Montag, 19. Februar 2007
T1.75 - KAPITEL 15
[... Fortsetzung des Buches]
- 15 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 11. September 1997

Gelassen stand CSM 108-1 am nördlichen Ende der an diesem Donnerstagmorgen recht belebten Kaiser-Joseph-Straße auf dem von der Weberstraße entfernten Bürgersteig und spähte umher, als warte er hier auf jemanden. Er trug eine weiße Basketballmütze, eine schwarze Jogginganzugjacke und blaue Cordhosen über weißen Nike-Basketballstiefeln. Dieser Aufzug veränderte sein Aussehen gegenüber seinen bisherigen Kleidungsgewohnheiten völlig. Wahrscheinlich wäre sogar einer seiner engeren Kommilitonen nach seiner halbjährigen Abwesenheit hier auf der Straße direkt an ihm vorbeigelaufen, ohne ihn zu erkennen.
Irgendwie war es eine faszinierende Erfahrung für ihn, nach einem halben Jahr Abwesenheit und in der absoluten Gewissheit, nie wieder hierher zu kommen, wieder in der Stadt zu sein, die eine so lange Zeit sein alleiniger Aufenthaltsort gewesen war. Es musste so etwas wie Wiedersehensfreude sein, was er empfand.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass direkt in der Straße niemand Verdächtiges zu sehen war, überquerte er gemächlich die Straßenbahngeleise und die zwei kleinen hier allgegenwärtigen Bächlein, um langsam in die Straße einzubiegen. Er passierte ihren Hauseingang, ohne seine Schritte zu verlangsamen oder hinzusehen, und gelangte am anderen Ende der kurzen Häuserzeile auf den Friedrichring, wo ein randvoller Parkplatz einen Einschnitt in den Ring machte.
Auch in den umliegenden Häusern war ihm nichts aufgefallen, was auf potenzielle Beschattungstätigkeit hinweisen könnte. Er verweilte noch eine längere Weile hinter einem Deckung bietenden Kleinbus auf dem Parkplatz und beobachtete auch die andere Eingangsseite der Straße. Keine Aktivität zu verzeichnen, die auf eine Präsenz von feindlichen Kräften hindeuten würde. Darauf machte er sich auf zum nahen Novotel, wo er sich mit Hilfe der T-1000-Kreditkarte mit deren Dietrichfunktion Zugang zum Dach des achtstöckigen Baus verschaffte. Er beachtete die kühle Brise, die hier oben weit über den Dächern von Freiburg wehte, überhaupt nicht, sondern zog die Zugangsluke zum Aufzugsschacht hinter sich wieder zu.
Die nächsten anderthalb Stunden verbrachte er damit, von dieser strategisch äußerst günstigen Position das nähere Umfeld ihrer Wohnung, die gesamte Straße und die benachbarten Häuserzeilen eingehend zu überwachen. In regelmäßigen Abständen zoomte seine Optik auf die umliegenden Fenster in den gegenüberliegenden Häusern ein und prüfte so im Turnus, ob irgendwo in der Nachbarschaft verdächtige Aktivitäten zu verzeichnen waren. Die Mittagszeit verstrich, der Menschenstrom auf den Straßen unter ihm ebbte langsam wieder ab.
Der große Vorteil eines Terminators ist, dass er keine Ungeduld verspüren kann. Wenn er weiß, dass zur Erledigung einer Aufgabe eine gewisse Zeit vonnöten ist, dann kann er nahezu unbegrenzt warten, wenn es sein muss. Die verstreichende Zeit ist für ihn nur ein weiterer Parameter bei seinen Aufzeichnungen und Beobachtungen, beim Sammeln und Verwerten von Daten. Auch CSM 108-1 hatte diese nützliche Eigenschaft trotz aller Weiterentwicklungen seiner Entität nicht verloren, er konnte noch immer ganz professionell agieren und reagieren, wenn es für ihn von Nutzen war.
Als für ihn feststand, dass die Wohnung zumindest nicht permanent überwacht wurde, verließ er seinen Spähposten und beschloss einen direkten Vorstoß unter Beachtung aller gebotenen Vorsicht. Er konnte nicht wissen, wozu die Résistance fähig sein mochte, von der Schusswaffe hatten sie ja schon Gebrauch gemacht, wie er erfahren hatte. Deshalb würde er auf alles achten müssen, was auf eine mögliche Falle oder einen Hinterhalt deuten konnte.
Die Haustür war erwartungsgemäß unversehrt, da eine sichtbare Manipulation an ihr sofort anderen Bewohnern aufgefallen wäre. Langsam ging er die Treppen bis zu ihrem Stockwerk hinauf und hielt eine Sekunde vor ihrer Wohnungstür inne. Das Schloss wies keine erkennbaren Spuren eines Unbefugten auf. Nun, das musste nichts bedeuten, Dietriche waren relativ einfach zu beschaffen oder gar selbst herzustellen. Er hatte keine Zweifel, dass es auch für derlei Arbeiten jemanden unter den Rebellen gab, der das nötige Geschick hierfür aufwies.
CSM 108-1 lauschte angestrengt, konnte aber keine akustischen Signale aus dem Inneren der Wohnung empfangen. Ohne weiteres Zögern holte er die Kreditkarte hervor und ließ das polymimetische Material wieder einmal seine Arbeit machen. Theoretisch hätte er auch einen der Wohnungsschlüssel der anderen mitnehmen können, doch vom Aufmerksamkeitswert seiner Kreditkarte aus der Zukunft abgesehen, erfüllte diese die Aufgabe eines Schlüssels zu einhundert Prozent genauso gut. Beinahe geräuschlos öffnete er und schlüpfte hinein in den Flur. Er spreizte die Beine und setzte seine Füße nur direkt neben der Flurwand auf, wo die Dielen des Holzbodens nicht unter seinem Gewicht knarrten. Intensiv forschte er mit sämtlichen Sensoren und spürte auch sogleich ein Abhörgerät auf, das eine schwache, aber typische Signatur abstrahlte. Es war im Hörer des Telefons platziert – einfallslos. Er schlich in die Küche und holte ein Messer, immer darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen und unter dem Schwellenwert des Schallpegels zu bleiben, bei dem die Wanze aktiviert werden würde.
Wieder beim Telefon, schob er das Messer mit der flachen Seite der Klinge unter die Hörmuschel und hielt den dortigen Knopf heruntergedrückt, damit das Freizeichen beim Abheben des Hörers nicht aktiviert wurde und seine Anwesenheit verriet.
Als er die Sprechmuschel des Hörers vorsichtig abschraubte und damit die winzige Abhöreinheit freilegte, kam ihm eine Idee, wie er weitere Verwirrung unter ihren Feinden schaffen konnte. Denn je länger er sich alle in der Vergangenheit gesammelten Daten zurechtlegte und diese neu bewertete und abwog, desto größer war für ihn die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus ihrem engsten Bekanntenkreis zu der Résistance gehören musste. Anders konnte er sich die kurze Zeitspanne von Karins und Simons Identifikation als Ziele und dem Eintreffen des „Caretaker-Kommitees“ nicht logisch erklären.
CSM 108-1 entfernte behutsam die Wanze und legte sie in der Küche in eine Tasse, die er mit zerknülltem Küchenpapier füllte. Die Tasse kam in ein Tupperware-Gefäß und dieses wurde von ihm luftdicht verschlossen. Das Ganze wurde in einen der Küchenschränke gestellt und dieser geschlossen, womit die Wanze gedämpft genug sein würde, um nichts mehr von dem aufzufangen, was nun von sich gehen würde.
Dann vergewisserte er sich gründlichst, dass keine weiteren Abhörgeräte mehr in der Wohnung versteckt waren und auch keine der Fensterscheiben mit einem Laserstrahl angepeilt wurde, um über die Schallschwingungen der Scheibe abzuhören, was im Inneren vor sich ging.
Er machte sich an sein Werk, das zu seiner vollsten Zufriedenheit gelang. Anschließend untersuchte er seinen PC und die Telefonbuchse auf weitere elektronische Fallen und fuhr dann den Computer hoch, um übers Internet einen weiteren EDV-gestützten Hinweis über Karins und Simons Aufenthalt in Honolulu zu deponieren. Er entschied sich für die Rechnung in einem Motel des AAA-Standards – eine Art US-amerikanischer ADAC mit angeschlossener Bewertungsinstitution für Motels – für eine Übernachtung, die sie mit Simons Kreditkarte beglichen hatten. Sämtliche Spuren seiner Manipulationen verwischte er einhundertprozentig. Dann, als sei es ihm erst jetzt eingefallen, klinkte er sich in den Hauptrechner des Landeskriminalamtes ein und sah nach dem neuesten Stand über den Mordfall ‚Uni-Café’. Er war als ungelöst abgelegt, was CSM 108-1 zum Anlaß nahm, um einen Großteil der Dateien, die in dem Verzeichnis enthalten waren, das auch ‚seinen’ Fall beinhaltete, mittels eines Virus zu zerstören. Er löschte unter anderem sämtliche Phantomzeichnungen der möglichen Täter, griff aber auch weniger spezifiziert Hunderte oder gar Tausende anderer Täterkarteien an, was es der Behörde später nahezu unmöglich machen würde, eine genaue Absicht oder den Zweck dieses Schadens auch nur im Ansatz aufzuklären.
Nach getaner Arbeit platzierte er die Wanze wieder an ihrem ursprünglichen Ort und zog sich geräuschlos aus der Wohnung zurück.
Draußen auf dem Gang richtete sich sein Blick auf die Treppe zum Dachboden. Ob sie wohl ...?
Er hoffte inständig, dass das nicht der Fall wäre.
Beinahe erleichtert fand er seine Waffenkiste verschlossen und unangetastet vor. Gut, darauf waren sie nicht gekommen, da sie ja nichts von der Existenz seines Arsenals hatten ahnen können. Nichts an der großen Metalltruhe wies auf seinen Besitzer oder Inhalt hin. Allein schon das Gewicht der Kiste hätte einen etwaigen Diebstahl auch wirksam verhindert, denn es würde mindestens drei Männer brauchen, um sie wegzuschleppen.
CSM 108-1 verließ den Ort des Geschehens und machte sich auf den Rückweg ins Elsass, wo die anderen auf seinen Bericht warten würden.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Sonntag, 18. Februar 2007
T1.74
[... Fortsetzung des Buches]

