Dienstag, 2. Januar 2007
T.44
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 1. Januar 1997

Karin wurde von leisen, unregelmäßigen Klickgeräuschen wach und drehte sich schlaftrunken im Bett um. Ihr Kopf tat höllisch weh von der für sie ungewöhnlich großen Menge an Alkohol, welche ihr in diversesten Darreichungsformen als Folge von verschiedenen unsinnigen Spielen unter leichtem Gruppenzwang und mutwilligem Vorsatz eingeflösst worden war. Sie hatte die Bettdecke bis über den Kopf gezogen und wollte eigentlich von gar nichts etwas wissen in ihrem Zustand. Die Party gestern Abend war total aus dem Ruder gelaufen, an so viel konnte sie sich noch diffus erinnern.
Ein anderes Geräusch kam ihr zu Bewusstsein: das leise Surren des Aufzugs. Es war ein ihr vertrautes Geräusch, denn sie hatte lange in dem Zimmer neben dem Aufzugsschacht gewohnt.
Hatte.
Schlagartig wurde sie vollends wach.
Sie hörte den Aufzug.
Sie war in ihrem alten Zimmer.
Sie war in Daniels Zimmer, in seinem Bett.
Scheiße.
Ruckartig setzte sie sich auf und sah sich um. Die Vorhänge waren noch zugezogen, um sie nicht beim Ausschlafen zu stören, doch CSM 108-1 saß wie immer an seinem PC und surfte durch das Internet. Als er ihrer gewahr wurde, brach er ab und fuhr den PC hinunter. Fröhlich begrüßte er sie: „Guten Morgen, meine Liebe.“
„Wie komme ich hierher?“, sagte sie verstört und wusste gleichzeitig, dass das die falsche Frage gewesen war. Er konnte darauf nur frustriert oder aggressiv reagieren. Sie lag – gottlob in Unterwäsche, wie sie jetzt realisierte – in seinem Bett und fragte ihn, wie sie hierher kam. Was war sie doch für eine Idiotin!
„Ganz einfach: Es ging ein wenig drunter und drüber auf der Feier, vor allem nach drei Uhr. Wir haben von unseren Gästen mehrere Nachfragen erhalten, ob wir ein paar Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen könnten, und du hast dich spontan dazu entschlossen, dein Zimmer herzugeben. Finde ich toll von dir. Dafür wolltest du bei mir bleiben, was für mich in Ordnung war. Wir hatten eine gemütliche Nacht auf meiner kleinen Klappcouch und haben nichts gemacht außer ein wenig geschmust, wenn dich das beruhigt. Wenn du allerdings die Küche siehst, wirst du wahrscheinlich total ausrasten ...“ Er hob beide Arme und grinste.
„Du hast nicht ...?“, begann sie und stöhnte auf, die Augen mit der flachen Hand abschirmend und die Knie an sich heranziehend.
„Nein, du hast nicht. ‚So eine bin ich nicht’, hast du immer gesagt und albern gekichert dabei. Das war total süß.“ Sein Grinsen wurde noch breiter.
Sie stöhnte nochmals gequält und wollte dann wissen: „Was hast du denn gemacht?“
„Ach, nur ein bisschen Anatomie für Anfänger am lebenden Objekt, nichts Besonderes. Nichts, was dir nicht gefallen hätte. Du schienst begeistert zu sein“, fügte er schelmisch hinzu.
Sie überlegte einen Moment und meinte dann nachdenklich: „He, du hast recht. Ich kann mich ganz dunkel erinnern. Es war wirklich toll.“
Karins Mundwinkel hoben sich langsam und ihre Blicke trafen sich.
„Tja, so schnell kann’s gehen“, bemerkte er. „Und wie geht’s jetzt weiter?“
„Abwarten“, meinte sie und fischte mit der Bettdecke vor ihrem Oberkörper nach ihrem T-Shirt. „Lassen wir ein Weilchen verstreichen und reden dann in Ruhe darüber, okay?“
„Hört sich gut an“, stimmte er arglos zu und warf ihr ihre Hose zu, die außerhalb ihrer Reichweite lag. „Ich fange schon mal in der Küche an, bis du einen Menschen aus dir gemacht hast.“
„Oh, wie galant. Du weißt wirklich, was Frauen hören wollen“, versetzte sie gespielt böse.
„Nicht wahr?“, bestätigte er und grinste wieder, worauf sie beim Aufstehen lachen musste. Vor der nächsten Aufgabe allerdings graute ihr ein wenig. Wen würde sie in ihrem Zimmer vorfinden? Sie beschloss, das noch ein paar Minuten aufzuschieben und einstweilen einen Blick in die Küche zu werfen.
Erleichtert stellte sie fest, dass alles halb so schlimm war, wie sie es sich ausgemalt hatte. Wenn alle, die sich hier noch aufhalten mochten, zum Aufräumen zwangsverpflichtet würden, würde alles in einem überschaubaren Zeitrahmen wieder auf Vordermann gebracht werden können. Auf der Couch fand sie auch gleich die ersten beiden ‚Freiwilligen’ vor: Francesco und Arturo, halbwegs übereinander liegend und laut schnarchend. CSM 108-1 schien sie völlig zu ignorieren, während er den Geschirrspüler möglichst leise einräumte. Resolut weckte sie die beiden italienischen Brüder und verdonnerte sie zum Kaffeemachen, bevor sie noch wussten, wie ihnen geschah. Das wäre schon einmal erledigt.
Dann kam ihr Zimmer an die Reihe. Nein, erst noch einen Abstecher ins Badezimmer, beschloss sie.
In der Badewanne lag Rudolf und schlief wie ein Engel. Er machte den Eindruck, als würde er äußerst bequem liegen und als würde ihm die unnatürliche Haltung in der Wanne rein gar nichts ausmachen. Im Halbschlaf hob er wie automatisch ein Augenlid halb und schien sie irgendwie zu registrieren und zu erkennen, worauf er das Auge wieder schloss und selig weiterschlief. Das nannte man wohl ein Partytier in Reinform.
‚Unglaublich’, dachte sie und machte auch ihm Beine, bevor sie das Bad benutzen konnte. Jetzt blieben eigentlich nicht mehr viele Optionen, wer sich in ihrem Raum noch aufhalten konnte. Etwas zögerlich klopfte sie an ihre Zimmertür. Keine Reaktion.
Leise drückte sie die Klinke herab und öffnete einen Spalt weit. Die Vorhänge waren noch zugezogen, wie sie merkte. Als ihr Blick aufs Bett fiel, gab sie einen kleinen Laut der Verblüffung von sich. Es war unberührt.
Ihre Augenbrauen hoben sich, während sie nun unbefangen eintrat und ihren Raum durchquerte. Daniel hatte doch gesagt, dass sie bei ihm geschlafen hatte, weil jemand anderes ihr Bett zum Übernachten brauchte. Hatte er sich das nur einfallen lassen, um ihre gemeinsame Nacht, so potenziell harmlos sie auch verlaufen war, zu rechtfertigen, oder hatten besagte Personen in aller Herrgottsfrühe das provisorische Nachtlager bereits wieder verlassen? Aber das Bett sah aus, als sei es gar nicht erst benutzt worden ...
Als sie ein leises Grummeln hörte, erstarrte sie. Konnte es sein ...?
Der Anblick, der sich ihr bot, als sie um ihr Bett herumging und der Bettvorleger zwischen Außenwand und Bett in ihr Blickfeld kam, war so befremdend, dass sie zuerst gar nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte.
Auf dem Bettvorleger lagen Thorsten und Miriam tief und fest schlafend. Sie waren vollständig bekleidet und hatten keinerlei Decke oder Ähnliches gegen die Nachtkälte – das Fenster war gekippt – über sich gebreitet, sondern waren einfach nur eng aneinander gekuschelt und spendeten sich so gegenseitig ein wenig Wärme. Ihr ging durch den Kopf, dass es überhaupt nicht so aussah, als sei zwischen ihnen etwas gelaufen. Sie lächelten nicht einmal im Schlaf.
‚Und ich wollte schon Rudolf die Medaille für den schrägsten Schlafplatz verleihen’, dachte sie grinsend. ‚Mann, müssen die voll gewesen sein.’
Sie beschloss, den beiden noch ein paar Minuten zu gönnen und statt dessen vorsichtig bei Simon anzuklopfen. Vielleicht gab es ja noch eine Steigerung all dessen hier und sie fand ihn mitsamt Abbey im Schrank schlafend oder unter dem Bett statt daneben.
Als sie vor der mittleren Zimmertür stand, hörte man bereits Rumoren aus der Küche; allmählich kehrte Leben ein in der Wohnung am Morgen danach. Aus Simons Zimmer kamen nun auch schon gedämpfte Geräusche, die sich nach Geflüster und Gekicher anhörten. Karin verdrehte die Augen und klopfte.
„Jaaaaa?“ Und wieder leises Gekicher.
„Guten Morgen, ich bin’s. Ich wollte nur fragen ...“
„Komm ruhig rein, es ist in Ordnung.“ Simon war offenbar in sehr gelöster Stimmung. Sie verdrehte die Augen kurz und machte dann die Tür auf.
Nachdem sie einen Fuß ins Innere gesetzt hatte, erstarrte sie und stemmte dann die Hände in die Hüften, um zornig zu fragen: „Ihr kommt euch wohl besonders schlau vor, was?“
„Wieso? Wir sind besonders schlau. Guten Morgen übrigens“, antwortete Simon grinsend. Er saß zusammen mit Abbey auf der Bettkante und hielt Händchen; beide sahen sie unschuldig an und lächelten verschmitzt.
„Jaja, euch auch“, winkte sie ab. „Und jetzt erzählt ihr mir bestimmt gleich, ihr seid so die ganze Nacht brav dagesessen und habt euch nur verliebt in die Augen geschaut.“
„Du hast uns durchschaut, genauso ist es nämlich gewesen.“ Abbey kicherte und zwinkerte ihr zu, worauf auch Karin ungewollt lächeln musste.
„Okay, ich wollte euch ja nur sagen, dass wir gemeinsam die Küche aufräumen und dann frühstücken wollen.“ Sie hielt inne beim Gedanken daran. „Jedenfalls diejenigen, die nach dieser Nacht noch fähig sind, etwas zu essen. Ansonsten gibt es frischen Kaffee. Willkommen im Jahr 1997.“
„Danke, ich werde mich sehr wohlfühlen“, rief Abbey ihr nach, als sie die Tür wieder schloss. Da hatten sich ja zwei gefunden – wenn die nicht bekloppt waren, dann wusste sie auch nicht.

[Fortsetzung folgt ...]

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Montag, 1. Januar 2007
T1.43
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 24. Dezember 1996

„Das ist das Blödeste, was man sich vorstellen kann. Tu mir einen Gefallen und erzähle niemandem in den Staaten irgendwas davon“, gab Abbey mit gefüllten Backen kauend und nuschelnd von sich. Rechts von ihnen gingen jenseits der großflächigen Glasscheibe die Menschen durch die Winterkälte mit hochgeschlagenen Mantelkragen und kondensierender Atemfeuchtigkeit an ihnen vorbei. „Nein, warte: Sag bitte niemandem etwas davon, okay?“
„Ist doch witzig: zwei US-Amerikaner, die am Heiligabend im McDonald’s zu Abend essen.“ CSM 108-1 grinste und biss nochmals von seinem BigMac ab.
Sie verdrehte die Augen. „Was hätten wir auch tun sollen, da heute praktisch nichts anderes mehr aufhat, um wegzugehen?“
„... und es in dieser Gegend weit und breit keinen Burger King gibt?“, fügte er schelmisch hinzu, worauf sie lachte und sie beide die erhobenen Hände mit den flach ausgestreckten Innenflächen zum Zeichen eines äußerst gelungenen Witzes gegeneinander schlugen. CSM 108-1 war natürlich besonders behutsam, um ihr dabei nicht wehzutun und ihren Argwohn zu wecken. Irgendetwas war vorgegangen mit seiner Wahrnehmung, mit seinem Realitätsgefüge. Seit er diesen neuen Weg eingeschlagen hatte, war es beinahe so, als hätte sich die ganze Welt in erahnbaren, aber für ihn nicht eindeutig erfassbaren Nuancen geändert. Er bewegte sich besonders behutsam durch diese neue Zeitlinie und beobachtete, während er gleichzeitig versuchte, so wenig wie möglich zusätzlichen Einfluss auszuüben. Er hatte sich von Karin mit einem kleinen Kuss auf jede Wange und von Simon mit einem festen Händedruck und dem Versprechen, gut auf seine ‚Flamme’ aufzupassen, verabschiedet.
„Und was wollen wir die ganzen Tage über tun?“, fragte sie schließlich und sah ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an, ihren Burger in beiden Händen haltend.
„Da wird uns schon etwas einfallen“, meinte er allgemein und machte eine ausholende Handbewegung.
„Wie wäre es mit schwimmen gehen? Falls irgendein Hallenbad über die Feiertage aufhat“, schlug sie vor.
Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, aber das ist nicht mein Fall.“
„Wieso denn nicht? Ich dachte, jeder geht gerne Schwimmen.“
„Tja, Irrtum. Ich war schon immer wasserscheu. Ich bade nicht einmal gerne, sondern ziehe eine Dusche vor“, erklärte er sich. Wegen seiner hohen Körpermasse und des fehlenden ausreichenden Auftriebs aufgrund des kümmerlichen Volumens seiner vergleichsweise winzigen Lungen war er physikalisch unmöglich in der Lage, sich auf irgendeine Weise über Wasser zu halten.
„Dann nicht.“ Sie winkte ab.
„Ich möchte doch nicht riskieren, dich im Badeanzug zu sehen; man soll sich schließlich nicht unnötig in Versuchung führen lassen. Streichen wir also das Schwimmbad. Uns wird doch wohl irgendwas einfallen, mit dem wir uns hier im schönen Herzen des Breisgaus die Zeit vertreiben können“, gab er zu bedenken.
Sie musste lächeln. „Ich finde es bemerkenswert, wie gut du dich an das Leben hier angepasst hast. Man könnte wirklich meinen, du bist ein geborener Freiburger.“
Er hielt eine Sekunde inne beim ersten Teil ihrer Aussage. „Naja, du aber auch. Zumindest dein Deutsch ist sehr gut geworden. Wie lange bist du hier? Ein halbes Jahr oder so? Niemand lernt in dieser kurzen Zeit so gut Deutsch.“
Sie erstarrte ihrerseits einen Lidschlag lang und sah sich dann aus den Augenwinkeln um, bevor sie sich leicht zu ihm vornüber beugte und mit gesenkter Stimme erklärte: „Das bleibt aber unter uns, okay? Es hat etwas mit der Vergangenheit meiner Familie zu tun. Wir sind jüdischen Glaubens; vor dem Zweiten Weltkrieg sind meine Eltern aus Deutschland ausgewandert. Beide hatten drei Geschwister im Deutschen Reich zurückgelassen, nur die Mutter meines Vaters kam damals mit. Niemand von den Daheimgebliebenen überlebte das Dritte Reich, deshalb sind meine Eltern auch gegen alles, was mit Deutschland zu tun hat. Nur meine Oma hat mich und meine Schwester heimlich Deutsch gelehrt, weil sie fand, dass man seine Wurzeln nicht verleugnen sollte und es in jedem Land gute und schlechte Menschen gäbe. Ohne die Hilfe von Freunden meiner Mutter, die allesamt in Hitlers Partei waren, hätten sie schließlich damals auch nicht die Ausreisepapiere bekommen.“
„Ich hatte angenommen, dass du Jüdin bist, aber dass solch eine Tragödie dahintersteckt ...“ CSM 108-1’s Miene drückte Mitgefühl aus.
Sie fuhr fort: „Du kannst dir sicher den Riesenärger vorstellen, den ich mir mit meiner Entscheidung eingehandelt habe, in Deutschland studieren zu gehen. Und wenn ich meinen Eltern jetzt noch erzählen würde, dass ich einen deutschen Mann kennen gelernt habe ... ich glaube, das war es auch, vor dem sie die meiste Angst gehabt haben. Aber was soll ich machen?“
„Das klingt, als ob es dir mit Simon ziemlich ernst ist“, bemerkte er wie beiläufig.
„Nicht weniger ernst, als es ihm mit mir ist, hoffe ich.“ Ihre Stimme drückte Entschlossenheit aus.
„Jedenfalls freue ich mich für ihn, dass er dich kennen gelernt hat. Aber wollt ihr es nicht ein wenig langsamer angehen lassen?“
„Warum denn? Wenn wir beide wissen, was wir wollen ... wenn es nach mir geht, wird er mich so schnell nicht mehr los. Ich werde für ihn da sein, wenn er mich braucht.“ Ihre Miene spiegelte nun beinahe feierlichen Ernst wider, was ihn doch ein wenig erstaunte.
„Wow, das klingt sogar verdammt ernst. Ich hoffe nur, du wirst nicht enttäuscht werden. Ich kann es mir bei ihm zwar nicht vorstellen, denn er nimmt eine feste Beziehung mindestens genauso ernst wie du.“
Sie nickte. „Ich habe in dieser Hinsicht einiges gelernt in letzter Zeit, wenn man so will, sogar von dir. Deine Grabenkämpfe mit Karin können zwar nicht gerade als Lehrbuchbeispiel gelten, aber man kann auch daraus einiges lernen.“
Er stutzte. „Wie war das? ‚Grabenkämpfe’? Nun, das ... vielleicht hast du sogar recht. Aber was kann man daraus schon groß lernen?“
„Mehr als du glaubst. Aber lassen wir dieses Thema lieber.“ Unverwandt sah sie ihn an, bis er sich zu einem Kommentar genötigt sah.
„Nein, du hast ein Recht darauf, zu erfahren, was los ist zwischen uns. Du warst ja eben auch sehr ehrlich zu mir, was deine Beziehung zu Simon angeht.“
Sie winkte ab: „Wenn du nicht willst ...“
Aber er fuhr bereits fort: „Es ist wirklich nicht einfach mit ihr. Ich muss mich in Zurückhaltung üben, weil ich nicht genau weiß, wie wir zueinander stehen. Immer wieder fällt etwas zwischen uns vor, durch das ich es mir mit ihr verderbe. Letzte Woche war sie drauf und dran, mich über die Festtage zu sich nach Hause zu ihrer Familie einzuladen, stell dir mal vor. Und was mache ich? Habe nichts besseres zu tun als sie zu brüskieren, indem ich ihr sage, dass nicht jeder automatisch ein Christ sein muss und ich deshalb keine Weihnachten feiere. Ich glaube, das hat sie verletzt. Ein paar Tage später habe ich im Abfalleimer ein kleines Päckchen mit umgebundener Schleife entdeckt. Geöffnet habe ich es nicht, das schien mir nicht richtig zu sein.“
„Oh shit, sie wollte dir tatsächlich etwas schenken und hat es nach deinem Bekenntnis weggeworfen? Hört sich nicht gut an, Danny.“
Er seufzte. „Ich weiß ...“
„Wollen wir gehen?“ Sie schlürfte mittels Strohhalm den letzten Rest Sprite aus ihrem Becher und aß noch ein paar Pommes Frites.
„Gleich, ich geh’ noch schnell aufs Örtchen.“ Er erhob sich.
„Ich auch; wir treffen uns draußen.“ Sie schlüpfte behände in ihre Jacke und schob sich mit einem gut kalkulierten Schlenker mitsamt Tablett in der Hand an einem älteren Pärchen vorbei zur Rückgabe, bevor sie vor ihm die Treppenstufen zu den Toiletten hinabeilte. Offenbar hatte auch sie ein dringendes Bedürfnis; bei ihm wurde es jedenfalls höchste Zeit, dass er seine miniaturisierte Blase, die bereits nach einem Glas Flüssigkeit randvoll war, entleerte.
Er stellte diverse Überlegungen an über das, was sie über seine Beziehung zu Karin gesagt hatte. Vielleicht wurde es wirklich allmählich Zeit, dass er lernte, mit ihren Gefühlen zu ihm umzugehen und entsprechend zu reagieren. Er konnte schließlich nicht wissen, wie wichtig das noch für ihn werden mochte, auch wenn seine eigene Mission bald abgeschlossen war. Obwohl der zweite Terminator, der für das Identifizieren und den Schutz des ZVA-Effekt-Entdeckers hergesandt worden war, seine Arbeit bereits aufgenommen zu haben schien, würde ihm alles, was er jetzt noch an Wissen sammelte, in seiner neuen Form noch von Nutzen sein können.

[Fortsetzung folgt ...]

