihren Gefährten nicht verdenken, denn sie waren dabei, sich ihnen zu weit zu öffnen, was alles ruinieren konnte.
Und als sie ihnen eröffneten, dass sie ab morgen früh für volle drei Tage weg sein würden, ernteten sie nur noch ein Schulterzucken und zustimmendes Gemurmel.
Es würde nie mehr so wie vorher sein, dass wussten alle instinktiv. Obwohl es keinen großen Streit oder etwas Derartiges gegeben hatte, war doch etwas zwischen ihnen zerstört worden.
[Fortsetzung folgt ...]
Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 11. September 1997
Gleich nachdem sie ihr Frühstück im Restaurant des ‚Aux 2 Roses’ eingenommen hatten, waren Abbey und Daniel losgefahren und hatten sie ihrem Schicksal überlassen. Karin schlug vor, sich die Festungsanlagen eingehender zu betrachten, womit Simon durchaus einverstanden war. So gingen sie auf dem von Gras und Gestrüpp bewachsenen Wall, der nur von den vier Stadttoren in allen vier Himmelsrichtungen unterbrochen wurde, einmal um den Ort herum. Die achteckige Form trat von hier oben besonders auffällig zutage und der Blick über die Hausdächer war besonders schön. Es gab nur ein paar Häuser, die mehr als drei Stockwerke hatten.
Nach ihrer ersten Umrundung schlug Karin vor, nun im Graben selbst zwischen den inneren und äußeren Verteidigungsmauern von Neuf-Brisach weiterzugehen, was Simon wiederum annahm. Als sie langsam dem unbefestigten Fuß- und Radweg in der ansonsten mit Rasen bewachsenen Grabenanlage folgten, musste Simon ungewollt zur Seite sehen und musterte sie heimlich. Sie trug einmal mehr Bluejeans und eine passende Jacke über einem eng anliegenden weißen T-Shirt, hatte diesmal aber die gewohnten hochhackigen Treter gegen leichte Turnschuhe als passendes Schuhwerk getauscht. Wie immer hatte sie ihr glattes, rabenschwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und bot ihm ungewollt ihr gebräuntes Profil mit dem nur leicht vorspringenden Kinn und ihrer Stupsnase über den auffällig geschwungenen Lippen dar. Ihre klaren, hellbraunen Augen richteten sich zur Seite und registrierten seine Blicke.
Er sah schnell weg und strich sich unangenehm berührt über den hohen Ansatz seiner dunkelblonden, glatten und zu seinem Leidwesen auch schon leicht schütter werdenden Haare mit den Geheimratsecken, die ihm ein sympathisches, aber auch distinguiertes Aussehen verliehen. Seine blauen Augen zuckten kurz zu ihr hinüber und er stellte fest, dass sie ihn unverwandt musterte, so als sehe sie sein markantes Gesicht mit den kräftigen, leicht kantigen Kieferpartien und den schmalen, jetzt ernst verkniffenen Lippen zum ersten Mal richtig.
„Wie lange warst du eigentlich in mich verknallt?“
Die Frage traf ihn unerwartet und mit voller Härte, denn sie hatte ihn noch nie so offen darauf angesprochen, geschweige denn überhaupt so unmissverständlich durchblicken lassen, dass sie es gewusst hatte. Nun, natürlich hatte sie es gewusst, gestand er sich ein, sie war schließlich nicht blöd.
In Defensivstellung gehend, konterte er: „Du meinst, bevor ich Abbey kennen gelernt habe?“
„Natürlich, das habe ich nicht in Frage stellen wollen. Tut mir leid, wenn es sich so angehört hat. Ich war nur ... neugierig.“
Er sah starr nach vorne und ließ seinen Blick über die hohen, alten Mauerwerke schweifen, ohne sie wirklich zu sehen. „Naja, ich glaube nicht, dass ich dir einen genauen Zeitraum dafür nennen kann. Die Anfänge meiner ...“ Er sah sie doch noch an und fuhr mit fester Stimme fort: „...Schwärmerei verlieren sich irgendwo im Dunkel der Vergangenheit.“
„Das klingt geheimnisvoll“, bemerkte sie und sah nun ihrerseits lächelnd nach vorne.
„Ja, so ungefähr am Anfang der Pubertät. Zusammen mit den ersten Barthaaren ...“, versuchte er dem Gespräch die Brisanz zu nehmen, „ ...und den ersten Haaren an anderen Stellen.“
„Du bist eklig!“ Sie schlug ihn lachend mit der flachen Hand gegen den Oberarm.
„Und nachts, wenn man im Bett lag und träumte ...“, führte er weiter aus, worauf er sich noch einen Schlag einhandelte.
„Du bist so was von eklig. Hör’ sofort damit auf!“, forderte sie, konnte sich das Lachen aber dennoch kaum verkneifen.
„Tja, ich weiß auch nicht, warum ich nie richtiges Interesse an der ältesten oder jüngsten der Bochner-Schwestern hatte. Ich habe mir wohl die goldene Mitte ausgesucht.“ Als er das sagte, wurde ihre Miene nachdenklich und kryptisch, er konnte nichts mehr daraus lesen.
„Es ist schon seltsam: Man wohnt in derselben Straße in demselben kleinen Ort und wächst praktisch miteinander auf. Wie kann man da gleichzeitig derart aneinander vorbeileben?“
Bei diesem Kommentar von ihr legte sich etwas in ihren Blick, ein Schimmer, den zu sehen er die Hoffnung vor langer Zeit schon aufgegeben hatte. Aber warum jetzt? Warum ausgerechnet jetzt? Wegen der extremen Situation, den besonderen Umständen?
Vielleicht interpretierte er zu viel hinein, sagte er sich und richtete sein Augenmerk wieder auf den Weg vor ihnen. „Schon komisch, wie alles gekommen ist, nicht wahr? Wir haben sogar die Wohnung miteinander geteilt und sind uns nur in den Haaren gelegen. Tja, und jetzt hat jeder von uns eine feste Beziehung, wobei der eine davon noch rein zufällig als Mitbewohner bei uns eingezogen ist.“
„He, das war ja wohl zweifelsfrei ein Zufall, okay? Das wollen wir doch mal festhalten! Und diese blöden Auflagen von meinen, oder sollte ich fairerweise sagen, unseren Eltern, mit dir zusammen eine WG zu bilden, können wir ja wohl auch als sehr plumpen und offensichtlichen Verkupplungsversuch zu den Akten legen“, hielt sie dagegen.
„Ja, fast schon peinlich“, stimmte er zu, „Eltern wollen immer nur das Beste für dich. Das geht so lange gut, bis sie glauben, sie müssen sich auch in dein Liebesleben einmischen.“
„Oder das, was sie dafür halten“, hieb sie nach, worauf er sie mit säuerlicher Miene ansah.
„Das hätte nicht sein müssen.“
„Sorry.“ Sie hakte sich unvermittelt bei ihm ein, worauf sich sein Puls ungewollt beschleunigte. Das war nicht richtig, oder? War es Abbey gegenüber fair? Seine Gedanken überschlugen sich, als er ihren Arm an seinem spürte.
