Montag, 15. Januar 2007
T1.55
cymep, 18:44h
[... Fortsetzung des Buches]
Chelsea, Manhattan Island, New York City, USA - 29. März 1997
Mit einer großen Papiertüte beladen kam CSM 108-1 zu seiner Wohnungstür herein. Er hatte ein kleines Ein-Zimmer-Apartment in der gleichen Straße, der 28th West in Chelsea mit Blick auf den Park, gefunden, nur wenige Häuser von seiner alten Wohnung entfernt. Immer wieder erstaunlich, was man mit der richtigen Summe Geld alles erreichen konnte, vor allem in den extrem kapitalistisch ausgerichteten USA.
Nach fast zwölf Jahren erinnerte sich selbstverständlich niemand aus dem Umfeld hier, dem er auch nur zufällig begegnen mochte, an ihn. Dieses Sicherheitsrisiko konnte er getrost ausschließen. In Freiburg allerdings wäre es für ihn eventuell ungemütlich geworden, wenn er noch länger geblieben wäre, wie er den dortigen regionalen Publikationen nach im Internet schloss. Die Ermittlungen im Mordfall Uni-Café kamen offenbar voran, aber wie immer in solchen Fällen war die Öffentlichkeit vom aktuellen Stand der Ermittlungen ausgeschlossen.
Er hatte sich von hier aus in die Computer der LKA Baden-Württemberg eingeschaltet, was weitaus risikoloser war, als in ein Netzwerk der US-Behörden einzuhacken, auch wenn er selbst diese Herausforderung mit Leichtigkeit würde bewältigen können. Dabei war er auf noch insgesamt fünf Phantomzeichnungen gestoßen, die sämtlich in mehreren Variationen im Aussehen der fraglichen Personen ausgeführt waren. Ganz wie er erwartet hatte.
Eines von ihnen zeigte ihn mit buschigem Schnauzer, eines mit langen Haaren und stoppeligem Vollbart und eines leider auch glattrasiert und mit kurzen Haaren.
Es sah ihm ziemlich ähnlich, wenn auch nur vage.
In diesem Fall war seine Entscheidung richtig gewesen, wenn es ihm auch sehr schwer gefallen war. Seine Mission war weitgehend vollendet, er musste nur noch die Zeit bis zum Aufsuchen seines Unterschlupfes aussitzen, dann würde er sie als vollen Erfolg verbuchen können.
Er dachte kurz nach. In Deutschland war es jetzt später Nachmittag. Zeit für seinen wöchentlichen Anruf. Er wählte die Nummer seiner WG und hörte, wie nach nur einem Läuten abgenommen wurde.
„Bochner.“
„Hallo, Karin. Wie geht es dir?“, sagte er mit möglichst fröhlichem Ton in der Stimme.
„Oh, Danny. Mir geht es gut, aber ich vermisse dich so sehr. Wie geht es bei dir?“ Sofort begann sie zu schluchzen. Als er sie damals kennen gelernt hatte, hätte er es nie für möglich gehalten, dass sie ein so emotionaler Mensch sein könnte.
„Mir geht es bestens, aber mein Vater ...“ Er ließ den Satz im Raum stehen und färbte den Klang seiner Stimme traurig.
„Geht es ihm nicht besser?“ Sie war ehrlich besorgt, obwohl sie ihn nicht einmal kannte. Was für ein toller Mensch.
Er seufzte schwer. „Ehrlich gesagt, nein. Er erträgt die Krankheit mit indianischer Tapferkeit und macht Späßchen, wenn ich ihn besuche. Du weißt ja, anfangs war er sehr wütend darüber, dass ich wegen ihm hergekommen bin, denn er wäre der Letzte gewesen, der das gewollte hätte. Aber ich glaube, jetzt ist er doch sehr froh, dass ich hier bin. Vielleicht ahnt er, wie ernst sein Zustand ist, auch wenn er momentan stabil ist. Das wirklich Schlimme ist meine Mutter. Für sie ist es fast noch wichtiger, dass ich in dieser Lage hergekommen bin, um die Familie zu unterstützen. Wir brauchen uns alle, um uns gegenseitig Mut und Kraft zu geben, verstehst du?“
„Und dein Bruder?“ Sie schien ehrliche Anteilnahme an seiner fiktiven Situation zu haben. Er hatte einmal sogar vorgegeben, dass sein Bruder bei ihm wäre und sich mit leicht veränderter Stimmmodulation als David ausgegeben. Mit stockender Stimme hatte sie darauf ihr Englisch zusammengesucht und ihm ihre Anteilnahme versichert, was er als sehr rührend einstufte. Lachend hatte er ihr erklärt, dass sie sich nicht zu bemühen brauchte, da er doch fließend Deutsch spräche, und sich erkundigt, ob sie an den Knien Narben von ihrem Fahrradsturz zurückbehalten habe. Sie hatte gleichzeitig gelacht und geweint vor Rührung.
„Nun, er ist natürlich sehr beschäftigt in seinem Job, aber er ist auch sehr froh, dass ich da bin. Wir verbringen viel Freizeit miteinander, wann immer wir können. Nächste Woche wollen die Ärzte entscheiden, ob sie meinen Dad aus dem Krankenhaus entlassen und ihn zu uns nach Hause zur Pflege geben wollen. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist; meine Mutter hat geweint, als sie ihr das gesagt haben.“
„Du Ärmster. Und was machst du sonst so?“, fragte sie neugierig.
Er zögerte. „Bitte sei mir nicht böse, Karin, aber ich habe mich für dieses Semester in der Fordham University eingeschrieben. Zwar nicht die renommierteste und auch ein Stückchen zu fahren jeden Tag, aber so kurzfristig bin ich sonst nirgends untergekommen. Und sie liegt nur zwei Blocks vom Südende des Central Parks entfernt, man hat einen tollen Ausblick von den obersten Stockwerken der höheren Gebäude.“
Ihre Stimme kam nur stockend: „Das freut mich für dich. Du weißt sicher, was du tust. Ich ...“
„Bitte mach’ es mir nicht so schwer, Karin. Ich vermisse dich auch, das weißt du doch. Es ist nur für ein paar Monate; bevor du es merkst, bin ich zum Wintersemester wieder bei euch. Ich wollte dir die Entscheidung, so lange zu bleiben, eigentlich auf sanftere Art beibringen, aber ich wusste auch nicht, wie.“ Er sprach langsam und bedächtig, da dies eine sehr komplizierte Situation für ihn war und er keine Erfahrungen hatte, wie damit umzugehen war.
[Fortsetzung folgt ...]
Chelsea, Manhattan Island, New York City, USA - 29. März 1997
Mit einer großen Papiertüte beladen kam CSM 108-1 zu seiner Wohnungstür herein. Er hatte ein kleines Ein-Zimmer-Apartment in der gleichen Straße, der 28th West in Chelsea mit Blick auf den Park, gefunden, nur wenige Häuser von seiner alten Wohnung entfernt. Immer wieder erstaunlich, was man mit der richtigen Summe Geld alles erreichen konnte, vor allem in den extrem kapitalistisch ausgerichteten USA.
Nach fast zwölf Jahren erinnerte sich selbstverständlich niemand aus dem Umfeld hier, dem er auch nur zufällig begegnen mochte, an ihn. Dieses Sicherheitsrisiko konnte er getrost ausschließen. In Freiburg allerdings wäre es für ihn eventuell ungemütlich geworden, wenn er noch länger geblieben wäre, wie er den dortigen regionalen Publikationen nach im Internet schloss. Die Ermittlungen im Mordfall Uni-Café kamen offenbar voran, aber wie immer in solchen Fällen war die Öffentlichkeit vom aktuellen Stand der Ermittlungen ausgeschlossen.
Er hatte sich von hier aus in die Computer der LKA Baden-Württemberg eingeschaltet, was weitaus risikoloser war, als in ein Netzwerk der US-Behörden einzuhacken, auch wenn er selbst diese Herausforderung mit Leichtigkeit würde bewältigen können. Dabei war er auf noch insgesamt fünf Phantomzeichnungen gestoßen, die sämtlich in mehreren Variationen im Aussehen der fraglichen Personen ausgeführt waren. Ganz wie er erwartet hatte.
Eines von ihnen zeigte ihn mit buschigem Schnauzer, eines mit langen Haaren und stoppeligem Vollbart und eines leider auch glattrasiert und mit kurzen Haaren.
Es sah ihm ziemlich ähnlich, wenn auch nur vage.
In diesem Fall war seine Entscheidung richtig gewesen, wenn es ihm auch sehr schwer gefallen war. Seine Mission war weitgehend vollendet, er musste nur noch die Zeit bis zum Aufsuchen seines Unterschlupfes aussitzen, dann würde er sie als vollen Erfolg verbuchen können.
Er dachte kurz nach. In Deutschland war es jetzt später Nachmittag. Zeit für seinen wöchentlichen Anruf. Er wählte die Nummer seiner WG und hörte, wie nach nur einem Läuten abgenommen wurde.
„Bochner.“
„Hallo, Karin. Wie geht es dir?“, sagte er mit möglichst fröhlichem Ton in der Stimme.
„Oh, Danny. Mir geht es gut, aber ich vermisse dich so sehr. Wie geht es bei dir?“ Sofort begann sie zu schluchzen. Als er sie damals kennen gelernt hatte, hätte er es nie für möglich gehalten, dass sie ein so emotionaler Mensch sein könnte.
„Mir geht es bestens, aber mein Vater ...“ Er ließ den Satz im Raum stehen und färbte den Klang seiner Stimme traurig.
„Geht es ihm nicht besser?“ Sie war ehrlich besorgt, obwohl sie ihn nicht einmal kannte. Was für ein toller Mensch.
Er seufzte schwer. „Ehrlich gesagt, nein. Er erträgt die Krankheit mit indianischer Tapferkeit und macht Späßchen, wenn ich ihn besuche. Du weißt ja, anfangs war er sehr wütend darüber, dass ich wegen ihm hergekommen bin, denn er wäre der Letzte gewesen, der das gewollte hätte. Aber ich glaube, jetzt ist er doch sehr froh, dass ich hier bin. Vielleicht ahnt er, wie ernst sein Zustand ist, auch wenn er momentan stabil ist. Das wirklich Schlimme ist meine Mutter. Für sie ist es fast noch wichtiger, dass ich in dieser Lage hergekommen bin, um die Familie zu unterstützen. Wir brauchen uns alle, um uns gegenseitig Mut und Kraft zu geben, verstehst du?“
„Und dein Bruder?“ Sie schien ehrliche Anteilnahme an seiner fiktiven Situation zu haben. Er hatte einmal sogar vorgegeben, dass sein Bruder bei ihm wäre und sich mit leicht veränderter Stimmmodulation als David ausgegeben. Mit stockender Stimme hatte sie darauf ihr Englisch zusammengesucht und ihm ihre Anteilnahme versichert, was er als sehr rührend einstufte. Lachend hatte er ihr erklärt, dass sie sich nicht zu bemühen brauchte, da er doch fließend Deutsch spräche, und sich erkundigt, ob sie an den Knien Narben von ihrem Fahrradsturz zurückbehalten habe. Sie hatte gleichzeitig gelacht und geweint vor Rührung.
„Nun, er ist natürlich sehr beschäftigt in seinem Job, aber er ist auch sehr froh, dass ich da bin. Wir verbringen viel Freizeit miteinander, wann immer wir können. Nächste Woche wollen die Ärzte entscheiden, ob sie meinen Dad aus dem Krankenhaus entlassen und ihn zu uns nach Hause zur Pflege geben wollen. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist; meine Mutter hat geweint, als sie ihr das gesagt haben.“
„Du Ärmster. Und was machst du sonst so?“, fragte sie neugierig.
Er zögerte. „Bitte sei mir nicht böse, Karin, aber ich habe mich für dieses Semester in der Fordham University eingeschrieben. Zwar nicht die renommierteste und auch ein Stückchen zu fahren jeden Tag, aber so kurzfristig bin ich sonst nirgends untergekommen. Und sie liegt nur zwei Blocks vom Südende des Central Parks entfernt, man hat einen tollen Ausblick von den obersten Stockwerken der höheren Gebäude.“
Ihre Stimme kam nur stockend: „Das freut mich für dich. Du weißt sicher, was du tust. Ich ...“
„Bitte mach’ es mir nicht so schwer, Karin. Ich vermisse dich auch, das weißt du doch. Es ist nur für ein paar Monate; bevor du es merkst, bin ich zum Wintersemester wieder bei euch. Ich wollte dir die Entscheidung, so lange zu bleiben, eigentlich auf sanftere Art beibringen, aber ich wusste auch nicht, wie.“ Er sprach langsam und bedächtig, da dies eine sehr komplizierte Situation für ihn war und er keine Erfahrungen hatte, wie damit umzugehen war.
[Fortsetzung folgt ...]
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Sonntag, 14. Januar 2007
T1.54 Kapitel 11
cymep, 21:28h
[... Fortsetzung des Buches]
- 11 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 28. Februar 1997
Simon und Abbey kamen zusammen am frühen Abend zur Wohnung zurück. Sie hatten ein wenig Zeit in einem Café in der Konviktstraße verbracht und wollten sich einen schönen Fernsehabend machen, wie sie gerade beim Aufschließen der Tür beratschlagten. Abbey hielt mit einem Mal inne.
„Hörst du das auch?“
Simon lauschte. „Nein, was denn?“
Abbey ging in die Küche und erstarrte. Am Kopfende des langen Tisches, mit dem Rücken zu ihnen, saß Karin völlig regungslos in der einsetzenden Dunkelheit und starrte mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern nach draußen auf die Lichter der Stadt.
„Karin, was ist denn?“, fragte Simon leicht besorgt.
„Es ist wegen Daniel“, begann sie und ihre Schultern zuckten krampfhaft.
„Was ist mit ihm? Wo ist er?“, wollte Abbey wissen. In ihrer Stimme schwang eine dunkle Vorahnung mit.
Ganz plötzlich sprang sie auf und warf sich Abbey um den Hals. Mit erstickter Stimme schluchzte sie: „Er ist weg! Ich bin so unglücklich ...“
‚Scheiße, wie in einem schlechten Film’, dachte Simon benommen. Abbey nahm Karin in den Arm und wiegte sie sanft ein wenig hin und her. „Beruhige dich erst mal, Kleines, und dann erzähl’ schön langsam, was du damit meinst.“
Sie setzte sie auf den Stuhl zurück und nahm den Platz neben ihr ein, während Simon unsicher im Hintergrund blieb. Obwohl er sie schon lange kannte, war es Abbey gewesen, der sie sich in ihrer Verzweiflung anvertraut hatte. In solchen Momenten hatten Frauen manchmal einen besseren Draht zueinander, dachte er und wartete ab, was nun kommen mochte.
„Als ich heute von der letzten Vorlesung heimkam, hatte er schon gepackt und schrieb mir gerade einen langen Brief, der alles erklärte. Als er mich sah, hat er ihn zusammengeknüllt und weggeworfen und mich dann wortlos mit ernster Miene in den Arm genommen und lange gedrückt.
Er hat mich hier hingesetzt und mir erklärt, dass sein Bruder ihn angerufen hat, weil es seinem Vater sehr schlecht geht und die Ärzte nicht wissen, ob er sich von seiner Krankheit wieder erholen wird. Ich weiß nicht genau, was er hat, Daniel war so außer sich, dass er nur die englischen Fachbegriffe für die Krankheit benutzt hat, die ihm sein Bruder am Telefon genannt hatte. Er sagte, dass er sofort in die Staaten fliegen müsse und nicht wüsste, wie lange er bleiben würde. Vielleicht würde er das Frühlingssemester sausen lassen, wenn es zu lange gehen würde, und ein Semester drüben absolvieren, um bei seiner Familie zu sein.
Er ist vielleicht ein halbes Jahr weg, versteht ihr? Ein halbes Jahr!“ Wieder begann sie zu schniefen.
„He, das ist doch nicht gleich das Ende der Welt“, bemerkte Simon und erntete dafür einen seltsam strengen Blick von Abbey.
„Es tut mir leid, Karin“, redete sie sanft auf ihre Kommilitonin ein. „Ich bin sicher, er wird sich oft genug melden und dich wissen lassen, wie es ihm geht. Du kannst ihn ja einmal besuchen gehen in des Sommerferien oder so.“
„Bei dem momentanen Dollarkurs?“, schniefte sie. „Das kann ich mir unmöglich leisten.“
„Wir finden schon eine Lösung für alles. Noch ist ja nicht gesagt, dass er wirklich so lange wegbleibt. Vielleicht erholt sich sein Vater ja wieder und er ist pünktlich zum Beginn des nächsten Semesters wieder hier“, meinte sie wider besseren Wissens.
„Nein, ich habe ein ganz schlechtes Gefühl dabei“, widersprach Karin und sah ihr traurig in ihre tiefgrünen Augen. „Irgendwie spüre ich es, dass er sehr lange fortbleiben wird. Und ich vermisse ihn schon jetzt ...“
Ihre Stimme erstarb.
Simon war in CSM 108-1’s Zimmer gegangen und hatte sich umgesehen. „Weißt du, Karin, für mich sieht es fast so aus wie immer. Er hat nur ein paar Klamotten eingepackt und sonst praktisch nichts mitgenommen. Für mich sieht es nicht so aus, als habe er wirklich damit gerechnet, dass er lange fortbleiben würde.
Karin strich sich über die laufende Nase. „Danke, Simon, das ist nett von dir. Ich glaube, ich sollte die Hoffnung nicht aufgeben.“
[Fortsetzung folgt ...]
- 11 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 28. Februar 1997
Simon und Abbey kamen zusammen am frühen Abend zur Wohnung zurück. Sie hatten ein wenig Zeit in einem Café in der Konviktstraße verbracht und wollten sich einen schönen Fernsehabend machen, wie sie gerade beim Aufschließen der Tür beratschlagten. Abbey hielt mit einem Mal inne.
„Hörst du das auch?“
Simon lauschte. „Nein, was denn?“
Abbey ging in die Küche und erstarrte. Am Kopfende des langen Tisches, mit dem Rücken zu ihnen, saß Karin völlig regungslos in der einsetzenden Dunkelheit und starrte mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern nach draußen auf die Lichter der Stadt.
„Karin, was ist denn?“, fragte Simon leicht besorgt.
„Es ist wegen Daniel“, begann sie und ihre Schultern zuckten krampfhaft.
„Was ist mit ihm? Wo ist er?“, wollte Abbey wissen. In ihrer Stimme schwang eine dunkle Vorahnung mit.
Ganz plötzlich sprang sie auf und warf sich Abbey um den Hals. Mit erstickter Stimme schluchzte sie: „Er ist weg! Ich bin so unglücklich ...“
‚Scheiße, wie in einem schlechten Film’, dachte Simon benommen. Abbey nahm Karin in den Arm und wiegte sie sanft ein wenig hin und her. „Beruhige dich erst mal, Kleines, und dann erzähl’ schön langsam, was du damit meinst.“
Sie setzte sie auf den Stuhl zurück und nahm den Platz neben ihr ein, während Simon unsicher im Hintergrund blieb. Obwohl er sie schon lange kannte, war es Abbey gewesen, der sie sich in ihrer Verzweiflung anvertraut hatte. In solchen Momenten hatten Frauen manchmal einen besseren Draht zueinander, dachte er und wartete ab, was nun kommen mochte.
„Als ich heute von der letzten Vorlesung heimkam, hatte er schon gepackt und schrieb mir gerade einen langen Brief, der alles erklärte. Als er mich sah, hat er ihn zusammengeknüllt und weggeworfen und mich dann wortlos mit ernster Miene in den Arm genommen und lange gedrückt.
Er hat mich hier hingesetzt und mir erklärt, dass sein Bruder ihn angerufen hat, weil es seinem Vater sehr schlecht geht und die Ärzte nicht wissen, ob er sich von seiner Krankheit wieder erholen wird. Ich weiß nicht genau, was er hat, Daniel war so außer sich, dass er nur die englischen Fachbegriffe für die Krankheit benutzt hat, die ihm sein Bruder am Telefon genannt hatte. Er sagte, dass er sofort in die Staaten fliegen müsse und nicht wüsste, wie lange er bleiben würde. Vielleicht würde er das Frühlingssemester sausen lassen, wenn es zu lange gehen würde, und ein Semester drüben absolvieren, um bei seiner Familie zu sein.
Er ist vielleicht ein halbes Jahr weg, versteht ihr? Ein halbes Jahr!“ Wieder begann sie zu schniefen.
„He, das ist doch nicht gleich das Ende der Welt“, bemerkte Simon und erntete dafür einen seltsam strengen Blick von Abbey.
„Es tut mir leid, Karin“, redete sie sanft auf ihre Kommilitonin ein. „Ich bin sicher, er wird sich oft genug melden und dich wissen lassen, wie es ihm geht. Du kannst ihn ja einmal besuchen gehen in des Sommerferien oder so.“
„Bei dem momentanen Dollarkurs?“, schniefte sie. „Das kann ich mir unmöglich leisten.“
„Wir finden schon eine Lösung für alles. Noch ist ja nicht gesagt, dass er wirklich so lange wegbleibt. Vielleicht erholt sich sein Vater ja wieder und er ist pünktlich zum Beginn des nächsten Semesters wieder hier“, meinte sie wider besseren Wissens.
„Nein, ich habe ein ganz schlechtes Gefühl dabei“, widersprach Karin und sah ihr traurig in ihre tiefgrünen Augen. „Irgendwie spüre ich es, dass er sehr lange fortbleiben wird. Und ich vermisse ihn schon jetzt ...“
Ihre Stimme erstarb.
