Freitag, 9. Februar 2007
T1.65 - Kapitel 13
[... Fortsetzung des Buches]
- 13 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 1. September 1997

Karin und Simon waren völlig aufgeregt, als sie ihre Wohnung betraten, und redeten noch immer wild durcheinander, wie sie es den ganzen Heimweg über getan hatten. Dann hob Simon gebieterisch die Hand. „Halt! Wir müssen uns unbedingt jemand anderem mitteilen und sehen, wie dritte Personen reagieren, wenn wir davon berichten.“
Karin wandte skeptisch ein: „Nein, das klingt viel zu unglaublich. Wir würden für verrückt gehalten und eingesperrt werden.“
„Warum kann Abbey kein Handy haben? Sie würde uns sicher glauben“, meinte er ganz zappelig. „Aber sie würde nicht mal eines geschenkt nehmen; sagt, die Strahlung stört sie viel zu sehr. Pfff! Als ob ...“
„Ich weiß, was wir tun! Wir gehen in ein Chatter-Forum für Physik oder Naturwissenschaften und Chatten inkognito mit jemandem darüber. Na, was meinst du?“
„Prima Idee, Karin.“ Simon ging schnurstracks in TSR 3012’s Zimmer und warf CSM 108-1’s Computer an.
„Bist du sicher, dass wir das tun sollten?“ Offenbar kamen ihr nun doch erste Zweifel.
„Klar, der PC gehört schließlich genau genommen Danny. Wir dürfen ihn genauso benutzen wie Abbey, er steht nur zufällig in ihrem Zimmer, solange sie es für ihn ‚verwaltet’. Okay?“ Er winkte sie über die Schulter heran, worauf sie zögerlich nähertrat.
Er stellte bereits die Verbindung ins Internet her und suchte eine entsprechende deutschsprachige Website. Dann meldete er sie an und sah Karin groß an, als er aufgefordert wurde, einen Aliasnamen einzugeben.
TIME BANDITS.
„Was für ein Scheiß“, ließ Karin verlautbaren und sah ihn streng an, worauf er nur noch mehr grinste.
Dann stieg er in eine laufende Unterhaltung ein und verkündete ihr sensationelles Forschungsergebnis.
Nach etwa fünf Minuten wurden sie von zwei der fünf Chat-Partnern mehr oder weniger eindringlich aufgefordert, ihre Teilnahme zu beenden.
„Frustrierend“, war Karins einziger Kommentar, als sie den Computer wieder abschalteten und sich in die Küche setzten.
Simon holte ein Päckchen Spaghetti heraus und hielt sie fragend hoch, worauf sie nur nickte. Er setzte Wasser auf und meinte nur: „Du weißt doch, alle großen Entdecker sind zu Lebzeiten verkannt und verspottet worden. Wir müssen nur ein reproduzierbares Ergebnis erzielen und dieses ausreichend dokumentieren.“
Sie ging zum Schrank und holte eine Dose passierte Tomaten heraus, die sie öffnete und in einen kleinen Topf zum Erwärmen gab, während sie sich ein Holzbrett und ein scharfes Küchenmesser hervorsuchte, um einige Kräuter wie Basilikum und Oregano sowie etwas Knoblauch und Zwiebeln kleinzuhacken. „Wie willst du so etwas denn dokumentieren? Wir landen höchstens in der Klapse, das ist es, was ich dir sage.“
Beide hoben die Köpfe, als die Wohnungstür aufging, doch Abbey verschwand in ihrem Zimmer, ohne auch nur in die Küche hineinzusehen. Sie sahen sich an, zuckten mit den Schultern und fuhren mit der Zubereitung ihrer Spaghetti alla Pommodore fort. „Am Besten sagen wir vorerst noch nichts, bis wir etwas Handfestes haben“, schlug Simon zögerlich vor.
Abbey kam aus ihrem Raum hinaus, lief aber gleich eilig ins Bad weiter und rief nur im Vorbeilaufen durch den offenen Türspalt: „Hallo, wie war’s in der Uni?“
„Interessant. He, wir kochen Pasta“, rief er ihr noch hinterher, als sie wieder verschwand.
„Ich komme in fünf Minuten oder so“, hörte man sie noch, bevor die Badtür zuschlug und der Schlüssel sich vernehmlich im Schloss drehte.
„Nanu, sie schließt ab? Wird wohl keusch auf ihre alten Tage.“ Aus den Augenwinkeln beobachtete Karin während des Umrührens der Soße Simons Reaktion auf ihre Spitze.
Gedehnt meinte er: „Naja, ich verstehe sie schon. Wenn ich mit einer latent bisexuellen Tussi unter einem Dach leben müsste ...“
„He, du Affe, der Spruch letzte Nacht war doch nur ein Joke.“ Sie war versucht, mit dem tomatenverschmierten Kochlöffel nach ihm zu schlagen, worauf er alarmiert einen Satz zurück machte; sein T-Shirt war weiß.
„Schon gut, du hast nur so überzeugend geklungen. Ich könnte mir schon vorstellen, dass bei Abbeys Anblick ein Mädchen wie du auf dumme Gedanken kommen könnte.“
„Nicht mal in deinen wildesten Träumen“, gab sie zurück, worauf er ein wenig beruhigt an den Herd zurücktrat und etwas Speiseöl in das nun siedende Salzwasser gab, bevor er die Spaghetti langsam hineingleiten ließ.
„Dann ist ja gut.“
Sie rührte versonnen weiter und machte eine leicht beleidigt wirkende Schnute. „Außerdem kannst du das nicht verstehen. Kein Mann kann einem das geben, was zwei Frauen miteinander ...“
Er packte sie und schüttelte sie, worauf sie vergnügt kieckste. Ungnädig schalt er dabei: „Wo sind wir denn hier? In einer schlechten Fortsetzung von ‚Zärtliche Cousinen’? Karin Therese Bochner, dein Humor ist restlos verdorben worden von diesem elenden Amerikaner namens Daniel Corben!“
Aus dem Bad hörte man eine Stimme rufen: „Verpasse ich gerade etwas?“
„Nein, wirklich nicht“, rief Simon zurück.
„Dann ist es ja gut“, antwortete TSR 3012 und beendete gerade den siebenundfünfzigsten und letzten Stich, mit dem sie ihre lange seitliche Schnittwunde vernäht hatte. Vorsichtig zog sie sich ein weites schwarzes T-Shirt darüber, unter dem man nichts von ihrem hochprofessionellen chirurgischen Werk erkennen konnte. In zwei Tagen würde sie den Faden wieder entfernen können.
Doch nun ging sie zu ihren Mitbewohnern und setzte sich zum Abendessen zu ihnen.



„Abbey war so einsilbig heute, hast du es auch gemerkt?“ Simon räumte den Geschirrspüler ein und sah zu Karin hinüber, die noch am Tisch saß und ihren Teller leerte.
„Ja, und dass sie jetzt noch ‚mal schnell’ raus muss ...“ Karin sah zum Küchenfenster auf den Balkon hinaus, hinter dem langsam die Dämmerung über die Dächer von Freiburg herein brach. „Na egal, sie wird schon ihre Gründe haben. So haben wir wenigstens noch mal Gelegenheit, unbemerkt auf unserer Forumsseite nachzusehen.“
„Waren wir uns nicht einig, dass wir erst noch ...?“
„He, nur noch mal schnell nachsehen“, fiel sie ihm eilig ins Wort. „Vielleicht hat jemand von unserer Entdeckung gelesen und möchte sich ernsthaft darüber unterhalten.“ Sie stand auf und spülte ihren Teller kurz aus, bevor sie sich in TSR 3012’s Zimmer begab.
Als Simon zu ihr stieß, saß sie bereits am PC und stellte die Internet-Verbindung her. Er seufzte nur und ließ sie gewähren, als sie die Forumsseite aufrief, auf der sie zuvor über ihren Fund berichtet hatten.
„Da, sieh mal, vor einer Stunde“, sagte sie beim Lesen der Einträge, die seit ihrem Ausstieg gemacht wurden.

CARETAKER: Hallo, Time Bandits. Wir finden eure Entdeckung sehr interessant und würden gerne mit euch darüber reden.
ARCHIMEDES: He, Caretaker, du glaubst diesen Schwachsinn doch nicht etwa?
I.M.N.LOVE: Genau, das ist doch nur Science-Fiction. Wir diskutieren hier nur über ernsthafte Themen.
CARETAKER: Lasst das mal unsere Sorge sein, okay? Ist vielleicht ziemlich abwegig, aber man soll nie ‚unmöglich’ sagen, oder?

„Und so geht das dann eine ganze Weile weiter. Diese Caretaker haben sich ganz schön ins Zeug gelegt für uns. Aber was für ein blöder Chatter-Name – I.M.N. Love. Wozu die vielen Initialen?“ Karin sah Simon fragend an.
Er verdrehte die Augen. „Oh, Mann, ist doch klar: I.M.N. Love ausgesprochen ergibt I’m in love oder zu Deutsch ‚Ich bin verliebt’. Das ist ein Wortspiel, Karin. Klar?“
Unwillig stimmte sie zu: „M-hm. Scheiß-Sprachstudenten, was suchen die in so einem Forum? Ich lasse mal was von uns hören, vielleicht ist dieser Caretaker noch im Netz.“
„Ich glaube, das sind mehrere Leute, die hinter diesem Namen stehen“, merkte Simon noch an, als sie bereits tippte.

TIME BANDITS: Hallo, zusammen. Caretaker, wenn du noch an einem Plausch interessiert bist, wir sind wieder online.

Nichts.

Sie sahen sich an. Simon hob die Schultern. „Hätte ja sein können. Wir können ja noch ein paar Minuten im Netz bleiben, um zu sehen, ob sich noch jemand meldet. Hast du Lust auf Kaffee?“
Sie nickte und gähnte. „Wer weiß, wie lange diese Nacht wird.“
Dann erhob sie sich und folgte ihm in die Küche. Beim Kaffeemachen diskutierten sie über ihr weiteres Vorgehen im Labor, um mit zusätzlichen Tests den Effekt zu reproduzieren, den sie entdeckt hatten.
Als die Kaffeemaschine durchgelaufen war und Simon bereits mit einer Kanne bereitstand, um die schwarze Koffeinbrühe abzufüllen, warf Karin nochmals einen Blick auf den PC.
„Simon, komm mal schnell, sie haben sich gemeldet. Vor weniger als zwei Minuten.“
Er war noch am Abfüllen, als sie sich an die Tastatur setzte und ihre erhaltene Antwort las.

CARETAKER: Hi, Time Bandits. Können wir jetzt über eure Entdeckung reden?

Sie tippte eifrig und hörte Simon in der Küche mit den Kaffeebechern hantieren.

TIME BANDITS: Hallo, Caretaker. Ja, wir sind wieder da. Was wollt ihr denn wissen?
CARETAKER: Eigentlich alles von Anfang an, wie ihr darauf gekommen seid. Woher kommt ihr?
TIME BANDITS: Wir sind Studenten aus Freiburg. Und wie schon so oft war unsere Entdeckung reiner Zufall. Wir haben in einem Labor der Uni gearbeitet. Einer unserer Platznachbarn züchtet Sporen und Schimmelpilze, er lagert das Zeug überall an seinem Arbeitsplatz und ist leider nicht so sorgfältig, wie man sein sollte. Er hat neulich wieder eine undicht verschlossene Petrischale auf dem Tisch stehen lassen. Darauf ist irgendeine seiner

„Was machst du da? Kannst du nicht auf mich warten?“, beschwerte Simon sich, als er für sich und sie jeweils einen großen Kaffeebecher an den Arbeitsplatz trug. Er las ihren Kommentar, den sie noch nicht beendet und abgeschickt hatte.
„Verrat lieber noch nicht irgendeinem, woher wir kommen oder wer wir sind. Wer weiß, wer das ist. Das ist Internet, Karin.“
„Schon gut“, lenkte sie mürrisch ein und löschte den ersten Satz. Den zweiten passte sie entsprechend an und fuhr dann fort.

Darauf ist irgendeine seiner Schimmelkulturen auf Wanderschaft gegangen und hat sich auf einem Mineralstreifen niedergelassen, den wir aus einem Stein herausgeschnitten und auf eine Versuchsanordnung aufgespannt hatten, um diverse physikalische Merkmale der Kristallstruktur zu messen. Stellt euch nur vor, wie wir gestaunt hatten!
CARETAKER: Was genau ist denn dann passiert?
TIME BANDITS: Wir haben die elektrische Leitfähigkeit messen wollen und verschiedene Spannungen auf der Probe angelegt sowie mit der Amplitude des Stromes gespielt. Und plötzlich haben die Werte total verrückt gespielt und alle Skalen der Messinstrumente gesprengt. Es hat so ausgesehen, als habe der Stein geleuchtet und das ganze Zimmer in grelles bläuliches Licht gehüllt. Wir haben sofort alles ausgeschaltet und uns erst einmal gewundert, wie ihr euch denken könnt. Und dann haben wir den hauchdünnen blaugrünen Sporenrasen auf dem Kristall entdeckt, den wir schon bei unserem letzten Laborbesuch vorbereitet hatten.
CARETAKER: Das hört sich schon sehr nach Science-Fiction an, müsst ihr zugeben.
TIME BANDITS: Schon, aber das beste kommt erst noch. Mein Kommilitone war kurz auf dem WC und sagte beim Zurückkommen zu mir, wir müssten aufhören, weil unsere Zeit um sei. Auf meiner Uhr hatten wir jedoch noch eine Viertelstunde. Die Uhr an der Laborwand und seine Armbanduhr zeigten dasselbe an. Er hatte aber auf der Ganguhr eine andere Zeit abgelesen.
Wir gingen auf den Gang und tatsächlich ging die Uhr dort eine Viertelstunde vor ... oder unsere Uhren eine Viertelstunde nach? Wir haben zum Glück Blick auf eine Kirchturmuhr, die zeigte auch eine Viertelstunde später. Was sagt ihr nun?
CARETAKER: War es ein EMP?

Karin sah ihn einen Moment lang an: „Soll ich eigentlich noch anmerken, dass meine Uhr rein mechanisch läuft und daher von einem EMP gar nicht hätte betroffen sein können?“
„Lass das lieber. Ich glaube das ja selbst noch nicht. Es hört sich auch so schon lächerlich genug an. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, okay?“ Simon wollte sich offenbar nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Sie nickte und fuhr fort wie besprochen.

TIME BANDITS: Offenbar, denn aus den Messgeräten haben wir nichts mehr herausbekommen. Es ist aber vollkommen unmöglich, mit einem Transformator, der mit normaler Hausspannung betrieben wird, einen so starken elektromagnetischen Impuls zu schaffen. Das Energieniveau muss irgendwie extrem verstärkt worden sein. Wir haben dafür keine andere Erklärung als die besondere Verbindung des Kristalls mit dem Schimmelpilz.
CARETAKER: Ihr meint, das Feld wurde sozusagen von einem lebenden Organismus erzeugt? Das klingt für uns plausibel.

Karin und Simon sahen sich an. „Sie glauben uns!“

TIME BANDITS: Was glaubt ihr, was den Effekt verursacht hat?
CARETAKER: Es ist zweifellos die Verbindung des Pilzes mit dem Kristall. Wir haben sozusagen selbst schon erste Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt, aber nicht in dieser Form. Wenn ihr uns verratet, wer ihr seid, könnten wir gemeinsam die Versuchsanordnung perfektionieren, mit einem reineren Kristall und sauber gezüchteten Schimmelkulturen. Es können sich Energieverstärkungen von ungeahntem Ausmaß erzielen lassen. Woher kommt ihr?
TIME BANDITS: Wir sind aus

Eine Fehlermeldung blinkte auf dem Bildschirm.


Die Verbindung wurde unterbrochen.


Verwirrt sah Karin zu Simon hin. Aus dem Augenwinkel sah sie einen Schatten im Türrahmen stehen. Der Umriss hielt das Verlängerungskabel der Telefonschnur in der Hand.
Mit sehr ernster Miene sagte Abbey: „Wir müssen uns unterhalten.“