„Wir sind in einer echten Zwickmühle, weißt du das eigentlich?“, sagte sie prompt, als habe sie seine Gedanken gelesen. „Ich meine, wir beide haben auf einmal eine Beziehung zu unseren Leibwächtern oder so, zu den Personen, von denen wahrscheinlich unser Leben in naher Zukunft abhängen wird. Das ist furchtbar kompliziert und es kann noch viel komplizierter werden, wenn wir uns nicht vorsehen. Ich meine, was würde passieren, wenn eine unserer Partnerschaften in die Brüche gehen würde? Wie würden sich die emotionellen Spannungen auf unser aller Verhältnis auswirken?“
Er entgegnete: „Oh, wenn du gerne des Teufels Advokat spielst, dann habe ich was für dich. Wie sicher kannst du dir über ihre Gefühle zu uns denn sein? Gehört das zu ihrer Aufgabe dazu oder ist das wirklich alles rein als Nebeneffekt entstanden, aus purem Zufall? Und wie soll das weitergehen, wie du so treffend gefragt hast?“
„Sie haben zumindest behauptet, dass sie vorher nicht wussten, dass wir es sein würden, die diese obskure Entdeckung mit dem Kristall machen würden. Wie aber sollten sie im Voraus wissen, dass irgendjemand diese Entdeckung machen würde? Sind sie Hellseher oder was?“
Er blieb abrupt stehen. „Scheiße, du hast recht! Wieso ist mir das nie aufgefallen? Das ist doch irgendwie sehr fragwürdig!“
„Ich finde, dass immer mehr Ungereimtheiten auftauchen, je länger wir mit unseren beiden ‚Superagenten’ zusammen sind. Sie wissen immer genau, was als Nächstes zu tun ist, und lassen nie eine Spur von Zweifel oder Unsicherheit erkennen. Mir ist das im Lauf der letzten Tage fast schon unheimlich geworden“, gab sie zu bedenken.
„Und ihre geheimnisvolle Organisation, die sie so sehr gedrillt und auf diese Mission vorbereitet hat, von der wir nichts erfahren dürfen. Die sie mit nahezu unbegrenzten Mitteln ausstattet, aber zu der sie nicht einmal mehr Kontakt aufnehmen können. Das passt doch irgendwie nicht zusammen“, fügte Simon hinzu und nahm die Schönheit des Belforter Stadttores, das sie gerade passierten, gar nicht wahr. „Ich glaube, uns fehlt ein wichtiges Glied in der Kette, damit wir auch nur ansatzweise begreifen können, was hier vor sich geht und was mit uns passieren soll oder wird.“
„Ich finde, wir sollten die beiden zur Rede stellen. Wir haben ein Recht darauf.“ Karin war es anscheinend ernst mit diesem Entschluss.
„Das wird ihnen nicht gefallen“, meinte er nachdenklich.
Kurz entschlossen sagte sie daraufhin: „Dann lassen wir die Bombe heute Abend beim Essen platzen. Sie werden uns wohl nicht vor mehreren Dutzend Leuten umbringen, oder?“
„Sie werden uns gar nicht umbringen“, widersprach er entschlossen. „So viel weiß ich sicher. Sie können es gar nicht, dafür sind sie viel zu professionell, zu gut geschult und geschliffen worden. Wir sind die Personen, die sie schützen müssen. Die Frage ist nur, werden sie mit der Sprache herausrücken und uns etwas über ihre wahren Absichten verraten? Können sie das überhaupt, oder ist ihre Konditionierung auch dafür zu stark?“
„Du hörst dich an wie in einem schlechten Agentenfilm. Mir wird ganz anders, wenn du so redest. Ich meine, für uns ist dieser Mist auf einmal Realität geworden, ohne dass wir eine Wahl hatten.“ Ganz unbefangen drückte sie sich im Gehen ein wenig an seinen Arm; er war schon jenseits des Punktes, an dem er sie von sich gewiesen hätte.
Statt dessen sagte er: „Ich muss dir etwas gestehen, Karin. Ich bin froh, dass ausgerechnet du es bist, die mit mir zusammen auf diese Achterbahnreise gehen musste. Es tut gut, jemand Altbekannten und Vertrauten in so einer Lage bei sich zu haben.“
Nach einem langen Moment des Schweigens sagte sie: „Ich weiß nicht, ob ich dir das sagen sollte, aber mir geht es ähnlich. War das jetzt ein Fehler von mir?“
Er hielt an und sah sich ihr gegenüber, als er sich ihr zuwandte. „Nein, ich glaube nicht. Auch wenn wir nicht mehr wissen, wem wir noch vertrauen können in dieser verrückten Welt, uns können wir vertrauen.“
Und dann umarmten sie sich und drückten sich fest aneinander, die Sorgen und Zweifel, Ängste und Ungewissheit bedingungslos miteinander teilend. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter; in dieser Haltung verharrten sie eine ganze Weile.