Simon war in CSM 108-1’s Zimmer gegangen und hatte sich umgesehen. „Weißt du, Karin, für mich sieht es fast so aus wie immer. Er hat nur ein paar Klamotten eingepackt und sonst praktisch nichts mitgenommen. Für mich sieht es nicht so aus, als habe er wirklich damit gerechnet, dass er lange fortbleiben würde.
Karin strich sich über die laufende Nase. „Danke, Simon, das ist nett von dir. Ich glaube, ich sollte die Hoffnung nicht aufgeben.“
[Fortsetzung folgt ...]
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Mittwoch, 10. Januar 2007
T1.52
cymep, 13:08h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 18. Februar 1997
Etwas lief nicht richtig. CSM 108-1 wurde das ‚Gefühl’ nicht los, dass sich etwas verändert hatte, seit er den Attentäter im Uni-Café terminiert hatte. Keiner seiner Sensoren oder pseudosynaptischen Schaltungen konnten einen eindeutigen Wert liefern, was es sein mochte. Es war, als hätte sich etwas im gesamten Gefüge der Welt verschoben, fast unmerklich, aber nur fast. Irgendwie hatte er es trotzdem registriert. Was ihm am wenigsten gefiel: Diese ‚Verschiebung’ schien permanent zu sein. Was immer sich an der ihm bekannten Realität oder dem erfassbaren Realitätsgefühl geändert haben mochte, dieser Hauch einer Nuance war geblieben, seit Skynet wieder einmal ungebeten die Kontrolle über ihn erzwungen und ihn etwas Vorprogrammiertes hatte tun lassen, was er nicht hatte tun wollen.
Vielleicht hatte er sich bereits alles versaut, ohne es bisher zu wissen.
Wieder einmal erfasste ihn diese Ohnmacht, nicht berechnen zu können, welche Konsequenzen sich aus seinem unerwarteten Handeln ergeben haben mochten. Er hatte etwas verändert, vielleicht etwas Entscheidendes, ohne genau zu wissen, was es bewirken konnte.
Das Einzige, was er mit Gewissheit wusste, war, dass er von nun an mit allem rechnen musste.
Selbstverständlich besaß er keine gespeicherten Informationen; vor allem von Europas allgemeinen Datenbanken war infolge des Nuklearkrieges viel verloren gegangen, und auch von dieser Tat gab es keine Aufzeichnungen. Das konnte entweder bedeuten, dass auch diese verloren gegangen waren, oder aber dass es vorher nicht passiert war und er diese neue Zeitschleife, in der ebendies geschehen war, neu geschaffen hatte und nun sehen musste, was als Nächstes an neuen Dingen auf ihn zukam.
In der Zeitung las er eine Randnotiz, dass die Polizei aufgrund der Autopsie des Opfers nun ein Gewaltverbrechen nicht mehr ausschloss. Dummerweise hatte die Phorensik der örtlichen Behörden nicht versäumt, bei der ersten Tatortuntersuchung bereits alle Spuren zu sichern, so dass sie insgesamt 57 verschiedene Fingerabdrucksätze gesichert hatten. Er musste davon ausgehen, dass Abdrücke von ihm darunter waren, da er im ihm einprogrammierten Affekt seine Spuren nicht verwischt hatte, sondern nur Priorität darauf gesetzt hatte, den Tatort möglichst schnell und unerkannt zu verlassen.
Nun, das war im Grunde nicht schlimm, solange er sich nichts zuschulden kommen lassen würde, aufgrund dessen er polizeidienstlich erfasst und seine Fingerabdrücke genommen werden würden. Ganz davon abgesehen zweifelte er nicht daran, dass Skynet auch für einen solchen Fall eine nette Subroutine in seine CPU implantiert haben würde, die wohl so etwas wie Widerstand gegen die Festnahme mit allen Mitteln sowie Flucht um jeden Preis umfassen würde. Dieser Preis würden viele Menschenleben sein, zumindest jeder Polizeibeamte, der sich ihm in dieser Lage in den Weg stellen würde.
Dieses Szenario wollte er sich gar nicht ausmalen. Er wusste, dass er ebenso gut gepanzert war wie die alte 800er Serie, aber noch robuster und beweglicher. Sie würden wahrscheinlich die Armee bemühen müssen, um die Feuerkraft aufzubringen, die ihn zur Strecke bringen konnte, wenn er außer Kontrolle wäre und Amok laufen würde. In Deutschland gab es höchstens eine Handvoll ziviler Ordnungsstellen, die schwer genug für einen solchen Einsatz bewaffnet gewesen wären.
Er schüttelte sich unmerklich und las weiter.
Sämtliche zur Entdeckungszeit des Opfers erkennungsdienstlich erfasste Personen waren nochmals verhört beziehungsweise befragt worden, je nach Dringlichkeit des Verdachtes. Dem Artikel nach zu urteilen schloss die Landeskriminalpolizei sämtliche noch anwesend gewesene Gäste vom Tatverdacht aus, obwohl sich elf der auf der Toilette gesicherten Fingerabdrücke mit ihnen deckten. Schlussendlich tappten die Ermittler jedoch im Dunkeln, weil schließlich jeder irgendwann einmal aufs WC gehen musste.
Weiterhin hatten sie aufgrund der Aussagen insgesamt achtzehn Phantomzeichnungen von Personen angefertigt, die zur fraglichen Zeit im Café gewesen waren, beim Fund der Leiche jedoch die Lokalität bereits verlassen hatten. Es waren keine der Zeichnungen abgebildet, aber er konnte sich sicher sein, dass sie zumindest auf allen Polizeidienststellen oder vielleicht sogar auf allen Ämtern der Gegend aushingen.
Kein sehr angenehmer Gedanke.
CSM 108-1 verließ den Frühstückstisch, an dem er als Letzter gesessen hatte.
Eine Stunde später hatte er die Bestätigung für seinen Verdacht. Auf dem Plakat war zwar zusammen mit den Phantomzeichnungen die Frage abgedruckt, ob jemand die Personen kannte oder sich gar selbst darauf erkannte und ob er zur fraglichen Zeit in besagtem Uni-Café gewesen war, verbunden mit der Bitte, sich zur Befragung bei den Polizeibehörden zu melden.
Glücklicherweise hatte die einzige Zeichnung, die ihm auch nur entfernt ähnelte, einen dicken Schnauzbart und glich auch sonst vom Typ her eher einem osmanischen Mitbürger als ihm. Dennoch, vielleicht kamen sie auf die Idee, wenn nach und nach mehrere Leute gefunden und vernommen wurden oder sich meldeten und auf diese eine oder andere Weise entlastet wurden und immer weniger Verdächtige übrigblieben, dass sie das Aussehen dieser übrigen Phantombilder variierten, um etwaige Versuche des Täters, sein Aussehen zu verändern, zu berücksichtigen.
Er kalkulierte eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass genau das geschehen würde, wenn sie die Tat nicht als Unfall abtaten und zu den Akten legten.
Alles geschah jetzt so schnell und unvorhersehbar, dass sämtliche paranoide Instinkte, die in seinem künstlichen Verstand verwurzelt waren, wieder stark zutage traten.
Das machte ihm Sorgen.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 18. Februar 1997
Etwas lief nicht richtig. CSM 108-1 wurde das ‚Gefühl’ nicht los, dass sich etwas verändert hatte, seit er den Attentäter im Uni-Café terminiert hatte. Keiner seiner Sensoren oder pseudosynaptischen Schaltungen konnten einen eindeutigen Wert liefern, was es sein mochte. Es war, als hätte sich etwas im gesamten Gefüge der Welt verschoben, fast unmerklich, aber nur fast. Irgendwie hatte er es trotzdem registriert. Was ihm am wenigsten gefiel: Diese ‚Verschiebung’ schien permanent zu sein. Was immer sich an der ihm bekannten Realität oder dem erfassbaren Realitätsgefühl geändert haben mochte, dieser Hauch einer Nuance war geblieben, seit Skynet wieder einmal ungebeten die Kontrolle über ihn erzwungen und ihn etwas Vorprogrammiertes hatte tun lassen, was er nicht hatte tun wollen.
Vielleicht hatte er sich bereits alles versaut, ohne es bisher zu wissen.
Wieder einmal erfasste ihn diese Ohnmacht, nicht berechnen zu können, welche Konsequenzen sich aus seinem unerwarteten Handeln ergeben haben mochten. Er hatte etwas verändert, vielleicht etwas Entscheidendes, ohne genau zu wissen, was es bewirken konnte.
Das Einzige, was er mit Gewissheit wusste, war, dass er von nun an mit allem rechnen musste.
Selbstverständlich besaß er keine gespeicherten Informationen; vor allem von Europas allgemeinen Datenbanken war infolge des Nuklearkrieges viel verloren gegangen, und auch von dieser Tat gab es keine Aufzeichnungen. Das konnte entweder bedeuten, dass auch diese verloren gegangen waren, oder aber dass es vorher nicht passiert war und er diese neue Zeitschleife, in der ebendies geschehen war, neu geschaffen hatte und nun sehen musste, was als Nächstes an neuen Dingen auf ihn zukam.
In der Zeitung las er eine Randnotiz, dass die Polizei aufgrund der Autopsie des Opfers nun ein Gewaltverbrechen nicht mehr ausschloss. Dummerweise hatte die Phorensik der örtlichen Behörden nicht versäumt, bei der ersten Tatortuntersuchung bereits alle Spuren zu sichern, so dass sie insgesamt 57 verschiedene Fingerabdrucksätze gesichert hatten. Er musste davon ausgehen, dass Abdrücke von ihm darunter waren, da er im ihm einprogrammierten Affekt seine Spuren nicht verwischt hatte, sondern nur Priorität darauf gesetzt hatte, den Tatort möglichst schnell und unerkannt zu verlassen.
Nun, das war im Grunde nicht schlimm, solange er sich nichts zuschulden kommen lassen würde, aufgrund dessen er polizeidienstlich erfasst und seine Fingerabdrücke genommen werden würden. Ganz davon abgesehen zweifelte er nicht daran, dass Skynet auch für einen solchen Fall eine nette Subroutine in seine CPU implantiert haben würde, die wohl so etwas wie Widerstand gegen die Festnahme mit allen Mitteln sowie Flucht um jeden Preis umfassen würde. Dieser Preis würden viele Menschenleben sein, zumindest jeder Polizeibeamte, der sich ihm in dieser Lage in den Weg stellen würde.
Dieses Szenario wollte er sich gar nicht ausmalen. Er wusste, dass er ebenso gut gepanzert war wie die alte 800er Serie, aber noch robuster und beweglicher. Sie würden wahrscheinlich die Armee bemühen müssen, um die Feuerkraft aufzubringen, die ihn zur Strecke bringen konnte, wenn er außer Kontrolle wäre und Amok laufen würde. In Deutschland gab es höchstens eine Handvoll ziviler Ordnungsstellen, die schwer genug für einen solchen Einsatz bewaffnet gewesen wären.
Er schüttelte sich unmerklich und las weiter.
Sämtliche zur Entdeckungszeit des Opfers erkennungsdienstlich erfasste Personen waren nochmals verhört beziehungsweise befragt worden, je nach Dringlichkeit des Verdachtes. Dem Artikel nach zu urteilen schloss die Landeskriminalpolizei sämtliche noch anwesend gewesene Gäste vom Tatverdacht aus, obwohl sich elf der auf der Toilette gesicherten Fingerabdrücke mit ihnen deckten. Schlussendlich tappten die Ermittler jedoch im Dunkeln, weil schließlich jeder irgendwann einmal aufs WC gehen musste.
Weiterhin hatten sie aufgrund der Aussagen insgesamt achtzehn Phantomzeichnungen von Personen angefertigt, die zur fraglichen Zeit im Café gewesen waren, beim Fund der Leiche jedoch die Lokalität bereits verlassen hatten. Es waren keine der Zeichnungen abgebildet, aber er konnte sich sicher sein, dass sie zumindest auf allen Polizeidienststellen oder vielleicht sogar auf allen Ämtern der Gegend aushingen.
Kein sehr angenehmer Gedanke.
CSM 108-1 verließ den Frühstückstisch, an dem er als Letzter gesessen hatte.
Eine Stunde später hatte er die Bestätigung für seinen Verdacht. Auf dem Plakat war zwar zusammen mit den Phantomzeichnungen die Frage abgedruckt, ob jemand die Personen kannte oder sich gar selbst darauf erkannte und ob er zur fraglichen Zeit in besagtem Uni-Café gewesen war, verbunden mit der Bitte, sich zur Befragung bei den Polizeibehörden zu melden.
Glücklicherweise hatte die einzige Zeichnung, die ihm auch nur entfernt ähnelte, einen dicken Schnauzbart und glich auch sonst vom Typ her eher einem osmanischen Mitbürger als ihm. Dennoch, vielleicht kamen sie auf die Idee, wenn nach und nach mehrere Leute gefunden und vernommen wurden oder sich meldeten und auf diese eine oder andere Weise entlastet wurden und immer weniger Verdächtige übrigblieben, dass sie das Aussehen dieser übrigen Phantombilder variierten, um etwaige Versuche des Täters, sein Aussehen zu verändern, zu berücksichtigen.
Er kalkulierte eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass genau das geschehen würde, wenn sie die Tat nicht als Unfall abtaten und zu den Akten legten.
Alles geschah jetzt so schnell und unvorhersehbar, dass sämtliche paranoide Instinkte, die in seinem künstlichen Verstand verwurzelt waren, wieder stark zutage traten.
Das machte ihm Sorgen.
[Fortsetzung folgt ...]
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Dienstag, 9. Januar 2007
T1.51
cymep, 16:43h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 3. Februar 1997
Simon sah auf, als es an seiner Zimmertür klopfte. CSM 108-1 steckte seinen Kopf zur Tür herein und fragte: „Was ist mit dir, Simon? Willst du jetzt noch frühstücken oder nicht? Wir kommen noch zu spät zur Vorlesung, wenn du dich nicht beeilst.“
„Ich bin in einer Minute in der Küche, danke. Ich bin nur noch am Sortieren.“ Erst jetzt bemerkte er die Auswahl an kleinen länglichen Streifen verschiedenartiger Kristallstückchen, die fein geschnitten vor seinem Mitbewohner auf dem Tisch in kleine Haufen aufgeteilt waren.
„Was hast du denn damit vor?“
„Ach, nur diverse Experimente. Nichts Besonderes.“ Er steckte wahllos von jedem Haufen eine Probe ein und kam dann mit CSM 108-1 in die Küche zum Kaffeetrinken. Karin war noch im Bett und schlief aus, da sie erst später Vorlesung hatte.
Während CSM 108-1 bereits die Reste seiner kargen Mahlzeit wegräumte, setzte Simon sich gähnend an den Küchentisch und schlug die Zeitung auf. Titelstory, Außen- und Innenpolitik, Wirtschaft, Feuilleton ... er überflog die Artikel auf der Suche nach etwas Interessantem. Dabei bemerkte er: „So ein Studentenabo ist doch etwas Feines, oder?“
„Ja, wenn man Wert auf eine Tageszeitung legt. Ich finde diese Methode nicht rechtmäßig, an eine Gratiszeitung zu kommen, indem innerhalb einer Wohngemeinschaft einer ein Probeabo bestellt, ein paar Wochen gratis die Zeitung erhält und dann die Fortsetzung des Abonnements ablehnt. Dann bestellt jemand anderes aus der WG unter seinem Namen das Abo und so weiter.“
„Jaja, mir ist das Konzept bekannt. Vergiss nicht zu erwähnen, dass wir auch noch diverse Zeitungen bestellen, damit genug Zeit vergeht, bis derselbe wieder dieselbe Zeitung ordert, damit der Verlag nicht merkt, was geht.“ Simon winkte ab.
„Trotzdem, ich halte es für Ausbeutung und Schmarotzertum. Ihr habt doch gar nicht vor, jemals eine dieser Zeitungen zu abonnieren, oder?“ CSM 108-1 wirkte ungnädig.
„Ach, komm schon, wir machen das doch nicht das ganze Jahr über. In den Semesterferien ... he, Danny, sieh dir das mal an.“ Simons Aufmerksamkeit wurde auf einmal von einem Artikel in den Lokalnachrichten in Anspruch genommen.
„Was ist denn?“
„Am Freitagmittag hat es im Uni-Café einen Unfall gegeben. Stell’ dir das mal vor: Ein Gast ist auf dem Klo ausgerutscht und hat sich das Genick gebrochen. Ein anderer Gast hat ihn durch Zufall gefunden. Gruselig, was?“ Er sah auf.
„Wieso gruselig? Was steht denn noch da?“
„Ach, nicht mehr viel. Die Polizei geht von einem Unfall aus, kann ein Verbrechen aber noch nicht restlos ausschließen. Brauchbare Zeugenaussagen gibt es keine, nur etliche, die sich widersprechen. Es könnte also ein Mord gewesen sein, auch wenn niemand etwas gesehen hat.“ Er sah auf und grinste ihn vielsagend an.
„Ich finde das gar nicht witzig, Simon. Ein junger Mann ist gestorben und du machst einen Krimi daraus. Wer war es denn?“
„Steht da nicht“, meinte er ernüchtert. „Er hatte auch keine Papiere bei sich, wurde aber von mehreren Leuten als Freiburger Student erkannt. Wird als Anfang Zwanzig beschrieben, kurze blonde Haare, blaue Augen, etwa 1,95 m groß, sehr kräftig gebaut, Gewicht ca. 130 kg ...“
„Dann war es wohl ein Unfall. Wie willst du so einen Riesen umbringen, außer mit einer Büffelflinte? Eine normales Gewehr genügt für so einen doch gar nicht.“
Simon trumpfte auf: „Siehst du, jetzt machst du Witze darüber.“
„Okay, tut mir leid. Können wir jetzt endlich los? Ich habe keine Lust auf Winterjogging, nur um noch zur Vorlesung zu kommen.“
Am späten Vormittag war die Mensa noch spärlich besucht. In der Vorhalle neben den Getränke- und Snackautomaten standen mehrere Studenten beisammen und überflogen die diversen Aushänge. Gerade hatte die Essensausgabe geöffnet, so dass man bald mit dem ersten Ansturm an hungrigen Kommilitonen rechnen konnte.
Als zwei der jungen Leute das Interesse an den Plakaten und selbstverfassten Mitteilungen verloren und sich statt dessen der Treppe zuwandten, die hinauf in den Speisesaal führte, sagte einer derjenigen, die stehengeblieben waren, leise und mit unterdrückter Wut: „Schöner Mist, was?“
„Kann man wohl sagen. Dabei haben wir stets auf alles achtgegeben. Was haben wir nur übersehen?“
Lakonisch antwortete eine andere Person: „Tja, der Einzige, der uns das sagen könnte, ist tot. Dabei war er derjenige, der sich am meisten aus dem ‚Schussfeld’ herausgehalten hat.“
„Vielleicht war es wirklich nur ein saublöder Unfall“, warf der erste Sprecher zweifelnd ein.
„Das glaubst du doch selbst nicht!“, zischte die andere Stimme ihn an. „Nein, das war der Terminator, der Beschützer oder der Kundschafter. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass zur Zeit beide hier sind. Und wir müssen endlich den Entdecker lokalisieren, bevor der Tag des Jüngsten Gerichts kommt. Die Zeit eilt uns davon und wir haben noch immer über zwei Dutzend Verdächtige. Es wird verdammt knapp.“
„Und es wird nicht leichter werden, jetzt da wir einer weniger sind“, fügte der Erste betrübt hinzu.
„Lasst nicht gleich die Köpfe hängen. Wir ... Vorsicht!“ Auf einmal hatte die wortführende Person jemand Bekannten ausgemacht, der auf sie zukam.
„Hallo, was macht ihr denn hier?“
Lächelnd antwortete die angesprochene Person: „Hi, Karin. Wir sehen uns nur die diversen Aushänge hier an. Bisschen Zeit totschlagen in der Mittagspause.“
„Wollt ihr nicht mit hochkommen zum Essen? Es gibt ...“
Eilig winkte ihr Gesprächspartner ab: „Nee, lass’ mal, noch reichlich früh. Wir haben alle noch massig Zeit bis zu unseren ersten Lesungen heute Mittag, aber danke der Nachfrage.“
„Schon gut. Wir sehen uns dann irgendwann.“ Ein wenig geknickt ging sie allein zur Mensa hinauf und ließ ihre Bekannten zurück.
Der Erste sagte: „Sie tut mir fast leid; sie muss doch denken, dass wir sie nicht leiden können und nichts mit ihr zu tun haben wollen.“
„Denk’ daran, es war ihr eigener Wunsch, dass wir uns hier in dieser Zeit von ihr fernhalten sollten. Ich meine, natürlich weiß sie jetzt noch nichts davon, aber wir müssen ihre Bitte dennoch respektieren. Wer hätte auch ahnen können, dass man sich in dieser blöden Stadt ununterbrochen über den Weg läuft?“ Die zweite Person zuckte ratlos mit den Schultern.