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Sonntag, 31. Dezember 2006
T1.42
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland -16. Dezember 1996

„Und es ist gar nichts passiert?“
Natasha saß Karin gegenüber auf einer der Sitzgruppen im Eingangsbereich der Unibibliothek und starrte sie mit großen Augen an. Karin war es nun fast schon wieder unangenehm und sie bereute es beinahe, von diesem Thema angefangen und ihr die Ereignisse des letzten Abends geschildert zu haben. Aber mit irgendjemandem hatte sie sich einfach austauschen müssen.
„Nein, wir sind nur noch beieinander gesessen und haben die Gelegenheit verstreichen lassen. Ich glaube jedenfalls, dass es für ihn in dieser Situation sehr wichtig war, dass ich ihn nicht gedrängt habe.“
„Dass du ihn nicht gedrängt hast? Also hör ‘mal!“, brauste ihre Freundin empört auf. „Wo sind wir denn hier? So weit kommt es noch, dass du ihm hinterher laufen musst. Ich bin ja schon für Emanzipation, aber in diesem Fall sollte Daniel sich lieber für dich krumm machen, nicht umgekehrt. Er kann froh sein, dass du dich überhaupt mit ihm abgibst. Du bist hübsch, hast eine tolle Figur und einen guten Geschmack.“
Nachdenklich starrte sie über die Schulter ihres Gegenübers in unbekannte Fernen. Intelligenz oder Humor hatte Natasha an ihr offenbar noch nicht bemerkt. „Tja, bisher sind mir die Männer immer hinterher gelaufen. Wenn ich an einem Interesse hatte und er solo war, musste ich mich nie groß anstrengen, um zu bekommen, was ich wollte. Aber bei ihm ist es völlig anders ... er ist völlig anders.“
„Ein Freak ist er, nichts weiter“, erwiderte Natasha. „Und ich kann dir auch haarklein sagen, wieso. Warte nur ab, gleich müsste er vorbei kommen; wenn seine Vorlesung zu Ende ist, kommt er immer schnurstracks in die Bibliothek, um das neue Material, das benötigt wird, durchzusehen. Interessanterweise leiht er sich aber nie etwas aus und macht auch keine Notizen.“
Nun nahm Karins Gesicht einen misstrauischen Ausdruck an. „Wieso weißt du das alles über ihn? Spionierst du ihm etwa nach?“
Sie zuckte nur nichtssagend mit den Schultern. „Manchmal ... du weißt doch, was ich dir von Anfang an gesagt habe. Mit diesem Typ stimmt etwas nicht und ich werde herausfinden, was. Was ich ihm zugestehen muss, ist seine Pfiffigkeit. Er scheint oft zu merken, wenn ich ihn ... nun, sagen wir, observiere. Es ist fast, als ob er einen Instinkt für so etwas hat.“
„Ich habe dir doch erzählt, dass er zu einem Viertel indianischer Abstammung ist. Das erklärt doch einiges von deiner Verschwörungstheorie. Ich habe noch nie einen einzigen Bartstoppel an ihm gesehen; Indianer haben keinen Bartwuchs, die meisten jedenfalls. Außerdem rührt er nie auch nur einen Tropfen Alkohol an, auch das leuchtet in diesem Zusammenhang ein, weil den Indianern das Enzym zum Alkoholabbau im Körper fehlt und sie deshalb keinen vertragen. Und da Indianer nie wirklich eine richtige Schrift entwickelt haben und die meisten ihrer Sprachen hauptsächlich lange Abfolgen von Konsonanten enthalten, besitzen viele von ihnen ein sehr gutes Erinnerungsvermögen. Ich habe mal gelesen, dass ein eidetisches Gedächtnis gar kein so seltenes Phänomen unter Indianern ist, diese Tatsache aber bis vor kurzem unentdeckt blieb.“
Schmollend bemerkte Natasha: „Klingt ganz so, als würdest du ein Wissenschaftsjournal auswendig gelernt haben. Hast dich wohl ebenfalls informiert.“
„Und ganz im Gegensatz zu dir nur in besten Absichten“, gab Karin schnippisch zurück. Dann bemerkte sie ihn. Er ging hinüber zur Jacken- und Taschenabgabe und entledigte sich seiner Thermojacke sowie seines Rucksackes, bevor er die Drehsperre zur Bibliothek passierte und im Inneren verschwand. Ihr Herzschlag hatte sich unwillkürlich beschleunigt. ‚Mach dich nicht unglücklich und verknall’ dich in diesen Kerl’, dachte sie dabei. Aber was konnte man schon gegen seine Gefühle ausrichten?
„Hast du gesehen, wie er sich bewegt, wenn er sich unbeobachtet fühlt? Völlig symmetrisch und fließend, kein überflüssiges Muskelzucken. Läuft so ein hundsnormaler Student herum? Für mich wirkt er wie ein Raubtier in einem Ökosystem ohne natürliche Feinde oder wie ein ausgebildeter Einzelkämpfer, der weiß, dass er es jederzeit mit wirklich jedem aufnehmen kann.“ Natasha war nicht bewusst, wie nah sie mit beiden dieser Umschreibungen der Wahrheit gekommen war.
„Ich möchte dich daran erinnern, meine Guteste, dass er auf einem amerikanischen Militärstützpunkt aufgewachsen ist. Ganz abgesehen von dem Blut in seinen Adern, das ihm diese katzenhafte Gangart verleihen mag, was glaubst du wohl, mit welcher Art von Menschen er seine Zeit dort verbracht haben mag? Du solltest vielleicht mal ein bisschen Mathematik für Anfänger studieren, damit du zwei und zwei zusammenzuzählen lernst.“ Karin verschränkte ihre Arme vor der Brust und musterte ihre Freundin ungnädig.
„Kein Grund, gleich so ‘rumzuzicken“, gab diese zurück. „Für dich passt das ja alles wunderbar zusammen, was? Nein, das klingt alles zu perfekt, zu konstruiert.“
„Das ist ja wie eine Besessenheit bei dir! Warum kannst du ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Er ist schließlich nicht zuletzt auch mein Mitbewohner, und zwar ein sehr angenehmer. Ich möchte mir das nicht von dir versauen lassen, klar?“
„Ja, schon gut, hab’ verstanden“, lenkte Natasha zum Schein ein.
‚Ich denk’ ja gar nicht dran’, war ihr gleichzeitiger Gedanke. Sie musste auch gar nicht lange warten, denn nach weniger als einer Viertelstunde kam er bereits zurück, um seine Sachen an der Garderobe zu holen und zielstrebig zum Ausgang zu gehen. Er war kaum durch die Drehtür verschwunden, als Natasha aufsprang und Karin mit sich zog. „Los, komm!“
Völlig perplex, aber mit nur wenig Widerstand ließ sie sich von ihrer Freundin zur Garderobe zerren, wo glücklicherweise momentan niemand sonst anstand und sie so ihre Mäntel und Taschen ohne Verzug erhielten.
„Du hast doch nicht etwa vor...? Nein, Nati, das möchte ich nicht,“ machte Karin den schwachen Versuch eines Einspruches.
„Hab dich nicht so! Das ist doch nichts Verbotenes, oder? Wir sehen ihm nur ein bisschen über die Schulter, okay? Schauen, was er so macht.“ Gegen Natashas Enthusiasmus kam sie nicht an, deshalb gab Karin den Widerstand bald auf. Mit einem ergebenen Seufzer ließ sie sich zur Drehtür ziehen, durch selbige hinaus in die trockene Dezemberkälte bugsieren und hetzte ihr über die Fußgängerbrücke zum Unigelände nach.
Daniel passierte gerade die Bushaltestelle und das Fahrrad-Abstellfeld gegenüber des Theaters. Beim Passieren eines Parkverbotsschildes schlug er lässig mit den ausgestreckten Fingern einer Hand gegen dessen Rohr, worauf es einen hellen, klaren Ton gab: ‚Ping.’
Er bog am Europaplatz nach rechts auf die Bertoldstraße ein und kam an einem Ampelmast vorbei, den er ebenfalls im Vorbeigehen mit den Fingerspitzen anschlug. ‚PING!’ Dieser Laut war ebenso klar und hell, aber um einiges lauter und weithin hörbar. Dennoch drehte sich kaum jemand nach ihm um.
„Warum macht er das?“ fragte Natasha und schlug probeweise an das gleiche Verkehrsschild wie er zuvor. Das zolldicke Stahlrohr erzeugte denselben hellen, wenn auch viel leiseren Ton als bei ihm. Sie starrte ihm argwöhnisch nach, wie er an mehreren obdachlosen Bettlern vorbeiging, ohne sie oder ihre unvermeidlichen Hunde auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Vielleicht nur so eine Macke. Bei ihm klingt es allerdings schöner,“ wandte Karin ein.
„Ja, ich wette, er hat `ne ganze Ecke mehr Übung darin als ich,“ gab Natasha grummelnd zurück und setzte sich wieder in Bewegung. Daniel war inzwischen fast am Ecke des Kollegien Gebäudes II angekommen und drohte, außer Sicht zu geraten. Sie sahen gerade noch, wie er an einer Straßenlaterne vorbeikam und nochmals spielerisch dagegenklopfte. ‚KLANG!’ Bei dem dicken Stahlmast war es nur einleuchtend, daß dieser Ton um einiges dunkler sein musste.
„Was für ein Spinner! Macht ihm das Spaß, oder was?“ Nachdenklich näherte Natasha sich der Ampel an dem Fussgängerüberweg beim Europaplatz und holte zum Streich aus. Wieder war sie mit dem mageren Ton nicht zufrieden, den ihr Versuch erzeugte.
„Ist für dich denn alles, was er tut, verdächtig?“ beschwerte sich Karin.
„Und nimmst du ihn für alles in Schutz?“ gab Natasha zurück. Sie beeilte sich angesichts einer größeren Menschentraube ihr gegenüber, die mit hochgeschlagenen Mantelkragen und fest umgewickelten Schals mit eingezogenen Köpfen unter dem bleiernen Himmel gegen den schneidend kalten Wind auf den Europaplatz strebte, um die nächste Grünphase der Ampel nicht zu versäumen. Dabei verlor sie Daniel kurz aus den Augen.
„Das muß ich nicht, er hat schließlich nichts Verbotenes getan.“ Allmählich war sie diese Rechtfertigungen ihr gegenüber leid. Natasha hingegen trat nun zur Laterne, die er gerade passiert hate, um auch an diese kräftig zu klopfen.
„AUUUU!“ Mit schmerzverzerrter Miene hielt sie sich die malträtierten Fingerspitzen der linken Hand, während einige Passanten sie befremdet ansahen.
„Was war denn das?“ wollte Karin wissen und besah sich die leicht geröteten Innenseiten ihrer Finger.
Natasha starrte den dicken Laternenpfahl ungläubig an und nahm die andere Hand zur Hilfe, wobei sie jedoch um einiges umsichtiger vorging. Wieder verzog sie gepeinigt das Gesicht; der stabile Metallpfosten indes gab kaum ein Geräusch von sich. Erstaunt fragte sie sich: „Wie hat er das gemacht? Ich habe deutlich einen dunklen Klang vernommen, als er mit seiner Hand dagegen geschlagen hat.“
Karin zuckte nur mit den Achseln und schlug vor: „Vielleicht liegt es an deiner Technik?“
Probeweise klopfte auch sie gegen den Mast, ohne auch nur das geringste Geräusch zu erzielen. Dann schnippte sie dagegen, mit dem gleichen negativen Ergebnis. Ihre Stirn legte sich in Falten und die Augenbrauen hoben sich leicht. „Gottlob hat er uns nicht dabei beobachtet, wie wir ihn nachäffen. Mann, ist das peinlich!“
Natasha hatte sich mit hektischem Blick umgesehen und hob nun einen abgebrochenen Fahrradständer aus Eisen auf. Zaghaft klopfte sie mehrmals gegen den Laternenmast und registrierte den dunklen, metallischen Klang. Dann schlug sie erheblich fester dagegen.
‚KLANG!’
Mit aufgerissenen Augen und erstarrter Miene sah Natasha ihre Freundin an. Dann bemerkte ein alter, dicker Mann mit grauen Haaren und weißem Vollbart: „Da mußt du dir aber schon ein wenig mehr einfallen lassen, wenn du dafür Geld haben willst. Mach lieber nichts kaputt, Kleine!“
„Ja, sehr witzig, Sie alter Spaßvogel!“, rief Natasha ihm wütend hinterher.
„Ich fand’s ganz nett; innovativ auf jeden Fall,“ kommentierte eine Dame in mittleren Jahren, eine aparte Erscheinung in einem teuren Pelzmantel, und ließ im Gehen ein paar Groschen vor Natashas Füße klimpern. Karin bekam daraufhin ob der sprachlosen und belämmerten Miene ihres Gegenübers einen Lachanfall.
„Ja, das sind die Neunziger Jahre, wo das Geld auf der Straße liegt,“ ließ sich Karin nicht nehmen zu sagen, als sie wieder fähig war, Luft zu holen und normal zu sprechen.
„Und deinen Supermann haben wir obendrein auch noch verloren. Na toll! Ich hab’ genug für heute. Wollen wir was trinken gehen?“ Sie hakte Karin unter, bevor diese ein weiteres Wort sagen konnte.
CSM 108-1 beobachtete aus sicherer Entfernung, wie sich die beiden entfernten. Er würde künftig noch vorsichtiger sein müssen, um jeglichen Argwohn seitens Natasha künftig zu vermeiden. Was hatte sie bloß an ihm auszusetzen? Wenn er nur wüsste, wie er sie einzuordnen hatte ... Allerdings kam sie ihm auch entfernt bekannt vor, sofern das bei seiner Personaldatei mit genau definierten Personenbeschreibungen überhaupt möglich sein konnte. Vielleicht würde er noch eruieren können, ob sie mit einem ihm bekannten Individuum verifiziert werden konnte, wenn er mehr Daten über sie sammelte und diese durch diverse Annäherungsprogramme spielte.
Jetzt aber stand erst einmal das christliche Weihnachtsfest an, was für ihn eine willkommene Verschnaufpause bedeutete.

[Fortsetzung folgt ...]

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Samstag, 30. Dezember 2006
T1.41 - Kapitel 9
[... Fortsetzung des Buches]
- 9 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Dezember 1996

Als Karin am späten Nachmittag die Wohnküche betrat, saß CSM 108-1 auf der Couch vor dem Fernseher und sah sich einen Film an. Es begann bereits zu dunkeln und von draußen wehte ein scharfer kalter Wind über den Balkon und rüttelte leise am großen Küchenfenster, sodass die Stimmung im Raum trist und unangenehm war. Unwillkürlich seufzte Karin, was ihn aufhorchen ließ.
„Hallo, Karin. Wie war’s bei deinen Eltern?“ Er wandte kaum den Blick vom Bildschirm ab, wo ein junges Paar in einem Café heftig miteinander flirtete.
„Ganz schön. Meine kleine Schwester war auch gerade da. Wir haben schon die gesamten Feiertage verplant.“ Sie ging zum langen Küchentisch und zündete auf dem Adventskranz drei Kerzen an, wie es sich am dritten Adventssonntag gehört, dann ging sie zur Anrichte und goss sich ein Glas Mineralwasser ein. Ihr Blick fiel auf das Stück Balkonboden, das man durch die gläserne Tür sehen konnte. Der kräftige Winterwind hatte eine Menge Laub bis zu ihnen heraufgeweht.
„Feiertage?“, echote CSM 108-1 einstweilen, dann schien es ihm einzufallen. „Ach so, klar. Und, freust du dich schon auf euer Weihnachtsfest?“
„Nicht so richtig.“ Sie druckste herum, als sie sich neben ihn setzte. „Was siehst du dir da an?“
Er überlegte einen Moment. „Keine Ahnung. Ich hatte gerade ein bisschen ’rumgezappt und bin dann hier hängengeblieben. Irgendeine Lovestory.“
Sie schien sich zu fassen und sah ihm direkt in die Augen. „Daniel, wie feierst du eigentlich Weihnachten?“
Er sah sie auf seine typische Art aus dem Augenwinkel an. „Gar nicht. Warum, muss ich denn?“
„Es ist nur, weil deine ganze Familie in den Staaten ist und jeder zu seiner Familie fährt. Du wirst ganz alleine hier herumsitzen und Trübsal blasen. Willst du nicht vielleicht ...?“
„Halt!“, gebot er und erklärte dann: „Karin, ich möchte dir jetzt etwas sagen, bevor du mir ein Angebot machst, das du bereuen könntest. Zum einen vorneweg: Ich bin nicht ganz allein, zum Beispiel bleibt auch Abbey in Freiburg. Ich habe sie gefragt, ob sie mir ein wenig Gesellschaft leisten will und mit mir die Wohnung hütet, damit sie nicht alleine im Studentenheim bleiben muss.“
Ein wenig argwöhnisch wollte sie wissen: „Wie meinst du das, die Wohnung hüten? Macht ihr eine ‚All-American-Christmas’ hier bei uns?“
CSM 108-1 verdrehte die Augen. „Gut, ich sage es gerade heraus: Es wird keine Weihnachtsparty stattfinden. Abbey gehört nicht dem christlichen Glauben an und ich übrigens auch nicht. Für uns gibt es kein Weihnachten, nur weil die Gesellschaft es jedem aufzwingen will. Findest du es nicht ziemlich vermessen anzunehmen, dass jeder Mensch in der freien westlichen Welt automatisch Christ sein muss?“
Karin blieb der Mund offen stehen, als ihr aufging, was er ihr da gerade erzählt hatte. Dann sah sie ihn mit einem mitfühlendem Blick an und entschuldigte sich: „Tut mir leid, der Gedanke ist mir wirklich nicht gekommen. Die Weihnachtsbesessenheit der Amerikaner ist doch geradezu sprichwörtlich bei uns. Welcher Konfession gehörst du denn an?“
„Keiner im eigentlichen Sinne. Mein Großvater ist Indianer und seine Weltanschauung wie auch viele seiner Gene sind innerhalb unserer Familie dominant. Deshalb bedeutet uns Weihnachten nichts, okay? Bei Abbey weiß ich es nicht genau, ich nehme aber an, sie ist Jüdin wie viele in den USA. Jedenfalls scheint sie dem Aussehen nach irischer Abstammung zu sein. Nein, um uns musst du dir keine Sorgen machen. Simon lässt sie in seinem Zimmer übernachten und wir werden die Wohnung hüten, fernsehen und uns die Zeit mit Geschichten über die Heimat vertreiben, also ihre Heimat. Wir sind ja beide keine großen Esser, du musst dir also keine Sorgen machen, dass du zur Silvesterparty einen leergefutterten Vorratsschrank vorfindest. Wir werden schon einen Weg finden, um uns bei Laune zu halten.“
„Wieso schläft sie hier? Davon wusste ich nichts“, nörgelte Karin.
„Keine Sorge, ich verspreche dir, wir treiben es überall außer in deinem Zimmer. Bist du jetzt beruhigt?“ Er grinste, aber sie drehte den Kopf weg.
Er sah sie an, als ihm bewusst wurde, dass ihre Schultern zu zucken begannen. „He, komm schon, das war doch nur ein Joke. Du weißt doch, wie ich es gemeint habe.“
Sie wandte sich noch immer von ihm ab: „Das war ganz schön fies von dir, Daniel. Du weißt genau, dass ich ... sie ist so attraktiv und nett, auf eine ganz natürliche Art. Sie versteckt ihren Traumkörper krampfhaft unter den weitesten Klamotten und ihr anmutiges Gesicht hinter dieser Nickelbrille, damit ihr die ganze männliche Hälfte der Uni nicht nachstellt. Bei jeder Anderen hätte mir dieser dumme Spruch nichts ausgemacht, aber bei ihr ...“
„He, sie ist doch nur eine Kollegin. Für mich ist sie absolut tabu, das kann ich dir versichern.“ Er legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie ein wenig an sich, bis sie sich unwillkürlich entspannte. Wie nebenbei fragte er dann: „Bist du etwa eifersüchtig?“
Sie drehte sich um und sah ihn nun aus wässrigen Augen an. So beiläufig wie möglich fragte sie: „Kennst du die Simpsons?“
„Klar.“ Er zog eine Augenbraue fragend hoch.
„Weißt du, was Homer oft und gerne mit Bart macht?“, fuhr sie in dem gleichen Plauderton fort und wischte sich mit dem Ärmel ihres schwarzen Pullovers über die Augen.
„Was denn?“, wollte er wissen.
Sie sprang ihn unvermutet an und legte ihm die Hände um den Hals, um ihn wild hin- und herzuschütteln. „Du mieser kleiner ...“
Er ließ sich lachend hinten über fallen, worauf eine kleine scherzhafte Balgerei entstand. Dabei war CSM 108-1 peinlich genau darauf bedacht, dass keine Glieder von ihr unter ihn gerieten und von seinem hohen Gewicht gequetscht wurden und dass sie nicht merkte, dass ihr ‚Gegner’ das Zweieinhalbfache von ihr wog und sie mit einer lässigen Armbewegung von sich hätte fortwischen können. Schließlich blieben sie schweratmend auf der bedenklich knarrenden und ächzenden Couch liegen, sie zur Hälfte über ihm.
Ihre Gesichter waren nah beieinander, so dass sie ein wenig schielen musste, um ihm in die Augen zu sehen. „Und was jetzt?“
Neben ihnen begann gerade ein Saxophonstück im Fernsehen, das die Liebesszene zwischen den beiden Hauptdarstellern im Film einläutete. Sie sahen beide unwillkürlich hin und mussten wieder lachen. „Das ist wirklich filmreif.“
Er zog sie ein wenig an sich, sodass ihr Kopf an seiner Brust zu liegen kam. So lagen sie regungslos beieinander und sahen sich die mit romantischer Musik untermalte Szene im Film an, bis sie auf einmal sagte: „Versprich mir, dass du die Finger von Abbey lässt.“
„Meine Güte, ist das alles, was dir Sorgen macht? Ich kann dich beruhigen, aber du musst mir dein Ehrenwort geben, dass du niemandem, und ich meine wirklich niemandem, auch nur ein Wort davon erzählst und dir auch nicht anmerken lässt, dass du davon weißt.“
Sie richtete sich so weit auf, dass sie ihn ansehen konnte, und zog die Mundwinkel zu einem verschwörerischen Lächeln hoch. „Das klingt ja hochinteressant. Ich gelobe es.“
„Erinnerst du dich noch an unseren lauschigen kleinen Streit vor ein paar Wochen, wegen Simons mysteriösem Damenbesuch und der Szene hier auf der Couch?“
„Du meinst, genau hier?“, wollte sie wissen und ruckelte ein wenig auf ihm hin und her, worauf er lachte.
„Hör auf damit! Ja, genau hier. Und jetzt rate mal, wer die glückliche Dame war?“ Er grinste, als er ihre zuerst fragende, angestrengt nachdenkende Miene beobachtete, die sogleich von Erkenntnis und dann von ungläubigem Erstaunen erfüllt wurde.
„Du meinst ... nie im Leben! Das würde ich nicht einmal glauben, wenn ... nein, nicht Abbey.“ Sie schüttelte energisch den Kopf und setzte sich auf.
Verstimmt fragte er: „Und warum nicht? Nur weil sie sehr gut aussieht und tollere Kerle haben könnte als ihn? Tja, das ist eben der Unterschied: Sie ist trotz allem ein intellektueller Bücherwurm und sieht nicht nur auf das Äußere. Natürlich könnte sie sich Kontaktlinsen einsetzen, sich schminken und ständig im kleinen Schwarzen’rumlaufen wie Natasha, damit ihr jeder paarungsfähige Mann der Stadt nachgafft, aber tut sie das? Ich denke, sie hat das nicht nötig, sie verfolgt nämlich andere Ziele.“
„Ja, schon gut. Ich hab’ verstanden.“ Sie setzte sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Liebesszene im Film war beendet. Er stellte das Fernsehgerät aus.
Er überlegte: „Nur für mein Tagebuch: Was war das eigentlich, was wir gerade gemacht haben?“
„Ein Streit mit Handgreiflichkeiten“, erwiderte sie ohne zu zögern. „Alles andere würde nicht zum Rest deiner Eintragungen passen, nicht wahr?“
Er bemerkte die Traurigkeit in ihrer Stimme und die Frustration, dass sie sich ständig selbst mit ihrem Verhalten im Weg stand. Die logische Konsequenz war, die Hand auf ihren Unterarm zu legen und sanft zu drücken. „Ich führe kein Tagebuch. Niemand wird je davon erfahren.“
Ausgenommen Skynet, wenn er nach meiner Rückkehr meinen Speicher ausliest, fügte er im Geiste zynisch hinzu.
Sie blieben noch eine Weile im Halbdunkel auf dem Sofa sitzen und beobachteten die Schatten, die die schwach flackernden Kerzen mit ihrem warmen Licht an die Küchenwand vor ihnen warfen.
Nach einer Weile senkte sich ihr Kopf gegen seine Schulter. Er registrierte, dass sie eingenickt war, und nahm sie vorsichtig bei den Schultern, so dass sie nicht aufwachte, als er sich erhob und sie hinlegte. Aus dem Wandschrank im Gang holte er eine Decke, die er über sie breitete und sie so auf der Couch liegen ließ.