Dann sagte er unvermittelt: „Wir sollten weitergehen, ein mobiles Ziel ist schwerer zu treffen.“
Sie ließ von ihm ab und sah ihn an. „Für diesen Spruch sollte ich dir jetzt gleich eine kleben. Ich will von diesem Geheimagenten-Scheiß nichts hören, verstehst du?“
Er grinste. „Tut mir leid, die Versuchung war einfach zu groß.“
„Was soll ich mir dir nur anfangen, Simon?“ Sie hakte ihn wieder unter und zog ihre Jacke mit der anderen Hand am Aufschlag zu, da ein steifer Nordwestwind aufkam und durch den Graben pfiff.
„Da hätte ich ein paar Vorschläge ...“
„Idiot. Komm, lass uns erst mal zurück in die Stadt gehen; es wird frisch. Ich glaube, das Wetter schlägt um.“
„Wenn du damit diese gigantische Schlechtwetterfront meinst, die von den Vogesen hierherzieht, hast du wahrscheinlich recht.“ Er beschleunigte mühelos seine Schritte, um mit ihr mitzuhalten.
„Alter Klugscheißer.“ Sie konnte nur den Kopf schütteln.
Etwas hatte sich verändert zwischen ihnen, das wussten sie beide. Und es würde nie mehr das Gleiche für sie sein, wenn sie zusammen in einem Raum waren.
Der Abend kam und mit ihm der Zeitpunkt der Konfrontation. CSM 108-1 und TSR 3012 waren erst kurz vor dem Abendessen zurückgekehrt, so dass sie gleich hinab ins zugehörige Restaurant gegangen waren, ohne vorher viel miteinander geredet zu haben. Sie erhielten gleich nach dem Platznehmen die Vorspeise, eine dampfende Kartoffelsuppe, die fein mit hiesigen Kräutern abgeschmeckt war und vorzüglich schmeckte. Die Spannung zwischen ihnen war fast schon greifbar, so dass niemand von dem heftigen Regen Notiz nahm, der geräuschvoll gegen die Fenster prasselte und einen unbewusst frösteln ließ.
„Was habt ihr so alles herausgefunden heute?“, wollte Karin geradeheraus wissen.
Wahrheitsgemäß antwortete TSR 3012: „Daniel war in unserer Wohnung, nachdem er sichergestellt hat, dass sie nicht dauerhaft überwacht wird. Ich habe inzwischen versucht, einige von uns verdächtigte Personen zu überwachen, was nicht sehr einfach war. Wahrscheinlich werde ich mich mehrere Tage am Stück unsichtbar machen müssen, um greifbare Resultate zu erzielen. Aber am Wichtigsten ist es, sicherzugehen, dass die Gegenseite unseren Hawaii-Köder auch wirklich aufgenommen hat oder dies noch tut, falls noch nicht geschehen. Gleich danach steht die Enttarnung der Personen, die der Feind in unsere unmittelbare Umgebung eingeschleust hatte, auf der Prioritätenliste.“
„Ist das so eine Art Standardprozedur nach Lehrbuch, nach der ihr vorgeht?“, wollte Simon zwischen zwei Löffeln Suppe wissen.
„Eigentlich nicht“, gab CSM 108-1 zu, „denn unsere Lage ist weitaus komplizierter, als es jemals in einem Lehrbuch, welcher Art auch immer, behandelt werden könnte. Ich habe beispielsweise unsere Wohnung gefilzt und dabei bemerkt, dass sie abgehört wird. Um daraus einen Vorteil zu ziehen, habe ich eine besondere List angewandt, für die ich morgen in die Rolle des ahnungslosen Rückkehrers aus den USA schlüpfen werde.