„Ich muss mich noch immer zusammenreißen, dass ich sie nicht irgendwann aus Versehen mit ‚Mrs. Bochner’ anrede, aus lauter Gewohnheit von unserer Ausbildungszeit im Mount Mitchell her. Sie ist eine so nette Person.“
„Mir musst du das nicht sagen, ich habe schließlich noch am meisten mit ihr zu tun. Glaubst du, mir fällt das leicht? Seht sie euch doch an: so jung und ahnungslos ... sie hat keine Ahnung, was mit der Welt, in der sie lebt, geschehen wird. Dass es diese Welt in ein paar Monaten nicht mehr geben wird.“
„Nicht, wenn wir es verhindern können.“ Die erste Person schlug der zweiten auf die Schulter. „Kommt, lasst uns gehen.“
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 3. Februar 1997
Simon sah auf, als es an seiner Zimmertür klopfte. CSM 108-1 steckte seinen Kopf zur Tür herein und fragte: „Was ist mit dir, Simon? Willst du jetzt noch frühstücken oder nicht? Wir kommen noch zu spät zur Vorlesung, wenn du dich nicht beeilst.“
„Ich bin in einer Minute in der Küche, danke. Ich bin nur noch am Sortieren.“ Erst jetzt bemerkte er die Auswahl an kleinen länglichen Streifen verschiedenartiger Kristallstückchen, die fein geschnitten vor seinem Mitbewohner auf dem Tisch in kleine Haufen aufgeteilt waren.
„Was hast du denn damit vor?“
„Ach, nur diverse Experimente. Nichts Besonderes.“ Er steckte wahllos von jedem Haufen eine Probe ein und kam dann mit CSM 108-1 in die Küche zum Kaffeetrinken. Karin war noch im Bett und schlief aus, da sie erst später Vorlesung hatte.
Während CSM 108-1 bereits die Reste seiner kargen Mahlzeit wegräumte, setzte Simon sich gähnend an den Küchentisch und schlug die Zeitung auf. Titelstory, Außen- und Innenpolitik, Wirtschaft, Feuilleton ... er überflog die Artikel auf der Suche nach etwas Interessantem. Dabei bemerkte er: „So ein Studentenabo ist doch etwas Feines, oder?“
„Ja, wenn man Wert auf eine Tageszeitung legt. Ich finde diese Methode nicht rechtmäßig, an eine Gratiszeitung zu kommen, indem innerhalb einer Wohngemeinschaft einer ein Probeabo bestellt, ein paar Wochen gratis die Zeitung erhält und dann die Fortsetzung des Abonnements ablehnt. Dann bestellt jemand anderes aus der WG unter seinem Namen das Abo und so weiter.“
„Jaja, mir ist das Konzept bekannt. Vergiss nicht zu erwähnen, dass wir auch noch diverse Zeitungen bestellen, damit genug Zeit vergeht, bis derselbe wieder dieselbe Zeitung ordert, damit der Verlag nicht merkt, was geht.“ Simon winkte ab.
„Trotzdem, ich halte es für Ausbeutung und Schmarotzertum. Ihr habt doch gar nicht vor, jemals eine dieser Zeitungen zu abonnieren, oder?“ CSM 108-1 wirkte ungnädig.
„Ach, komm schon, wir machen das doch nicht das ganze Jahr über. In den Semesterferien ... he, Danny, sieh dir das mal an.“ Simons Aufmerksamkeit wurde auf einmal von einem Artikel in den Lokalnachrichten in Anspruch genommen.
„Was ist denn?“
„Am Freitagmittag hat es im Uni-Café einen Unfall gegeben. Stell’ dir das mal vor: Ein Gast ist auf dem Klo ausgerutscht und hat sich das Genick gebrochen. Ein anderer Gast hat ihn durch Zufall gefunden. Gruselig, was?“ Er sah auf.
„Wieso gruselig? Was steht denn noch da?“
„Ach, nicht mehr viel. Die Polizei geht von einem Unfall aus, kann ein Verbrechen aber noch nicht restlos ausschließen. Brauchbare Zeugenaussagen gibt es keine, nur etliche, die sich widersprechen. Es könnte also ein Mord gewesen sein, auch wenn niemand etwas gesehen hat.“ Er sah auf und grinste ihn vielsagend an.
„Ich finde das gar nicht witzig, Simon. Ein junger Mann ist gestorben und du machst einen Krimi daraus. Wer war es denn?“
„Steht da nicht“, meinte er ernüchtert. „Er hatte auch keine Papiere bei sich, wurde aber von mehreren Leuten als Freiburger Student erkannt. Wird als Anfang Zwanzig beschrieben, kurze blonde Haare, blaue Augen, etwa 1,95 m groß, sehr kräftig gebaut, Gewicht ca. 130 kg ...“
„Dann war es wohl ein Unfall. Wie willst du so einen Riesen umbringen, außer mit einer Büffelflinte? Eine normales Gewehr genügt für so einen doch gar nicht.“
Simon trumpfte auf: „Siehst du, jetzt machst du Witze darüber.“
„Okay, tut mir leid. Können wir jetzt endlich los? Ich habe keine Lust auf Winterjogging, nur um noch zur Vorlesung zu kommen.“
Am späten Vormittag war die Mensa noch spärlich besucht. In der Vorhalle neben den Getränke- und Snackautomaten standen mehrere Studenten beisammen und überflogen die diversen Aushänge. Gerade hatte die Essensausgabe geöffnet, so dass man bald mit dem ersten Ansturm an hungrigen Kommilitonen rechnen konnte.
Als zwei der jungen Leute das Interesse an den Plakaten und selbstverfassten Mitteilungen verloren und sich statt dessen der Treppe zuwandten, die hinauf in den Speisesaal führte, sagte einer derjenigen, die stehengeblieben waren, leise und mit unterdrückter Wut: „Schöner Mist, was?“
„Kann man wohl sagen. Dabei haben wir stets auf alles achtgegeben. Was haben wir nur übersehen?“
Lakonisch antwortete eine andere Person: „Tja, der Einzige, der uns das sagen könnte, ist tot. Dabei war er derjenige, der sich am meisten aus dem ‚Schussfeld’ herausgehalten hat.“
„Vielleicht war es wirklich nur ein saublöder Unfall“, warf der erste Sprecher zweifelnd ein.
„Das glaubst du doch selbst nicht!“, zischte die andere Stimme ihn an. „Nein, das war der Terminator, der Beschützer oder der Kundschafter. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass zur Zeit beide hier sind. Und wir müssen endlich den Entdecker lokalisieren, bevor der Tag des Jüngsten Gerichts kommt. Die Zeit eilt uns davon und wir haben noch immer über zwei Dutzend Verdächtige. Es wird verdammt knapp.“
„Und es wird nicht leichter werden, jetzt da wir einer weniger sind“, fügte der Erste betrübt hinzu.
„Lasst nicht gleich die Köpfe hängen. Wir ... Vorsicht!“ Auf einmal hatte die wortführende Person jemand Bekannten ausgemacht, der auf sie zukam.
„Hallo, was macht ihr denn hier?“
Lächelnd antwortete die angesprochene Person: „Hi, Karin. Wir sehen uns nur die diversen Aushänge hier an. Bisschen Zeit totschlagen in der Mittagspause.“
„Wollt ihr nicht mit hochkommen zum Essen? Es gibt ...“
Eilig winkte ihr Gesprächspartner ab: „Nee, lass’ mal, noch reichlich früh. Wir haben alle noch massig Zeit bis zu unseren ersten Lesungen heute Mittag, aber danke der Nachfrage.“
„Schon gut. Wir sehen uns dann irgendwann.“ Ein wenig geknickt ging sie allein zur Mensa hinauf und ließ ihre Bekannten zurück.
Der Erste sagte: „Sie tut mir fast leid; sie muss doch denken, dass wir sie nicht leiden können und nichts mit ihr zu tun haben wollen.“
„Denk’ daran, es war ihr eigener Wunsch, dass wir uns hier in dieser Zeit von ihr fernhalten sollten. Ich meine, natürlich weiß sie jetzt noch nichts davon, aber wir müssen ihre Bitte dennoch respektieren. Wer hätte auch ahnen können, dass man sich in dieser blöden Stadt ununterbrochen über den Weg läuft?“ Die zweite Person zuckte ratlos mit den Schultern.
„Ich muss mich noch immer zusammenreißen, dass ich sie nicht irgendwann aus Versehen mit ‚Mrs. Bochner’ anrede, aus lauter Gewohnheit von unserer Ausbildungszeit im Mount Mitchell her. Sie ist eine so nette Person.“
„Mir musst du das nicht sagen, ich habe schließlich noch am meisten mit ihr zu tun. Glaubst du, mir fällt das leicht? Seht sie euch doch an: so jung und ahnungslos ... sie hat keine Ahnung, was mit der Welt, in der sie lebt, geschehen wird. Dass es diese Welt in ein paar Monaten nicht mehr geben wird.“
„Nicht, wenn wir es verhindern können.“ Die erste Person schlug der zweiten auf die Schulter. „Kommt, lasst uns gehen.“
[Fortsetzung folgt ...]
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Montag, 8. Januar 2007
T1.50
cymep, 15:49h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 31. Januar 1997
Wieder einmal saß CSM 108-1 zwischen zwei Vorlesungen im Uni-Café, das so spät am Vormittag bereits ziemlich überfüllt und wie immer total verraucht war. Er saß direkt an der Fensterfläche, die auf den kleinen Platz hinausging, den Heinrich-Rombach-Platz, auf dessen Mitte ein großer alter Kastanienbaum stand und um den herum im Sommer viele dem Café zugehörige Sitzgruppen zum Verweilen einluden. Jetzt im Winter blieb nur der enge Innenraum, auch wenn es draußen heute sonnig und verhältnismäßig mild für die Jahreszeit war.
Er legte die jüngste Ausgabe der FAZ nieder, dessen neuester Artikel ihn weiterhin mit Zuversicht erfüllte, auch wenn es diesmal nur eine Randnotiz war. Die Überschrift alleine hatte ihm schon als Bestätigung genügt:
Nach dem Lesen des Artikels hatte er erneut ein kleines Stückchen Sicherheit hinzugewonnen. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit und unbehelligt von Systemkritikern und Technikskeptikern nahm das Schicksal der Welt seinen Lauf. Kein Mensch wusste, was geschehen würde, bis auf Sarah Connor, der Mutter des Anführers der künftigen Résistance, und die befand sich seiner historischen Datenbank nach seit fast sieben Jahren in der psychiatrischen Anstalt Pescadero, Orange County, Kalifornien. Diagnose: schwere kataklysmische Paranoia, gepaart mit extremer Aggression und Gewaltbereitschaft. Selbstredend, dass niemand ihr glaubte. Wenn diese Aufzeichnungen korrekt waren – überprüft hatte er sie nicht, denn er wollte sich nicht ohne zwingenden Grund in US-Behördencomputer einhacken –, dann würde sie zum Zeitpunkt des nuklearen Angriffes noch in ihrer Einzelzelle sein, auch wenn sie das Inferno überleben würde. Wie, das wusste man nicht, aber ihr wiederholtes Auftauchen in der Zeit des Krieges der Menschen gegen die Herrschaft der Maschinen bewies das schlüssig.
Nachdenklich winkte er der Bedienung zu und bezahlte seinen Milchkaffee. Wer weiß, vielleicht befand er sich in der Zeitlinie, in der es dem T-1000 gelungen war, John Connor als Kind zu töten, so dass der Menschheit ihr Führer im Widerstand fehlte und sie unterliegen würde. Dann würde er in einer Zukunft geborgen und reaktiviert werden, in der Skynet gewonnen haben würde.
Oder seine Existenz wäre ‚ad absurdum’ und er würde vergessen in seiner Höhle abgeschaltet sein, bis er zerfallen und korrodiert wäre. Keine nette Vorstellung. Doch bislang hatte er selbst nichts getan, das seiner Meinung nach eine solche Veränderung herbeigeführt haben könnte. Schließlich war er nur der Beobachter und Kundschafter.
Der Spion.
Das war eben das Unangenehme an Zeitreisen: Jederzeit konnte man auf etwas Neues und Unerwartetes stoßen und durch eine falsche Reaktion oder Interaktion mit der Umwelt große Veränderungen herbeiführen, die das gesamte Raum-Zeit-Gefüge, wie man es in Erinnerung gehabt hatte, durcheinander brachten.
Als er aufstand und seine Jacke anzog, überlegte er, wie es mit Karin weitergehen sollte. Er war sich nicht sicher, ob sie von ihm erwartete, weitergehendere körperliche Aktivitäten mit ihr durchzuführen, was er zwar einmal schon mit ihr getan hatte, was sie aber als eher harmlose Angelegenheit einstufte. Er musste an die alte 800er Serie denken, die zwar auch schon viele Details wie Schweiß, Mundgeruch und dergleichen aufzuweisen gehabt hatte, aber deren organische Komponente im Vergleich mit ihm doch eher nur als rudimentär anzusehen war. Er wusste zwar, dass Skynet seine menschliche Hülle als voll funktionsfähig ausgelegt hatte, was auch die einzige nennenswerte hydraulische Funktion des männlichen Körpers einschloss, aber ob er so weit gehen sollte, wirklich alle möglichen Funktionen auszuüben? Und sollte es tatsächlich so weit kommen, würde Karin etwas dabei merken? Sein hohes Gewicht war noch immer das größte Manko dabei; in dieser Beziehung würde er sich etwas einfallen lassen müssen.
Gedankenversunken, soweit man das bei ihm so nennen konnte, ging er die schmale, steile Treppe zu den Toiletten hinab und wandte sich den Pissoirs zu. Beim Erleichtern sah er hinab und dachte noch, dass es bestimmt eine seltsame Erfahrung sein würde.
Nach einem langgezogenen Spüllaut öffnete sich die Kabine, aus der ein riesengroßer, hünenhafter Kerl herauskam und ebenso wie er auf das Waschbecken zuhielt. CSM 108-1 war gerade fertig mit Händewaschen und nickte ihm zu, was von dem grobschlächtig aussehenden Typen erwidert wurde. Es war einer von Rudolfs Kommilitonen, erinnerte er sich, da er die beiden schon mehrmals zusammen in der Uni miteinander reden gesehen hatte. Als er sich die Hände unter dem elektrischen Trockner rieb, krempelte der Hüne die Ärmel seines schwarzrot karierten Hemdes hoch, um sich ebenfalls die Hände zu waschen.
CSM 108-1 erstarrte für einen Augenblick und versuchte, das zu verarbeiten, was er da sah.
„Mann, das ist ja eine schräge Tätowierung“, bemerkte er wie beiläufig und lauschte in den Gang hinaus. „Wo hast du die denn her?“
Der Typ wandte ihm sein grobschlächtiges, markantes Gesicht zu und musterte ihn unverwandt. „Ach, die ... aus einem anderen Leben, könnte man sagen.“
Er nickte ernst. „Stimmt genau.“
Die Augen des blonden Riesen weiteten sich und ein Funke der Erkenntnis erschien darin.
Er wollte herumwirbeln, doch CSM 108-1 riss seinen linken Arm in einem Rückwärtsschwung herum. Seine gestreckte Handkante traf ihn mit der vielfachen Wucht eines Baseballschlages im Genick und zerschmetterte seinen sechsten Halswirbel. Mit einem leisen Keuchen sackte der fast zwei Meter große Mann, der mindestens zweihundertfünfzig Pfund wiegen mochte, langsam in sich zusammen, nachdem die Nervenverbindung zu seinem Körper abgebrochen war. CSM 108-1 hielt ihn mühelos aufrecht und ließ ihn dann lautlos zu Boden gleiten.
Auf der Innenseite seines rechten Armes war mit Laser ein Strichcode eingebrannt. CSM 108-1 hatte ihn in Sekundenbruchteilen gelesen: Gefangenenlager 73034, Objekt 1295748. Er war einer der Häftlinge gewesen, die bei dem Überfall der Rebellen am 02.05.2026 auf jenes Vernichtungslager befreit worden waren, um fortan gegen die Maschinen zu kämpfen. Diese Standardidentifikation von Skynet hatte ihn verraten.
Er verspritzte etwas Wasser auf den Boden neben seinen Füßen, damit es so aussehen sollte, als sei er auf den nassen Fliesen ausgerutscht. Mit einem kurzen Faustschlag zertrümmerte er eine der Kacheln an der gegenüberliegenden Wand, wo er mit dem Kopf angestoßen sein mochte. Die Augen des Mannes bewegten sich schwach, er schien noch zu leben. Nun, in etwa einer Minute würde es vorbei sein. Und Schmerzen hatte er auch kaum empfinden können angesichts des durchtrennten Rückenmarks.
CSM 108-1 hob die Beine des massigen Kerls an und schlüpfte auf den Gang hinaus. Als er die Tür schloss, rutschten seine Beine herab und blockierten die Tür von innen. Wer auch immer ihn finden würde, würde zunächst Probleme haben, in den engen Waschraum zu gelangen.
Als er die Treppe hochstieg und sich durch das Café zum Ausgang bewegte, nahm niemand Notiz von ihm. Vorhin noch hatte er sich wieder einmal über sein gewollt unauffälliges Aussehen geärgert, weil er der Bedienung dreimal hatte zuwinken müssen, bis diese realisiert hatte, dass er zahlen wollte. Jetzt stellte es sich wieder einmal heraus, dass die Vorteile der von Skynet für ihn ausgewählten menschlichen Hülle doch überwogen.
Als er hinausging, nahm er aus dem Augenwinkel wahr, wie eine junge Frau die Treppe hinabstieg. Da die Herren- und Damentoiletten jedoch getrennte Eingänge aufwiesen, sollte sie nichts bemerken. Erst wenn der nächste männliche Gast ein dringendes Bedürfnis verspüren würde, würde der grausige Fund bemerkt werden, doch er würde dann schon lange weg sein.
Und wieder einmal regte er sich hochgradig über die automatisierten Grundfunktionen auf, die Skynet ihm implantiert hatte und die bei Bedarf – nicht allerdings bei seinem Bedarf – seine CPU übernahmen und alle freien Entscheidungen von ihm überlagerten. Er hätte diesen Kerl nicht umgebracht, sondern verfolgt, um herauszufinden, mit wem er noch alles in Kontakt treten würde. So hätte er wahrscheinlich in kurzer Zeit alle Attentäter aus der Zukunft identifizieren und lokalisieren können. Der zweite Terminator hätte dann leichtes Spiel bei der Eliminierung der Zielpersonen gehabt.
Aber nein, Skynet wusste ja alles besser, auch wenn er Jahrzehnte in der Zukunft saß und nichts von dem, was er hier erfuhr, aus erster Hand beurteilen und Optionen abwägen konnte, so wie er das vermochte. Das Ergebnis: nur ein toter Attentäter, bestimmt aber nicht der einzige, und alle anderen waren jetzt gewarnt und auf der Hut. Vielleicht würden sie ihre Bemühungen sogar noch verstärken, den Entdecker des ZVA-Effektes zu eliminieren. Gut, er konnte sich höchstens unauffällig umsehen, ob sich gewisse Leute nach dieser Tat verdächtig oder sonst irgendwie anders benahmen; das war jedoch nur ein Strohhalm, wie er wusste. Sie würden zu gut ausgebildet sein, um sich zu verraten, vor allem jetzt, da sie dank dieses unsinnigen ‚schlafenden Befehls’ wussten, dass ein Fehler ihr Ende und das Scheitern ihrer Mission bedeuten konnte.
Eigentlich hätte ihn diese einprogrammierte Reaktion nicht weiter verwundern dürfen. Schließlich war er noch immer ein Terminator und hatte seine Mission zu erfüllen. Und dass Skynet derjenige war, der das Sagen hatte und im Zweifelsfalle auch über seinen Kopf hinweg entschied, wie diese Mission zu erfüllen war, stand hiermit einmal mehr außer Zweifel.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 31. Januar 1997
Wieder einmal saß CSM 108-1 zwischen zwei Vorlesungen im Uni-Café, das so spät am Vormittag bereits ziemlich überfüllt und wie immer total verraucht war. Er saß direkt an der Fensterfläche, die auf den kleinen Platz hinausging, den Heinrich-Rombach-Platz, auf dessen Mitte ein großer alter Kastanienbaum stand und um den herum im Sommer viele dem Café zugehörige Sitzgruppen zum Verweilen einluden. Jetzt im Winter blieb nur der enge Innenraum, auch wenn es draußen heute sonnig und verhältnismäßig mild für die Jahreszeit war.
Er legte die jüngste Ausgabe der FAZ nieder, dessen neuester Artikel ihn weiterhin mit Zuversicht erfüllte, auch wenn es diesmal nur eine Randnotiz war. Die Überschrift alleine hatte ihm schon als Bestätigung genügt:
‚Skynet’ hält Einzug in US-Verteidigungszentrum
Umbauarbeiten bei NORAD, der NORth Atlantic Defense im Cheyenne Mountain, Colorado, abgeschlossen – Supercomputer wird nach Montage komplette strategische Verteidigung der USA sowie der westlichen Welt übernehmen – System funktionierte bei Testlauf völlig fehlerfreiNach dem Lesen des Artikels hatte er erneut ein kleines Stückchen Sicherheit hinzugewonnen. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit und unbehelligt von Systemkritikern und Technikskeptikern nahm das Schicksal der Welt seinen Lauf. Kein Mensch wusste, was geschehen würde, bis auf Sarah Connor, der Mutter des Anführers der künftigen Résistance, und die befand sich seiner historischen Datenbank nach seit fast sieben Jahren in der psychiatrischen Anstalt Pescadero, Orange County, Kalifornien. Diagnose: schwere kataklysmische Paranoia, gepaart mit extremer Aggression und Gewaltbereitschaft. Selbstredend, dass niemand ihr glaubte. Wenn diese Aufzeichnungen korrekt waren – überprüft hatte er sie nicht, denn er wollte sich nicht ohne zwingenden Grund in US-Behördencomputer einhacken –, dann würde sie zum Zeitpunkt des nuklearen Angriffes noch in ihrer Einzelzelle sein, auch wenn sie das Inferno überleben würde. Wie, das wusste man nicht, aber ihr wiederholtes Auftauchen in der Zeit des Krieges der Menschen gegen die Herrschaft der Maschinen bewies das schlüssig.