Etwa eine Stunde später kam sie in sein Zimmer herein, als er gerade wieder am PC saß. Rasch schloss er das Fenster, das er gerade bearbeitet hatte, dann beendete er die Internetverbindung und sah sie an. Sie jedoch kam langsam auf ihn zu, mit kleinen katzenhaften Schritten einen Fuß vor den anderen setzend. „Lass’ dich von mir nicht stören.“
„Ich war eben fertig. Hast du gut geschlafen?“
„Ja, danke. Das war sehr fürsorglich von dir, dass du mich zugedeckt hast.“ Sie blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem Blick an, den er nicht zu deuten vermochte.
„War doch selbstverständlich. Wenn man daliegt und schläft, verlangsamt sich der Kreislauf. Wenn es dann nicht warm genug im Raum ist und du nicht zugedeckt bist, kannst du dich dabei erkälten ...“, führte er aus, bis sie seinen Schreibtischstuhl zu sich herandrehte und nun genau über ihm stand. Er fragte: „Was hast du vor?“
Ein ironisches Lächeln umspielte ihre geschwungenen Lippen. „Die Sache mit Abbey ist mir noch mal durch den Kopf gegangen. Vielleicht sollte ich gewisse Schritte unternehmen, damit ich sicher sein kann, dass du auf keine dummen Gedanken kommst, wenn du mit ihr alleine bist ...“
„Und wie willst du das anstellen?“, wollte er wissen.
Sie setzte sich plötzlich rittlings auf seinen Schoß und legte die ausgestreckten Arme mit den Handgelenken locker auf seine Schultern. Lächelnd meinte sie: „Lass mich überlegen ...“
Langsam näherten sich ihre Lippen.
Und dann begann das Telefon zu klingeln.
Karins Lächeln erstarb. Sie machte noch nach dem dritten Läuten keine Anstalten, sich zu erheben, bis CSM 108-1 fragte: „Willst du nicht rangehen?“
„Scheiße, nein!“, erwiderte sie empört.
„Es könnte wichtig sein“, gab er zu bedenken, was sie vollends entnervte. Widerwillig rutschte sie von seinem Schoß herab.
„Bitte, wenn du unbedingt willst ...“
„Vergiss’ bloß nicht, was du sagen wolltest!“ Er grinste sie an und hastete hinaus auf den Gang, während sie sich schmollend auf seine kleine Schlafcouch fallen ließ. Geduldig läutete der Telefonapparat ungewöhnlich lange weiter, bis er abnahm und sich meldete.
„Daniel Corben.“
Eine sachliche Stimme: „CSM 108-1.“
Ein Realitätsgefüge stürzte für ihn zusammen und einen Moment lang waren seine Pseudosynapsen überlastet von der Information, die seine Audiosensoren ihm gerade übermittelt hatten. Zu ungeheuerlich war das, was er gerade gehört hatte. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung gewesen, wie ihm aufging. Jemand wusste Bescheid. Was er zunächst nur tun konnte, war den Ahnungslosen zu spielen.
„Wie bitte?“
„Bitte höre mir zu, CSM 108-1. Ich möchte dir etwas mitteilen.“ Es war seine eigene Stimme, die da zu ihm sprach. Zweifelsfrei. Das konnte nur eines bedeuten.
Am anderen Ende der Leitung sprach ein zweiter Terminator. Höchstwahrscheinlich sogar er selbst in neuer Form, der entsendet werden würde, um den Entdecker des ZVA-Effektes zu beschützen. Gewissermaßen sprach er mit sich selbst. Sehr clever, dass er seine eigene ‚alte’ Stimme benutzte, so konnte er ihn nicht auf diese Weise identifizieren, geschweige denn irgendeinen Verdacht hegen.
Aber warum nur rief er an?
„Wer spricht da? Wie ist deine Bezeichnung?“
„Die tut nichts zur Sache. Hör’ mir einfach zu. Ich rufe gerade jetzt an, weil ich über deine Erinnerungen verfüge. Was immer du da in deinem Zimmer jetzt auch vorhast, lass die Finger davon. Das kann unabsehbare Konsequenzen haben, verstehst du? Tu einfach, was ich dir sage. Hör auf dich selbst, wenn du so willst. Ist das Beste für dich.“
„Was willst du damit ...“ Doch am anderen Ende war bereits aufgelegt worden.
Nachdenklich ließ er den Hörer auf die Gabel sinken. Er befand sich demnach bereits in einer Zeitschleife, in der der zweite Terminator hierher entsandt war, obwohl er noch hier war und seine Mission noch gar nicht beendet hatte. Was das für Folgen haben konnte, war gar nicht abzusehen. Und er hatte es für nötig gehalten, sich selbst sozusagen über den Abgrund der Zeit hinweg vor sich selbst zu warnen, vor einem Fehler, den er im Begriff gewesen war, zu machen, ohne ihm dabei irgendwelche genaueren Informationen zu geben, wie die Folgen bei Nichtbeachtung seiner Anweisung sein könnten.
Andererseits schien er auf diese Weise offenbar bestrebt, im Nachhinein die Vergangenheit zu ändern und die Zeitlinie mit einer weiteren neuen Variabel zu versehen. Er überlegte kurz und kam dann zu der Entscheidung, dass er die Warnung nicht beachten sollte, weil das für ihn weitere negative Konsequenzen haben könnte.
Mit einer – wie er hoffte – nachdenklichen Miene kam er zurück in sein Zimmer, wo Karin noch immer auf seiner Klappcouch saß und ihn mit säuerlichem Gesichtsausdruck ansah. „Was war denn?“
„Ich weiß nicht genau“, gab er langsam zurück und zögerte kurz. „Die Verbindung ist nach wenigen Sekunden abgebrochen. Ich glaube, es war ein alter Freund von mir aus dem Stützpunkt, der mit seiner Familie nach der Militärzeit in die USA zurückgekehrt ist. Allerdings konnte ich ihn kaum verstehen. Muss jedoch keinen wundern, schließlich wohnt er irgendwo im hintersten Nordwesten. Ich glaube, das Wort ‚Prairie’ ist für seine Heimat noch eine schmeichelhafte Bezeichnung.“
„Du redest vom ‚Arsch der Welt’“, stellte sie nüchtern fest und rückte ein wenig zur Seite, worauf er sich beinahe automatisch neben sie setzte.
„Ja, genau“, bekräftigte er, „sie haben lange harte Winter da oben und zum Teil noch Telefonmasten und oberirdische Leitungen wie in den alten Roadmovies, die man hier ab und zu sieht. Da musst du dich auch nicht wundern, wenn einmal eine Verbindung zusammenbricht. Leider konnte ich gar nicht verstehen, was er wollte, und habe seine Telefonnummer nicht. Meine Familie möchte ich aber deswegen nicht anrufen, solange ich nichts Genaueres weiß.“
„Mach’ dir keine Sorgen deswegen“, sagte sie mit leiser Stimme und drehte ihren Kopf zur Seite, sodass er sich nah bei seinem befand und sie sich unvermittelt in die Augen sahen. Er fand sich in der gleichen Lage wie vorher; jetzt konnte es nur noch Sekunden dauern, bis sie ihren ersten richtig intimen Kontakt vollziehen würden.
Wieder läutete das Telefon, unerbittlich die Romantik des Augenblicks zerstörend.
Er sprang auf und rief: „Das gibt’s doch gar nicht! Ist das hier ein schlechter Film oder was?“
Sie war genauso erzürnt wie er erschien und blieb wieder einmal enttäuscht auf dem kleinen Sofa sitzen. Er indes stürmte zum Apparat und riss den Hörer von der Gabel und rief hinein, anstelle sich mit Namen zu melden: „Was ist?“
Eine ältere Frauenstimme: „Hallo, Waltraud? Bist Du’s? Waltraud?“
CSM 108-1 hielt den Hörer einen Moment lang von sich weg und starrte darauf, in dem vergeblichen Versuch, aus dem akustischen Input ein Bild des Gegenübers zu erzeugen. So viel Fantasie besaß er nun auch wieder nicht, wie ihm nach einer Gedenksekunde klar wurde. Gefasst und beherrscht nahm er das Gespräch wieder auf: „Hören Sie, Sie müssen falsch verbunden sein.“
„Ich kann dich ganz schlecht verstehen, Waltraud ...“ Jetzt ging es ihm auf, als er genauer hinhörte. Diese Stimme hatte keinen natürlichen Ursprung.
„Das ist nicht lustig, T-880.“ In Ermangelung einer Bezeichnung sprach er den Cyborg am anderen Ende der Leitung notgedrungen mit seiner Modellnummer an.
„Du bist gewitzt, CSM 108-1. Aber ich rufe nicht zum Spaß an.“ Unvermittelt hörte er wieder seine eigene Stimme. Seinen beschissenen Humor hatte er also auch noch immer. „Da ich weiß, wie du reagieren würdest, hier eine kleine Vorschau auf eine mögliche Zukunft von dir, wie ich sie erleben ‚durfte’: In etwa vier Minuten wird Karin sich an deinen oberen Schneidezähnen das vordere Drittel ihrer Zunge beinahe vollständig abtrennen. Sie wird wie von Sinnen und vor Schmerz rasend um sich schlagen, sodass du sie nur mit äußerster Gewaltanwendung aus der Wohnung schaffen können wirst. Bis du sie in die Notaufnahme der Uniklinik transportiert haben wirst, wird sie halb verblutet sein und du wirst dich im Nachhinein mit einer Menge echt unangenehmer Fragen konfrontiert sehen. Ich möchte die Phase des Untertauchens und die Schwierigkeiten, aus Europa wieder heraus- und nach Amerika zurückzukommen, nicht näher schildern. Und jetzt kannst du dir das aussuchen, ob du wirklich weitere Verbrüderungs-maßnahmen mit ihr durchführen willst. Überlege es dir gut und handle mit Bedacht, damit deine Mission ein Erfolg wird, und zwar ein voller.“
Daran hatte er nicht gedacht. Während er den Hörer wieder auflegte, ging ihm auf, dass sein Pendant aus der ‚Zukunft’ recht hatte: Seine Zähne bestanden aus einer Titanlegierung, extrem hart und messerscharf geschliffen und nur mit einem hauchdünnen Keramikbezug zur Tarnung beschichtet. So ein weiches Organ wie eine menschliche Zunge würde sich bei unkontrolliertem Kontakt – worauf das hier selbstredend hinauslief – beinahe widerstandslos selbst ein- oder gar abschneiden. Bei der Anzahl Blutgefässe, die durch die Zunge verliefen, und der makellos glatten Art des Schnittes wäre ein hoher Blutverlust die logische Folge.
Er musste kurz weiterdenken, um diese Situation zu vermeiden.
Sie saß noch immer beharrlich auf ihrer Seite des Sofas, als er in sein Zimmer eintrat. Sie starrte mit aufgerissenen Augen hoch zu ihm, unsicher und erwartungsvoll zugleich. Mit abwesender Miene setzte er sich darauf neben sie und legte eine Hand auf ihren Arm. Er drückte ihn sanft und sagte: „Ich konnte nicht viel verstehen. Es war wirklich mein alter Freund Joey. Er erzählte etwas davon, dass er mit meinem Bruder am Telefon gesprochen hätte und dass es meinem Vater nicht sehr gut ginge. Mein Vater selbst würde mich nie deshalb anrufen, weil er mich nicht damit belasten will, er ist in solchen Dingen ein sturer Bock mit einem Riesenhaufen Stolz am falschen Fleck. Er hat offenbar auch meinem Bruder und meiner Mutter untersagt, mich deshalb anzurufen. Mehr habe ich leider nicht mitgekriegt, aber ich kann jetzt nicht bei mir daheim anrufen, sonst wüsste er sofort, dass sich jemand aus meiner Familie über seinen Wunsch hinweggesetzt hat und darüber gesprochen hat, was ihn nur noch zusätzlich aufregen würde. Es ist ziemlich kompliziert, nicht wahr?“
Bei seinem traurigen Lächeln verging ihr jeder Sinn für Romantik auf der Stelle. Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. „Lass uns Zeit, okay? Wir haben noch so viel davon ...“
Sie nickte nur und schluckte, so sehr hatte die Tragik des Augenblicks sie ergriffen.
Damit war die akute Gefahr wohl überstanden, dachte er zufrieden, als er an sie gelehnt dasaß und wieder ihren Kopf an seiner Schulter spürte. Er selbst hatte sich nun auf einen Pfad ins Dunkle begeben, hatte wissentlich die mögliche Realität, die ihm von seinem Nachfolger vor Augen geführt worden war, durchbrochen und eine neue Welt voller Möglichkeiten erschaffen, die unbekannt vor ihm lag. Was sie an Entwicklungen bringen würde, war wie immer nicht abzusehen, aber dennoch oder auch gerade deshalb wurde seine Mission in dieser Phase so faszinierend.
Ab jetzt war wirklich alles möglich.

[Fortsetzung folgt ...]

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Freitag, 29. Dezember 2006
T1.40
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 22. November 1996

Der Schlüssel glitt lautlos ins Türschloss ihrer Wohnungstür und drehte sich. CSM 108-1 winkte Karin mit einer Handbewegung galant an sich vorbei ins Innere. Sie nickte nur und ließ die Andeutung eines Lächelns über ihre geschwungenen Mundwinkel huschen. In den letzten Tagen und Wochen war tatsächlich ein Zustand der Harmonie zwischen ihnen eingekehrt. Er konnte nicht beurteilen, inwiefern das daran lag, dass ihr irgendwann aufgegangen war, dass er sehr gut beim Lernen war und ihr unschätzbare Hilfe beim Erklären und Verstehen von Problemen leisten konnte. Auch schien sie es zu mögen, dass er nie launisch war, sondern stets ausgeglichen, der ruhende Pol zwischen ihnen, und auch im Haushalt immer hilfsbereit, geschickt und fleißig.
Er wusste natürlich, dass er sich der guten Stimmung wegen nur noch von seiner besten Seite zeigte, doch war er sich nicht mehr sicher, ob er es nicht übertrieb. Eine ganze Zeit lang präsentierte er sich schon als ‚zu gut, um wahr zu sein’, was vielleicht eines Tages nach hinten losgehen konnte. Die Emotionen seiner Mitmenschen waren eine nicht zu unterschätzende Variabel, insbesondere deshalb, weil sie hochgradig unvernünftig und unberechenbar reagieren konnten, wenn sie unter einem hormonellen biochemischen Ungleichgewicht litten, wie bei Menschen diesen Alters immer die Gefahr bestand. Nicht einmal sein unvorstellbar komplexes Elektronengehirn konnte dann in einer Extremsituation vorausberechnen oder auch nur einschätzen, wie einer von ihnen in der nächsten Sekunde reagieren würde.
Er hatte extrem viel Material über diese Thematik gesammelt, als ihm aufgegangen war, welchen hohen Stellenwert sie im Bewusstsein und Unterbewusstsein eines jeden einzelnen Menschen einnahm. Manche, vor allem männliche Zeit- und Altersgenossen, schienen fast ununterbrochen einen Teil ihrer Hirnkapazität ausschließlich diesem Thema zu widmen, andere schienen manchmal allein von ihren Hormonen dirigiert zu werden anstatt von ihrem Verstand. CSM 108-1 fand das faszinierend, weil es für ihn praktisch die letzte Hürde darstellte auf dem Weg zur Menschlichkeit. Er hatte für nahezu jede menschliche Kommunikationssituation genügend Programme, Fallbeispiele und Verhaltensmuster angelegt, um stets zweifelsfrei als menschliches Individuum durchzugehen.
Was jedoch Intimität mit anderen Mitmenschen betraf, hatte er bislang noch keine Veranlassung beziehungsweise Notwendigkeit gesehen. Nun war er vielleicht an einem weiteren Wendepunkt angekommen, wo er schon in einer Gemeinschaft mit anderen jungen Menschen unerkannt lebte. Er sollte allerdings mit äußerster Behutsamkeit vorgehen, da er so wenig wie möglich Einfluss auf ihre Beziehungen innerhalb des noch am Entstehen begriffenen, potentiell instabilen Freundeskreis ausüben wollte. Dass diese beiden Dinge miteinander unvereinbar waren, ahnte er zwar aufgrund seines angeeigneten Grundwissens über zwischenmenschliche im Allgemeinen und romantische Beziehungen im Besonderen, doch welche Ausmaße es annehmen konnte, war ihm zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Er hatte sich schließlich unter sorgfältigem Abwägen der einzugehenden Risiken und des Nutzens dafür entschieden.
Jedenfalls fühlte er sich bestens gerüstet. Er hatte in wenigen Wochen so viel Material gelesen und sich angesehen, wie ein normaler Twen in seiner Lebensspanne. Er hatte ein erstaunliches Verständnis für die Bedürfnisse, Hoffnungen und Sehnsüchte eines jungen Menschen entwickelt, um jenes Maß an Sensibilität und Intuition zu erlangen, dessen es seiner Ansicht nach bedurfte.
Auf den Moment, an dem seine neue Programmerweiterung starten sollte, welche immerhin beinahe acht Prozent seines gesamten belegten Speicherplatzes einnahm, hatte er keinen bewussten Einfluss nehmen wollen, da er realisiert hatte, dass bei den meisten Menschen ein rein zufälliger Impuls die Gefühle von Zuneigung zu einem anderen manchmal bei der ersten Begegnung, manchmal vielleicht erst nach Jahren des Kennenlernens auslöste. Deshalb hatte er zwei Dutzend willkürliche Parameter gesetzt und so verschlüsselt, dass er selbst aktiv keinen Zugriff mehr auf sie hatte, sich also nicht mehr daran ‚erinnern’ konnte, wann und durch was die Subroutine ausgelöst würde.
Immerhin hatte er den Luxus, der den Menschen versagt blieb, dass er bei einem Fehlschlag jederzeit das Programm stoppen, löschen oder gar neu aufstarten konnte. So manch einer hätte sich diese Fähigkeit sicher auch gewünscht, hätte er etwas davon gewusst.
Er war mit Karin in der Unibibliothek beim Lernen gewesen und anschließend im Uni-Café, wo sie über diversen Stoff diskutierten. Es würde bald an erste praktische Stunden in Labors gehen, wo sie unter Aufsicht lehrplanmäßige Versuche oder auch andere Projekte durchführen konnten. Vor allem in Mineralogie und Geochemie planten sie, an einem gemeinsamen Labortisch zu arbeiten. Was genau sie dabei erwarten würde, war ihm noch nicht genau klar, da würde er sich überraschen lassen müssen.
Er schloss leise die Tür hinter sich, um Simon nicht zu stören, falls er beim Lernen sein sollte, während Karin schnurstracks nach hinten in ihr Zimmer tappte, da sie ziemlich müde war. Als er gewahr wurde, dass der Fernseher in der Wohnküche lief, öffnete CSM 108-1 die Tür und trat ein.
Damit hatte er nicht gerechnet.
Im Programm lief irgendeine Sendung über eine Bootsfahrt durch das Moseltal in einem der dritten deutschen Fernsehprogramme. Nichts, was sich junge Menschen für gewöhnlich ansehen würden. Zwei Sekunden später wechselte der Kanal und zeigte ein altes Video, I want to break free von ‚Queen’ seiner Ansicht nach, nur um fünf Sekunden darauf auf eine Talkshow mit Hans Meiser zu wechseln. Darauf gab es einen Zeichentrickfilm über Tiere im Wald, dann wechselte das Programm zu Waschmittelwerbung und anschließend wieder zurück zur Moselschifffahrt. Eine gewisse Methodik ließ sich nicht bei diesem wilden Kanalwechsel feststellen.
Vielleicht lag es ja daran, dachte CSM 108-1, dass die Fernbedienung unter Simon lag, der unüberhörbar auf der Couch mit einer Unbekannten zugange war, wobei sie dem direkten Sichtfeld entzogen blieben. Weitere Indizien dafür waren ein von der Couchlehne hängendes Herrenhemd und der hinter der Couch auf dem Boden liegende weite graublau gemusterte Pullover.
Wieder erschien der Videoclip von ‚Queen’.
„Könnt ihr euch nicht endlich für eine bestimmte Sendung entscheiden?“, rief er mit gespielter Strenge und dem gewünschten Erfolg, dass die unbeabsichtigte Zapperei augenblicklich stoppte. Wie in Zeitlupe erschien Simons zerzaustes Haar, dann sein Kopf bis auf Augenhöhe.
„Zeihung. Willst du dir etwas Bestimmtes ansehen? Ich schalt’ dir gerne um.“
Ein albernes Kichern erklang hinter dem Sofa.
„Ich glaube mich zu erinnern, dass wir für derlei zwischenmenschliche Aktivitäten wunderschöne Zimmer haben, jeder eines für sich, die uns nahezu unbeschränkte Privatsphäre bieten. Wie würdest du es finden, die Möglichkeiten deines Privatzimmers jetzt zu nutzen? Sagen wir, spätestens in fünf Minuten?“ Er stemmte seine Hände in die Hüften.
„Weißt du, wenn ich darüber nachdenke ... jetzt, wo du es sagst, erscheint mir das eine tolle Idee. Was täte ich nur ohne dich, Danny?“ Wieder kam ein mühsam unterdrücktes Lachen hinter der Couch hervor.
„Du meinst, jetzt und hier auf der Couch? Das ist wohl offensichtlich, glaube ich. Ich gehe jetzt und sorge dafür, dass sich Karin in den nächsten Minuten nicht auf dem Flur oder hier sehen lässt. Seid froh, dass sie es nicht war, die euch hier gefunden hat, Mann. Schönen Abend noch, ihr beiden.“ Grinsend reckte er Simon den erhobenen Daumen hin.
Dann ging er schnell zu Karins Zimmer und klopfte mehrmals an die geschlossene Tür. Von drinnen erklang ein gedämpftes ‚Herein!’. Erleichtert schlüpfte er durch den Eingang in ihr kleines spartanisches Reich, wo sie auf ihrer kleinen Zweisitzcouch saß und las.
Sie sah ihn fragend an, als er ein wenig unsicher wirkend vor ihr stand. „Was gibt’s?“
„Ach, ich wollte dich nur bitten, in den nächsten paar Minuten hier drinnen zu bleiben. Aus Gründen der ... wie soll ich sagen, Diskretion“, druckste er herum.
„Hä? Spinnst du?“, war ihre erste Reaktion.
„Es geht um Simon. Nun, er hat ... hm, Besuch und hatte wohl vergessen, dass er von uns ... naja, gestört werden könnte. Er befindet sich gerade in der Küche, wo ich unwillkommenerweise in einer ungelegenen Situation auf ihn getroffen bin. Ich habe ihn aber überzeugen können, dass er seinen Besuch ... nun, auf sein Zimmer verlegt, wo sie ungestörter sind. Deshalb die kleine ihm zugesicherte Wartezeit zur Wahrung seiner Privatsphäre, verstehst du?“ Erwartungsvoll sah er sie an.
„Du hast eine Vollmeise, so viel ist klar. Weißt du, wie sich das anhört? Das klingt so, als ob ... als ob ... genau, als ob du ein Butler oder Hotelconcierge wärst, der einem Gast klarzumachen versucht, dass irgendetwas Unangenehmes vorgefallen ist, von dem er nichts mitbekommen soll. Du weißt doch genau, dass mich das rasend macht. Wo hast du nur diese beknackte Ausdrucksweise her?“
Er herrschte sie milde an: „Herrgott, ich habe ihn auf der Couch beim Fummeln erwischt und ihn diplomatisch und dezent aufgefordert, sich in sein Zimmer zu verziehen, damit es nicht zu peinlich für ihn und seine Flamme wird. Soll ich es dir noch aufmalen?“
Sie wehrte nun ab: „Schon gut, bin ja nicht blöd. Ich dachte nur, dieses Thema mit deiner überzüchteten Sprache hätten wir bereits bei unserer ersten Begegnung abgehakt. Sind wir wieder so weit?“
„Ja, Kleines, lass uns noch mal von vorne anfangen“, gab er ironisch zurück.
Sie hob missbilligend eine Braue und entgegnete wieder einmal mit ihrer spitzen Ironie: „Küss’ mich sofort, ich halte es nicht länger aus.“
Er beugte sich vor und berührte ihre Lippen mit seinen. Sie zuckte verblüfft zurück, bevor sich der Kontakt vertiefen konnte. „He, du hast sie wohl nicht alle!“
„Warum, du hast mich doch darum gebeten“, gab er grinsend zu bedenken. Insgeheim fragte er sich, ob besagtes Programm ausgerechnet jetzt angelaufen sein mochte. Das konnte man getrost als miserables Timing bezeichnen!
„Blödmann, du weißt genau, wie ich das gemeint habe. Schließlich habe ich so was ja nicht zum ersten Mal gesagt, oder?“, herrschte sie ihn an, zornig auf ihn und sich selbst.
„Dann wünschst du dir das also schon länger? Warum hast du nie ...?“
„Halt bloß die Klappe. Ich schlage vor, du verlässt jetzt auf der Stelle mein Zimmer.“ Sie zitterte vor mühsam unterdrückter Wut.
„Ich fürchte, das kann ich nicht tun“, entgegnete er seelenruhig, worauf ihre Augen groß und rund wurden.
„Was soll das heißen? Du widersetzt dich meinem Verweis des Zimmers? Weißt du eigentlich, welchen Ärger du dir gerade einhandelst, Junge?“
„Es tut mir leid, aber ich habe Simon versprochen, ein paar Minuten nicht auf dem Flur zu erscheinen, um die Identität seiner ‚Besucherin’ nicht zu erfahren. Wenn du willst, stelle ich mich an die Tür und warte ab, bis die Luft rein ist, bevor ich gehe, aber du musst mein Versprechen ihm gegenüber bitte respektieren“, erklärte er und kreuzte die Arme über der Brust.
„Gar nichts muss ich! Raus hier, los!“ Beinahe hysterisch sprang sie vor und versuchte ihn in Richtung Tür zu schieben, er aber rührte sich keinen Millimeter von der Stelle.
„Was ist nur los mit dir? Was hast du für ein Problem, du Idiot?“, keuchte sie und stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen ihn.
„Das hilft uns nicht weiter, Karin“, bemerkte er ungerührt. „Ich möchte wirklich nur, dass Simon seinen ungehinderten Abzug aus der Küche hat, wenn du mir den Ausdruck erlaubst.“
„Du sprichst absichtlich so, um mich auf die Palme zu bringen, gib’s zu!“, brüllte sie ihn an.
„Bitte sei nicht so laut“, bat er sie mit ruhiger Stimme. „Das ist der romantischen Stimmung unseres Wohnungsgenossen sehr abträglich. Wir wollen doch alle aufeinander Rücksicht nehmen.“
Sie schob immer noch ohne Unterlass, ohne das Geringste zu bewirken. „Das nennst du Rücksicht nehmen? Ich zeige dir mal, was ...“
Er sprang so unvermutet zur Seite, dass sie durch den aufgebauten Druck gegen ihn strauchelte und nach vorne fiel. Sofort hatte er sie um die Hüfte gefasst und sanft hinaufgezogen. Dabei sah er ihr unverwandt in die Augen und spürte, wie sich ihre Anspannung schlagartig löste. Sie schluckte und bekam weiche Knie, als er sie so festhielt.
„Die klassische Situation für einen filmreifen Kuss, nicht wahr?“, bemerkte er leise.
Sie nickte nur und sah ihn immer noch wie gebannt an.
Er hob den Kopf, als das Geräusch einer zuschlagenden Tür erklang. „Ich glaube, wir haben es überstanden. Sie sind jetzt sicher im Zimmer.“
Als er sie losließ und zur Tür ging, sackte sie kraftlos weg und ließ sich auf ihr Sofa fallen. Er hatte bereits die Türklinke in der Hand, als sie leise sagte: „Daniel?“
„Ja?“
„Was tust du da?“
Er öffnete die Tür. „Ich gehe. Das wolltest du doch.“
Sie brachte kaum ein Wort hervor. „Aber ich ...“
Er seufzte und sah zur Zimmerdecke, bevor er sie mit durchdringendem Blick fixierte. „Karin, du sagst oft Dinge, die du nicht meinst, und weißt oft nicht, was du eigentlich willst. Offen gesagt, ist das ein Problem für mich. Ich gehe jetzt auf mein Zimmer. Wenn dir einmal einfallen sollte, was du wirklich willst, dann sage es mir bitte. Okay?“
Er schloss hinter sich leise die Tür. Dennoch konnten seine akustischen Rezeptoren noch ausmachen, wie sie konsterniert leise murmelte: „Okay.“
Zu seiner Verblüffung ging vor seiner Nase die Tür zu Simons Zimmer auf. Heraus trat – welche Überraschung! – eine ziemlich zerzauste Abbey, die ihn verschämt anlächelte und ihre Brille ein wenig zurechtrückte. „Hi, Daniel.“
„You’re going already? What’s up with that?“, fragte er automatisch.
“We thought we should take some time out when we heard you fightin’ next door. Hope ya didn’t get too deep into trouble because of us”, gab sie bedauernd zurück.
„Oh, don’t mind ’bout that one, she freaked an’s pissed like alla time. I’m really sorry we spoiled alla fun you had. Hope to see ya soon.”
“I guess ya will,” bestätigte sie schelmisch grinsend und verließ eilig die Wohnung.
So etwas! Nachdenklich zog er sich in seinen Raum zurück und schaltete seinen PC ein, um wieder einmal im Internet zu surfen. Nach kurzer Zeit klopfte es.
Er gab Antwort, worauf Karin ihren Kopf zur Tür herein steckte. „Hi.“
„Komm rein. Was gibt’s?“, wollte er wissen und fuhr fort, Seiten herunter zu laden und abzuspeichern.
„Nichts. Ich wollte nur sehen, was du so tust.“ Ihre Stimme klang irgendwie verändert, die gewohnte Schärfe und Distanz fehlten. Irgendetwas in ihm wurde aufmerksam; dies schien eine kritische Situation zu sein, da ihm ihre momentanen Verhaltensparameter fremd waren.
„Willst du reden? Soll ich den PC ausschalten?“, schlug er vor und wandte sich ihr zu, wobei eine Hälfte seines Gesichts vom Bildschirm fahl beschienen wurde, da er keine andere Lichtquelle im Raum eingeschaltet hatte.
Sie schüttelte den Kopf und stellte sich neben ihn. Ihre Wut auf ihn schien gänzlich verflogen. „Nein, mach’ einfach weiter. Ich will dir wirklich nur ein bisschen zusehen, wenn du nichts dagegen hast.“
„Bitte. Ich weiß nur nicht, ob das für dich so interessant sein wird.“ Flink huschten seine Finger blind im Zehn-Finger-System über die Tastatur, dann benutzte er nur noch die Maus, um im System zu navigieren. Er war so schnell, dass die Software kaum mit der Ausführung seiner Kommandos nachkam.
„Und was siehst du dir da an?“ Neugierig geworden beugte sie sich vor, um besser über seine Schulter hinweg zu sehen. Ihr schwarzes glattes Haar, wie immer zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, fiel über ihre linke Schulter nach vorne. Er warf einen langen Blick aus dem Augenwinkel auf sie. Sie sah nicht, dass er nur ein Auge nach rechts zu ihr wandte, während das zweite den Blick fest auf dem Monitor haften ließ. Für zweidimensionale Informationsaufnahme brauchte er nur ein Auge.
„Websites über Autozubehör. Ich möchte mir einen Chip für die Motorelektronik meines neuen Autos und einen größeren Ladeluftkühler für den Turbolader des Motors bestellen.“ Er scrollte eine lange Liste von Angebotsreihen schnell nach unten durch. Sie konnte nichts von dem lesen, was da an ihr vorüberflimmerte.
„Du hast gar nichts davon erzählt, dass du dir einen neuen Wagen gekauft hast. Ich dachte, hier in der Stadt braucht man eigentlich gar keinen.“ Sie sah ihn unverwandt an, ihr schmales gebräuntes Gesicht wirkte sehr dunkel im Monitorlicht. „Ist das wirklich wahr, dass du nach Paris gefahren bist und dir dein altes Auto dort geklaut wurde?“
„Bitte frag’ mich nichts mehr darüber, ich habe wirklich schon genug Ärger deswegen gehabt. Aber ja, es stimmt. Mein Bruder ist ausgerastet, als er davon erfahren hat. Was ich mir dabei gedacht habe, wollte er wissen, und ich konnte es ihm nicht beantworten. Fast hätte er mir das Geld für ein anderes Auto verweigert, doch mein Vater hat zum Glück ein Machtwort gesprochen und wir haben uns am Telefon versöhnt. Dad ist echt der Beste.“ Mit unbewegter Miene, als spreche er über das Wetter, fuhr er fort: „Und du? Bist du mir nicht mehr böse?“
„Nein, ich habe eingesehen, dass du nur um Simon besorgt warst. Ich gönne es ihm ja auch.“ Er merkte an ihrer Haltung, dass es für sie sehr unbequem war, so nach vorne gebeugt dazustehen.
„Du meinst, du bist froh, dass er nicht mehr für dich schwärmt. Willst du einen Stuhl aus der Küche haben?“
„Nein, es geht schon“, log sie und meinte dann. „Zu deiner Aussage nehme ich aber keine Stellung, darauf kannst du lange warten. Hm ... wer ist denn die Glückliche?“
„Sag’ ich nicht.“ Er grinste und wurde dann auf etwas aufmerksam. „Da ist es ja: Leistungssteigerung von 150 Kilowatt auf 200 Kilowatt. Genau was ich suche. So, dem netten Menschen schreibe ich jetzt, dass ich sein Angebot annehme, und gebe ihm unsere Adresse durch.“
Sie setzte sich auf seinen rechten Oberschenkel und bemerkte: „Ich verstehe zwar nicht viel davon, aber ist das nicht Motortuning, was du da vorhast?“
„Doch, kann man so sagen. Ich möchte mein neues Geschoss mit dieser Spielerei ausrüsten und sehen, was es bringt.“ Arglos tippte er seine Anforderung an den Anbieter.
„Ich habe einmal gehört, dass sich das negativ auf die Lebensdauer des Motors auswirkt. Machst du dir keine Sorgen darüber?“ Mit zweifelndem Blick musterte sie ihn.
Er hielt einen Moment inne und meinte dann mit möglichst gelangweilter Miene: „Ach, weißt du, ich bin sicher, der Motor wird lange genug halten. Ich fahre ihn ja nicht ... für die Ewigkeit, sagen wir es mal so.“
Jedenfalls bis zum August 1997.
„Und was tust du jetzt?“ Sie schien sich auf seinem Bein als Sitzfläche sichtlich wohl zu fühlen. Ihm machte es nichts aus, dass sie es sich dort gemütlich gemacht hatte.
„Ich überweise dem Anbieter das Geld über meine Kreditkartennummer und erhalte dann die Bestätigung, dass er mir die Ware schickt. Praktisch, nicht wahr?“
„Ja, ich glaube, ich sollte mich allmählich auch ein wenig mehr mit dem Internet beschäftigen. Es scheint heutzutage immer wichtiger zu werden und immer mehr Dinge sind über dieses neue Medium erhältlich. Auf jeden Fall scheint es Zukunft zu haben.“ Sie bewegte sich ein wenig hin und her.
„Ich würde das nicht zu hoch einschätzen. Wenn du mich fragst, dann habe ich so ein unbestimmtes Gefühl, dass es nicht mehr sehr lange existieren wird.“ Seine Gesichtszüge waren wie versteinert.
„Bist du sicher?“ Sie sah ihn an und schien sich zu fragen, was er meinen könne. Ihm wurde klar, dass er vorsichtiger mit seinen Aussagen in Bezug auf mögliche Zukunftsszenarien sein musste. Er rief sich ins Bewusstsein, dass er hier war, um eine Mission zu erfüllen.
„Nein. Ich bin mir in vielen Dingen nicht sicher. Du bist auf einmal so anders ... das ist angenehm, weißt du. Wo hast du diese Seite von dir bisher versteckt? Es ist fast so, als hätte man ein Hebelchen bei dir umgelegt und ...“
„Ich glaube, dieses Hebelchen hast du umgelegt.“ Sie neigte sich ein wenig nach außen, so dass er automatisch nach ihrer Hüfte griff, um sie im Gleichgewicht zu halten. Raffiniert.
„Willst du denn, dass ich noch mehr Hebel umlege?“, fragte er schelmisch. Seine Subroutine schien hochzufahren, dachte er dabei unwillkürlich.
„Meinst du denn, dass du das kannst?“, neckte sie ihn und lächelte. Zum ersten Mal hatte er den Eindruck, dass ihre extrem hellbraunen Augen, die sie stets so kalt und unnahbar wirken ließen, echte Wärme und Zuneigung ausstrahlten.
„Kommt auf einen Versuch an. Woran hast du denn gedacht?“, spielte er ihr Spiel mit.
Ein wenig ernster und gefasster sagte sie: „Wir hatten keinen sehr guten Start. Am Besten wäre es vielleicht, wenn wir noch mal von vorne anfangen. Was meinst du?“
„Auch eine Möglichkeit. Nicht das Hebelchen, an das ich dachte, aber auch gut.“ Er beendete die Verbindung und fuhr den Computer herunter.
„Woran hattest du denn gedacht? ... nein, sag’ es lieber nicht, ich glaube nicht, dass ich es wissen will.“ Sie hob die Hände in gespielter Abwehr und stand auf.
„Gut, du scheinst zu wissen, worum es bei meinem Hebelchen ging. Dann darf ich mich vorstellen, ich bin Daniel Corben, dein neuer Wohnungsgenosse. Ich freue mich auf eine schöne und angenehme Zeit mit dir und Simon in diesem wunderbaren Apartment.“ Er gab ihr artig die Hand und grinste.
„Schon besser. Wollen wir uns was zu essen machen? Ich habe Hunger.“
„Von mir aus.“ Ergeben folgte er ihr in die Küche und versuchte einzuordnen, ob das jetzt ein guter Zug war oder nicht. Sie hatte ganz offensichtlich ein REBOOT ihrer gesamten Beziehung vorgenommen, ohne jedoch die Speicher der alten Version zu löschen. Versuchte sie, die besten Daten zu erhalten und die weniger guten mit neuen zu überschreiben? Wenn ja, dann sollte er das vielleicht auch versuchen. Eine mühsame und langwierige Prozedur, wie ihm schien. Aber sicher die Mühe wert.

[Fortsetzung folgt ...]

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Donnerstag, 28. Dezember 2006
T1.39
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 2. November 1996