Da die Anderen nicht oder noch nicht wissen oder ahnen können, dass ich eingeweiht bin, komme ich offiziell nach Beendigung meines Auslandssemesters zurück und spiele den Befremdeten, da ich eine unbewohnte Wohnung vorfinde. Und in diesem Zusammenhang wird der Köder ausgelegt, der hoffentlich die Gegenseite restlos überzeugen wird, dass es für sie nötig ist, Kräfte nach Hawaii zu verlegen, um euch dort aufzuspüren.
Wir wissen nicht, wie viele sie sind oder wie sehr wir sie wirklich von unserem fingierten Aufenthaltsort überzeugen können. Auch können wir nicht damit rechnen, dass sie alle ihre Leute ans andere Ende der Welt schicken, um euch auf einer Insel von der Größe des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald mit etwa anderthalb Millionen Einwohnern und Touristen zu suchen. Mit etwas Glück können wir uns einen Teil von ihnen vom Hals schaffen und müssen dann unbedingt versuchen, den Rest von ihnen zu enttarnen, um sie so unter Kontrolle halten zu können.“
„Ach, ihr wollt sie nicht gleich umbringen oder so?“, warf Karin lapidar ein.
CSM 108-1 schüttelte den Kopf. „Nicht notwendigerweise. Es ist vielleicht sogar besser, zu wissen, wer sie sind, ohne sie wissen zu lassen, dass sie enttarnt wurden. Das kann ein entscheidender taktischer Vorteil sein ... wenn wir es schaffen, sie zu enttarnen. Was wirklich schwer werden dürfte.“
„Habt ihr denn schon konkrete Verdächtige?“, ging Simon auf die Thematik ein.
„Sechs Personen, um genau zu sein. Und Daniel wird morgen ein nicht unerhebliches Risiko eingehen, denn es kann durchaus sein, dass er einen oder sogar mehrere der Gegner direkt ansprechen und vielleicht sogar bei sich in der Wohnung haben wird.“ TSR 3012 machte eine sehr ernste Miene bei diesen Worten.
„Bist du verrückt? Das kannst du doch nicht machen!“, brauste Karin entsetzt auf.
„Ich kann und ich werde. Keine Sorge, ich werde mehrere Personen auf einmal bei mir haben. Außer in dem äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass alle der Angesprochenen zur Gegenseite gehören, bin ich in relativer Sicherheit, denn einerseits werden sie nichts vor Unbeteiligten unternehmen und andererseits haben sie noch immer die Gewissheit, ihre Wanze bei uns versteckt zu haben und so vielleicht zufällig an die entscheidende Information, eine definitive Bestätigung eures Aufenthaltsortes nämlich, heranzukommen.“
„Eine unbestechliche Logik“, brummelte Karin darauf unwillig vor sich hin.
Die Suppenteller wurden abgeräumt von einer jungen Einheimischen, die scheu zu Boden blickte und ziemlich unsicher wirkte. Wohl neu im Geschäft, dachte Simon abwesend.
Sobald sie sich wieder ungestört unterhalten konnten, wollte Simon in gedämpftem Tonfall wissen: „Was habt ihr denn vor?“
„Das kann ich euch nicht genau sagen, aber wenn es funktioniert, wird das Resultat sein, dass wir wieder relativ sicher in Freiburg werden leben können.“ TSR 3012 sah ihn an und zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Nein. So funktioniert das nicht.“
Alle sahen nun Karin an, die mit trotzig vorgerecktem Kinn und vor der Brust verschränkten Armen auf ihrem Platz saß.
„Was meinst du damit?“, wollte CSM 108-1 wissen.
„Ich meine damit, dass wir das nicht länger mitmachen. Wir sollen, ja müssen euch sogar unser nacktes Leben anvertrauen und wissen praktisch nichts über euch. Wer ihr in Wirklichkeit seid, wo ihr herkommt, was eure wahren Absichten sind, wer euer Auftraggeber ist, was mit euch los ist ... nichts. Würde es euch nicht auch schwer fallen unter diesen Umständen, noch einen Rest Zutrauen zu euch zu fassen?“ In ihrer Stimme lag ein bittender Ton, fast wie ein Hilferuf.