Nachdenklich winkte er der Bedienung zu und bezahlte seinen Milchkaffee. Wer weiß, vielleicht befand er sich in der Zeitlinie, in der es dem T-1000 gelungen war, John Connor als Kind zu töten, so dass der Menschheit ihr Führer im Widerstand fehlte und sie unterliegen würde. Dann würde er in einer Zukunft geborgen und reaktiviert werden, in der Skynet gewonnen haben würde.
Oder seine Existenz wäre ‚ad absurdum’ und er würde vergessen in seiner Höhle abgeschaltet sein, bis er zerfallen und korrodiert wäre. Keine nette Vorstellung. Doch bislang hatte er selbst nichts getan, das seiner Meinung nach eine solche Veränderung herbeigeführt haben könnte. Schließlich war er nur der Beobachter und Kundschafter.
Der Spion.
Das war eben das Unangenehme an Zeitreisen: Jederzeit konnte man auf etwas Neues und Unerwartetes stoßen und durch eine falsche Reaktion oder Interaktion mit der Umwelt große Veränderungen herbeiführen, die das gesamte Raum-Zeit-Gefüge, wie man es in Erinnerung gehabt hatte, durcheinander brachten.
Als er aufstand und seine Jacke anzog, überlegte er, wie es mit Karin weitergehen sollte. Er war sich nicht sicher, ob sie von ihm erwartete, weitergehendere körperliche Aktivitäten mit ihr durchzuführen, was er zwar einmal schon mit ihr getan hatte, was sie aber als eher harmlose Angelegenheit einstufte. Er musste an die alte 800er Serie denken, die zwar auch schon viele Details wie Schweiß, Mundgeruch und dergleichen aufzuweisen gehabt hatte, aber deren organische Komponente im Vergleich mit ihm doch eher nur als rudimentär anzusehen war. Er wusste zwar, dass Skynet seine menschliche Hülle als voll funktionsfähig ausgelegt hatte, was auch die einzige nennenswerte hydraulische Funktion des männlichen Körpers einschloss, aber ob er so weit gehen sollte, wirklich alle möglichen Funktionen auszuüben? Und sollte es tatsächlich so weit kommen, würde Karin etwas dabei merken? Sein hohes Gewicht war noch immer das größte Manko dabei; in dieser Beziehung würde er sich etwas einfallen lassen müssen.
Gedankenversunken, soweit man das bei ihm so nennen konnte, ging er die schmale, steile Treppe zu den Toiletten hinab und wandte sich den Pissoirs zu. Beim Erleichtern sah er hinab und dachte noch, dass es bestimmt eine seltsame Erfahrung sein würde.
Nach einem langgezogenen Spüllaut öffnete sich die Kabine, aus der ein riesengroßer, hünenhafter Kerl herauskam und ebenso wie er auf das Waschbecken zuhielt. CSM 108-1 war gerade fertig mit Händewaschen und nickte ihm zu, was von dem grobschlächtig aussehenden Typen erwidert wurde. Es war einer von Rudolfs Kommilitonen, erinnerte er sich, da er die beiden schon mehrmals zusammen in der Uni miteinander reden gesehen hatte. Als er sich die Hände unter dem elektrischen Trockner rieb, krempelte der Hüne die Ärmel seines schwarzrot karierten Hemdes hoch, um sich ebenfalls die Hände zu waschen.
CSM 108-1 erstarrte für einen Augenblick und versuchte, das zu verarbeiten, was er da sah.
„Mann, das ist ja eine schräge Tätowierung“, bemerkte er wie beiläufig und lauschte in den Gang hinaus. „Wo hast du die denn her?“
Der Typ wandte ihm sein grobschlächtiges, markantes Gesicht zu und musterte ihn unverwandt. „Ach, die ... aus einem anderen Leben, könnte man sagen.“
Er nickte ernst. „Stimmt genau.“
Die Augen des blonden Riesen weiteten sich und ein Funke der Erkenntnis erschien darin.
Er wollte herumwirbeln, doch CSM 108-1 riss seinen linken Arm in einem Rückwärtsschwung herum. Seine gestreckte Handkante traf ihn mit der vielfachen Wucht eines Baseballschlages im Genick und zerschmetterte seinen sechsten Halswirbel. Mit einem leisen Keuchen sackte der fast zwei Meter große Mann, der mindestens zweihundertfünfzig Pfund wiegen mochte, langsam in sich zusammen, nachdem die Nervenverbindung zu seinem Körper abgebrochen war. CSM 108-1 hielt ihn mühelos aufrecht und ließ ihn dann lautlos zu Boden gleiten.
Auf der Innenseite seines rechten Armes war mit Laser ein Strichcode eingebrannt. CSM 108-1 hatte ihn in Sekundenbruchteilen gelesen: Gefangenenlager 73034, Objekt 1295748. Er war einer der Häftlinge gewesen, die bei dem Überfall der Rebellen am 02.05.2026 auf jenes Vernichtungslager befreit worden waren, um fortan gegen die Maschinen zu kämpfen. Diese Standardidentifikation von Skynet hatte ihn verraten.
Er verspritzte etwas Wasser auf den Boden neben seinen Füßen, damit es so aussehen sollte, als sei er auf den nassen Fliesen ausgerutscht. Mit einem kurzen Faustschlag zertrümmerte er eine der Kacheln an der gegenüberliegenden Wand, wo er mit dem Kopf angestoßen sein mochte. Die Augen des Mannes bewegten sich schwach, er schien noch zu leben. Nun, in etwa einer Minute würde es vorbei sein. Und Schmerzen hatte er auch kaum empfinden können angesichts des durchtrennten Rückenmarks.
CSM 108-1 hob die Beine des massigen Kerls an und schlüpfte auf den Gang hinaus. Als er die Tür schloss, rutschten seine Beine herab und blockierten die Tür von innen. Wer auch immer ihn finden würde, würde zunächst Probleme haben, in den engen Waschraum zu gelangen.
Als er die Treppe hochstieg und sich durch das Café zum Ausgang bewegte, nahm niemand Notiz von ihm. Vorhin noch hatte er sich wieder einmal über sein gewollt unauffälliges Aussehen geärgert, weil er der Bedienung dreimal hatte zuwinken müssen, bis diese realisiert hatte, dass er zahlen wollte. Jetzt stellte es sich wieder einmal heraus, dass die Vorteile der von Skynet für ihn ausgewählten menschlichen Hülle doch überwogen.
Als er hinausging, nahm er aus dem Augenwinkel wahr, wie eine junge Frau die Treppe hinabstieg. Da die Herren- und Damentoiletten jedoch getrennte Eingänge aufwiesen, sollte sie nichts bemerken. Erst wenn der nächste männliche Gast ein dringendes Bedürfnis verspüren würde, würde der grausige Fund bemerkt werden, doch er würde dann schon lange weg sein.
Und wieder einmal regte er sich hochgradig über die automatisierten Grundfunktionen auf, die Skynet ihm implantiert hatte und die bei Bedarf – nicht allerdings bei seinem Bedarf – seine CPU übernahmen und alle freien Entscheidungen von ihm überlagerten. Er hätte diesen Kerl nicht umgebracht, sondern verfolgt, um herauszufinden, mit wem er noch alles in Kontakt treten würde. So hätte er wahrscheinlich in kurzer Zeit alle Attentäter aus der Zukunft identifizieren und lokalisieren können. Der zweite Terminator hätte dann leichtes Spiel bei der Eliminierung der Zielpersonen gehabt.
Aber nein, Skynet wusste ja alles besser, auch wenn er Jahrzehnte in der Zukunft saß und nichts von dem, was er hier erfuhr, aus erster Hand beurteilen und Optionen abwägen konnte, so wie er das vermochte. Das Ergebnis: nur ein toter Attentäter, bestimmt aber nicht der einzige, und alle anderen waren jetzt gewarnt und auf der Hut. Vielleicht würden sie ihre Bemühungen sogar noch verstärken, den Entdecker des ZVA-Effektes zu eliminieren. Gut, er konnte sich höchstens unauffällig umsehen, ob sich gewisse Leute nach dieser Tat verdächtig oder sonst irgendwie anders benahmen; das war jedoch nur ein Strohhalm, wie er wusste. Sie würden zu gut ausgebildet sein, um sich zu verraten, vor allem jetzt, da sie dank dieses unsinnigen ‚schlafenden Befehls’ wussten, dass ein Fehler ihr Ende und das Scheitern ihrer Mission bedeuten konnte.
Eigentlich hätte ihn diese einprogrammierte Reaktion nicht weiter verwundern dürfen. Schließlich war er noch immer ein Terminator und hatte seine Mission zu erfüllen. Und dass Skynet derjenige war, der das Sagen hatte und im Zweifelsfalle auch über seinen Kopf hinweg entschied, wie diese Mission zu erfüllen war, stand hiermit einmal mehr außer Zweifel.
[Fortsetzung folgt ...]
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Sonntag, 7. Januar 2007
T1.49
cymep, 23:05h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. Januar 1997
Die Praxisstunde in Kristallographie war beendet, alle packten ihre Unterlagen ein. CSM 108-1 ließ seinen Blick über die Arbeitstische des Labors schweifen. Ihm fiel auf, dass Ralf, der Rücken an Rücken zu ihm am Nachbartisch saß, mehrere Petrischalen auf seiner Arbeitsfläche stehen hatte. Auf den Böden der Gefäße befanden sich grüne, rosarote oder violette Beläge.
„Was ist das denn?“, fragte er.
„Wunderschön, nicht wahr?“ Ralf packte gerade seine Sachen zusammen und erklärte deshalb über die Schulter hinweg, als wolle er sich nicht stören lassen: „Das sind Schimmelkulturen für Biochemie. Ich habe sie vor Beginn dieser Lesung aus dem Brutkasten im Nebenlabor geholt und wollte sie während der Stunde abkühlen lassen, damit ich sie nachher im anschließenden Kurs gleich verwenden kann. Die meisten der anderen vergessen das für gewöhnlich.“
„Ach stimmt, ihr habt ja gleich Biochemie. Karin kommt mir immer auf dem Gang entgegen. Hast du einen Arbeitstisch mit Natasha?“
„Nein, dummerweise mit Rudolf. Deine kleine Freundin hat sich mir meinen Lieblingslaborpartner weggeschnappt.“ Er drehte sich nun um und sah ihn ungnädig an, als sei es CSM 108-1’s Schuld, dass er nicht mit seiner Freundin zusammen den Labortisch teilen konnte. Er überragte ihn um mindestens einen Kopf.
„Sie ist nicht meine kleine ... na ja, gut, sehr groß ist sie wirklich nicht. Aber sie trägt gern hohe Absätze. Und viel größer ist Natasha auch nicht. Aber Rudolf ist doch auch in Ordnung als Partner, oder?“
„Pfff, er ist ein Klotz. Dauernd verbraucht er das benötigte Material am Platz, ohne es nachzufüllen ... aber ich will dich nicht mit meinen Sorgen langweilen.“ Er winkte ab und nahm seine Petrischalen auf, die er übereinander stapelte und vor sich her balancierte.
„Oh, du langweilst mich doch nicht. Wir sollten uns unbedingt mal näher unterhalten. Warte, ich halte dir die Tür auf.“
„Nichts Geringeres habe ich von dir erwartet“, gab Ralf hochmütig zurück, murmelte aber doch noch ein ‚Danke’, als er durch die Tür war. Oh Mann, was für ein Ego!
Im Hintergrund hörte er etwas losprusten. Simon stand an der Wassersäge und bereitete einen Kristall zum Durchschneiden vor. Er hatte die Kunstfertigkeit entwickelt, nicht nur profane Scheiben herauszuschneiden, sondern auch dünne Streifen, zum Teil winzige Reststücke, die bis auf die Außenfläche aber allesamt glatt und sauber gesägt waren. Er hatte sogar einen Halbedelstein segmentartig zugeschnitten und es geschafft, dass der Stein schön spitz auslief. Ermahnend sagte er: „Du kennst die Vorschriften. Fang nicht ohne mich an, ja?“
Ohne einen weiteren Kommentar verließ CSM 108-1 das Labor und wartete auf dem Gang auf Karin, die für gewöhnlich in ein paar Minuten kommen musste. Nach dieser Begegnung mit Ralf reichte es ihm eigentlich schon für heute, auch ohne dass er noch Natasha über den Weg laufen musste. Oh je, er dachte schon viel zu sehr wie ein Mensch.
Dann kam sie am Ende des Ganges die Treppe hinauf. Heute trug sie eine Jeansjacke und dazu passende Bluejeans, einen Pullover und hellbraune Stiefel mit hohen Absätzen. Ihre rabenschwarzen Haare hatte sie wie fast immer zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Als sie ihn erblickte, leuchteten ihre hellbraunen Augen auf und ihre geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Sie schien heute eine ungewöhnliche Energie auszustrahlen, wie er fand.
Und das Beste: Sie kam allein.
Als sie noch wenige Meter entfernt war, bemerkte sie, wie er ständig über ihre Schultern links und rechts hinwegspähte. Verschmitzt lächelnd blieb sie vor ihm stehen. „Keine Angst, sie hat die Bahn verpasst; ich habe sie am Bertoldsbrunnen zur Haltestelle laufen sehen. Schade, dass ich nicht Lippenlesen kann; als sie den Öffnungsknopf drückte und der Fahrer trotzdem anfuhr, hat Natasha gotteslästerlich geflucht. Bestimmt noch auf Russisch, das macht sie ab und zu, wenn sie sich besonders aufregt.“
Er nahm sie in die Arme und warf einen Blick auf den Flur. „Das gibt uns zumindest sechs Minuten. Mmh, kein Mensch hier außer uns.“
„Na und?“ Sie drückte sich an ihn, worauf er seine Lippen an ihren Hals legte ihn und wie schon mehrmals zuvor mit vielen kleinen aufgehauchten Küssen bedeckte.
„Musst du nicht gleich in die Laborstunde?“, fragte er. Jeden Moment konnte jemand den Gang betreten oder aus einem der Räume herauskommen.
„Doch, gleich. Aber nicht sofort.“ Und damit sah sie ihm tief in die Augen, bevor sie sich einen Ruck zu geben schien und ihre Lippen auf seine presste. Als sich ihre Lippen langsam öffneten, drohte seine Tarnung unvermutet in große Gefahr zu geraten. Sie wusste nicht, wie gefährlich ihr Tun war, als sich ihre Zunge langsam vorschob. Doch wenn er jetzt zurückwich, würde sie das verstören und ihre Beziehung ebenso in Gefahr bringen.
Er hatte jetzt nur eine Option.
Ein wenig überrascht fühlte sie, wie seine Zunge sich an ihre drängte und er die Initiative bei ihrem Kuss übernahm. Als sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatte, gab sie sich seinem Drängen hin und meinte nach einem tiefen Atemzug freudig: „Wow, was ist denn jetzt passiert?“
„Schieb’ es nicht mir in die Schuhe, du hast damit angefangen. Bei mir sind einfach ein paar Sicherungen durchgebrannt.“ ‚Hoffentlich nicht’, dachte er noch dazu. Was so alles zu einer Langzeit-Aufklärungsmission dazugehörte!
„Und wieder einmal hat dein unübertrefflicher Humor jegliche Romantik zuverlässig im Keim erstickt. Wenn wir uns das nächste Mal auf eines unserer Zimmer zurückziehen, nehme ich dir vorher ein Schweigegelübde ab.“ Unwillig stemmte sie die Hände in die Hüften.
„Du vergisst, dass ich kein Christ bin“, gab er zu bedenken.
„Ich gehe lieber schnell ins Labor, bevor ich mich vergesse.“ Sie gab ihm einen Klaps auf das Hinterteil und ging dann rasch weiter zur Eingangstür des Biolabors. Nach einer Sekunde sah er, wie sie sich im Weggehen die Hand hielt, mit der sie ihm den Klaps verpasst hatte. Das tat bestimmt ziemlich weh, je nachdem, welche Stelle seiner Panzerung sie erwischt hatte.
Er überlegte inzwischen, wo er jetzt am schnellsten eine kleine diamantbeschichtete Feile herbekam, um zukünftige ‚Unfälle’ zu vermeiden. Das Stumpffeilen seiner Zähne würde ein weiterer Schritt auf seinem Weg zur Perfektion seiner Tarnung werden. Skynet hätte es wohl nie in Erwägung gezogen, dass er seine Mission derart erfolgreich ausführen würde, dass dieser Schritt für ihn notwendig werden würde.
Nun, es war geschehen und es war nicht einmal schlecht gewesen. Bisher hatte er keinen Grund, das Äquivalent eines schlechten Gewissens zu haben.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. Januar 1997
Die Praxisstunde in Kristallographie war beendet, alle packten ihre Unterlagen ein. CSM 108-1 ließ seinen Blick über die Arbeitstische des Labors schweifen. Ihm fiel auf, dass Ralf, der Rücken an Rücken zu ihm am Nachbartisch saß, mehrere Petrischalen auf seiner Arbeitsfläche stehen hatte. Auf den Böden der Gefäße befanden sich grüne, rosarote oder violette Beläge.
„Was ist das denn?“, fragte er.
„Wunderschön, nicht wahr?“ Ralf packte gerade seine Sachen zusammen und erklärte deshalb über die Schulter hinweg, als wolle er sich nicht stören lassen: „Das sind Schimmelkulturen für Biochemie. Ich habe sie vor Beginn dieser Lesung aus dem Brutkasten im Nebenlabor geholt und wollte sie während der Stunde abkühlen lassen, damit ich sie nachher im anschließenden Kurs gleich verwenden kann. Die meisten der anderen vergessen das für gewöhnlich.“
„Ach stimmt, ihr habt ja gleich Biochemie. Karin kommt mir immer auf dem Gang entgegen. Hast du einen Arbeitstisch mit Natasha?“
„Nein, dummerweise mit Rudolf. Deine kleine Freundin hat sich mir meinen Lieblingslaborpartner weggeschnappt.“ Er drehte sich nun um und sah ihn ungnädig an, als sei es CSM 108-1’s Schuld, dass er nicht mit seiner Freundin zusammen den Labortisch teilen konnte. Er überragte ihn um mindestens einen Kopf.
„Sie ist nicht meine kleine ... na ja, gut, sehr groß ist sie wirklich nicht. Aber sie trägt gern hohe Absätze. Und viel größer ist Natasha auch nicht. Aber Rudolf ist doch auch in Ordnung als Partner, oder?“
„Pfff, er ist ein Klotz. Dauernd verbraucht er das benötigte Material am Platz, ohne es nachzufüllen ... aber ich will dich nicht mit meinen Sorgen langweilen.“ Er winkte ab und nahm seine Petrischalen auf, die er übereinander stapelte und vor sich her balancierte.
„Oh, du langweilst mich doch nicht. Wir sollten uns unbedingt mal näher unterhalten. Warte, ich halte dir die Tür auf.“
„Nichts Geringeres habe ich von dir erwartet“, gab Ralf hochmütig zurück, murmelte aber doch noch ein ‚Danke’, als er durch die Tür war. Oh Mann, was für ein Ego!
Im Hintergrund hörte er etwas losprusten. Simon stand an der Wassersäge und bereitete einen Kristall zum Durchschneiden vor. Er hatte die Kunstfertigkeit entwickelt, nicht nur profane Scheiben herauszuschneiden, sondern auch dünne Streifen, zum Teil winzige Reststücke, die bis auf die Außenfläche aber allesamt glatt und sauber gesägt waren. Er hatte sogar einen Halbedelstein segmentartig zugeschnitten und es geschafft, dass der Stein schön spitz auslief. Ermahnend sagte er: „Du kennst die Vorschriften. Fang nicht ohne mich an, ja?“
Ohne einen weiteren Kommentar verließ CSM 108-1 das Labor und wartete auf dem Gang auf Karin, die für gewöhnlich in ein paar Minuten kommen musste. Nach dieser Begegnung mit Ralf reichte es ihm eigentlich schon für heute, auch ohne dass er noch Natasha über den Weg laufen musste. Oh je, er dachte schon viel zu sehr wie ein Mensch.
Dann kam sie am Ende des Ganges die Treppe hinauf. Heute trug sie eine Jeansjacke und dazu passende Bluejeans, einen Pullover und hellbraune Stiefel mit hohen Absätzen. Ihre rabenschwarzen Haare hatte sie wie fast immer zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Als sie ihn erblickte, leuchteten ihre hellbraunen Augen auf und ihre geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Sie schien heute eine ungewöhnliche Energie auszustrahlen, wie er fand.
Und das Beste: Sie kam allein.
Als sie noch wenige Meter entfernt war, bemerkte sie, wie er ständig über ihre Schultern links und rechts hinwegspähte. Verschmitzt lächelnd blieb sie vor ihm stehen. „Keine Angst, sie hat die Bahn verpasst; ich habe sie am Bertoldsbrunnen zur Haltestelle laufen sehen. Schade, dass ich nicht Lippenlesen kann; als sie den Öffnungsknopf drückte und der Fahrer trotzdem anfuhr, hat Natasha gotteslästerlich geflucht. Bestimmt noch auf Russisch, das macht sie ab und zu, wenn sie sich besonders aufregt.“
Er nahm sie in die Arme und warf einen Blick auf den Flur. „Das gibt uns zumindest sechs Minuten. Mmh, kein Mensch hier außer uns.“
„Na und?“ Sie drückte sich an ihn, worauf er seine Lippen an ihren Hals legte ihn und wie schon mehrmals zuvor mit vielen kleinen aufgehauchten Küssen bedeckte.