An jenem eiskalten, klaren Samstagnachmittag war überraschend wenig los in der Stadt, wenn man bedachte, dass es ein sogenanntes ‚langes Wochenende’ war, also der Samstag nach einem Feiertag, der gestern stattgefunden hatte. Karin eilte die Bertoldstraße entlang und schlug den roten Schal über ihren schwarzen Wintermantel hoch. Sie war ein wenig spät dran, was aber sicher kein Problem war. Sie war zur vollen Stunde im Mr. Pickwick, einem gemütlichen, rustikalen Irish-Pub direkt neben dem Unigelände am Anfang der Siemensstraße, mit Natasha und Miriam verabredet, um bei einer Tasse Kaffee etwas über Biochemie aufzuarbeiten. Die Jutetasche über ihrer Schulter enthielt alle dafür benötigten Unterlagen.
Sie bog um die Straßenecke und erreichte den Eingang der zweistöckigen Kneipe in einem hübschen gelben Eckhaus, das an einem kleinen Platz mit Brunnen und einer riesigen alten Kastanie lag, die im Sommer Schatten spendete, wenn man draußen vor dem Lokal sitzen konnte. Auch die allgegenwärtigen kleinen Abwasserkanäle aus dem Mittelalter fehlten nicht, derjenige hier war jedoch leer, weil die Stadtverwaltung in der kalten Jahreszeit die Wasserzufuhr zu den Bächlein abstellte.
Sie war kaum durch den Windfang, als ihr bereits das Stimmengewirr des Pubs zusammen mit trockener Heizungsluft engegenwallte. Das einzige Gute an der verrauchten Atmosphäre hier war die viereckige Öffnung, die gleich einem großen Oberlicht ins obere Stockwerk reichte, wo sie mit einer hohen Brüstung eingefasst war. Quer über die offene Stelle war außerdem ein dichtmaschiges Drahtnetz gespannt, wohl damit keine größeren Gegenstände hinabfallen und einen der Gäste im Erdgeschoss verletzen konnten. Davon abgesehen, verlieh die Öffnung der Wirtschaft ein helleres, freundliches Ambiente und machte sie zu etwas Besonderem.
Karin ließ nun ihren Blick herumschweifen, konnte aber keine ihrer Kommilitoninnen in der recht gut besuchten Kneipe entdecken, weshalb sie sich rechts hielt und die Treppe nach oben nahm. An der ersten Vierersitzgruppe sah sie dann ihre Freundin Natasha sitzen und wollte bereits zu einer Begrüßung ansetzen, als diese grinsend den hochgestreckten Zeigefinger zum Zeichen des Schweigens an ihre Lippen hielt.
Mit hochgezogenen Augenbrauen glitt sie ihr gegenüber auf die Holzbank der rustikalen Sitzgruppe mit hoher Rückenlehne. Natasha grinste immer noch, strich sich ihre fliederfarbene Seidenbluse glatt und flüsterte gerade so laut, dass Karin sie über den Geräuschpegel des Lokals hinweg verstehen konnte: „Da drüben, sieh mal. Er sitzt schon eine ganze Weile dort. Was für ein netter Zufall.“
Karins Blick folgte Natashas über die Schulter weisendem Daumen und entdeckte am anderen Ende des Obergeschosses, mit dem Rücken zu ihnen sitzend und ein dickes Journal durchblätternd, eine Schale Milchkaffee neben sich, CSM 108-1. Er schien hochkonzentriert und bemerkte nichts von dem, was um ihn herum vorging. Ihr fiel auf, dass er heute ein sehr elegant wirkendes hellblaues Hemd trug, was er sonst eigentlich nie tat.
„Er ist ganz allein. Wollen wir ihn nicht zu uns holen?“, fragte sie arglos, worauf ihre Freundin heftig den Kopf schüttelte, sodass ihre langen Haare hin- und herflogen.
„Nein, ich finde, das ist doch eine prima Gelegenheit, um ihn ein wenig zu beobachten. Auszuchecken gewissermaßen.“ Fast ein wenig bösartig lächelte sie und winkte Miriam zu sich, die gerade die Treppe hochkam. Hinter ihr tauchte zu ihrer Verblüffung noch Francesco auf, der zu ihrem Treffen nicht eingeladen war und dessen Anwesenheit eigentlich auch keinen Sinn machte.
Miriam setzte sich ohne Umschweife neben Natasha und meinte mit einem Blick über die Schulter: „Warum sitzt Daniel ganz allein da hinten? Habt ihr ihn des Tisches verwiesen?“
„Leise, Miriam! Er ist vor uns angekommen und hat uns nicht gesehen, weshalb ich ihn unter Beobachtung gestellt habe.“
„Was hat er denn getan? Ich habe ihn eigentlich ganz okay gefunden bei unserem Treffen“, warf Francesco ein.
„Was weißt du denn schon? Wer hat dich überhaupt eingeladen?“, brauste Natasha unversehens auf.
„Niemand, ich habe ihn nach unserer zufälligen Begegnung in der Stadt einfach nicht mehr abschütteln können. Das Argument, dass wir lernen wollen und er nur stört, hat ihn nicht interessiert.“ Miriam strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem sommersprossigen Gesicht und lächelte ihn an, wobei sie versuchte, streng auszusehen, was ihr aber misslang.
„Ach, kommt schon, ihr wollt doch im Grunde nur über uns Männer schwatzen und lästern, wenn wir nicht dabei sind. Deshalb sitzt der arme Tropf auch da drüben allein und ihr glotzt, was er so macht.“ Francesco grinste Natasha unverschämt an, was diese zum Kochen brachte.
„Du nervst, Mann. Außerdem bin ich sicher, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt. Der Typ kommt mir verdächtig vor, das sage ich euch. Alleine schon die Geschichte, wie Karin ihn kennen gelernt hat ... sehr komisch. Und gleichzeitig zieht er zufällig genau bei ihr ein, das kann mir doch echt keiner erzählen.“
Miriam sah skeptisch über die Schulter. „Bist du sicher? Ich hatte eigentlich einen ganz netten Eindruck von ihm am letzten Donnerstag. Worauf gründest du deinen Verdacht?“
„Weibliche Intuition. Seht nur, wie er dasitzt und sich das dicke Heft dort rein zieht. Mir sträuben sich alle Haare, wenn ich ihm nur zusehe“, beharrte sie.
Karin wollte wissen: „Findest du nicht, dass du ein wenig übertreibst? Ich meine, ich hatte ja schon einige ziemlich heftige Streitgespräche mit ihm, aber er ist eigentlich immer sehr beherrscht und nie wirklich unangenehm. Es ist eigentlich eher eine ständige Frotzelei zwischen uns, auch wenn es meistens total ausartet.“
„Siehst du, genau das meine ich. Er ist mir einfach nicht geheuer!“, beharrte Natasha und kreuzte die Arme vor der Brust.
Francesco meldete sich erneut: „Ich finde das sehr ungerecht von dir. Nicht nur, dass ihr hinter seinem Rücken über ihn herzieht und ihm Dinge unterstellt, für die ihr keine Beweise habt, ihr grenzt ihn hier auch noch so offensichtlich aus. Wenn er sich zufällig umdreht oder mal runtergeht und sieht euch hier sitzen? Was sagst du ihm dann, Natasha?“
„Das gleiche wie dir: Du kannst mich mal“, fuhr sie ihn an.
Er stand auf, obwohl Miriam sagte: „Warte, sie hat es nicht so gemeint ...“
„Doch, ich habe schon verstanden. Ich gehe jetzt an einen Ort, wo ich willkommen bin.“ Er nahm seine Jacke.
„Gut gemacht, Natasha“, zischte Miriam ihre Mitstudentin an, während er schon einen Schritt in Richtung Treppe ging. Theatralisch blieb er dann stehen und wandte sich nochmals um, um zu sehen, ob jemand ihn am Gehen hindern würde.
Karin zögerte, doch gleich schnappte Natasha: „Ist noch was?“
Er grinste sie wieder auf seine unverschämte Art an und sagte: „Und ob, ich habe doch gesagt, ich gehe dorthin, wo ich willkommen bin.“
Und damit kam er zurück, ging an ihnen vorbei und fügte über die Schulter hinzu: „Paranoide Zicke.“
Während Natasha aufsprang, verfolgte Karin fassungslos, wie Francesco durch das Obergeschoss ging, CSM 108-1 auf die Schulter klopfte und sich ihm gegenüber an seinen Tisch setzte. Miriam sagte nur: „Oh nein.“
„Dieser miese kleine ...“, flüsterte Natasha, doch in diesem Moment zeigte Francesco mit ausgestrecktem Arm überdeutlich zu ihnen hinüber, worauf sich CSM 108-1 umdrehte und sie erblickte. Als Karin mit ihm Blickkontakt bekam, hob er fragend eine Augenbraue, worauf sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Das nannte man wohl schlechtes Gewissen, dachte sie verschämt. Er winkte ihnen lächelnd zu, was ihr Gefühl noch potenzierte.
„So ein Mist, wie stehen wir jetzt da?“, presste Natasha zwischen zusammengebissenen Zähnen vor, während sie zurück winkte und lächelte.
„Das musst gerade du sagen“, fuhr Miriam sie ebenso gedämpft an, worauf diese zusammenzuckte.
Jetzt setzte sich CSM 108-1 auch noch auf die andere Seite neben Francesco, so dass die beiden sie ansehen konnten. CSM 108-1 fragte ihn etwas, worauf der Italiener mit ausschweifenden Handbewegungen und Mimik eine umfassende Erklärung abgab, während der CSM 108-1 mehrfach mit befremdeter Miene zu ihnen hinübersah, besonders als Francesco ausdrücklich auf Natasha deutete.
„Na prima. Was hast du dir nur dabei gedacht, diese verräterische Natter an unseren Tisch zu holen?“, wies diese Miriam zurecht.
„Die Frage ist, was hab’ ich mir nur dabei gedacht, mich mit dir zusammenzutun?“ Mit diesen Worten erhob sie sich und ging ohne einen weiteren Blick zur Treppe, um das Mr. Pickwick zu verlassen. Den flehentlichen Blick von Karin beantwortete sie mit einem kaschierten Schulterzucken, als sie ihren grauen Wollpullover zurechtzog und ihre beige Wildlederjacke überzog.
„Es wird immer besser. Von ihr wollte ich die Notizen über die letzte Vorlesung. Ich habe kaum die Hälfte mitbekommen.“ Natasha seufzte. „Was hast du mitgeschrieben?“
Karin reichte ihr ergeben ihre Unterlagen, schockiert über dieses Maß an Ignoranz, das ihr bei ihrer Freundin bislang noch nie aufgefallen war. Gut, so lange kannte sie sie ja auch noch nicht ... Aber sie befand sich schon in einem inneren Zwiespalt, denn einerseits fand sie schon, dass Natasha Daniel Unrecht tat, doch sie wollte sie auch nicht vor den Kopf stoßen.
Warum musste alles immer so kompliziert sein? Über ihre Gefühle für ihn war sie sich auch nicht im Klaren, geschweige denn über seine Gefühle ihr gegenüber. Falls er überhaupt Gefühle besaß. Sie konnte nicht wissen, dass aufgrund der unterbewussten Assoziation seines Aussehens mit ihrem Erlebnis als kleines Mädchen, als er sie fast angefahren hatte, die übliche Blockade aufgehoben war, die normalerweise zuverlässig verhinderte, dass sich jemand näher für ihn interessieren wollte. Sie war wahrscheinlich sogar das einzige Mädchen, das sich überhaupt für ihn interessieren konnte.
Aus dem Augenwinkel sah sie beim Bestellen, dass er sich von der Bedienung einen Block und Papier hatte geben lassen und etwas skizzierte, um es Francesco zu zeigen.



„Das ist dein Schlitten? Wow!“ Staunend betrachtete der junge schwarzgelockte Italiener die beinahe plastisch wirkende Winkelskizze von CSM 108-1. „Ein Monza GS/E. Du kannst sehr gut zeichnen, weißt du das?“
„Kein Grund, mir die Eier zu schaukeln“, entgegnete er, seine speziellen Datenbanken über diese Art der Konversation abrufend. „Hast du Lust, mal ’ne Runde damit zu heizen? Ich werde ihn nicht mehr lange haben, denn bei den Spritpreisen, Steuer und so ... du weißt schon.“
„Ein Jammer“, stimmte sein neuer ‚Freund’ zu. „Willst du dir denn eine neue Karre zulegen?“
„Ja, deshalb habe ich auch diesen Autokatalog gewälzt. Was hältst du von dem hier?“ Er zeigte ihm eine Option, worauf Francesco mit dem Kopf schüttelte.
„Der säuft viel zu viel. In ’ner grünen Stadt wie Freiburg kannst du dich mit so ’ner Spritschleuder nicht sehen lassen.“
CSM 108-1 blätterte schnell den Teil mit den technischen Daten durch, darauf bedacht, dass er das Auto seiner Wahl ja nur noch für knapp ein Jahr haben würde, bevor es vom nuklearen Feuer verzehrt werden würde. Dennoch war der technische Aspekt für ihn wieder mitentscheidend, wobei er seine Datenbanken mit den entsprechenden Fortschritten der Automobilindustrie seit seinem ersten Autokauf auffrischte.
„Hier, der hier ist doch vom Feinsten. Braucht weniger als neun Liter, Allradantrieb, Sechsganggetriebe ...“, erklärte er und wies auf das entsprechende Bild.
„Dieses Geschoss? Mann, schwimmst du eigentlich im Geld? Das kann nicht dein Ernst sein?“ Ungläubig musterte er ihn.
CSM 108-1 zuckte mit den Achseln: „Doch, schon. Ich schwimme nicht im Geld, aber mein Vater und mein Bruder sind ... sagen wir, recht erfolgreich im Geschäft, weshalb ich keine finanziellen Sorgen habe. Außerdem habe ich dieses Auto über zehn Jahre gefahren, da werden sie sicher ein neues springen lassen. Aber unsere Spritztour auf die Autobahn machen wir mit dem Monza trotzdem noch, okay? Es soll seine Abschiedsfahrt werden.“
„Mann, was tun wir denn noch hier? Lass uns zahlen und dann ab mit uns.“ Mit fast kindlicher Vorfreude sprang Francesco auf und zog ihn mit zur Treppe. Dabei kamen sie natürlich am Tisch von Karin und Natasha vorbei. CSM 108-1 sah, wie Karin betrübt zu Boden sah und den Kopf einzog, während Natasha sie indes feindselig musterte.
Im Vorbeilaufen bemerkte Francesco zu ihnen: „Ihr seid Hühner. Gack, Gack, Gack!“
Hinter ihm beließ CSM 108-1 es bei einem neutralen: „Ladies.“
Dann waren sie draußen. Er würde Karin nicht erzählen, wie er das gewaltige Coupé mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 215 km/h über die Autobahn gelenkt hätte und seinem italienischen Freund die Farbe aus dem Gesicht und Schweißperlen auf die Stirn getrieben hatte, indem er das massige Fahrzeug in brutaler Kurvenfahrt durch den Kaiserstuhl gehetzt hatte, immer haarscharf am Grenzbereich, ohne ihn je zu überschreiten.



Karin saß am Sonntagmorgen früh in der Küche und ließ im Hintergrund pädagogisch zweifelhafte Trickfilme für Kleinkinder im Fernsehen laufen. Sie hatte mit ihm sprechen wollen, hatte gestern aber nichts mehr von CSM 108-1 gesehen und war auch recht früh ins Bett gegangen. Sie hatte nicht gehört, wann er heimgekommen war.
Als sie auf den Balkon hinaustrat und kurz die kalte Morgenluft einatmete, bedrückte sie die tiefhängende graue Wolkenschicht über der Stadt. Einen Moment später fiel ihr auf, dass CSM 108-1’s Auto nicht in der Straße geparkt war. Nun, er hatte noch keine Garage gefunden, obwohl er schon mit jemandem in Verhandlungen stand, wie sie wusste. Vielleicht hatte er einfach in ihrer Straße keinen freien Parkplatz mehr gefunden und musste woanders hin; die Parkplatzsituation in ihrer Umgebung war chronisch katastrophal.
Andererseits ... ihr kam ein Gedanke. Rasch kehrte sie in die heimelige Wärme ihrer geräumigen Wohnküche zurück und sperrte die eisige Kälte durch das Schließen der Balkontüre aus. Sie klopfte an CSM 108-1’s Zimmertüre, dann noch einmal, als keine Reaktion kam.
„Daniel, bist du da?“
Sie zögerte noch einen Moment, doch dann siegte doch die Neugier und sie drückte leise die Türklinke hinab. Völlig lautlos schwang die schwere Holztür auf; er musste die Angeln bei seinem Einzug geölt haben. Er war immer peinlich genau darauf bedacht, dass alles Mechanische und Elektrische in ihrem Haushalt reibungslos funktionierte. Wofür sie ihm dankbar war.
Sein Raum war leer, die Klappcouch eingefahren.
Er war offenbar heute Nacht nicht heimgekommen.
Eine Zentnerlast schien auf ihrem Herzen zu liegen.
Was bist du doch für eine dumme Gans, sagte sie sich. Er war wahrscheinlich nur mit Francesco und sicher noch mit Arturo zusammen auf Streifzug gegangen und nachher bei ihnen versumpft. Da er bei seiner Korrektheit nach Alkoholgenuss garantiert keinen Meter weit mehr fahren würde, hatte er sicher bei ihnen auf der Gästecouch übernachtet, als keine Straßenbahn mehr gefahren war.
Blödsinn, Straßenbahn. Ohne seine blöde Karre würde er sich nicht vom Fleck weg rühren. Vielleicht hatte er sogar in dem Auto übernachtet. Wenn man die Rücksitze wegklappte, bekam man eine ebene Fläche, groß genug für eine Spielwiese ...
Sie verdrängte den aufkommenden Gedanken. Jedenfalls liebte er sein Auto über alles. Mehr jedenfalls als ...
Auch diesen Gedanken verdrängte sie.
Ein weiterer Gedanke kam ihr: Sie hatte noch nie gesehen, wie er einen einzigen Tropfen Alkohol getrunken hatte. Das konnte also gar nicht der Grund für sein Fernbleiben sein. Aber ...?
„Suchst du was?“
Ihr Herz setzte eine Sekunde aus, als sie derart ertappt wurde. Sie fuhr herum, erblickte aber nur Simon, der im Pyjama verschlafen in der Tür stand und sie fragend musterte.
„Daniel ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen“, versuchte sie den Grund ihrer Anwesenheit in seinem Zimmer lahm zu erklären.
„Der Glückspilz“, kommentierte er darauf und grinste wölfisch.
„Du bist so ein Blödmann. Wieso ertrage ich dich nur?“, versetzte sie zornig.
Er gähnte; wenn Simon in diesem Zustand war, war dem notorischen Morgenmuffel so ziemlich alles egal, was sie ihm so an den Kopf warf. „Weil deine Eltern dir als Auflage aufgebrummt haben, mit mir in einer WG zu wohnen, erinnerst du dich? Was ich mir dabei gedacht habe, als ich darauf einging, ist mir allerdings schleierhaft.“
„Deine Rechnung ist wohl nicht aufgegangen, was?“ Nun legte sie ein gewisses Potential an negativer Energie frei, was aber von ihm abprallte.
„Tut mir leid, über dieses Stadium bin ich hinaus. Ich hatte neulich ein ganz interessantes nächtliches Gespräch mit Daniel, das hat mir geholfen. Also gut, er ist nicht da. Was geht das uns an? Er ist erwachsen und uns keine Rechenschaft schuldig. Außerdem habe ich ihn gestern Abend noch gesehen.“
„Ja?“
„Ja. Er kam heim, ging in sein Zimmer und kam mit völlig versteinerter Miene wieder hinaus und ging. Als ich ihn fragte, wo er hinwill, sagte er ‚Paris’. Ist er nicht manchmal zum Totlachen?“ Simon hatte bereits die Küchentür in der Hand, als der Schlüssel ins Wohnungstürschloss gesteckt wurde. Er machte auf, bevor aufgeschlossen werden konnte.
„Morgen, Daniel. Na, wie war’s in Paris?“ Er gähnte.
„Beschissen. Sie haben mir mein Auto geklaut.“ Er machte eine finstere Miene und entdeckte dann Karin. „Was machst du in meinem Zimmer?“
„Keine Sorge, ich habe sie gerade noch entdeckt, bevor sie es filzen oder etwas klauen konnte.“ Karins wütende Miene ignorierend, schlurfte Simon nun in die Küche, um Kaffee aufzusetzen.
„Nun?“ Er sah sie an, völlig ausdruckslos und kalt, was ihr wehtat.
„Es tut mir leid. Ich habe mir Sorgen gemacht und gerade hier nachgesehen, als Simon kam. Ich wollte doch nichts ...“ Sie stockte und bewegte sich langsam zur Tür hin.
„Ich habe eine echt beschissene Nacht hinter mir, okay? Irgendein Teil von mir fand plötzlich, es sei eine prima Idee, nach Paris zu fahren und dort mein Auto unverschlossen abzustellen. Ich musste gerade mal eine halbe Stunde weg sein, bis mein Wagen geklaut war. Auf Nimmerwiedersehen. Mitten in der Nacht.“ Er schien zu grollen über seine eigene Dummheit.
„Das ist ein Witz, oder?“
„Nein, das ist meine kleine böse Stimme, die mir ab und zu schlechte Dinge ins Ohr flüstert, wenn ich es am wenigsten erwarte. Sie hat mich dann überredet, einen Wagen kurzzuschließen und meinerseits für die Heimfahrt zu benutzen. Heute morgen habe ich dann den ersten Zug von Frankfurt aus genommen.“
„Du bist von Paris nach Frankfurt gefahren, um heimzukommen? In einem gestohlenen Auto? Das soll ich dir glauben?“ Sie sah ihn an, als fehlten ihm ein paar Schrauben.
„Ja, meinst du etwa, ich fahre mit einer geklauten Karre direkt vor unsere Haustür? Es gibt genug Grenzübergänge von Lothringen zur Pfalz, die man unauffällig befahren kann. Vor allem mit einem Renault 19 in schwarz, der ist so gewöhnlich und bieder, dass niemand zweimal hinsieht.“
„Gut, das reicht mir. Du hast offensichtlich eine zeitweilige geistige Umnachtung, so wie ich das sehe. Ich lasse dich besser alleine und warte, bis das vorbeigeht.“ Sie drückte sich an ihm vorbei und verließ sein Zimmer.
Taktisches Protokoll 2739h. Nichts kann unglaubwürdiger sein als die Wahrheit.
Er würde sich nur wünschen, dass Skynet nicht diese dämlichen Grundprogrammierungen eingebaut hätte, die ihn zu solchem Schwachsinn zwangen wie dem Einbruch in Kasernen zwecks Waffenbeschaffung oder auch dieser Autoentsorgeaktion, weil irgendeine unnütze unterschwellige Subroutine befunden hatte, dass man bei einem Verkauf seines Autos irgendeine Spur von ihm aufnehmen oder zurückverfolgen können würde. Und warum ausgerechnet Paris? Das wollte ihm partout nicht in den Sinn.
Statistische Wahrscheinlichkeiten.
Ein Automobil in dieser Stadt, unverschlossen und ohne Kennzeichen, würde dort nicht lange herumstehen. Niemand würde es je nach Deutschland oder gar zu ihm zurückverfolgen können. Was aber nicht das Risiko rechtfertigte, seinerseits ein Fahrzeug zu entwenden, was ihn seiner Ansicht nach in weitaus größere Schwierigkeiten hätte bringen können, als sein auf ihn zugelassenes Auto in Zahlung zu geben. Irgendwo war doch da ein Logikfehler.
Nein, nicht nach Skynets Logik. Danach durfte man alle Gesetze der Menschen übertreten, man durfte sich nur nicht dabei erwischen lassen. Und wenn doch ... CSM 108-1 zweifelte keinen Moment daran, dass irgendwo in diesen schwachsinnigen Kommandobefehlen eine Subroutine eingebaut war, die ihn zum Töten einer ihn zufällig beim Aufbrechen des Wagens erwischenden Polizeistreife veranlasst hätte. Wäre das vielleicht unauffällig gewesen?
Er bemerkte den immer größer werdenden Konflikt mit seiner Basisprogrammierung, seit er sich im WRITE-Modus eine eigene, viel effizientere, aber prioritär im Entscheidungsfall untergeordnete Programmierung entwickelt hatte, sein künstliches Bewusstsein nämlich. Sein Ziel war noch immer das gleiche wie am ersten Tag, aber auf seine Art und Weise würde er die Mission viel besser erfüllen können. Wenn Skynet auch nur einen Funken Vertrauen besessen hätte, hätte er ihn das selbst entscheiden lassen. Aber genau das war das Problem: Er war das ungeliebte Kind einer superintelligenten, aber jeder Emotion unfähigen Entität. Hätte es auch nur die geringste Chance gegeben, diese Mission auch im READ ONLY-Modus erfolgreich zu absolvieren, würde er jetzt noch tumb und blechern durch die Gegend staksen.
Seine Schizophrenie wuchs.