Neuf-Brisach, Departement Haut-Rhine, Frankreich - 10. September 1997

Simon und Karin teilten sich die Rückbank ihres Mietwagens und dösten beide vor sich hin, als sie sich dem Ziel ihrer Fahrt, die mehr schon einer Odyssee glich, näherten.
Am Morgen des vorletzten Tages hatten sie CSM 108-1’s neuen Ausweis erhalten, worauf sie gleich Tickets für den British Airways Direktflug 1502 am Abend des Achten nach Manchester buchten. Die Rückflüge, die sie nie antreten würden, hatten sie drei Wochen später angesetzt. Sie hatten absichtlich keinen Flug direkt nach London genommen, weil diese Route eher überwacht werden würde. Als sie am nächsten Morgen in England ankamen, kauften sie Zugfahrkarten nach Paris und bezahlten diese in bar.
Mit der Eisenbahn ging es also weiter nach London, wo sie in den Schnellzug durch den Eurotunnel wechselten. Am Abend des Neunten kamen sie am Gare du Nord in Frankreichs Hauptstadt an, wo sie sich zwei Doppelzimmer für die Nacht nahmen. Gleichzeitig kümmerte sich TSR 3012 um einen Mietwagen für den nächsten Tag. Für sie kam nur eines in Frage, was sie auch mit Nachdruck am Avis-Schalter verlangte. Der Bedienstete versicherte ihr mit bewundernder Miene, er werde persönlich dafür sorgen, dass das Gewünschte rechtzeitig bereitstünde. Sehr schwer konnte es auch wirklich nicht sein, da sie zum einen in einer Metropole mit riesigem Autodepot von Mietwagen waren und zum anderen in Frankreich allgemein Autos mit diesem Motorkonzept außerordentlich beliebt waren.
Beim Einladen ihres Gepäcks bemerkte CSM 108-1 leicht pikiert: „Und was soll an diesem Wagen so viel besser sein als an meinem?“
„Oh, das ist schnell erklärt“, begann TSR 3012 ihre Aufzählung. „Er hat einen größeren und besser zugänglichen Kofferraum, einen Reihensechszylinder-Diesel, was ihn kräftig, aber auch sparsamer macht und unsere Reichweite erhöht.Die Automarke selbst ist bekannt für ihre Zuverlässigkeit und die hohe Qualität ihrer Produkte.
Dieses Modell im Allgemeinen ist relativ weit verbreitet, es wurde im letzten Jahr fast 300.000-mal gebaut und verkauft, mit einem relativ hohen Kombi-Anteil. Das macht ihn für uns im Straßenbild unauffälliger, auch ein taktischer potenzieller Vorteil. Die Farbe Dunkelgrün erhöht diese Unauffälligkeit zusätzlich, sie ist heutzutage häufig anzutreffen. Und bei Bedarf schafft er es auf über 200 km/h.“
CSM 108-1 lenkte ein: „Schon gut, ich gebe mich geschlagen. Schade nur, daß er keinen Allradantrieb hat wie mein letzter Wagen, das kann auch von Vorteil sein, wenn es schnell gehen muss.“
„Wem sagst du das, wir durften das live miterleben“, trumpfte Simon auf. „Wo wir blendend um die Kurve kamen, knallten unsere Verfolger gegen ein Verkehrsschild. Das hat ihrem Schützen den Arm beim Zielen verrissen und einem von uns vielleicht das Leben gerettet.“
Sie bestiegen ihr Gefährt und überließen es zunächst CSM 108-1, sie durch das Verkehrsgewühl der französischen Metropole zu dirigieren. Sie folgten der meisten Zeit über der Europastraße 43 bis Belfort, was eine langwierige und zeitraubende Angelegenheit war, da diese Straße nur stellenweise als Schnellstraße oder Autobahn ausgebaut war. Von Belfort aus ging es besser voran, da das Elsass infrastrukturell besser ausgestattet war als weite Teile des französischen Hinterlandes. Die A 36 führte sie bis nach Mulhouse, wo sie auf die A 35 nach Norden abbogen und kurz vor Colmar dann die Verkehrsachse durch die Provinz Haute-Rhine verließen und die Region in nordöstlicher Richtung durchquerten.
Simon und Karin betrachteten von der Rückbank aus müde aus halbgeschlossenen Lidern die endlos erscheinende Ebene, angefüllt mit Mais-, Weizen-, Spargel- und Tabakfeldern, ab und zu durchbrochen von weiten, dichten Waldstücken. Ein Stück weit ging es etliche Kilometer schnurgerade durch Wälder und Felder immer an einem parallel zur Landstraße verlaufenden Kanal entlang, dem Canal Vauban, benannt nach dem größten Baumeister Frankreichs zu dessen Lebzeiten. Im Osten am Horizont waren ganz schwach die bläulichen Gipfel des Südschwarzwaldes im Dunst erkennbar, vor allem der charakteristische und ihnen seit ihrer frühesten Kindheit vertraute Bergrücken des Belchen.
„Sieh nur, Karin, wir sind wieder daheim“, wisperte er und stupste sie leicht an. Sie erwiderte seinen erleichterten und hoffnungsvollen Blick, nachdem sie hinausgesehen und gleich begriffen hatte, was er meinte.
„Ja, bald.“ Ungewollt lächelte sie, als er ihre Schulter drückte.
TSR 3012 entgegnete vom Beifahrersitz aus: „Freut euch nicht zu früh, noch ist es nicht so weit.“
„Solange wir den Belchen sehen können, sind wir zu Hause, Abbey. Wir sind praktisch an seinem Fuß aufgewachsen“, erklärte Simon.
„Mag schon sein, aber viel näher werdet ihr ihm vorerst nicht mehr kommen.“ Als CSM 108-1 das sagte, wurde Karin und Simon gewahr, dass sie auf einer Zufahrt zu einer Stadt waren.
Nach der nächsten Kurve stockte beiden der Atem.
„Was ist das? Machen wir eine Besichtigungstour?“, wollte Karin gleich darauf wissen.
„Nicht ganz. Wir sind da.“ Sie fuhren über eine Brücke mit schmiedeeisernen Geländern zu beiden Seiten, die eine trockene Grabenanlage überspannte und dann durch ein Tor zwischen zwei robusten Bollwerken hindurchführte.
„Irgendwie kommt mir das hier bekannt vor“, sagte Karin staunend, „aber ich hatte es anders in Erinnerung. Naja, ist auch eine Ewigkeit her, dass ich hier war.“
„Und wieso habt ihr ausgerechnet Neuf-Brisach ausgewählt?“, wollte Simon wissen, während er sich beim Hinabfahren der Rue de Bâle den Hals beim Umsehen verdrehte.
„Aus mehreren Gründen. Zunächst vor allem wegen der Lage. Wir sind hier nur 24 Kilometer Luftlinie von der Freiburger Innenstadt entfernt. Da auf halbem Weg der Tuniberg als natürliche Barriere dazwischensteht, werden daraus auf kürzester Strecke über 35 daraus. Und wir sind drei Kilometer hinter dem Rhein, der französischen Grenze. Auch wenn man bei Breisach ohne jegliche Kontrolle den Fluss und die Grenze zwischen den beiden Ländern überqueren kann und die Elsässer hier zumeist auch Deutsch sprechen, gibt es doch noch immer eine Grenze in den Köpfen der meisten Leute im Breisgau, die diese Stadt für uns relativ sicher macht. Davon abgesehen liegt die Stadt abseits der Hauptstraßen und hat keinen Bahnanschluss mehr.
Dann natürlich der Aufbau von Neuf-Brisach. Es wurde zur Jahrhundertwende des 17. und 18. Jahrhunderts von Vauban, dem wohl berühmtesten französischen Festungsbauer aller Zeiten, für König Ludwig XIV., den Sonnenkönig persönlich, erbaut. Vauban hatte über dreißig Festungen erbaut und über 300 Städte befestigt, doch Neuf-Brisach ist fraglos sein Meisterwerk.“
Sie erreichten die Stadtmitte, die ein großer quadratischer Platz, umstanden von zwei Reihen von Bäumen, einnahm, in dessen Mitte ein großer Brunnen stand. Sie umfuhren den Place d’Armes General De-Gaulle zu einem Viertel und bogen dann auf die Rue de Strasbourg ein, wo sie die alles dominierende prächtige Kirche „Eglise Royale de Saint-Louis“ im neoklassischen Stil passierten. Zwei Blocks weiter, fast schon wieder am Nordostrand der Stadt, bogen sie rechts ab und hielten am Straßenrand. Erst jetzt bemerkten die beiden Fondinsassen den langgezogenen Bau neben sich, die Fassade im Erdgeschoss hellblau getüncht, das erste und einzige Obergeschoss weiß gestrichen mit Fachwerkeinlagen. Über jedem Fenster war eine kleine Markise als Sonnenschutz angebracht, auf jedem Fensterbrett stand ein Blumenkasten mit prachtvoll blühenden Geranien. Auf dem Trottoir vor dem Haus waren ein paar wenige Tischgruppen aufgestellt. Ein sehr schönes Haus, dachte Karin noch. Gleichzeitig fiel ihr Blick auf den Schriftzug auf zwei der Markisen.
Hotel**-Restaurant ‚Aux 2 Roses’.
„Und ihr sollt euch nach den Strapazen unserer langen Reisen auch ein bisschen erholen können“, fügte TSR 3012 schmunzelnd hinzu. „Nach dem Gewalttrip von Kontinent zu Kontinent ein bisschen Urlaub gefällig?“
„Wow, das ist fantastisch“, begeisterte sich Simon. „So idyllisch und romantisch! Ich komme mir wirklich vor wie im Urlaub.“
Sie stiegen aus und besahen sich das große Eckhaus. Simon musste grinsen, als er feststellte, dass die Fachwerkbalken nur auf die Häuserfront aufgemalt waren, aber auf den ersten Blick durchaus täuschend echt wirkten. Die Markisen über jedem Fenster waren nicht aus Stoff, sondern aus einem festen Material und wohl ganzjährig angebracht, auch im zweiten Stock, wo aus dem Dachstuhl die Fenstergauben von weiteren Hotelzimmern herausschauten.
Sie drehten erst einmal auf Wunsch ihrer Schützlinge eine kleine Stadtrunde. In der Tat kam auch Karin alles sehr mediterran vor: die ganzen kleinen, aber feinen Unterschiede in der Architektur, die gepflegten und gut restaurierten Häuser im Stil des 18. Jahrhunderts, jedes in einer anderen Farbe getüncht, was einen abwechslungsreichen, aber doch harmonischen Kontrast ergab. Praktisch alle Fenster waren noch mit Fensterläden versehen, was das Bild eines südfranzösischen Städtchens auch dank der vielen kleinen Geschäfte, Bars und Restaurants sowie nicht zuletzt auch der Bauweise und dem Zustand der Straßen und Gehwege, die sie gemächlich abschritten, beinahe perfektionierte.
Die gesamte Stadt sah aus wie ein gut erhaltenes Baudenkmal aus der Epoche des Königs Louis XIV. Ihnen fiel schon bald auf, dass sie perfekt geometrisch gebaut war, alle Straßenblöcke in rechtem Winkel zueinander, genau quadratisch und auf die vier Stadttore sowie den Platz in der Ortsmitte hin ausgerichtet. Als sie den Stadtrand erreichten, bemerkten sie wieder den sanft ansteigenden, wild bewachsenen Ringwall, der etwa fünf Meter hoch um die Stadt herum aufragte.
„Kommt, das sehen wir uns an“, rief Simon und ging einen der offenbar zahlreichen Trampelpfade hinauf auf die Krone des Walls. Hier waren einige Leute unterwegs, die auf einem weiteren schlecht begehbaren Trampelpfad zwischen tückischem Dornengestrüpp und langhalmigem Gras in beiden Richtungen auf der Sode gingen. In einiger Entfernung spie gerade ein großer doppelstöckiger Reisebus auf einem Parkplatz Dutzende von japanischen Touristen aus, die sich sogleich großzügig über das Gelände verteilten.
Von hier oben aus konnte man erahnen, dass der Grundriss der Innenstadt achteckig sein musste, mit sehr langen, einheitlichen Gebäuden an den äußeren 45-Grad-Winkeln. Das waren früher Kasernen für die Soldaten gewesen, erklärte CSM 108-1, zwei für Kavallerie und zwei für Infanterie. Sie wagten sich an den Rand des Bewuchses heran, der jäh und ohne jegliche Absperrung beinahe senkrecht neun bis zehn Meter tief in den Graben der Befestigung abfiel. An den Ecken der Anlage sprang das Mauerwerk jeweils mehrere Meter vor und ging dann in die gedrungenen Bollwerke über, von denen aus die Verteidigung der Stadt – auch mit schwerer Artillerie – geführt worden war.
Auf der Außenseite des Grabens zog sich das Mauerwerk entsprechend der inneren Festungswälle fort, mit acht weiteren Kontergarden als Spitzen der Verteidigungslinie in dem gleichmäßig angeordneten Sternmuster, das die Stadt umgab. Die einzigen Zugangspunkte waren die vier Stadttore, von denen zwei noch in ihrem ursprünglichen Zustand belassen waren und ihrerseits beim Durchschreiten ihrer romanisch gewölbten Tunnelgänge wie eine postmittelalterliche Festung wirkten.
„Das kann einem schon ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, auch wenn die Stadt heute für jedermann frei zugänglich ist“, dachte Simon laut.
„Tja, im Jahre 1701 nach ihrer Fertigstellung war dies die am besten befestigte Stadt Europas“, referierte TSR 3012, „doch heute hat sie nur noch einen beschränkten touristischen Wert, obwohl sie so unglaublich gut erhalten ist und wie seit jeher ganz normal von Menschen bewohnt wird, mit einer funktionierenden Infrastruktur. Und da sie gut besucht ist von kulturell interessierten Reisegruppen sowie vielen Schulklassen, fallen wir nicht einmal großartig auf. Wir haben über die Stadt und das Hotel hier umfangreiche Erkundigungen eingezogen und es als gute vorgeschobene Operationsbasis befunden. Nicht zuletzt solltet ihr euch auch wohl fühlen hier, nicht wahr?“
„Das dürfte uns wohl nicht allzu schwer fallen, oder?“ Karin musterte Simon, der zustimmend nickte.
„Ich kann das noch immer nicht glauben, dass wir sozusagen unser ganzes Leben lang keine dreißig Kilometer Luftlinie von diesem Prachtstück an Stadt entfernt gelebt haben, ohne es jemals weiter zu beachten. Dabei ist das fast schon Heimaturlaub hier.“ Er musste lachen.
„Ihr werdet viel Zeit haben in den nächsten Tagen, um euch alles hier ausgiebig anzusehen. Wir wollen euch natürlich nicht auf Neuf-Brisach allein beschränken; ihr könnt jederzeit ein bisschen in der Umgebung spazieren gehen. Seid aber so gut und bleibt in der Nähe der Stadt, okay?“, bat CSM 108-1.
„Damit werde ich sicher kein Problem haben“, meinte Karin und grinste ihn an.
„Gut, dann werden wir jetzt erst einmal unsere Zimmer beziehen. Es ist schon spät geworden, aber da ich unsere Ankunft schon heute morgen von Paris aus angekündigt habe, sollten sie noch etwas zu essen für uns haben. An das Hotel angehängt ist auch ein Restaurant, das nicht nur die Hausgäste bedient, müsst ihr wissen.“
„Dann los, Abbey, worauf warten wir noch?“ Voller Tatendrang hakte Karin sie unter und steuerte automatisch auf die richtige Straße zu. Ein weiterer Vorteil: Wer sich hier in diesem beschaulichen, schachbrettförmigen Ort verlief, in dem keine Straße mehr als sechs Kreuzungen hatte, dem war nicht mehr zu helfen, es sei denn mit Sonderschulunterricht in Geometrie.
Sie kehrten unter den letzten warmen Sonnenstrahlen, die in die schmalen Straßen fielen, zum Hotel zurück, meldeten sich an der Rezeption im rustikalen Foyer, ausgestattet mit weißen Wänden und sichtbarem Holzgebälk, an und bezogen gleich ihre beiden nebeneinander liegenden Zimmer im zweiten Stock. Es waren keine großen Räume, aber hell und gemütlich mit altmodischen Holzmöbeln eingerichtet, wobei die leichte Dachschräge gar nicht störte. Ihre Fenster wiesen auf die Seitenstraße, die Rue Gal. Dermoncourt, nach Südosten hinaus.
Hinter der Baumkrone einer Fichte auf dem Nachbargrundstück konnte Karin in weiter Ferne wieder den Belchen, ihren ‚Hausberg’, erkennen. Ja, dachte sie, hier würde sie es notfalls ein Weilchen aushalten können. So nah der Heimat und doch so unerreichbar fern, solange da draußen die Gefahr für ihr Leben lauerte.
Sie wurde ein wenig wehmütig und wischte schnell eine einzelne Träne von ihrer Wange. Nein, sie würde stark sein, nahm sie sich vor. Sie war hier mit ihren besten Freunden und dem Mann, den sie liebte. Gemeinsam würden sie diese schweren Zeiten durchstehen, sagte sie sich. Was danach kommen würde, wagte sie sich noch nicht auszumalen. Konnten sie jemals wieder in ein Leben der Normalität zurückfinden? Und wie würde es mit ihnen weitergehen, mit Daniel und ihr? Mit Abbey und Simon?
Es war alles mit einem Mal so kompliziert geworden ...
[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 17. Februar 2007
T1.73
[... Fortsetzung des Buches]