Er verhallte ungehört, als CSM 108-1 seine Hand auf ihren Arm legte und sagte: „Bitte glaube mir, Liebes, wir können es euch nicht sagen, selbst wenn wir wollten. Etwas in uns hindert uns daran, euch mehr zu erzählen, als ihr ohnehin schon wisst.“
„Nein!“ Entschlossen entzog sie ihm ihren Arm. „Schluss mit ‚Liebes’. Ich will endlich ein paar Antworten von euch. Was haben sie mit euch gemacht, dass ihr uns nichts sagen könnt?“
„Ist es so eine Art posthypnotische Suggestion, die sie euch eingesetzt haben?“, schlug Simon vor.
TSR 3012 verneinte: „Es ist viel schlimmer als das. Du merkst vielleicht, wir versuchen durchaus, euch etwas davon zu erzählen, aber ‚es’ hindert uns daran, eine genauere Beschreibung davon zu liefern.“
„Und je mehr wir herausfinden, desto mehr könnt ihr uns erzählen, was in direktem Zusammenhang damit steht?“, hakte sie nach.
CSM 108-1 und TSR 3012 sahen sich einen Moment lang an. Er sagte: „So könnte man es ausdrücken.“
„Ich habe herausgefunden, dass ihr nicht wie normale Menschen altert“, triumphierte sie auf. „Sagt mir, wieso!“
„Was soll das heißen?“, fragte Simon verständnislos. Niemand sonst beachtete ihn.
„Ganz so einfach ist es nicht zu umgehen, Karin, tut mir leid“, erklärte CSM 108-1. „Aber du hast recht damit. Wir haben keinen normalen Stoffwechsel wie andere Menschen, was auch die Zellalterung mit einschließt.“
„Seid ihr genetisch manipuliert worden?“, riet sie unbeirrt los.
„Ja, zum Teil jedenfalls“, gab TSR 3012 unumwunden zu, ohne zu lügen. Ihre organische Komponente war wirklich von Skynet genetisch rekombiniert worden, um den besonderen Bedürfnissen eines Terminators besser zu genügen.
„Ich habe es geahnt“, murmelte sie düster. „Wer war es? Eine US-Institution, eine der Geheimdienste?“
„Nein. In diesem Punkt kannst du lange fragen, ohne darauf zu kommen“, meinte TSR 3012 und lehnte sich ein wenig zurück, als der Teller mit der Hauptspeise, einem lecker aussehenden Gemüseauflauf, vor sie gestellt wurde.
„Wartet nur ab, früher oder später verratet ihr euch schon“, meinte sie missmutig.
CSM 108-1 sah zu Boden. „Ich hoffe nicht. Wahrscheinlich wäre die Wahrheit mehr, als ihr ertragen könntet.“
„Und wieder haben unsere Dialoge B-Movie-Niveau erreicht. Ich schlage vor, wir verschieben das auf später.“ Simon sah noch einmal kurz misstrauisch in die Runde und begann dann zu essen.
Die Atmosphäre war an diesem Abend und auch in der folgenden Nacht sehr angespannt und unterkühlt. Sie redeten nicht viel miteinander und es kamen auch keine romantischen Gefühle mehr auf. Die beiden Cyborgs konnten es ihren Gefährten nicht verdenken, denn sie waren dabei, sich ihnen zu weit zu öffnen, was alles ruinieren konnte.
Und als sie ihnen eröffneten, dass sie ab morgen früh für volle drei Tage weg sein würden, ernteten sie nur noch ein Schulterzucken und zustimmendes Gemurmel.
Es würde nie mehr so wie vorher sein, dass wussten alle instinktiv. Obwohl es keinen großen Streit oder etwas Derartiges gegeben hatte, war doch etwas zwischen ihnen zerstört worden.
[Fortsetzung folgt ...]
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