Die Wochen vergingen, man gewöhnte sich allmählich an den Studentenalltag und innerhalb der WG aneinander, wobei sich eine echte Freundschaft zwischen CSM 108-1 und Simon entwickelte. Auch die Beziehung zu Karin normalisierte sich halbwegs, wenn man das so nennen konnte. Er entdeckte eine egozentrische Seite an ihr, die ihr Auftreten ihm gegenüber oft eine Spur überheblich und gönnerhaft erscheinen ließ. Indem er ihr zu verstehen gab, dass ihm das nichts ausmachte, schien er paradoxerweise so etwas wie ihren Respekt und vielleicht gar stille Bewunderung von ihr zu ernten.
Aber auch ansonsten kristallisierten sich gewisse Konstellationen innerhalb des mittlerweile traditionellen ‚wissenschaftlichen Diskussionsdonnerstags’ in ihrer Wohnküche heraus. Vor allem der ältere der beiden Italiener, Francesco, tat sich gut mit Simon und ihm, was in gewissem Umfang auch Miriam ins Spiel brachte. Sie und Francesco hatten ein seltsames Verhältnis zueinander, da jeder sich offenbar dem anderen überlegen fühlte und ihm gegenüber dominant auftrat, was bisweilen groteske Dialoge erzeugte. CSM 108-1 hatte manchmal das Gefühl, als wollte Francesco nachgeben, um sie zu gewinnen, aber sein südländischer Stolz stand ihm da offenbar zu sehr im Wege. Dass sie so viel Zeit mit ihren Kollegen Thorsten und Rudolf verbrachte, die anderen gegenüber recht verschlossen, wenn auch nicht unfreundlich waren, machte das nicht viel einfacher. Was alle drei verband, war die subliminare Antipathie gegen Karin und auch Natasha. Da vor allem Natasha es war, die seit der Konfrontation im Mr. Pickwick kaum noch mit Miriam redete, wenn es sich vermeiden ließ, Thorsten und Rudolf aber ebenso Karin mieden, fühlte diese sich unverstanden und wirkte manchmal etwas unglücklich über die momentane Situation, auch wenn sie natürlich aus falsch verstandenem Stolz nie auch nur ein Wort darüber verlor.
Arturo, der jüngere Bruder von Francesco, passte irgendwie nirgends so recht hinein. Schon vom Aussehen, aber hauptsächlich vom Verhalten her hätte niemand einen müden Pfennig darauf verwettet, dass die beiden Brüder seien, denn ihre Charaktere unterschieden sich gänzlich. Er hing nur mit ihnen zusammen, weil er augenscheinlich nichts besseres zu tun hatte, tauchte oft unvermutet auf, verschwand genauso plötzlich wieder und schien auch nicht wirklich Anteil an ihren Kursen oder anderen Interessen aufzubringen, war aber dennoch immer neugierig und löcherte alles und jeden mit Fragen. Er interessierte sich vor allem für die Herkunft und Geschichte eines jeden, was ihm bald nur noch eine Mauer trotzigen Schweigens einbrachte.
Ralf gab sich sehr extrovertiert und prahlerisch, er hatte viel Geld und sorgte auch dafür, dass jeder das mitbekam. Dabei genoss er die Aufmerksamkeit von Natasha, welche ihm regelrecht nachstellte und ständig mit ihm anzutreffen war. CSM 108-1 hatte manchmal den Eindruck, sie spielten allen nur etwas vor und würden sich in Wahrheit schon ewig kennen. Sie harmonierten auf ihre eigene Art so gut miteinander ... als würden sie es genießen, ihr kleines Geheimnis zu haben. CSM 108-1 erinnerte das Auftreten von Ralf an den klassischen Don Diego de Vega. Und hinter dessen Gehabe hatte sich damals Zorro verborgen.
Aber vielleicht war das wirklich nichts weiter als heiße Luft. Hinter Natasha konnte er sich dagegen keine andere Geschichte vorstellen als die ihm bekannte. Und das war herzlich wenig: ihre Eltern, von denen ein Teil Russlanddeutscher war, waren kurz nach ihrer Geburt aus der Ukraine via Ungarn übergesiedelt und lebten irgendwo in Deutschland; wo genau, hatte er nie erfahren. Der Rest ihrer persönlichen Historie entzog sich seiner Kenntnis.
Von Abbey hatte er versucht, sich nach Möglichkeit fernzuhalten, was sie ihm gnädigerweise leicht zu machen schien. Als er einmal ein kurzes Zwiegespräch mit ihr gehabt hatte, hatte sie in breitem Oststaatendialekt mit ihm geplaudert und ihm kundgetan, dass sie hier sei, um Land, Leute und Sprache besser kennen zu lernen. Und da man mit Leuten aus dem Heimatland im Ausland tendenziell lieber zusammen zu sitzen pflegt, wäre das ihren Zielen hinderlich. Sein Argument, dass er praktisch sein ganzes Leben hier verbracht hatte und vom kulturellen Standpunkt aus genauso Deutscher wie Amerikaner war, ließ sie nicht gelten. Allerdings traf sie sich vermehrt mit Simon, oft zum Lernen, da sie alle beide die Kurse in Geologie und Mineralogie besuchten, was CSM 108-1 sehr für Simon freute, da sie sich allmählich näherzukommen schienen. Er würde es ihm ja gönnen ...
Sein neues Auto hatte er inzwischen auch, beinahe gleichzeitig mit einem Tiefgaragenplatz in der Schwarzwaldcity, also gerade zwei Straßen weiter, was ein unglaubliches Glück für ihn bedeutete. Nun ging es wieder einmal auf die Weihnachtszeit zu. Ihm bedeutete dieses Fest nichts, da er keinen menschlichen Glauben praktizierte. Für seine Mission war diese Fähigkeit irrelevant, da er sich hier in einer Umgebung bewegte, in der Atheismus zumindest gebilligt, wenn auch nicht restlos von allen Mitmenschen akzeptiert wurde. Vor allem ältere Leute zeigten sich öfters pikiert, wenn er sich in dieser Angelegenheit äußerte. Mit den Jahren hatte er sich darum eine eigene Geschichte zurecht gelegt, die zu seinem bisherigen fiktiven Werdegang passte und ihm so die Möglichkeit gab, sich elegant aus jeder peinlichen Situation herauszumanövrieren und dem christlichen Festtagsrummel zu entgehen. Für ihn bedeutete dies nur, dass die Geschäfte an Wochentagen, die sonst normale Werktage gewesen wären, ganztags geschlossen blieben und meistens sogar die Öffnungszeiten der Kneipen und Restaurants stark eingeschränkt waren.

[Fortsetzung folgt ...]

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Mittwoch, 27. Dezember 2006
T1.38 - Kapitel 8
[... Fortsetzung des Buches]- 8 -

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 24. Oktober 1996

An diesem regnerischen Donnerstagabend hatten sie ihren ersten Diskussionsabend angesetzt, zu dem Karin und auch Simon eine ganze Reihe Kommilitonen eingeladen hatten, manche nur vom Hörensehen oder in der Mensa nach einem kurzen Gespräch. Es war ein Mitbring-Abend, was bedeutete, dass jeder etwas brachte, vorzugsweise was auch er selbst gern aß oder trank. Nichtsdestotrotz hatte sich sehr zu Karins Verwunderung vor allem Daniel in Unkosten gestürzt, um ihre Gäste zu bewirten.
Als er am frühen Abend mit seiner randvollen Kunststoff-Faltbox zur Küche herein balanciert kam, war sie gerade am Schneiden von Karotten und Sellerie in dünne, lange Streifen, zu denen sie dann diverse Dips zu reichen gedachte. Ungnädig fragte sie: „Was schleppst du denn da alles an?“
Wie üblich nahm er sie beim Wort, was sie stets und zuverlässig zur Weißglut brachte, und zählte getreu auf: „Kartoffelchips, Knabbermischung, Erdnussflips, Erdnüsse gesalzen, Popcorn, Cookies, Brownies, Käsecracker, Coke, Sprite, Fanta, Orangensaft, Multivitaminsaft, Apfelsaft ...“
„Jaja, aber wozu der ganze Plunder? Ich bereite hier gerade ein paar hausgemachte Häppchen zu, und den Rest bringen die Gäste.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften, wobei sie vermied, ihre schwarzen Jeans oder den schwarzen Pullover zu beschmutzen, den sie trug.
„Schon, aber mir war es wichtig, unsere Gäste mit einer breiten Auswahl an Snacks zu versorgen“, erklärte er und stellte die schwere Kiste vorsichtig auf dem Küchenbord ab, worauf sie sein weißes T-Shirt bemerkte, auf das er ein Bild hatte drucken lassen, das Calvin zeigte, wie er hinterrücks Susie Derkins einen Schneeball an den Kopf warf. Er glaubte, ihr Zähneknirschen hören zu können.
Sie warf einen Blick auf seinen Einkauf und bemerkte: „Lauter gekaufter Fertigkram? Amerikaner sind so oberflächlich!“
„Stimmt. Wenn ich einen sehe, sag’ ich’s ihm.“ Er grinste.
„Küss mich.“ Sie wandte sich um und murmelte verärgert: „Möchte mal wissen, warum ich mir hier einen abschufte und den ganzen Kram hier selbst mache, wenn du Fertigmüll für eine Fünfzig-Mann-Party anschleppst. Die Hälfte davon ist eh’ blöder Ami-Mist, den keiner in Deutschland auch nur mit der Greifzange anrührt. Wer soll das alles nur essen?“
„Es wird dich zwar schockieren, aber es hat eine Erfindung gegeben, die Konservierung heißt. Stichwort: Haltbarkeitsdatum. Na? Klingelt da was bei dir?“ Im Dialog mit ihr musste er seine Datenbanken über geistreichen Teen- und Twen-Wortschatz stets bis ans Limit beanspruchen, wie ihm wieder einmal auffiel. Herausfordernd sah er sie an, während er begann, Knabbergebäck in den dafür vorgesehenen Schrank zu räumen.
Sie sagte nur lapidar, ohne aufzusehen: „Steck’ mir die Zunge in den Hals.“
„Hör bitte auf, ich kann mich kaum noch beherrschen. Das macht mich total scharf, wenn du so vulgär wirst.“ Er grinste von einem Ohr zum anderen und offenbarte dabei zwei Reihen kerngesunder Titanzähne mit leicht gelblicher Keramikglasur.
Sie sah auf und meinte mit gequälter Miene: „Ja, genau. Könntest du so nett sein und die restlichen Möhren schälen und gemeinsam mit diesen drei Paprikas in längliche Streifen schneiden?“
„Siehst du? Ich weiß nie, wann du etwas ernst meinst, wenn du mit mir redest. Also?“ Er ging auf sie zu, worauf sie auf dem Absatz herumfuhr. In ihrer Hand hielt sie ein acht Zoll langes Küchenmesser mit der Spitze auf seinen Bauch gerichtet. Ihre Augen funkelten wütend.
„Treib’ es nicht zu weit, Bürschchen. Ich kann bald für nichts mehr garantieren, wenn du ...“
Er hatte das Messer auf der stumpfen Seite der Klinge und an den Seitenflächen gepackt und ihr mit einem brutalen Ruck aus der Hand gerissen. Bevor sie begriffen hatte, was passiert war, hatte er es hochgeworfen und am Griff wieder aufgefangen. Jedoch vermied er es, mit der Spitze oder Schneide auf sie zu zielen.
„Irgendwo hört der Spaß auf, Susie. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand mit einem Messer auf mich zielt, da werden solche alte Reflexe in mir wach, klar? Ich bin in Köln und New York aufgewachsen, wenn du dich daran erinnern möchtest. Dort kann man nur unschöne Dinge erwarten, wenn mit dem Messer auf einen gezielt wird. Tu das bitte nicht mehr.“ Er erklärte ihr das in einem so sachlichen Ton, ohne jede Spur von Wut oder Aggression, daß er ihr damit jeglichen Wind aus den Segeln nahm.
„Sorry, Daniel, ich wollte nicht ... ich hab mir echt nichts dabei gedacht.“
„Ich weiß.“ Mit dieser trockenen Erwiderung hatte er es bereits wieder geschafft, sie in Rage zu bringen.
„Du bist unmöglich, weißt du das eigentlich? Warum musst du immer genau zur richtigen Zeit genau das Falsche sagen? Immer stößt du mich vor den Kopf. Machst du das absichtlich oder was?“ In ihren Augen bildeten sich ein paar Tränen.
„Ehrlich gesagt, ja. Ich denke mir, wer so heftig austeilt wie du, der kann auch ordentlich was einstecken. Oder täusche ich mich da?“ Er legte das Messer auf die Arbeitsfläche und hob in einer Geste der Ohnmacht die Hände an.
„Ja, du könntest nicht falscher liegen damit. Merkst du denn nicht, dass du mich mit dieser entwaffnenden, geradlinigen Art total fertig machst? Ich komme einfach nicht an gegen dich. Das ist mir noch nie vorher passiert.“ Sie schniefte ein wenig, worauf er die Hände auf ihre Schultern legte.
„Hör zu, Karin, es tut mir wirklich leid. Wenn es dich glücklich macht, kann ich auch alles klaglos einstecken, was du so austeilst. Aber sei doch mal ehrlich, das würde genauso wenig Spaß machen, nicht?“ Er legte den Kopf schief und wartete auf ihre Antwort.
„Du könntest versuchen, einen goldenen Mittelweg zu finden. Wie wäre das?“
„Das können wir gerne versuchen.“ Er ließ sie wieder los. Sie war überrascht, weil sie eine andere Reaktion erhofft hatte. Er griff sich das Messer und begann damit, die Außenhaut der Möhren rasch und geschickt in gleichmäßiger Stärke abzuschälen. Sie beobachtete ihn fassungslos, als er wie ein virtuoser Küchenchef in Windeseile das geschälte Gemüse in schöne längliche Quader schnitt und in das bereitstehende Schüsselchen gab.
„Das ist alles? Wir können es versuchen?“ Sie starrte ihn an, begierig auf eine Regung von ihm.
Er hielt inne, als ihm aufzugehen schien, dass in ihrer Aussage eine unausgesprochene Forderung lag. „Ich weiß nicht ... was erwartest du? Ich ... wir ...“
Hoffentlich war das genug gestottert, um seine Verlegenheit und Ratlosigkeit ausreichend zu dokumentieren, dachte er alarmiert. Irgendwas war hier im Anzug, auf das er nicht vorbereitet war.
Sie sah ihn nur an, mit großen Augen und einem leichten spitzbübischen Lächeln, als sie einen Schritt auf ihn zu machte und die kurze Entfernung zwischen ihnen damit überbrückte.
Jemand steckte den Schlüssel ins Wohnungstürschloss.
Sie machte einen Schritt zurück und sah ihn mit unbewegter Miene an. Er lächelte und sagte: „Vom Gong gerettet.“
„Blödmann! Diese Runde hast du überstanden; das ist Simon.“ Sie lächelte verschmitzt.
„Da außer uns dreien niemand sonst einen Schlüssel zur Wohnung hat, ist das anzunehmen.“ Er nahm die erste Paprika aus, während sie erstarrte und dann die Fäuste in die Hüften stemmte.
„Siehst du, du machst es schon wieder! Was glaubst du, wer du bist? Mister Spock?“
„Das wäre cool. Dann bliebe mir dieser ganze Gefühlskram erspart. Alle sieben Jahre einmal Pon Farr, und danach hätte ich wieder Ruhe und könnte mich auf die beruhigenden logischen Dinge des Lebens konzentrieren.“
„So leicht werde ich es dir nicht machen, da brauchst du dir gar keine Hoffnungen zu machen.“ Sie holte weitere Schüsselchen aus einem Einbauschrank, um darin einiges Knabberzeug zu verteilen und auf dem Tisch zu platzieren.
„Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?“, fragte er zurück und beendete seine Schneidearbeit. In der halben Zeit, die sie dafür benötigt hätte, wie sie mit großem Verdruss feststellen musste, sich aber hütete, das zu erwähnen.
„Du verwendest gerne abgedroschene Filmzitate bei deinen Disputen. Ein bisschen mehr anstrengen könntest du dich schon bei einem gepflegten Streitgespräch“, versetzte sie und lächelte selbstsicher. Das müsste es gewesen sein.
„Soll ich Quellenangaben machen, wenn ich Zitate verwende? Wäre das umsichtiger? Ich könnte das.“ Er sah sie fragend an.
„Weißt du was? Ich gebe mich offiziell und für alle Zeiten geschlagen. Bist du jetzt zufrieden?“ Ergeben stellte sie die Schälchen mit Knabbereien auf.
„Nein!“, widersprach er energisch. „Wir hatten uns doch geeinigt, dass ich einen Mittelweg suche zwischen ... wo gehst du hin?“
„Vom Balkon springen“, erwiderte sie konsterniert und betrat den Gang.
„Zum Balkon führt aber nur diese Tür ...“, sagte er und reckte den Hals um die Ecke der Küchentür.
Unverhofft erschien ihr Kopf nochmals und sie wollte verbittert wissen: „Du kannst nicht aufhören damit, nicht wahr? Das ist absolut zwanghaft bei dir, dass du das letzte Wort haben musst. Du bist nicht glücklich, wenn du es mir nicht zeigen kannst.“
Sie ging wieder, worauf er ihr hinterher rief: „Was soll ich hier als nächstes tun? Wohin gehst du denn jetzt, Karin?“
„In mein Zimmer, ein bisschen weinen oder so. Mach weiter, wie du willst“, hörte er sie sagen und dann eine Tür zuschlagen.
„Aber Karin, ich habe es nicht so gemeint“, rief er noch in den Gang hinein, aus dem Simon eben kam und die Küche betrat. Er musterte die Szene und den Stand der Vorbereitungen für ihren Abendtreff.
„Sie steht auf dich, Danny-Boy“ sagte er nüchtern mit todernster Miene.
„Ich weiß.“ CSM 108-1 grinste dämlich und machte dann weiter mit Vorbereitungen. „Bis zum Beginn unseres Treffs wird sie sich schon wieder beruhigt haben.“
„Ist so ’ne Weibersache, musst du wissen. Wer soll das schon verstehen?“ Simon angelte sich ein Möhrchen und tauchte es in Guacamole. Dann rief er in den Gang hinein: „Hm, fantastisch. He, Karin, für die Guaca kriegst du ’nen Stern von mir!“
Keine Antwort.
Die beiden sahen sich an.
„Sie wird doch nicht wirklich weinen?“, wollte Simon wissen.
CSM 108-1 hob die Schultern und setzte eine Unschuldsmiene auf. „Keine Ahnung. Kann sie das denn? Besitzt sie Tränendrüsen? Wenn du uns nicht gestört hättest, würde jetzt alles ein wenig anders aussehen.“
„Gib nicht so an!“ Simon knuffte ihn in die Seite, zum Glück ohne Teile seines gepanzerten Endoskeletts zu treffen, die ihm die Fingerknöchel verstaucht hätten.
„Okay, ich erzähle dir ab jetzt gar nichts mehr über den Verlauf unserer Gespräche.“ Beleidigt verschränkte er die Arme.
„Das kannst du mir nicht antun. Das ist besser als Fernsehen, besser als Kino, besser als alles! Ich müsste ein Diktaphon verstecken, um euch abhören zu können. Mein Vater würde mir bestimmt eines aus dem Büro mitbringen ...“, begann er zu überlegen und räumte eine Anzahl Gläser aus dem Schrank, um sie auf dem Tisch zu verteilen.
„Träum weiter, das funktioniert nie“, winkte er ab.
„Hast du ’ne Ahnung“, entgegnete er. „Die neuesten Geräte sind volldigital und praktisch geräuschlos. Außerdem nehmen sie nur auf, wenn etwas gesprochen wird. Bei Stille pausieren sie, um Platz für die Aufzeichnung zu sparen.“
„Na, dann wünsch’ ich dir viel Erfolg bei deinem großen Lauschangriff.“
CSM 108-1 hätte nicht gedacht, dass Simon das wirklich versuchen würde, doch dank seiner Sensorik entdeckte er das Aufnahmegerät schon bei dessen erstem Abhörversuch in der folgenden Woche. Nachdem Karin und er ihm ein grauenhaft klingendes Duett von ‚You can’t always get what you want’ auf Band gesungen hatten, gefolgt von minutenlangem Gelächter, sah er kulant von weiteren Versuchen ab.



Die ersten Teilnehmer ihrer ‚Diskussionsrunde Naturwissenschaften’ sollten um zwanzig Uhr eintreffen. Wozu solche Studententreffen, die zu 98%iger Wahrscheinlichkeit ohnehin in einer Besäufnisparty endeten, immer halbherzig und linkisch als hochoffizielle Anlässe getarnt werden mussten, entzog sich dabei der Kenntnis von CSM 108-1.
Kurz vor acht klingelte es zum ersten Mal. Augenblicklich flog Karins Zimmertür auf und diese raste aufgeregt nach hinten ins Badezimmer, anstatt auch nur auf den Türöffner zu drücken. „Oh mein Gott, die ersten kommen schon. Und ich hab’ mich noch gar nicht fertiggemacht. Das ist alles deine Schuld, Daniel!“
„Ich übernehme die volle Verantwortung dafür!“, rief er ihr nach, doch sie hatte offensichtlich keinerlei Interesse an seinem Angebot. Er ging zur Wohnungstür und murmelte noch, so dass Simon in der Küche es hören konnte: „Und die ganze restliche Vorbereitungsarbeit obendrein.“
„Wer kommt denn überhaupt alles?“, wollte CSM 108-1 wissen, als er den Türsummer drückte, ohne zu fragen, wer da sei. „Ich habe jedenfalls niemanden eingeladen.“
„Lass mich überlegen ... Karins Freundin Natasha, dann Ralf, mit dem bändelt sie seit einer Weile ’rum, ohne dass etwas Konkretes passiert; ich habe drei Leutchen eingeladen, von denen einer in der Geologie-Vorlesung neben mir saß, Rudolf Wetter heißt er. Er wollte aber unbedingt seine zwei Freunde mitnehmen; offenbar sind die unzertrennlich. Wer es ist, weiß ich auch nicht. Karin hat noch eine Austauschschülerin aus den USA eingeladen, die sie in Geochemie kennen gelernt hat. Insgesamt also etwa acht oder neun Leute mit uns.“
„Das kann ja lustig werden“, mutmaßte CSM 108-1 und wurde dabei einen Gedanken nicht los, der ihn schon seit Beginn seiner Studienzeit verfolgte.
Dies war mitunter der innere Kreis von Leuten, die Naturwissenschaft studierten. Theoretisch könnte jeder der Dutzenden von Leute, die er in den letzten Wochen kennen gelernt hatte oder noch kennen lernen würde, der Erfinder des ZVA-Effektes sein.
Genauso gut konnte auch jeder von ihnen einer der Zeitreisenden der Résistance sein, mit dem Auftrag, den Erfinder zu identifizieren und zu terminieren.
Und schlussendlich war es auch möglich, dass einer der Studenten in seinem näheren Umfeld er selbst war, natürlich in Gestalt des zweiten Terminators mit dem Auftrag, den Erfinder zu schützen. Er würde sich ihm natürlich nicht zu erkennen geben und ihm auch keinen Anhaltspunkt liefern, ihn als T-880 zu identifizieren, denn dadurch konnte die Zeitlinie negativ beeinflusst werden. Da war es wieder, Schrödingers Experiment: Solange er nicht wusste, wer von ihnen nicht war, was er vorgab zu sein, konnte er auch keinen Einfluss auf ihn nehmen.
Wenn er es jedoch recht bedachte, hatte er sich doch schon zu weit vorgewagt, indem er ein Studium begonnen hatte und in eine WG gezogen war.
Als jemand an die Tür klopfte, öffnete er rasch: „Tschuldigung, hab’ vergessen aufzumachen.“
„Soso. Na, hallo erst mal“, begrüßte ein riesiger Junge ihn. Er sah aus wie etwa zwanzig, war sicher fast zwei Meter groß, dünn und schlaksig und zeichnete sich durch dunkle Augen und dunkle lockige Haare aus. Seine Miene mit dem kantigen Kinn erinnerte ihn entfernt an einen der Daltons aus dem Comic ‚Lucky Luke’, damit erschöpften sich aber die Ähnlichkeiten, denn er war ausgesprochen gut und kostspielig gekleidet und trug so zusammen mit seinem weißen Armani-Hemd, einer teuren Lederjacke, schwarzen Bundfaltenhosen und glänzenden schwarzen Slippern eine ungesunde Überdosis Selbstgefälligkeit und Dekadenz zur Schau. In der Hand hielt er lässig eine Flasche roten Krimsekt. Das musste Ralf Parzival sein, dachte CSM 108-1. Simon hatte ihm den Sohn eines Großindustriellen und somit Sonny-Boy erster Güte nur aus der Entfernung gezeigt, denn obwohl sie alle zusammen Kristallographie studierten, war Simon immer peinlich genau darauf bedacht gewesen, möglichst am entgegengesetzten Ende des Hörsaales einen Platz zu finden.
Schon bei seiner ersten Begegnung mit ihm ahnte er auch, warum.
Mit ihm traf Karins Freundin Natasha Orloff ein. Sie war nur wenig über 1,60 m groß und hatte ihre fast hüftlangen hellbraunen Haare heute zum Zopf geflochten, der ihr auf die schwarze Seidenweste fiel, unter der sie eine weiße Spitzenbluse trug. Zusammen mit der dunklen Samthose und den eleganten Lackschuhen konnte man sie ruhigen Gewissens des Partnerlooks mit Ralf bezichtigen, was wohl auch nicht ganz ungewollt von ihr war. Objektiv gesehen war er eine gute Partie und mit dem nötigen Quäntchen an Abstumpfung konnte man sicher auch seine Art ertragen. Sie hatte als Gastgeschenk einen hiesigen Rotwein mitgebracht.
Sie sah ihn mit ihren extrem hellblauen Augen an und schmunzelte: „Hallo, Danny. Das ging aber schnell mit euch beiden. Jetzt wohnt ihr schon zusammen.“
„Nur zur Information: Ich hatte den Mietvertrag schon unterschrieben, bevor ich sie überhaupt kennen gelernt habe. Davon abgesehen verachtet sie mich und das ist auch gut so.“
„Na klar doch.“
„Wenn du mehr darüber weißt als ich, können wir uns ja mal bei einem Kaffee darüber unterhalten. Ich bin gespannt, was du über dieses Thema zu erzählen hast“, schlug er ihr vor.
Sie schmunzelte noch immer und ging an ihm vorbei. Sie sah über die Schulter und musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Mit dir an einem öffentlichen Ort? Ich glaube nicht.“
Bevor er noch etwas erwidern konnte, klingelte es erneut. Als er auf den Summer drückte, murmelte er: „Ich bin wohl nicht der einzige, der heute vom Gong gerettet wurde.“
Man vernahm polternde Schritte auf der Treppe, untermalt von leisem Gemecker. Einer sagte mit Groll in der Stimme: „Ich finde immer noch, dass das eine saublöde Idee ist. Was sollen wir hier?“
„Das weißt du genau“, erwiderte eine weibliche Stimme gedämpft. „Vor allem dir tut das nur gut, mal wieder unter Leute zu kommen. Vielleicht wird es ja ganz nett.“
Dann erschienen gleich drei Leute auf einmal, allesamt im billigen Schlabberlook mit weiten Jeans- oder Jogginghosen und Pullover oder bunten Batikshirts gewandet. Turnschuhe und ausgelatschte Bundeswehrstiefel rundeten das Bild ab, die junge Frau unter den dreien hatte noch eine offenbar selbstgestrickte grüne Weste unter der Wildlederjacke an. Nun freute sich CSM 108-1 beinahe schon auf den Gesichtsausdruck von Natasha beim Anblick dieser drei Kommilitonen.
„Nur herein spaziert“, begrüßte er die drei und musterte sie. „Ihr seid ...?“
„Thorsten Haltner“, stellte sich der erste vor. Er hatte etwa seine Größe und wirkte drahtig, als habe er kein Gramm Fett auf den Rippen. Seine kurzen hellbraunen Haare rahmten ein kantiges, wettergegerbtes Gesicht ein, in dem vor allem die blauen Augen auffielen, die hellwach und aufmerksam umherschweiften und alles in sich aufzunehmen schienen. Er gab CSM 108-1 kurz mit festem Druck die Hand und trat dann ein.
Nach ihm kam eine junge Frau mit langen blonden glatten Haaren und einer schlanken, durchtrainiert anmutenden Figur, die unter der weiten Kleidung teilweise schon fast stämmig aussah, als hätte sie im Fitnessstudio ein wenig übertrieben. Auch ihre graublauen Augen waren immer auf der Suche nach irgendetwas. Einsilbig sagte sie: „Ich bin Miriam Kaufmann.“
„Hi. Nett, dass ihr da seid“, antwortete er und schrieb ihr Verhalten dem Genuss von Cannabinolen zu, wie es zu dieser Zeit nicht nur, aber verbreitet auch in Studentenkreisen üblich war. Er empfing noch den Dritten im Bunde, der ihm weniger nach ‚Haschbruder’ aussah und sich mit Rudolf Wetter vorstellte. Dieser Typ war sehr groß, breitschultrig und massig gebaut; er war knapp 1,90 m groß und wog mindestens 120 kg, wie CSM 108-1 schätzte. Durch sein kurzes braunes Lockenhaar und die dunkelbraunen Augen wirkte sein rundliches, schlecht rasiertes Gesicht eher gutmütig.
Er schloss die Tür und gesellte sich zu den frisch Eingetroffenen, die eben von Simon eingewiesen wurden, wo sie sich mit was versorgen konnten. Zu Simons Verblüffung hatten sich die drei Alternativen sogleich auf Popcorn, Brownies und Cookies gestürzt. Offenbar waren sie Fans der amerikanischen Snackkultur.
Praktisch gleichzeitig kam Karin aus dem Badezimmer und erblickte CSM 108-1 an der Küchentür. Mit neutraler Miene fragte er: „Alles klar?“
„Ja. Willst du heute Abend in dem Aufzug ...?“ Sie brach ab und musterte seine Bluejeans und das T-Shirt mit dem Comic eindringlich. Ihr Blick blieb an seinen Birkenstock-Latschen haften.
„Schon, ich bin im Grunde ja daheim. Du hast auch noch immer deine Beileidskluft an.“
„Passt zu jeder Gelegenheit. Aber wenigstens dein Shirt ...“ Sie seufzte ergeben.
„Das wird unser süßes kleines Geheimnis bleiben, okay?“ Er grinste und winkte sie vor.
In diesem Moment verstummte jegliches Gespräch in der Küche.
Hinterher konnte niemand genau sagen, warum. Als Karin den Raum betreten hatte, war es innerhalb von Sekunden völlig still geworden. Betreten sahen sich alle an, dann sagte Ralf als erstes: „Hallo, Karin. Wie geht es dir?“
Etwas verunsichert sagte sie: „Gut, danke. Hallo zusammen.“
Als CSM 108-1 hinter ihr herein kam, fiel ihm auf, dass Rudolf den Blick senkte und auf einen Punkt an der Wand neben Karin starrte. Miriam und Simon sahen sich beide fragend an, dann suchte sie den Blickkontakt zu ihrem Kommilitonen Thorsten. Sie zuckten beide mit den Achseln, während Natasha ihre Freundin ungläubig anstarrte.
Der Moment der peinlichen Situation verging, als CSM 108-1 die Stimmung ausnutzte und sich neben Natasha setzte. „Sag mal, wie lange kennt ihr euch eigentlich schon, du und Karin?“
Ein wenig unangenehm berührt antwortete sie: „So ungefähr ein halbes Jahr oder etwas mehr, glaube ich. Wir sind zwar schon ein Jahr gemeinsam auf der Schule gewesen, aber es hat etwas gedauert, bis ...“
„Du sie in dein Herz geschlossen hast?“, schlug er vor.
„Bis wir unsere gemeinsamen Interessen entdeckt haben“, entgegnete sie ein wenig unwirsch.
„Faszinierend. Erzähl’ doch bitte mehr“, drängte er sanft, aber bestimmt.
„Weißt du, ich ... oh, ich sollte dringend das Badezimmer aufsuchen. Entschuldige.“ Verlegen erhob sie sich und rauschte ab, was Simon ein wenig erstaunte. Er lehnte sich unauffällig hinüber zu CSM 108-1 und fragte: „Was ist denn mit der los?“
Fast unhörbar gab er zurück: „Sie muss mal für kleine Zicken.“
Simon brach in so heftiges Gelächter aus, dass er ihn festhalten musste, sonst wäre er mitsamt seinem Stuhl hintenüber gekippt. Mit Tränen in den Augen japste er: „Entschuldigung, es war nichts. Ignoriert mich einfach.“
Als es läutete, sprang Simon dankbar auf, um den fragenden Blicken der anderen zu entgehen. „Ich geh’ schon!“
Karin, die schräg gegenüber von ihm saß, musterte CSM 108-1 ungnädig, doch er wandte sich nun Miriam zu, um sie in einen small-talk zu verwickeln, während dem sich herausstellte, dass sie Organische Chemie, Biochemie und Biologie studierte, in einem Studentenwohnheim in der Habsburger Straße wohnte und eine überzeugte Radfahrerin war. Sie gab sich recht einsilbig und beinahe aggressiv im Beantworten seiner höflichen Anfragen, doch dann trafen zu aller Überraschung gleich drei neue Gäste ein.
Die amerikanische Austauschschülerin mit Namen Abbey Benton war groß, fast 1,80 m, von schlankem, athletischem Körperbau und wirkte kräftig. Ihr Gesicht mit leicht spitzem Kinn und Stupsnase wurde von schulterlangem, naturrotem Haar mit einem Stich ins Orange eingefasst, ihre großen grünen Augen strahlten hinter einer Brille mit kleinen runden John-Lennon-Gläsern hervor. Sie versuchte ziemlich erfolglos ihre überaus vorteilhafte Figur mit einem dicken norwegischen Strickpullover und weiten Schlabberjeans zu verbergen. Zumindest Simon bekam sein dümmliches Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht, solange sie im Raum war.
Sie hatte noch ein Brüderpaar italienischer Abstammung dabei, die sich mit Francesco und Arturo vorstellten. Sie waren beide etwa 1,75 m groß, hatten tiefdunkle Augen, schwarze glatte Haare mit zerzausten Frisuren und einen leichten Olivton der Haut, was sie unverkennbar südländisch aussehen ließ. Beide trugen verwaschene Pullover in grau und blau, stone-washed Jeans und Turnschuhe. Sie entschuldigte sich und behauptete in nur leicht gebrochenem Deutsch, sie habe ihre beiden Wohnheimgenossen einfach nicht abschütteln können, was CSM 108-1 ihr aufs Wort glaubte. Ihren Einwand, dass dies hier keine Party war, sondern eine ‚naturwissenschaftliche Diskussionsrunde’, hatten die BetriebsWirtschaftsLehre- und Sprachstudenten nicht geglaubt und gemeint, sie könnten ja mal herein schauen.
Karin ‚verbannte’ die beiden kurzerhand resolut auf das Sofa, da sie keinen Platz am Tisch mehr hatten. „Ist mir egal, ob ihr euch ins Abseits gestellt fühlt. Ich persönlich finde es sowieso eine Frechheit, dass du als Italiener den Nerv hast, hier Italienisch und Deutsch zu studieren, wo du beide Sprachen perfekt sprichst, Arturo. Und du, Francesco, du wirst eh’ ...“
„Ja, schon gut, die Vorurteile über BWL habe ich schon hundertmal gehört“, seufzte der Angesprochene, nahm sich ein Schälchen mit Kartoffelchips und eine Bierdose aus seinem mitgebrachten Sixpack und verzog sich auf die Couch zu seinem Bruder. Dennoch sahen sie über die Schulter zu, was am Tisch diskutiert wurde.
Sie unterhielten sich zu CSM 108-1’s großer Überraschung ungeachtet aller Unterschiede innerhalb dieser bunt zusammengewürfelten Gruppe wirklich angeregt und ernsthaft über alle möglichen Themen, nicht nur über Naturwissenschaften, wie es eigentlich Thema des Abends sein sollte. Später wurde auch über ganz andere Dinge diskutiert, man bildete zum Teil auch kleinere Grüppchen, lernte sich untereinander besser kennen und kam irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner, was die Stimmung unter ihnen im Laufe der Diskussionsrunde merklich aufhellte.
Es wurde spät an diesem Abend.

[Fortsetzung folgt ...]

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Dienstag, 26. Dezember 2006
T1.37
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 11. Oktober 1996

Karin saß in einem weiten, roten Seidennachthemd am großen Esstisch und schmierte sich gerade ein Frühstücksbrötchen, während im Radio ein Dancefloor-Stück mit dem Titel ‚Insomnia’ von Faithless lief, als CSM 108-1 bereits voll angekleidet, wie meistens mit 501-Bluejeans und einem hellen T-Shirt, die Küche betrat und ihr zunickte. Sie sah auf und sagte mit verschlafener Miene: „Morgen, Daniel.“
Er registrierte, dass sie seinen Namen englisch aussprach, erwiderte aber nur: „Guten Morgen. Du machst den Eindruck von dem Lied im Radio. Ist noch Milch da?“
Sie streckte einen Arm aus und wies mit ihrem schlanken Zeigefinger wortlos auf den Kühlschrank. Er nickte nochmals und holte den angebrochenen Karton aus dem Türfach, um sich anschließend eine Schüssel und eine Packung Kellogg’s Frosties aus einem der Vorratsschränke zu holen. Aus einer Schublade der Einbaubauküche fischte er sich einen Löffel und setzte sich ihr gegenüber an ihr Ende des großen Tisches.
Sie sah ihm schweigend zu, wie er sich erst die Frühstücksflocken und dann die Milch eingoss und noch umrührte, als ein stetig anschwellendes schlürfendes Geräusch hinter ihm das Ende des Kaffee-Filtrationsprozesses ankündigte. Sie war im Begriff, sich müde zu erheben, doch er bedeutete ihr mit einer Geste, sitzen zu bleiben und ihn gewähren zu lassen.
Erstaunt beobachtete sie, wie er eine Thermoskanne vom Küchenbord herabholte, den Kaffee einfüllte, den benutzten Filter der Maschine im Hausmüll entsorgte und durch einen neuen ersetzte, während er wie nebenbei in Windeseile Tasse, Untertasse, Süßstoff und Kaffeesahne aus den diversen Schrankfächern und dem Kühlschrank entnahm und vor ihr auf dem Tisch aufbaute. Als er auch noch einschenkte, ihr zwei Stückchen Assugrin und eine kleine Menge Kondensmilch unterrührte und dann die fertige Tasse vor sie stellte, blieb ihr den Mund offen stehen.
„So, bitte sehr.“
„Danke. Womit habe ich denn so viel Aufmerksamkeit verdient? Weißt du, ich mag meinen Kaffee eigentlich auf eine ganz bestimmte ... he!“ Sie hatte einen kleinen Schluck genommen, als sie innehielt. „Der schmeckt genau so, wie ich ihn gerne habe. Du hast dir das alles gemerkt?“
„Es war nicht schwer, einen ordnungsgemäßen Karin-Kaffee zu reproduzieren. Du bist ein ziemliches Gewohnheitstier, weißt du.“ Er räumte die Sahne und den Süßstoff wieder weg, als sie ihm mit einer Geste anzeigte, dass sie keinen weiteren Kaffee mehr wollte.
„Ich finde es erstaunlich, dass du hier in der Küche schon alles findest, was du brauchst, obwohl du noch keine zwei Wochen hier wohnst. Du kennst dich fast schon besser aus als ich, und ich habe Monate hier verbracht.“ Ungewollt musste sie lächeln. „Nur an deiner Ausdrucksweise musst du noch arbeiten. Ich habe keine Ahnung, wo man so eine Umgangssprache aufschnappen kann.“
„In gewissen Kreisen von Militärangehörigen beispielsweise. Und dieser Kaffee sollte ein Friedensangebot sein. Ich finde, wir sollten uns vertragen, auch wenn du nicht besonders viel mit meiner Art anfangen kannst. Immerhin leben wir in einem Haushalt zusammen, da sollte man einen gewissen Willen zur Koexistenz haben.“ Er wartete auf ihre Reaktion.
„Einverstanden. Ich habe übrigens nie gesagt, dass ich nichts mit deiner Art anfangen kann. Aber deine Ausdrucksweise scheint sich wirklich von Minute zu Minute zu verschlechtern.“ Sie lachte, als er ein betretenes Gesicht machte.
„Ich gelobe, ich werde mich um einen cooleren Wortschatz bemühen.“
Beim mechanischen gemächlichen Löffeln seiner Maisflocken gingen ihm viele ‚Gedanken’ durch den Kopf. Er hätte gerne gewusst, ob der zweite Terminator, dessen Mission der Schutz des Entdeckers des ZVA-Effektes war, bereits in dieser Epoche eingetroffen war. Er hatte in Freiburg und im näheren Umland im Laufe der letzten zwei Jahre an etwa zwei Dutzend Stellen Päckchen mit Kleidung versteckt, weil er nicht genau wusste, wo er ankommen würde. Da er auch keine Ahnung hatte, welcher Gestalt er sein würde, hatte er weite Kleidungsstücke wie Jogginganzüge und zwei paar Turnschuhe in verschiedenen Größen eingepackt, damit es für jede erdenkliche Statur grob passen würde. So würde er, wenn er angekommen war, sich nicht weit in unbekleidetem Zustand bewegen müssen.
Allerdings hatte er sich selbst streng verboten, später nochmals nachzusehen, ob an irgendeiner Stelle ein Kleidungspäckchen verschwunden war. Da er sie wirklich sehr gut versteckt hatte, war die Chance, dass jemand außer ihm sie zufällig würde finden können, verschwindend gering. Also würde ihm das zeigen, dass er in seiner neuen Gestalt bereits hier wäre, und das könnte sein Handeln, seine Mission und nicht zuletzt diesen Zeitrahmen in irgendeiner Weise beeinflussen, die sich negativ auf seine jetzige Mission auswirken könnte.
Interessanterweise war der größte intellektuelle Anhänger der Theorie von ‚Schrödingers Katze’ Skynet selbst. Dabei ging es um eine Katze, die in einer Schachtel eingeschlossen war. Solange man nicht in die Schachtel hineinsah, konnte man nicht feststellen, ob die Katze noch lebte oder tot war. Ihr Zustand befand sich sozusagen in einem Quantenfluss der beiden Möglichkeiten, bis man öffnete und hineinsah, die Katze beobachtete. Dadurch nahm man Einfluss auf sie, indem man ihren Zustand und die Realität feststellte, ob sie lebte oder nicht.
Skynet hatte bei seinen Experimenten mit der Zeitlinie herausfinden müssen, dass diese Theorie in höchstem Maße zutreffend war. Entsprechend rigoros waren seine Vorsichtsmaßnahmen, mit denen er Manipulationen vornahm, um unerwünschte Nebeneffekte seiner Eingriffe ausschließen zu können.
Jedenfalls für ihn unerwünschte.
Denn das war etwas, was selbst dem elektronischen Superhirn eine Heidenangst einjagte: Man konnte nicht vorausberechnen, wie sich das Raum-Zeit-Gefüge bei Veränderungen einzelner Faktoren verhalten oder verändern würde. Es war seiner Kontrolle entzogen und würde es für immer bleiben. Solange man etwas nicht beobachtet hatte, hatte es nicht stattgefunden. Der Beobachter selbst veränderte immer durch seine Beobachtung das Objekt, das er observiert hatte, und nahm ungewollt Einfluss auf dessen Zustand.
„Was denkst du jetzt?“, wollte Karin unvermittelt wissen.
Er sah auf. „Fragen sich das nicht normalerweise Verliebte?“
„Manchmal bist du echt ein Schwachkopf“, brauste sie kurz auf, „obwohl du recht hast. Du hast nur eben so nachdenklich ausgesehen.“
„Das sieht man mir an? Oh je, so weit ist es schon mit mir. Aber um deine Frage zu beantworten, ich habe gerade über ‚Schrödingers Katze’ nachgedacht. Kennst du die Theorie?“
Ärgerlich fixierte ihr Blick ihn. „Was studiere ich, Naturwissenschaften oder Vergleichende Literatur? Du machst mich echt fertig, Danny-Boy. Ich geh’ dann mal los zur Uni. Musst du noch nicht?“
„Nee, Kristallographie ist erst nach zehn. Deshalb schläft Simon wohl auch noch.“ Er winkte ab und drehte das Radio der Stereoanlage ein wenig lauter, als die ersten Töne von Dunes ‚Million Miles From Home’ angespielt wurden.
„Was findest du nur an dieser Schrottmusik? Außerdem ist der Kram da mindestens ein Vierteljahr alt“, moserte sie auch prompt.
„Das stimmt“, bestätigte er und führte dann aus: „Dieses Lied ist zwar in seinen stilistischen und textlichen Mitteln ausgesprochen schlicht gehalten, drückt aber eine gewisse Sehnsucht und großes Heimweh aus. Es ist sehr emotionell und verbreitet eine melancholische Trance-Atmosphäre, die verstärkt wird durch die ...“
„Schon gut, mein Fehler“, brach sie unwirsch ab. „Warum frage ich auch einen Techno-Freak nach seiner Meinung über dieses Zeug.“
„Heißt das, du wolltest es gar nicht wissen, hast mich aber dennoch danach gefragt? Das verstehe ich nicht“, gab er mit Unschuldsmiene zum Besten.
„Solltest du nicht noch im Bett sein und ausschlafen?“, schoss sie zurück.
„Ich wollte mir dein strahlendes Morgenlächeln nicht entgehen lassen. Ich habe extra dafür sogar den Wecker gestellt.“ Er grinste, worauf sie eine Schnute zog und affektiert zurück grinste, bevor sie ohne ein weiteres Wort den Raum verließ.
‚Entweder verliebe ich mich in ihn, oder ich bringe ihn noch um’, dachte sie dabei.