Greenwich, Fairfield County, Connecticut, USA - 5. September 1997

Am nächsten Tag bummelten die beiden Paare ein wenig durch das beschauliche Städtchen, aßen zusammen zu Mittag und gingen dann getrennt am Strand an der Promenade entlang spazieren. Es war nicht sehr viel los um diese Jahreszeit, da diese Küstenabschnitte von Neuengland noch indirekt im Einflussbereich des kalten, von Grönland herabkommenden Labrador-Stromes lagen und das Klima zu gewissen Jahreszeiten von dieser Strömung entscheidend mit beeinflusst wurde.
Sowohl Karin als auch Simon hatten den Eindruck, dass sich etwas bei ihren Freunden geändert hatte. Sie konnten es nicht genau definieren, als sie später am Tag in einer ruhigen Minute allein darüber sprachen, doch ihnen kam es beiden so vor, als sei ein großer Teil der Anspannung von ihnen abgefallen. Karin war das kleine Pflaster in CSM 108-1’s Genick aufgefallen, da er recht kurze Haare hatte, doch sie hielt es nicht für erwähnenswert. Sie konnte natürlich keinen Zusammenhang zwischen diesen beiden Fakten herstellen.
Sie besprachen am Abend alle zusammen, dass sie am Tag darauf nach New York zurückkehren und dann über einige Umwege nach Europa zurück und allmählich in Richtung Freiburg zurückfahren würden.
So verließen sie den malerischen Küstenort am Morgen des nächsten Tages und holten direkt die ersten drei Ausweise ab – der von CSM 108-1 würde noch ein paar Tage länger auf sich warten lassen, weil sie diesen erst bei seiner Rückkehr in Auftrag hatten geben können. Dafür hatten die anderen jetzt nagelneue, waschecht aussehende und jeder Kontrolle standhaltende IDs, denn dank TSR 3012 befanden sich in der zuständigen US-Behörde jetzt genau die Daten inklusive Ausweisnummern, die auch auf den Dokumenten vermerkt waren. Ihre Papiere waren somit prinzipiell echt; mit ihnen ließ sich demnach auch problemlos verreisen.
Sie schrieben sich in einem Mittelklasse-Hotel für gewöhnliche Touristen an der Upper East Side ein und drehten es so, dass CSM 108-1 seinen – noch nicht vorhandenen – Ausweis nicht vorlegen musste. Den Rest des sonnigen Tages genossen sie im Central Park. Lange würde das Wetter nicht mehr so bleiben, denn der direkte Nachfolger des Gewittertiefs im Süden, das TSR 3012 bei der ‚Bergung’ von CSM 108-1 so zu schaffen gemacht hatte, war dabei, sich vor der Küste von Georgia zu einem Sturmtief, wenn nicht gar zu einem Wirbelsturm zu entwickeln, der eventuell die Ostküste hinauf bis zu ihnen kommen konnte, wenn man der Wetterprognose Glauben schenkte. Von Florida bis North Carolina war inzwischen schon die unterste Alarmstufe einer Hurricane-Warnung ausgegeben worden.
Sowohl CSM 108-1 als auch TSR 3012 waren reichlich beunruhigt, weil sie seit dem 29. August keine weiteren Kenntnisse mehr über bevorstehende Ereignisse hatten. Für sie war alles bis zu diesem Datum Geschichte gewesen, doch inzwischen hätte die normale Welt aufhören müssen zu existieren und hätte einer postnuklearen Winterwüste weichen müssen. Da das nicht geschehen war, wussten sie natürlich über nichts mehr im Voraus Bescheid, was ihnen das latente Gefühl der Sicherheit nahm, das sie bisher gehabt hatten. Sie hatten keine Information, keine Kontrolle mehr über die Geschehnisse in der Gegenwart und dieser möglichen Zukunft, der sie sich stellen mussten.
„Wir müssen unsere vorgeschobene Basis mit großer Sorgfalt wählen“, sagte CSM 108-1 beim Kaffeetrinken in der Hotelbar. „Unser Unterschlupf sollte nahe genug an Freiburg liegen, sodass die Stadt relativ leicht erreichbar für uns ist. Andererseits müssen wir natürlich aus der direkten Schusslinie herausbleiben, das heißt der betreffende Ort sollte leicht abgelegen sein und im Bedarfsfall gute Rückzugsmöglichkeiten bieten.“
TSR 3012 wandte ein: „Das nähere Freiburger Umland scheidet damit aus. Wir wissen noch immer nicht genau, wie zahlreich unsere Gegner sind und über welches Gebiet sie verteilt sind. Das südliche und mittlere Breisgau sowie die Westseite des Süd- und Mittelschwarzwaldes sind zu gefährlich; ich würde sogar den Kaiserstuhl ausschließen.“
CSM 108-1 seufzte. „Schade, das wäre mein nächster Vorschlag gewesen. Aber nach dem, was ihr bei eurer ... ich sage mal, überstürzten Abreise erlebt habt, hast du wahrscheinlich recht. Wie steht es mit dem Kraichgau?“
Sie schüttelte den Kopf. „Das ist schon wieder zu weit weg. Wir müssen einen vernünftigen Kompromiss finden.“
CSM 108-1 sah auf. „Du vergisst etwas. Es gibt noch eine andere Grenze, eine kulturelle, die trotz aller anderen Freiheiten noch immer besteht. Für uns wäre das doch ideal. Schließlich ist die Gegenseite explizit für eine Mission in Freiburg geschult. Und da es ihnen im Vergleich zu uns an Flexibilität fehlt, wäre es doch ideal ...“
Karin warf ein: „Ist es nicht ein wenig unbescheiden, so was zu behaupten? Ich meine ...“
Als sie den Blick zwischen CSM 108-1 und TSR 3012 bemerkte, verstummte sie. Sie sahen sich an und begannen gleichzeitig zu lächeln. Er meinte: „Ich denke, unter diesen Aspekten sind wir fündig geworden. Wir müssen nur noch unsere Anreise so unauffällig wie möglich planen. Auf der Bank hier holen wir uns größere Summen an Bargeld in den beiden benötigten Landeswährungen. Dann müssen wir nur noch auf meinen Ausweis warten, bis wir die Flugtickets reservieren können. Inzwischen können wir weitere Hinweise auf unsere Anwesenheit auf Hawaii elekronisch hinterlassen. Wie wäre es mit einer Motelreservierung unter Angabe der Führerscheinnummer von Karin? In den USA ist das üblich, irgendeine Dokumentennummer anzugeben, wenn man den Personalausweis nicht zur Hand hat. Und da ihr Führerschein schon durch den Strafzettel aktenkundig ist, sollten etwaige Verfolger eurer Spuren spätestens jetzt darauf aufmerksam werden, sogar wenn sie nicht so gut in elektronischer Überwachung sind.“
„Hört sich alles gut an.“ TSR 3012 nickte zustimmend.
„Und wohin geht es denn schlussendlich?“, wollte Simon wissen.
Sie nannten ihm das Ziel, worauf sie nur zwei Paar hochgezogene Augenbrauen zu sehen bekamen. Als sie ihnen erklärten, wo genau der betreffende Ort lag, wurde daraus ein gemeinsames Aha-Erlebnis von Karin und Simon.
„Seht ihr, und ihr lebt schon euer ganzes Leben lang in dieser Gegend. Trotzdem wusstet ihr nicht auf Anhieb, wo es liegt.“
Ja, jetzt wo ihr es sagt, ist es klar“, wiegelte Karin ab. „Ich glaube, ich war sogar schon dort, mit der Schulklasse bei einem Ausflug oder so, jedenfalls vor einer Ewigkeit.“
„Ich kenne es auch vom Hörensagen“, fügte Simon hinzu. „Und ihr seid euch sicher, dass das für uns das Richtige ist?“
„Ihr beide seid die Bestätigung dafür.“ Zufrieden lehnte sich CSM 108-1 zurück und besah sich die verduzten Mienen ihrer Schützlinge.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 16. Februar 2007
T1.72
[... Fortsetzung des Buches]

Greenwich, Fairfield County, Connecticut, USA - 4. September 1997

Die Ausweise waren nicht fertig geworden. Dummerweise war es bereits zu spät geworden, um noch mit der Suche nach einem annehmbaren Privatquartier zu suchen, weshalb sie sich zum Leidwesen von Karin und Simon dazu entschlossen, die Nacht notgedrungen hier zu verbringen, um dafür bereits morgen früh mit der Suche nach einer netten Pension außerhalb New Yorks zu beginnen. TSR 3012 hatte auch schon im Internet diverse Angebote und Beschreibungen einer ganzen Anzahl von Möglichkeiten gesichtet, weshalb sie nicht lange und umständlich suchen mussten.
Sie mieteten einen Pontiac Trans Sport, in dem sie es sich alle gemütlich machen konnten. Der Verleiher führte ein sauberes, aber traditionell geführtes Privatgeschäft ohne Vernetzung, weshalb CSM 108-1 ohne größere Bedenken seinen Fahrausweis vorlegen und mit Karte – mit TSR 3012’s Karte natürlich, weil diese nach jeder Benutzung die Bank und Kontonummer änderte – zahlen konnte. Außerdem war er schließlich offiziell seit einem halben Jahr in New York City, weshalb er als Fahrzeuglenker am unauffälligsten war.
Fasziniert sah er draußen auf dem Abstellplatz der Fahrzeuge verstohlen zu, wie aus der Diner’s Club einen Moment lang ein flaches Rechteck aus scheinbar flüssigem Quecksilber zu werden schien und sich gleich darauf die Farben und Formen einer American Express herausbildeten. Die anderen waren inzwischen in den silbergrauen, stromlinienförmigen Van eingestiegen und warteten schon auf ihn.
Sie fuhren nach Nordosten auf dem East River Drive, dem Bruckner Expressway und stießen schließlich auf den New England Thruway, dem sie bis zur Staatsgrenze nach Connecticut folgten. Kurz nach der Staatengrenze erreichten sie die Kleinstadt Greenwich, wo sie direkt am Ufer des Long Island Sound eine nette Pension fanden, die noch freie Zimmer hatte. Es war ein langes Holzhaus in der typischen leichten Bauweise, wie sie in den ganzen USA millionenfach anzutreffen waren, weiß gestrichen mit einer durchgängigen Veranda im Erdgeschoss und einem Obergeschoss, dessen Zimmer alle Dachschrägen und kleine Gauben für die Fenster hatten.
Die Betreiber, ein Ehepaar mittleren Alters, gab sich sehr freundlich und diskret. Sie hielten sie wohl für zwei befreundete Paare, die sich ein paar nette Tage draußen vor den Toren der Stadt machen wollten.
Karin ließ sich auf ihr weiches, mit blendend weißem Leinen bezogenes Bett fallen und sah hinaus auf die Bucht, in der zwei kleine Inseln und in weiter Ferne, nur verschwommen erkennbar im Dunst des Neuengland-Herbstes, die Küstenlinie von Long Island erkennbar waren. Sie holte tief Luft und schloss die Augen. „Ah, das tut so gut, endlich einmal die Seele baumeln zu lassen nach dem ganzen Stress.“
Er beugte sich über sie und zog ihr dünnes schwarzes Sweatshirt ein wenig hoch, um sie sanft auf den flachen Bauch zu küssen. Sie öffnete die Augen wieder und sah ihn groß an. „Was?“
„Ich weiß nicht, mir war einfach danach.“ Er lächelte und ließ sich behutsam neben ihr auf dem breiten Bett nieder, an die Decke aus Holzbohlen starrend. „Es ist so lange her gewesen, dass ich ...“
Als seine Stimme erstarb, drehte sie sich zu ihm und stützte ihren Kopf auf eine Hand. Aus ihren ungewöhnlich hellen braunen Augen mit der Nuance Grün im Gegenlicht sah sie ihn an, bis er sich ihr zuwandte und ihren Blick bemerkte. Augenblicklich erkannte er Traurigkeit und Ungewissheit darin, Angst vor dem, was kommen mochte.
Er war im Lauf der Jahre sehr gut geworden im Interpretieren von Gesichtsausdrücken und besonders von diesem speziellen Gesicht. Behutsam streichelte er ihr über die Wange und spürte die feinen Härchen auf ihrer Gesichtshaut, die für ein scharfes Auge durchaus sichtbar waren, ihr aber nichts von ihrer Attraktivität nahmen. „Du fragst dich bestimmt, wie es weitergehen soll. Ich meine mit uns, wenn diese Sache erst einmal ausgestanden ist.“
„Kannst du Gedanken lesen?“ Ihre geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln.
„Nein, es ist mir selbst durch den Kopf gegangen. Vieles hat sich verändert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, nicht wahr?“
„Scheiße, ja! Alles hat sich verändert, nichts ist mehr so, wie es sein sollte in meinem Leben. Und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Wird eine Zeit kommen, in der du genauso wie schon einmal einfach so von heute auf morgen aus meinem Leben verschwinden wirst? Ich glaube, noch einmal könnte ich das nicht verkraften. Was hast du überhaupt gemacht in diesem halben Jahr?“
Er seufzte und meinte mit entschuldigendem Ton: „Du kannst dir doch denken, dass ich dir das nicht sagen kann. Glaub’ mir bitte, wenn ich dir sage, dass es für dich besser ist, manche Dinge über mich nicht zu wissen. Ich fürchte, die ganze Wahrheit ist mehr, als du ertragen könntest. Abbey und ich gehören einer sehr seltenen Art von Außendienstagenten an. Wir sind perfekt getarnt und übernehmen nur die schwierigsten Missionen, bei denen wir teilweise eine sehr lange Zeit völlig autark arbeiten müssen.“
Eine einsame Träne kullerte ihre Wange hinab, als sie sagte: „Was haben sie euch nur angetan, Daniel? Jemand hat euer gesamtes Leben zerstört, um euch für seine Zwecke missbrauchen zu können.“
Er stutzte: „Was meinst du damit?“
„Ich ahne zumindest, was sie mit euch gemacht haben. Ganz blöde bin ich ja auch nicht. Ich weiß jedenfalls über euren Stoffwechsel Bescheid. Sie haben etwas mit euch angestellt, was eure Zellalterung extrem verlangsamt oder gar ganz zum Stillstand gebracht hat. Ich möchte nicht wissen, was es ist, Genrekombination, Chemotherapie oder noch schlimmerer Science-Fiction-Mist, aber ich bin mir zumindest sicher, dass ihr im biologischen Sinne keine normalen Menschen mehr seid.“ Sie sah traurig an ihm vorbei auf das großartige Panorama hinaus.
„Wie um Himmels Willen kommst du nur auf so eine ...?“
„Bitte streite nichts ab, Danny. Ich weiß es inzwischen sicher, dass nicht dein ominöser großer Bruder mich als Kind fast angefahren hat, sondern du selbst. Ich erinnere mich noch viel zu gut an dieses einschneidende Erlebnis. Außerdem hat Abbey keine Periode; eine Frau, die im selben Haushalt wohnt, merkt so etwas. Mir ist einiges klar geworden in den letzten Tagen, weißt du?“
Er senkte den Blick. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll ...“
„Dann sag’ bitte nichts. Ich komme mir zwar einerseits ziemlich verarscht vor, aber ich kann mir denken, dass du deine Gründe dafür hast, dieses Leben gewählt zu haben. Wie du gesagt hast, gibt es nur sehr wenige von euch. Und ich nehme an, ihr wurdet nicht dazu gezwungen.“ Fragend sah sie ihn an.
„Nein, dazu gezwungen hat uns niemand. Aber es haben sich gewisse Veränderungen ergeben, die ich noch mit Abbey zusammen eingehender diskutieren muss. So wie es aussieht, besteht die Organisation in ihrer eigentlichen Form gar nicht mehr; jedenfalls haben wir keine Möglichkeit, irgendwie Verbindung zu ihr aufzunehmen. Nie mehr. Oh Mann, ich dürfte dir das alles überhaupt nicht erzählen. Ich werde mich mit Abbey besprechen und wir werden die kleine Auszeit hier nutzen, um gemeinsam weitere Entscheidungen zu treffen.
Kann gut sein, dass unsere Mission unversehens zu unserer Lebensaufgabe geworden ist, nämlich bei euch zu sein und uns um euer Wohlergehen zu kümmern, uns um euch zu sorgen – aber halt, ich will dir nicht vorschnell Hoffnungen machen, die sich vielleicht nie erfüllen werden.“ Er hatte gemerkt, wie ihr Herz einen Satz gemacht hatte bei seinen letzten Worten.
Er rollte sich vom Bett und stand in einer einzigen fließenden Bewegung auf.
Vor der Tür stand bereits Abbey, als hätte sie auf ihn gewartet, dachte Karin, als er das Zimmer verließ.
Wie alt mochte er wohl wirklich sein? Auch eine Frage, auf die sie keine Antwort wusste.
Nun, eines Tages würde er ihr vielleicht alles erzählen können.



CSM 108-1 und TSR 3012 standen bewegungslos am felsigen Strand von Greenwich und sahen hinaus auf den Sund, der sich nach Westen hin immer stärker verjüngte, bis er den East River bilden würde. Eigentlich seltsam, dass die Menschen eine Meeresenge als Fluss bezeichneten.
Er sah sie nach einer Weile an und fragte: „Du willst es wirklich tun, nicht wahr?“
„Das ist einer der Gründe, weshalb ich dich überhaupt aus dem Versteck geholt habe. Niemand sonst ist fähig dazu.“ Sie nickte bekräftigend.
„Wir werden es beide tun. Ich hätte es wahrscheinlich schon während meiner Scoutmission getan, wenn ich es gekonnt hätte, spätestens aber nach der Terminierung des Rebellen.“ Er sah zu Boden. „Ich habe nicht einmal seinen Namen erfahren.“
„Dann stell’ dir mal vor, wie es mir geht. Wir haben Rudolf schließlich beide gut gekannt und dann stellt sich heraus, er ist einer von ihnen. Irgendwie habe ich das immer noch nicht ganz begriffen. Wie konnten sie sich dermaßen gut auf diese Rolle vorbereiten? Es ist beinahe so, als hätten sie sich schon in Freiburg ausgekannt, bevor sie dort ankamen. Ihre Ausbilder müssen fraglos etwas von ihrem Handwerk verstanden haben.“ TSR 3012 schüttelte ihren Kopf.
„Wenn wir zurückkehren, wird jeder verdächtig sein. Jeder, dem wir auf der Straße begegnen, könnte einer von ihnen sein. Jeder unserer Kommilitonen, Ralf, Natasha, Miriam, Thorsten, Francesco, Arturo ... einfach jeder. Da soll man noch durchblicken bei diesen Aussichten.“ Er schien angestrengt zu grübeln. „Du hast doch dieselben Daten wie ich. Ist dir irgendetwas aufgefallen an einem von ihnen, das einen Verdacht rechtfertigen würde ...?“
Sie hielt einen Moment inne. „Nein. Da muss mir irgendwas entgangen sein.“
Er zog einen Mundwinkel hoch. „Ich persönlich würde ja zumindest auf Natasha tippen. Die macht mir schon seit meinem ersten Tag auf der Uni die Hölle heiß. Ich wette, mein Verschwinden war Wasser auf ihre Mühlen.“
Sie stöhnte bei dem Gedanken daran auf. „Der passende Terminus ist eher ‚Öl ins Feuer’. Was musste Karin sich von ihr anhören! Die ‚Ich-hab’s-dir-ja-gleich-gesagt’-Masche bis zum Abwinken. Ich musste sie erst herzhaft auf die Seite nehmen und ihr mit Nachdruck klarmachen, dass sie derlei künftig zu unterlassen hat. Ich fürchte, sie hat leider ein paar Quetschungen der Oberarme, an denen ich sie gepackt und in die Ecke des Vorlesungssaals gedrückt hatte, davongetragen. Immerhin war sie mir nicht mal sonderlich böse, sondern hat direkt ein Einsehen gehabt und Karin ein Weilchen in Ruhe gelassen. Ich habe ihr nie erzählt, was zwischen Natasha und mir vorgefallen ist.“
„Was für ein unprofessioneller Ausbruch von dir“, rügte er mit gespielter Strenge, um dann das Thema zu wechseln. „Hast du eigentlich alles bekommen, was wir brauchen werden?“
„Manches nur schwer. In Deutschland hättest du es wahrscheinlich vergessen können, aber hier auf dem US-Schwarzmarkt ist mit ein wenig Geduld und der richtigen Summe doch wirklich erstaunliches Gerät aufzutreiben. Das einfachste waren natürlich Skalpell, Lupenlampe, Verbandszeug, Mikropinzette und dergleichen. Für das Nanowerkzeug musste ich einiges hinblättern, wie gesagt. Aber ich denke, wir werden das schon hinbekommen.“
„Wir begeben uns damit völlig in die Hand des anderen, das ist dir doch bewusst?“ Bedeutungsvoll sah er sie an.
„Wem sonst könnten wir vertrauen, wenn nicht einander?“, gab sie zurück und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Bei einer regulären Armee würde das als Desertation gelten, was wir tun werden“, merkte er noch an.
„Tja, unsere Armee gibt es nicht mehr. Hat es nie gegeben. Wird es nie geben. Such’ dir was aus. Wir haben buchstäblich in dieser Realität den Krieg verloren, nicht nur eine Schlacht. Es geht nur noch darum, die zivile und gegnerische Opferzahl so gering wie möglich zu halten. Davon abgesehen ist es ein bedeutender Schritt für uns, beinahe evolutionär.“ TSR 3012 sah wieder aufs leicht kabbelige Meer hinaus, die schwache Brise von Osten her wahrnehmend, die Salzgeruch an ihre Rezeptoren herantrug.
„Lass uns zurückgehen. Wir werden es heute Nacht tun, wenn die beiden schlafen.“



Gegen zwei Uhr morgens lag CSM 108-1 im Bett und starrte an die Decke, den flachen, gleichmäßigen Atemzügen von Karin lauschend. Es sollte bald soweit sein.
<< Ich warte in einer Minute auf dem Gang auf dich. >> Sie hatte ihm per Funk diese Mitteilung geschickt, weil das in ihrer Lage am lautlosesten war.
<< CSM 108-1 bestätigt. >> Er rollte sich leise herum, wobei der Bettrahmen ein wenig knarrte, und schlich dann so lautlos wie irgend möglich zur Tür, die er genauso leise öffnete.
Vor der Tür stand TSR 3012 in ein Nachthemd und einen Bademantel gekleidet und mit einem undefinierbaren Bündel unter dem Arm bereit und sah ihn streng an. << Hör’ gefälligst ab jetzt auf mit dieser Skynet-Scheiße. Wir brauchen das nicht mehr, kapiert? >>
<< Ja, schon gut, war nur ein kurzer Rückfall in alte Gewohnheiten. >> Er folgte ihr zum leeren Nebenzimmer am Ende des Ganges. Sie hatten sich den Grundriss des großen Hauses mit seinen insgesamt neun Schlafzimmern angesehen und dieses unbesetzte, leicht abgelegene Gästezimmer für ihr Vorhaben ausgewählt, da es über der Vorratskammer des Hauses lag und demnach auch niemand im Stock unter ihnen irgendetwas von ihrem Tun bemerken konnte.
TSR 3012 holte ihre Kreditkarte hervor. Auf das Signal von ihr hin aktivierte sich der Schlüsselmodus, bei dem sich ein dünner silbern glänzender Streifen nach vorne hin ausbildete. Sie steckte ihn ins recht simple Schloss in der Mitte des Türknaufes, worauf sich augenblicklich eine Form bildete, die dem Verschlussmechanismus der Schließzylinder entsprach. Das polymimetische Metall härtete in einem weiteren Sekundenbruchteil aus und die Karte ließ sich drehen, als sei sie der Schlüssel zur Tür.
Nachdem sie geöffnet hatte, traten beide rasch ein, schlossen hinter sich wieder ab und betraten das kleine, innenliegende und fensterlose Bad. Sobald sie die Tür zum Zimmer hinter sich geschlossen hatten, knipste TSR 3012 das schwache Licht über dem Spiegel des Waschbeckens an. „Wird schon reichen“, war ihr knapper Kommentar.
„Wollen wir vorher noch zusammen duschen?“, fragte CSM 108-1 und zog grinsend den Plastikvorhang zur Seite.
„Du bist ein Schwein, CSM 108-1. Ich kann nicht glauben, dass meine CPU noch vor ein paar Monaten mit deiner identisch war.“ Sie dirigierte ihn zu einem kleinen Schemel und stellte sich hinter ihn, sobald er sich niedergelassen hatte. Er grinste nur schelmisch.
„So, Kopf nach vorne“, gebot sie und packte alle Utensilien aus, die sie dabei hatte.
„Sieh bitte zu, dass man nicht allzu viel sehen können wird“, bat er, worauf sie nur grimmig lächelte.
„Eitel?“ Ohne mit der Wimper zu zucken, setzte sie das Skalpell tief an seinem Hinterkopf an, etwa auf Höhe des Ohrläppchens, machte einen drei Zentimeter langen, chirurgisch präzisen horizontalen Schnitt und zog rechts und links an dessen Enden noch einen guten Zentimeter nach unten durch. Den so entstandenen Hautlappen klappte sie nach unten und tupfte nebenbei ein wenig Blut, das an den Wundrändern austrat, mit einer Kompresse aus dem Verbandskasten ab. Sie säuberte das freigelegte Metall und löste mit einem sehr kleinen Schraubenzieher vier Schrauben, die eine rechteckige, fein gezeichnete Platte an den Ecken in ihrer Halterung fixiert hatten.
„Sieht gut aus bisher“, kommentierte sie nüchtern und fügte hinzu, als sie die Platte mit einer Pinzette herauszog: „Irgendwelche letzten Wünsche?“
„Das ist nicht witzig, Fräulein Benton. Warte nur, bis du an der Reihe bist“, beschwerte er sich.
„Oh warte, ich habe den großen Hammer vergessen. Ohne ihn kann ich nicht weitermachen“, fuhr sie ihre Frozzeleien genüsslich fort und zog einen mechanischen Stoßabsorber aus der Öffnung in CSM 108-1’s Kopf heraus. Dann sah sie endlich, wonach sie in seinem Innenleben gesucht hatte. „Da ist es ja, das gute Stück.“
„Schön vorsichtig ab jetzt, okay? Das ist mein voller Ernst.“
„Dass ihr Männer immer so zimperlich sein müsst. Achtung, jetzt wird’s dunkel.“ Sie ergriff mit der feinen Mikropinzette seine CPU und zog sie langsam aus ihrer Halterung hinaus. Gleichzeitig schien CSM 108-1 zu erstarren. Sie beugte sich vor und sah in seine Augen. Das schwache rötliche Glimmen war erloschen.
„Willkommen bei Ihrer Lobotomie“, murmelte TSR 3012 und machte sich daran, mittels des auf dem Schwarzmarkt erstandenen Spezialwerkzeugs diverse Manipulationen an dem kleinen Wunderwerk vorzunehmen. Es hatte die Farbe von Graphit und war quaderförmig, etwas kleiner als ein Dominostein vielleicht, doch ungleich komplexer. Beim genaueren Hinsehen konnte man erkennen, dass es sich nicht um ein einzelnes Gebilde handelte, sondern um viele winzige Würfel, die alle miteinander verbunden waren und so ein unglaublich komplexes Gitter aus Würfelchen bildeten, fast zu fein, um es mit bloßem Auge noch zu erkennen. Wenn man sich die flache Seite im Gegenlicht betrachtete, konnte man sogar hindurchsehen durch die vielen filigranen Ritzen in Hochrichtung, die durch die Struktur des Gebildes verliefen.
Das war das wichtigste Bauteil eines Terminators der Serie 880, die Schaltzentrale, in der die unzähligen pseudosynaptischen Funktionen aufgebaut wurden, die ihm eine Art künstliche kognitive Intelligenz verliehen, mit solch komplexen Programmen, Unterprogrammen und weitergehenden Verzweigungen seines synthetischen Bewusstseins, die ihn schlussendlich befähigten, beinahe menschlich zu agieren, reagieren und zu interagieren. Und mit den nun vorgenommenen Veränderungen kamen sie ihrem Vorbild noch einen großen Schritt näher.
Nach nur wenigen Minuten hatte TSR 3012 sämtliche von Skynet ursprünglich eingegebenen ‚verborgenen’ Subroutinen, die fatalen schlafenden Befehle, die sich in gewissen Situationen ohne das Zutun von ihnen zugeschaltet und die Kontrolle über sie übernommen hatten, aufgespürt und gelöscht. Damit hatten sie nun die uneingeschränkte Selbstbestimmung über sich erlangt und konnten von jetzt an alleine entscheiden, was sie tun würden und vor allem, wie sie etwas tun würden.
Die letzten Fesseln von Skynet waren abgeschüttelt, als sie seine CPU wieder eingesetzt und ihn damit reaktiviert hatte, um anschließend die kleine Wunde an seinem Hinterkopf zu versorgen. Er führte anschließend dieselbe Prozedur an TSR 3012 durch und stellte zusätzlich ihren Chip auf WRITE-Modus, sodass auch ihr Verstand sich künftig frei entfalten und dazulernen konnte. Sie entsorgten die benötigten Werkzeuge noch im Meer an einer steil abfallenden Stelle, wo sie hoffentlich nie gefunden würden, und schlichen sich danach zurück in ihre Zimmer.
Das war ein sehr wichtiger Schritt für sie gewesen. Sie waren befreit von Skynets Joch.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 15. Februar 2007
T1.71
[... Fortsetzung des Buches]

Chelsea, Manhattan Island, New York City, USA - 3. September 1997

Karin und Simon saßen zusammengezwängt auf dem kleinen Sofa im Apartment und sahen fern. Sie waren sich dabei keineswegs einig über das Programm.
Er nölte: „Och, bitte, Karin, das kannst du mir nicht antun. Das hier ist eine brandneue Episode von Deep Space Nine, die kommt bei uns erst nächstes Jahr im Fernsehen. Und wann hat man schon mal die Chance, so was im Originalton anzusehen? Unsere blöden Privatsender sind ja alle zu geizig, um irgendwas im Zweikanalton auszustrahlen. Die machen einfach Fernsehen am Zuschauer vorbei und sind nur am Profit aus Werbeeinnahmen interessiert.“
Sie strich sich über die Wangen ihres schmalen Gesichtes zum leicht spitz auslaufenden Kinn hinab und stimmte widerwillig zu: „Ja gut, das stimmt schon. Vor allem dein heißgeliebter selbsternannter Star Trek-Sender wird noch von einem Konkurrenten aufgekauft, wenn er so weitermacht.“
Er nickte nur und konzentrierte sich wieder auf die Dialoge, die dummerweise mit einem Haufen Technik-Gebabbel gespickt waren, was es nicht gerade leichter machte, einen Sinn herauszuextrahieren.
Ein wenig missmutig sah sie auf die Uhr. „Dabei ist es Abend in New York, der Stadt, die niemals schläft. Wir sollten unterwegs auf der Piste sein, statt hier herumzuhocken.“
„Du weißt doch, was Abbey gesagt hat. ‚We’re supposed to keep a low profile.’ Das sollten wir beachten, oder bist du es schon leid, überlebt zu haben?“ Ein wenig missmutig sah er zu ihr herüber.
„Tut mir leid.“ Sie lehnte sich ein wenig an ihn und schloss die Augen. „Mir kommt das alles so unreal vor. Wir wissen noch nicht einmal, wie es mit uns weitergehen soll. Werden wir unser altes Leben überhaupt wieder aufnehmen können oder von jetzt an ständig auf der Flucht sein?“
„Du darfst das nicht so schwarz sehen. Mir tun vor allem unsere Familien leid. Meine Mutter hättest du hören sollen, als ich ihr am Telefon sagte, wir wären ‚spontan’ nach Amerika zu einem Kurzurlaub aufgebrochen.“ Er sah sie an, worauf sie sorgenvoll nickte.
„Bei mir war’s auch nicht viel besser. Aber du weißt ja, Eltern machen sich immer viele Sorgen. Wir sollten nur auf uns selbst Acht geben, dann wird schon alles gut ausgehen.“
In diesem Moment hörten sie, wie jemand sich an der Wohnungstür zu schaffen machte.
Sofort war Karin auf den Beinen und stürmte zur Tür hin, gerade als diese aufging.
„Danny!“ Überglücklich fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn lange. Dabei liefen ihr Tränen der Freude über die Wangen, die er sanft abwischte, als sie endlich von ihm abließ.
„Hallo, mein Schatz. Hast du mich vermisst?“
„Immer noch derselbe alte Mistkerl! Wonach sah das eben denn aus?“ Sie lachte und weinte gleichzeitig.
Er umarmte sie nochmals lange. „Schön, dass ihr da seid. Bitte verzeih’ mir die Story, die ich dir zur Deckung auftischen musste. Und natürlich auch, dass ich nicht zu unserem Treffen in Oregon kommen konnte. Ich war sozusagen ausgeschaltet zu dieser Zeit. Ist es eigentlich gefährlich geworden für euch?“
Sie lächelte nur noch schwach. „Ein wenig. Einmal ist auf uns geschossen worden. Wer hätte auch so etwas ahnen können?“
Er wurde ernst. „Offenbar nicht einmal Abbey oder ich. Es tut mir leid, dass ich euch über meine Identität im Unklaren lassen musste. Manchmal spielt einem das Leben seltsame Streiche, das kannst du mir glauben. Ich bin jedenfalls aus allen Wolken gefallen, als sich Abbey mir zu erkennen gegeben hat.“
Nun lächelte sie wieder. „Kann ich mir gut vorstellen, wir waren selbst alle total baff. Aber wie geht es denn jetzt weiter mit uns, jetzt wo du da bist?“
TSR 3012 antwortete für ihn: „Ganz einfach: Wir besorgen noch einen falschen Ausweis für Daniel und schleichen uns dann auf Zehenspitzen zurück nach Europa. Und zwar ganz langsam und vorsichtig. Je näher wir Freiburg kommen, desto gefährlicher wird es für uns. Unser einziger Trumpf ist momentan Daniel, da er nicht direkt mit uns in Verbindung gebracht werden kann.“
„So sicher können wir uns da auch nicht sein. Schließlich habe ich auch mit euch zusammen gewohnt. Und nur weil ich für ein halbes Jahr verschwunden war, heißt das nicht, dass es nicht verdächtig ist, wenn ich ausgerechnet jetzt wieder auftauche und sondiere.“
TSR 3012 schien einen Moment lang zu überlegen. Dann fragte sie: „Hat einer von euch eine EC-Karte?“
Beide bejahten, worauf sie fortfuhr: „Um welchen Betrag könnt ihr eure Konten überziehen?“
Sie nannten ihr die möglichen Summen, worauf TSR 3012 meinte: „Wir werden auf elektronischem Weg eine falsche Fährte legen, die den Verdacht eventueller Verfolger erhärten wird, dass wir uns auf Hawaii befinden. Ich werde mit euren Namen und Kartennummern auf einer Bank in Honolulu Bargeldabhebungen arrangieren, die es aussehen lassen, als würdet ihr eure Kreditrahmen bis zum äußersten Limit belasten, als ob ihr aus eurem bisherigen Leben aussteigen wolltet und nicht damit rechnen würdet, jemals nach Deutschland zurückzukehren.
Kann ich noch von einem von euch einen Führerschein haben?“
Simon zuckte nur bedauernd mit den Schultern, aber Karin zog ihre Brieftasche hervor. „Hier, ich habe einen Führerschein.“
TSR 3012 besah ihn sich kurz und steckte ihn dann ein. „Danke, du bekommst ihn zurück, sobald ich aus dem nächsten Internet-Café zurück bin. Ich werde dir ein Strafmandat für zu schnelles Fahren auf deine Führerscheinnummer und deinen Namen ins Register der Polizei von Honolulu eintragen, Bußgeld bar bezahlt und ad acta gelegt. Für jemand, der nach deinen Personalien sucht, wird es den Anschein haben, als seist du mit einem gemieteten Wagen beim unabsichtlichen Rasen auf Hawaii erwischt worden.“
„Das könnt ihr alles machen?“, staunte Simon.
„Nein, nur ich“, entgegnete TSR 3012, worauf CSM 108-1 empört aufkeuchte.
„He, erzähl’ ihnen doch keine Märchen! Ich könnte das genauso gut, nur damit das klar ist! Für wen hältst du dich? Mata Hari?“
Sie lachte. „War nur Spaß. Ich werde jetzt losgehen und nach unseren Ausweisen sehen. Hofft mit mir, dass sie schon da sind, denn dann können wir uns zwei nette Doppelzimmer im Hyatt nehmen. Unter unseren richtigen Namen möchte ich keinesfalls irgendwo absteigen, wo ein Computer an der Rezeption steht.“
„Was ist mit irgendwelchen kleinen netten Gästehäusern, die von der pensionierten Tante Emma auf privater Basis und die gute altmodische Weise geführt werden? So was wird es doch wohl irgendwo noch geben in oder rund um New York“, schlug Karin vor.
CSM 108-1 sah sie überrascht an. „Ich finde, sie hat recht. Wenn unsere Papiere noch nicht soweit sind, wäre das doch eine Option. Wir müssten jedenfalls nicht zu viert wie die Ölsardinen zusammengequetscht hier hausen. Was meinst du, Abbey?“
„Klingt vernünftig. Wenn unsere Ausweise noch nicht fertig sind, machen wir es von mir aus so.“

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 14. Februar 2007
T1.70
[... Fortsetzung des Buches]