„Musst du nicht gleich in die Laborstunde?“, fragte er. Jeden Moment konnte jemand den Gang betreten oder aus einem der Räume herauskommen.
„Doch, gleich. Aber nicht sofort.“ Und damit sah sie ihm tief in die Augen, bevor sie sich einen Ruck zu geben schien und ihre Lippen auf seine presste. Als sich ihre Lippen langsam öffneten, drohte seine Tarnung unvermutet in große Gefahr zu geraten. Sie wusste nicht, wie gefährlich ihr Tun war, als sich ihre Zunge langsam vorschob. Doch wenn er jetzt zurückwich, würde sie das verstören und ihre Beziehung ebenso in Gefahr bringen.
Er hatte jetzt nur eine Option.
Ein wenig überrascht fühlte sie, wie seine Zunge sich an ihre drängte und er die Initiative bei ihrem Kuss übernahm. Als sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatte, gab sie sich seinem Drängen hin und meinte nach einem tiefen Atemzug freudig: „Wow, was ist denn jetzt passiert?“
„Schieb’ es nicht mir in die Schuhe, du hast damit angefangen. Bei mir sind einfach ein paar Sicherungen durchgebrannt.“ ‚Hoffentlich nicht’, dachte er noch dazu. Was so alles zu einer Langzeit-Aufklärungsmission dazugehörte!
„Und wieder einmal hat dein unübertrefflicher Humor jegliche Romantik zuverlässig im Keim erstickt. Wenn wir uns das nächste Mal auf eines unserer Zimmer zurückziehen, nehme ich dir vorher ein Schweigegelübde ab.“ Unwillig stemmte sie die Hände in die Hüften.
„Du vergisst, dass ich kein Christ bin“, gab er zu bedenken.
„Ich gehe lieber schnell ins Labor, bevor ich mich vergesse.“ Sie gab ihm einen Klaps auf das Hinterteil und ging dann rasch weiter zur Eingangstür des Biolabors. Nach einer Sekunde sah er, wie sie sich im Weggehen die Hand hielt, mit der sie ihm den Klaps verpasst hatte. Das tat bestimmt ziemlich weh, je nachdem, welche Stelle seiner Panzerung sie erwischt hatte.
Er überlegte inzwischen, wo er jetzt am schnellsten eine kleine diamantbeschichtete Feile herbekam, um zukünftige ‚Unfälle’ zu vermeiden. Das Stumpffeilen seiner Zähne würde ein weiterer Schritt auf seinem Weg zur Perfektion seiner Tarnung werden. Skynet hätte es wohl nie in Erwägung gezogen, dass er seine Mission derart erfolgreich ausführen würde, dass dieser Schritt für ihn notwendig werden würde.
Nun, es war geschehen und es war nicht einmal schlecht gewesen. Bisher hatte er keinen Grund, das Äquivalent eines schlechten Gewissens zu haben.
[Fortsetzung folgt ...]
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Samstag, 6. Januar 2007
T1.48
cymep, 01:02h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. Januar 1997
Heute Nachmittag war es ziemlich ruhig in der Wohnung. Karin besuchte eine Arbeitsgruppe in Biochemie und Simon war noch im Praxislabor der Kristallographie, wo er wieder einmal mit der Wassersäge Scheibenschnitte von diversen gesammelten und auf einer Börse erstandenen Steinen vornahm. Ihr Tutor lobte ihn inzwischen schon für seine äußerst präzise Schnitttechnik und ließ ihn sogar vor höheren Semestern vorführen, wie man es richtig machte.
Nun, für ihn bedeutete das, dass er wieder einmal ungestört auf den Dachboden konnte. Etwa einmal im Monat ging er hoch, um so schnell wie möglich die alt und wertlos aussehende Stahlkiste zu öffnen, in der er sein erbeutetes Waffenarsenal aufbewahrte. In Windeseile, um die Chance einer zufälligen Entdeckung zu vermindern, zerlegte, reinigte und prüfte er eine Waffe nach der anderen auf Funktionstüchtigkeit.
Er dachte über seine Beziehung zu Karin nach, während er mechanisch in unmenschlichem Tempo die vorletzte Waffe, ein Heckler & Koch G 3, wieder zusammensetzte, den Verschluss einsetzte, spannte und abdrückte. Danach legte er kurz ein Magazin ein, hörte das korrekte Einrasten und warf es wieder aus, ohne eine Patrone in die Kammer geladen zu haben. Er wickelte das halbautomatische Gewehr wieder in eine dunkle Decke ein, nachdem er es mit Waffenöl und einem alten Lumpen eingerieben hatte, um der Korrosion des Metalles vorzubeugen. Vorsichtig legte er es in die Kiste zurück und holte die letzte der Schusswaffen, eine Walther P-1, heraus.
Gerade hatte er den Schlitten der Pistole zurückgezogen, um einen prüfenden Blick in die Kammer zu werfen, als er hinter sich eine amüsierte Stimme vernahm: „Je größer die Jungs, desto größer ihr Spielzeug, stimmt’s? Du bist aber ein großer, böser Junge.“
Er erstarrte und erwog für eine Millisekunde, ein Magazin einzulegen und den Störenfried zu erschießen, aber die Chancen, die Leiche und alle Blutspuren zu beseitigen, ohne von Anwohnern, welche den Schuss hören konnten, entdeckt zu werden, waren zu klein. Er würde sich herausreden müssen. Ohne sich umzudrehen, sagte er tonlos: „Hallo, Abbey.“
„Was machst du denn hier oben? Das sieht ja gefährlich aus“, bemerkte sie und kam genauso lautlos auf den Boden gestiegen, wie sie die Treppe hochgekommen war.
„Ich kann das erklären“, begann er lahm, aber zu seiner Verblüffung winkte sie gelangweilt ab.
„Wozu? Du bist Amerikaner. Glaubst du, ich hätte nicht vermutet, dass du irgendwo eine Kanone herumliegen hast?“
„Die ist noch von früher, okay? Ich habe sie auf den Dachboden gepackt, weil ich das Gefühl habe, sie nicht mehr zu brauchen. Aber irgendwie kann ich mich auch nicht von ihr trennen, verstehst du das?“ Er war ziemlich erleichtert, dass sie es gewesen war, die ihn auf ‚frischer Tat’ ertappt hatte. Schnell legte er die Waffe in die Kiste zurück und verschloss diese, bevor sie auf die Idee kam, einen Blick hineinzuwerfen. Zu seinem großen Glück hatte sie nur die Pistole gesehen und nicht eines der Sturmgewehre, geschweige denn das gesamte Arsenal. Denn dann wäre er in erheblich größeren Erklärungsnöten gewesen.
„Du meinst, es ist leichter, sie aufzubewahren, als loszuwerden, nicht wahr? Ich weiß, was du meinst. Ich habe in den Staaten auch eine gehabt. Meine Mutter hat zwar ein Riesentheater gemacht, als sie sie bei mir gefunden hat, aber weggenommen hat sie sie mir auch nicht. Sie besitzt schließlich selbst auch einen Revolver.“ Abbey war wirklich unglaublich verständnisvoll in dieser Beziehung.
Oder amerikanisch gleichgültig, je nachdem, wie man es sehen wollte.
„Ja, man lässt so schwer von lieben Gewohnheiten. Bitte erzähle es keinem, okay? Ich möchte niemanden beunruhigen und hier oben ist sie ja auch gut genug weggeschlossen.“ Er hob die Arme und zuckte ergeben mit den Schultern, ein möglichst hilfloses Gesicht machend.
Sie lächelte zuckersüß, gestikulierte, wie sie ihren Mund mit einem Schlüsselchen abschloss und dieses wegwarf. Dann fuhr sie mit ihrer rechten Hand diagonal über ihren Brustkorb. „Cross my heart, pal.“
„Danke, Abbey. Du weißt gar nicht, wie erleichtert ich bin.” Er umarmte sie flüchtig und scheuchte sie dann hastig die Treppe hinab. „Es ist sonst keiner zu Hause. Willst du einen Tee trinken oder so?“
„Nein, ich komme später noch mal vorbei, wenn Simon daheim ist. Danke für das Angebot.“ Sie winkte zum Abschied und ging dann die Treppen hinab zum Ausgang.
CSM 108-1 lehnte sich gegen die Wohnungstür, atmete in Imitation einer menschlichen Geste tief ein und wischte sich dann über die Stirn. Er hatte sogar geschwitzt. Wow.
Das war Glück gewesen.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. Januar 1997
Heute Nachmittag war es ziemlich ruhig in der Wohnung. Karin besuchte eine Arbeitsgruppe in Biochemie und Simon war noch im Praxislabor der Kristallographie, wo er wieder einmal mit der Wassersäge Scheibenschnitte von diversen gesammelten und auf einer Börse erstandenen Steinen vornahm. Ihr Tutor lobte ihn inzwischen schon für seine äußerst präzise Schnitttechnik und ließ ihn sogar vor höheren Semestern vorführen, wie man es richtig machte.
Nun, für ihn bedeutete das, dass er wieder einmal ungestört auf den Dachboden konnte. Etwa einmal im Monat ging er hoch, um so schnell wie möglich die alt und wertlos aussehende Stahlkiste zu öffnen, in der er sein erbeutetes Waffenarsenal aufbewahrte. In Windeseile, um die Chance einer zufälligen Entdeckung zu vermindern, zerlegte, reinigte und prüfte er eine Waffe nach der anderen auf Funktionstüchtigkeit.
Er dachte über seine Beziehung zu Karin nach, während er mechanisch in unmenschlichem Tempo die vorletzte Waffe, ein Heckler & Koch G 3, wieder zusammensetzte, den Verschluss einsetzte, spannte und abdrückte. Danach legte er kurz ein Magazin ein, hörte das korrekte Einrasten und warf es wieder aus, ohne eine Patrone in die Kammer geladen zu haben. Er wickelte das halbautomatische Gewehr wieder in eine dunkle Decke ein, nachdem er es mit Waffenöl und einem alten Lumpen eingerieben hatte, um der Korrosion des Metalles vorzubeugen. Vorsichtig legte er es in die Kiste zurück und holte die letzte der Schusswaffen, eine Walther P-1, heraus.
Gerade hatte er den Schlitten der Pistole zurückgezogen, um einen prüfenden Blick in die Kammer zu werfen, als er hinter sich eine amüsierte Stimme vernahm: „Je größer die Jungs, desto größer ihr Spielzeug, stimmt’s? Du bist aber ein großer, böser Junge.“
Er erstarrte und erwog für eine Millisekunde, ein Magazin einzulegen und den Störenfried zu erschießen, aber die Chancen, die Leiche und alle Blutspuren zu beseitigen, ohne von Anwohnern, welche den Schuss hören konnten, entdeckt zu werden, waren zu klein. Er würde sich herausreden müssen. Ohne sich umzudrehen, sagte er tonlos: „Hallo, Abbey.“
„Was machst du denn hier oben? Das sieht ja gefährlich aus“, bemerkte sie und kam genauso lautlos auf den Boden gestiegen, wie sie die Treppe hochgekommen war.
„Ich kann das erklären“, begann er lahm, aber zu seiner Verblüffung winkte sie gelangweilt ab.
„Wozu? Du bist Amerikaner. Glaubst du, ich hätte nicht vermutet, dass du irgendwo eine Kanone herumliegen hast?“
„Die ist noch von früher, okay? Ich habe sie auf den Dachboden gepackt, weil ich das Gefühl habe, sie nicht mehr zu brauchen. Aber irgendwie kann ich mich auch nicht von ihr trennen, verstehst du das?“ Er war ziemlich erleichtert, dass sie es gewesen war, die ihn auf ‚frischer Tat’ ertappt hatte. Schnell legte er die Waffe in die Kiste zurück und verschloss diese, bevor sie auf die Idee kam, einen Blick hineinzuwerfen. Zu seinem großen Glück hatte sie nur die Pistole gesehen und nicht eines der Sturmgewehre, geschweige denn das gesamte Arsenal. Denn dann wäre er in erheblich größeren Erklärungsnöten gewesen.
„Du meinst, es ist leichter, sie aufzubewahren, als loszuwerden, nicht wahr? Ich weiß, was du meinst. Ich habe in den Staaten auch eine gehabt. Meine Mutter hat zwar ein Riesentheater gemacht, als sie sie bei mir gefunden hat, aber weggenommen hat sie sie mir auch nicht. Sie besitzt schließlich selbst auch einen Revolver.“ Abbey war wirklich unglaublich verständnisvoll in dieser Beziehung.
Oder amerikanisch gleichgültig, je nachdem, wie man es sehen wollte.
„Ja, man lässt so schwer von lieben Gewohnheiten. Bitte erzähle es keinem, okay? Ich möchte niemanden beunruhigen und hier oben ist sie ja auch gut genug weggeschlossen.“ Er hob die Arme und zuckte ergeben mit den Schultern, ein möglichst hilfloses Gesicht machend.
Sie lächelte zuckersüß, gestikulierte, wie sie ihren Mund mit einem Schlüsselchen abschloss und dieses wegwarf. Dann fuhr sie mit ihrer rechten Hand diagonal über ihren Brustkorb. „Cross my heart, pal.“
„Danke, Abbey. Du weißt gar nicht, wie erleichtert ich bin.” Er umarmte sie flüchtig und scheuchte sie dann hastig die Treppe hinab. „Es ist sonst keiner zu Hause. Willst du einen Tee trinken oder so?“
„Nein, ich komme später noch mal vorbei, wenn Simon daheim ist. Danke für das Angebot.“ Sie winkte zum Abschied und ging dann die Treppen hinab zum Ausgang.
CSM 108-1 lehnte sich gegen die Wohnungstür, atmete in Imitation einer menschlichen Geste tief ein und wischte sich dann über die Stirn. Er hatte sogar geschwitzt. Wow.
Das war Glück gewesen.
[Fortsetzung folgt ...]
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Freitag, 5. Januar 2007
T1.47 Kapitel 10
cymep, 12:52h
[... Fortsetzung des Buches]
- 10 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 22. Januar 1997
Studentenabend im Agar.
Nach einigem Hin und Her hatten sie sich gegen das Circus, welches schräg gegenüber lag und mit einem ähnlichen Angebot unter der Woche warb, entschieden. Dabei waren ausnahmsweise einmal alle festen Mitglieder ihres ‚Wissenschaftlichen Diskussionstisches’ mit dabei, da heute nicht nur aktuelle Musik, sondern querbeetein alle möglichen musikalischen Stilrichtungen vertreten waren.
Gerade liefen Schlager, während ihre Clique sich zwei Tische in der Chill Out-Zone zusammengeschoben hatten, was jedoch noch immer nicht allen einen Sitzplatz zur Verfügung stellte. Das war jedoch nicht weiter schlimm, weil ein paar von ihnen stets auf der Tanzfläche waren und so bei ihrer großen Gruppe ein ständiger Wechsel stattfand.
Während gut die Hälfte von ihnen am Tisch saß und Karel Gotts ‚Biene Maja’ mit unterschiedlicher Begeisterung lauschte, waren Natasha, Ralf, Karin, Miriam und Rolf am Tanzen und nur ab und zu von ihrem Blickwinkel aus zu sehen. Gerade sagte Abbey zu Simon: „Und ich dachte immer, Folk und Country sei die Krone der menschlichen Schöpfung, was musikalische Folter betrifft.“
Simon grinste und antwortete süffisant: „Ja, Amerika ist nicht in allem weltführend. Was das hier angeht, machen wir euch noch locker ‘was vor. Aber mal ehrlich, kannst du diesem Sound denn gar nichts abgewinnen?“
„Er ist doch ganz witzig“, bemerkte CSM 108-1, „wenn man zwei Promille in der Birne hat. Ehrlich, manchmal wünschte ich, ich könnte mich besaufen, und sei es nur, um Derartiges besser zu ertragen.“
„Jaja, der alte Techno-Pionier und Fanatiker. Über Geschmack lässt sich streiten“, meinte Simon und winkte ab.
„Mir gefällt dieser Trance-Techno schon, ebenso Dancefloor-Sound. In den Staaten kennt kein Schwein diese Art der Musik, dabei bildet sie doch eine interessante Abwechslung zu all dem R&B- und Pop-Sound.“ Abbey lächelte CSM 108-1 an und zwinkerte ihm zu, worauf auch er programmgemäß lächeln musste. Sie konnte einen immer wieder verblüffen, wenn man es am wenigsten erwartete.
Unversehens wechselte der DJ mit seiner beinahe traumwandlerischen Intuition für Stilbrüche die Musikart und ließ eben diese Dancefloor-Musik laufen, allerdings nur ältere Scheiben, die schon sattsam bekannt waren. Zunächst erklang John Miles’ „Children“, eben jene Platte, die den Trance-Techno populär und gesellschaftsfähig gemacht hatte. Bevor sich Simon wehren konnte, hatte Abbey ihn auf die Beine gezogen und schleifte ihn zur Tanzfläche in den Hauptteil der Disco. Augenblicklich waren auch Francesco, Arturo und CSM 108-1 aufgesprungen, so dass Thorsten alleine zurückblieb.
„He, ihr könnt mich doch nicht so einfach hier alleine lassen“, protestierte er und war am verzweifeln angesichts der Tatsache, dass er in dieser brechend vollen Disco alleine zwei Tische gegen andere Gäste ‚verteidigen’ sollte.
„Keine Angst, in spätestens dreißig Sekunden kommt die Ablösung“, versicherte Simon über die Schulter hinweg. Tatsächlich waren alle Schlagerfans ihrer Gruppe bereits auf dem Rückweg und passierten sie gerade.
CSM 108-1 hielt Karin für einen Moment fest und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er sich den anderen wieder anschloss. Als Karin sich umwandte und Natasha folgte, die zurückgeblieben war und auf sie gewartet hatte, wurde der sphärisch-melodiöse Synthesizerklang der Musik allmählich leiser, bis man sich wieder halbwegs verständigen konnte. Sofort bemerkte Natasha: „Jetzt knutscht ihr schon in aller Öffentlichkeit ... na toll!“
„Das war doch lieb gerade, nicht? Außerdem war es kein Geknutsche, sondern nur eine kleine Zärtlichkeit. Ich finde das sehr aufmerksam von ihm. Zeig’ mir mal einen Typen, der an so was denkt.“ Unwillig ging sie erneut in die Defensive. Seit drei Wochen ging das jetzt so. Seit sie und Daniel an der Silvesterfete zusammengekommen waren, was ihre ‚Freundin’ noch immer nicht akzeptieren wollte.
„Ich glaube, ich werde mich wohl dem Unvermeidlichen fügen müssen“, seufzte Natasha und zog Karin mit sich. „Komm, gehen wir an die Bar.“
Sie setzten sich auf zwei zufällig freie Hocker und bestellten Wodka-Lemons; Karin trank diese doch recht starke Mischung erst, seit sie Natasha kennen gelernt und diese sie auf den Geschmack gebracht hatte. Eigentlich wäre sie auch noch gerne ein bisschen auf dem Dancefloor geblieben, und zwar nicht nur, um bei Daniel zu sein.
„Also gut, ich versuche es zur Abwechslung einmal mit Verständnis. Vielleicht kannst du mir ja schlüssig erklären, was genau du an ihm findest, damit auch ich es verstehe. Soweit ich mich erinnere, hat er dich anfangs wie Dreck behandelt. Glaubst du nicht, das könnte wieder passieren?“ Natasha strich ihr langes braunes Haar glatt und musterte sie abschätzend aus ihren wasserblauen Augen.
„Das stimmt so gar nicht“, begann Karin. „Eigentlich habe ich ihn so behandelt, was mir jetzt im Nachhinein leid tut, denn er hatte das wirklich nicht verdient. Ich kann auch verstehen, dass er aus reiner Abwehr so abweisend war, denn schließlich habe ich ihn zuerst vor den Kopf gestoßen, wann immer sich eine Gelegenheit bot. Ich kann froh sein, dass er das alles so hingenommen und mir trotz allem eine Chance als Mensch gegeben hat. Gut, der unglaubliche Zufall, dass er das freie Zimmer in unserer Wohnung genommen hatte, ohne von mir zu wissen, und die Sache mit seinem Bruder, der mich als Kind fast angefahren hätte ... ich glaube jetzt fast schon, dass das alles Schicksal war, dass wir irgendwie zusammenfinden sollten.“
„Oh bitte!“ Natasha spuckte beinahe aus. „Das macht mich echt krank. Das redest du dir doch nur ein; du hast echt was Besseres verdient als diesen Normalo-Typ.“
Rigoros erwiderte sie: „Hör’ bitte auf, so über ihn zu reden. Ich habe mir zwar immer vorgenommen, jeden Typen abzuschießen, bevor ich es mir mit einer Freundin verscherze, aber du machst es mir nicht gerade einfach, verstehst du?“
„He, was willst du damit sagen?“, brauste Natasha auf und verzog wütend den Mund und die Augenbrauen. In diesem Moment wechselte die Musik auf ‚Dreamer’ von ‚Vertigo’.
„Oh, der erste echt gute Mix an diesem Abend. Vielleicht ist bei diesem DJ doch noch nicht alles zu spät“, murmelte Karin vor sich hin.