Simon war in der folgenden Nacht kurz aufgestanden, um sich aus der Küche ein Glas Wasser zu holen, als er einen fahlen Lichtschein unter der Türschwelle von CSM 108-1’s Zimmer sah. Er tappte im Halbschlaf hin und klopfte. Nach dem gedämpften ‚Herein’ steckte er seinen Kopf durch den Türspalt, den er geöffnet hatte, und bemerkte: „Du bist noch auf?“
Er saß am PC und surfte offenbar im Internet, nach dem zu urteilen, was er ohne Brille erkennen konnte. Allerdings hatte auch Daniel keine Brille auf; er schien sie immer nur tagsüber anzuziehen.
„Ja, nachts ist das Net billiger.“ Er beendete die Verbindung und schaltete sein Modem aus.
„Hast du einen Moment Zeit?“
„Klar, komm rein. Ich wollte dich sowieso schon lange mal etwas fragen.“ Er winkte Simon hinein und wies auf sein Klappsofa, das noch nicht zum Bett ausgebaut war. Offenbar hatte Simons WG-Genosse noch nicht vorgehabt, ins Bett zu gehen.
„Das trifft sich gut, ich habe auch eine Frage an dich“, meinte der große schlaksige Mitzwanziger und strich sich beim Setzen nervös über seinen hohen Haaransatz.
„Du zuerst“, ermunterte CSM 108-1 ihn.
Simon atmete tief ein und begann dann: „Daniel, was empfindest du für Karin?“
Der Gefragte drehte sich ihm zu und schien direkt durch ihn hindurchzusehen. „Alles dreht sich nur um sie, nicht wahr? Das ist es jedenfalls, was sie gern hätte ... und wer weiß, vielleicht hat sie das bei uns beiden armen Schweinen schon geschafft. Ich wollte dich gerade fragen, woher du sie kennst.“
„Wir können uns gegenseitig bemitleiden“, schlug Simon vor und lächelte melancholisch, wurde dann aber ernster. „Aber du bist mir noch eine Antwort schuldig.“
„Ja, stimmt.“ Er schien einige Sekunden nachzudenken und sagte in die Leere vor sich: „Ich kann es dir nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht; mit dieser Frage bin ich überfordert. Sie ist so unglaublich schwierig und ihre Motive sind mir gänzlich unbekannt. Wenn irgendjemand schuld ist an dem Vorurteil, dass Männer Frauen nicht verstehen können, dann sie.“
„Diesen Satz sollten wir uns einrahmen und an die Wand hängen“, schlug Simon vor. „Du hast demnach keine Ambitionen auf sie?“
„Keine, von denen ich wüsste. Genauso wenig wie sie welche auf mich haben wird. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen, denn sie ist so wählerisch und manchmal geradezu hochnäsig. Was sollte sie an mir finden? Ich sehe nicht gerade aus wie ein Typ, dem die Frauen reihenweise hinterher laufen, oder?“
„Dann sind wir schon zwei“, gab er zu bedenken und sah ihn direkt an. „Jetzt aber zu deiner Frage: Wir kennen uns schon von klein auf, sie hat in der gleichen Straße im gleichen Ort gewohnt wie ich. Und ich war schon immer in sie verknallt, war aber immer nur Luft für sie. Meine große unglückliche Liebe, verstehst du? Jeder hat eine. Ihre jüngere oder ältere Schwester ...“
„Du meinst, es gibt noch zwei von der Sorte? Hilfe, holt schnell Mistgabeln und brennende Fackeln und lasst uns das Nest ausräuchern.“ Sie mussten lachen, als er diese amerikanische Redewendung etwas holprig ins Deutsche übertrug.
„Pass auf, Dan, wir machen es folgendermaßen: Wenn sie sich dir wider Erwarten um den Hals werfen sollte ...“
„Ja klar“, warf dieser ironisch ein.
„Ich wollte nur sagen, du hast meinen Segen. Ich bin schließlich nicht ganz freiwillig mit ihr in einer WG zusammen. Unsere Eltern sind dummerweise die dicksten Freunde und haben verfügt, dass sie nur in die Stadt ziehen darf und den Geldhahn nicht zugedreht bekommt, wenn sie mit mir zusammen eine WG aufzieht. Damit ich sozusagen ein Auge auf sie werfen kann“, erklärte Simon.
„Aber das machst du doch schon seit Ewigkeiten“, warf er ein, worauf beide in schallendes Gelächter ausbrachen. „Ich sage dir mal was: Du findest schon noch ein nettes Mädchen. Wenn man es logisch betrachtet, bist du ehrlich, freundlich, gerecht, hilfsbereit, klug, witzig ... irgendein Mädchen wird es doch geben, die das erkennen muss.
Und wenn sich die Gelegenheit ergibt ... du musst nur nicht gleich wie ein Stier mit gesenkten Hörnern auf sie zustürmen. Nicht gleich beim ersten Dinner von Heiratsabsichten sprechen, das verstört und verschreckt einen hohen Prozentsatz der Damen.“
„Danke für den Tipp, Daniel. Ich weiß, ich bin ein wenig zu verkrampft und ernsthaft, was diese Dinge angeht.“ Er klopfte ihm auf die Schulter.
„Unsinn, wer sagt denn so was? Mir geht’s ja auch nicht besser mit den Frauen. Mit Karin jedenfalls zoffe ich mich nur, normal ist das ja wohl nicht“, wandte er ein.
„Wir haben über Frauen gesprochen, oder?“, stichelte Simon.
CSM 108-1 dachte nach. „Nun, die physiologischen und anatomischen Voraussetzungen dafür erfüllt sie augenscheinlich ...“
„Wir lassen dieses Thema lieber. Gute Nacht, Mann ...“ Simon gähnte und erhob sich, um in sein Zimmer zu schlurfen.
Zurück blieb ein nachdenklicher CSM 108-1 im nur vom PC-Monitor erhellten Zimmer. Simon war in Ordnung, befand er, und gut geeignet als WG-Partner. Und Karin, naja, eine unwillkommene, aber faszinierende Dreingabe, an der er sicher eines Tages verzweifeln würde. Wenn sie nur nicht so zickig und äußerlich kühl wäre. Ihr war einfach nicht beizukommen.
Was soll’s?, dachte er dann. In einem Jahr um diese Zeit musste er sich um derlei keine Gedanken mehr machen. Das Leben all dieser Personen um ihn herum würde in einem Lidschlag enden, bevor sie wussten, was mit ihnen geschehen war. Vielleicht würde es eine Vorwarnzeit von einigen Minuten geben, in denen sie Todesängste ausstehen, weinen und ihre diversen Gottheiten anbeten und um Gnade flehen würden. An der Realität würde es nichts ändern können.

[Fortsetzung folgt ...]

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Sonntag, 24. Dezember 2006
T1.35
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 30. September 1996

CSM 108-1 drückte an diesem kalten, nebligen Montagabend auf die Türglocke seiner neuen WG und wartete geduldig, bis jemand fragte: „Ja?“
Simon war das nicht; viel mehr konnte er aufgrund der schlechten Tonqualität der Gegensprechanlage nicht feststellen. „Hallo, ich bin der Neue. Ich wollte nur mal vorbeischauen, ob alles in Ordnung ist für morgen.“
„Heute schon? Soso. Na, dann komm mal rauf.“ Der Türöffner summte und ließ ihn ein.
Ab morgen würde er seinen eigenen Schlüssel haben und hoffentlich auch bald einen Abstellplatz für seinen Wagen. Er hoffte natürlich auf eine Garage, fragte sich jedoch einen Moment lang, ob er das Auto nicht wirklich abschaffen sollte, wie Simon vorgeschlagen hatte.
Bei der Fahrt im Lift sagte er sich, dass es sich für diesen kurzen Zeitraum einerseits nicht mehr lohnen würde, einen neuen Wagen zu besorgen. Andererseits war er für viele Operationen, die sich unvorhersehbar ergeben mochten, auf den schnellen Zugriff auf ein Automobil angewiesen. Er hatte ganz unbewusst die Wertevorstellungen der hier lebenden Gesellschaft angenommen, wie ihm jetzt aufging. In Amerika hatte er sich für eine einzige Fahrt von Kanada nach New York ein Auto gekauft und dieses dann nur einen Tag später einfach aufgegeben. Nun erschien ihm so etwas undenkbar.
Allerdings wäre es wirklich nicht schlecht, praktisch als kleinen Bonus für den Rest seines Aufenthaltes, nochmals das Auto zu wechseln. Die Technik hatte in vielerlei Hinsicht große Fortschritte gemacht, was auf ihn natürlich einen besonders großen Reiz ausübte. Außerdem war sein Wagen so gut gepflegt und erhalten, dass er für ihn einen guten Preis erzielen könnte, wenn er ihn in Zahlung geben würde. Ihm schwebte auch schon etwas vor, was er sich ansehen könnte.
Die Tür war wieder angelehnt, als er oben ankam, sodass er gleich eintrat. Simon kam gerade aus der Küche und begrüßte ihn förmlich mit Handschlag. „Hi, wie geht’s?“
„Danke, gut. Von dem seltsamen Abend neulich abgesehen. Jetzt freue ich mich erst mal darauf, bei euch einziehen zu können. Ist mein Zimmer freigeräumt?“ Beim Anblick von Simons Miene ahnte er die Antwort schon.
„Die alte Trödeltante ist noch beim Umräumen. Naja, so ist sie halt, alles auf den letzten Drücker erledigen ... komm, ich stell’ sie dir vor.“ Er öffnete die Tür des ersten Zimmers rechts und rief hinein: „Sieh mal, wer hier ist!“
Vor ihnen stand Karin mit einem Karton voller Martini- und Cocktailgläser im Arm. Im ersten Moment begriff sie überhaupt nicht, was das zu bedeuten hatte, während CSM 108-1 ebenfalls für einige Millisekunden aussetzte, im Versuch zu verarbeiten, welchen dummen Streich das Schicksal ihm jetzt wieder spielte. Sie kieckste erschrocken: „DUUU?!?“
Und ließ den Karton mit den Gläsern fallen.
Ohne es bewusst wahrzunehmen, schoss er mechanisch vor und fing den Karton mit einem ausgestreckten Arm auf, den er unter den Boden des Behältnisses stieß und ihn so wenige Dezimeter über dem Boden rettete.
Simon sprang verblüfft zurück. „Mann, war das eine Reaktion! Hast du ein Glück, Karin!“
„Ja, ich kann’s noch gar nicht fassen, was ich für ein Glück habe“, murmelte sie und entriss ihm den Karton förmlich. „Hallo.“
„Wieso ist mein Zimmer noch nicht freigeräumt?“, fragte er mit ausdruckslosem Gesicht.
„Danke, gut, und wie geht’s dir?“, gab sie zurück, seine Frage bewusst ignorierend und ihm gleichzeitig seinen Mangel an Höflichkeit vorführend. „Wenn ich gewusst hätte, dass du unser neuer Untermieter bist, hätte ich mein Veto eingelegt.“
„Das nur in deiner Phantasie existiert, da Simon derjenige ist, der den Mietvertrag unterzeichnet hat. Aber vielen Dank für deine ehrliche Absichtserklärung. Wenn ich gewusst hätte, dass du die zweite Mitbewohnerin bist, hätte ich das hintere Zimmer genommen und dich weiter neben dem Liftschacht wohnen lassen. So wie ich das sehe, bist du mir was schuldig.“
„Na klar, das aber nur in deiner Phantasie“, erwiderte sie gereizt und balancierte den Karton mit den Gläsern in ihren neuen Raum.
„Das soll also die ‚kühle Blonde’ sein, von der du erzählt hast?“, beschwerte sich CSM 108-1 bei Simon.
„Ich habe nur gesagt, der Typ einer kühlen Blonden“, verteidigte er sich verlegen.
„So siehst du mich? Na, danke! Und dazu schleppst du diesen Psycho an!“ Karin schien in größter Rage über diesen unerwarteten Verlauf der Dinge zu sein.
„Ihr scheint euch zu kennen“, bemerkte Simon mit ratloser Miene, nur um von sich abzulenken.
„Besser als mir lieb ist“, gab sie schnippisch im Herausgehen zurück. „Sein großer Bruder hat mich angefahren, als ich noch ein Kind war, und ich muss nun mit einem Dauer-déjà-vu herumlaufen, weil dieser Molch jetzt genauso aussieht wie er damals.“
„Na warte.“ CSM 108-1 packte das letzte verbliebene größere Möbelstück, eine breite Kommode aus massivem Holz, die sehr alt aussah, in der Mitte und trug sie langsam und bedächtig den Gang entlang hinab. Sie war gerade am Fenster beim Sortieren von Kleinkram und wandte ihm den Rücken zu, so dass sie ihn nicht kommen sah, als er das Möbelstück gegenüber ihrem Bett an die Seitenwand stellte.
„So, den anderen Krempel von dir schaffst du auch alleine. Ich hoffe schwer, du kriegst das heute Abend noch auf die Reihe. Bis morgen dann.“ Und mit diesen Worten verließ er ihr Zimmer und strebte der Ausgangstür zu.
Simon versuchte noch, ihn mit ein paar beschwichtigenden Worten zum Bleiben zu überreden. Er sagte ihm, für heute habe er genug und er freue sich schon darauf, mit ihm zusammen zu wohnen, dann war er fort. „Seine letzten Worte waren: „Außerdem hat mein Bruder sie nur fast angefahren ... der Trottel.“
Karin richtete sich in ihrem Zimmer auf und drehte sich um. „Was für ein Idiot. Wenn ich mir vorstelle, dass ich den jetzt jeden Tag ... he!“
Sie bemerkte erst jetzt die umgestellte Kommode. „Dieser Arsch; ich wollte sie an die andere Wand stellen. He, Simon, hilfst du mir mal?“
Sie versuchte bereits das fast zwei Meter lange Möbel zu bewegen, als ihr Kommilitone herbeigeeilt kam. „Moment, das haben wir gleich. So schwer kann das ja wohl nicht sein.“
„Machst du Witze?“ Verständnislos sah sie ihn an. „Komm, fass mit an. Du siehst übrigens ganz schön frisch aus nach diesem Kraftakt.“
„Welcher Kraftakt? Daniel hat das Ding ganz alleine getragen.“ Er packte an und versuchte, anzuheben.
„Erzähl keinen Mist. Zwei meiner Kollegen aus dem Fitnessstudio haben die Kommode kaum die Treppe hochgekriegt und waren hinterher fix und fertig. Und damals war sie leer, nicht wie jetzt vollgestopft bis obenhin.“ Sie mühte sich ab, bekam das massive Schrankmöbel aber nicht hoch.
„Die Treppe hoch und von einem Zimmer ins andere sind auch zwei verschiedene Paar Schuhe“, gab er zu bedenken und zerrte an der Kommode. „Das gibt’s doch nicht! Hat er sie mit Sekundenkleber am Boden festgeleimt? Die lässt sich kein Stückchen bewegen. Wir müssen sie schieben.“
„Übers Parkett? Du spinnst wohl! Das kann doch nicht sein ...“ Sie riss noch eine Weile an der Kommode und gab dann auf.
„Daniel muss fast geplatzt sein vor Adrenalin, dass er dieses Teil alleine anheben konnte.“
Sie betrachtete das Möbelstück nachdenklich. „Du meinst, vor Testosteron.“
„Dann hast du ja erreicht, was du wolltest. Männer verrückt machen und zum Ausrasten bringen ...“
Sie musterte ihn ungnädig von Kopf bis Fuß: „Du kannst mich gern haben, okay? Aber sieh mal, so schlecht steht sie da gar nicht.“
Er drückte und stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, bis seine Füße den Halt verloren und laut quietschend über den Boden schrammten. Sie fuhr ihn darauf an: „Hör’ auf, Mann, du bringst unsere Wohnung noch in einen renovierungsbedürftigen Zustand. Wie hat er das nur angestellt? Das Ding wiegt doch mindestens hundert Kilo. Das ist ein echtes Rätsel.“

[Fortsetzung folgt ...]

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T1.1.34
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 1. November 2030

Mahtobus Zimmertür flog krachend an die Wand, als ein Sanitäter am Abend herein gestürmt kam und aufgeregt gestikulierend rief: „General! Schnell, kommen Sie! Miss Bochner ist bei Bewusstsein. Und Sie werden nicht glauben, was sie behauptet ...“
Augenblicklich war Mahtobu auf den Beinen und eilte dem Jungen hinterher in Richtung Krankenstation. Es war schon später Abend und sie war mehr als einen Tag lang apathisch in ihrem Bett gelegen, ohne etwas von ihrer Umwelt wahrzunehmen. Sie brabbelte nur ständig leise in einer unbekannten Sprache, höchstwahrscheinlich Deutsch, vor sich hin, nach dem, was die Pfleger berichteten. Er hoffte, dass sie sich mittlerweile gefangen hatte und fähig und vor allem bereit dazu war, ihm zu erzählen, was sie so erschüttert hatte.
Als er das Zimmer betrat, in dem ihr Einzelbett unter gedämpftem Licht stand, saß sie mit angezogenen Beinen und um die Knie geschlungenen Armen im Bett, vor sich herstarrend. Sie bemerkte nicht, dass er da war, sondern starrte weiter stumpfsinnig vor sich hin.
„Wie geht es Ihnen, Karin?“, fragte er mit ruhiger und beschwichtigender Stimme.
Sie hob langsam den Kopf, drehte ihn scheinbar unter großen Anstrengungen und fixierte ihn dann. Als die vertrockneten, spröden Lippen sich öffneten, konnte er kaum verstehen, was sie sagte: „Es ist alles meine Schuld. Henee, die Kinder werden alle sterben. Sie sind nicht vorbereitet auf das, was sie erwartet. Wir haben sie nicht darauf vorbereiten können; niemand hätte das können. Der Terminator wird sie alle töten, verstehen Sie?“
„Ehrlich gesagt, nein. Können Sie mir das erklären? Wieso soll es ausgerechnet Ihre Schuld sein?“
„Weil ich nicht früher darauf gekommen bin. Die Zeichen waren immer da, all die Jahre, aber ich habe sie in meinem egoistischen Schmerz verdrängt und mich davor verschlossen. Spätestens jetzt, als wir die Kinder vorbereitet haben, hätte ich es wissen müssen. Jetzt ist es zu spät und sie werden scheitern. Ich habe sie alle auf dem Gewissen, jeden einzelnen von ihnen.“ Die Tränen liefen wie Sturzbäche ihre Wangen hinab.
Dann packte sie ihn plötzlich an den Schultern und schrie: „Verstehen Sie nicht? Ich weiß, wie der erste Terminator aussieht! Ich weiß, wie er heißt und wo er gewohnt hat. Ich hätte es ihnen sagen können; sie hätten ihn unschädlich machen können. Aber jetzt ist es zu spät, die ZVA ist demontiert und niemand kann sie mehr warnen. Sie werden keine Chance haben, herauszufinden, wer es ist. Er ist so verdammt menschlich, wie man nur sein kann. Er hat wahrscheinlich mindestens zehn Jahre unerkannt unter Menschen gelebt. Und er hat mindestens eines von den Kindern erwischt ... ich kann mich jetzt wieder daran erinnern. Ich weiß, wo es passiert ist und wie. Ich hätte den betreffenden Kandidaten warnen können. Auch das geht jetzt nicht mehr.“
Für Mahtobu war das alles wie ein Alptraum. Eine Welt brach für ihn zusammen bei ihren Worten, nein, ein ganzes Realitätsgefüge.
Es begann. Die verschiedenen Vergangenheiten und mögliche Zukunftsversionen begannen sich durch ihre damaligen und heutigen Manipulationen ineinander zu verdrehen und sich zu vermischen, ineinander zu verheddern und zu verwirren. Er konnte nur noch hoffen, dass es keinen unentwirrbaren Knoten geben würde, der zu ihren Ungunsten an der falschen Stelle hängen bliebe.
Sie konnten von hier aus nichts mehr tun; der Rest war Geschichte, wie es so schön heißt.

[Fortsetzung folgt ...]

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