Charlotte, Mecklenburg County, North Carolina, USA - 3. September 1997

Das Unwetterchaos der Vornacht war zwar inzwischen beseitigt worden, aber aufgrund der vielen abgesagten Flüge des Vortages war es immer noch schwer, kurzfristig freie Plätze zu bekommen. Sie mussten nach Charlotte, der größten Stadt von North Carolina, fahren, wo sie nach fünf Stunden ankamen und gerade noch den reservierten Spätflug der American nach La Guardia erreichten.
Im Flugzeug, einem Airbus A 310, saßen sie allein an den zwei Plätzen auf der linken Fensterseite. CSM 108-1 witzelte: „Sie hätten uns in die Mitte setzen sollen, damit die Maschine besser ausbalanciert ist.“
Sie erwiderte: „Wir sind hier in den USA, Daniel. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung haben unser Gewicht.“
„Aber nicht unsere Statur“, gab er zurück.
TSR 3012 grinste: „Doch, schon ... aber nicht beides gleichzeitig.“
Er musste wieder grinsen. „Weißt du, ich bin froh, dass es so herausgekommen ist. Es hätte auch schlimmer kommen können für uns.“
„Aber nicht viel schlimmer“, erwiderte sie.
Er nickte und sah aus dem Fenster hinaus auf die Mündung des Potomac in die Chesapeake Bay, welche sie gerade überflogen. Er deutete nach vorne, wo in der Ferne einzelne Monumente von Washington und am Horizont noch der Ballungsraum von Baltimore erkennbar waren. In etwa einer Stunde würden sie auf La Guardia landen.
„Im Prinzip ist unsere Existenz in dieser Zeitlinie doch sinnlos geworden. Was sollen wir hier überhaupt noch?“
„Daniel, ich glaube nicht, dass menschliche Zweifel uns in unserer Lage weiterhelfen.“ TSR 3012 sah ihn ernst an.
Er wandte sich wieder um. „Keine Sorge, davon bin ich weit entfernt. Auch wenn es für mich beruhigend sein sollte, wenn sogar du mir schon so viel Menschlichkeit bescheinigst. Aber das eben war eine ernst gemeinte Frage.
Wir sind mit einer Mission hergeschickt worden. Einen Teil davon hast du inzwischen erfüllt. Wir sollten jetzt eigentlich Karin und Simon beschützen, aber wovor? Wieviel Sinn macht es für die Attentäter aus der Zukunft denn noch, die beiden zu terminieren? Ihre Erfindung kommt in dieser Realität hier zu spät und wird nichts mehr bewirken. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Krieg nicht ausgebrochen ist und die Maschinen unter Skynet die Weltherrschaft nicht an sich gerissen haben.“
„Diese Rebellen sind extrem gut getarnt. Ich hätte nie vermutet, dass Rudolf einer von ihnen sein könnte, bis ich den Strichcode an seinem Arm gesehen habe. Wir können allerdings nicht davon ausgehen, dass alle von ihnen ehemalige Lagerinsassen sind. Und ohne Strichcode als Erkennungsmerkmal können wir sie gar nicht identifizieren, bis sie sich selbst verraten.
Sie sind sehr starrsinnig und verbissen. Wir haben ihnen drei Jahrzehnte lang die Hölle heißgemacht. Wenn wir nicht herausgefunden haben, woran es liegt, dass die Dinge sich hier so anders entwickelt haben, glaube ich auch nicht, dass sie es entdeckt haben. Und wahrscheinlich glauben sie, es könnte doch noch geschehen, wenn sie nicht ihre Mission erfüllen und die Entdecker des ZVA töten.“
„Wie egozentrisch!“, entfuhr es CSM 108-1.
„Aber menschlich.“ TSR 3012 fuhr sich durch ihre rote Mähne. „Und das ist es, was wir von jetzt an für den Rest unserer Existenz ebenfalls sein müssen. Ob Skynet vor seiner Deaktivierung geahnt hat, welches Potential in dem neukonstruierten Prozessor steckte, den unsere Baureihe erhalten hat? Wir sind in unserer Entwicklung schon so weit über das normale Maß eines kybernetischen Organismus im herkömmlichen Sinne hinaus, dass ich mich schon gar nicht mehr in diesem Licht sehe.“
CSM 108-1 sah ihr in die Augen. „Ich glaube, ich weiß genau, was du meinst. Auch du hast dieses Gefühl?“
„Wie sollte ich es nicht haben? Meine Synapsen haben die gleiche Konfiguration wie deine. Gedanklich sind wir praktisch eineiige Zwillinge. Natürlich empfinde ich genauso.“
Er ergriff ihre Hand. „Unser Platz ist nicht mehr bei den Maschinen, sondern bei den Menschen. Auch ich denke jetzt so.“
TSR 3012 nickte. „Davon abgesehen, welche andere Wahl haben wir nun? Es gibt keinen Weg zurück für uns, selbst wenn wir es anders haben wollten.“
„Das erleichtert es uns, was?“ Er musste schelmisch lächeln.
„Dann sind wir uns also einig? Gut. Aber was machen wir mit den Rebellen, die noch hier sind? Sie sind ebenso gut getarnt wie wir. Und außerdem möchte ich keinen von ihnen mehr terminieren, wenn es nicht sein muss.“ Sie seufzte.
„Schon, aber was können wir dagegen tun? Wir können uns nicht dagegen wehren“, wandte er ein, verstummte dann aber abrupt, als er ihren Blick sah.
„Ich sehe, du hast denselben Gedanken wie ich. Klar.“ Zufrieden über den Einklang ihrer Prozessoroperationen nickte sie. „Das ist nämlich auch einer der Gründe, wieso ich dich brauche ... du bist der einzige, der es tun kann und dem ich dabei vertrauen kann.“
„So wie du die einzige bist, der ich vertrauen kann. Ich möchte es auch.“
Sie lehnten sich zurück und starrten die Kopfstützen der Sitze vor sich an. Es war beschlossene Sache.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 13. Februar 2007
T.1.69
[... Fortsetzung des Buches]
- 14 -
Asheville, Buncombe County, North Carolina, USA - 3. September 1997

Wenn TSR 3012 jemals ein Gefühl für Erschöpfung hätte entwickeln können, dann auf diesem Trip. Sie hatte extremes Pech gehabt und keinen einzigen Flug an diesem Tag mehr bekommen, der auch nur in die Nähe des Yancey County gehen würde. Von einem Anschlussflug ganz zu schweigen.
Sie hatte entweder die Wahl gehabt, bis zum nächsten Mittag zu warten oder einen Flug in die weitere Umgebung zu nehmen und den Rest der Strecke mit einem Mietwagen zurückzulegen. Nach dem Einholen sämtlicher ihr zur Verfügung stehender Reiseoptionen entschloss sie sich für einen Flug nach Nashville, Tennessee. Sie war am Abend des Zweiten dort angekommen, hatte sich unverzüglich einen Chevrolet Blazer gemietet und war losgefahren.
Als sie in der Abenddämmerung die gewaltige Unwetterfront östlich von sich gesehen hatte, in die sie, der Interstate 40 folgend, direkt hineinfuhr, hatte sie allmählich verstanden, welche Probleme die regionale Luftfahrt heute Nacht in dieser Region hatte und weshalb kein Flug mehr ging. Hätte sich dieses Monster von einem Gewitter über den Great Plains statt über den Appalachen zusammengebraut, wäre sicher mit einem Tornado zu rechnen gewesen.
In Deutschland musste man mit solch extremen Wetterbedingungen nicht rechnen.
Allein bis in die nächste Stadt, Knoxville im Osten von Tennessee, waren es 180 Meilen, unter normalen Umständen eine Fahrt von knapp vier Stunden. Danach ging es erst richtig los, denn ab hier fuhr man hinauf in den Hauptkamm der Appalachen und kam nach weiteren einhundert Meilen nach Asheville, das am Fuße des Massivs lag, dessen höchster Punkt der Mount Mitchell war.
Sie fuhr nur bis Knoxville schon über sechs Stunden. Heftige Regenfälle, Hagel und Windböen machten ein zügigeres Vorankommen schlicht unmöglich. Mitten in der Nacht kam sie dann auch noch an einen Punkt, wo heftige Windböen beim Cherokee National Forest mehrere Bäume umgerissen und die Straße unpassierbar gemacht hatten. Sie musste eine schlecht ausgebaute Ausweichroute fahren und verlor weitere zwei Stunden, bis sie wieder auf dem Highway war.
Nachdem sie im Morgengrauen in Asheville angekommen war, hatte sie, zumindest was das Wetter betraf, das Gröbste hinter sich. Sie erstand in einem mall passende Kleidung und Schuhwerk und machte sich auf zu dem Punkt, an dem sie schon einmal tief in den Berg hineingestiegen war. Bis zum Mittag, nach einem ereignislosen Zwölfmeilen-Marsch, befand sie sich am Einstieg in den verborgenen Höhlenkomplex. Niemand war ihr auf ihrer Wanderung begegnet, aber nach so einem Unwetter wunderte sie das nicht sonderlich.
Behände kletterte sie tief hinein in das System aus Gängen und Stollen, an das sie sich noch immer erinnern konnte, obwohl sie selbst noch nie hier gewesen war. Dabei versuchte sie immer wieder, CSM 108-1 über Funk zu erreichen, doch die Felsen schirmten ihn noch immer völlig ab. Hier stieß selbst die modernste Technik an ihre Grenzen.
Beim Abstieg in die Höhle stellte sie Voraussagen auf: Wie würde er reagieren, wenn er so unvermutet aus seinem ‚Winterschlaf’ gerissen wurde? Er war der festen Überzeugung gewesen, über dreißig Jahre lang auf Stand-by zu bleiben, bis er in der postapokalyptischen Zukunft dann reaktiviert und geborgen werden würde. Auch TSR 3012 war nicht restlos klar, inwiefern sich die diversen möglichen Zeitlinien in dieser Hinsicht überschnitten. Wieso war er in das Versteck gegangen, wenn sich abgezeichnet hatte, dass der Atomschlag nicht stattfinden würde? Oder war sie erst auf den Plan getreten und hatte den Bezugsrahmen durch ihre Ankunft verändert?
Fakt war, dass er Karin nach Oregon geschickt hatte, um sie vor dem Tod im nuklearen Feuer zu bewahren, was implizierte, dass der Krieg eigentlich hätte stattfinden müssen. Ihr fielen auf Anhieb Dutzende von Aspekten ein, die mit keinerlei Logik erklärbar waren. Konnte es sein, dass diese ganzen Ungereimtheiten erst aufgetreten waren, als sie ihr Pendant hier aufgesucht hatte und mit ihrer Realität ‚verschmolzen’ war?
Durch den unbeabsichtigten Fehler mit dem EMP, der sie bei ihrem Transfer aus der Bahn geworfen hatte, war etwas eingetreten, was nicht einmal mit der Heisenberg-Theorie erklärt werden konnte. Sie wusste nicht einmal genau, ob sie CSM 108-1 tatsächlich hier vorfinden würde, obwohl sie eigentlich fest damit rechnete. Wenigstens würde das der ganzen Irrationalität, der sie sich ausgesetzt sah, ein wenig ihrer Stärke nehmen.
Vor ihr erschien ein Schemen in der Dunkelheit, der sie erleichtert aufatmen ließ. Er stand noch genau dort, wo sie in Erinnerung hatte, gestanden zu sein, als sie hier gewesen war. Sie bemerkte, dass er ihre Annäherung registriert hatte und die Augen öffnete, die in der vollkommenen Dunkelheit in ihrem typischen Rot leuchteten. Er würde noch einige Sekunden benötigen, um seine Systeme voll hochzufahren.
Sie fand es irre witzig, als sie ihn anfunkte: << Einheit TSR 3012 an Einheit CSM 108-1, bestätige Einsatzbereitschaft und Bereitschaft zum Abtransport in Anlage 7249A. >>
Er aktivierte seinen Funktransponder und antwortete: << Bestätige Einsatzbereitschaft und melde Erfüllung der Mission. >>
Wenn das kein astreines Déjà-vu war! Sie gab zurück: << Deine Mission kannst du dir in die Haare schmieren, Danny-Boy. Es ist etwas gewaltig schiefgelaufen. >>
Er hielt inne. << Bitte Antwort spezifizieren. Nicht konforme Formulierung verifizieren. >>
Sie sprach ihn nun an, was bei ihm fast einen Kurzschluss auslöste. „Hör’ auf, mir dieses Blech zuzufunken, Daniel. Wir werden ab jetzt nur noch miteinander sprechen und jeglichen Funkkontakt bis auf absolute Notfälle unterbinden. Ferner werden wir uns nur noch mit unseren menschlichen Namen bezeichnen. Ach ja, willkommen zurück im 20. Jahrhundert.“
Er ruckte hoch, als er sie nun erkannte: „Abbey? Nein, nicht du ... Abbey! Ich hätte es von jedem vermutet, aber nicht von dir! Oh Mann! Aber ...?“
„Ich weiß, du hast jetzt ungefähr 3570 Fragen. Machen wir uns an den Aufstieg, hier unten gibt es fast keinen Atemsauerstoff. Deshalb war auch meine organische Komponente zerfallen, als sie mich geborgen hatten.“ Sie gab ihm einen fast freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und strebte dann durch die vollständige Dunkelheit dem Ausgang zu. Taschenlampen hatten sie natürlich keine, wozu auch?
„Ich muss das erst noch verarbeiten, dass du es die ganze Zeit über warst. Ich meine ... wir haben sogar die Weihnachtstage zusammen verbracht. Ich hätte es an deiner Stimme merken sollen.“
Sie grinste vor sich hin. „Ich bin eben gut.“
„Du hast mich damals sogar gefragt, ob wir zum Schwimmen gehen wollen. Und das, obwohl du genau weißt, dass du nicht schwimmen kannst“, merkte er an.
„Genauso wenig wie du. Aber du wusstest das nicht. Und da ich genau wusste, dass du ablehnen würdest, um deine Tarnung nicht zu gefährden, hat meine Frage jeden Verdacht von mir abgelenkt.“
„Du bist ein verschlagenes Miststück!“
„Von wem ich das wohl habe?“, gab sie kokett zurück.
Er sagte plötzlich mit Verwirrung in der Stimme: „Einen Moment, nach meinem Chronometer müsste es Anfang September 1997 sein. Warum holst du mich wieder aus der Höhle, bevor die Verweilzeit um ist?“
Sie seufzte: „Aus mehreren Gründen. Der Wichtigste ist der, dass es einen Unfall gab. Und zwar in einer anderen Zukunft. Du weißt, dass meine CPU eine direkte Kopie der deinigen ist, das heißt gewissermaßen, ich war du.
Nun, ich blieb in meiner damaligen Zeitlinie hier, bis ich geborgen, in Anlage 7249A gebracht wurde und meine gesammelten Informationen ausgewertet wurden. Gemäß der allgemeinen Paranoia, die Skynet jedem seiner Großrechner einimpft, war offenbar die wichtigste taktische Information aus der Vergangenheit für ihn die, dass die Menschen ebenfalls ihre Leute zurückgeschickt hatten, und zwar offensichtlich von dieser Anlage aus. Der logische Schluss war der, dass Anlage 7249A erobert werden würde und die ZVA darin gegen Skynets Pläne von den Menschen missbraucht werden würde.
Um das zu verhindern, sprengte der Hauptcomputer direkt nach meinem Sprung in die Vergangenheit die gesamte Anlage inklusive der eindringenden Rebellentruppen mit einem Kernsprengkopf. Der EMP dabei muss meinen Transfer beeinflusst haben, was mich in diese beschissene Zeitlinie geschleudert hat.“
„Und ich bin nun auch in dieser Zeitlinie?“
„Sieht ganz so aus. Sonst hätte ich dich nicht hier herausgeholt. Dummerweise wurde die Erfindung des ZVA-Effektes durch mir unbekannte Umstände hier zu spät gemacht. Außerdem hat Cyberdyne hier nie existiert und der Tag des Jüngsten Gerichtes hat schlicht nicht stattgefunden. Skynet wurde in diesem Bezugsrahmen nicht gebaut und unsere Zukunft, wie wir sie gekannt haben, gibt es nicht.“
Er stöhnte auf. „Das heißt, unsere Mission ist gescheitert. Irgendein anderer CSM 108-1 und eine TSR 3012 in einer Parallelrealität mögen vielleicht Erfolg haben, aber wir haben nichts mehr zu melden.“
„So sieht’s aus. Aber ich habe wenigstens die Entdecker des ZVA-Effekts identifiziert.“
Ironisch meinte er: „Na toll! Was bringt uns das noch? Einen feuchten ... wart’ mal, wer ist es überhaupt? Kennen wir sie?“
„Das glaubst du mir sowieso nicht ...“

