Montag, 4. Dezember 2006
T1.1.13
[...Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 7. Juli 2030

Karin Bochner verließ die Unterrichtshalle und strich sich in einer Geste der mentalen Erschöpfung über die Stirn. Die letzten Monate hatten an ihren Nerven und an ihrer Substanz gezehrt, aber sie war mit der Herausforderung gewachsen. Ihre Schüler hatten hart gearbeitet und ihr Bestes gegeben, doch natürlich hatte sich nach einiger Zeit allmählich herauskristallisiert, wer besser geeignet war. So war ihre ‚Klasse’ auf jetzt noch acht Kandidaten zusammengeschrumpft und Mahtobu erwartete unter anderem auch von ihr eine weitere Empfehlung, wer das Rennen machen könnte.
Nein, korrigierte sie sich mit einem ironisch hochgezogenen Mundwinkel, der alte Schinder erwartete vor allem von ihr ein Urteil über den nächsten, der ausscheiden würde. Sie unterrichtete schließlich in den für diese Mission maßgeblichsten Fächern.
„Ihrer Miene nach zu urteilen, denken Sie gerade an mich.“ Karin zuckte zusammen, als seine tiefe Stimme hinter ihr ertönte. Als sie herumfuhr, sah sie ihn im toten Winkel der Tür stehen, mit übereinander geschlagenen Beinen an die Wand gelehnt und überkreuzten Armen. Er hatte ganz offenbar auf das Ende ihrer Stunde gewartet, um sie zu befragen. Insgeheim musste sie ein wenig über seinen Kommentar schmunzeln; sie waren in den Monaten der gemeinsamen Arbeit doch noch warm miteinander geworden, auch wenn sich die Art ihrer Beziehung in ihren Dialogen zumeist in Frotzeleien äußerte.
So antwortete sie dann auch: „Sie scheinen meine Gedanken zu lesen, Mon Général. Sicher wissen Sie auch, was ich konkret gedacht habe?“
„Oh, meine gute Erziehung verbietet mir, dergleichen auszusprechen.“
„Sie sind ja soooo galant. Wo haben Sie nur gelernt, so mit Frauen umzugehen? Ich schmelze ja förmlich dahin.“ Sie konnte sich ein unverschämtes Grinsen jetzt nicht mehr verkneifen.
„Im Buschland von Südostafrika natürlich. Aber das war im alten Leben, vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes. Lassen Sie uns doch über etwas anderes sprechen.“ Er strich sich nachdenklich lächelnd über den grauen Bart und schien in Gedanken weit entfernt zu sein.
„Ich bin noch nicht bereit, weitere Schüler auszusondern.“ Resolut verschränkte sie nun gleichfalls die Arme vor der Brust und baute sich in einer trotzigen Abwehrhaltung vor ihm auf.
„Eigentlich wollte ich Sie ja zum romantischen Abendessen einladen, aber diese Gelegenheit scheint jetzt ungenutzt verstrichen zu sein. Aber da Sie es gerade ansprechen ...“ Unter gesenkten Augenlidern hervor musterte er sie scheinbar teilnahmslos.
Sie verspürte einen kleinen Stich in der Brust bei seinen Worten, unsicher ob der Ernsthaftigkeit seines Angebotes. „Vergessen Sie es. Das mit der Nominierung der nächsten Kandidaten. Ich bin zum jetzigen Zeitpunkt nicht bereit, schon wieder jemanden aus dem Programm zu nehmen. Die restlichen acht sind alle so gut, dass sie genauso gut auch alle nehmen könnten.“
„Gut, das vergesse ich also. Und ...“
„Das andere auch. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.“ Sie fuhr herum und rauschte effektvoll davon, Mahtobu blieb ihr jedoch auf den Fersen.
„Warten Sie, Mrs. Bochner. Wir müssen darüber sprechen. Sie wissen das.“
Beim Klang seiner Stimme blieb sie auf einmal stehen. Langsam drehte sie sich um und sah ihn unverwandt an. „Also gut, wir reden.“
„Sie wissen, wir müssen allmählich zu Potte kommen. Sie wissen auch, dass schon viel Zeit verstrichen ist und wir auf der Stelle treten. Wir können uns das nicht mehr leisten, weder Sie noch ich. Kennen Sie meine nächste Frage?“
Sie seufzte. „Ich denke schon.“
„Dann sagen Sie mir doch bitte erst einmal, worüber wir jetzt gerade reden.“ Listig sah er sie an und wartete auf eine Reaktion.
Sie sah an die Decke des Flurs und erwiderte versonnen: „Ich würde sagen ... entweder über die Kandidatenauswahl oder über unser gemeinsames Abendessen. Suchen Sie sich was aus.“
„Punkt für Sie. Und wann können Sie mir Ihre Entscheidung bekannt geben?“, setzte er nach.
„Ich werde darüber nachdenken ... notgedrungen. Sie werden Ihre Antwort eher erhalten, als Sie denken. Zufrieden?“
„Ja, fürs Erste. Aber eines noch ... ich weiß immer noch nicht, worüber wir reden.“ Er grinste sie unverschämt an.
„Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Suchen Sie sich was aus.“ Kokett über die Schulter blickend, ließ sie ihn stehen.
Verdammt, dachte er, worüber hatten sie denn jetzt geredet?

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Sonntag, 3. Dezember 2006
T1.1.12
[...Fortsetzung des Buches]

John F. Kennedy Int’l Airport, New York, USA - 10. August 1985

Er hatte es satt. CSM 108-1 behagte die Sommerhitze in New York überhaupt nicht, denn auch dafür war er nicht konstruiert worden. Terminatoren waren in der Kälte des postnuklearen Winters zuhause, nicht in der glühenden Hitze der Häuserschluchten, deren Straßen von der Sonne aufgeheizt wurden und durch die zusätzlich die tropische feuchte Warmluft direkt vom Golf von Mexiko waberte. Sein Organismus hatte zwar keine Probleme damit, außer dass er ein wenig mehr Flüssigkeit trinken musste, da sein Körper auch schwitzte – schließlich musste alles echt wirken –, doch ihm behagten die hohen Temperaturen bis zu einhundert Grad Fahrenheit trotzdem nicht. Und ohne Sonnenbrille konnte er nicht einmal ins Freie gehen, da er beinahe blind war in der gleißenden Mittagssonne.
Zudem befand er manche sozialen Kontakte als äußerst unangenehm. So hatte er beispielsweise einiges über spezielle menschliche Verhaltensmuster gelernt, die trotz aller taktischer Wahrscheinlichkeitsprogramme in seinen Subroutinen nur schwer vorhersehbar waren. Seine erste Begegnung mit einem bettelnden Obdachlosen, der ihn um Geld bat und dem er sein Kleingeld überlassen wollte, um eine neue soziale Interaktion mit finanziell minderbemittelten Individuen zu erfahren, endete damit, dass dieser ihm seine Brieftasche entriss und damit flüchtete, sobald CSM 108-1 sie gezückt hatte.
Gut, er hatte ihn nach zwölf Metern eingeholt und mit einigem Nachdruck darauf bestanden, seine Börse zurückzuerhalten. Aber dafür gab er jetzt keinem Bettler mehr Geld, sondern ignorierte sie fortan vehement.
Nur eine Woche später wurde er in einer Seitenstraße mitten am Tag überfallen. Der Angreifer hatte nur ein Messer, weshalb CSM 108-1 beschloss, gemäß seinem primären Missionsparameter, nicht aufzufallen, schlicht und einfach Fersengeld zu geben. Er rannte so schnell davon, dass er schon die nächste Straßenecke erreicht hatte, bevor der Räuber sich von seiner Überraschung erholt hatte. Ihm blieb nichts weiter, als bar jeden Verständnisses auf die ein Zoll tiefen Fußabdrücke in einem Abstand von acht Fuß zueinander im Pflaster zu starren, die ein dreihundert Pfund schwerer Terminator in vollem Lauf hinterlassen hatte.
Später wunderte sich niemand weiter über diese Kuriosität; dies war schliesslich New York
Die Stadt war jedoch ziemlich gefährlich; die nächsten Strassenräuber waren sämtlich mit einer Handfeuerweaffe bewehrt gewesen, was Entzug durch Flucht ausschloss. So kam es, dass CSM 108-1 nach mehreren Monaten einen gebrochenen Oberkiefer, Oberschenkel und eine zertrümmerte Kniescheibe auf seinem ‚Konto’ hatte. Seine Subroutinen beinhalteten ein fest vorgegebenes Verteidigungsverhalten, wenn er erst einmal ‚in die Enge’ getrieben worden war, doch eigentlich war es ihm zuwider, diese Menschen zu verletzen, nur weil sie ihm seine potentielle Habe mit körperlicher Gewalt oder Waffeneinsatz abnehmen wollten. Es waren Menschen wie sie, die die Straßen der Großstädte unsicher machten und die Ängste derjenigen schürten, die in mittelbarer Folge daraus in ihrer Paranoia schließlich Skynet entwickeln würden.
Deshalb hatte er befunden, dass die Zeit für ihn gekommen war, sein eigentliches Zielgebiet anzuvisieren. Er war nun schon über ein Jahr auf diesem Kontinent und hätte eigentlich schon vor Monaten nach Europa überwechseln können, wollte jedoch absolut sicher sein, dass er als Mensch durchgehen würde. Der Transfer war schließlich keine Selbstverständlichkeit und barg durchaus ein gewisses Risiko in sich.
Er hatte wieder einmal diverse Optionen gegeneinander abgewogen und sich dafür entschieden, zunächst nach London zu fliegen. Als US-Bürger war das noch eine der unproblematischsten Möglichkeiten, auf dem europäischen Kontinent Fuß zu fassen. Er hatte bereits sein Gepäck – seine schwarze Sporttasche – aufgegeben, eingecheckt und im Vorbeigehen die Wohnungsschlüssel seines Apartements in einen Abfalleimer geworfen. Auch dort hatte er wieder nur Dinge ohne persönlichen Wert, die er wahllos, wenn auch nicht ganz so wahllos wie in Kanada, zusammengekauft hatte, zurückgelassen. Seinen ursprünglichen Ausweis besaß er schon lange nicht mehr. Inzwischen hatte er statt eines kanadischen einen gefälschten US-Reisepass auf den Namen David S. Compton, den er nach der Ankunft in England vernichten würde. Einen zweiten, gut versteckten Reisepass auf einen anderen Namen hatte er in seinem Gepäck. Es war schon erstaunlich, was man mit dem nötigen Kleingeld alles erwerben konnte.
Die größte Hürde aber befand sich unmittelbar vor ihm.
Skynet war sich absolut sicher gewesen, dass das neue Chassis der Serie 880 in diesem Punkt den Anforderungen genügen würde. Nun, gleich würde er es sehen. Mit gleichgültiger und gelangweiter Miene händigte er einem Zollbeamten seinen Ausweis aus, der ihn sich sorgfältig ansah und ihm Fragen über Grund und Dauer der Reise stellte, welche er einsilbig mit gepresster Stimme beantwortete wie viele Leute, die nicht oft reisen und beim Zoll nervös sind, obwohl sie eigentlich keinen Grund zur Sorge haben müssten.
Dann machte er einen großen Schritt nach vorne, durch den Metalldetektor hindurch.
Keine roten Lichter, keine Warntöne.
Mit zufriedenem Lächeln nahm CSM 108-1 seine Papiere vom Zöllner zurück. Ihm kam kurz die Idee, dass er sich ja auf das Fließband für das Handgepäck hätte legen können, das durch ein Röntgensichtgerät durchlief. Die Zöllner wären sicher aus allen Wolken gefallen, wenn sie seine interne Struktur zu Gesicht bekommen hätten. So aber war er auf dem Weg nach Europa, ohne weiter aufgehalten zu werden.
Er schlenderte zur Wartehalle für den Pan Am-Flug nach London. Das Flugzeug, eine Boeing 747-121, war bereits an den Andockkragen des Terminals heranmanövriert worden und durch die großflächigen Panoramascheiben der Wartehalle, die auf das Flugfeld hinausgingen, sichtbar. Mit einigem Erstaunen nahm er die Bezeichnung der Maschine wahr: N739PA. In zwei Jahren, kurz vor Weihnachten, würde genau dieses Flugzeug auf dem Rückflug von London über dem schottischen Ort Lockerbie von Terroristen mit einer an Bord geschmuggelten Bombe gesprengt werden. Dabei würden ungefähr 270 Menschen sterben. Er wusste das, weil es für ihn nicht mehr als ein geschichtliches Faktum in seinen Datenbänken war, aber um ihn herum ahnte niemand etwas davon, dass es diese Maschine bald nicht mehr geben würde.
Terroristen. Kein Wunder, dass die Menschheit untergehen musste ...
Faszinierenderweise beschlich ihn beim Besteigen der Kabine der Economy-Klasse doch ein ungutes ‚Gefühl’, dessen Ursprung er nicht genau identifizieren konnte. Das mussten die pseudo-neuralen Verbindungen in seinem Prozessor sein, die ständig neu gebildet und weiter miteinander verflochten wurden, seit er im WRITE-Modus agierte. Zur Sicherheit beschloss er, eine längere Systemabschaltung während des Fluges vorzunehmen und eine Diagnose sämtlicher Schaltkreise vorzunehmen. Für seinen Platznachbarn würde das wie ein etwa einstündiges Nickerchen aussehen. Gut auch für ihn, dass die Portionen auf solchen Flügen immer mäßig bemessen waren, sodass er nicht allzu häufig zur Stoffwechselendprodukt-ausscheidung würde gehen müssen.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 2. Dezember 2006
T1.1.11
[...Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 28. Februar 2030

