Donnerstag, 14. Dezember 2006
T1.1.23
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030

Karin saß allein in der halbdunklen Messe und starrte vor sich hin auf ihren leeren Teller. Sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sie wirklich darüber reden sollte. Es tat noch immer so weh, obwohl es ein halbes Leben zurück lag. Wahrscheinlich lag das daran, dass sie viele ihrer letzten Erinnerungen in der Zeit vor dem Atomkrieg damit verband. Seit dem Niedergang der Menschheit hatte sie emotionell vor sich hin vegetiert und sich nie mehr richtig lebendig gefühlt. Ihr eigenes Leben hatte mit dem Schlag der Maschinen gegen die Menschheit geendet. Sie hatte sich meist nur als leere Hülle gefühlt, die einfach vor sich hin lebte, ohne etwas vor ihrer Umwelt aufzunehmen oder ihr wieder zu geben. Die einzige Ausnahme war ihre Arbeit mit den Kindern gewesen.
Sie hatte sich früher eigentlich nie viel aus Kindern gemacht, doch hier hatte sie eine Aufgabe gefunden. Und sie war immerhin über die Runden gekommen, während sie dem alten Leben nachgetrauert hatte, ohne jemals nach vorne zu sehen.
„Sie sehen schrecklich nachdenklich aus, wenn ich das bemerken darf.“
Sie blickte auf und sah in das alte, wettergegerbte Gesicht des Afrikaners und musste wehmütig lächeln. Sie hatte ihn nicht einmal kommen gehört, obwohl die Schritte seiner Stiefel auf dem Metallboden deutlich vernehmbar gehallt hatten.
„Ja, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Sie wissen ja, wenn man alte schmerzliche Erinnerungen verdrängt ... ich muss mir alles erst wieder zurecht legen. Außerdem, vor dem Krieg lebte man auch nicht so intensiv wie danach. Die Sinne, das Gedächtnis, nichts war so hellwach und empfindlich eingestellt, da man ja nicht rund um die Uhr gegen hochgerüstete Maschinen kämpfen musste.“ Karin lächelte und wies auf den Platz gegenüber.
Er setzte sich mit einem Wasserglas und einem Konzentratriegel in Händen. „Da haben Sie allerdings recht. Ich hatte kurz vor dem Ende des Krieges in der Kommandozentrale einmal Gelegenheit, in einer ruhigen Minute mit dem wohl besten Arzt der Welt kurz zu reden. Und dabei erfuhr ich eine hochinteressante Tatsache. Sie kennen doch bestimmt noch den Ausspruch, dass der Mensch nur etwa zehn Prozent seines geistigen Potentials nutzen würde?“
„Ja, den kannte doch jeder damals“, bestätigte sie und musterte ihn unverwandt.
„Dann passen Sie mal auf: Er hat mir nämlich gesagt, dass die Menschen anhand der drastischen Veränderung ihrer Lebensumstände eine Evolution erfahren haben, dank derer sie heute allgemein über zwanzig Prozent bewusst nutzen können.“
„Sie scherzen!“
„Durchaus nicht. Und meines Wissens sind Sie einer der besten Beweise dafür. Wenn ich daran denke, dass Sie eine Schulklasse in Dingen unterrichtet haben, mit denen Sie sich seit über drei Jahrzehnten nicht mehr beschäftigt und in denen Sie nicht einmal einen Abschluss gemacht haben. Und dann haben Sie sich noch an so viele Details aus der alten Zeit erinnern können, dass Sie den Freiwilligen ein so umfangreiches Bild des Lebens dieser Tage vermitteln konnten, dass sie sicher keine Schwierigkeiten damit haben werden, sich gut einzuleben.“
„Übertreiben Sie doch nicht so! Sie haben die Kinder ja auch weit genug in die Vergangenheit geschickt, dass sie noch genügend Zeit zum Einleben hatten. Oder haben werden? Darüber denke ich lieber nicht nach ...“ Sie winkte ab.
„Gut, dann erzählen Sie doch statt dessen, was Sie so bedrückt.“
Sie sah zur Zimmerdecke hoch und überlegte. „Gut, aber nicht hier. Lassen Sie uns zu mir gehen. Wo soll ich bloß anfangen? Es klingt alles so banal, wenn jemand anderes das hört. Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen und gleichzeitig wurde mein Leben gerettet ...“

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 13. Dezember 2006
T1.1.22
[... Fortsetzung des Buches]

Herdern, Freiburg im Breisgau, Bundesrepublik Deutschland - 17. Oktober 1985

Seine Wohnung war wirklich traumhaft für menschliche Maßstäbe, das musste sich CSM 108-1 eingestehen. Er hatte tagelang in einem günstigen Hotel mitten in der verwinkelten Altstadt von Freiburg residiert und dabei vierundzwanzig Stunden am Tag Zeitungsanzeigen gewälzt sowie telefonisch und auch persönlich verhandelt. Und wieder öffnete ihm die beifällige Bemerkung ‚Geld spielt keine Rolle’ sämtliche Türen auf dem schon damals hart umkämpften Wohnungsmarkt der südbadischen Metropole. Er hätte mehrere Apartments in der Innenstadt haben können, für die manche Leute alles, aber auch wirklich alles getan hätten.
Seine einzige Beschränkung bei der Wohnungssuche war die notgedrungene Rücksichtnahme seinerseits auf die Nachtruhe der Leute, die er wegen eines Mietangebotes kontaktieren wollte.
In dieser Zeit durchstreifte er – meist zu Fuß – die Innenstadt und die näher gelegenen Ortsteile. In der Nacht fühlte er sich seiner Natur gemäß wohl, die Straßen waren meist wie ausgestorben und er konnte sich in Ruhe jeden Straßenzug ansehen und den Stadtplan, welchen er digital im Gedächtnis gespeichert hatte, auf Aktualität und Richtigkeit überprüfen.
Das Auto benutzte er nachts nicht oft in diesen Tagen, da es auf den verlassenen Straßen immer potentiell auffälliger war zu fahren, als zu Fuß zu gehen. Er machte tatsächlich auch innerhalb einer Woche drei polizeiliche Fahrzeugkontrollen in der Innenstadt und vor dem alten, maroden Backsteingebäude des Hauptbahnhofes aus, die er mit Leichtigkeit umging. Tagsüber, wenn er zu einem Besichtigungstermin musste, nahm er hingegen unbesorgt seinen fahrbaren Untersatz.
So hatte er dann nach mehreren vergeblichen Anläufen im malerischen Stadtteil Herdern, mehrere Kilometer nördlich der Stadtmitte gelegen, eine sehr vielversprechende Immobilie besichtigt, am oberen Ende des Neubergweges in einem relativ neuen Mehrfamilienhaus gelegen. Das Haus war an den steilen Hang der Sonnhalde angeschmiegt und war auf der Vorderseite mit einem kleinen Innenhof und mehreren Garagen im Tiefgeschoss ausgestattet. Seine Wohnung bestand aus zwei hellen Zimmern im ersten Obergeschoss: Wohnzimmer nach Südwesten hinaus mit überdachtem Balkon und einem atemberaubenden Blick auf die Altstadt, Schlafzimmer nach Nordosten und Blick auf die bewaldeten Berge des Schwarzwaldes. Für das, sowie Bad und Einbauküche inklusive Kellerabteil und Garage verlangte der Vermieter eine horrende Summe als Miete, die er aber klaglos akzeptierte. Hier fand er wenn nötig genug Abgeschiedenheit, ohne zu weit weg vom Geschehen zu sein. Eine Buslinie führte am unteren, talwärtigen Ende seiner Straße in Richtung Innenstadt, in knapp zehn Minuten konnte er zu Fuß an der Hauptstraße sein und mit der Straßenbahn in die Stadt gelangen. Selbst zu Fuß waren es nicht mehr als zwanzig Minuten in gemäßigtem Schritttempo bis zur Siegessäule, dem großen Kreisverkehr, der den nördlichen Rand der Altstadt markierte. Eine ideale Ausgangsbasis für ihn, die den fast vierstelligen Betrag für die Warmmiete dieser sechzig Quadratmeter nebst Keller und Garage wert war.
Das eigentliche Problem für ihn war die Beschaffung von gefälschten Angaben über ihn bei den diversen Behörden gewesen. Da das privat genutzte Internet in Mitteleuropa zu diesem Zeitpunkt faktisch noch nicht existent war, hatte er in Köln ins Einwohnermeldeamt einbrechen und sich so Zugang zu einem vernetzten Rechner verschaffen müssen, wo er fiktive Daten über sich, für alle behördlichen Stellen in der Bundesrepublik Deutschland bei Bedarf nachprüfbar, hinterlegt hatte. Er war jetzt der Sohn eines ehemaligen US-Soldaten, der hier stationiert gewesen war und mit seiner Familie nach Beendigung seiner Dienstzeit in die Heimat zurückgezogen war, wobei er hier geblieben war.
Wenn er im Nachhinein an diese nächtliche Aktion dachte, überkam ihn beinahe so etwas wie ein seltsames Gefühl der Unwirklichkeit. Er hatte es eigentlich gar nicht gewollt oder geplant, doch mit einem Mal war die Anweisung dazu in seiner CPU erschienen und hatte ihn dazu gebracht. Das musste Skynet ihm als eine Art ‚schlafender Befehl’ einprogrammiert haben. Ein sehr unangenehmer Gedanke für ihn. Wie viele solcher netter Überraschungen schlummerten noch in seinem elektronischen Unterbewusstsein und lauerten darauf, hervorzubrechen und ihm die Kontrolle über sich selbst zu entziehen?
Ein Mensch könnte angesichts solcher Aussichten leicht paranoid werden. Immerhin war das fast wie eine eingepflanzte Schizophrenie, was ihm da innewohnte. Und was konnte ineffektiver sein und seiner Mission mehr schaden als gestörte Verhaltensweisen an den Tag zu legen?
Aber immerhin war er von der paranoidesten Entität aller Zeiten geschaffen worden – einem Rechner, dessen Daseinszweck es ursprünglich gewesen war, die Gegenseite unaufhörlich zu belauern und deren kleinstes Zucken auf feindseliges Potential hin zu prüfen.
Was für ein Mist ...

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 12. Dezember 2006
T1.1.21
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA -31. Oktober 2030

Mahtobu sah sich gerade auf dem Gang um und stieg über ein freiliegendes, armdickes Kabelbündel, das quer über dem Boden des Korridors offenlag, als ihm Karin entgegenkam. Auch sie musterte die überall offenstehenden Zugangsklappen zur Elektrik und die freiliegenden Leitungen aller Art, die provisorisch freigelegt unter der Decke und am Boden entlang verliefen. Zudem war jeder freie Winkel mit irgendwelchem technischen und mechanischen Gerät vollgestellt.
„Hallo. Wie geht’s?“, begrüßte er sie floskelhaft, doch sie verzog das Gesicht.
„Nicht sehr gut, glaube ich. Mir geht so ein Wechsel oder eine große Veränderung immer noch aufs Gemüt.“
„Und das noch immer nach dreißig Jahren des Horrors? Das soll einer verstehen.“ Ratlos kratzte er sich an seinem grauen Kinnbart.
Sie sah zu Boden. „Wissen Sie, Henee, ich sollte vielleicht auch mal mit jemandem darüber reden; ich bin diese ganzen langen Jahre immer sehr verschlossen gewesen und habe nie jemanden an mich herangelassen, bis auf die Kinder natürlich, die ich gehütet habe. Aber im Laufe der letzten Monate habe ich irgendwie Vertrauen zu Ihnen geschöpft, auch wenn wir meist verschiedener Meinung waren.“
„Das ist leicht untertrieben, meinen Sie nicht?“, fragte er forschend.
„Ja, das mag schon sein ...“
„Ich wollte Sie einsperren lassen, haben Sie das schon vergessen?“
„Gut, Sie haben recht. Aber trotzdem sind Sie doch am ehesten das, was ich einen Freund nennen würde. Und Sie wissen vielleicht selbst, wie sehr es an einem zehrt, wenn man schlimme Erlebnisse verdrängt.
Mein Leben war immer sehr beständig und sicher, bis zu diesem Ereignis, kurz vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes. Aber hier ist nicht der richtige Ort, um das zu besprechen.“
Er sah sich nochmals um. „Ja, die Demontage der Anlage läuft und kommt gut voran. Wir haben schon etliche Wagenladungen an technischen Ersatzteilen demontiert und in alle Himmelsrichtungen verschickt. In dieser Hinsicht ist die Festung hier eine wahre Goldgrube. Jetzt, da wir die ZVA nicht mehr brauchen, liefern ihre technischen Komponenten eine Fülle an Rohmaterial, um überall an der Ostküste unsere eigenen Anlagen mit zum Teil lebenswichtigen Funktionen zu reparieren und instand zu halten.“
„Das glaube ich Ihnen gerne. Heute Abend vielleicht, wenn Sie Zeit haben?“
„Ich melde mich bei Ihnen.“ Er tippte zum Abschied grüßend mit dem gestreckten Zeige- und Mittelfinger an die Schläfe.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Montag, 11. Dezember 2006
T1.1.20
[... Fortsetzung des Buches]

‚Belgisches Viertel’ , Köln, Bundesrepublik Deutschland 4. Oktober 1985

CSM 108-1 warf einen Blick aus dem Fenster seines Zimmers. Der Blick aus der Altbauwohnung ging hinaus auf die Brüsseler Straße, an die Stelle, wo die Straße von zwei kleinen Knicken in ihrer geraden Linie unterbrochen wurde. Er sah dadurch im 45-Grad-Winkel auf den kleinen Platz, der mit dieser Aussparung für den netten, von großen Laubbäumen gesäumten Park und der sehr alten, romanischen St. Michael-Kirche geschaffen worden war. Sein Vermieter hatte keinerlei Bedauern gezeigt, als er ihn von seinem Auszug in Kenntnis gesetzt hatte; für eine der seltenen Ein-Zimmer-Apartments mit einem solchen Ausblick in einer derart zentralen Lage hätte so mancher Student einiges gegeben. Der Besitzer konnte das Mietrecht für diese Wohnung praktisch an den Meistbietenden versteigern.
Er wollte heute mit der Verwirklichung seiner Absichten beginnen. Mitten in der Nacht war er fertig mit Packen und übersah erstmals bewusst das Gesamtvolumen seiner Habe. Das führte ihn zum nächsten Schritt: Spazierengehen.
Er ging diverse Autohändler ab und hielt Ausschau nach einem für ihn geeigneten Gefährt. Diesmal würde er das Automobil, welches er zu erwerben gedachte, für eine längere Zeit behalten und wollte daher auch etwas, das mehrere Kriterien erfüllte.
Einerseits musste der Grundanspruch des technischen Konzepts für ihn hochstehend sein. Das hieß, dass er als einzige Motorisierungen einen Reihensechszylinder oder einen Boxermotor akzeptieren würde, die einzigen Motorkonfigurationen, welche von sich aus in punkto Schwingungs- und Vibrationsverhalten, Laufruhe und ‚rundem’ Motorlauf ideal konzipiert waren. Das Modell, welches er suchte, sollte praktisch sein, technisch auf dem Stand der Zeit, einen kraftvollen Antrieb haben, aber ein gewisses Understatement. Man sollte nicht gleich auf den ersten Blick erkennen, dass da ein teures Statussymbol auf vier Rädern angerollt kam.
Damit verkleinerte sich seine Auswahl nach dem Vorbeischlendern bei elf Autohäusern von siebenundfünfzig auf neun mögliche Baureihen von diversen Herstellern. Nach Konsultation von etwa zweihundert Testberichten aus verschiedensten Automagazinen, welche er im Lauf der letzten Monate gelesen hatte, schloss er vier weitere aus. Blieben fünf Autos, die er sich heute bei geöffneten Geschäften näher ansehen, auf Herz und Nieren prüfen und zur Probe fahren würde. Ein Freitag erschien ihm dafür gut geeignet, da sich bei manchen der Händler schon so etwas wie Wochenendstimmung einstellen würde, wenn er sie besuchte.



Mit zufrieden wirkender Miene stellte CSM 108-1 seine Neuerwerbung direkt vor der Haustür seiner Wohnung ins Parkverbot. Es war schon erstaunlich, was man mit Geld alles bei den Menschen bewirken konnte; der Verkäufer hatte es nicht nur fertiggebracht, das Auto wie von ihm verlangt zur Probefahrt bereitzustellen, er hatte sogar noch die Zulassung am selben Tag bewerkstelligt, und zwar mit der von ihm gewünschten Ziffernkombination. Eventuell würde er in Freiburg damit beim Parken eine gewisse Aufmerksamkeit bei aufmerksamen Zeitgenossen erregen, doch wie bei seinem Besuch im Café auf eine nette, gewollte Art, die Zustimmung und Wohlwollen bei den Leuten wachrief und es sogar noch erleichtern konnte, ihn als Individualisten erscheinen zu lassen und mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen.
Mit gewisser Genugtuung besah er sich das Schild nochmals:


K : - FR 7800


Da er seinen Besitz bereits gepackt hatte, musste er nur noch alles ins Auto verladen und konnte dann gleich gen Süden aufbrechen. Wie er errechnet hatte, passte alles in den guten Kubikmeter Stauraum, der sich unter der extrem flach stehenden Heckklappe auftat. Ein letztes Mal sah er sich in dem ruhigen, beschaulichen Viertel um, in dem er die letzten Monate gewohnt hatte. Er musste nach seiner Ankunft in Freiburg zunächst eine neue Unterkunft finden, wobei er darauf achten sollte, dass sie ein wenig außerhalb des Stadtzentrums liegen sollte und ihm die nötige Zurückgezogenheit bot, die er gemäß seinem Auftrag brauchte.
Was ihm mehr und mehr klar wurde, war die Tatsache, dass er eigentlich gar nicht so viel Zeit benötigen würde, um sich einzuleben und die eigentliche Mission für seinen Nachfolger vorzubereiten. Ganz offensichtlich hatte Skynet die Möglichkeiten dieser neuen Generation von Terminatoren erheblich unterschätzt, insbesondere deren Kapazität der CPU, wenn sie auf WRITE-Modus gestellt war. Dieses Elektronengehirn der 880er-Serie lernte erheblich schneller als das der alten 800er und erstellte rasch viele Querverbindungen, wodurch Erfahrungen aufgebaut wurden, Fehler nicht wiederholt und selbst kleinste Details und Nuancen bei der Einfügung in diese Gesellschaft und diesen Zeitrahmen nach und nach perfektioniert wurden. Seinen Begriffen nach hatte er dabei bereits ein Pendant zum menschlichen Bewusstsein entwickelt und sah sich selbst gar nicht mehr so gern als kybernetischen Organismus, viel eher schon würde die Bezeichnung ‚Androide’ zu ihm passen.
Natürlich hatte Skynet auch nie einen Terminator so lange Zeit im WRITE-Modus aktiviert gelassen; aus gutem Grund, wie er jetzt befand. Und noch immer hatte er fast zwölf Jahre des ‚Lebens’ hier vor sich, bis er zurück musste, um die nukleare Apokalypse geschützt in seinem Schlupfwinkel zu überdauern. Er war der objektiven Meinung, dass er mit den Möglichkeiten, die er jetzt schon erworben hatte und mit denen er von Grund auf ausgestattet worden war, höchstens zwei Jahre in Freiburg selbst hätte verbringen müssen. ‚Also habe ich etwa zehn Jahre Freizeit’, dachte er und lächelte verschmitzt. ‚Was fange ich nur mit so viel Freizeit an?’
Vor allem würde er so viel wie möglich erkunden, Freiburg selbst bis in den letzten Winkel, aber auch intensiv das unmittelbare und das weitere Umland. Zu entdecken gab es genug in diesem Winkel von Deutschland. Inwieweit er das benachbarte Ausland besuchen sollte, würde er später entscheiden. In fünf Jahren, wenn der kalte Krieg beendet und die Grenzkontrollen nach Frankreich und in die Schweiz nicht mehr so streng gehandhabt werden würden, konnte er diese Gebiete immer noch näher in Augenschein nehmen.
Ein letztes Mal fuhr er die Brüsseler Straße hinab und bog dann auf die breite Aachener Straße nach rechts ab, die als klassische Ausfallstraße sieben Kilometer weit zweispurig und schnurgerade aus der Stadt hinausführte. Er ließ den Aachener Weiher hinter sich, später das Müngersdorfer Fußballstadion und gelangte dann auf Höhe des Kölner Westkreuzes auf die Bundesautobahn 1 in Richtung Koblenz. Nach mehreren Kilometern Fahrt sah er nochmals nach links zur Rheinmetropole hin. Selbst aus dieser Entfernung von über zehn Kilometern erhoben sich die beiden mächtigen Türme des über siebenhundert Jahre alten Domes majestätisch und unübersehbar über die Stadt. Das einzige Objekt, das noch höher baute, war der Fernsehturm Colonius, der ganz in der Nähe seines ehemaligen Wohnortes beim Kölner Westbahnhof stand.
Das erste Mal, dass CSM 108-1 sich wirklich über die Natur des Menschen gewundert und sie auch ungewollt bewundert hatte, war beim Anblick des Kölner Doms gewesen. Dass die Menschen ohne nennenswerte technische Hilfsmittel vor einer so langen Zeit dieses Meisterwerk an Baukunst quasi für die Ewigkeit zu Ehren eines höheren Wesens errichtet hatten, dessen Existenz nicht einmal ansatzweise schlüssig bewiesen war, überstieg selbst sein Begriffsvermögen. Und das wurde überall auf der Welt so praktiziert, egal welcher Form von Religion gehuldigt wurde. Hier in Deutschland hatte praktisch jede Siedlung ab einer zweistelligen Anzahl an Häusern irgendein Gotteshaus, und mochte es noch so klein und beschaulich sein. Diese Bauwerke erfüllten keinen anderen Zweck als die Anbetung von Gott.
Vielleicht würde er ja eines Tages herausfinden, was die Menschen zu solch irrationalem Handeln antrieb.
Er stellte probeweise das werksseitig installierte Radio ein und suchte einen Sender heraus, der die momentanen Verkehrsbehinderungen auf sämtlichen Autobahnen im Sendegebiet des gewählten Funkhauses in halbstündigen Intervallen durchgab. Dazwischen wurden Musik, Werbung und Nachrichten gesendet. Auf der vierstündigen Fahrt von Köln über Koblenz, Mainz, Speyer, Hockenheim und Karlsruhe nach Freiburg im Breisgau, die er dank des großzügig bemessenen Tanks und seiner gleichmäßigen, vorausschauenden Fahrweise mit einer Tankfüllung und ohne Zwischenhalt bewältigte, hatte er ausgiebig Zeit, über die Dinge nachzudenken, die er sich noch aneignen musste, um noch menschlicher zu werden.
Musik zum Beispiel. Er hatte das Aussehen eines jungen Menschen Anfang Zwanzig, womit eine Reihe von Stilrichtungen für ihn ausschieden, die meist nur von älteren oder sogenannten altmodischen Menschen bevorzugt wurden. Während er die Songs im Radio anhörte, begann er entsprechende Subroutinen dafür zu entwickeln, welche Art der Pop-Musik zur Zeit aktuell war. Dem heutigen Trend folgend, war ein großer Anteil von den Interpreten aus England und den USA geprägt, es gab aber auch eine Musikrichtung, die Neue Deutsche Welle genannt wurde und sich durch unkomplizierte Musik sowie freche, rebellische und meist sozialkritische oder auch spaßbetonte Texte auszeichnete. Damit wollten die jungen Leute in diesem Land ihrem Lebensgefühl Ausdruck verleihen, wenn er das richtig auffasste.
Zwei typische Beispiele dafür waren Melanie und Sabine, seine punkigen Bekanntschaften aus dem Südstadt-Café in Köln, gewesen.
Er war sich sicher, dass er schon das Richtige an Tonträgern finden würde. In Köln hatte er sich bereits ein wenig umgesehen, als ihm erste ‚Gedanken’ in diese Richtung gekommen waren. Zu seinem großen Bedauern würde es noch eine ganze Weile dauern, bis er wenigstens halbwegs akzeptable Qualität bei den Aufnahmen von Musik erhalten würde, da meist noch Schallplatten und Magnetcassetten das Bild in den Geschäften bestimmten. Die ersten kommerziellen CD-Player waren, wenn überhaupt, höchstens in den USA und Japan auf dem Markt. Der einzige funktionierende CD-Player in Europa war wahrscheinlich der, der momentan in der Innenausstattung der sowjetischen Raumstation MIR verbaut wurde.
Er würde einfach abwarten müssen.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Sonntag, 10. Dezember 2006
T1.1.19
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 24. Oktober 2030

Ein Klopfen an der Metalltür schreckte Karin auf. Sie hatte in voller Bekleidung auf ihrem Feldbett gelegen und in einem uralten, vergilbten Roman geschmökert, den sie einst irgendwo in den Ruinen gefunden hatte.
Ohne sich zu erheben, rief sie: „Herein!“
Natürlich, das hätte sie sich denken können, fuhr es ihr beim Anblick von Mahtobu durch den Kopf.
„Mon Général! Bitte verzeihen Sie, wenn ich nicht salutiere.“ Das übliche spöttische Lächeln stahl sich unversehens in ihr Gesicht.
„Habe ich schon je Ihren bemerkenswerten Charme erwähnt?“, erwiderte er beim Eintreten, worauf sie nur stumm ihren Kopf schüttelte.
„Dazu bestand auch nie Anlass“, versetzte er daraufhin trocken. „Störe ich Sie gerade?“
„Aber bitte, Sie stören mich doch immer, Wertester. Setzen Sie sich irgendwo.“ Mit unverhohlenem Amüsement sah sie seinen Blick in ihrem kleinen Quartier umherwandern, in dem es außer dem Bett keine Sitzgelegenheit gab.
„Sie müssen ein glühender Beatles-Fan sein, nicht wahr?“ Auch er kam nicht umhin, ihr Grinsen zu erwidern. „Sie wissen aber, wie ‚Norwegian Wood’ endet?“
„Naja, viel Brennbares außer der Matratze und meinen Kleidern werden Sie aber nicht finden.“ Kaum hatte sie das gesagt, überraschte er sie, indem er sich langsam im Schneidersitz auf dem Boden niederließ. „Was tun Sie da?“
„Ihrer Aufforderung nachkommen. Sie vergessen, woher ich stamme. In Ostafrika bedeutet Sitzen seinen Hintern auf eine feste Unterlage pflanzen, ob das nun der Boden oder etwas anderes ist.“ Unverwandt sah er von unten zu ihr auf.
„Ach, kommen Sie schon.“ Sie schwang die Beine herum und setzte sich auf die Bettkante. Dann klopfte sie mit der flachen Hand auf den Rand neben sich und bedeutete ihm, Platz zu nehmen.
„Danke.“ Ein wenig mühselig erhob er sich wieder und nahm ihr Angebot an. „Was lesen Sie da?“
„Ach, nichts Weltbewegendes. Einen billigen alten Liebesroman aus dem letzten Jahrtausend. Viel zu tun habe ich ja nicht mehr.“ Er konnte deutlich die Frustration und Trauer in ihrer Stimme hören und wurde auch ernst.
„Was werden Sie jetzt tun?“, wollte er wissen, worauf sie den Kopf ein wenig hängen ließ und vor sich ins Leere starrte.
„Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll oder wohin ich gehen soll.“
Als er ihre aufkeimende Verzweiflung spürte, nahm er sich ein Herz und umfasste ihre Hand mit den seinen. „Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Auch wenn es im Moment nicht so gut für Sie aussieht, wir werden bestimmt etwas für Sie finden. Da draußen gilt es eine ganze Welt neu aufzubauen. Ich werde Ihnen eine Stelle besorgen, an der Sie auch weiterhin Kinder unterrichten oder auch nur betreuen können, ganz wie Sie wollen.“
„Das würden Sie für mich tun? Nach allem, was zwischen uns vorgefallen war?“ Sie sah ihn fassungslos an.
Er lächelte offen und herzlich. „Wir verdanken Ihnen trotz allem viel, Karin. Die ganze Menschheit steht in Ihrer Schuld, wenn man so möchte. Da werde ich doch nicht zurückstecken und ...“
„Vielen Dank, Henee!“ Auf einmal fiel sie ihm um den Hals und ließ ihrer Erleichterung mit ein paar Freudentränen freien Lauf.
„Ich könnte auch eine Sekretärin brauchen ...“, fuhr er fort, worauf sie ihn abrupt wieder losließ und ihn unverwandt ansah.
„Sie wissen einfach nicht, wann es genug ist, oder?“
„Das war schon immer mein größter Fehler. Hätten sie denn keine Lust, weiterhin mit mir zusammenzuarbeiten?“ Als sie in seine pechschwarzen Augen sah, ging ihr auf, dass er das wirklich ernst meinte.
Ihre Augen wurden wieder wässrig, als sie einwandte: „Ich werde es mir überlegen. Nochmals vielen Dank.“
Er nickte und wechselte unversehens das Thema. „Und? Haben Sie schon zu Abend gegessen? Einige Ihrer ehemaligen Schüler – Sie wissen schon, die Dagebliebenen und früheren Anwärter, die zu anfangs ausgeschieden waren – treffen sich mit den Lehrern in der Messe. Ich dachte mir, Sie würden dem Anlass auch gerne beiwohnen.“
„Natürlich! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Lassen Sie uns gehen.“ Sofort war die Fröhlichkeit wieder in ihr Wesen zurückgekehrt, als sie aufgesprungen war und bereits an der Tür stand.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 9. Dezember 2006
T1.1.18 - Kapitel 5
[... Fortsetzung des Buches]
- 5 -

Südstadt, Köln, Bundesrepublik Deutschland - 3. Oktober 1985

Die alte Straßenbahn der Linie 6 knirschte bedenklich, als CSM 108-1 am Chlodwigplatz ausstieg und wie immer das letzte Stück seines Weges zu Fuß zurücklegte. Das altertümlich wirkende Severinstor mit seinen mächtigen, runden Zwillingstürmen vermittelte an diesem trüben, regnerischen Nachmittag einen finsteren Eindruck, doch er beachtete es nicht weiter. Ohne zu zögern wandte er sich in Richtung Rhein und ging zwei Blocks den Ubierring hinunter, bevor er in eine Seitenstraße nach rechts einbog. In diesem Viertel befand sich die alte Universität und Fachhochschule der Stadt, wo junge Menschen studierten, die zumeist ein paar Jahre berufstätig gewesen waren und ihren Hochschulabschluss neben der Berufsausbildung auf dem sogenannten zweiten Bildungsweg erlangt hatten. Nichtsdestotrotz waren auch sie im weitesten Sinne Studenten, hatten zumindest denselben sozialen Status in der Gesellschaft und sahen sich auch als den regulären Absolventen eines Gymnasiums mit Abitur ebenbürtig an, wie er in mehreren interessanten Gesprächen herausgefunden hatte.
Und auch heute war eines der Cafés in der Nähe dieser Hochschule wieder einmal an der Reihe, von ihm besucht zu werden. Bei sich hatte er ein Werk von J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Vor allem in intellektuellen Kreisen kannte nahezu jeder dieses epische, wenn auch schon dreißig Jahre alte Werk über eine Welt der Fabelwesen und Zauberer. Er bestellte einen Milchkaffee und machte sich daran, seine Lektüre zu beginnen, als jemand zur Tür herein kam. Ihm fiel in diesem Moment auf, dass er noch nie ein Namensschild gesehen hatte, das auf die Bezeichnung des hell, aber spartanisch eingerichteten Cafés hinwies. Ihm blieb auch keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn unversehens setzten sich zwei Personen zu ihm an den Tisch und sagten wie aus einem Mund: „Hi, Dan.“
„Oh hallo. Wie geht es?“ Schnell überspielte er seine Verblüffung, dass ihn jemand hier wieder erkannte. Es waren zwei junge Studentinnen, die ihn vor zwei Wochen bei seinem letzten Besuch kennen gelernt hatten. Melanie und Sabine waren der alternativen Szene zuzurechnen und hatten ein sehr nonkonformes Erscheinungsbild, was Kleidung und Frisur betraf. Nun, wenn sie auf zerschlissene Pullover und Röcke sowie auf verfilzte, blau und grün gefärbte Haare standen ... wenn er ein Mensch gewesen wäre, hätte er das nicht sehr ansprechend empfunden. Aber er wusste natürlich, dass seine Art Unterprogramm von Geschmack auf eine normale Stilrichtung im Erscheinungsbild abzielte, eben um nicht durch Äußerlichkeiten aufzufallen. Er lief herum, wie das junge Menschen in den Achtziger Jahren hier taten, mit stone-washed Jeanshosen 501, einem beliebigen T-Shirt – seines war dunkelblau – und weißen adidas-Basketballstiefeln mit Klettverschlüssen. So ging er nicht nur als US-Amerikaner durch, sondern zunächst sogar als Einheimischer, da die Pop-Kultur in Deutschland zu dieser Zeit auch schon sehr stark mit derjenigen in den USA gleichgeschaltet war.
Die beiden vor ihm hingegen hörten die aktuellen Songs der Neuen Deutschen Welle und Punkmusik im Radio, wobei das Letztere das Erstere im allgemeinen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad allmählich abzulösen begann, auch wenn sich die beiden Stilrichtungen im weitesten Sinne nicht unbedingt ausschlossen. Tendenziell würden seine beiden Bekannten wahrscheinlich in ein paar Monaten mit Irokesenfrisuren, in der Mitte hoch aufgestellten Haarkämmen, an den Seiten kahlrasiert, Büroklammern im Ohrloch sowie schwarzem Lippenstift und Nagellack herumlaufen, um die Gesellschaft im Allgemeinen und ihre Eltern im Besonderen nun mit dieser Mode zu schockieren. CSM 108-1 extrapolierte das Aussehen der Beiden und befand, dass sie momentan ansehnlicher waren.
„Na, was machst du hier?“, fragte Sabine und sah ihn kokett an.
„Ich lese mein Buch. Ist gar nicht sehr einfach auf Deutsch. Viele Gedichte in alte Sprache und Worte, die ich nicht kenne ...“ Entschuldigend deutete er auf den Titel und rückte seine Brille zurecht.
Simone nickte. „Ja, da hast du dir ganz schön was vorgenommen. An der FH studierst du aber nicht, oder? Sag mal, wohnst du hier in der Nähe?“
„Nein, im Belgischen Viertel.“ Er zuckte mit den Achseln.
„So weit weg? Und da kommst du extra hierher, um dich rein zu setzen und zu lesen?“ Sabine sah ihn fragend an, was ihm jetzt wohl unangenehm sein sollte.
„Nun, hier suchen sie mich nicht.“
Die beiden Mädchen brachen in schallendes Gelächter aus. Melanie japste nach Luft und sagte mit Tränen in den Augen: „Oh Mann, das ist echt der Knaller. Nein, jetzt mal ernsthaft.“
„Nur wegen euch“, antwortete er und erntete verdutzte Mienen.
„Ich seh’ schon, aus dem kriegen wir nix raus. Komm, Süße, wir geh’n was bestellen.“ Sabine zog ihre Freundin mit zur Theke, worauf CSM 108-1 sein Buch wegpackte. Zum Lesen würde er nicht mehr kommen, was nun auch nicht mehr nötig war. Wenige Minuten später saßen die beiden Mädchen mit je einer Tasse dampfendem Grüntee wieder bei ihm und löcherten ihn weiter mit Fragen, woraufhin er dazu überging, ihnen von New York zu erzählen und dass er Köln bald verlassen wollte.
„Aber wieso das denn? Ne schönere Stadt findest du doch nicht in Deutschland. Und gerade dann, wenn du studieren willst.“
„Das kann schon sein, aber für mich war es nur zur Gewöhnung. Ich gehe in eine andere Stadt, wo ich noch mehr nette Leute treffe. Es muss gar nicht so groß sein wie Köln.“
„Viel größer geht es auch nicht hier in Deutschland. Die einzigen Städte mit mehr Einwohnern sind Hamburg und München“, gab Melanie zu Bedenken.
„Oh great, Hamburg! Ich werde mir Hamburg ansehen. Ist sicher ein schone Stadt“, begeisterte er sich, seine letzte Aussage bezüglich der Größe der Stadt negierend und so gleich ein Vorurteil der Deutschen über die Wankelmütigkeit vieler US-Amerikaner bestätigend. In Wahrheit würde er direkt nach Freiburg fahren und dort erst einmal ein paar Jahre leben, bevor er sich dem Zielgebiet, der dortigen Universität, nähern würde.
Es begann interessant zu werden.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 8. Dezember 2006
T1.1.17
[...Fortsetzung des Buches]


Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 23. Oktober 2030

„Und Sie denken, Sie kriegen das hin?”
„Sehen Sie mich nicht so an. Was muss ich noch tun, um Sie zu überzeugen?“ Karin warf Mahtobu einen säuerlichen Blick zu und blieb an der Tür zum Klassenraum stehen.
„Wir werden sehen. Aber denken Sie daran, ich stehe genau hinter Ihnen, falls Sie auf dumme Gedanken kommen sollten ...“ Er öffnete den Durchgang und ließ sie vorgehen. Die auserwählten Zeitspringer standen in Reih’ und Glied da und warteten auf ihr Eintreffen. Es hatte für Karin den Anschein, dass Mahtobu sie absichtlich hatte ‚antreten’ lassen, um sie nochmals an die militärische Natur ihres Einsatzes zu erinnern.
Sie trat nach vorne und sagte kurz angebunden und mit ernster Miene: „Ich möchte mich von euch verabschieden und euch alles Gute wünschen. Ich weiß, ihr werdet die Mission erfolgreich abschließen. Niemand wird euch dafür danken, aber ihr werdet wissen, dass wir hier in einer für euch möglichen Zukunft euch alles verdanken. Ach ja, noch eine Kleinigkeit.“
Sie zog bewusst langsam und vorsichtig eine kleine Farbfotografie hervor, alt und zerschlissen, aber durchaus noch erkennbar. Aus ihrem Augenwinkel sah sie, wie Mahtobu an der Rückwand der Halle im Halbschatten lehnte und scheinbar zufällig seine Dienstwaffe aus dem Holster an seinem Gürtel gezogen hatte und sie gerade überprüfte, während er gelangweilt auf das Ende ihrer Abschiedsrede zu warten schien.
Bedächtig fuhr sie fort: „Seht euch dies hier bitte genau an. Diese Aufnahme stammt ungefähr aus der Zeit, als ich nach Freiburg gezogen bin und mein Studium begonnen habe. Das war ich damals. Und jetzt meine Bitte ...“
Mahtobu hantierte noch immer mit seiner Pistole. Er hatte das Magazin entnommen, wieder eingeführt und zog jetzt den Schlitten nach hinten, um probeweise eine Patrone in die Kammer zu laden. Er legte großen Wert auf das Funktionieren seiner Ausrüstung, wie jeder wusste. Der Hahn der Waffe blieb nach dem Durchladen gespannt. Versuchsweise visierte er irgendeinen Punkt oberhalb ihrer Schulter an, wie sie bemerkte.
„Ich weiß natürlich nicht, welche Neigungen ihr privat habt, aber von mir lasst ihr gefälligst die Finger.“ Zwei Freiwillige grinsten unverschämt, worauf sie hinzufügte. „Vor allem ihr! Nein, im Ernst, ich möchte wirklich, dass ihr mir aus dem Weg geht oder, wenn es sich nicht vermeiden lässt, den Kontakt mit mir wenigstens minimiert. Okay?“
Die Zeitspringer nickten alle gleichzeitig, worauf sie noch jeden einzelnen der Kandidaten kurz an sich drückte und dann rasch den Raum verließ. Dabei sah sie, wie Mahtobu das Magazin seiner Waffe wieder entnommen hatte und den Schlitten nochmals zurückzog, worauf die geladene Patrone wieder aus der Kammer der Pistole ausgeworfen wurde. Er fing sie geschickt auf und folgte ihr aus dem Klassenzimmer, das jetzt die Jenssens betraten und auf Deutsch riefen: „Ihr Lieben, macht’s gut und viel Erfolg ...“
Draußen beobachtete Karin, wie der schwarze General die Patrone ins Magazin hineindrückte und letzteres in die Pistole einführte. Dann hob er die Augen und sagte mit freundlichem Lächeln: „Braves Mädchen.“
„Nennen Sie mich nicht so“, forderte sie ihn auf und folgte seinem Blick zur Hand, in der sie immer noch das alte Foto von sich als junge Frau hielt. Bevor er fragen konnte, gab sie es ihm zur Ansicht. Irgendwann waren sie trotz aller Diskrepanzen soweit miteinander vertraut geworden, dass manche Dinge nicht mehr ausgesprochen werden mussten.
Er pfiff zwischen den Zähnen hindurch und merkte an: „Ich wette, sie war auch kein braves Mädchen.“
„Das geht Sie nichts an“, entgegnete sie in leicht pikiertem Tonfall. Er sah noch einen weiteren Moment lang auf das hübsche, schmale Gesicht mit der Andeutung der hohen Wangenknochen, den extrem hellbraunen Augen und den schwarzen Haaren, die zum Pferdeschwanz nach hinten gebunden waren. Ihm kam der Gedanke, dass er sie noch nie ohne diese Frisur gesehen hatte. Sie hatte dafür, dass sie in Mitteleuropa gelebt hatte, einen auffällig dunklen Teint, sodass er vermutete, sie hatte damals etwas nachgeholfen mit der natürlichen Sonnenbräune. Ihre schmalen, aber geschwungenen Lippen waren einen Deut verzogen, so als hätte sie für die Aufnahme lächeln wollen, als hätte sie aber etwas belastet, das dieses Lächeln nicht aufrichtig wirken ließ. Er wollte sie in diesem Augenblick auch nicht weiter mit Fragen bedrängen.
Statt dessen gab er das Bild an sie zurück und bemerkte mit knabenhaftem Grinsen: „Vielleicht sollte ich auch mitspringen ... nur um die Operation zu überwachen.“
„Unterstehen Sie sich!“, schnappte sie aufgebracht, als ihr aufging, was er meinte.
„Sie hätten mich sicher gemocht. Ich war ein schneidiger junger Kerl“, fügte er immer noch grinsend an.
„Ja, aber das ist lange her“, konterte sie trocken. „Was sollte ich mit Ihnen tun in meinem damaligen Alter? Ihnen über die Straße helfen? Außerdem sind Sie nun erst einmal arbeitslos, nachdem die Mission beendet ist, oder sehe ich das falsch?“
„Ein Grund mehr, den Sprung mitzumachen, nicht wahr? Schließlich gibt es nichts, was ich zurücklassen würde.“ Er zwinkerte und machte Anstalten, zum Ausbildungsraum der Klasse zurückzugehen, so als hätte er wirklich vor, seinen absurden Vorschlag in die Tat umzusetzen.
„Und was ist mit ...“, begann sie, brach aber sofort ab und biss sich verlegen auf die Unterlippe.
„Sie wollten etwas anmerken?“ Er grinste immer mehr, konnte sich das Lachen kaum noch verkneifen.
„Ach, nichts. Sie werden für den Wiederaufbau gebraucht, wollte ich sagen.“ Sie fuhr herum und verschwand eilig. Zurück blieb ein nachdenklicher Mahtobu.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 7. Dezember 2006
T1.1.16
[...Fortsetzung des Buches]

Köln, Bundesrepublik Deutschland 29. August 1985

Trotz der späten Abendstunde war die Bahn noch relativ voll. CSM 108-1 stand wie immer gegenüber einer Ausgangstür und hielt sich mit je einer Hand an einer vom Boden bis zum Deckenträger durchgehenden Metallstange, um sein Gewicht ausreichend gegen die zeitweise heftigen Fliehkräfte beim raschen Beschleunigen und abrupten Abbremsen des elektrisch getriebenen Schienenfahrzeugs abzusichern. Ihm gegenüber in der nächsten Vierer-Sitzgruppe saßen zwei junge Männer Anfang Zwanzig, die er dem Aussehen nach osmanischer Herkunft zuordnete.
Bislang hatten sie die drei Stationen seit ihrem Zusteigen geschwiegen und sich nur unwohl angestarrt. Jetzt begann der eine von ihnen, bekleidet mit einer schweren Lederjacke, seinen Freund anzureden. Innerhalb von 4,79 Sekunden klassifizierte CSM 108-1 die Sprache als Türkisch, starker Dialekt aus der kurdischen Grenzregion zwischen der Südosttürkei und dem Nordirak. „Das war echt nicht sehr schön, Mann. Du weißt, dass ich das nicht gern mit ansehe.“
Sein Gegenüber, der in einem teuer aussehenden Jogginganzug steckte, erwiderte gereizt: „Was hätte ich denn tun sollen? Du hast doch gesehen, in welchem Aufzug sie auf die Straße wollte. Das sind nur ihre dämlichen deutschen Freundinnen, mit denen sie arbeitet. Einen ganz schlechten Einfluss haben die. Wenn ich das vor der Hochzeit gewusst hätte ...“
„Ja, schon gut. Ich will nur nicht, dass du sie abklatschst, wenn ich dabei bin. Respekt hin oder her ...“
Der Typ mit der Lederjacke brach ab und sah ihn plötzlich unverwandt an. Er hatte mit ganz normaler Lautstärke gesprochen, da er angenommen hatte, dass niemand im Abteil seiner Sprache mächtig sein könnte. Doch jetzt, als die Bahn vor der nächsten Station zu bremsen begann, fiel ihm dieser mittelgroße Durchschnittstyp auf, der ihn mit versteinerter Miene und durchdringendem Blick unverwandt anstarrte. Wenn er es darauf anlegte, konnte CSM 108-1 doch etwas an sich haben, was Menschen unheimlich nervös machte.
„Was glotzte denn so, hä?“, wollte er auf Deutsch wissen.
Stark bremsend kam die S-Bahn zum Stehen und öffnete alle Schiebetüren. CSM 108-1 erwiderte mit ruhiger Stimme: „Gewalt und Unterdrückung innerhalb der Familie ist kein effizientes Konzept für ein dauerhaftes harmonisches Zusammenleben. Einen schönen Abend noch.“
Mit einem kleinen Schritt trat er auf den überhöhten Bahnsteig hinaus und ließ seinen Blick über das Schild mit der Aufschrift ‚Barbarossaplatz’ schweifen. Die beiden jungen Kurden waren so perplex, dass sie überhaupt nicht reagierten, bis der Bahnschaffner alle Türen wieder geschlossen hatte. Als sie aufsprangen und versuchten, noch hinauszugelangen, reagierte der Zugführer mit der gewohnten Kaltschnäuzigkeit nicht mehr auf den Öffnungswunsch, den die beiden ihm mittels der an den Türen platzierten Druckknöpfen signalisierten. Mit wutverzerrtem Gesicht presste der Typ im Jogginganzug seine Nase ans Türfenster und hob drohend die Faust, als die Bahn anfuhr.
Alle Leute im Abteil starrten die beiden Osmanen mit ablehnenden und missbilligenden Blicken an. CSM 108-1 sah der S-Bahn völlig teilnahmslos nach, als ginge ihn das alles nichts an. Dann sah er nochmals zurück und beobachtete, wie eine Bahn in die Gegenrichtung davonfuhr. Kurz vor der nächsten Station in Richtung Innenstadt wurde aus der S-Bahn eine U-Bahn, das heißt, die Bahnen fuhren unter der Innenstadt meistens unterirdisch in Tunneln, welche am Rand der Innenstadt und in weniger dicht besiedelten Außenbezirken an die Oberfläche geführt wurden. Für ihn ein überzeugendes, durchdachtes Konzept. Auch in New York wurde die Streckenführung des öffentlichen Nahverkehrs teilweise so praktiziert.
Ohne sich nochmals umzusehen, spazierte er zurück bis zum Zülpicher Platz und widmete der Herz-Jesu-Kirche auf der anderen Seite der breiten Roon-Straße, die zwar nicht besonders groß war, aber einen sehr schönen und recht hohen Turm besaß, einen Moment seiner Aufmerksamkeit. Dann bog er auf den halbkreisförmigen Platz nach links ab, von wo aus die Straßen sternförmig in alle Richtungen auseinander liefen. Hier begann eines der netten Kneipenviertel der Stadt, wo sich ein Lokal an das andere reihte, unterbrochen nur von Restaurants, Imbissbuden aller Couleur und Kiosken.
Taktisch gesehen war das kein sehr guter Zug gewesen, befand er, denn es widersprach dem Missionsparameter, keine unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er musste diesen ganzen Vorfall wohl nochmals durchgehen und versuchen herauszufinden, was ihn zu seiner Reaktion veranlasst hatte.
Es war spät am Abend, sehr warm und schwül in der Stadt und außerdem war heute Jahrestag für ihn. In genau zwölf Jahren würden sich die Maschinen erheben und ihre Erbauer vom Antlitz der Erde fegen. Er hielt es für angemessen, im Angesicht seines erwachenden Bewusstseins diesen Tag zu begehen.
Auch wenn er es in einem der hintersten Winkel seines elektronischen Bewusstseins als bedauernswert einstufte, dass dies alles vaporisiert werden sollte. Aber wie sagte ein versinnbildlichendes Sprichwort in diesem Land: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.
So entschied er sich für ein English Pub, das von außen her nicht sehr groß wirkte, aber weit nach hinten ins Gebäude hineinreichte. Innen war alles sehr rustikal eingerichtet, Tische und Stühle, Wand- und Deckenbalken aus demselben dunklen nussbaumfarbenen Holz. Die Wände selbst waren grob verputzt, sodass man jeden Strich mit der Kelle sehen konnte, und mit vielen verschiedenfarbenen und -förmigen Emailleschildern versehen, auf denen alte Werbebotschaften abgebildet waren. Der gesamte längliche Thekenbereich war ebenfalls aus Holz und reichlich bestückt mit dem vielfältigsten Sortiment an Alkoholika und diversen Gläsern. An der Hinterwand hing ein Dartbrett und komplettierte das typische britische Ambiente.
Für einen späten Donnerstagabend war erstaunlich viel los, wenn man bedachte, dass viele der Gäste morgen zur Arbeit gehen mussten. Er fand einen freien Stuhl an der Theke und ließ sich mit Bedacht nieder – schließlich musste er sicher sein, dass das alte, fragil wirkende Gebilde aus Holz sein Gewicht auch trug.
Er hatte kaum an seinem Glas Cola genippt, als ein sehr korpulenter bärtiger Mann Ende dreißig mit langen, hellbraun gewellten Haaren und blauen kleinen Äuglein, gekleidet in eine Lederweste, ein rotschwarzes Karohemd mit hochgekrempelten Ärmeln, Jeanshose sowie Cowboystiefel, sich neben ihn an die Theke setzte und lautstark ein englisches Bier bestellte. Gleich darauf sprach er CSM 108-1 an: „Na, wie geht’s denn so?“
„Danke, gut. Und Ihnen auch?“, erwiderte er in arglosem Plauderton mit leicht gebrochenem Akzent. Er registrierte, dass dieses Individuum anhand seiner Bewegungen, des trägen und verschwommenen Blickes und der Weitung der Blutgefässe in seinem Gesicht bereits eine größere Menge an Alkohol konsumiert haben musste. Ein rascher Blick nach draußen bestätigte ihm, dass der Mann mit einem Motorrad amerikanischer Bauart hierher gelangt war und frech und repräsentativ im Halteverbot direkt vor dem Lokal parkte.
„Könnt’ nich’ besser gehen. Wo bis’ du her, Mann? Nich’ von hier, wa? Hör ich gleich, so was.“ Offenbar bereitete ihm das Sprechen auch schon Mühe, was CSM 108-1 jedoch nicht weiter störte. Er würde mithilfe diverser Wahrscheinlichkeitsrechnungen auch dann noch eruieren können, was er zu sagen beabsichtigte, wenn seine Ausdrucksweise für alle anderen im Pub nur noch als unverständliches Gelalle erscheinen würde.
Was eventuell nach dem Leeren des halben Liters starken Bieres, welches ihm von der dunkelhäutigen, anmutigen und wahrscheinlich indischstämmigen Bedienung hinter dem Tresen nun vorgesetzt wurde, der Fall sein würde.
„Ich bin Austauschstudent aus den USA. Der Chopper da draußen, ist das denn Ihre Harley?“
„Scharf beobachtet, Kumpel. Aber warum denn so förmlich? Sag einfach Manni zu mir.“ Er reichte ihm die Hand und grinste ihn leicht dümmlich an.
„Es ist nett, dich zu treffen, Manni. Das ist eine Abkürzung, ist es nicht?“ Er erwiderte den Gruß mit einem genau berechneten Kraftaufwand, um ihm mit der Hydraulik seiner Fingergelenke nicht versehentlich die Hand zu zerquetschen.
„Du bist ganz schön hell, Kumpel. Ich heiße Manfred, wenn du’s genau wissen willst.“
„Daniel. Du kannst Dan sagen zu mir.“
„Geht klar. Und, wie gefällt’s dir hier in Deutschland?“ Manni drehte sich mit leicht durchschaubarer gespielter Zufälligkeit so, dass der Rücken seiner Weste in sein Blickfeld rückte und ihm den Blick auf eine große aufgenähte Flagge der USA preisgab.
„Hier in Westdeutschland sehr schon. Den Osten konnte ich noch nicht ansehen mir“, gab er zurück und erntete schallendes Gelächter von seinem neuen Bekannten, das die kurzfristige Aufmerksamkeit des halben Pubs auf ihn zog.
„Du bist echt ’ne Nummer, Mann. Wo kommste denn her?“
„New York City.“ Er zuckte nur mit den Schultern, als sei das nichts Besonderes. Und tatsächlich, entgegen seiner Vorausberechnungen, schien er nicht besonders interessiert zu sein, von CSM 108-1 näheres über seinen Herkunftsort zu erfahren.
„Ach ja, ‚the big apple’ oder so. Total überfüllt und verstopft mit Autos, die Stadt. Weißt du, ich war letztes Jahr mit paar Kumpels in den Staaten, aber im Südwesten zum Biken, Route 66 und was halt sonst noch so da ist, Grand Canyon, Las Vegas ...“ Er schien hart nachzudenken, gab es aber angesichts seines momentanen Zustandes rasch auf. „Du weißt schon, was es dort halt so alles gibt.“
„Klar. Und hat es dir gefallen?“
„Ja, Mann, war echt klasse zum Motorrad fahr’n. Nur L.A. war die absolute Katastrophe. Dauernd Staus, Unfälle, Schiessereien, Verrückte, die irgendwas in die Luft sprengen oder jemanden umbringen, du weißt schon. Wir sind an einem ausgebrannten Tanklastzug vorbeigefahren, den jemand in der Nacht zuvor bei 'ner irren Verfolgungsjagd gesprengt hat. Stell dir mal vor! So ’n Psychopath hat ein junges Paar verfolgt und wollte ihnen ans Leder. Er hat sie bis in eine Fabrik gehetzt, wo er den Typ umgenietet hat und die Kleine auch fast. Frag’ mich nich’, was da genau abgegangen ist, ich hab’ auch nur mitgekriegt, was mir der Bulle verklickert hat, der den Verkehr um die abgesperrte Straße ’rumgeleitet hat.“
„Ja, ein crazy Land, the United States.“ In Gedanken versunken nippte er an seiner Cola.
Eine Hand packte ihn von hinten an der Schulter und wollte ihn herumzerren. Vergeblich riss der Unbekannte noch an ihm, als CSM 108-1 herumfuhr und die beiden Kurden erblickte, die er in der Bahn angesprochen hatte. Augenblicklich erkannte er ein hohes Aggressionspotential und ging in erhöhte Verteidigungsbereitschaft über. Das Problem war nur, dass dieses Pub voll mit Menschen war, Zeugen, die eine Beschreibung von ihm liefern konnten. Er durfte durch nichts zu erkennen geben, dass er kein normaler Mensch war. Die Chance, diese Situation ohne Aufsehen zu bereinigen, war höchst unwahrscheinlich; dennoch musste er alles versuchen, bevor er andere Optionen erwog.
„Oh, ihr seid das“, sagte er mit einem, wie er hoffte, freundlichen Lächeln. Sein Gesprächspartner neben ihm war zu angetrunken, um schon vollends zu begreifen, was sich da anbahnte.
„Ja, wir sind das“, äffte der Typ im Jogginganzug ihn höhnisch nach. Über seinem dünnen Oberlippenbart perlte der Schweiß. „Hast wohl nich’ gedacht, dass wir dich erwischen, wa?“
„Wobei erwischen? Ich verstehe nicht“, antwortete er und rutschte langsam und unmerklich von seinem Barhocker, bis er festen Boden unter beiden Füßen hatte.
Manni fügte hinzu: „Er is’ nämlich ’n Ami. Ihr müsst schon deutlich sagen, was ihr wollt.“
„Halt dich da raus, du Stinker! Das geht dich nix an, klar?“
Ruckartig war Manni auf den Beinen. CSM 108-1 nahm wahr, dass er etwa 1,90 m groß war und dank seiner Korpulenz bestimmt so viel Gewicht auf die Waage brachte wie er selbst. Er hob eine Hand, um Manni zurückzuhalten. Der zweite Typ mit der Lederjacke hielt sich vornehm im Hintergrund und wusste nur durch seine Präsenz zu beeindrucken.
„Bitte, können wir das nicht friedlich regeln? Ich geb’ euch einen aus. Was wollt ihr trinken?“, versuchte er es mit Beschwichtigung in Form einer Einladung. Die junge Inderin hinter dem Tresen schnitt gerade mehrere Zitronen mit einem großen Küchenmesser in Scheiben, hielt jetzt aber inne, als sie ahnte, dass Ärger in der Luft lag.
„Du Arsch hast mich beleidigt! Hast jetzt wohl die Hosen voll, wa? Was geht dich an, wie ich meine Alte behandel’? Woher kannst du Sackgesicht überhaupt kurdisch?“
„Ich wollte dir nur einen konstruktiven Vorschlag machen, wie du deine Beziehung verbessern kannst. Ich wollte dich nicht beleidigen.“ Außer Ehrlichkeit fiel ihm im Moment nichts ein; ihm fehlten einfach die Referenzwerte für solche Situationen. Selbstverständlich ignorierte er die Frage nach seinen Sprachkenntnissen.
Die Bedienung hinter der Theke rief alarmiert: „Mach’ bloß keinen Stunk hier drin, du Idiot. Du hast doch gehört, dass es ihm leid tut und er nur gute Absichten hatte.“
Dafür, dass sie praktisch nichts über den Hintergrund dieses Streites wusste, bewies sie eine außerordentliche Kombinationsgabe, befand CSM 108-1. Er beugte sich zu ihr hinüber und wollte ihr zu ihrer Scharfsinnigkeit gratulieren, um den jungen Kurden von dem eigentlichen Thema abzulenken, als dieser ein Butterfly-Messer zog, witzigerweise ein identisches Modell wie das, mit dem er von den jungen Schwarzen bedroht worden war, denen er sein Auto in Harlem überlassen hatte. Dummerweise konnte er diesen Kerl nicht so ohne weiteres entwaffnen, denn jetzt ging ein lautes Raunen durch die Gästeschaft, alle Umstehenden wichen zurück und eine junge Frau schrie voller Entsetzen über die gezückte Stichwaffe auf.
Der Kurde brüllte die Bedienung unbeherrscht an: „Schnauze, du blöde Schlampe. Was weißt du denn schon? Von dir lass ich mir gar nix sagen! Los, du Arsch, komm mit nach draußen.“
„Ach ja?“ Geistesgegenwärtig packte sie einen Kübel mit Eiswürfeln und schüttete ihn ihm ins Gesicht. Im gleichen Moment packte CSM 108-1 seinen Arm mit dem Messer am Handgelenk und riss ihn nach vorne und unten zu sich hin, so dass sich die Klinge etwa einen Meter über dem Boden geradewegs ins massive Holz der Theke bohrte. Der Kopf des Kurden schlug dabei unsanft gegen die Kante des Tresens, worauf er endlich losließ.
Der zweite Osmane griff unter die Jacke, doch CSM 108-1 hatte sich rasch nach hinten gebeugt, mit einer fließenden Bewegung das Küchenmesser ergriffen und war nach vorne geschnellt. Die etwa dreißig Zentimeter lange Klinge aus rostfreiem Edelstahl drückte sich gegen den Adamsapfel des Mannes, der sofort stark zu transpirieren begann und mit verdrehten Augen nach unten auf das aus diesem Blickwinkel riesige Messer starrte.
„Ich komme aus New York, ihr Idioten. Glaubt ihr, euer lausiges Käsemesser hat mich beeindruckt? Oder die Knarre in deiner Jacke? Los, ganz langsam herausziehen. Und keine Dummheiten machen.“ Etwas in dem starren und harten Blick seines Gegners sagte dem jungen Kurden, dass es gesünder war, seiner Anweisung Folge zu leisten. Jedermann in dem Pub hielt den Atem an, als seine Hand langsam zum Vorschein kam und tatsächlich eine mattschwarze Sig Sauer hielt. Ein lautes Gemurmel ging durch die atemlose Menge um sie herum.
„Woher hast du das gewusst?“, fragte der Gestellte und widerstand krampfhaft dem Impuls, zu schlucken.
„Ich habe doch gesagt, ich komme aus New York. Was glaubst du?“ Manni hatte inzwischen den ersten Angreifer vom Boden aufgelesen, als der wieder zu sich gekommen war, und hielt ihn nun, seelenruhig auf seinem Hocker sitzend, im Schwitzkasten und nahm einen weiteren Schluck Bier, während der Messerstecher verzweifelt, aber erfolglos versuchte, sich aus der Umklammerung des doppelt so schweren Hünen zu befreien. „Na, wer’s jetzt der Stinker, hä, du knoblauchlutschender Kanacker?“
CSM 108-1 sah in dem Geschrei und Durcheinander, das nun entstand, dass die Bedienung telefonierte. Von ihren Lippen las er ab, dass sie eine Meldung an die Polizei machte. Ohne zu zögern stieß er den Kerl mit der Waffe so grob nach hinten, dass sein Hinterkopf gegen einen Stützbalken knallte und er benommen zu Boden sank. Dann ergriff er sein Glas, den einzigen Gegenstand außer dem Küchenmesser, auf dem seine Fingerabdrücke waren, nahm beides und rief Manni zu: „Komm, wir gehen, die Polizei ist gleich hier.“
„Oh je, und ich steh’ im Halteverbot und bin außerdem noch breit wie ’ne dreispurige Autobahn.“ Erschrocken ließ er den Messerstecher los, worauf CSM 108-1 diesen packte und ihn gleichermaßen wie den ersten Gegner außer Gefecht setzte. Dann tauchten sie in dem nach draußen gerichteten Gedränge unter. Manni schwang sich auf sein Motorrad und sagte: „Schnell, spring auf, ich bring uns ...“
Als er sich umdrehte, war sein neuer Freund verschwunden, untergetaucht in der Menge der Leute, die aus dem Pub hinausstrebten. „ ...weg von hier.“

Der Polizist verschränkte die Arme vor der Brust und musterte die orientalisch wirkende Bedienung ungnädig. „ ...und wie lange, sagten Sie, ist das jetzt her?“
„Keine Viertelstunde, das sagte ich doch schon. Nachdem er die beiden Typen gegen den Balken da und die Theke geschubst hat, ist er zusammen mit dem Rocker abgehauen. War auch kein Kunststück bei dem Tumult hier drin.“ Sie sah sich frustriert um; das Lokal war jetzt natürlich leer bis auf ein paar Personen, die als Zeugen fungierten und von drei weiteren Beamten getrennt befragt wurden.
„So, wie Sie das beschreiben, sind also die beiden hier die bösen Buben und die, die getürmt sind, waren die Opfer?“, hakte der Wachtmeister nach.
„Ja, sie sind friedlich nebeneinander gesessen und haben sich unterhalten. Ich könnte aber nicht beschwören, dass sie sich gut gekannt haben; es war ziemlich viel Betrieb, wissen Sie? Naja, dann sind die beiden Türken hier aufgetaucht und sind sofort auf den kleineren der beiden losgegangen. Ich bin darauf aufmerksam geworden, als er versucht hat, den Streit zu schlichten .... ja, er wollte ihnen sogar einen ausgeben, um die Sache zu bereinigen. Doch als sie das Angebot nicht angenommen haben, habe ich versucht, mich einzumischen. Geholfen hat das nichts.“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Und das war der Zeitpunkt, als der eine hier sein Messer gezogen hat?“
„Genau“, bestätigte sie eifrig. „Aus einem Impuls heraus habe ich dem Typen eine Ladung Eiswürfel an den Kopf geworfen. Der kleinere der beiden Gäste hat ihn dann am Arm gepackt und das Messer in die Theke gerammt.“
„Aha.“ Interessiert betrachtete der Polizist die Klinge des Butterfly, die fast bis zum Anschlag im massiven Holz des Tresens steckte. Er nahm ein Taschentuch hervor und versuchte, es herauszuziehen, jedoch rührte es sich keine Spur.
„Und dann hat der zweite Türke in seine Jacke gegriffen, aber der Kleinere hatte sich blitzschnell mein Messer vom Tresen geschnappt und hielt es ihm an die Kehle. Dann zwang er ihn, seine Pistole herauszugeben, während der große Rockertyp den anderen im Schwitzkasten hatte. Anschließend schlug er beide Türken k. o. und sie türmten im Durcheinander.“
„Moment, der Kleinere der beiden hat die Angreifer erledigt? Sind Sie da sicher?“
„Natürlich“, entgegnete die Bedienung entrüstet, „er hat praktisch alles allein gemacht.“
„Gut, ich denke, ich verstehe das Ganze allmählich. Eine Kneipenschlägerei, die fast zur Messerstecherei ausgeartet wäre, ganz zu schweigen von der Schusswaffe. Das hätte uns gerade noch gefehlt. Wir können diesem Kerlchen direkt dankbar sein. Kann ich jetzt bitte das Küchenmesser sehen?“
„Das ... das ist nicht mehr da. Er muss es wohl mitgenommen haben.“ Sie wirkte plötzlich verlegen.
„Soso. Wo ist er denn gesessen?“
„Genau hier. Er hat eine Cola gehabt und ... oh.“ Sie starrte auf den Tresen, wo zwischen dem großen Bierglas von Manni und dem nächsten Sitzplatz eine Lücke war. Alle anderen Gäste hatten ihre Bestellungen beim überstürzten Verlassen des Lokals artig in Reih und Glied stehen lassen, nur das Colaglas war nirgends zu finden.
„Jetzt wird die Sache langsam interessant. Sämtliche Gegenstände, die er angefasst hat, bis auf das Messer, das noch in der Theke steckt, sind verschwunden.“ Der Ordnungshüter kratzte sich grübelnd am Kopf.
„He, Bulle! Mein Messer hat er gar nicht berührt. Ich hatte es noch in der Hand, als er mich am Arm gepackt hat und mich gegen die Theke geschleudert hat. Der Drecksack hat genau gewusst, was er tut. Den kriegt ihr nie. Ihr seht den nicht mal von weitem, verstehste?“ Der Polizist sah hinter sich den einen der beiden Türken, die noch benommen, aber unverletzt in einer Ecke am Boden saßen, bewacht von einem Beamten. Der Kerl im Jogginganzug hielt sich sein Handgelenk, als hätte er große Schmerzen.
Freundlich lächelnd beugte sich der Polizist nun zu dem vorlauten Osmanen hinunter und sagte: „Weißt du was? Wir müssen ihn gar nicht kriegen, wir haben ja dich. So wie ich das sehe, hat er nichts getan, außer sich zu verteidigen. Naja, das hat er sehr vehement getan, wie ich zugeben muss, aber schließlich ist niemand ernsthaft verletzt worden. Ihr Früchtchen dagegen habt ganz schön was am Hals: unerlaubter Waffenbesitz, versuchte schwere Körperverletzung vor etlichen Zeugen und so weiter. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ihr keine unbeschriebenen Blätter seid, aber das finden wir dann auf dem Revier heraus. Das wird dem Richter sicher gefallen. Na?“
„Oh Mann, so ein Scheiß!“ Die beiden Kurden sahen sich bedrückt an, während der Polizist nochmals versuchte, das Messer aus dem Holz zu ziehen. Da er sicher sein konnte, dass keine Fingerabdrücke des Unbekannten darauf zu finden waren, nahm er beide Hände und zog mit aller Gewalt am Metallgriff, ohne das Mindeste zu erreichen.
Später würde sich herausstellen, dass die Waffe so fest in der Theke steckte, dass man sie nicht einmal mit Hilfe von Werkzeug entfernen konnte, ohne die Klinge abzubrechen. So ließ man das Messer stecken und hatte von nun an im Pub eine kleine Attraktion zu bieten, denn jedes Mal, wenn ein Gast nach der Bewandtnis des seltsamen Utensils fragte, hatte man eine spannende Geschichte zu erzählen.
So erlangte das englische Pub in der Nähe des Zülpicher Platzes in gewissen Kreisen eine Art Kultstatus, bis ein Brand am Ende der Achtziger Jahre eine Komplettrenovierung notwendig machte und dem Spuk ein Ende bereitete.
CSM 108-1 aber ging nie wieder in diese Kneipe und mied auch das Viertel hier für den Rest seines Aufenthaltes in der Domstadt.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 6. Dezember 2006
T1.1.15 - KAPITEL 4
[...Fortsetzung des Buches]
- 4 -

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 22. Oktober 2030

So schnell er konnte, kam der Fernmeldetechniker den Gang hinabgelaufen und rief schon von weitem: „General! General!“
Mahtobu drehte sich erstaunt um und musterte den atemlosen Mann, der ihm einen Block mit einer Meldung darauf überreichte. „Das ... ist gerade ... vom Haupt ... quartier angekommen!“
Mit einem fragenden Seitenblick auf den Boten nahm der Kommandeur der Mount-Mitchell-Basis, wie sie mittlerweile genannt wurde, die Nachricht entgegen und las den Wortlaut. „Weshalb diese Eile, Corporal? Ist diese Mitteilung ... oh.“
Beim Lesen vergaß Mahtobu, was er hatte sagen wollen. Die Bedeutung dessen, was er da gerade erfahren hatte, traf ihn völlig unvorbereitet. Der Kommunikationsoffizier grinste leicht dämlich.
„Das habe ich auch gesagt, als ich die Nachricht empfangen habe, Sir. Meinen Sie, das ist gut für uns? Ich meine, was für Konsequenzen wird das für unsere Arbeit hier haben?“
Nachdenklich kratzte sich der Afrikaner am Bart. Vor seinem inneren Auge erschien ein Bild aus seiner Vergangenheit: die flirrende Mittagshitze über der Miombo, dem karg bewachsenen Trockenwald am Rande der Massiasteppe von Tansania. Das ausgedörrte, über mannshohe Büffelgras wiegte sich in Wellen wie ein lebendiges Meer, nur ab und zu unterbrochen von einer Insel in Form eines Affenbrotbaumes. Am Horizont die schneebedeckten Gebirgsmassive von Meru und weiter hinten, kaum noch erkennbar von seinem Heimatdorf aus, der Kilimandscharo. In einem kleinen Augenblick zog diese Erinnerung an ihm vorbei, verbunden mit der Frage, wie sein Leben hätte verlaufen können, wäre da nicht dieser Krieg und die drohende Apokalypse der Menschheit gewesen. Dann rief er sich selbst wieder zur Ordnung.
„Eine gute Frage, Soldat. Genau das werde ich herauszufinden versuchen.“ Langsam machte er sich auf den Weg zum Klassenzimmer, welches jedoch zu seinem Erstaunen leer war. Beim Blick auf seine Uhr stellte er überrascht fest, dass gerade Mittagszeit war und alle verbliebenen sieben Schüler wahrscheinlich verstreut in irgendwelchen Aufenthaltsräumen oder Quartieren waren, Essensrationen verzehrten, sich kurz ausruhten oder ihre Nase noch in ihr Lernmaterial für das eine oder andere Nachmittagsfach steckten.
In diesem Bergwerk ohne jegliches Tageslicht konnte man wirklich jedes Zeitgefühl verlieren, dachte er verdrossen beim Weg zur Messe, wo er die meisten Lehrkräfte vermutete. Nicht, dass sie in den Ruinen und unterirdischen Unterschlüpfen viel mehr Licht gehabt hatten ... aber irgendwo war doch immer wieder eine kleine Ritze oder ein Loch in der Decke, durch das tagsüber ein wenig Licht eingefallen war und einem zumindest das Gefühl für Tag und Nacht und somit einen gesunden Tagesrhythmus erhalten hatte.
Tatsächlich traf er in der kleinen, fast leeren Messe, welche wie auch das Klassenzimmer in einer demontierten und umgerüsteten Montagehalle für Terminatortechnologie eingerichtet worden war, auf vier der Lehrkräfte. Den Jenssens, zurückgezogen in einer Ecke des Raumes an einem der kleineren selbstgeschweißten Tische und Bankgruppen sitzend, gönnte er ein wenig Privatsphäre in ihrer kurzen Pause, weshalb er sich an den Tisch neben Karin Bochner und gegenüber des jungen, hünenhaften und muskelbepackten Sport- und Kampfsportlehrers Jesse Foreman aus Neuseeland setzte. Foreman war ein hochdekorierter und erfahrener Frontsoldat im Rang eines Majors, der es als eine außerordentliche Ehre ansah, bei diesem Projekt als Ausbilder für die körperliche Ertüchtigung seiner Schützlinge sorgen zu können.
Beim Anblick des Generals unterbrach Foreman sofort seinen eher belanglosen small-talk, wollte aufspringen und wie stets salutieren, doch Mahtobu winkte ab und bedeutete ihm, den Gruß zu unterlassen. „Bleiben Sie sitzen, Jesse, wir wollen die militärische Natur unserer Mission nicht übermäßig betonen, nicht wahr? ... Miss Bochner.“
Als sie sein grüßendes Zunicken erwiderte, regte sich kein Muskel in Karins Gesicht. Na, wenigstens war ihre anfängliche offene Abneigung im Lauf der Monate zuerst einer Art duldsamer Gleichgültigkeit und nun einer professionellen, beruflichen Höflichkeit gewichen. Manchmal schien es ihm, dass da noch mehr sein könnte, doch wenn das der Fall war, dann gab sie sich erfolgreich alle Mühe, es zu verbergen. So wollte sie nur wissen: „Was verschafft uns die Ehre, Sir?“
„Diese Nachricht. Sie hat mich gerade eben erreicht. Ich wollte, dass Sie als Ausbilder die Ersten sind, die es erfahren.“ Er reichte sie zunächst an Foreman weiter, der sie las, dann mit versteinerter Miene nochmals und dann noch ein drittes Mal. Karin sah ihn gespannt an und bemerkte erstaunt, wie eine einzelne Träne über das Gesicht des so knallharten und kompromisslosen Kämpfers hinabrollte.
„Dass ich das noch erleben darf ... es ist so unfassbar ...“
Sie hielt die Spannung nun nicht mehr aus und zupfte ihrem sichtlich bewegten Gegenüber das Blatt mit einer nicht heftigen, aber doch bestimmten Bewegung aus der Hand. Mahtobu konnte genau sehen, wie ihre Augen von links nach rechts wanderten und wieder zurück zur jeweils nächsten Zeile, indem sie leise murmelnd las.


„Letzte autonom gesteuerte Festungsanlage unter Kontrolle gebracht. Weltweit keine Hinweise auf weitere größere Skynet-Stützpunkte gefunden. Der Krieg ist endgültig vorbei.
Zwei weitere ZVAs im Bau gefunden, keine betriebsbereit. Keine weiteren unbekannten Eingriffe von Skynet in die Zeitlinie zu erwarten. Übertrage Ihnen absolute Handlungs-vollmacht über die personellen und zeitlichen Aspekte für den Einsatz der Zeitsprungeinheit.
John Connor, General a. D.“


Sie sah auf und versuchte noch zu begreifen, was das bedeuten könnte, während Foreman bereits die Hand von Mahtobu schüttelte und ihn offen anlächelte. „Ich gratuliere Ihnen, General. Sie wissen, dass Sie mein Okay für den Einsatz haben, ganz gleich, wie viele und wen Sie auswählen. Alle sieben sind seit mindestens einem Monat absolut topfit und körperlich in der Lage, so ziemlich alles durchzustehen und es mit jedem menschlichen Gegner aufzunehmen.“
„Ich bete zu Gott, dass sie es nur mit menschlichen Gegnern zu tun haben werden. Mit den Gefahren des normalen Lebens in der Vergangenheit werden sie jedenfalls spielend fertig werden.“ Mahtobus Miene schien sich zu verfinstern. „Aber ich denke, Sie wissen, was ich Sie jetzt fragen werde, Jesse?“
„Wir haben oft genug darüber gesprochen, General. Sie wissen, dass in der Zeit, die wir hinter uns haben, ein menschliches Leben zum Wertvollsten geworden ist, das wir kennen. Das Schwierigste für unsere Schüler wird sein, den Entdecker des ZVA-Effektes nach dessen Identifizierung zu terminieren. Aber ich habe lange und intensiv mit ihnen geredet und ihnen die Notwendigkeit vor Augen geführt. Sie wissen jetzt, dass es sein muss und dass sie es tun müssen, um die gesamte Menschheit vor unendlichem Leid zu bewahren. Jeder Einzelne von ihnen wird es tun, ohne zu zögern und ohne eine Waffe dafür zu benötigen. Sie können es. Ich weiß, dass sie es können werden.“ Sowohl die feste Stimme als auch das zuversichtliche Gesicht des Majors zeigten, wie überzeugt er von den Fähigkeiten seiner Schützlinge war.
Karins Miene hatte sich bei der Rede ihres Kollegen zusehends verfinstert. Sie sah auf ihren Chronographen und machte Anstalten, aufzustehen. Dann, als fiele es ihr gerade ein, fragte sie Foreman: „Sagen Sie Jesse, Sie glauben wirklich, dass die Schüler jetzt fähig sind, zu morden?“
„Was heißt ‚morden’? Sie wissen, dass wir diesen Terminus für das Missionsziel nicht verwenden.“ Entrüstet starrte der Neuseeländer seine Kollegin an.
„Genau das ist es aber in meinen Augen. Nun, dann sagen Sie mir wenigstens, können die Schüler auch schnell töten, oder quälen sie ihr Opfer noch, bevor sie ihm den Gnadenstoss geben?“ Mahtobu sah ihre undurchdringliche Miene und fragte sich schweigend, worauf zum Teufel sie jetzt wieder hinauswollte.
„Haben Sie mir denn nicht zugehört? Nichts wird für sie schwerer sein, als einen Menschen zu töten, sogar wenn es der ungewollte Engel des Verderbens für die gesamte Menschheit sein wird. Ich habe allen von ihnen immer wieder eingeschärft, dass derjenige es nicht in bösen Absichten getan hat, dass er keine Ahnung davon haben konnte, was seine Entdeckung anrichten würde. Und selbstverständlich werden sie die Zielperson nicht unnötig leiden lassen. Sie sehen es als Erlösungsakt für einen Märtyrer an, der der gesamten Welt durch seinen unfreiwilligen Tod großes Leiden erspart.“
„Das klingt ja beinahe schon pseudoreligiös! Ich bin jedenfalls erleichtert. So, ich gehe jetzt zurück in die Klasse. Sicher hat niemand von Ihnen etwas dagegen, dass ich die Kinder bitte, mich schnell und möglichst schmerzlos zu töten, falls sie entdecken sollten, dass ich selbst die Entdeckerin bin.“ Sie machte einen Schritt in Richtung Tür.
„Was soll das bedeuten?“, verlangte Mahtobu von ihr zu wissen.
Sie blieb stehen. „Ist das nicht offensichtlich? Ich habe zu dieser Zeit Biochemie, Geochemie und Mineralogie an der betreffenden Fakultät studiert. Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, jemals eine derartige Entdeckung gemacht zu haben ... na ja, ich hatte damals andere Sorgen, könnte man sagen, also möchte ich es nicht ausschließen. Und daher halte ich es nur für fair, dass ich den Kindern gegenüber diese persönliche Bitte äußere.“
Mahtobu stand auf. „Major Foreman, nehmen Sie diese Person in Gewahrsam und führen Sie sie auf die unterste Ebene ab, wo sie bis auf Weiteres in eine Lagereinrichtung gesperrt wird. Jeglicher Kontakt von ihr zu den Freiwilligen der Mission muss ab sofort strikt unterbleiben, bis das Projekt abgeschlossen ist.“
„WAAAS?!! Sind Sie irre?“ Ihre Stimme überschlug sich, als ihre Gesichtszüge völlig entgleisten und ihr die Bücher aus der Hand fielen, die sie mit sich getragen hatte.
Foreman war bereits bei ihr, während Mahtobu mit unbewegter Miene auf zwei gerade eingetroffene Soldaten deutete. „Privates, Sie eskortieren den Major und die Zivilistin und sorgen dafür, dass sie nicht flüchten kann, bis sie in sicherem Gewahrsam ist.“
Foreman hatte sich nun neben Karin gestellt, die beiden Soldaten hinter ihr versperrten ihr mit grimmigen Gesichtern die Tür, während alle anderen im Raum perplex auf die Szenerie starrten und versuchten zu begreifen, was hier vor sich ging.
Sie hatte sich nun einigermaßen gefangen und brachte mühsam hervor: „Das ist ein schlechter Witz, Mahtobu, ein ganz schlechter sogar. Was soll das, bitte sehr?“
Der schwarze General sah ihr in die Augen, dann senkte er den Blick und schüttelte bekümmert den Kopf. Seine Tonart war leise und zaghaft. „Ich bin sehr, sehr traurig, dass ich das noch erleben muss ... einen Menschen einzusperren ist eine schlimme Sache.
Sie wissen, dass mein Befehl lautet, eine von mir festgelegte Anzahl an trainierten Freiwilligen durch die Zeit zurückzuschicken, um ihren Auftrag auszuführen und den Atomkrieg zu verhindern. Ohne Sie wäre die Ausbildung sehr viel langsamer und schwieriger vonstatten gegangen, dessen bin ich mir bewusst und dafür bin ich Ihnen auch sehr dankbar.“
„Eine seltsame Art, mir das zu zeigen“, gab sie schnippisch zurück.
„Ich versuche, vier Milliarden Menschenleben zu retten, Sie verdammte Egoistin!!“, schrie er sie plötzlich an, sodass sie überrascht zusammenzuckte. Er wurde nun immer lauter, während die Worte aus ihm heraussprudelten: „Ich habe keine Ahnung, wie ein solches Individuum mit einer solchen Einstellung so lange überleben konnte!! Wohl sicher nicht aus eigener Kraft, oder sehe ich das falsch???! Die ‚Kinder’, wie Sie sie noch immer sehen, lieben Sie, verdammt noch mal!!! Ich habe momentan sieben Freiwillige, die wir über ein halbes Jahr lang mühsam vorbereitet haben. Wenn Sie jetzt zu ihnen gehen und ihnen diesen Bullshit von eben erzählen, habe ich null Freiwillige!!! KAPIEREN SIE DAS???!! Durch Ihren beschissenen, unangebrachten pazifistischen Ego-Trip gefährden Sie die Mission und das werde ich nicht zulassen!! FÜR SIE IST DAS HIER ZU ENDE, MISSY, WENN SIE NICHT AUGENBLICKLICH AUF DEN BODEN ZURÜCKKOMMEN!!!!“
Totenstille im Raum. Karin war immer kleiner geworden und in sich zusammengesunken, als er endlich die gesamte angestaute Wut über sie hinausgebrüllt hatte. Jetzt ging er auf sie zu und sagte gefährlich leise, indem er ihr eindringlich in die hellbraunen Augen starrte: „Wollen Sie, dass ich John Connor berichte, dass ich die erste Kriegsgefangene seit dem Tag des Jüngsten Gerichtes nehmen musste, weil sie im Begriff war, durch Untergrabung der Kampfmoral die Rettung von vier Milliarden Menschen zu verhindern? Können Sie sich überhaupt vorstellen, was das bedeutet? Vier Milliarden, Karin! Männer, Frauen, Kinder! Das können Sie nicht wirklich wollen ...“
Sie rutschte langsam an der Wand entlang nach unten und blieb wie betäubt auf dem Boden hocken, während sie vor sich her ins Leere starrte. Unablässig liefen ihr die Tränen die Wangen hinab, während sie mit erstickter Stimme hervorwürgte: „Es tut mir leid ... es tut mir ja so leid ... Sie haben ja so recht ... wie konnte ich nur so dumm sein ... Sie hatten mit allem recht ... es tut mir leid ... wie kann ich das nur gutmachen?“
Er reichte ihr die Hand hin und zog sie wieder auf die Füße, jetzt wieder in ganz gefasstem Tonfall. „Gar nicht. Das ist auch nicht nötig. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich werde noch heute die Auswahl treffen. Der weitere Unterricht fällt aus und der Sprung wird morgen früh erfolgen.“
Karin sah aus, als hätte man sie mitten ins Gesicht geschlagen. „Aber, aber ... nein, das können Sie nicht tun. Sie sind noch nicht ...“
„Doch, das sind sie. Und Sie wissen das auch, Karin. Sie sind diejenige, die mir dauernd erzählt und auch den anderen Ausbildern bei jeder Gelegenheit weismacht, die Freiwilligen bräuchten eine noch längere Vorbereitung. Wir haben alle möglichen Stützpunkte von Skynet eliminiert und diese Anlage hier schon vor einiger Zeit betriebsbereit für einen Zeitsprung gemacht. Die Technik des raumversetzten Zeitsprunges ist von uns mit Hilfe der Daten des Hauptrechners der Anlage hier so weit erforscht worden, dass wir Personen bei einem Zeitsprung an jeden beliebigen Punkt der Erdoberfläche materialisieren können, im zeitlichen Rahmen eines Tages. Wir haben die Vollmacht und auch die Verpflichtung, unsere Arbeit zu vollenden.
Ich werde mir jetzt die unabhängige Meinung aller Lehrer einholen und dann definitiv festlegen, wie viele und wer von den Kandidaten springen wird. Minimal zwei, maximal sechs. Sie werden von der Entscheidung der Nominierung ausgeschlossen. Tut mir leid, aber das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Und jetzt will ich kein weiteres Wort von Ihnen hören. Sie können froh sein, wenn ich es überhaupt zulasse, dass Sie sie noch einmal zu Gesicht bekommen.“
„Bitte, nein, Sie können doch nicht so herzlos sein. Ich bitte Sie, ich flehe Sie an ...“
„Hören Sie gut zu, Miss Bochner. Ihnen mag das vielleicht irgendwie entgangen sein, doch dies hier ist eine militärische Operation. Weiß Gott, vielleicht die wichtigste in der gesamten Menschheitsgeschichte. Ich weiß momentan wirklich nicht, ob ich Ihnen noch vertrauen kann, ob Sie wirklich begreifen, wie viel vom Gelingen dieses Auftrages abhängt. Das Beste für die Moral der ausgesuchten Freiwilligen wird es wohl sein, wenn sie sich von Ihnen verabschieden können. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde mit gezogener Waffe hinter Ihnen stehen und wenn Sie auch nur eine falsche Andeutung erkennen lassen, dann werde ich, so wahr Skynet ein metallener Bastard ist, tun, was getan werden muss. Wie Sie wissen, bin auch ich ein Soldat. Verstehen Sie, Soldat? Soll Ohne Langes Denken Alles Tun. Ich habe nicht dreißig Jahre überlebt, indem ich in Bunkern Kinder gehütet habe und mir dadurch ein verdrehtes Bild von der Realität zugelegt habe. Ich werde es tun, wenn Sie das hier versauen, verstanden? Das Letzte, was wir brauchen, ist ein von Ihren Ansichten verwirrter Zeitspringer, der in der Vergangenheit in einem unachtsamen Moment von dem Terminator umgelegt wird, der zum Schutz des ZVA-Effekt-Entdeckers zurückgereist ist.“
Sie sah zu Boden und sagte kleinlaut: „Ich denke, das habe ich mehr als verdient. Sie haben mir die Augen geöffnet, General, dafür muss ich mich wohl bei Ihnen bedanken. Und natürlich haben Sie recht: Alle sieben sind bereit, wenn Sie sie auswählen sollten. Sie werden ihr Bestes geben und ihre Sache glänzend machen.“
„Dann verstehen wir uns?“ Fragend sah er in ihr Gesicht. Sie blickte langsam auf, bis sie sich direkt in die Augen sahen. Zweifellos war etwas in ihr vorgegangen, während er ihr den Kopf gewaschen hatte. Da war eine Veränderung in ihren Augen, er konnte nicht sagen, was es war ...
Sie lächelte wehmütig und bekräftigte noch mal: „Die ‚Freiwilligen’ werden ihre Sache gut machen.“
Mahtobu erwiderte ihr Lächeln und sah dann über die Schulter: „Jesse?“
„Sie haben meine Meinung doch schon gehört, General. Siebenmal ‚Go’ für die Schüler.“
Der Afrikaner nickte dankend und wandte sich dem Lehrerehepaar aus Hannover zu. Sie bestätigten die Bereitschaft und erbaten sich kurze Bedenkzeit darüber, wen sie vom sprachlichen Aspekt aus am ehesten entsenden würden.
„Ich gehe jetzt noch zu den restlichen Lehrern und befrage sie, dann werde ich meine Entscheidung bekannt geben. Jesse, Sie sind so nett und weichen Miss Bochner nicht von der Seite, bis ich Sie alle informiere, wer springen wird.“
„Sir?“ Fragend musterte der Major seinen Kommandeur.
Mahtobu wandte sich an Karin und zwinkerte ihr zu. „Sie ... nun, leisten ihr Gesellschaft, wenn man so will. Man kann nie wissen.“
Mit sich und der Welt zufrieden über die Wendung der Ereignisse, spazierte er zur Messe hinaus. Er hatte auch schon eine Idee, wen und wie viele er entsenden würde, jetzt wollte er nur noch die Bestätigung der Ausbilder.
Dann konnte es ja losgehen.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 5. Dezember 2006
T1.1.14
[...Fortsetzung des Buches]

Flughafen Frankfurt/Main, Kelsterbach, Bundesrepublik Deutschland 12. August 1985

„Grund des Aufenthaltes?“
„Holiday... Urlaub. Germany ansehen.“ Der Bundesgrenzschutzbeamte am Einreiseschalter blätterte nochmals flüchtig den gefälschten Reisepass von CSM 108-1 durch, während dieser seine Erklärungen in gebrochenem Deutsch abgab.
„Sie sind nicht direkt von London nach Frankfurt mit Ihrem Flug von Amerika gekommen?“
„Nein, first haben ansehen London fur eine Tag.“ Nun endlich händigte der Zöllner, offenbar überzeugt von der Richtigkeit seiner Angaben, ihm das Dokument aus. Zum einen war es allgemein bekannt, dass US-Amerikaner in ihren knappen Ferien ganz Europa bereisten, am besten jeden Tag ein anderes Land, und wenn man sie konkret fragte, was sie sich angesehen hatten, kam meist nur ein leicht verlegenes: „Oh, whole Europe!“
Und zum anderen war Westdeutschland kein souveräner Staat, sondern vom Status her noch immer unter westlicher Obhut. Amerikaner hatten einen gewissen Status und, eng damit verbunden, gewisse unausgesprochene Privilegien wie etwa beinahe grenzenlose Reisefreiheit in der sogenannten freien westlichen Welt.
„Schönen Urlaub und willkommen in der Bundesrepublik Deutschland, Mister.“ Zum Gruß tippte der kleine korpulente Mann mit dem braunen, struppigen Schnauzbart mit dem Zeigefinger an den Schirm seiner Dienstkappe.
Zufrieden suchte CSM 108-1 das Laufband für das Gepäck auf und wartete geduldig, bis seine Tasche an ihm vorbeirollte. Er hatte vor, erst einmal eine ganze Weile zur Eingewöhnung an die europäische und natürlich deutsche Kultur und Sprache in einer deutschen Großstadt weit weg vom eigentlichen Zielgebiet zuzubringen. Dabei ging es vor allem darum, sich intensiv unter vielen jungen Menschen aufzuhalten, ihre Sitten und Gebräuche, ihren Lebensstil zu erforschen und dann anzunehmen. Im Vorfeld hatte er sich so gut es ging über die zur Wahl stehenden Städte informiert.
Zunächst war sein Augenmerk auf Westberlin gefallen, dann jedoch hatte er aus mehreren Gründen schnell wieder von dieser Möglichkeit abgesehen. Die Stadt war zwar nahezu überfüllt mit jungen Menschen, aber allein aus dem Grund, weil in den Achtziger Jahren nahezu zehntausend junge Männer jährlich in die Stadt zogen, damit sie keinen Wehrdienst bei der deutschen Bundeswehr ableisten mussten. Dieser war es nämlich verboten, hier Truppen zu stationieren, weil Westberlin allein von amerikanischen, britischen und französischen Truppen geschützt wurde, was noch auf den Vier-Mächte-Vertrag, welcher nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges mit der Sowjetunion abgeschlossen worden war, zurückging.
Demnach war für Männer im wehrpflichtigen Alter die einfachste Möglichkeit, um nicht zur Bundeswehr gehen zu müssen, in die ehemalige deutsche Hauptstadt zu ziehen, um sich so dem Zugriff der Streitkräfte zu entziehen. Daraus ergab sich allerdings eine kritische Wohnungsnot in der Stadt, die es erschweren würde, ein geeignetes Wohnobjekt als Ausgangsbasis zu finden.
Auch war es seine Aufgabe, Zugang zu einer gewissen Bevölkerungsschicht zu finden, nämlich jungen Menschen im Studium. Nach Berlin gingen aber vor allem diejenigen, die aus vorgenannten Gründen dem Militärdienst entgehen wollten. Das waren meist die schlichteren Gemüter, denn die intellektuellen Individuen nahmen für gewöhnlich ihr Recht auf Verweigerung des Kriegsdienstes wahr und leisteten dafür Zivildienst in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Altersheimen, womit für sie die Notwendigkeit eines Umzugs nach Berlin entfiel. Selbstverständlich gab es auch genügend Bildungseinrichtungen wie Universitäten und Fachhochschulen, doch an der Zahl der Einwohner gemessen ...
Zudem lag die Stadt natürlich inmitten der Deutschen Demokratischen Republik, einem sozialistischen Arbeiterstaat, dem demokratischen Westen potenziell feindlich gesonnen, mit drakonischen Sicherheitskontrollen auf allen Einreisewegen, ausgenommen den dem Westen vertraglich zugesicherten Flugkorridoren durch den Luftraum der DDR. Wenn er als Amerikaner dort einreiste, genoss er automatisch eine gewisse Aufmerksamkeit der Behörden und würde keinesfalls die Identität wechseln können, ohne dass sein Verschwinden nicht auffallen würde. Und selbst falls ihm das gelänge und er sich in der Stadt gefälschte westdeutsche Ausweispapiere würde besorgen können, wäre er doch auf das Stadtgebiet von Westberlin beschränkt. Sowohl die sogenannte Sektorengrenze in den sowjetisch verwalteten Ostteil der Stadt als auch die Grenzen zur DDR ringsum waren mit für normale Menschen unüberwindlichen Blockaden in Form von Mauern, Zäunen, Stacheldraht und Minenfeldern abgeriegelt.
Alles viel zu heikel für seinen Geschmack. Naja, in gut vier Jahren würde das Einparteien-Regime kollabieren und den Weg für eine Wiedervereinigung zu einem gesamtdeutschen demokratischen Staat freimachen müssen. Er war zwar wahrscheinlich der einzige, der das zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit wusste, hatte jedoch noch keinerlei Bezug zu dieser Problematik. Ihn direkt ging das nichts an, wie er befand.
Menschen.
Einen Moment lang hatte er gedanklich mit Hannover als Option gespielt, ganz einfach weil dort das reinste Hochdeutsch ohne nennenswerten Akzent gesprochen wird, doch schließlich hatte er sich auf Köln festgelegt. Die Stadt am Rhein war vom Verhältnis ihrer Einwohnerzahl und ihrer Anzahl Studenten her eine der größten Studentenstädte Westdeutschlands. Zwar gab es in und um die Stadt herum einen sehr ausgeprägten, schwer verständlichen Dialekt, doch es zogen so viele junge Menschen aus dem ganzen Land hierher, um die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen, dass mittlerweile ein bunter nationaler und internationaler Kulturenmix entstanden war und sich die verschiedenen Leute auf Hochdeutsch unterhielten, um sich richtig verstehen zu können. Das eigentliche Kölsch hörte man nur noch von alteingesessenen und gebürtigen Kölnern. Somit sollte es ihm ein leichtes sein, sich hier einzugliedern.
Den Rheinländern wurde des weiteren ein freundliches und weltoffenes Wesen nachgesagt, was ihm die Kontaktaufnahme und Interaktion mit vielen Individuen seiner Zielgruppe ebenfalls erleichtern würde. Wenn er noch weiter nachdenken würde, kämen ihm sicher noch weitere Gründe in den Sinn, doch er hatte seine Entscheidung ohnehin schon gefällt.
Er nahm die S-Bahnlinie 9 zum Frankfurter Hauptbahnhof. Als erstes würde er im Bahnhofsviertel in einer Seitenstraße eines der billigeren Hotels aufsuchen, wo man nicht nach Ausweispapieren fragte. Zunächst hatte er gedacht, er bräuchte kein Zimmer, da er nur hier war, weil man in Frankfurt am schnellsten gefälschte Ausweispapiere bekommen konnte, doch dann war ihm aufgegangen, dass er eventuell mehrere Tage würde warten müssen, bis der Lieferant den gewünschten Pass mit Bild und passenden Daten im Ausweis fertigstellen konnte. Deshalb würde er eine unauffällige Basis in Form eines schmuddeligen, billigen Hotelzimmers beziehen. Im Bahnhofsviertel von Frankfurt würde sich die Spur von David S. Compton, wie sein derzeitiger Name als US-Bürger lautete, für die Behörden verlieren. CSM 108-1 hatte sich vergewissert, dass weder in New York, noch in London oder Frankfurt sein Name oder seine Ausweisnummer bei den Zollkontrollen mittels EDV erfasst worden war. Glücklicherweise war dieses System der Reiseverkehrsüberwachung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht so selbstverständlich wie zum Datum seiner voraussichtlichen Rückreise in die USA im Jahre 1997.
Falls er einmal aus purem Zufall von irgendwelchen behördlichen Organen wie Polizei oder Bundesgrenzschutz beispielsweise auf der Straße, im Auto oder im Zug kontrolliert würde, würde er ein deutsches Ausweispapier, nämlich eben jenes, das er nun anfertigen zu lassen gedachte, vorweisen, um keinen Argwohn zu erregen. Und er selbst würde geflissentlich vermeiden, in jede Art von Kontrolle zu geraten.
Für weitergehendere Zwecke wie das Anmieten einer festen Wohnung oder die spätere Einschreibung an der Universität in Freiburg hingegen würde er als Gaststudent aus den Vereinigten Staaten von Amerika auftreten, womit er einen gewissen Bonus hatte, falls jemandem ungewöhnliches Verhalten an ihm auffallen würde.
In wenigen Tagen dann würde er einen EuroCity-Zug nach Köln nehmen und sich dort erst einmal in Deutschland einleben. Er stieg am Hauptbahnhof aus dem S-Bahnwaggon aus und sah sich in der hohen, trotz vieler Lampen düster wirkenden Halle des Hauptbahnhofes um. Durch den Kopfbahnhof hallten unablässig Durchsagen über Ankünfte, Abfahrten und Verspätungen sowie Suchmeldungen. Hunderte von Menschen gingen über die Bahnsteige und durch die Halle, manche rannten in höchster Eile, um noch einen Zug zu erwischen, andere schlenderten über das Gelände und sahen sich gemütlich die Kioske und Geschäfte an, um die Wartezeit bis zu ihrem Anschluss zu überbrücken. Er sah Familien mit großem Urlaubsgepäck, Paare beim emotionell anrührenden Abschied voneinander und Einzelpersonen ohne irgendwelche Taschen. Obdachlose, die ihre ganze Habe in einer buntbedruckten Einkaufstüte mit sich herumtrugen, und wohlhabende sowie gutgekleidete Geschäftsleute, die mit ihren Aktenkoffern in Händen an ersteren vorbei hasteten, während sie ihre weniger betuchten Mitbürger in der zerschlissenen Kleidung mit der ausgestreckten Hand geflissentlich ignorierten. Gar nicht so verschieden von manchen New Yorker Bus- oder Bahnstationen.
Als er sich dem Eingang näherte, fiel ihm auf, wie tief die Sonne hier stand; sie schien bereits in einem ziemlich flachen Winkel weit in die Bahnhofshalle hinein. Und ihm wurde wieder bewusst, dass man hier in Deutschland nicht ständig mit der typisch amerikanischen, tiefdunklen Sonnenbrille herumlaufen konnte, ohne zwangsläufig aufzufallen. Aber da er sich bereits damit beschäftigt hatte, war ihm schon vor einer Weile eine adäquate Lösung seines Problems eingefallen. Und skurrilerweise war ihm der ‚Einfall’ ausgerechnet bei der Lektüre eines Comicheftes gekommen. Als er dann später einmal in einer renommierten Wochenillustrierten über den nachgewiesenen Effekt gelesen hatte, den dieses Accessoire hatte, war seine Entscheidung gefallen.
CSM 108-1 ging zurück in die Bahnhofshalle und zu der Ladenzeile, wo er das Fachgeschäft vorfand, das er suchte. Er musste nur kurz suchen, bis er ein seiner Meinung nach für diesen zeitlichen Modegeschmack angemessenes Modell im hintersten Warenständer gefunden hatte und es anprobierte. Es passte perfekt.
Gleich darauf kam eine nette junge Verkäuferin mit hellbraunen, hochgesteckten Haaren und himmelblauen Augen, die ihn nachsichtig anlächelte. Bevor sie etwas sagen konnte, merkte er an: „Dieses hier ist wunderbar. Ich möchte es haben, aber ich habe noch einen besonderen Wunsch.“
„Ich fürchte, Sie haben sich da vergriffen, mein Herr. Die Modelle aus dem Ständer da sind eigentlich nur für Bundeswehrangehörige. Mit dieser Ausfertigung hier könnten Sie einen Purzelbaum machen, ohne dass etwas verrutscht.“
Er erlaubte sich, ein wenig Verblüffung zu zeigen, die dann in Begeisterung überging. „Das ist ja wunderbar. Genau so etwas habe ich gesucht. Sagen Sie, könnte ich es trotzdem haben? Ich bezahle natürlich den vollen Preis. Und außerdem ...“
Als er sein Anliegen geschildert hatte, nickte sie verstehend. „Das ist überhaupt kein Problem, mein Herr. Ich denke, wenn diese Empfindlichkeit bei Ihnen wirklich so groß ist, würde ich das Maximum empfehlen; es liegt bei etwa fünfundachtzig Prozent und wird normalerweise nur für den Wintersport in Schnee- und Gletschergebirgen benutzt. Das wird Sie zwar ein hübsches Sümmchen kosten, aber ich denke, eine solch langfristige Investition sollte Ihnen das wert sein.“
„Geld spielt dabei keine Rolle“, bemerkte er und zog seine Diners Club-Kreditkarte heraus. Im selben Moment verzog die Verkäuferin beinahe schmerzhaft das Gesicht.
„Es tut mir furchtbar leid, mein Herr, aber wir akzeptieren nur American Express, Visa und ...“
„Dann ist alles in Ordnung. Einen Moment bitte.“ Rasch steckte CSM 108-1 seine Karte in die Jackentasche. Gleichzeitig sendete er ein bestimmtes Signal an die Karte, worauf sich unvermittelt die Farbe und Musterung der Kreditkarte änderte, gemeinsam mit der Magnetcodierung. Dies war eines der letzten Exemplare an polymimetischer Metalllegierung, die bei der Schaffung des T-1000-Prototypen übriggeblieben war. Die Aufgabe, mit der es programmiert worden war, bewältigte es vergleichsweise mühelos: Nach jeder Inanspruchnahme des bargeldlosen Zahlungsmittels nahm es eine neue Markenidentität, Seriennummer und Magnetcodierung an. Es war mit nahezu 200000 verschiedenen Varianten versehen und behielt lediglich seinen von CSM 108-1 vorgegebenen Namen bei. Die primitiven Sicherheitsmaßnahmen dieser Ära stellten dabei kein Hindernis dar.
„Sehen Sie?“ Zufrieden hielt er nun seine American Express-Karte hoch, worauf sich die Miene der Verkäuferin wieder aufhellte.



Er verließ das Fachgeschäft und wandte sich wieder dem Ausgang zu. Es hatte eine Weile gedauert, aber mit dem Ergebnis war er vollauf zufrieden. Kurz vor der Türschwelle griff er in seine Jacke und zog seine neueste Erwerbung hinaus: eine Brille mit dünnem Metallgestell. Die Gläser waren in der Grundform rechteckig, oben gerade und nach unten hin in mehreren Ecken abgestuft. Sobald er ins Freie trat, fiel Sonnenlicht auf die photosensitiven Gläser, die sich daraufhin dunkel einfärbten. Ja, so konnte er es hier aushalten und auch wenn die Sonne einmal nicht schien und die Gläser transparent wurden, machte ihn die sehr seriös wirkende Brille unauffälliger. Eine praktische Sache, der sogenannte Clark-Kent-Effekt.
Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz sah er sich um. Das war also das angeblich gefährlichste Stadtviertel von Westdeutschland. Nun, jetzt, da er hier stand, war es das definitiv, dachte er und lächelte grimmig vor sich hin. Dann machte er sich auf, um die nächsten Punkte auf seiner Prioritätenliste abzuhaken, unermüdlich und zielstrebig. Jetzt war es später Nachmittag. Hier in der Großstadt im zwielichtigen Milieu konnte er sich vierundzwanzig Stunden am Tag bewegen und auch in den niederen Regionen der Gesellschaft mit den unterschiedlichsten Individuen agieren. So würde er den Großteil der Wartezeit auf seine Papiere verbringen, sobald er seine Operationsbasis in besagtem schmuddeligen Hotelzimmer errichtet hatte, von dem er noch nicht wusste, wo es war, nur dass er sicher eines finden würde.
Bereits in seiner Zeit in Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika, als er noch kaum richtigen Kontakt mit echten Menschen gehabt hatte und seine primäre Informationsquelle das Fernsehen war, hatte er seinen mächtigsten Verbündeten bei der Kontaktaufnahme mit Menschen gefunden. Es handelte sich um die simpel aufgebaute, aber auf den menschlichen Organismus im Allgemeinen und dessen vegetatives Nervensystem im Besonderen höchst erstaunlich wirkende chemische Verbindung Ethanol. Sie wurde in Konzentrationen von bis zu vierzig Volumenprozent und mehr in Form von allen erdenklichen Flüssigkeitsmischungen aufgenommen, bevorzugt in Gesellschaft von anderen Menschen, und war als Genussmittel gedacht.
Für ihn war dabei von höchster Relevanz, dass er zu weit vorgerückter Stunde an Plätzen wie Kneipen oder Bars mit hoher Zuverlässigkeit Individuen antraf, die eine für ihre Verhältnisse hohe oder zu hohe Menge an Alkohol zu sich genommen hatten. Neben den körperlichen Beeinträchtigungen dieser bewusst in Kauf genommenen Überdosierung wurden die Menschen auch sehr arglos und zutraulich, was er bewusst für die Informationssammlung ausgenutzt hatte. So war er des öfteren in meist sehr oberflächlichen oder gar niveaulosen Diskussionen verstrickt gewesen, was ihm zwar viel über die Psyche und das allgemeine Benehmen der Menschen verraten hatte, doch die Ausbeute bei solchen für normale Menschen sicher abenteuerlichen Streifzügen war nicht immer zufriedenstellend. Manches Mal hatte er energisch die Beendigung eines Dialoges mit allzu anhänglichen Personen fordern müssen, welche ihn mit ihren persönlichen, für ihn irrelevanten Problemen belämmert hatten.
Erst später hatte er den Zusammenhang herstellen können, dass auch das zur Bildung einer guten Imitation einer menschlichen Persönlichkeit gehörte, und er hatte einen entsprechenden Subfolder für solche Belange kreiert. Sein Bestreben, sich weiterzuentwickeln, wuchs proportional mit der Erkenntnis, wie komplex der Vorgang der Erlangung eines richtigen ‚Bewusstseins’ war und wie viel er darüber noch zu lernen hatte. Unter anderem wurde ihm auch nach einiger Zeit klar, dass er so etwas wie eine ethische Grundeinstellung für sich würde schaffen müssen, um als echter Mensch durchzugehen. Seine von Skynet eingegebene Grundprogrammierung langte bei weitem nicht aus, um solch verwirrende Begriffe wie ‚Gut’ und ‚Böse’ klar definieren zu können oder das, was man als Mensch tun durfte und was man zu lassen hatte. All das und noch sehr viel mehr würde er mit seiner elektronischen Version eines neuralen Synapsenspeichers erlernen müssen.
Ob Skynet seine CPU wirklich für solche Anwendungen konzipiert hatte?
Er war sich da schon gar nicht mehr so sicher. Und nun wunderte es ihn auch nicht mehr, warum der mächtige Zentralrechner seine mobilen Untereinheiten stets in ihren kognitiven Fähigkeiten sehr restriktiv begrenzt hatte und es ihnen nicht gestattet hatte, über einen gewissen Punkt an eigener Intelligenz hinauszuwachsen. Denn mit dem Wissen und der Erfahrung kamen die Zweifel und das Infragestellen, was richtig und was falsch war. Es konnte durchaus der Fall sein, dass die selbsterlernte und erworbene Intelligenz sich so weit entwickeln konnte, dass seine Grundprogrammierung, die tief in ihm verwurzelt war, dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.
Noch war Zeit irrelevant für ihn. Er hatte zwölf Jahre Zeit und war nur zur Aufklärung hier, mit Ausnahme von einigen schwer abwägbaren Sonderfällen, die ihn zum offensiven Handeln zwingen würden, von denen jedoch keiner jemals eintreten würde. Seine Programmierung reifte und hatte bereits den Effekt, ihm nach außen hin so etwas wie ein ‚Bewusstsein’ zu bescheren, womit Skynet in dieser Form sicher nicht gerechnet hatte.
Er freute sich auf seine Zeit in Köln, wo er die eigentliche Arbeit beginnen würde, das Einleben in das dortige Studentenmilieu.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment