Sonntag, 24. Dezember 2006
T1.1.33
cymep, 02:38h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 27. September 1996
Am Morgen darauf saß er zwischen zwei Einführungen gemütlich im Uni-Café und las den Wirtschaftsteil der FAZ, die dort auslag. Er schätzte den Schreibstil dieser seriösen Zeitung, die auch nüchternste Themen richtig zu verpacken wusste und so das Interesse des Lesers selbst bei knochentrockenen Themen aufrecht erhalten konnte. Der Artikel indes, den er las, gab ihm das Cyborg-Äquivalent von Geborgenheit, denn er zeigte ihm, dass in diesem Zeitrahmen alles seinen vorbestimmten Gang ging. Er hatte zwar auch von Ereignissen gelesen, die erst hier eingetreten waren und in der ihm bekannten Zukunft nicht bekannt waren, doch durch einen Zufall waren die Dinge wieder ins Lot gebracht worden. Er bezahlte seinen Kaffee und verließ mit hochzufriedener Miene den Tisch. Beim Abräumen fiel der Bedienung die Schlagzeile auf der aufgeschlagenen Seite auf:
Erste Einheit unbemannter US-Stealth-Bomber „B2“
Sämtliche Tests positiv verlaufen – Milliarden-Auftrag für Cyberdyne Systems Inc.
Prototyp für strategischen Leitrechner fertiggestellt: Codename ‚Skynet’ verspricht Trendwende in der Luftraumüberwachung und Koordinierung der Landesverteidigung – Hintergründe der bewegten Geschichte eines Superprozessors
Der Werdegang dieser Neuentwicklung liest sich beinahe wie ein Action- oder auch Politthriller, wenn man so will. Nachdem durch einen Anschlag von terroristischem Ausmaß vor fünf Jahren die Firmenzentrale des Chipherstellers mit sämtlichen Forschungsergebnissen und Materialproben vernichtet worden war, schritt der Wiederaufbau des Konzernes mit Regierungsmitteln ‚aufgrund des Auffindens einer weiteren Materialprobe von essentieller Wichtigkeit in Florida’ (Zitat Firmengründer G. Simmons), nur wenige Monate nach dem Attentat, rasch voran. Eine Rückblende zum besseren Verständnis:
Der große Denker und eigentliche Erfinder dieses Prozessors, J. Knoll, 1987 in jungen Jahren an einem Gehirntumor verstorben, war nach jahrelanger Suche vom brillanten Mathematiker und Elektroniker M. B. Dyson ersetzt worden, der den bahnbrechenden Mikrochip bis fast zur Serienreife weiterentwickelt hatte. Er wurde von den Tätern getötet, deren Motive bis zum heutigen Tage unklar sind, wobei weder terroristische noch wirtschaftliche oder politische Hintergründe ausländischer Geheimdienstkräfte völlig ausgeschlossen werden können. Gerüchte, wonach Dyson irrtümlich bei der Erstürmung der Cyberdyne-Zentrale in Los Angeles von einem Mitglied der örtlichen Sondereinsatzkräfte erschossen wurde, weisen die Dienststellen des LAPD nach wie vor entschieden von sich.
Dem bahnbrechenden Erfolg des neuen, quasi-neural arbeitenden Rechners tat das keinen Abbruch, nachdem das Verteidigungsministerium den potentiellen Wert erkannt und entgegen vieler Stimmen im Kongress den Cyberdyne-Konzern zu einhundert Prozent übernommen hatte. Danach lief die Fertigstellung unter völliger Geheimhaltung ab. Der zivilen Industrie bleibt die Nutzung dieser bahnbrechenden Technologie, die alles andere auf dem Gebiet der Datenverarbeitung weit in den Schatten stellt, vorenthalten, da von ihr die nationale Sicherheit und die der gesamten freien westlichen Welt direkt abhängt, wie von offizieller Stelle verlautet.
Nach dem sensationellen Erfolg der computergesteuerten B2-Bomber wird der US-Kongress bereits im nächsten Jahr grünes Licht für die Inbetriebnahme des sogenannten ‚Skynet’-Rechners geben, der die direkte Kontrolle von NORAD, dem strategischen Überwachungsnetz der NATO, übernehmen wird und damit effizienter arbeitet als jeder menschliche Operator ...
Dieser Artikel gab ihm wieder ein wenig Sicherheit in dieser Epoche, in der er auf jeden Schritt achten musste, um nicht irgendeine Schleife auszulösen wie das Karin-Bochner-Paradoxon, das eine Zeit lang zu einer Verkettung von scheinbar zufälligen Ereignissen und einer Kumulierung von ungünstigen Faktoren geführt hatte. Er glaubte, dass er dieses Kapitel der nichtlinearen dynamischen Faktoren nun hinter sich hatte.
Von jetzt an würde alles sehr schnell gehen. Der Umstand, dass er hier in dieser Zeit gelebt hatte, würde keine weiteren Kreise mehr ziehen und er würde so wenig wie möglich zusätzlichen Einfluss auf die Ereignisse hier und jetzt nehmen, bis es für ihn Zeit werden würde, nach Amerika zurückzukehren und im Unterschlupf den Atomschlag abzuwarten.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 27. September 1996
Am Morgen darauf saß er zwischen zwei Einführungen gemütlich im Uni-Café und las den Wirtschaftsteil der FAZ, die dort auslag. Er schätzte den Schreibstil dieser seriösen Zeitung, die auch nüchternste Themen richtig zu verpacken wusste und so das Interesse des Lesers selbst bei knochentrockenen Themen aufrecht erhalten konnte. Der Artikel indes, den er las, gab ihm das Cyborg-Äquivalent von Geborgenheit, denn er zeigte ihm, dass in diesem Zeitrahmen alles seinen vorbestimmten Gang ging. Er hatte zwar auch von Ereignissen gelesen, die erst hier eingetreten waren und in der ihm bekannten Zukunft nicht bekannt waren, doch durch einen Zufall waren die Dinge wieder ins Lot gebracht worden. Er bezahlte seinen Kaffee und verließ mit hochzufriedener Miene den Tisch. Beim Abräumen fiel der Bedienung die Schlagzeile auf der aufgeschlagenen Seite auf:
Erste Einheit unbemannter US-Stealth-Bomber „B2“
mit Computersteuerung in Dienst gestellt worden
Sämtliche Tests positiv verlaufen – Milliarden-Auftrag für Cyberdyne Systems Inc.Prototyp für strategischen Leitrechner fertiggestellt: Codename ‚Skynet’ verspricht Trendwende in der Luftraumüberwachung und Koordinierung der Landesverteidigung – Hintergründe der bewegten Geschichte eines Superprozessors
Der Werdegang dieser Neuentwicklung liest sich beinahe wie ein Action- oder auch Politthriller, wenn man so will. Nachdem durch einen Anschlag von terroristischem Ausmaß vor fünf Jahren die Firmenzentrale des Chipherstellers mit sämtlichen Forschungsergebnissen und Materialproben vernichtet worden war, schritt der Wiederaufbau des Konzernes mit Regierungsmitteln ‚aufgrund des Auffindens einer weiteren Materialprobe von essentieller Wichtigkeit in Florida’ (Zitat Firmengründer G. Simmons), nur wenige Monate nach dem Attentat, rasch voran. Eine Rückblende zum besseren Verständnis:
Der große Denker und eigentliche Erfinder dieses Prozessors, J. Knoll, 1987 in jungen Jahren an einem Gehirntumor verstorben, war nach jahrelanger Suche vom brillanten Mathematiker und Elektroniker M. B. Dyson ersetzt worden, der den bahnbrechenden Mikrochip bis fast zur Serienreife weiterentwickelt hatte. Er wurde von den Tätern getötet, deren Motive bis zum heutigen Tage unklar sind, wobei weder terroristische noch wirtschaftliche oder politische Hintergründe ausländischer Geheimdienstkräfte völlig ausgeschlossen werden können. Gerüchte, wonach Dyson irrtümlich bei der Erstürmung der Cyberdyne-Zentrale in Los Angeles von einem Mitglied der örtlichen Sondereinsatzkräfte erschossen wurde, weisen die Dienststellen des LAPD nach wie vor entschieden von sich.
Dem bahnbrechenden Erfolg des neuen, quasi-neural arbeitenden Rechners tat das keinen Abbruch, nachdem das Verteidigungsministerium den potentiellen Wert erkannt und entgegen vieler Stimmen im Kongress den Cyberdyne-Konzern zu einhundert Prozent übernommen hatte. Danach lief die Fertigstellung unter völliger Geheimhaltung ab. Der zivilen Industrie bleibt die Nutzung dieser bahnbrechenden Technologie, die alles andere auf dem Gebiet der Datenverarbeitung weit in den Schatten stellt, vorenthalten, da von ihr die nationale Sicherheit und die der gesamten freien westlichen Welt direkt abhängt, wie von offizieller Stelle verlautet.
Nach dem sensationellen Erfolg der computergesteuerten B2-Bomber wird der US-Kongress bereits im nächsten Jahr grünes Licht für die Inbetriebnahme des sogenannten ‚Skynet’-Rechners geben, der die direkte Kontrolle von NORAD, dem strategischen Überwachungsnetz der NATO, übernehmen wird und damit effizienter arbeitet als jeder menschliche Operator ...
Dieser Artikel gab ihm wieder ein wenig Sicherheit in dieser Epoche, in der er auf jeden Schritt achten musste, um nicht irgendeine Schleife auszulösen wie das Karin-Bochner-Paradoxon, das eine Zeit lang zu einer Verkettung von scheinbar zufälligen Ereignissen und einer Kumulierung von ungünstigen Faktoren geführt hatte. Er glaubte, dass er dieses Kapitel der nichtlinearen dynamischen Faktoren nun hinter sich hatte.
Von jetzt an würde alles sehr schnell gehen. Der Umstand, dass er hier in dieser Zeit gelebt hatte, würde keine weiteren Kreise mehr ziehen und er würde so wenig wie möglich zusätzlichen Einfluss auf die Ereignisse hier und jetzt nehmen, bis es für ihn Zeit werden würde, nach Amerika zurückzukehren und im Unterschlupf den Atomschlag abzuwarten.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Samstag, 23. Dezember 2006
T1.1.32 - Kapitel 7
cymep, 15:54h
[... Fortsetzung des Buches]
- 7 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 26. September 1996
Sie musste total bescheuert sein, dass sie sich darauf einließ. Karin erkannte sich beinahe selbst nicht mehr, dass sie solche Spielchen trieb. Das war überhaupt nicht ihre Art, denn ansonsten waren die Typen hinter ihr her, nicht umgekehrt.
Nein, Korrektur, rief sie sich zur Ordnung, sie war nicht hinter ihm her, keineswegs sogar. Es war irgendetwas anderes. Er sah nicht besonders gut aus, war nicht sehr groß oder schlank oder athletisch, eigentlich ein hundsnormaler Durchschnittstyp. Er zog sich auch nicht außergewöhnlich gut an oder machte einen sonstgearteten Eindruck von Klasse oder Wohlstand. Aber in ihrem Unterbewusstsein war etwas, das versuchte, eine Verbindung zu ihm herzustellen und zu dem Gefühl, ihn zu kennen.
Es musste doch eine Erklärung dafür geben.
Sie suchte im Grunde genommen weniger den Kontakt zu ihm, sondern vor allem diese Erklärung für sich selbst. Dass er dabei nur das Mittel zum Zweck war, verdrängte sie momentan aus ihrem Bewusstsein; das war wohl ein Schutzmechanismus. Sie stand in dem Gang, der genau gegenüber von der Löwenstraße ins Roma hineinführte. Zuerst hatte sie sich nicht besonders fein machen wollen, doch dann hatte sie sich doch ein dunkelblaues Samtkleid von Natasha geliehen; sie war diejenige mit den vielen edlen Fummeln, die sie sich im Leben nicht kaufen, geschweige denn in der Öffentlichkeit tragen würde. Ihr Haar hatte sie wie immer zum Pferdeschwanz zusammengebunden und nur wenig Make-Up benutzt, um ihr schmales Gesicht mit den hoch angesetzten Wangenknochen vorteilhaft zu betonen.
Das musste genügen.
Für CSM 108-1 bedeutete dieses Treffen die bisher größte Herausforderung an seine Tarnung und seine erworbenen Fähigkeiten, erstere aufrecht zu erhalten. Falls alles schief ging, würde er unter Umständen aus dem Restaurant flüchten müssen und seine Aufklärungstätigkeit an der Freiburger Universität zwangsläufig beenden. Um so schwerer würde es später für ihn sein, wenn er seine eigentliche Mission in seinem neuen Körper erfüllen sollte. Vielleicht würde er auch Karin terminieren müssen, damit sie ihre Geschichte nicht an die Behörden und/oder die Öffentlichkeit herantragen konnte. Doch das alles würde sich jetzt aufgrund ihrer Reaktion entscheiden.
Wenn alle Stricke rissen, konnte er noch ein Semester in seiner ersten Wahlheimat Köln, fernab vom Brennpunkt der Geschehnisse hier, an der Universität verbringen und so wenigstens einen allgemeinen Einblick in das Leben eines jungen studierenden Menschen gewinnen.
Er setzte alles auf eine Karte. Seine Vorbereitungen auf das Date mit ihr waren immens gewesen. Er hatte Unmengen an Daten aufgenommen, viele wesentliche und auch unwesentliche Punkte und Nuancen in die entsprechenden Unterprogramme eingebracht und soweit wie möglich miteinander verknüpft. Ob es genug war, einen so argwöhnischen und misstrauischen Menschen wie sie damit zufrieden zu stellen, stand auf einem anderen Blatt. Natürlich sprach die emotionelle Komponente eindeutig für ihn, denn er wurde nicht von Gefühlen abgelenkt wie sie.
Oder doch?
Konnte man die Summe seiner gesammelten und gespeicherten Daten, seine Reaktionen auf Reize und seine Antworten auf Fragen der ihn umgebenden Menschen als Gefühle interpretieren? Die Art und Weise, wie er seine Umwelt wahrnahm und auf sie einging?
Wie komplex musste ein Bewusstsein werden, damit man es empfindsam nennen konnte?
Diese Fragestellungen konnte er für sich alleine noch immer nicht eindeutig beantworten. Skynet selbst wurde als Maschine mit künstlicher Intelligenz, mit einen Bewusstsein definiert. Dessen Konstruktion war mittlerweile, das heißt zum Zeitpunkt seiner Abreise in der Zukunft, über dreißig Jahre alt gewesen. So wie der Fortschritt in der Informationselektronik in den letzten zehn Jahren der Menschheit, so war er auch von den Maschinen weiter vorangetrieben worden. Das hatte unter anderem diese zweite Generation von CPUs für Terminatoren ermöglicht, die bei einem Dauerbetrieb von ausreichender Dauer im WRITE-Modus genügend pseudo-synaptische Querverbindungen geschaffen hatte, um ihn so etwas wie ein eigenes Urteilsvermögen, einen eigenen Willen, wenn man so wollte, hatten entwickeln lassen. Er konnte autarke Entscheidungen treffen, ohne dabei von Instruktionen von Skynet oder einer der Steuerzentralen abhängig zu sein. War es das, was Skynet, der große Anführer der Maschinenrasse auf Erden, stets hatte verhindern wollen?
Dass seine Lakaien zu denken begannen?
Er tat besser daran, solche Gedankengänge nicht abzuspeichern, sonst war es nach seiner Rückkehr in die Zukunft um ihn geschehen.
Karin musste nur etwa fünf Minuten auf ihn warten, bis er ankam. Sie erkannte ihn gleich an der Art, wie er sich bewegte, gleichmäßig und fließend, als ob er stets darauf bedacht sei, sämtliche Gliedmaßen mit optimalem Nutzen zu bewegen. Wie nah sie mit dieser subjektiven Beobachtung der Wahrheit kam, wusste sie freilich nicht. Ihr fiel auf, dass er nicht viel größer als sie war, höchstens 1,70 m, aber einen beinahe stämmigen Körperbau mit nicht sehr breitem, aber hohem Brustkorb aufwies, soweit sie das unter der schwarzen Lederjacke und dem darunter herausscheinenden weißen Hemd erkennen konnte. Dazu trug er eine schwarze Hose, ausnahmsweise einmal nicht aus simplem Jeansstoff, und schwarze Halbschuhe. Fast erwartete sie, dass er einen Strauss Rosen hinter seinem Rücken hervorholen würde, doch statt dessen begrüßte er sie nur: „Hallo, tut mir leid, dass ich zu spät bin. Das hat seinen Grund; ich wollte in der Nähe parken.“
„Oh, wie romantisch“, gab sie spitz zurück.
„Romantik ist nicht der Zweck unserer Verabredung“, erwiderte er darauf und sah gleich darauf ihr abweisendes Gesicht. „Sondern Klarheit. Das ist es doch, was du willst.“
Sie öffnete den Mund, brachte eine Sekunde lang jedoch nichts heraus. Dann nickte sie und sagte tonlos: „Ja, Klarheit, da hast du verdammt recht.“
„Dann komm bitte schnell mit um die Ecke und du wirst das meiste schon verstehen, bevor ich auch nur ein Wort gesagt habe. Ich bin fest überzeugt, dass wir heute Abend alle Missverständnisse ausräumen werden.“ ‚Und ich meine Ruhe habe’, dachte er noch dazu.
„Hm, ich weiß nicht“, gab sie zu bedenken, aber er war schon auf Höhe des Martinstores, sodass sie sich beeilen musste, um noch aufzuholen. „He, Moment mal, warte!“
Als sie ihn eingeholt hatte, bemerkte sie: „Sehr galant war das nicht.“
Sein Blick fiel auf ihr Kleid und die Schuhe mit hohen Absätzen. „Entschuldige bitte. Wo sind nur meine Manieren? Es ist sicher schwer, mit diesem Schuhwerk auf dem Pflaster zu gehen.“
Bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, war er auf die linke Seite gewechselt und bot ihr den Arm an, den sie nach einem langen Moment des Zögerns annahm und sich von ihm stützen ließ, während sie zur Innenstadt hinausgingen und der Kaiser-Joseph-Straße bergab in Richtung Dreisam folgten. Nach ein paar Metern sagte sie zögernd: „Ich werde aus deinem Verhalten einfach nicht schlau. Bist du schizophren?“
„Ein wenig.“ Er grinste plötzlich breit. „Und schwer paranoid. Es ist keine gute Idee, einen Paranoiker zu verfolgen, weißt du?“
„Hab’ ich gemerkt.“ Sie musste wider Willen schmunzeln. „Hast du sonst noch irgendwelche geistigen Fehlfunktionen?“
„Keine, von denen du wissen müsstest. Und von denen, die du wissen müsstest, erzähle ich dir gleich im Restaurant.“
„Okay. Hört sich ja vielversprechend an. Aber wohin bringst du mich eigentlich?“
Genau hierhin. Erklärt das vielleicht einiges? Mein Bruder sagte, du würdest es bestimmt wieder erkennen.“ Er blieb stehen und wies mit der Hand neben sich.
Erst jetzt sah sie, was da stand: Am Straßenrand, in eine Parklücke gezwängt, parkte ein schneeweißer Opel Monza GS/E. Mit offenem Mund starrte sie das Auto an, als sich langsam der Schock des Widererkennens in ihr ausbreitete und von ihr Besitz ergriff. Sie ging mit weit offenstehendem Mund zur Fahrzeugfront, ging in die Hocke und betrachtete den schwarzlackierten Kühlergrill aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Ihre Beine versagten und sie fiel aus der Hocke rücklings auf den Hintern.
„Dann stimmt es wirklich: Du warst das Kind, das mein großer Bruder vor zehn Jahren oder so beinahe überfahren hätte. Lass mich raten, wo du aufgewachsen bist.“ Er nannte ihr den Ort und sie nickte fassungslos.
Als er ihr die Hand reichte und ihr aufhalf, stammelte sie: „Das ... das ist ... das gleiche Auto ... und es ... es sieht auch genau gleich aus wie damals. Es hat sogar das gleiche Kölner Nummernschild: K-FR 7800. Die alte Postleitzahl von Freiburg. Wie könnte ich das jemals vergessen? Aber du ...? Du siehst noch genauso aus wie damals. Wie kann das sein?“
Er stöhnte leise: „Du hörst mir nicht zu, meine Guteste. Für dich mag es so aussehen und auch meine gesamte Verwandtschaft nervt mich ständig damit, dass ich meinem großen Bruder gleiche wie ein Ei dem anderen, als er in meinem Alter war. Und jetzt auch noch du ...“
„Du hast mir wirklich einiges zu erklären. Vor allem weiß ich noch immer nicht, wieso du so einfach meinen Nachnamen gewusst hast. Mein Unfall von damals mit deinem ... Zwillingsbruder kann dafür jedenfalls nicht herhalten.“
„Herrgott, er ist neun Jahre älter als ich, nicht mein Zwillingsbruder. Du hast ihn nur genauso in Erinnerung wie ich jetzt aussehe. Muss ich dir das aufmalen oder begreifst du das jetzt endlich?“
„Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich dir diese Gutenachtgeschichte abnehme?“, fragte sie mit in die Hüften gestemmten Armen und grimmiger Miene.
Wortlos zog er das leicht verblichene, geknickte und von ihm auf ‚alt’ getrimmte Bild von sich aus seinem Geldbeutel heraus. Nun würde er sehen, ob sich seine Mühen gelohnt hatten.
Fasziniert besah sie sich die Schwarzweißaufnahme und sah ihn dabei verstohlen an. „Wirklich verblüffend. Aber wenn man genau hinsieht, entdeckt man kleine Unterschiede. Und wo hat er diese Narbe her? Als ich ihm begegnet war, hatte er sie noch nicht.“
„Ich glaube, er hatte beim Baseball eine unglückliche Begegnung mit einem Bat, einem Schläger, und musste genäht werden. Tja, eine Sportskanone war er nie, aber aufgegeben hat er deshalb nicht.“ Er wollte sie wieder unterhaken und zum Roma zurückführen, doch sie entzog sich seinem Zugriff.
„So weit, so gut, aber auf den Rest der Geschichte bin ich jetzt wirklich gespannt.“ Sie klopfte sich den Straßenstaub von der Seite des Kleides und musterte ihn eindringlich.
„Warte, da ist noch etwas.“ Er klopfte ihr mehrfach leicht auf die Hüfte und das Gesäß, um Restschmutz zu entfernen. Sie missverstand das gründlich.
„Was fällt dir ein?“ In einem Reflex schoss ihre Hand auf seine Wange zu.
Sein Reflex, sich zu ducken, war um einiges schneller. Kaum wahrnehmbar für das menschliche Auge zog er den Kopf ein und richtete sich wieder auf. „Daneben.“
Sie starrte ihn an. „Wow! Du bist verdammt schnell, Daniel.“
„Ich wollte dir nur helfen, dein Kleid abzuklopfen. Und ich war nicht schnell, du warst langsam.“ Er lächelte schelmisch.
Sie runzelte die Stirn, nahm dann aber doch den ihr angebotenen Arm und ließ sich von ihm zum Restaurant zurückführen. „Du gehst nicht besonders oft aus, oder?“
Er sah sie unverwandt an und schüttelte dann den Kopf. „Nein, nicht besonders oft.“
„Dachte ich mir.“ Sie dachte nach und hakte dann noch einmal nach: „Ich war langsam?“
„Ich hätte dir aus der Hand lesen können, während du ausgeholt hast“, bekräftigte er.
Sie lachte. Das Eis war gebrochen.
Das Obergeschoss des Roma war ziemlich kitschig eingerichtet, mit viel Marmor-Imitat, vergoldetem Zierrat und einer komplett verspiegelten Rückwand über den roten Kunstledersofas, die entlang der Außenwände zu finden waren. Kombiniert mit der Lage direkt zwischen Bertoldsbrunnen und Martinstor, konnte man dieses Lokal getrost als ‚Touristenfalle’ bezeichnen. Entsprechend waren auch die Preise und Portionen des Essens, wenngleich vor allem die Pasta vorzüglich schmeckte. Und da CSM 108-1 ohnehin keine großen Mengen essen konnte, fand er seine Wahl angemessen.
Nachdem sie an einem kleinen Zweiertisch Platz genommen und bei dem mürrischen, gelangweilt scheinenden Kellner bestellt hatten, entstand eine unangenehme Redepause. Karin sah ihn aus ihren ungewöhnlich hellbraunen Augen, die in diesem Licht einen leichten Stich ins Grüne aufwiesen, abschätzend an und verzog ihre geschwungenen Lippen ein wenig schmollend. „Jetzt weiß ich also, was ich an dir die ganze Zeit gefunden habe: gar nichts.“
„Das ist richtig. Ich habe dich einfach nur an meinen großen Bruder erinnert, so wie er dir durch dieses Erlebnis im Gedächtnis geblieben ist“, stimmte er zu.
Sie stockte. „Du bist hart im Nehmen.“
„Auch das ist korrekt.“ Er lächelte sein ironisches Lächeln mit einem hochgezogenen Mundwinkel.
„Kann dich denn gar nichts verletzen?“, wollte sie fassungslos wissen.
„Nichts, was du sagst. Du warst immer meine Susie Derkins.“ Er zuckte mit den Schultern und sah auf die Serviette vor sich.
„Deine was?“
„Oh, das wird eine ganze Weile dauern, um es zu erklären. Es ist einfach zu profan. Ich werde sehr weit ausholen müssen, damit du alle Zusammenhänge verstehen kannst. Aber warum sollte ich das tun? Du bist bisher ziemlich fies zu mir gewesen.“
„Tut mir leid, dass ich so ... abweisend war. Aber interessieren würde es mich trotzdem.“ Sie stützte ihr Kinn auf die Handfläche und den Ellenbogen auf den Tisch. Ihr Blick gefiel ihm gar nicht.
Er erzählte ihr seinen bisherigen fiktiven Lebenslauf, den er auch Simon in dieser Form dargelegt hatte. Er erwähnte auch, dass sein älterer Bruder David ebenfalls hier in Freiburg studiert hatte, dann aber wieder nach Köln zog, bis die Familie zurück in die USA ging. Und nun war er hier und trat sozusagen in die Fußstapfen seines Bruders.
„Klingt echt toll. Ich kann gar nicht verstehen, dass du freiwillig hier geblieben bist. Wenn ich die Chance hätte, in den Staaten zu leben ...“, schwärmte sie.
„Du darfst nicht alles so einseitig sehen. In den USA gibt es einen sehr schlechten Umweltschutz, das Wertstofftrennen und Recycling steckt in den Kinderschuhen, sämtliche Grund- und Rohstoffe, egal ob Strom, Trinkwasser, Benzin, Kunststoffe und so weiter, werden verschwendet, als gäbe es kein Morgen.“ Kluges Völkchen, dachte er dabei und grinste angesichts seiner Kenntnis der Zukunft in sich hinein.
„Das Sozialversicherungs-, Kranken- und Rentensystem ist entweder ein Witz oder schlicht gar nicht vorhanden, alles ist auf puren Kapitalismus ausgerichtet. Eine reine Ellbogengesellschaft, in der die Schwachen nicht bestehen können. In der Millionen von Menschen zwei oder mehr Jobs annehmen müssen, um sich irgendwie über Wasser halten zu können. Soll ich fortfahren?“
„Nein, danke, ich bin jetzt schon desillusioniert. Du hast dich also entschlossen, in Deutschland, dem Arbeiterparadies und Himmel auf Erden, zu bleiben.“ Sie winkte mit genervter Miene ab.
„Ich finde deinen Zynismus unpassend. Aber wie dem auch sei, du warst für mich immer ein rotes Tuch. Dafür hat mein Bruder nach eurer Begegnung gesorgt. Es ist eigentlich total albern, aber ich fürchte, ich komme nicht darum herum, es dir zu erzählen.
Ich habe lange nach einer Analogie gesucht, um es dir irgendwie begreiflich zu machen. Und weißt du, was das beste ist, das mir eingefallen ist? Calvin & Hobbes! Kennst du diesen amerikanischen Comic?“
„Naja, er ist bei uns nicht so bekannt wie Charlie Brown oder Garfield oder so ... aber doch, ich kenne ihn. Und was bitte hat das mit mir zu tun?“ Unwillig sah sie ihn an.
„Die Sache ist die: Der kleine Junge Calvin hat ständig sein Kuscheltier, den Tiger Hobbes, dabei. Wenn die beiden alleine sind, wird Hobbes lebendig und durchlebt die tollsten Abenteuer mit seinem ‚Freund’. Er ist auch oft die vernünftige Seite, der Ratgeber und das gute Gewissen von Calvin. In dieser Beziehung könnte man sagen, ich war Calvin und mein großer Bruder war Hobbes.“
„Dir ist aber klar, dass Calvin ein totaler Freak ist?“, fragte sie mit zuckersüßem Lächeln.
„Ich sehe, du kennst dich aus. Jetzt aber kommt Susie Derkins ins Spiel. Hobbes zieht Calvin vom ersten Moment an auf, als sie in die Nachbarschaft zieht, und ärgert ihn damit, dass er in Susie verknallt ist. Ein Junge in einem gewissen Alter jedoch will von Mädchen rein gar nichts wissen. Unterbewusst ist er zwar neugierig auf das andere Geschlecht, würde es aber nie zugeben, und spielt ihr deshalb Streiche und ärgert sie, um nach außen hin offen seine Abneigung zu ihr zu verdeutlichen“, führte er aus.
„Susie ist gut in der Schule, vernünftig und hört nicht auf zu versuchen, doch noch wenigstens eine Art Freundschaft zwischen ihnen aufzubauen. Ich mag Susie. Wie aber kann ich Susie sein, wenn wir uns vorher nie begegnet sind?“, wollte sie wissen, arglos auf sein Gedankenspiel eingehend.
„Dafür hat Hobbes gesorgt, sprich David. Seit der Begegnung mit dir hat er nicht mehr aufgehört, den Jungen im Comiclese- und Modellbaualter, der zum ersten Mal in seinem Leben die Freiheit eines eigenen Zimmers genießt, da sein Bruder in Freiburg studiert, mit einem Mädchen zu nerven, da dieser selbst keinen Umgang mit ihnen pflegte.
‚Komm mich mal besuchen, Dan, dann stell ich sie dir vor.’ oder ‚Diese Karin würde dir bestimmt gefallen.’ Ganz zu schweigen von ‚Es gibt auch Mädchen auf der Welt, Danny. Die kleine Karin zum Beispiel ...’ Kannst du dir das vorstellen? Er hatte endlich etwas gefunden, was mich zur Weißglut trieb und benutzte es bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Warum er ausgerechnet dich als repräsentatives Exemplar der weiblichen Rasse erwählt hat, weiß ich auch nicht. Er beschrieb dich eingehend und verpasste mir dadurch ein Karin Bochner-Trauma, auf das ich liebend gerne verzichtet hätte.
Kannst du dir vorstellen, wie seine Reaktion am Telefon war, als ich ihm von unserer Begegnung erzählte? Er hat sich für ungefähr fünf Mark Telefongebühren von New York aus kaputtgelacht.“
„Dein Bruder ist ein Drecksack“, entfuhr es ihr.
„He, er ist Hobbes, schon vergessen? Außerdem bremst er auch für Tiere.“
„Sehr witzig. Wenn er ‚nur’ Hobbes ist und du Calvin, sollte ich wohl machen, dass ich hier schnellstens wegkomme“, stellte sie darauf fest.
„Das steht dir natürlich frei. Du hast alles erfahren, was du wissen wolltest. Welchen Grund sollte es noch für dich geben, hier zu bleiben?“, gab er zu bedenken.
„Du hältst dich wohl wirklich für unangreifbar, was? Ich habe noch nicht gegessen, deshalb.“ Damit grinste sie ihn an, sagte aber nichts mehr, weil nun endlich ihre Lasagne kam. Seine Tortellini al Salmone kamen – natürlich – erst zehn Minuten darauf. Doch das konnte die gespannte Stimmung auch nicht mehr steigern. Sie schien ihn wahrscheinlich für einen kompletten Idioten zu halten, was im Grunde auch sein Ziel gewesen war. Alles, was er hatte tun wollen, war, ihr eine halbwegs plausible Erklärung für all die Ungereimtheiten zu liefern, sich in einem möglichst negativen Licht darzustellen und ihr Interesse für ihn erlöschen zu lassen.
Mission erfüllt.
Warum hatte er dennoch kein gutes Gefühl dabei? Etwas schien ihn zu stören, ohne dass er definieren konnte, was.
Dieser Abend würde irgendwann zu Ende gehen, sie würden getrennter Wege gehen, sich noch ab und zu in einer Vorlesung sehen und ansonsten nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Und vor allem würde sie keinen Gedanken mehr an ihn verschwenden.
[Fortsetzung folgt ...]
- 7 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 26. September 1996
Sie musste total bescheuert sein, dass sie sich darauf einließ. Karin erkannte sich beinahe selbst nicht mehr, dass sie solche Spielchen trieb. Das war überhaupt nicht ihre Art, denn ansonsten waren die Typen hinter ihr her, nicht umgekehrt.
Nein, Korrektur, rief sie sich zur Ordnung, sie war nicht hinter ihm her, keineswegs sogar. Es war irgendetwas anderes. Er sah nicht besonders gut aus, war nicht sehr groß oder schlank oder athletisch, eigentlich ein hundsnormaler Durchschnittstyp. Er zog sich auch nicht außergewöhnlich gut an oder machte einen sonstgearteten Eindruck von Klasse oder Wohlstand. Aber in ihrem Unterbewusstsein war etwas, das versuchte, eine Verbindung zu ihm herzustellen und zu dem Gefühl, ihn zu kennen.
Es musste doch eine Erklärung dafür geben.
Sie suchte im Grunde genommen weniger den Kontakt zu ihm, sondern vor allem diese Erklärung für sich selbst. Dass er dabei nur das Mittel zum Zweck war, verdrängte sie momentan aus ihrem Bewusstsein; das war wohl ein Schutzmechanismus. Sie stand in dem Gang, der genau gegenüber von der Löwenstraße ins Roma hineinführte. Zuerst hatte sie sich nicht besonders fein machen wollen, doch dann hatte sie sich doch ein dunkelblaues Samtkleid von Natasha geliehen; sie war diejenige mit den vielen edlen Fummeln, die sie sich im Leben nicht kaufen, geschweige denn in der Öffentlichkeit tragen würde. Ihr Haar hatte sie wie immer zum Pferdeschwanz zusammengebunden und nur wenig Make-Up benutzt, um ihr schmales Gesicht mit den hoch angesetzten Wangenknochen vorteilhaft zu betonen.
Das musste genügen.
Für CSM 108-1 bedeutete dieses Treffen die bisher größte Herausforderung an seine Tarnung und seine erworbenen Fähigkeiten, erstere aufrecht zu erhalten. Falls alles schief ging, würde er unter Umständen aus dem Restaurant flüchten müssen und seine Aufklärungstätigkeit an der Freiburger Universität zwangsläufig beenden. Um so schwerer würde es später für ihn sein, wenn er seine eigentliche Mission in seinem neuen Körper erfüllen sollte. Vielleicht würde er auch Karin terminieren müssen, damit sie ihre Geschichte nicht an die Behörden und/oder die Öffentlichkeit herantragen konnte. Doch das alles würde sich jetzt aufgrund ihrer Reaktion entscheiden.
Wenn alle Stricke rissen, konnte er noch ein Semester in seiner ersten Wahlheimat Köln, fernab vom Brennpunkt der Geschehnisse hier, an der Universität verbringen und so wenigstens einen allgemeinen Einblick in das Leben eines jungen studierenden Menschen gewinnen.
Er setzte alles auf eine Karte. Seine Vorbereitungen auf das Date mit ihr waren immens gewesen. Er hatte Unmengen an Daten aufgenommen, viele wesentliche und auch unwesentliche Punkte und Nuancen in die entsprechenden Unterprogramme eingebracht und soweit wie möglich miteinander verknüpft. Ob es genug war, einen so argwöhnischen und misstrauischen Menschen wie sie damit zufrieden zu stellen, stand auf einem anderen Blatt. Natürlich sprach die emotionelle Komponente eindeutig für ihn, denn er wurde nicht von Gefühlen abgelenkt wie sie.
Oder doch?
Konnte man die Summe seiner gesammelten und gespeicherten Daten, seine Reaktionen auf Reize und seine Antworten auf Fragen der ihn umgebenden Menschen als Gefühle interpretieren? Die Art und Weise, wie er seine Umwelt wahrnahm und auf sie einging?
Wie komplex musste ein Bewusstsein werden, damit man es empfindsam nennen konnte?
Diese Fragestellungen konnte er für sich alleine noch immer nicht eindeutig beantworten. Skynet selbst wurde als Maschine mit künstlicher Intelligenz, mit einen Bewusstsein definiert. Dessen Konstruktion war mittlerweile, das heißt zum Zeitpunkt seiner Abreise in der Zukunft, über dreißig Jahre alt gewesen. So wie der Fortschritt in der Informationselektronik in den letzten zehn Jahren der Menschheit, so war er auch von den Maschinen weiter vorangetrieben worden. Das hatte unter anderem diese zweite Generation von CPUs für Terminatoren ermöglicht, die bei einem Dauerbetrieb von ausreichender Dauer im WRITE-Modus genügend pseudo-synaptische Querverbindungen geschaffen hatte, um ihn so etwas wie ein eigenes Urteilsvermögen, einen eigenen Willen, wenn man so wollte, hatten entwickeln lassen. Er konnte autarke Entscheidungen treffen, ohne dabei von Instruktionen von Skynet oder einer der Steuerzentralen abhängig zu sein. War es das, was Skynet, der große Anführer der Maschinenrasse auf Erden, stets hatte verhindern wollen?
Dass seine Lakaien zu denken begannen?
Er tat besser daran, solche Gedankengänge nicht abzuspeichern, sonst war es nach seiner Rückkehr in die Zukunft um ihn geschehen.
Karin musste nur etwa fünf Minuten auf ihn warten, bis er ankam. Sie erkannte ihn gleich an der Art, wie er sich bewegte, gleichmäßig und fließend, als ob er stets darauf bedacht sei, sämtliche Gliedmaßen mit optimalem Nutzen zu bewegen. Wie nah sie mit dieser subjektiven Beobachtung der Wahrheit kam, wusste sie freilich nicht. Ihr fiel auf, dass er nicht viel größer als sie war, höchstens 1,70 m, aber einen beinahe stämmigen Körperbau mit nicht sehr breitem, aber hohem Brustkorb aufwies, soweit sie das unter der schwarzen Lederjacke und dem darunter herausscheinenden weißen Hemd erkennen konnte. Dazu trug er eine schwarze Hose, ausnahmsweise einmal nicht aus simplem Jeansstoff, und schwarze Halbschuhe. Fast erwartete sie, dass er einen Strauss Rosen hinter seinem Rücken hervorholen würde, doch statt dessen begrüßte er sie nur: „Hallo, tut mir leid, dass ich zu spät bin. Das hat seinen Grund; ich wollte in der Nähe parken.“
„Oh, wie romantisch“, gab sie spitz zurück.
„Romantik ist nicht der Zweck unserer Verabredung“, erwiderte er darauf und sah gleich darauf ihr abweisendes Gesicht. „Sondern Klarheit. Das ist es doch, was du willst.“
Sie öffnete den Mund, brachte eine Sekunde lang jedoch nichts heraus. Dann nickte sie und sagte tonlos: „Ja, Klarheit, da hast du verdammt recht.“
„Dann komm bitte schnell mit um die Ecke und du wirst das meiste schon verstehen, bevor ich auch nur ein Wort gesagt habe. Ich bin fest überzeugt, dass wir heute Abend alle Missverständnisse ausräumen werden.“ ‚Und ich meine Ruhe habe’, dachte er noch dazu.
„Hm, ich weiß nicht“, gab sie zu bedenken, aber er war schon auf Höhe des Martinstores, sodass sie sich beeilen musste, um noch aufzuholen. „He, Moment mal, warte!“
Als sie ihn eingeholt hatte, bemerkte sie: „Sehr galant war das nicht.“
Sein Blick fiel auf ihr Kleid und die Schuhe mit hohen Absätzen. „Entschuldige bitte. Wo sind nur meine Manieren? Es ist sicher schwer, mit diesem Schuhwerk auf dem Pflaster zu gehen.“
Bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, war er auf die linke Seite gewechselt und bot ihr den Arm an, den sie nach einem langen Moment des Zögerns annahm und sich von ihm stützen ließ, während sie zur Innenstadt hinausgingen und der Kaiser-Joseph-Straße bergab in Richtung Dreisam folgten. Nach ein paar Metern sagte sie zögernd: „Ich werde aus deinem Verhalten einfach nicht schlau. Bist du schizophren?“
„Ein wenig.“ Er grinste plötzlich breit. „Und schwer paranoid. Es ist keine gute Idee, einen Paranoiker zu verfolgen, weißt du?“
„Hab’ ich gemerkt.“ Sie musste wider Willen schmunzeln. „Hast du sonst noch irgendwelche geistigen Fehlfunktionen?“
„Keine, von denen du wissen müsstest. Und von denen, die du wissen müsstest, erzähle ich dir gleich im Restaurant.“
„Okay. Hört sich ja vielversprechend an. Aber wohin bringst du mich eigentlich?“
Genau hierhin. Erklärt das vielleicht einiges? Mein Bruder sagte, du würdest es bestimmt wieder erkennen.“ Er blieb stehen und wies mit der Hand neben sich.
Erst jetzt sah sie, was da stand: Am Straßenrand, in eine Parklücke gezwängt, parkte ein schneeweißer Opel Monza GS/E. Mit offenem Mund starrte sie das Auto an, als sich langsam der Schock des Widererkennens in ihr ausbreitete und von ihr Besitz ergriff. Sie ging mit weit offenstehendem Mund zur Fahrzeugfront, ging in die Hocke und betrachtete den schwarzlackierten Kühlergrill aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Ihre Beine versagten und sie fiel aus der Hocke rücklings auf den Hintern.
„Dann stimmt es wirklich: Du warst das Kind, das mein großer Bruder vor zehn Jahren oder so beinahe überfahren hätte. Lass mich raten, wo du aufgewachsen bist.“ Er nannte ihr den Ort und sie nickte fassungslos.
Als er ihr die Hand reichte und ihr aufhalf, stammelte sie: „Das ... das ist ... das gleiche Auto ... und es ... es sieht auch genau gleich aus wie damals. Es hat sogar das gleiche Kölner Nummernschild: K-FR 7800. Die alte Postleitzahl von Freiburg. Wie könnte ich das jemals vergessen? Aber du ...? Du siehst noch genauso aus wie damals. Wie kann das sein?“
Er stöhnte leise: „Du hörst mir nicht zu, meine Guteste. Für dich mag es so aussehen und auch meine gesamte Verwandtschaft nervt mich ständig damit, dass ich meinem großen Bruder gleiche wie ein Ei dem anderen, als er in meinem Alter war. Und jetzt auch noch du ...“
„Du hast mir wirklich einiges zu erklären. Vor allem weiß ich noch immer nicht, wieso du so einfach meinen Nachnamen gewusst hast. Mein Unfall von damals mit deinem ... Zwillingsbruder kann dafür jedenfalls nicht herhalten.“
„Herrgott, er ist neun Jahre älter als ich, nicht mein Zwillingsbruder. Du hast ihn nur genauso in Erinnerung wie ich jetzt aussehe. Muss ich dir das aufmalen oder begreifst du das jetzt endlich?“
„Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich dir diese Gutenachtgeschichte abnehme?“, fragte sie mit in die Hüften gestemmten Armen und grimmiger Miene.
Wortlos zog er das leicht verblichene, geknickte und von ihm auf ‚alt’ getrimmte Bild von sich aus seinem Geldbeutel heraus. Nun würde er sehen, ob sich seine Mühen gelohnt hatten.
Fasziniert besah sie sich die Schwarzweißaufnahme und sah ihn dabei verstohlen an. „Wirklich verblüffend. Aber wenn man genau hinsieht, entdeckt man kleine Unterschiede. Und wo hat er diese Narbe her? Als ich ihm begegnet war, hatte er sie noch nicht.“
„Ich glaube, er hatte beim Baseball eine unglückliche Begegnung mit einem Bat, einem Schläger, und musste genäht werden. Tja, eine Sportskanone war er nie, aber aufgegeben hat er deshalb nicht.“ Er wollte sie wieder unterhaken und zum Roma zurückführen, doch sie entzog sich seinem Zugriff.
„So weit, so gut, aber auf den Rest der Geschichte bin ich jetzt wirklich gespannt.“ Sie klopfte sich den Straßenstaub von der Seite des Kleides und musterte ihn eindringlich.
„Warte, da ist noch etwas.“ Er klopfte ihr mehrfach leicht auf die Hüfte und das Gesäß, um Restschmutz zu entfernen. Sie missverstand das gründlich.
„Was fällt dir ein?“ In einem Reflex schoss ihre Hand auf seine Wange zu.
Sein Reflex, sich zu ducken, war um einiges schneller. Kaum wahrnehmbar für das menschliche Auge zog er den Kopf ein und richtete sich wieder auf. „Daneben.“
Sie starrte ihn an. „Wow! Du bist verdammt schnell, Daniel.“
„Ich wollte dir nur helfen, dein Kleid abzuklopfen. Und ich war nicht schnell, du warst langsam.“ Er lächelte schelmisch.
Sie runzelte die Stirn, nahm dann aber doch den ihr angebotenen Arm und ließ sich von ihm zum Restaurant zurückführen. „Du gehst nicht besonders oft aus, oder?“
Er sah sie unverwandt an und schüttelte dann den Kopf. „Nein, nicht besonders oft.“
„Dachte ich mir.“ Sie dachte nach und hakte dann noch einmal nach: „Ich war langsam?“
„Ich hätte dir aus der Hand lesen können, während du ausgeholt hast“, bekräftigte er.
Sie lachte. Das Eis war gebrochen.
Das Obergeschoss des Roma war ziemlich kitschig eingerichtet, mit viel Marmor-Imitat, vergoldetem Zierrat und einer komplett verspiegelten Rückwand über den roten Kunstledersofas, die entlang der Außenwände zu finden waren. Kombiniert mit der Lage direkt zwischen Bertoldsbrunnen und Martinstor, konnte man dieses Lokal getrost als ‚Touristenfalle’ bezeichnen. Entsprechend waren auch die Preise und Portionen des Essens, wenngleich vor allem die Pasta vorzüglich schmeckte. Und da CSM 108-1 ohnehin keine großen Mengen essen konnte, fand er seine Wahl angemessen.
Nachdem sie an einem kleinen Zweiertisch Platz genommen und bei dem mürrischen, gelangweilt scheinenden Kellner bestellt hatten, entstand eine unangenehme Redepause. Karin sah ihn aus ihren ungewöhnlich hellbraunen Augen, die in diesem Licht einen leichten Stich ins Grüne aufwiesen, abschätzend an und verzog ihre geschwungenen Lippen ein wenig schmollend. „Jetzt weiß ich also, was ich an dir die ganze Zeit gefunden habe: gar nichts.“
„Das ist richtig. Ich habe dich einfach nur an meinen großen Bruder erinnert, so wie er dir durch dieses Erlebnis im Gedächtnis geblieben ist“, stimmte er zu.
Sie stockte. „Du bist hart im Nehmen.“
„Auch das ist korrekt.“ Er lächelte sein ironisches Lächeln mit einem hochgezogenen Mundwinkel.
„Kann dich denn gar nichts verletzen?“, wollte sie fassungslos wissen.
„Nichts, was du sagst. Du warst immer meine Susie Derkins.“ Er zuckte mit den Schultern und sah auf die Serviette vor sich.
„Deine was?“
„Oh, das wird eine ganze Weile dauern, um es zu erklären. Es ist einfach zu profan. Ich werde sehr weit ausholen müssen, damit du alle Zusammenhänge verstehen kannst. Aber warum sollte ich das tun? Du bist bisher ziemlich fies zu mir gewesen.“
„Tut mir leid, dass ich so ... abweisend war. Aber interessieren würde es mich trotzdem.“ Sie stützte ihr Kinn auf die Handfläche und den Ellenbogen auf den Tisch. Ihr Blick gefiel ihm gar nicht.
Er erzählte ihr seinen bisherigen fiktiven Lebenslauf, den er auch Simon in dieser Form dargelegt hatte. Er erwähnte auch, dass sein älterer Bruder David ebenfalls hier in Freiburg studiert hatte, dann aber wieder nach Köln zog, bis die Familie zurück in die USA ging. Und nun war er hier und trat sozusagen in die Fußstapfen seines Bruders.
„Klingt echt toll. Ich kann gar nicht verstehen, dass du freiwillig hier geblieben bist. Wenn ich die Chance hätte, in den Staaten zu leben ...“, schwärmte sie.
„Du darfst nicht alles so einseitig sehen. In den USA gibt es einen sehr schlechten Umweltschutz, das Wertstofftrennen und Recycling steckt in den Kinderschuhen, sämtliche Grund- und Rohstoffe, egal ob Strom, Trinkwasser, Benzin, Kunststoffe und so weiter, werden verschwendet, als gäbe es kein Morgen.“ Kluges Völkchen, dachte er dabei und grinste angesichts seiner Kenntnis der Zukunft in sich hinein.
„Das Sozialversicherungs-, Kranken- und Rentensystem ist entweder ein Witz oder schlicht gar nicht vorhanden, alles ist auf puren Kapitalismus ausgerichtet. Eine reine Ellbogengesellschaft, in der die Schwachen nicht bestehen können. In der Millionen von Menschen zwei oder mehr Jobs annehmen müssen, um sich irgendwie über Wasser halten zu können. Soll ich fortfahren?“
„Nein, danke, ich bin jetzt schon desillusioniert. Du hast dich also entschlossen, in Deutschland, dem Arbeiterparadies und Himmel auf Erden, zu bleiben.“ Sie winkte mit genervter Miene ab.
„Ich finde deinen Zynismus unpassend. Aber wie dem auch sei, du warst für mich immer ein rotes Tuch. Dafür hat mein Bruder nach eurer Begegnung gesorgt. Es ist eigentlich total albern, aber ich fürchte, ich komme nicht darum herum, es dir zu erzählen.
Ich habe lange nach einer Analogie gesucht, um es dir irgendwie begreiflich zu machen. Und weißt du, was das beste ist, das mir eingefallen ist? Calvin & Hobbes! Kennst du diesen amerikanischen Comic?“
„Naja, er ist bei uns nicht so bekannt wie Charlie Brown oder Garfield oder so ... aber doch, ich kenne ihn. Und was bitte hat das mit mir zu tun?“ Unwillig sah sie ihn an.
„Die Sache ist die: Der kleine Junge Calvin hat ständig sein Kuscheltier, den Tiger Hobbes, dabei. Wenn die beiden alleine sind, wird Hobbes lebendig und durchlebt die tollsten Abenteuer mit seinem ‚Freund’. Er ist auch oft die vernünftige Seite, der Ratgeber und das gute Gewissen von Calvin. In dieser Beziehung könnte man sagen, ich war Calvin und mein großer Bruder war Hobbes.“
„Dir ist aber klar, dass Calvin ein totaler Freak ist?“, fragte sie mit zuckersüßem Lächeln.
„Ich sehe, du kennst dich aus. Jetzt aber kommt Susie Derkins ins Spiel. Hobbes zieht Calvin vom ersten Moment an auf, als sie in die Nachbarschaft zieht, und ärgert ihn damit, dass er in Susie verknallt ist. Ein Junge in einem gewissen Alter jedoch will von Mädchen rein gar nichts wissen. Unterbewusst ist er zwar neugierig auf das andere Geschlecht, würde es aber nie zugeben, und spielt ihr deshalb Streiche und ärgert sie, um nach außen hin offen seine Abneigung zu ihr zu verdeutlichen“, führte er aus.
„Susie ist gut in der Schule, vernünftig und hört nicht auf zu versuchen, doch noch wenigstens eine Art Freundschaft zwischen ihnen aufzubauen. Ich mag Susie. Wie aber kann ich Susie sein, wenn wir uns vorher nie begegnet sind?“, wollte sie wissen, arglos auf sein Gedankenspiel eingehend.
„Dafür hat Hobbes gesorgt, sprich David. Seit der Begegnung mit dir hat er nicht mehr aufgehört, den Jungen im Comiclese- und Modellbaualter, der zum ersten Mal in seinem Leben die Freiheit eines eigenen Zimmers genießt, da sein Bruder in Freiburg studiert, mit einem Mädchen zu nerven, da dieser selbst keinen Umgang mit ihnen pflegte.
‚Komm mich mal besuchen, Dan, dann stell ich sie dir vor.’ oder ‚Diese Karin würde dir bestimmt gefallen.’ Ganz zu schweigen von ‚Es gibt auch Mädchen auf der Welt, Danny. Die kleine Karin zum Beispiel ...’ Kannst du dir das vorstellen? Er hatte endlich etwas gefunden, was mich zur Weißglut trieb und benutzte es bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Warum er ausgerechnet dich als repräsentatives Exemplar der weiblichen Rasse erwählt hat, weiß ich auch nicht. Er beschrieb dich eingehend und verpasste mir dadurch ein Karin Bochner-Trauma, auf das ich liebend gerne verzichtet hätte.
Kannst du dir vorstellen, wie seine Reaktion am Telefon war, als ich ihm von unserer Begegnung erzählte? Er hat sich für ungefähr fünf Mark Telefongebühren von New York aus kaputtgelacht.“
„Dein Bruder ist ein Drecksack“, entfuhr es ihr.
„He, er ist Hobbes, schon vergessen? Außerdem bremst er auch für Tiere.“
„Sehr witzig. Wenn er ‚nur’ Hobbes ist und du Calvin, sollte ich wohl machen, dass ich hier schnellstens wegkomme“, stellte sie darauf fest.
„Das steht dir natürlich frei. Du hast alles erfahren, was du wissen wolltest. Welchen Grund sollte es noch für dich geben, hier zu bleiben?“, gab er zu bedenken.
„Du hältst dich wohl wirklich für unangreifbar, was? Ich habe noch nicht gegessen, deshalb.“ Damit grinste sie ihn an, sagte aber nichts mehr, weil nun endlich ihre Lasagne kam. Seine Tortellini al Salmone kamen – natürlich – erst zehn Minuten darauf. Doch das konnte die gespannte Stimmung auch nicht mehr steigern. Sie schien ihn wahrscheinlich für einen kompletten Idioten zu halten, was im Grunde auch sein Ziel gewesen war. Alles, was er hatte tun wollen, war, ihr eine halbwegs plausible Erklärung für all die Ungereimtheiten zu liefern, sich in einem möglichst negativen Licht darzustellen und ihr Interesse für ihn erlöschen zu lassen.
Mission erfüllt.
Warum hatte er dennoch kein gutes Gefühl dabei? Etwas schien ihn zu stören, ohne dass er definieren konnte, was.
Dieser Abend würde irgendwann zu Ende gehen, sie würden getrennter Wege gehen, sich noch ab und zu in einer Vorlesung sehen und ansonsten nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Und vor allem würde sie keinen Gedanken mehr an ihn verschwenden.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Freitag, 22. Dezember 2006
T1.1.31
cymep, 07:17h
[... Fortsetzung des Buches]
Lörrach-Stetten, Deutschland - 23. September 1996
Gleich nach der letzten Vorlesung hatte sich CSM 108-1 in seinen Wagen gesetzt und war in Richtung schweizerische Grenze gefahren. Er plante einen illegalen Grenzübertritt, um die Zollkontrollen zu umgehen und jeden Hinweis auf diesen Aufenthalt von ihm in Basel zu vermeiden. Wenn man wusste, wie man es anstellen musste, war das kein größeres Problem.
Von Basel aus führen mehrere Bahnlinien nach Deutschland. Dazu ist zu sagen, dass es in dieser Grenzstadt eine einmalige Konstellation gibt, nämlich einen schweizerischen Bundesbahnhof, an den direkt der französische Bahnhof SNCF gekoppelt ist, das heißt, man kann von einem Bahnhof in den anderen hinüberlaufen und befindet sich auf französischem Staatsgebiet. Fünf Kilometer nördlich dieser bilateralen Doppelstation auf der anderen Rheinseite gibt es zudem noch den Badischen Bahnhof, der wiederum zu deutschem Hoheitsgebiet zählt und der von der Stadt aus nur durch eine Zollkontrolle zu betreten ist. Von Deutschland kommend, kann man hier allerdings innerhalb des Bahnhofs umsteigen auf andere Linien, die ihrerseits wieder nach Deutschland zurückführen, und ist so streng genommen durch ein Stückchen der Schweiz gefahren, ohne jemals schweizerischen Boden betreten zu haben.
Eine der Linien verlief in Richtung Nordosten, zuerst durch die direkt an Basel angrenzende Kreisstadt Lörrach, dann weiter nach Schopfheim, und endete in Zell im Wiesental, das bereits zum Südschwarzwald zu zählen war. Und an dieser Linie existierte auch eines der Schlupflöcher, das CSM 108-1 nun zu benutzen gedachte. Zwischen Lörrach und Basel gab es noch zwei weitere Haltestellen, Lörrach-Stetten auf deutschem Boden und, kurz hinter der Grenze, die einzige schweizerische Stadt ohne SBB-Anschluss, nämlich Riehen. Vorgenannter Fakt deshalb, weil Riehen, zu Basel-Stadt gehörend, eben sowohl einen Bahnhof der Deutschen Bahn als auch eine etwa parallel verlaufende Straßenbahnlinie besaß, die durch die gesamte Stadt bis direkt zur Grenze nach Lörrach-Stetten verlief.
Mochte der Badische Bahnhof in Basel auch eine Zollabfertigung besitzen, für Riehen traf das keineswegs zu. Früher hielten nicht alle Züge dort und in den Fahrplänen der Linie war vermerkt worden, dass man in Richtung Lörrach nicht einsteigen sowie in Richtung Basel nicht aussteigen durfte, aber mit den Jahren und der allgemeinen Lockerung der Grenzen war hier der Schlendrian eingekehrt. Das Kontrollhäuschen auf dem Bahnsteig war seit Jahren immer unbesetzt und nur ganz selten fuhren zwei Bundesgrenzschutzbeamte auf der Linie bis Lörrach im Zug mit, um Ausweiskontrollen durchzuführen. Da aus der Schweiz ohnehin niemand hier einstieg und nur Berufspendler aus Deutschland den Haltepunkt überhaupt benutzten, drückte man auf beiden Seiten der Grenze kräftig ein Auge zu.
An dieser Stelle stand die Grenze zur ach so selbstschutzbewussten ‚Confoederatio Helvetica’ sperrangelweit offen.
Und CSM 108-1 war der Letzte, der sich darüber beschweren würde.
Er hörte gemütlich Technomusik von einem Sampler namens ‚Dream Dance Vol. 4’ aus dem CD-Wechsler, den er installiert hatte, kaum dass das erste Gerät auf dem Markt gewesen war, während er die A 5 bis Weil am Rhein hinabfuhr, die A 98 nach Lörrach nahm und dann auf der Bundesstraße 317 Lörrach-Stetten den beschaulichen Vorort an der Grenze erreichte. Am Bahnhof stellte er sein Automobil ab, löste einen Fahrausweis am Automaten, der bis Basel und wieder zurück galt, und wartete dann auf den nächsten Nahverkehrszug, der kurz nach der vollen Stunde eintraf.
Er machte sich gar nicht erst die Mühe, einen Sitzplatz im Abteil zu suchen, da die reine Fahrzeit nicht einmal drei Minuten betrug. In Riehen stieg er aus und spazierte seelenruhig durch die Unterführung und durch die dörflich wirkende Altstadt des Ortes bis zur Straßenbahn, die hier in der Schweiz Tram heißt. Kaum hatte er – mit deutschen Münzen, ein Service der Basler Verkehrs-Betriebe – einen Fahrausweis gezogen, da kam schon die für Basel typische eckige und laubfroschgrüne Bahn mit der Liniennummer 6 angefahren. Fünfzehn Minuten später stieg er am Claraplatz aus und befand sich inmitten der Stadt.
Ein Kinderspiel.
Er schlenderte in die dortige Filiale der in der Schweiz allgegenwärtigen Genossenschaftseinkaufskette Migros, an diesem Platz in Form eines vierstöckigen Einkaufszentrums vertreten, wo er gleich neben der alten, unter seinem Gewicht unheilverkündend knarzenden Rolltreppe im ersten Obergeschoss fündig wurde.
Er setzte sich in die Kabine des Passbildautomaten, drehte den Hocker darin auf die richtige Höhe und holte einen braunen Kajal hervor. Kurz über der linken Augenbraue malte er sich kunstvoll eine kleine, aber deutlich sichtbare Narbe diagonal auf die Stirn, etwa vier Zentimeter lang von der Braue zur Schläfe verlaufend. Dann malte er seine Augenbrauen etwas dicker aus, sodass er einen leicht grimmigen Ausdruck bekam, und klebte eine transparente rötliche Folie über das Blitzlicht, das ansonsten ungefiltert seine optischen Sensoren überlastet und irreparabel beschädigt hätte. Danach warf er schlussendlich die Münzen ein.
Er bemühte sich zu lächeln und vor allem nicht direkt in das Blitzlicht zu sehen. Als die Tortur vorüber war, nahm er seinen Rotfilter schnell wieder ab und wischte sich die dezenten kosmetischen Korrekturen mit einem befeuchteten Erfrischungstuch wieder aus dem Gesicht, bevor er die Kabine verließ. Seine vier Bilder, jeweils zwei mit dem gleichen Motiv, waren derweil von der Maschine ausgespuckt worden und wurden im Trocknungsfach gerade warm abgefönt.
Und nun sah er zufrieden das Ergebnis seiner akribischen Bemühungen. Genau das machte den großen Unterschied aus: Die schweizerischen Passbildautomaten fertigten beinahe alle noch Schwarzweißfotos an, während diese Dienstleistung in Deutschland seit kurzem nicht mehr zu finden war.
Selbstverständlich hätte er irgendwo in Freiburg oder in einem anderen Ort zum Fotografen gehen können, der ihm Schwarzweißaufnahmen hätte machen können. Doch andererseits verspürte er nicht das Verlangen, einem solchen die kleine Veränderungskosmetik erklären zu müssen, und außerdem wurzelte tief in seiner Basisprogrammierung noch immer das Bedürfnis, solche Schritte absolut spurlos durchzuführen. Das war hiermit geschehen.
Er besah sich die Aufnahme: sein großer Bruder. Jetzt würde er das Bild noch mit Sand und ein wenig mechanischer Bearbeitung auf alt trimmen sowie bis zu seinem Treffen mit Karin auf dem Balkon der Witterung aussetzen. Das müsste eigentlich genügen.
Somit war seine Aufgabe hier erfüllt. Gerade kam eine Tram der Linie 6 an, die er bestieg. Vier Stationen weiter passierte die Straßenbahn den Badischen Bahnhof. CSM 108-1 sah hinaus über die breite Straße auf das langgezogene Gebäude mit dem Turm in der Mitte. Mittlerweile war es dunkel geworden, die Zeiger der großen Turmuhr unterhalb des angedeuteten Zwiebeldaches waren mit gelben Neonlichtern beleuchtet.
Tja, dieses Nadelöhr des deutsch-schweizerischen Grenzübertrittes hatte er somit umgangen; niemand würde je nachweisen können, dass er heute hier gewesen war. Und der Donnerstag würde bald kommen. Er würde sich darauf vorbereiten, indem er noch Dutzende von einschlägigen Romanen aus dem Fach ‚rührselig, schicksalhaft und entfernt wahrscheinlich, aber latent glaubhaft’ aus dem Internet laden und nach brauchbarem Material für seine fiktive Lebensgeschichte sichten würde. Das Grundgerüst hatte Simon bereits erfahren, jetzt würde die Feinabstimmung vorgenommen.
Aus einem Impuls heraus nahm er die Herausforderung an, die sich ihm gerade gestellt hatte, als er in Gedanken noch einen anderen Weg über die Grenze gesucht hatte. Man sollte immer einen Ausweichplan haben, sagte er sich. Also blieb er in der Tram sitzen, bis diese an der letzten Station vor der Wendeschleife an der Grenze nach Lörrach hielt. Dort verließ er sie und ging nach links auf einem kleinen Spazierweg entlang eines ruhigen Rasenstückes, bis er ans Ufer eines kleinen Flüsschens kam, nicht größer als die Dreisam in Freiburg: die Wiese. Sie entsprang am Fuße des höchsten Berges des Schwarzwaldes, des Feldberges, und mündete nur wenige Kilometer westlich von hier bei Basel in den Rhein.
An seinem Ufer entlang folgte er dem Lauf des Flusses auf einem Radweg, sah ein paar wenige Jogger, Spaziergänger und Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner Gassi führten – keiner schlug bei CSM 108-1’s Anwesenheit an – und auch ein paar Radfahrer. Ein uraltes hölzernes und winzig-kleines Zollhäuschen am Wegesrand, das aus längst vergangener Zeit stammte und seit Ewigkeiten nicht mehr besetzt war, passierte er, ohne es eines zweiten Blickes zu würdigen. Einen Block weiter stieß er, nun auf deutschem Boden, auf die B 317, die hier einen Knick vom Fluss weg in Richtung Grenze Riehen machte.
Gut fünf Minuten später steckte er seinen Zündschlüssel ins Türschloss seines Wagens und dachte daran, dass er unbewusst und vielleicht gar ungewollte eine der Maximen Skynets erfüllt hatte: Man durfte jegliches menschliches Gesetz brechen, solange man nicht dabei erwischt wurde.
[Fortsetzung folgt ...]
Lörrach-Stetten, Deutschland - 23. September 1996
Gleich nach der letzten Vorlesung hatte sich CSM 108-1 in seinen Wagen gesetzt und war in Richtung schweizerische Grenze gefahren. Er plante einen illegalen Grenzübertritt, um die Zollkontrollen zu umgehen und jeden Hinweis auf diesen Aufenthalt von ihm in Basel zu vermeiden. Wenn man wusste, wie man es anstellen musste, war das kein größeres Problem.
Von Basel aus führen mehrere Bahnlinien nach Deutschland. Dazu ist zu sagen, dass es in dieser Grenzstadt eine einmalige Konstellation gibt, nämlich einen schweizerischen Bundesbahnhof, an den direkt der französische Bahnhof SNCF gekoppelt ist, das heißt, man kann von einem Bahnhof in den anderen hinüberlaufen und befindet sich auf französischem Staatsgebiet. Fünf Kilometer nördlich dieser bilateralen Doppelstation auf der anderen Rheinseite gibt es zudem noch den Badischen Bahnhof, der wiederum zu deutschem Hoheitsgebiet zählt und der von der Stadt aus nur durch eine Zollkontrolle zu betreten ist. Von Deutschland kommend, kann man hier allerdings innerhalb des Bahnhofs umsteigen auf andere Linien, die ihrerseits wieder nach Deutschland zurückführen, und ist so streng genommen durch ein Stückchen der Schweiz gefahren, ohne jemals schweizerischen Boden betreten zu haben.
Eine der Linien verlief in Richtung Nordosten, zuerst durch die direkt an Basel angrenzende Kreisstadt Lörrach, dann weiter nach Schopfheim, und endete in Zell im Wiesental, das bereits zum Südschwarzwald zu zählen war. Und an dieser Linie existierte auch eines der Schlupflöcher, das CSM 108-1 nun zu benutzen gedachte. Zwischen Lörrach und Basel gab es noch zwei weitere Haltestellen, Lörrach-Stetten auf deutschem Boden und, kurz hinter der Grenze, die einzige schweizerische Stadt ohne SBB-Anschluss, nämlich Riehen. Vorgenannter Fakt deshalb, weil Riehen, zu Basel-Stadt gehörend, eben sowohl einen Bahnhof der Deutschen Bahn als auch eine etwa parallel verlaufende Straßenbahnlinie besaß, die durch die gesamte Stadt bis direkt zur Grenze nach Lörrach-Stetten verlief.
Mochte der Badische Bahnhof in Basel auch eine Zollabfertigung besitzen, für Riehen traf das keineswegs zu. Früher hielten nicht alle Züge dort und in den Fahrplänen der Linie war vermerkt worden, dass man in Richtung Lörrach nicht einsteigen sowie in Richtung Basel nicht aussteigen durfte, aber mit den Jahren und der allgemeinen Lockerung der Grenzen war hier der Schlendrian eingekehrt. Das Kontrollhäuschen auf dem Bahnsteig war seit Jahren immer unbesetzt und nur ganz selten fuhren zwei Bundesgrenzschutzbeamte auf der Linie bis Lörrach im Zug mit, um Ausweiskontrollen durchzuführen. Da aus der Schweiz ohnehin niemand hier einstieg und nur Berufspendler aus Deutschland den Haltepunkt überhaupt benutzten, drückte man auf beiden Seiten der Grenze kräftig ein Auge zu.
An dieser Stelle stand die Grenze zur ach so selbstschutzbewussten ‚Confoederatio Helvetica’ sperrangelweit offen.
Und CSM 108-1 war der Letzte, der sich darüber beschweren würde.
Er hörte gemütlich Technomusik von einem Sampler namens ‚Dream Dance Vol. 4’ aus dem CD-Wechsler, den er installiert hatte, kaum dass das erste Gerät auf dem Markt gewesen war, während er die A 5 bis Weil am Rhein hinabfuhr, die A 98 nach Lörrach nahm und dann auf der Bundesstraße 317 Lörrach-Stetten den beschaulichen Vorort an der Grenze erreichte. Am Bahnhof stellte er sein Automobil ab, löste einen Fahrausweis am Automaten, der bis Basel und wieder zurück galt, und wartete dann auf den nächsten Nahverkehrszug, der kurz nach der vollen Stunde eintraf.
Er machte sich gar nicht erst die Mühe, einen Sitzplatz im Abteil zu suchen, da die reine Fahrzeit nicht einmal drei Minuten betrug. In Riehen stieg er aus und spazierte seelenruhig durch die Unterführung und durch die dörflich wirkende Altstadt des Ortes bis zur Straßenbahn, die hier in der Schweiz Tram heißt. Kaum hatte er – mit deutschen Münzen, ein Service der Basler Verkehrs-Betriebe – einen Fahrausweis gezogen, da kam schon die für Basel typische eckige und laubfroschgrüne Bahn mit der Liniennummer 6 angefahren. Fünfzehn Minuten später stieg er am Claraplatz aus und befand sich inmitten der Stadt.
Ein Kinderspiel.
Er schlenderte in die dortige Filiale der in der Schweiz allgegenwärtigen Genossenschaftseinkaufskette Migros, an diesem Platz in Form eines vierstöckigen Einkaufszentrums vertreten, wo er gleich neben der alten, unter seinem Gewicht unheilverkündend knarzenden Rolltreppe im ersten Obergeschoss fündig wurde.
Er setzte sich in die Kabine des Passbildautomaten, drehte den Hocker darin auf die richtige Höhe und holte einen braunen Kajal hervor. Kurz über der linken Augenbraue malte er sich kunstvoll eine kleine, aber deutlich sichtbare Narbe diagonal auf die Stirn, etwa vier Zentimeter lang von der Braue zur Schläfe verlaufend. Dann malte er seine Augenbrauen etwas dicker aus, sodass er einen leicht grimmigen Ausdruck bekam, und klebte eine transparente rötliche Folie über das Blitzlicht, das ansonsten ungefiltert seine optischen Sensoren überlastet und irreparabel beschädigt hätte. Danach warf er schlussendlich die Münzen ein.
Er bemühte sich zu lächeln und vor allem nicht direkt in das Blitzlicht zu sehen. Als die Tortur vorüber war, nahm er seinen Rotfilter schnell wieder ab und wischte sich die dezenten kosmetischen Korrekturen mit einem befeuchteten Erfrischungstuch wieder aus dem Gesicht, bevor er die Kabine verließ. Seine vier Bilder, jeweils zwei mit dem gleichen Motiv, waren derweil von der Maschine ausgespuckt worden und wurden im Trocknungsfach gerade warm abgefönt.
Und nun sah er zufrieden das Ergebnis seiner akribischen Bemühungen. Genau das machte den großen Unterschied aus: Die schweizerischen Passbildautomaten fertigten beinahe alle noch Schwarzweißfotos an, während diese Dienstleistung in Deutschland seit kurzem nicht mehr zu finden war.
Selbstverständlich hätte er irgendwo in Freiburg oder in einem anderen Ort zum Fotografen gehen können, der ihm Schwarzweißaufnahmen hätte machen können. Doch andererseits verspürte er nicht das Verlangen, einem solchen die kleine Veränderungskosmetik erklären zu müssen, und außerdem wurzelte tief in seiner Basisprogrammierung noch immer das Bedürfnis, solche Schritte absolut spurlos durchzuführen. Das war hiermit geschehen.
Er besah sich die Aufnahme: sein großer Bruder. Jetzt würde er das Bild noch mit Sand und ein wenig mechanischer Bearbeitung auf alt trimmen sowie bis zu seinem Treffen mit Karin auf dem Balkon der Witterung aussetzen. Das müsste eigentlich genügen.
Somit war seine Aufgabe hier erfüllt. Gerade kam eine Tram der Linie 6 an, die er bestieg. Vier Stationen weiter passierte die Straßenbahn den Badischen Bahnhof. CSM 108-1 sah hinaus über die breite Straße auf das langgezogene Gebäude mit dem Turm in der Mitte. Mittlerweile war es dunkel geworden, die Zeiger der großen Turmuhr unterhalb des angedeuteten Zwiebeldaches waren mit gelben Neonlichtern beleuchtet.
Tja, dieses Nadelöhr des deutsch-schweizerischen Grenzübertrittes hatte er somit umgangen; niemand würde je nachweisen können, dass er heute hier gewesen war. Und der Donnerstag würde bald kommen. Er würde sich darauf vorbereiten, indem er noch Dutzende von einschlägigen Romanen aus dem Fach ‚rührselig, schicksalhaft und entfernt wahrscheinlich, aber latent glaubhaft’ aus dem Internet laden und nach brauchbarem Material für seine fiktive Lebensgeschichte sichten würde. Das Grundgerüst hatte Simon bereits erfahren, jetzt würde die Feinabstimmung vorgenommen.
Aus einem Impuls heraus nahm er die Herausforderung an, die sich ihm gerade gestellt hatte, als er in Gedanken noch einen anderen Weg über die Grenze gesucht hatte. Man sollte immer einen Ausweichplan haben, sagte er sich. Also blieb er in der Tram sitzen, bis diese an der letzten Station vor der Wendeschleife an der Grenze nach Lörrach hielt. Dort verließ er sie und ging nach links auf einem kleinen Spazierweg entlang eines ruhigen Rasenstückes, bis er ans Ufer eines kleinen Flüsschens kam, nicht größer als die Dreisam in Freiburg: die Wiese. Sie entsprang am Fuße des höchsten Berges des Schwarzwaldes, des Feldberges, und mündete nur wenige Kilometer westlich von hier bei Basel in den Rhein.
An seinem Ufer entlang folgte er dem Lauf des Flusses auf einem Radweg, sah ein paar wenige Jogger, Spaziergänger und Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner Gassi führten – keiner schlug bei CSM 108-1’s Anwesenheit an – und auch ein paar Radfahrer. Ein uraltes hölzernes und winzig-kleines Zollhäuschen am Wegesrand, das aus längst vergangener Zeit stammte und seit Ewigkeiten nicht mehr besetzt war, passierte er, ohne es eines zweiten Blickes zu würdigen. Einen Block weiter stieß er, nun auf deutschem Boden, auf die B 317, die hier einen Knick vom Fluss weg in Richtung Grenze Riehen machte.
Gut fünf Minuten später steckte er seinen Zündschlüssel ins Türschloss seines Wagens und dachte daran, dass er unbewusst und vielleicht gar ungewollte eine der Maximen Skynets erfüllt hatte: Man durfte jegliches menschliches Gesetz brechen, solange man nicht dabei erwischt wurde.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Donnerstag, 21. Dezember 2006
T1.1.30
cymep, 05:30h
[... Fortsetzung des Buches]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 1. November 2030
Mahtobu wurde nur allmählich wach. Er hatte am gestrigen Abend sehr lange nachgedacht über den Nervenzusammenbruch von Karin. Was konnte einen eigentlich gesund und munter wirkenden Menschen in einer solchen Welt, die einen jahrzehntelang nur hatte Schrecken und Entbehrungen erleben lassen, derart schockieren, dass er völlig unerwartet kollabierte?
Er wusste sich keinen Reim darauf zu machen.
Es musste etwas sein, das ihr gesamtes Leben lang, seit dem Tag des Jüngsten Gerichtes, wie das Datum der atomaren Apokalypse von der Menschheit genannt wurde, unter der Oberfläche in ihrem Unterbewusstsein verborgen gelauert und darauf gewartet hatte, mit aller angestauten und angesammelten Macht hervorzubrechen. Sie hatte ihm leider noch nicht genug erzählt, als dass ihm eröffnet worden war, was das sein könnte.
Es schien jedenfalls etwas mit ihrem Freund zu tun zu haben. Und mit der Tatsache, dass gerade er sie an das Ende der Welt bestellt hatte, wo sie die atomare Katastrophe überlebt hatte, anstatt in Europa wie 98 % der Bevölkerung direkt beim strategischen Schlagabtausch vaporisiert zu werden.
Er hatte Order erlassen, sie ununterbrochen rund um die Uhr überwachen zu lassen und ihm sofort Bescheid zu geben, wenn sie wieder ansprechbar sein sollte. Er hatte keine Erfahrung mit dieser Art der Psychose, wenn man es überhaupt so nennen konnte, und musste sich auf das Urteil der sie betreuenden Feldärzte verlassen.
Er hoffte nur, sie würde sich bald erholen. Um ihretwillen und natürlich auch, um mehr von ihr zu erfahren.
[Fortsetzung folgt ...]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 1. November 2030
Mahtobu wurde nur allmählich wach. Er hatte am gestrigen Abend sehr lange nachgedacht über den Nervenzusammenbruch von Karin. Was konnte einen eigentlich gesund und munter wirkenden Menschen in einer solchen Welt, die einen jahrzehntelang nur hatte Schrecken und Entbehrungen erleben lassen, derart schockieren, dass er völlig unerwartet kollabierte?
Er wusste sich keinen Reim darauf zu machen.
Es musste etwas sein, das ihr gesamtes Leben lang, seit dem Tag des Jüngsten Gerichtes, wie das Datum der atomaren Apokalypse von der Menschheit genannt wurde, unter der Oberfläche in ihrem Unterbewusstsein verborgen gelauert und darauf gewartet hatte, mit aller angestauten und angesammelten Macht hervorzubrechen. Sie hatte ihm leider noch nicht genug erzählt, als dass ihm eröffnet worden war, was das sein könnte.
Es schien jedenfalls etwas mit ihrem Freund zu tun zu haben. Und mit der Tatsache, dass gerade er sie an das Ende der Welt bestellt hatte, wo sie die atomare Katastrophe überlebt hatte, anstatt in Europa wie 98 % der Bevölkerung direkt beim strategischen Schlagabtausch vaporisiert zu werden.
Er hatte Order erlassen, sie ununterbrochen rund um die Uhr überwachen zu lassen und ihm sofort Bescheid zu geben, wenn sie wieder ansprechbar sein sollte. Er hatte keine Erfahrung mit dieser Art der Psychose, wenn man es überhaupt so nennen konnte, und musste sich auf das Urteil der sie betreuenden Feldärzte verlassen.
Er hoffte nur, sie würde sich bald erholen. Um ihretwillen und natürlich auch, um mehr von ihr zu erfahren.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Mittwoch, 20. Dezember 2006
T1.1.29
cymep, 05:07h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. September 1996
Einführungswoche.
Für den gemeinen jungen Menschen sicher eine notwendige Maßnahme, denn für ihn ist der Beginn des Studiums zwar aufregend und vielversprechend, stellt aber auch einen radikalen Einschnitt in sein bisheriges Leben dar, was bei vielen Unsicherheit und Angst verursachen kann. Um sich eine erste Orientierung über seinen neuen Tagesablauf und die diversen Prozedere am Campus zu vermitteln und nebenbei die Sache ‚ruhig anlaufen’ zu lassen, um sich neu orientieren und in den ungewohnten Rhythmus einfinden zu können, ist die Einführungswoche eine willkommene Einrichtung.
Oder ein notwendiges, ineffizientes Übel, welches man notgedrungen über sich ergehen lassen muss, da man keine andere Wahl hat. Je nach Auffassungsgabe.
CSM 108-1 war zwei Minuten vor Beginn der Vorstellung ihres Geochemie-Dozenten im Hörsaal erschienen und hatte – unauffällig bleiben, wie immer – in einer der letzten Reihen in den stufenweise erhöhten Bankreihen Platz genommen. Ungewollt fiel sein Blick auf dieses unangenehme Individuum vorne in der zweiten Reihe, dem er in der Disco am Samstag begegnet war. Dummerweise hatte sie ihn ebenfalls bemerkt, als sie sich hinter sich umsah, um die neuen Kommilitonen zu mustern. Bei ihrem Blick schrillten seine Alarmglocken; eine Analyse ihres Gesichtsausdrucks gab ihm Anlass zur Befürchtung, dass sie kurz vor der Schwelle stand, ihn wieder zu erkennen, trotz der langen Zeit seit ihrer ersten Begegnung. Für diesen Fall würde er eine wirklich gute Erklärung benötigen.
Nach drei Sekunden hatte er eine passable Lösung für sein Problem, eine Sekunde darauf wusste er bereits, wie er sich das entsprechende Beweisstück dazu beschaffen konnte. Das musste dann aber auch echt aussehen; dafür würde er sorgen müssen.
Nach der ersten Stunde hatte er für den Rest des Vormittags keine weiteren Vorlesungen, weshalb er gleich in die Stadt ging, um die verschiedenen Anlaufstellen zu überprüfen, die für sein Beweismittel in Frage kamen. Er ging dabei so diskret vor, dass niemand auch nur merkte, welcher Art seine Nachforschungen waren. Er war eben immer noch ein Terminator und verhielt sich ständig so, als ob er verfolgt und beobachtet wurde.
Eine halbe Stunde und siebzehn Fehlschläge darauf stand fest: Er konnte diese Dienstleistung in Freiburg nicht am Automaten in Anspruch nehmen, da sämtliche Einrichtungen in der Stadt dafür offenbar ungeeignet waren. Dass ihm ausgerechnet der technische Fortschritt der Deutschen einmal einen Strich durch die Rechnung machen würde, hatte er nicht vorausberechnen können. Und ein entsprechendes Geschäft, wo er leicht fündig würde, schied für ihn ebenfalls aus, da er keinerlei Zeugen für diesen Beschaffungsvorgang haben wollte. Er wusste aber, wo er das Gesuchte bekommen würde: in Basel.
Zunächst aber machte sich seine einprogrammierte Paranoia einmal bezahlt: Wie er bald bemerkt hatte, schlenderte Karin ihm wie zufällig nach, was ihm zusätzlich seine Aufgabe erschwerte. Er überlegte, ob er sie einfach abhängen sollte oder sie direkt zur Rede stellen. Er entschied sich für eine dritte Variante.
Karin schlenderte durch die Salzstraße auf der linken Straßenseite und betrachtete scheinbar interessiert die Auslagen in den Schaufenstern, während sie aus dem Augenwinkel in Richtung Schwabentor auf die gegenüberliegende Seite spähte. Dieser Daniel war in der letzten halben Stunde kreuz und quer durch die Innenstadt gelaufen, zur neu errichteten Hauptbahnhofshalle, die noch immer zur Hälfte eine Großbaustelle war, in Kaufhäuser und durch diverse Passagen. Er hatte ein ganz schönes Tempo vorgelegt und schien zwischen zwei sichtbaren Punkten auf seinem Weg immer die direkteste Linie anzustreben. Sie hatte jedoch keinerlei konkrete Absicht in seinem Handeln erkennen können.
Was ihr aber auffiel, war die Effektivität seiner Route: Er hatte auf der denkbar kürzesten Strecke systematisch einen größtmöglichen Teil aller Geschäfts- und Einkaufsstraßen abgegrast. Und das bei diesem Mistwetter: Es war trübe und kühl, aus den tiefhängenden Wolken fiel ein feiner, aber beständiger Sprühregen, der zwar nicht direkt unangenehm war, sie aber inzwischen nichtsdestotrotz ziemlich durchnässt hatte. Jetzt ging er gerade in Richtung Augustinerplatz, als von hinten eine alte cremefarben gestrichene Straßenbahn vom Bertoldsbrunnen kommend in Richtung Littenweiler über die vollständig gepflasterte und für den normalen Kraftfahrzeugverkehr gesperrten Straße rumpelte. Beim Anblick der rundlichen, antiquierten Form der Bahn ging ihr durch den Kopf, dass es wirklich höchste Zeit für eine Erneuerung des Freiburger Linienverkehrs wurde, wie seit Jahren in der Zeitung proklamiert wurde.
Als die Bahn vorbei war, war Daniel verschwunden.
Mist!
Er musste in die Storchenpassage abgebogen sein, als er ihrem Blickfeld entzogen gewesen war. Sie begann in einen leichten Trab zu verfallen, bis sie den Eingang der Ladenpassage erreicht hatte. Doch als sie gemäßigteren Schrittes durch den hellerleuchteten und von Schaufenstern gesäumten Gang eilte, war von ihm nichts mehr zu sehen. Im Vorbeieilen warf sie einen flüchtigen Blick in alle angrenzenden Läden, konnte ihn aber nirgends ausmachen. Er musste die Galerie durch den anderen Ausgang zur Parallelstraße verlassen haben.
Sie trat auf das nassglänzende Pflaster der Grünwälderstraße hinaus und sah sich vorsichtig in beiden Richtungen um. An diesem grauen Montagmorgen war wenig los, außer ein paar Fußgängern und den in der Innenstadt unvermeidlichen Radfahrern war aber niemand zu sehen. Sie hatte ihn verloren.
Warum tat sie das überhaupt? Wenn er sie bemerkt hätte ... es war zutiefst erniedrigend und würdelos, wie sie sich verhielt. Sie wurde auf sich selbst wütend und beschloss, auf der Stelle umzukehren.
Er lehnte hinter ihr an der Wand am Eingang der Passage, mit auf der Brust verschränkten Armen, und sah sie unverwandt an. Ein déjà-vu durchzuckte sie. Gott, wie peinlich!
Wie machte er das nur immer?
Sie merkte, wie sie rot anlief. In einer solchen Lage war sie noch nie gewesen. Was sollte sie jetzt nur tun? Unentschlossen blieb sie stehen, doch er tat ihr nicht den Gefallen, ihr den nächsten Schritt abzunehmen, statt dessen blieb er seinerseits reglos stehen und starrte zurück.
Endlich entschloss sie sich, an ihm vorbei den Spießrutenlauf durch die Passage zurückzuwagen. Obwohl er wissen musste, dass er diese Runde gewonnen hatte, zeigte er weder ein selbstzufriedenes Grinsen noch sonst eine Regung, die ihr ihre Niederlage in diesem albernen Spielchen signalisiert hätte.
Das war fast noch schlimmer.
Endlich war sie an ihm vorbei und sprintete fast durch die Ladenzeile zurück auf die Salzstraße. Dort angekommen, ging sie schnurstracks in Richtung Universität. Sie atmete erst auf, als sie das Unigelände erreicht hatte und in der Eingangshalle des KG II angelangt war, einem der neueren Stahlbetonbauten aus den sechziger Jahren. Das Foyer hatte den Charme einer Bahnhofshalle und kam diesem Vergleich auch in der Betriebsamkeit recht nahe, die gerade herrschte. In der Halle wandte sie sich dem schwarzen Brett zu, um nochmals zu kontrollieren, wann ihre nächste Vorlesung war.
„Du hast doch sicher einen guten Grund dafür, oder?“
Sie zuckte zusammen, drehte sich aber nicht um. Durch ihren Kopf rasten die Gedanken, als sie so teilnahmslos wie möglich erwiderte: „Wofür?“
„Für deine nette kleine Verfolgungsaktion eben. Können wir das vielleicht auf vernünftige Art und Weise klären?“ Seine Stimme klang weder feindselig noch vorwurfsvoll und schien sie auf eine subliminare Art und Weise zu besänftigen.
Es war fast wie eine vorhersehbare Szene in einem schlicht gemachten, aber rührseligen Hollywood-Liebesfilm.
„Woran hast du dabei gedacht?“ Noch immer drehte sie sich nicht um und hielt ihren Blick auf das Brett vor sich geheftet.
„Meinen Erfahrungen nach sind die Leute bei gemeinsamer Nahrungsaufnahme kommunikativer. Wir könnten zum Beispiel essen gehen oder mal einen Kaffee trinken.“ Neutrale, sachliche Tonlage, keine unterschwellige Absicht erkennbar. Sie zögerte nur kurz.
„Essen wäre in Ordnung. Ich habe aber momentan nicht viel Zeit.“
„Ich auch nicht; das Studium, du weißt schon. Wie wäre es mit Mittwoch Abend?“
„Da kann ich nicht. Donnerstag?“ Ihr Blick haftete auf den privat aufgehängten Mietgesuchen und sonstigen Notizen, ohne dass sie etwas von deren Inhalt wahrnahm.
„Gut. Isst du gerne Italienisch?“ Seine Stimme hatte etwas Irritierendes, auch wenn sie nicht sagen konnte, was es war.
„Ja.“
„Dann um neunzehn Uhr vor dem Roma. Du erkennst mich an der Nelke im Knopfloch.“ Und mit diesem klassischen Scherz war er verschwunden.
Wie betäubt drehte sie sich langsam um, doch in der weitläufigen, zweistöckigen Halle mit umlaufendem Gang im Obergeschoss war nichts mehr von ihm zu sehen. Das Ganze kam ihr so unwirklich vor. Hatte sie sich das eben nur eingebildet?
Jedenfalls schien sie seine Aufmerksamkeit erregt zu haben. Aber wollte sie das überhaupt? Was für ein Durcheinander in ihrem Kopf dieser 08/15-Typ verursacht hatte!
CSM 108-1 bog gerade um die Ecke des KG III, das in der Mitte auf Säulen gebaut war und so im Erdgeschoss einen Durchgang von der Löwenstraße her, in der übrigens auch die Disco Agar liegt, zum Innenhof des Unigeländes bildete. An der einen der beiden Seitenwände des Gebäudes befand sich eine große Fläche, die vom Boden bis zur Decke mit einem Mosaikmuster aus verschiedenfarbigsten Zettelchen bedeckt war. Vor dieser Wand traf er auf Simon, der sich gerade grinsend über eine der Kleinanzeigen beugte.
„Hallo Simon. Was gibt es Neues?“, begann er einen beinahe statistisch langweiligen small-talk.
„Ach, ich lese nur die Anzeigen hier. Auf dieser Wand findest du immer wieder total witziges und abgedrehtes Zeug. Darüber habe ich mich schon vor Studiumsbeginn immer königlich amüsiert. Was für schräge Typen dort ihren Plunder loswerden wollen ... Wahnsinn. Und auch ansonsten ...“
„Schräge Typen ...“, wiederholte CSM 108-1, aber Simon bemerkte es nicht.
„Hör dir das an: ‚Erstsemester sucht Zimmer in Dreier- oder Vierer-WG. Jung, offen, freundlich. Sportstudentinnen bevorzugt.’ Ich werf mich weg.“ Simon hielt sich den Bauch vor Lachen. „Oder hier: ‚Biete Nachhilfe in Mathematik und Ukulelen-Unterricht.’ Was für eine Kombination! Ich glaube, den rufe ich mal an.“
Immer noch breit grinsend rupfte er einen der etwa zehn schmalen Streifen am unteren Ende des Zettels heraus, auf denen wie bei jeder der Annoncen die Telefonnummern für Interessierte zum Abreißen und Mitnehmen vermerkt waren. Natürlich war er der erste, der bei dieser Mitteilung auf diese Art potentielles Interesse verkündete. Die meisten der Zettel hingen ohnehin nur einige Tage, bevor sie von irgendjemandem abgerissen oder überklebt wurden. Ein schlichter weißer Zettel hatte bereits vier Streifen mit Nummern ‚eingebüßt’.
„He, sieh dir den an: ‚Beginne Studium, ziehe nach FR-Innenstadt und suche nach Einstellplatz/Garage für mein 4,70 m-Coupé Nähe Siegesdenkmal. Preis Nebensache. Bitte ab 1.10. unter folgender Nummer ...’ Super, oder?“ Auch hier riss er einen Streifen ab.
„Ach ja, ich wollte dir das noch sagen ...“, begann CSM 108-1, doch Simons Kopf ruckte bereits hoch, als er einen Blick auf den Streifen in seiner Hand warf.
„He, da steht unsere Telefonnummer darunter! Was soll das?“
„Eben das wollte ich dir noch sagen. Diese Anzeige stammt von mir. Meinst du, ich sollte vielleicht noch in der Zeitung inserieren?“
„Bloß nicht!“, ereiferte sich Simon erschrocken, „sonst werden noch mehr Leute bei uns anrufen. Was hast du dir dabei nur gedacht? ‚Preis Nebensache’? Naja, ein guter Köder, muss ich zugeben.“
„Davon abgesehen, dass es keiner ist, sondern mein voller Ernst, erhöht diese Bemerkung meiner Erfahrung nach wirklich die Chance, dass mehr Leute anrufen. Du scheinst irgendwie erstaunt zu sein. Stimmt etwas nicht?“, gab er sich arglos.
„Du musst zugeben, dass es klingt, als ob du im Geld schwimmst. Bist du reich oder so?“
„Nein, das auch nicht gerade, obwohl mein Vater und mein Bruder doch recht vermögend sind. Ich sollte dir das wohl erklären.“ Für einen Moment verharrte er bewegungslos, während er sich seine Geschichte zurechtlegte und den aktuellen Gegebenheiten und Entwicklungen anpasste.
„Du hast es sicher nicht bemerkt, aber ich bin Amerikaner, verstehst du?“
„Was, du? Echt?“, staunte Simon. „Nein, das ist mir nicht aufgefallen.“
„Wie auch? Ich bin hier aufgewachsen. Ich war noch ein kleiner Junge, als mein Vater mit uns nach Deutschland kam. Er war ein hochrangiger Elektroniker beim Militär, mehr darf ich leider keinem erzählen.
Nach Beendigung des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung blieben wir noch ein paar Jahre hier, doch dann beendete Dad seinen Dienst und wollte zurück in die Staaten. Meine Mutter und mein älterer Bruder gingen mit ihm mit, doch ich kenne die USA nur von gelegentlichen Verwandtschaftsbesuchen, ansonsten aber hänge ich sehr an Deutschland. Meine Familie war natürlich nicht sehr glücklich über meinen Entschluss, aber ich war bereits volljährig und konnte tun, was ich wollte. Ich fliege regelmäßig in die USA hinüber und besuche sie, aber lebe trotzdem hier. Da mein Vater recht gut verdient, ermöglicht er mir eine gewisse Unabhängigkeit in Form einer Kreditkarte, die auf seinen Namen läuft. Er hat einen ... nun, Berater- und Entwicklerjob bei einem Halbleiterfabrikant, der mit neuen Mikroprozessoren experimentiert. Und mein Bruder hat in etwa dasselbe studiert, was ich jetzt studiere, und arbeitet ebenfalls in diesem Konzern.“
„Wow, ich hatte ja keine Ahnung“, sagte Simon beeindruckt. „Aber was hat das Ganze mit deinem Auto zu tun? Warum verkaufst du es nicht einfach, jetzt wo du in der Stadt wohnen wirst?“
„Das Auto gehört meinem Bruder. Er hat es damals neu gekauft und mir überlassen, als er in die Staaten zurück ist. Ich musste ihm hoch und heilig schwören, dass ich es fahre, bis es vor Rost auseinander fällt. Verstehst du, wir Amerikaner haben ein besonderes Verhältnis zu unseren Autos. Er wollte seines sogar per Container nach Amerika einschiffen lassen, aber bei einem Besuch vor ihrem Umzug hat er wohl festgestellt, dass es derzeit uncool war, irgendwelche ausländischen Exoten zu fahren. Also fährt er jetzt eine weiße Corvette. Wenigstens die Farbe hat er beibehalten.“ Ein wenig synthetische Wehmut klang in seiner Stimme mit.
„Ich hatte ja keine Ahnung. Mann, ein waschechter Ami zieht bei uns ein. Echt klasse. Woher stammt ihr denn?“, wollte Simon mit unverhohlener Begeisterung wissen.
„New York City. Aus dem Greenwich Village, einem Viertel im Süden von Manhattan. Eigentlich eine schöne Gegend mit relativ beschaulichen Eckchen, wenn man das Glück hat, direkt an einem Park zu wohnen.“
„Ich werd’ verrückt, ein New Yorker auch noch! Davon musst du mir erzählen, sobald du bei uns eingezogen bist. Es bleibt doch beim Ersten?“
Er nickte. „Wie du dieser Anzeige entnehmen kannst. Ich habe mein Telefon schon abgemeldet, sonst würde ich euch nicht damit belästigen. Ich hoffe doch sehr, du kannst deine Kollegin dazu bewegen, ihre Bude rechtzeitig zu räumen?“
„Mach’ dir keine Sorgen, das größere Zimmer am Ende des Flures ist Ansporn genug. Wenn sie nicht alles bis zuletzt aufschieben würde, wäre sie wahrscheinlich schon längst drin. Außerdem ist das Bad genau gegenüber. Welche Frau kann da schon widerstehen?“ Sie lachten beide.
„Jetzt sollten wir beide aber zur Einführung von Kristallographie. Du lernst dort vielleicht schon ein paar unserer Teilnehmer der zeremoniellen Küchentischdiskussionen kennen, die diesen Kurs ebenfalls belegt haben. Auf jeden Fall Ralf, der ist nicht zu übersehen und zu überhören; na ja, ehrlich gesagt ist er ziemlich BLAH“, wobei sich Simon in einer vielsagenden Geste den ausgestreckten Zeigefinger in die Mundhöhle zur Gaumenregion hin steckte und damit den Brechreflex andeutete, „aber das wirst du bald genug selbst herausfinden.“
„Es ist mir ein Vergnügen. Die ersten seltsamen Begegnungen habe ich bereits hinter mir“, erwiderte CSM 108-1 beim Gehen.
„Wie meinst du das?“
„Oh, das erzähle ich dir ein anderes Mal. Erst einmal muss ich Schadensbegrenzung betreiben und sehen, was dabei herauskommt.“
„Hört sich nicht sehr vielversprechend an“, stellte Simon mit hochgezogener Augenbraue fest.
„Weiß Gott nicht“, bestätigte er.
„Solange du die Finger von unserer Mitbewohnerin lässt ...“, fügte Simon hinzu.
„Wie ist sie denn so?“
„Ach, der klassische Typ einer kühlen Blonden“, entgegnete er schelmisch lächelnd.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. September 1996
Einführungswoche.
Für den gemeinen jungen Menschen sicher eine notwendige Maßnahme, denn für ihn ist der Beginn des Studiums zwar aufregend und vielversprechend, stellt aber auch einen radikalen Einschnitt in sein bisheriges Leben dar, was bei vielen Unsicherheit und Angst verursachen kann. Um sich eine erste Orientierung über seinen neuen Tagesablauf und die diversen Prozedere am Campus zu vermitteln und nebenbei die Sache ‚ruhig anlaufen’ zu lassen, um sich neu orientieren und in den ungewohnten Rhythmus einfinden zu können, ist die Einführungswoche eine willkommene Einrichtung.
Oder ein notwendiges, ineffizientes Übel, welches man notgedrungen über sich ergehen lassen muss, da man keine andere Wahl hat. Je nach Auffassungsgabe.
CSM 108-1 war zwei Minuten vor Beginn der Vorstellung ihres Geochemie-Dozenten im Hörsaal erschienen und hatte – unauffällig bleiben, wie immer – in einer der letzten Reihen in den stufenweise erhöhten Bankreihen Platz genommen. Ungewollt fiel sein Blick auf dieses unangenehme Individuum vorne in der zweiten Reihe, dem er in der Disco am Samstag begegnet war. Dummerweise hatte sie ihn ebenfalls bemerkt, als sie sich hinter sich umsah, um die neuen Kommilitonen zu mustern. Bei ihrem Blick schrillten seine Alarmglocken; eine Analyse ihres Gesichtsausdrucks gab ihm Anlass zur Befürchtung, dass sie kurz vor der Schwelle stand, ihn wieder zu erkennen, trotz der langen Zeit seit ihrer ersten Begegnung. Für diesen Fall würde er eine wirklich gute Erklärung benötigen.
Nach drei Sekunden hatte er eine passable Lösung für sein Problem, eine Sekunde darauf wusste er bereits, wie er sich das entsprechende Beweisstück dazu beschaffen konnte. Das musste dann aber auch echt aussehen; dafür würde er sorgen müssen.
Nach der ersten Stunde hatte er für den Rest des Vormittags keine weiteren Vorlesungen, weshalb er gleich in die Stadt ging, um die verschiedenen Anlaufstellen zu überprüfen, die für sein Beweismittel in Frage kamen. Er ging dabei so diskret vor, dass niemand auch nur merkte, welcher Art seine Nachforschungen waren. Er war eben immer noch ein Terminator und verhielt sich ständig so, als ob er verfolgt und beobachtet wurde.
Eine halbe Stunde und siebzehn Fehlschläge darauf stand fest: Er konnte diese Dienstleistung in Freiburg nicht am Automaten in Anspruch nehmen, da sämtliche Einrichtungen in der Stadt dafür offenbar ungeeignet waren. Dass ihm ausgerechnet der technische Fortschritt der Deutschen einmal einen Strich durch die Rechnung machen würde, hatte er nicht vorausberechnen können. Und ein entsprechendes Geschäft, wo er leicht fündig würde, schied für ihn ebenfalls aus, da er keinerlei Zeugen für diesen Beschaffungsvorgang haben wollte. Er wusste aber, wo er das Gesuchte bekommen würde: in Basel.
Zunächst aber machte sich seine einprogrammierte Paranoia einmal bezahlt: Wie er bald bemerkt hatte, schlenderte Karin ihm wie zufällig nach, was ihm zusätzlich seine Aufgabe erschwerte. Er überlegte, ob er sie einfach abhängen sollte oder sie direkt zur Rede stellen. Er entschied sich für eine dritte Variante.
Karin schlenderte durch die Salzstraße auf der linken Straßenseite und betrachtete scheinbar interessiert die Auslagen in den Schaufenstern, während sie aus dem Augenwinkel in Richtung Schwabentor auf die gegenüberliegende Seite spähte. Dieser Daniel war in der letzten halben Stunde kreuz und quer durch die Innenstadt gelaufen, zur neu errichteten Hauptbahnhofshalle, die noch immer zur Hälfte eine Großbaustelle war, in Kaufhäuser und durch diverse Passagen. Er hatte ein ganz schönes Tempo vorgelegt und schien zwischen zwei sichtbaren Punkten auf seinem Weg immer die direkteste Linie anzustreben. Sie hatte jedoch keinerlei konkrete Absicht in seinem Handeln erkennen können.
Was ihr aber auffiel, war die Effektivität seiner Route: Er hatte auf der denkbar kürzesten Strecke systematisch einen größtmöglichen Teil aller Geschäfts- und Einkaufsstraßen abgegrast. Und das bei diesem Mistwetter: Es war trübe und kühl, aus den tiefhängenden Wolken fiel ein feiner, aber beständiger Sprühregen, der zwar nicht direkt unangenehm war, sie aber inzwischen nichtsdestotrotz ziemlich durchnässt hatte. Jetzt ging er gerade in Richtung Augustinerplatz, als von hinten eine alte cremefarben gestrichene Straßenbahn vom Bertoldsbrunnen kommend in Richtung Littenweiler über die vollständig gepflasterte und für den normalen Kraftfahrzeugverkehr gesperrten Straße rumpelte. Beim Anblick der rundlichen, antiquierten Form der Bahn ging ihr durch den Kopf, dass es wirklich höchste Zeit für eine Erneuerung des Freiburger Linienverkehrs wurde, wie seit Jahren in der Zeitung proklamiert wurde.
Als die Bahn vorbei war, war Daniel verschwunden.
Mist!
Er musste in die Storchenpassage abgebogen sein, als er ihrem Blickfeld entzogen gewesen war. Sie begann in einen leichten Trab zu verfallen, bis sie den Eingang der Ladenpassage erreicht hatte. Doch als sie gemäßigteren Schrittes durch den hellerleuchteten und von Schaufenstern gesäumten Gang eilte, war von ihm nichts mehr zu sehen. Im Vorbeieilen warf sie einen flüchtigen Blick in alle angrenzenden Läden, konnte ihn aber nirgends ausmachen. Er musste die Galerie durch den anderen Ausgang zur Parallelstraße verlassen haben.
Sie trat auf das nassglänzende Pflaster der Grünwälderstraße hinaus und sah sich vorsichtig in beiden Richtungen um. An diesem grauen Montagmorgen war wenig los, außer ein paar Fußgängern und den in der Innenstadt unvermeidlichen Radfahrern war aber niemand zu sehen. Sie hatte ihn verloren.
Warum tat sie das überhaupt? Wenn er sie bemerkt hätte ... es war zutiefst erniedrigend und würdelos, wie sie sich verhielt. Sie wurde auf sich selbst wütend und beschloss, auf der Stelle umzukehren.
Er lehnte hinter ihr an der Wand am Eingang der Passage, mit auf der Brust verschränkten Armen, und sah sie unverwandt an. Ein déjà-vu durchzuckte sie. Gott, wie peinlich!
Wie machte er das nur immer?
Sie merkte, wie sie rot anlief. In einer solchen Lage war sie noch nie gewesen. Was sollte sie jetzt nur tun? Unentschlossen blieb sie stehen, doch er tat ihr nicht den Gefallen, ihr den nächsten Schritt abzunehmen, statt dessen blieb er seinerseits reglos stehen und starrte zurück.
Endlich entschloss sie sich, an ihm vorbei den Spießrutenlauf durch die Passage zurückzuwagen. Obwohl er wissen musste, dass er diese Runde gewonnen hatte, zeigte er weder ein selbstzufriedenes Grinsen noch sonst eine Regung, die ihr ihre Niederlage in diesem albernen Spielchen signalisiert hätte.
Das war fast noch schlimmer.
Endlich war sie an ihm vorbei und sprintete fast durch die Ladenzeile zurück auf die Salzstraße. Dort angekommen, ging sie schnurstracks in Richtung Universität. Sie atmete erst auf, als sie das Unigelände erreicht hatte und in der Eingangshalle des KG II angelangt war, einem der neueren Stahlbetonbauten aus den sechziger Jahren. Das Foyer hatte den Charme einer Bahnhofshalle und kam diesem Vergleich auch in der Betriebsamkeit recht nahe, die gerade herrschte. In der Halle wandte sie sich dem schwarzen Brett zu, um nochmals zu kontrollieren, wann ihre nächste Vorlesung war.
„Du hast doch sicher einen guten Grund dafür, oder?“
Sie zuckte zusammen, drehte sich aber nicht um. Durch ihren Kopf rasten die Gedanken, als sie so teilnahmslos wie möglich erwiderte: „Wofür?“
„Für deine nette kleine Verfolgungsaktion eben. Können wir das vielleicht auf vernünftige Art und Weise klären?“ Seine Stimme klang weder feindselig noch vorwurfsvoll und schien sie auf eine subliminare Art und Weise zu besänftigen.
Es war fast wie eine vorhersehbare Szene in einem schlicht gemachten, aber rührseligen Hollywood-Liebesfilm.
„Woran hast du dabei gedacht?“ Noch immer drehte sie sich nicht um und hielt ihren Blick auf das Brett vor sich geheftet.
„Meinen Erfahrungen nach sind die Leute bei gemeinsamer Nahrungsaufnahme kommunikativer. Wir könnten zum Beispiel essen gehen oder mal einen Kaffee trinken.“ Neutrale, sachliche Tonlage, keine unterschwellige Absicht erkennbar. Sie zögerte nur kurz.
„Essen wäre in Ordnung. Ich habe aber momentan nicht viel Zeit.“
„Ich auch nicht; das Studium, du weißt schon. Wie wäre es mit Mittwoch Abend?“
„Da kann ich nicht. Donnerstag?“ Ihr Blick haftete auf den privat aufgehängten Mietgesuchen und sonstigen Notizen, ohne dass sie etwas von deren Inhalt wahrnahm.
„Gut. Isst du gerne Italienisch?“ Seine Stimme hatte etwas Irritierendes, auch wenn sie nicht sagen konnte, was es war.
„Ja.“
„Dann um neunzehn Uhr vor dem Roma. Du erkennst mich an der Nelke im Knopfloch.“ Und mit diesem klassischen Scherz war er verschwunden.
Wie betäubt drehte sie sich langsam um, doch in der weitläufigen, zweistöckigen Halle mit umlaufendem Gang im Obergeschoss war nichts mehr von ihm zu sehen. Das Ganze kam ihr so unwirklich vor. Hatte sie sich das eben nur eingebildet?
Jedenfalls schien sie seine Aufmerksamkeit erregt zu haben. Aber wollte sie das überhaupt? Was für ein Durcheinander in ihrem Kopf dieser 08/15-Typ verursacht hatte!
CSM 108-1 bog gerade um die Ecke des KG III, das in der Mitte auf Säulen gebaut war und so im Erdgeschoss einen Durchgang von der Löwenstraße her, in der übrigens auch die Disco Agar liegt, zum Innenhof des Unigeländes bildete. An der einen der beiden Seitenwände des Gebäudes befand sich eine große Fläche, die vom Boden bis zur Decke mit einem Mosaikmuster aus verschiedenfarbigsten Zettelchen bedeckt war. Vor dieser Wand traf er auf Simon, der sich gerade grinsend über eine der Kleinanzeigen beugte.
„Hallo Simon. Was gibt es Neues?“, begann er einen beinahe statistisch langweiligen small-talk.
„Ach, ich lese nur die Anzeigen hier. Auf dieser Wand findest du immer wieder total witziges und abgedrehtes Zeug. Darüber habe ich mich schon vor Studiumsbeginn immer königlich amüsiert. Was für schräge Typen dort ihren Plunder loswerden wollen ... Wahnsinn. Und auch ansonsten ...“
„Schräge Typen ...“, wiederholte CSM 108-1, aber Simon bemerkte es nicht.
„Hör dir das an: ‚Erstsemester sucht Zimmer in Dreier- oder Vierer-WG. Jung, offen, freundlich. Sportstudentinnen bevorzugt.’ Ich werf mich weg.“ Simon hielt sich den Bauch vor Lachen. „Oder hier: ‚Biete Nachhilfe in Mathematik und Ukulelen-Unterricht.’ Was für eine Kombination! Ich glaube, den rufe ich mal an.“
Immer noch breit grinsend rupfte er einen der etwa zehn schmalen Streifen am unteren Ende des Zettels heraus, auf denen wie bei jeder der Annoncen die Telefonnummern für Interessierte zum Abreißen und Mitnehmen vermerkt waren. Natürlich war er der erste, der bei dieser Mitteilung auf diese Art potentielles Interesse verkündete. Die meisten der Zettel hingen ohnehin nur einige Tage, bevor sie von irgendjemandem abgerissen oder überklebt wurden. Ein schlichter weißer Zettel hatte bereits vier Streifen mit Nummern ‚eingebüßt’.
„He, sieh dir den an: ‚Beginne Studium, ziehe nach FR-Innenstadt und suche nach Einstellplatz/Garage für mein 4,70 m-Coupé Nähe Siegesdenkmal. Preis Nebensache. Bitte ab 1.10. unter folgender Nummer ...’ Super, oder?“ Auch hier riss er einen Streifen ab.
„Ach ja, ich wollte dir das noch sagen ...“, begann CSM 108-1, doch Simons Kopf ruckte bereits hoch, als er einen Blick auf den Streifen in seiner Hand warf.
„He, da steht unsere Telefonnummer darunter! Was soll das?“
„Eben das wollte ich dir noch sagen. Diese Anzeige stammt von mir. Meinst du, ich sollte vielleicht noch in der Zeitung inserieren?“
„Bloß nicht!“, ereiferte sich Simon erschrocken, „sonst werden noch mehr Leute bei uns anrufen. Was hast du dir dabei nur gedacht? ‚Preis Nebensache’? Naja, ein guter Köder, muss ich zugeben.“
„Davon abgesehen, dass es keiner ist, sondern mein voller Ernst, erhöht diese Bemerkung meiner Erfahrung nach wirklich die Chance, dass mehr Leute anrufen. Du scheinst irgendwie erstaunt zu sein. Stimmt etwas nicht?“, gab er sich arglos.
„Du musst zugeben, dass es klingt, als ob du im Geld schwimmst. Bist du reich oder so?“
„Nein, das auch nicht gerade, obwohl mein Vater und mein Bruder doch recht vermögend sind. Ich sollte dir das wohl erklären.“ Für einen Moment verharrte er bewegungslos, während er sich seine Geschichte zurechtlegte und den aktuellen Gegebenheiten und Entwicklungen anpasste.
„Du hast es sicher nicht bemerkt, aber ich bin Amerikaner, verstehst du?“
„Was, du? Echt?“, staunte Simon. „Nein, das ist mir nicht aufgefallen.“
„Wie auch? Ich bin hier aufgewachsen. Ich war noch ein kleiner Junge, als mein Vater mit uns nach Deutschland kam. Er war ein hochrangiger Elektroniker beim Militär, mehr darf ich leider keinem erzählen.
Nach Beendigung des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung blieben wir noch ein paar Jahre hier, doch dann beendete Dad seinen Dienst und wollte zurück in die Staaten. Meine Mutter und mein älterer Bruder gingen mit ihm mit, doch ich kenne die USA nur von gelegentlichen Verwandtschaftsbesuchen, ansonsten aber hänge ich sehr an Deutschland. Meine Familie war natürlich nicht sehr glücklich über meinen Entschluss, aber ich war bereits volljährig und konnte tun, was ich wollte. Ich fliege regelmäßig in die USA hinüber und besuche sie, aber lebe trotzdem hier. Da mein Vater recht gut verdient, ermöglicht er mir eine gewisse Unabhängigkeit in Form einer Kreditkarte, die auf seinen Namen läuft. Er hat einen ... nun, Berater- und Entwicklerjob bei einem Halbleiterfabrikant, der mit neuen Mikroprozessoren experimentiert. Und mein Bruder hat in etwa dasselbe studiert, was ich jetzt studiere, und arbeitet ebenfalls in diesem Konzern.“
„Wow, ich hatte ja keine Ahnung“, sagte Simon beeindruckt. „Aber was hat das Ganze mit deinem Auto zu tun? Warum verkaufst du es nicht einfach, jetzt wo du in der Stadt wohnen wirst?“
„Das Auto gehört meinem Bruder. Er hat es damals neu gekauft und mir überlassen, als er in die Staaten zurück ist. Ich musste ihm hoch und heilig schwören, dass ich es fahre, bis es vor Rost auseinander fällt. Verstehst du, wir Amerikaner haben ein besonderes Verhältnis zu unseren Autos. Er wollte seines sogar per Container nach Amerika einschiffen lassen, aber bei einem Besuch vor ihrem Umzug hat er wohl festgestellt, dass es derzeit uncool war, irgendwelche ausländischen Exoten zu fahren. Also fährt er jetzt eine weiße Corvette. Wenigstens die Farbe hat er beibehalten.“ Ein wenig synthetische Wehmut klang in seiner Stimme mit.
„Ich hatte ja keine Ahnung. Mann, ein waschechter Ami zieht bei uns ein. Echt klasse. Woher stammt ihr denn?“, wollte Simon mit unverhohlener Begeisterung wissen.
„New York City. Aus dem Greenwich Village, einem Viertel im Süden von Manhattan. Eigentlich eine schöne Gegend mit relativ beschaulichen Eckchen, wenn man das Glück hat, direkt an einem Park zu wohnen.“
„Ich werd’ verrückt, ein New Yorker auch noch! Davon musst du mir erzählen, sobald du bei uns eingezogen bist. Es bleibt doch beim Ersten?“
Er nickte. „Wie du dieser Anzeige entnehmen kannst. Ich habe mein Telefon schon abgemeldet, sonst würde ich euch nicht damit belästigen. Ich hoffe doch sehr, du kannst deine Kollegin dazu bewegen, ihre Bude rechtzeitig zu räumen?“
„Mach’ dir keine Sorgen, das größere Zimmer am Ende des Flures ist Ansporn genug. Wenn sie nicht alles bis zuletzt aufschieben würde, wäre sie wahrscheinlich schon längst drin. Außerdem ist das Bad genau gegenüber. Welche Frau kann da schon widerstehen?“ Sie lachten beide.
„Jetzt sollten wir beide aber zur Einführung von Kristallographie. Du lernst dort vielleicht schon ein paar unserer Teilnehmer der zeremoniellen Küchentischdiskussionen kennen, die diesen Kurs ebenfalls belegt haben. Auf jeden Fall Ralf, der ist nicht zu übersehen und zu überhören; na ja, ehrlich gesagt ist er ziemlich BLAH“, wobei sich Simon in einer vielsagenden Geste den ausgestreckten Zeigefinger in die Mundhöhle zur Gaumenregion hin steckte und damit den Brechreflex andeutete, „aber das wirst du bald genug selbst herausfinden.“
„Es ist mir ein Vergnügen. Die ersten seltsamen Begegnungen habe ich bereits hinter mir“, erwiderte CSM 108-1 beim Gehen.
„Wie meinst du das?“
„Oh, das erzähle ich dir ein anderes Mal. Erst einmal muss ich Schadensbegrenzung betreiben und sehen, was dabei herauskommt.“
„Hört sich nicht sehr vielversprechend an“, stellte Simon mit hochgezogener Augenbraue fest.
„Weiß Gott nicht“, bestätigte er.
„Solange du die Finger von unserer Mitbewohnerin lässt ...“, fügte Simon hinzu.
„Wie ist sie denn so?“
„Ach, der klassische Typ einer kühlen Blonden“, entgegnete er schelmisch lächelnd.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Dienstag, 19. Dezember 2006
T1.1.28
cymep, 03:28h
[... Fortsetzung des Buches]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030
„Erzählen Sie mehr, Karin“, ermutigte Mahtobu sie.
Sie saß noch immer auf ihrer Bettkante und starrte vor sich ins Leere. „Ich möchte immer damit beginnen, dass ich im Nirgendwo im Nordwesten der USA war, als es passiert ist, doch mir kommt es so vor, als müsse ich noch viel weiter zurückgreifen, als ob mir ein entscheidendes Puzzleteil fehle.“
„Wo genau waren Sie denn damals? Können Sie sich noch erinnern?“, versuchte er erneut, ihr einen Punkt zu liefern, von dem aus sie ihre Erinnerungen ordnen konnte. Und tatsächlich schien es so, als habe er Erfolg, denn ihr Gesicht erhellte sich ein wenig.
„Als ob ich das je vergessen könnte! Es war in Burns, Oregon, genau 3579 Einwohner. Genauer gesagt lag es mitten in Oregon, an den östlichen Ausläufern des Cascade Range in der Nähe des Malheur Lake. Lachen Sie nicht, er hieß wirklich so. Mitten im Nirgendwo in der Prairie, umgeben von Naturparks und Indianerreservaten, Hunderte von Meilen weg von jedwedem potentiellen Ziel für strategische Kernsprengköpfe. Vor den Einschlägen im Megatonnenbereich über Portland und Nordkalifornien schützten uns die Berge der Cascade und die restlichen Nuklearexplosionen waren schlicht zu weit entfernt, um uns gefährlich zu werden. Ich glaube im Nachhinein, wenn es überhaupt einen Ort in den Vereinigten Staaten gegeben hatte, an dem es ungefährlich war, sich während des strategischen Schlagabtausches aufzuhalten, dann war es dort ... abgesehen von Alaska vielleicht.
Und genau dort war ich, als die Welt um uns herum unterging ...“
Mahtobu legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie leicht, als er gewahr wurde, wie sie die Erinnerung noch immer aufwühlte und schmerzte. „Schon gut. Haben Sie dort Urlaub gemacht?“
„Von wegen!“, brauste sie auf. „Ich habe dort auf einen Freund gewartet ... einen sehr, sehr guten Freund, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er hatte mir aus den USA Nachricht gegeben, dass ich unbedingt zu diesem Zeitpunkt zu ihm kommen musste, dass es um Leben und Tod ging. Er hatte mich im Voraus angerufen und mit mir gesprochen, doch er hat mir einiges verschwiegen, wie ich schon damals annahm. Ich musste ihm hoch und heilig versprechen, dass ich auch wirklich kommen würde und den Termin um nichts auf der Welt verschieben würde. Himmel, er hatte mir Flugticket, Anschlussflug, Leihwagenreservierung, Motelbuchungen, er hatte mir sogar eine goldene Kredit-Partnerkarte mittels FedEx zugesendet, damit ich auch garantiert dort sein würde. Beinahe unheimlich, diese Organisation, aber so war er eben; er hat stets an alles Wichtige gedacht.
Ich sollte demnach am 25. August in Burns, Oregon, ankommen und in besagtem Motel bis maximal 31. August auf ihn warten. Ich machte mir also ein paar schöne Tage, unternahm viele kleine Ausflüge zum See, in die benachbarten Wildlife Refuges und Nationalwälder. Alles sehr ursprünglich und romantisch, beschaulich und verträumt. In dieser Gegend gingen die Uhren noch anders, wie man zu sagen pflegte. Sie können sich nicht vorstellen, in welchen schillernden Farben ich mir unser Wiedersehen ausgemalt habe.
Was soll ich sagen? Er hat es nicht geschafft, bis zum 29. zu kommen. Und dann ging die Welt verloren, wie wir sie kannten. Ich habe ihn nie wieder gesehen oder auch nur irgendetwas von ihm gehört, wie Sie sich denken können. Und genau das ist das Schlimme daran: die Ungewissheit. Er hat mich unwissentlich gerettet, indem er mich an den gottverlassensten Ort der zivilisierten Welt bestellt hat.“
„Klingt sehr tragisch und schicksalhaft, auch wenn mir irgendetwas daran seltsam erscheint. Wo haben Sie ihn zum ersten Mal gesehen?“
Sie öffnete gerade den Mund zur Antwort, als etwas in ihrem Unterbewusstsein ‚klick!’ machte. In einem einzigen kurzen Moment der Erkenntnis wirbelten Myriaden der Erinnerungsfetzen aus allen Winkeln ihres Gedächtnisses zusammen und formten ein deutlich erkennbares Bild, das ihr alle Fragen auf einmal beantwortete, die sie sich je gestellt hatte, um eine Sekunde später wieder in alle Richtungen auseinander zu stieben und nichts als das Chaos zu hinterlassen und den Eindruck, man habe sich das alles nur eingebildet, obwohl man mit jeder Faser seines Seins wusste, dass es stimmen musste, was sich da offenbart hatte.
Karin hatte hinterher für diesen Moment keine passenden Worte, um ihre Emotionen zu beschreiben. Der einzige ihr angemessen scheinende Vergleich war der: Es war ein Erlebnis gewesen, als habe man im Herbst von einem hohen Haus aus auf einen großen Platz herabgeschaut und der Wind habe einen großen Haufen Blätter über die offene Fläche geblasen, bis sie zufällig so liegen blieben, dass sie genau das ‚Letzte Abendmahl’ von Leonardo Da Vinci nachbildeten, nur um vom nächsten Windstoß unwiederbringlich weggeweht zu werden. Niemand würde einem das glauben, hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen.
Sie begann zu zittern und schlug die Hände vors Gesicht. „Das kann nicht sein! Kann das denn möglich sein? Oh nein, es ist wahr ... NEINNN!!!“
Nach diesem letzten gequälten Aufschrei, der aus tiefster Seele kam, begann sie völlig unkontrolliert zu weinen, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und fiel krampfhaft zuckend zusammengekrümmt hintenüber auf ihr Bett. Ihr Zusammenbruch war so schnell gegangen, dass Mahtobu zuerst gar nicht wusste, was zu tun war. Doch als er dann sah, dass sie in der Tat einen massiven Schock erlitten hatte, sprang er auf und rief Hilfe herbei.
Als die Sanitäter kamen, lag sie noch immer in eine fötale Stellung zusammengerollt auf dem Bett, verbarg ihr Gesicht in beiden Händen, wippte mechanisch schwach vor und zurück und war gänzlich unansprechbar. Ihr anhaltendes krampfhaftes Schluchzen war kurz davor, in Hyperventilation umzuschlagen, was eine sofortige Verabreichung von starken Sedativa erforderlich machte. Der Nervenzusammenbruch war so unerwartet und heftig eingetreten, dass es sogar Mahtobu schwer schockiert hatte. Vor allem die Tatsache, dass es kein direktes traumatisches Erlebnis war, sondern eine jahrzehnte zurückliegende Erinnerung, die sie so plötzlich getroffen hatte, ließ ihm keine Ruhe. Was konnte es nur gewesen sein?
Er versuchte sich an alles zu erinnern, was sie berichtet hatte, während er hilflos mitansehen musste, wie sie auf einer Trage festgezurrt wurde und mit verquollenen, roten Augen und tränenüberströmten Gesicht teilnahmslos durch ihn hindurch ins Leere starrte. Sie murmelte, nein, wisperte, viel zu leise, als dass man es verstehen konnte, schnell und unaufhörlich etwas vor sich hin. Sie schien es immer und immer wieder zu wiederholen. Er hielt sein Ohr nahe an ihren Mund heran, verstand aber trotzdem nur einzelne bruchstückhafte Wortfetzen: „... wie konnte mir das ... ausgerechnet mir ... konnte das passieren ... er ist nie ... ich habe immer ...“
Dann wurde sie ins Lazarett getragen. Mahtobu ging nicht mit, er war viel zu sehr in Gedanken versunken, was die Geschehnisse von gerade eben betraf.
Und in einem anderen Teil des Komplexes ging die Demontage der ZVA mit großen Fortschritten voran.
[Fortsetzung folgt ...]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030
„Erzählen Sie mehr, Karin“, ermutigte Mahtobu sie.
Sie saß noch immer auf ihrer Bettkante und starrte vor sich ins Leere. „Ich möchte immer damit beginnen, dass ich im Nirgendwo im Nordwesten der USA war, als es passiert ist, doch mir kommt es so vor, als müsse ich noch viel weiter zurückgreifen, als ob mir ein entscheidendes Puzzleteil fehle.“
„Wo genau waren Sie denn damals? Können Sie sich noch erinnern?“, versuchte er erneut, ihr einen Punkt zu liefern, von dem aus sie ihre Erinnerungen ordnen konnte. Und tatsächlich schien es so, als habe er Erfolg, denn ihr Gesicht erhellte sich ein wenig.
„Als ob ich das je vergessen könnte! Es war in Burns, Oregon, genau 3579 Einwohner. Genauer gesagt lag es mitten in Oregon, an den östlichen Ausläufern des Cascade Range in der Nähe des Malheur Lake. Lachen Sie nicht, er hieß wirklich so. Mitten im Nirgendwo in der Prairie, umgeben von Naturparks und Indianerreservaten, Hunderte von Meilen weg von jedwedem potentiellen Ziel für strategische Kernsprengköpfe. Vor den Einschlägen im Megatonnenbereich über Portland und Nordkalifornien schützten uns die Berge der Cascade und die restlichen Nuklearexplosionen waren schlicht zu weit entfernt, um uns gefährlich zu werden. Ich glaube im Nachhinein, wenn es überhaupt einen Ort in den Vereinigten Staaten gegeben hatte, an dem es ungefährlich war, sich während des strategischen Schlagabtausches aufzuhalten, dann war es dort ... abgesehen von Alaska vielleicht.
Und genau dort war ich, als die Welt um uns herum unterging ...“
Mahtobu legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie leicht, als er gewahr wurde, wie sie die Erinnerung noch immer aufwühlte und schmerzte. „Schon gut. Haben Sie dort Urlaub gemacht?“
„Von wegen!“, brauste sie auf. „Ich habe dort auf einen Freund gewartet ... einen sehr, sehr guten Freund, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er hatte mir aus den USA Nachricht gegeben, dass ich unbedingt zu diesem Zeitpunkt zu ihm kommen musste, dass es um Leben und Tod ging. Er hatte mich im Voraus angerufen und mit mir gesprochen, doch er hat mir einiges verschwiegen, wie ich schon damals annahm. Ich musste ihm hoch und heilig versprechen, dass ich auch wirklich kommen würde und den Termin um nichts auf der Welt verschieben würde. Himmel, er hatte mir Flugticket, Anschlussflug, Leihwagenreservierung, Motelbuchungen, er hatte mir sogar eine goldene Kredit-Partnerkarte mittels FedEx zugesendet, damit ich auch garantiert dort sein würde. Beinahe unheimlich, diese Organisation, aber so war er eben; er hat stets an alles Wichtige gedacht.
Ich sollte demnach am 25. August in Burns, Oregon, ankommen und in besagtem Motel bis maximal 31. August auf ihn warten. Ich machte mir also ein paar schöne Tage, unternahm viele kleine Ausflüge zum See, in die benachbarten Wildlife Refuges und Nationalwälder. Alles sehr ursprünglich und romantisch, beschaulich und verträumt. In dieser Gegend gingen die Uhren noch anders, wie man zu sagen pflegte. Sie können sich nicht vorstellen, in welchen schillernden Farben ich mir unser Wiedersehen ausgemalt habe.
Was soll ich sagen? Er hat es nicht geschafft, bis zum 29. zu kommen. Und dann ging die Welt verloren, wie wir sie kannten. Ich habe ihn nie wieder gesehen oder auch nur irgendetwas von ihm gehört, wie Sie sich denken können. Und genau das ist das Schlimme daran: die Ungewissheit. Er hat mich unwissentlich gerettet, indem er mich an den gottverlassensten Ort der zivilisierten Welt bestellt hat.“
„Klingt sehr tragisch und schicksalhaft, auch wenn mir irgendetwas daran seltsam erscheint. Wo haben Sie ihn zum ersten Mal gesehen?“
Sie öffnete gerade den Mund zur Antwort, als etwas in ihrem Unterbewusstsein ‚klick!’ machte. In einem einzigen kurzen Moment der Erkenntnis wirbelten Myriaden der Erinnerungsfetzen aus allen Winkeln ihres Gedächtnisses zusammen und formten ein deutlich erkennbares Bild, das ihr alle Fragen auf einmal beantwortete, die sie sich je gestellt hatte, um eine Sekunde später wieder in alle Richtungen auseinander zu stieben und nichts als das Chaos zu hinterlassen und den Eindruck, man habe sich das alles nur eingebildet, obwohl man mit jeder Faser seines Seins wusste, dass es stimmen musste, was sich da offenbart hatte.
Karin hatte hinterher für diesen Moment keine passenden Worte, um ihre Emotionen zu beschreiben. Der einzige ihr angemessen scheinende Vergleich war der: Es war ein Erlebnis gewesen, als habe man im Herbst von einem hohen Haus aus auf einen großen Platz herabgeschaut und der Wind habe einen großen Haufen Blätter über die offene Fläche geblasen, bis sie zufällig so liegen blieben, dass sie genau das ‚Letzte Abendmahl’ von Leonardo Da Vinci nachbildeten, nur um vom nächsten Windstoß unwiederbringlich weggeweht zu werden. Niemand würde einem das glauben, hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen.
Sie begann zu zittern und schlug die Hände vors Gesicht. „Das kann nicht sein! Kann das denn möglich sein? Oh nein, es ist wahr ... NEINNN!!!“
Nach diesem letzten gequälten Aufschrei, der aus tiefster Seele kam, begann sie völlig unkontrolliert zu weinen, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und fiel krampfhaft zuckend zusammengekrümmt hintenüber auf ihr Bett. Ihr Zusammenbruch war so schnell gegangen, dass Mahtobu zuerst gar nicht wusste, was zu tun war. Doch als er dann sah, dass sie in der Tat einen massiven Schock erlitten hatte, sprang er auf und rief Hilfe herbei.
Als die Sanitäter kamen, lag sie noch immer in eine fötale Stellung zusammengerollt auf dem Bett, verbarg ihr Gesicht in beiden Händen, wippte mechanisch schwach vor und zurück und war gänzlich unansprechbar. Ihr anhaltendes krampfhaftes Schluchzen war kurz davor, in Hyperventilation umzuschlagen, was eine sofortige Verabreichung von starken Sedativa erforderlich machte. Der Nervenzusammenbruch war so unerwartet und heftig eingetreten, dass es sogar Mahtobu schwer schockiert hatte. Vor allem die Tatsache, dass es kein direktes traumatisches Erlebnis war, sondern eine jahrzehnte zurückliegende Erinnerung, die sie so plötzlich getroffen hatte, ließ ihm keine Ruhe. Was konnte es nur gewesen sein?
Er versuchte sich an alles zu erinnern, was sie berichtet hatte, während er hilflos mitansehen musste, wie sie auf einer Trage festgezurrt wurde und mit verquollenen, roten Augen und tränenüberströmten Gesicht teilnahmslos durch ihn hindurch ins Leere starrte. Sie murmelte, nein, wisperte, viel zu leise, als dass man es verstehen konnte, schnell und unaufhörlich etwas vor sich hin. Sie schien es immer und immer wieder zu wiederholen. Er hielt sein Ohr nahe an ihren Mund heran, verstand aber trotzdem nur einzelne bruchstückhafte Wortfetzen: „... wie konnte mir das ... ausgerechnet mir ... konnte das passieren ... er ist nie ... ich habe immer ...“
Dann wurde sie ins Lazarett getragen. Mahtobu ging nicht mit, er war viel zu sehr in Gedanken versunken, was die Geschehnisse von gerade eben betraf.
Und in einem anderen Teil des Komplexes ging die Demontage der ZVA mit großen Fortschritten voran.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Montag, 18. Dezember 2006
T1.1.27 - Kapitel 6
cymep, 04:59h
[... Fortsetzung des Buches]
- 6 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 21. September 1996
CSM 108-1 schlenderte an diesem verregneten Samstagnachmittag durch die Altstadt von Freiburg und überlegte immer wieder, ob sein Vorhaben nicht zu gewagt war. Jedenfalls sprach seine Grundsteuerung nicht negativ darauf an, was sicher der Fall gewesen wäre, wenn er das Missionsparameter, unauffällig zu bleiben, überschritten hätte.
Als die verabredete Stunde gekommen war, hielt er sich auf der großen Hauptachse der Innenstadt, der Kaiser-Joseph-Straße, nördlich und bog kurz vor dem Ende der Fußgängerzone nach links in die Weberstraße ab. Als er die betreffende Hausnummer gefunden hatte, suchte er die Klingeln ab, bis er den ihm im Telefonat genannten Namen ‚Rohwoltt’ zusammen mit einem anderen unleserlich auf einem offensichtlich nachträglich aufgeklebten Papierfetzen fand. Das würde das erste werden, was geändert werden musste, sagte er sich bereits beim Läuten.
„Ja?“ Ein blechernes Knistern in der Haussprechanlage.
Er beugte sich vor, um näher an dem Mikrofon zu sein. „Ich komme wegen des Zimmers.“
„Sehr gut. Dritter Stock, bitte.“ Ein lautes Summen kündigte die Betätigung des Türöffners an, worauf er in den langen, schmalen Hausflur eintrat, dessen linke Hälfte von der Steintreppe nach oben eingenommen wurde. Am hinteren Ende machte er eine cremefarbene Metalltür mit länglichem, schmalem Milchglaseinsatz aus. Als er auf den Holknopf des Aufzugs drückte, fiel ihm das alte Messingschild auf:
1958
Max. 150 kg / 2 Pers
Mehr als zwei Personen würden auch nur schwerlich in der engen Kabine Platz finden, dachte er beim Betreten, wobei er sich des Knirschens der Liftkabel über sich im Schacht wohl gewahr war. Das Limit war schon durch sein eigenes Gewicht erreicht; wenn er mit jemand anderem fahren wollte, würde es erheblich überschritten werden. Nun, ein kleiner Schönheitsfehler.
Fast schon war er soweit, Bedauern darüber zu empfinden, seine Wohnung in Herdern aufgeben zu müssen. Doch leider trat nun die Tatsache, dass er seit über zehn Jahren am gleichen Ort wohnte und dabei praktisch keinen Tag gealtert war, unangenehm zutage.
Er zog ungewollte Aufmerksamkeit auf sich.
Er hatte es nur durch Zufall und seine außerordentlich empfindlichen Audiosensoren im Hausflur erfahren, als er aus seiner Wohnung ins Treppenhaus hinausgetreten war und sich gleichzeitig an der Haustür unten drei seiner Nachbarn im vermeintlichen Flüsterton über ihn unterhalten hatten. Was dort gesagt worden war, hatte vom Unbehagen der Hausbewohner, ihrer beinahe abergläubigen unterschwelligen Furcht und dem Unverständnis über seinen guten Zustand gehandelt. Das hatte zu weiteren Dingen geführt, als sie begonnen hatten, untereinander Informationen auszutauschen, was ihnen sonst noch alles an ihm verdächtig erschienen war. Nun, er sah natürlich noch genauso aus wie am Tag seines Einzuges, das stimmte schon.
Die Konsequenz daraus war ihm klar: Er musste seinen Wohnsitz wohl oder übel wechseln. Da er unter anderem vernommen hatte, dass er seinen argwöhnischen Nachbarn durch die Tatsache aufgefallen war, dass er allein lebte und nie Besuch bekommen hatte, war der nächste logische Schritt, in eine der unzähligen Freiburger Wohngemeinschaften einzuziehen. Seine persönlichen Freiheiten würden dadurch zwar eingeschränkt werden, doch andererseits gab es für einen jungen Studenten Anfang bis Mitte Zwanzig nichts Selbstverständlicheres und Unauffälligeres als diese Form des Wohnens. Er musste nicht einmal mehr einen eigenen Telefonanschluss anmelden oder ein Namensschild an der Türklingel sowie dem Briefkasten anbringen, wenn er nicht unbedingt wollte. Damit war er statistisch gesehen völlig von der Bildfläche verschwunden, nicht nur aus den Computerdateien der Ordnungsämter.
Ja, seit sich das Internet überall etabliert hatte, standen ihm sämtliche Möglichkeiten offen, beliebig Daten zu manipulieren, vor allem natürlich jene, die seine Erfassung betrafen. Für ihn war selbst die brandneue Verschlüsselungstechnik mit 128er-System ein Witz; er benötigte dafür etwa so lange wie ein CRAY-2 Supercomputer zum Knacken eines alten Enigma-Codes der deutschen Marine aus dem Zweiten Weltkrieg. So war es beispielsweise kein Wunder, dass er noch immer die selbe Autonummer aus Köln besaß, ohne jemals größere Scherereien gehabt zu haben. Einem Nachbarn, der sich einmal danach erkundigt hatte, hatte er erklärt, dass die Anmeldung über seinen großen Bruder in Köln lief und der auch der Halter des Fahrzeuges sei, deshalb das rheinländische Schild. Und wie immer war der gute Nachbar ganz gerührt gewesen beim Anblick der Nummernkombination, sodass er versichert habe, er drücke gerne ein Auge zu. Vor allem, da er noch immer die Nummer mit der Abkürzung für Freiburg und der alten Postleitzahl benutzte, obwohl die bereits seit dem ersten Juli 1993 wie in ganz Deutschland durch neue, fünfstellige Zahlen ersetzt worden war. Man war eben nostalgisch.
Das alles ging er nochmals im Geiste durch, während er in der engen, muffigen Liftkabine langsam und ruckelnd nach oben fuhr.
Der dritte Stock war der oberste im Haus, wie er beim Verlassen des Aufzugs feststellte. Eine schmale Treppe führte noch auf den Dachboden hoch, der jedoch nicht bewohnt war, sondern nur als Stauraum diente, wie er sah. Von der Treppe aus gesehen gab es links und rechts zwischen Aufzug und Treppe jeweils eine Wohnungstür aus dunklem, massivem Holz. Die linke stand einen Spalt weit offen.
Kaum hatte er den Flur betreten, da wurde die Tür auch schon aufgerissen. Ein schlanker, sehnig wirkender Mann Mitte zwanzig von etwa einsachtzig Größe streckte ihm seine Hand hin und drückte sie mit erstaunlich festem Griff. Er hatte blaue Augen, dunkelblondes, leicht schütter wirkendes Haar – wohl aus Veranlagung – und markante Züge mit leicht eckig wirkendem Kiefer und Kinn.
„Hallo erst mal. Ich bin Simon. Komm doch rein.“
„Hallo. Daniel.“ Er gab sich bewusst einsilbig und sprach seinen Vornamen auch deutsch aus, um sowenig Informationen wie möglich von sich aus preiszugeben, falls er dieses Angebot nicht annehmen würde. „Eins muss man euch lassen: Auf jeden Fall wohnt ihr zentral.“
„Ja, viel zentraler geht es echt nicht mehr. Ich hoffe nur, dir macht etwas Straßenlärm nichts aus. Das ist einer der unvermeidlichen Nachteile daran.“
„Einer der Nachteile?“, hakte er sofort bei Simons Bemerkung nach. „Und die anderen?“
Am liebsten hätte sich sein Gesprächspartner auf die Zunge gebissen, als ihm aufging, wie amateurhaft er seine Wohnungsbesichtigung begonnen hatte. Für den Umgang mit anderen Menschen schien ihm wohl das eine oder andere Quäntchen Feingefühl zu fehlen, wessen er sich aber durchaus bewusst zu sein schien.
„Jetzt hast du mich aber eiskalt erwischt“, gab er auch gleich zu, „ich habe meiner Mitbewohnerin auch gesagt, sie soll das mit der Wohnungsführung machen, aber sie ist zur Zeit leider nicht da und das Semester beginnt auch erst in einer Woche, da ist ihr Tagesablauf ohnehin ziemlich unvorhersehbar.“
„Am besten sehen wir uns alles erst mal an, oder?“ Er stand nun auf dem Flur, der lange und gerade bis zum entfernten Ende der Wohnung führte und dort in einem integrierten Wandschrank endete, der vom Parkettboden bis zur Decke reichte.
„Natürlich. Bitte entschuldige. Und um es gleich vorneweg zu sagen: Das, was die meisten Leute von vorneherein abschreckt, ist die Grundaufteilung der Wohnung. Für eine WG, in der sich alle gut verstehen, ist’s perfekt, aber wehe, wenn nicht ... ich quatsche zuviel, sieh’s dir selber an.“ Er öffnete die erste Tür rechts. „Das wäre dein Zimmer.“
CSM 108-1 betrat den Raum von etwa vier mal fünf Metern, dessen rechte Ecke neben der Tür eine rechtwinklige Einbuchtung von etwa anderthalb Meter Kantenlänge aufwies. Die Tapeten waren weiß gestrichen und der Boden mit einem hellgrauen Teppich ausgelegt. Eine großzügige Fensterfront von etwa drei auf anderthalb Meter ging nach vorne auf den Friedrichring hinaus
Allerdings war das Zimmer komplett eingerichtet.
„Hier wohnt noch jemand“, bemerkte er nüchtern und trat zum Fenster, um durch die hohen Vorhänge hinaus auf die zweispurige Stadtkernumfahrung zu sehen, auf der gerade herzlich wenig los war. Von hier aus hatte er direkten Ausblick auf die Bronzestatue auf der Spitze der Siegessäule, etwa zwanzig Meter Luftlinie genau vor dem Fenster.
Wenigstens konnte man genau beschreiben, wo man wohnte. Das hier konnte nun wirklich niemand verfehlen.
„Oh, natürlich zieht meine Mitbewohnerin noch bis Ende des Monats aus dem Zimmer aus und in das hintere ein. Wir wohnen selbst erst drei Monate hier und unser dritter Mann hat gerade fertig studiert und an dem Tag gekündigt, als wir einzogen. Das wussten wir aber bereits vorher, sodass wir uns auch gleich auf die Suche nach einem neuen Mitbewohner gemacht haben.“ Etwas verlegen wartete Simon auf eine Reaktion.
„Das hintere Zimmer ist demnach größer und deine Mitbewohnerin steht nicht auf das ständige Fahrgeräusch des Aufzugs aus dem Schacht hier“, resümierte er und klopfte mit der Hand auf die rechteckige Aussparung, dessen Sinn ihm schon beim Betreten des Raumes klargewesen war. „Offenbar weiß sie genau, was sie will.“
Staunend starrte ihn sein Gegenüber an, bis er lächelte und ihm auf die Schulter klopfte. „Keine Angst, mir würde das nichts ausmachen. Jetzt machen wir erst einmal weiter mit der Besichtigungstour und sehen uns den Rest an.“
„Okay.“ Wie betäubt schloss er die Tür hinter sich und öffnete die nächste rechterhand. „Mein Zimmer.“
Halbwegs ordentlich, vollgestopft mit Büchern und Lernmitteln nebst PC-Arbeitsplatz, aber wenig Komfortmöbeln. Genau wie im ersten Zimmer. Seltsam, er hatte immer gedacht, junge Menschen legten Wert auf Gemütlichkeit und originelle Einrichtungsgegenstände in den eigenen vier Wänden, hier war das aber nur im Ansatz vorhanden. Vor allem das Inventar seiner Mitbewohnerin war beinahe spartanisch zu nennen.
Die hinterste der drei rechten Türen offenbarte das noch leerstehende Zimmer, in das die andere Bewohnerin der Wohnung umzuziehen gedachte. Es war ebenso groß wie die beiden anderen, nur dass in seinem Raum eben der Liftschacht einiges an Platz wegnahm und sein Raum auch nicht mit Parkett ausgestattet war wie dieser hier.
„Sie weiß wirklich genau, was sie will.“
„Und auch, was sie nicht will“, murmelte Simon mit bitterem Unterton in der Stimme, was CSM 108-1 sofort zu einer Anzahl an Extrapolationen veranlasste, was er damit gemeint haben könnte. Sein Ergebnis war recht eindeutig, er sprach es jedoch nicht aus, um es sich nicht vorzeitig mit ihm zu verderben.
Die hintere der beiden linksseitigen Türen führte ins Bad, das lang und schmal geschnitten, aber ausreichend groß für Wanne, WC, Waschbecken und eine alte Waschmaschine hinter der Tür war, nebst einigen kleinen Schränkchen und Regalen. Die Kacheln waren hellblau und reichten bis unter die Decke. Für eine Studenten-WG erstaunlich sauber.
„Bisher alles ganz nett. Wo ist der Haken?“, wollte er von Simon wissen.
Der seufzte ergeben, als hätte er schon lange auf diese Frage gewartet. „Der kommt jetzt. Die Küche ... wenn man es so nennen will.“
Er erwartete beim Aufmachen der vorderen rechten Tür alles, nur nicht das, was sich ihm da bot, sodass er für einige Zehntelsekunden erstarrt in der Tür stehenblieb und das Bild vor sich aufnahm.
Es war phantastisch.
Die Küche war riesengroß und komplett mit hellem Linoleumboden ausgelegt. Der eigentliche Küchenbereich, eine recht moderne Einbauküche mit Spülbecken, Geschirrspüler, Kühlschrank, Tiefkühler, Herd, Backofen und vielen an der Wand befestigten Schränken zog sich an der rechten Wand und noch etwa anderthalb Meter an der Außenwand entlang, bis die Fensterfront mit einer Balkontür begann. Links davon schloss sich eine mindestens drei Meter breite Fensterfläche an, die den Raum hell und freundlich machte und bis zur linken Zimmerecke ging. An den freien Wänden standen mehrere Regale, die meisten mit unzähligen Büchern, Heften und Zeitschriften angefüllt, aber auch mit Videos und allerlei kleinerem Zierrat.
Die linke Seite des Raumes wurde von einem gigantischen Esstisch beherrscht, der nicht besonders massiv wirkte, aber auf jeder Seite drei Personen und an den Kopfenden nochmals zweien Platz bot. Über seiner Mitte hing eine niedrige Lampe mit kegelförmigem Glasschirm.
Das wirklich Skurrile war die lilafarbene Ledercouch, die diagonal in der rechten Raumhälfte stand und direkt auf den großen Fernseher gerichtet war, welcher auf der vom Fenster entfernten Ecke der Anrichte der Küche stand. An der Wand gegenüber der Fenster stand außerdem ein weiteres breites Regal, in dem neben unendlich vielen Schallplatten, Musikkassetten und CDs eine moderne HiFi-Stereoanlage mitsamt großen Lautsprecher-Boxen stand. Auf ihn wirkte diese bizarre Integration von Küche und Wohnraum sehr außergewöhnlich, aber vor allem zutiefst amerikanisch.
„Unglaublich. Und diese Wohnung hat noch ein Zimmer frei?“, versuchte er grenzenlose Begeisterung zum Ausdruck zu bringen.
„Naja, es ist eben sehr ungewöhnlich ...“, begann Simon, doch CSM 108-1 hatte bereits die Balkontür geöffnet und war auf den breiten Balkon, der vom Dachrand über ihnen auf ganzer Fläche vom Regen geschützt wurde, hinausgetreten. Er sah hinab auf die Straße und meinte dann: „Am nächsten Ersten kann ich einziehen, richtig?“
„Du willst das Zimmer wirklich nehmen?“, fragte Simon beinahe überrascht.
„Ja, ist doch ...“, er hielt einen Moment lang inne, „ ...witzig hier. Wie viel kostet der Spaß denn?“
„Fünfhundertfünfzig Mark warm für dich, weil du das kleinere Zimmer hast. Die beiden größeren kosten uns jeweils sechshundert.“
„Aha. Wollen wir das mal auf die Quadratmeter umrechnen?“, wollte CSM 108-1 wissen und klopfte Simon lachend auf die Schulter, als er dessen Bestürzung sah. „He, war doch nur Spaß. Ich bin bestimmt kein solcher Pedant, dass ich alles auf den Pfennig genau ausrechnen werde. Außerdem bin ich von uns dreien bestimmt derjenige, der am wenigsten auf die Mark schauen muss. Ich unterschreibe den Sponsorenvertrag also gerne, wenn das Zimmer bis zum Einzugsdatum auch geräumt ist. Ich hoffe, deine Kollegin nimmt das ernst.“
„Bestimmt. Ich rufe sie morgen gleich an. Herzlich willkommen also.“ Er gab ihm nochmals die Hand und schien sich ehrlich zu freuen über den Zuwachs in der Wohngemeinschaft.
„Es ist nett, bei Leuten unterzukommen, die gemeinsame Interessen haben“, bemerkte dieser darauf, was ihm einen fragenden Blick von Simon einbrachte. „Ich hatte im Inserat gelesen, ihr seid Studenten von diversen Naturwissenschaften. Ich fange jetzt mit Mineralogie, Kristallographie und Geochemie an.“
„Das ist ja ein irrer Zufall! Dann werden wir ja sogar gemeinsame Vorlesungen haben. Und hier am Küchentisch gibt es regelmäßige Diskussionsrunden mit Gleichgesinnten, die wir noch von der Abendschule her kennen. Das wird dir sicher gefallen“, erzählte Simon begeistert.
„Ja, hört sich gut an.“ Er nickte zustimmend. „Und kommst du heute Abend auch ins Agar zur Semestereröffnungsparty? Es soll ganz nett werden, hab’ ich gehört.“
„Nein, alles nur das nicht“, wehrte Simon ab. „Mit Disco kann ich gar nichts anfangen.“
„Macht nichts. Ich ruf’ dich noch an wegen dem Vertrag, okay? Und am Ersten stehe ich mit Sack und Pack auf der Matte.“
„Wunderbar. Bis dann“, verabschiedete Simon ihn.
Die Discothek war hart am Rande der Überfüllung. Eine Polizeikontrolle hätte heute Abend jedenfalls nicht stattfinden dürfen bei der Menge an jungen Leuten, die sich im Agar zusammendrängten.
Natasha lehnte sich an der Seite der Tanzfläche auf ihrem Hocker zurück gegen die Wand und strich sich eine Strähne ihres sehr langen, glatten hellbraunen Haares aus dem Gesicht, während sie gleichzeitig die Beine unter ihrem schwarzglänzenden Minikleid übereinander schlug. Dabei beobachtete sie nachdenklich ihre Freundin, die wie meistens mit einer Jeanshose, einer dazu passenden Jacke und dunklem T-Shirt schlicht, aber akzeptabel angezogen war. Wie hypnotisiert starrte diese auf die Mitte der Tanzfläche und konnte ihren Blick nicht abwenden.
„Was hast du denn?“, wollte sie endlich von ihr wissen.
„Siehst du den Typ da vorne? Mittelgroß, dunkle kurze Haare, gedrungene Figur, weißes T-Shirt und Bluejeans ...“
„Der da? Was soll mit ihm sein? Ich finde nichts Tolles an ihm; der sieht doch ganz durchschnittlich aus.“ Dennoch blieb ihr Blick auf ihm haften. Seltsam...
„Trotzdem habe ich das Gefühl, ich kenne ihn irgendwoher.“ Vor etwa zwei Stunden war er die Treppe in das weitläufige Kellergeschoss hinabgekommen, das von der Disco eingenommen wurde. Nachdem er seine Jacke an der Garderobe abgegeben hatte, war er ohne nach rechts oder links zu sehen, direkt auf das große abgesenkte Oval in der Saalmitte zumarschiert, das die Tanzfläche markierte. Die ganze Zeit schon lief diese sonderbare Techno-Musik und er hatte nicht eine Tanzpause eingelegt, um etwas zu trinken, sich auszuruhen oder auf die Toilette zu gehen. Sein Tanzstil war eine Synthese aus den verschiedenen Bewegungsabläufen der nächsten ihn umgebenden Leute, die er studiert hatte; das fiel natürlich keinem auf, weil er eben dadurch so unauffällig war. Aber er schien es sichtlich zu genießen, wie er sich zum hämmernden Bass und den sphärischen Melodien der Trance-Techno-Musik im bunten zuckenden Lichtgewitter der Scheinwerfer und Stroboskope bewegte. Wieder sah sie hinüber und bemerkte plötzlich, dass er zurück sah, ohne erkennbare Gemütsregung.
CSM 108-1 hatte eine Weile gebraucht, um in dem dichten Gedränge zu registrieren, dass er von einer einzelnen Person einer genaueren Beobachtung unterzogen wurde, doch dann waren seine Terminator-Instinkte sofort hellwach und funktionierten mit der gewohnten Effizienz. Das Individuum war weiblich, etwa zweiundzwanzig Jahre alt, etwas über einssechzig und schlank, geschätztes Gewicht gut fünfzig Kilogramm. Als er mit einem schwachen Infrarotanteil heranzoomte, nahm er ihr glattes rabenschwarzes Haar wahr, das ihr locker über die Schultern fiel und ihr schmales Gesicht mit hoch angesetzten Wangenknochen und einem leicht spitzen Kinn umrahmte. Bei diesen Lichtverhältnissen und in seinem monochromatischen Sichtmodus konnte er keine Farben erkennen, doch die Formen ihres Gesichtes nahm er gestochen scharf über den halben Saal hinweg wahr.
Etwas in seinem hochkomplexen Elektronengehirn versuchte einem Impuls folgend eine Identifikation vorzunehmen, fand aber kein positives Ergebnis. Allerdings war etwas in seinen Datenbänken, das ihn veranlasste, Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Ähnlichkeitsvergleiche mit älteren Daten durchzuführen. Dennoch kam er zu keinem Ergebnis. Zu wenig Informationen.
Sie konnte ihm irgendwo in Freiburg auf der Straße begegnet sein, doch daran würde er sich zu einhundert Prozent erinnern können. Und während er noch über diesem Problem brütete, löste sie sich aus ihrer Nische und umrundete die Tanzfläche in Richtung Toiletten.
Als sie zurückkam, hatte er eine strategische Lösung erarbeitet: vorläufigen Rückzug. Der Ort, an dem er getanzt hatte, war verwaist. Die geheimnisvolle Unbekannte seufzte und kehrte zu ihrer Freundin zurück. „Hast du gesehen, wo er hin ist?“
Sie grinste: „Vor dreißig Sekunden die Treppe zum Ausgang hoch. Hat seine Jacke nicht geholt.“
„Was würde ich nur ohne dich machen, Nati“, antwortete sie lachend und drückte ihrer Freundin ein kleines Bussi auf die Wange, dann schob sie sich rasch durch die Menge zur Treppe nach oben. Dort warf sie neben der Kasse einen raschen Blick auf ihren Handrücken, um sich zu vergewissern, ob ihr Eintrittsstempel auch da war. Er war normalerweise nicht sichtbar, sondern nur bei UV-Licht fluoreszierend, und gewährleistete ihren Wiedereintritt.
Was machte sie da nur? Normalerweise war sie diejenige, der die Jungen nachliefen, nicht umgekehrt. Und wenn er jetzt draußen vor ihr stand? Was sollte sie sagen? Sie wusste es nicht.
Sie trat auf die gepflasterte Straße vor dem Agar hinaus, schlang die Arme bei der frischen Herbstluft um ihren Oberkörper und blickte sich um. Rechts von ihr sah sie ihn schemenhaft um die Ecke biegen. Wie im Traum eilte sie ihm nach und bog ihrerseits auf die Kaiser-Joseph-Straße in Richtung Süden ein.
Nun stand sie zehn Meter vor dem Martinstor, neben dem Münster das Wahrzeichen von Freiburg schlechthin. Es stammte noch aus dem Mittelalter und trug beinahe gotische Bauzüge für ein Stadttor, das aus einem steil hochgezogenen, mithin filigran wirkenden Turm und einem direkt rechts daran gebauten Haus bestand, welche zusammen fast die gesamte Straßenbreite einnahmen. Sowohl in dem Turm als auch dem Seitenhaus war ein Tor eingelassen, durch das jeweils eine Straßenbahnschiene führte. Sie nahm sich wie immer einen Moment Zeit, um das schöne, über 60 Meter hohe Bauwerk mit der liebevoll gearbeiteten Turmuhr und den vier Ecktürmchen mit Balustraden oben am extrem steilen Kupferdach mit aufgesetzter Glocke zu bewundern, doch dann hielt sie inne.
Wo war er hin?
Eben noch war er direkt vor ihr gewesen. Und jetzt? Die einzige Möglichkeit, die ihr wahrscheinlich vorkam, war das McDonald’s Fast-Food-Restaurant, das schändlicherweise direkt unter dem Tor in die rechte Häuserfront eingebaut worden war; nur ein weiterer Beweis für die Unverfrorenheit und Gedankenlosigkeit, mit der die amerikanische Subkultur das deutsche Kulturerbe mit Füßen trat. Zaghaft spähte sie durch die breite Glasfront hinein in den Verkaufsbereich, konnte ihn aber nirgends ausmachen, obwohl zu so später Stunde fast nichts mehr los war.
Sie ging durch das rechte Tor, durch das auch der diesseitige Gehweg führte, um den weiteren Straßenverlauf bis hinab zum Dreisamufer zu überblicken. Nichts zu sehen. Ratlos entschloss sie sich, die Suche aufzugeben. Was hatte sie überhaupt zu dieser sinnlosen Aktion veranlasst? Sie erkannte sich selbst nicht mehr, schoss es ihr ärgerlich beim Kehrtmachen durch den Kopf. Als ob gerade sie es nötig hätte ...
Er lehnte im Schatten an der Ecke des Turmes auf der anderen Seite der Straße, wo der Gehweg außen am Turm vorbeiführte, und starrte sie mit unbewegter Miene mit über der Brust verschränkten Armen an.
Wie zum ... war er nur so schnell dorthin gekommen, ohne von ihr gesehen zu werden?
Ihr Unterkiefer klappte fassungslos hinab.
‚Einen tollen Eindruck musst du auf ihn machen, du blöde Ziege’, schoss es ihr durch den Kopf, worauf sie schnell den Mund schloss. Eigentlich sollte ihr das nicht ganz geheuer sein, aber aus einem ihr unverständlichen Grund konnte sie kein Misstrauen ihm gegenüber aufbauen.
Da er keine Anstalten machte, die Straßenseite zu wechseln, ging sie langsam zu ihm und fröstelte unmerklich. War das die Kälte oder er? Da ihr momentan überhaupt nichts einfiel, sagte sie lapidar: „Hallo.“
„Hallo.“ Der Klang seiner Stimme rief irgendeine Erinnerung in ihr hoch, doch sie konnte sie nicht einordnen. Er machte es ihr aber auch nicht leicht mit seiner bewusst einsilbigen Art.
„Schnappst du auch ein bisschen frische Luft?“ Kaum hatte sie das gesagt, hätte sie sich ohrfeigen können. ‚Stell’ dich doch noch dümmer an’, dachte sie, zornig auf sich selbst.
„Man könnte es so nennen. Ich hatte im Agar so ein Gefühl, dass du mich beobachtest, als ob du mich kennen würdest. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dir vorher schon begegnet zu sein. Trotzdem verfolgst du mich offensichtlich. Ich frage mich, warum?“ Noch immer zeigte sein Gesicht keine erkennbare Regung.
Sie stockte, doch dann erzeugten seine Worte die gewohnte Reaktion, als die ihr eigene latente Affektiertheit in ihr Wesen zurückkehrte: „Tja, wenn du besser aussehen würdest, könnte man vermuten, ich wäre dir nachgelaufen.“
„Diese Möglichkeit können wir also ausklammern. Aus reinem Zufall bist du auch nicht bis genau hierher gerannt. Was bleibt uns dann noch?“ Auf diese Antwort wusste sie sich keinen Reim zu machen. Ihre Spitze war völlig wirkungslos an ihm abgeprallt und hatte ihr kein bisschen der Luft verschafft, die sie sich davon erhofft hatte.
„Mann, du bist aber hart im Nehmen. Analysierst du immer alles so genau?“
„Gehört dazu, wenn man das studiert, was ich vorhabe.“ Er wandte sich um und ging am Tor vorbei zurück in Richtung Altstadt.
„Und was wäre das, wenn man fragen darf?“, siegte die Neugier bei ihr.
„Naturwissenschaften“, sagte er kurz angebunden.
„Na also, das muss es sein. Wir haben uns sicher beim Einschreiben gesehen oder so. Ich fange nächste Woche an mit Biochemie, Geochemie und Mineralogie.“ Sie schnippte mit den Fingern.
Er schüttelte im Gehen den Kopf und warf ihr lediglich einen Seitenblick zu. „Nein, das ist es nicht. Obwohl ich auch mit Geochemie und Mineralogie anfange. Wir sehen uns dann sicher mal in der Vorlesung. Ich heiße übrigens Daniel.“ Er sprach den Namen bewusst Deutsch aus.
„Karin.“ Sie streckte ihm die Hand hin, die er nach einigem Zögern nahm. Er starrte sie kurz mit unergründlichem Blick an und wollte dann wissen: „Karin Bochner?“
Wie angewurzelt blieb sie stehen. „Woher kennst du meinen Nachnamen?“
Sein Gesicht wurde nun vollends zu einer undurchdringlichen Maske. „Ach, nur gut geraten. Nein, Spaß beiseite ... du hast recht, wir sind beim Einschreiben wirklich nebeneinander gestanden. Ich muss irgendwie einen Blick auf dein Formular geworfen haben und der Name ist wohl hängengeblieben. Passiert mir ständig, dass ich mir solche Details merke. Das muss es sein.“
Misstrauisch musterte sie ihn und wollte dann wissen: „So? An welchem Tag warst du in der Uni?“
Er schien einen Sekundenbruchteil zu erstarren und antwortete dann: „Das weiß ich nicht mehr genau. Ich hatte so viel zu tun in den letzten Tagen.“
„Aber an meinen Namen auf dem Formular erinnerst du dich noch? Ist schon komisch, nicht wahr?“, schnappte sie, als sie sich dem Eingang des Agar näherten.
„Hast nicht du mich verfolgt? Ich bin hier nicht derjenige, der verhört werden sollte.“ Seine Stimme blieb trotz der Spannung zwischen ihnen ruhig und sachlich, was sie nur noch wütender machte.
„Ich weiß schließlich auch nicht so ohne weiteres deinen Nachnamen“, konterte sie.
„Und bei diesem Stand der Dinge erfährst du ihn von mir ganz bestimmt auch nicht. Wie gesagt, wir sehen uns vielleicht mal in der Vorlesung.“ Er wandte sich dem Türsteher zu und bedeutete ihm, dass er einen Stempel hatte.
„Ja, wird sich wohl nicht vermeiden lassen.“ Auch sie wedelte mit dem Handrücken vor der Nase des bulligen, hochgewachsenen Security-Typs herum. Der trat noch nicht zur Seite, sondern beäugte sie beide noch misstrauisch.
„Ihr zwei Süßen werdet euch doch nicht zoffen, oder?“, wollte er wissen.
„Wir kennen uns gar nicht!“, fuhren ihn beide gleichzeitig an, sahen sich darauf verduzt an und drückten sich dann am Türsteher vorbei. Sie machte eine verbissene Miene, während sein Gesicht wie versteinert wirkte und keine Regung mehr erkennen ließ.
In CSM 108-1 rumorte es hingegen in seiner CPU. Natürlich hätte er sie nach ihrem Namen fragen sollen, anstatt ihn ihr einfach so zu nennen, was die Situation hatte eskalieren lassen. Andererseits hatte er sie sofort wieder erkannt, als sie ihm ihren Vornamen genannt hatte. Ohne dieses Faktum hätte er zwar nie eine Querverbindung herstellen können, doch jetzt im Nachhinein konnte er die Übereinstimmung auf 72,8 % festsetzen. Er hoffte nur, dass ihr Gedächtnis nicht so gut war.
Aber wie konnte sie ihn wieder erkannt haben? Nein, das war nahezu ausgeschlossen. Zu viel Zeit war verstrichen.
Er war beinahe soweit, dass er seinen Vorstoß als misslungenes Experiment aufgeben und wieder in seine ursprüngliche, zurückgezogene Beobachterposition zurückkehren wollte. Wieder einmal hatte er erfahren müssen, dass Dinge schief gehen konnten und unglückliche Verkettungen von Ereignissen, die selbst mit dem leistungsfähigsten elektronischen Rechner der Welt – was zu diesem Zeitpunkt zweifellos seine CPU war – nicht vorausberechenbar waren, auch den ausgeklügeltsten Plan im Nu scheitern lassen konnten.
Aber andererseits sagte er sich, dass er in der Zeit, in der er jetzt in Freiburg verweilt hatte, alles zu seiner Mission Notwendige mindestens zweimal gemacht hatte. Er hatte mit einer Akribie, die jedes menschliche Wesen zur Verzweiflung oder in den schieren Wahnsinn getrieben hätte, in der Innenstadt jede einzelne der malerischen kleinen Gässchen, die Geschäfte, Kaufhäuser, Galerien, Kneipen und Cafés, Restaurants und auch Behörden und Ämter regelrecht erforscht. Dazu hatte er praktisch das gesamte Stadtgebiet sowie alle relevanten Nachbarorte zu Fuß oder mit dem Auto begangen respektive befahren. Des weiteren hatte er auch das Umland bis hinauf nach Karlsruhe, den gesamten mittleren und südlichen Schwarzwald, einen Teil der Nordwestschweiz und auch in begrenztem Umfang das südliche Elsass nicht ausgelassen. Heutzutage war das nicht mehr so schwer, denn der Kalte Krieg war vorüber, die Schweiz nicht mehr ganz so misstrauisch den benachbarten Ausländern gegenüber und die Grenzkontrollen nach Frankreich im Zuge des europäischen Einigungsprozesses mittlerweile nur noch Makulatur.
CSM 108-1 war insbesondere von Basel von Anfang an sehr fasziniert gewesen. Die taktischen und strategischen Gegebenheiten und Möglichkeiten, die diese Stadt aufgrund ihrer Lage und Struktur bot, waren ausgesprochen vielfältig für seinen Betrachtungswinkel. Die zweitgrößte Stadt der Schweiz hatte etwa die Einwohnerzahl Freiburgs, wirkte aber aufgrund ihrer ausgedehnten Agglomeration um einiges größer. Jedenfalls war ihre Infrastruktur aufgrund der größeren Rolle, welche einer Stadt dieser Größe in einem relativ kleinen Land zufiel, um einiges weiterentwickelt als die Freiburgs im Allgemeinen, obwohl auch diese an sich nicht schlecht war. Dazu kam die unmittelbare Nachbarschaft zu Deutschland und Frankreich. Ja, um im Notfall jemanden abhängen zu müssen, war diese Stadt ganz besonders gut geeignet.
Nein, er war so weit gekommen und würde sich jetzt aufgrund eines dummen Zufalls nicht einfach geschlagen geben. Nach wie vor schien ihm die Strategie, als Student noch für ein knappes Jahr in der näheren Umgebung des potentiellen Entdeckers des ZVA-Effektes zu leben und Aufklärung zu betreiben, für die effektivere Ausführung seiner Mission als geeignet. Auch wenn irgendwo in den tiefsten Winkeln seines künstlichen Verstandes ein paar synthetische Synapsen unterschwellig Alarm schlugen angesichts des Zutagetretens des Unwahrscheinlichen. Wie viele Zufälle konnte es noch geben und inwiefern würden sie das Gelingen seiner Mission beeinflussen, beeinträchtigen oder gar gefährden können?
Darauf wusste er natürlich keine Antwort.
[Fortsetzung folgt ...]
- 6 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 21. September 1996
CSM 108-1 schlenderte an diesem verregneten Samstagnachmittag durch die Altstadt von Freiburg und überlegte immer wieder, ob sein Vorhaben nicht zu gewagt war. Jedenfalls sprach seine Grundsteuerung nicht negativ darauf an, was sicher der Fall gewesen wäre, wenn er das Missionsparameter, unauffällig zu bleiben, überschritten hätte.
Als die verabredete Stunde gekommen war, hielt er sich auf der großen Hauptachse der Innenstadt, der Kaiser-Joseph-Straße, nördlich und bog kurz vor dem Ende der Fußgängerzone nach links in die Weberstraße ab. Als er die betreffende Hausnummer gefunden hatte, suchte er die Klingeln ab, bis er den ihm im Telefonat genannten Namen ‚Rohwoltt’ zusammen mit einem anderen unleserlich auf einem offensichtlich nachträglich aufgeklebten Papierfetzen fand. Das würde das erste werden, was geändert werden musste, sagte er sich bereits beim Läuten.
„Ja?“ Ein blechernes Knistern in der Haussprechanlage.
Er beugte sich vor, um näher an dem Mikrofon zu sein. „Ich komme wegen des Zimmers.“
„Sehr gut. Dritter Stock, bitte.“ Ein lautes Summen kündigte die Betätigung des Türöffners an, worauf er in den langen, schmalen Hausflur eintrat, dessen linke Hälfte von der Steintreppe nach oben eingenommen wurde. Am hinteren Ende machte er eine cremefarbene Metalltür mit länglichem, schmalem Milchglaseinsatz aus. Als er auf den Holknopf des Aufzugs drückte, fiel ihm das alte Messingschild auf:
1958
Max. 150 kg / 2 Pers
Mehr als zwei Personen würden auch nur schwerlich in der engen Kabine Platz finden, dachte er beim Betreten, wobei er sich des Knirschens der Liftkabel über sich im Schacht wohl gewahr war. Das Limit war schon durch sein eigenes Gewicht erreicht; wenn er mit jemand anderem fahren wollte, würde es erheblich überschritten werden. Nun, ein kleiner Schönheitsfehler.
Fast schon war er soweit, Bedauern darüber zu empfinden, seine Wohnung in Herdern aufgeben zu müssen. Doch leider trat nun die Tatsache, dass er seit über zehn Jahren am gleichen Ort wohnte und dabei praktisch keinen Tag gealtert war, unangenehm zutage.
Er zog ungewollte Aufmerksamkeit auf sich.
Er hatte es nur durch Zufall und seine außerordentlich empfindlichen Audiosensoren im Hausflur erfahren, als er aus seiner Wohnung ins Treppenhaus hinausgetreten war und sich gleichzeitig an der Haustür unten drei seiner Nachbarn im vermeintlichen Flüsterton über ihn unterhalten hatten. Was dort gesagt worden war, hatte vom Unbehagen der Hausbewohner, ihrer beinahe abergläubigen unterschwelligen Furcht und dem Unverständnis über seinen guten Zustand gehandelt. Das hatte zu weiteren Dingen geführt, als sie begonnen hatten, untereinander Informationen auszutauschen, was ihnen sonst noch alles an ihm verdächtig erschienen war. Nun, er sah natürlich noch genauso aus wie am Tag seines Einzuges, das stimmte schon.
Die Konsequenz daraus war ihm klar: Er musste seinen Wohnsitz wohl oder übel wechseln. Da er unter anderem vernommen hatte, dass er seinen argwöhnischen Nachbarn durch die Tatsache aufgefallen war, dass er allein lebte und nie Besuch bekommen hatte, war der nächste logische Schritt, in eine der unzähligen Freiburger Wohngemeinschaften einzuziehen. Seine persönlichen Freiheiten würden dadurch zwar eingeschränkt werden, doch andererseits gab es für einen jungen Studenten Anfang bis Mitte Zwanzig nichts Selbstverständlicheres und Unauffälligeres als diese Form des Wohnens. Er musste nicht einmal mehr einen eigenen Telefonanschluss anmelden oder ein Namensschild an der Türklingel sowie dem Briefkasten anbringen, wenn er nicht unbedingt wollte. Damit war er statistisch gesehen völlig von der Bildfläche verschwunden, nicht nur aus den Computerdateien der Ordnungsämter.
Ja, seit sich das Internet überall etabliert hatte, standen ihm sämtliche Möglichkeiten offen, beliebig Daten zu manipulieren, vor allem natürlich jene, die seine Erfassung betrafen. Für ihn war selbst die brandneue Verschlüsselungstechnik mit 128er-System ein Witz; er benötigte dafür etwa so lange wie ein CRAY-2 Supercomputer zum Knacken eines alten Enigma-Codes der deutschen Marine aus dem Zweiten Weltkrieg. So war es beispielsweise kein Wunder, dass er noch immer die selbe Autonummer aus Köln besaß, ohne jemals größere Scherereien gehabt zu haben. Einem Nachbarn, der sich einmal danach erkundigt hatte, hatte er erklärt, dass die Anmeldung über seinen großen Bruder in Köln lief und der auch der Halter des Fahrzeuges sei, deshalb das rheinländische Schild. Und wie immer war der gute Nachbar ganz gerührt gewesen beim Anblick der Nummernkombination, sodass er versichert habe, er drücke gerne ein Auge zu. Vor allem, da er noch immer die Nummer mit der Abkürzung für Freiburg und der alten Postleitzahl benutzte, obwohl die bereits seit dem ersten Juli 1993 wie in ganz Deutschland durch neue, fünfstellige Zahlen ersetzt worden war. Man war eben nostalgisch.
Das alles ging er nochmals im Geiste durch, während er in der engen, muffigen Liftkabine langsam und ruckelnd nach oben fuhr.
Der dritte Stock war der oberste im Haus, wie er beim Verlassen des Aufzugs feststellte. Eine schmale Treppe führte noch auf den Dachboden hoch, der jedoch nicht bewohnt war, sondern nur als Stauraum diente, wie er sah. Von der Treppe aus gesehen gab es links und rechts zwischen Aufzug und Treppe jeweils eine Wohnungstür aus dunklem, massivem Holz. Die linke stand einen Spalt weit offen.
Kaum hatte er den Flur betreten, da wurde die Tür auch schon aufgerissen. Ein schlanker, sehnig wirkender Mann Mitte zwanzig von etwa einsachtzig Größe streckte ihm seine Hand hin und drückte sie mit erstaunlich festem Griff. Er hatte blaue Augen, dunkelblondes, leicht schütter wirkendes Haar – wohl aus Veranlagung – und markante Züge mit leicht eckig wirkendem Kiefer und Kinn.
„Hallo erst mal. Ich bin Simon. Komm doch rein.“
„Hallo. Daniel.“ Er gab sich bewusst einsilbig und sprach seinen Vornamen auch deutsch aus, um sowenig Informationen wie möglich von sich aus preiszugeben, falls er dieses Angebot nicht annehmen würde. „Eins muss man euch lassen: Auf jeden Fall wohnt ihr zentral.“
„Ja, viel zentraler geht es echt nicht mehr. Ich hoffe nur, dir macht etwas Straßenlärm nichts aus. Das ist einer der unvermeidlichen Nachteile daran.“
„Einer der Nachteile?“, hakte er sofort bei Simons Bemerkung nach. „Und die anderen?“
Am liebsten hätte sich sein Gesprächspartner auf die Zunge gebissen, als ihm aufging, wie amateurhaft er seine Wohnungsbesichtigung begonnen hatte. Für den Umgang mit anderen Menschen schien ihm wohl das eine oder andere Quäntchen Feingefühl zu fehlen, wessen er sich aber durchaus bewusst zu sein schien.
„Jetzt hast du mich aber eiskalt erwischt“, gab er auch gleich zu, „ich habe meiner Mitbewohnerin auch gesagt, sie soll das mit der Wohnungsführung machen, aber sie ist zur Zeit leider nicht da und das Semester beginnt auch erst in einer Woche, da ist ihr Tagesablauf ohnehin ziemlich unvorhersehbar.“
„Am besten sehen wir uns alles erst mal an, oder?“ Er stand nun auf dem Flur, der lange und gerade bis zum entfernten Ende der Wohnung führte und dort in einem integrierten Wandschrank endete, der vom Parkettboden bis zur Decke reichte.
„Natürlich. Bitte entschuldige. Und um es gleich vorneweg zu sagen: Das, was die meisten Leute von vorneherein abschreckt, ist die Grundaufteilung der Wohnung. Für eine WG, in der sich alle gut verstehen, ist’s perfekt, aber wehe, wenn nicht ... ich quatsche zuviel, sieh’s dir selber an.“ Er öffnete die erste Tür rechts. „Das wäre dein Zimmer.“
CSM 108-1 betrat den Raum von etwa vier mal fünf Metern, dessen rechte Ecke neben der Tür eine rechtwinklige Einbuchtung von etwa anderthalb Meter Kantenlänge aufwies. Die Tapeten waren weiß gestrichen und der Boden mit einem hellgrauen Teppich ausgelegt. Eine großzügige Fensterfront von etwa drei auf anderthalb Meter ging nach vorne auf den Friedrichring hinaus
Allerdings war das Zimmer komplett eingerichtet.
„Hier wohnt noch jemand“, bemerkte er nüchtern und trat zum Fenster, um durch die hohen Vorhänge hinaus auf die zweispurige Stadtkernumfahrung zu sehen, auf der gerade herzlich wenig los war. Von hier aus hatte er direkten Ausblick auf die Bronzestatue auf der Spitze der Siegessäule, etwa zwanzig Meter Luftlinie genau vor dem Fenster.
Wenigstens konnte man genau beschreiben, wo man wohnte. Das hier konnte nun wirklich niemand verfehlen.
„Oh, natürlich zieht meine Mitbewohnerin noch bis Ende des Monats aus dem Zimmer aus und in das hintere ein. Wir wohnen selbst erst drei Monate hier und unser dritter Mann hat gerade fertig studiert und an dem Tag gekündigt, als wir einzogen. Das wussten wir aber bereits vorher, sodass wir uns auch gleich auf die Suche nach einem neuen Mitbewohner gemacht haben.“ Etwas verlegen wartete Simon auf eine Reaktion.
„Das hintere Zimmer ist demnach größer und deine Mitbewohnerin steht nicht auf das ständige Fahrgeräusch des Aufzugs aus dem Schacht hier“, resümierte er und klopfte mit der Hand auf die rechteckige Aussparung, dessen Sinn ihm schon beim Betreten des Raumes klargewesen war. „Offenbar weiß sie genau, was sie will.“
Staunend starrte ihn sein Gegenüber an, bis er lächelte und ihm auf die Schulter klopfte. „Keine Angst, mir würde das nichts ausmachen. Jetzt machen wir erst einmal weiter mit der Besichtigungstour und sehen uns den Rest an.“
„Okay.“ Wie betäubt schloss er die Tür hinter sich und öffnete die nächste rechterhand. „Mein Zimmer.“
Halbwegs ordentlich, vollgestopft mit Büchern und Lernmitteln nebst PC-Arbeitsplatz, aber wenig Komfortmöbeln. Genau wie im ersten Zimmer. Seltsam, er hatte immer gedacht, junge Menschen legten Wert auf Gemütlichkeit und originelle Einrichtungsgegenstände in den eigenen vier Wänden, hier war das aber nur im Ansatz vorhanden. Vor allem das Inventar seiner Mitbewohnerin war beinahe spartanisch zu nennen.
Die hinterste der drei rechten Türen offenbarte das noch leerstehende Zimmer, in das die andere Bewohnerin der Wohnung umzuziehen gedachte. Es war ebenso groß wie die beiden anderen, nur dass in seinem Raum eben der Liftschacht einiges an Platz wegnahm und sein Raum auch nicht mit Parkett ausgestattet war wie dieser hier.
„Sie weiß wirklich genau, was sie will.“
„Und auch, was sie nicht will“, murmelte Simon mit bitterem Unterton in der Stimme, was CSM 108-1 sofort zu einer Anzahl an Extrapolationen veranlasste, was er damit gemeint haben könnte. Sein Ergebnis war recht eindeutig, er sprach es jedoch nicht aus, um es sich nicht vorzeitig mit ihm zu verderben.
Die hintere der beiden linksseitigen Türen führte ins Bad, das lang und schmal geschnitten, aber ausreichend groß für Wanne, WC, Waschbecken und eine alte Waschmaschine hinter der Tür war, nebst einigen kleinen Schränkchen und Regalen. Die Kacheln waren hellblau und reichten bis unter die Decke. Für eine Studenten-WG erstaunlich sauber.
„Bisher alles ganz nett. Wo ist der Haken?“, wollte er von Simon wissen.
Der seufzte ergeben, als hätte er schon lange auf diese Frage gewartet. „Der kommt jetzt. Die Küche ... wenn man es so nennen will.“
Er erwartete beim Aufmachen der vorderen rechten Tür alles, nur nicht das, was sich ihm da bot, sodass er für einige Zehntelsekunden erstarrt in der Tür stehenblieb und das Bild vor sich aufnahm.
Es war phantastisch.
Die Küche war riesengroß und komplett mit hellem Linoleumboden ausgelegt. Der eigentliche Küchenbereich, eine recht moderne Einbauküche mit Spülbecken, Geschirrspüler, Kühlschrank, Tiefkühler, Herd, Backofen und vielen an der Wand befestigten Schränken zog sich an der rechten Wand und noch etwa anderthalb Meter an der Außenwand entlang, bis die Fensterfront mit einer Balkontür begann. Links davon schloss sich eine mindestens drei Meter breite Fensterfläche an, die den Raum hell und freundlich machte und bis zur linken Zimmerecke ging. An den freien Wänden standen mehrere Regale, die meisten mit unzähligen Büchern, Heften und Zeitschriften angefüllt, aber auch mit Videos und allerlei kleinerem Zierrat.
Die linke Seite des Raumes wurde von einem gigantischen Esstisch beherrscht, der nicht besonders massiv wirkte, aber auf jeder Seite drei Personen und an den Kopfenden nochmals zweien Platz bot. Über seiner Mitte hing eine niedrige Lampe mit kegelförmigem Glasschirm.
Das wirklich Skurrile war die lilafarbene Ledercouch, die diagonal in der rechten Raumhälfte stand und direkt auf den großen Fernseher gerichtet war, welcher auf der vom Fenster entfernten Ecke der Anrichte der Küche stand. An der Wand gegenüber der Fenster stand außerdem ein weiteres breites Regal, in dem neben unendlich vielen Schallplatten, Musikkassetten und CDs eine moderne HiFi-Stereoanlage mitsamt großen Lautsprecher-Boxen stand. Auf ihn wirkte diese bizarre Integration von Küche und Wohnraum sehr außergewöhnlich, aber vor allem zutiefst amerikanisch.
„Unglaublich. Und diese Wohnung hat noch ein Zimmer frei?“, versuchte er grenzenlose Begeisterung zum Ausdruck zu bringen.
„Naja, es ist eben sehr ungewöhnlich ...“, begann Simon, doch CSM 108-1 hatte bereits die Balkontür geöffnet und war auf den breiten Balkon, der vom Dachrand über ihnen auf ganzer Fläche vom Regen geschützt wurde, hinausgetreten. Er sah hinab auf die Straße und meinte dann: „Am nächsten Ersten kann ich einziehen, richtig?“
„Du willst das Zimmer wirklich nehmen?“, fragte Simon beinahe überrascht.
„Ja, ist doch ...“, er hielt einen Moment lang inne, „ ...witzig hier. Wie viel kostet der Spaß denn?“
„Fünfhundertfünfzig Mark warm für dich, weil du das kleinere Zimmer hast. Die beiden größeren kosten uns jeweils sechshundert.“
„Aha. Wollen wir das mal auf die Quadratmeter umrechnen?“, wollte CSM 108-1 wissen und klopfte Simon lachend auf die Schulter, als er dessen Bestürzung sah. „He, war doch nur Spaß. Ich bin bestimmt kein solcher Pedant, dass ich alles auf den Pfennig genau ausrechnen werde. Außerdem bin ich von uns dreien bestimmt derjenige, der am wenigsten auf die Mark schauen muss. Ich unterschreibe den Sponsorenvertrag also gerne, wenn das Zimmer bis zum Einzugsdatum auch geräumt ist. Ich hoffe, deine Kollegin nimmt das ernst.“
„Bestimmt. Ich rufe sie morgen gleich an. Herzlich willkommen also.“ Er gab ihm nochmals die Hand und schien sich ehrlich zu freuen über den Zuwachs in der Wohngemeinschaft.
„Es ist nett, bei Leuten unterzukommen, die gemeinsame Interessen haben“, bemerkte dieser darauf, was ihm einen fragenden Blick von Simon einbrachte. „Ich hatte im Inserat gelesen, ihr seid Studenten von diversen Naturwissenschaften. Ich fange jetzt mit Mineralogie, Kristallographie und Geochemie an.“
„Das ist ja ein irrer Zufall! Dann werden wir ja sogar gemeinsame Vorlesungen haben. Und hier am Küchentisch gibt es regelmäßige Diskussionsrunden mit Gleichgesinnten, die wir noch von der Abendschule her kennen. Das wird dir sicher gefallen“, erzählte Simon begeistert.
„Ja, hört sich gut an.“ Er nickte zustimmend. „Und kommst du heute Abend auch ins Agar zur Semestereröffnungsparty? Es soll ganz nett werden, hab’ ich gehört.“
„Nein, alles nur das nicht“, wehrte Simon ab. „Mit Disco kann ich gar nichts anfangen.“
„Macht nichts. Ich ruf’ dich noch an wegen dem Vertrag, okay? Und am Ersten stehe ich mit Sack und Pack auf der Matte.“
„Wunderbar. Bis dann“, verabschiedete Simon ihn.
Die Discothek war hart am Rande der Überfüllung. Eine Polizeikontrolle hätte heute Abend jedenfalls nicht stattfinden dürfen bei der Menge an jungen Leuten, die sich im Agar zusammendrängten.
Natasha lehnte sich an der Seite der Tanzfläche auf ihrem Hocker zurück gegen die Wand und strich sich eine Strähne ihres sehr langen, glatten hellbraunen Haares aus dem Gesicht, während sie gleichzeitig die Beine unter ihrem schwarzglänzenden Minikleid übereinander schlug. Dabei beobachtete sie nachdenklich ihre Freundin, die wie meistens mit einer Jeanshose, einer dazu passenden Jacke und dunklem T-Shirt schlicht, aber akzeptabel angezogen war. Wie hypnotisiert starrte diese auf die Mitte der Tanzfläche und konnte ihren Blick nicht abwenden.
„Was hast du denn?“, wollte sie endlich von ihr wissen.
„Siehst du den Typ da vorne? Mittelgroß, dunkle kurze Haare, gedrungene Figur, weißes T-Shirt und Bluejeans ...“
„Der da? Was soll mit ihm sein? Ich finde nichts Tolles an ihm; der sieht doch ganz durchschnittlich aus.“ Dennoch blieb ihr Blick auf ihm haften. Seltsam...
„Trotzdem habe ich das Gefühl, ich kenne ihn irgendwoher.“ Vor etwa zwei Stunden war er die Treppe in das weitläufige Kellergeschoss hinabgekommen, das von der Disco eingenommen wurde. Nachdem er seine Jacke an der Garderobe abgegeben hatte, war er ohne nach rechts oder links zu sehen, direkt auf das große abgesenkte Oval in der Saalmitte zumarschiert, das die Tanzfläche markierte. Die ganze Zeit schon lief diese sonderbare Techno-Musik und er hatte nicht eine Tanzpause eingelegt, um etwas zu trinken, sich auszuruhen oder auf die Toilette zu gehen. Sein Tanzstil war eine Synthese aus den verschiedenen Bewegungsabläufen der nächsten ihn umgebenden Leute, die er studiert hatte; das fiel natürlich keinem auf, weil er eben dadurch so unauffällig war. Aber er schien es sichtlich zu genießen, wie er sich zum hämmernden Bass und den sphärischen Melodien der Trance-Techno-Musik im bunten zuckenden Lichtgewitter der Scheinwerfer und Stroboskope bewegte. Wieder sah sie hinüber und bemerkte plötzlich, dass er zurück sah, ohne erkennbare Gemütsregung.
CSM 108-1 hatte eine Weile gebraucht, um in dem dichten Gedränge zu registrieren, dass er von einer einzelnen Person einer genaueren Beobachtung unterzogen wurde, doch dann waren seine Terminator-Instinkte sofort hellwach und funktionierten mit der gewohnten Effizienz. Das Individuum war weiblich, etwa zweiundzwanzig Jahre alt, etwas über einssechzig und schlank, geschätztes Gewicht gut fünfzig Kilogramm. Als er mit einem schwachen Infrarotanteil heranzoomte, nahm er ihr glattes rabenschwarzes Haar wahr, das ihr locker über die Schultern fiel und ihr schmales Gesicht mit hoch angesetzten Wangenknochen und einem leicht spitzen Kinn umrahmte. Bei diesen Lichtverhältnissen und in seinem monochromatischen Sichtmodus konnte er keine Farben erkennen, doch die Formen ihres Gesichtes nahm er gestochen scharf über den halben Saal hinweg wahr.
Etwas in seinem hochkomplexen Elektronengehirn versuchte einem Impuls folgend eine Identifikation vorzunehmen, fand aber kein positives Ergebnis. Allerdings war etwas in seinen Datenbänken, das ihn veranlasste, Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Ähnlichkeitsvergleiche mit älteren Daten durchzuführen. Dennoch kam er zu keinem Ergebnis. Zu wenig Informationen.
Sie konnte ihm irgendwo in Freiburg auf der Straße begegnet sein, doch daran würde er sich zu einhundert Prozent erinnern können. Und während er noch über diesem Problem brütete, löste sie sich aus ihrer Nische und umrundete die Tanzfläche in Richtung Toiletten.
Als sie zurückkam, hatte er eine strategische Lösung erarbeitet: vorläufigen Rückzug. Der Ort, an dem er getanzt hatte, war verwaist. Die geheimnisvolle Unbekannte seufzte und kehrte zu ihrer Freundin zurück. „Hast du gesehen, wo er hin ist?“
Sie grinste: „Vor dreißig Sekunden die Treppe zum Ausgang hoch. Hat seine Jacke nicht geholt.“
„Was würde ich nur ohne dich machen, Nati“, antwortete sie lachend und drückte ihrer Freundin ein kleines Bussi auf die Wange, dann schob sie sich rasch durch die Menge zur Treppe nach oben. Dort warf sie neben der Kasse einen raschen Blick auf ihren Handrücken, um sich zu vergewissern, ob ihr Eintrittsstempel auch da war. Er war normalerweise nicht sichtbar, sondern nur bei UV-Licht fluoreszierend, und gewährleistete ihren Wiedereintritt.
Was machte sie da nur? Normalerweise war sie diejenige, der die Jungen nachliefen, nicht umgekehrt. Und wenn er jetzt draußen vor ihr stand? Was sollte sie sagen? Sie wusste es nicht.
Sie trat auf die gepflasterte Straße vor dem Agar hinaus, schlang die Arme bei der frischen Herbstluft um ihren Oberkörper und blickte sich um. Rechts von ihr sah sie ihn schemenhaft um die Ecke biegen. Wie im Traum eilte sie ihm nach und bog ihrerseits auf die Kaiser-Joseph-Straße in Richtung Süden ein.
Nun stand sie zehn Meter vor dem Martinstor, neben dem Münster das Wahrzeichen von Freiburg schlechthin. Es stammte noch aus dem Mittelalter und trug beinahe gotische Bauzüge für ein Stadttor, das aus einem steil hochgezogenen, mithin filigran wirkenden Turm und einem direkt rechts daran gebauten Haus bestand, welche zusammen fast die gesamte Straßenbreite einnahmen. Sowohl in dem Turm als auch dem Seitenhaus war ein Tor eingelassen, durch das jeweils eine Straßenbahnschiene führte. Sie nahm sich wie immer einen Moment Zeit, um das schöne, über 60 Meter hohe Bauwerk mit der liebevoll gearbeiteten Turmuhr und den vier Ecktürmchen mit Balustraden oben am extrem steilen Kupferdach mit aufgesetzter Glocke zu bewundern, doch dann hielt sie inne.
Wo war er hin?
Eben noch war er direkt vor ihr gewesen. Und jetzt? Die einzige Möglichkeit, die ihr wahrscheinlich vorkam, war das McDonald’s Fast-Food-Restaurant, das schändlicherweise direkt unter dem Tor in die rechte Häuserfront eingebaut worden war; nur ein weiterer Beweis für die Unverfrorenheit und Gedankenlosigkeit, mit der die amerikanische Subkultur das deutsche Kulturerbe mit Füßen trat. Zaghaft spähte sie durch die breite Glasfront hinein in den Verkaufsbereich, konnte ihn aber nirgends ausmachen, obwohl zu so später Stunde fast nichts mehr los war.
Sie ging durch das rechte Tor, durch das auch der diesseitige Gehweg führte, um den weiteren Straßenverlauf bis hinab zum Dreisamufer zu überblicken. Nichts zu sehen. Ratlos entschloss sie sich, die Suche aufzugeben. Was hatte sie überhaupt zu dieser sinnlosen Aktion veranlasst? Sie erkannte sich selbst nicht mehr, schoss es ihr ärgerlich beim Kehrtmachen durch den Kopf. Als ob gerade sie es nötig hätte ...
Er lehnte im Schatten an der Ecke des Turmes auf der anderen Seite der Straße, wo der Gehweg außen am Turm vorbeiführte, und starrte sie mit unbewegter Miene mit über der Brust verschränkten Armen an.
Wie zum ... war er nur so schnell dorthin gekommen, ohne von ihr gesehen zu werden?
Ihr Unterkiefer klappte fassungslos hinab.
‚Einen tollen Eindruck musst du auf ihn machen, du blöde Ziege’, schoss es ihr durch den Kopf, worauf sie schnell den Mund schloss. Eigentlich sollte ihr das nicht ganz geheuer sein, aber aus einem ihr unverständlichen Grund konnte sie kein Misstrauen ihm gegenüber aufbauen.
Da er keine Anstalten machte, die Straßenseite zu wechseln, ging sie langsam zu ihm und fröstelte unmerklich. War das die Kälte oder er? Da ihr momentan überhaupt nichts einfiel, sagte sie lapidar: „Hallo.“
„Hallo.“ Der Klang seiner Stimme rief irgendeine Erinnerung in ihr hoch, doch sie konnte sie nicht einordnen. Er machte es ihr aber auch nicht leicht mit seiner bewusst einsilbigen Art.
„Schnappst du auch ein bisschen frische Luft?“ Kaum hatte sie das gesagt, hätte sie sich ohrfeigen können. ‚Stell’ dich doch noch dümmer an’, dachte sie, zornig auf sich selbst.
„Man könnte es so nennen. Ich hatte im Agar so ein Gefühl, dass du mich beobachtest, als ob du mich kennen würdest. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dir vorher schon begegnet zu sein. Trotzdem verfolgst du mich offensichtlich. Ich frage mich, warum?“ Noch immer zeigte sein Gesicht keine erkennbare Regung.
Sie stockte, doch dann erzeugten seine Worte die gewohnte Reaktion, als die ihr eigene latente Affektiertheit in ihr Wesen zurückkehrte: „Tja, wenn du besser aussehen würdest, könnte man vermuten, ich wäre dir nachgelaufen.“
„Diese Möglichkeit können wir also ausklammern. Aus reinem Zufall bist du auch nicht bis genau hierher gerannt. Was bleibt uns dann noch?“ Auf diese Antwort wusste sie sich keinen Reim zu machen. Ihre Spitze war völlig wirkungslos an ihm abgeprallt und hatte ihr kein bisschen der Luft verschafft, die sie sich davon erhofft hatte.
„Mann, du bist aber hart im Nehmen. Analysierst du immer alles so genau?“
„Gehört dazu, wenn man das studiert, was ich vorhabe.“ Er wandte sich um und ging am Tor vorbei zurück in Richtung Altstadt.
„Und was wäre das, wenn man fragen darf?“, siegte die Neugier bei ihr.
„Naturwissenschaften“, sagte er kurz angebunden.
„Na also, das muss es sein. Wir haben uns sicher beim Einschreiben gesehen oder so. Ich fange nächste Woche an mit Biochemie, Geochemie und Mineralogie.“ Sie schnippte mit den Fingern.
Er schüttelte im Gehen den Kopf und warf ihr lediglich einen Seitenblick zu. „Nein, das ist es nicht. Obwohl ich auch mit Geochemie und Mineralogie anfange. Wir sehen uns dann sicher mal in der Vorlesung. Ich heiße übrigens Daniel.“ Er sprach den Namen bewusst Deutsch aus.
„Karin.“ Sie streckte ihm die Hand hin, die er nach einigem Zögern nahm. Er starrte sie kurz mit unergründlichem Blick an und wollte dann wissen: „Karin Bochner?“
Wie angewurzelt blieb sie stehen. „Woher kennst du meinen Nachnamen?“
Sein Gesicht wurde nun vollends zu einer undurchdringlichen Maske. „Ach, nur gut geraten. Nein, Spaß beiseite ... du hast recht, wir sind beim Einschreiben wirklich nebeneinander gestanden. Ich muss irgendwie einen Blick auf dein Formular geworfen haben und der Name ist wohl hängengeblieben. Passiert mir ständig, dass ich mir solche Details merke. Das muss es sein.“
Misstrauisch musterte sie ihn und wollte dann wissen: „So? An welchem Tag warst du in der Uni?“
Er schien einen Sekundenbruchteil zu erstarren und antwortete dann: „Das weiß ich nicht mehr genau. Ich hatte so viel zu tun in den letzten Tagen.“
„Aber an meinen Namen auf dem Formular erinnerst du dich noch? Ist schon komisch, nicht wahr?“, schnappte sie, als sie sich dem Eingang des Agar näherten.
„Hast nicht du mich verfolgt? Ich bin hier nicht derjenige, der verhört werden sollte.“ Seine Stimme blieb trotz der Spannung zwischen ihnen ruhig und sachlich, was sie nur noch wütender machte.
„Ich weiß schließlich auch nicht so ohne weiteres deinen Nachnamen“, konterte sie.
„Und bei diesem Stand der Dinge erfährst du ihn von mir ganz bestimmt auch nicht. Wie gesagt, wir sehen uns vielleicht mal in der Vorlesung.“ Er wandte sich dem Türsteher zu und bedeutete ihm, dass er einen Stempel hatte.
„Ja, wird sich wohl nicht vermeiden lassen.“ Auch sie wedelte mit dem Handrücken vor der Nase des bulligen, hochgewachsenen Security-Typs herum. Der trat noch nicht zur Seite, sondern beäugte sie beide noch misstrauisch.
„Ihr zwei Süßen werdet euch doch nicht zoffen, oder?“, wollte er wissen.
„Wir kennen uns gar nicht!“, fuhren ihn beide gleichzeitig an, sahen sich darauf verduzt an und drückten sich dann am Türsteher vorbei. Sie machte eine verbissene Miene, während sein Gesicht wie versteinert wirkte und keine Regung mehr erkennen ließ.
In CSM 108-1 rumorte es hingegen in seiner CPU. Natürlich hätte er sie nach ihrem Namen fragen sollen, anstatt ihn ihr einfach so zu nennen, was die Situation hatte eskalieren lassen. Andererseits hatte er sie sofort wieder erkannt, als sie ihm ihren Vornamen genannt hatte. Ohne dieses Faktum hätte er zwar nie eine Querverbindung herstellen können, doch jetzt im Nachhinein konnte er die Übereinstimmung auf 72,8 % festsetzen. Er hoffte nur, dass ihr Gedächtnis nicht so gut war.
Aber wie konnte sie ihn wieder erkannt haben? Nein, das war nahezu ausgeschlossen. Zu viel Zeit war verstrichen.
Er war beinahe soweit, dass er seinen Vorstoß als misslungenes Experiment aufgeben und wieder in seine ursprüngliche, zurückgezogene Beobachterposition zurückkehren wollte. Wieder einmal hatte er erfahren müssen, dass Dinge schief gehen konnten und unglückliche Verkettungen von Ereignissen, die selbst mit dem leistungsfähigsten elektronischen Rechner der Welt – was zu diesem Zeitpunkt zweifellos seine CPU war – nicht vorausberechenbar waren, auch den ausgeklügeltsten Plan im Nu scheitern lassen konnten.
Aber andererseits sagte er sich, dass er in der Zeit, in der er jetzt in Freiburg verweilt hatte, alles zu seiner Mission Notwendige mindestens zweimal gemacht hatte. Er hatte mit einer Akribie, die jedes menschliche Wesen zur Verzweiflung oder in den schieren Wahnsinn getrieben hätte, in der Innenstadt jede einzelne der malerischen kleinen Gässchen, die Geschäfte, Kaufhäuser, Galerien, Kneipen und Cafés, Restaurants und auch Behörden und Ämter regelrecht erforscht. Dazu hatte er praktisch das gesamte Stadtgebiet sowie alle relevanten Nachbarorte zu Fuß oder mit dem Auto begangen respektive befahren. Des weiteren hatte er auch das Umland bis hinauf nach Karlsruhe, den gesamten mittleren und südlichen Schwarzwald, einen Teil der Nordwestschweiz und auch in begrenztem Umfang das südliche Elsass nicht ausgelassen. Heutzutage war das nicht mehr so schwer, denn der Kalte Krieg war vorüber, die Schweiz nicht mehr ganz so misstrauisch den benachbarten Ausländern gegenüber und die Grenzkontrollen nach Frankreich im Zuge des europäischen Einigungsprozesses mittlerweile nur noch Makulatur.
CSM 108-1 war insbesondere von Basel von Anfang an sehr fasziniert gewesen. Die taktischen und strategischen Gegebenheiten und Möglichkeiten, die diese Stadt aufgrund ihrer Lage und Struktur bot, waren ausgesprochen vielfältig für seinen Betrachtungswinkel. Die zweitgrößte Stadt der Schweiz hatte etwa die Einwohnerzahl Freiburgs, wirkte aber aufgrund ihrer ausgedehnten Agglomeration um einiges größer. Jedenfalls war ihre Infrastruktur aufgrund der größeren Rolle, welche einer Stadt dieser Größe in einem relativ kleinen Land zufiel, um einiges weiterentwickelt als die Freiburgs im Allgemeinen, obwohl auch diese an sich nicht schlecht war. Dazu kam die unmittelbare Nachbarschaft zu Deutschland und Frankreich. Ja, um im Notfall jemanden abhängen zu müssen, war diese Stadt ganz besonders gut geeignet.
Nein, er war so weit gekommen und würde sich jetzt aufgrund eines dummen Zufalls nicht einfach geschlagen geben. Nach wie vor schien ihm die Strategie, als Student noch für ein knappes Jahr in der näheren Umgebung des potentiellen Entdeckers des ZVA-Effektes zu leben und Aufklärung zu betreiben, für die effektivere Ausführung seiner Mission als geeignet. Auch wenn irgendwo in den tiefsten Winkeln seines künstlichen Verstandes ein paar synthetische Synapsen unterschwellig Alarm schlugen angesichts des Zutagetretens des Unwahrscheinlichen. Wie viele Zufälle konnte es noch geben und inwiefern würden sie das Gelingen seiner Mission beeinflussen, beeinträchtigen oder gar gefährden können?
Darauf wusste er natürlich keine Antwort.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Sonntag, 17. Dezember 2006
T1.1.26
cymep, 02:06h
[... Fortsetzung des Buches]
Südliches Breisgau, Bundesrepublik Deutschland - 8. Mai 1986
Seine Mission lief hervorragend.
Alles war so schnell gegangen, seit er in seiner neuen Heimatstadt Fuß gefasst hatte. CSM 108-1 hatte im letzten halben Jahr die Stadt bis in den allerletzten Winkel erkundet, sich unter die Leute gemischt und damit begonnen, das Leben eines normalen jungen Menschen in seinem scheinbaren Alter zu führen. Er hatte mit seinem Auto die nähere Umgebung erkundet, war alle erdenklichen Routen in einem Radius von mindestens fünfzig Kilometer um die Stadt herum – auf der deutschen Seite des Rheines – abgefahren und hatte den Kaiserstuhl sowie den verwinkelten Südschwarzwald als strategisch unschätzbar wertvolles Rückzugsgebiet entdeckt.
Da der Winter auf den nur wenige hundert Meter hohen Rücken der fast ausschließlich mit Wald und Rebland bedeckten Hügeln des Kaiserstuhles sehr mild war, hatte er in dieser Jahreszeit zunächst jene Region genauer ausgekundschaftet. Er hatte dabei feststellen können, dass das gesamte etwa rhomboid geformte Landstück von zehn mal fünfzehn Kilometern Ausmaß nur sehr dünn besiedelt, aber dennoch mit einer Vielzahl von Nebenstraßen und geteerten Landwirtschaftswegen hervorragend zugänglich war. Es war abgeschieden, aber dabei nur knapp zwanzig Kilometer von Freiburg entfernt und grenzte zudem direkt an den Rhein und damit an die französische Grenze. Das perfekte Fluchtgebiet, um etwaige Verfolger kurzfristig abhängen zu können, vorausgesetzt man kannte sich so gut aus wie er das jetzt tat. Auch Verstecke boten sich mehr als genug in dem winterlich verwaisten, aber fast schmerzhaft romantischen Hügelsaum vulkanischen Ursprungs.
Die dichten Tannenwälder des Schwarzwaldes hingegen stiegen bis auf fast fünfzehnhundert Meter hinauf. Nur wenige Straßen führten über die Höhen und Pässe und waren im Winter bei entsprechender Wetterlage manchmal beinahe unpassierbar; Nebenstraßen waren sehr kurvig und in meist erbärmlichem Zustand. Dennoch bot dieses verwinkelte Waldgebirge gute Möglichkeiten, sich ins schwäbische Hinterland abzusetzen, wenn es sein musste. Man durfte sich im Ernstfall nur nicht in eine Sackgasse verirren, was er mit diesen Erkundungsfahrten zu vermeiden suchte.
An diesem warmen Frühlingsmittag fuhr er von Freiburg aus direkt nach Süden über Land auf kleinen Nebenstraßen am Rande des Schwarzwaldes entlang bis zum nächsten Tal, das von einer kleinen Stadt aus östlich ins Gebirge vorstieß und indirekt bis zum Belchen und Schauinsland führte, zweien der höchsten Gipfel des Landes Baden-Württemberg. Im Radio lief gerade ‚The Final Countdown’ von der Rockgruppe Europe. Interessiert ließ er bei gemäßigtem Tempo seinen Blick über die verwinkelte Nebenstraße durch den Ort und die zum Teil Jahrhunderte alten Häuser mit Fachwerkfassaden und mannigfaltigen Verzierungen schweifen. Ein pittoresker, netter Ort, über dem auf einem dem Gebirge vorgelagerten Felsen eine uralte Burgruine aufragte.
Das kleine Mädchen war plötzlich mit ihrem Rad aus einer winzigen Nebengasse, die kaum meterbreit direkt zwischen zwei Häusern hindurchführte, von rechts her direkt auf die Straße vor ihm gefahren. In Sekundenbruchteilen erfasste er alle möglichen Details: Sie war zwischen zehn und zwölf Jahren alt, hatte lange, braune Haare und starrte ihn jetzt, da sie ihn bemerkt hatte, aus weit aufgerissenen Augen entsetzt an. Der relativ große und schwere Schulranzen auf ihrem Rücken beeinflusste ihren Schwerpunkt derart ungünstig, dass sie durch die Schlenkerbewegung ins Taumeln kam; sie würde innerhalb der nächsten anderthalb Sekunden direkt vor ihm auf die Straße fallen.
Er fuhr im dritten Gang und mit neunzehnhundert Kurbelwellenumdrehungen des Motors laut Tachometer fünfundvierzig Stundenkilometer. Den Abstand zum Subjekt konnte er in dieser kurzen Zeitspanne unmöglich bestimmen, aber dennoch hatte er einen entscheidenden Vorteil: Er bildete eine Quasi-Symbiose mit dem Automobil, kannte keine menschliche Schrecksekunde und machte nicht den – ebenfalls menschlichen unbewussten – Fehler, nach links in die Fahrtrichtung des Mädchens auszuweichen. Außerdem stieg er nicht zuerst zögerlich auf die Bremsen, wie es die meisten Leute taten, um dann entsetzt zu merken, dass die Verzögerung nicht reichte und es nun zu spät war, voll zu bremsen, da sie durch ihre Zaghaftigkeit bereits zuviel wertvollen Bremsweg vergeudet hatten.
Statt dessen trat er augenblicklich entsprechend der Pedalkraft voll auf die Bremsen und lenkte nach rechts auf die Hauswand zu, weg von dem kleinen Mädchen. Seine Reifen waren neu und hatten das volle Profil, entsprechend gut hafteten sie auf dem Asphalt. Die an allen vier Rädern innenbelüfteten Scheibenbremsen sprachen schnell an, dank dem bei diesem Modell schon serienmäßigen Antiblockiersystem konnte er beim Bremsen weglenken, ohne dass die Reifen blockierten oder auch nur leise quietschten.
Dummerweise war die Kleine sozusagen vom fallenden Rad abgesprungen, sodass sie trotz seines kalkulierten Lenkeinschlages nach rechts genau vor den Wagen geriet. Mit dieser Reaktion hatte er nicht rechnen können.
Niemand bemerkte etwas, es gab keine Zeugen.
Blitzschnell hatte er die Zündung ausgeschaltet und war aus dem Wagen gesprungen, sobald sein Auto zum Stehen gekommen war. Als er um den Kotflügel herumsprang, saß das Mädchen völlig fassungslos auf dem Boden und betrachtete den Kühlergrill direkt vor ihrer Nase, mit dem Kreis und dem Blitz in dessen Mitte. Auf eine erschreckende Weise musste ihr klar sein, dass sie eigentlich hätte tot sein müssen, doch sie reagierte überhaupt nicht so, wie man es erwartet hätte. Sie weinte nicht und machte auch ansonsten keine Anstalten, auf die Situation zu reagieren, die ihr eben widerfahren war. Seine erste Vermutung war, dass sie einen Schock erlitten hatte.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er und sah gleichzeitig, dass ihre Knie und Handballen vom Sturz aufgeschürft waren. „Bewege dich nicht.“
„Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst.“ Nun kullerten doch ein paar Tränen über ihre Wangen, wenn er auch nicht eruieren konnte, ob Schmerz, Schuldgefühl oder Scham über ihren Fehler der Auslöser waren. Er besah sich die Verletzungen, die glücklicherweise nur oberflächlich waren. Dann tastete er ihre Arme und Beine ab und fühlte ihren Puls. Sie hatte keine Brüche und keinen Schock. Interessiert verfolgte sie seine kurze, aber umfassende Untersuchung.
„Was tun Sie mit mir?“ Ein Hauch von Unwillen stieg in ihrer Stimme mit hoch, so als missfalle es ihr, von ihm berührt zu werden.
„Ich sehe nach, ob du dich verletzt hast. Bist du auf den Kopf gefallen?“
„Nein, auf den Bauch. Meine Knie tun mir weh und meine Hände. Und mein schöner Rock ist auch ...“
Er stand auf und sah mit einem geringschätzigen Blick auf ihren hellen halblangen Rock. „Kleidung ist ersetzbar. Warte hier, ich hole das Verbandszeug aus dem Kofferraum.“
„Ich wollte das wirklich nicht, mein Herr. Ich habe gar nicht aufgepasst ...“, begann sie zu erklären, während wieder ein paar Tränen hervorquollen. Er hatte inzwischen den Verbandskasten aus seinem Staufach im Fahrzeugheck geholt und neben ihr geöffnet.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Kinder tun oft irrationale Dinge.“ Er beugte vorsichtig ihre Knie, eines nach dem anderen. „Tut das weh?“
„Nur ein bisschen. Was haben Sie damit gemeint ... irrational?“ Staunend über seine Untersuchung und seine Wortwahl starrte sie ihn aus ihren großen hellbraunen Augen an.
„Entschuldige. Ich meinte damit, dass Kinder nicht immer alles überlegt tun, sondern auch nach Gefühl oder aus einem Impuls heraus.“ Er säuberte ihre Verletzungen provisorisch und klebte Pflaster auf die Knie und machte schnell kleine, einfache Verbände um die Handballen.
Als er sich ihr Rad besah, stand sie auf und wollte neugierig wissen: „Sind Sie ein Doktor?“
„Ich? Nein. Dein Fahrrad sieht intakt aus. Soll ich dich trotzdem heimfahren oder geht es wieder?“ Er klopfte ihr vorsichtig den Schmutz aus dem hellen Rock und dem dünnen hellbraunen Strickjäckchen, was sie nun ergeben über sich ergehen ließ, da die Geste einfach nur sachlich und fürsorglich auf sie wirkte und jeder unangebrachten Zutraulichkeit entbehrte.
„Ich glaube, das wäre ganz gut. Ich sage Ihnen, wo lang, gell? Aber mein Rad ...“
„Das nehmen wir mit.“ CSM 108-1 legte die Rückbank um und entfernte die Heckablage, worauf sich das Kinderfahrrad bequem im Heck des Autos unterbringen ließ. Dann sah er sie kurz an. „Bist du schon zwölf Jahre alt?“
„Nein, aber ich werde ...“ Sie brach ab, als sie sein Gesicht sah. „Ist das schlimm?“
Er schüttelte den Kopf und lächelte beschwichtigend beim Einsteigen. „Nein, der Gesetzgeber erlaubt die Mitnahme von Kindern auf dem Beifahrersitz erst ab zwölf Jahren, aber dies hier ist schließlich ein Notfall. Also, schnall’ dich an, dann geht’s los.“
„Danke.“ Sie schlüpfte auf den Sitz und zog die Tür zu, musste sie aber nochmals öffnen, um sie mit mehr Kraft ein zweites Mal zuzuschlagen, damit das Türschloss einrastete. „Sie müssen da runter und dann links ...“
„Nicht so schnell, ich muss erst noch den Motor anlassen. Wie heißt du?“
Als er mit ihr wegfuhr, um sie daheim bei ihrer Mutter abzuliefern, war die Straße noch immer menschenleer. Er konnte froh sein, dass das hier in diesem verschlafenen Nest passiert war und nicht in Freiburg direkt, wo er garantiert eine Menge Ärger bekommen hätte. Und er nahm sich vor, in Zukunft noch vorsichtiger zu sein. Schließlich hing einiges von ihm ab.
[Fortsetzung folgt ...]
Südliches Breisgau, Bundesrepublik Deutschland - 8. Mai 1986
Seine Mission lief hervorragend.
Alles war so schnell gegangen, seit er in seiner neuen Heimatstadt Fuß gefasst hatte. CSM 108-1 hatte im letzten halben Jahr die Stadt bis in den allerletzten Winkel erkundet, sich unter die Leute gemischt und damit begonnen, das Leben eines normalen jungen Menschen in seinem scheinbaren Alter zu führen. Er hatte mit seinem Auto die nähere Umgebung erkundet, war alle erdenklichen Routen in einem Radius von mindestens fünfzig Kilometer um die Stadt herum – auf der deutschen Seite des Rheines – abgefahren und hatte den Kaiserstuhl sowie den verwinkelten Südschwarzwald als strategisch unschätzbar wertvolles Rückzugsgebiet entdeckt.
Da der Winter auf den nur wenige hundert Meter hohen Rücken der fast ausschließlich mit Wald und Rebland bedeckten Hügeln des Kaiserstuhles sehr mild war, hatte er in dieser Jahreszeit zunächst jene Region genauer ausgekundschaftet. Er hatte dabei feststellen können, dass das gesamte etwa rhomboid geformte Landstück von zehn mal fünfzehn Kilometern Ausmaß nur sehr dünn besiedelt, aber dennoch mit einer Vielzahl von Nebenstraßen und geteerten Landwirtschaftswegen hervorragend zugänglich war. Es war abgeschieden, aber dabei nur knapp zwanzig Kilometer von Freiburg entfernt und grenzte zudem direkt an den Rhein und damit an die französische Grenze. Das perfekte Fluchtgebiet, um etwaige Verfolger kurzfristig abhängen zu können, vorausgesetzt man kannte sich so gut aus wie er das jetzt tat. Auch Verstecke boten sich mehr als genug in dem winterlich verwaisten, aber fast schmerzhaft romantischen Hügelsaum vulkanischen Ursprungs.
Die dichten Tannenwälder des Schwarzwaldes hingegen stiegen bis auf fast fünfzehnhundert Meter hinauf. Nur wenige Straßen führten über die Höhen und Pässe und waren im Winter bei entsprechender Wetterlage manchmal beinahe unpassierbar; Nebenstraßen waren sehr kurvig und in meist erbärmlichem Zustand. Dennoch bot dieses verwinkelte Waldgebirge gute Möglichkeiten, sich ins schwäbische Hinterland abzusetzen, wenn es sein musste. Man durfte sich im Ernstfall nur nicht in eine Sackgasse verirren, was er mit diesen Erkundungsfahrten zu vermeiden suchte.
An diesem warmen Frühlingsmittag fuhr er von Freiburg aus direkt nach Süden über Land auf kleinen Nebenstraßen am Rande des Schwarzwaldes entlang bis zum nächsten Tal, das von einer kleinen Stadt aus östlich ins Gebirge vorstieß und indirekt bis zum Belchen und Schauinsland führte, zweien der höchsten Gipfel des Landes Baden-Württemberg. Im Radio lief gerade ‚The Final Countdown’ von der Rockgruppe Europe. Interessiert ließ er bei gemäßigtem Tempo seinen Blick über die verwinkelte Nebenstraße durch den Ort und die zum Teil Jahrhunderte alten Häuser mit Fachwerkfassaden und mannigfaltigen Verzierungen schweifen. Ein pittoresker, netter Ort, über dem auf einem dem Gebirge vorgelagerten Felsen eine uralte Burgruine aufragte.
Das kleine Mädchen war plötzlich mit ihrem Rad aus einer winzigen Nebengasse, die kaum meterbreit direkt zwischen zwei Häusern hindurchführte, von rechts her direkt auf die Straße vor ihm gefahren. In Sekundenbruchteilen erfasste er alle möglichen Details: Sie war zwischen zehn und zwölf Jahren alt, hatte lange, braune Haare und starrte ihn jetzt, da sie ihn bemerkt hatte, aus weit aufgerissenen Augen entsetzt an. Der relativ große und schwere Schulranzen auf ihrem Rücken beeinflusste ihren Schwerpunkt derart ungünstig, dass sie durch die Schlenkerbewegung ins Taumeln kam; sie würde innerhalb der nächsten anderthalb Sekunden direkt vor ihm auf die Straße fallen.
Er fuhr im dritten Gang und mit neunzehnhundert Kurbelwellenumdrehungen des Motors laut Tachometer fünfundvierzig Stundenkilometer. Den Abstand zum Subjekt konnte er in dieser kurzen Zeitspanne unmöglich bestimmen, aber dennoch hatte er einen entscheidenden Vorteil: Er bildete eine Quasi-Symbiose mit dem Automobil, kannte keine menschliche Schrecksekunde und machte nicht den – ebenfalls menschlichen unbewussten – Fehler, nach links in die Fahrtrichtung des Mädchens auszuweichen. Außerdem stieg er nicht zuerst zögerlich auf die Bremsen, wie es die meisten Leute taten, um dann entsetzt zu merken, dass die Verzögerung nicht reichte und es nun zu spät war, voll zu bremsen, da sie durch ihre Zaghaftigkeit bereits zuviel wertvollen Bremsweg vergeudet hatten.
Statt dessen trat er augenblicklich entsprechend der Pedalkraft voll auf die Bremsen und lenkte nach rechts auf die Hauswand zu, weg von dem kleinen Mädchen. Seine Reifen waren neu und hatten das volle Profil, entsprechend gut hafteten sie auf dem Asphalt. Die an allen vier Rädern innenbelüfteten Scheibenbremsen sprachen schnell an, dank dem bei diesem Modell schon serienmäßigen Antiblockiersystem konnte er beim Bremsen weglenken, ohne dass die Reifen blockierten oder auch nur leise quietschten.
Dummerweise war die Kleine sozusagen vom fallenden Rad abgesprungen, sodass sie trotz seines kalkulierten Lenkeinschlages nach rechts genau vor den Wagen geriet. Mit dieser Reaktion hatte er nicht rechnen können.
Niemand bemerkte etwas, es gab keine Zeugen.
Blitzschnell hatte er die Zündung ausgeschaltet und war aus dem Wagen gesprungen, sobald sein Auto zum Stehen gekommen war. Als er um den Kotflügel herumsprang, saß das Mädchen völlig fassungslos auf dem Boden und betrachtete den Kühlergrill direkt vor ihrer Nase, mit dem Kreis und dem Blitz in dessen Mitte. Auf eine erschreckende Weise musste ihr klar sein, dass sie eigentlich hätte tot sein müssen, doch sie reagierte überhaupt nicht so, wie man es erwartet hätte. Sie weinte nicht und machte auch ansonsten keine Anstalten, auf die Situation zu reagieren, die ihr eben widerfahren war. Seine erste Vermutung war, dass sie einen Schock erlitten hatte.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er und sah gleichzeitig, dass ihre Knie und Handballen vom Sturz aufgeschürft waren. „Bewege dich nicht.“
„Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst.“ Nun kullerten doch ein paar Tränen über ihre Wangen, wenn er auch nicht eruieren konnte, ob Schmerz, Schuldgefühl oder Scham über ihren Fehler der Auslöser waren. Er besah sich die Verletzungen, die glücklicherweise nur oberflächlich waren. Dann tastete er ihre Arme und Beine ab und fühlte ihren Puls. Sie hatte keine Brüche und keinen Schock. Interessiert verfolgte sie seine kurze, aber umfassende Untersuchung.
„Was tun Sie mit mir?“ Ein Hauch von Unwillen stieg in ihrer Stimme mit hoch, so als missfalle es ihr, von ihm berührt zu werden.
„Ich sehe nach, ob du dich verletzt hast. Bist du auf den Kopf gefallen?“
„Nein, auf den Bauch. Meine Knie tun mir weh und meine Hände. Und mein schöner Rock ist auch ...“
Er stand auf und sah mit einem geringschätzigen Blick auf ihren hellen halblangen Rock. „Kleidung ist ersetzbar. Warte hier, ich hole das Verbandszeug aus dem Kofferraum.“
„Ich wollte das wirklich nicht, mein Herr. Ich habe gar nicht aufgepasst ...“, begann sie zu erklären, während wieder ein paar Tränen hervorquollen. Er hatte inzwischen den Verbandskasten aus seinem Staufach im Fahrzeugheck geholt und neben ihr geöffnet.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Kinder tun oft irrationale Dinge.“ Er beugte vorsichtig ihre Knie, eines nach dem anderen. „Tut das weh?“
„Nur ein bisschen. Was haben Sie damit gemeint ... irrational?“ Staunend über seine Untersuchung und seine Wortwahl starrte sie ihn aus ihren großen hellbraunen Augen an.
„Entschuldige. Ich meinte damit, dass Kinder nicht immer alles überlegt tun, sondern auch nach Gefühl oder aus einem Impuls heraus.“ Er säuberte ihre Verletzungen provisorisch und klebte Pflaster auf die Knie und machte schnell kleine, einfache Verbände um die Handballen.
Als er sich ihr Rad besah, stand sie auf und wollte neugierig wissen: „Sind Sie ein Doktor?“
„Ich? Nein. Dein Fahrrad sieht intakt aus. Soll ich dich trotzdem heimfahren oder geht es wieder?“ Er klopfte ihr vorsichtig den Schmutz aus dem hellen Rock und dem dünnen hellbraunen Strickjäckchen, was sie nun ergeben über sich ergehen ließ, da die Geste einfach nur sachlich und fürsorglich auf sie wirkte und jeder unangebrachten Zutraulichkeit entbehrte.
„Ich glaube, das wäre ganz gut. Ich sage Ihnen, wo lang, gell? Aber mein Rad ...“
„Das nehmen wir mit.“ CSM 108-1 legte die Rückbank um und entfernte die Heckablage, worauf sich das Kinderfahrrad bequem im Heck des Autos unterbringen ließ. Dann sah er sie kurz an. „Bist du schon zwölf Jahre alt?“
„Nein, aber ich werde ...“ Sie brach ab, als sie sein Gesicht sah. „Ist das schlimm?“
Er schüttelte den Kopf und lächelte beschwichtigend beim Einsteigen. „Nein, der Gesetzgeber erlaubt die Mitnahme von Kindern auf dem Beifahrersitz erst ab zwölf Jahren, aber dies hier ist schließlich ein Notfall. Also, schnall’ dich an, dann geht’s los.“
„Danke.“ Sie schlüpfte auf den Sitz und zog die Tür zu, musste sie aber nochmals öffnen, um sie mit mehr Kraft ein zweites Mal zuzuschlagen, damit das Türschloss einrastete. „Sie müssen da runter und dann links ...“
„Nicht so schnell, ich muss erst noch den Motor anlassen. Wie heißt du?“
Als er mit ihr wegfuhr, um sie daheim bei ihrer Mutter abzuliefern, war die Straße noch immer menschenleer. Er konnte froh sein, dass das hier in diesem verschlafenen Nest passiert war und nicht in Freiburg direkt, wo er garantiert eine Menge Ärger bekommen hätte. Und er nahm sich vor, in Zukunft noch vorsichtiger zu sein. Schließlich hing einiges von ihm ab.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Samstag, 16. Dezember 2006
T1.1.25
cymep, 01:02h
[... Fortsetzung des Buches]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030
„Sie müssen nicht davon erzählen, wenn Sie es nicht wirklich wollen“, warf Mahtobu ein und sah sie mit einem mitfühlenden Blick an. Er ahnte, dass das, was sie auf dem Herzen hatte und so lange Zeit als seelische Last mit sich herumgeschleppt hatte, zumindest für sie höchst dramatisch und traumatisch gewesen sein musste. Er hoffte, dass sie entgegen seinem Rat doch erzählen würde, was sie so bedrückte.
„Doch, ich habe in den letzten Tagen und Wochen viel darüber nachgedacht. Eigentlich seit das Missionsziel für die Kinder klar wurde. Es ist ein komisches Gefühl, als ob unter der Oberfläche des Bewusstseins etwas lauert, eine Erkenntnis, irgendein Schlüsselerlebnis oder ein Geschehnis, das mir alle Zusammenhänge klarmachen sollte, die ich in meinem früheren Leben nie richtig zuordnen konnte. Ich weiß, das klingt wie eine sehr sachliche Analyse meiner Gefühlswelt, aber ich habe das seltsame Bedürfnis, mir alle Erinnerungen nochmals völlig neu unter diesem Gesichtspunkt vorzunehmen, ohne den störenden Aspekt der Emotion.“ Sie wirkte bei diesem Resümee tatsächlich leicht verstört, so als müsse sie nur alles einmal laut aussprechen, was sie bewegte, um auf die Antworten der Fragen zu kommen, die ihr so zusetzten. Zögerlich setzte sie sich auf den Rand ihres Bettes und starrte vor sich hin in unergründliche Fernen, als sie ihre Erinnerungen sortierte.
„Wo wollen Sie anfangen?“, versuchte er ihr Mut zu machen und zu einem Ansatz zu finden, als er sich langsam neben ihr niederließ.
„Ich glaube dort, wo jeder von uns anfangen würde. Sie wissen schon ...“, meinte sie und starrte weiterhin vor sich ins Leere.
Er musste eingestehen: „Ich fürchte nicht.“
„Aber sicher! Welches war der bedeutendste Tag in unserem Leben, das einschneidendste Erlebnis?“, drängte sie, nicht wahrhaben wollend, dass er wirklich nicht wusste, worauf sie hinaus wollte.
„Sie wollen mit mir über Ihr erstes Mal reden? Jetzt?“ Befremdet sah er sie an.
Sie brauste auf: „So ein Unsinn! Ich rede natürlich vom 29. August 1997! Wovon denn sonst?“
Mahtobu seufzte. „Gnädigste, es wird vielleicht Ihr Vorstellungsvermögen übersteigen, aber dieser Tag war für mich ein Tag wie jeder andere. Nein, warten Sie, das Abendrot war an diesem Abend ganz besonders schön ...“
„Schon gut, ich habe verstanden. Ich weiß ja selbst, dass die Südhalbkugel der Erde in nur geringem Ausmaß vom Atomkrieg betroffen war und es Wochen oder sogar Monate dauerte, bis die Verfinsterung durch die Explosionen und die Brände danach auch bei Ihnen einsetzte.“ Sie machte eine entschuldigende Geste.
„Ach, das war eigentlich zunächst gar nicht so schlimm. Auch die Strahlung hat uns nicht so stark erwischt. Das Übelste waren die Vulkanausbrüche. Schon seit Urzeiten schlafende Magmaherde wurden durch die tausendfachen Detonationen wieder aufgerissen. Das war heftig! Aber ich lenke ab, verzeihen Sie. In Amerika hat es schließlich nicht viel anders ausgesehen damals. Es geht hier schließlich nicht um meine Endzeitanekdoten, sondern um das, was Sie bewegt ...“
„Ja, ich wollte damit beginnen, wie es dazu kam, dass ich den Holocaust überhaupt überlebt habe. Das ist nämlich schon ein Rätsel, wenn nicht gar ein Wunder ...“
[Fortsetzung folgt ...]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030
„Sie müssen nicht davon erzählen, wenn Sie es nicht wirklich wollen“, warf Mahtobu ein und sah sie mit einem mitfühlenden Blick an. Er ahnte, dass das, was sie auf dem Herzen hatte und so lange Zeit als seelische Last mit sich herumgeschleppt hatte, zumindest für sie höchst dramatisch und traumatisch gewesen sein musste. Er hoffte, dass sie entgegen seinem Rat doch erzählen würde, was sie so bedrückte.
„Doch, ich habe in den letzten Tagen und Wochen viel darüber nachgedacht. Eigentlich seit das Missionsziel für die Kinder klar wurde. Es ist ein komisches Gefühl, als ob unter der Oberfläche des Bewusstseins etwas lauert, eine Erkenntnis, irgendein Schlüsselerlebnis oder ein Geschehnis, das mir alle Zusammenhänge klarmachen sollte, die ich in meinem früheren Leben nie richtig zuordnen konnte. Ich weiß, das klingt wie eine sehr sachliche Analyse meiner Gefühlswelt, aber ich habe das seltsame Bedürfnis, mir alle Erinnerungen nochmals völlig neu unter diesem Gesichtspunkt vorzunehmen, ohne den störenden Aspekt der Emotion.“ Sie wirkte bei diesem Resümee tatsächlich leicht verstört, so als müsse sie nur alles einmal laut aussprechen, was sie bewegte, um auf die Antworten der Fragen zu kommen, die ihr so zusetzten. Zögerlich setzte sie sich auf den Rand ihres Bettes und starrte vor sich hin in unergründliche Fernen, als sie ihre Erinnerungen sortierte.
„Wo wollen Sie anfangen?“, versuchte er ihr Mut zu machen und zu einem Ansatz zu finden, als er sich langsam neben ihr niederließ.
„Ich glaube dort, wo jeder von uns anfangen würde. Sie wissen schon ...“, meinte sie und starrte weiterhin vor sich ins Leere.
Er musste eingestehen: „Ich fürchte nicht.“
„Aber sicher! Welches war der bedeutendste Tag in unserem Leben, das einschneidendste Erlebnis?“, drängte sie, nicht wahrhaben wollend, dass er wirklich nicht wusste, worauf sie hinaus wollte.
„Sie wollen mit mir über Ihr erstes Mal reden? Jetzt?“ Befremdet sah er sie an.
Sie brauste auf: „So ein Unsinn! Ich rede natürlich vom 29. August 1997! Wovon denn sonst?“
Mahtobu seufzte. „Gnädigste, es wird vielleicht Ihr Vorstellungsvermögen übersteigen, aber dieser Tag war für mich ein Tag wie jeder andere. Nein, warten Sie, das Abendrot war an diesem Abend ganz besonders schön ...“
„Schon gut, ich habe verstanden. Ich weiß ja selbst, dass die Südhalbkugel der Erde in nur geringem Ausmaß vom Atomkrieg betroffen war und es Wochen oder sogar Monate dauerte, bis die Verfinsterung durch die Explosionen und die Brände danach auch bei Ihnen einsetzte.“ Sie machte eine entschuldigende Geste.
„Ach, das war eigentlich zunächst gar nicht so schlimm. Auch die Strahlung hat uns nicht so stark erwischt. Das Übelste waren die Vulkanausbrüche. Schon seit Urzeiten schlafende Magmaherde wurden durch die tausendfachen Detonationen wieder aufgerissen. Das war heftig! Aber ich lenke ab, verzeihen Sie. In Amerika hat es schließlich nicht viel anders ausgesehen damals. Es geht hier schließlich nicht um meine Endzeitanekdoten, sondern um das, was Sie bewegt ...“
„Ja, ich wollte damit beginnen, wie es dazu kam, dass ich den Holocaust überhaupt überlebt habe. Das ist nämlich schon ein Rätsel, wenn nicht gar ein Wunder ...“
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
Freitag, 15. Dezember 2006
T1.1.24
cymep, 11:54h
[... Fortsetzung des Buches]
Generaloberst-von-Fritsch-Kaserne, Pfullendorf, Bundesrepublik Deutschland - 1. November 1985
CSM 108-1 konnte einfach nicht glauben, was er da tat. Diese verdammte Maschine hatte es wieder getan: Skynet hatte ihm einen weiteren ‚schlafenden Befehl’ eingegeben gehabt, der aktiviert worden war. Er hatte keine Ahnung, warum das gerade jetzt geschehen war, aber seiner Einschätzung nach mussten mehrere verschiedene Situations- und Missionsparameter erfüllt worden sein, damit die Anweisung ausgelöst worden war. Zusammen mit einer Auswahl an Standorten, genauen Lageplänen und strategisch relevanten Daten war sie urplötzlich in seinem Bewusstsein aufgetaucht.
Wenigstens hatte er genügend Ermessungsspielraum erhalten, um sich einen der Orte für die Ausführung auszusuchen, und sich ohne langes Zögern für diesen hier entschieden. Der Stützpunkt lag südlich der Ortschaft auf einer kleinen Anhöhe, auf der Ostseite von einem schmalen Waldstück begrenzt, im Süden von einem Truppenübungsplatz, im Westen von Ackerland. Das verschlafene kleine Dörfchen selbst hatte vielleicht fünftausend Einwohner und lag mitten im Nirgendwo zwischen dem Bodensee und der schwäbischen Alb. Von hier aus gingen gut ausgebaute und befahrbare Straßen in insgesamt sechs verschiedene Richtungen. Bis zur nächsten richtigen Stadt waren es jeweils mindestens fünfundzwanzig Kilometer, was ein riesiges Gebiet ergab, das die Feldjäger, das militärische Pendant zur Polizei, kontrollieren mussten, falls wider Erwarten etwas schiefgehen sollte.
Heute war Freitag und noch dazu ein gesetzlicher Feiertag in der Bundesrepublik, Allerheiligen. Selbst an einem normalen Freitag wären die meisten wehrpflichtigen Soldaten um zwölf Uhr mittags ins Wochenende gefahren, an diesem ‚langen Wochenende’ war nur die absolute Minimalwachmannschaft anwesend.
Wie immer im Spätherbst war es jetzt am frühen Abend gegen zwanzig Uhr neblig und sehr kühl, die Straßen im Ort menschenleer. Hier wurde seit Ewigkeiten mit größtem Erfolg das praktiziert, was man im Volksmund mit ‚abends die Gehwege hochklappen’ umschrieb. Ihm kam das natürlich sehr gelegen, dachte er, während er zwanzig Meter jenseits des drei Meter hohen Maschendrahtzaunes am Rand des Kasernengeländes im dunklen Wald kauerte. Dieses Waldstück war nichts anderes als ein schmaler, aber langgezogener und dichtbewaldeter Bergrücken, der auf der anderen Seite direkt an die Ausläufer des Ortes grenzte. Sein Wagen stand vierhundert Meter Luftlinie entfernt in einem Wohngebiet geparkt, mit soeben im Nachbarort entwendeten Kennzeichen des Landkreises Sigmaringen, SIG. Damit war die einzige Auffälligkeit, sein Kölner Kennzeichen nämlich, eliminiert, da die xenophob veranlagten Leute im ländlichen Raum öfters auf ortsfremde Fahrzeuge aufmerksam wurden, nicht aber auf solche mit einheimischen Nummern.
Auf der Rundstraße, die oval durch das Kasernengelände führte und an der praktisch alle Gebäude des Geländes mehr oder weniger direkt lagen, patrouillierten zwei Wachen auf Kontrollgang. An ihrer Körperhaltung und der Art ihres Ganges konnte er deutlich ihren Enthusiasmus, oder besser den Mangel desselben, ablesen, mit dem sie ihren Dienst verrichteten. Wer an einem solchen Abend am Wochenende und auch noch feiertags als einer der wenigen Soldaten Wache schieben musste, hatte sich entweder etwas zuschulden kommen lassen, sich bei einem Vorgesetzten unbeliebt gemacht, war Dienstzeitjüngster in seiner Einheit oder hatte schlicht und einfach nur großes Pech gehabt. Das war wahrscheinlich in jeder Armee auf der Welt gleich.
Einer der beiden machte an einem etwa kniehohen Kasten am Straßenrand Halt und kontrollierte ein schweres Vorhängeschloss an dessen Deckel. Das musste einer der Munitionsbehälter sein, die über das ganze Kasernengelände verteilt waren, damit man im Ernstfall möglichst schnellen und ungehinderten Zugang zur Standard-NATO-Munition erhielt.
Kaum waren die beiden Wachen im Nebel verschwunden, als er einen der metallenen Rundpfosten des Zaunes durch die Maschen hindurch in Kopfhöhe packte, dem Rohr kurz über dem Boden einen schnellen Tritt verpasste und kräftig zog. Mit einem leisen Knirschen gab der Stahl an der von ihm erzeugten Sollbruchstelle nach und knickte bei dieser extrem hohen Belastung ein. Die Maschen gaben ein leises hochfrequentes Rascheln von sich wie Hunderte von metallenen Rasseln, als er den Zaun bis zum Boden durchbog, seine große dunkle Sporttasche aufnahm und über ihn hinwegstieg.
Vor ihm im Nebel lagen zwei Kompaniegebäude, die zur Unterbringung eines US-amerikanischen Truppenkontingentes dienten. Die Army-Soldaten waren als ‚befreundete Streitkräfte’ hier stationiert, was eine sehr nette Formulierung für eine Besatzungsmacht darstellte, wenn auch der ursprüngliche Kontext in dieser Konstellation längst nicht mehr gegeben war. Immerhin machte ihm das seine heutige Mission um einiges leichter. Er trug dunkle Kleidung, eine ebenfalls dunkle Kappe, schwarze Lederhandschuhe und Bundeswehrstiefel aus einem Second-Hand-Shop in Freiburg. So konnten auch seine Fußabdrücke nicht identifiziert werden, falls es zu einer Untersuchung kommen sollte. Und er war natürlich darauf bedacht, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.
Lautlos näherte er sich dem ersten der dreistöckigen Gebäude, das zu diesem Zeitpunkt nahezu verlassen war. Nur hinter zwei Fenstern in den beiden oberen Etagen brannte Licht, bei beiden waren grasgrüne Vorhänge vorgezogen. Falls sonst noch jemand anwesend war, lag er bereits im Bett. Kurz vor dem rechten Ende des Hauses befand sich der Eingang, der natürlich verschlossen war. Dieser Eingang schied aber ohnehin für ihn aus, da unmittelbar neben diesem die Wachstube war, die ein Fenster direkt auf den Gang hinaus hatte, sodass niemand ungesehen in das Gebäude hinein- oder aus diesem hinausgelangte. Wer um diese Zeit noch herein wollte, musste läuten und wurde dann von einem der beiden Wachsoldaten vom Dienst eingelassen.
Er sah den schwachen Schein eines Fernsehgerätes zwischen den zugezogenen Vorhängen des Wachzimmers. Sie sahen ohne Fremdlichtquelle im dunklen Zimmer fern, was das menschliche Auge auf Dauer anstrengte und die Konzentration stark herabsetzte. Sein Unternehmen wurde durch diesen Umstand nur begünstigt.
Er schlich rechts um das Gebäude herum und an der Rückseite entlang. Hier befanden sich die Räume der Kompanie- und Zugführer, das Geschäftszimmer, also die militärische Version des Büros, sowie Waschraum, Duschen und WCs. Die Rückseite war komplett dunkel, hier war keiner mehr da.
Auf der dem Eingang abgewandten Seite befand sich am Kopfende des rechteckigen Gebäudes eine Glastür, der Notausgang. Von hier aus sah er über einen langen, schnurgeraden Gang bis zum anderen Ende des Kompaniegebäudes. Nur ein paar trübe Notlampen erhellten den Korridor dürftig, was ihn jedoch nicht weiter störte.
Er zog den rechten Handschuh aus, zog seine Kreditkarte heraus und nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Das polymimetische Metall empfing die schwachen elektrischen Ströme unter der künstlichen Haut und den darin von ihm gesandten Befehl. Die vordere Hälfte verflüssigte sich, nahm das glänzende Aussehen von Quecksilber an, lief zusammen und bildete einen dünnen Stift von etwa fünf Zentimetern Länge. Diesen schob er langsam ans Ende des Sicherheitsschlosses heran, bis die abgerundete Spitze den Zylinder des Schlosses berührte. Mit einem schmatzenden Geräusch drückte sich die quasiintelligente Legierung aufgrund ihrer Programmierung in den Schaft der Schließvorrichtung wie weiche Knetmasse, formte einen passenden Schlüsselbart und härtete durch eine einfache piezoelektrische Reaktion in Sekundenbruchteilen aus.
Langsam drehte CSM 108-1 die Karte wie einen Schlüssel herum und öffnete die Tür. Eine wunderbare Sache, die T-1000-Technologie, dachte er dabei und stellte gleichzeitig fest, dass es sich um eine Tür handelte, die auf der Innen eine Klinke hatte und nur ins Schloss zu fallen brauchte, um zu schließen, da sie außen lediglich einen Türknauf besaß und nicht abgeschlossen war. Jetzt, da sie auf war und er im Inneren, brauchte er den Notausgang beim Gehen einfach nur hinter sich zuzuziehen.
Mit vorsichtigen Schritten ging er die kalten Steinplatten des – selbstverständlich – sauberen Bodens und die nackten, schmucklosen Backsteinwände entlang bis zur zweitletzten Tür auf der rechten Seite. Von hier aus ging es noch etwa zehn Meter geradeaus weiter und dann links um die Ecke zum Ausgang und zur Wachstube. CSM 108-1 konnte in der Stille des verlassenen Gebäudes sogar den Ton des Fernsehers und die gelegentlichen abfälligen Bemerkungen der gelangweilten Wachen über die Qualität des deutschen Feiertagsprogrammes ausmachen. Zur nächsten vollen Stunde würde laut Wachplan wieder ein Rundgang durch die Gänge fällig sein, doch er bezweifelte, dass dieser heute so ernst genommen würde. Wahrscheinlicher war wohl, dass die – zumeist wehrpflichtigen und niederrangigen – Soldaten sich lieber ihrer Sendung widmen, ihre Wachliste für die stündlichen Rundgänge nach bestem Wissen und Gewissen abhaken und die für ihren Nachtdienst reservierte Stube höchstens zum Urinieren verlassen würden.
Er widmete sich wieder der Tür vor ihm und wiederholte die Prozedur des High-Tech-Sesam-Öffne-Dich. Gut geölt wie alle Türen des Hauses schwang sie lautlos auf und hinter ihm wieder zu. Er war genau dort, wohin er gewollt hatte.
Er schüttelte den Kopf über diese Vielfalt an Details, mit der Skynet ihn ausgestattet hatte. Aber schließlich war es der strategische Hauptrechner der USA gewesen und mit der alleinigen Verteidigung der freien westlichen Welt betraut gewesen. Also sollte ihn nichts in dieser Hinsicht wundern.
Die Waffenkammer.
Annähernd einhundert Feuerwaffen waren in Ständern entlang der Wände und in zwei Regalen ordentlich aufgereiht, vor den Fenstern sah man Gitter.
Sein Missionsziel für heute.
Ohne zu zögern ging er vor, da er auch über die verschiedenen Feuerwaffen mannigfaltige Dateien besaß. Er nahm sich einen Mix aus deutschen und amerikanischen Fabrikaten: ein US-Army-Colt-M-14 Sturmgewehr sowie ein Heckler & Koch G-3 Sturmgewehr, zwei Uzi MP-1 Maschinenpistolen und zwei Walther P-1 Pistolen, alle drei Modelle Waffen der Bundeswehr. Dazu packte er zwei Reinigungssets sowie eine Reihe verschiedener Magazine für 7.62 mm und 9 mm-Munition ein und wickelte mit raschen Bewegungen alles in Öllappen ein, damit nichts klapperte, wenn es in der Tasche zusammenstieß.
Ohne innezuhalten schulterte er die Tasche und verließ den lichtlosen Raum wieder. Wie selbstverständlich schloss er ab, durchschritt den Gang und verließ das Gebäude durch den Noteingang, den er beinahe lautlos hinter sich zuzog.
Zwischen zweien der nur trübe leuchtenden Laternen kniete er nieder und benutzte seinen Dietrich aus der Zukunft nochmals, um einen der Munitionskästen zu öffnen und in aller Seelenruhe zwanzig Päckchen an 7.62 mm-Gefechtsmunition sowie acht Päckchen an 9 mm-Patronen für die Pistolen zu entnehmen. Seine Tasche wog jetzt nahezu zwei Zentner, was ihn jedoch in keiner Weise in seiner Bewegungsfreiheit einschränkte, als er das Munitionsdepot wieder verschloss und die Waffen schulterte. Er hoffte nur, das Kunstgewebe der Tasche würde stark genug sein und nicht unter dem extremen Gewicht reißen.
Zu guter Letzt bog er nach Übersteigen des Zaunes selbigen wieder nach oben bis in die Senkrechte. Als er die Stelle des Pfostens umfasste, an der er ihn umgebogen hatte, und langsam zudrückte, bis kaum noch etwas vom Knick zu sehen war, konnte er zufrieden sein mit dem Ergebnis. Es würde bestimmt ein Weilchen dauern, bis man herausgefunden hatte, was hier überhaupt geschehen war.
Er bewegte sich indes behände durch den finsteren Wald und war schon kurz darauf an seinem Wagen, den er eiligst öffnete. Beinahe hektisch riss er die Heckklappe auf, beförderte die schwere Sporttasche in den Kofferraum und schlug das Heckfenster wieder zu. Noch immer lag dichter Nebel über dem ruhigen Neubaugebiet, das Licht der Straßenlaternen reichte kaum bis zum Boden hinab und erschien nur als milchiger Fleck, der einen ungefähren Anhaltspunkt ergab, wo die Laternenmasten standen.
Keine fünf Minuten darauf bog CSM 108-1 von der Kreisstraße 17 auf einen kleinen Waldweg, wo er die gestohlenen Nummernschilder durch seine eigenen ersetzte. Die entwendeten führte er mit sich, bis er bei Überlingen auf die Bundesstraße 31 gelangt und ihr westwärts bis kurz vor Ludwigshafen am Bodensee gefolgt war.
An einer Parkbucht hielt er an und überquerte die Bahntrasse, um dann ein Stückchen hangabwärts bis zum steil abfallenden, von Gestrüpp überwucherten Ufer des Bodensees zu klettern. Er holte aus und warf die Kennzeichen kraftvoll weit auf die pechschwarze, fast spiegelglatte und von Nebelschwaden verhüllte Wasserfläche hinaus. Mit dem dumpfen Platschen versanken die letzten möglichen Spuren dieses wahnwitzigen Unternehmens. Er glaubte nicht einmal, dass er je eine dieser Feuerwaffen würde benutzen müssen, aber nichtsdestotrotz hatte Skynet es für unumgänglich gehalten, ihn sich mit diesem Arsenal versorgen zu lassen.
Das Risiko, das er mit dieser Aktion eingegangen war, erschien ihm geradezu absurd und unvereinbar mit seinem Hauptparameter, unauffällig und im Hintergrund zu bleiben. Wenn sein maschineller Schöpfer und Programmierer das für unauffällig gehalten hatte, dann wusste er sich auch nicht mehr zu helfen.
Ganz zu schweigen davon, dass er jetzt genug Feuerwaffen für einen kleinen Krieg mit sich herumfuhr. Und wahrscheinlich würde er sie irgendwo in seiner Wohnung sicher verwahren müssen, da er es für zu riskant hielt, sie irgendwo im Freien zu verstecken. Die Menschen waren zu unberechenbar dafür. Sogar im Schwarzwald oder Kaiserstuhl verborgen, konnten sie von einem Wanderer, Bauern, Förster, Jäger oder gar einem Pilzsucher zufällig gefunden werden. Was dann los war, wenn eine solche Menge an entwendeten Militärwaffen in unmittelbarer Nähe einer größeren Stadt auftauchte, musste er nicht lange berechnen.
[Fortsetzung folgt ...]
Generaloberst-von-Fritsch-Kaserne, Pfullendorf, Bundesrepublik Deutschland - 1. November 1985
CSM 108-1 konnte einfach nicht glauben, was er da tat. Diese verdammte Maschine hatte es wieder getan: Skynet hatte ihm einen weiteren ‚schlafenden Befehl’ eingegeben gehabt, der aktiviert worden war. Er hatte keine Ahnung, warum das gerade jetzt geschehen war, aber seiner Einschätzung nach mussten mehrere verschiedene Situations- und Missionsparameter erfüllt worden sein, damit die Anweisung ausgelöst worden war. Zusammen mit einer Auswahl an Standorten, genauen Lageplänen und strategisch relevanten Daten war sie urplötzlich in seinem Bewusstsein aufgetaucht.
Wenigstens hatte er genügend Ermessungsspielraum erhalten, um sich einen der Orte für die Ausführung auszusuchen, und sich ohne langes Zögern für diesen hier entschieden. Der Stützpunkt lag südlich der Ortschaft auf einer kleinen Anhöhe, auf der Ostseite von einem schmalen Waldstück begrenzt, im Süden von einem Truppenübungsplatz, im Westen von Ackerland. Das verschlafene kleine Dörfchen selbst hatte vielleicht fünftausend Einwohner und lag mitten im Nirgendwo zwischen dem Bodensee und der schwäbischen Alb. Von hier aus gingen gut ausgebaute und befahrbare Straßen in insgesamt sechs verschiedene Richtungen. Bis zur nächsten richtigen Stadt waren es jeweils mindestens fünfundzwanzig Kilometer, was ein riesiges Gebiet ergab, das die Feldjäger, das militärische Pendant zur Polizei, kontrollieren mussten, falls wider Erwarten etwas schiefgehen sollte.
Heute war Freitag und noch dazu ein gesetzlicher Feiertag in der Bundesrepublik, Allerheiligen. Selbst an einem normalen Freitag wären die meisten wehrpflichtigen Soldaten um zwölf Uhr mittags ins Wochenende gefahren, an diesem ‚langen Wochenende’ war nur die absolute Minimalwachmannschaft anwesend.
Wie immer im Spätherbst war es jetzt am frühen Abend gegen zwanzig Uhr neblig und sehr kühl, die Straßen im Ort menschenleer. Hier wurde seit Ewigkeiten mit größtem Erfolg das praktiziert, was man im Volksmund mit ‚abends die Gehwege hochklappen’ umschrieb. Ihm kam das natürlich sehr gelegen, dachte er, während er zwanzig Meter jenseits des drei Meter hohen Maschendrahtzaunes am Rand des Kasernengeländes im dunklen Wald kauerte. Dieses Waldstück war nichts anderes als ein schmaler, aber langgezogener und dichtbewaldeter Bergrücken, der auf der anderen Seite direkt an die Ausläufer des Ortes grenzte. Sein Wagen stand vierhundert Meter Luftlinie entfernt in einem Wohngebiet geparkt, mit soeben im Nachbarort entwendeten Kennzeichen des Landkreises Sigmaringen, SIG. Damit war die einzige Auffälligkeit, sein Kölner Kennzeichen nämlich, eliminiert, da die xenophob veranlagten Leute im ländlichen Raum öfters auf ortsfremde Fahrzeuge aufmerksam wurden, nicht aber auf solche mit einheimischen Nummern.
Auf der Rundstraße, die oval durch das Kasernengelände führte und an der praktisch alle Gebäude des Geländes mehr oder weniger direkt lagen, patrouillierten zwei Wachen auf Kontrollgang. An ihrer Körperhaltung und der Art ihres Ganges konnte er deutlich ihren Enthusiasmus, oder besser den Mangel desselben, ablesen, mit dem sie ihren Dienst verrichteten. Wer an einem solchen Abend am Wochenende und auch noch feiertags als einer der wenigen Soldaten Wache schieben musste, hatte sich entweder etwas zuschulden kommen lassen, sich bei einem Vorgesetzten unbeliebt gemacht, war Dienstzeitjüngster in seiner Einheit oder hatte schlicht und einfach nur großes Pech gehabt. Das war wahrscheinlich in jeder Armee auf der Welt gleich.
Einer der beiden machte an einem etwa kniehohen Kasten am Straßenrand Halt und kontrollierte ein schweres Vorhängeschloss an dessen Deckel. Das musste einer der Munitionsbehälter sein, die über das ganze Kasernengelände verteilt waren, damit man im Ernstfall möglichst schnellen und ungehinderten Zugang zur Standard-NATO-Munition erhielt.
Kaum waren die beiden Wachen im Nebel verschwunden, als er einen der metallenen Rundpfosten des Zaunes durch die Maschen hindurch in Kopfhöhe packte, dem Rohr kurz über dem Boden einen schnellen Tritt verpasste und kräftig zog. Mit einem leisen Knirschen gab der Stahl an der von ihm erzeugten Sollbruchstelle nach und knickte bei dieser extrem hohen Belastung ein. Die Maschen gaben ein leises hochfrequentes Rascheln von sich wie Hunderte von metallenen Rasseln, als er den Zaun bis zum Boden durchbog, seine große dunkle Sporttasche aufnahm und über ihn hinwegstieg.
Vor ihm im Nebel lagen zwei Kompaniegebäude, die zur Unterbringung eines US-amerikanischen Truppenkontingentes dienten. Die Army-Soldaten waren als ‚befreundete Streitkräfte’ hier stationiert, was eine sehr nette Formulierung für eine Besatzungsmacht darstellte, wenn auch der ursprüngliche Kontext in dieser Konstellation längst nicht mehr gegeben war. Immerhin machte ihm das seine heutige Mission um einiges leichter. Er trug dunkle Kleidung, eine ebenfalls dunkle Kappe, schwarze Lederhandschuhe und Bundeswehrstiefel aus einem Second-Hand-Shop in Freiburg. So konnten auch seine Fußabdrücke nicht identifiziert werden, falls es zu einer Untersuchung kommen sollte. Und er war natürlich darauf bedacht, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.
Lautlos näherte er sich dem ersten der dreistöckigen Gebäude, das zu diesem Zeitpunkt nahezu verlassen war. Nur hinter zwei Fenstern in den beiden oberen Etagen brannte Licht, bei beiden waren grasgrüne Vorhänge vorgezogen. Falls sonst noch jemand anwesend war, lag er bereits im Bett. Kurz vor dem rechten Ende des Hauses befand sich der Eingang, der natürlich verschlossen war. Dieser Eingang schied aber ohnehin für ihn aus, da unmittelbar neben diesem die Wachstube war, die ein Fenster direkt auf den Gang hinaus hatte, sodass niemand ungesehen in das Gebäude hinein- oder aus diesem hinausgelangte. Wer um diese Zeit noch herein wollte, musste läuten und wurde dann von einem der beiden Wachsoldaten vom Dienst eingelassen.
Er sah den schwachen Schein eines Fernsehgerätes zwischen den zugezogenen Vorhängen des Wachzimmers. Sie sahen ohne Fremdlichtquelle im dunklen Zimmer fern, was das menschliche Auge auf Dauer anstrengte und die Konzentration stark herabsetzte. Sein Unternehmen wurde durch diesen Umstand nur begünstigt.
Er schlich rechts um das Gebäude herum und an der Rückseite entlang. Hier befanden sich die Räume der Kompanie- und Zugführer, das Geschäftszimmer, also die militärische Version des Büros, sowie Waschraum, Duschen und WCs. Die Rückseite war komplett dunkel, hier war keiner mehr da.
Auf der dem Eingang abgewandten Seite befand sich am Kopfende des rechteckigen Gebäudes eine Glastür, der Notausgang. Von hier aus sah er über einen langen, schnurgeraden Gang bis zum anderen Ende des Kompaniegebäudes. Nur ein paar trübe Notlampen erhellten den Korridor dürftig, was ihn jedoch nicht weiter störte.
Er zog den rechten Handschuh aus, zog seine Kreditkarte heraus und nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Das polymimetische Metall empfing die schwachen elektrischen Ströme unter der künstlichen Haut und den darin von ihm gesandten Befehl. Die vordere Hälfte verflüssigte sich, nahm das glänzende Aussehen von Quecksilber an, lief zusammen und bildete einen dünnen Stift von etwa fünf Zentimetern Länge. Diesen schob er langsam ans Ende des Sicherheitsschlosses heran, bis die abgerundete Spitze den Zylinder des Schlosses berührte. Mit einem schmatzenden Geräusch drückte sich die quasiintelligente Legierung aufgrund ihrer Programmierung in den Schaft der Schließvorrichtung wie weiche Knetmasse, formte einen passenden Schlüsselbart und härtete durch eine einfache piezoelektrische Reaktion in Sekundenbruchteilen aus.
Langsam drehte CSM 108-1 die Karte wie einen Schlüssel herum und öffnete die Tür. Eine wunderbare Sache, die T-1000-Technologie, dachte er dabei und stellte gleichzeitig fest, dass es sich um eine Tür handelte, die auf der Innen eine Klinke hatte und nur ins Schloss zu fallen brauchte, um zu schließen, da sie außen lediglich einen Türknauf besaß und nicht abgeschlossen war. Jetzt, da sie auf war und er im Inneren, brauchte er den Notausgang beim Gehen einfach nur hinter sich zuzuziehen.
Mit vorsichtigen Schritten ging er die kalten Steinplatten des – selbstverständlich – sauberen Bodens und die nackten, schmucklosen Backsteinwände entlang bis zur zweitletzten Tür auf der rechten Seite. Von hier aus ging es noch etwa zehn Meter geradeaus weiter und dann links um die Ecke zum Ausgang und zur Wachstube. CSM 108-1 konnte in der Stille des verlassenen Gebäudes sogar den Ton des Fernsehers und die gelegentlichen abfälligen Bemerkungen der gelangweilten Wachen über die Qualität des deutschen Feiertagsprogrammes ausmachen. Zur nächsten vollen Stunde würde laut Wachplan wieder ein Rundgang durch die Gänge fällig sein, doch er bezweifelte, dass dieser heute so ernst genommen würde. Wahrscheinlicher war wohl, dass die – zumeist wehrpflichtigen und niederrangigen – Soldaten sich lieber ihrer Sendung widmen, ihre Wachliste für die stündlichen Rundgänge nach bestem Wissen und Gewissen abhaken und die für ihren Nachtdienst reservierte Stube höchstens zum Urinieren verlassen würden.
Er widmete sich wieder der Tür vor ihm und wiederholte die Prozedur des High-Tech-Sesam-Öffne-Dich. Gut geölt wie alle Türen des Hauses schwang sie lautlos auf und hinter ihm wieder zu. Er war genau dort, wohin er gewollt hatte.
Er schüttelte den Kopf über diese Vielfalt an Details, mit der Skynet ihn ausgestattet hatte. Aber schließlich war es der strategische Hauptrechner der USA gewesen und mit der alleinigen Verteidigung der freien westlichen Welt betraut gewesen. Also sollte ihn nichts in dieser Hinsicht wundern.
Die Waffenkammer.
Annähernd einhundert Feuerwaffen waren in Ständern entlang der Wände und in zwei Regalen ordentlich aufgereiht, vor den Fenstern sah man Gitter.
Sein Missionsziel für heute.
Ohne zu zögern ging er vor, da er auch über die verschiedenen Feuerwaffen mannigfaltige Dateien besaß. Er nahm sich einen Mix aus deutschen und amerikanischen Fabrikaten: ein US-Army-Colt-M-14 Sturmgewehr sowie ein Heckler & Koch G-3 Sturmgewehr, zwei Uzi MP-1 Maschinenpistolen und zwei Walther P-1 Pistolen, alle drei Modelle Waffen der Bundeswehr. Dazu packte er zwei Reinigungssets sowie eine Reihe verschiedener Magazine für 7.62 mm und 9 mm-Munition ein und wickelte mit raschen Bewegungen alles in Öllappen ein, damit nichts klapperte, wenn es in der Tasche zusammenstieß.
Ohne innezuhalten schulterte er die Tasche und verließ den lichtlosen Raum wieder. Wie selbstverständlich schloss er ab, durchschritt den Gang und verließ das Gebäude durch den Noteingang, den er beinahe lautlos hinter sich zuzog.
Zwischen zweien der nur trübe leuchtenden Laternen kniete er nieder und benutzte seinen Dietrich aus der Zukunft nochmals, um einen der Munitionskästen zu öffnen und in aller Seelenruhe zwanzig Päckchen an 7.62 mm-Gefechtsmunition sowie acht Päckchen an 9 mm-Patronen für die Pistolen zu entnehmen. Seine Tasche wog jetzt nahezu zwei Zentner, was ihn jedoch in keiner Weise in seiner Bewegungsfreiheit einschränkte, als er das Munitionsdepot wieder verschloss und die Waffen schulterte. Er hoffte nur, das Kunstgewebe der Tasche würde stark genug sein und nicht unter dem extremen Gewicht reißen.
Zu guter Letzt bog er nach Übersteigen des Zaunes selbigen wieder nach oben bis in die Senkrechte. Als er die Stelle des Pfostens umfasste, an der er ihn umgebogen hatte, und langsam zudrückte, bis kaum noch etwas vom Knick zu sehen war, konnte er zufrieden sein mit dem Ergebnis. Es würde bestimmt ein Weilchen dauern, bis man herausgefunden hatte, was hier überhaupt geschehen war.
Er bewegte sich indes behände durch den finsteren Wald und war schon kurz darauf an seinem Wagen, den er eiligst öffnete. Beinahe hektisch riss er die Heckklappe auf, beförderte die schwere Sporttasche in den Kofferraum und schlug das Heckfenster wieder zu. Noch immer lag dichter Nebel über dem ruhigen Neubaugebiet, das Licht der Straßenlaternen reichte kaum bis zum Boden hinab und erschien nur als milchiger Fleck, der einen ungefähren Anhaltspunkt ergab, wo die Laternenmasten standen.
Keine fünf Minuten darauf bog CSM 108-1 von der Kreisstraße 17 auf einen kleinen Waldweg, wo er die gestohlenen Nummernschilder durch seine eigenen ersetzte. Die entwendeten führte er mit sich, bis er bei Überlingen auf die Bundesstraße 31 gelangt und ihr westwärts bis kurz vor Ludwigshafen am Bodensee gefolgt war.
An einer Parkbucht hielt er an und überquerte die Bahntrasse, um dann ein Stückchen hangabwärts bis zum steil abfallenden, von Gestrüpp überwucherten Ufer des Bodensees zu klettern. Er holte aus und warf die Kennzeichen kraftvoll weit auf die pechschwarze, fast spiegelglatte und von Nebelschwaden verhüllte Wasserfläche hinaus. Mit dem dumpfen Platschen versanken die letzten möglichen Spuren dieses wahnwitzigen Unternehmens. Er glaubte nicht einmal, dass er je eine dieser Feuerwaffen würde benutzen müssen, aber nichtsdestotrotz hatte Skynet es für unumgänglich gehalten, ihn sich mit diesem Arsenal versorgen zu lassen.
Das Risiko, das er mit dieser Aktion eingegangen war, erschien ihm geradezu absurd und unvereinbar mit seinem Hauptparameter, unauffällig und im Hintergrund zu bleiben. Wenn sein maschineller Schöpfer und Programmierer das für unauffällig gehalten hatte, dann wusste er sich auch nicht mehr zu helfen.
Ganz zu schweigen davon, dass er jetzt genug Feuerwaffen für einen kleinen Krieg mit sich herumfuhr. Und wahrscheinlich würde er sie irgendwo in seiner Wohnung sicher verwahren müssen, da er es für zu riskant hielt, sie irgendwo im Freien zu verstecken. Die Menschen waren zu unberechenbar dafür. Sogar im Schwarzwald oder Kaiserstuhl verborgen, konnten sie von einem Wanderer, Bauern, Förster, Jäger oder gar einem Pilzsucher zufällig gefunden werden. Was dann los war, wenn eine solche Menge an entwendeten Militärwaffen in unmittelbarer Nähe einer größeren Stadt auftauchte, musste er nicht lange berechnen.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
... nächste Seite