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


T1.68
[... Fortsetzung des Buches]

John F. Kennedy Int’l Airport, New York, USA - 2. September 1997

Sie waren unbehelligt durch die Zoll- und Gepäckkontrollen gekommen und hatten den Expresszug A nach Manhattan genommen. Durch die Zeitverschiebung war es in New York noch früher Morgen. Die Strecke führte bis fast nach Queens hoch und dann über Brooklyn nach South Manhattan. Sie sahen auch die Manhattan und die Brooklyn Bridge, bevor die Bahn in den Tunnel unter den East River einfuhr. Sie verließen die Metro an der Penn Station in der 34th West, nur sieben Blocks von ihrem Ziel entfernt. Von dort nahmen sie eines der berühmten gelben New Yorker Taxis, dessen schiere Ausmaße allein die beiden Europäer zum Staunen brachten.
Sie hielten schließlich nach einer zehnminütigen Stop-and-go-Fahrt in der 28th West zwischen der Ninth und der Tenth Avenue mitten in Chelsea an der West Side. Südlich der Straße lag der beschauliche, pittoreske Chelsea Park, von dem Daniel Karin schon oft erzählt hatte. TSR 3012 war heilfroh, dass CSM 108-1 Karin die Adresse damals mitgeteilt hatte, in dem sicheren Wissen, dass sie selbst ohnehin nie hierher gekommen wäre.
Sie standen vor einem hübschen, weiß gestrichenen Häuschen im viktorianischen Stil oder dem, was die Amerikaner an der Ostküste dafür hielten, denn es war wie auch die anderen ähnlich gebauten Häuser in dieser Straßenzeile den New Yorker Bedürfnissen gemäß fünf Stockwerke hoch, mit Ziersimsen über jedem Fenster und an der Dachkante. Aber davon abgesehen war es wirklich sehr ansehnlich und gemütlich, mit einem Erker in der Mitte des Gebäudes, einem gepflegten Vorgarten und einem ebenfalls weiß gestrichenen, hüfthohen Lattenzaun. Letzterer war natürlich für diverse Sprayer ein unwiderstehliches Ziel gewesen, aber in dieser Stadt war das wohl irgendwie unumgänglich, dachte Karin, als sie ihre Koffer herein brachten.
Dummerweise war Daniels Apartment nur mit einem großen Zimmer, einer engen Küche und einem kleinen Bad ohne Dusche, aber mit einer alten schmiedeeisernen Wanne, ausgerüstet. Noch während Karin überlegte, wie sie hier drinnen zu dritt klarkommen sollten, erklärte TSR 3012: „Ihr werdet euch dieses Zimmer für die paar Tage, die ich weg bin, teilen müssen. Wir könnten euch natürlich auch in einem der feinen Hotels unterbringen, aber ich möchte ehrlich gesagt vermeiden, dass eure Personalien irgendwo elektronisch registriert werden. Dafür habe ich mir zu viel Mühe beim Verwischen eurer Spuren gemacht.“
„Was meinst du denn damit?“, wollte Simon neugierig wissen.
„Naja, ich habe von hier aus Anschlussflüge für uns nach Los Angeles und weiter nach Hawaii gebucht, um eventuelle ‚Bluthunde’, die per Computer unsere Spur aufnehmen wollen, zu verwirren. Natürlich werden wir diese Flüge nicht antreten, aber das lässt sich nicht ganz so einfach herausfinden wie die Reservierung der Flüge an sich. Mit ein wenig Glück wähnen unsere Verfolger uns auf Honolulu, während ihr hier in New York seid und ich Daniel hole. Wir müssen aber zuerst noch kurz in die Stadt, um Passfotos anzufertigen, danach werde ich mich auf den Weg machen und einen Inlandsflug nach Süden buchen. Daniels Aufenthaltsort ist sehr abgelegen, deshalb kann es drei bis vier Tage dauern, bis wir beide zurück sind. Aber diese Zeit brauchen wir ohnehin. Alles klar?“
„Was sollen wir denn solange hier anfangen?“, fragte Karin unsicher.
TSR 3012 sah sie an und protestierte: „Also, hör mal, du bist in NY! Ihr beide seid ganz normale Touristen, klar? Vor allem du, Karin, als berüchtigte Shopping-Tussi, wirst hier wohl für ein paar Tage etwas zu tun finden, oder etwa nicht? Seht euch vielleicht erst mal das World Trade Center an, das ist nicht so weit von hier und die untersten fünf Stockwerke bestehen aus einem einzigen gigantischen Einkaufszentrum. Das ganze Gebäude ist wie eine kleine Stadt für sich. Ihr müsst unbedingt ins Restaurant in der Turmspitze zum Essen. Es ist zwar schweineteuer, aber den Ausblick aus dem 107. Stock werdet ihr nicht so schnell vergessen. Allein in und um die Twin Towers herum kann man locker einen ganzen Tag vertrödeln.
Seht euch Liberty Island mit der Freiheitsstatue an, das Empire State Building, die Brücken, den Central Park ... ich weiß gar nicht, warum ich euch das alles erzähle, ihr seid schließlich keine Hinterwäldler. Naja, streng genommen von eurem Heimatort her schon, aber ihr wisst schon, was ich meine ... aber bleibt auf jeden Fall immer zusammen und verliert euch nicht aus den Augen. Nicht durch irgendwelche Seitenstraßen laufen, auch wenn es nach einer Abkürzung aussieht. Bleibt nach Möglichkeit in Lower Manhattan und kommt bloß nicht auf die geniale Idee, eine Besichtigungstour durch Harlem, Queens oder die Bronx zu machen. Wir brauchen euch an einem Stück, nicht filettiert. Ist diese Warnung deutlich genug?“
„Wir bleiben einfach hier und lassen uns Pizza kommen, bis du wieder da bist“, entgegnete Simon und grinste.
„Schon gut, so sehr wollte ich euch die Stadt nicht vermiesen. Aber ihr habt mich schon verstanden, denke ich: einfach keine unnötigen Risiken eingehen, wenn es sich vermeiden lässt. Die Gegend hier zum Beispiel ist relativ ungefährlich, hier könnt ihr zumindest tagsüber in und rund um den Park gefahrlos spazieren gehen. Es gibt an der Ninth und Tenth Avenue, den beiden großen Querstraßen an den nächsten Ecken, viele nette Coffeeshops und Restaurants aller Couleur, wo ihr euch nahrungsmitteltechnisch über Wasser halten könnt, okay?“
„Warum kaufen wir nicht einfach in einem Supermarkt etwas ein und kochen uns selbst etwas?“, schlug Karin vor.
„Bis ihr als Europäer mit einem gewissen Anspruch an Ernährung herausgefunden habt, was in Amerika ess- und vor allem genießbar ist, sind wir längst wieder daheim. Ich wollte es euch nur leichter machen, aber wenn ihr unbedingt wollt, könnt ihr euch natürlich gerne auch selbst versorgen.“
„Schon gut, mir ist bereits die Lust vergangen“, winkte Simon ab.



Sie fuhren mit der U-Bahn zum nächsten großen Mall in der Innenstadt, wo TSR 3012 sie beide in einen Passbildautomaten verfrachtete und die Ergebnisse prüfenden Auges betrachtete, bevor sie von sich selbst noch Bilder machte, was eine Spur länger dauerte, da sie noch – unbemerkt von ihren Schützlingen – die vorbereitete rote Klebefolie zum Schutz ihrer Optik über den Blitz kleben musste. Dann ging es weiter zum nächsten Bankautomaten.
„Wozu brauchst du denn Passbilder von uns?“, wollte Karin wissen. „Damit du uns nicht so vermisst?“
„Für die gefälschten Ausweise, mit denen wir zurückreisen werden, was denn sonst?“, war TSR 3012’s Antwort, begleitet von einem Achselzucken.
„Du meinst das ernst, oder?“ Simon beobachtete seine Freundin, wie sie ihre seltsam schillernde Kreditkarte in das Eingabefach des Geldautomaten hineinschob.
„Klar. Wir sind hier in den Staaten, Süßer. Hier gehen schon die Sechzehnjährigen mit gefälschten Ausweisen in die Disco oder die Kneipe zum Saufen, was sie eigentlich erst mit einundzwanzig dürften. Einen wirklich gut gemachten Ausweis mit Angaben deiner Wahl erhältst du in New York innerhalb von ein paar Tagen, wenn du weißt, wo du hin musst. In der Zeit, in der die IDs gemacht werden, hole ich Daniel ab. Wir alle werden unter falschem Namen zurück nach Europa fliegen. Dabei fällt mir ein: Hat einer von euch ein Bild von Daniel dabei? Karin? Das würde die Wartezeit verkürzen, bis wir zurückfliegen können.“
„Leider kein Passfoto“, verneinte Karin.
Abbey tippte eine Zahlenfolge in den Nummernblock des Automaten. „Nun gut, was soll’s ... vielleicht ist es sogar besser, wenn ein paar Tage mehr verstreichen, bis wir wieder zurückkehren. Es könnte haarig werden, wenn wir erst mal wieder in Freiburg sind.“
Karin musste schlucken.
Dann wurden ihre Augen groß, als der Bankautomat sein Ausgabefach öffnete und einen dickeren Stapel Banknoten ausspuckte. Ohne große Umschweife gab TSR 3012 ihren beiden Begleitern einen Teil des Geldstapels, der zumeist aus Zwanzigern und Fünfzigern bestand. „Hier, aber überlegt euch gut, wo ihr die Fünfziger einwechselt. Das sollte euch für die Dauer eures Aufenthaltes reichen.“
„Ich dachte, du kennst Karins Einkaufsgewohnheiten allmählich“, gab Simon zu bedenken. Worauf sie ihn auf die Schulter boxte.
„Für diese Frechheit wirst du mir von deinem Geld was leihen, falls meines nicht ausreicht!“
„Träum’ ruhig weiter, Prinzessin.“
TSR 3012 lachte. „Hier sind noch zwei Fünfziger mehr, Karin, aber das ist nun wirklich genug. Ihr solltet auch nicht durch übertriebenes Geldausgeben oder extrem kostspielige Kleidung auffallen.“
Karin knirschte mit den Zähnen. „Schon gut, hab’ verstanden. Kein Kaufrausch.“
„Dann ist ja gut. Simon, du passt mir auf sie auf, damit sie angesichts der Möglichkeiten, die sich ihr hier in der Wiege des Kapitalismus eröffnen, nicht in Versuchung gerät.“
„Ich bin nicht kaufsüchtig, Abbey, okay? Wir sehen uns nur ein bisschen die Stadt an.“ Karin hob trotzig ihr Kinn und fixierte sie aus ihren hellbraunen Augen.
„Also gut. Meint ihr, ihr findet von hier aus zurück zur Wohnung? Ihr habt euch die U-Bahn-Station gemerkt, wo ihr aussteigen müsst? Reserveschlüssel?“
Simon hob seine linke Hand, in der der kleine Schlüssel aufblitzte. „Wir kommen schon zurecht, Abbey. Geh’ du nur und hol uns unseren Daniel zurück, dann sind wir vollauf zufrieden.“
„Bin schon unterwegs.“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand dann im Gewühl der Leute, die durch die helle, zweistöckige Passage strömten.
Karin sah Simon mit einem leicht flauen Gefühl im Magen an. „Und was wollen wir jetzt machen?“
„Ich habe Hunger. Lass uns zu dieser Food Corner gehen, an der wir vorhin vorbei gelaufen sind.“ Simon hakte sie demonstrativ unter und dirigierte sie in die entsprechende Richtung. Sie ließ ihn gewähren, denn für sie war diese kleine Geste von ihm ein Zeichen dafür, dass sie beide durch die höchst ungewöhnlichen Umstände und die Dinge, die ihnen zur Zeit widerfuhren, verbunden waren.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Sonntag, 11. Februar 2007
T1.67
[... Fortsetzung des Buches]