Die Klasse sah so friedlich aus, wenn er sie vom anderen Ende der Montagehalle aus betrachtete. Die Produktionsstraße war demontiert worden, um Platz zu schaffen für den provisorischen Ausbildungsraum, der zwar nur ein Drittel der Halle ausfüllte, aber nichtsdestotrotz seinen Zweck voll und ganz erfüllte.
In den vergangenen Monaten seit der Eroberung der Maschinenfestung hatten sie sich hier sozusagen häuslich eingerichtet. General Connor war noch vor Weihnachten hier gewesen, hatte sich alles von Mahtobu und den relevanten Technikern ausführlich darlegen lassen, was sie herausgefunden hatten, und dann entschieden, was zu tun war.
Sie waren übereingekommen, alle Anwärter für die Mission hierher zu bringen und direkt vor Ort auszubilden und vorzubereiten. Insgesamt waren es zwölf junge Männer und Frauen, noch halbe Kinder in seinen Augen, aber alle lernten gewissenhaft und trainierten geradezu verbissen für ihre Aufgabe. Sie wussten, dass wohl nicht alle von ihnen gehen würden, aber dass die besten von ihnen vielleicht über das Schicksal der Menschheit entscheiden würden.
Und dass sie nie wieder in ihre eigene Zeit würden zurückkehren können. Die Zeitreise bot nur Fahrkarten für Einfache Fahrt an, Rückreisetickets gab es nicht. Und schließlich war die große Hoffnung aller Teilnehmer, dass es die Version der Zukunft, in welcher sie aufgewachsen waren, niemals geben würde.
Mahtobu fühlte sich auf gewisse Weise geehrt, dass John Connor ihm die Leitung der Mission hier übertragen hatte. Er war mit so vielen Aufgaben beim Neuaufbau der weltweiten menschlichen Gesellschaft beschäftigt, dass er seiner alten Militärgarde gern solche Aufgaben übertrug. Sie konnte neben solchen Dingen wie diesem Projekt das Aufspüren und Vernichten der letzten Unterschlüpfe der Maschinen durchführen, während Connor sich etwa der Gründung des Rates der Vereinten Menschheit widmete.
Mahtobu hatte inzwischen alle Personen organisiert, die das nötige Wissen besaßen oder vermitteln konnten oder beides, um nach einer kurzen Eingewöhnungsphase das Leben als Student an der Universität in Freiburg im Breisgau, wie der vollständige Name des Zielortes war, aufnehmen zu können. Dabei wurden sie auch von mehreren alten Menschen geschult, die am Tag des Jüngsten Gerichtes gerade Studenten an der betreffenden Universität und auf Reisen in irgendwelchen abgelegenen Winkeln der Erde waren, wo sie den Holocaust überstanden hatten. Sie erinnerten sich wie alle Menschen, die vor Anbeginn der neuen Zeit erwachsen gewesen waren, glasklar an sehr viele Einzelheiten und Ereignisse aus der alten Zeit, sodass sie detailliert erzählen und berichten konnten.
Eine von ihnen war eine Frau von 56 Jahren, sehr dünn und mit eingefallenen Wangen, ihr leicht aristokratisch wirkendes Gesicht mit den hoch angesetzten Wangenknochen gezeichnet von drei Jahrzehnten Entbehrungen und Überlebenskampf. Ihre silbergrauen Haare waren zum Pferdeschwanz gebunden und ihre ungewöhnlich hellen braunen Augen zeigten eine Spur Verbitterung. Mahtobu glaubte jedoch nicht, dass dies die Folge des harten Schicksals war, das sie wie alle anderen Menschen auch hatte erleiden müssen. Er war ein ausgezeichneter Menschenkenner und würde ohne Zögern eine Wochenration dafür verwetten, dass sie diesen Anflug von hochmütig wirkender Entrücktheit schon vor dem Krieg gehabt hatte.
Diese Frau war ein absoluter Glücksgriff gewesen. Sie hatte in Freiburg Mineralogie, Geochemie und Biochemie studiert und konnte damit Fachwissen weitergeben, welches es ermöglichen konnte, die ausgebildeten Kandidaten in direktem Umfeld des Erfinders des ZVA-Effektes platzieren zu können. Sie besaß ein ausgezeichnetes Gedächtnis, sodass sie nur wenig Lehrmaterial benötigte, um den Schülern das elementare Wissen in diesen Fächern zu vermitteln, obwohl sie zum Zeitpunkt des Holocausts noch am Anfang ihrer Studienzeit gestanden hatte.
In den Pausen erzählte sie oft und gern von dem Campus der Albert-Ludwig-Universität, der Stadt und dem schönen Leben, das man dort als Student geführt hatte. Im Laufe ihres Lebens hatte sie wohl eine ungewöhnliche Begabung dafür entwickelt, ihre Erzählungen so lebhaft und eindrücklich zu schildern, dass alle sich um sie scharten und alles andere vergaßen. Wie Mahtobu erfahren hatte, war sie stets in den Ruinen und Schlupflöchern geblieben, ohne sich jemals an den Kämpfen zu beteiligen oder auch nur jemals eine Waffe anzufassen. Statt dessen hatte sie sich immer gewissenhaft um die Kinder gekümmert, sie umsorgt und ihnen mit ihren Geschichten aus einer besseren Welt Hoffnung und Mut gemacht. Das sah sie als ihren Beitrag für das Gemeinwohl an; im Übrigen hatte sie sich auf der Stelle gemeldet, als der Aufruf kam, mittels dem Ausbilder für diese Mission gesucht wurden. Sie war damals gerade im Nordwesten der USA in einem entlegenen Gebiet gewesen, als Skynet die Raketen auf die ehemaligen Sowjetstaaten abgefeuert hatte. Danach war sie nie wieder in ihrer Heimat gewesen. Wozu auch? Mitteleuropa war damals ein sehr dicht besiedeltes Gebiet gewesen, was viele Volltreffer für strategische Mittelstreckenraketen bedeutet hatte. Es hatte nichts mehr für sie gegeben, zu dem sie hätte zurückkehren können.
Geschweige denn die Möglichkeit dazu.
Nach dem Atomkrieg waren Transatlantikflüge sehr plötzlich äußerst rar geworden.
Als die Stunde zu Ende war, kam sie auf ihn zu, machte jedoch keine Anstalten stehenzubleiben, sodass er sie ansprechen musste. „Miss Bochner?“
„Ja, General?“ Mit dem gleichen Unwillen sah sie ihn an wie er sie; offenbar war heute nicht ihr Tag. Wieder einmal. Die Frau war sehr wichtig für sie, aber es war nicht sehr leicht, als Erwachsener mit ihr umzugehen.
Behutsam begann er: „Ich soll mich nur erkundigen, wie der Stand der Dinge ist. Machen die Kandidaten Fortschritte? Sind gewisse Begabungen bei ihnen zu erkennen?“
„Kandidaten!“ Sie spie das Wort förmlich aus. „Das hier ist kein Quiz des Todes, Mister Mahtobu. Und die Kinder sind allesamt sehr begabt und wissbegierig; ich kann Ihnen jedoch noch keine Favoriten nennen, was Ihr Himmelfahrtskommando angeht.“
Mahtobu nickte dem aus Hannover stammenden Ehepaar Jenssen, das nun Deutsch unterrichtete, auf dem Gang zu, als sie ihnen auf ihrem Weg zur Klasse begegneten. Er ignorierte geflissentlich, dass sie ihn mit ‚Mister’ angeredet hatte, was für einen Soldaten eine bewusste Beleidigung darstellte. „Ich bitte Sie, Miss, wir schicken sie doch nicht in den sicheren Tod! Es sind alle freiwillig hier und sie sind auch längst keine Kinder mehr.“
„Ja, nur weil ihr Militärs jedem Halbwüchsigen ein Gewehr in die Hand drückt, der eines tragen und abfeuern kann, nennt ihr sie ausgewachsen. Außerdem werden sie niemals zurückkommen, oder habe ich das falsch verstanden?“ Sie funkelte ihn an. Mein Gott, dachte er ergeben, sie war schwierig.
„Das stimmt schon, aber nur, weil wir sie nicht aus der Vergangenheit zurückholen können. Wir sind uns der Problematik bewusst, aber dies ist eine wirklich einmalige Chance. Wenn sie Erfolg haben, machen sie vielleicht alles ungeschehen.“
„Nur dass wir davon nichts haben werden“, gab sie schnippisch zurück.
„Herrgott, das können wir nicht wissen! Genauso gut kann das alles hier aufhören zu existieren, sobald sie in der Vergangenheit sind und beginnen, das Schicksal der Welt zu ändern. Sie wären die einzigen, die sich noch an den Krieg erinnern könnten, so wie ein böser Albtraum einer düsteren Zukunftsvision. Sie könnten sich nach Beendigung ihrer Mission ein neues Leben in einer intakten Welt schaffen.“ Mahtobu war es nicht mehr gewohnt, dass man in einem solchen Ton mit ihm sprach, wie es sich diese Zivilistin herausnahm, und musste sich sehr beherrschen, um nicht die Stimme zu erheben.
„Wenn Sie das sagen ... wenigstens jagen Sie nicht alle durch den Fleischwolf, sondern nur die besten von ihnen.“ Ihre Stimme troff vor Hohn. „Der Rest kann uns solange helfen, die neue Gesellschaft aufzubauen, die dann Ihrer Meinung nach doch nicht existieren wird.“ Sie ging weiter und ließ ihn stehen. Er sah ihr nach und versuchte einen Wutausbruch zu verhindern, der ihrer Beziehung nur unnötig schaden würde. Sie war fünf Jahre jünger als er und hatte sich immer schön vornehm aus der Schusslinie herausgehalten, während er in vorderster Front seinen Kopf für sie hingehalten hatte. Was glaubte sie eigentlich, wer sie war?
Langsam, um sich Zeit zum Beruhigen zu geben, holte er sie ein. „Bitte, Miss Bochner, was soll ich jetzt John Connor über unseren Status sagen?“
Sie blieb stehen, wandte sich zu ihm um und sah ihm tief in die Augen, seinen Blick erwidernd. In diesem Moment verrauchte seine Wut mit einem Schlag spurlos. Wie aus weiter Ferne hörte er sie sagen: „Teilen Sie dem General mit, alle Schüler machen gute Fortschritte, sind sehr aufnahmefähig und hochintelligent. Und wenn Sie ihnen ein paar Pausen mehr gönnen bei Ihrer Schinderei, hätte ich mehr Zeit, ihnen von damals zu erzählen. Leider unterschätzen Sie den taktischen Wert dieser Informationen, die ich den Kindern auf diese Art vermittle, völlig. Für sie ist es wie eine Belohnung für gute Leistungen beim Lernen. Wenn ich die Zeit zum Erzählen hätte, die ich bräuchte, könnten sie jeden einzelnen von ihnen in zwei Monaten zurückschicken, und zwar mit einer Einkaufsliste, die sie in Freiburg problemlos in kürzester Zeit erledigen würden. In einer großen Stadt, die seit Jahrzehnten nicht mehr existiert.“
Mahtobu starrte sie fassungslos an, bis sie fragend eine Augenbraue hochzog. Mühsam brachte er hervor: „Ich werde John vorschlagen, ein paar naturwissenschaftliche Fächer und das Kampftraining um eine Stunde pro Woche zu kürzen und dafür ‚Missionsspezifische Geschichtskunde und Kultur’ einzuführen.“
Ihre Mundwinkel hoben sich ein wenig. „Sehen Sie, es geht doch! Wenn Sie wollen, können Sie ja ganz vernünftig sein, mein lieber General.“
Und schon war sie um die nächste Ecke verschwunden. Was sollte er nur mit ihr anfangen? Ihm fiel ein altes Filmzitat aus einem Science-Fiction-Epos ein, auf das er in seiner Jugendzeit total versessen gewesen war. Unwillkürlich musste er ein wenig lächeln, als ihm aufging, wie sehr dieser Spruch hier zutraf.
Entweder bringe ich sie um, oder ich verliebe mich noch in sie.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 30. November 2006
T1.1.10 : Assimilation von Information
[...Fortsetzung des Buches]

Greenwich Village, Manhattan Island, New York City, USA 29. März 1985

Es war ein eiskalter Wintermorgen in New York, als CSM 108-1 aus der U-Bahnstation West 4th Street in der Nähe des Washington Square ins Freie trat. Eine der berüchtigten polaren Kaltfronten hatte den ersten Hauch von Frühling vertrieben, zwar nicht mit Schnee, aber mit Temperaturen von höchstens zwanzig Grad Fahrenheit. Das Dumme am nordamerikanischen Kontinent ist, dass sämtliche großen Gebirgszüge von Nord nach Süd verlaufen und sowohl extrem kalte Polarluft im Winter als auch extrem heiße subtropische Luft vom Golf von Mexiko im Sommer ungehindert tief ins Gebiet der USA einströmen lassen und so viel extremeres Wetter ermöglichen als beispielsweise in Europa, wo von West nach Ost verlaufende Gebirge als natürliche Luftmassenbarrieren dienen und ein gemäßigteres Klima ermöglichen.
Die Sonne würde bald aufgehen und ihr grelles Licht durch die trüben Nebelfetzen hindurch brennen, die den Himmel noch verschleierten und grau einfärbten. Er wollte bis dahin in einem der großen Einkaufszentren sein, Barnes & Noble, und dort den Tag im geschäftigen Gewimmel der Menschen verbringen. Wie immer war er ein paar Blocks vor seinem eigentlichen Ziel ausgestiegen und ging den Rest des Weges zu Fuß, um sich nach potentiellen Verfolgern umsehen zu können. Schließlich war er trotz allem noch immer ein Terminator und Vorsicht beim Bewegen in offenem Gelände war eine seiner Grundprogrammierungen. Ganz gleich, wie viele neue Subroutinen und Verknüpfungen sein lernender Hauptprozessor noch bilden mochte, seine Basisfunktionen konnten davon nicht überlagert werden. Es lag sozusagen in seiner Natur, dachte er mit einem flüchtigen ironischen Grinsen.
Mittlerweile ging er auf den ersten Blick ohne weiteres als Amerikaner durch, wie er so Block für Block der Washington Square South entlang der New York University nach Osten folgte. Gekleidet war er wie ein ganz normaler Durchschnittsbürger, der zwar der breiten Unterschicht angehört, aber sich dennoch das eine oder andere leisten kann und den Tag auch mal frei nehmen und durch einen mall schlendern kann, wenn er Lust dazu hat. Er hatte sich einige Dinge zurechtgelegt, falls er doch einmal in einem zwanglosen small-talk nach seinem Beruf gefragt würde. Die Bevölkerung pflegte gern ein wenig mit fremden Menschen zu plaudern, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab. Es war stets eine freundliche, aber sehr oberflächliche Unterhaltung, von der der Betreffende nach einer Stunde wahrscheinlich schon wieder alles vergessen hatte. CSM 108-1 kam diese Mentalität sehr entgegen, bot sich ihm doch auf diese Weise oft die Gelegenheit, seine Glaubwürdigkeit bei der Konversation mit Menschen zu erproben und weiter zu entwickeln. Es gab bestimmt kein besseres Land als die USA, um nach und nach unauffällig durch Informationsaufnahme zum Menschen zu werden, befand der Cyborg und grinste zufrieden vor sich hin.
Er hatte keinerlei Probleme gehabt, ein etwas großzügigeres leerstehendes Apartment in Chelsea zu finden. Es war ein nettes kleines Haus im Viktorianischen Stil in der 28. Straße, direkt gegenüber des Chelsea Park. Er wusste zwar noch nicht genau, was er mit den drei kleinen Zimmern, eines davon mit einem altertümlichen Erker in den kleinen Vorgarten zur Straße hinaus, anfangen würde, aber andererseits wollte er ja nur eine begrenzte Zeit lang hier bleiben. Er glaubte, dass er der alten Vermieterin, die haarklein so aussah, wie sich der US-Bürger die typische nette Großmutter vom Land vorstellte, mit Brille, rosigen Wangen und einem grauhaarigen Dutt, sogar sympathisch gewesen war.
An einem nahegelegenen Zeitungsstand blätterte er mehrere Magazine der verschiedensten Couleur durch. Es war einer der typischen Großstadtversionen eines Kioskes, der aus einer länglichen Bretterbude ohne große räumliche Tiefe bestand, die einfach auf der Vorderseite aufgeklappt wurde und von oben bis unten mit nichts anderem als einem Wust aus Lesewaren vollgestopft war. CSM 108-1 warf auf jede Seite der zufällig aufgegriffenen Hefte einen flüchtigen Blick, genau so lange, wie ein Durchschnittsmensch braucht, um zu erfassen, was sich auf dieser Seite befindet, ohne jedoch etwas davon zu lesen. Man hätte höchstens die Überschriften oder Bilder betrachten können, während er den Inhalt fotografisch erfasste und in seiner CPU verarbeitete. So ging er etwa ein Dutzend Magazine für Haushalt, Fitness, Automobile, Weltgeschehen und Kinofilme durch, bis der Verkäufer, ein älterer hagerer Asiate, ungeduldig zu werden schien.
Es war immer das gleiche Spiel: Kurz bevor er CSM 108-1 dazu auffordern konnte, entweder etwas zu kaufen oder zu gehen, griff dieser sich eine dicke Tageszeitung oder ein teures Fachblatt und bezahlte den grimmigen, aber doch schweigenden Verkäufer, der froh war, dass dieser lästige Kunde wenigstens etwas erstanden hatte – vier von fünf Leuten gingen nämlich in einer solchen Situation, ohne etwas zu kaufen.
Dann kam er zum Eingang des weitläufigen, mehrstöckigen Einkaufszentrums, das zwar rund um die Uhr geöffnet hatte, aber um diese frühe Stunde nur spärlich besucht war.
Der uniformierte Wachmann eines privaten Sicherheitsdienstes würdigte ihn beim Betreten der vollklimatisierten hohen Eingangshalle keines zweiten Blickes. Warum auch? Sein Äußeres war nach psychologischen Gesichtspunkten speziell dafür ausgewählt, unaufdringlich und freundlich zu wirken, ohne dem Betrachter allzu lange im Gedächtnis zu bleiben. CSM 108-1 war sich sicher, dass seine Vermieterin, Madame Bouvier, nicht einmal mit Hilfe eines Phantomzeichners der Kriminalpolizei ein brauchbares Bild von ihm würde erstellen können, falls sie dazu aufgefordert werden würde. Sein unauffälliges Erscheinungsbild war die beste Defensivwaffe, die er in dieser Welt besaß.
Nachdem er die Eingangshalle mit dem Springbrunnen und den in fassgroßen Töpfen aufgestellten Palmen gemächlich durchquert hatte, kam er zu einem Café, das er nach kurzem ‚Überlegen’ betrat. Von innen entpuppte es sich als das, was er als ‚Sportsbar’ kennen gelernt hatte. Die Wände waren getäfelt, die Sitzbänke mit rotem Kunstleder überzogen und die Tische aus dunklem Holz – er machte sich nicht die Mühe, in seinen Datenbanken zu ermitteln, um welche Sorte es sich handelte, da er diese Information für irrelevant einstufte. Obwohl das Café nur zu einem Drittel mit Gästen besetzt war, lief die junge, vollschlanke Bedienung mit mausgrauer Kurzhaarfrisur und einem vollwangigen, verkniffenen Gesicht dreimal an ihm vorbei, bevor sie ihn überhaupt wahrnahm. CSM 108-1 bestellte einen Donut und einen Kaffee und dachte daran, dass es nicht immer nur von Vorteil war, auf die Menschen um ihn herum einen unauffälligen Eindruck zu machen. Allerdings musste er das wohl in Kauf nehmen, da es immerhin ein primärer Missionsparameter war, nur zu beobachten und so wenig wie möglich aktiv mit dieser Epoche zu interagieren. Er erhielt seine Bestellung von der Bedienung, die ihn kaum eines zweiten Blickes würdigte.
Die Nahrungsaufnahme war ein Konzept, das ihm im großen und ganzen keine Probleme bereitete, nur dass er die Menge an Essen stark einschränken musste. Sein Verdauungstrakt war winzig klein im Vergleich mit dem eines Menschen, nach einer normalen Mahlzeit war er restlos gefüllt und musste erst wieder völlig entleert werden, bevor er erneut irgendetwas essen konnte. Da die Menschen jedoch die lästige Angewohnheit hatten, ständig etwas zu sich zu nehmen, wenn sie an öffentlichen Orten wie Bars, Cafés, Restaurants oder ähnlichen Orten waren, musste er sich das wohl oder übel auch angewöhnen, wenn er längere Zeit an einem Ort bleiben wollte, ohne aufzufallen.
Und da das einer seiner Missionsparameter war, blieb ihm keine andere Wahl.
Glücklicherweise musste er keinen Gedanken an den Nährwert der Speisen und Getränke verschwenden, da er das meiste ohnehin nahezu unverdaut wieder ausschied und sein Organismus praktisch 'im Vorbeigehen' das Wenige, was er brauchte, aus der Nahrung aufnahm. Er hätte einen einzigen Cheeseburger essen können, um seinen Körper für zwei Wochen mit genügend Kohlenhydraten, Eiweiß, Fett und Ballaststoffen versorgen zu können. Doch auf diese Weise war es eben 'menschlicher'.
So saß er also im Café an einem kleinen Einzeltisch an der Schaufensterscheibe, die Zeitung vor sich aufgeschlagen und die vorbeieilenden Leute über den Rand des Blattes hinweg beobachtend. Dabei berechnete er, wie lange er hier noch Informationen sammeln und verarbeiten sollte, bis es sicher genug für ihn war, unerkannt nach Europa zu reisen. Das Wichtigste war für ihn momentan, so viele Daten wie möglich über kulturelle Gegebenheiten der europäischen Länder zu sammeln, wie es ihm möglich war, um besser vorbereitet zu sein. Er hatte sich hier zwar recht gut eingelebt, aber die Unterschiede zwischen Amerika und Europa waren beträchtlich nach dem, was er an Informationen in seinen Datenbänken hatte und bisher zusätzlich erfahren hatte.
Und es war gar nicht so einfach, überhaupt etwas zu erfahren. Die US-Amerikaner sind ein sehr egozentrisches Volk, das vor allem in ländlichen Regionen höchstens noch durch absolute Unwissenheit darüber, was im Rest der Welt vor sich geht, glänzen kann. Für sie war das Rom, von dem sie schon einmal gehört hatten, eine Kleinstadt im Hinterland von New York und von der Tatsache, dass auch in europäischen Ländern schon 'uramerikanische' Errungenschaften wie das Farbfernsehen oder elektrische Herde eingeführt waren, hatten sie bisweilen keine Ahnung. Das einzig Europäische, das sie vielleicht kannten, waren deutsche oder schwedische Automobile. Und auch dann noch waren sie überzeugt davon, dass man in Deutschland mit Pferdefuhrwerken über unasphaltierte Straßen fuhr, zum Mittagessen Weißwurst und Bier zu sich nahm und anschließend einen Verdauungs-Schuhplattler in Lederhosentracht aufführte. In Schweden hingegen fuhr man mit Rentierschlitten, schließlich lag dort im Norden immer Schnee und es gab gar keine Straßen. Ab und zu schoss man sich einen Elch und räucherte das Fleisch zum Essen, wenn es nicht nur ständig – ebenfalls geräucherten – Lachs geben sollte.
Ja, die Entscheidung, in der Großstadt zu leben, war richtig gewesen, befand CSM 108-1 wieder einmal. Wenigstens bekam er hier ein erträgliches Minimum an Informationen über Länder wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die Schweiz. Er konnte Zeitschriften in der Landessprache kaufen, Magazine oder Bücher. So konnte er sich zumindest ein bisschen auf das vorbereiten, was ihn erwarten würde.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 29. November 2006
T1.1.9 : KAPITEL 3 - Deutsche Sprache, tote Sprache
[...Fortsetzung des Buches]
- 3 -

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 18. Dezember 2029

„Das ist sie, General. Noch warm vom Vormieter.“ Der ausgestreckte Arm eines Technikers schweifte ausladend in die Runde.
„Sind sie sicher? Es wirkt alles viel kleiner als bei den ersten beiden Anlagen. Und die Bauart ist dem Anschein nach auch völlig anders.“ Mahtobus Augen verengten sich, als er zweifelnd in der kleinen dreistöckigen Halle umherging und seinen Blick prüfend in die Runde wandern ließ.
Die einzige Gemeinsamkeit mit den beiden anderen ZeitVerschiebungsAnlagen, die er auf den ersten Blick registrierte, war der tiefe Schacht, der die eine Hälfte der Halle einnahm und scheinbar in einen bodenlosen Schlund führte. Er war quadratisch, maß etwa dreißig Fuß und hatte nur einen schmalen Rand, um den herum man sich entlang der Wand bewegen konnte. Aus den Wänden ragten seltsame Stahlträger heraus, von denen jeder eine Sonde trug, die wie eine Art große Strahlenkanone aus einem altertümlichen Science-Fiction-Film aussah. Eine schlanke metallene Spitze, die sich nach hinten langsam konisch erweiterte und dann in eine Reihe miteinander verschmolzener Kugeln aus einem keramisch aussehenden Material überging. Das Ganze erinnerte ihn noch an etwas anderes aus der alten Welt: Stromisolatoren aus einem Elektrizitäts-Umspannwerk. Die Funktion dieser Geräte hier war allerdings eine ganz andere.
Sie sollten keine Energien bändigen, sondern ganz im Gegenteil unfassbare Energien entfesseln und damit sogar das Raum-Zeit-Gefüge aufbrechen.
Die zweite große Auffälligkeit war die Anordnung der acht temporalen Projektoren: Sie waren alle in 45°-Winkeln zur Ebene angeordnet und wiesen auf einen gemeinsamen Punkt in Brusthöhe, der sich jedoch in der Mitte des gähnenden Abgrundes befand. Ihre Spitzen waren etwa zehn Fuß weit auseinander. Außerdem waren sie dreidimensional perfekt zueinander ausgerichtet; wenn man sich zwischen ihren Spitzen - oder auch ihren Enden – Verbindungslinien dachte, erhielt man die Figur eines Würfels. Offenbar erfüllte diese Konfiguration einen bestimmten Zweck, der ihm, Mahtobu, momentan jedoch verborgen blieb.
Nun, er war ein Krieger. Um das alles hier zu erforschen, waren die Techniker und Wissenschaftler seines Teams da.
Seine Aufgabe bestand inzwischen darin, geeignete Soldaten – oder vielleicht sogar Zivilisten – für diese Mission zu suchen, zu schulen und vorzubereiten, sofern man einen Menschen für das hier überhaupt schulen und vorbereiten konnte.
Wenigstens in einem Aspekt standen die Aussichten für die Mission besser als zunächst angenommen. Was Mahtobu nämlich nicht gewusst hatte, war die Tatsache, dass das deutsche Volk am Ende des 20. Jahrhunderts statistisch gesehen der Weltmeister im Verreisen gewesen war. Demzufolge hatten sich sehr viele Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts, dem Zeitpunkt des nuklearen 'Wipeouts', überall auf der Welt auf Urlaubsreisen befunden, da schließlich August und somit Hauptsaison für Ferienreisen gewesen war.
Ein altes Ehepaar, das seit der Katastrophe in den südlichen afrikanischen Ländern gelebt hatte, war hierher unterwegs, um sich als Sprachlehrer zur Verfügung zu stellen. Sie kamen dem Vernehmen nach aus Hannover, einer Stadt im Norden des Landes und der Gegend, wo damals das reinste Deutsch ohne bestimmten Dialekt geredet worden war, wie sie bei ihrem ersten Funkgespräch mit Mahtobu betont hatten. Das war sehr günstig, denn so würden sich die Personen, die sie zurücksenden wollten, relativ ungezwungen miteinander unterhalten können, ohne den Eindruck zu erwecken, sprachlich aus einer bestimmten Region zu stammen, was wiederum peinliche Fragen neugieriger Aussenstehender nach sich ziehen könnte.
Bislang hatten sich fünf junge Menschen gemeldet, die für die Mission in Frage kommen könnten und auch tatsächlich über rudimentäre Deutschkenntnisse verfügten. Und nur drei von ihnen kamen aus dem Gebiet der USA, was den afrikanischen General wieder in Erstaunen versetzte. Er hätte nie geglaubt, dass sich die Sprache dieses Volkes von nicht einmal einhundert Millionen Menschen, deren Mutterländer im Krieg völlig ausradiert worden waren, über drei Jahrzehnte lang in dieser Form, nämlich gesprochen einzig von wenigen über die ganze Welt verstreuten Individuen, noch ernsthaft am Leben erhalten hätte. Gut für ihn, dass er sich nun eines Besseren belehren lassen konnte.
Er wusste noch nicht, wie viele sie zurückschicken würden, er wusste nur, dass es nicht einer allein sein würde. Die Gefahr eines Versagens war einfach zu groß. Aber das würde sich beim Training der betreffenden Personen zeigen. Sie hatten den Vorteil, dass sie nun, da der Krieg gewonnen war, alle Zeit der Welt hatten, um ihn mit diesem Eingriff ungeschehen zu machen.
In der Zwischenzeit, so hoffte er, würden die Informatiker noch mehr relevante Daten über den Erfinder des ZVA-Effektes zusammentragen können, was die Mission sicherlich erleichtern würde.
In diesem Punkt täuschte Mahtobu sich.
Der Zentralrechner der Anlage hatte alle Daten von Belang für diese Mission auf ein eigens dafür ausgewähltes Modul gespeichert, das ein T-880 im WRITE-Modus dann entnommen und zerstört hatte. Es gab keine Spuren, keine Pfade, keine überschriebenen Dateien mehr, die wieder hergestellt werden konnten. Skynet war sich der Wichtigkeit der Geheimhaltung in diesem Punkt vollauf bewusst gewesen.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 28. November 2006
T1.1.8 : Zuflucht Bronx
[...Fortsetzung des Buches]

Highway 15, 37 Meilen südlich von Montréal, Kanada 2. Februar 1985

Langsam rollte der schwarze Chevrolet Celebrity Sedan frühmorgens in einer langen Warteschlange im Schritttempo auf die Zollabfertigung der Bundesgrenze zu. Jenseits des Grenzschutzpostens wurde der Highway zum Interstate 87, der CSM 108-1 auf direktem Weg entlang des Hudson Rivers gut 350 Meilen nach Süden zu dessen Mündung in den Atlantik führen würde. Dort wartete der seiner Meinung nach in diesem Stadium seiner Entwicklung für ihn perfekte Ort, der größte Ballungsraum der USA.
Die Stadt, die niemals schläft.
Genauso wie er, „dachte“ CSM 108-1.
Und zog probehalber einen Mundwinkel in Imitation eines ironischen Lächelns nach oben. Ironie war nach seiner Definition ein nützlicher Charakterzug, denn er hatte beobachtet, dass Individuen mit dieser Eigenschaft bei oberflächlichen Kontakten meistens von ihren Mitmenschen auf Distanz gehalten und reserviert behandelt wurden. Was für ihn nur von Nutzen war, denn so zog er keine übermäßige Aufmerksamkeit auf sich, niemand würde den small-talk mit ihm suchen und ihm Fragen stellen, deren Beantwortung ihm Probleme bereiten würde.
Als er an die Reihe kam, warf der Zollbeamte nur einen flüchtigen Blick auf seinen Identitätsausweis und seine Fahrzeugpapiere. Dann winkte er den jungen Mann mit den kurzen braunen Haaren, den dunklen Augen und dem markanten, leicht kantigen Gesicht durch.
Der Sedan gab Gas und beschleunigte langsam, um nicht aufzufallen. Als die Sonne am östlichen Horizont hinter dem Richelieu River aufging, setzte er augenblicklich eine dunkle Sonnenbrille auf, um die empfindlichen Photorezeptoren hinter den Pupillen zu schützen. Dies war wohl der schwerwiegendste Fehler sowohl der 800er als auch der 880er-Reihe, befand CSM 108-1: Skynet hatte bei ihrer Konstruktion nie berücksichtigt, dass die Modelle, die in der Zeit zurückreisten, das Sonnenlicht direkt ohne die permanent den Himmel verdunkelnde Wolkenschicht des postnuklearen Winters erblicken würden. Deshalb war keine ausreichende Abschwächung ihrer optischen Sensoren bei Tageslicht vorgesehen, mit dem Resultat, dass das Sonnenlicht im späten 20. Jahrhundert mit dem erhöhten Anteil an durch das Ozonloch eindringenden Strahlungsspitzen zu grell für sie war und den Signal-eingang überlastete.
Gegen das Ozonloch hatte Skynet immerhin etwas unternommen, das konnte man ihm zugute halten, dachte er und versuchte erneut dieses Grinsen. Ja, es funktionierte.
Momentan stellte dies aber noch kein Problem für ihn dar, weil das ständige Tragen einer Sonnenbrille bei Tag in den USA keine Besonderheit darstellte. Dies war jedoch nicht überall auf der Welt so. CSM 108-1 legte eine Datenschleife an, die einen winzigen Teil seines Bewusstseins in genau festgelegten Zeitabständen mit dieser Problematik beschäftigen und ausreichende Lösungsoptionen ausarbeiten würde, auf die er dann zu gegebener Zeit zurückgreifen und die geeignetste Möglichkeit ausführen würde, um das Problem zu lösen. Vor allem brauchte er jede Menge an Input, denn dies war ein hochgradig ungewöhnliches Problem, das seiner Logik nach auch eine ungewöhnliche Lösung erforderte.
Er fuhr ohne Unterbrechung innerhalb des gültigen Tempolimits und erreichte gegen drei Uhr nachmittags die Außenbezirke von New City, dem nördlichsten Rand der New Yorker Agglomeration.
Das würde eine faszinierende Erfahrung werden.



Als CSM 108-1 ein Stück hinter einer belebten Straßenkreuzung anhielt, zeigten ihm seine internen Kartenprogramme an, dass er sich Ecke Prospect Avenue und 161st Straße befand, in einem Stadtteil namens Bronx. Seinen Dateien nach ein Viertel, welches vornehmlich von Afroamerikanern dunkler Hautfarbe bewohnt wurde, die häufig ein hohes Aggressionspotential gegenüber eurasischen Mitbürgern aufzeigten. Ihm war das herzlich egal. Entsprechend der Lage erhöhte er die Leistung seiner Sensoren, um auf feindliche Aktionen vorbereitet zu sein.
Langsam stieg er aus und ging zum Heck des Wagens, wo er den Kofferraum öffnete. Sorgsam entnahm er die voluminöse Sporttasche mit seinen Kleidern und stellte sie neben sich auf den Gehweg. Im Augenwinkel sah er bereits, wie sich eine Bande von Halbstarken betont lässig auf dem Bordstein seiner Position näherte. Sie waren bekleidet mit modischer, wenn auch abgenutzter und nicht besonders sauberer Jugendkleidung wie übergroßen T-Shirts mit Markenemblemen von Sportartikelherstellern, den dazu passenden Basketballstiefeln und -kappen von adidas und nike sowie vielfach zerfetzten Jeanshosen. Bei den zur Zeit herrschenden Lebenshaltungskosten, Durchschnittslöhnen der Unterschicht der Bevölkerung und den Preisen dieser Kleidungsstücke berechnete er eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit dafür, dass auch nur eine dieser Personen durch legale Arbeit die nötigen Zahlungsmittel zum Erwerb dieser Markenbekleidung verdient haben konnte.
Sie wollten sich gerade daran machen, ihn anzusprechen und auszuprobieren, wie weit man ihn provozieren konnte, als er sich in einer fließenden, raschen Bewegung herabbeugte und scheinbar mühelos sein hinteres Nummernschild von der Stoßstange herunterriss. Beim Klang der reißenden Schrauben und dem doppelten ‘Pling’ der herabfallenden Schraubenköpfe auf das Straßenpflaster erstarrten die fünf jungen Schwarzen und glotzten ihn an wie einen Außerirdischen.
CSM 108-1 ignorierte sie geflissentlich, während er gemächlich auf der von ihnen abgewandten Seite des Chevrolet zu dessen Front schlenderte, sich abermals unheimlich schnell bückte und auch das vordere Schild abriss. Gleichzeitig rief er sämtliche Dateien über verbale Kommunikation in jugendlichem urbanen Slang auf, die er beim Fernsehen und ersten Beobachtungen in Montréal angelegt hatte.
Noch immer starrten die fünf Jungen abwechselnd ihn und sich gegenseitig an, unfähig zu verstehen, was da vor sich ging. In ihnen reifte langsam die Überzeugung, dass dieser unscheinbare Durchschnittspinkel hochgradig verrückt sein musste, als sie ihn dabei beobachteten, wie er zu dem Bauzaun ging, der den Bordstein vom angrenzenden Grundstück abgrenzte. Eine weitläufige Grube einer Großbaustelle fiel etwa zwei Stockwerke tief bis zu ihrem Boden ab, wo eine Vielzahl von Baggern, Kränen, Stapel von Stahlarmierungen und weiteres Baumaterial herumstand. Mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk heraus schleuderte er das erste Schild über den Zaun und hinab, wo es zielsicher laut scheppernd in einem leeren Schuttcontainer landete. Noch bevor sich die fünf Zuschauer dieses unerwarteten Geschehens von ihrer Verblüffung erholt hatten, warf er die zweite Blechtafel genauso lässig hinterher. Nach ihrem Flug von etwa einhundert Fuß landete auch sie exakt in dem Container. In kurzer Zeit würden sie von der nächsten Ladung Bauschutt verborgen werden und unauffindbar auf einer Aushubdeponie verschwinden.
Einer der Jungen murmelte beeindruckt: „Mann, den sollten wir in unserer Basketballmannschaft haben.“
Der Älteste der Gruppe zischte ihm zu: „Spinnst du? Ein Weißbrot doch nicht!“
Einer rief laut: „He, Mann, du hast gerade deine Nummernschilder weggeworfen!“
Alle anderen sahen ihn daraufhin an wie einen ausgemachten Idioten.
CSM 108-1 ging blitzschnell etliche alternative Antworten durch und erwiderte dann ungerührt: „Du merkst auch alles.“
„Warum hast du das getan?“ Die anderen Jungen bedeuteten ihm mit Gesten und Grimassen, seinen Mund zu halten, um sie nicht noch mehr zu blamieren.
„Ich brauche sie nicht mehr“, gab er daraufhin wahrheitsgemäß zu.
Nun baute sich der Älteste drohend vor ihm auf. Er war knapp einen Kopf größer als CSM 108-1 und sah mit drohender Haltung zu ihm hinunter. „Wohl geklaut, die Karre, was?“
„Nein, ich brauche den Wagen nicht mehr. Gestern habe ich ihn gekauft, um damit hierher zu fahren, und jetzt bin ich in New York. Ein Automobil ist in dieser Stadt ineffizient.“ Er hob die Schultern in einer gespielten Geste der Resignation; in Wahrheit hatte er aufgrund der Mimik, Gestik und Tonfrequenz seines Gegenübers die Tendenz zu hoher Gewaltbereitschaft ermittelt und befand sich in ständiger interner Alarmbereitschaft, um nötigenfalls in Verteidigungsstellung gehen zu können.
„Total durchgeknallt, der Typ. Bestimmt hasst er Rush-Hours“, meinte einer der Jüngeren leise und fragte dann: „Was machst du denn mit der Karre, wenn du sie nicht mehr brauchst?“
Er wägte einen Augenblick alle Optionen ab und sah einen nach dem anderen abschätzend an.
„Ich lasse sie hier stehen. Wollt ihr sie haben? Wenn ihr sie von hier wegbringen wollt, nehmt sie und macht damit, was ihr wollt. Wie entscheidet ihr euch?“ Er hielt die Zündschlüssel hoch, während er mit dem anderen Arm seine Sporttasche aufnahm und sich ohne große Hast über die Schulter hängte.
Nun sah ihn der Größte misstrauisch an. „Du willst uns wohl verscheißern, Mann? Keiner gibt einfach so seine Karre her. Und keiner verscheißert uns, klar?“
Mit einem scharfen Schnappen sprang ein Butterfly-Messer auf, das er plötzlich in der Hand hielt. CSM 108-1 berechnete daraufhin seinen nächsten Schachzug, beinahe neugierig, ob die Reaktion seines Gegenübers seiner Erwartung entsprechen würde.
„Ihr könnt euch die Schlüssel auch aus der Grube holen, wenn ihr Schwierigkeiten machen wollt.“ Er schwang den Bund mit den Autoschlüsseln hin und her und machte Anstalten, ihn hinter den Maschendrahtzaun zu werfen.
„Halt, halt, sachte, Kumpel, nur nichts übereilen. Wir nehmen deine Karre sehr gern, okay?“ Drei der Jüngeren drängten sich an dem vermeintlichen Anführer vorbei, wobei sie ihm wütende Blicke ob seines aufschneiderischen Benehmens zuwarfen.
Der Erste schnappte sich den Bund, lief dank- und grußlos zum Chevrolet und klemmte sich hinters Steuer. Die anderen beiden der Gruppe, die den Wagen angenommen hatte, waren auch schon bei den Türen und schwangen sich auf den Beifahrersitz und in den Fond. Nur der offenbar leicht Schwachsinnige und der Anführer standen noch bei ihm und musterten ihn. Dabei breitete sich langsam ein fieses Grinsen auf dem Gesicht des Letzteren aus, als ihm augenscheinlich gerade eine Idee kam, die er für ausgesprochen gut zu halten schien.
„So, wie wär’s, wenn du mir noch deine Brieftasche dazuschenkst? Für die Wagenwäsche und Spritgeld, weißt du?“ Er hielt ihm das Messer wieder unter die Nase. Hinter ihm versperrte ihm der Bauzaun jegliche Rückzugsmöglichkeit.
Ohne die geringste Gemütsregung packte CSM 108-1 die Waffe an der Klinge, riss sie dem großen Schwarzen aus der Hand und warf sie in hohem Bogen über seine Schulter nach hinten über den Zaun. „Wir wollen doch nicht übertreiben, oder?“
Seine Worte wurden unterstrichen vom metallischen Klappern des Messers, das offenbar ebenso wie die Schilder zuvor genau in den Container gefallen war. Der Unterkiefer des Anführers sackte hinab, dann überwand er sein ungläubiges Staunen und ließ den Selbsterhaltungstrieb die Oberhand gewinnen.
Indem er zum Auto lief, brüllte er: „Los, startet den verdammten Motor! Nichts wie weg hier! Der Typ ist total durchgedreht!“
Die beiden sprangen in die weit aufgerissenen Fondtüren, als der Wagen mit quietschenden Reifen anfuhr. CSM 108-1 sah ihnen hinterher, wie sie mit Vollgas über die nächste Kreuzung schossen, an deren Querstraße gerade ein Polizeiwagen vor einem Donutstand parkte. Die Beamten ließen sofort fluchend ihre Gebäckstücke und heißen Kaffeebecher fallen und sprangen in ihren Wagen, um mit heulenden Sirenen und Blaulicht die Verfolgung der rücksichtslosen Verkehrsrowdies ohne Kennzeichen aufzunehmen.
Er hoffte nur, die Burschen würden nicht so schnell aufgegriffen werden. Bestimmt würden sie die Geschichte erzählen, wie sie zu ihrem neuen Automobil gekommen waren, und eine Beschreibung von ihm liefern. Die Ordnungshüter würden sich vielleicht über die Geschichte wundern, sie aber nicht glauben. Sogar wenn sie dem Hinweis nachgehen und in der Grube die Nummernschilder sowie das Butterfly-Messer finden würden, führte das noch lange nicht zu ihm. Sie würden höchstens denken, dass die Jungen selbst die Zulassungszeichen entfernt und in dem Abfallcontainer hatten verschwinden lassen.
Sie würden höchstens verwundert sein, falls sie die kanadischen Kennzeichen überprüfen und feststellen würden, dass sie sich nicht zurückverfolgen lassen können würden und der Wagen wirklich erst seit einem Tag zugelassen war. Aber ihn ging das jetzt nichts mehr an, er befand sich in einem Ballungsraum mit etwa 12 Millionen Einwohnern. Hier gab es viele seltsame Individuen, nicht wenige mit Verhaltensstörungen in den vielfältigsten Formen und Schweregraden. Die meisten Leute auf der Straße kümmerten sich nicht um ihre Mitmenschen, er ging völlig in der Menge unter.
Hier würde er seine Verhaltensstudien mit wesentlich höherem Tempo fortführen können, ohne in irgendeiner Weise auffällig zu werden.
In seinem Sichtfeld wurde ein Plan des Viertels abgebildet, auf dem der Weg zum nächsten U-Bahnhof mit einer hellen Linie hervorgehoben war. Er schulterte seine Tasche und machte sich in gemütlichem Tempo auf.
Über die Baugrube hinweg hatte er einen relativ ungehinderten Blick nach Süden, wo er im etwas tiefergelegenen Manhattan das Empire State Building, das Chrysler Building und in der Ferne verschwommen das World Trade Center neben vielen anderen Hochhäusern herausragen sah. Die Lage des Central Parks konnte man gut anhand der gewaltigen Lücke zwischen all den Gebäuden ausmachen. Das würde für die nächsten Wochen oder auch Monate – den genauen Zeitraum seines Verweilens hier musste er noch extrapolieren, sobald er genügend Daten dafür angesammelt hatte –, sein Verweilraum sein, bis er den Schritt des Transfers nach Europa in Betracht ziehen konnte.
Eine dicke alte Dame von dunkler Hautfarbe mit einem grauen Haardutt, einer feingliedrigen Nickelbrille und einem sehr schlichten, rotweiß gepunkteten Kleid kam des Wegs, einen kleinen Pinscher an der Leine führend. Der Vierbeiner schnüffelte intensiv am Wegesrand entlang nach Spuren von Artgenossen, bis er in die Nähe von CSM 108-1 kam. Als dieser ihn passierte, bewusst ohne hinzusehen, hob der Hund seinen Kopf mit der flachen Schnauze und den kleinen Kulleraugen und knurrte ein wenig; sein primitiver Verstand war außerstande, das einzuordnen, was da gerade an ihm vorbeigegangen war.
Er knurrte nur kurz, leise und unauffällig, bevor er sich wieder den weitaus interessanteren Witterungen vor sich am Saum des Bauzauns widmete. Nicht einmal seine Besitzerin hatte etwas von dem Vorfall bemerkt.
Und wieder eine Hürde überwunden. Skynets Entwicklung war bisher in jeder Hinsicht ein voller Erfolg gewesen. Hochzufrieden schritt CSM 108-1 in Richtung U-Bahnhof Jackson Avenue aus, wo er die Linie 2 Richtung Innenstadt nahm. Als die Bahn neben der 145th Street Bridge den Harlem River überquerte, dort wo er westlich seiner Einmündung in den East River zu seiner vollen Breite anschwoll, beschäftigte er sich bereits mit der Frage der Quartiersbeschaffung. Er hatte es dem Zufall überlassen wollen, ob zuerst eine Bahn der Linie 2 oder 5 kommen würde. Es war die 2 gewesen, die westlich des Central Parks verlief, im Gegensatz zum östlichen Verlauf der 5, sodass er sich jetzt zuerst einmal in der Westside umsehen würde. Er hatte auch schon eine gewisse Vorstellung von dem, was er suchte.
Seine Parameter waren eng umrissen, hätte man sagen können.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Montag, 27. November 2006
T1.1.7 : Freiburg im Breisgau
[...Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 17. Dezember 2029

General Mahtobu wartete auf die Antwort von John Connor. Er hatte einen langen Funkbericht aufgesetzt, alles so zusammengefasst, wie er es im Sinn behalten hatte, und alle möglichen Konsequenzen aufgezählt, die ihre weitere Vorgehensweise haben mochte.
Jetzt wartete er.
Draußen würde es bald dunkel werden. Früher hatten sie sich nur bei Nacht halbwegs sicher im Freien bewegen können. Seit sie Skynet besiegt hatten, waren zwar noch immer vereinzelt fliegende Waffenplattformen, sogenannte J-Ks, oder die fahrende Version davon, die wie ein Raupenpanzer mit aufgesetztem zweistöckigen Geschützturm anmutete, unterwegs, aber im Großen und Ganzen konnten sie sich wieder bei Tageslicht an die Erdoberfläche wagen.
Der ‘Wunderknabe’, der hochbegabte Informatiker-Sergeant also, kam herein in die provisorische Funkkabine und sah seinen Vorgesetzten erwartungsvoll an. „General, wir haben einen Teil der Informationen entschlüsseln können, die der Hauptrechner über den mutmaßlichen Erfinder des ZVA-Effektes gespeichert hatte.“
„Dann lassen Sie mal hören.“ Die Müdigkeit in der Stimme des älteren Mannes war unverkennbar.
„Danke, Sir. Jetzt ist uns auch klar geworden, warum Skynet unbedingt raumverschobene Zeitsprünge hatte durchführen wollen. Der potentielle Erfinder ist nämlich gar kein Amerikaner.“
„Na und? Was wundert Sie daran, Serge? Die USA sind nicht der Nabel der Welt und waren es auch damals nicht.“ Mit heimlicher Genugtuung beobachtete der Afrikaner, wie sich die Mundwinkel des jungen Soldaten, dem Akzent nach vernehmlich aus Texas stammend, senkten.
„Ja, Sir, verzeihen Sie bitte.“
„Schon gut“, beschwichtigte Mahtobu daraufhin, „woher kommt er denn nun? Aus Japan?“
„Nein, Sir, aus Zentraleuropa. Der Scout selbst konnte ihn natürlich nicht identifizieren, da er den primären Auftrag hatte, sich an das Leben in dem betreffenden Gebiet zu gewöhnen und unauffällig zu bleiben. Skynet hatte jedoch aufgrund seiner Aufzeichnungen über den Entdecker ein Gebiet eingegrenzt, in dem sich eine Stadt mit etwa 200.000 Einwohnern befand. Er hatte eine hohe Wahrscheinlichkeit berechnet, dass der Erfinder sich in dieser Stadt aufgehalten hat. Es gab dort eine höhere Lehranstalt, genannt Universität, die praktische Forschungsmöglichkeiten auf den Gebieten, die in Frage kommen, für junge Studenten in seinem vermuteten Alter geboten haben.“
„Hört sich vielversprechend an. Und wie heißt diese Stadt?“
„Freiburg, Sir, gelegen in Deutschland, etwa vierzig Meilen nördlich der schweizerischen und zwanzig östlich der französischen Grenze.“
Mahtobu rieb sich nachdenklich seinen grauen Kinnbart. „Hm, ich habe noch nie etwas von diesem Ort gehört; zweifellos wurde er am Tag des Jüngsten Gerichtes eingeäschert. Wenn wir wirklich jemanden dorthin entsenden wollen, haben wir ein ernstes Problem.“
„Wieso das, Sir?“, fragte der Sergeant neugierig.
„Nun, weil wir dann jemanden brauchen, der eine tote Sprache sprechen können oder lernen muss, um nicht allzu sehr aufzufallen. Ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass es seit über dreißig Jahren niemanden mehr gibt, der Deutsch sprechen kann?“
Der Informatiker runzelte die Stirn. „Deutsch ... nein, das ist mir entgangen ...“
„Tja, nicht die ganze Welt sprach damals Spanisch, Englisch, Chinesisch oder Arabisch. Es gab viele Gebiete auf der Erde, wo der Großteil der Bevölkerung eine eigene regional begrenzte Sprache benutzte. Glücklicherweise gab es vor etlichen Jahrzehnten einen schlimmen Krieg, den Deutschland praktisch gegen den Rest der Welt führte und verlor, daran erinnere ich mich noch. Die Amerikaner haben ihr Land besetzt und ihnen ihre eigene Kultur und Sprache aufgezwungen. Meines Wissens müsste ein nicht geringer Anteil der damaligen Bevölkerung der englischen Sprache mächtig gewesen sein. Können Sie das rauskriegen?“ Mahtobu wies auf einen Zugangs-Port in der Wand, wo der Sergeant sein tragbares Terminal anschließen konnte, was er auch sogleich mit einem Nicken tat.
Nach nur wenigen Sekunden Rechenzeit präsentierte er die ersten Ergebnisse: „Tatsächlich war ein großer Teil vor allem der jüngeren Generation auf die amerikanische Lebensweise eingeschworen und lernte in der Schule Englisch. Ich glaube allerdings nicht so recht, dass es reichen wird, jemanden zu entsenden, der nur Englisch sprechen kann. Wir ...“
Mahtobu unterbrach seinen Untergebenen, indem er wütend mit der Faust gegen die Wand schlug, was ein dröhnendes Hallen erzeugte. „Deutsch! Warum nicht gleich Suaheli? Kein Mensch auf der Welt spricht heute noch diese Sprache. Und einen umprogrammierten Terminator können wir keinesfalls mit dieser Mission beauftragen. Wir können nicht riskieren, noch mehr Zukunftstechnologie in der Vergangenheit zu verbreiten.“
Inzwischen tippte der Sergeant übereifrig auf seiner Tastatur, bis sich sein Gesicht mit einem Mal erhellte. „Sir, ich glaube, ich habe so etwas wie ein Schlupfloch gefunden, das uns aus unserer Misere helfen könnte.
Die USA sind im Laufe der letzten Jahrhunderte stets als Einwandererland bekannt gewesen und geschätzt worden. Ich habe hier die Information, dass zum Zeitpunkt des Jüngsten Gerichtes 63 Millionen US-Amerikaner direkte oder indirekte Nachkommen von Deutschen waren. Es muss demnach viele Familien gegeben haben, in denen das kulturelle Erbe gewahrt und Deutsch gesprochen wurde. Viele davon waren Siedler in den bevölkerungsarmen Westgebieten der USA, die nicht direkt von Nuklearschlägen betroffen waren. Ich denke, wir sollten eine Umfrage in Gang setzen, um herauszufinden, wie viele Leute noch Deutsch sprechen können. Vielleicht ist jemand darunter, den wir mit der Mission betrauen können.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr, Sergeant.“ Geistig erschöpft lehnte sich Mahtobu wieder gegen die Wand und verfluchte die Maschinen einmal mehr, diesmal dafür, dass sie nie sitzen mussten und folglich keine Stühle hier waren.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 24. November 2006
T1.1.6 : The Running man
[... Fortsetzung des Buches]

Montréal, Provinz Québec, Kanada 1. Februar 1985

CSM 108-1 saß in einem schäbigen Sessel in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, gelegen in einem der weniger feinen Quartiere der Millionenstadt. Die Jalousien waren herabgelassen und schützten ihn vor dem grellen Sonnenlicht. Er blätterte in einer anglokanadischen Tageszeitung und sah nebenher fern; es bereitete ihm keine Probleme, den Wirtschaftsbericht und das Footballspiel gleichzeitig aufzunehmen und zu verarbeiten.
Das Konzept des Fernsehens hatte ihm beim ersten Mal etwas Mühe gemacht, bis er herausgefunden hatte, dass er die Bildauflösung seiner optischen Sensoren nur ein wenig reduzieren musste, um auf dem Bildschirm nicht nur eine Vielzahl farbiger Pixel, sondern ein ganzes Bild zu erkennen, das aus diesen Pixeln zusammengefügt war. Die Trägheit des menschlichen Auges stellte für ihn ein weitaus größeres Problem dar, denn dieses wurde technisch mit nur fünfzig Einzelbildern pro Sekunde für den normalen Zuschauer überwunden, er hingegen ‘sah’ eine wechselnde Folge von abgehackten Einzelaufnahmen. Daher musste er immer zwischen zwei der einzelnen gesendeten Bildern mittels einer Wahrscheinlichkeitsentwicklung neun in seinem Prozessor erzeugte, annähernd gleich aussehende Zwischenbilder, fast wie in einem digitalen Daumenkino, einfügen, damit sich auch für seine Computerwahrnehmung ein bewegter Ablauf der Bilder ergab. Auf diese Weise sah er zwar wegen der Rechenarbeit um eine Zehntelsekunde zeitlich versetzt, was auf dem Bildschirm ablief, konnte jedoch bei einem Footballmatch trotzdem der erste sein, der bei einem Touchdown jubelte.
Im Laufe der Monate hatte CSM 108-1 sogar schon so etwas wie ein Gefühl für Langeweile entwickelt: den Eindruck von Monotonie, die zu unterbrechen eine Notwendigkeit für viele Menschen darstellte. Für seinen maschinellen Teil spielte Zeit keinerlei Rolle, sie war lediglich ein messbarer Faktor innerhalb seiner Missionsparameter. Das einzige Datum, das ihn etwas anging, war der Ausbruch des Nuklearkriegs; zu diesem Zeitpunkt musste er in der Höhle sein, wo sie ihn erwarten und abholen würden. Und er würde sich deaktivieren müssen, wenn seine Elektronik keinen Schaden durch die elektromagnetischen Impulse der detonierenden Kernwaffen erleiden sollte. Bis dahin würde noch ein gutes Jahrzehnt vergehen – für den Cyborg war das ein ganzes Leben.
Allerdings erachtete er es für notwendig, eine Darstellung von menschlichen Wesenszügen zu entwickeln, da ihm das bei seiner Mission von Nutzen sein konnte. Wenn man sich ständig in der gleichen Umgebung aufhielt und immer den gleichen Reizen ausgesetzt war, ohne gravierende Abwechslung, entwickelte die menschliche Psyche den Drang, etwas Neues zu unternehmen und neue Erfahrungen zu sammeln, um dem gewohnten Einerlei neue Impulse hinzuzufügen.
Ja, dachte er, es wurde vielleicht Zeit für etwas Abwechslung.
Ein lautes Pochen an seiner Zimmertür ließ seinen Kopf hochfahren. Rasch berechnete er die Wahrscheinlichkeiten, wer an der Tür sein konnte, und kam auch sofort zu einem Schluss. So viele Möglichkeiten gab es schließlich nicht.
Als seine Vermieterin mit ihrer penetrant hohen und kreischenden Stimme auf Französisch losbrüllte, war er bereits zur Tür getreten und hatte ein Geldbündel in der Hand. „He, Compton, machen Sie auf. Ich habe Ihnen schon zweimal gesagt, dass die Monatsmiete allerspätestens an jedem Ersten fällig ist.“
Blitzschnell kombinierte er zwei Fakten aus dem ihm bei seinem Einzug vorgelegten Mietvertrag und einem Artikel aus dem Wirtschaftsteil der soeben gelesenen Zeitung. Zur geschlossenen Tür hin rief er, während er die Scheine unter der Türschwelle hindurchschob: „Ihre Aussage ist nicht korrekt, Madame Bouvier. Ich habe erst am Ersten zu bezahlen, nicht früher. Mein Geld arbeitet so auf meinem Konto für mich, nicht auf Ihrem für Sie.“
Er hatte lediglich eine Information an Sie geben wollen, hatte aber nicht mit diesem Tobsuchtsanfall gerechnet, obschon er am Tonfall ihrer Stimme ein gefährlich hohes Aggressionspotential registriert hatte. „Was für eine bodenlose Unverschämtheit! Machen Sie gefälligst die Tür auf! Und stecken Sie das Geld wenigstens in einem Briefumschlag ins Postfach, anstatt es in den Dreck zu werfen.“
Er hielt einen Sekundenbruchteil inne und verarbeitete die neue Information. „Danke für diesen Ratschlag. Ich werde die Miete künftig so überreichen, wie Sie es wünschen.“
Die Tür öffnete er nicht.
Kaum war seine griesgrämige Hausherrin abgezogen, da öffnete er seine Zimmertür leise. In der Zeit, in der Madame Bouvier vor seinem Raum noch lautstark Dampf abgelassen hatte, hatte er ungerührt seine gesamte Kleidung in eine billige, aber sehr geräumige schwarze Sporttasche gepackt. Alles, was er sonst im Laufe der letzten Monate an belanglosen Dingen erstanden hatte, ließ er einfach zurück. Einerseits hatte er seine Persönlichkeit noch nicht so weit entwickelt, dass er etwas von dem Kram vermissen würde, und außerdem würde es bei dem Verwischen seiner Spuren helfen, wenn er alles hier ließe und sich an seinem nächsten Standort von Grund auf neu einrichten würde.
Vielleicht entwickelte er sogar eine Spur von Abneigung gegen die Art seiner Vermieterin. Da sie ihre Miete hatte, würden theoretisch etwa vier Wochen vergehen, bevor es ihr überhaupt auffallen würde, dass er nicht mehr da war. Und er hatte bei ihrem Profil die Chance, dass sie ihn bei irgendeiner Behörde als vermisst melden würde, auf nur 5,2 Prozent berechnet. Vielmehr würde sie seine Habe in einen Müllsack packen, wegwerfen und das Zimmer umgehend neu vermieten. Die Wahrscheinlichkeit für diese Option lag bei immerhin 89,1 Prozent und würde nach dieser Diskussion eben sicher noch gestiegen sein.
Natürlich war CSM 108-1 oft unter die Leute gegangen, doch nur für kurze Zeit zum Beobachten des geschäftigen Großstadtlebens von Montréal. Beinahe bei jeder Interaktion mit anderen Individuen hatte er eine Unsicherheit und unterschwellige Abneigung ihm gegenüber an den Reaktionen der Kontaktpersonen erkennen können. Hauptsächlich führte er das auf seinen Mangel an Erfahrung zurück, was erfolgreiche unauffällige Kommunikation mit Menschen anging, aber auch auf die Lebensweise und Einstellung der Menschen hier. Er hatte sich selbstverständlich in kürzester Zeit perfekt sowohl den französischen als auch den englischen Dialekt angeeignet, wie er in dieser Region Québecs üblich war. Wobei er bei letzterem eine erhebliche Abweichung zu dem feststellen musste, was im Rest der Welt als Englisch angesehen wurde. Doch trotzdem wurde er noch immer als Fremder behandelt.
Ein strategischer Standortwechsel schien ihm angebracht, da er sich einerseits auf seine eigentliche Aufgabe vorbereiten wollte und andererseits dafür einiges brauchte, was man für genügend Bargeld leichter woanders als in Kanada bekommen würde. Und drittens würde er sich nach den Daten, die er gesammelt hatte, an seinem neuen Zwischenstopp praktisch überall unbemerkt bewegen können.
Er ging seine Datenbanken durch und entschied sich für seinen Transfer zum Kauf eines der unauffälligsten und am weitesten verbreiteten Automobile auf dem nordamerikanischen Automarkt, eines Chevrolet Celebrity Sedan. Für eine einmalige Fahrt von weniger als 400 Meilen erachtete er diesen als ausreichend. Dank der Technologie seiner Kreditkarte konnte er unbegrenzte Summen ausgeben, deren Buchungen augenblicklich nach Tätigung der Bezahlung aus dem System entfernt würden.
Außerdem würde er sich mit der unzulänglichen Technik des amerikanischen Automobilbaus nicht lange abgeben müssen. Wenn er erst einmal in dem Land war, in dem das Auto erfunden worden war und einige der besten Fahrzeuge der Welt gebaut wurden, konnte er sich in aller Ruhe ein Gefährt auswählen, das seinen Ansprüchen an Technik, Zuverlässigkeit und Praktikabilität genügte.

[Fortsetzung folgt ...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 23. November 2006
T1.1.5 : KAPITEL2 - Eine kurze Geschichte der Zeit
[... Fortsetzung des Buches]

- 2 -

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA, 17. Dezember 2029

Nachdem sie eine Ebene tiefer gestiegen waren, kamen sie als erstes zu dem weitläufigen Raum, in dessen Boden in regelmäßigen Abständen runde, gut metergroße Löcher eingelassen waren, angefüllt mit einer penetrant riechenden, dunkelgelben und viskosen Flüssigkeit. Das war das künstliche, von Maschinen erzeugte Fruchtwasser, in dem das synthetische Fleisch nach einem in langen Jahren ersonnenen komplizierten Prozess über die Roboterskelette wuchs. Es war feucht und warm im Raum, unzählige Schläuche führten von der Decke des Raumes herab in die Bottiche und versorgten die Brut des Bösen darin mit diversen Flüssigkeiten mechanischer und biologischer Herkunft.
„Das reicht mir fürs Erste“, meinte der Afrikaner und verließ die Inkubationskammer wieder. Kaum war er draußen, sah er sich um. Etwas Ablenkung wäre jetzt nicht schlecht.
Die nächste Tür war dick isoliert und hoch, stand jedoch weit geöffnet und offenbarte durch die austretende Kälte aus der großen Kammer dahinter ihren Zweck. Zögernd sah Mahtobu hinein und erblickte genau das, was er vorzufinden gefürchtet hatte. Mehrere Dutzend fertige Terminatoren, wie Schlachtvieh an großen Halterungen unter der Hallendecke reihenweise aufgehängt und bereit für ihren Auftrag, wie immer der auch lauten mochte.
Mahtobu hatte das schon mehrere Male in den letzten Monaten gesehen, doch etwas machte ihn dieses Mal stutzig. Als ihm aufging, was die Lagereinrichtung hier von den bisherigen dieser Art unterschied, schnappte er verblüfft nach Luft.
„Die sehen ja alle unterschiedlich aus!“
„Das stimmt leider, Sir. Bei den 800ern fanden wir stets größere Serien mit identischem Aussehen, doch hier hat jeder eine individuelle Tarnung. Wenn diese Burschen in Serie gegangen wären, hätten wir ziemlich alt ausgesehen, würde ich sagen.“ Der Ingenieur klopfte einer jungen Chinesin mit kräftiger, aber nicht auffallend fülliger Statur, die mit geschlossenen Augen vor ihm hing, auf den Oberschenkel, zog aber gleich darauf seine Hand wieder zurück.
Eiskalt.
Im Hinausgehen bemerkte der Guerillageneral mit steinerner Miene: „Lassen Sie unverzüglich eine Bestandsaufnahme davon machen, wie viele dieser Monster schon produziert wurden und ob bereits welche auf die Menschheit losgelassen wurden.“
Angesichts der Lage war dieses geflügelte Wort auf dramatische Weise wörtlich zu nehmen, schoss es ihm durch den Kopf, als er hinzufügte: „Und wenn ja, wie viele. Das hat oberste Priorität. Diese Scheiß-Maschine führt schließlich Buch über jede einzelne Schraube in dem Laden hier, da wird es ja wohl kein Kunststück sein, das herauszubekommen, oder?“
„Jawohl, Sir. Bin schon dabei.“ Eiligst trat der Soldat weg und kam dem Befehl nach.
Vor dem Nebenraum stand ein gemeiner Soldat Wache und salutierte, als er den sich nähernden General entdeckte. „Sir, ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich diese Station wirklich ansehen wollen. Ein Ärzteteam seziert gerade einen der neuen T-880er, um mehr über sein Innenleben zu erfahren. Eine ziemliche Sauerei da drinnen.“
„Na toll.“ Der Techniker an Mahtobus Seite wandte sich wieder ab, doch als er die Kühlhalle für die neuen Terminatoren erreicht hatte, kam einer der Ärzte aus dem Sezierzimmer hinaus. Er hatte die Ärmel noch hochgekrempelt und wohl gerade erst die Untersuchungshandschuhe aus Latex abgestreift. Während der Techniker sich eiligst verdrückte, um wieder seiner Arbeit nachzugehen, wandte sich der Befehlshaber an den Mediziner.
„Wie sieht’s aus, Captain?“, fragte Mahtobu widerwillig, aber doch interessiert.
„Es ist fast angsteinflössend, was an diesem Modell geleistet wurde. Die 800er Serie war bereits ziemlich lebensecht, aber diese neue Reihe wurde ganz offenbar mit dem Ziel entwickelt, Spione für eine lange Zeit auf Infiltrationsmissionen zu schicken.
Das Modell 880 besitzt sogar innere Organe in extrem verkleinertem Maßstab, da sein Organismus ja allein zum Stoffwechsel der Zellen dient; die Bewegungsarbeit übernimmt komplett der mechanische Mechanismus, sodass keine Kalorien dafür aufgewendet werden müssen. Er könnte jedenfalls Nahrung aufnehmen, um seine Zellregenerierung in Schwung zu halten. Der ersten Genanalyse nach ist die hier verwandte DNA zu über 80 % stark menschenähnlich. Ich habe keine Ahnung, wie lange sich solch ein Cyborg unerkannt unter Menschen aufhalten könnte.“
„Na prima, endlich mal eine gute Nachricht“, meinte Mahtobu sarkastisch. „Was kommt noch alles?“
Der Informatiker-Sergeant betrat die Lagerhalle und verzog angewidert das Gesicht, bevor er sich Mahtobu zuwandte. „Wir haben es herausgefunden, Sir. Der Terminator wurde im WRITE-Modus ins Jahr 1984 geschickt und dazu programmiert, einfach als normaler Mensch im näheren räumlichen Umfeld des Entdeckers des ZVA-Effektes zu leben und so eine perfekte Tarnung zu entwickeln. Dann sollte er rechtzeitig vor dem Nuklearkrieg einen sicheren Unterschlupf in einer Höhle hier im Gebirge aufsuchen. Die ganze nähere Umgebung war extra abgesucht worden, um einen Ort zu finden, wo seit dem Holocaust niemand mehr gewesen war und der Scout platziert werden konnte.
Im Versteck sollte der Scout auf Stand-By-Modus gehen und so den nuklearen Winter und die Zeit bis zu seiner Bergung überstehen. Er hatte Weisung, nach dem Datum des Atomkrieges, wann immer es seine Mission nicht gefährden würde, jeden Menschen zu töten, also jeden, der sich seinem Versteck nähern oder es entdecken könnte.
Und offenbar hat es geklappt. Dieser Terminator hat 13 Jahre unter Menschen gelebt und im WRITE-Modus ein so komplexes Verhalten entwickelt, dass man ihn ohne weiteres garantiert nicht enttarnen kann, schon gar nicht, wenn man nichts von der Existenz dieser Cyborgs ahnt wie die Menschen vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes. Der Zentralrechner der Anlage hat den Scout erwartungsgemäß in der Höhle vorgefunden und erfolgreich geborgen. So hat er das Problem gelöst, die benötigten Informationen aus der Vergangenheit unbeschadet in die Gegenwart zu retten.
Anschließend hat der paranoide Bastard den Speicherinhalt des Prozessors kopiert und diese Kopie in einen zweiten Cyborg mit völlig anderem Aussehen eingesetzt. Und da das entwickelte Tarnungsprogramm so effektiv ist, hat er sicherheitshalber diesen Prozessor im READ ONLY-Modus belassen, um keine unkalkulierbaren Risiken einzugehen. Wahrscheinlich hat er Angst vor der eigenen Courage bekommen, nachdem die Sache mit dem Scout-Terminator so reibungslos funktioniert hat. Einer der letzten Programmbefehle, die dieser Rechner ausgeführt hat, bevor wir hier eingedrungen sind, war die Löschung aller ‘persönlichen’ Daten über den zweiten eingesetzten Cyborg.
Tja, und dieser zweite uns unbekannte Terminator ist in die Vergangenheit gereist mit dem Auftrag, den Entdecker zu identifizieren und mit allen Mitteln vor einem möglichen Angriff von uns zu schützen, bis er seine Entdeckung gemacht und dokumentiert hat.“
„Schön und gut, aber wir haben nicht vor, den Entdecker zu eliminieren, wie ich Ihnen bereits erklärt habe. John Connors Existenz wäre dann ebenfalls ausgelöscht.“ Mahtobu wirkte unsicher beim Anblick des Gesichtes seines Untergebenen. „Was ist denn, Mann?“
„Es besteht die Möglichkeit, den Krieg zu verhindern, wenn wir ihn doch eliminieren.“
„Wie bitte? Das müssen Sie mir erklären.“ Ungläubig fixierte er den Sergeant.
„In Skynets Datenbanken sind US-Militäraufzeichnungen über den Fund von Terminator-technologie auf einem Air Force-Stützpunkt aus dem Jahre 1991. Bevor Skynet seine Versuche mit Zeitreisen in dieser Anlage begonnen hat, gab es diese Aufzeichnungen nicht. Ich selbst war dabei, als wir die Anlagen in Los Angeles auseinander genommen hatten; dort war nichts darüber verzeichnet.
Aber jetzt ... naja, jedenfalls war es einer dieser Tests, Zeitsprünge auch an einen bestimmten Punkt hin durchzuführen. Auch der Scout-Terminator wurde übrigens räumlich versetzt in die Vergangenheit geschickt. Dadurch, dass er seinen Materialisierungsort exakt ermittelt und die Koordinaten in unsere Gegenwart mitgenommen hat, besitzt Skynet durch ihn einen weiteren Datensatz über die Raumverschiebung bei Zeitsprüngen. So kann er durch Triangulation der Daten sein Verfahren zur örtlichen Verschiebung eines Objektes beim Zeitsprung nahezu perfektionieren.
Einer der anderen Terminatoren landete bei diesen Tests auf einem Flugfeld der amerikanischen Luftwaffe im Boden verschüttet. Nachdem er sich befreit hatte, massakrierte er eine komplette Wachmannschaft der Marines, bevor die ihn zerstören konnten. Als sie merkten, was sie da vor sich hatten, wurde wie damals üblich alles streng unter Verschluss gehalten. Der Prozessor des alten T-800 diente dabei als technische Vorlage für Skynet. So einfach kann das sein, Sir.
Für uns heißt das, wenn wir die Erfindung des ZVA-Effektes verhindern, wird Skynet ungeachtet seiner bisherigen Versuche nie Technologie in die Vergangenheit schicken können und somit nie existieren. Ergo wird der Atomkrieg nicht stattfinden. Stimmen Sie mir zu?“
„Absolut. Ich werde persönlich General Connor Meldung darüber machen ...“ Mahtobu hielt inne. Ihm wurde plötzlich etwas klar, was ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Oh Gott, John Connor! Wir können das nicht tun!“
Der Sergeant dachte angestrengt nach. „Sie meinen, wir können nicht den Krieg verhindern, ohne gleichzeitig General Connor aus der Zeitlinie zu entfernen?“
Mahtobu schüttelte mit dem Kopf. „Da kennen Sie John aber schlecht! Er wird keine Sekunde zögern, seine eigene Existenz zu opfern, wenn das bedeuten könnte ... ich muss sofort Verbindung mit ihm aufnehmen.“
Nachdem der General sich entfernt hatte, sah der Feldarzt den Informatiker an. „Ich glaube nicht, dass ich jemals vollständig dahinterkommen werde, wie das mit diesen Zeitreisen funktionieren soll. Ist im Grunde doch nur theoretisches Geschwätz. Was glauben Sie, was wirklich geschehen würde, jetzt in diesem Augenblick, wenn wir jemanden zurückschicken, der tatsächlich den geistigen Vater der Zeitmaschine tötet? Dass wir mir nichts, dir nichts in einer Welt wären, in der das Jüngste Gericht nie stattgefunden hat? Dass sich jeder daran erinnern könnte, aber es faktisch nicht passiert ist? Das ist doch Irrsinn.“
„Ja, schon, vielleicht merken wir gar nichts davon, oder wir hören auf, hier zu existieren, und leben ein ganz normales Leben in einer völlig anderen Existenz in einer intakten Welt ... wer weiß das schon? Nicht mal unser supergescheiter Freund Skynet hatte den vollen Durchblick.“
Der Arzt nickte nachdenklich. „Da könnten Sie recht haben, Serge. Wieso sollte er jetzt noch jemanden zum Schutz des Erfinders dieser Zeitreisetheorie entsenden wollen, um seine Existenz zu retten, wenn wir ihn ohnehin schon zerstört haben? Wenn er sowieso dran glauben muss, sollte es ihm doch egal sein, wenn eine Realität geschaffen würde, in der er nie gebaut wurde. Spielt doch dann keine Rolle mehr.“
„Tja, Doc, Maschinen denken nicht so. Sie sind nicht dazu programmiert, sich zu ergeben, wenn der Feind einen strategischen Vorteil hat und in der Übermacht ist. Skynet reicht vielleicht schon die Möglichkeit, irgendeine andere Zeitlinie geschaffen zu haben, in der er weiter funktioniert, auch wenn das hier und jetzt nicht mehr drin ist, weil wir schon den Stecker gezogen haben.
Diese ganzen unabhängig gesteuerten Festungsanlagen und mit ihnen jeder einzelne Terminator, der autonom operiert, werden so lange weiterkämpfen, bis wir sie zur Strecke gebracht haben. Das ist so ähnlich wie in früheren Kriegen mit Landminen. Auch Jahrzehnte nach Ende eines Konfliktes konnten Sie bei einem Waldspaziergang auf eine Mine treten. Dem dämlichen Ding ist es egal, dass der Krieg längst vorüber ist und keiner seiner Erbauer mehr lebt, es reißt Ihnen trotzdem die Beine ab. Hässliche Sache das, aber nicht zu ändern.“ Der Informatiker zuckte mit den Schultern.
„Sie haben wirklich eine erfrischende Art an sich.“ Zähneknirschend wandte sich der Feldarzt von seinem Gesprächspartner ab.
„Immer stets zu Diensten“, gab der grinsende Sergeant zurück.

[Fortsetzung folgt...]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 22. November 2006
T1.1.4 : Kleider machen Heute
[... Fortsetzung des Buches]

Joliette, Québec, Kanada, 24. Juli 1984

Es war eine recht laue Spätsommernacht am Ortsrand des netten Städtchens in der kanadischen Provinz. Ein paar kleine Supermärkte und Fast-Food-Restaurants, zu dieser späten Stunde menschenleer, befanden sich in Ufernähe des schmalen Flüsschens L’Assomption. Die Luft war schwülwarm und erfüllt vom Zirpen der Grillen; Unmengen von Glühwürmchen tummelten sich im Dickicht und auf den Rasenflächen zwischen den Gebäuden des Shoppingcenters. Träge floss das Wasser im Fluss L’Assomption dahin, trübe von einem Wärmegewitter, das Tage zuvor eine Menge Dreck und Erde in den Fluss gespült hatte. Einen Tag später würde dieses Wasser in den Sankt-Lorenz-Strom münden und sich in dessen gigantischer Wassermenge sang- und klanglos verlieren.
Die Luft begann zu knistern, Spannung entlud sich und Blitze zuckten über die Wasseroberfläche. Eine gleißende Kugel aus reiner Energie erschien drei Meter über dem glatten Wasserspiegel, mit einem scharfen Zischen und einem noch grelleren Blitz bildete sich eine menschliche Gestalt aus. Kaum war sie materialisiert, obsiegten die Gesetze der Physik über den Körper, der aus dem Nichts erschienen war.
Mit einem dumpfen Klatschen fiel er in den Fluss und versank.
Nachdem sich die Wellen des Eintauchens geglättet hatten, zeugte nichts mehr von dem seltsamen Ereignis, abgesehen von einem schwachen Ozongestank. Still und verlassen lag der L’Assomption da, als wäre nichts geschehen.
Im Eingangsbereich des nächstgelegenen Supermarktes tauchte ein Gesicht auf. Der Nachtwächter hatte gerade seine Runde gemacht, als er geglaubt hatte, draußen etwas gehört zu haben. Das Lichtphänomen hatte er nicht sehen können, da das Kaufhaus innen erhellt war.
Der alte Wachmann spähte hinaus, konnte aber nichts sehen. Er strich sich nachdenklich über seinen ergrauten Schnurrbart, tat die Angelegenheit mit einem Achselzucken ab und wandte sich von den Glasschiebetüren des Eingangsbereichs ab, um zurück in das weitläufige Innere des Einkaufsmarktes zu gehen.
Fünf Sekunden später tauchte der Kopf des untergegangenen Mannes in Ufernähe auf. In Imitation eines menschlichen Reflexes keuchte er auf und schnappte nach Luft. Dann stieg er geduckt aus dem Wasser, mit gleichmäßigen Bewegungen sich umsehend. Auf dem fast leeren Parkplatz herrschte Dunkelheit, doch der hell erleuchtete Eingang des Supermarktes erregte sogleich sein Interesse. Er erspähte im Inneren ein breites Warenangebot an Haushaltsgütern, Lebensmitteln und Kleidung, was ihn zum ersten Punkt seines Programms brachte.
Denn er war tropfnass und splitterfasernackt. Was seinen Informationen nach unerwünschte Aufmerksamkeit erzeugen konnte, sollte jemand ihn sehen.
Sein phänomenal komplexes Elektronengehirn begann bereits erste Querverbindungen herzustellen und zu lernen, während er über den gepflegten Rasen bis zum Eingang schritt. Er vermied es bewusst, über den noch warmen Teer des Parkplatzes zu gehen, damit seine nassen Füße keine Abdrücke hinterließen, die bis zu ihrem Trocknen Spuren seiner Anwesenheit ergeben würden. Er trat von der Seite her zur Hausecke des Einkaufsgebäudes und sprang mit einem kleinen, federnden Hüpfer auf eine geriffelte Fußmatte direkt vor den Schiebetüren.
Langsam und methodisch glitt sein Blick am dünnen und fragil wirkenden Rahmen der Türen entlang, zur Öffnungsmechanik oben und zurück zum Boden. Nach einem Sekundenbruchteil hatte er sich entschieden: Er schob die Fingerspitzen beider Hände in Brusthöhe zwischen die Gummiwülste, die zwischen den beiden Glastürhälften den Eingang abdichteten. Ganz langsam und mit genau kontrolliertem Krafteinsatz schob er die Türen auseinander, bis der Spalt groß genug war, dass er sich durch ihn hindurchschieben konnte. Anschließend schob er die Hälften wieder zusammen, aber nur soweit, dass noch ein Spalt für seine Finger offenblieb.
Das Eindringen hatte keinerlei Geräusch verursacht.
Am anderen Ende hörte man den Nachtwächter mit laut hallenden Schritten durch den leeren Markt patrouillieren. Leicht geduckt, sodass sein Kopf unterhalb der beinahe mannshohen Regale blieb, ging er zum ersten erreichbaren Ständer, an dem eine Anzahl Sommerkleider hing. Schnell nahm er eines davon vom Kleiderhaken, trocknete seine Füße damit ab und benutzte es anschließend, um die nassen Flecken, welche er auf den weißen Fliesen verursacht hatte, aufzuwischen. Nichts mehr wies jetzt unmittelbar auf seine Anwesenheit hin.
Der nackte Mann ging zwei Reihen weiter, griff wahllos ein Frotteehandtuch aus einem Regal und trocknete sich mit methodischen Bewegungen vollständig ab; das kurzgeschorene braune Haar rubbelte er oberflächlich trocken, bevor er Kleid und Handtuch unter einen Wühltisch mit einer bunten Vielfalt an kleinen Küchenhelfern warf, wo sie den direkten Blicken von vorbeigehenden Leuten entzogen waren. Anschließend streifte er sich ein graumeliertes T-Shirt der Größe L über, wählte einen schwarzen Slip, eine blaue Jeans und Basketball-Turnschuhe. Seinen Datenbänken nach war das statistisch alles unauffällige zeitgenössische Kleidung, weitverbreitet und farblich sowie von der Häufigkeit der verkauften Artikel her oft anzutreffende Stücke.
Anzuprobieren brauchte er sie nicht; mit der computererzeugten Tiefenwahrnehmung seiner visuellen Sensoren vermaß er die Kleidungsstücke, sodass alles, was er aussuchte, auf Anhieb passte.
Schlussendlich streifte er eine schwarze, dünn wattierte Weste aus Viskose mit vielen Taschen auf der Innen- und Außenseite über. Das war fürs Erste ausreichend, entschied er beim Gehen.
Ein leises Summen erregte seine Aufmerksamkeit, worauf sein Kopf sich langsam nach oben wandte. In der oberen Ecke des Raumes hing eine klobige, weiß gestrichene Über-wachungskamera und deckte mit gelegentlichen Schwenkbewegungen den gesamten Eingangsbereich bis hin zur Kassenzeile ab. Nachdem sich der junge Mann dieses Problems bewusst geworden war, wog er kurz etwa einhundertzehn Optionen ab und entschied sich dann für eine, die ihm nicht gerade als erste Wahl erschien, aber am leichtesten durchzuführen war und am wenigsten Zeit in Anspruch nehmen würde.
Von einer ausgestellten Auto-HiFi-Anlage nahm er zwei große Lautsprecher ab, demontierte die starken Magneten mit wenigen kundigen Handgriffen und ging damit zur Kamera. Er streckte sich hoch und legte sie nacheinander an das Gehäuse an, wo sie mit einem kaum hörbaren Klacken am Blechgehäuse haften blieben. Direkt an der Seite hinter dem Metall der Außenhülle befand sich das Magnetband, welches das Kamerabild aufzeichnete. Die Konstruktion dieses Gerätes war zu dieser Zeit noch so rudimentär und das dafür verwendete Chromdioxidband von solch minderwertiger Qualität, dass die großen Magneten der HiFi-Boxen damit leichtes Spiel haben würden. Bis jemand die Manipulation bemerken würde, würde das Band schon längst so stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein, dass nichts von Bedeutung mehr auf dem Film erkennbar sein würde.
Als er die Schiebetüren von außen wieder schloss, kam der alte Wachmann gerade aus dem nächsten Quergang wieder in den Eingangsbereich, einen Sekundenbruchteil bevor der lautlose Dieb um die nächste Ecke verschwunden war.
Verwundert erstarrte der Wächter und sah zu dem Eingang hin, wo sich jetzt nichts mehr rührte. Nach einem weiteren Augenblick des Zögerns tat er seine flüchtige Wahrnehmung als Einbildung infolge von Übermüdung ab und begann seinen weitläufigen Rundgang aufs Neue. In dieser Nacht würde wohl nichts mehr passieren.



Draußen hatte der Terminator gerade das Stoffverdeck des uralten Plymouth-Convertibles abgerissen, die Fahrertür von innen geöffnet und sich hinters Steuer gesetzt. Seine Bezeichnung war CSM 108-1, denn er war das allererste Modell seiner Reihe, trug seinen ‘Namen’ jedoch keineswegs mit Stolz, dazu war er nicht fähig. Noch nicht.
Er riss mit einer schnellen Bewegung die Verkleidung über dem Zündschloss ab und schloss den Wagen mit einer gelassen wirkenden Routine kurz, als ob er das jeden Tag machen würde. Nach kurzem Orgeln des Anlassers sprang der großvolumige V-Motor an, worauf er am Lenkradwählhebel der Automatik den Gang einlegte und ohne Licht davonfuhr. Nicht einmal das hatte genug Lärm erzeugt, um die Aufmerksamkeit des Nachtwächters zu erregen. Er würde nach Dienstschluss leider zu Fuß in die Stadt laufen müssen, wenn er sich nicht anders zu behelfen wusste.
In der Stadt bog er auf die Staatsstraße 31 ein, die nach mehreren Meilen auf die Fernverkehrsachse 40 führte, die Montréal mit Québec verband. Mitten in der Nacht war wenig Verkehr, sodass er in einer Viertelstunde die 28 Meilen nach Montréal zurückgelegt hatte. Unbehelligt fuhr er in die Großstadt, folgte dem Verlauf des Highway 40 bis zum internationalen Flughafen Dorval und ließ den Wagen auf dem Parkplatz für Kurzzeitparker stehen. Für die Polizei würde es so aussehen, als ob ein paar Jugendliche mit dem Auto eine Spritztour in die Stadt gemacht hätten.
Er betrat die Abfertigungshalle, in der zu dieser Zeit immer noch reger Betrieb herrschte, und erblickte zum ersten Mal, seit er in dieser Epoche war, eine genau gehende Uhr. Daraufhin ging er zu einem Kiosk und warf einen raschen Blick auf das Datum, welches kleingedruckt auf dem oberen Rand der USA today in einem Ständer zu lesen war. Danach glich er seinen inneren Chronometer ab und wusste nun auch, dass er im richtigen Zeitalter angekommen war.
Er suchte die Herrentoilette auf. Bei dem, was er jetzt vorhatte, war ihm glücklicherweise keinerlei Ekelgefühl im Weg. Mit regungsloser Miene schloss er sich in einer Kabine ein.
Zwei Minuten später kam CSM 108-1 wieder heraus und hielt ein kleines rechteckiges Stück grün bedruckten Kunststoffes in der Hand. In der Kabine hatte er es notdürftig mit Toilettenpapier gesäubert; jetzt ging er daran, die Kreditkarte mit Wasser und Seife vollends sauberzuwaschen. Da er lediglich auf einer Aufklärungsmission war und man Waffen ohnehin nicht mit durchs Zeitfeld nehmen konnte, hatte Skynet ihm das Zweitnützlichste mitgegeben, was man in dieser Epoche brauchen konnte.
American Express stand auf der Karte und, in leicht erhabenen Lettern, David S. Compton.
Hiermit würde er sich zunächst Bargeld in der landesüblichen Währung besorgen, dann eine Unterkunft sowie einen gefälschten Ausweis. Zunächst würde er in aller Abgeschiedenheit beobachten, fernsehen, Zeitungen lesen, Radio hören, kurz: sich eine Weile vorbereiten, Informationen sammeln, um die immensen Daten zu ergänzen, die Skynet ihm mitgegeben hatte, sich hier zurechtzufinden.
Sobald er es für sicher hielt, konnte er sich dann an die Reise wagen, um das Zielgebiet aufzusuchen, in dem der Erfinder des ZVA-Effektes vermutet wurde. Das würde der schwierigere Teil werden.

[Fortsetzung folgt...]

... link (0 Kommentare)   ... comment