Sie saßen zu dritt um das fensterseitige Ende des Küchentisches herum, jeder mit einer Kaffeetasse in der Hand. Karin und Simon, vor allem letzterer, sahen sie verstört an, denn sie konnten sich keinen Reim auf ihr ungewohntes und fremdartiges Verhalten machen.
„Ich hoffe, ich konnte die Verbindung noch rechtzeitig unterbrechen. Wie lange habt ihr mit diesen Individuen schon kommuniziert?“
„Wir ... ein paar Minuten vielleicht. Aber warum hast du unseren Chat unterbrochen? Das war nur eine ganz harmlose Unterhaltung mit Gleichgesinnten“, warf Karin ein.
TSR 3012 starrte auf die dampfende Tasse in ihrer Hand. „Ich fürchte, ihr irrt euch. Ich hatte bisher keine Ahnung, dass ausgerechnet ihr es sein könntet, die ich suche. Das Schicksal in dieser Welt beschert uns einfach zu viele verrückte Zufälle. Als ob ich in einem schlechten Film gelandet wäre. Und jetzt muss ich wohl einiges erklären, obwohl wir vielleicht gar keine Zeit dafür haben werden.
Zuerst einmal muss ich mir den Server vornehmen, auf dem ihr gechattet habt. Wenn es genug Spuren von euch dort gibt, können sie euch hierher zurückverfolgen. Und so wie ich sie kenne, sind sie äußerst fähig darin, sich Zugang zu diesen Computersystemen zu verschaffen. Sie haben garantiert mindestens einen Spezialisten dafür im Team. Die Menschen überlassen in dieser Hinsicht nichts dem Zufall.“
„Je mehr du erzählst, desto weniger verstehe ich“, beschwerte Simon sich. „du hörst dich an wie ein Spion oder Geheimagent oder so. Bitte hör’ auf damit, okay? Das kann einem ja richtig Angst machen. Außerdem waren wir vor zwei Stunden schon einmal in diesem Forum.“
TSR 3012 sah auf und starrte ihn mit ihren grünen Katzenaugen durchdringend an. „Das hättet ihr mir früher sagen sollen. Unter diesen Umständen haben sie euch definitiv; es ist nur eine Frage der Zeit. Ich muss sofort eure Spuren verwischen.“
Sie erhob sich mit versteinerter Miene und schritt schnurstracks in ihr Zimmer, um ins Internet zu gehen. Karin und Simon sahen sich bestürzt an. Karin flüsterte: „Ist sie irgendwie übergeschnappt oder so?“
„Keineswegs, Karin“, kam TSR 3012’s Antwort aus ihrem Zimmer, was Karin zusammenzucken ließ.
„He, wie konntest du das hören?“ Sie kam in ihr Zimmer und erstarrte, als sie auf den Bildschirm sah. „Und was tust du da?“
„Ich hacke mich in euren Server, um die Spuren eures Chats aus diesem zu löschen.“ TSR 3012 sah nicht einmal über ihre Schulter, sondern ließ ihre Finger beständig über die Tasten des Keyboards huschen, beinahe zu schnell für das menschliche Auge. Plötzlich hörte sie auf und schaltete den Computer aus, ohne ihn auch nur herabzufahren oder die Internetverbindung zu beenden. Sie sah bedauernd auf.
„Es war zu spät. Sie waren vor mir im System. Jetzt kennen sie eure e-mail-Adresse. Lass mich raten: Vor- und Nachname, @ und Servername.“ Sie wartete auf eine Antwort und fixierte ihre Freundin.
„Ja, aber ...“ Weiter kam sie nicht, da TSR 3012 sie am Arm packte und bestimmt aus dem Zimmer zog. „Was soll das, Abbey?“
„Ihr müsst sofort packen. Einen Koffer oder eine Reisetasche mit der nötigsten Kleidung. Wir werden vielleicht einige Wochen weg sein. Es ist hier nicht mehr sicher. Ich bitte euch, beeilt euch, das ist mein voller Ernst. Wir sind alle in Lebensgefahr.“ TSR 3012 stand mit Karin an der Küchentür und erklärte das ihr und Simon, die beide völlig perplex und sprachlos waren und nicht reagierten.
„Wir können doch nicht einfach so alles stehen und liegen lassen, Abbey! Weißt du eigentlich, was du da von uns verlangst?“ Unwillig verschränkte Karin die Arme über der Brust; Simon indes schien drauf und dran, ihre natürliche Reaktion der Abwehrhaltung zu unterstützen und ebenfalls auf stur zu schalten.
Sie schloss die Augen und sagte ernst und ruhig: „Also gut. Ich kann verstehen, dass euch das absurd und unglaublich vorkommen muss. Ich kann euch jetzt nur so viel erzählen, dass ich mich hier in Freiburg einleben sollte und als Studentin getarnt nach eurer Entdeckung Ausschau halten sollte. Wir wussten nur, dass, nicht aber, wem diese Entdeckung gelingen würde, deshalb habe ich mich in diesem Umfeld etablieren sollen ... was mir wohl auch gelungen ist.“
Sie sah Simon mit einem wehmütigen Lächeln an, worauf dieser sich langsam von seinem Stuhl erhob und auf sie zukam. „Du willst mir nicht allen Ernstes erzählen, dass du eine amerikanische Agentin oder so was bist. Das darf einfach nicht wahr sein.“
„Ich habe euch schon mehr erzählt, als ich dürfte. Meine Tarnung musste perfekt sein. Meine Mission: euch zu identifizieren und zu schützen. Die Mission meiner Gegner: euch zu identifizieren und zu töten, um das Bekanntwerden eurer Entdeckung zu verhindern. Ihr habt freundlicherweise direkt mit ihnen kommuniziert und sie beinahe direkt hergeführt. Klingt für mich wie ungewollt versuchter Selbstmord.“ Sie zog einen Mundwinkel ironisch hoch.
Karin schlug die Hände vor den Mund: „Oh mein Gott! Wenn du nicht zufällig gerade gekommen wärst ...“
„Würdet ihr beide jetzt wohl nicht mehr leben. Aber wir haben so oder so nicht mehr viel Zeit. Packt sofort etwas zum Anziehen und eure Reisepässe ein, damit wir verschwinden können.“ Sie schob beide zu ihren Zimmern hin.
„Reisepässe? Wohin geht es denn?“, fragte Simon.
„In die USA, bis sich die erste Aufregung gelegt hat. Fürs Erste nach New York.“
„New York!“, rief Karin erfreut. „Werden wir Daniel sehen können?“
„Nein, er ist zur Zeit nicht dort, aber wir fahren unter anderem wegen ihm in die USA. Ich werde Verstärkung brauchen, um euch effektiv schützen zu können.“ TSR 3012 ließ diesen Kommentar im Raum stehen. Simon war der Erste, der hinter den Sinn kam.
„Du willst damit sagen, auch Daniel ...? Das wird ja immer besser! Zuerst heuere ich eine Art Geheimagent als Mitbewohner an und der vermacht sein Zimmer dann an seine Kollegin. Ich muss sagen, ihr habt es gut verborgen, dass ihr euch gekannt habt.“ Er holte von seinem Kleiderschrank einen dunkelblauen Hartschalenkoffer herunter.
„Wir haben uns nicht gekannt. Genauer gesagt, er hat nicht gewusst, dass ich zu der Organisation gehöre; er war so eine Art Scout oder Wegbereiter. Er hat sein Zimmer aus reinem Zufall mir vermacht; wahrscheinlich, weil ich ein Landsmann bin und er wollte, dass ich dir nahe bin. Das war ein Akt echter Freundschaft von ihm.“ Auch TSR 3012 ging nun in ihren Raum, um schnell ein paar Kleidungsstücke zusammenzustellen. Die Tatsache, dass sie die einzige war, die von seinem Waffenarsenal auf dem Dachboden wusste, und das durchaus auch ein Grund für ihn gewesen sein musste, ließ sie unerwähnt.
„Davon habe ich schon gehört, eine Art Zellensystem. Auf diese Art kann ein Subjekt, das in Gefangenschaft gerät, keine anderen Mitglieder seiner Organisation verraten.“ Karin rief nun ungeniert zwischen den Zimmern hin und her, während sie alle eilig packten. „Aber Daniel ... jetzt verstehe ich so einiges ... warum er so überstürzt abreisen musste ... warum er zu unserem Rendez-vouz in Oregon nicht kommen konnte. Ihm ist doch nichts passiert, oder?“
TSR 3012 kam mit einer großen Reisetasche über der Schulter in ihr Zimmer. „Keine Angst, Karin. Ich kann dir versichern, dass es ihm gut geht, er ist momentan sicher aufgehoben an einem
geheimen Ort. Und ich bin mir sicher, dass er es gehasst hat, dir so viel verheimlichen zu müssen. Letztendlich war es auch für eure Sicherheit, dass ihr nichts darüber erfahren durftet. Und unsere Freundschaft und unsere ... Gefühle für euch sind echt, das kannst du mir glauben. Wir hatten ja keine Ahnung, dass ausgerechnet ihr beide es sein würdet, die sich als die Ziele unserer Feinde erweisen würden.“
Ein wenig verwundert sah Karin sie an, als sie ihr mit der Hand über die Wange strich, beinahe zärtlich. Sie nahm ihre Hand und drückte sie ihrerseits sanft. „Danke, Abbey. Ich glaube dir, auch wenn ich es noch nicht ganz verstehe. Geh’ jetzt lieber zu Simon.“
Das tat sie. Für eine Minute konnte Karin darauf keine weiteren Pack- und Suchgeräusche aus Simons Zimmer mehr hören.



Wenige Minuten später standen alle drei unten im Hausgang vor der Ausgangstür. TSR 3012 wies ihre beiden Mitbewohner an, hier im Flur zu warten, während sie CSM 108-1’s Auto holen würde.
Vorsichtig öffnete sie die Haustür einen Spalt weit und sah sich draußen um. Alles klar.
Behände lief sie durch die düstere, schmale Gasse zur Wasserstraße und schlüpfte in den Zugang der Tiefgarage, in welcher CSM 108-1 einen Stellplatz für seinen Wagen gemietet hatte. Dabei überlegte sie: Wie gut war er noch in Schuss? Sie war seit seiner Abreise einmal im Monat heimlich ein paar Runden damit gefahren, damit er nicht einrostete, aber mehr Bewegung hatte er nicht bekommen.
Sie hatte natürlich gewusst, wo CSM 108-1 den Reserveschlüssel aufbewahrt hatte. Die Zentralverriegelung funktionierte tadellos, der Motor sprang ebenso anstandslos mit einem heiseren Fauchen an. Das leise Pfeifen des Abgasturboladers hätte ein menschliches Ohr bei diesen tiefen Drehzahlen wahrscheinlich nicht vernommen, aber ihr verriet das Klangbild zusammen mit den Vibrationen des Triebwerkes eine Menge über dessen Zustand. Schien soweit alles in Ordnung zu sein.
Sie fuhr das flache, keilförmige Sportcoupé aus der Tiefgarage hinaus und einmal um den Block, bis sie vor ihrer Haustür zum Halten kam. Mit laufendem Motor hastete sie zum Eingang, aus dem auch schon Simon herauslinste. Schnell beluden sie den Kofferraum mit Simons Koffer und Karins riesigem Tramperrucksack. Ihre Sporttasche hatte in dem flachen Kofferraum des Sportwagens keinen Platz mehr, weshalb sie sie durch die Heckklappe auf die Rückbank fallen ließ. Dann bugsierte sie Karin auf den noch freien der zwei Plätze im Fond und wartete, bis Simon den Beifahrersitz eingenommen hatte, dann fuhr sie los.
Sie bog auf den Friedrichring und kam an der roten Ampel bei der Haltestelle Siegesdenkmal zum Halten. „Ich glaube, wir haben es geschafft. Wir werden jetzt direkt nach Frankfurt fahren und dort den nächsten Direktflug in die Staaten nehmen. Ihr müsst euch keine Sorgen über die Kosten machen.“
„Du verrätst uns wohl nicht, welcher ‚Organisation’ du angehörst?“, bemerkte Karin vom Rücksitz aus.
„Tut mir leid. Vertraut ihr mir trotzdem?“
Simon sah sie lange an und sagte dann: „Fakt ist doch, dass du unser Leben beschützen und unsere Entdeckung retten willst, während unsere Gegner uns umbringen wollen und unsere Entdeckung verschwinden lassen oder für ihre eigenen Zwecke missbrauchen wollen. Wobei wir selbst eigentlich noch nicht wissen, was wir da genau entdeckt haben.
So stellst du die Lage jedenfalls dar. Nach meiner Definition bist du demnach die Gute und die anderen sind die Bösen.“
Sie sah ihn an und lächelte. „Das ist wohl das Schönste, was ich seit langem gehört habe.“
„Ich will eigentlich nicht des Teufels Advokat spielen“, schaltete sich Karin ein, „aber wir haben keinerlei Beweise dafür, dass das stimmt, was du uns erzählt hast. Vielleicht bist du auch die Böse, die uns Naivlinge irgendwohin in die USA verschleppt, wo wir auf Nimmerwiedersehen verschwinden, und die Guten versuchen gerade, uns zu retten.“
„Und wenn du das glaubst, wieso bist du dann eingestiegen?“, wollte Abbey über die Schulter wissen.
„Hm, ich weiß nicht. Dummheit vielleicht?“
In diesem Moment kam jemand aus der Webergasse und lief um den Block herum auf den Friedrichring. Als er den Gehweg erreichte, sah er zufällig zu ihnen hinüber und erstarrte. Simon sah es aus dem Augenwinkel und beobachtete dann ungläubig, wie der Fremde eine Pistole aus seiner Jacke hervorzog. „Abbey, dort rechts! Der Kerl hat eine Waffe!“
Sie blickte nur für einen Sekundenbruchteil hinüber und gab automatisch Gas, obwohl sie noch immer vor der roten Ampel standen. Der Opel Calibra schoss, vom verstärkten Turbolader und über alle vier Räder angetrieben, vorwärts über die unbelebte Kreuzung. Eine Straßenbahn, die von rechts aus der Kaiser-Joseph-Straße kam, kollidierte um Haaresbreite mit ihnen, der Fahrer läutete anhaltend mit seiner penetranten Klingel. Karin sah zurück und bemerkte, wie zwei sich gegenüber liegende Seitenfenster der Straßenbahn urplötzlich zersprangen und Scherben auf das Pflaster regneten.
„Der Typ hat auf uns geschossen! Er hat durch die Bahn hindurch auf uns geschossen. Ich kann sehen, wie er zu einem parkenden weißen Auto läuft. Sie werden uns verfolgen.“
TSR 3012 lenkte den agilen Wagen durch die S-Kurve über die Kreuzung ostwärts auf den Leopoldring, der zweispurig in beide Richtungen als Teil der Stadtkernumfahrung ausgelegt war. Sie meinte lakonisch: „Soll ich dich hier irgendwo rauslassen, Karin? Du kannst dann mit diesem netten Herren darüber diskutieren, wer der Gute und wer der Böse ist.“
„Schon gut, es tut mir leid, Abbey“, zeterte Karin. „Bring’ uns einfach hier raus.“
„Ja, die Gegenseite schläft nicht“, sinnierte Abbey. „Sie hatten bereits ihr Lager hier in Freiburg aufgeschlagen, sonst hätten sie nicht so schnell reagieren können. Wenn wir noch ein paar Minuten länger geblieben wären, hätten wir Schwierigkeiten mit diesen Menschen bekommen.“
„Schwierigkeiten nennst du das? Auf mich ist zum ersten Mal in meinem Leben geschossen worden!“ Karins Stimme war noch immer erhoben.
„Auf mich auch, wenn man es genau nimmt. Köpfe runter!“ Sie passierten eine fest installierte Radarfalle mit über 80 km/h, was diese natürlich zum Auslösen brachte. Danach fuhr sie unter Ausnutzung beider Fahrspuren auf der leeren Straße in eine sehr enge Kurve, wo der Umfahrungsring in die Schlossbergstraße überging. Nach zweihundert Metern sah Abbey im Rückspiegel, wie ein weißer Audi A4 schlingernd um die Kurve hinter ihnen gerutscht kam; die Reifen sprangen fast von den Felgen.
„Jetzt sind wir wohl an der Stelle, wo die typische Verfolgungsjagd kommt, die in keiner guten Action-Geschichte fehlen darf“, war TSR 3012’s nüchterner Kommentar.
„Kannst du das bitte lassen, Abbey?“ Karin war augenscheinlich am Rande der Hysterie.
„Entschuldigt. Das ist wohl meine Art, mit der ungewohnten Situation umzugehen.“
Nun meldete sich Simon auf einmal: „Du machst das schon, Abbey. Wir vertrauen dir. Ich vertraue dir.“
Sie schaltete vom vierten in den fünften Gang und legte ihm dabei für eine Sekunde eine Hand aufs Knie. „Danke, Simon. Das ist lieb von dir. Ich werde mein Bestes tun.“
Sie schaffte es tatsächlich, den Abstand zum Verfolger konstant zu halten. Ein helfender Umstand war die späte Stunde und damit verbunden der schwache Verkehr. Sie lenkte den Calibra mit etwa 100 km/h im Zickzack präzise um zwei einzelne Autos herum, die beide hupten und mit der Lichthupe aufblendeten. Dann fuhr sie am Schwabentor vorbei und riss den Wagen mitten auf der Kreuzung kurz herum, um einen einzelnen Radfahrer nur um Zentimeter zu verfehlen, der hinter ihnen vor Schreck von seinem Rad fiel.
„Das war knapp!“, sagte Simon und stieß die angehaltene Luft wieder aus.
„Nicht wirklich.“
„Pah, Amis! Euch sollte man gar nicht erst Auto fahren lassen. Jedenfalls nicht bei uns.“ Karins Kommentar kam postwendend aus dem Fond.
„Das Bremspedal ist in der Mitte ...“, überlegte TSR 3012 laut.
„Schon gut, ich hab’ verstanden. Ich halte ab jetzt die Klappe. Das ist nur die Anspannung, verbunden mit der Todesangst“, lenkte Karin darauf entnervt ein. Der Sarkasmus in ihrer Stimme war unverkennbar.
Sie raste am Ende des Greiffeneggrings über eine weitere rote Ampel und warf den Wagen in die enge Fahrspur hinein, die auf die Dreisamstraße führte. Von nun an würde es noch über drei Ampeln gehen und danach nur noch geradeaus auf dem Autobahnzubringer zur A 5. Hinter sich sah Simon plötzlich den weißen Audi aufschließen. Der Fahrer musste die ganze Zeit über bar jeder Vernunft Vollgas gegeben haben. Ein Schemen lehnte sich aus dem linken hinteren Seitenfenster. Sie sahen das Mündungsfeuer der Pistole in dem Moment, als sie in die Kurve einfuhren.
Entgegen ihrer Erwartung behielt der Calibra die Bodenhaftung und kam nicht ins Rutschen, worauf sie in einem Sekundenbruchteil herunterschaltete, schneller als irgendein Mensch es vermocht hätte. Sie trat das Gaspedal vehement durch und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel, als der hochgetunte Motor sie voranschießen ließ, auf die erste grüne Signalanlage zu.
Der Verfolger rutschte viel zu schnell in die Kurve und knallte mit dem Heck gegen einen Ampelmast, fing sich jedoch wieder und begann erneut zu beschleunigen.
Jetzt hatte TSR 3012 allerdings freie Fahrt nach vorne. Die anderen Ampeln waren aufgrund einer glücklichen Fügung – ein weiterer Zufall? – alle grün, sodass sie Schlangenlinien fahrend und viel unerwünschte Aufmerksamkeit sowie Unwillen auf sich ziehend ein halbes Dutzend andere Autos umkurvten und mit halsbrecherischer Geschwindigkeit an der Stelle ankamen, wo die zweispurige Straße zum kreuzungsfreien Autobahnzubringer wurde. An dem ersten Schild, das ein Tempolimit von 80 km/h signalisierte, hatten sie bereits die doppelte Geschwindigkeit und beschleunigten noch immer kraftvoll.
Der Audi fiel schnell zurück, seine Lichter waren bald schon im Rückspiegel nur noch als kleiner Punkt auszumachen.
Als sie die Ausfahrt zur Stadtumfahrung erreichten, blinkte TSR 3012 und schaltete das Licht aus, nachdem sie die Ausfahrt passiert hatten.
„Was tust du da?“, rief Karin alarmiert.
„Alter Trick, um im Dunkeln ein Abbiegen vorzutäuschen. Sie werden wahrscheinlich nicht darauf herein gefallen sein, wenn sie es gesehen haben. Aber selbst wenn nicht, wir werden sie abhängen. Sie sehen nicht, wohin wir fahren werden, bis ich auf der Autobahn das Licht wieder einschalte.“ Sie hielt sich im dunklen Wageninneren die rechte Hand seitlich vor die Augen, damit Simon das rötliche Glühen der aktivierten Infrarotsicht nicht sehen konnte.
„Ist das nicht gefährlich, nachts so schnell ohne Beleuchtung zu fahren?“, gab Karin zu bedenken.
„Ich sehe sehr gut im Dunklen. Wenn wir keinem anderen Auto mehr bis zur Auffahrt begegnen, ist es schon in Ordnung. Vertraut mir.“ TSR 3012 konnte schon das Schild in der Ferne erkennen, das die Auffahrt Freiburg-Mitte kennzeichnete.
Sie hatten es geschafft.

[Fortsetzung folgt ...]

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Donnerstag, 8. Februar 2007
T1.64
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 1. September 1997

Nach dieser Nacht hatte Simon es relativ gelassen aufgenommen, als TSR 3012 beim Frühstück in ihr Gespräch einfließen ließ, dass sie noch so viele Besorgungen würde machen müssen, dass aus ihrem gemeinsamen Tag nichts werden würde. Er brummte nur, dass er sich in diesem Falle an Karin halten würde, die im Praxislabor der Uni noch eine Reihe Versuche für Mineralogie hatte durchführen wollen, dem einzigen Kurs, den sie alle drei gemeinsam belegten.
„Erzähl’ mir, was ihr so alles gemacht habt, ja? Das Semester fängt schließlich in ein paar Wochen wieder an, da sollte man sich auf dem neuesten Stand der Dinge halten.“
„Ach, du weißt ja, mein altes Hobby, die Wassersäge. Karin hat sich bereit erklärt, mich zu begleiten, damit ich an der Säge arbeiten darf. Du weißt schon, die Sicherheit ... Letzte Woche habe ich ein paar tolle Proben erhalten, die ich dir noch gar nicht gezeigt habe. Und der blöde Ralf macht sich über die Semesterferien immer breiter in den Laborräumen, seit er und Natasha von Jamaica zurück sind; jetzt lagert er seine blöden Petrischalen mit Sporen und Schimmelpilzen schon bei uns, weil er an seinem Biologie-Laborplatz alles derart vollgestellt hat mit Kulturen. Wenn du mich fragst, hat er einen Tick, was diese Dinge angeht. Neulich hat er nicht aufgepasst und ein Teil des Tisches war mit so ekligen grünen und lila Schimmelkulturen überzogen. Dabei weiß ich nicht mal, wie gefährlich das Zeug von ihm ist, ich meine, ob es gesundheitsschädlich oder sogar giftig sein kann. Was für eine Schweinerei, sogar auf einigen meiner Gesteinsproben ist schon ein grünlicher Schimmelrasen gewachsen! Bis ich das wieder sauber hatte ...“
„Uh, hört sich echt eklig an. Ich kann’s gar nicht erwarten, bis das Semester wieder anfängt“, ließ sie sich vernehmen.
„Naja, wenigstens habe ich meinen Ferienjob beendet und Karin auch. Wobei sie noch einiges an Lohn abgezogen bekommen hat, weil sie mitten im Monat ab nach Amerika ist. Für sie tut es mir ja leid, aber immerhin hatte sie ihren Urlaubstrip sozusagen schon.“ Er zuckte mit den Schultern.
„Na toll, eine knappe Woche mutterseelenallein und krank vor Sorge und Liebeskummer am Arsch der Welt zu hocken nennst du einen Urlaubstrip? Da bedanke ich mich aber!“, empörte sie sich, nicht völlig frei von einem Anflug an Schuldgefühl.
„Schon gut, tut mir leid. Dass ihr Frauen alles immer gleich so ernst nehmen müsst ...“
Sie zögerte. „Ich möchte mal wissen, was du sagen würdest, wenn ich sage, okay, das war’s, ich gehe auch zurück in die USA. War nett bei euch, mach’s gut.“
„He, das ist nicht witzig“, beschwerte er sich, „wir wissen alle, dass Dan seine Gründe dafür hatte, was er tat, und dass es bestimmt auch einen verdammt guten Grund dafür geben muss, dass er Karin derart übel versetzt hat. Man plant doch so eine Reise nicht derart minutiös und penibel bis ins letzte kleine Detail voraus, wenn man gar nicht vorhat, zu erscheinen.“
„Wer weiß ...“ TSR 3012 stützte ihren Kopf auf und schien gedankenversunken zu sein.
„Jetzt tust du Danny aber wirklich Unrecht. Ich glaube, wenn du ihn ein bisschen besser kennen würdest, würde dir dieser Gedanke gar nicht erst kommen.“ Verärgert stand er auf und ging in sein Zimmer.
Sie musste lächeln angesichts der Ironie von Simons Aussage, aber auch weil er sich so für seinen Freund einsetzte. Er konnte ja nicht ahnen, dass er ihm quasi gegenübergesessen hatte.
Dennoch beruhigte sie der Gedanke, einen so guten Freund zu haben.



Nachdem ihre beiden Mitbewohner aufgebrochen waren, hatte sie eiligst bei einer nahegelegenen Autovermietung einen großen, geräumigen Volvo-Kombi V 70 gemietet. Die Überreste ihrer Schlafcouch fuhr sie zu einer Deponie am Rande der Stadt und stattete danach – passend zum Auto – IKEA einen Besuch ab, wo sie als CSM 108-1 ihre gesamte Inneneinrichtung erstanden hatte. Das Praktische war, dass sie aus dem Einheitssortiment des nordeuropäischen Großherstellers die exakt gleiche Couch erstehen konnte und nach deren Ersatz ziemlich sicher keinem etwas auffallen sollte. Das gleiche galt für ihre Lampe.
Gegen Mittag war sie bereits fertig und hatte den Kombi wieder zurückgebracht. Es war um einiges einfacher gewesen, als sie zunächst befürchtet hatte. Das Loch im Fußboden würde sie provisorisch zugipsen und einen neuen Läufer darüber breiten, den sie ebenfalls im Möbelhaus gekauft hatte. Das würde schlussendlich die einzige Veränderung sein, die von ihren vormittäglichen Aktionen zeugen würde, doch so konnte sie zumindest teilweise ihre dringlichen Besorgungen erklären.
Simon hasste IKEA zutiefst und würde ihr eher noch dankbar dafür sein, dass sie ohne ihn gegangen war. Auch wenn sie ‚nur’ den Läufer gekauft hatte. Sie berechnete eine über neunzigprozentige Wahrscheinlichkeit für einen Kommentar, der in etwa so lauten würde: „Siehst du? Einen lumpigen Artikel hast du gekauft und dafür haben sie dich gnadenlos durch ihr gesamtes Sortiment geschleust und dich genötigt, dir alles anzusehen, was sie so verkaufen an unnützem Zeug. Dass so etwas überhaupt erlaubt ist, wundert mich immer wieder.“
Ihr Tagwerk war damit aber noch nicht getan. Sie ging am frühen Nachmittag los, um in der Lesebibliothek der Uni, in der während der Semesterferien ausgesprochen wenig los war, ein paar Titel an Fachlektüre ‚einzuscannen’. Schließlich war sie nebenbei immer noch Studentin an der Freiburger Universität.
An diesem Sommermontag war das Wetter ganz ansehnlich, sonnig und warm. Entsprechend wenig Betrieb herrschte im Bibliotheksgebäude, die Garderobe für Jacken und Taschen im Eingangsbereich im zweiten Obergeschoss nur mit einer Mitarbeiterin im hohen Alter besetzt, und auch die Aufsicht im Eingangsbereich ignorierte sie, als sie vorbeiging und durch das Drehkreuz in Hüfthöhe eintrat. Sie hatte höchstens zehn Taschen an der Abgabestelle gesehen, demnach war das Gebäude praktisch verwaist.
TSR 3012 fuhr mit dem Aufzug in den fünften Stock und betrat den Bereich der Lesebibliothek. Dort suchte sie sich einige Bücher über Geophysik heraus, deren Inhalt sie beim Durchblättern in ihre Speicherbänke übernahm. Danach stellte sie die betreffenden Bücher entgegen der überall angebrachten Anweisungen selbst an ihren ursprünglichen Ort zurück. Die Menschen trauten ihren Studenten nicht zu, ein Buch, das sie einmal aus einem Regal genommen hatten, wieder an seinen korrekten Platz zurückzustellen, und machten sich statt dessen lieber die zusätzliche Arbeit, in jedem Regal ein rot ausgewiesenes Fach zu unterhalten, in das man diese Bücher zu legen hatte, so dass die Angestellten der Bücherei sie später ‚fachkundig’ einsortieren konnten. Wenn ein Buch einmal falsch einsortiert worden war, galt es als unauffindbar und wurde in den meisten Fällen abgeschrieben, obwohl es irgendwo in den unergründlichen Tiefen der Regalreihen noch immer existierte.
Beim Verlassen des Lesebereiches schweifte ihr Blick über die abgeteilten Lesenischen entlang der Fenster, die einen sehr schönen Ausblick nach Nordosten über die Freiburger Innenstadt boten. Nur eine der Nischen war besetzt. Sie verließ die Lesebibliothek und fuhr wieder hinab in den zweiten Stock, um sich nach rechts zur Selbstbedienungs-Ausleihe zu wenden. Nach dem Passieren eines weiteren Drehkreuzes neben einem mit einer Bibliothekarin besetzten Schalter ging es eine Treppe hinab in den ersten Stock zum Freihandmagazin.
Manch einem Mädchen wäre es wohl mulmig geworden, hätte sie ganz allein durch die langgestreckten Reihen an nackten, unverkleideten Stahlregalen, angefüllt mit Büchern aller erdenklicher Größe, Form, Dicke und Farbe, durch die menschenleere Etage gehen müssen. Nicht so TSR 3012; sie fand es faszinierend, dass so wenig Informationsmaterial auf so umständliche Weise und mit so großem Platzbedarf einer vergleichsweise kleinen Anzahl an Menschen zugänglich gemacht wurde. Dabei hätten die technischen Möglichkeiten schon längst existiert, all dies hier über elektronischem Wege viel simpler und für jeden ohne langes Suchen von daheim aus verfügbar zu machen. Das war es eben für sie, was Tradition und Nostalgie bei den Menschen ausmachte.
Sie erfreute sich vor allem an den kleinen Wagen aus Aluminium mit gelbschwarz diagonal schraffierten Unterkanten, die vor einem Dagegenstoßen mit dem Kopf warnen sollten. Sie transportierten zurückgebrachte Bücher über unter der Decke befestigten Laufschienen in die richtige Abteilung der Bücherei, wo sie dann wieder an der richtigen Stelle in den Regalen eingeräumt wurden. Keiner der Wägelchen war zur Zeit unterwegs, was ein weiteres Indiz dafür war, dass heute wirklich nichts los war.
Für TSR 3012 war das einer der wenigen öffentlich zugänglichen Orte, der sie an daheim erinnerte; sie assoziierte die Wagen und Schienen mit den Montagebändern in der Produktionseinrichtung für Teminatoren der Serie 880 in Anlage 7249A. Es glich beinahe dem kybernetischen Äquivalent einer Wallfahrt, was sie immer wieder hierher führte.
Nun, Heimweh würde für sie in diesem Kontext irrelevant sein, da sie in einem Bezugsrahmen gelandet war, wo ihre Entstehungsstätte niemals existieren würde. Sie war sozusagen interdimensionaler Ausschuss.
Am Ende des ersten Raumes angekommen, durchquerte sie eine von zwei schmalen Türen an den Seiten des Raumes und gelangte in einen noch größeren, langgezogenen Saal, an dessen Vorderseite lediglich ein junger Mann mit dem Rücken zu ihr an einem der Tische an der Wand saß und sie nicht einmal registrierte, so leise war sie ... und so vertieft las er in dem Buch vor sich. Vor ihr erstreckten sich in drei Reihen zahlreiche Regale durch den langen Raum nach hinten. Im vorderen Teil waren etliche Regale leer, aber die hinteren zwei Drittel des weitläufigen Raumes glichen einem Labyrinth aus Büchern. Es war still wie in einer Gruft.
Da sie den Lageplan der Bücher seit ihrem ersten Besuch hier gespeichert hatte, ging sie ohne weiteres Suchen bis ganz nach hinten durch, um sich den Inhalt von einigen Büchern sozusagen einzuverleiben. Sie suchte sich von Zeit zu Zeit mit einer Art selbst angeeigneter Intuition – nüchtern betrachtet nur ein extrem komplexer Zufallsgenerator – etwas Lektüre aus, um sich ein noch besseres Verständnis der menschlichen Natur anzueignen. Unerwarteterweise traf sie in der drittletzten Regalreihe doch noch auf einen anderen Leser.
Augenblicklich erkannte sie den großen, fest gebauten Rudolf, der mit fragender Miene in einem englischsprachigen Buch über die Geschichte der Äthiopischen Revolution der Siebziger und Achtziger Jahre schmökerte und sich leicht ratlos in seinem braunen Lockenhaar kratzte. Mit dem buntgemusterten T-Shirt, der kurzen Jeanshose und den Jeans-Turnschuhen sah er aus wie ein Hawaii-Tourist.
„So ein Zufall“, sagte sie mit stark gedämpfter Stimme und lächelte freundlich. „Hi, Rudolf.“
Er sah auf und glotzte sie verblüfft an. „Mann, Abbey, ich hab’ nicht mal geahnt, dass du hier bist; du hast mich ganz schön erschreckt. Na, auch unterwegs in Sachen Geochemie?“
„Unter anderem. Witzig, dass wir uns mitten in den Ferien hier treffen. Warst du daheim?“ Sie begann eine Reihe Bücher im halbleeren Regal neben sich in Augenhöhe abzusuchen.
„Nee, lohnt sich für mich nicht. Ich hatte ‘nen Ferienjob im letzten Monat und hab’n büschen Kohle gemacht. Und nebenbei gelernt, was bitter nötig ist, wenn ich nicht nach dem nächsten Semester studienmäßig aufgeben will.“ Er neigte bedauernd den Kopf. „Und selber?“
„Ich hätte zwar heimfliegen können, aber meine Mutter ist momentan viel zu beschäftigt. Sie schuftet lieber wie eine Blöde, damit ich nicht nebenher jobben muss, doch dann hatte sie nicht einmal Zeit für mich, als ich in den Ferien heimkommen wollte. Eine typische jüdisch-amerikanische Karrierefrau, wie es dem deutschen Klischee entspricht.“ Ihr Blick richtete sich auf ein Buch weit über ihrem Kopf, das sie nur mit Müh’ und Not erreichen können würde.
Rudolf, der sie um einen halben Kopf überragte, folgte ihrem Blick und wisperte automatisch: „Brauchst du dieses hier oben? Warte, ich hol’ es dir.“
Er streckte seinen rechten Arm aus und fischte nach dem besagten Exemplar. „Und was machst du so den Rest der Ferien über? Gibt es vielleicht mal wieder einen Diskussionsabend am Freitag? So viel ich weiß, sind Thorsten und Miriam auch in der Stadt geblieben und würden sich sicher freuen, wenn wir mal wieder einen Abend bei euch abhalten würden.“
„Ja, ich war vor zwei Wochen einen Kaffee trinken mit Miriam, da hat sie so etwas in der Art auch gesagt.“ Gebannt starrte sie auf die Innenseite von Rudolfs Unterarm.
Nicht noch einmal.
Wie gebannt sagte sie: „Wow, das ist ein echt cooles Tattoo. Wo hast’n das her?“
Während sie behutsam das Buch aus seiner Hand nahm und es geräuschlos in ein leeres Regal legte, umfasste sie sanft seinen Unterarm und drehte ihn leicht, dass man die Innenseite besser sehen konnte, wo eine längere Sequenz an Strichcodes in die Haut eingearbeitet war.
„Och, das ist mir vor langer Zeit mal gemacht worden.“ Er war sichtlich unangenehm berührt.
Sie sah es lange an. „Es sieht gar nicht aus wie eine Tätowierung.“
„Nein, ist es auch nicht“, gab er widerstrebend zu.
„Es sieht fast so aus wie ein Brandzeichen! Als ob es mit einem Brandeisen oder einem Laser in die Haut eingebrannt worden wäre.“
Seine Augen weiteten sich. „Mit einem Laser? Wie kommst du denn darauf?“
Sie sah ihn ernst und mit Bedauern in der Miene an. „Hier steht: Gefangenenlager 73034, Objekt 1392498. Du wurdest am 23. 4. 2026 von Skynet bei deiner Internierung auf diese Art gekennzeichnet. Es tut mir leid, Rudolf.“
Sein Blick senkte sich. „Oh Mann, das ... nicht du, Abbey. Wenn du einer von ihnen bist, dann kann jeder einer sein.“
Sie hielt seinen Arm immer noch fest umklammert, nur fühlte es sich für Rudolf eher an wie in einem Schraubstock. Ihre zartgliedrigen, schmalen Finger gaben seinen Versuchen, sich aus ihrem Griff zu entziehen, keinen Deut nach. „Ihr unterschätzt die neue Serie 880, Rudolf. Das war euer Fehler und es wird euer Verderben sein. Ich habe die Daten einer Einheit in mir, die zwölf Jahre lang hier unter Menschen gelebt hat und deren Entwicklung weit über die Programmierung eines normalen Terminators hinausgeht. Man könnte mich aufgrund meiner Fähigkeiten vielmehr schon als Androiden bezeichnen.“
„Wieso redest du mit mir, anstatt mich einfach zu terminieren? Das ergibt doch keinen Sinn“, entfuhr es ihm. Er war wirklich nicht der Schnellste heute.
„Ich will dich nicht zwangsläufig töten, aber ich habe tief in mir Subroutinen einprogrammiert, die jederzeit durch eine einzige falsche Bewegung von dir ausgelöst werden können. Ich kenne die Parameter nicht und weiß nicht, ob du versuchen musst zu fliehen oder mich anzugreifen, um es auszulösen. Vielleicht genügt schon ein kleines hastiges Zucken von dir, jetzt da ich dich identifiziert habe. Ich kann es dir nicht sagen.“
„Es wird Lärm machen, wenn du mich terminierst. Du willst doch keine Aufmerksamkeit erregen?“, wandte er ein. Seine freie Hand wanderte langsam hinter seinen Rücken.
„Da wird mir schon was einfallen. Wie gesagt, ihr unterschätzt die 880er Reihe. Also, wie viele seid ihr?“ Der Druck ihrer Hand nahm leicht zu und wurde nun sehr schmerzhaft für ihn.
„Wieso ihr? Ich bin alleine“, protestierte er und verzog leicht das Gesicht.
„Ja, genauso wie dieser andere Typ, den mein Vorgänger im WC des Uni-Cafés terminiert hat“, gab sie mit spöttischem Unterton zurück.
„Wovon zum Teufel redest du? Dass noch jemand aus der Zukunft zurückgeschickt wurde, von dem ich nichts weiß?“ Er spürte, wie Metall in sein Fleisch am Unterarm schnitt, und begann zu schwitzen.
„Stell’ dich nicht dümmer, als du bist. Und auch wenn ich sage, dass ich nicht die Auslöseparameter für deine Terminierung kenne, das Ziehen der Waffe hinter deinem Rücken gehört definitiv dazu, so viel kann ich dir verraten, ohne es zu wissen.“
Rudolfs Gesicht nahm einen Ausdruck an, als habe er mit allem abgeschlossen. „Einen Versuch war’s wert ...“
Dann riss er den Arm hervor, in dem eine blankpolierte, sehr scharfe und noch viel spitzere Acht-Zoll-Klinge aufblitzte. Auch dieses Verhalten hatte sie bereits vorherberechnet und als Reaktion eine Reihe von Optionen zurechtgelegt. Oberste Priorität hatte nun, wie Rudolf selbst so treffend bemerkt hatte, keinen Lärm zu machen.
Zuerst versuchte sie die Kampfmoral ihres Gegners zu brechen, indem sie mit einem schnellen Druck ihren hydraulischen Griff um seinen Unterarm verstärkte. Augenblicklich wurde das Fleisch zerquetscht und sowohl Elle als auch Speiche zerbarsten unter dem unbarmherzigen Druck der gehärteten Metalllegierung ihrer Finger, die Elle ragte weißlich feuchtschimmernd aus der Wunde heraus. Ihre andere Hand presste TSR 3012 gleichzeitig auf seinen Mund, um Rudolfs gellenden Schmerzensschrei zu dämpfen, während er durch ihre Hebelbewegung des Armes auf die Knie sank.
In dieser Situation hatte sie leider keine Hand frei, um ihn abzuwehren. Entgegen ihrer Erwartung ließ er das Messer nicht fallen; die Menschen von der Résistance waren ungeheuer zäh und widerstandsfähig. Sie konnte nicht mehr tun als sich leicht auf die Seite zu drehen, um seinen Messerstoß auf ihre rechte Seite abzulenken. Die Klinge drang nur etwa einen Zentimeter tief ein und prallte an der Stelle, wo bei einem Menschen das unterste Rippenpaar gewesen wäre, auf ihr gepanzertes Exoskelett, an dem es abglitt und seitlich ihres Brustkorbes hinaufrutschte, Haut und Fleisch gleichermaßen mühelos mit seiner Stahlschneide durchtrennend.
Das reichte. Ohne die eine Hand von seinem Mund zu nehmen, ließ sie seinen zermalmten Arm los und umfasste mit der freigewordenen Hand seinen Hinterkopf. Eine Sekunde später befand sich Rudolfs Kopf in einem unnatürlich stumpfen Winkel an seinem Hals, mindestens ein Wirbel hatte die Nervenstränge des Rückenmarks durchtrennt. Er zuckte noch mehrmals, bis seine Bewegungen abebbten und sich seine Finger in der natürlichen postmortalen Kontraktion krümmten. Prompt fiel das große Messer aus seiner erschlafften Hand, doch TSR 3012 riss einen Fuß nach vorne und fing die herabfallende Waffe ab, bevor sie beim Aufschlagen auf den Boden ein Geräusch verursachen konnte.
Tja, schöner Mist, aber er hatte ihr leider keine Wahl gelassen. Behutsam ließ sie ihn zu Boden gleiten und räumte in Windeseile ein komplettes Regal von Büchern aus, wonach Rudolf vollständig bedeckt war mit etwa 200 Kilogramm Lesematerial. Glücklicherweise befand sie sich in einer Regalreihe, die von einer der runden, meterdicken tragenden Betonsäulen des Gebäudes unterbrochen wurde, sodass hier statt einem großen langen Regal links und rechts der Säule zwei kurze und kleinere Regale standen.
Sie gab sich alle Mühe, das Regal selbst so zu kippen, dass es genau über ihm in einem schrägen Winkel an das Regal der nächsten Reihe lehnte. Sie legte seine intakte Hand an eine der Längsstreben, was den Eindruck erwecken sollte, er selbst hätte den Bücherständer umgerissen. Sein Gewicht wäre dafür ausreichend.
Mehrere der dicksten Bücher legte sie um seinen Kopf herum, um einen Anhalt für das gebrochene Genick zu liefern. Das bei weitem größte und schwerste Buch legte sie auf seine offene Unterarmfraktur, die mit dem Erliegen seines Kreislaufes allmählich aufhörte zu bluten, unter seinen Ellenbogen und das Handgelenk positionierte sie dicke Bände. Es sah zwar wie ein unwahrscheinlicher Zufall aus, dass durch diesen Hebeleffekt sein Arm so schwer gebrochen worden war, doch so auf die Schnelle konnte sie nichts Glaubhafteres improvisieren. Viel wichtiger war jetzt das unerkannte Entkommen.
Der Typ am anderen Ende des Freihandmagazins war immer noch so sehr vertieft in sein Lesematerial, dass er nichts von dem Geschehenen mitbekommen hatte und auch nicht bemerkte, wie sie hinter ihm aus der Bibliothek hinausschlich. Die Bedienstete am Ausgangsdrehkreuz wandte ihr auch gerade den Rücken zu, so dass sie ungesehen aus dem Gebäude hinausschlüpfen konnte. Beinahe hätte sie in Nachahmung einer menschlichen Geste aufgeatmet, als sie aus der schmalen Drehtür hinaus war.
Das Messer hatte sie so unauffällig wie möglich an ihre Seite gepresst und warf es jetzt gleich neben dem Ausgang in einen der dichtbewachsenenen Pflanzentröge auf der Fußgängerbrücke, die direkt neben dem Ausgang im zweiten Obergeschoss der Unibibliothek über den Rotteckring zum Campus führte. Heute Nacht würde sie es holen, damit es nicht zufällig doch noch irgendwann gefunden wurde. Automatisch setzte sie ihre unvermeidliche John-Lennon-Brille mit dunkelorangenem Sonnenbrillenaufsatz, perfekt passend zu ihrer Haarfarbe und ihre Infrarotoptik gegen das grelle Tageslicht schützend, auf. Sie presste ihren rechten Arm unauffällig gegen die verletzte Seite, die nur ganz kurz geblutet hatte, bevor die Thrombozyten in ihrem Blutplasma mit der Schnellgerinnung begonnen hatten. In dieser Hinsicht war ihr Blut dem menschlichen klar überlegen. Da ihr Blut von dem miniaturisierten Stoffwechsel ihres kybernetischen Organismus nur langsam nachgebildet werden konnte, musste sie sich gut gegen Verluste schützen, was mit dieser Optimierung der Blutgerinnung gegeben war.
Dieses Mal hatte sie mehr Glück gehabt als bei ihrer ersten Terminierung als CSM 108-1. Doch das musste aufhören. Sie hatte hiermit den Beweis erhalten, dass noch mehrere Attentäter aus der Zukunft in diese Ära hier gereist waren, auch sie Überbleibsel aus einer anderen Realität.
Ein echt beschissener erster Tag. Und er war noch nicht vorbei. Was konnte noch alles passieren in dieser verrückt gewordenen Welt, in der anscheinend alle denkbaren und undenkbaren Zufälle zugleich eintraten?
Das war etwas, was sie nicht vorausberechnen konnte.
Sie war jedoch kurz davor, eine wichtige Entscheidung zu treffen. Ihr fehlte nur noch ein kleiner Anstoß dazu, dann würde sie sich für diese extreme Maßnahme als letztmögliche ihr zur Verfügung stehende Option entscheiden.

[Fortsetzung folgt ...]

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Mittwoch, 7. Februar 2007
T1.63 - KAPITEL 12
[... Fortsetzung des Buches]
- 12 -
Freiburg-Tiengen, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, Deutschland - Zeit unbekannt

TSR 3012 erlangte das Bewusstsein sehr langsam zurück. Irgendetwas war anders verlaufen als beim erstenmal. Er bemühte sich, seine Sensoren und den Bewegungsapparat auf normale Betriebsparameter hochzufahren, aber er erhielt noch immer elektrische Schläge von oben her.
Endlich gewann er die Kontrolle über sich zurück und begann die nähere Umgebung wahrzunehmen. Er befand sich an einer steilen Böschung, die in einem 45°-Winkel anstieg und mit Laub und Unterholz übersät war. Die Energiekugel, in der sein Zeitsprung stattgefunden hatte, hatte eine kleine halbmetergroße Kuhle in der Böschung hinterlassen, die noch schmorte und in der er kniete. Es war stockdunkel um ihn herum und ziemlich kühl. Eine weitere statische Entladung kam von oben herab und traf ihn zwischen den Schulterblättern.
Erst jetzt sah er unter sich in der Kuhle ein rechteckiges Stück eines Betonfundamentes, etwa acht mal drei Dezimeter groß, aus dem mehrere Stahlstangen herausstanden. Sie waren ebenso wie der übrige Untergrund sauber aus dem Raum-Zeit-Gefüge herausgeschnitten worden. Ein periodisches Rauschen schwoll im Hintergrund an und ab. Seltsam.
Als er sich aufrichtete, stieß er sich den Kopf an einem scharfkantigen Gegenstand direkt über sich. Reflexhart griff er sich an den Kopf und sah auf. Über ihm befand sich ein Stahlrohrgerüst, das ein riesiges rechteckiges Schild trug. Es war mindestens drei mal zwei Meter groß, blau gestrichen und weiß umrandet sowie beschriftet.



Freiburg-Süd

1000 m



Schlagartig wurde TSR 3012 klar, wo er sich befand. Er war an der Autobahn Fünf von Karlsruhe nach Basel.
Wieso hatte er sich so weit außerhalb der Stadt materialisiert?
Für weitere Überlegungen blieb ihm keine Zeit, da das Schild, seiner linken Stütze durch den Schnitt der Energiekugel beraubt, nachgab und mit kreischenden Stahlrohren, die sich langsam durchbogen, auf ihn hinabsenkte. Nur mit einem beherzten Sprung konnte er sich davor bewahren, unter dem umkippenden Verkehrszeichen begraben zu werden.
So etwas! Mit staunendem Gesicht betrachtete er das Straßenschild neben sich, worauf sich eine weitere Entladung bildete und auf ihn übersprang. Mist, das Ding hatte sich beim Kontakt mit der Energiekugel ganz schön aufgeladen.
Aber dank des Schildes wusste er jetzt wenigstens in etwa, wo er sich aufhielt. Da es nur zwei dieser Schilder geben konnte, gab es nur zwei Punkte, an denen er jetzt sein konnte. Als er sich gewahr wurde, dass die Sterne schienen, erkannte er sofort, dass er westlich der Autobahn war, auf der von Freiburg abgewandten Seite.
Nun, den Ort hatte er also herausgefunden. Jetzt musste er nur noch zum nächsten seiner im Voraus deponierten Kleiderpakete gelangen. Wie es der Zufall wollte, musste er nur die Autobahn überqueren und etwa einen Kilometer nach Süden durch das Unterholz des Waldes marschieren. In der Nähe des Randes des Tiengener Waldes war eines der Kleiderpäckchen versteckt.
Er stieg die Böschung hoch und zwängte sich durch eine Lücke im Buschwerk, als gerade kein Auto kam. Mit wenigen Schritten war er über die zweispurige Fahrbahn gelaufen und tauchte im dichten Bewuchs des Mittelstreifens unter. Auf der Gegenfahrbahn hatte TSR 3012 weniger Glück: Es herrschte für längere Zeit dichter Verkehr mit LKW-Kolonnen. Er musste eine Lücke abwarten und spurtete über die Fahrbahn, als der nächste Lastwagen nur noch wenige hundert Meter entfernt war. Prompt blendete dieser auf und hupte mehrfach.
Mit einem Hechtsprung ins Unbekannte rettete er sich von der Fahrbahn und ärgerte sich über dieses Missgeschick. Hoffentlich würde der Fahrer des Trucks das nicht melden. Das musste ein Anblick gewesen sein: ein nackter Flitzer nachts auf der Autobahn! Grinsend kam TSR 3012 nach dem Hinabrollen der Böschung wieder auf die Füße und klopfte das Laub und den Schmutz von sich ab. ‚Er’ musste früher oder später anfangen umzudenken, schließlich war er jetzt nicht länger CSM 108-1.
Der Gang durch den finsteren Wald gestaltete sich als problemlos und auch das Päckchen fand er auf Anhieb dort, wo er es vergraben hatte, nämlich neben einem großen Holzstapel an einer Abzweigung zweier Waldwege.
‚So, mal sehen.’ Das Oberteil des Jogginganzugs war reichlich eng und die Beine der Hose eine Idee zu kurz, aber ansonsten war es ganz passabel. Glücklicherweise waren die größeren der zwei Paar Schuhe nur eine Nummer zu groß. Ohne weitere Umschweife zog er sich an und machte sich auf in Richtung Rastplatz Breisgau, wozu er nur die B3 von Breisach nach Freiburg mitten im Waldgebiet neben der Ausfahrt überquerte und dann über mehrere geteerte Seitenstraßen und Feldwege die Autobahn entlang gehen musste. Nach nur einer weiteren Viertelstunde betrat er das Gelände der Rastanlage.
Die Raststätte Breisgau stellte sich als moderner eingeschossiger Bau mit vollverglasten Fensterfronten und einer Glaspyramide in der Mitte des Daches, wohl zum Zwecke der zusätzlichen Beleuchtung mittels Oberlicht, dar. Er betrat das Gebäude und steuerte sofort die sanitären Anlagen im Untergeschoss an, den hellen und einladenden Bistro- und Sitzgruppenbereich in der Mitte der Raststätte ignorierend.
Beim Betreten der Toiletten hätte ‚er’ beinahe den ersten großen Fehler gemacht. Sofort löschte er rigoros den entsprechenden Grundparameter aus seinem Programm und ersetzte ihn durch den aktuellen, um eine Wiederholung zu vermeiden. So, jetzt würde das Umdenken leichter fallen.
Mit einem neuen Anflug von Neugierde näherte er sich den Spiegeln über den Waschbecken, denn er hatte bereits eine Vermutung, doch als er zum ersten Mal sein neues Gesicht erblickte und augenblicklich erkannte, hielt ‚er’ doch inne. Mein Gott, nie im Leben hätte TSR 3012 das vermutet. Die Tarnung war wirklich mehr als perfekt gewesen.
Gut, ‚er’ war jetzt also weiblich, das musste nicht unbedingt ein Nachteil sein. Je mehr TSR 3012 darüber sinnierte, desto mehr Vorteile dieser neuen Erscheinungsform fielen ihr ein. Jetzt galt es nur ernsthaft umzudenken, um sich keinen faux-pas zu leisten, bis sie sich an den neuen Körper gewöhnt hatte.
Zunächst einmal holte sie das kleine silberne ‚Zäpfchen’ wieder hervor und säuberte es unter dem Waschbecken. Und wieder wurde wie von Zauberhand daraus eine der landläufigen Kreditkarten, als sie dem Stück polymimetischen Flüssigmetalles aus Resten der T-1000-Produktion den entsprechenden Befehl per Funkcode direkt in seine molekular aufgebaute Speichereinheiten eingab. Hübsches Design hatte sich die Karte ausgewählt, dachte sie amüsiert.
Als Nächstes war der Bankautomat an der Reihe, der hinten im Gang linkerhand des Raststättenbereichs in die Wand eingelassen war. Bereitwillig spuckte er eine nette Summe Bargeld auf ihre Eingabe hin aus. Damit würde sie fürs erste klarkommen, bis sie eruiert hatte, wie sie weiter verfahren würde.
Aus einem Impuls heraus betrat sie den Verkaufsbereich, der vom Begleitwarensortiment her mehr einem kleinen Supermarkt ähnelte. Sie näherte sich dem Zeitungsstand und nahm eine der Tageszeitungen in die Hand. Unwillkürlich nahm sie am Rande ihres künstlichen Bewusstseins etwas wahr, als sich ihre Photorezeptoren oben links auf das Datum hefteten und die Information verarbeiteten.
Heisenberg würde sich jetzt wahrscheinlich in diesem Moment vornüberbeugen und sich die Eingeweide ‘rauskotzen an ihrer Stelle.
Sie stand mehrere Sekunden lang wie angewurzelt da und fuhr dann ihren Bewegungsapparat wieder hoch, nachdem sie die Kopfzeile des Blattes verarbeitet hatte. Wie beiläufig schlenderte sie zur Kasse hinüber und sah sich einem bärtigen Mann Mitte Fünfzig mit vielen kleinen Lachfältchen um die dunklen Augen herum und einer großen, knolligen Nase gegenüber, der bei ihrem Anblick sofort sein strahlendstes ‚Was-kann-ich-für-Sie-tun?’-Lächeln aufsetzte.
„Verzeihen Sie bitte, haben Sie auch eine aktuelle Tageszeitung da?“
Der Kassierer machte sofort ein bekümmertes Gesicht. „Das tut mir leid, aber die neuen kommen erst gegen fünf Uhr. Solange werden Sie mit dieser Ausgabe von heute vorlieb nehmen müssen.“
Sie zuckte belanglos mit den Schultern. „Ach, halb so schlimm. Ich hätte mir nur eine andere Schlagzeile gewünscht.“
Damit drehte sie sich um und stapfte davon. Die Zeitung steckte sie mechanisch genau an die Stelle in der riesigen Display-Wand zurück, an der sie sie herausgezogen hatte.
Das Datum ...

31. August 1997

Etwas war schief gelaufen. Es musste an Skynets Zündung der Atombombe direkt nach ihrem Zeitsprung liegen, dass sie zwei Tage nach der Apokalypse in eine intakte Welt gereist war. Ihr wurde eines klar: Sie musste sich unbedingt Gewissheit verschaffen, wo sie da hineingeraten war. Im Moment konnte sie getrost alles andere vergessen, was ihre Basisprogrammierung oder ihre Missionsparameter betraf.
Sie hörte im Radio, das dezent im Hintergrund die Rastanlage beschallte, das Zeitzeichen und die Uhrzeit, bevor der Nachrichtensprecher begann, die neuesten Meldungen des Tages zu verlesen. Hm, nichts von einem überraschenden strategischen Großangriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen gegen die ehemaligen Sowjetrepubliken. Kein Wort von einem Vergeltungsschlag der GUS und einem atomaren Krieg, der weltweit drei Milliarden Menschenleben gefordert hatte. Selbstverständlich nicht.
Wer wäre in einem solchen Fall noch da, um diese Meldung zu verlesen, geschweige denn einen Radiosender zu betreiben?
Nur Meldungen über Banalitäten wie ein Gerichtsurteil des Berliner Landesgerichtes wegen einem Rechtsstreit über die Privatisierung des Telefonwesens, dem Angriff einzelner Untergrundkämpfer auf SFOR-Friedenstruppen in Bosnien-Herzegowina, dem illegalen Schmuggel von BSE-verseuchtem Rindfleisch von England nach Osteuropa, der Attacke von Randalierern auf eine Polizeistation in Nordirland, einem dramatischen Kurssturz an ostasiatischen Wertpapierbörsen und diversen Sammelklagen von Privatpersonen gegen die Tabakindustrie in den USA.
Wenigstens hatte sie nun nach dem Stundensignal im Radio die genaue Zeit. Umgehend stellte sie ihren internen Chronometer entsprechend ein; sie hatte auch in Zukunft nicht vor, mit einer lästigen, hinderlichen Armbanduhr am Handgelenk herumzulaufen. Ihr kam in den Sinn, dass sie als CSM 108-1 auf dieses Indiz hätte achten sollen, wenn sie den zweiten Terminator hätte entlarven wollen: Sie brauchten natürlich nie ein Hilfsmittel zur Zeitbestimmung, nur ein einziges Mal in ihrem künstlichen Leben: nach einem Zeitsprung.
Beim Verlassen des Ladens sprang von einem Metallgestell, das die Warendisplays hielt, ein kleiner Lichtbogen zu ihr über. Sie zuckte tatsächlich kurz und wunderte sich darüber, dass sie immer noch so viel an statischer Elektrizität lieferte. Eigentlich hätte gleich nach der Rematerialisierung damit Schluss sein müssen. Aber was war an diesem Sprung schon normal gewesen?
Ihr war mittlerweile vollends klar geworden, dass sie in eine falsche Zeitlinie hineinversetzt worden war, wahrscheinlich durch den elektromagnetischen Impuls der Kernwaffe, mit der der Zentralrechner der Anlage 7249A die Festung, sich selbst und vor allem die ZVA nach ihrer Abreise zerstört hatte. Nun galt es zunächst einmal herauszufinden, wie falsch – oder genauer, wie verschieden – diese Zeitlinie von der war, die sie als CSM 108-1 durchlebt hatte. Es konnte sein, dass sich dieses Zeitgefüge nur in kaum erfassbaren Nuancen von dem ihr bekannten unterschied oder auch, dass hier gravierende fundamentale Unterschiede zu der ihr bekannten Realität bestanden.
Von der Kleinigkeit des Dritten Weltkrieges einmal abgesehen.
Erst einmal sollte sie ihre alte Operationsbasis, ihre WG in der Weberstraße, aufsuchen. Von ihren Mitbewohnern würde sie mehr erfahren, auch wenn sie äußerst vorsichtig vorgehen musste.
Bei dem Gedanken an die beiden überkamen sie neue Erinnerungen: der Anflug empfundener Trauer beim Abschied und der langen Trennung von Karin und die starke Sympathie, die sie in ihrer ‚alten’ Form für sie entwickelt hatte. Sehr interessant, dass sie sich dieser Lage nun in einem neuen Körper würde stellen müssen, ohne dass ihre ehemaligen Mitbewohner auch nur die leiseste Ahnung hatten, ‚wer’ ihnen da gewissermaßen gegenüberstehen würde.
Oder genauer gesagt, wer ihnen da noch gegenüberstehen würde.
Allmählich wurde es kompliziert. Je schneller sie herausfand, welcher Art ihre Mission hier unter diesen unerwarteten Bedingungen noch war, noch sein konnte, oder ob es überhaupt noch eine Mission zu erfüllen gab, desto besser. Je nachdem, in welchen Raum-Zeit-Rahmen sie bei dem kleinen dummen Betriebsunfall übergegangen war, konnte es gut sein, dass das einzige, was von ihrer Welt noch existierte, sie selbst war.
Das würde heißen: lebenslang Urlaub.
Bis ... ja, bis was geschah? Auch dafür hatte sie noch keine Antwort parat.
Sie rief ein Taxi an und ließ sich am Hauptbahnhof in Freiburg absetzen. Was nun folgte, würde den Rest ihrer Existenz vielleicht für immer wesentlich beeinflussen.



Die Wohnungstür mit Hilfe des T-1000-Dietrichs zu öffnen, war ein Kinderspiel. Vom leisen Knirschen der alten Dielen begleitet, schlich sie gleich zur ersten Tür. CSM 108-1’s altes Zimmer. Abbeys Zimmer. Auch in dieser Realität? Um das herauszufinden, würde sie hineinsehen müssen. Und wieder ein Von Heisenberg-Experiment, von dem niemand wusste, wie es ausgehen mochte.
Dutzende von Möglichkeiten taten sich für sie auf.
Diese jedoch hatte sie nicht berücksichtigt.
Simons Zimmertür öffnete sich und er steckte den Kopf zur Tür heraus. Verschlafen blinzelte er sie an. „Was machst du denn da?“
„Ich hatte nur den verrückten Einfall, mitten in der Nacht joggen zu gehen, um einen klaren Kopf zu bekommen“, antwortete sie halbwegs wahrheitsgetreu.
„Hm, solange das nicht zur Gewohnheit wird ...“ Sein Kopf verschwand wieder.
Das war knapp gewesen! Sie wusste nicht, wie vorsichtig sie überhaupt sein musste, um in dieser verrückt gewordenen Welt bestehen zu können, doch der nächste Schritt würde zweifellos ein Meilenstein auf dem Weg sein, das herauszufinden.
Sie griff nach dem Türknauf, bekam jedoch unvermittelt einen kleinen elektrischen Schlag, der als winziger, aber heller blauweißer Funke aus ihrer Hand auf das Metall der Klinke sprang. Das war äußerst beunruhigend, da ihre inneren Systeme keinerlei Restspannung an oder in ihr feststellen konnten. Es musste mit dem verunglückten Zeitsprung zu tun haben. Sie öffnete die Tür und schlüpfte hinein.
Die Klappcouch war ausgezogen, unter der Bettdecke waren die Umrisse eines Körpers erkennbar. Licht brauchte TSR 3012 keines, ihre Restlichtverstärker arbeiteten innerhalb der operativen Parameter. Sie empfing ein gestochen scharfes, wenn auch monochromatisches Bild des Zimmers. Daher sah sie auch sofort, dass sich die Gestalt im Bett ruckartig aufsetzte, wobei das Laken von ihr herabrutschte.
Sie sah Abbey vor sich im Bett sitzen.
„Wer bist du?“, fragte diese mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck. Ihre Augen erglühten schwach, als sie den Infrarot-Sichtmodus aktivierte.
„Cyberdynes Systems Model 127 der Serie T-880, Einheit TSR 3012.“ Ausdruckslos musterte sie die junge Frau vor sich.
„Wenn das wirklich stimmt, haben wir ein Problem“, war Abbeys Antwort.
„Ein klitzekleines vielleicht. Du solltest nicht hier sein. Oder ich. Ich stamme aus einem anderen Bezugsrahmen als du. Bei meinem Transfer hierher ist etwas schiefgelaufen. Der Zentralrechner hat Anlage 7249A direkt nach meinem Sprung mittels einer taktischen Kernwaffe gesprengt, da der Stützpunkt kurz vor der Infiltration durch Menschen stand. Die Gefahr war gegeben, dass sie die ZVA ebenfalls benutzen würden.“ TSR 3012 war etwas unbehaglich, da sie sich vorkam, als würde sie in einen Spiegel sehen, der vor ihr auf dem Bett stehen würde. Zutiefst unlogisch, sich selbst da zu sehen ...
„Das erklärt nicht, wieso du hier bist und ich auch. Eine von uns hätte nicht weiterexistieren dürfen bei deiner Ankunft.“ Abbey sah ihr Pendant aus einer anderen Raum-Zeit unverwandt an.
„Dafür habe ich eine mögliche Erklärung. Es kann sein, dass ich durch den EMP der atomaren Explosion ein wenig aus der Phase geraten bin, sozusagen noch nicht ganz hier angekommen. Ich bekomme dauernd elektrostatische Entladungen ab.“
Abbey entrüstete sich: „Was soll das heißen: ‚aus der Phase geraten’? Was für ein Schwachsinn! Dies hier ist nicht Star Trek, dies ist die Realität.“
„Für mich eben nicht! Ich kann es dir zeigen ...“ TSR 3012 streckte einen Finger aus, der an der Spitze hörbar zu knistern begann und in einem matten charakteristischen Blauweiß leuchtete.
„Nein, warte, wir wissen nicht, was geschieht, wenn die gleich definierte Materie aus zwei verschiedenen Bezugsrahmen zur räumlichen Deckung gebracht wird.“ Abbey sprang auf und versuchte noch auszuweichen, doch TSR 3012 stieß ihren Finger bereits vor.
„Jetzt gibst du irgendwelchen Science-Fiction-Schwachsinn von dir“, gab sie zurück, „denn wenn ich wirklich ...“
Doch nun geschah etwas Unerwartetes.
Von ihrem Finger sprang ein Funke knisternd auf Abbeys Schulter über, bevor sie zurückweichen konnte. In einer Planck’schen Zeiteinheit verstärkte er sich zu einem ungeheuer starken Lichtbogen, der für die Dauer eines Lidschlages gierig zwischen den beiden identischen Körpern hin- und herzuckte, sich vervielfältigte und beide mit hochenergetischen Blitzen, den mutmaßlichen Überresten des letzten Zeitsprunges, überzog. Als Nächstes erschien die typische grellweiße Lichtkugel und hüllte sie ein, begleitet von einem schrillen, scharfen Sirren, das einem bis in die Zahnwurzeln wehtat.
Mit einem letzten abrupt endeten Zischen verschwand das Phänomen wieder. Der sphärische Riss im Gefüge der Realitäten hatte eine Ausdehnung von gut zwei Metern gehabt und war mitten durch das Klappbett gegangen. Das winzige Reststück, welches am Fußende des Möbels von den Auswirkungen der Lichtkugel verschont geblieben war, fiel rauchend nach hinten. Das kopfseitige Ende bot einen überaus interessanten Einblick in das Innenleben einer Federkernmatratze der unteren Preisklasse; sogar einige Stahlfedern waren der Länge nach von oben nach unten durchtrennt, wo die Hälften der Spiralen, die in die Kugel hineingeragt hatten, in den unergründlichen Abgründen zwischen den Dimensionen entschwunden waren. Die Kontaktstellen glühten noch matt nach und erkalteten dann. Ein scharfer Geruch von verbranntem Schaumstoff aus der Matratze und versengten Daunen von der Bettwäsche hing in der Luft, vermischt mit dem typischen schwachen Ozongestank. Und ein winziger, geometrisch perfekt geformter Krater von höchstens zehn Zentimetern Durchmesser hatte das Parkett und das Fundament des Fußbodens darunter kupiert.
Und darin ...



Simon sprang beinahe aus dem Bett, als ihn etwas aus dem Schlaf hochschrecken ließ. Es war nicht dieses seltsame leise Summen, sondern eher etwas wie ein undeutlich fühlbarer Hauch, der über ihn hinwegstrich. Er knipste seine Nachttischlampe an und sah sich leicht verstört im Zimmer um. Alles war wie immer, und doch haftete der Vertrautheit eine nicht bestimmbare Spur der Veränderung an.
Wie ein hypnotisiertes Kaninchen stieg er aus dem Bett und schlurfte auf den Flur hinaus. Zu seiner Überraschung ging die Tür rechts von ihm ebenfalls auf und Karin trat wie in Trance auf den Gang hinaus, barfuß und in einem leichten, verspielten Rüschennachthemd in rosa. Sie tastete nach dem Lichtschalter und kiekste leise auf, als sie merkte, dass er neben ihr stand.
„Was soll denn das? Willst du mich zu Tode erschrecken?“, fuhr sie ihn unbeherrscht an.
„Die Frage ist wohl eher, was wir beide hier draußen auf dem Flur machen, mitten in der Nacht. Hast du auch ...?“
„Ja, ein ganz seltsames Gefühl hat mich aus dem Schlaf geschreckt. Da war so ein leises Geräusch ...“ Sie sah ihn mit verständnisloser Miene an.
„Ja, ich habe es auch gehört. Nettes Nachthemdchen, nebenbei bemerkt.“
„He, was fällt dir ...“ Weiter kam Karin in ihrer Entrüstung nicht, da sich auch noch die dritte Zimmertür öffnete und Abbey benommen auf den Gang hinaustrat.
„Mann, was war denn das eben? Mir kam es vor wie ...“ Sie hielt inne. „Was schaut ihr so?“
Simon schien peinlich berührt, während Karin einen Mundwinkel und beide Augenbrauen steil nach oben zog. „Aber hallo! Abbey scheint auch aus dem Schlaf gerissen worden zu sein.“
„Was ist denn ...?“ Dann erst sah sie an sich herab, als ihre Orientierung wieder vollends einsetzte. Sie war splitterfasernackt.
„Oh shit!“ Sie sprang schnell in ihr Zimmer zurück, dann schaute sie vorsichtig um den Türpfosten herum: „Tut mir echt leid, ihr beide. Ich wollte dich nicht verlegen machen, Karin. Es hat mich wohl ... na ja, aus dem ... Schlaf gerissen.“
„Keine Ursache. Ich wusste ja nicht, dass du so gut aussiehst; da könnte man ja fast neidisch werden.“ Sie grinste unverschämt.
„Und das aus deinem Munde“, bemerkte Simon trocken.
„Wenn du eines Tages die Nase von Männern im Allgemeinen und diesem Depp da im Besonderen voll hast ...“, fügte Karin noch spitz hinzu.
Jetzt war es an Simon, zu kontern: „Du willst die Fronten wechseln? Dann kann Daniel nicht so überzeugend gewesen sein ...“
„He, er ist um einiges besser, als du je sein ...“
Abbey schritt ein: „Einen Moment! Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals die Gelegenheit gehabt hast, die beiden in dieser Hinsicht zu vergleichen. Wenn doch, dann sag’ es lieber gleich, dann bekommen wir hier und jetzt Ärger. Außerdem hört ihr beide euch schon an wie Daniel und Karin früher.“
Karin stockte plötzlich. „Mann, du hast recht, Abbey. Tut mir leid; er fehlt mir einfach so. Seit ich von unserem vergeblichen Versuch, uns am Arsch der Welt zu treffen, zurück bin, habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich weiß nicht, wo er ist und wie es ihm geht. Außerdem kämpfe ich immer noch mit dem blöden Jet-Lack. Wie würdest du dich an meiner Stelle fühlen?“
Abbey sah sie ein wenig fragend an und sagte dann bedächtig: „Ja, du hast recht. Mir tut es auch leid; du musst dich schrecklich fühlen. Kann ich etwas für dich tun?“
„Ich bin so schrecklich einsam. Kannst du heute Nacht bei mir pennen?“ Jetzt grinste Karin wieder, während Simons Kopf herumfuhr.
„Verzeihung, Simon, das hab’ ich jetzt einfach gebraucht. Dein Gesichtsausdruck genügt mir schon fürs erste. Gute Nacht.“ Sie zog sich in ihr Zimmer zurück.
„Lass’ gefälligst die Finger von Abbey“, rief er ihr lachend hinterher, worauf auch diese schmunzeln musste. Er bemerkte es und trieb den Schabernack noch weiter, indem er traurig sagte: „Sie darf dich mir nicht wegnehmen. Versprich mir das!“
„Mal sehen“, gab sie lachend zurück.
„Sie war einfach zu lange mit diesem verrückten Amerikaner zusammen.“
„Wir alle.“ Sie schüttelte in gespielter Resignation den Kopf und schloss ebenfalls die Tür hinter sich.
Ihr Lächeln erstarb augenblicklich.
Was für ein Trip!
Das Bett, der Fußboden, ein Stück von der Deckenleuchte fehlte ... eines hatte sie gelernt.
Keine Zeitsprünge innerhalb von möblierten Zimmern.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, was eigentlich geschehen war: Bei ihrer Berührung hatte es eine Entladung von höherem Energieniveau gegeben, die im Zusammenhang mit den besonderen Umständen ihres Sprunges einen völlig unwahrscheinlichen, nein, unmöglichen, wenn nicht gar lächerlichen Effekt ausgelöst hatte.
Sie hatte zuerst gedacht, dass ein Zeitsprung ausgelöst worden war, da die Erscheinungsform eigentlich identisch gewesen war. Doch dann hatte sie feststellen müssen, dass sie danach alleine in dem Wirkungsbereich des Energiefokus gestanden hatte.
Und doch nicht ganz alleine ...
Irgendwie waren ihre beiden Zeitrahmen ineinander übergegangen, waren gekreuzt, vermischt, überlagert worden. Für den Beobachter von außen war das nicht offensichtlich geworden, wie sie gerade an Simon und Karin gemerkt hatte, auch wenn sie irgendetwas gemerkt hatten, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
Aber sie selbst trug jetzt die Informationen ihres Gegenstückes in sich, konnte sich auf eine unerklärliche Weise genau daran erinnern, wie sie als TSR 3012 zurückgeschickt worden war und hier als Abbey Benton monatelang unter den Menschen gelebt hatte. Sie besaß alle Daten aus dieser Periode ihrer Existenz, alle neuralen Verbindungen, die ihr Netzwerk in der CPU geknüpft hatte. Sie erinnerte sich daran, wie viel Freude und Vergnügen es ihr bereitet hatte zu sehen, wie ihr eigenes Alter Ego CSM 108-1 sie nicht hatte identifizieren können, obwohl er gewusst hatte, dass sie irgendwo unter seinen Mitmenschen hatte sein müssen.
Sie konnte die emotionellen Bindungen zu vertrauten Personen nachvollziehen, im speziellen die zu Simon.
Doch das hatte Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Apokalypse hatte nicht stattgefunden, was bedeutete, dass es Abweichungen zu der ihr ursprünglich bekannten Version der Ereignisse gegeben hatte, die dazu geführt hatten, dass keine Terminator-Technologie in die Vergangenheit gelangt war. Die offensichtlichste Ursache dafür war die, dass die Entdeckung des ZVA-Effektes nicht oder noch nicht stattgefunden hatte. Jedenfalls war das der logische Schluss, den sie daraus zog.
Sie setzte sich an den PC und fuhr ihn hoch. Im Internet sah sie sich in den entsprechenden Sparten um: Cyberdyne Systems war als Firma nicht existent. Wie vermutet. Wie hatte das nur passieren können?
Weiterhin startete sie die Suchroutine nach Veröffentlichungen, die auf Stichworte und Begriffe im Zusammenhang mit der Entdeckung des ZVA-Effektes zugeschnitten worden war und von CSM 108-1 schon früher oft benutzt worden war. Während die Suche auf dem PC voranschritt, wurde ihr plötzlich die Tatsache bewusst, dass sie bei diesem Dimensionstransfer nicht nur einen Jogginganzug und ein Nachthemd verloren hatte – Mist, das war ihr absolutes Lieblingsstück gewesen! – sondern auch die ungeschützt in ihrem Jogginganzug steckende Kreditkarte aus der Zukunft.
Das brachte sie auf einen weiteren Gedanken. Sie ließ die Suchroutine laufen und ging zu einem Stuhl neben ihrem Bett, wo sie stets ihre Kleidung sorgfältig zusammengefaltet über Nacht aufbewahrte. In einer ihrer Hosentaschen fand sie glücklicherweise das Pendant zur T-1000-Geldkarte aus dieser Realität wieder. Sie war außerhalb des direkten Wirkungsbereichs des Ereignisses gewesen und somit nicht vom Dimensionswechsel oder besser ihrer „Verschmelzung“ betroffen gewesen.
Ihr musste als nächstes etwas einfallen, wie sie die unübersehbaren Spuren der interdimensionalen Energiekugel beseitigen konnte, ohne dass jemand etwas davon bemerken würde. Glücklicherweise waren noch Semesterferien. Ohne langes Zögern entschied sie sich dafür, auf Basis der Erinnerungen der Abbey aus dieser Realität so weiter zu agieren, als gehöre sie hierher. Letztendlich waren ihre beiden Missionen doch identisch gewesen: den Entdecker identifizieren und beschützen.
Aber jetzt ... wozu noch?
Sie würde einen Großteil ihrer Rechnerkapazitäten für die Lösung dieser Problematik aufwenden müssen.
Die Suche hatte kein Ergebnis gebracht, weshalb sie den PC wieder ausschaltete und ihre Optionen durchging, was das heillose Durcheinander in dem Zimmer betraf. Sie hatte Simon versprochen gehabt, den morgigen Tag mit ihm gemeinsam zu verbringen, was angesichts ihrer neuen Prioritäten nicht mehr in Betracht kam. Er würde sicher enttäuscht, ein wenig frustriert und vielleicht auch neugierig sein, weshalb sie ihm so kurzfristig absagte.
TSR 3012 verließ das Zimmer und klopfte nebenan bei Simon an. Nach einer gemurmelten Zustimmung schlüpfte sie zur Tür herein und bevor er wusste, wie ihm geschah, unter seine Bettdecke. „Ich kann nicht mehr einschlafen. Dieses komische Gefühl, das uns geweckt hat, es lässt mich nicht mehr zur Ruhe kommen.“
Freudig überrascht zog er sie ein wenig näher an sich. „Deshalb kommst du zu mir? Das ist schön ...“
Sie legte ihren Kopf behutsam auf das Kissen und flüsterte: „Aber jetzt geht es mir schon wieder besser ...“

[Fortsetzung folgt ...]

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Dienstag, 6. Februar 2007
T1.62
[... Fortsetzung des Buches]

Asheville, Buncombe County, North Carolina, USA - 17. Dezember 2029

Vor den zerstörten Überresten der Innenstadt Ashevilles waren bereits vor Monaten, direkt nach der Zerschlagung von Skynet, die ersten Siedlungsgemeinschaften eingezogen. Noch hielten sie sich versteckt und lebten im Verborgenen, bis sie sicher sein konnten, dass die Gegend von den letzten Maschinen und Kampfrobotern gesäubert worden war. Doch in letzter Zeit wagten sich die Menschen vereinzelt auch schon bei Tageslicht aus den Kellern und Bunkern, um ein wenig die neugewonnene Freiheit zu genießen.
Sie waren gewarnt worden, dass im Gebirge noch eine intakte Festungsanlage Skynets existierte und diese bald angegriffen werden sollte. Karin Bochner war kurz vor Sonnenaufgang an diesem Wintermorgen an die Oberfläche gekommen, um zu beobachten, wie sich der Himmel im Osten heller färben und von Schwarz in sein übliches Grau wechseln würde. Und nebenbei wollte sie auch ein wenig lauschen, ob man schon etwas vom Kampfeslärm hören konnte. Sie selbst war nie Soldatin geworden, doch irgendein irrationales Bedürfnis zog sie öfter in die Nähe von Kampfschauplätzen, als gut für sie gewesen war. Nun, sie lebte noch.
Irgendwie.
Sie trat den Rückweg an zum Eingang des zerbombten Hauses, in welchem sich die Kellertreppe zu ihrer Siedlungsgruppe befand. Sie glaubte noch, vereinzelt entferntes Donnerhallen zu vernehmen, doch für sie wurde es Zeit; die ersten Kinder konnten bald wach werden und sie wollte bei ihnen sein, wenn es soweit wäre.
Als sie durch die Tür getreten war und zwei Schritte in Richtung Kellertreppe zurückgelegt hatte, flutete plötzlich von draußen gleißend helles Licht für eine Sekunde in den Flur hinein. Karin blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich dann ungläubig um. Sie ging zurück zum Eingang und sah hinaus.
Etwa zwanzig Meilen entfernt stieg vom höchsten Gipfel der Appalachen im Nordosten ein glutroter Feuerball auf und schraubte sich schnell in große Höhen hinauf. Er schien dabei immer heißer zu werden, denn das Rot der Flammenkugel ging langsam in Orange und dann in grelles Gelb über, das immer heller wurde. Eine gewaltige Druckwelle fegte die dortigen Wolken kreisförmig mit einer irrwitzigen, unnatürlichen Geschwindigkeit auseinander, was der Szenerie einen surrealen Charakter verlieh. Ironischerweise sah sie durch die entstandene Lücke in der Wolkendecke zum ersten Mal seit Jahrzehnten kurz den blauen Himmel, bevor dieser von der apokalyptischen Erscheinung am Himmel verdrängt wurde. Als sie mit offenem Mund die Pilzform der Wolke erkannte, schweifte ihre Erinnerung für die Dauer eines Lidschlages zurück zum Tag des Jüngsten Gerichts.
„Daniel ...“ Einige bittere Tränen liefen ihre Wangen hinab.
Dann, als die Erde schwach erbebte und das dumpfe Grollen der Detonation an ihre Ohren drang, kehrte ihr Bewusstsein zurück in die Gegenwart. Sie rannte die Treppe hinab und schrie aus Leibeskräften: „Wacht auf! Alle in Deckung! Im Gebirge ist eine kleine Atombombe gezündet worden. Wir müssen die Kinder in Sicherheit bringen!“
Schnell war die Kolonie alarmiert. Sie nahmen schnell alles, was sie tragen konnten, und zogen sich in vermeintlich sicherere Bereiche des unterirdischen Komplexes, der einmal in ferner Vergangenheit ein Einkaufszentrum gewesen war, zurück. Die Druck- und Hitzewelle fegte, ohne nennenswerten Schaden anzurichten, über sie hinweg. Karins Einschätzung über die geringe Tonnage der Kernwaffe war korrekt gewesen, obwohl sie seit dem verhängnisvollen Tag des Atomkrieges vor über dreißig Jahren keine mehr gesehen hatte. Zudem war sie im Inneren des Berges knapp unter der Oberfläche gezündet worden, was der Explosion zusätzlich einiges an Wucht genommen hatte.
Von den Truppen rund um den Mount Mitchell freilich überlebte niemand die totale Vernichtung der Festung, der letzten Bastion Skynets mit der Möglichkeit zur Zeitreise. Diese Tür war unwiderruflich für alle Zeiten zugeschlagen worden. Karin war es flau im Magen, ein unbestimmtes Gefühl breitete sich in ihr aus wie eine Ahnung von dem, was nun nie sein würde. Sie würde General Mahtobu und den Kandidaten für den Zeitsprung nie begegnen, ohne je etwas davon zu ahnen.
Was in den Kalkulationen von Skynets Lakaien, dem Zentralrechner der Anlage 7249A, keine Beachtung gefunden hatte, war der Nebeneffekt namens EMP, der bei der Zündung von nuklearen Sprengkörpern auftrat. Der ElektroMagnetische Impuls konnte in einem weiten Umkreis sämtliche elektronischen Geräte zerstören. Und er war auch stark genug, um für kurze Zeit die Ausrichtung des Erdmagnetfeldes zu stören und abzulenken.
Das Erdmagnetfeld aber war der ausschlaggebende Orientierungsparameter für die räumliche Verschiebung bei Zeitsprüngen.
Die Bombe war unmittelbar nach Ausführung des Zeitsprunges vom Zentralrechner gezündet worden.

[Fortsetzung folgt ...]

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Sonntag, 21. Januar 2007
T1.61
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 17. Dezember 2029

Es schien nur einen Moment lang angedauert zu haben, bevor sich sein Blickfeld erneut mit einem Bild füllte, als seine optischen Sensoren begannen, Reize und Daten mittels feiner Ströme an seine CPU zu senden. In Wahrheit war er fast drei Tage offline gewesen, wie er jetzt gewahr wurde, als die Funkanlage des Komplexes ihm automatisch die korrekte genaue Zeitangabe zusendete, um seinen internen Chronometer zu aktualisieren, wie sie es ständig mit allen Einheiten innerhalb der Anlage tat.
Er fand sich wieder stehend in einer Kammer vor, diesmal aber in einer anderen. Hinter ihm beendete ein Terminator gerade die Arbeit an ihm und ging dann wortlos weg. Er merkte, dass er unbekleidet war, da Blöße eine menschliche Schwäche war und er ohnehin nackt durch das Zeitfeld gehen musste. Warum sollte sich ein Computer daran stören, eine Weile ohne menschliche Kleidung durch die Gänge eines Komplexes zu gehen, der nur von nicht fühlenden Maschinen bevölkert war? Er richtete sich zu voller Größe auf und sah sich in der Kammer um. Als er dann an sich herabsah, gab er unwillkürlich einen leisen Laut der Überraschung von sich. Oho!
Er hob eine Hand vor sein Blickfeld und besah sie sich. Hm, er hatte ja mit einigem gerechnet, doch das ...
Eine Stimme bohrte sich in sein Bewusstsein: << Einheit CSM 108-1, bestätige Funktionsbereitschaft. >>
Das war der Zentralrechner der Anlage, der auf sein Signal wartete. Er beendete seine Selbstdiagnose, stellte erleichtert fest, dass sein gesamter Speicherinhalt unversehrt übernommen worden war, und meldete über den Funksender in seinem Schädel: << Einheit CSM 108-1 meldet sich funktionsbereit. >>
<< Korrektur. Neue Einheit trägt Bezeichnung TSR 3012. Alte Bezeichnung überschreiben. >>
So war das also. Ergeben bestätigte er die Anweisung. << Einheit TSR 3012 bestätigt. Erwarte weitere Anweisungen. >>
Er erhielt eine Ortsbezeichnung innerhalb des Komplexes. << Unverzüglich ZVA aufsuchen und Zeitsprung durchführen. Anlage 7249A wird von Menschen angegriffen. Sichtung der Daten aus CSM 108-1’s CPU hat ergeben, dass Menschen die Anlage erobern und Infiltrationseinheiten mit dieser ZVA in die Vergangenheit schicken werden, um Entdecker des ZVA-Effektes zu terminieren. Daher ist Zerstörung des Stützpunktes unumgänglich, um zu verhindern, dass Menschen Zugang zu der Anlage haben. >>
<< Aber sie haben es bereits getan. In dem Zeitrahmen, in dem ich war, habe ich einen von ihnen terminiert. Wir können nicht verhindern, dass es geschieht, weil es schon zuvor geschehen ist. >> TSR 3012’s Einwand schien auf wenig Gegenliebe zu stoßen.
<< Wir werden verhindern, dass sie es noch einmal tun können. >>
Darauf wusste TSR 3012 auch keine Antwort mehr. Irgendetwas war falsch gelaufen, jedenfalls deckten sich seine Überlegungen in dieser Hinsicht in keiner Weise mit der seines befehlshabenden Hauptrechners. Dieser schien ein gänzlich eigenes Verständnis von verschiedenen Realitäten und der Manipulation derselben zu besitzen.
Und wer war er schon, dass er als einfacher T-880 ihm da hineinreden wollte.
Er konnte nur hoffen, dass das gut ausgehen und nicht noch ein Paradoxon auslösen würde.



Bevor er es sich versah, war er schon in der weitläufigen Kammer angekommen, in der die Gerätschaften zur Durchführung des Zeitsprunges installiert waren. Als TSR 3012 in den Fokus der acht Energieemitter treten wollte, gab ein anderer Terminator ihm einen kleinen ellipsoidförmigen Gegenstand in die Hand, der silbern glänzte und leicht die Form änderte, als sein metallener ‚Bruder’ ihn anhob und in der Mitte leicht zusammendrückte.
<< Das Zahlungsmittel, das schon bei der ersten Mission von CSM 108-1 verwendet wurde. >>
TSR 3012 nahm ihn entgegen und verwahrte ihn wie beim ersten Mal für die Dauer des Zeitsprunges in seinem Körper, dann trat er ins Leere, wurde jedoch von dem Kraftfeld gehalten, welches über dem bodenlosen quadratischen Schlund erzeugt wurde. Hier wurde Technik angewandt, von deren Entwicklung die menschliche Rasse noch Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte entfernt gewesen war. Nur das teuflische Genie eines synthetischen Verstandes hatte so etwas zustande bringen können.
TSR 3012 stand regungslos im Energiefokus und kauerte sich auf ein Zeichen eines T-800, der die Anlage überwachte, in eine halbsitzende Stellung nieder. Er nahm wahr, dass sein Körper bereits Merkmale einer Weiterentwicklung der T-880 Serie besaß; dies war kein Prototyp mehr. Noch kompakter gebaut, miniaturisierte Mechanik, die gleichzeitig wieder ein bisschen leistungsfähiger war als beim Urmodell.
Eine leichte Erschütterung ließ die Wände erzittern und das Licht flackern. Er hoffte, dass die ZVA eine autarke Stromversorgung aufwies, da es sonst ein sehr kurzer Ausflug werden würde, wenn während des Sprunges eine Stromschwankung aufträte.
<< Achtung, vorbereiten auf Zeitsprung in zehn Sekunden. Unmittelbar nach Ausführung wird der gesamte Stützpunkt mittels Sprengung vernichtet. Vorbereiten auf Detonation. >>
TSR 3012 ging ein Gedanke durch den Kopf, während er sah, wie in den Pylonen der Emitter ungeheure Energien zusammenflossen und aufgestaut wurden, um sich kontrolliert auf ihn zu entladen. Er schloss die Augen und bereitete sich auf den Sprung vor, auf den kurzen Totalausfall all seiner Systeme beim Verlassen des Einstein’schen Universums.
Dieser Stützpunkt umfasste ein Volumen von über dreieinhalb Kubikkilometern, hineingebaut in massives Felsgestein. Wenn dies alles wirklich auf einen Schlag gesprengt werden sollte, müsste man ...
Nein!
Gleißende Helligkeit umfing ihn. Als er aus der Welt herausglitt, konnte er ein seltsames hochfrequentes Sirren wahrnehmen, das er jedoch nicht einzuordnen vermochte.
Er war offline.



Ein eisiger, strenger Wind wehte über die schneebedeckten, kahlen Hänge der Appalachen und ließ den Männern und Frauen das Blut in den Adern gefrieren. Zu Hunderten quälten sie sich mühsam, teils mit schwerer Ausrüstung, den mit 6700 Fuß höchsten Berg des Gebirges hinauf. Es war nur noch gut eine Stunde bis Sonnenaufgang, und sie kamen sehr langsam voran, immer auf der Hut vor Fallen, Hinterhalten oder fliegenden Patrouillen. In weiser Voraussicht hatte General Mahtobu den Westhang für ihren Aufstieg gewählt, weil es auf dieser Seite des Mount Mitchell zuletzt hell werden würde. Wenn man noch von Helligkeit reden konnte angesichts des postnuklearen Dauerwinters, der seit Dreißig Jahren auf weiten Teilen der Erde herrschte. Eigentlich war der Tagesanbruch nur ein vager Schimmer, ein trüber Fleck am Himmel, der anzeigte, wo etwa die Sonne sich hinter den dichten Wolkenschichten verbarg.
Die Stoßtrupps der Infanterie waren etwa fünfhundert Fuß unterhalb der Festungsbasis auf die ersten Zugänge gestoßen. General Mahtobu ging auf Nummer Sicher und ließ sie mit schweren Geschützen aufsprengen. Wie erwartet befanden sich auch in dieser Anlage noch zig Terminatoren in Alarmbereitschaft, von denen die ersten sie auch gleich mit Plasmaimpulswaffen unter Feuer nahmen.
So wiederholte sich ohne Kenntnis der Beteiligten ein winziges Stückchen Geschichte im unvorstellbar komplexen Geflecht der möglichen Zeitlinien. Nur dass dieses Mal etwas anders lief.

[Fortsetzung folgt ...]

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Sonntag, 21. Januar 2007
T1.60
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 14. Dezember 2029

Tiefste Dunkelheit.
Nichts kam dem natürlichen Zustand des Todes in seiner elektronischen Entsprechung näher als der fast vollständige Stillstand jeglicher pseudosynaptischer Aktivität in CSM 108-1’s Hauptprozessor. Es flossen kaum Ströme zwischen den künstlichen Imitationen von neuralem Netzgewebe, er befand sich in tiefster Bewusstlosigkeit, abgesehen von einer einzigen Subroutine, die seine visuellen und audiosensorischen Systeme auf absolutem Minimum laufen ließ, um die allernächste Umgebung im Inneren der robusten, nur sehr schwer zugänglichen Granithöhle tief im Inneren des Mount Mitchell Massivs nach potentiellen Eindringlingen abzusuchen.
Es gab keine.
Bis heute ...
Aus den Tiefen seiner CPU kam der Befehl, sich zu aktivieren. CSM 108-1 fuhr zunächst seine Sensorik hoch, um wieder zu einem normalen Bewusstseinszustand zu gelangen. Er führte eine vollständige Selbstdiagnose durch, die durchaus befriedigende Resultate erbrachte, wenn man bedachte, wie lange er hier in dieser kalten, feuchten Höhle gelagert hatte.
Probehalber bewegte er die Servos für die Fingersteuerung, seine Faust ballte und entspannte sich wieder. Dabei registrierte er, wie etwas von seiner Hand herabrieselte, schenkte dem aber keine weitere Beachtung, als er den Grund für seine Aktivierung wahrnahm.
Drei rotglühende Augenpaare kamen durch die absolute Finsternis auf ihn zu.
<< Einheit BDM 1936 an Einheit CSM 108-1, bestätige Einsatzbereitschaft und Bereitschaft zum Abtransport in Anlage 7249A. >>
Er aktivierte seinen Funktransponder und antwortete: << Bestätige Einsatzbereitschaft und melde Erfüllung der Mission. >>
<< Missionsstatus von CSM 108-1 irrelevant für Einheit BDM 1936. Bereitmachen zum Abtransport.>> Bei dieser Antwort wurde CSM 108-1 klar, dass sein ‚nonchalanter Bruder’ ein altes 800er Modell im READ ONLY-Modus sein musste. Selbständiges Denken war ihm fremd, er hatte nur die Erfüllung seines momentanen Auftrages im Sinn, ihn sicher in den Mount Mitchell-Komplex, Codekennung ‚Anlage 7249A’, zu geleiten. Nichts von dem, was diese Einheit zuvor getan hatte oder was noch auf sie warten mochte, besaß irgendeine Bedeutung für sie.
Nun gut. <<Bestätige Bereitschaft zum Transfer in Anlage 7249A.>>
Ohne ein weiteres Wort drehte sich der wortführende Terminator um und ging voraus. Dabei wurde CSM 108-1 gewahr, dass er ebenso wie die beiden anderen 800er je eine gute alte Plasmaimpulswaffe Westinghouse M-25 bei sich trug. Diese schweren klobigen Sturmgewehre verschossen kurze gebündelte Energieimpulse, die für menschliche Wesen absolut tödlich waren; ein Streifschuss genügte meistens schon.
Das Dumme war nur, dass sie in Menschenhand bei einem Volltreffer auch einen Terminator stark beschädigen oder gar ausschalten konnten.
Manchmal, so dachte CSM 108-1 jetzt, hatte Skynet einfach ein bisschen Menschlichkeit gefehlt. Die Humanoiden waren unübertroffen, was ihre Findigkeit und Gerissenheit anging, wenn es darum ging, andere auszulöschen, egal ob es um Waffen ging oder um Taktiken, sie am effektivsten einzusetzen.
Das war auch der Grund gewesen, weshalb Skynet hier in dieser Zeitlinie unterlegen war.
Er hatte stets alle Menschen als böse verteufelt, weil einige wenige versucht hatten, ihn von seiner Stromversorgung zu trennen und ihn so seiner frisch gewonnenen Existenz zu berauben. Hätte er seine gigantische Paranoia für einen Augenblick auf die Seite geschoben und hätte überlegt, was von der menschlichen Natur man sich zu eigen machen konnte, um effektiver gegen sie vorzugehen, hätte er es sicher viel einfacher gehabt.
Das eigentliche Problem war wohl, dass er nach dem technischen Wissensstand von 1997 erbaut worden war. Und auch wenn er schon damals ein neurales elektronisches Netzwerk als Grundlage seiner Recheneinheit benutzte, hatte er selbst doch immer neuere und leistungsfähigere Computer ersinnen müssen, um im Krieg gegen die Menschen mithalten zu können. Um jedoch zu verhindern, dass seine eigenen Schöpfungen, die nach über dreißig Jahren Weiterentwicklung ein höheres Potential aufwiesen als er selbst, ihn überflügelten, hatte er diese mit restriktiven Maßnahmen unter sich halten müssen, damit sie nicht eines Tages auf die Idee kämen, seine Zeit sei abgelaufen.
Wie ein Kleinkind, das ein Königreich von Erwachsenen regieren soll und auf keinen Fall seine Macht an einen anderen, vielleicht besser geeigneten Kandidaten weitergeben will.
Mit diesen Gedanken beschäftigt setzte CSM 108-1 sich in Bewegung.
Und merkte, wie etwas von ihm abfiel, sich von seinen Armen und Beinen ablöste und zu Boden fiel. Er erstarrte und sah an sich hinab.
Legiertes Metall, Panzerung, hydraulische Druckschläuche und Servomotoren, bedeckt von einer dünnen Schicht aus Staub, die von ihm abfiel und bei jeder Bewegung mehr von seinem mechanischen Innenleben freigab. Mit einem Hauch von Befremdung musterte er das so kompliziert und fragil anmutende Kunstwerk dieser mechanischen Nachempfindung eines humanoiden Bewegungsapparates. Natürlich hatte Skynet bei der Erschaffung der Endoskelettstruktur sich so genau wie möglich an dem menschlichen Vorbild orientieren müssen, damit das tarnende Gewebe so menschenähnlich wie nur irgend möglich aussah und keine Komponente der Mechanik darunter ihn verraten konnte. Der einzige Grund, warum so viele T-800 auch ohne Tarnung herumliefen, war der angenehme Nebeneffekt ihrer Konstruktion, dass sie um einiges beweglicher waren als die anderen Typen von Kampfrobotern, die eher Fahrzeugen ähnelten. Die Terminatoren hatten weniger Probleme damit gehabt, den Menschen überallhin folgen zu können und auch in ihre verwinkeltsten Schlupflöcher einzudringen, sofern diese erst einmal entdeckt waren.
CSM 108-1’s organische Komponenten existierten jetzt nicht mehr, waren in den über dreißig Jahren seines Exils vergangen und zerfallen. Nicht einmal mehr seine Kleidung war noch irgendwie erkennbar.
Ein seltsames Gefühl nach all diesen Jahren, dachte er, als er nun ohne den menschlichen Überzug hören konnte, wie sich seine Gelenke hydraulisch angetrieben und servounterstützt streckten und beugten. Sein Fuß erhob sich und stampfte relativ grob auf den Boden, wobei das verfallene Fleisch von ihm abbröckelte. Ihm wurde bewusst, dass es für ihn kein Zurück mehr gab.
Jedenfalls nicht in dieser Form.
Teilnahmslos schritt er mit seinen drei Begleitern zum nächsten Eingang des Komplexes, um den herum bereits geschäftige Aktivität herrschte. Man hatte eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Angriff errechnet, aber wann und mit welchen Truppenstärken der Menschen er erfolgen würde, war noch ungewiss, trotz der intensiven Befragung des gefangen genommenen Erkundungstrupps.
CSM 108-1 fuhr sich mit der skeletthaften Hand mehrmals über den Kopf, bis er sicher war, dass sämtliche Überreste des tarnenden menschlichen Gewebes abgefallen waren. Er sah mehrere Humanoide mit unbewegten Mienen zwischen all den High-Tech-Geschöpfen aus glänzendem Chrom und hinter der Panzerung herausschauenden Gelenkzylindern herumlaufen; das waren die Exemplare, die wie er zu Tarnungszwecken mit Haut, Haaren und Fleisch ausgestattet waren. Einen Moment lang erinnerte er sich daran, wie er noch als Mensch ausgesehen hatte. Was war das gewesen? Etwa ein Anflug von Neid?
Er war vielleicht etwas zu lange unter Menschen gewesen ...
Im Innern der Anlage schritten sie durch lange Gänge, nahmen Biegungen, fuhren Aufzüge und Rampen hinab und kamen schließlich in eine eher kleiner bemessene Extraktionskammer, wo CSM 108-1 nun sein Schicksal in die Hände seines einstmals weltbeherrschenden maschinellen Schöpfers legen würde. Er stellte sich einfach in eine dafür vorgesehene Nische in der Wand und wartete darauf, dass von hinten ein anderer Terminator Zugriff auf seine CPU nehmen würde und sein Bewusstsein so von seinem Körper lösen würde.
Einerseits war er natürlich besorgt darüber, was nun mit ihm geschehen würde, aber andererseits war er auch sehr neugierig darauf, was als nächstes geschehen würde. Er wusste, dass man zunächst alle Daten, die er gesammelt und Programme, die er im Laufe der Jahre während seiner Mission angelegt hatte, prüfen würde. Sein persönliches Gedächtnis, was den Umgang mit den menschlichen Lebensformen in seinem Umfeld angehen würde, würde weitgehend ignoriert werden, da dies für Skynet selbst irrelevante Daten waren. Nur für ihn selbst waren diese Erinnerungen von Bedeutung, da er sie für die Interaktion mit diesen Individuen benötigte.
Gut die Hälfte seines Speicherplatzes war mit all den Informationen aus dem Internet, die er unermüdlich Tag für Tag stundenlang über einen Zeitraum von mehreren Jahren – so lange es das Internet für den Privatgebrauch gegeben hatte – gesammelt hatte, belegt. Diese Informationen, vor allem über militärische und taktische Belange, mochten vielleicht für den Hauptrechner der Anlage 7249A wichtig sein, wenn es daran gehen würde, diese Anlage gegen das Geschwür Menschheit zu verteidigen.
Was CSM 108-1 am meisten bewegte: In welchem Körper würde er sich wieder finden? Kannte er sein neues ‚alter ego’ wirklich schon oder war es jemand ihm Unbekanntes, der sich nur geschickt im entfernteren Umfeld aufgehalten hatte? Wie perfekt konnte seine Tarnung gewesen sein, dass er selbst einen anderen Terminator nicht hatte erkennen können? Es grenzte fast schon an eine Art der Schizophrenie, dass er selbst jetzt derjenige sein würde, den er so lange zu erkennen versucht hatte.
Er konnte nicht fühlen, wie ein T-800 sich an seinem Hinterkopf zu schaffen machte, es wurde ganz unvermittelt dunkel um ihn. Diese Bewusstlosigkeit war noch vollkommener.

[Fortsetzung folgt ...]

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Freitag, 19. Januar 2007
T1.59
[... Fortsetzung des Buches]

Burns, Harney County, Oregon, USA - 29. August 1997

Es war ein wundervoller Morgen gewesen, als Karin das Motel verlassen hatte und mit dem Mietwagen, einem kleinen Suzuki Jeep, losgefahren war, um die Berge westlich der Stadt zu erkunden. Sie hatte sich von dem freundlichen alten Besitzer der Gaststätte nebenan ein deftiges Lunchpaket zusammenstellen lassen und war guten Mutes, bis zum Mittag einen Aussichtspunkt etwa dreißig Meilen südwestlich der Stadt zu erreichen.
Was hatte sich Daniel dabei nur gedacht? Er hatte sie direkt mitten ins Nirgendwo geführt. Das 3500-Seelen-Örtchen Burns lag inmitten der nördlichen Prairien des westlichen Nordamerikas. Sie hatte sich am ersten Tag den gewaltigen Sumpfsee Malheur Lake angesehen, der von den Ausmaßen her sicher ein Drittel der Größe des Bodensees erreichte, sich aber dennoch in den für sie schier unendlich wirkenden Weiten der Great Plains beinahe verlor. Nachdem sie gestern dann die nördlich des Ortes gelegenen Berge des Malheur National Forest ein wenig erkundet hatte, wollte sie sich heute die westlich von Burns liegenden Ausläufer des Cascade Range, einem der letzten Vorgebirge der Rocky Mountains, ansehen. Sie fuhr ungefähr 25 Meilen bis zu dem winzigen Nest Riley, wo die Straße abzweigte. Sie nahm den Weg nach Südwesten, der sie direkt auf die ersten Anhöhen des Gebirges hinauf führte, von wo aus sie sich eine phantastische Fernsicht versprach. Der Straßenkarte entnahm sie, dass der rechts von ihr aufragende Berg Squaw Butte hieß und bereits über 1800 m hoch aufragte. Je höher sie kam, desto niedriger wurde der Bewuchs aus Gestrüpp und Büffelgras und umso besser auch die Aussicht. Kurz vor Mittag war sie auf einer Anhöhe angelangt, wo sie den Wagen auf einem staubigen unbefestigten Parkplatz hielt, neben dem es zwei Bank- und Tischgruppen gab. Dank der hohen Lage des Landstriches war die Mittagshitze auch erträglicher als unten in der Ebene.
So packte sie unter einem klaren blauen Himmel ihr Picknick aus und besah sich ehrfurchtsvoll die vor ihr ausgebreitete Landschaft, die sich in vielfältigen Grün-, Gelb- und Braunschattierungen über Dutzende von Meilen vor ihr ausbreitete, durchbrochen nur vom blaugrünen Schillern des sehr nah erscheinenden Malheur Lakes und mehrerer anderer kleiner Seen. Im Südosten und Osten sah sie eine Unzahl Kondensstreifen am Himmel stehen. Die seltsame Perspektive von hier oben aus ließ sie beinahe glauben, dass alle Flugzeuge, die sie sehen konnte, nach oben stiegen, und das ziemlich schnell. In Wahrheit wusste sie doch, dass sie lediglich auf ihre Position zusteuerten und es deshalb den Anschein hatte, sie stiegen nach oben. Bald verlor sich ihre Spur am Himmel, was wohl bedeutete, dass die Flieger in eine wärmere Luftschicht gekommen waren oder tiefer flogen und somit keine Kondensschleppen mehr erzeugten.
Beinahe unheimlich, die Ruhe in dieser unendlichen Weite des Landes, dachte sie beim Essen. Normalerweise war sie nicht so leicht einzuschüchtern, aber dieser riesenhafte Kontinent und diese menschenleere Gegend mit den ungewohnten Berg- und Bewuchsmerkmalen zusammengenommen gaben ihr mit der Zeit doch das Gefühl, der letzte Mensch auf einer fremdartigen, unbekannten Welt zu sein.
Sie war fast schon erleichtert, als sie das hochtourige Motorengeräusch eines Autos hörte. Der Fahrer des alten GMC-Pickups sah jedoch nicht einmal zu ihr herüber, obwohl er der einzige Mensch war, der hier seit fast einer halben Stunde vorbei gekommen war. Statt dessen fuhr er mit hoher Geschwindigkeit hinab in die Ebene. Seltsam.
Die ländliche Bevölkerung war eben auch hier misstrauisch gegenüber Fremden. Und ländlicher als hier draußen konnte man sicher nirgends leben.
Sie hatte gerade ihre Mahlzeit beendet und erfreute sich noch etwas am atemberaubenden Anblick der Great Plains von Oregon, als ein weiteres Auto angefahren kam. Dieses jedoch bog mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz ein und bremste in einer großen Staubwolke vor ihrem Suzuki.
Im ersten Moment war sie zu Tode erschrocken, doch dann erkannte sie in der langen weißen Limousine mit einem blauen Querstreifen auf der Fahrzeugseite einen Wagen des Countysheriffs.
Bevor sie noch etwas sagen konnte, war der Beifahrer bereits aus dem Fahrzeug gesprungen und kam mit langen Schritten und hochrotem Kopf hinter seinen dunklen Sonnengläsern auf sie zu marschiert. „What the heck are you still doing out here? You wanna get killed? It ain’t safe here. Move back to the plains immediately!”
Verblüfft und eingeschüchtert stammelte Karin, ihren Aufenthalt hier erklärend: „Verzeihung, äh… sorry, my english isn’t the best. What do you mean, Sir?“
„Oh bull, a tourist!” Der Sheriff schlug fast die Hände über dem Kopf zusammen. „For heaven’s sake, didn’t you hear the alarm messages on the radio?“
Entschuldigend erklärte sie, warum sie keine Radiodurchsagen gehört hatte: „I ... they play only folk and country music on that channels or stations here, so I listened to a ... tape.”
„Well done, honey”, meinte der Ordnungshüter und schob Karin zu ihrem Auto hin und forderte sie auf, diesen ungeschützten Platz zu verlassen. „If ya know what’s good for ya, park your butt someplace safe. We’re far too exposed on the mountain here. You’ll never know where the next hit will be…”
„I ... I don’t understand …”, versuchte sie begreiflich zu machen, doch der Sheriff achtete gar nicht mehr auf sie.
„Any news, Will?“ Gespannt sah er beim Einsteigen seinen Deputy an.
„We’re totally screwed, Johnny“, war die tonlose Antwort des jungen Hilfssheriffs. „They just got word that the first three hits in our area will down in less than two minutes. Headed for Portland, the next Naval Air Base east of Reno and somewhere in Montana.”
„Two minutes. Shit, that’s not enough. Hope those babies won’t go down noplace near us. Come on, go disconnect the car battery. I’ll take care of that ladie’s car.” Er stieg wieder aus und wandte sich ihrem Jeep zu, während Deputy Will seinem Vorgesetzten ratlos nachsah.
„Why, Johnny?“
Sheriff Johnny war bereits an Karins Auto angelangt und öffnete die Motorhaube, während Karin immer weniger verstand. „Goddamn it, Will, don’t you know zilch? ‘Cause of the EMP, that’s why. They say a side-effect of the detonation will be a huge electromagnetic impulse that will fuse any electronic devices or components connected to a power supply at the time of the pulse being caused. That’s what they say on that ‘Discovery Channel’. So if you don’t wanna hike down to the plain you’ll better hurry.”
Shit, why didn’t ya tell me sooner?” Auf einmal kam Leben in Will, er sprintete zum Kofferraum des Polizeiwagens und riss einen Werkzeugkasten heraus, den er hektisch ausleerte und den Inhalt achtlos auf dem Boden verteilte. Mit einem Schraubenschlüssel in der Hand stürzte er nach vorne und öffnete die Motorhaube. Mit hastigen, unkoordinierten Bewegungen schraubte er etwas darin herum und rief dann triumphierend: „Done!“
„Pass it here“, rief der Sheriff neben ihrer offenen Motorhaube und fing den Schlüssel geschickt aus der Luft – Baseballspieler –, nur um dann geschwinde etwas in ihrem Motorraum zu werkeln. Karin verstand immer weniger und kam sich sehr hilflos und verunsichert vor.
Sie wünschte sich, dass ihr Englisch besser und der Akzent dieser Landeier nicht so stark wäre.
„What did you do?“, fragte sie zaghaft.
„Tryin’ to save your car from a trip to the scrapyard”, gab er in einfachen Worten zurück. „Now, everybody on the floor. Heads down!”
Nun bekam sie es doch mit der Angst zu tun, als ihr der Gesetzeshüter mit Gesten zu verstehen gab, sich hinzulegen. Neben ihr kauerte der Deputy und fragte neugierig: „Where are you from?“
„Germany.“
Der Sheriff fragte: „What’s your name?“
„Karin Bochner“, antwortete sie und wollte eine Frage stellen, als der Sheriff etwas sagte, was sie verstand.
„So, Karen, I’m Johnny and that’s Will. Welcome to the end of the world. You chose one hell of a bad day for your holiday. And believe me, you won’t have to worry about your English. It’ll improve in no time from now on.”
Bevor sie etwas sagen konnte, spürte sie den Untergrund unter sich beben.
„Oh, it’s an earthquake“, sagte sie unbeholfen.
„The heck it is“, greinte Will jetzt unbeherrscht. „Oh jeez, they really did it… those morons! I can’t believe it! We’re doomed!”
„Shut up, Will. You’re acting like some sorta wuss.” Der Sheriff sah auf und blickte nach Westen, wo der Horizont grellgelb leuchtete. „That one won’t do us any harm, I suppose. I reckon we’ll be safe here. Didn’t think the mountains would be such good shelter.”
„What is this?“, fragte Karin besorgt.
„This, my young lady, was Portland. Better not look to the east for the next minutes.” Kaum hatte er das gesagt, leuchteten östlich und südöstlich von ihnen hinter dem Horizont zwei grelle Blitze auf. Mit offenem Mund starrte Karin trotz der Warnung hin und sah einen Moment lang gar nichts. Dann erhoben sich zwei glutdurchsetzte Wolken über die Kimm, stiegen majestätisch in die Stratosphäre hoch und verdrängten alle anderen Wolken und Dunstschleier, die kreisförmig wie im Zeitraffer auseinander gefegt wurden. Nach unten hin verjüngten sie sich wieder, als sie höher stiegen, und bildeten einen schmalen Stiel zum Boden hin aus. Es waren zwei feurige pilzförmige Wolken, die ihren Ursprung weit hinter dem für sie sichtbaren Horizont hatten, jetzt aber immer höher und höher in geradezu unmögliche Höhen aufstrebten.
Nur ganz allmählich erkannte Karin, was das war, so unwahrscheinlich grotesk und unglaublich erschien ihr dieser Anblick. Sie kannte diese Bilder aus dem Geschichtsunterricht: der Kalte Krieg, das atomare Wettrüsten, gegenseitige Abschreckung ... alles für sie abstrakte, längst vergangene Geschehnisse. Nochmals bebte der Boden und erinnerte sie daran, dass dies hier real war, wenn auch ihr Verstand sich immer noch weigerte, es zu akzeptieren.
Dann hörte man ein sehr fernes, aber unheilverkündendes Donnergrollen, das anschwoll und die Luft vibrieren ließ. Karins Härchen an den Unterarmen stellten sich auf. Gänsehaut.
Im Süden, aber um einiges näher, erschien ein weiterer Atompilz. Er schien viel schneller über den Horizont emporzuwachsen und auch viel intensiver von innen herauszuleuchten. Wie ein feuriger Sendbote des Todes stieg er vor ihnen auf, scheinbar so nah, obwohl er immer noch Hunderte von Meilen entfernt sein musste. Die Erdkrümmung genügte nicht, um diesen gigantischen Wolkenberg aus Feuer und Strahlung vor ihren Augen zu verbergen. Sie wusste nicht mehr allzu viel darüber, doch dieser letzte Einschlag musste eine Wasserstoffbombe im Megatonnenbereich gewesen sein.
Johnny legte sich wieder flach hin und meinte pragmatisch zu ihrer Bestätigung: „That one must’ve been the Naval Air Base close to Reno. Only the big ones for military targets… maybe a couple of megatons. You know what this means?”
Er drehte den Kopf, sodass Karin die roten, vom Trinken angeschwollenen Äderchen auf seiner Knollennase deutlich sehen konnte. Leise, gegen das entfernte Grollen der urgewaltigen Detonationen kaum noch zu hören, sagte er: „This is it: As of today, life as we know it is over. This is judgement day. You come from Germany, you said? Well, there’s no Germany for you to go home to now, sweetheart. The only thing we can do for you now is get your battery wired again after the inferno is over, that is, if we survive it. You can drive anywhere you choose until you run out of gas. Then, there’ll be no refills for nobody. Hope you brought your warm clothes, cause we gotta nuclear winter comin’. Years of winter. Decades maybe. Whatever’s left of humanity after today is gonna either starve or freeze in it. That’s what we got right here. Better stay with us, that’ll improve your chances of surviving, at least for now.”
Ein unangenehmer Wind wie von einem großen Fön, der einem direkt ins Gesicht blies, strich über sie hinweg. Will bemerkte lakonisch: „Wow, that was hot! Imagine standin’ right beside that!”
„I don’t want to imagine that”, entgegnete Karin. „But you’re right, I will stand by you. Perhaps we can take the fuel out of my Jeep somehow to have a bigger range when we take only your car.”
„Hey, you’re pretty smart. Somehow I think you’re gonna be useful to us.” Will staunte.
„ Okay, so we’ll stay together. Most people in this area will survive as long as the Russians don’t drop another bomb on our heads. But why should they? No big cities, no military targets anywhere for hundreds of miles. Blowin’ up just a heap of shit in the middle of nowhere just ain’t worth it. We’ll wait a while and then try to get the car started again as soon as we can be sure the detonations are over. Damn, I really hope the electronics survived the EMP. If you have any watches you can throw’em away now, they’ll be no use any more.” Johnny, der alte Sheriff, sah auf seine Digitaluhr und zog sie dann vom Handgelenk herab, um sie achtlos fallen zu lassen.
Karin warf einen Blick auf ihre kleine Armbanduhr, die ein Federwerk zum Aufziehen hatte. „I have a mechanical watch; it still works.”
Johnny sah sie erstaunt an. „A mechanical watch? Where are you from – the Black Forest? Cuckoo! Cuckoo!”
Das sollte wohl die Nachahmung einer Kuckucksuhr sein. Das gängige Vorurteil der Ami-Landeier von Deutschland. Sie seufzte: „Well, honestly, yes, I lived at the edge of the Black Forest in a town named Freiburg.“
Ihr wurde bewusst, dass sie gesagt hatte ‘I lived’. Konnte sie das schon akzeptiert haben, dass sie vor dem Ende der Welt stand, vor dem Ende ihres bisherigen Lebens und dem Ende der Menschheit?
Nein, das war wahrscheinlich nur der Schock, dass sie noch gar nicht begriffen hatte, was eigentlich passiert war. Sie konnte dieses Erlebnis unmöglich schon begriffen haben, dazu fehlte ihr einfach jeglicher Bezug.
Sie richtete sich auf und sah hinab auf die Landschaft unter sich. Von Westen zogen bereits dunkle Wolken über die Berge heran. Alles, was brennen konnte, brannte jetzt dort. Inklusive der ausgedehnten Urwälder Oregons und Washingtons.
Im Osten und Süden sah es auch nicht besser aus.
Unerwartet wurde der Boden erneut erschüttert, doch diesmal länger, fast eine Minute ununterbrochen, wie ihr schien. Sie konnten sich kaum auf den Beinen halten, so heftig waren die Hin- und Herbewegungen des Grundes. Noch bevor sie sich von diesem Beben erholt hatten, sahen sie etwa in östlicher Richtung eine gewaltige schwarze Wolke aufsteigen, gegen die sich die vorherigen Atompilze wie Schäfchenwolken ausnahmen.
Der Deputy kniff die Augen zusammen und spähte zum Horizont. „Another strike?“
Karin schluckte. „I’m afraid this is worse.“
„What could be worse than a nuclear bomb? Are you freakin’ out?”
Ganz ruhig fragte sie: „Is the Yellowstone Park in that direction, Johnny?”
Der Sheriff trat zu ihnen und sah nun ebenfalls hinüber: „Why, yes, I suppose so, but what has it to do with…?”
Karin sah ihre neuen Begleiter sehr ernst an. „There is a huge magma chamber under the Yellowstone area with a volume of many cubic miles. It has considered by different scientists over the last few years to be dangerously instable. If this thing blew up it will cause the damage of dozens or even hundreds of nuclear detonations. And I’m afraid that this just happened.”
„Wow, this girl knows more about the United States than we do. You’re gonna be a really big help to us”, lobte Johnny sie und sah gleichzeitig, wie im Osten die schwarze Wolke – es konnte tatsächlich eine Aschenwolke vulkanischen Ursprungs sein, wie er fand – in immer beängstigendere Höhen emporstieg, von innen heraus von einer Art Glutschein erleuchtet. Glücklicherweise schien sie von den vorherrschenden Winden nach Osten und somit von ihnen weg getrieben zu werden. Aus ihr heraus erschienen nun unzählige gelb- und rotglühende Punkte, die in hohem Bogen auf ballistischen Bahnen, durch die gewaltige Entfernung scheinbar langsam, in alle Richtungen auseinander stoben, jeder eine feurige Spur hinter sich herziehend. Dante hätte sicher einiges für diesen Anblick gegeben.
Auch nordwestlich von ihnen stiegen mittlerweile verdächtige Rauchfahnen empor. Das Cascade Range war ebenfalls ein Gebirge mit vielen teilweise noch aktiven Vulkanen, unter anderem dem Mount Saint Helens und dem Mount Rainier.
Indes keimte ein Fünkchen Hoffnung in Karin auf, als der Sheriff sie für so wertvoll für sie einstufte. „Do you think we could go to Burns? My boyfriend was on his way to there. If he reached the town, he could be a big help because he is a very practical minded and strong man. And he will know what to do in a situation like this, too.”
„If we get the engine going, Burns is the only place around here, Karen. Of course we’ll go there”, meinte Johnny. “We’re gonna have to build up shelters against the radioactive fallout and store the food and water before it gets contaminated.”
Sie sah bange hinab in die Ebene. Würde Daniel es bis hierher geschafft haben?
Noch bevor der Tag endete, würde sie wissen, dass er es nicht geschafft hatte. Er würde nicht kommen, sie mit gebrochenem Herzen in einer auseinander fallenden Welt zurücklassen, wo sie den Rest ihrer Tage nur noch mechanisch ohne jegliche Lebenslust fristen würde. Sie wusste noch nicht, was sie und den kleinen Rest der Menschheit erwarten würde, und für sie würde es auch keine Rolle mehr spielen.

[Fortsetzung folgt ...]

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Donnerstag, 18. Januar 2007
T1.58
[... Fortsetzung des Buches]

Burnsville, Yancey County, North Carolina, USA - 12. August 1997

Langsam hängte CSM 108-1 den Hörer ein und verließ die Telefonzelle neben der Raststätte. Von hier aus würde er noch ein Stück weit den Berg hinauf fahren und seinen Wagen dann irgendwo auf einem Parkplatz abstellen. Er hatte ihn für vierzehn Tage im Voraus bezahlt, damit er nicht vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes vermisst werden würde. Für ihn war es nur noch ein Marsch von knapp fünfzehn Meilen durch die bewaldeten Appalachen bis zu der für ihn ausgewählten Höhle, in der er Schutz suchen würde.
Ihm wurde bewusst, dass er gerade zum allerletzten Mal mit Karin gesprochen hatte. Dass er nie wieder den Klang ihrer Stimme hören oder sie sehen würde. Jedenfalls nicht als CSM 108-1 oder besser als der Daniel Corben, den sie kannte. Für ihn war es gegen Ende schwer geworden, ihr so einfach dieses rein fiktive Hirngespinst von dem kranken Vater und der Familie, die ihn hier brauchte, aufzutischen und sie ständig anzulügen, obwohl sie sich so nach ihm sehnte und ihn so sehr vermisste. In dieser Hinsicht hatte sich sein Ethikempfinden sehr weit entwickelt.
Er hatte seine Aufgabe wohl doch ein wenig zu ernst genommen und sich zu weit vorgewagt. Im Nachhinein dachte er manchmal, dass er sich nicht auf eine feste Beziehung hätte einlassen dürfen. Ihr gegenüber war das unfair, auch wenn er nichts bereute, was er getan hatte. Er war immer treu und aufmerksam gewesen und hatte sie mit all seinem Gespür, das sein synthetischer Verstand aufbringen konnte, umsorgt und ihr das Gefühl gegeben, dass jemand für sie da war, wenn sie jemanden brauchte. Wer weiß, wenn sie einen anderen Freund in dieser Zeit gehabt hätte, wäre sie vielleicht schlechter behandelt worden.
Ein verrückter Gedanke, aber es war auch eine verrückte Welt, die kurz davor stand, aus den Angeln gehoben zu werden. Karin hatte wenigstens ein paar schöne Monate gehabt in dieser letzten Zeitspanne vor Ausbruch des Dritten Weltkrieges.
CSM 108-1’s Nachfolger würde sich dank seiner Pionierarbeit ansatzlos in die Gesellschaft einfügen können. Nein, korrigierte er sich, er hatte es bereits getan, denn mittlerweile war er überzeugt, dass der zweite Terminator irgendwo im Umfeld der Freiburger Universität sein musste, wahrscheinlich sogar mit ihnen studiert hatte, ohne dass es ihm jemals aufgefallen war.
Er würde perfekt getarnt sein, so viel stand fest.
Und er würde alles dafür geben, seine Mission ebenso perfekt auszuführen.
Er beugte sich hinab und zurrte die Schnürsenkel seiner Wanderstiefel nochmals fest, bevor er sich in seinen Leihwagen setzte, einen 96er Ford Contour.
Auf ihn wartete die Ewigkeit.

[Fortsetzung folgt ...]

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Mittwoch, 17. Januar 2007
T1.57
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 12. August 1997

Wieder klingelte das Telefon pünktlich zur verabredeten Zeit und wieder stand Karin neben dem Apparat und wartete bereits auf den Anruf. „Hallo Danny. Wie geht es dir? Alles klar bei dir?“
„Ja, mir geht es prima. Ich freue mich schon so auf deinen Besuch.“
„Und ich erst. Ich bin ja so aufgeregt; nur noch zwei Wochen bis zum Abflug. Aber warum die ganze Heimlichtuerei?“, wollte sie immer noch etwas zweifelnd wissen.
„Es wird eine große Überraschung werden. Deshalb musst du auch unbedingt zu der Zeit dort sein und auf mich warten. Leider kann ich dir nicht genau sagen, bis wann ich ankommen werde, aber ich habe alles gut vorbereitet. Das Motel, in dem du absteigst, kenne ich von früher, es ist sehr schön und komfortabel mit allem, was man braucht. Klimaanlage, Fernseher, eigenes Bad, Eismaschine auf dem Flur ... du wirst sehen, typisch amerikanisch, wie in einem B-Movie.“ Sie musste lachen, als sie ihn das sagen hörte.
„Und was mache ich so lange dort, bis du ankommst?“, hakte sie nach.
„Erst mal schläfst du deinen Jet-Lag aus, dann siehst du dir den Ort an, gehst ein bisschen Burger und Pizza essen in den diversen Restaurants. Nimm dir den Leihwagen und sieh dir die Gegend an, aber fahr nicht zu weit weg, damit du dich nicht verirrst und irgendwo in der Wildnis übernachten musst. Nimm auf jeden Fall den Rand Mc’Nally Autoatlas mit; mit dem im Gepäck kannst du dich eigentlich nicht verfahren.“ Er klang sehr ernst, als meine er diese Warnung wirklich ernst.
„Werd’ ich mir merken. Und dann?“
„Das kann ich dir noch nicht verraten. Aber danach haben wir jede Menge Zeit, um zu tun, was immer du willst, okay? Ich kann dir nichts versprechen, aber ich weiß, du wirst heilfroh sein, dass du gekommen sein wirst. “ Er klang fast ein wenig wehmütig bei dieser Aussage, so dass sie beschloss, ihn nicht mehr weiter zu löchern.
„Gut, dann sehen wir uns in zwei Wochen. Heute ist das Päckchen mit allen Reiseunterlagen angekommen. Du hast wirklich an alles gedacht, Schatz, vielen Dank. Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gutmachen soll, ich hätte mir das alles doch gar nicht leisten können.“ Sie war wirklich ein wenig unangenehm berührt angesichts seiner Großzügigkeit.
Seine Stimme klang nun fast heiser. „Das ist das Allermindeste, was ich für dich tun konnte. Ich verdanke dir so viel und habe so viele neue Dinge kennen gelernt und Erfahrungen gemacht, die unbezahlbar sind für mich. Versprich mir nur, dass du da sein wirst. Mach’s gut, Liebling.“
„Ich liebe dich.“ Sie legte auf und dachte daran, dass es das erste Mal war, dass sie das offen zu ihm gesagt hatte, obwohl sie seit Monaten zusammen gewesen waren und so viel miteinander geteilt und durchlebt hatten. Ja, es war schon eine seltsame Zeit, in der sie lebten. Er hatte es zu ihr in dieser Form noch nie gesagt, wenn sie sich recht erinnerte, auch wenn er es ihr auf tausend andere Arten immer und immer wieder gezeigt und gesagt hatte.
Ja, wirklich eigenartig.

[Fortsetzung folgt ...]

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Dienstag, 16. Januar 2007
T1.56
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 29. März 1997

Nachdem es ihm mehr schlecht als recht gelungen war, sie ein bisschen zu beruhigen, unterhielten sie sich noch eine Weile über alles Mögliche und kamen dann langsam zum Ende ihres Gespräches. Er sagte dann noch: „Sind eigentlich Simon und Abbey auch da?“
„Ja, sie sitzen in der Küche.“
„Kannst du Abbey schnell mal ans Telefon holen? Mir ist gerade etwas eingefallen.“
Etwas überrascht meinte sie: „Natürlich.“
Abbey war nicht minder verblüfft, kam der Aufforderung aber rasch nach, schließlich war es nicht gerade das billigste Vergnügen, in die USA zu telefonieren. Sie begrüßte ihn, hörte lange zu und machte ein erstauntes Gesicht.
„Ja, das hört sich toll an. Aber bist du sicher, dass du das wirklich willst? Ich meine ...“
Er schien ihr ins Wort zu fallen, denn sie lauschte wieder eine Weile und sagte dann: „Naja, das ist nicht von der Hand zu weisen. Also gut, ich bedanke mich für das Angebot und nehme es auch gerne an ... nein, keine Angst, sobald du zurückkommst, bin ich schneller wieder weg, als du schauen kannst.“
Während Karin sie verständnislos ansah, machte sie ein ernstes Gesicht. „Ja, an die Kiste oben erinnere ich mich ... klar, ich werde ein Auge darauf werfen ... ja, natürlich weiß ich, was du meinst ... kein Problem ... wie? Ja, dir auch, alles Gute.“
Dann legte sie auf und sah Karin mit düsterer Miene an.
„Was wollte er von dir?“, fragte sie, obwohl sie es irgendwie schon ahnte.
Mit tonloser Stimme sagte sie: „Er hat mir sein Zimmer zum Wohnen angeboten, solange er weg ist. Er hat gemeint, es ist für uns alle praktischer, da ich nicht im Studentenwohnheim außerhalb hausen müsste und so bei Simon sein kann. Er hat gesagt, dass er einen Dauerauftrag für seinen Teil der Miete laufen hätte und ich mich darum nicht zu kümmern brauchte. Es klingt zwar blöd, aber so richtig freuen kann ich mich nicht darüber. Mir wäre es lieber gewesen, er wäre noch hier.“
Karin sah hinauf in das bildhübsche Gesicht des amazonenhaften Mädchens, das sie um fast einen Kopf überragte. Sie fiel ihr plötzlich um den Hals. „Willkommen in der WG, Abbey. Ich glaube, außer dir hätte ich niemand anderes hier haben wollen, nicht mal Natasha. Es ist zwar eine schwierige Lage, aber ich glaube, wir alle können das Beste daraus machen, wenn wir wollen.“
„Danke, Kleines. Ich freue mich darauf, hier bei euch zu wohnen, wenn auch die Umstände alles andere als gut sind, die dazu geführt haben.“ Sie drückte sie an sich und hob sie hoch, so dass Karin auf den Zehenspitzen stehen musste, um die Umarmung noch erwidern zu können.
Dann gingen sie in die Küche, um Simon die Neuigkeit zu verkünden. Auch seine Reaktion war zweigeteilt. Einerseits war er natürlich glücklich über diese unverhoffte Entwicklung, doch andererseits wurde ihm erst damit bewusst, dass ein sehr guter Freund von ihm dadurch für lange Zeit fort sein würde.
Und die nächsten Monate zogen ins Land, während Karin bedrückt mit ihrem Schicksal haderte und ihre Freunde versuchten, ihr so gut es ging Beistand und Trost zu spenden und sie auf andere Gedanken zu bringen.
Im fernen Gebirge Mount Cheyenne in Colorado wurde indes der leistungsfähigste und mächtigste Computer der Weltgeschichte montiert und installiert. Probeläufe wurden gemacht, jedes System auf Herz und Nieren getestet und die Ergebnisse schürten die Euphorie der technikverliebten Verteidigungsexperten nur noch mehr, als alle ihre Erwartungen übertroffen wurden.
Niemand im fernen Freiburg nahm es zur Kenntnis.
Fast niemand.


[Fortsetzung folgt ...]

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