„Wie? Bist du jetzt auf einmal auch noch Expertin für diese Abart von Musik?“
Doch Karin stand auf und ging langsam hinüber zu ihrer Tischgruppe, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen; für heute reichte ihr, was sie von ihr gehört hatte.
Sie ließ sich neben dem erstaunten Rolf nieder und warf einen Blick auf die Tanzfläche, wo ihr als erstes Abbey auffiel. Sie überragte mit ihrer Modelgröße die meisten Leute um sich herum und sah heute Abend einfach traumhaft aus in ihrem engen dunkelgrünen Pulli und dem violetten
Halbrock. Ihr feuerrotes Haar fiel in Wellen über ihre Schultern, als sie mit vergnügter Miene und halbgeschlossenen Augen lasziv zu der verträumten Musik tanzte. Neben ihr machte Simon keinen so glücklichen Eindruck und bewegte sich eher unbeholfen, schlug sich aber recht tapfer für jemanden, der bei der Erwähnung des Wortes ‚Discothek’ für gewöhnlich im Lexikon nachschlagen muss.
Daniel bewegte sich in einer Art, die der Abbeys sehr ähnlich war, wie ihr jetzt auffiel; sie taufte es den ‚amerikanischen Stil’. Er bewegte die Lippen zum Text der Sängerin und schien den Song auswendig zu kennen – nicht, dass es bei den meisten Techno-Stücken mit Vocals viel auswendig zu lernen gäbe, wie sie ironisch lächelnd dachte. Dennoch sah sie ihm weiter zu und bemerkte gar nicht, wie Natasha schmollend zurückkam, sich neben Ralf an den anderen Tisch setzte und sich anhaltend ihr enges schwarzes Minikleid glatt strich, was wohl einer nervösen Reaktion gleichkam.
Hatte sie wirklich ein solches Glück mit ihm gehabt, fragte sie sich jetzt, als sie ihn beobachtete. Er war nie seit ihrer gemeinsamen Silvesternacht übermäßig aufdringlich geworden, was sie ihm zwar einerseits hoch anrechnete, sie aber auch verunsicherte. War sie für ihn etwa nicht attraktiv genug? Sie sah an sich hinab: Gut, sie hatte zwar für ihre Größe eine sehr gute Figur, was nicht zuletzt das Resultat von regelmäßigem Besuch eines Fitnesscenters war, zog sich aber immer relativ schlicht an, meistens in Jeansstoff- oder schwarzen Kombinationen. Das war nun einmal ihr Look, was sollte sie daran groß ändern?
Nein, wahrscheinlich überreagierte sie einfach. Er zeigte ihr seine Zuneigung wirklich oft genug mit vielen kleinen Gesten und Zärtlichkeiten, blieb aber immer anständig dabei, was mehr war, als sich die meisten Frauen von ihrem Freund erhoffen konnten. Und in besagter Nacht hatte er sich beileibe nicht ungeschickt angestellt, ohne auch dabei zu weit zu gehen. Soweit sie sich erinnern konnte. Inzwischen verwünschte sie sich dafür, dass sie sich von den anderen hatte dermaßen abfüllen lassen, dass ihr dadurch ein Großteil dieses Erlebnisses abhanden gekommen war. Andererseits, hätte sie in nüchternem Zustand auch den Mut aufgebracht, mit auf sein Zimmer zu gehen?
Wahrscheinlich nicht, dachte sie ein wenig frustriert über sich selbst. Demnach sollte sie doch froh sein über diesen Katalysator ihrer Beziehung. Er schien indes wohl zu denken, dass sie alle Zeit der Welt hätten, um richtig intim zu werden, oder er war auch unsicher, wie weit er gehen durfte.
Aber es war so extrem schwierig, selbst die Initiative zu ergreifen ...
Als plötzlich auf den letzten Sommerhit ‚I give you my heart’ von ‚Mr. President’ gewechselt wurde, fanden sich Simon und Daniel wieder bei ihnen ein. Er setzte sich neben sie und strich sanft über ihren Unterarm, was ihren Blick hob und sie sein Lächeln erwidern ließ.
Ja, vielleicht sollte sie ihm Zeit lassen.
[Fortsetzung folgt ...]
- 10 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 22. Januar 1997
Studentenabend im Agar.
Nach einigem Hin und Her hatten sie sich gegen das Circus, welches schräg gegenüber lag und mit einem ähnlichen Angebot unter der Woche warb, entschieden. Dabei waren ausnahmsweise einmal alle festen Mitglieder ihres ‚Wissenschaftlichen Diskussionstisches’ mit dabei, da heute nicht nur aktuelle Musik, sondern querbeetein alle möglichen musikalischen Stilrichtungen vertreten waren.
Gerade liefen Schlager, während ihre Clique sich zwei Tische in der Chill Out-Zone zusammengeschoben hatten, was jedoch noch immer nicht allen einen Sitzplatz zur Verfügung stellte. Das war jedoch nicht weiter schlimm, weil ein paar von ihnen stets auf der Tanzfläche waren und so bei ihrer großen Gruppe ein ständiger Wechsel stattfand.
Während gut die Hälfte von ihnen am Tisch saß und Karel Gotts ‚Biene Maja’ mit unterschiedlicher Begeisterung lauschte, waren Natasha, Ralf, Karin, Miriam und Rolf am Tanzen und nur ab und zu von ihrem Blickwinkel aus zu sehen. Gerade sagte Abbey zu Simon: „Und ich dachte immer, Folk und Country sei die Krone der menschlichen Schöpfung, was musikalische Folter betrifft.“
Simon grinste und antwortete süffisant: „Ja, Amerika ist nicht in allem weltführend. Was das hier angeht, machen wir euch noch locker ‘was vor. Aber mal ehrlich, kannst du diesem Sound denn gar nichts abgewinnen?“
„Er ist doch ganz witzig“, bemerkte CSM 108-1, „wenn man zwei Promille in der Birne hat. Ehrlich, manchmal wünschte ich, ich könnte mich besaufen, und sei es nur, um Derartiges besser zu ertragen.“
„Jaja, der alte Techno-Pionier und Fanatiker. Über Geschmack lässt sich streiten“, meinte Simon und winkte ab.
„Mir gefällt dieser Trance-Techno schon, ebenso Dancefloor-Sound. In den Staaten kennt kein Schwein diese Art der Musik, dabei bildet sie doch eine interessante Abwechslung zu all dem R&B- und Pop-Sound.“ Abbey lächelte CSM 108-1 an und zwinkerte ihm zu, worauf auch er programmgemäß lächeln musste. Sie konnte einen immer wieder verblüffen, wenn man es am wenigsten erwartete.
Unversehens wechselte der DJ mit seiner beinahe traumwandlerischen Intuition für Stilbrüche die Musikart und ließ eben diese Dancefloor-Musik laufen, allerdings nur ältere Scheiben, die schon sattsam bekannt waren. Zunächst erklang John Miles’ „Children“, eben jene Platte, die den Trance-Techno populär und gesellschaftsfähig gemacht hatte. Bevor sich Simon wehren konnte, hatte Abbey ihn auf die Beine gezogen und schleifte ihn zur Tanzfläche in den Hauptteil der Disco. Augenblicklich waren auch Francesco, Arturo und CSM 108-1 aufgesprungen, so dass Thorsten alleine zurückblieb.
„He, ihr könnt mich doch nicht so einfach hier alleine lassen“, protestierte er und war am verzweifeln angesichts der Tatsache, dass er in dieser brechend vollen Disco alleine zwei Tische gegen andere Gäste ‚verteidigen’ sollte.
„Keine Angst, in spätestens dreißig Sekunden kommt die Ablösung“, versicherte Simon über die Schulter hinweg. Tatsächlich waren alle Schlagerfans ihrer Gruppe bereits auf dem Rückweg und passierten sie gerade.
CSM 108-1 hielt Karin für einen Moment fest und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er sich den anderen wieder anschloss. Als Karin sich umwandte und Natasha folgte, die zurückgeblieben war und auf sie gewartet hatte, wurde der sphärisch-melodiöse Synthesizerklang der Musik allmählich leiser, bis man sich wieder halbwegs verständigen konnte. Sofort bemerkte Natasha: „Jetzt knutscht ihr schon in aller Öffentlichkeit ... na toll!“
„Das war doch lieb gerade, nicht? Außerdem war es kein Geknutsche, sondern nur eine kleine Zärtlichkeit. Ich finde das sehr aufmerksam von ihm. Zeig’ mir mal einen Typen, der an so was denkt.“ Unwillig ging sie erneut in die Defensive. Seit drei Wochen ging das jetzt so. Seit sie und Daniel an der Silvesterfete zusammengekommen waren, was ihre ‚Freundin’ noch immer nicht akzeptieren wollte.
„Ich glaube, ich werde mich wohl dem Unvermeidlichen fügen müssen“, seufzte Natasha und zog Karin mit sich. „Komm, gehen wir an die Bar.“
Sie setzten sich auf zwei zufällig freie Hocker und bestellten Wodka-Lemons; Karin trank diese doch recht starke Mischung erst, seit sie Natasha kennen gelernt und diese sie auf den Geschmack gebracht hatte. Eigentlich wäre sie auch noch gerne ein bisschen auf dem Dancefloor geblieben, und zwar nicht nur, um bei Daniel zu sein.
„Also gut, ich versuche es zur Abwechslung einmal mit Verständnis. Vielleicht kannst du mir ja schlüssig erklären, was genau du an ihm findest, damit auch ich es verstehe. Soweit ich mich erinnere, hat er dich anfangs wie Dreck behandelt. Glaubst du nicht, das könnte wieder passieren?“ Natasha strich ihr langes braunes Haar glatt und musterte sie abschätzend aus ihren wasserblauen Augen.
„Das stimmt so gar nicht“, begann Karin. „Eigentlich habe ich ihn so behandelt, was mir jetzt im Nachhinein leid tut, denn er hatte das wirklich nicht verdient. Ich kann auch verstehen, dass er aus reiner Abwehr so abweisend war, denn schließlich habe ich ihn zuerst vor den Kopf gestoßen, wann immer sich eine Gelegenheit bot. Ich kann froh sein, dass er das alles so hingenommen und mir trotz allem eine Chance als Mensch gegeben hat. Gut, der unglaubliche Zufall, dass er das freie Zimmer in unserer Wohnung genommen hatte, ohne von mir zu wissen, und die Sache mit seinem Bruder, der mich als Kind fast angefahren hätte ... ich glaube jetzt fast schon, dass das alles Schicksal war, dass wir irgendwie zusammenfinden sollten.“
„Oh bitte!“ Natasha spuckte beinahe aus. „Das macht mich echt krank. Das redest du dir doch nur ein; du hast echt was Besseres verdient als diesen Normalo-Typ.“
Rigoros erwiderte sie: „Hör’ bitte auf, so über ihn zu reden. Ich habe mir zwar immer vorgenommen, jeden Typen abzuschießen, bevor ich es mir mit einer Freundin verscherze, aber du machst es mir nicht gerade einfach, verstehst du?“
„He, was willst du damit sagen?“, brauste Natasha auf und verzog wütend den Mund und die Augenbrauen. In diesem Moment wechselte die Musik auf ‚Dreamer’ von ‚Vertigo’.
„Oh, der erste echt gute Mix an diesem Abend. Vielleicht ist bei diesem DJ doch noch nicht alles zu spät“, murmelte Karin vor sich hin.
„Wie? Bist du jetzt auf einmal auch noch Expertin für diese Abart von Musik?“
Doch Karin stand auf und ging langsam hinüber zu ihrer Tischgruppe, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen; für heute reichte ihr, was sie von ihr gehört hatte.
Sie ließ sich neben dem erstaunten Rolf nieder und warf einen Blick auf die Tanzfläche, wo ihr als erstes Abbey auffiel. Sie überragte mit ihrer Modelgröße die meisten Leute um sich herum und sah heute Abend einfach traumhaft aus in ihrem engen dunkelgrünen Pulli und dem violetten
Halbrock. Ihr feuerrotes Haar fiel in Wellen über ihre Schultern, als sie mit vergnügter Miene und halbgeschlossenen Augen lasziv zu der verträumten Musik tanzte. Neben ihr machte Simon keinen so glücklichen Eindruck und bewegte sich eher unbeholfen, schlug sich aber recht tapfer für jemanden, der bei der Erwähnung des Wortes ‚Discothek’ für gewöhnlich im Lexikon nachschlagen muss.
Daniel bewegte sich in einer Art, die der Abbeys sehr ähnlich war, wie ihr jetzt auffiel; sie taufte es den ‚amerikanischen Stil’. Er bewegte die Lippen zum Text der Sängerin und schien den Song auswendig zu kennen – nicht, dass es bei den meisten Techno-Stücken mit Vocals viel auswendig zu lernen gäbe, wie sie ironisch lächelnd dachte. Dennoch sah sie ihm weiter zu und bemerkte gar nicht, wie Natasha schmollend zurückkam, sich neben Ralf an den anderen Tisch setzte und sich anhaltend ihr enges schwarzes Minikleid glatt strich, was wohl einer nervösen Reaktion gleichkam.
Hatte sie wirklich ein solches Glück mit ihm gehabt, fragte sie sich jetzt, als sie ihn beobachtete. Er war nie seit ihrer gemeinsamen Silvesternacht übermäßig aufdringlich geworden, was sie ihm zwar einerseits hoch anrechnete, sie aber auch verunsicherte. War sie für ihn etwa nicht attraktiv genug? Sie sah an sich hinab: Gut, sie hatte zwar für ihre Größe eine sehr gute Figur, was nicht zuletzt das Resultat von regelmäßigem Besuch eines Fitnesscenters war, zog sich aber immer relativ schlicht an, meistens in Jeansstoff- oder schwarzen Kombinationen. Das war nun einmal ihr Look, was sollte sie daran groß ändern?
Nein, wahrscheinlich überreagierte sie einfach. Er zeigte ihr seine Zuneigung wirklich oft genug mit vielen kleinen Gesten und Zärtlichkeiten, blieb aber immer anständig dabei, was mehr war, als sich die meisten Frauen von ihrem Freund erhoffen konnten. Und in besagter Nacht hatte er sich beileibe nicht ungeschickt angestellt, ohne auch dabei zu weit zu gehen. Soweit sie sich erinnern konnte. Inzwischen verwünschte sie sich dafür, dass sie sich von den anderen hatte dermaßen abfüllen lassen, dass ihr dadurch ein Großteil dieses Erlebnisses abhanden gekommen war. Andererseits, hätte sie in nüchternem Zustand auch den Mut aufgebracht, mit auf sein Zimmer zu gehen?
Wahrscheinlich nicht, dachte sie ein wenig frustriert über sich selbst. Demnach sollte sie doch froh sein über diesen Katalysator ihrer Beziehung. Er schien indes wohl zu denken, dass sie alle Zeit der Welt hätten, um richtig intim zu werden, oder er war auch unsicher, wie weit er gehen durfte.
Aber es war so extrem schwierig, selbst die Initiative zu ergreifen ...
Als plötzlich auf den letzten Sommerhit ‚I give you my heart’ von ‚Mr. President’ gewechselt wurde, fanden sich Simon und Daniel wieder bei ihnen ein. Er setzte sich neben sie und strich sanft über ihren Unterarm, was ihren Blick hob und sie sein Lächeln erwidern ließ.
Ja, vielleicht sollte sie ihm Zeit lassen.
[Fortsetzung folgt ...]
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Mittwoch, 3. Januar 2007
T1.46
cymep, 23:38h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland -19. Januar 1997
„Und die Rechnung folgte gestern Abend. Ich sage jetzt nicht, wo wir waren, aber wir haben eine ganz schöne Stange Geld liegen lassen.“ Simon fuchtelte mit der Hand hin und her, als hätte er sich verbrannt.
„Wir?“, fragte CSM 108-1 mit vorwurfsvoller Stimme.
„Hör bloß auf, Dan, du hast uns das schließlich auch eingebrockt“, verteidigte sich Simon vehement. „Davon abgesehen merkt dein Vater diese unerhebliche dreistellige Belastung seines Kreditkartenkontos sicher nicht einmal.“
Er seufzte und zog einen Mundwinkel hoch. „Stimmt wahrscheinlich.“
Sie saßen an diesem kalten Sonntagabend in einem relativ neuen Café in der Löwenstraße namens Savant, das sehr modern eingerichtet und in warmen Farben, hauptsächlich rot und gelb gehalten war. Das gesamte Etablissement war dezent indirekt ausgeleuchtet und mit vielen originellen Details versehen, wovon die offensichtlichsten die unter der Decke der Rückwand entlangführende Entlüftung in Form eines blankpolierten Blechrohres und ein darunter sowie gegenüber der Fensterfront liegendes Aquarium, das nicht sehr hoch und breit, dafür aber fast vier Meter lang und komplett in die Wand eingelassen war, darstellten.
Hier hatten sie sich versammelt: Simon, Rudolf, Francesco, Arturo und CSM 108-1. Sie hatten bewusst eine der Polstergruppen im hinteren Teil des Cafés ausgesucht, die man von draußen aus nicht einsehen konnte, da ihr Treffen heute Abend einen Verschwörungscharakter hatte, jedenfalls für CSM 108-1.
„Ich hoffe, heute Abend sind wir wenigstens einmal sicher vor Weibsvolk“, meinte Francesco dann auch und stützte seinen Kopf auf die Handinnenfläche, indem er seinen Ellenbogen am Tischrand platzierte.
„Hört, hört, unser Italo-Macho hat die Lust am anderen Geschlecht verloren. Könnte das am Ausgang unserer kleinen Silvesterparty liegen?“, frotzelte Simon auch gleich. „Da hatte sich wohl einer Chancen bei der netten Miriam ausgerechnet.“
„Du hast gut lachen, du hast deine Schäfchen ja jetzt im Trockenen. Wer hätte gedacht, dass so ein Biedermann sich eine derartige Traumfrau angeln könnte?“ Verdrossen musterte der Verspottete seinen Tischnachbarn.
„Um die Wahrheit zu sagen, eigentlich hat sie sich mich geangelt. Es kam einfach eines zum anderen, ohne dass ich es erklären könnte“, gestand Simon darauf und fuhr sich mit der Hand über den hohen dunkelblonden Haaransatz, bevor er seine Brille zurechtrückte.
Arturo warf ein: „Ich gönn’ es dir jedenfalls, Mann. Da hast du eine echt tolle Frau erwischt ... hübsch, witzig, intelligent und eine Figur ...“ Er ließ den Satz unvollendet.
„Da braucht sich Daniel aber auch nicht zu beklagen, wenn es danach geht. Obwohl ...“ Francesco wirkte etwas unsicher darüber, ob er mehr sagen sollte.
CSM 108-1 lockte: „Wolltest du sagen, wir haben uns mehr zusammengerauft als zusammengefunden? Das stimmt auf jeden Fall und ich werde es auch nicht bestreiten; unsere Beziehung hat eben kompliziert mit einem großen Missverständnis begonnen und eigentlich war es auch noch nie langweilig mit ihr. Aber du wolltest noch etwas anderes bemerken?“
„Naja, wahrscheinlich ist es nicht besonders hilfreich, dass Natasha ihr dich dauernd madig macht; sie verliert wirklich kein einziges gutes Wort über dich. Was verbindet die beiden nur?“
„Das würde mich auch einmal interessieren“, schloss sich Arturo seinem Bruder an. „Ich glaube, ich würde mich viel besser mit Karin verstehen, wenn sie nicht unter dem Einfluss dieser Zicke stehen würde.“
„Ich glaube, jetzt da ihr das erwähnt, das ist auch der Grund, wieso ich sehr wenig Kontakt mit Karin habe“, meinte Rudolf nachdenklich, als sei ihm das eben eingefallen. Der große stille Typ beteiligte sich selten an einer Diskussion und wenn er doch einmal etwas sagte, dann musste ihn das wirklich bewegen. „Das wird der Grund sein, weshalb eigentlich sehr wenige Leute etwas mit ihr zu tun haben wollen.“
CSM 108-1 senkte den Kopf ein wenig. „Ihr habt es auch gemerkt?“
Francesco bestätigte leise: „Es ist wohl eine unausgesprochene Tatsache. Nicht erst seit Natasha sich im Pickwick’s Pub so aufgeführt hat und auch keinerlei Besserung in ihrem Verhalten zeigt, will eigentlich niemand im Studentenumfeld großartig etwas mit ihr zu tun haben. Natasha selbst ist hingegen fast völlig isoliert, von ihrem Verehrer Ralf mal abgesehen, aber der ist eh’ aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sie. Dass das dieser blöden Kuh nichts ausmacht, dass sich keiner einen Deut um sie schert, wundert mich bei ihrer Egozentrik nicht weiter. Aber Karin ...“
„Ja, sie leidet darunter, das hat sie mir gegenüber schon zugegeben. Ihr solltet euch vielleicht ab und an mit ihr unterhalten oder befassen, wenn Natasha nicht dabei ist, dann würdet ihr merken, dass sie ganz nett sein kann, auch wenn sie manchmal ziemlich aufbrausend ist.“ CSM 108-1 seufzte.
Arturo knirschte mit den Zähnen. „Ich frage mich, wie man nur so ein Ekel werden kann wie Natasha. Ist das angeboren oder mühsam erlernt?“
Francesco erwiderte grimmig: „Wenn man so von sich eingenommen ist und das Gefühl hat, man steht über der Gesellschaft... fast schon unheimlich. Sie umgibt eine Aura, als würde sie gar nicht richtig unter uns weilen, sondern uns von einem gewissen Abstand aus gönnerhaft bei unseren sinnlosen Bemühungen zusehen, unser Leben zu meistern.“
„Ein starkes Statement.“ CSM 108-1 wirkte nachdenklich bei der Bemerkung seines Freundes. „Woher stammt sie eigentlich? Weiß das jemand?“
„Wenn ja, dann höchstens Karin. Und selbst sie ist noch nicht so lange mit ihr befreundet. Ich glaube aber, ihrem Akzent nach kommt sie nicht aus der Gegend. Und sie hat ganz offensichtlich auch keine finanziellen Sorgen, da sie nicht arbeiten muss, um sich ihr Studium zu finanzieren“, sagte Rudolf.
„Ich würde eher sagen, sie lässt sich von ihrem Fabrikbesitzersöhnchen-Playboy Ralf aushalten. Mit ihm kann ich eigentlich genauso wenig anfangen wie mit ihr. Sie scheinen auch soweit ganz zufrieden zu sein mit ihrer Isolation, die sie sich durch ihr Verhalten selbst geschaffen haben.“ Arturo zögerte kurz und fügte versonnen hinzu: „Sie scheinen es fast zu wollen.“
CSM 108-1 war nun hellwach, meinte aber dazu, als sei das Unfug: „Ich glaube nicht, dass wir ihnen so etwas unterstellen sollten. Dadurch machen wir uns nicht besser als Natasha es ist mit ihren ewigen Verdächtigungen, nicht zuletzt gegen mich. Wenn sie ihre Paranoia ausleben will, ihre Sache. Aber sobald ich merke, dass sie Karin da ernsthaft mit hineinzieht, werde ich sie mir vorknöpfen und ein ernstes Wörtchen mit ihr reden. Und bis dahin ist sie für mich auch weiterhin nichts als ein geduldeter Gast von Karin bei unseren Diskussionsrunden.“
„Ja, schließlich kennen wir alle uns nur oberflächlich. Und es gibt auch andere Leute, die sich rar machen: beispielsweise Miriam und Thorsten. Und seit zwischen ihnen etwas zu laufen scheint, ich rede jetzt konkret von Silvester, kapseln sie sich noch mehr ab als vorher schon.“ Francesco war ganz offensichtlich nicht glücklich mit der Wendung der Dinge in dieser Hinsicht.
„Niemand weiß genau, ob und was zwischen ihnen läuft“, entgegnete Rudolf, „nicht einmal ich. Dabei hänge ich von uns allen noch am meisten mit ihnen zusammen.“
„Das stimmt, euch kennt man eigentlich nur im Dreierpack. Ist das jetzt auch vorbei, oder was?“, wollte Simon wissen.
Rudolf wiegelte ab: „Eigentlich ist es eher Zufall, dass wir so oft zusammen sind. Wir haben eben gemeinsame Kurse und verstehen uns gut, aber wir kennen uns auch noch nicht sooo lange und kommen nicht einmal aus denselben Gegenden, wenn ich mich recht erinnere. Aber wir haben eben gemeinsame Interessen. Ich glaube allerdings, dass die beiden einfach oft zusammen sind, weil sie gut zusammenpassen und viel gemeinsam haben, nicht aus Liebe oder so. Sie sind jedenfalls sehr gute Freunde geworden in der kurzen Zeit ihrer gemeinsamen Ausbildung.“
„Das sind wir doch alle, oder nicht? Und wir belegen nicht einmal alle die gleichen Kurse“, warf Arturo ein, worauf alle einträchtig zustimmten.
Für CSM 108-1 hatte dieses Gespräch einen Haufen an ‚Denkansätzen’ geliefert. Er fragte sich mittlerweile sogar, ob einer der Personen in seinem näheren oder weiteren Umfeld nicht der zweite Terminator sein könnte. Ihm war bislang noch an keinem etwas aufgefallen, das darauf hingedeutet hätte, aber er war schließlich auch nur der Prototyp eines T-880. Das Modell, das hier zugange war, konnte umfangreiche Verbesserungen erhalten haben, nicht zuletzt auch aufgrund seiner Erfahrungen und hier gesammelten Daten.
Allerdings musste der zweite T-880 nicht unbedingt in direkter Nähe sein. Der ominöse Anruf von ihm bewies das auf keinen Fall, denn da derjenige über alle seine Erinnerungen verfügte, hatte er genau gewusst, wann er seine Nummer wählen musste, um den schlimmen Unfall mit Karin zu verhindern. Er hätte genauso gut vom anderen Ende der Welt aus anrufen können. Jedoch sprach dafür, dass es nur noch wenige Monate bis zum Holocaust waren und der Terminator gerade in dieser Zeit besonders gut auf den möglichen Entdecker aufpassen musste, wenn er ihn lokalisiert hatte, da die Entdeckung des ZVA-Effektes schließlich in eben dieser Zeitperiode erfolgen würde.
Ein anderer Schluss aus dem Gespräch: Die von den Menschen geplanten Zeitreiseattentäter, die den Entdecker terminieren sollten, mussten fast schon da sein, denn sie hatten ebenso die Aufgabe, die Zielperson zu identifizieren, was für sie nicht leichter war als für ihn, wenn nicht sogar noch schwerer. Er wusste nicht, wen oder wie viele sie schicken würden: einen alten Mann, vier junge Frauen oder zwölf nette, harmlose Kommilitonen. Er wusste auch nicht, woran er sie erkennen können würde, denn diese Attentäter würden mit Sicherheit gut ausgebildet sein und durch ihr Verhalten bestimmt nicht auffallen. Wenn man sich diese Ära anschaute, konnte man bei einer so großen Anzahl von Spinnern und Absonderlingen in einem solch urbanen Umfeld unmöglich jemanden finden, der sich durch sein Benehmen verraten würde.
Niemand hatte behauptet, es würde leicht werden.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland -19. Januar 1997
„Und die Rechnung folgte gestern Abend. Ich sage jetzt nicht, wo wir waren, aber wir haben eine ganz schöne Stange Geld liegen lassen.“ Simon fuchtelte mit der Hand hin und her, als hätte er sich verbrannt.
„Wir?“, fragte CSM 108-1 mit vorwurfsvoller Stimme.
„Hör bloß auf, Dan, du hast uns das schließlich auch eingebrockt“, verteidigte sich Simon vehement. „Davon abgesehen merkt dein Vater diese unerhebliche dreistellige Belastung seines Kreditkartenkontos sicher nicht einmal.“
Er seufzte und zog einen Mundwinkel hoch. „Stimmt wahrscheinlich.“
Sie saßen an diesem kalten Sonntagabend in einem relativ neuen Café in der Löwenstraße namens Savant, das sehr modern eingerichtet und in warmen Farben, hauptsächlich rot und gelb gehalten war. Das gesamte Etablissement war dezent indirekt ausgeleuchtet und mit vielen originellen Details versehen, wovon die offensichtlichsten die unter der Decke der Rückwand entlangführende Entlüftung in Form eines blankpolierten Blechrohres und ein darunter sowie gegenüber der Fensterfront liegendes Aquarium, das nicht sehr hoch und breit, dafür aber fast vier Meter lang und komplett in die Wand eingelassen war, darstellten.
Hier hatten sie sich versammelt: Simon, Rudolf, Francesco, Arturo und CSM 108-1. Sie hatten bewusst eine der Polstergruppen im hinteren Teil des Cafés ausgesucht, die man von draußen aus nicht einsehen konnte, da ihr Treffen heute Abend einen Verschwörungscharakter hatte, jedenfalls für CSM 108-1.
„Ich hoffe, heute Abend sind wir wenigstens einmal sicher vor Weibsvolk“, meinte Francesco dann auch und stützte seinen Kopf auf die Handinnenfläche, indem er seinen Ellenbogen am Tischrand platzierte.
„Hört, hört, unser Italo-Macho hat die Lust am anderen Geschlecht verloren. Könnte das am Ausgang unserer kleinen Silvesterparty liegen?“, frotzelte Simon auch gleich. „Da hatte sich wohl einer Chancen bei der netten Miriam ausgerechnet.“
„Du hast gut lachen, du hast deine Schäfchen ja jetzt im Trockenen. Wer hätte gedacht, dass so ein Biedermann sich eine derartige Traumfrau angeln könnte?“ Verdrossen musterte der Verspottete seinen Tischnachbarn.
„Um die Wahrheit zu sagen, eigentlich hat sie sich mich geangelt. Es kam einfach eines zum anderen, ohne dass ich es erklären könnte“, gestand Simon darauf und fuhr sich mit der Hand über den hohen dunkelblonden Haaransatz, bevor er seine Brille zurechtrückte.
Arturo warf ein: „Ich gönn’ es dir jedenfalls, Mann. Da hast du eine echt tolle Frau erwischt ... hübsch, witzig, intelligent und eine Figur ...“ Er ließ den Satz unvollendet.
„Da braucht sich Daniel aber auch nicht zu beklagen, wenn es danach geht. Obwohl ...“ Francesco wirkte etwas unsicher darüber, ob er mehr sagen sollte.
CSM 108-1 lockte: „Wolltest du sagen, wir haben uns mehr zusammengerauft als zusammengefunden? Das stimmt auf jeden Fall und ich werde es auch nicht bestreiten; unsere Beziehung hat eben kompliziert mit einem großen Missverständnis begonnen und eigentlich war es auch noch nie langweilig mit ihr. Aber du wolltest noch etwas anderes bemerken?“
„Naja, wahrscheinlich ist es nicht besonders hilfreich, dass Natasha ihr dich dauernd madig macht; sie verliert wirklich kein einziges gutes Wort über dich. Was verbindet die beiden nur?“
„Das würde mich auch einmal interessieren“, schloss sich Arturo seinem Bruder an. „Ich glaube, ich würde mich viel besser mit Karin verstehen, wenn sie nicht unter dem Einfluss dieser Zicke stehen würde.“
„Ich glaube, jetzt da ihr das erwähnt, das ist auch der Grund, wieso ich sehr wenig Kontakt mit Karin habe“, meinte Rudolf nachdenklich, als sei ihm das eben eingefallen. Der große stille Typ beteiligte sich selten an einer Diskussion und wenn er doch einmal etwas sagte, dann musste ihn das wirklich bewegen. „Das wird der Grund sein, weshalb eigentlich sehr wenige Leute etwas mit ihr zu tun haben wollen.“
CSM 108-1 senkte den Kopf ein wenig. „Ihr habt es auch gemerkt?“
Francesco bestätigte leise: „Es ist wohl eine unausgesprochene Tatsache. Nicht erst seit Natasha sich im Pickwick’s Pub so aufgeführt hat und auch keinerlei Besserung in ihrem Verhalten zeigt, will eigentlich niemand im Studentenumfeld großartig etwas mit ihr zu tun haben. Natasha selbst ist hingegen fast völlig isoliert, von ihrem Verehrer Ralf mal abgesehen, aber der ist eh’ aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sie. Dass das dieser blöden Kuh nichts ausmacht, dass sich keiner einen Deut um sie schert, wundert mich bei ihrer Egozentrik nicht weiter. Aber Karin ...“
„Ja, sie leidet darunter, das hat sie mir gegenüber schon zugegeben. Ihr solltet euch vielleicht ab und an mit ihr unterhalten oder befassen, wenn Natasha nicht dabei ist, dann würdet ihr merken, dass sie ganz nett sein kann, auch wenn sie manchmal ziemlich aufbrausend ist.“ CSM 108-1 seufzte.
Arturo knirschte mit den Zähnen. „Ich frage mich, wie man nur so ein Ekel werden kann wie Natasha. Ist das angeboren oder mühsam erlernt?“
Francesco erwiderte grimmig: „Wenn man so von sich eingenommen ist und das Gefühl hat, man steht über der Gesellschaft... fast schon unheimlich. Sie umgibt eine Aura, als würde sie gar nicht richtig unter uns weilen, sondern uns von einem gewissen Abstand aus gönnerhaft bei unseren sinnlosen Bemühungen zusehen, unser Leben zu meistern.“
„Ein starkes Statement.“ CSM 108-1 wirkte nachdenklich bei der Bemerkung seines Freundes. „Woher stammt sie eigentlich? Weiß das jemand?“
„Wenn ja, dann höchstens Karin. Und selbst sie ist noch nicht so lange mit ihr befreundet. Ich glaube aber, ihrem Akzent nach kommt sie nicht aus der Gegend. Und sie hat ganz offensichtlich auch keine finanziellen Sorgen, da sie nicht arbeiten muss, um sich ihr Studium zu finanzieren“, sagte Rudolf.
„Ich würde eher sagen, sie lässt sich von ihrem Fabrikbesitzersöhnchen-Playboy Ralf aushalten. Mit ihm kann ich eigentlich genauso wenig anfangen wie mit ihr. Sie scheinen auch soweit ganz zufrieden zu sein mit ihrer Isolation, die sie sich durch ihr Verhalten selbst geschaffen haben.“ Arturo zögerte kurz und fügte versonnen hinzu: „Sie scheinen es fast zu wollen.“
CSM 108-1 war nun hellwach, meinte aber dazu, als sei das Unfug: „Ich glaube nicht, dass wir ihnen so etwas unterstellen sollten. Dadurch machen wir uns nicht besser als Natasha es ist mit ihren ewigen Verdächtigungen, nicht zuletzt gegen mich. Wenn sie ihre Paranoia ausleben will, ihre Sache. Aber sobald ich merke, dass sie Karin da ernsthaft mit hineinzieht, werde ich sie mir vorknöpfen und ein ernstes Wörtchen mit ihr reden. Und bis dahin ist sie für mich auch weiterhin nichts als ein geduldeter Gast von Karin bei unseren Diskussionsrunden.“
„Ja, schließlich kennen wir alle uns nur oberflächlich. Und es gibt auch andere Leute, die sich rar machen: beispielsweise Miriam und Thorsten. Und seit zwischen ihnen etwas zu laufen scheint, ich rede jetzt konkret von Silvester, kapseln sie sich noch mehr ab als vorher schon.“ Francesco war ganz offensichtlich nicht glücklich mit der Wendung der Dinge in dieser Hinsicht.
„Niemand weiß genau, ob und was zwischen ihnen läuft“, entgegnete Rudolf, „nicht einmal ich. Dabei hänge ich von uns allen noch am meisten mit ihnen zusammen.“
„Das stimmt, euch kennt man eigentlich nur im Dreierpack. Ist das jetzt auch vorbei, oder was?“, wollte Simon wissen.
Rudolf wiegelte ab: „Eigentlich ist es eher Zufall, dass wir so oft zusammen sind. Wir haben eben gemeinsame Kurse und verstehen uns gut, aber wir kennen uns auch noch nicht sooo lange und kommen nicht einmal aus denselben Gegenden, wenn ich mich recht erinnere. Aber wir haben eben gemeinsame Interessen. Ich glaube allerdings, dass die beiden einfach oft zusammen sind, weil sie gut zusammenpassen und viel gemeinsam haben, nicht aus Liebe oder so. Sie sind jedenfalls sehr gute Freunde geworden in der kurzen Zeit ihrer gemeinsamen Ausbildung.“
„Das sind wir doch alle, oder nicht? Und wir belegen nicht einmal alle die gleichen Kurse“, warf Arturo ein, worauf alle einträchtig zustimmten.
Für CSM 108-1 hatte dieses Gespräch einen Haufen an ‚Denkansätzen’ geliefert. Er fragte sich mittlerweile sogar, ob einer der Personen in seinem näheren oder weiteren Umfeld nicht der zweite Terminator sein könnte. Ihm war bislang noch an keinem etwas aufgefallen, das darauf hingedeutet hätte, aber er war schließlich auch nur der Prototyp eines T-880. Das Modell, das hier zugange war, konnte umfangreiche Verbesserungen erhalten haben, nicht zuletzt auch aufgrund seiner Erfahrungen und hier gesammelten Daten.
Allerdings musste der zweite T-880 nicht unbedingt in direkter Nähe sein. Der ominöse Anruf von ihm bewies das auf keinen Fall, denn da derjenige über alle seine Erinnerungen verfügte, hatte er genau gewusst, wann er seine Nummer wählen musste, um den schlimmen Unfall mit Karin zu verhindern. Er hätte genauso gut vom anderen Ende der Welt aus anrufen können. Jedoch sprach dafür, dass es nur noch wenige Monate bis zum Holocaust waren und der Terminator gerade in dieser Zeit besonders gut auf den möglichen Entdecker aufpassen musste, wenn er ihn lokalisiert hatte, da die Entdeckung des ZVA-Effektes schließlich in eben dieser Zeitperiode erfolgen würde.
Ein anderer Schluss aus dem Gespräch: Die von den Menschen geplanten Zeitreiseattentäter, die den Entdecker terminieren sollten, mussten fast schon da sein, denn sie hatten ebenso die Aufgabe, die Zielperson zu identifizieren, was für sie nicht leichter war als für ihn, wenn nicht sogar noch schwerer. Er wusste nicht, wen oder wie viele sie schicken würden: einen alten Mann, vier junge Frauen oder zwölf nette, harmlose Kommilitonen. Er wusste auch nicht, woran er sie erkennen können würde, denn diese Attentäter würden mit Sicherheit gut ausgebildet sein und durch ihr Verhalten bestimmt nicht auffallen. Wenn man sich diese Ära anschaute, konnte man bei einer so großen Anzahl von Spinnern und Absonderlingen in einem solch urbanen Umfeld unmöglich jemanden finden, der sich durch sein Benehmen verraten würde.
Niemand hatte behauptet, es würde leicht werden.
[Fortsetzung folgt ...]
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T1.45
cymep, 03:38h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Januar 1997
Nach der Praxisstunde in Mineralogie am späten Nachmittag wollte CSM 108-1 eben heimgehen, als er bemerkte, wie Simon und Abbey noch an der Steinsäge arbeiteten. Karin packte noch ihre Unterlagen in ihre Tasche, doch sein Interesse war geweckt worden.
„Was macht ihr denn da?“
Simon erklärte, ohne sich umzudrehen: „Ich mache noch ein paar Scheibenschnitte von diversen Steinen, in denen ich Edelsteine vermute. Bitte bleib’ zurück, wenn ich die Säge anwerfe.“
„Darfst du das so einfach?“ Neugierig war nun auch Karin hinzugekommen und sah ihm über die Schulter.
„Ich habe natürlich vorher um Erlaubnis gefragt. Nach uns ist kein Unterricht mehr, also ist es für den Tutor kein Problem, hat er gemeint. Ich darf nur nicht alleine arbeiten, falls etwas passiert.“
„Und deshalb ist Abbey dabei, wie bei allem, was du in letzter Zeit tust“, bemerkte Karin spitz.
„Nur kein Neid“, witzelte diese zurück. „Du hattest deine Chance. Jetzt musst du eben mit dem Trostpreis vorlieb nehmen.“
„He, was soll das?“, ereiferte Karin sich sofort empört. „Daniel ist kein Trostpreis. Er ...“
Das hochfrequente Kreischen des Sägeblattes, über das zur ständigen Kühlung Wasser laufen musste, damit es sich beim Schneiden nicht überhitzte, übertönte ihre Proteste. Langsam und gleichmäßig zog Simon den annähernd kugelförmigen, von außen unscheinbar grauen Stein über die Schneidefläche, bis er durch war und die beiden Hälften auseinander rollten. Geschickt fing Abbey die rechte Hälfte auf, bevor sie von der Arbeitsfläche herabfallen konnte.
Daniel drehte sich zu Karin um und meinte mit bedauernder Miene: „Es tut mir leid, aber du irrst dich. Ich bin in der Tat nur der Trostpreis; dieser Kerl dort ist der Hauptgewinn. Siehst du, er kann sogar Steine in Stücke schneiden. Dir sind selbst meine Wurstscheiben zu dick geschnitten. Folglich bin ich nur der Trostpreis.“
„Was wird das jetzt? Ein Komplott gegen mich? Eine Verschwörung? Ich sehe schon, worauf das hinausläuft: Ihr wollt mich aus der Wohnung ekeln, damit Abbey in mein Zimmer ziehen kann und ihr alle glücklich und zufrieden bis an euer Studienende zusammenleben könnt. Aber nicht mit mir.“ Theatralisch rauschte sie davon.
Abbey sah ihr nach, dann sagte sie zu CSM 108-1: „Sie sollte wirklich weniger Zeit mit Natasha verbringen. Ist nicht gut für sie.“
„Ich versuche mein Bestes.“ Er grinste und beeilte sich dann, um Karin noch einzuholen, bevor sie aus dem Lehrsaal verschwinden konnte. „He, warte doch ‚mal. Jetzt sei doch nicht gleich so übel drauf wegen einem kleinen Scherzchen ...“
Während er im Hintergrund seine Freundin an der Tür abfing und aufhielt, worauf sich eine hitzige Diskussion entfachte, besah sich Simon den Querschnitt des Steines. „Tja, das war wohl eine Niete. Dabei war ich mir so sicher ... also den nächsten. Der hier sieht um einiges besser aus, findest du nicht?“
Abbey besah sich die äußere Zeichnung des ebenfalls grauen Steines. „Ich weiß nicht ... wo hast du die her? Aus dem Flussbett des Altrheins?“
„Sehr witzig“, lamentierte er und begann mit dem nächsten Schnitt.
Karin diskutierte einstweilen heftig mit CSM 108-1: „Ich finde es gar nicht amüsant, wenn du auf meine Kosten zusammen mit den beiden über mich Witze machst. Vor allem, wenn ich mir diese Anspielungen in Bezug auf Simons frühere Annäherungsversuche anhören muss. Mir wäre es am liebsten, wenn wir diese Sache endgültig vergessen könnten, okay? Ich dachte nämlich, so wie es jetzt läuft, sind alle zufrieden.“
„Ich bin es auf jeden Fall.“ Obwohl sie sich ein wenig wehrte, zog er sie in seinen Arm und legte die Hand um ihre Hüfte. „Und ohne an dir Kritik üben zu wollen, du warst die erste, die eine Bemerkung in dieser Beziehung gemacht hat. Du musst auch Abbey verstehen, denn für sie ist es schwerer als für dich; sie weiß schließlich, dass Simon lange genug für dich geschwärmt hat. Für sie könntest du immer noch eine potenzielle Konkurrentin darstellen.“
Sie machte ein betroffenes Gesicht und meinte dann einlenkend: „Naja, kann schon sein ... ach Unsinn, du hast wieder mal völlig recht. Vielleicht wollte ich unbewusst nur ein bisschen ihren Revierinstinkt anstacheln, was dann aber nach hinten losgegangen ist. Ich werde versuchen, in Zukunft besser darauf zu achten, was ich in ihrer Gegenwart so rauslasse.“
„So gefällst du mir besser“, lobte er und drückte sie an sich. Er legte sein Gesicht an ihren langen schlanken Hals und sagte leise mit seinen Lippen an ihrer Haut: „Du solltest Abbey nicht unterschätzen. Sie nimmt die Sache mit Simon bereits sehr ernst und wird ihn kampflos nicht ohne weiteres aufgeben. In ihr steckt mehr, als du vermuten würdest.“
„Von mir braucht sie keine Angst mehr zu haben. Ich werde ihr am besten gleich einen Waffenstillstand anbieten, damit ...“
Ein Schrei unterbrach sie, worauf beide erschrocken herumfuhren. Karin dachte schon, dass etwas bei der Handhabung der Wassersäge passiert sei, doch dann sah sie die freudestrahlenden Gesichter von Abbey und Simon, die mit je einer aufgeschnittenen Gesteinshälfte eines fast fußballgroßen Exemplars auf sie zugeeilt kamen.
„Seht euch das an, ein Volltreffer! Habe ich es nicht gleich gesagt?“, triumphierte Simon.
„Wohl eher ein Zufall. Außerdem würde ich einen Rauchquarz nicht gerade als Fund des Jahrhunderts bezeichnen“, meinte Abbey gespielt abwertend.
„Bist du sicher?“, fragte CSM 108-1 nach einem flüchtigen Blick auf das kristalline Innere des Steines. „Ich hätte das eher für einen Rosenquarz gehalten.“
„Tut mir leid, aber da irrst du dich“, beharrte Abbey. „Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als sei das ein Rosenquarz, aber bei genauerer Betrachtung der Kristallform ...“
„Die kann bei Rosenquarzen variieren. Dem Farbton nach ist es ziemlich eindeutig ein Rosenquarz“, gab er darauf zu bedenken.
„Himmel, was studierst du eigentlich? Theologie?“, versetzte Abbey unwillig. „Das ist doch wirklich nicht schwer zu erkennen ...“
„Was? Dass du lieber Jura studieren solltest? Sieh dir diesen Stein doch mal von innen an. Es ist eindeutig...“
„Jetzt hört aber auf, ihr beiden Super-Experten, da kann man ja direkt Angst bekommen.“ Simon trat schlichtend zwischen die beiden. „Ich dachte eigentlich auch, dass es ein Rosenquarz ist.“
„Du fällst mir in den Rücken? Na toll!“ Mit in die Hüfte gestemmten Fäusten fixierte Abbey ihren Freund, während Karin einen Blick auf Simons Hälfte des aufgesägten Steinbrockens warf und nachdenklich vor sich hinmurmelte.
„Ich hätte eher auf Rauchquarz getippt, jedenfalls bei dieser Hälfte“, stellte sie dann zu aller Überraschung fest.
„Ach, bitte, Karin, sieh ihn dir doch mal genauer an. Abbey muss sich irren. Du kannst unmöglich glauben, dass das wirklich ein Rauchquarz ist.“ Ungnädig musterte CSM 108-1 sie.
„Tut mir leid, ich glaube immer noch, dass sie recht hat. Es ist zwar manchmal nicht leicht, eine frische Probe genau zu katalogisieren, aber in diesem Fall ...“ Sie hob bedauernd die Schultern.
„Ich besitze ein fundiertes Wissen über Halbedelsteine und Kristalle“, betonte Abbey mit wichtigtuerischer Miene.
„Like heck you do“, fluchte CSM 108-1 und packte Simon am Arm. “Komm, die Weiber machen Front gegen uns. Am besten schneiden wir deine Hälfte in dünne Scheiben und werfen damit nach ihnen.“
„Dann werdet ihr aber nur noch die heiße Luft treffen, die ihr hier massenweise produziert. Wir gehen jetzt in die Unibibliothek und treten den Beweis an, dass wir recht haben.“ Karins Eifer war nun ebenfalls geweckt, weshalb sie Abbey unterhakte und mit sanfter Gewalt mit sich hinauszog.
„Und wir schneiden so viele Scheiben wie möglich, damit wir mehr empirisches Beweismaterial haben, anhand dessen wir besser zeigen können, dass wir uns nicht irren“, rief CSM 108-1 ihnen nach.
„Uns genügt unser Querschnitt, denn wir kennen uns aus“, tönte es aus dem Gang noch nach.
Simon und CSM 108-1 sahen sich an.
„Da hast du uns schön in die Scheiße geritten“, sagte Simon mit säuerlicher Miene.
„IIICH?!?“ CSM 108-1 machte ein empörtes Gesicht. „Wer hat mich denn unterstützt? Wohl du, oder?“
Simon ging langsam zur Säge zurück. Über die Schulter fragte er zaghaft: „Wie sicher bist du denn?“
„Ich? Sehr sicher ...“ Er hielt kurz inne. „Zu über neunzig Prozent aufgrund dieses Schnittes.“
Simon hielt inne. „Neunzig Prozent? ...dann lass’ uns mal schnell die Säge anwerfen. Ich hoffe schwer für dich, dass du dich nicht täuschst. Schließlich hast du das hier zu einer Frage der Ehre gemacht.“
Auf der Arbeitsfläche und dem gegenüber stehenden Labortisch verteilt lagen eine knappe Stunde später fast zwanzig hauchdünne saubere Schnitte ihrer Steinhälfte. Fieberhaft zog CSM 108-1 den inzwischen mickrigen Rest ein weiteres Mal durch, doch er war bereits beim Ende des eingeschlossenen Kristallmaterials angelangt und hatte nur noch Basisgestein bei seinem letzten Schnitt vorgefunden. Neben ihm stand Simon ratlos über die Serie von Scheiben gebeugt und seufzte.
„Tja, sieht ganz so aus ...“
„Das sehe ich selbst. Wie kann das nur sein? Sonst irre ich mich doch nie ...“ CSM 108-1 machte einen frustrierten Eindruck. „Zum Glück haben wir um nichts gewettet.“
„Wollten nicht die Verlierer die Gewinner schick zum Abendessen einladen?“, ertönte es vom Eingang des Saales her. Mit äußerstem Widerwillen sah er, wie sich Abbey und Karin dort in Siegerpose aufgebaut hatten.
„Das steht nicht in meinem Vertrag“, machte CSM 108-1 den schwachen Versuch eines Witzes.
„Lies zwischen den Zeilen, Mr. Rosenquarz. Na?“ Voller Genugtuung kam Abbey zu ihnen herüber und besah sich ihr Werk.
„Ja, schon gut, ihr hattet Recht“, lenkte er ein und beobachtete frustriert, wie auch Karin sich scheinbar sehr interessiert ansah, was sie seit ihrem Verschwinden gemacht hatten.
„Wisst ihr, das ist eine sehr hübsche Arbeit. Das solltet ihr unbedingt aufheben und auf dem nächsten Weihnachtsmarkt verhökern“, sagte sie süffisant.
Nun musste sogar Simon losprusten. CSM 108-1 verneigte sich voller Ehrfurcht vor Abbey. „Ich bin unwürdig. Gegen deine Mineralogieinstinkte ist mein angesammeltes Wissen offenbar nichts. Ich werde künftig im Zweifelsfall stets deine kundige Meinung einholen und diese auch ohne Widerspruch oder Bedenken akzeptieren.“
„Jaja, genug im Staub gewälzt und Speichel geleckt. Du kannst aufhören mit deinen Demutsbezeugungen, bevor es mir noch peinlich wird. Ort und Zeit des Essens bestimmen wir Frauen. Ihr werdet euch hübsch feinmachen und ordentlich blechen müssen für eure anmaßende Haltung gegenüber unserem geballten Fachwissen.“ Abbey machte eine Handbewegung, die ihn zum Verschwinden aufforderte.
Leise zischte Simon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Recht herzlichen Dank auch, Mr. Rosenquarz.“
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Januar 1997
Nach der Praxisstunde in Mineralogie am späten Nachmittag wollte CSM 108-1 eben heimgehen, als er bemerkte, wie Simon und Abbey noch an der Steinsäge arbeiteten. Karin packte noch ihre Unterlagen in ihre Tasche, doch sein Interesse war geweckt worden.
„Was macht ihr denn da?“
Simon erklärte, ohne sich umzudrehen: „Ich mache noch ein paar Scheibenschnitte von diversen Steinen, in denen ich Edelsteine vermute. Bitte bleib’ zurück, wenn ich die Säge anwerfe.“
„Darfst du das so einfach?“ Neugierig war nun auch Karin hinzugekommen und sah ihm über die Schulter.
„Ich habe natürlich vorher um Erlaubnis gefragt. Nach uns ist kein Unterricht mehr, also ist es für den Tutor kein Problem, hat er gemeint. Ich darf nur nicht alleine arbeiten, falls etwas passiert.“
„Und deshalb ist Abbey dabei, wie bei allem, was du in letzter Zeit tust“, bemerkte Karin spitz.
„Nur kein Neid“, witzelte diese zurück. „Du hattest deine Chance. Jetzt musst du eben mit dem Trostpreis vorlieb nehmen.“
„He, was soll das?“, ereiferte Karin sich sofort empört. „Daniel ist kein Trostpreis. Er ...“
Das hochfrequente Kreischen des Sägeblattes, über das zur ständigen Kühlung Wasser laufen musste, damit es sich beim Schneiden nicht überhitzte, übertönte ihre Proteste. Langsam und gleichmäßig zog Simon den annähernd kugelförmigen, von außen unscheinbar grauen Stein über die Schneidefläche, bis er durch war und die beiden Hälften auseinander rollten. Geschickt fing Abbey die rechte Hälfte auf, bevor sie von der Arbeitsfläche herabfallen konnte.
Daniel drehte sich zu Karin um und meinte mit bedauernder Miene: „Es tut mir leid, aber du irrst dich. Ich bin in der Tat nur der Trostpreis; dieser Kerl dort ist der Hauptgewinn. Siehst du, er kann sogar Steine in Stücke schneiden. Dir sind selbst meine Wurstscheiben zu dick geschnitten. Folglich bin ich nur der Trostpreis.“
„Was wird das jetzt? Ein Komplott gegen mich? Eine Verschwörung? Ich sehe schon, worauf das hinausläuft: Ihr wollt mich aus der Wohnung ekeln, damit Abbey in mein Zimmer ziehen kann und ihr alle glücklich und zufrieden bis an euer Studienende zusammenleben könnt. Aber nicht mit mir.“ Theatralisch rauschte sie davon.
Abbey sah ihr nach, dann sagte sie zu CSM 108-1: „Sie sollte wirklich weniger Zeit mit Natasha verbringen. Ist nicht gut für sie.“
„Ich versuche mein Bestes.“ Er grinste und beeilte sich dann, um Karin noch einzuholen, bevor sie aus dem Lehrsaal verschwinden konnte. „He, warte doch ‚mal. Jetzt sei doch nicht gleich so übel drauf wegen einem kleinen Scherzchen ...“
Während er im Hintergrund seine Freundin an der Tür abfing und aufhielt, worauf sich eine hitzige Diskussion entfachte, besah sich Simon den Querschnitt des Steines. „Tja, das war wohl eine Niete. Dabei war ich mir so sicher ... also den nächsten. Der hier sieht um einiges besser aus, findest du nicht?“
Abbey besah sich die äußere Zeichnung des ebenfalls grauen Steines. „Ich weiß nicht ... wo hast du die her? Aus dem Flussbett des Altrheins?“
„Sehr witzig“, lamentierte er und begann mit dem nächsten Schnitt.
Karin diskutierte einstweilen heftig mit CSM 108-1: „Ich finde es gar nicht amüsant, wenn du auf meine Kosten zusammen mit den beiden über mich Witze machst. Vor allem, wenn ich mir diese Anspielungen in Bezug auf Simons frühere Annäherungsversuche anhören muss. Mir wäre es am liebsten, wenn wir diese Sache endgültig vergessen könnten, okay? Ich dachte nämlich, so wie es jetzt läuft, sind alle zufrieden.“
„Ich bin es auf jeden Fall.“ Obwohl sie sich ein wenig wehrte, zog er sie in seinen Arm und legte die Hand um ihre Hüfte. „Und ohne an dir Kritik üben zu wollen, du warst die erste, die eine Bemerkung in dieser Beziehung gemacht hat. Du musst auch Abbey verstehen, denn für sie ist es schwerer als für dich; sie weiß schließlich, dass Simon lange genug für dich geschwärmt hat. Für sie könntest du immer noch eine potenzielle Konkurrentin darstellen.“
Sie machte ein betroffenes Gesicht und meinte dann einlenkend: „Naja, kann schon sein ... ach Unsinn, du hast wieder mal völlig recht. Vielleicht wollte ich unbewusst nur ein bisschen ihren Revierinstinkt anstacheln, was dann aber nach hinten losgegangen ist. Ich werde versuchen, in Zukunft besser darauf zu achten, was ich in ihrer Gegenwart so rauslasse.“
„So gefällst du mir besser“, lobte er und drückte sie an sich. Er legte sein Gesicht an ihren langen schlanken Hals und sagte leise mit seinen Lippen an ihrer Haut: „Du solltest Abbey nicht unterschätzen. Sie nimmt die Sache mit Simon bereits sehr ernst und wird ihn kampflos nicht ohne weiteres aufgeben. In ihr steckt mehr, als du vermuten würdest.“
„Von mir braucht sie keine Angst mehr zu haben. Ich werde ihr am besten gleich einen Waffenstillstand anbieten, damit ...“
Ein Schrei unterbrach sie, worauf beide erschrocken herumfuhren. Karin dachte schon, dass etwas bei der Handhabung der Wassersäge passiert sei, doch dann sah sie die freudestrahlenden Gesichter von Abbey und Simon, die mit je einer aufgeschnittenen Gesteinshälfte eines fast fußballgroßen Exemplars auf sie zugeeilt kamen.
„Seht euch das an, ein Volltreffer! Habe ich es nicht gleich gesagt?“, triumphierte Simon.
„Wohl eher ein Zufall. Außerdem würde ich einen Rauchquarz nicht gerade als Fund des Jahrhunderts bezeichnen“, meinte Abbey gespielt abwertend.
„Bist du sicher?“, fragte CSM 108-1 nach einem flüchtigen Blick auf das kristalline Innere des Steines. „Ich hätte das eher für einen Rosenquarz gehalten.“
„Tut mir leid, aber da irrst du dich“, beharrte Abbey. „Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als sei das ein Rosenquarz, aber bei genauerer Betrachtung der Kristallform ...“
„Die kann bei Rosenquarzen variieren. Dem Farbton nach ist es ziemlich eindeutig ein Rosenquarz“, gab er darauf zu bedenken.
„Himmel, was studierst du eigentlich? Theologie?“, versetzte Abbey unwillig. „Das ist doch wirklich nicht schwer zu erkennen ...“
„Was? Dass du lieber Jura studieren solltest? Sieh dir diesen Stein doch mal von innen an. Es ist eindeutig...“
„Jetzt hört aber auf, ihr beiden Super-Experten, da kann man ja direkt Angst bekommen.“ Simon trat schlichtend zwischen die beiden. „Ich dachte eigentlich auch, dass es ein Rosenquarz ist.“
„Du fällst mir in den Rücken? Na toll!“ Mit in die Hüfte gestemmten Fäusten fixierte Abbey ihren Freund, während Karin einen Blick auf Simons Hälfte des aufgesägten Steinbrockens warf und nachdenklich vor sich hinmurmelte.
„Ich hätte eher auf Rauchquarz getippt, jedenfalls bei dieser Hälfte“, stellte sie dann zu aller Überraschung fest.
„Ach, bitte, Karin, sieh ihn dir doch mal genauer an. Abbey muss sich irren. Du kannst unmöglich glauben, dass das wirklich ein Rauchquarz ist.“ Ungnädig musterte CSM 108-1 sie.
„Tut mir leid, ich glaube immer noch, dass sie recht hat. Es ist zwar manchmal nicht leicht, eine frische Probe genau zu katalogisieren, aber in diesem Fall ...“ Sie hob bedauernd die Schultern.
„Ich besitze ein fundiertes Wissen über Halbedelsteine und Kristalle“, betonte Abbey mit wichtigtuerischer Miene.
„Like heck you do“, fluchte CSM 108-1 und packte Simon am Arm. “Komm, die Weiber machen Front gegen uns. Am besten schneiden wir deine Hälfte in dünne Scheiben und werfen damit nach ihnen.“
„Dann werdet ihr aber nur noch die heiße Luft treffen, die ihr hier massenweise produziert. Wir gehen jetzt in die Unibibliothek und treten den Beweis an, dass wir recht haben.“ Karins Eifer war nun ebenfalls geweckt, weshalb sie Abbey unterhakte und mit sanfter Gewalt mit sich hinauszog.
„Und wir schneiden so viele Scheiben wie möglich, damit wir mehr empirisches Beweismaterial haben, anhand dessen wir besser zeigen können, dass wir uns nicht irren“, rief CSM 108-1 ihnen nach.
„Uns genügt unser Querschnitt, denn wir kennen uns aus“, tönte es aus dem Gang noch nach.
Simon und CSM 108-1 sahen sich an.
„Da hast du uns schön in die Scheiße geritten“, sagte Simon mit säuerlicher Miene.
„IIICH?!?“ CSM 108-1 machte ein empörtes Gesicht. „Wer hat mich denn unterstützt? Wohl du, oder?“
Simon ging langsam zur Säge zurück. Über die Schulter fragte er zaghaft: „Wie sicher bist du denn?“
„Ich? Sehr sicher ...“ Er hielt kurz inne. „Zu über neunzig Prozent aufgrund dieses Schnittes.“
Simon hielt inne. „Neunzig Prozent? ...dann lass’ uns mal schnell die Säge anwerfen. Ich hoffe schwer für dich, dass du dich nicht täuschst. Schließlich hast du das hier zu einer Frage der Ehre gemacht.“
Auf der Arbeitsfläche und dem gegenüber stehenden Labortisch verteilt lagen eine knappe Stunde später fast zwanzig hauchdünne saubere Schnitte ihrer Steinhälfte. Fieberhaft zog CSM 108-1 den inzwischen mickrigen Rest ein weiteres Mal durch, doch er war bereits beim Ende des eingeschlossenen Kristallmaterials angelangt und hatte nur noch Basisgestein bei seinem letzten Schnitt vorgefunden. Neben ihm stand Simon ratlos über die Serie von Scheiben gebeugt und seufzte.
„Tja, sieht ganz so aus ...“
„Das sehe ich selbst. Wie kann das nur sein? Sonst irre ich mich doch nie ...“ CSM 108-1 machte einen frustrierten Eindruck. „Zum Glück haben wir um nichts gewettet.“
„Wollten nicht die Verlierer die Gewinner schick zum Abendessen einladen?“, ertönte es vom Eingang des Saales her. Mit äußerstem Widerwillen sah er, wie sich Abbey und Karin dort in Siegerpose aufgebaut hatten.
„Das steht nicht in meinem Vertrag“, machte CSM 108-1 den schwachen Versuch eines Witzes.
„Lies zwischen den Zeilen, Mr. Rosenquarz. Na?“ Voller Genugtuung kam Abbey zu ihnen herüber und besah sich ihr Werk.
„Ja, schon gut, ihr hattet Recht“, lenkte er ein und beobachtete frustriert, wie auch Karin sich scheinbar sehr interessiert ansah, was sie seit ihrem Verschwinden gemacht hatten.
„Wisst ihr, das ist eine sehr hübsche Arbeit. Das solltet ihr unbedingt aufheben und auf dem nächsten Weihnachtsmarkt verhökern“, sagte sie süffisant.
Nun musste sogar Simon losprusten. CSM 108-1 verneigte sich voller Ehrfurcht vor Abbey. „Ich bin unwürdig. Gegen deine Mineralogieinstinkte ist mein angesammeltes Wissen offenbar nichts. Ich werde künftig im Zweifelsfall stets deine kundige Meinung einholen und diese auch ohne Widerspruch oder Bedenken akzeptieren.“
„Jaja, genug im Staub gewälzt und Speichel geleckt. Du kannst aufhören mit deinen Demutsbezeugungen, bevor es mir noch peinlich wird. Ort und Zeit des Essens bestimmen wir Frauen. Ihr werdet euch hübsch feinmachen und ordentlich blechen müssen für eure anmaßende Haltung gegenüber unserem geballten Fachwissen.“ Abbey machte eine Handbewegung, die ihn zum Verschwinden aufforderte.
Leise zischte Simon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Recht herzlichen Dank auch, Mr. Rosenquarz.“
[Fortsetzung folgt ...]
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