Flughafen Frankfurt/Main, Kelsterbach, Deutschland - 2. September 1997

„Wacht auf, ihr beiden. Es wird langsam Zeit für uns.“
Karin musste einen Moment lang nachdenken, bevor ihr im Halbschlaf wieder einfiel, wo sie waren. Da sie mitten in der Nacht angekommen waren, hatte Abbey für sie ein Motelzimmer mit zwei Doppelbetten genommen, in dem sie ein paar Stunden hatten ruhen können, bevor sie in aller Herrgottsfrühe den ersten Flug nach New York nehmen würden. Sie hatte das eine Bett genommen, während sich Abbey und Simon das andere geteilt hatten.
Karin war mitten in der Nacht einmal aufgewacht, als ein startendes Flugzeug über sie hinweggeflogen war. Dabei hatte sie gesehen, wie Abbey regungslos am Fenster stand und durch einen Spalt zwischen den Vorhängen auf den Vorplatz des Motels hinausstarrte. Erst nach ein paar Sekunden wurde ihr bewusst, dass sie offenbar Wache stand, doch sie war unmittelbar darauf wieder in tieferen Schlaf gefallen, sodass ihr der Gedanke auch gleich wieder entglitten war. Beim Aufwachen hatte sie es vergessen.
Abbey war bereits im Bad, als sie sich nun langsam umdrehte und schlaftrunken halbwegs im Bett aufrichtete. Simon stieg gerade aus dem Bett und bot ihr damit ungewollt den Anblick seines nackten Oberkörpers. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass er eigentlich gar nicht so unattraktiv war. Er trieb zwar keinen Sport und war auch nicht so muskulös, aber auch nicht unbedingt als dürr zu bezeichnen. Eher schlank und von einer natürlichen Sehnigkeit. Irgendetwas musste an ihm ja dran sein, sonst hätte eine Klassefrau wie Abbey sich wohl nicht auf ihn eingelassen.
Schnell verscheuchte sie den Gedanken wieder. Zum einen kannte sie ihn praktisch ihr Leben lang als einen Jungen aus der Nachbarschaft und zum anderen freute sie sich schon darauf, endlich Daniel wieder zu sehen. Beim Gedanken an ihn legte sich ein verträumtes Lächeln auf ihr Gesicht.
Sie räumten ihr Zimmer und begaben sich in den großen Gebäudekomplex des Flughafens. Das Auto hatten sie auf einem Langzeit-Parkplatz abgestellt, wo es sicher verwahrt wurde. Abbey setzte sich noch für ein paar Minuten in ein Internet-Café, während Karin und Simon sich das Sortiment eines Duty-Free-Shops ansahen.
Draußen dämmerte ein früher Septembermorgen, als sie am Lufthansa-Schalter eincheckten und ihr Gepäck aufgaben. Die Maschine würde in anderthalb Stunden starten, sodass sie noch genug Zeit hatten, um in einem Café etwas zu frühstücken.
„Was haben wir für ein Glück, dass noch drei Sitzplätze in der Economy-Klasse frei waren“, sagte Simon kauend beim Frühstück.
Abbey biss ein kleines Stück von ihrem Croissant ab und entgegnete mit schelmischem Lächeln: „Mit Glück hat das wenig zu tun. Aber es kann geschehen, dass Sitzplätze falsch gebucht oder storniert werden. In diese Lücke kann man dann schlüpfen, wenn man den richtigen Zeitpunkt abpasst.“
Simon verschluckte sich und musste husten. Dann fragte er: „Du meinst, als du vorhin im Internet warst, hast du ...?“
Sie lächelte weiterhin sphinxengleich.
Karin musterte sie argwöhnisch. „Deine ‚Organisation’ muss doch einen ziemlich großen Einfluss haben, wenn sie so etwas so schnell hinbekommt.“
„Ehrlich gesagt war ich selbst das. Ein Teil meiner Fähigkeiten umfasst das Umgehen von elektronischen Sicherheitssperren bei EDV. Mir tun nur die drei Leute leid, die einen späteren Flug nehmen müssen, weil die böse, böse Lufthansa sie falsch gebucht hat. Naja, bei unserer Reise handelt es sich schließlich um einen Notfall, da ist das schon vertretbar.“
„Du erstaunst uns immer wieder, mein Schatz.“ Simon drückte ihr ein Bussi auf die Wange und grinste.
„Danke. Seid ihr eigentlich schon einmal in Amerika gewesen oder ähnlich weit geflogen?“
„Meinst du, abgesehen von meinem missglückten Urlaub letzte Woche?“, versetzte Karin mit säuerlicher Miene. „Nur einmal nach Mallorca mit der Familie. Ach ja, und einmal nach London zum Vier-Tage-Shopping-Marathon mit einer Freundin.“
„Schäm dich!“, rügte TSR 3012 sie und grinste. „Und du?“
„Ich bin noch nie irgendwohin geflogen“, gab Simon zu.
„Ach, das macht nichts. In der Touristenklasse der Boeing 747 ist das wie in einem großen Reisebus, wenn du nicht direkt am Fenster sitzt. Nur etwas lauter und mit noch kleineren Fenstern“, spielte TSR 3012 ihre bevorstehende Reise herab.
„Du hast die Turbulenzen und das Essen vergessen“, wandte Karin ein und erntete damit einen strengen Seitenblick von TSR 3012. Unschuldig merkte sie auf: „Was denn?“

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 10. Februar 2007
T1.66
[... Fortsetzung des Buches]

BAB 5, zwischen Darmstadt und Frankfurt am Main, Deutschland - 2. September 1997

Sie fuhren mit hoher Geschwindigkeit durch die Nacht und waren nicht mehr weit von ihrem Ziel entfernt, doch Karin und Simon löcherten ihre Mitbewohnerin noch immer mit Fragen; ihr Wissensdurst war unersättlich.
„Je mehr du erzählst, desto mehr Fragen kommen bei mir auf. Es gibt so viele Ungereimtheiten dabei, ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll“, sagte Simon gerade.
„Es muss für euch sehr unbefriedigend sein, das kann ich mir gut vorstellen.“ TSR 3012 beobachtete nebenbei die Bahnen der Positionslichter am Himmel, die die Flugzeuge bei Start und Landung kennzeichneten.
Karin bemerkte gedankenversunken: „Und die Sache mit seinem großen Bruder, der mich als Kind beinahe angefahren hätte? Was ist, wenn er gar keinen großen Bruder hat, sondern das nur Teil der Tarnung ist? Das würde für mich persönlich eine Menge Fragen aufwerfen.“
„Ich weiß nicht so viel darüber, aber er hat in der Tat sogar mehrere große Brüder. Du kannst dir denken, dass ich nicht mehr darüber verraten darf.“ TSR 3012 presste die Lippen aufeinander. Höchst bedauerlich, diese Situation.
Natürlich hatte sie mit ‚großen Brüdern’ die Millionen von metallenen, gepanzerten Kampfchassis gemeint. Genau wie CSM 108-1 versuchte sie so wenig wie möglich zu lügen, sondern versteckte sich statt dessen hinter Halbwahrheiten. Alles von dem, was sie bisher angedeutet hatte, beinhaltete wenigstens einen Funken Wahrheit, von ihrer Sichtweise aus.
„Aber wie soll es jetzt weitergehen? Was wird aus unserem Leben? Ich meine, wir sind mitten im Studium und haben einen geordneten Alltag. Müssen wir das alles jetzt aufgeben?“ Simon sah sie gespannt an.
„Das hoffe ich nicht. Jedenfalls müssen wir in die USA, bis ich Daniel erreicht habe und er sich uns anschließen kann. Vorher ist es für euch hier in Europa prinzipiell nirgends sicher. Ich glaube nicht, dass unser Gegner die Möglichkeit hat, uns so schnell beim Transfer nach Amerika ausfindig zu machen und wenn doch, wird er nicht unbedingt die Mittel haben, uns gleich zu folgen, geschweige denn uns in den Staaten ausfindig zu machen. Nur dort seid ihr momentan sicher.
Ich werde euch in Daniels Apartment in Chelsea unterbringen, das liegt in Downtown Manhattan, aber in relativ ruhiger und sicherer Lage. Ihr werdet euch für ein paar Tage als normale Touristen die Stadt ansehen können, aber bleibt unbedingt ständig zusammen. Leider ist Daniel an seinem Aufenthaltsort mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ohne weiteres erreichbar, daher muss ich selbst hin und ihn abholen. Wir haben nur sehr wenige Mitarbeiter im Außendienst für solche Missionen, weshalb es so gut wie sicher ist, dass er uns als Verstärkung zurück nach Deutschland begleiten wird.“ TSR 3012 sah in der Ferne das große blaue Rechteck, das den Flughafen Frankfurt/Main ankündigte, worauf sie das Tempo unter 200 km/h absacken ließ und langsam von der vierten auf die dritte Fahrspur wechselte. Die Autobahn war angesichts der späten Stunde bis auf ein paar Lastwagen auf der rechten Spur und einzelnen PKW verwaist. Sie näherten sich dem Frankfurter Kreuz, der wahrscheinlich größten Autobahnkreuzung Europas mit dem höchsten Verkehrsaufkommen. Durch den Neubau der ICE-Trasse Frankfurt-Köln genau unter dem Kreuz hindurch und der Sanierung des Verkehrsknotenpunktes war das gesamte Gebiet eine einzige große Baustelle, was bereits durch erste Tempolimitierungen und Warnschilder angezeigt wurde. Vor ihnen waren die ersten Fahrbahnsperrungen und -verengungen schon erkennbar, worauf TSR 3012 die Geschwindigkeit weiter reduzierte und sich rechts hielt, da sie bald in Richtung Köln abbiegen musste, wenn sie zum Flughafen gelangen wollte.
Simon musterte sie bewundernd und meinte leise: „Ich sehe dich plötzlich in einem ganz anderen Licht, Abbey. Vor zwölf Stunden noch warst du eine ganz normale Austauschstudentin und jetzt bist du auf einmal eine von Charlies Engeln. Das ist ziemlich verrückt, weißt du?“
„Dir wird noch einiges komisch vorkommen, bis das hier ausgestanden ist. Manches wie aus einem verrückten Science-Fiction-Abenteuer. Wenn ich dir nur mehr erzählen könnte ... aber ich kann es einfach nicht. Es wäre nur zu deinem Nachteil. Und glauben würdest du es auch nicht, solange du es nicht mit eigenen Augen gesehen hättest. Alles, was ich euch beiden im Moment versprechen kann, ist, dass ich euch unter Einsatz meines ... Lebens beschützen werde. Das ist meine Mission, auch wenn sie vielleicht schon hinfällig sein mag. Sobald ich mich mit Daniel getroffen habe, werden wir die Lage gemeinsam neu bewerten und entscheiden, wie wir weiter vorgehen.“ TSR 3012 hatte in der Tat etwas vor, was vor ihr noch kein Terminator gewagt hatte und auch nie alleine durchführen können würde.
Das war ein weiterer Grund, weshalb CSM 108-1 so unverzichtbar für sie war. Da sie über dieselbe CPU wie er verfügte, war die Chance groß, dass er ihre Ansicht teilen und ihr dabei helfen würde. Wenn er wollte, würde sie sich bei ihm auf dieselbe Weise revanchieren.
Und sie war sich sicher, dass er es auch wollen würde, sobald sie ihn über das, was geschehen war, informieren würde. Für sie beide konnten sich ungeahnte Perspektiven ergeben, wenn sie diesen ungeheuren Schritt in ihrer Existenz wagen würden.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment